Perry Rhodan 1900: Thoregon - Robert Feldhoff - E-Book

Perry Rhodan 1900: Thoregon E-Book

Robert Feldhoff

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Beschreibung

Perry Rhodans Bestimmung - und ein neuer Weg für die Menschheit Gegen Ende des Jahres 1289 Neuer Galaktischer Zeitrechnung - entspricht dem Jahr 4876 christlicher Zeit - kristallisiert sich immer stärker heraus, dass Perry Rhodan und die Menschheit erneut in gefährliche Aktivitäten kosmischer Mächte verwickelt werden. Eine dieser Mächte ist die Koalition Thoregon, die sich für Frieden einsetzt und von einem bislang unbekannten Gegner bedroht wird. Dieser Gegner bedient sich eines Handlangers, der sich Shabazza nennt. Ihm haben die Terraner die verheerenden Ereignisse der letzten Zeit zu "verdanken". Shabazza regte die Invasion der Tolkander an, die in der Milchstraße 52 Planeten entvölkerten und Milliarden von intelligenten Wesen töteten. Und er sorgte ebenfalls dafür, dass die Heliotischen Bollwerke explodierten, Menschen von der Erde in andere Galaxien geschleudert wurden und im Gegenzug die barbarischen Dscherro die Hauptstadt Terrania angriffen. In anderen Galaxien, die zu Thoregon gehören, wurde Shabazza ebenfalls aktiv. Seine Manipulationen brachten Krieg und Verwüstung über die Heimat der Galornen, der von ihm geschickte Chaosmacher bedrohte das System der Nonggo, und das Volk der Baolin-Nda wurde durch Todesimpulse nahezu ausgelöscht. Perry Rhodan, der Zugang zur mysteriösen Brücke in die Unendlichkeit erhalten hatte, wurde fast zufällig in diesen Konflikt hineingezogen. Gleichzeitig aber scheint der Terraner mehr mit den Ereignissen zu tun haben, als er im Voraus ahnen konnte. Aus diesem Grund stießen Perry Rhodan und seine Begleiter in den sogenannten Deltaraum vor - und dort erhofft er sich Antwort auf viele Fragen zu THOREGON …

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Nr. 1900

Thoregon

Perry Rhodans Bestimmung – und ein neuer Weg für die Menschheit

von Robert Feldhoff

Gegen Ende des Jahres 1289 Neuer Galaktischer Zeitrechnung – entspricht dem Jahr 4876 christlicher Zeit – kristallisiert sich immer stärker heraus, dass Perry Rhodan und die Menschheit erneut in gefährliche Aktivitäten kosmischer Mächte verwickelt werden. Eine dieser Mächte ist die Koalition Thoregon, die sich für Frieden einsetzt und von einem bislang unbekannten Gegner bedroht wird.

Dieser Gegner bedient sich eines Handlangers, der sich Shabazza nennt. Ihm haben die Terraner die verheerenden Ereignisse der letzten Zeit zu »verdanken«. Shabazza regte die Invasion der Tolkander an, die in der Milchstraße 52 Planeten entvölkerten und Milliarden von intelligenten Wesen töteten. Und er sorgte ebenfalls dafür, dass die Heliotischen Bollwerke explodierten, Menschen von der Erde in andere Galaxien geschleudert wurden und im Gegenzug die barbarischen Dscherro die Hauptstadt Terrania angriffen.

In anderen Galaxien, die zu Thoregon gehören, wurde Shabazza ebenfalls aktiv. Seine Manipulationen brachten Krieg und Verwüstung über die Heimat der Galornen, der von ihm geschickte Chaosmacher bedrohte das System der Nonggo, und das Volk der Baolin-Nda wurde durch Todesimpulse nahezu ausgelöscht.

Perry Rhodan, der Zugang zur mysteriösen Brücke in die Unendlichkeit erhalten hatte, wurde fast zufällig in diesen Konflikt hineingezogen. Gleichzeitig aber scheint der Terraner mehr mit den Ereignissen zu tun haben, als er im Voraus ahnen konnte.

Aus diesem Grund stießen Perry Rhodan und seine Begleiter in den sogenannten Deltaraum vor – und dort erhofft er sich Antwort auf viele Fragen zu THOREGON ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner erfährt mehr über die Koalition Thoregon.

Der Heliote – Ein Wesen aus Licht enthüllt uralte Geheimnisse.

Autrach – Der Hochtechniker der Baolin-Nda erkennt die Wahrheit.

Temperou – Das Gewissen der Baolin-Nda beeinflusst die Geschichte.

Cairol

1.

Terraner (1)

Ein Kennzeichen des Menschen ist, stets nach Höherem zu streben. Dem Menschen fehlt die Fähigkeit, bescheiden zu sein – so heißt es.

Das 13. Jahrhundert NGZ geht jedoch in die Geschichte ein als das Jahrhundert, in dem der Mensch aufhörte, nach oben zu schauen. Eine Weiterentwicklung im kosmologischen Sinn schien der Menschheit nicht mehr erstrebenswert.

Statt vorauszublicken, schauten die Terraner seitwärts. Den Soziologen gilt dies als eine der wohl wichtigsten Leistungen seit dem Aufbruch ins Weltall.

(Aus: »Hoschpians unautorisierte Chronik des 13. Jahrhunderts NGZ«; Kapitel 1.1.1. Einleitung)

»... tu's bitte nicht, Perry!«

»So nimm doch Vernunft an! Wir geben dir wenigstens einen Kampfroboter mit!«

»Du begehst einen tödlichen Fehler, wenn ...«

»Ein Witz! Will er vielleicht nur einen Witz machen?«

Der hochgewachsene, charismatische Terraner, der ohne eine Regung vor den Hologrammen stand, nahm von den aufgeregten Stimmen keine Notiz.

Er war in der Lage, Wichtiges und Unwichtiges voneinander zu trennen. Die Stimmen waren zweifellos unwichtig. Statt dessen nahm er mit all seinen Sinnen einen bedeutsamen Vorgang in sich auf.

Perry Rhodan blickte auf ein rätselhaftes Objekt, das vor ihm durch den Weltraum trieb. Es war ein sogenannter Pilzdom. Bei seinem Anblick fühlte sich Rhodan an eine riesenhaft vergrößerte Patronenhülse erinnert, obwohl die Ähnlichkeit aufgrund der schmalen Pilzkrempe nur entfernt bestand.

Der Dom fungierte als Zugangstor zur Brücke in die Unendlichkeit. Über die Brücke konnte man in kürzester Zeit mindestens zwanzig verschiedene Orte im Universum erreichen: die wichtigsten Zentren der Koalition Thoregon, jedes einzelne durch Millionen Lichtjahre vom anderen getrennt. Die Brücke in die Unendlichkeit stellte eines der Herzstücke von Thoregon dar.

Wie es zu erklären war, hätte er im Nachhinein nicht sagen können, doch er war sicher, dass der Pilzdom nach ihm rief.

»Es wird dich vielleicht das Leben kosten!«

»... du weißt doch nicht mal, ob ...«

»Dieser Terraner ist ja nicht mehr Herr seiner selbst!«

Rhodan begann, seinen blauen Raumanzug überzustreifen. Das Kleidungsstück, dem auf geheimnisvolle Weise eine eigene Persönlichkeit innewohnte, schmiegte sich wie angegossen an seinen Körper. Es war der mächtigste Anzug, den er jemals besessen hatte; ein Geschenk aus einer fernen Galaxis, vom uralten Volk der Galornen. Rhodan wusste, dass er ihn niemals für unrechte Zwecke verwenden durfte. Das hätte der Anzug nicht zugelassen.

»Du bist ein verdammter Starrkopf, Perry!«

»... ich bin nicht mal sicher, ob er uns noch zuhört ...«

Das obere Drittel des Doms pulsierte in einem intensiven silbernen Licht. Perry Rhodan fühlte, dass das Phänomen mit seiner Anwesenheit in Zusammenhang stand.

Der Ruf in seinem Innersten war so laut, dass er nicht mehr weghören konnte.

Mit hölzern wirkenden Bewegungen verließ er die Zentrale. Er schenkte den Worten, die ihm zugeflüstert wurden, keine Beachtung. Hände griffen nach ihm, doch er schüttelte sie ohne Mühe ab. Was seine Begleiter ihm mitteilten, drang nicht mehr bis zu Rhodan durch. Durch die Korridore des Raumschiffs KAURRANG bewegte er sich zum Heck.

Niemand folgte ihm. Seine Freunde wussten genau, dass sie ihn nicht festhalten konnten, solange er den blauen Anzug trug. Er trat in die Schleuse und wartete, bis die Atemluft aus der Kammer abgepumpt war. Dann erst öffnete er die Schotten, die nach draußen führten.

Rhodan trieb in den freien Raum hinaus. Mit dem Anzugtriebwerk beschleunigte er auf fünfzig Stundenkilometer.

Für ihn existierte nur noch der Pilzdom, wenige hundert Meter entfernt, die Antwort auf alle Fragen.

Eine verzweifelte Suche lag hinter ihm – auf den Spuren der Koalition, die eine unbekannte Zahl von Galaxien umspannte und deren Schicksal nun auch die Menschheit in einen Strudel zog. Vor ihm lag eine Möglichkeit, den Hintergrund einer Flut von Ereignissen aufzudecken. Er würde die Chance in jedem Fall nutzen.

Seine Augen brannten, so intensiv war das silberne Licht. Dennoch starrte er in den Mittelpunkt, direkt auf die Stelle, an der die Helligkeit am größten schien.

Rhodan bremste den Anzug ab. Er nahm eine Position relativer Bewegungslosigkeit ein.

Mit unnatürlicher Schärfe im Blick sah er eine kugelförmige Kontur aus dem Pilzdom dringen. Die Kugel war anscheinend nicht besonders groß. Sie strahlte dasselbe silberne Licht aus wie der Pilzdom.

Als sich das Objekt vollständig aus der Wandung gelöst hatte, hörte der Dom zu pulsieren auf.

Statt dessen driftete das nur einen Meter durchmessende Objekt auf Perry Rhodan zu. Die Schwerelosigkeit und das Vakuum machten ihm offensichtlich nicht das geringste aus.

Der Terraner spürte, dass die Kugel lebte.

Sie war sehr viel mehr als nur ein Lichtball. Ihre Anwesenheit erfüllte das All mit einem Zauber. Niemals vorher hatte Perry Rhodan so etwas wahrgenommen, obwohl er mehr erlebt hatte als jeder andere Mensch.

Er wusste, dass es sich um einen Helioten handelte, einen jener mysteriösen Gesandten von Thoregon, die kaum ein Wesen jemals mit eigenen Augen gesehen hatte. Er selbst hatte bisher nur von ihnen gehört.

Immer näher rückte die Kugel. Wenige Sekunden später schrumpfte der Abstand auf Null. Perry Rhodan streckte die Hände aus, und seine Fingerspitzen drangen in das Leuchten ein.

Einen Moment lang grübelte er nach, wie der Vorgang für seine Freunde im Raumschiff KAURRANG aussehen mochte. Er hoffte, dass sie jetzt nicht die Nerven verloren.

»Du ... bist ... Perry Rhodan!« Er hörte die Worte in seinem Kopf, als mentale Stimme von beeindruckender Wucht. »Ich wurde geschickt, um dich zu suchen.«

Nur noch ich und der Heliote, überlegte Rhodan. Die Natur der Kugel war friedlich. Im moralischen Sinn fühlte er sich dem silbernen, scheinbar körperlosen Wesen unterlegen. Das Gefühl war nicht sehr angenehm.

»Du wurdest geschickt?«, hörte Rhodan sich fragen. Seine Stimme klang im Inneren des blauen Anzuges dumpf. »Wer hat dich geschickt? Und aus welchem Grund?«

»In dieser Region des Universums vertrete ich den Rat von Thoregon«, antwortete der Heliote. »Es ist meine Aufgabe, bestimmte Weichen zu stellen. Deine Person ist hinter dem Proto-Tor durchaus bekannt. Für den Rat bist du ein wichtiges Lebewesen, ein beachtlicher Faktor im Überlebenskampf der Koalition.«

Die Antwort war nicht sehr präzise. Rhodan glaubte jedoch, dass der Heliote gekommen war, um ihn in einer noch unbekannten Form für Thoregon zu rekrutieren.

Trotz der positiven Gefühle, die der Heliote verströmte, bewahrte der Terraner sein Misstrauen. Er war nicht sicher, was nun geschehen sollte.

»Ich habe viele Fragen zu stellen«, formulierte Rhodan. »Und ich habe Forderungen an dich. Ich wünschte, du wärest früher aufgetaucht. Wir hätten uns viel Ärger erspart.«

Die silberne Kugel gab zurück: »Diese Dinge kannst du nicht beurteilen, Perry Rhodan. Helioten werden oft Hunderte von Jahren nicht tätig. Dann kommen sie aus dem Proto-Tor hervor, sie gehen über die Brücke in die Unendlichkeit und ernennen einen neuen Boten von Thoregon. Heute ist so ein Tag. Thoregon befindet sich in großer Gefahr. Es ist nicht die Zeit für Vorwürfe.«

»Wen willst du zu einem neuen Boten ernennen?«, fragte Rhodan, obwohl er die Antwort bereits zu kennen glaubte.

Stille.

»Thoregon – was bedeutet das? Was verbirgt sich hinter dem Rat von Thoregon? Wer sind die Ratsmitglieder?«

Keine Antwort.

Nach einer Weile sagte der Heliote jedoch: »Ich werde diese Fragen nicht gleich beantworten, Perry Rhodan. Statt dessen biete ich dir etwas anderes. Ich gewähre dir einen Einblick in die Geschichte der Koalition. Genauer gesagt, ich werde dir etwas über die Entstehung von Thoregon erzählen.

Meine Geschichte beginnt mit einem Gewissen. Du glaubst vielleicht, dass ein Gewissen im kosmischen Zusammenhang keine Rolle spielen sollte, aber dieses hier spielte eine.

Vor hunderttausend Jahren ... Perry Rhodan, hör mir zu!«

2.

Heliotische Geschichten (1)

Countdown: minus 100.000 Jahre

Sonnentage waren auf dem Planeten Onzhous nicht sehr häufig. Insofern konnte es als glückliche Fügung gelten, dass der Hochtechniker der Baolin-Nda an einem Sonnentag starb.

Autrach erfuhr am Abend desselben Tages, dass er der neue Hochtechniker seines Volkes sein würde.

Sein Schloss befand sich am Fuß eines Hügels, wenige Kilometer außerhalb der Stadt. Artgenossen aus der Technostadt kamen selten hierher. Noch hatte er mit keinem Baolin-Nda ein Wort gewechselt, seit der Hochtechniker gestorben war. Für Autrach hatte das den Vorteil, dass er in Ruhe überlegen konnte.

Er blickte in den tiefroten, strahlenden Ball der untergehenden Sonne. Hochtechniker der Baolin-Nda. In diesem Teil des Universums, mindestens in der Galaxis Norgan-Tur, bedeutete der Titel eine große Verantwortung.

»Du wirst keine andere Wahl haben«, erinnerte ihn sein Gehilfe, ein Roboter namens Diener-17. »Du kannst den Letzten Willen des Toten nicht ignorieren.«

Lautlos hatte er sich der Veranda genähert. Diener-17 war der einzige, der Autrachs Einsamkeit im Schloss am Hang teilte. Seine sechzehn Vorgänger hatte Autrach als fehlerhaft erkannt und demontiert, nur nicht Diener-17. Das einzige, was ihm in seiner Makellosigkeit zu fehlen schien, war eine Seele. Aber eine Seele konnten ihm sämtliche Hochtechniker aller Zeiten nicht geben.

»Du hast recht«, bekundete Autrach nach einer Weile, »das weiß ich wohl. Aber ich wünschte ... Ach, ich will diese Verantwortung nicht haben!«

Er wusste, dass er sein Leben nun ändern musste. In Zukunft würde er nur noch für sein Volk und für die Mächte der Ordnung leben.

Als die Dämmerung den Strahlenkranz der Korona verschluckt hatte, akzeptierte Autrach die Wahl. In der Nacht bestieg er seinen Gleiter. Der Abschied fiel ihm schwer. Er hatte nicht mehr das Recht, ein Einsiedler zu sein, sondern musste seinem Volk nahe sein. Das war nur möglich, indem er mit den anderen in der Technostadt wohnte.

Auf der Veranda sah er Diener-17 stehen. Der Roboter diente ihm als Symbol einer kleinen, perfekten Maschinenwelt, die er hinter sich zurückließ.

Dann löste er den Selbstvernichtungsmechanismus aus. Er wollte nicht, dass sein Schloss für Jahrtausende leer stand und verfiel.

Autrach winkte dem sterbenden Roboter mit einem wehmütigen Gefühl zu. Aus den Fundamenten brach ein Vulkan, der zunächst die unteren Stockwerke, dann auch Diener-17 und die Zinnen des Gebäudes fraß.

*

Autrach überquerte die Hügelkette, die ihn von der Technostadt trennte, und steuerte über die schwebenden Schlösser des Randbezirks hinweg. Die Stadt war ein Meer aus Silber, eine schimmernde Insel in der Dunkelheit. Einige zigtausend Flugobjekte erfüllten den Himmel. Autrach fühlte sich an einen Insektenschwarm erinnert, nur dass diese Insekten aus Metall bestanden und ihre Position mit blinkenden Dioden anzeigten.

Sein Ziel war das Zentrum. Dort liefen alle Wege zusammen.

An diesem Ort stand das einzige dunkle Gebäude der Technostadt. Es war von einem breiten Parkstreifen umgeben. Man konnte es nur durch die Luft erreichen.

Als er aus dem Fahrzeug stieg, spürte Autrach die Nähe seiner Artgenossen. Sie verbargen sich, aber sie waren da, an den Okularen ihrer Teleskope, auch wenn er sie nicht sehen konnte.

Im Inneren des Gebäudes flackerte eine primitive Beleuchtung. Er stellte seine Augenlinsen auf Nachtsicht um.

Autrach bewegte sich durch einen Korridor in die Totenhalle. Der alte Hochtechniker lag unter einer Batterie von herabgedimmten Lampen aufgebahrt.

Sein Makrokörper war unversehrt. Der Träger der Seele, wie die künstlichen Körper genannt wurden, besaß eine humanoide Form, war etwas mehr als einen Meter groß und bestand aus einem billig wirkenden Plastikmaterial. Die sehr großen, kugelrunden Augen waren geschlossen.

Mit spitzen Fingern griff Autrach an den Hals des Toten. Er öffnete eine Klappe im Plastik, die mit einem roten Kreuz markiert war.

Dahinter kam eine flache Lade zum Vorschein. Autrach zog die Lade vorsichtig heraus.

Er schaute auf eine graue Gewebemasse von einem halben Kilogramm Gewicht. Seine Duftrezeptoren nahmen einen Hauch von Verwesung wahr. Die Seele, wie man den eigentlichen Restkörper eines Baolin-Nda nannte, war in den Zerfall übergegangen. Es konnte nicht länger als einen Tag her sein.

Unwillkürlich blickte er sich im Raum um.

Die Baolin-Nda glaubten, dass ihre Geister sich nach dem Tod nicht sofort verflüchtigten, sondern eine Weile als reines Bewusstsein stabil blieben. Autrach hielt es für möglich, dass der Verstorbene als Geistwesen in der Nähe weilte.

Er blieb eine Weile schweigend vor dem aufgebahrten Körper stehen. Dann schob er die Lade in ihre Halterung zurück.

Düstere Gedanken erfüllten ihn.

Autrach wünschte sich, Thundergorn hätte ewig gelebt. Das Volk der Baolin-Nda war von diesem Ideal gar nicht so weit entfernt. Eine Million Jahre noch, so schätzte er, und sie würden die Reste ihrer Körper vollständig ablegen. Dann wären ihre Seelen körperlos.

Autrach hielt das für ein erstrebenswertes Ziel. Besser jedenfalls als die Gewebeklumpen, die sie heute waren, Stadium zwischen Körperhaftigkeit und körperlosem Dasein.

»Eine Million Jahre ...«, murmelte er. »Ich bin traurig, dass ich es nicht mehr erleben werde.«

Ein Geräusch ertönte.

Autrach zuckte nicht zusammen, weil ein Makrokörper keine Reflexe kannte. Statt dessen schaltete er seine körpereigenen Sensoren auf höchste Leistungsstärke.

Einige Sekunden lang passierte gar nichts mehr. Er konnte die Ursache des Geräusches nicht feststellen.

Kurz darauf ertönte dasselbe Geräusch ein zweites Mal, und in diesem Fall war er in der Lage, Richtung und Intensität vollkommen zweifelsfrei zu ermitteln. Autrach machte sich klar, dass der aufgebahrte Makrokörper die Quelle war.

Thundergorn!

Mit einemmal setzte sich der Verstorbene auf. Sein Oberkörper klappte hoch, bis er kerzengerade in die Höhe ragte. Im flackernden Licht warf er einen geisterhaften Schatten, bis in den hintersten Winkel der Totenhalle.

»Du bist Autrach?«, stellte der Verstorbene in einer Mischung aus Frage und gleichzeitiger Antwort fest.

»Das ist richtig«, gab Autrach zurück. Er war zu verblüfft, um eine andere Antwort als die Wahrheit zu formulieren. »Aber ... ich denke, du ...«

»Thundergorn ist natürlich tot«, antwortete der Verstorbene. »Was hier zu dir spricht, ist lediglich der Steuercomputer des Makrokörpers.«

»Ah!« Autrach fühlte die Verblüffung schwinden. Ein Baolin-Nda war jederzeit imstande, seinen Makrokörper auf bestimmte Handlungen zu programmieren. Eine solche Programmierung konnte auch nach dem Tod noch ausgeführt werden. »Die Erklärung leuchtet ein. Was hast du mir zu sagen, Computer?«

»Thundergorns Vermächtnis umfasst zwei verschiedene Teile. Der eine Teil ist öffentlich; diesen Teil habe ich bereits bekanntgegeben. In erster Linie handelt es sich dabei um die Ernennung deiner Person zum Hochtechniker. Nummer zwei darf jedoch keinesfalls an die Öffentlichkeit gelangen. – Ich frage dich deshalb, Autrach, bist du allein in der Totenhalle?«

Er bestätigte: »Ich bin allein.«

»Gut. Ich bin beauftragt, dir in Thundergorns Namen das Gewissen der Baolin-Nda zu übergeben.«

Einen Moment lang fühlte er sich überfordert.

»Ich verstehe nicht«, antwortete Autrach unschlüssig. »Das Gewissen? Was soll das sein?«

Der Steuercomputer ging nicht direkt auf die Frage ein. Statt dessen wollte er wissen: »Hast du die Körperlade bereits geöffnet?«

»Ja. Ich habe die Leiche gesehen.«

»Direkt darunter befindet sich eine Multifunktionslade.«

»Das weiß ich. Mein Makrokörper ist eine weitgehend baugleiche Ausführung.«

»Öffne diese Lade, Autrach!«

Er wusste nicht, weshalb der Steuercomputer das Wort öffnen so seltsam betonte. In ihm erwachte ein Unbehagen, gegen das er sich nicht wehren konnte. Etwas war falsch. Autrach wusste instinktiv, dass es klüger gewesen wäre, die Multifunktionslade nicht zu berühren.

»Tu es!«

»Ich werde ... Ja.«

Er drückte den Öffnungsmechanismus, und eine zweite Lade kam zum Vorschein.

Autrach starrte schockiert auf einen grauen Gewebeklumpen.

Dies war nicht die Leiche. Er hatte mit absoluter Sicherheit einen weiteren Baolin-Nda vor sich. Die Lade enthielt ganz eindeutig ein zweites Wesen – nur diesmal ein lebendiges!

»Was ist das?«, flüsterte er.

Der Steuercomputer antwortete: »Das Gewissen, von dem ich sprach.«

»Was bedeutet das, ein Gewissen?«

»Ich weiß es nicht. Thundergorn hat es mir nicht gesagt. Er hielt es für sicherer, wenn die Kenntnis niemals in die Speicher eines Computers gelangt.«