Perry Rhodan 3149: Der Preis des Entkommens - Oliver Fröhlich - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan 3149: Der Preis des Entkommens E-Book und Hörbuch

Oliver Fröhlich

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Beschreibung

In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem Jahr 5658 nach Christus. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat. Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen. Nun aber übernehmen die sogenannten Kastellane wichtige Machtpositionen – es sind relativ Unsterbliche unterschiedlicher Völker, die als spezielle Eingreiftruppe von ES gelten. Und mitten in der Galaxis entsteht mittlerweile eine Yodor-Sphäre, die ein geheimes Bauprojekt der Kosmokraten enthält. Was es damit auf sich hat, versucht Atlan in Erfahrung zu bringen. Die größte aktuelle Bedrohung geht freilich von einem havarierten Chaoporter im Umfeld Andromedas aus. Perry Rhodan begibt sich mit der RAS TSCHUBAI an Ort und Stelle, um mehr darüber herauszufinden – und stößt auf den Chaoporter FENERIK, der von dem kosmokratischen Raumschiff LEUCHTKRAFT gerammt wurde und sich in seiner Havarie gewissermaßen mit ihm verschränkt hat. Um die LEUCHTKRAFT und deren Kommandanten Alaska Saedelaere zu retten, versucht Rhodan alles. Aber wie hoch ist DER PREIS DES ENTKOMMENS ...?

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Seitenzahl: 160

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Zeit:3 Std. 54 min

Sprecher:Florian Seigerschmidt

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Nr. 3149

Der Preis des Entkommens

Ein Schiff der Kosmokraten – verschränkt mit dem Chaoporter

Oliver Fröhlich

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Eine Tür im Schnee

2. Ein zu später Rechner

3. Identität und Integrität

4. Die Folgen der Logik

5. Am Brunnen hinter dem Tore

6. Ein Fest der Sinne

7. Der Preis des Entkommens

Fanszene

Leserkontaktseite

Impressum

In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem Jahr 5658 nach Christus. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.

Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen.

Nun aber übernehmen die sogenannten Kastellane wichtige Machtpositionen – es sind relativ Unsterbliche unterschiedlicher Völker, die als spezielle Eingreiftruppe von ES gelten. Und mitten in der Galaxis entsteht mittlerweile eine Yodor-Sphäre, die ein geheimes Bauprojekt der Kosmokraten enthält. Was es damit auf sich hat, versucht Atlan in Erfahrung zu bringen.

Die größte aktuelle Bedrohung geht freilich von einem havarierten Chaoporter im Umfeld Andromedas aus. Perry Rhodan begibt sich mit der RAS TSCHUBAI an Ort und Stelle, um mehr darüber herauszufinden – und stößt auf den Chaoporter FENERIK, der von dem kosmokratischen Raumschiff LEUCHTKRAFT gerammt wurde und sich in seiner Havarie gewissermaßen mit ihm verschränkt hat. Um die LEUCHTKRAFT und deren Kommandanten Alaska Saedelaere zu retten, versucht Rhodan alles. Aber wie hoch ist DER PREIS DES ENTKOMMENS ...?

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner soll Abschied von einem Unsterblichen nehmen.

Alaska Saedelaere – Der Kommandant der LEUCHTKRAFT sieht das Ende kommen.

Gucky, Anzu Gotjian, Gry O'Shannon – Drei Galaktiker sind aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten gefordert.

Vetris-Molaud – Der Tefroder sucht einen Ausweg.

1.

Eine Tür im Schnee

Die Welt stand still.

Dunkelgraue Wolkenmassen türmten sich am Himmel, ebenso in der Bewegung verharrt wie die Myriaden Schneeflocken, die in der Luft hingen, als wäre ein Blizzard unter seiner eigenen klirrenden Kälte eingefroren. Selbst das Glitzern der Lichtreflexe auf der unendlichen Ebene hätte an zahllose erstarrte Sterne in einem Universum aus Eis und Schnee erinnert, wenn es in dieser im Augenblick gefangenen Welt jemanden gegeben hätte, der diesen Vergleich anstellen könnte. Jemanden, der seine Umwelt bewusst wahrnehmen und über sie nachdenken konnte.

Doch dazu war Anzu Gotjian nicht fähig. Zwar spürte sie die beißende Kälte auf der Haut und in ihrem Inneren, fragte sich aber nicht, wie sie an diesen Ort gekommen, wie sie in diese Situation geraten war. Und schon gar nicht überlegte sie, wie sie sich daraus befreien sollte, ehe sie erfror.

Der allgegenwärtige Frost war nicht das Einzige, was sie fühlte, ja, nicht einmal das Vorherrschende. Den weitaus größten Raum nahm eine ungekannte ... Offenheit ein. Auch sie hinterfragte Anzu nicht. Hätte sie es getan, wäre sie vermutlich in Panik verfallen, denn sie hätte sie als das Ergebnis ihres daueraktivierten Fernblicks identifiziert. Anders als sonst fixierte er nicht ein entferntes Ziel, sondern wies gleichzeitig in viele Richtungen.

Da sie jedoch keines bewussten Gedankens fähig war, flossen die Bilder, die Eiseskälte und die damit verbundenen Emotionen in sie ein, durchströmten sie – und traten wieder aus, ohne Erinnerungen zu hinterlassen. Kenntnisse über den Aufbau des Chaoporters bis in den kleinsten Winkel, sonst gut verborgene Geheimnisse über dessen Stärken und Schwächen, über die Besatzung, die ihn bewohnenden Völker, über vergangene und künftige Zertifikate und sogar über Daten und Details, die den Chaotarchen vorbehalten waren. Aber auch Kosmokratenwissen durchfloss sie, Wissen über das kobaltblaue Walzenschiff und dessen Historie, den Bordrechner, den Kommandanten.

Anzu war eins mit FENERIK und der LEUCHTKRAFT, eins mit der Kluft, dem Limbus und dem Bathos – und konnte doch keinen Profit daraus schlagen. Sie versuchte es nicht einmal. Freilich hätte sie selbst unter normalen Umständen keinen Nutzen daraus ziehen können, denn die Fülle an Informationen und einem menschlichen Geist unbegreiflichen Bildern hätte ihr binnen Sekunden den Verstand geraubt. Ihre vermeintliche Schwäche schützte sie, und sie wusste es nicht einmal.

So verging die Zeit in einer zeitlosen Welt. Ungemessen, unbemerkt. Bis eine Schneeflocke auf Anzus Augapfel landete. Und noch eine.

Ein erster Gedanke stemmte sich gegen die Erstarrung und schob sich träge in Anzus erwachendes Bewusstsein.

Wo?

Ein zweiter folgte ...

Was?

... während der erste anwuchs.

Wo bin ich?

Sie blinzelte die Schneeflocken weg.

Die gefrorene Welt geriet in Bewegung, taute allmählich auf. Immer mehr Flocken fielen, berührten Anzus nackte Haut, ließen sie erschaudern.

Für einen kaum wahrnehmbaren Moment bemerkte sie den allumfassenden Fernblick, sah das Bild zweier verschränkter Hände, da erlosch er auch schon und hinterließ Erleichterung in ihr, aber zugleich den schalen Geschmack einer verpassten Chance.

Warum bin ich nackt?

Sie sah an sich hinab. Als wohnte Frage und Blick eine schöpferische Kraft inne, verschwammen die Konturen ihres Körpers. Weiche, natürliche Formen wichen den kantigeren eines SERUNS. Das Gefühl von Schneeflocken auf der Haut verschwand, das von Kälte und Schutzlosigkeit hingegen blieb.

Sie begriff. Die Welt, die sie umgab, entsprang dem hilflosen Versuch ihres Geistes, die wirklichen Gegebenheiten in interpretierbare Bilder zu übersetzen. Nichts davon war real. Weder die unendliche Ebene, der erwachende und immer kälter beißende Sturm, die nun umherwirbelnden Flocken noch die Tür inmitten des Schneegestöbers.

»Suu ...«, hauchte der Wind.

Anzu stapfte los, auf die Tür zu, doch mit jedem Schritt rückte diese ein Stück weg, als entzöge sie sich Anzus Zugriff. Sie bestand lediglich aus einem schlichten, unverzierten Türblatt, hellbraun, womöglich Holz, mit einem metallisch schimmernden Drehknauf. Keine Türangel, keine Zarge und erst recht keine Wand hielten sie aufrecht, und so gab es keinen Raum oder Gang, den sie abschloss oder verbarg. Dahinter konnte nichts anderes liegen als weiteres Schneegestöber und die unendliche eisige Ebene.

Dennoch wusste Anzu, dass das nicht zutraf. Auf eine ihr unverständliche Weise begriff sie die Tür als verschlossen, und wenn es ihr gelang, sie zu öffnen, würde sie ...

»Aa ...«, drängte der Wind. »Suu ...«

Doch war das überhaupt der Wind, der zu ihr sprach? War es nicht vielmehr eine Stimme, die er mit sich trug? Eine vertraute, lieb gewonnene Stimme?

»Aasuu ...«

Sie blieb stehen, warf der Tür und den Antworten, die sie dahinter vermutete, einen sehnsuchtsvollen Blick zu und wandte sich von ihr ab. Hin zu der Stimme, die zwar von überall gleichzeitig zu kommen schien, die sie trotzdem hinter sich verortete.

Aber da war niemand. Nur der Schnee, der stöberte, wirbelte, wild tanzte – und Formen bildete. Erst glaubte sie an eine Täuschung, dann jedoch ballten sich die Flocken an verschiedenen Stellen, modellierten Ohren, Augen, eine vorspringende Schnauze.

»Aannssuu«, wehte es ihr entgegen. Schließlich deutlicher: »Anzu!«

Die Schneeaugen und -ohren entfernten sich voneinander, als sich eine senkrechte Kluft in dem Gesicht auftat und die beiden Hälften wie ein sich öffnender Vorhang auseinandertrieben. In dem neu entstandenen, schneefreien Spalt stand eine Gestalt. Klein, pelzig, mit vorspringender Schnauze und einem Nagezahn.

»Anzu«, sagte der Wind mit Guckys Stimme. »Wach auf! Komm zurück!«

Und das tat sie.

*

Es dauerte zehn Minuten, bis Anzu mehr zustande brachte als ein schmerzhaftes, unverständliches Krächzen.

»Danke«, sagte sie zu Gucky, als es ihr endlich gelang. Ein winziges Wort, das sich unzureichend für das anfühlte, was sie ausdrücken wollte.

Danke, dass du mich vor dem geistigen Erfrieren gerettet hast. Dass du mit deinen Gedanken in meine eingedrungen bist und mich herausgeholt hast. Danke für die Befreiung aus der kalten Ebene. Dafür, dass du eine stillstehende Welt wieder in Gang gesetzt hast. Und vor allem dafür, dass ihr auf die LEUCHTKRAFT zurückgekehrt seid.

Doch es war gar nicht nötig, all das zu formulieren. Gucky verstand es auch so. Dazu musste er nicht einmal ihre Gedanken lesen.

»Immer wieder gerne«, sagte der Ilt. »Der Retter des Universums und in Not geratener Freunde ist stets zu Diensten.«

Anzu sah sich in der sonderbaren Umgebung um, die nicht minder bizarr ausfiel als die eisige Ebene und die frei stehende Tür, wenngleich auf andere Weise: Sie war in einem Park erwacht. Allerdings in keinem, der Ausgelassenheit verströmte und die freudige Aussicht auf unbeschwerte Stunden versprach. Gewiss, es gab ein Karussell, Bäume, Seen, doch all das wirkte überlebensgroß, einschüchternd und verzerrt; es befand sich in einem Zustand des merkwürdigen Verfalls.

Das Karussell drehte sich irrsinnig schnell, seine Fahrzeuge – Space-Jets, winzig riesige Kugelraumer, fremdartige Kreaturen – sahen unförmig aus, als verlören sie an Stabilität und Substanz. Die Bäume ragten bis in den Himmel, doch ihre Stämme wirkten löchrig, porös und verblüffend detailarm. Der nächstgelegene See erschien ihr schwarz, unauslotbar tief – und wie geronnen.

Unweit des Karussells lagen die Überreste eines zertrümmerten Eisblocks, die allmählich schmolzen. Genauso wie der Park schmolz.

Anzu fühlte sich unwohl unter den Blicken der Anwesenden. Neben Gucky blickten Perry Rhodan, Vetris-Molaud, Lousha Hatmoon, Vimuin Lichtschlag und Gry O'Shannon unverwandt zu ihr. Ebenso wie ein groß gewachsener, hagerer Mann, von dessen Gesicht sie hinter einer schlicht wirkenden Kunststoffmaske nur die braunen Augen und den Mund sah. Alaska Saedelaere. Der Mann, den sie mit dem Zwergandroiden Kano Blautvind hatte suchen wollen.

Hatten sie ihn gefunden? Anzu konnte sich nicht erinnern.

Das war zugleich der Grund, warum ihr die geballten Blicke Unbehagen bereiteten. Denn in ihnen las sie die Aufforderung zu berichten, wie es ihr und Blautvind ergangen war, nachdem der Rest des Teams sie auf der LEUCHTKRAFT zurückgelassen hatte. Zu schildern, wie sie in jene Situation geraten war, aus der Gucky sie befreit hatte.

Nur: Sie wusste es nicht mehr. Ihr Gedächtnis ließ sie nicht darauf zugreifen, als wären die vergangenen Erlebnisse in ihrem Geist verschüttet. Oder verborgen. Weggesperrt hinter einer Tür im Schnee.

Erneut blickte sie zu den Resten des Eisblocks. »Darin habt ihr mich also gefunden.«

»So ist es«, sagte Rhodan.

»Wie lange war ich ... gefangen?«

»Das wissen wir nicht. Höchstens elf Tage, wahrscheinlich weniger. Heute ist der 27. August. Die LEUCHTKRAFT haben wir am 16. verlassen. Wenn du und Blautvind also nicht sofort in die Schwierigkeiten geraten seid, die ...« Er deutete auf die Eisreste. »... die hierzu geführt haben ...« Den Rest des Satzes ließ er unausgesprochen.

»Mir ist klar, dass ihr Fragen habt. Geht mir genauso.« Sie schilderte ihre spärlichen Eindrücke von den wenigen bewussten Augenblicken auf der kalten Ebene und verschwieg auch die Tür nicht. »Vielleicht würde es meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen, wenn ihr mir von euren Erlebnissen berichtet. Insbesondere, was es mit diesem einschüchternden Park auf sich hat.«

»Dieser einschüchternde Park, wie du ihn nennst«, sagte Saedelaere, »ist eine Landschaft meiner frühen Kindheit.« Es waren die ersten Worte, die sie von ihm hörte. Oder? Seine Stimme klang dumpf hinter der Maske, zugleich weich und bestimmt. »Der Gobi-Park, wie ich ihn durch Kinderaugen gesehen habe.«

Das erklärte immerhin die Größe und die verzerrte Perspektive der Anlage.

Anzu erfuhr, dass Alaska Saedelaere nur kurz vor ihr ebenfalls einem Gefängnis entkommen war, in seinem Fall ein dem Aussehen nach kartonähnlichem Gebilde. Sie verstand die Zusammenhänge der stark verkürzten Erzählung nicht in allen Einzelheiten, aber offenbar hatte dieses Konstrukt Alaska eine Welt vorgegaukelt, die sich aus seinen Erinnerungen und Erlebnissen vor seiner Zeit als Maskenträger genährt hatte. Auf diese Weise sollte ihm ein Code entlockt werden, der die LEUCHTKRAFT dem Chaoporter auslieferte und sie FENERIK unterstellte.

»Irgendwie muss es dem Audh gelungen sein, mich in dem Karton gefangen zu setzen und ...«

»Dem Audh?«, echote Anzu.

Der Begriff kam ihr bekannt vor. Hatte nicht der Zwergandroid Blautvind ihn erwähnt, bevor ... Bevor was? Sie kam nicht darauf. Ein paar Tage schockgefrostet auf Eis zu liegen, war offenbar nicht allzu förderlich fürs Gedächtnis.

»Ein Wesen aus FENERIKS Gefolge«, half Rhodan ihr auf die Sprünge. »Eine Art Kundschafter. Nach derzeitigem Kenntnisstand können die Audh in Chaoversen vordringen und haben im Gegensatz zu anderen Wesen eine gute Chance, den Aufenthalt dort zu überstehen. Sie transportieren Objekte dorthin, setzen sie aus und ernten sie später wieder, wenn ...«

Illustration: Dirk Schulz

»... wenn sie zu einem Chaofaktum geworden sind«, vollendete Anzu. Davon zumindest hatte sie bei ihrem unfreiwilligen Besuch des Chaoporters erfahren. Und allmählich kehrte auch die Erinnerung an das zurück, was Blautvind gesagt hatte. Es war eine Warnung gewesen. Eine düstere Prognose.

»Richtig«, bestätigte Saedelaere. »Mein Gefängnis war genauso ein Chaofaktum.«

»Wie ist es dem Audh gelungen, dich dort festzusetzen?«

»Ich weiß es nicht. Ich entsinne mich dunkel, dass ich mich hier aufgehalten habe.« Er machte eine allumfassende Geste mit beiden Armen. Hinter der Maske irrlichterte es etwas stärker. »Allerdings war dieser Ort zu der Zeit noch nicht der verzerrte Pseudo-Gobi-Park, den ihr nun seht. Dann ... kam jemand. Vermutlich der Audh. Und danach? Filmriss. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll.«

»Als würde man morgens nach dem Erwachen versuchen, sich an den unmittelbaren Moment vor dem Einschlafen zu erinnern?«, schlug Anzu vor.

»Genau. Oder an den letzten Augenblick eines Traums«, sagte Saedelaere, und Sehnsucht lag in seiner Stimme.

»Und ich ...«

»Du warst Teil meines Gefängnisses. Der Audh ... nun, es mag skurril klingen, aber er war ständig in Bewegung. Wie ein Eistänzer zog er seine Kreise auf dem Block, in den du eingeschlossen warst.«

»Wir konnten«, ergänzte Gucky, »dich und Alaska dem Karton entreißen. Daraufhin hat sich der Audh mitsamt seinem Chaofaktum aus dem Staub gemacht. Anschließend haben wir dich aufgetaut.«

»Als wir auf die LEUCHTKRAFT zurückkehrten«, sagte Rhodan, »war es kalt an Bord. Schnee, Blizzards, wirklich ungemütlich. Seit dem Rückzug des Audh hat sich das wieder normalisiert.«

Anzu betrachtete kurz das Karussell und wandte den Blick ab, weil sie das Vorbeihuschen der unförmigen Fahrzeuge schwindeln ließ. »Und auch diese Interpretation des Gobi-Parks löst sich allmählich auf. Heißt das, der Eistänzer hat das Schiff verlassen und sich nicht nur in einen entlegenen Winkel zurückgezogen?«

»Wir gehen davon aus. Sicher können wir uns allerdings nicht sein.«

»Müsste der Bordrechner es nicht wissen?«

»Müsste er«, bestätigte Saedelaere. »Wenn er nicht jede sinnvolle Kommunikation mit uns verweigern würde.«

Sie dachte nach, und die Worte des Zwergandroiden kehrten in ihr Gedächtnis zurück. »Ich kann nachvollziehen«, sagte sie zu Saedelaere, »warum der Audh über dich Zugriff auf die LEUCHTKRAFT bekommen wollte. Auf dieses Szenario hat uns Blautvind nach unserer Ankunft hingewiesen.

FENERIK wird die LEUCHTKRAFT übernehmen, wenn eine Flucht nicht gelingt. Der Audh wird das Schiff in ein Chaoversum versetzen, damit es sich dort in ein Chaofaktum verwandelt. Dies war offenbar der erste Versuch.

Ich verstehe nur nicht, warum der Audh auch mich gefangen genommen und nicht einfach getötet hat. Nicht, dass ich mich darüber beschweren möchte. Ich lebe ja ganz gerne weiter. Aber wie hätte ich ihm bei seinen Plänen helfen können?«

»Du erinnerst dich an die Gefangennahme?«, fragte Vimuin Lichtschlag.

»Nein.«

»Vielleicht war es gar nicht der Audh, der dich ...«

»Hallo? Ihr habt gesagt, mein Gefängnis steckte ebenfalls in dem Kartongebilde, und der Audh hätte darauf ein paar Runden gedreht. Wer sonst als dieser Eistänzer sollte mich dorthin verfrachtet haben?«

»Was ist das Letzte, was du noch weißt?«, fragte Gucky.

Anzu wollte gerade zu einer nicht allzu ausführlichen Antwort ansetzen, da sagte Vetris-Molaud: »Entschuldigt bitte, dass ich euren besinnlichen Austausch von Geschichten unterbreche. Aber ist es wirklich wichtig, wie du in diesen Eisblock geraten bist? Haben wir nicht drängendere Aufgaben zu erledigen? Sollten wir uns nicht beispielsweise um das Problem mit dem Bordrechner kümmern? Oder herausfinden, was es mit der binärrealen Verschränkung auf sich hat und wie wir die LEUCHTKRAFT nötigenfalls daraus lösen können? Sollten wir nicht in erster Linie endlich versuchen, das Schiff aus der Kluft zu bergen?«

»Ich stimme zu«, sagte Lousha Hatmoon, was Anzu nicht verwunderte. »Wenn Anzus oder Alaskas Erinnerungen zurückkehren, können sie uns immer noch davon erzählen. Falls sie für unsere aktuelle Lage überhaupt von Bedeutung sind. Bis dahin allerdings ...«

»Sie sind von Bedeutung«, fiel Lichtschlag ihr ins Wort. »Sie müssen es sein. Denn Anzu hat recht. Logisch wäre es gewesen, hätte der Audh sie schlicht in Ruhe gelassen – oder sie beseitigt. Es muss einen Grund dafür geben, dass er sie ... konserviert hat. Und es beunruhigt mich, diesen Grund nicht zu kennen.«

»Einverstanden«, sagte Vetris-Molaud. »Trotzdem können wir nicht darauf warten, bis ...«

Binärreale Verschränkung, hallte es in Anzus Bewusstsein wider. Sie hatte keine Ahnung, was dieser Begriff bedeutete, dennoch rief er ihr ein Bild ins Gedächtnis, das auf der eisigen Ebene nur an ihr vorbeigehuscht war: zwei Hände mit verschränkten Fingern.

»Wir gingen durch einen schummrig erhellten Korridor«, unterbrach sie Vetris-Molaud. »Bis zu einer Weggabelung.« Immer mehr Erinnerungen tauchten aus dem Schneegestöber auf. »Du hast dein Versprechen eingehalten, Gucky.«

»Welches Versprechen?«, fragte der Mausbiber.

»Im Notfall hole ich dich raus. Das hast du gesagt, ehe wir uns getrennt haben.«

»So bin ich nun einmal. Ein Ilt, ein Wort. Obwohl manche behaupten, es müsste heißen: ein Ilt, ein Wörterbuch. Egal. Du erinnerst dich?«

»Vage. Ich folgte Blautvind in einen Gang, während ihr den anderen Korridor genommen habt.«

Das Bild der verschränkten Hände vor dem inneren Auge kratzte an den Verkrustungen ihres Gedächtnisses. Die Tür im Schnee öffnete sich einen Spalt.

»Der Zwergandroide zog eine Energiewaffe aus seinem kobaltblauen Anzug und sagte ...«

*

Der Zwergandroide zog eine Energiewaffe aus seinem kobaltblauen Anzug und sagte: »Uns erwarten nicht nur die Chaogramme.«

»Sehr beruhigend«, gab ich zurück.

»Ich kann daran nichts Beruhigendes erkennen.«

Und ich kann an dir keinen Sinn für Sarkasmus erkennen. Ich verkniff es mir, den Gedanken auszusprechen.

Blautvind war nur unwesentlich größer als Gucky. Ich empfand ihn als ein Wesen voller Widersprüche. In seinem greisenhaften, von Falten durchfurchten Gesicht saßen zwei riesengroße Kinderaugen. Sie sorgten dafür, dass er unendlich traurig aussah. Wenn er mit seiner etwas schleifend klingenden Stimme sprach, konnte ich jedoch weder aus dem Tonfall noch aus den Worten Emotionen heraushören. Sein knochendürres, zerbrechliches Erscheinungsbild weckte in mir einen nie gekannten Mutter- und Beschützerinstinkt, obwohl vermutlich eher ich seinen Schutz brauchte.

Als spürbarsten Widerspruch empfand ich im Moment allerdings, dass er auf seinen dünnen, kurzen Beinchen ein Tempo vorlegte wie ein langbeiniger, durchtrainierter Läufer. Ich hatte Mühe, ihm zu folgen. Und das Flugaggregat meines SERUNS wollte ich in dem engen Gang nicht aktivieren.

Der Korridor führte ohne weitere Abzweigungen schnurgerade voran. Oder anders gesagt: ohne potenziellen Fluchtweg.

Ich dachte an den bisherigen Weg durch die LEUCHTKRAFT. An das Chaofaktum, das nach Vimuin Lichtschlags Analyse die Hülle des Schiffs befallen hatte. An die Chaophotonen, die bewegliche Zonen der Dunkelheit schufen. Nein, nicht der Dunkelheit, sondern der Nicht-Existenz, des Nichts. Regionen – Lichtschlag nannte sie Blindung –, die alles in sich hineinfraßen, was ihren Weg kreuzte. Und an die Auswirkungen der Blindung: Schattenrisse in annähernd humanoider Form, die uns wie bewusste Lebewesen gezielt attackiert hatten und gegen die kein Kraut gewachsen war. Wenigstens nicht in meinem Kräutergarten. Lichtschlag bezeichnete sie als Chaogramme. Gucky hatte den eingängigeren Begriff Schattenkobolde für sie geprägt. Auf sie zu schießen, brachte nichts ein, und sie körperlich anzugreifen, kam Selbstmord gleich. Zumindest vermutete ich das. Versucht hatten wir es nicht.

Wenn man den Chaogrammen begegnete, gab es nur eine sinnvolle Verhaltensweise: Flucht. Etwas, das in diesem mir immer länger erscheinenden Korridor unmöglich war.