Perry Rhodan 3001: Von Göttern und Gönnern - Oliver Fröhlich - E-Book
Beschreibung

Mehr als 3000 Jahre in der Zukunft: Längst haben die Menschen das Weltall erobert – sie haben die Erde und das Sonnensystem hinter sich gelassen. Auf Tausenden von Welten leben ihre Nachkommen, zahlreiche Raumschiffe reisen bis zu den entlegensten Sternen. Perry Rhodan ist der Mensch, der von Anfang an mit den Erdbewohnern ins All vorgestoßen ist. Mit immer größeren Raumschiffen hat er das Universum bereist. Zuletzt ist Perry Rhodan mit seinem Raumschiff, der RAS TSCHUBAI, zu einer langen Reise ins Unbekannte aufgebrochen. Mit an Bord sind unter anderem seine Frau Sichu und einige seiner alten Freunde, darunter der Mausbiber Gucky und der Arkonide Atlan. Die Reise führt durch Raum und Zeit. Aber Perry Rhodan und seine Gefährten schaffen schließlich den Weg zurück in die heimatliche Milchstraße. Sie erreichen eine neue Zeit: die Cairanische Epoche. Vieles ist anders geworden seit ihrem Aufbruch. Unter anderem glauben viele Menschen nicht mehr an die Erde, halten sie sogar für einen Mythos. Rhodan und seine Begleiter wollen mehr über die neue Zeit herausfinden – sie erfahren VON GÖTTERN UND GÖNNERN ...

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Nr. 3001

Von Göttern und Gönnern

In der Cairanischen Epoche – ein Volk wird zur Zielscheibe

Oliver Fröhlich

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Und was hast du verloren?

1. Die Zukunft, so nah

2. Die Heimat, so fern

3. Die Erinnerung, so unzuverlässig

4. Die Jugend, so ungeduldig

5. Das Fremde, so vertraut

6. Der Tod, so süß

7. Der Verzagte, so tapfer

8. Die Planung, so unbeständig

9. Der Feind, so gnadenlos

Leserkontaktseite

Fanszene

Impressum

Mehr als 3000 Jahre in der Zukunft: Längst haben die Menschen das Weltall erobert – sie haben die Erde und das Sonnensystem hinter sich gelassen. Auf Tausenden von Welten leben ihre Nachkommen, zahlreiche Raumschiffe reisen bis zu den entlegensten Sternen.

Perry Rhodan ist der Mensch, der von Anfang an mit den Erdbewohnern ins All vorgestoßen ist. Mit immer größeren Raumschiffen hat er das Universum bereist.

Zuletzt ist Perry Rhodan mit seinem Raumschiff, der RAS TSCHUBAI, zu einer langen Reise ins Unbekannte aufgebrochen. Mit an Bord sind unter anderem seine Frau Sichu und einige seiner alten Freunde, darunter der Mausbiber Gucky und der Arkonide Atlan.

Die Reise führt durch Raum und Zeit. Aber Perry Rhodan und seine Gefährten schaffen schließlich den Weg zurück in die heimatliche Milchstraße.

Sie erreichen eine neue Zeit: die Cairanische Epoche. Vieles ist anders geworden seit ihrem Aufbruch. Unter anderem glauben viele Menschen nicht mehr an die Erde, halten sie sogar für einen Mythos. Rhodan und seine Begleiter wollen mehr über die neue Zeit herausfinden – sie erfahren VON GÖTTERN UND GÖNNERN ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner findet erste Antworten.

Osmund Solemani – Der Xenotechnik-Analyst findet einen Göttergarten.

Farye Sepheroa – Rhodans Enkelin findet Vertrautes im Fremden.

Ologbon

Und was hast du verloren?

Fast fünfhundert Jahre. Was für eine lange Zeit für jemanden, der keinen Zellaktivator trägt. Wir haben beinahe zwanzig Generationen übersprungen. Zwanzig! Hast du Kinder, Osmund? Nein? Schade, sonst könnte jeder Terraner, dem du begegnest, dein Urururur-und-so-weiter-Enkel sein. Verrückt, oder?

Aber da du so konkret nach mir fragst: Damals, bei der Ausbildung zur Kosmopsychologin, lernte ich einen jungen Kerl kennen. Er hieß Phylax Minotir. Er war Oxtorner wie ich, einer der wenigen in meinem Jahrgang. Wir wurden kein Paar oder so etwas, aber wir verstanden uns ausgezeichnet. Ich dachte in den vergangenen Jahren oft an ihn, benannte sogar meinen Okrill nach ihm.

Leider verloren wir uns aus den Augen. Unterschiedliche Einsatzgebiete in entgegengesetzten Ecken der Galaxis. Du kennst das vermutlich selbst.

Wie oft habe ich mich gefragt, wie es ihm ergangen, was aus ihm geworden ist.

Vor unserem letzten Einsatz schwor ich mir: Falls wir überleben, reiche ich Urlaub ein und besuche ihn.

Tja.

Wir haben fünfhundert Jahre übersprungen.

Wir haben überlebt.

Er nicht.

1.

Die Zukunft, so nah

BJO BREISKOLL

10. September 2045 NGZ

Wie alt bin ich eigentlich?, fragte sich Oberleutnant Osmund Solemani, während er im Besprechungsraum saß und mit einigen Teammitgliedern auf Perry Rhodan wartete. Wonach bemisst sich das? Nach der Differenz aus aktuellem Datum und Geburtstag? Oder nach der Zahl der Minuten, Tage und Jahre, die ein Körper lebt, Stoffwechsel und Zellteilung betreibt, isst, schläft und atmet? Nach der äußeren oder nach der inneren Uhr? Nach der mathematischen oder der biologischen? Und wieso interessiert mich das überhaupt?

Zumindest auf die letzte Frage fand er eine schnelle Antwort: weil sich der menschliche Geist mit allerlei Unsinn befasste, wenn er nichts anderes zu tun bekam.

Die Holoprojektoren und Monitorwände hatten den Konferenzraum in ein lebensechtes Idyll verwandelt. Der wuchtige ovale Tisch aus – echtem oder imitiertem, wer mochte das sagen? – rötlichem Birnbaumholz stand am Waldrand auf einem Hügel westlich des Kleinen Goshunsees von Terrania.

Jenseits der Wasserfläche erhob sich in einer perfekten perspektivischen Nachbildung die Silhouette der Hauptstadt von Terra, der Erde, ihrer Heimat. Gleiter zogen in regem Flugverkehr darüber ihre Bahnen, und man musste schon sehr genau aufpassen, um zu bemerken, dass sich manche Sequenzen alle drei bis vier Minuten wiederholten.

Die Klimaanlage simulierte eine leichte Brise, die einen Hauch von erdigem, harzigem Waldaroma mit sich trug.

Fast glaubte Solemani, sich wirklich auf der Erde aufzuhalten. Nur zwei Dinge machten den Eindruck zunichte: der Konferenztisch, der nicht auf Gras, sondern auf einem hellgrauen Teppich stand – und das Wissen, dass Terra nicht mehr existierte.

Nein, nie existiert hatte, wenn man Zemina Paath glaubte, jener geheimnisvollen Frau, die sich nach der Rückkehr der RAS TSCHUBAI aus dem chaotemporalen Gezeitenfeld und nach dem Erwachen der Besatzung aus der Suspension plötzlich an Bord befunden hatte.

»Das sagt doch alle Welt«, hatte sie behauptet. »Dass Terra nichts als eine Legende ist. Ein Mythos. Und niemals etwas anderes war.«

Sämtliche Hyperfunksprüche, die die Mannschaft der TSCHUBAI seither aufgefangen und abgehört hatte, gaben ihr recht. Und hätte Osmund Solemani es nicht besser gewusst – schließlich war er vor vierzig biologischen (oder fünfhundertdreiunddreißig mathematischen) Jahren auf der Erde geboren, hatte dort eine unbeschwerte Kindheit mit phantastischen Eltern verbracht, die Schule besucht, sich ver- und wieder entliebt, seine Ausbildung zum Xenotechnik-Analysten absolviert –, hätte er durchaus an seinem Verstand zweifeln können.

Aber es war nicht sein Verstand, den er verloren hatte, sondern nur seine Eltern und Freunde, die nicht mit ihm auf der RAS TSCHUBAI gewesen waren. Die meisten Menschen, die ihm etwas bedeuteten.

Das kleine Häuschen in einer Siedlung nördlich von Terrania, das nur darauf gewartet hatte, dass irgendwann die passende Frau mit einzog und aus einem Haus ein Heim machte. Rumpel und Rampel, seine beiden Katzen. Siobhan Ramacher, die ältliche Nachbarin mit den silbergrauen Haaren, die sich während seiner Abwesenheit um die Tiere gekümmert hatte.

Oder anders gesagt: Er hatte so viel mehr verloren als den Verstand, nämlich seine Vergangenheit, seine Wurzeln. Und die Zukunft, die er sich ausgemalt hatte und die so nie eintreten würde.

Nicht jedoch die Gegenwart, und sie war das Einzige, was im Moment zählte.

Er ließ den Blick über die restlichen Anwesenden im Konferenzraum wandern und fand ein wenig Trost darin, dass es ihnen ähnlich erging. Sie alle hatten jemanden oder etwas verloren.

Geteiltes Leid ist halbes Leid, wie es so schön – und so falsch – hieß. Denn wenn jeder gleich viel Leid erlitten hatte, teilte er es zwar mit den anderen, erhielt von ihnen aber genauso viel zurück. Mathematisch blieb die Summe des Leids unverändert.

Osmund seufzte. Wie war das gleich wieder mit dem menschlichen Geist, der nichts zu tun bekam, und dem Unsinn, über den er nachdachte?

Ihm gegenüber saß Muntu Ninasoma, der Kommandant der BJO BREISKOLL, die Nase so tief in einem Buch, dass über der oberen Kante nur die Hälfte der dunkelhäutigen Stirn und das krause, schwarze Haar zu sehen war. Der Schmöker wirkte abgegriffen wie ein altertümliches Taschenbuch. Tatsächlich handelte es sich jedoch um eine Nachbildung, deren Seiten lediglich wie Papier aussahen und auf die man aber nach Belieben Inhalte laden konnte.

Auch eine Möglichkeit, sich zu beschäftigen. Ein bisschen beneidete Osmund ihn um seine Lesebegeisterung.

Neben dem Kommandanten saß die Kosmopsychologin Siad Tan. Sie tätschelte das achtbeinige, froschähnliche Wesen zu ihrer Rechten, das bis zur Sitzfläche des Stuhls reichte. Ihr Okrill Phylax. Er hielt die Augen geschlossen und schien zu schlafen, wirkte deshalb aber nicht weniger bedrohlich als im Wachzustand.

Erst zwei oder drei Stunden zuvor hatte Osmund erfahren, dass sie das Tier nach einem Freund benannt hatte. So wie sich Muntu Ninasoma mit seiner Leidenschaft für Literatur und Siad Tan mit ihrem Okrill ablenkten, hatte auch er selbst eine Möglichkeit gefunden: Er befragte die Mannschaftskameraden, was sie durch den Zeitsprung verloren hatten. Die meisten wollten nicht darüber sprechen, einige jedoch gaben erstaunlich bereitwillig Auskunft.

Die Stühle neben der Oxtornerin standen leer, womöglich aus Respekt vor Phylax.

Nach der Lücke folgten Farye Sepheroa-Rhodan, die Enkelin des Unsterblichen, und der Metabolist Donn Yaradua. Er tuschelte mit ihr, sie lachte herzhaft, er lächelte. Sie deutete auf einen Schwarm holografischer Vögel, der weit über ihren Köpfen dahinzog. Er sah in die gezeigte Richtung und flüsterte ihr erneut etwas zu. Sie lachte wieder.

Ihnen gegenüber befand sich Major Sholotow Affatenga, kurz Tenga genannt. Allerdings saß er auf keinem Stuhl, was bei einem Siganesen von ein wenig über zwanzig Zentimeter Körpergröße auch reichlich albern ausgesehen hätte, sondern im Schneidersitz direkt auf der Tischplatte. Er vertrieb sich die Wartezeit nicht wie sonst so häufig mit Selbstgesprächen. Stattdessen betrachtete er mit konzentriertem Gesichtsausdruck die zu einer Pyramide gestapelten winzigen Pralinen vor ihm.

Als er Osmunds Blick bemerkte, deutete er auf die oberste Leckerei. »Ich glaube, ich muss mal ein ernstes Wort mit dem Proviantmeister reden. Banane-Minze! Wie kommt er auf die Idee, dass jemandem Banane-Minze schmecken könnte?« Er schnappte sie, schob sie sich in den Mund und kaute für einige Sekunden andächtig darauf herum. »Andererseits ...«

»Du willst hoffentlich nicht alle verputzen, ehe Perry Rhodan zu uns stößt«, sagte Leutnant Winston Duke, der Letzte im Bunde. Er saß unmittelbar neben Osmund Solemani. Tenga bezeichnete ihn häufig als seinen Besten Freund Nummer Zwei.

»Das hängt davon ab, wie lange uns der große Meister noch warten lassen will.«

»Es widerstrebt dir? Zu warten, meine ich.«

»Wem nicht? Und mir besonders. Immerhin bin ich Maximaldestruktor und der fähigste Saboteur der Flotte. Ich brauche etwas zu tun, sonst setze ich Fett an.«

»Du meinst wohl noch mehr Fett.«

»Ich muss doch sehr bitten! Ich bestehe aus durchtrainierter Einsatzmasse, die ich nicht verkümmern lassen darf.« Er naschte die nächste Praline. »Mmh, Karamellsahne.«

»Lass es dir schmecken«, erklang eine Stimme links von Osmund.

Perry Rhodan stand am Tisch.

Der große Meister war gekommen.

*

»Entschuldigt bitte«, sagte Rhodan, »dass ich euch so lange haben warten lassen.«

»Ist ja nicht so, dass wir etwas anderes vorgehabt hätten«, warf Tenga mit vollem Mund ein.

»Ich verstehe euren Unmut. Glaubt mir, es geht mir genauso. Noch vorgestern haben wir den Weltenbrand gelöscht und gewährleistet, dass das Leben weitergehen kann wie zuvor, und aus unserer Sicht nur einen Tag später mussten wir feststellen, dass zumindest in der Milchstraße eben doch nichts so ist wie zuvor. Am liebsten würde ich sofort losstürmen, ins Ephelegonsystem nach Rudyn fliegen, wo mein alter Freund Reginald Bull in seiner Zentralgalaktischen Festung sitzen soll, und ihn fragen, was um Himmels willen während der letzten fünfhundert Jahre geschehen ist.«

»Dann lass uns der Einfachheit halber genau das tun«, schlug Siad Tan vor. Phylax neben ihr schnaubte.

»Wie gerne würde ich deinem Rat folgen. Nur halte ich es für keine gute Idee. So sehr es mir widerstrebt, es ist unumgänglich, behutsam vorzugehen. Und wir waren seit gestern keineswegs untätig, wenngleich es euch so erscheinen mag. Muntu, wenn du dazu etwas sagen willst?«

Kommandant Ninasoma klappte mit bedächtiger Bewegung das Buch zu, legte es auf den Tisch und rückte es mehrfach zurecht, bis es parallel zur Tischkante lag.

»Nachdem wir uns von der RAS TSCHUBAI getrennt haben«, sagte er schließlich mit ruhiger, überlegter Stimme, »sind wir in einer langen Etappe Richtung Milchstraßenhauptebene gereist. Im Augenblick verharrt die BJO im Leerraum zwischen den Sternen. Unser Hauptaugenmerk haben wir während des letzten Tages darauf gerichtet, Hyperfunksendungen zu empfangen und auszuwerten. Wir haben Unterhaltungen belauscht, aber auch Nachrichten- und Unterhaltungsmedien verfolgt. Wir müssen uns ein Bild von der Milchstraße dieses Zeitalters machen. Was wir haben, ist nun eine schier unüberblickbare Menge an Daten, die sich häufig widersprechen, abhängig von der Quelle, aus der sie stammen.«

Er klopfte mit der Hand auf das Buch vor sich.

»Ich lese gerade einen historischen Roman, der zur Zeit des Kalten Kriegs in den 1950er-Jahren alter Zeitrechnung spielt. Hätte man damals die Nachrichten der Amerikaner mit denen der Russen verglichen, wäre es schwergefallen, ein realistisches Bild der Lage zu erhalten.

Wie dem auch sei: Selbst für Positroniken ist es wegen der Informationslage außerordentlich mühsam, das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Wahre vom Gelogenen und das ideologisch Gefärbte vom Neutralen zu unterscheiden. Gerne hätten wir Kontakt zu terranischen Flotteneinheiten aufgenommen, aber unsere Zugangscodes, die vorgestern noch gegolten haben, sind inzwischen veraltet. Auf diese Informationsquelle müssen wir derzeit also leider verzichten.«

Sonst wäre es schließlich zu einfach, dachte Osmund.

»Danke sehr.« Mit ausgestrecktem Arm wies Rhodan auf den Kleinen Goshunsee und Terrania. Oder auf die Illusion davon. »Ich habe diese Kulisse für die Besprechung nicht gewählt, damit wir uns in Sentimentalität suhlen. Nein, ich will, dass uns das erste große Ziel vor Augen steht, nämlich herauszufinden, was mit Terra geschehen ist. Keine einfache Aufgabe, wenn man bedenkt, dass es offenbar eine milchstraßenweite Informationskatastrophe gegeben hat.«

Den Posizid, erinnerte sich Osmund.

»Von der wir nicht wissen, wer oder was sie verursacht hat«, ergänzte Farye. Donn Yaradua nickte zustimmend.

»Richtig«, sagte Rhodan. »Wir gehen aber davon aus, dass es diesen Wer oder dieses Was nach wie vor gibt, dass es sich also nicht um einen bloßen Zufall oder ein Unglück handelt. Jemand hat gezielt die Geschichte der Menschheit verändert, sie verfälscht und entstellt.«

»Die Cairaner?«, fragte Winston Duke.

Wie aufs Stichwort erschien ein Holo über dem Tisch. Es zeigte ein groß gewachsenes, hochbeiniges Wesen mit golden gefleckter Haut, einem lippenlosen Mund mit verhornten Rändern und kugelförmigen Schultergelenken. Die Arme endeten in zwei Händen. Dieses Wesen hatte am Vortag in unnahbarer und befehlsgewohnter, beinahe arrogant klingender Weise Rhodan aufgefordert, ein Kommando zur Inspektion auf die RAS TSCHUBAI kommen zu lassen – und kurzerhand das Feuer eröffnet, als dieser sich geweigert hatte. Offenbar nicht gerade der umgänglichste Typ, dieser Fremde.

Über ihm schwebte eine stark verkleinerte Darstellung seines Schiffs, der MAIDAC ODAIR. Ein ringförmiger Raumer mit einer Kugel aus rötlich flammender Energie im Zentrum, der ihnen wie ein mitleidlos glotzendes Auge entgegenstarrte.

Osmund fröstelte bei dem Anblick. Er wusste nicht, ob es an der nicht interpretierbaren Mimik des Wesens mit den Balkenpupillen lag oder daran, dass es sich anfühlte, als würde ihm das Augenschiff auf den Grund der Seele blicken.

»Womöglich waren es die Cairaner«, fuhr Rhodan fort. »Vielleicht war es ein Angriff von außen, jedoch von einem uns noch unbekannten Feind. Vielleicht eine Schutzmaßnahme von innen, um diesen Feind zu verwirren. Vielleicht aber, und diese Möglichkeit dürfen wir keinesfalls außer Acht lassen, eine Attacke von innen.«

»Von unseren eigenen Leuten? Das kann ich mir nicht vorstellen«, widersprach Winston Duke.

»Ich will es mir nicht vorstellen. Und doch gibt es keine Garantie. Denkt nur an den Techno-Mahdi! In fünfhundert Jahren kann viel geschehen. Nicht einmal bei alten Freunden besteht die Garantie, dass sie sich so verhalten, wie wir es erwarten. Das habe ich bei der Aphilie bereits erlebt ...«

Wie meint er das?, fragte sich Osmund, der in galaktischer Geschichte nur dann und wann aufgepasst hatte.

»Du musst Bully vertrauen«, mischte sich Farye ein.

»Imperien wachsen und zerfallen, Kriege beginnen und enden und beginnen erneut. Zivilisationen erblühen, andere verwelken.« Leiser fügte Rhodan hinzu: »Und selbst besonders langlebige Menschen verändern sich.«

»Wieso sprecht ihr ausgerechnet über Reginald Bull?«, fragte Osmund irritiert. »Ich denke da eher an Typen wie Vetris-Molaud. Der aber nie ein Freund war.«

Rhodan sah ihn ernst an. »Es ist nicht allgemein bekannt ...«, sagte er und machte eine Pause, als ränge er mit sich und um die richtigen Worte. »Aber er trug bei unserem Aufbruch einen chaotarchisch geprägten Zellaktivator.«

»Einen ... was?«

»Das hatte bislang keine nachweisbaren Auswirkungen«, sagte Farye fest. »Gilt die Unschuldsvermutung bei Unsterblichen nicht mehr?«

Rhodan seufzte. »Wir werden herausfinden, was aus ihm geworden ist. Selbstverständlich will ich so schnell wie möglich Kontakt mit der Liga Freier Galaktiker im Ephelegonsystem aufnehmen. Möchte Reginald treffen, mit ihm reden und sehen, was es mit dem Giganten und seinem unzerstörbaren Leib auf sich hat, der laut Zemina Paath seine Zentralgalaktische Festung behütet. Doch all dies darf ich nicht unvorbereitet tun. Zunächst will, nein: muss ich mir eine eigene, unvoreingenommene Meinung bilden, um mir einen unverstellten Blick auf die Verhältnisse zu bewahren.«

Rhodan sah in die Runde, schaute jedem Einzelnen kurz in die Augen, als wollte er ihn auf das einschwören, was er vorhatte. Denn dass er etwas vorhatte, bezweifelte Osmund keine Sekunde. Rhodan würde das neue Spezialteam der BJO BREISKOLL kaum versammeln, um es zu beschwichtigen, weil es nichts zu tun gab. Oder doch?

Nein, um nichts zu tun, hätten sie genauso gut auf der RAS TSCHUBAI bleiben können. Stattdessen hatte Farye Sepheroa die BJO als Kommando-Sondereinsatzschiff übernommen, mit regulärer Besatzung, aber ohne das bisherige Raumlandebataillon.

Vor ihrem Aufbruch nach Wanderer – vor ungefähr fünfhundert Jahren ... – hatte knapp über die Hälfte der Mannschaft die RAS verlassen, weil sie nicht das Risiko eingehen wollte, gar nicht oder erst Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach ihrer eigenen Zeit zurückzukehren.

Osmund Solemani konnte es keinem verdenken. Auf jeden Fall machte der Personalschwund eine Neustrukturierung der Landetruppen nötig – und für die würden höchstens zwei der MARS-Kreuzer ausreichen, womit die BJO BREISKOLL abkömmlich war.

»So viele offene Fragen bedürfen einer Antwort«, fuhr Rhodan fort. »Wer sind die Cairaner? Mit welcher Legitimation handeln sie, auf welcher Machtbasis? Welche Ziele verfolgen sie?

Stimmt der erste Eindruck, den wir von ihnen gewonnen haben, oder schätzen wir sie womöglich falsch ein? Weshalb scheinen sie sich ausgerechnet für Atlan und mich so zu interessieren? Wie ist die aktuelle Lage in der Milchstraße? Gibt es andere neue Parteien?

Was ist mit der Liga passiert, was mit den alten Verbündeten? Auf wen können wir zählen? Welche neuen Verbündeten würden sich anbieten, falls sich zeigt, dass wir gegen die Cairaner vorgehen müssen?

Wie lange hat der Weltenbrand nach der Löschung noch angehalten? Was ist mit der Eiris? Was mit ES? Ich könnte stundenlang so weitermachen.«

»Danke, dass du es uns ersparst«, sagte Sholotow Affatenga. Die Pralinenpyramide vor ihm war bereits zur Hälfte in seinem kleinen, aber korpulenten Leib verschwunden. »Für meine zarten Öhrchen klingt das alles sehr verständlich, aber auch sehr ... nun, passiv. Sind wir fürs Däumchendrehen nicht ein wenig überqualifiziert?«

»In der Tat, Tenga. Deshalb wird die Passivität bald ein Ende haben. Wie bekommen wir am einfachsten die Möglichkeit, Informationen zu sammeln? – Indem wir uns vor Ort umsehen, uns unter das Volk mischen, uns umhören. Und dazu bietet sich am 16. September eine ausgezeichnete Gelegenheit. Wir besuchen die Olubfaner.«

Und was hast du verloren?

Uns allen war bewusst, dass uns so etwas wie ein Zeitsprung bevorstehen könnte, nein, dass er uns sicher bevorstand. Aber fünfhundert Jahre? Damit habe ich nicht gerechnet.

Ich habe mir unsere Rückkehr anders vorgestellt, Osmund. Ruhmreicher, prunkvoller, mit einer Parade und Konfetti für die Helden, die den Weltenbrand gestoppt haben.

Und stattdessen? Niemand erinnert sich an uns kleine Lichter, an das Fußvolk des Unsterblichen. Selbst jemand wie Perry Rhodan ist in Vergessenheit geraten oder wird als Legende angesehen, als Lagerfeuergeschichte.

Was habe ich also verloren? Etwas, das ich zuvor gar nicht besessen, auf das ich aber gehofft hatte: die fünf Minuten Ruhm dafür, dass wir die Milchstraße, das Universum, die gesamte Existenz gerettet haben.

2.

Die Heimat, so fern

Ein Alarmton dröhnte durch die GLUTOBAT III. Schneidend und durchdringend erreichte er sogar die entlegenste Ecke des Raumers.

Gleich darauf folgte der Schmerz, nicht minder schneidend und durchdringend. So sehr sich Ologbon bemühte, konnte er nicht verhindern, dass ihm ein tiefes Brummen über die Zupflippen kam. Er fühlte, wie sich die Tolnoten in seinen Hautfalten vor Unbehagen wanden, wie ihre Wurmkörper zitterten, wie sie sich in die Handflächen zurückzogen. Das lichte Haarbüschel auf Ologbons Schädel richtete sich auf, die Hautlappen vor der Riechspalte bebten. Er kniff die Augen zusammen und ...

... da war es auch schon wieder vorüber. Der Alarmton verstummte.

»Transition erfolgreich«, erfüllte stattdessen eine knarzig-blecherne Computerstimme die Zentrale des Raumers.

Routinemäßig startete Ologbon die üblichen Abläufe nach einem Sprung durch das Weltall.

Erster Schritt: die Lider schließen und zweimal tief durchatmen, bis der Schmerz abklang. Er wollte sich nicht vorstellen, welche Qualen eine ungeschützte Transition verursachen mochte – und tat es trotzdem.

Gerüchte erzählten von einem Sprungkoordinator, dessen Organoid im entscheidenden Moment ausgefallen war. Je nachdem, welcher Version man glaubte, hatte ihn der ungedämpfte Schock des Raumsprungs wahnsinnig gemacht oder sämtliche Tolnoten auf einen Schlag getötet und aus den Hautfalten in den Raumanzug fallen lassen oder ihn selbst umgebracht oder – besonders beliebt – sein Gehirn gebraten.