Perry Rhodan 7: Atlan (Silberband) - Kurt Brand - E-Book

Perry Rhodan 7: Atlan (Silberband) E-Book

Kurt Brand

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Beschreibung

Der weißhaarige Fremde mit den roten Augen, der im Jahr 2040 unvermittelt auftaucht, nennt sich Atlan. Er ist uralt und lebt seit gut zehntausend Jahren auf der Erde - seit er dort strandete. Dank eines sogenannten Zellaktivators ist er relativ unsterblich. Über Jahrtausende hinweg hat der geheimnisvolle Arkonide die Entwicklung der Menschen gefördert und begleitet. Nur mit technischer Hilfe der Menschen kann er sein Ziel erreichen: die Rückkehr zu seiner Heimatwelt Arkon. Zusammen mit seinen Gefährten hat Perry Rhodan in der Zwischenzeit das Solare Imperium der Menschheit errichtet, ein kleines Sternenreich, das sich vor den Mächten der Milchstraße verborgen hält. Erste Planeten wurden besiedelt, eine schlagkräftige Raumflotte entstand. Wird die Erde aber von den galaktischen Mächten entdeckt, droht ihre Invasion. Deshalb betrachtet Rhodan die Pläne Atlans mit Argwohn. Seine Rückkehr nach Arkon muss um jeden Preis verhindert werden. Es kommt zum erbitterten Duell der beiden Männer. Auf dem Wüstenplaneten Hellgate kämpfen sie gegeneinander und ums Überleben.

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Nr. 7

Atlan

Der weißhaarige Fremde mit den roten Augen, der im Jahr 2040 unvermittelt auftaucht, nennt sich Atlan. Er ist uralt und lebt seit gut zehntausend Jahren auf der Erde – seit er dort strandete. Dank eines so genannten Zellaktivators ist er relativ unsterblich. Über Jahrtausende hinweg hat der geheimnisvolle Arkonide die Entwicklung der Menschen gefördert und begleitet. Nur mit technischer Hilfe der Menschen kann er sein Ziel erreichen: die Rückkehr zu seiner Heimatwelt Arkon.

Zusammen mit seinen Gefährten hat Perry Rhodan in der Zwischenzeit das Solare Imperium der Menschheit errichtet, ein kleines Sternenreich, das sich vor den Mächten der Milchstraße verborgen hält. Erste Planeten wurden besiedelt, eine schlagkräftige Raumflotte entstand.

Einleitung

Zwischen dem Erscheinungsdatum dieses PERRY-RHODAN-Buches und dem eintausendsten Band der PERRY-RHODAN-Romanserie liegen nur wenige Wochen, und alle Leser, die die Handlung seit nunmehr zwanzig Jahren verfolgen, wissen, dass die Person, die diesem PERRY-RHODAN-Buch mit ihrem Namen den Titel lieh, noch immer obenan in der Beliebtheitsskala der Rhodan-Helden steht. Gemeint ist natürlich Atlan, den man durchaus als ein Phänomen in den Reihen der oft exotischen Hauptdarsteller der PERRY-RHODAN-Romane ansehen muss. Was die Faszination dieses Charakters ausmacht, soll hier nicht näher ergründet werden, vermutlich hängt es mit Atlans Widersprüchlichkeit zusammen. Der PERRY-RHODAN-Roman »Der Einsame der Zeit« war bei seinem Erscheinen ein großer Erfolg und hat (wie alle Atlan-Abenteuer danach) viel dazu beigetragen, dass die PERRY-RHODAN-Serie nur schwer ohne die Verwendung von Superlativen zu beschreiben ist. Wie groß die Beliebtheit des »Kristallprinzen« Atlan ist, zeigt u.a. die Tatsache, dass der Verlag eine eigenständige ATLAN-Romanserie herausbrachte, die mittlerweile fast fünfhundert Bände umfasst und in zwei Auflagen erscheint. Der besondere Reiz der Atlan-Abenteuer liegt vermutlich auch in der Form, in der diese Romane geschrieben wurden – als Ich-Erzählungen. Es wäre schon fast einem Frevel gleichgekommen, hätte man in der hier vorliegenden Buchausgabe darauf keine Rücksicht genommen, nur, um vielleicht einen Eindruck noch größerer Handlungsgeschlossenheit zu erzielen. Immerhin wurden die beiden ersten Atlan-Abenteuer (Der Einsame der Zeit und Der Zweikampf – beide von K. H. Scheer) für dieses Buch zusammengefasst. Zusammen mit den Romanen Rotes Auge Beteigeuze; Die Erde stirbt; Die Toten leben – alle drei von Clark Darlton, und Der Schatten des Overhead von Kurt Brand bilden sie den Inhalt dieses Buches, das aus den oben genannten Gründen in drei Teile gegliedert wurde. Dabei ist die Redaktion in der bewährten Form verfahren: Fehler und Widersprüche der Originalromane wurden völlig zu beseitigen versucht, und langweilige Passagen fielen ebenfalls dem Rotstift zum Opfer, ohne dass dabei all jene Dinge berührt wurden, die den Reiz dieser erstmals 1962 erschienenen Romane ausmachen. Für die freundliche Hilfe, die mir dabei (vor allem von Christa Schurm, Franz Dolenc und G. M. Schelwokat) zuteil wurde, bedanke ich mich.

Heusenstamm, Februar 1980

Vorwort

Die Geschichte der Dritten Macht in Stichworten:

1971 – Die Rakete STARDUST erreicht den Mond, und Perry Rhodan entdeckt den gestrandeten Forschungskreuzer der Arkoniden.

1972 – Aufbau der Dritten Macht gegen den Widerstand der irdischen Großmächte und Abwehr außerirdischer Invasionsversuche.

1975 – Die Dritte Macht greift erstmals in das galaktische Geschehen ein. Perry Rhodan stößt auf die Topsider und versucht das »galaktische Rätsel« zu lösen.

1976 – Die STARDUST II entdeckt den Planeten WANDERER, und Perry Rhodan erlangt die relative Unsterblichkeit.

1980 – Perry Rhodans Rückkehr zur Erde.

1981 – Der OVERHEAD greift an.

1982/83 – Die Springer kommen, um die Erde als potentielle Konkurrenz im galaktischen Handel auszuschalten.

1984 – Perry Rhodans erster Kontakt mit Arkon und dem regierenden Positronengehirn im Kugelsternhaufen M 13.

Um den Heimatplaneten der Menschheit vor der Vernichtung zu bewahren, die durch die Streitkräfte der Springer und Aras droht, hat Perry Rhodan ein riskantes Täuschungsmanöver eingeleitet.

Die Angreifer, geleitet von der »korrigierten« Positronik aus Topthors Schlachtschiff, sollen im dritten Planeten des Beteigeuze-Systems die Erde sehen.

Teil I

1.

In Terrania, im Herzen der Wüste Gobi, herrschte Hochbetrieb. Die Millionenstadt, Keimzelle der geeinten Erde, erwartete den Bericht ihres ersten Bürgers, der nach halbjähriger Abwesenheit endlich wieder zum Heimatplaneten zurückgekehrt war. Niemand wusste, was in diesen sechs Monaten geschehen war, aber jeder ahnte, dass Ereignisse von äußerster Wichtigkeit Perry Rhodan so lange von der Erde ferngehalten hatten.

Chefingenieur Kowalski und Elektronentechniker Harper hatten Feierabend und saßen erwartungsvoll vor ihren Teleschirmen im gemeinsamen Wohnraum, den sie noch mit zwei Kollegen teilten, die Spätschicht hatten.

Das Stationsbild zeigte den Weltraum. Im Hintergrund schwebte die Milchstraße, davor stand der Schatten eines torpedoförmigen Schiffes. Nur ein einziges Wort verriet die Sendestation der angekündigten Sendung von Terravision: Terrania.

Jeder Zuschauer wusste nun, dass ein großes Ereignis bevorstand. Es würde niemanden geben, der diese Sendung versäumte. Die Weltregierung sprach zur Bevölkerung eines ganzen Planeten, vielleicht sogar der Administrator selbst – Perry Rhodan.

»Er ist heute zurückgekommen«, sagte Kowalski, und Harper wusste, wen er meinte. Jeder hatte den gewaltigen Kugelraumer landen sehen, ein Schiff, wie es die Erde noch nie zuvor erblickt hatte. Anderthalb Kilometer maß die Riesenkugel im Durchmesser. In schwarzen Lettern stand an ihrer Arkonitwandung der Name: TITAN. »Ich bin gespannt, welche Neuigkeiten er mitzuteilen hat.«

Er – das war Perry Rhodan, jener Mann, der die Erde geeint hatte.

»Wir werden ja sehen«, murmelte Harper und räkelte sich im Sessel. »Jedenfalls hat sich eins nicht geändert: Die Pausen im Fernsehen sind geblieben. Ah – es geht los!«

Die silbern schimmernde Milchstraße auf dem Schirm erlosch und machte dem Gesicht eines Mannes Platz. Jeder kannte dieses Gesicht. Es gehörte Colonel Albrecht Klein, dem Stellvertreter Rhodans. Während der Abwesenheit des Administrators vertrat er die Belange der Dritten Macht und leitete die Geschäfte der Weltregierung, von Allan D. Mercant tatkräftig unterstützt.

»Freunde! Terraner!«

Oberst Klein legte eine wirkungsvolle Pause ein und sah mit einem freundlichen Lächeln in die Kamera – und somit quasi in die Augen von mehr als zwei Milliarden Menschen.

»Perry Rhodan ist von seiner Expedition zurückgekehrt und wird Sie über die wichtigsten Ereignisse kurz informieren. Ein ausführlicher Bericht ist in den nächsten Tagen zu erwarten, so dass ich um Verständnis bitte, wenn der Administrator sich kurz fasst. Ich übergebe Perry Rhodan hiermit das Wort.«

Oberst Klein verschwand von der Bildfläche der Schirme.

»Ging ja ziemlich kurz und schmerzlos«, bemerkte Harper und sah interessiert zu, wie die sich zurückziehende Kamera Klein wieder einfing und dann den Saal wiedergab, in dem die Delegierten des Rates der Weltregierung an einem hufeisenförmigen Tisch saßen. »Dort – das ist er.«

Kowalski nickte. Er hatte Rhodan schon längst erkannt. Die knapp sitzende Uniform der Raumflotte betonte seine Figur, als er sich nun erhob und zum Rednerpodium schritt. Er drückte Oberst Klein die Hand – und dann stand er vor der Kamera, die sein Bild in alle Teile der Welt brachte.

Simultantranslatoren verwandelten jedes seiner Worte in Sekundenschnelle sofort in die Sprache des jeweiligen Landes, in dem Bild und Ton empfangen wurden. Jeder konnte somit seine Worte verstehen.

»Terraner!« Rhodans Stimme klang ein wenig belegt, wenn er auch lächelte. In seinen grauen Augen schien die Zeitlosigkeit des unendlichen Raumes zu schimmern, der seine zweite Heimat geworden war. Aber aufmerksame Beobachter erkannten noch etwas in seinem Gesicht – einen Ausdruck tiefer Besorgnis.

»In den vergangenen sechs Monaten hat sich viel ereignet – sowohl hier auf der Erde als auch in den Weiten des Raumes. Sie alle werden sich erinnern, dass wir eine Expedition starteten, um das Imperium der Arkoniden aufzusuchen, das im Sternennebel M 13, vierunddreißigtausend Lichtjahre von uns entfernt, existiert. Nun, wir fanden Arkon, das Hauptsystem, erlebten jedoch eine arge Enttäuschung. Vor sechs Jahren bereits wurden die Arkoniden dort von einem unvorstellbar großen Positronengehirn abgelöst, das nun über ein Sternenreich regiert, größer als alles, was je in der Galaxis Bestand hatte.«

Rhodan machte eine kurze Pause, um die Bedeutung seiner Worte einwirken zu lassen. Die Kamera schwenkte kurz von ihm weg und zeigte die beiden Arkoniden Crest und Thora in Großaufnahme.

Harper pfiff leise und meinte: »Eine tolle Frau, diese Thora. Schlank und groß. Die weißen Haare und die rötlichen Augen würden mich kaum stören. Sie ist nicht eigentlich schön, aber von ihr geht ein seltsamer Reiz aus, dem ich nicht widerstehen ...«

Rhodan kam wieder ins Bild.

»Es gelang uns, dem Imperium das größte bisher gebaute Schlachtschiff abzunehmen – die TITAN. Durch geschickte Taktik gelang es uns, einen Waffenstillstand mit dem Robotregenten zu schließen. Dies gab uns die Möglichkeit, verschiedene Operationen durchzuführen, die nur scheinbar im Interesse des Regenten lagen. Tatsächlich ging es uns darum, die Gefahr, die uns von den Springern droht, abzuwenden. Der überschwere Topthor kennt die Position der Erde – wenigstens glaubt er, sie zu kennen. Er und das Positronengehirn seines Schiffes. Aber es gibt noch jemanden, der gern wüsste, wo die Erde zu finden ist: das gigantische Robotgehirn auf Arkon. Terraner, unsere Welt kennt keinen gefährlicheren Feind als dieses Robotgehirn. Und Terra ist im Begriff, galaktische Bedeutung zu erlangen.«

Rhodan wurde durch Beifall der Delegierten unterbrochen. Er dankte ihnen durch ein Kopfnicken und fuhr fort: »Das Robotgehirn von Arkon handelt mit eiskalter Logik und völliger Kompromisslosigkeit. Es sieht in uns nichts als eine willkommene Hilfskraft, die es nach Belieben einsetzen kann, um seinen Belangen dienlich zu sein. Die Erde aber hat kein Interesse daran, eine Kolonie Arkons zu werden.«

Erneut brandete Beifall auf. Harper und Kowalski klatschten begeistert mit. Auf dem Bildschirm wurden wieder Crest und Thora sichtbar, die sich jeder Gefühlsäußerung enthielten. Reglos saßen sie auf ihren Plätzen. In den Augen des hochgewachsenen Crest leuchtete es kurz auf, aber niemand hätte zu sagen vermocht, ob es etwa Unwille war. Thora ließ Rhodan keine Sekunde aus den Augen.

Rhodan wartete ab, bis es wieder ruhig wurde, und fuhr fort: »Das Robotgehirn weiß aber nicht, wo das Sonnensystem in der Unendlichkeit des Raumes steht. Noch weiß es das nicht. Topthor kann uns nicht mehr verraten, da wir die Speicherabteilung des Positronengehirns auf seinem Schiff veränderten und ihm eine falsche Erinnerung gaben. Wenn Topthor heute seinen Roboter nach der Erde befragt, so wird er die Antwort erhalten, dass sie der dritte Planet der Riesensonne Beteigeuze ist, im Orion, zweihundertzweiundsiebzig Lichtjahre von uns entfernt.

Es ist mein Plan, dass die Händler – vielleicht sogar das Robotgehirn von Arkon – diesen dritten Planeten vernichten und fest daran glauben, die Erde zerstört zu haben. Den arkonidischen Katalogen nach ist dieser dritte Planet unbewohnt, aber wir werden dafür sorgen, dass man das nicht bemerkt. Die Erde wird also offiziell aufhören zu existieren. Erst dann werden wir Zeit erhalten, unsere Raumflotte in aller Ruhe aufzubauen, bis wir eines Tages vor Arkon hintreten und unsere Bedingungen stellen können. Und zwar nicht als Hilfsvolk, sondern als gleichberechtigter Partner.

Terraner! Ich habe Sie mit meinem Plan vertraut gemacht, um Ihnen unser späteres Verhalten zu erklären. Noch in dieser Woche werden zwei unserer schweren Kreuzer in Richtung Orion starten, um einem unbewohnten Planeten den Anschein des Bewohntseins zu geben. Es ist damit zu rechnen, dass der überschwere Topthor nicht lange damit warten wird, die verhasste Erde zu vernichten. Er soll seinen Willen haben.«

Rhodan hob grüßend seine Hand. Das Bild erlosch, und das Kennzeichen Terrania kehrte zurück.

»Diese Ungerechtigkeit schreit förmlich zum Himmel, und ich werde mich dort über die Verhältnisse hier beschweren!«

Die Stimme war ungemein hell und schrill, der Ton klang voller Vorwurf und Zorn. Aber das schien auf Rhodan nur geringen Eindruck zu machen, denn er lächelte sanft und strich dem Sprecher besänftigend durch das rotbraune Nackenfell.

»Aber Gucky! Warum so heftig? Hast du nicht einen Urlaub redlich verdient? Ich bleibe ja auch hier.«

Aber Gucky wollte heftig sein. Er stand neben Rhodan auf einem Sessel, zu seiner vollen Höhe aufgerichtet, die aber nur einen knappen Meter betrug. Die großen Ohren verrieten ein empfindliches Gehör, die spitze Schnauze einen ausgeprägten Geruchssinn und das breite Hinterteil mit dem löffelartig verdickten Schwanz wenig Begeisterung für lange Spaziergänge.

Das aber hatte Gucky auch nicht nötig, denn er war Teleporter und konnte sich jederzeit an einen anderen Ort versetzen. Außerdem besaß er noch die Gabe des Gedankenlesens, war also Telepath und konnte kraft seines Geistes Materie bewegen, ohne sie anzurühren; eine Fähigkeit, die unter der Bezeichnung Telekinese bekannt war.

Gucky war eine Universalbegabung, was niemand, der ihn zum ersten Mal sah, ohne weiteres glaubte.

»Stimmt«, maulte er jetzt und grinste empört mit seinem einzigen Nagezahn, der sich am liebsten mit rohen Mohrrüben beschäftigte. »Aber zehn Mutanten fliegen mit. Bloß ich nicht.«

»Mein Entschluss steht fest«, wischte Rhodan jeden Einwand nun energisch beiseite und wandte sich wieder den versammelten Männern zu, die das Zwischenspiel mit unterschiedlich großem Interesse verfolgt hatten. »Major Deringhouse übernimmt die CENTURIO, Major McClears die TERRA. Beide Kreuzer haben eine Besatzung von je vierhundert Mann und sind mit Struktur-Kompensatoren ausgerüstet. Niemand wird die Hypersprünge orten können. Außerdem nehmen zehn Mitglieder des Mutantenkorps an der Expedition teil. John Marshall ist der Leiter der Mutanten. Er erhält von mir uneingeschränkte Vollmachten und ist lediglich Deringhouse unterstellt.«

Neben Rhodan stand ein untersetzter, knochiger Mann mit roten Borstenhaaren und einem breiten Gesicht. In seinen wasserblauen Augen stand eine unausgesprochene Frage, als er fast unmerklich den Kopf schüttelte. Rhodan hatte es bemerkt.

»Was ist, Bully? Irgendwelche Einwände?«

Reginald Bull, Rhodans bester Freund und engster Vertrauter, schien überrascht, so unmittelbar angesprochen zu werden, aber er überwand seine Verlegenheit schnell. »Nein, es ist schon alles klar – ich möchte nur Gucky recht geben.«

»Was soll das bedeuten?«

»Ich finde es ungerecht, wenn ausgerechnet wir zurückbleiben sollen. Was haben wir hier schon verloren, wenn fast dreihundert Lichtjahre von hier über Sein oder Nichtsein der Menschheit entschieden wird? Gucky ist der beste Para, und ich – ich ...«

»Hm?«, machte Rhodan und grinste. »Und du?«

»Ich bin immerhin Guckys Freund«, war alles, was Bully als Begründung anzuführen vermochte.

Auf seinem Sessel spitzte der Mausbiber die Ohren. In seinen blanken Augen funkelte es vergnügt.

»Danke, alter Kampfgenosse, vielen Dank«, zirpte er fröhlich. »Ich werde mir das für spätere Gelegenheiten merken. Aber ich fürchte, unsere Bemühungen sind vergeblich. Der Schlachtplan steht fest. Wir werden diesmal nicht benötigt.«

Rhodan lächelte ihm zu. »Wie gut du die Situation erfasst hast, Gucky. Beide Schiffe stehen schon startbereit und werden noch in dieser Nacht ihren Flug nach Beteigeuze antreten. Major Deringhouse, Sie kennen den Plan. Sie werden mit McClears die Abwehr des dritten Planeten spielen. Dabei ist unter allen Umständen darauf zu achten, dass keines der Springerschiffe auf dem dritten Planeten landet, da dadurch unser Trick sofort durchschaut würde. Den Springern müssen Einzelheiten der Planetenoberfläche verborgen bleiben. Wir müssen also danach trachten, dass sie die Arkonbombe aus dem Weltraum heraus auf den Planeten lenken. Ich werde mich mit der TITAN in der Nähe aufhalten und zum gegebenen Zeitpunkt eingreifen. Wir müssen diese Welt opfern. Sie ist ohne jedes intelligente Leben. Die Händler werden nicht zögern, die Vernichtung des geheimnisvollen Planeten Terra als gegeben zu betrachten. Sogar das Robotgehirn auf Arkon wird ihnen dankbar sein – rein logisch gesehen.«

Die beiden schweren Kreuzer waren Kugelschiffe mit einem Durchmesser von 200 Meter. Mit Sprüngen durch den Hyperraum konnten sie unvorstellbare Entfernungen in Sekundenschnelle zurücklegen, lediglich die positronische Errechnung der jeweiligen Koordinaten verschlang eine beachtliche Zeit, die in keinem Verhältnis zur eigentlichen Reisedauer stand. Die Bewaffnung bestand aus Impulsstrahlern und anderen Ausrüstungen arkonidischer Herkunft. Starke Energieschirme schützten die Kugeln vor jedem Angriff. Antigravfelder neutralisierten jeden Andruck bei Bremsmanövern, Landung oder Start.

Crest räusperte sich.

»Und was geschieht dann?«, fragte er leise.

Rhodan blickte ihn an. »Wenn die Vernichtung der Erde vorgetäuscht ist, meinen Sie? Nun, dann werden wir uns vorbereiten, Crest. Vielleicht werden es Jahre sein, die wir benötigen, um unser Ziel zu erreichen, vielleicht Jahrzehnte. Jedenfalls werden wir erst dann wieder nach Arkon vorstoßen, wenn wir ohne jede Bedenken die Position der Erde verraten können – einer Erde, die plötzlich wieder zu existieren beginnt. Und einer Erde, die dem Robotgehirn von Arkon standhalten kann. Ich denke, es geschieht auch in Ihrem Interesse, Crest, Thora.«

Die beiden Arkoniden nickten mit seltener Einmütigkeit.

2.

Als die CENTURIO materialisierte, sah Major Deringhouse etwas, das ihn die Transitionsschmerzen sofort vergessen ließ.

Er hielt sich in der Beobachtungskuppel nahe am Äquator des Schiffes auf. Das transparente Dach machte alle Bildschirme unnötig. Als stünde man selbst mitten im Weltraum – das war der Eindruck, den jeder gewann, der von hier aus hinausblickte.

An Backbord tauchte nun das Schwesterschiff TERRA auf.

Aber das war es nicht, was Deringhouse so beeindruckte.

Es war der Stern, der vor den beiden mit knapp Lichtgeschwindigkeit weiterfliegenden Schiffen im Raum stand.

Beteigeuze.

Wie ein gelbrotes Riesenauge schwamm das Gestirn in der Unendlichkeit des Universums, größer und mächtiger als alle Sterne, die Deringhouse je gesehen hatte. Die anderen Sonnen verblassten vor dem matten Glanz des Giganten, und es schien, als schämten sie sich ihrer eigenen bescheidenen Helligkeit.

Das war also Beteigeuze, die rote Riesensonne. Wenn man sie an die Stelle von Sol setzte, reichte ihr flammender Rand bis über die Marsbahn hinaus. Sie war kühler als die irdische Sonne, aber dieser Faktor wurde durch die unvorstellbaren Ausmaße wieder ausgeglichen.

Vierzehn Planeten sollten Beteigeuze umlaufen, die man als unregelmäßige Variable bezeichnete und deren Oberflächentemperatur etwa zweieinhalbtausend Grad Celsius betrug. Vierzehn Planeten, von denen der dritte die Rolle der Erde übernehmen sollte.

Denn wenn Topthor sich auch an vieles nicht mehr erinnern würde, eines hatte er sicherlich nicht vergessen: Die Erde war der dritte Planet eines Sonnensystems. Natürlich würde er bald seinen Irrtum erkennen, denn wie hätte ein galaktischer Händler Beteigeuze mit Sol verwechseln können, aber – so hatte Rhodan lächelnd versichert – dann würde es für ihn zu spät sein, den Fehler zu korrigieren.

Ein Gefühl der Beklemmung beschlich Deringhouse, als er dem roten Riesenauge entgegenstarrte. Bisher hatte er nie viel auf Vorahnungen gegeben, aber diesmal schien das etwas anderes zu sein. Vielleicht lag es an der einmaligen Natur des Planes, vielleicht aber auch an den vielen Unbekannten in dieser Gleichung – jedenfalls musste Deringhouse seine ganze Entschlossenheit aufbringen, um nicht seinen Zweifeln zu erliegen. Was hätte es auch schon genutzt?

Er gab sich einen Ruck und stand auf. Hochaufgerichtet verließ er das Observatorium und ließ sich von dem Transportband in die Zentrale bringen, wo sein Erster Offizier, Captain Lamanche, bereits auf ihn wartete.

»Letzte Transition vollendet«, meldete der ältere Offizier unnötigerweise. »Ziel steht zwei Lichttage vor der CENTURIO.«

»Danke.« Deringhouse nickte und betrachtete die Panoramabildschirme. Sie gaben naturgetreu die Umgebung des Schiffes wieder, falls man nicht die spezielle Vergrößerung einschaltete. Das war im Augenblick nicht der Fall. »Alles normal verlaufen?«

»Ja, Sir. Auch auf der TERRA. McClears erwartet Ihre Anordnungen.«

Deringhouse nickte befriedigt. Seine Unsicherheit schwand. »Stellen Sie die Verbindung her!«, befahl er ruhig.

Während er auf das Aufglühen des Telekombildschirms wartete, versuchte er sich zu erinnern, was er über das vor ihm liegende Sonnensystem wusste. Viel war es nicht. Der dritte Planet war unbewohnt, das stand fest. Lediglich auf dem vierten Planeten sollte es primitives Leben geben, so stand es in den Sternkatalogen verzeichnet. Die Oberfläche sei zum größten Teil mit Wasser bedeckt.

Das waren Angaben, die stimmen konnten – aber genausogut konnten sie auch veraltet sein. Niemand hatte eine Ahnung, wann die Arkoniden einst das System der Beteigeuze gefunden und katalogisiert hatten. Das konnte vor Jahrtausenden geschehen sein.

Major McClears erschien auf dem Bildschirm.

»Da wären wir also«, stellte er in einem Tonfall fest, als habe er ein neues Universum entdeckt. »Ziemlich mächtige Sonne, finden Sie nicht auch?«

»Riesenbrocken«, gab Major Deringhouse knapp zurück. Sein Blick wanderte unwillkürlich zum benachbarten Schirm, wo das rote Auge schimmerte und ihn anzublicken schien. »Die Gravitation muss unvorstellbar groß sein.«

»Nicht so schlimm, wenn wir die vorgeschriebenen Entfernungen einhalten, Deringhouse. Der dritte Planet ist einige Milliarden Kilometer von der flammenden Oberfläche entfernt.«

»Meinen Sie nicht auch, dass wir uns zuerst einmal den vierten Planeten ansehen sollten?«

»Warum?«

»Weil er Leben trägt. Primitives, zugegeben, aber immerhin Leben.«

McClears warf einen kurzen Blick auf die Karten. »Der dritte Planet liegt genau vor uns, während der vierte hinter der Sonne steht. Es wäre also ein Umweg, außerdem ist es ja der dritte Planet, den wir ...«

»Schon gut, McClears. Einigen wir uns auf einen Kompromiss: Wir sehen uns kurz den dritten an und fliegen dann weiter zum vierten. Ich möchte wissen, wer in unserer Nachbarschaft lebt, wenn der dritte Planet von den Springern angegriffen wird.«

»Einverstanden, Deringhouse. Bleiben wir bei der Unterlichtgeschwindigkeit?«

»Ja. Ich bin nicht für einen Sprung, weil ich mir alles in Ruhe ansehen möchte, wenn wir in das System eindringen. Die Springer glauben, hier die Erde zu finden. Vielleicht sind sie uns bereits zuvorgekommen und haben ihre Schiffe schon hierhergeschickt. Wir müssen sehr vorsichtig sein. Vielleicht sollten wir uns auch trennen.«

Die Springer, das wusste Deringhouse, durften nicht als kriegerisches Volk beurteilt werden. Sie waren Händler, mehr nicht. Aber eben Händler mit sehr eigenwilligen Anschauungen und dem festen Willen, keine Konkurrenten zu dulden. Sie handelten mit jedem und allem, aber nur zu ihren Bedingungen. Wer ihr Monopol gefährdete, wurde skrupellos beseitigt. Dafür gab es die Überschweren, ihre Spezialkampftruppe.

Nun war Rhodan dabei, den Spieß umzudrehen. Er betrachtete den friedlichen und fairen Handel als Garantie für ein Zusammenleben der verschiedenen Völker. Durch diese Auffassung war er automatisch zum gefährlichsten Gegner der Springer geworden, die keinen eigentlichen Heimatplaneten besaßen und überall in der Galaxis zu Hause waren.

Der Kampf konnte Jahrhunderte dauern. Durch Rhodans Trick aber sollte er abrupt beendet werden.

»Trennen?«, fragte McClears und unterbrach Deringhouses Gedankengang. »Warum das? Das ist unnötig.«

»Meinetwegen. Bleiben wir also zusammen«, ließ sich Deringhouse überreden. »Wir verlangsamen in der Nähe des dritten Planeten, um kurz zu beobachten. Dann geht es ohne Aufenthalt weiter zum vierten Planeten. Da wir Beteigeuze umrunden müssen, schlage ich zwei Kurztransitionen vor. Die genauen Koordinaten gebe ich noch bekannt. Machen Sie's gut, McClears. Wir bleiben weiter in Verbindung.«

Der Schirm erlosch, aber die Funkzentralen hielten Kontakt.

Deringhouse wandte sich an Captain Lamanche. »Kurs halten. Ich begebe mich in die Beobachtungskuppel. Sagen Sie Marshall, dass ich ihn sprechen möchte.«

Lamanche nickte und schaltete den Interkom ein.

Deringhouse verließ die Zentrale und betrat fünf Minuten später wieder den Beobachtungsraum. Obwohl kein Licht eingeschaltet war, strahlte der Raum in rötlichem Schimmer. Längst schon lagen die äußeren Planeten weit hinter der CENTURIO.

Es waren riesige Eiswelten, die einsam und in ewiger Dämmerung ihre Bahnen zogen, bar jeden Lebens.

Der fünfte Planet stand weit an Steuerbord, ein rötlich schimmernder Gigant von doppelter Jupitergröße. Die Analysen zeigten, dass er bereits außerhalb der Lebenszone von Beteigeuze lag.

Deringhouse setzte sich. Ergriffen starrte er hinein in die weite Leere des Riesensystems. Selbst mit Lichtgeschwindigkeit würde es Wochen dauern, wollte man es durchqueren.

Beteigeuze war größer geworden, aber immer noch Lichttage entfernt. Wenn Deringhouse ehrlich war, dann musste er sich eingestehen, dass ihn der Anblick nicht enttäuschte. So etwa hatte er sich den Riesenstern vorgestellt, wenn er ihn früher am heimatlichen Abendhimmel gesehen hatte, im Sternbild des Orion. Schon von der Erde aus funkelte das rote Auge wie zornig und drohend durch die weiten Räume der Unendlichkeit. Über Lichtjahrhunderte hinweg übte es seine Wirkung auf den Beschauer aus. Und weil Beteigeuze ihre Helligkeit unregelmäßig veränderte, war es den Beobachtern so gewesen, als blinke das rote Auge ihnen zu. Niemand aber hätte zu sagen vermocht, ob es ein freundliches Blinken oder eine fürchterliche Drohung sein sollte, eine Warnung: Vorsicht, Erdenwurm!

Keine Sorge, Beteigeuze, dachte er bitter. Von dir wollen wir ja nichts. Aber eins deiner Kinder ...

Blinkte Beteigeuze nicht Antwort?

Hinter ihm glitt die Tür in die Wandung, schloss sich dann wieder.

»Sie wollten mich sprechen, Major?«

John Marshall war in die Kuppel getreten. Natürlich war seine Frage völlig überflüssig, denn Marshall war Telepath und wusste längst, was der Kommandant dachte. Aber er bemühte sich immer, seine Fähigkeiten nicht zu sehr zu betonen.

Deringhouse nickte, ohne sich umzudrehen. »Setzen Sie sich, Marshall. Was sagen Sie zur Beteigeuze?«

Marshall nahm Platz und schaute für lange Sekunden hinaus in den leeren Raum zwischen den Planeten. Dann blieb sein Blick auf der rötlich schimmernden Riesensonne hängen.

»Beteigeuze wird zum Wendepunkt der menschlichen Geschichte«, murmelte er versonnen. »Rhodan hätte sich keinen geeigneteren Stern dafür aussuchen können.«

Deringhouse gab keine Antwort. Stumm starrte er auf den Stern, dessen Strahlen durch die vielen Schichten des glasähnlichen Stoffes gefiltert und so unschädlich gemacht wurden. Die Sonne strahlte rot und heiß, aber nicht zu hell, um die Augen zu blenden.

»Sind Sie nicht der gleichen Meinung?«, vergewisserte sich der Telepath, obwohl er die Antwort schon kannte.

»Doch.« Der Major nickte. »Ich denke wie Sie, aber Beteigeuze sieht nicht gerade friedlich aus. Ihr Anblick erinnert mich an den Mars, und die Menschen machten Mars zu ihrem Kriegsgott.«

»Richtig, Major. Aber Sie wissen selbst, dass sich das später als Irrtum herausstellte. Der Mars ist eine friedliche Welt – nicht zu vergleichen mit der flammenden Hölle vor uns. Vielleicht täuscht ihr Anblick genauso.«

»Hoffen wir es«, sagte Deringhouse, dessen Stimme nicht sehr zuversichtlich klang. Dann gab er sich einen sichtbaren Ruck. »Warum machen wir uns eigentlich Sorgen wegen Beteigeuze? Wir wollen ja nichts von dem roten Riesenstern – uns interessiert nur der dritte Planet.«

Marshall lächelte milde über die Art seines Vorgesetzten, sich über seine eigenen Vorahnungen hinwegzusetzen.

»Und der vierte«, erinnerte er ihn.

»Ja, natürlich, der besonders. Der Katalog verzeichnet primitives Leben. Die Oberfläche soll zu neunzig Prozent aus Wasser bestehen. Wir werden uns den einzigen Kontinent ein wenig ansehen, die Inselketten überqueren und dann zum dritten Planeten zurückkehren, wo wir auf die Springer warten. Ich wette, dieser Topthor sieht nun den besten Zeitpunkt für einen Angriff auf die Erde gekommen. Der Bursche wird sich aber wundern ...«

»Hoffen wir lieber, dass ihm dazu keine Zeit mehr bleibt«, bemerkte Marshall skeptisch. »Wenn er zu früh feststellt, dass er das falsche System vor sich hat, geht Rhodans Plan zum Teufel.«

Deringhouse schüttelte den Kopf. »Wir werden dafür sorgen, dass er es vergisst«, drohte er.

Es war eine Welt, die an die Venus erinnerte.

Langsam und in geringer Höhe strichen die beiden Kreuzer über die Oberfläche des dritten Planeten dahin. Drei große Kontinente schwammen in einem riesigen Urmeer, von dichten Urwäldern bedeckt, die nur von weiten Hochplateaus unterbrochen wurden. Die Gipfel zerklüfteter Gebirge ragten hoch bis in die niedrig ziehenden Wolken. Dazwischen lagen breite Täler.

Es schien fast unwahrscheinlich, dass es hier kein vernunftbegabtes Leben gab, aber so sehr sie auch suchten, sie fanden nicht den geringsten Hinweis.

Auf dem Bildschirm erschien McClears Gesicht.

»Das also ist Terra II«, sagte er, nur zum Teil befriedigt. »Eigentlich schade, finden Sie nicht? Man könnte etwas daraus machen.«

»Sie meinen besiedeln, nehme ich an?«, gab Deringhouse zurück. Er nickte langsam. »Sie haben vielleicht recht. Aber das, was Rhodan vorhat, ist wichtiger. Wichtiger jedenfalls als die Existenz dieses Planeten.«

McClears räusperte sich. »Sie wollten sich doch auch den vierten Planeten ansehen, bevor wir hier Stellung beziehen. Halten Sie es für notwendig, dass ich mitkomme, oder meinen Sie nicht auch, es wäre vielleicht besser, wenn ich mit der TERRA schon hier bliebe?«

Deringhouse überlegte, dann nickte er.

»Vielleicht kein dummer Gedanke, wenn wir uns jetzt trennen«, gab er zu. »Ich bin in zwanzig Stunden wieder zurück, länger werde ich kaum benötigen, mir die Wasserwelt anzusehen. Sobald ein Schiff der Springer in diesem System auftaucht, treffen wir uns bei Terra II und handeln, wie die Order es vorschreibt. Unsere Funkzentralen bleiben in Verbindung.«

McClears atmete sichtlich auf. »Ich kann mir währenddessen in aller Ruhe Terra II ansehen. Sobald Sie zurück sind, erhalten Sie einen ausführlichen Bericht. Halten Sie es für notwendig, einen Stützpunkt einzurichten?«

»Auf Terra II?« Deringhouse schüttelte den Kopf. »Nein, das wird kaum notwendig sein. Wenn die Springer angreifen, dürfen sie uns nicht auf der Oberfläche des Planeten antreffen. Das wäre zu gefährlich.« Er dachte einen Augenblick nach. »Sie können einen Fernaufklärer vom Typ Gazelle ausschleusen, wenn Sie wollen. Mit der TERRA aber bleiben Sie besser im Raum. Schließen Sie sich meiner Meinung an?«

McClears schloss sich an.

Nach dem Austausch weiterer Anweisungen, Informationen und guter Ratschläge verabschiedete sich Deringhouse und ging mit der CENTURIO auf neuen Kurs. Er durchstieß die dicke Wolkendecke des dritten Planeten und raste hinaus in den Raum.

Die erste Transition brachte das Schiff zu einer Stelle, von der aus beide Planeten seitlich der Riesensonne zu sehen waren. Rechts schimmerte hell und weiß die Wolkendecke von Terra II, während links der vierte Planet in einem fast unnatürlichen blau-rosa Licht funkelte. Wie ein Tropfen Meerwasser schwebte der Planet im All.

Während das Navigationsgehirn die Daten des zweiten Sprunges errechnete, betrachtete Deringhouse diesen riesigen »Wassertropfen«. Neben ihm saß John Marshall, während Captain Lamanche mit den Kontrollen beschäftigt war.

»Sieht gut aus«, nahm Marshall die Gedanken des Majors auf. Deringhouse nickte. »Wie ein blauer Diamant, der von einem roten Licht angestrahlt wird – ein herrlicher Anblick. Beteigeuze IV hört sich für dieses Wunder zu prosaisch an. Wollen wir ihn ›Aqua‹ nennen?«

»Den Wasserplaneten? Warum nicht? Der Name passt zu ihm.«

»Also dann Aqua.« Deringhouse nickte abermals. »Ich bin gespannt, was wir auf ihm finden werden.«

»Wahrscheinlich Wasser«, piepste eine dünne Stimme aus der Ecke des Kontrollraums. Deringhouse drehte sich langsam um und starrte in das Halbdunkel, an das sich seine Augen nur langsam gewöhnten.

John Marshall war herumgefahren, als hätte ihn eine Natter gebissen.

In der Ecke hockte Gucky, grinste verschämt mit dem einzigen Nagezahn und lächelte gleichzeitig um Vergebung bittend mit den sanften, braunen Augen.

»Du?«, japste Deringhouse und wäre fast aus dem Sessel gekippt.

»Ich!«, bestätigte Gucky und wandte nun seine Aufmerksamkeit John Marshall zu, der immer noch reglos dasaß und die unerwartete Erscheinung anstarrte. »Vergiss nicht, Luft zu holen, Johnny. Der menschliche Körper hält es nicht länger als drei Minuten ohne Sauerstoff aus – und es wäre schade um dich.«

Marshall holte tief Luft. »Wie kommst du denn hierher?«

Gucky lehnte sich zurück und stützte sich gegen die Wand. »Du wirst es mir nicht glauben, aber mit der CENTURIO.«

»Rede keinen Unsinn jetzt, Gucky! Ich habe neun Leute aus dem Korps mitgenommen. Du warst nicht darunter.«

»Du hast eben zehn mitgenommen, nur wusstest du nichts davon«, versuchte der Mausbiber eine lahme Erklärung. »Natürlich weiß auch Rhodan nichts davon. Der wird dumm schauen, wenn er davon erfährt.«

Marshall erhob sich langsam und schritt auf Gucky zu. »Du wirst, fürchte ich, noch dümmer schauen, mein Lieber. Musst du denn immer gegen die Vorschriften handeln? Du hast dich an Bord geschlichen? Wann?«

»Geschlichen ist nicht der rechte Ausdruck – ich bin natürlich teleportiert. In Terrania. Aber ich habe erst jetzt den Mut gefasst, mich zu zeigen. Du bist mir doch nicht böse, John?«

Marshall starrte auf den Missetäter, der ihn mit seinen braunen Augen flehend ansah. Das rostbraune Fell lag glatt und demonstrierte so die Friedfertigkeit seines Besitzers. Schon längst hatte sich der Nagezahn hinter die Lippen der spitzen Schnauze zurückgezogen.

Gucky grinste nicht mehr, und das wollte allerhand besagen.

Marshall blieb nur mit Mühe ernst. »Du wirst das mit Rhodan abmachen müssen, Gucky. An ihm wird es liegen, dich für deinen Ungehorsam zu bestrafen. Ich kann dich nicht einmal einsperren, denn wie sollte man einen Teleporter festhalten?«

»Ja, das habe ich mich auch schon gefragt«, lispelte Gucky sanft.

Marshall schluckte krampfhaft. Deringhouse stöhnte und wandte sich wieder dem Bildschirm zu, als wolle er mit der ganzen Angelegenheit nichts mehr zu tun haben. Der Mausbiber gehörte dem Mutantenkorps an, das von Marshall geleitet wurde. Also war Gucky auch Marshalls Angelegenheit.

»Na, gut!« Der Telepath seufzte. »Stellen wir die Angelegenheit zurück, bis Rhodan entscheidet, was zu geschehen hat. Du wirst dich auf einiges gefasst machen müssen, fürchte ich.«

»Wenn ich mich hier nützlich machen kann, wird es nicht so schlimm werden«, hoffte Gucky und sah schon wieder ganz zuversichtlich aus. Er hoppelte ein wenig vor und sah an Deringhouse vorbei auf den Bildschirm. »Das ist also der vierte Planet? Was ist mit ihm?«

»Nichts ist mit ihm«, sagte Deringhouse und sah Gucky böse an.

Der Mausbiber wich erschrocken zurück.

»Ich dachte nur«, zirpte er, »weil du ihn immerzu so anstarrst ...«

Gucky duzte jeden, ohne Rücksicht auf Dienstgrad oder Alter. Das mochte wohl daher kommen, weil auch er von jedem geduzt wurde, denn wer wäre auch schon auf den Gedanken gekommen, einen Mausbiber mit »Sie« anzureden.

»Ich überlege«, wies Deringhouse ihn zurecht. »Und ich warte auf das Zeichen zum nächsten Sprung. Es ist doch wohl noch erlaubt zu überlegen, oder?«

Gucky blieb stehen. Er streifte Marshall mit einem kurzen Blick. »Erlaubt ist es schon, Major, aber es ist auch schon eine Menge Unsinn dabei herausgekommen, wie die menschliche Geschichte beweist, die zu studieren ich das mehr oder minder zweifelhafte Vergnügen hatte, als ich auf der Erde weilte, um ...«

»Aufhören!«, brüllte Deringhouse. »Bei wem hast du Sprachunterricht genommen? Schrecklich, dieser Bandwurmsatz.«

»So spricht Bully immer, wenn er sich gewählt ausdrücken will«, verteidigte sich der Mausbiber. »Natürlich hat er mir auch andere Dinge beigebracht, aber ...«

»Ja, ich hörte davon«, murmelte Deringhouse und vertiefte sich erneut in den Anblick des Bildschirms. »Bully ist kein feiner Mann, und er wird auch nie einer werden.«

Gucky sah für eine Sekunde ziemlich ratlos aus, dann zeigte er den Nagezahn und hoppelte in die Ecke des Raumes zurück. Um Marshall machte er einen großen Bogen.

Der Telepath heuchelte Mitleid und meinte: »In deiner Haut möchte ich auch nicht stecken, wenn Rhodan hier aufkreuzt, Gucky. Diesmal wird er kaum so nachsichtig sein wie auf Aralon.«

»Wenn ich euch alle vor dem sicheren Verderben retten kann, wird er Nachsicht üben«, knurrte Gucky mit seltsam tiefer Stimme und rollte sich auf dem Boden zusammen. »Von mir aus können wir ruhig in eine gefährliche Lage geraten, dann braucht ihr mich wenigstens.«

Sprach's und schloss die Augen.

Marshall starrte einige Sekunden auf Gucky hinab, dann seufzte er und ging zu seinem Sessel bei den Kontrollen zurück.

Als sie aus dem Hyperraum in das vertraute Raum-Zeit-Kontinuum zurückkehrten, war der Planet Aqua keine zwei Lichtminuten entfernt. Die sofort einsetzende Verzögerung bremste den Flug der CENTURIO stark ab. Deringhouse schaltete auf manuelle Steuerung, um das Schiff ganz in der Gewalt zu haben.

Immer größer wurde der blaue Planet, dessen Anblick in seiner Art etwas Einmaliges darstellte. Er erinnerte in der Tat an einen riesigen Wassertropfen, der schwerelos im Universum schwebte und von einer rosa leuchtenden Riesenlampe angestrahlt wurde. Beteigeuze hatte nun etwa die scheinbare Größe der irdischen Sonne und war viele Milliarden Kilometer entfernt. Das Licht benötigte viele Stunden, um die Strecke zurückzulegen.

Deringhouse schaltete den Interkom ein und stellte die Verbindung mit dem Bordlabor her. »Hier Zentrale! Veranlassen Sie während des Anflugs die genaue Untersuchung des vor uns liegenden Weltkörpers. Ich benötige Zusammensetzung der Atmosphäre, Daten der Rotation, des Umlaufs und der damit zusammenhängenden Jahreszeiten. Geben Sie mir die Ergebnisse so schnell wie möglich durch.«

»In Ordnung, Kommandant«, kam es zurück.

Deringhouse schaltete ab und wandte sich an Marshall: »Bin gespannt, was wir vorfinden werden.«

Der Telepath machte eine knappe Handbewegung. »Ich verstehe nicht ganz Ihr Interesse an diesem Planeten, Major. Sie sind der Kommandant, und ich möchte mich nicht in Ihre Angelegenheiten mischen, aber wenn Sie mir eine Frage gestatten: Warum interessieren Sie sich so sehr für diesen vierten Planeten, wenn unsere Aufgabe darin bestehen soll, den dritten durch die Springer vernichten zu lassen?«

»Vielleicht ist es nur Neugier«, gab Deringhouse zu. »Aber ich denke dabei auch an unsere eigene Sicherheit. Im System der Beteigeuze kommen nach ersten Beobachtungen nur zwei Planeten für intelligentes Leben in Frage – der dritte und der vierte. Wenn der dritte dem Untergang geweiht ist, möchte ich doch wenigstens wissen, ob der vierte für spätere Operationen geeignet ist. Das werden Sie verstehen, Marshall. Hinzu kommt, dass unsere eigene Sicherheit es verlangt, über die Verhältnisse in diesem System genau informiert zu sein. Ich glaube, die kleine Verzögerung ohne weiteres verantworten zu können. Wir versäumen ja nichts. Wenn Springer auftauchen, erhalten wir sofort Nachricht von McClears.«

Der Telepath erkannte, dass Deringhouse genau das aussprach, was er auch dachte. Er nickte langsam. »Ich stimme Ihnen bei, Major. Haben Sie auch die Absicht, auf Aqua zu landen?«

»Das hängt von den Umständen ab. Wenn ich damit rechnen darf, intelligentes Leben vorzufinden, werde ich natürlich versuchen, Verbindung aufzunehmen.« Ein Summer ertönte. »Verzeihung, das Labor. Wir werden in wenigen Sekunden wissen, wie es auf Aqua aussieht.« Er drückte einen Knopf und meldete sich: »Zentrale.«

»Hier Labor. Die Ergebnisse, soweit sie vorliegen: Der vierte Planet hat einen Achtundvierzigstundentag. Der Umlauf um Beteigeuze dauert etwa zweihundertsiebzig irdische Jahre. Der Wechsel der Jahreszeiten geht somit unmerklich langsam vor sich, ist jedoch unbedeutend, da so gut wie keine Ekliptik festgestellt wurde. Atmosphäre atembar, etwas sauerstoffarm, reich an Wasserdampf. Eine Landmasse, etwa von den Ausmaßen Europas, ist der einzige Kontinent, dazu eine Reihe von kleineren Inseln. Sonst besteht die Oberfläche nur aus Wasser. Das Meer ist nicht besonders tief. Das wäre im Augenblick alles.«

»Danke.«

Deringhouse schwieg eine Weile und starrte auf den Bildschirm. Der blaue Planet war größer geworden und füllte nun fast das ganze Sichtfeld aus. Im rötlichen Sonnenschein hoben sich die Umrisse der einzigen Landfläche deutlich ab, die einsam und verloren in der riesigen Wasserwüste des Planeten lag. Wenn es dort Intelligenzen gab, so mussten sie in der Hauptsache vom Meer und seinen Produkten leben. Schifffahrt würde es nur in sehr begrenztem Rahmen geben, denn wozu sollte man das Meer überqueren, wenn es keine anderen Ufer gab? Eine völlig unbekannte Art der Zivilisation musste sich hier entwickelt haben, auf die Deringhouse äußerst neugierig war.

»Wir suchen uns auf dem Kontinent einen guten Landeplatz«, entschied er schließlich. »Raumfahrt wird man hier kaum kennen.«

»Wer – man?«, fragte Marshall mit Betonung.

Er bekam keine Antwort.

Einmal umrundete die CENTURIO den Wasserplaneten, strich dicht über die unendliche, blaue Wüste dahin und näherte sich dann wieder der Küste des Kontinents. Einzelne vorgelagerte Inselgruppen zeigten nicht die geringste Spur einer Zivilisation. Von dichten Wäldern bewachsen, erinnerten sie an die paradiesischen Eilande der irdischen Südsee. Geschwungene Sandbuchten luden zum Verweilen ein, aber Deringhouse hatte im Augenblick keinen Sinn dafür, Ferien zu machen. Was er suchte, waren fremde Intelligenzen. Aqua konnte nicht ohne Leben sein. Das erste Anzeichen, das Deringhouse recht zu geben schien, war ein flachgestreckter Kuppelbau in unmittelbarer Küstennähe, keine zwei Kilometer vor dem Strand. Das Wasser musste hier sehr flach sein, denn man konnte leicht den Grund erkennen. Die Kuppel ragte mit ihrem oberen Teil aus dem Wasser, zeigte eine Plattform und ein Geländer. Wie Bullaugen reihten sich Fenster rings um das Gebäude, dessen untere Hälfte im Wasser lag und sicherlich bis zum Meeresboden reichte.

Die CENTURIO verlangsamte ihren Flug.

Deringhouse starrte auf das Phänomen.

»Also doch!«, war alles, was er herausbrachte. John Marshall kam zu ihm und betrachtete die Kuppel. Lamanche blieb, wie gewöhnlich, von dem Ereignis unberührt. Er kümmerte sich um die Kontrollen und achtete darauf, dass der Schwere Kreuzer auf Kurs blieb.

»Eine beachtliche Entwicklung«, ließ sich der Telepath vernehmen. »Möchte nur wissen, warum sie das Ding ins Wasser gebaut haben, wo sie doch auf dem Land genug Platz haben.«

Deringhouse blickte hinüber zur nahen Küste. »Sie haben recht. Ich kann an Land nichts Derartiges erkennen. Zumindest hätte ich jetzt hier an dieser Stelle eine Stadt erwartet. Aber ich sehe nur Urwald, sandige und teils felsige Küste – sonst aber nichts. Merkwürdig, wirklich, sehr merkwürdig.«

Die Kuppel blieb hinter ihnen zurück, als sie die Küste erreichten und ihr einige Kilometer folgten. Unter ihnen lag nichts als unberührtes Land, das keine Spuren von künstlicher Bearbeitung zeigte. Das Gelände stieg nur sanft an, zeigte flache Gebirgsketten, breite Stromtäler, riesige Steppen und unübersehbare Wälder. Von einer Zivilisation war nichts zu entdecken.

»Das ist ungewöhnlich«, sann Deringhouse vor sich hin. »Es gibt auf diesem Planeten nur diesen einen Kontinent, und man sollte doch meinen, die Bewohner müssten jeden Quadratmeter Land ausgenutzt haben. Es müsste dort unten ein Gedränge herrschen wie in unseren Hauptstädten. Und was finden wir? Nichts, absolut nichts. Wo stecken diese Burschen?«

»Hätten wir nicht die Kuppel gesehen, würde ich behaupten, es gibt hier überhaupt keine Intelligenzen«, sagte Marshall sarkastisch.

»Die Kuppel ist aber vorhanden.« Deringhouse betonte jedes Wort. »Es gibt Leben auf Aqua, das steht fest. Und wir werden es finden.«

Mit dieser Feststellung lehnte er sich zurück und schien seine nähere Umgebung vergessen zu wollen. Marshall war das recht. Er nickte Lamanche freundlich zu und verließ die Zentrale, gefolgt von dem hinter ihm herwatschelnden Gucky, der seine Gedanken gelesen hatte.

Marshall begab sich auf kürzestem Weg in den Teil des Schiffes, in dem die zehn Mutanten ihre Quartiere hatten.

Kaum hatte sich die Tür der Zentrale geschlossen, da erwachte Deringhouse aus seiner Versunkenheit. Er rutschte ein Stück nach vorn, ließ den Blick nicht vom Bildschirm und sagte zum Ersten Offizier: »Ihre Meinung, Lamanche?«

Der Franzose strich geistesabwesend über einige Hebel, zuckte mit den Schultern und sagte vorsichtig: »Wir wissen nicht, was die Kuppel ist. Vielleicht handelt es sich sogar um ein abgestürztes Raumschiff – wir haben das Ding ja nicht näher untersucht. Damit würde sich meine Theorie bestätigen, dass es hier kein intelligentes Leben gibt.«

Deringhouse schien mit dieser Erklärung keineswegs zufrieden zu sein. Er schnaubte verächtlich. »Abgestürztes Raumschiff – pah! Die Kuppel ist ein Gebäude, das steht fest. Ich frage mich nur, warum ...« Er schwieg plötzlich. Lamanche sah auf und folgte dem Blick seines Kommandanten.

Auf dem Bildschirm war die Oberfläche deutlich zu erkennen. Langsam wanderte sie in naturgetreuen Farben über die gewölbte Scheibe.

Und da sah Lamanche ebenfalls die niedrigen, kuppelförmigen Erhebungen am Rand des weiten Plateaus, das sich ihnen aus der Ebene entgegenstreckte. Die kleinen Erhebungen schimmerten rötlich im Glanz der Sonne, als seien sie aus Metall. Nicht allein ihr Aussehen, auch ihre gleichmäßige Anlage verriet den künstlichen Ursprung.

In derselben Sekunde begann die CENTURIO zu landen.

In der Messe des Mutantenkorps entstand großes Hallo, als Marshall mit Gucky eintrat.

»Na, so eine Überraschung!«, rief Ras Tschubai, der afrikanische Teleporter, erfreut aus. »Du bist wohl die Geheimwaffe bei diesem Unternehmen?«

»Hat sich was mit Geheimwaffe«, sagte Marshall düster. »Der Kerl hat sich an Bord geschlichen und ist einfach mitgekommen – gegen den ausdrücklichen Befehl Rhodans.«

Der Afrikaner machte ein erschrockenes Gesicht. »Da möchte ich aber nicht in deiner Haut stecken, Gucky.«

»Hat er nicht ein dickes Fell?«, kicherte die junge Betty Toufry und beugte sich hinab, um Gucky zu streicheln, was dieser mit sichtlichem Wohlbehagen über sich ergehen ließ. Er mochte die kleine Telepathin sehr gern, die ihm, was paranormale Fähigkeiten anging, sehr verwandt war, denn Betty war auch Telekinetin. »Rhodan wird dir verzeihen, Gucky.«

»Wenn du ein gutes Wort für mich einlegst, gewiss.« Gucky nickte und sah richtig zuversichtlich aus.

Der japanische Lauscher Doitsu Ataka schüttelte den Kopf. »Das nennt man Disziplin! Macht einfach genau das, was er will! Na, mir soll es recht sein. Jedenfalls ist das Leben nun nicht mehr so eintönig. Gucky macht immer Spaß.«

Marshall warf dem Japaner einen missbilligenden Blick zu. Sprach der Bursche von Disziplin und war der erste, der sie untergrub. Aber Gucky verstand es, die Situation zu seinen Gunsten auszuwerten.

»Hast recht, Ataka!«, rief er vergnügt. »Wer weiß, wie lange wir noch leben – warum sollen wir da nicht fröhlich sein. Rhodan will sowieso, dass wir alle sterben; natürlich nur zum Schein. Sterben wir also – zum Schein – wenigstens lustig. Ich schlage ein Dauerkraulen vor und stelle mich gern zur Verfügung.«

Marshall hielt es für zweckmäßig, das Thema zu wechseln.

»Hört mal alle genau zu!«, rief er und stoppte das allgemeine Gelächter. »Wir haben soeben auf diesem Planeten, den der Kommandant ›Aqua‹ taufte, die ersten Spuren intelligenten Lebens entdeckt. Wir werden landen. Niemand weiß, was wir finden werden, aber eines ist sicher: Mit unserer eigentlichen Aufgabe hat es nichts zu tun.«

Das war ein Fehlschluss, aber Marshall erfuhr es erst einige Zeit später. Wie sie alle.

Im Augenblick blieb ihnen keine Zeit zum Denken mehr.

Alarm schrillte durch das Schiff.

Für eine Sekunde stand Marshall wie gelähmt, er schien in sich hineinzulauschen, dann ging ein Ruck durch seinen Körper.

»Deringhouse!« Er stöhnte. »Was ist geschehen? Seine Gedanken – sie sind konfus und durcheinander ...«

Ein Summen ertönte.

Der Bildschirm des Interkoms, der alle Abteilungen des Schiffes miteinander verband, leuchtete auf. Das Gesicht des Kommandanten erschien, ratlos und verstört.

»Achtung, an alle!«, sagte er mit spröder Stimme. »Höchste Alarmbereitschaft! Geschützstationen sofort besetzen! Jemand hat die Kontrolle über die CENTURIO an sich gerissen. Wir landen.« Er machte eine kurze Pause, als überlegte er, dann fuhr er fort: »Marshall! Ihre Mutanten sollen sich bereithalten.«

»Was ist mit dem Schiff?«, fragte Marshall zurück. »Haben Sie schon versucht ...«

»Sinnlos. Wir sind in einen starken Traktorstrahl geraten, der alle unsere Kontrollen lahmlegte. Um ehrlich zu sein, Marshall, ich habe auch nicht die Absicht, mich gegen die Fremden zu wehren. Warten wir doch ab, was sie von uns wollen.«

»Finden Sie es nicht erstaunlich, dass Wesen, von deren Wirken wir auf der Oberfläche von Aqua nicht das geringste sahen, derartige technische Mittel entwickelten, ein Schiff wie die CENTURIO unter ihren Willen zu zwingen?«

Deringhouse versuchte ein schwaches Lächeln. »Das ist es ja, was ich herausfinden möchte. Was wir erleben, ist paradox und unmöglich. Ja, gäbe es hier auf dieser Welt eine ausgeprägte Zivilisation, würde ich mich kaum wundern. Aber so ...«

Marshall spürte, wie der Boden unter seinen Füßen zitterte. Dann gab es einen harten Ruck, der ihn fast umgeworfen hätte.

Deringhouse auf dem Bildschirm warf einen Blick zur Seite, ehe er sich wieder seinen Zuschauern zuwandte.

»Ja«, sagte er tonlos. »Wir sind gelandet. Mitten auf einem Felsenplateau. Kuppeln aus schimmerndem Metall umgeben uns, aber ich kann keine Geschütze erkennen. Von Menschen – oder anderen Lebewesen – ist nichts zu sehen. Wir müssen abwarten, bis die Unbekannten Kontakt aufzunehmen wünschen. Bedenken Sie alle eines: Wir sind nicht wehrlos.«

Marshall hörte, wie die Geschützstationen bestätigten und in Wartestellung gingen. Er gab den Mutanten einige Anweisungen und verließ die Messe, um sich zum Kontrollraum zu begeben, von wo aus man eine bessere Übersicht hatte. Notfalls ließ sich auch von dort aus der Einsatz der Mutanten leiten.

Deringhouse stand aufgerichtet vor der Panoramagalerie und beobachtete die Umgebung der gelandeten CENTURIO. Er warf Marshall nur einen kurzen Blick zu und ließ sich durch dessen Anwesenheit weiter nicht stören. Lamanche hockte ein wenig abseits vor den Kontrollen der Energieschirme, die ausgeschaltet waren.

»Sie wissen auf keinen Fall, woher wir kommen, auch wenn sie Strukturtaster besitzen sollten«, murmelte Deringhouse unsicher. »Die CENTURIO und TERRA sind mit entsprechenden Kompensatoren ausgerüstet. Niemand kann unsere Hypersprünge orten. Das beruhigt mich.«

»Trotzdem holten sie uns vom Himmel«, gab der Telepath zu bedenken.

»Und wenn schon! Wir haben es uns gefallen lassen, Marshall. Gut, ich gebe zu, im Augenblick waren wir machtlos und mussten alles mit uns geschehen lassen, aber jetzt glaube ich doch, dass wir die Möglichkeit hätten, ihre Anlagen zu zerstören. Warum aber sollten wir? Ich möchte wissen, wie sie aussehen, wer sie sind.«

Er sah wieder auf die Schirme. Marshall folgte seinem Blick.

Der Schwere Kreuzer stand auf einem weiten Plateau. In einer Entfernung von dreihundert Metern lag die erste Metallkugel. Sie verdeckte den dahinterliegenden Waldrand. Am Horizont flimmerten die Gipfel ferner Berge in der Mittagshitze. Die zweite Kuppel lag weiter rechts, dann die dritte, vierte. Sie schlossen sich zu einem Kreis, in dessen Mitte die CENTURIO stand.

Lamanche erwachte aus seiner Lethargie.

»Eine richtige Falle«, erklärte er mürrisch. »Wir sitzen genau im Kreuzpunkt ihrer Fangstrahlen, die uns festhalten. Hätte nie gedacht, dass diese Insulaner so etwas fertigbringen. Warum zeigen sie sich nicht?«

»Sie werden ihre Gründe haben«, gab der Kommandant zurück. Er starrte angestrengt auf einen ganz bestimmten Punkt am Waldrand. »Aber ich glaube, unsere Neugier wird bald befriedigt werden. Dort kommt ein Fahrzeug.«

Jetzt sahen es auch die beiden anderen Männer.

Aus den Schatten der seltsam geformten Riesenbäume löste sich ein graufarbenes Objekt und rollte langsam auf die Ebene hinaus. Deringhouse schaltete die Vergrößerung ein. Nun sahen sie es deutlicher. Es war eine Art Panzer, wenn auch ohne Geschützturm. Dafür bestand die halbkugelige Kuppel aus einem durchsichtigen Material. Derartige Wagen benutzte man oft zur Erforschung unbekannter Welten, besonders, wenn sich die Atmosphäre als schädlich erwiesen hatte.

Hinter der Kuppel waren undeutlich die Umrisse einiger Gestalten zu sehen. Die Entfernung war noch zu groß, um Einzelheiten erkennen zu können.

Deringhouse drehte sich um und sah Marshall an. »Nun, was ist? Noch keine Gedankenimpulse?«

»Doch, aber nur geringfügig. Sie schirmen sich ab, haben also bereits mit Telepathen zu tun gehabt. Vielleicht sind sie sogar selber Telepathen und kennen die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen, die Ausstrahlungen des Gehirns abzuschirmen.«

Deringhouse fingerte an der Feineinstellung der Vergrößerung herum und gab keine Antwort. In seinen Augen war ein plötzliches Flimmern, als er den näher rollenden Wagen betrachtete. Einmal wollte er etwas sagen, aber dann schwieg er doch. Marshall bemerkte, dass die Hände des Kommandanten zitterten.

Gucky!, schickte er seinen telepathischen Befehl aus. Gucky, teleportiere sofort in die Zentrale!

Der Gedanke war noch nicht zu Ende gedacht, da flimmerte mitten im Raum die Luft – und aus dem Nichts heraus entstand der Mausbiber. Er hatte Marshall gehört und war sofort gekommen.

»Was gibt es?«, zwitscherte er unternehmungslustig wie immer.

»Wir erhalten soeben Kontakt mit den Fremden, Gucky. Leider werden ihre Gedanken abgeschirmt. Wir müssen wissen, mit wem wir es zu tun haben. Könntest du wohl ...«

»Und ob ich kann!«, pfiff Gucky begeistert, setzte aber mit einem frechen Grinsen hinzu: »Nicht wahr, du wirst auch ein gutes Wort für mich beim Chef einlegen, wenn er ...«

»Glatte Erpressung«, meldete sich Deringhouse, ohne sich umzudrehen. »Aber gut. Auch ich werde dich verteidigen, wenn es dir gelingt, mir innerhalb von zehn Sekunden zu verraten, wer sich uns dort mit dem Fahrzeug nähert. Vielleicht täuschte ich mich, aber irgendwie kommen mir die Umrisse der verschwommenen Gestalt bekannt vor ...«

Marshall zuckte merklich zusammen. »Bekannt – sagen Sie? Ich hatte den gleichen Eindruck von den schwachen Gedankenimpulsen. Ist das noch Zufall?«

»Warum sich streiten?«, fragte Gucky. »Ich habe nur noch fünf Sekunden. Bis gleich ...«

Wieder flimmerte die Luft, und die Stelle, an der er eben noch gestanden hatte, war leer.

Zwei Sekunden später war er wieder zurück. Auf seinem Gesicht zeigte sich maßloses Erstaunen. Mit hochgestellten Ohren und gesträubtem Nackenfell sank er auf sein breites Hinterteil und benutzte den flachen Biberschwanz als Stütze.

»Nein, so was!«, stöhnte er und stieß dann einen schrillen Pfiff aus. »Wer hätte gedacht, dass die Welt so klein ist – was sage ich: die Welt? Das Universum ist klein.«

»Was ist los?«, polterte Deringhouse und nahm für einen Moment den Blick vom Bildschirm. »Spanne uns nicht so auf die Folter. Wie sehen sie aus?«

»Rede schon, Gucky«, drängte auch Marshall. Er begann zu ahnen, dass ihnen eine böse Überraschung bevorstand. »Hast du sie gesehen?«

Der Mausbiber nickte langsam. »Ich materialisierte mitten unter ihnen im Wagen. Vorsichtigerweise hielt ich die Luft an, weil man ja niemals wissen kann, ob ihre Atmosphäre für unsere Lungen geeignet ist. Aber meine Befürchtungen waren überflüssig. Sie atmen unsere Luft. Und sie machten dumme Gesichter, als sie mich sahen ...«

»Zum Donnerwetter!«, brüllte Deringhouse und wurde rot im Gesicht. »Ich will wissen, wie sie aussehen! Sind es Wasserbewohner?«

»Wie kommst du denn auf die Idee?«, fragte Gucky, der sich nicht aus der Ruhe bringen ließ. »Glaubst du, dass intelligente Fische sich hier einen Landstützpunkt errichtet haben? Hat man schon so einen Unsinn gehört?«

»Gucky!«, dehnte Deringhouse den Namen voller Unheil. »Vielleicht ahnst du nicht, wie wichtig es ist, aber ich ersuche dich noch einmal, endlich meine Frage zu beantworten! Wie sehen die Fremden aus? Und was soll deine Bemerkung, das Universum sei klein?«

»Ihr werdet es mir nicht glauben, aber sie sehen aus wie Topsider. Und wenn ich mich noch klarer ausdrücken darf, ohne euch allzusehr zu enttäuschen: Ich möchte schwören, es sind Topsider!«

Es war Deringhouse und Marshall, als lege sich ihnen eine eiskalte Hand auf die Schulter. Zwar war es schon fast ein Jahrzehnt her, dass man diesen hoch entwickelten und intelligenten Echsen im System der Wega begegnet war, aber die Auseinandersetzung mit ihnen stand noch frisch in der Erinnerung der beiden Männer. Die menschengroßen Topsider verfügten über zwei Beine und zwei Arme. An den Händen saßen sechs bewegliche Finger. Der Körper wurde von einer braun-schwarzen Schuppenhaut bedeckt. Der Kopf war der einer riesigen Echse. Dunkle, bewegliche Kugelaugen schienen alles zu sehen, was in einem Winkel von 180 Grad vor ihnen geschah.

Topsider.

Deringhouse atmete tief ein. »Das hat uns gerade noch gefehlt. Müssen denn diese Krokodile überall ihre Nasen hineinstecken?«

»Sie beherrschen ihr eigenes kleines Sternenreich«, sagte Marshall und dachte krampfhaft nach. »Wenn ich nicht irre, irgendwo im Sternbild des Orion, also auch in dieser Gegend ...«

»Ja, mehr als achthundert Lichtjahre von der Erde entfernt. Das ist noch ein ganz schönes Stück von hier.«

»Was ist das schon?«, widersprach Marshall. »Jedenfalls ist es die gleiche Richtung. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie hier einen Stützpunkt haben.«

»Auf einer unbewohnten Welt? Warum denn?«

Gucky hatte der Unterhaltung mit geneigtem Kopf gelauscht, schüttelte nun verwundert den Kopf und piepste mit seiner hellen Stimme: »Warum zerbrecht ihr euch nur den Kopf? Fragt sie doch selber, was sie hier tun. Da kommen sie schon.«

Deringhouse fuhr herum und sah auf den Bildschirm.

Das Kuppelfahrzeug war stehengeblieben. Es war keine dreißig Meter von der CENTURIO entfernt. Ohne Zweifel mussten die Echsen längst wissen, dass es sich um ein Kampfschiff der Arkoniden handelte. Vielleicht ließ sich dieser Umstand ausnutzen.

Die Kuppel des Wagens öffnete sich, und drei Echsen stiegen aus.

Sie trugen eine Art Uniform, die den schuppigen Körper nur teilweise bedeckte. Keine war ohne Strahlwaffe, die in einer Halfter am Gürtel befestigt war. Ihr Auftreten zeugte von einer gewissen Arroganz. Anscheinend glaubte man fest an die eigene Überlegenheit, aber Marshall wusste nur zu gut, dass die Topsider von Natur aus keine Furcht kannten und auch in aussichtsloser Lage bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen gewohnt waren. Die Furcht vor dem Diktator war größer als die Furcht vor dem Tod.

»Die haben Nerven«, wunderte sich Deringhouse, der die Topsider als Kommandant der wendigen Raumjäger kennengelernt hatte. »Stellen sich einfach vor unsere Geschützmündungen und warten, was wir tun. Wir könnten sie in Atome verwandeln ...«

»... wovon niemand einen Nutzen hätte«, erlaubte sich Lamanche zu bemerken.

»Soll ich den Eidechsen Beine machen?«, erbot sich Gucky bereitwillig.

»Wohl verrückt geworden?«, erkundigte sich Deringhouse. »Ich will wissen, was sie hier zu suchen haben und was sie von uns wollen. Marshall, Sie werden mich begleiten. Sehen wir uns die Burschen an. Hoffentlich ist niemand dabei, der uns kennt.«

»Das ist unwahrscheinlich. Wir sehen für sie genauso gleich aus wie sie für uns. Ich könnte sie auch nicht voneinander unterscheiden. Aber was sagen wir ihnen, wenn sie uns fragen, wer wir sind?«

Deringhouse nickte langsam, während er Lamanche einige Anweisungen gab und mit Marshall zur Tür schritt.

»Sie dürfen auf keinen Fall erfahren, dass wir Terraner sind. Erklären wir ihnen, dass wir zu einer Springersippe gehören. Das werden sie uns hoffentlich glauben, auch wenn die Springer normalerweise keine Kugelraumschiffe benutzen. Außerdem halte ich das darum für günstig, weil sie nicht gut auf die Arkoniden zu sprechen sind und wissen, dass auch die Springer nicht gerade als Freunde des Imperiums zu bezeichnen sind.«

»Ich ahne«, bemerkte Gucky und hoppelte hinter den beiden Männern her, »dass sich hier ein Komplott anbahnt. Na, von mir aus ...«

Lamanche sah hinter ihnen her.

»Wenn das gut geht«, sagte er zu sich selbst, »fresse ich drei Kampfroboter zum Frühstück. Ohne Senf.«

Worauf Gucky sich noch in der Tür umdrehte und bemerkte: »Ohne Senf. Das ist Bedingung.«

Als sich die Hauptausstiegsschleuse der CENTURIO, mehr als fünfzig Meter über dem Boden, öffnete, verspürte John Marshall ein unangenehmes Kribbeln in der Rückengegend.

Die silbern blitzende Gangway schob sich aus der Schleuse, glitt nach unten. Deringhouse legte seine rechte Hand wie prüfend auf den Kolben seiner Waffe, als wolle er sich davon überzeugen, dass sie locker saß. Dann betrat er die oberste Stufe, die automatisch nach unten zu gleiten begann.

Marshall folgte ihm.

Unbeweglich standen die drei Echsen unten vor dem riesigen Schiff und warteten selbstbewusst auf die beiden Menschen.

Ihre schwarzen, runden Augen blinzelten tückisch und voller Erwartung. Der Anblick der beiden Männer schien sie kaum zu überraschen.

Marshall erinnerte sich daran, was damals im Wega-System geschehen war. Dort waren die Terraner erstmalig auf die Echsen gestoßen. Rhodan hatte ihnen das große Schlachtschiff der Arkoniden abgenommen, die achthundert Meter große STARDUST II. Schließlich war es gelungen, die Topsider zu vertreiben.

Von da an war Ruhe gewesen.

Und nun stand man ihnen wieder gegenüber.

Auch die Krallenhände der Topsider lagen auf den Waffen. Marshall drang in ihre Gedanken ein und las nichts als Neugier, gemischt mit gespannter Aufmerksamkeit. Sie schienen sich sehr sicher zu fühlen.

Als Deringhouse leichtfüßig von der ausrollenden Stufe sprang und auf die drei wartenden Echsen zuschritt, schien die Spannung eine unsichtbare Mauer zwischen Menschen und Topsidern zu errichten. Der Major blieb zehn Meter vor den Topsidern stehen. Immer noch lag seine Rechte auf dem Kolben des handlichen Impulsstrahlers. Um seine Lippen spielte ein feines Lächeln. Er kannte die Mentalität der Echsen zur Genüge, um keinen Angriff befürchten zu müssen.

Marshall blieb einige Meter hinter Deringhouse zurück und bemühte sich, die Gedanken des Gegners zu erfassen und seine Absichten zu erraten. Die Ausbeute war gering.

Ehe die beiden Terraner das erste Wort sprechen konnten, sagte der mittlere Topsider in reinstem Interkosmo: »Sie befinden sich auf unserem Hoheitsgebiet und werden hiermit aufgefordert, sich unseren Anordnungen zu fügen. Ihnen geschieht nichts, wenn Sie keinen Widerstand leisten. Wer sind Sie?«

Deringhouse zeigte keine Überraschung. »Wir hatten nicht die Absicht, auf Ihrem Hoheitsgebiet zu landen. Wir wurden dazu gezwungen. Ich bin ein Springer und gehöre zur Sippe Gatzel.«

Der Topsider nickte. »Wir dachten es uns, Fremder. Ihr Schiff ist jedoch ein Schiff der Arkoniden. Wir kennen den Typ genau.«

»Stimmt«, erwiderte Deringhouse ruhig. »Ein Schwerer Kreuzer. Wir nahmen ihn den Arkoniden ab, als sie uns belästigten. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden?«

Nun lächelte der Topsider, aber es sah nicht gerade erheiternd aus. »Nein, dagegen haben wir absolut nichts. Die Arkoniden sind kaum als unsere Freunde zu bezeichnen. Was wollen Sie hier in diesem System? Es gibt nichts zu handeln – und wenn, dann besorgen wir das schon.«

Deringhouse zuckte mit den Schultern. »Wir befanden uns auf einem Routineflug, als wir diese Welt entdeckten. Vielleicht trägt sie Leben, dachten wir, und untersuchten sie. Wir fanden nichts, außer diesen merkwürdigen Kuppeln.«

»Sie gehören zu unserem Verteidigungssystem«, erklärte der Topsider. »Der Wasserplanet wurde von uns bereits vor Jahren entdeckt und in Besitz genommen. Er dient uns als Stützpunkt.«

»Solange sich niemand dagegen wehrt, ist das durchaus in Ordnung«, gab Deringhouse vorsichtig zu. »Und da es keine Eingeborenen zu geben scheint ...«

Der Topsider lächelte noch immer.

»Es gibt welche«, sagte er lauernd. »Sie sind mit unserer Vorherrschaft einverstanden.« Kurze Pause, dann: »Was bleibt ihnen auch anderes übrig?«

Deringhouse konnte sein Erstaunen nicht länger verbergen. »Eingeborene? Auf dieser Welt? Wir haben bei unserem Flug nichts davon bemerkt.«

»Sie haben sicherlich auch keine Geräte, mit denen sich das Leben unter der Wasseroberfläche beobachten lässt, oder doch?«

Mit einem Schlag begriffen Deringhouse und Marshall. Natürlich, auf einer Welt wie dieser würden sich Intelligenzen – wenn es sich um solche handelte – im Wasser entwickelt haben. Und wenn die Topsider es für richtig hielten, hier einen Stützpunkt zu errichten, musste es sich um Wesen handeln, die man ernst zu nehmen hatte.

Marshall dachte an den großen Kuppelbau, den man vor der Küste errichtet hatte. Seine Bauweise widersprach den Gewohnheiten der Topsider, und man hatte ihn sicherlich nur deshalb im Wasser errichtet, damit die Meeresbewohner ihre Herren aufsuchen konnten.

Das Bild begann sich langsam in Marshalls Gehirn zu formen.