Perry Rhodan 2250: Zeuge der Zeit - Robert Feldhoff - E-Book

Perry Rhodan 2250: Zeuge der Zeit E-Book

Robert Feldhoff

0,0

Beschreibung

Der Konvent der Majestäten - Perry Rhodan sucht das Ewige Asyl In der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1332 NGZ sind Perry Rhodan und Atlan, Unsterbliche und ehemalige Ritter der Tiefe, der Befreiung des Sternenozeans von Jamondi ein Stück näher gekommen: Die " Mediale Schildwache " wurde erweckt, und dank ihrer Hilfe konnten die Ereignisse, die zur Schreckensherrschaft der Kybb führten, in Erfahrung gebracht werden. Damit ist der Krieg gegen die Kybb noch längst nicht gewonnen: Vom Grauen Autonomen weiß man, dass dazu nicht nur alle Schildwachen und das Paragonkreuz notwendig sind, sondern dass auch Zephyda zur Stellaren Majestät ernannt werden muss. Behilflich dabei ist ihr Rhodan selbst, denn er ist ein ZEUGE DER ZEIT...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Nr. 2250

Zeuge der Zeit

Der Konvent der Majestäten – Perry Rhodan sucht das Ewige Asyl

Robert Feldhoff

In der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1332 NGZ sind Perry Rhodan und Atlan, Unsterbliche und ehemalige Ritter der Tiefe, der Befreiung des Sternenozeans von Jamondi ein Stück näher gekommen: Die »Mediale Schildwache« wurde erweckt, und dank ihrer Hilfe konnten die Ereignisse, die zur Schreckensherrschaft der Kybb führten, in Erfahrung gebracht werden.

Damit ist der Krieg gegen die Kybb noch längst nicht gewonnen: Vom Grauen Autonomen weiß man, dass dazu nicht nur alle Schildwachen und das Paragonkreuz notwendig sind, sondern dass auch Zephyda zur Stellaren Majestät ernannt werden muss.

Behilflich dabei ist ihr Rhodan selbst, denn er ist ein ZEUGE DER ZEIT ...

Die Hauptpersonen des Romans

Zephyda – Die Motana von Baikhal Cain muss sich einer Wahl stellen.

Lyressea – Die Mediale Schildwache bezieht eindeutige Position.

Perry Rhodan – Der Terraner erweist sich als der Zeuge der Zeit.

Kischmeide – Die Planetare Majestät mahnt die Folgen jedes Handelns an.

Keg Dellogun

1.

»Ich war nicht immer der Terranische Resident. Ich war nicht immer ein Großadministrator oder Hansesprecher, ein Flottenkommandeur und galaktischer Diplomat oder gar unsterblich.

Meine Geschichte beginnt als Raumfahrer. In der ersten Rakete zum Mond, damals, als ich mit meiner Crew den Kreuzer der Arkoniden entdeckte.

Man erklärte mich zum Staatsfeind und zum Hochverräter. Bevor ich die Menschheit in den Weltraum führen konnte, brach ich jedes staatsbürgerliche Gesetz, das in meinem Land damals existiert hat.

Mein Name ist Perry Rhodan. Ich bin ein Zeuge der Zeit.«

Während der Alarm durch das Raumschiff SCHWERT lärmte, begann die blauhäutige Frau ihre Kleidung abzulegen. Sie knotete die Bluse auf, warf das Karthay-Leder aufs Bett, dann zog sie ihre Mokassins und die viel zu weite Hose aus. Darunter trug sie nichts.

Der Alarm war ihr egal. Ich habe Wichtigeres zu tun, sagte der Blick, den sie Perry Rhodan zuwarf.

Er und Lyressea – sie waren jetzt allein. Draußen verhallte Stiefeltrappeln.

Die ganze Zeit fixierte sie ihn aus eisgrauen Augen; ein Blick, den er mindestens mit derselben Intensität zurückgab.

Lyressea war eine Schöpfung von schwer fassbarer Perfektion. Nicht wie eine wirkliche Frau war sie geformt, sondern wie eine Göttin, allzu perfekt für einen Menschen. Sie hatte auffallend kleine Brüste, an deren Form nicht das Geringste zu bemängeln war. Dennoch wirkten sie auf Rhodan fremdartig, als wären sie schwerelos. Er musterte für eine Sekunde den Po, als sie die abgelegte Garderobe mit Akribie ordnete. Es gab an ihrem Körper kein Zeichen des Alters. Nur die Augen.

Vor sieben Millionen Jahren hatte der Orden der Schutzherren von Jamondi diesen Teil der Milchstraße beherrscht. Die Schutzherren gab es heute längst nicht mehr, wohl aber ihre Vertrauten und Helfer – die sechs Schildwachen. Eines dieser unsterblichen Wesen war Lyressea.

Rhodan und seine Mannschaft hatten sie eben erst gerettet. Dies war ihr erstes Gespräch allein.

»Ich benötige andere Kleidung«, eröffnete sie ihm. Ihre Stimme war nicht laut, doch sie klang durch den Alarm, als spräche sie auf einer reservierten Frequenz. »Das da sind Motana-Kleider. Sie sind einer Schildwache der Schutzherren nicht angemessen.«

»Wenn das alle deine Sorgen sind ...?«

»Eine Schildwache ist eine hoch gestellte Person. Man soll sehen, wer sie ist, auch wenn man sie nicht kennt. Wir sind hier beim Motana-Volk. Ich weiß, wie sie auf bestimmte Dinge reagieren.«

Rhodan musterte sie mit gerunzelter Stirn. Er hielt sich jedoch vor Augen, dass ihr Verhalten mit Eitelkeit im menschlichen Sinn nichts zu tun hatte, sondern dass sie einen Zweck verfolgte.

»An welche Art Kleidung denkst du?«

»Schwarz auf Blau, synthetischer Stoff. Das Kleid einer Schildwache soll glänzen.«

Draußen auf dem Sturmplaneten, in der Stadt Kimte, lebte niemand außer Motana. Synthetisches Material konnte er dort nicht beschaffen. Wenn es eine Quelle gab, dann nur im Schiff.

Die Werkstatt des Kreuzers SCHWERT befand sich auf Deck eins, dem Schleusendeck.

Rhodan und Lyressea traten auf den Korridor vor der Kabine, die Schildwache barfuß und nackt, die Haltung sehr bestimmt.

Jemand stellte den Alarm ab. Hoffentlich nicht voreilig.

Sein Blick fiel auf ein Hologramm, das die Szenerie außerhalb des Schiffes zeigte:

Durch den Sturm wankte eine Kontur wie ein gewaltiger fliegender Rochen zur SCHWERT herab. So als stünde jede Sekunde der Absturz bevor. Das fremde Raumschiff schüttelte sich und bockte wie mit Triebwerksschaden; obwohl es Triebwerke im technischen Sinn gar nicht besaß.

Stürzte es auf die SCHWERT, war das auch Rhodans und Lyresseas Ende. Stürzte es auf die nahe Stadt, gab es zwanzigtausend Opfer.

»Kommst du, Perry Rhodan?«, drängte sie ihn.

»Warte!«

»Ich habe nicht die ...«

»Warte!«, wies er sie an. »Ich will das sehen.«

Lyressea erstarrte, sie sprach kein Wort mehr, und Rhodan ließ keinen Blick von dem Holo.

Ihm fiel auf, dass unter dem schwankenden Schiff eine Hand voll Gestalten standen. Die Leute liefen nicht fort, sondern sie verharrten stur in dem gefährdeten Bereich. »Echophage!«, befahl er dem Bordrechner. »Vergrößern! Ich will sehen, wer das ist.«

*

Zephyda kämpfte mit glühenden Augen gegen den Sturm, sie zwinkerte immer wieder den Dreck weg, der ihr entgegenschlug, und sie wich keine Sekunde zurück.

Die Kontur, die sich aus dem Himmel senkte, war ein Bionischer Kreuzer. Die WILDWASSER, ein Gebilde von unerhörter Eleganz, selbst noch im Sturm. Siebzig Meter lang, eine Spannweite von bis zu hundertvierzig Metern.

Aktuell bestand die Flotte aus vierzig Einheiten.

Zephyda war ihre Kommandantin. Wenn man so wollte, die Oberkommandierende der Motana-Streitkräfte.

Sie hatte ihre Schiffe ausgeschickt, um von den Welten der Motana so viele Planetare Majestäten abzuholen wie möglich. Wenn genug zusammen waren, konnten sie ein Treffen abhalten. Den Konvent der Majestäten – den ersten seit vielen tausend Jahren, auf der einzigen freien Motana-Welt des Sternenozeans.

Der Konvent musste entscheiden, ob es Krieg gab oder nicht. Zephyda war für den Krieg, für den Aufstand, für die Gegenwehr. Wie man es auch nennen wollte.

»Endlich landet das erste Schiff, Atlan!«, schrie sie gegen den Sturm. Gegen die tosende Natur, die man auf Tom Karthay Orkewetter nannte.

Einen Moment tastete sie nach der Hand des Arkoniden. Atlan war ihr Partner und Liebhaber, ein Arkonide von außerhalb des Sternenozeans und Perry Rhodans Freund.

Die WILDWASSER driftete weit zur Seite ab, bis über die Stadt Kimte, der Kreuzer stellte sich senkrecht auf – und kippte dann in seinen Kurs zurück.

»Hee!«

Einen Moment schien es, als könnte das Schiff zu Boden stürzen. Aber die Epha, die den Kreuzer steuerte, neutralisierte trotz mangelnder Erfahrung immer wieder die Kraft des Sturms.

»Wenn er jetzt runterkommt«, schrie jemand, »war's das!«

»Sie schaffen das!«

Zephyda wich nicht beiseite, als der Kreuzer schlingernd, immer wieder ausbrechend nahe der SCHWERT zu Boden sank. Sie blieb stehen, weil sie Vertrauen hatte. Alle sollten das sehen.

Mit einem Donnerschlag rammten die herabgeklappten Flügelenden in den Sand.

Keine zehn Meter entfernt von Zephyda, Atlan und ihren Begleitern.

Atlan zauberte ein Grinsen aufs Gesicht, als beginne die Sache ihm Spaß zu machen; die Ruhe, die er in Gefahrensituationen an den Tag legen konnte, war unglaublich.

Mit einem mächtigen stöhnenden Geräusch, das den Lärm übertönte, klappte die Schleusenrampe der WILDWASSER nach unten.

»Komm!«

Zephyda und Atlan stiegen die Rampe hoch, fort aus dem Orkewetter. Ein Prallfeld riegelte hinter ihnen ab, um nicht unnötig Sand ins Schiff zu lassen.

Von einer Sekunde zur nächsten war Stille.

Bis ...

*

Zephydas Blick rutschte auf eine zwei Meter große, uralte Bohnenstange in Lumpenleder, am Antigravschacht zu den Oberdecks, die indigniert auf sie und Atlan starrte. Ihre Kleidung war das Merkmal einer Kräuterärztin. Hinter der Greisin wartete ein Gefolge von jungen Frauen.

»Mein Name ist Tordhene«, verkündete die Alte in nasal klingendem Jamisch. »Planetare Majestät von Rah Garonde. Und wer bist du?« Nicht dass es sie interessierte.

»Zephyda. Oberkommandierende der motanischen Streitkräfte. Ich heiße dich zum Konvent der Majestäten willkommen, geehrte Frau Tordhene.«

Die Epha-Motana und die Quellen der WILDWASSER traten in die Schleusenkammer, aus den Zentraledecks. Einige waren nass vor Schweiß; das Landemanöver hatte ihnen viel Kraft abverlangt.

Zephyda bedeutete den Raumfahrern Stille. Sie konzentrierte sich auf den hoch gestellten Gast.

Tordhenes Gesicht wirkte runzlig wie Baumrinde. Der graue Ton deutete nach Zephydas Ansicht auf eine Herzkrankheit hin. Ihre Augen aber leuchteten vital, stechend – und mit einer Arroganz, die Zephyda den Atem nahm.

»Oberkommandierende ...«, dehnte Tordhene das ungewohnte Wort. »Das klingt seltsam, junges Ding. Es wird unsere erste Aufgabe sein, dich von deinen Aufgaben zu entbinden. – Und nun halte uns nicht länger auf, ich habe mit der Majestät von Tom Karthay zu reden.«

Zephyda überlegte einen Moment, ob sie Tordhene die Stirn bieten sollte. Schließlich hörten die Epha der WILDWASSER und ihre Quellen jedes Wort; und Zephyda wollte nicht die Autorität gefährden, die sie unter den Raumfahrern besaß. Dann aber wich sie beiseite und deutete widerwillig eine Verneigung an.

Tordhene passierte sie mit einem Seitenblick von oben. Ein unangenehm muffiger Geruch ging von der Frau aus.

Die Planetare Majestät wollte Atlan mit der Hand beiseite schieben, die Rampe hinab ...

Nur blieb Atlan stehen, wo er war.

Die Greisin stieß gegen ihn – und prallte zurück, als sei sie gegen eine Wand gelaufen. Tordhene fixierte ihn gefährlich. Doch ihr Blick glitt an Atlan ab; ganz im Gegenteil, unter seinen Augen schien sie zu schrumpfen, bis ihre Selbstsicherheit platzte wie eine Blase.

»Was will dieser Mann?«, zischte sie Zephyda überrascht an. »Er soll mir aus dem Weg!«

»Er ist kein Motana. Er kommt von jenseits des Sternenozeans. Er ist ein Ritter der Tiefe.«

»Ein was?«

»Ein Ritter der Tiefe. Das entspricht in etwa einem Schutzherrn.«

Tordhene verlor endgültig die Fassung. Sie starrte den Arkoniden mit aufgerissenen Augen an. Zephyda hoffte, dass die Aufregung ihrem Herzen bekam.

»Bist du irre, Kind? Was redest du?«

»Sieh seine roten Augen und seine Haut. Er ist kein Motana! In seiner Kultur ist ein Mann einer Frau gleichwertig.«

Tordhenes Schädel neigte sich wie der Kopf eines Raubvogels zu Atlan hinab. Aber sie erzielte damit nicht den gewünschten Effekt.

»Es fehlt dir an Weisheit, Majestät«, äußerte sich Atlan kühl. »Beurteile ein Wesen nicht allein nach dem Äußeren und schon gar nicht nach dem Geschlecht.«

»Was willst du junger Kerl mir sagen!«, blaffte sie ihn an.

»Majestät«, hakte Zephyda ein, in einem sinnlosen Versuch, die Lage noch zu retten, »Atlan ist mehr als zehntausend Jahre alt. Gegen ihn sind wir die jungen Leute.«

Sie wusste, wie unglaubwürdig das klang. Aber Tordhene hörte ohnehin nicht zu. Die Majestät umrundete Atlan, ihr Gefolge aus jungen Frauen immer hinter sich; sie schritt voll verlogener Würde die Rampe hinab und ließ sich von den bereitstehenden Karthay-Motana in den Sturm führen.

Ein Windstoß blähte ihr Lumpenleder. Darunter war sie spindeldürr.

Zephyda ertappte sich bei dem Wunsch, das Orkewetter möge sie wegwehen und im Sand beerdigen; aber nichts geschah. »Das ging gründlich daneben. Sie stimmt schon mal nicht für meinen Antrag.«

Atlan reckte in einer Geste, die Zephyda als unnötig stur empfand, das Kinn nach vorn. »Das mag sein. Aber ich krieche nicht vor dieser närrischen Alten.«

»Du hättest dich zumindest bemühen können.«

»Liebste.« Atlan legte ihr eine Hand auf die Schulter, in einer Geste, die ihn wie einen Patriarchen, sie wie eine dumme Tochter scheinen ließ. »Wer sich selbst klein macht, darf nicht hoffen, dass man ihn hört.«

»Und was machst du gerade mit mir?«

»Wehre dich!«

Sie schlug ihm ungestüm die Hand weg.

Atlan grinste. »Na also. Schon besser.«

Sie zeigte ihm die Zähne und zielte spielerisch mit einem Tritt auf seine Stiefel, aber Atlan war zu schnell.

*

Die Bordwerkstatt lag unweit der Schleusenrampe Richtung Heck des Unterdecks. Aus der Wand ragte ein organisch wirkender Multifunktionsblock, der von außen nicht zu bedienen war.

»Echophage!«, sprach Rhodan zum Bordrechner des Kreuzers.

»Zu deinen Diensten«, wisperte die Stimme von überall her.

»Wir wollen einige Kleidungsstücke herstellen. Dazu brauchen wir Hilfe.«

»Welche Hilfe?«

»Zunächst benötigen wir Materialproben der Stoffe, die im Schiff verfügbar sind und für Bekleidung verwendet werden können.«

»Verfügbar aus den Lagern? Oder bleibt noch Zeit, Stoffe aus Rohmaterial zu synthetisieren?«

Bevor Rhodan antworten konnte, fiel ihm Lyressea ins Wort: »Die Zeit steht zur Verfügung.«

Echophage übernahm die Kontrolle des Blocks. In Abständen von Sekunden, manchmal Minuten spie der Rechner Proben aus – von Strukturgewebe bis Zeltbahn –, die von Lyressea allesamt verworfen wurden.

Bis im Materialschacht ein seltsamer Fetzen lag, eine Mischung aus Latex und Satin. »Das ist es!« Lyressea straffte sich in Triumph.

»Soll das Kleidungsstück am Körper anliegen?«, fragte Echophage.

»Hauteng.«

»Gibt es eine Designvorlage?«

»Nimm meine Maße und erstelle ein Holo.«

Aus dem Block stäubte ein bläuliches Licht. Es hüllte die Schildwache ein und fuhr sie ab wie ein Schichtscanner. Echophage schuf ein handgroßes, holografiertes Abbild, daneben die Projektion einer grafischen Werkzeugpalette.

Lyressea bediente die Palette sehr schnell. Dennoch benötigte sie eine Stunde für den Entwurf. Als Ergebnis standen elf seltsam geformte Stücke, denen sie die Farben Schwarz und Hellblau gab.

»Sind das konkrete Vorstellungen«, fragte Perry Rhodan sie skeptisch, »oder ist der Entwurf Zufall?«

»Ich habe solche Kleidung immer getragen. Schon bevor meine Welt unterging.«

An einem Tag, der sieben Millionen Jahre zurücklag, eine Zeitspanne, die für sie wie ein Traum verflogen war. Lyressea hatte nach dem Untergang der Schutzherren konserviert und jenseits der Zeit in ihrem »Ewigen Asyl« verbracht. Der Mann, den sie geliebt hatte, der Schutzherr Gimgon, war gestorben, aber sie, ein Geschöpf der Superintelligenz ES, war zum Leben verurteilt wie ihre Liebe zum Tod. Sieben Millionen Jahre ... erst Rhodan hatte Lyressea aus dem Exil wieder ins Leben zurückgeholt. Als erste der sechs Schildwachen.

Rhodan setzte eine Menge Hoffnung auf die Schildwachen. Der Sternenozean – oder besser: die Situation, die hier und in anderen Sternhaufen herrschte, die aus ihren Hyperkokons zurück ins Standarduniversum rutschten – stellte für die Milchstraße eine große Gefahr dar mit dem Potenzial, alles zu destabilisieren, wofür Perry Rhodan seit Jahrhunderten kämpfte. Wie groß und welcher Art genau diese Gefahr war, wusste zum gegenwärtigen Zeitpunkt niemand mit Gewissheit, wohl aber, dass sie mit der schrecklichen Zivilisation der Kybb zusammenhing.

Die Kybb hatten damals die Kultur der Schutzherren zerstört und die Schildwachen ins Exil getrieben. Um gegen die Kybb zu bestehen, mussten alle Kräfte gebündelt werden, auch die alten, die Vertriebenen im Untergrund. Was wiederum nur möglich war, wenn es neue Schutzherren gab.

Als Schutzherren der Gegenwart waren Perry Rhodan und Atlan vorgesehen.

Die Weihe eines Schutzherrn fand dann statt, wenn alle sechs Schildwachen zugegen waren – plus die mysteriöse siebente Kraft, das Paragonkreuz, ein beseelter »Splitter« von ES, wie er mittlerweile wusste.

Lyresseas Rettung stellte so gesehen nur den ersten Schritt dar. Von sieben Komponenten hatten sie gerade eine einzige.

»Sieh!«

Der Block spie einige flache, schachtelartige Objekte aus. In jedem lag eine Schicht Stoff.

Lyressea prüfte jedes Stück peinlich genau. Dann streifte sie sich das erste Teil über, ein Fetzen wie ein halbes Nachthemd. Das zweite Teil, hoch elastisch, an einigen Stellen mehrlagig, an anderen zerfranst ... Kompliziert geformte Fetzen ohne erkennbaren Stil überlagerten sich hauchdünn.

Mit der elften Lage, einer umlaufenden Bahn in zwei Farben, fügten sich die Abschnitte zu einem Ganzen.

Rhodan folgte dem Vorgang mit Verblüffung.

Er hätte es nicht geglaubt – doch das Kleid verwandelte sie in eine neue, gehobene Sorte Wesen.

»Respekt. Ich gestehe, ich bin beeindruckt.«

Der Synthetikstoff, aus dem das Kleid bestand, reflektierte seidig matt das Licht der Schleusenkammer. Die linke Seite war nachtschwarz. Die rechte Seite zeigte ein blasses Blau, etwas heller als das Blau ihrer Haut. Lyresseas Kleid war hochgeschlossen, eng und elegant, ganz anders als das praktische Leder der Motana-Frauen. Die Schultern blieben frei. Der Stoff bedeckte jedoch die Arme von Oberarm bis Handgelenk, so als trage sie verlängerte Handschuhe für einen Sternenball.

Lyressea öffnete und schloss verborgene Taschen.

»Brauchst du Schuhe?«, fragte Rhodan sie.

»Schildwachen benutzen das nicht.«

In dem Moment tönte ein Geräusch von hinten.

Sie drehten sich um und blickten auf die Schleusenrampe. Das Tosen des Sturms drang mit einem Mal herein.

»Echophage«, rief Rhodan, »das ist fürs Erste alles!«

Er und Lyressea traten aus dem Heckbereich nach vorn.

Im selben Moment schritten Atlan und Zephyda die Rampe hoch. Atlan winkte schon; Zephyda klopfte sich den dicken grauen Staub des Orkewetters von der Lederkombi – und erblickte in derselben Sekunde Lyressea.

Die Motana glotzte auf die Schildwache in ihrem Kleid wie auf eine Erscheinung.

*

»Wettervorhersage!«, meldete Echophage. »In voraussichtlich drei Minuten bildet das Sturmsystem rings um Kimte einen Windstillstand aus, der lokal begrenzt acht Minuten dauern wird!«

Rhodan und Lyressea warteten die drei Minuten unten in der SCHWERT, dann klappte die Rampe herunter und gab den Blick nach draußen frei.

Von einem Moment zum nächsten – so als werde ein gigantischer Vorhang weggezogen – wich das Zwielicht dem Leuchten der Sonne. Staub tanzte noch für Sekunden in der Luft, doch die Schwaden hatten keinen Antrieb mehr.

Sie traten schnell über die Rampe nach draußen.

Kimte, die größte Stadt des Planeten Tom Karthay, zeichnete sich durch die Schwaden ab; ein buckliger riesiger Hügel, hässlich wie ein zu drei Vierteln verrotteter Haufen Kompost. Den äußeren Ring bildeten die Kantblätter, eine Art pflanzliche Panzerschilde. Milliarden Fanghärchen fingen Nährstoffe ein, die in Orkewetter und Flautwind durch die Luft gewirbelt wurden. Entlang der Stadtgrenze bewegten sich Motana, manche schwer bepackt, andere in großer Eile; alle von einer dicken Staubschicht bedeckt.

»Wie sieht es drinnen aus?«, fragte Lyressea ihn.

»Lass dich überraschen!«

»Ich schätze Überraschungen nicht.«

Sie schritten eilig aus. Acht Minuten reichten gerade, von der SCHWERT zur Stadt zu kommen.

Die WILDWASSER nutzte die Gelegenheit zum Start. Der Bionische Kreuzer hob vom Boden ab, zuerst unsicher, dann mit steigender Geschwindigkeit, und hielt auf die orangefarbene Sonne Tom zu.

Rhodan kniff die Augen zusammen; hoch am Himmel glitzerten zwei weitere Punkte, Bionische Kreuzer auf Landekurs. Wenn alles plangemäß verlief, brachten sie weitere Majestäten für Zephydas Konvent.

Er blickte auf seine Uhr und schritt schneller aus.

Sie schafften es nicht ganz. Kurz vor einer Art Tunnel, der durch die Panzerblätter brach, überrollte sie das Orkewetter.

Rhodan fasste Lyresseas Hand. »Da vorn ist das Tor!«, schrie er gegen den Sturm.

*