Perry Rhodan 74: Konzil der Sieben (Silberband) - H. G. Ewers - E-Book

Perry Rhodan 74: Konzil der Sieben (Silberband) E-Book

H.G. Ewers

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Beschreibung

Es beginnt Anfang des Jahres 3459. Perry Rhodans Gehirn ist in seinen Körper zurückgekehrt, und die Galaxis wartet voller Spannung auf die Konsequenzen, die sich aus dem ""Kosmischen Schachspiel"" ergeben könnten. Als dann aber die Sterne erlöschen, kommt alles anders als erhofft. Eine fremde Macht, die Laren, landet im Auftrag des ""Konzils der Sieben"" auf der Erde und stellt unmißverständliche Forderungen. Hotrenor-Taak, ihr Sprecher und Anführer, bestimmt Perry Rhodan kurzerhand zum ""Ersten Hetran der Milchstraße"". Der Terraner soll im Auftrag des Konzils diktatorisch über die Völker der Galaxis herrschen. Perry Rhodan bleibt nichts anderes übrig, als zum Schein auf die Forderung der Fremden einzugehen und im Untergrund gegen das Konzil der Sieben zu kämpfen. Dabei darf er nicht einmal davor zurückschrecken, zum Schein seinen Freund Atlan zum Tode zu verurteilen - ein Spiel, aus dem tödlicher Ernst wird ...

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Nr. 74

Konzil der Sieben

Es beginnt Anfang des Jahres 3459. Perry Rhodans Gehirn ist in seinen Körper zurückgekehrt, und die Galaxis wartet voller Spannung auf die Konsequenzen, die sich aus dem »Kosmischen Schachspiel« ergeben könnten. Als dann aber die Sterne erlöschen, kommt alles anders als erhofft. Eine fremde Macht, die Laren, landet im Auftrag des »Konzils der Sieben« auf der Erde und stellt unmissverständliche Forderungen. Hotrenor-Taak, ihr Sprecher und Anführer, bestimmt Perry Rhodan kurzerhand zum »Ersten Hetran der Milchstraße«. Der Terraner soll im Auftrag des Konzils diktatorisch über die Völker der Galaxis herrschen. Perry Rhodan bleibt nichts anderes übrig, als zum Schein auf die Forderung der Fremden einzugehen und im Untergrund gegen das Konzil der Sieben zu kämpfen. Dabei darf er nicht einmal davor zurückschrecken, zum Schein seinen Freund Atlan zum Tode zu verurteilen – ein Spiel, aus dem tödlicher Ernst wird ...

Vorwort

Endlich ist es soweit! Nach dem »Schwarm«- und dem »Altmutanten«-Zyklus sowie dem Zyklus um das Kosmische Schachspiel beginnt mit diesem Buch das ganz große kosmische Abenteuer Perry Rhodans und seiner Menschheit. Der Lohn für die Entbehrungen im Kosmischen Schachspiel, er kommt in anderer Form als erwartet und erhofft. Oder handelt es sich bei der Invasion der technisch weit überlegenen Laren auch nur um eine weitere Prüfung? Dann wäre sie, trotz Gehirnodyssee, sicherlich die schwerste, die der Menschheit je auferlegt wurde.

Dieses Buch, liebe Leser, gibt bereits einen Vorgeschmack auf die umwälzenden Ereignisse, die auf Perry Rhodan und damit auf uns alle in den nächsten Jahren zukommen werden. Bald werden sich die Erde und ihr Mond nicht mehr an ihrem alten Platz in der Galaxis befinden, die Völker der Milchstraße unter der Knechtschaft der Laren stöhnen und das Solare Imperium Vergangenheit sein. Perry Rhodan aber wird in den Weiten des Universums auf Wesenheiten stoßen, deren Existenz er bislang nicht für möglich gehalten hatte: Superintelligenzen wie die Kaiserin von Therm oder BARDIOC.

Aber zurück zu diesem Band. Die folgenden Romane – ungeachtet der Kürzungen – sind in ihm enthalten: Der Bund der Sieben (650) und Der letzte Magier (655) von William Voltz; Die Rebellen von Hetossa (651) von Ernst Vlcek; Duell zwischen den Sternen (652) von H. G. Francis; Der Terraner und der Rebell (653) von Hans Kneifel und Das Mondgehirn denkt anders (654) von H. G. Ewers.

Zeittafel

1971/84 – Perry Rhodan erreicht mit der STARDUST den Mond und trifft auf die Arkoniden Thora und Crest. Mit Hilfe der arkonidischen Technik gelingen die Einigung der Menschheit und der Aufbruch in die Galaxis. Das Geistwesen ES gewährt Rhodan und seinen engsten Wegbegleitern die relative Unsterblichkeit. (HC 1–7)

2040 – Das Solare Imperium entsteht und stellt einen galaktischen Wirtschafts- und Machtfaktor ersten Ranges dar. In den folgenden Jahrhunderten folgen Bedrohungen durch die Posbis sowie galaktische Großmächte wie Akonen und Blues. (HC 7–20)

2400/06 – Entdeckung der Transmitterstraße nach Andromeda; Abwehr von Invasionsversuchen von dort und Befreiung der Völker vom Terrorregime der Meister der Insel. (HC 21–32)

2435/37 – Der Riesenroboter OLD MAN und die Zweitkonditionierten bedrohen die Galaxis. Nach Rhodans Odyssee durch M 87 gelingt der Sieg über die Erste Schwingungsmacht. (HC 33–44)

2909 – Während der Second-Genesis-Krise kommen fast alle Mutanten ums Leben. (HC 45)

3430/38 – Das Solare Imperium droht in einem Bruderkrieg vernichtet zu werden. Bei Zeitreisen lernt Perry Rhodan die Cappins kennen. Expedition zur Galaxis Gruelfin, um eine Pedo-Invasion der Milchstraße zu verhindern. (HC 45–54)

3441/43 – Die MARCO POLO kehrt in die Milchstraße zurück und findet die Intelligenzen der Galaxis verdummt vor. Der Schwarm dringt in die Galaxis ein. Gleichzeitig wird das heimliche Imperium der Cynos aktiv, die am Ende den Schwarm wieder übernehmen und mit ihm die Milchstraße verlassen. (HC 55–63)

3444 – Die bei der Second-Genesis-Krise gestorbenen Mutanten kehren als Bewusstseinsinhalte zurück. In dem Planetoiden Wabe 1000 finden sie schließlich ein dauerhaftes Asyl. (HC 64–67)

3456 – Perry Rhodan gelangt im Zuge eines gescheiterten Experiments in ein paralleles Universum und muss gegen sein negatives Spiegelbild kämpfen. Nach seiner Rückkehr bricht in der Galaxis die PAD-Seuche aus. (HC 68–69)

3457/58

Prolog

Auf Terra und den anderen Menschheitswelten neigt sich das Jahr 3458 dem Ende zu. Seit der Rückkehr von Perry Rhodans Gehirn in seinen eigenen Körper sind Monate vergangen, und die Verantwortlichen der Erde und des Solaren Imperiums bewegt längst nur noch eine Frage: Was ist denn nun für sie beim »Kosmischen Schachspiel« herausgekommen? Perry Rhodan hat sich bewährt, und ES hat das Schachspiel gegen Anti-ES gewonnen, das für lange Zeit in die Namenlose Zone verbannt worden ist.

Für den Zeitpunkt, an dem ein nicht vorhersehbares Ereignis den Grund der schweren Prüfungen der Menschheit erkennbar machen würde, schlug Perry Rhodan die Bezeichnung »Fall Harmonie« vor. Seither sind umfangreiche Vorbereitungen für diesen Fall getroffen worden.

1.

Dezember 3458

Es war eine Lust, mit aktiviertem Antigravorgan über dem Dach zu schweben, die milde Nachtluft einzuatmen und das Glitzern der lautlos vorübergleitenden Flugmaschinen der Terraner zu beobachten. Calloberian verbrachte fast jede Nacht über dem Dach von Chinnels Haus, denn im Gegensatz zu seinen terranischen Gastgebern brauchte er keinen Schlaf.

Anton Chinnel, der den Xisrapen vom Dachfenster aus beobachtete, lächelte verständnisvoll. Seine Familie hatte den verwaisten Xisrapen im Alter der dritten Häutung – das entsprach sechs terranischen Jahren – adoptiert und ihn im Haus aufgenommen. Calloberian war einer von ungefähr zwölfhundert Xisrapen, die man im Babyalter auf verschiedenen Sauerstoffplaneten der Galaxis gefunden hatte. Dort waren sie von ihren Müttern ausgesetzt worden. Niemand kannte das Motiv für die unmenschliche Handlungsweise einiger Xisrapenmütter, von einigen verständnislosen Provinzpolitikern, die in jedem Fremden eine Gefahr sahen und an eine heimliche Invasion der Xisrapen glaubten, einmal abgesehen.

Chinnel brauchte nur zu dem Fremden über dem Dach hinaufzublicken, um zu sehen, dass Calloberian völlig harmlos war. Der Xisrape sah wie ein zwei Meter hohes weißes Laken aus, aus dem ab und zu feingliedrige Arme und Beine auftauchten. Neben der für einen Beobachter schwer zu bestimmenden Anzahl von großen Gliedmaßen – Chinnel wusste, dass es sechzehn waren – gab es noch zahlreiche organische Verdickungen unter der weißen Haut.

Am oberen Ende von Calloberians Körper saßen drei Sehwülste, eine Sprechblase und ein schwammähnliches Hörorgan. Zur Nahrungsaufnahme benutzte der Fremde eine grobporige Hautfläche, durch die er eiweißhaltige Flüssigkeit in seinen Körper saugte. Calloberians Lieblingsnahrung war Milch, er verschmähte aber weder Bier, Wasser, Essig noch Öl, wenn es die Situation erforderte.

Als Anton Chinnel sich zurückziehen wollte, schwebte der Xisrape zu ihm herab. »Du bist noch wach, Ton?« Calloberian konnte mit seiner Sprechblase die Lautverbindungen »an« und »in« nicht hervorbringen. »Hoffentlich hast du dir kee Sorgen um mich gemacht.«

»Sargia hat dir noch eine Flasche Milch in dein Zimmer gebracht«, verkündete Anton. »Du weißt, dass morgen dein erster Schultag ist.«

In Terrania City gab es eine Schule für Extraterrestrier. Die »Lehrkräfte« bestanden in erster Linie aus Translatoren und Positroniken, denn das war die einzige Möglichkeit, eine Unzahl verschiedenartiger Fremder zu unterrichten. Die Schule wurde von zwei erfahrenen Galaktopsychologen und ein paar Helfern geleitet.

»Ich wünschte, du könntest me Lehrer se, Ton!«, sagte Calloberian traurig.

»Dazu fehlen mir Erfahrung und Wissen«, erwiderte Chinnel. »Du sollst lernen, selbständig handeln zu können – auch auf einer für dich fremden Welt wie der Erde. Außerdem brauchst du dir keine Sorgen zu machen. In der Schule wird man dich freundlich behandeln. Der Lernprozess wird dir wie ein Spiel vorkommen.«

»Ich habe e bisschen Gst vor der psychologischen Arbeit«, gestand der Xisrape. »Manchmal kommt es mir vor, als sollte aus mir nun e Terrer gemacht werden.«

»Traust du das unseren Galaktopsychologen wirklich zu?«

»Ne!« Die Antwort klang zögernd. Calloberian besaß keine sehr laute Stimme. Durch die ständigen pulsierenden Bewegungen der Sprechblase hörte sie sich an wie das Geräusch kochenden Wassers. Als er den Xisrapen bei sich aufgenommen hatte, war es Chinnels größtes Problem gewesen, Calloberian begreiflich zu machen, dass zwischen den einzelnen Worten eine Pause eingelegt werden musste. Calloberian hatte zunächst alles mühsam Erlernte einfach hervorgesprudelt, so dass es kaum einen Sinn ergeben hatte.

Das war jetzt anders. Bis auf die Schwierigkeiten, die durch anatomische Unterschiede bedingt waren, klappte die Verständigung zwischen Calloberian und der Familie Chinnel ausgezeichnet.

»Du weißt, dass du uns in keiner Weise zur Last fällst«, fuhr Anton fort. »Aber es wäre deinem Selbstbewusstsein abträglich, wenn du nicht lernen würdest, eigene Entscheidungen zu treffen und entsprechend zu handeln. Du sollst völlig unabhängig werden. Dazu musst du viel lernen.«

»Das begreife ich!«, sagte Calloberian. Er drehte sich behutsam um die eigene Achse. Die äußeren, hauchdünnen Hautlappen richteten sich dabei schräg vom Körper ab. »Sicher wird es sehr teresst se!«

»Interessant!« Ab und zu verfiel Anton noch in den Fehler, die unvermeidlichen Wortvergewaltigungen des Xisrapen verbessern zu wollen. »Es ist auch wichtig, dass du mit anderen Extraterrestriern zusammenkommst. Das wird den Druck deiner Einsamkeit mildern, die sich früher oder später einstellen muss. Dabei kommt es vor allem darauf an, dass du mit den anderen Xisrapen an der Schule öfter zusammen bist.«

»Ich habe mich dieses Haus gewöhnt«, meinte Calloberian. »Es ist so, dass ich mir nicht vorstellen k, es für längere Zeit zu verlassen.«

»Sargia, Meckton und ich werden dich auch sehr vermissen«, gab Chinnel zu. »Aber es ist schließlich keine Trennung auf Dauer. Wir sehen uns jedes Wochenende, abgesehen von den Ferien.«

»Ich weiß, was ihr alles für mich get habt.« Eines der vier Ärmchen erschien und berührte Chinnel sanft im Gesicht. »Dafür b ich euch sehr dkbar.«

Als Calloberian durch das Dachfenster ins Innere des Hauses schweben wollte, erloschen plötzlich am Himmel die Sterne. Es war ein so abrupter, unerwarteter Vorgang, dass ihn weder Chinnel noch der Xisrape sofort wahrnahmen und begriffen. Spürbar wurde zunächst nur eine stimmungsmäßige Veränderung. Ein drohender Schatten fiel über das Land. Anton Chinnel hatte das Gefühl, als wollte ihm etwas die Luft abschnüren. Er duckte sich in der Dachkammer zusammen. Sein Herzschlag drohte auszusetzen. Calloberian gab ein wehklagendes Geräusch von sich.

Als Chinnel den Kopf hob, sah er den dunklen Himmel. Es war, als hätte jemand einen riesigen schwarzen Vorhang vor die Sterne gezogen.

»Die Sterne sind verschwunden!«, stieß Chinnel entsetzt hervor. »Was hat das zu bedeuten?«

»Ich sehe es!«, bestätigte Calloberian. »Es macht mir Gst!«

Er schwebte wieder ins Freie hinaus, um besser sehen zu können. Anton Chinnel kletterte ebenfalls hinaus. In den Häusern ringsum gingen jetzt die Lichter an. Auch Menschen, die bereits geschlafen hatten, schienen die Veränderung zu spüren und traten an die Fenster ihrer Wohnungen. Von der Straße klangen erschreckte Rufe an Chinnels Gehör. Die Gleiter des Nachtverkehrs verließen ihre Flugschneisen und steuerten den nächsten Landeplatz an.

»Alle sehen es!«, sagte Chinnel. »Es ist keine Halluzination.«

»Ob es Wolken sd?«, fragte Calloberian.

Chinnel deutete auf den deutlich sichtbaren Halbmond.

»Der Himmel ist völlig klar. Den Mond können wir weiterhin sehen. Die Barriere, die zwischen uns und den Sternen liegt, muss weiter draußen im Weltraum liegen. Vermutlich an der Grenze des Solsystems.« Er packte Calloberian an einem Beinchen. »Ich bin sicher, dass jeden Augenblick eine Sondersendung von Terra-Television kommen wird.«

Im Haus hörte er jetzt Sargia und Meckton nach ihm rufen. Sie waren ebenfalls aufgewacht und hatten Angst. Chinnel und der Xisrape verließen die Dachkammer. Sargia stand im Flur. Sie hatte Meckton auf den Armen. Der Junge verbarg sein Gesicht an der Schulter seiner Mutter und schluchzte. Vom Flur aus konnte Anton ins Wohnzimmer blicken. Das Fenster stand offen. Ein Ausschnitt des Himmels war sichtbar. Er war noch immer dunkel. Das Phänomen war also nicht vorübergehend.

»Aktuelle Nachrichten!«, befahl Anton. Die auf die Stimmen der beiden älteren Familienmitglieder programmierte dreidimensionale Fernsehwand reagierte sofort und leuchtete auf. Anton sah das Symbol des Solaren Imperiums: eine menschliche und eine nichtmenschliche Hand vor dem Hintergrund der Milchstraße. Darunter stand in sieben verschiedenen Sprachen: SONDERMELDUNG.

»Wir werden sofort wissen, was los ist!«, sagte Chinnel.

Er schaltete alle Lichter ein, aber die Helligkeit im Innern des Hauses vermochte seine Furcht nicht zu verjagen. Das Bild des dunklen Himmels ließ sich nicht aus dem Bewusstsein verdrängen.

»Ist es ein Energieschirm?«, fragte Sargia.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Chinnel hilflos. Er sah seine Frau an. Sie war groß und schlank und ungewöhnlich breitschultrig für eine Frau. Ihre eigenen Haare hatte sie für einen biosynthetischen, zur Zeit in Mode gekommenen Bürstenhaarschnitt geopfert. Vor Sargia hatte Chinnel Eheverträge mit vier anderen Frauen geschlossen. Alle diese Ehen waren gescheitert. Einmal im Jahr traf Chinnel sich mit einer seiner vier ehemaligen Frauen, um die sexuellen Beziehungen zu ihnen nicht abbrechen zu lassen. Sargia erhob keine Einwände dagegen. Sie war ausgeglichen und beinahe kühl. Manchmal hatte Anton den Eindruck, dass er nur ein rechnerisches Kalkül in ihrem Leben war. Da Meckton noch zu jung war, um als Familienoberhaupt eingesetzt werden zu können, wechselten Sargia und Anton sich in dieser Aufgabe ab. Anton Chinnel hatte nie das Gefühl, dass er seine Aufgabe in den Griff bekam, wenn er an der Reihe war. Trotzdem war er zufrieden. Die Ehe schien zu halten. Sie war weitgehend spannungsfrei.

Die drei Menschen und der Xisrape versammelten sich vor der Fernsehwand. Auch in Imperium-Alpha schien man ratlos zu sein.

Calloberian sagte: »Ich werde nicht die Schule gehen können!«

»Unsinn!«, widersprach Anton heftig. »In ein paar Stunden wird alles vorbei sein.«

»Darum geht es nicht«, widersprach Calloberian ruhig. Er schien ein anderer zu sein, seit sie das Dach verlassen hatten. Er kam Anton erwachsener und selbständiger vor. »Ich muss nach Imperium-Alpha und mit Perry Rhod sprechen.«

Anton starrte ihn an. »Calloberian, komm zu dir! Du weißt nicht, was du da redest! Niemand wird dich anhören – schon gar nicht in der augenblicklichen Situation. Du bist ein junger Xisrape.«

»Ich glaube, dass ich wichtige Formationen besitze«, sagte Calloberian bestimmt. »Ich werde sie den Vertwortlichen bieten. Es wird ihnen liegen, ob sie sie nehmen.«

»Calloberian soll bei uns bleiben!«, rief Meckton dazwischen. »Ich will nicht, dass er geht.«

Der Xisrape schwebte auf das Kind zu und streichelte es. Meckton beruhigte sich und hob den Kopf. »Wirst du dann wiederkommen, Calloberian?«

»Das vermag niemd zu sagen«, erwiderte der Xisrape. »Ich weiß aber, dass ich der Menschheit Dk schuldig b. Vielleicht habe ich jetzt ee Chce, diesen Dk abzustatten.«

Anton und seine Frau wechselten einen Blick. Chinnel wusste, dass er mit der Adoption auch die Verantwortung für diesen jungen Fremden übernommen hatte. Calloberian schien völlig verwirrt zu sein. Anton hatte schon oft festgestellt, dass der Fremde eine besondere Beziehung zu natürlichen Vorgängen hatte. So pflegte der Xisrape jedes Mal zur Bewegungslosigkeit zu erstarren, wenn es regnete. Dieses Verhalten war unabhängig davon, ob Calloberian sich im Freien oder im Haus aufhielt.

»Ich gebe meine Entscheidung an Sargia ab«, sagte Anton.

Calloberian hob alle vier Ärmchen. Sie waren haarlos und bestanden aus einer festen, knochenlosen Masse. »Das ist weder ee Entscheidung für dich noch für Sargia, Ton«, sagte er. »Ich bitte euch, mir kee Schwierigkeiten zu machen, denn ich werde jedem Fall gehen.«

Sargia setzte Meckton auf einen Sessel. »Calloberian!«, rief sie bestürzt. »Wie redest du? Du gehörst zu unserer Familie. Wir haben dich gern und wollen dich nicht verlieren. Du bist jetzt verwirrt.«

Noch bevor Calloberian antworten konnte, wechselte das Bild auf der Fernsehwand. Die Sendung kam nicht aus einem der TTV-Studios, sondern direkt aus Imperium-Alpha. Das Vorzeichen bedeutete den Zuschauern, dass es sich um eine systemumspannende Sendung handelte, die auch auf den anderen Planeten und Monden des Solsystems sowie auf allen in diesem Sektor stehenden Schiffen und Stationen empfangen werden konnte.

Ein Gesicht erschien auf der Fernsehwand. »Perry Rhodan!«, rief Anton Chinnel überrascht. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Großadministrator sofort selbst zur Menschheit sprechen würde. Dass er es tat, unterstrich die Tragweite des Ereignisses, das erst vor ein paar Minuten stattgefunden hatte.

»Viele Menschen auf der Tagseite unseres Planeten wissen noch nicht, was geschehen ist«, eröffnete Rhodan seine Ansprache. Er wirkte völlig gelassen, aber daraus ließ sich nichts ablesen. Es war bekannt, dass der Großadministrator selten die Beherrschung verlor. »Sie erfahren es jetzt durch Nachrichten oder durch diese Sondermeldung. Es hat den Anschein, als wäre das Solsystem übergangslos vom übrigen Universum abgeschnitten worden. Die Sterne und Galaxien sind nicht mehr sichtbar. Auch unsere im Randsystem stationierten Schiffe können keine Sterne mehr orten. Der Funkverkehr zwischen den äußeren Stationen des Solsystems und der Erde funktioniert einwandfrei. Darüber hinaus haben wir bisher vergeblich versucht, Verbindungen herzustellen. Ich habe bereits veranlasst, dass mehrere Raumschiffe das Solsystem verlassen und versuchen, ein benachbartes Sonnensystem zu erreichen. Im Augenblick können wir nur Vermutungen über die Art des Ereignisses anstellen. Unsere führenden Wissenschaftler nehmen an, dass das gesamte Solsystem sich in einer fünfdimensionalen Energiehülle befindet. Wie es dazu kommen konnte, ist völlig unklar. Eine unmittelbare Gefahr für die Sicherheit der Bewohner des Solsystems besteht nicht. Weitere Informationen erhalten Sie ständig von dieser Stelle aus.«

Damit war die Ansprache beendet. An Rhodans Stelle erschien ein Hyperphysiker und sprach über die Möglichkeiten verschiedener Energieschirme. Chinnel hörte nicht hin. Erstaunlicherweise hatte ihn Perry Rhodans nüchterne, auf wenige Einzelheiten beschränkte Rede beruhigt.

»Ihr habt es gehört«, wandte er sich an die Familie. »Es besteht keine unmittelbare Gefahr.« Seine nächsten Worte galten Calloberian. »Damit dürften auch deine Bedenken ausgeräumt sein!«

»Ich muss auf meer Entscheidung bestehen«, antwortete der Xisrape. »Es hat auch keen S, wenn ich bis morgen warte. Ich gehe jetzt.«

Die Art, wie der Xisrape sprach, beeindruckte Chinnel. Da stand kein kindlicher Extraterrestrier vor ihm, der seiner Hilfe bedurfte, sondern ein erwachsener Fremder, der genau wusste, was er vorhatte. Die Situation war Chinnel peinlich; seine Verlegenheit wuchs. Plötzlich wusste er nicht mehr, wie er sich Calloberian gegenüber verhalten sollte.

Calloberian schien diese Unsicherheit zu fühlen. »Du brauchst dir kee Sorgen um mich zu machen, Ton!«

Chinnel traf seine Entscheidung. »Ich lasse dich nicht weg, Calloberian. Morgen früh spreche ich mit dem Galaktopsychologen, der die Schule leitet. Er wird uns einen guten Rat geben.«

Der Xisrape sank in sich zusammen. Er sah jetzt wie ein am Boden zusammengefaltetes Tuch aus. »Das habe ich befürchtet«, sagte er. »Du kst mich nicht halten, Ton!« Er glitt dicht über dem Boden dahin auf die offene Tür zu. Mit drei Schritten war Chinnel an ihm vorbei und warf die Tür zu. Er stellte sich mit dem Rücken dagegen. Sargia und Meckton beobachteten die Szene schweigend.

»Nötigenfalls halte ich dich gewaltsam fest, Calloberian!«

»Das kst du nicht, Ton!«, wiederholte der Fremde. Zum ersten Mal klang Ärger in seiner Stimme mit. Das Vater-Sohn-Verhältnis, das Chinnel und den Xisrapen bisher verbunden hatte, schien mit einem Schlag ins Gegenteil verkehrt: Er, Anton Chinnel, kam sich gegenüber Calloberian wie ein hilfloses Kind vor.

Chinnels Stimme klang unkontrolliert: »Ich lasse dich nicht gehen!«

Ein kaum sichtbarer bläulicher Nebel löste sich von Calloberian und hüllte Chinnels Kopf ein. Chinnel spürte, dass er willenlos wurde. Er stand da und sah Calloberian an.

»Ich b nicht de Fed«, sagte Calloberian. »Glaube mir, dass ich noch immer de Freund b.« Dann schob er Chinnel zur Seite und trat auf den Flur hinaus.

Sargia gab einen Laut von sich, der ihre Bestürzung deutlich machte. Die Entwicklung hatte sie so überrascht, dass sie sich außerstande fühlte, irgend etwas zu tun. Nur Meckton sprang vom Sessel hoch und eilte Calloberian hinterher.

»Wohin gehst du, Calloberian?«

»Nach Imperium-Alpha«, erklärte der Xisrape. »Vergiss mich nicht, Meckton.«

»Kommst du wieder zurück?«, erkundigte sich das Kind.

»Ne!«

Meckton fühlte, dass es eine endgültige Trennung war. »Ich begleite dich«, sagte er mit seiner kindlichen Logik.

»Du gehörst zu deer Familie«, lehnte Calloberian ab. »Es ist jedem Fall besser, wenn du bei Ton und Sargia bleibst.«

Meckton, der schon als Kleinkind gelernt hatte, seinen Willen nötigenfalls durchzusetzen, spürte die Autorität ihres bisherigen Gastes. Er wandte sich um und ging zu seiner Mutter zurück, die ihm bereits gefolgt war.

Calloberian schwebte die Treppe hinab und öffnete die Tür zum Hof. Er hörte den Lärm, den die auf den Straßen zusammengelaufenen Menschen machten. Überall gab es Anzeichen von Angst. An Schlaf würde unter diesen Umständen sicher niemand denken. Calloberian wurde kaum beachtet. Er schwebte über der Straße dahin, bis er den nächsten Transmitteranschluss erreicht hatte. Ein Mann und eine Frau warteten vor ihm auf einen Sprung ins Zentrum. »Stört es Sie, wenn ich Sie begleite?«, fragte Calloberian höflich.

Der Mann war nervös. Die Frau dagegen machte einen verschlafenen Eindruck und schien noch nicht begriffen zu haben, was geschehen war.

»Sie sind ein Xisrape, nicht wahr?«, fragte der Mann.

»Ja«, sagte Calloberian.

»Was halten Sie von dieser Sache?«

Vielleicht, dachte Calloberian amüsiert, glaubte der Terraner, dass ein Extraterrestrier mehr über diese Dinge wissen müsste. In diesem Fall hatte er vermutlich nicht einmal unrecht.

»Ich weiß nicht mehr als Sie!«

»Station frei!«, rief die Transmitterpositronik.

Die beiden Menschen und Calloberian traten durch den Vorraum. »Sie können Ihr Ziel vorprogrammieren«, schlug Calloberian vor.

Der Mann trat an die Seitensäule und nannte sein Ziel. »Jetzt sind Sie an der Reihe«, sagte er und machte Calloberian Platz.

»Ich möchte so nahe wie möglich Imperium-Alpha her«, sagte Calloberian. Dann fiel ihm ein, dass die kleine Positronik unter Umständen nicht in der Lage war, diesen Satz zu verstehen, und fügte hinzu: »Ziel: Imperium-Alpha! So nahe wie möglich.«

»Was wollen Sie da?«, fragte der Mann hinter Calloberian stirnrunzelnd. Zu seiner Nervosität kam jetzt Misstrauen. »Gehören Sie vielleicht zur SolAb?«

»Ne!«, verneinte Calloberian. »Ich will nur versuchen, der Menschheit zu helfen.«

Die Sterne verschwanden am 20. Dezember 3458.

Das gesamte Solsystem schien plötzlich und übergangslos vom Universum abgeschnitten zu sein. Außer den solaren Planeten und Monden waren auch über die Observatorien keine Himmelskörper mehr zu sehen. Die Funkverbindung innerhalb des Solsystems war ungestört, dagegen konnten keine Kolonialwelten oder Relaisstationen außerhalb des Solsystems erreicht werden.

Raumschiffe von außerhalb trafen nicht mehr ein. Raumschiffe, die auf Perry Rhodans Befehl gestartet waren, erreichten ohne Schwierigkeiten den Linearraum, trafen jedoch auf keine anderen Sonnensysteme oder Schiffe außerhalb des Systems. Das schien die Theorien jener Wissenschaftler zu bestätigen, die behaupteten, dass das Solsystem in eine fünfdimensionale Energiehülle eingeschlossen war. Die Fernflüge der Erkundungsraumschiffe waren nur scheinbar gelungen – in Wirklichkeit bewegten sich die Einheiten der Solaren Flotte in einer überrelativistischen Zone mit irreführenden Wert- und Datenangaben.

Das Solare Parlament tagte permanent. Die Aufregung war unbeschreiblich. Alle großen Elektronik- und Positronikrechner des Solsystems, an erster Stelle NATHAN, waren mit dem Phänomen beschäftigt. Trotz einiger phantastischer Spekulationen in dieser Hinsicht glaubte keiner der führenden Wissenschaftler an ein Naturereignis. Man kam zu dem Schluss, dass es sich um eine Demonstration einer unendlich überlegenen Macht handeln musste.

Die verantwortlichen Männer behielten die Ruhe. Es geschah nichts, was die Menschheit oder das Solsystem in irgendeiner Form gefährdet hätte.

Am 29. Dezember 3458 sprach Perry Rhodan bei einer weiteren Sendung von TTV den klassischen Satz: »Wir sind sicher, dass der ›Fall Harmonie‹ eingetreten ist.«

Es war jetzt fast ein Jahr her, dass Alaska Saedelaere den Anzug der Vernichtung von den Wissenschaftlern zurückerhalten hatte. Trotz gründlicher Untersuchung war das Geheimnis des Anzugs nicht gelöst worden.

Der Transmittergeschädigte bewahrte den Anzug in einem Wohntrakt von Imperium-Alpha auf, denn er wollte auf jeden Fall vermeiden, dass das Geschenk, das er von einem geheimnisvollen Cyno namens Schmitt erhalten hatte, in falsche Hände geriet. Für Alaska war es zur Gewohnheit geworden, jedes Mal, wenn er in Imperium-Alpha weilte, sein Zimmer aufzusuchen und den Schrank zu öffnen, in dem der Anzug hing. So war es auch diesmal.

Wegen der ungewissen Lage waren alle Mitglieder des Mutantenkorps nach Imperium-Alpha gerufen worden. Nach einer kurzen Lagebesprechung mit den führenden Männern des Solaren Imperiums war es den Mitgliedern des Korps freigestellt worden, ihre privaten Räume aufzusuchen. Der Maskenträger, der kein großer Freund von Geselligkeit war, hatte von diesem Angebot sofort Gebrauch gemacht.

Das Cappinfragment in seinem Gesicht hatte bisher in keiner Weise auf die kosmische Veränderung reagiert. Es verhielt sich völlig ruhig, so dass Alaska ab und zu in der Lage war, den gefährlichen Organklumpen in seinem Gesicht zu vergessen.

Als er die Tür zu seinem Wohnraum öffnete, erlebte er eine Überraschung. Mitten im Zimmer stand ein Fremder. Ein Extraterrestrier.

»Ich wollte Sie nicht erschrecken«, versicherte der junge Xisrape. »Aber ich habe seit Tagen vergeblich auf dere Weise versucht, Kontakt mit eem wichtigen Mitglied der Regierung zu bekommen.«

»Ich bin kein Regierungsmitglied!«, sagte Alaska spontan. Gleichzeitig wurde er sich bewusst, wie absurd dieser Ausspruch in der augenblicklichen Situation war. Da befand sich ein Fremder mitten in Imperium-Alpha, in seinem Zimmer – und es war mehr als ungewiss, ob jemand den Xisrapen hereingelassen hatte.

»Me Name ist Calloberi«, sagte der Besucher. »Ich komme aus dem Wohnsektor Afcartz. Dort lebte ich als Adoptivmitglied bei eer terrischen Familie.«

Offensichtlich besaß der Eindringling keine Waffen. Auch schien er nicht mit der Absicht gekommen zu sein, Alaska anzugreifen. Der Maskenträger, der es gewohnt war, umsichtig zu handeln, warf trotzdem einen Blick auf die Alarmanlage und den Interkomanschluss neben der Tür.

»Es stört mich nicht, wenn Sie Verstärkung rufen!«, sagte Calloberian. »Trotzdem würde es mich freuen, wenn Sie mich zunächst emal hören würden.«

»Was?«, fragte Alaska verdutzt.

»Oh!«, machte der Xisrape. »Ich vergaß zu erklären, dass ich zwei Lautverbdungen Ihrer Sprache nicht aussprechen k. Sie werden sich dar gewöhnen.«

»Wer hat Sie hierhergeschickt?«

»Ich komme aus eigenem Trieb!«

»Kein Fremder, der nicht hereingelassen wird, kann Imperium-Alpha betreten.«

Die tuchähnliche Haut des Xisrapen begann zu zittern. Alaska hatte den Eindruck, dass der ungebetene Gast sich amüsierte. Xisrapen, erinnerte sich Saedelaere, galten als freundlich und intelligent. Es war noch nie zu Zwischenfällen mit diesen Wesen gekommen.

Früher oder später, so hoffte Alaska, würde es auch für die Anwesenheit dieses Fremden eine Erklärung geben. Beinahe beschwörend hob Alaska beide Hände. »Also noch einmal von vorn: Wie kommen Sie hierher?«

»Durch die Tür«, sagte Calloberian.

»Die äußere Grenze von Imperium-Alpha! Wie haben Sie sie überschritten, ohne bemerkt zu werden?«

»Ich wechselte auf e deres Energieniveau«, erklärte Calloberian.

Saedelaere seufzte. Seine Kehle war ausgetrocknet. Einerseits machte ihn der Besucher neugierig, andererseits wusste er um seine Pflicht, solche Übergriffe sofort zu melden. Er hätte Calloberian verhaften und der SolAb übergeben müssen. Die Angelegenheit musste untersucht werden. Der Fremde wirkte jedoch in keiner Weise gefährlich.

»Was wollen Sie hier?«, fragte Alaska.

»Ich b gekommen, um den Menschen zu helfen.«

»Denken Sie, dass wir Hilfe nötig haben?«

»Ja! Ke Mensch kn die Sterne sehen.«

Alaskas Interesse wuchs. Was wusste der Xisrape über die Hintergründe von »Fall Harmonie«? »In welcher Form wollen Sie uns helfen?«

Eines der vier dünnen Ärmchen erschien unter Calloberians Hautmantel und deutete zur Decke. »Ich kn die Sterne sehen!«, behauptete der Xisrape.

Die Anwesenheit so vieler Wissenschaftler, Ärzte und Regierungsmitglieder schien Calloberian nicht zu stören. Er schwebte neben dem langen Tisch genau zwischen die Sitze von Perry Rhodan und Reginald Bull. Inzwischen hatte man Erkundigungen eingezogen. Die Familie Chinnel aus dem Sektor Afcartz hatte bestätigt, dass Calloberian bisher ein friedlicher Gast gewesen war. Der Xisrape besaß nach eigenen Angaben die Fähigkeit, energierelativiert zu sehen und sich zwischen verschiedenen Energieebenen bewegen zu können. Diese erstaunliche Fähigkeit war ebenso angeboren wie das Antigravorgan. Die zunächst skeptischen Wissenschaftler begannen allmählich, Calloberians Angaben zu akzeptieren.

Als die Sterne am 20. Dezember 3458 verschwunden waren, hatte auch Calloberian sie zunächst aus den Augen verloren. Innerhalb weniger Minuten jedoch waren sie wieder sichtbar geworden – zumindest für ihn und die anderen zwölfhundert Xisrapen auf der Erde. Calloberians Sinnesorgane hatten sich auf die neue Situation eingestellt.

»Es hat sich nach den Worten unseres Besuchers also nichts verändert«, sagte Professor Waringer zu den im Konferenzraum Versammelten. »Die Sterne und das Solsystem stehen unverändert an ihrem Platz. Man könnte fast sagen, dass wir das Opfer einer bewusst herbeigeführten optischen Täuschung geworden sind. Da wir keine Nachrichten von außerhalb des Solsystems empfangen und seit dem zwanzigsten Dezember auch keine Schiffe mehr von draußen eingetroffen sind, müssen wir voraussetzen, dass das Solsystem für außerhalb seiner Grenzen stehende Beobachter nicht mehr sichtbar ist. Das Phänomen ist also doppelseitig.«

»›Fall Harmonie‹ ist eingetreten!«, warf Julian Tifflor ein. »Wir müssen unbedingt herausfinden, wer dafür verantwortlich ist.«

»Noch wichtiger ist das Motiv!«, meinte Perry Rhodan. »Ich glaube nicht, dass wir es mit einem unmittelbaren Angriff zu tun haben.«

Bully deutete auf den Xisrapen. »Vielleicht kann er uns bei der Lösung des Rätsels helfen!«

»Ich b bereit«, sagte Calloberian eifrig.

»Bevor wir unsere Nachforschungen weiter intensivieren, müssen wir überlegen, ob das Verschwinden der Sterne nur ein erster Schritt der unbekannten Mächte war.« Rhodan erhob sich und beugte sich über den Tisch. Er sah seine Freunde und Mitarbeiter ernst an. »Es ist denkbar, dass wir erst am Beginn von ›Fall Harmonie‹ stehen.«

Er konnte nicht ahnen, wie schnell sich seine Worte bewahrheiten würden. Ein paar Tage später, am 5. Januar 3459, begann die zweite Stufe von »Fall Harmonie«.

2.

Um sechs Uhr morgens terranischer Standardzeit begannen die Sterne wieder zu leuchten. Obwohl das zunächst nur für die Bewohner der Nachthalbkugel sichtbar wurde, war die gesamte Erdbevölkerung innerhalb weniger Minuten über die Wiederherstellung der ursprünglichen Verhältnisse informiert. Der Hyperfunkverkehr zwischen fernen Raumschiffen und Kolonien begann wieder zu funktionieren. Den Verantwortlichen auf Terra wurde bestätigt, dass das Solsystem vom Standpunkt Außenstehender ebenfalls verschwunden gewesen war.

Perry Rhodan sandte Hyperfunkbotschaften an die Regierungen aller großen Fremdvölker und schlug ihnen Beratungen vor. In seinen Botschaften deutete Rhodan vorsichtig an, dass es sich bei dem Phänomen um eine Gefahr handeln könnte, die die gesamte Galaxis bedrohte.

Die erste Antwort traf bereits nach wenigen Stunden ein. Sie kam von der neu-arkonidischen Regierung. Die Arkoniden schlugen eine allgemeine Konferenz aller wichtigen galaktischen Völker vor, in deren Verlauf man über die Angelegenheit diskutieren könnte. Diese Antwort kam fast einer Ablehnung von Rhodans Vorschlägen gleich, denn die Vorbereitung einer Konferenz würde viel Zeit erfordern – und die Frage war, ob man überhaupt noch Zeit besaß.

Psychologisch hatte das Wiedererscheinen der Sterne den Effekt, dass die Bewohner des Solsystems wieder zur Tagesordnung übergingen. Bevor sich jedoch allgemeine Erleichterung breitmachen konnte, erschien das fremde Raumschiff über der Erde.

Es war inzwischen heller Tag geworden, aber die drei Männer, die auf dem Dach des Hauptgebäudes von Imperium-Alpha standen, konnten das Raumschiff, das sich in einer Kreisbahn um die Erde befand, trotzdem sehen.

»Die vierte Umkreisung«, sagte Atlan sachlich. »Trotzdem ist es uns bisher nicht gelungen, diesen Flugkörper ortungstechnisch zu erfassen. Lediglich unsere Augen beweisen uns, dass er existieren muss.«

»Es ist ins Solsystem eingedrungen, ohne dass wir etwas bemerkt haben. Es wurde erst sichtbar, als es sich in einer Kreisbahn befand«, antwortete Reginald Bull. »Es handelt sich also einwandfrei um eine zweite Demonstration technischer Macht. Bis zum Auftauchen dieses mysteriösen Schiffes hätte ich geschworen, dass nicht einmal eine Maus unbemerkt ins Solsystem eindringen kann.«

Rhodan sah ihn schief an. »Was du nur mit deinen Mäusen hast! Schließlich kommt es nicht auf die Größe, sondern auf die Möglichkeiten eines Flugkörpers an.«

»Dieses Schiff scheint sehr groß zu sein«, sagte der Arkonide. »Und kugelförmig.«

»Es sieht so aus«, gab Rhodan zurück. »Der Anschein der Kugelform kann aber auch durch eine Energieaura bewirkt werden.«

»Die Schiffe der Solaren Flotte, die sich dem fremden Raumer genähert haben, konnten auch nicht viel mehr erkennen«, klagte Reginald Bull. »Auf Funkrufe reagieren die Ankömmlinge nicht.«

Atlan sah die beiden anderen an. »Vielleicht ist es überhaupt kein Raumschiff, sondern nur eine unbekannte Energieform.«

»Es ist ein Raumschiff, da kannst du sicher sein«, sagte Perry. Das Objekt, das sie seit seinem Auftauchen beunruhigte, verschwand am Horizont.

»Warten wir auf die Berichte der Nachtseite«, schlug Rhodan vor. »Vielleicht rührt sich auch endlich an Bord des fremden Schiffes etwas. Wenn uns jemand besuchen will, wird er sich auf die Dauer nicht damit begnügen, Kreisbahnen um unseren Planeten zu fliegen.«

Inzwischen war Großalarm gegeben worden. Die Solare Flotte war einsatzbereit. Die Besatzungsmitglieder der Abwehrforts auf der Erde konzentrierten ihre Aufmerksamkeit auf das UFO. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen rechnete Perry Rhodan nicht mit einem Angriff der Unbekannten. Wer immer sich dort oben in diesem Raumschiff aufhielt, schien keine kriegerischen Absichten zu haben, sonst hätte er den Vorteil der Überraschung für sich ausgenutzt.

Das waren allerdings, musste Rhodan einschränkend zugeben, menschliche Überlegungen. Man konnte nie sicher sein, ob ein Extraterrestrier ebenso dachte.

Über sein Armbandfunkgerät wurde Rhodan von der Zentrale aus darüber unterrichtet, dass die Unruhe unter der Erdbevölkerung wuchs. Einige Administratoren verlangten Gegenmaßnahmen. Vor einer halben Stunde war das Parlament erneut zusammengetreten. Seine übermüdeten Mitglieder waren jedoch mehr oder weniger zur Tatenlosigkeit verurteilt, denn mit einem lautlos über der Erde schwebenden Flugkörper ließ sich keine Politik betreiben. Es gab sogar Politiker, die einen Präventivschlag gegen das Raumschiff befürworteten, eine Forderung, die Rhodan nicht einmal in seine Überlegungen einbezog.

Perry Rhodan wurde in seinen Gedanken unterbrochen, als Julian Tifflor sich von der Zentrale aus meldete.

»Hier unten ist man nicht gerade begeistert von Ihrer Privatkonferenz auf dem Dach«, sagte Tifflor. »Man erwartet, dass Sie sich ständig in der Zentrale aufhalten.«

»Wir sind lediglich hier heraufgekommen, um uns das Ding einmal anzusehen, Tiff«, erwiderte Rhodan. »Sagen Sie den Wissenschaftlern und Regierungsmitgliedern, dass kein Grund zur Besorgnis besteht. Vorsichtshalber werden wir jedoch Imperium-Alpha dezentralisieren.«

»Evakuieren!«, korrigierte Tifflor.

Rhodan ließ sich nicht beirren. »Es handelt sich nur um eine Vorsichtsmaßnahme. Wir wissen nicht, was die Fremden vorhaben – sofern überhaupt jemand an Bord dieses Flugkörpers ist. Atlan und ich halten einen Angriff für ausgeschlossen, aber wir dürfen kein Risiko eingehen.«

Die wichtigsten Abteilungen von Imperium-Alpha waren so mobil, dass sie innerhalb kürzester Zeit in Nebenstationen überall auf der Erde verlegt werden konnten. Sie würden trotzdem miteinander verbunden bleiben.

»Ob wir nur beobachtet werden sollen?«, sinnierte Atlan. »Ich würde es bedauern, wenn wir niemals erfahren könnten, wer uns diesen Besuch abstattet.«

»Wir werden es erfahren!«, prophezeite Bull grimmig.

Über sein Armbandfunkgerät hörte Rhodan die ersten Meldungen von der Nachthalbkugel. Es gab keine wichtigen Neuigkeiten. Dieses auf so geheimnisvolle Weise aufgetauchte Raumschiff schien sich mit Umkreisungen des dritten Planeten begnügen zu wollen. Welcher Sinn steckte nur hinter allem? Zweifellos konnte man von einer Demonstration technischer Macht sprechen. Wer das Solsystem für Wochen vom Universum trennen und dann mit einem Raumschiff mühelos in einen Orbit um die Erde eintreten konnte, musste der Menschheit weit überlegen sein.

Bisher waren alle Versuche, mit den Fremden über Hyperfunk in Verbindung zu treten, gescheitert. Auch mit den normalen Funkgeräten hatte man keine Erfolge erzielen können. Rhodan war sicher, dass dies in erster Linie aus psychologischen Gründen so war. »Sie wollen uns zappeln lassen!«, sagte er leise.

»Vielleicht kommen die Unbekannten mit guten Absichten«, mischte sich Julian Tifflor ein. Er hatte über Rhodans Armbandfunkgerät mithören können.

Atlan lachte auf. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Wenn jemand ausschließlich gute Absichten hat, braucht er nicht seine Stärke auf diese Weise zu demonstrieren.«

»Einen Augenblick!«, rief Tifflor. »Da kommt eine interessante Meldung aus Brasilia. Dort wollen Wissenschaftler die ungefähre Größe des Flugkörpers ermittelt haben. Sie soll fünfhundert Meter betragen.«

Rhodan nickte Bully und dem Arkoniden zu. »Begeben wir uns in die Funkzentrale«, schlug er vor. »Ich habe eine neue Idee, wie wir uns vielleicht mit den Besuchern in Verbindung setzen können.«

Bully kratzte sich am Hinterkopf. »Vielleicht sind sie so fremd, dass es keine Verständigungsmöglichkeiten gibt.«

»Intelligente Wesen können sich immer miteinander verständigen – wie groß die Unterschiede auch sein mögen«, erwiderte Perry Rhodan.

Sie traten zusammen in den kleinen Transmitter, der auf dem Dach installiert war, und nannten ihr Ziel. In Nullzeit gelangten sie in die Zentrale von Imperium-Alpha, wo auch große Funkanlagen aller Art untergebracht waren.

Rhodan trat an ein Interkomgerät und schaltete den Bildteil ein. »Ich möchte, dass sofort alle Energieschirme über Imperium-Alpha abgeschaltet werden«, sagte er.

Bull versetzte Atlan einen Rippenstoß. »Was, zum Teufel, bezweckt er mit dieser Maßnahme?«

Bevor Atlan antworten konnte, drehte Rhodan sich zu den beiden Freunden um und lächelte. »Wir werden jetzt Ultrakurzwellen zur Übermittlung einer Nachricht benutzen«, kündigte er an. »Vielleicht reagieren sie darauf.«

Die Kommunikationsspezialisten in der Zentrale sahen sich ungläubig an. Sie wussten von Rhodan, dass er oft ungewöhnliche Wege ging, aber diesmal glaubten sie nicht, dass er Erfolg haben würde.

»Hier spricht Perry Rhodan!«, begann er. »Wir können Sie nicht orten, aber wir sehen Sie. Ihre bisherigen Vorführungen waren nicht schlecht, aber man wird ihrer allmählich überdrüssig. Jedes gute Programm muss einmal ein Ende haben, sonst wirkt es fade.«

Zu Rhodans Überraschung ertönte aus den Lautsprechern ein leises Lachen, das allmählich anschwoll. Das Lachen wirkte beinahe herzlich und schien eine Spur von Anerkennung zu enthalten.

»Sie reagieren!«, rief Bully überrascht. Er trat hinter Rhodans Sitz und lauschte gespannt.

Plötzlich erklang eine fremde Stimme. Sie war tief und volltönend. »Wir haben uns in Perry Rhodan nicht verschätzt!«, sagte jemand in einwandfreiem Interkosmo.

»Sie haben uns eine wochenlange Verdunkelung beschert«, antwortete Rhodan sofort. »Danach sind Sie ohne Erlaubnis mit einem Ihrer Flugkörper in unser Sonnensystem eingedrungen und haben eine Kreisbahn um unsere Hauptwelt eingeschlagen. Was würden Sie sagen, wenn wir darauf mit dem Wirkungsfeuer eines terranischen Großkampfschiffs reagiert hätten?«

Bully hielt unwillkürlich den Atem an. Wollte Rhodan die Fremden provozieren?

Wieder ertönte die fremde Stimme. »Wir wollten Ihnen gerade ein entsprechendes Angebot unterbreiten, Perry Rhodan. Jede Seite soll wissen, woran sie ist. Machen Sie einen Test. Wir fordern Sie dazu auf.«

Mit dieser Antwort hatte Perry nicht gerechnet. Er ließ sich jedoch seine Verwunderung nicht anmerken, sondern reagierte sofort. »Wir werden von Ihrem freundlichen Angebot Gebrauch machen. Unser Flaggschiff ist die MARCO POLO. Sie wird Ihren Flugkörper mit allen Bordwaffen angreifen. Zu diesem Zweck müssten Sie sich jedoch weiter in den Weltraum zurückziehen, denn Sie können sich vorstellen, dass wir unseren Planeten nicht gefährden wollen.«

»So soll es geschehen«, sagte der Unbekannte. Dann erfolgte etwas Überraschendes. Einer der Bildschirme erhellte sich. Der Unbekannte wurde sichtbar.

Er war menschenähnlich und etwas über eineinhalb Meter groß. Sein muskulöser Körperbau und seine tonnenförmig geformte Brust ließen darauf schließen, dass er von einer Welt kam, auf der eine höhere Gravitation herrschte als auf Terra. Alle nicht unter der Kleidung verborgenen Körperteile des Wesens waren schwarzbraun bis tiefschwarz. Die Haut schien spröder und dicker zu sein als die eines Menschen. Der Mann auf dem Bildschirm besaß zwei Arme und zwei Beine. Die Hände waren fünffingrig. Der flache Kopf saß auf einem kurzen und muskulösen Hals. Haare waren nur auf dem Kopf des Fremden zu erkennen, sie waren teilweise fingerdick und wie geflochtene Spiralen miteinander verbunden. Das Wesen hatte seine Haare kranzförmig geschnitten, so dass sie fast wie ein Nest aussahen.

Die smaragdgrünen Augen standen weit auseinander und waren tief in Knochenhöhlen eingebettet. Sie waren groß und leuchtend, aus ihnen sprach die ungewöhnliche Intelligenz ihres Besitzers. Die Nase war breit und flach, im Gegensatz zu einer menschlichen Nase besaß sie vier verschließbare Öffnungen. Der Mund war breit und volllippig, seine gelbe Farbe ließ Rhodan vermuten, dass in den Adern des Besuchers gelbes Blut floss. Neben den dicken Haaren fielen Rhodan vor allem die Ohren des Wesens auf. Sie glichen halbmondförmigen, durchsichtigen Kiemen und reichten bis zum Hals hinab, so dass sie auf den ersten Blick wie Backenbärte aussahen.

Als der Fremde sprach, wurden ein paar breite und runde Zähne sichtbar. »Es wird Zeit, dass Sie erfahren, wer ich bin«, sagte er freundlich. »Mein Name ist Hotrenor-Taak, und ich bin der Verkünder der Hetosonen.«

»Ich glaube nicht, dass ich Ihnen sagen muss, wer ich bin«, sagte Rhodan gedehnt.

»Wir Laren kennen uns in der Galaxis gut aus«, gab der Fremde ohne Umschweife zu. Sein Gebaren erinnerte Rhodan unwillkürlich an das eines gutmütigen Onkels, der gekommen war, um einen ungezogenen Neffen zu belohnen oder mit sanftem Nachdruck zu maßregeln.

»Woher beziehen Sie Ihre Kenntnisse?«, wollte Rhodan wissen. »Bisher hat niemand von uns einen Laren zu Gesicht bekommen.«

»Wir haben intensive Beobachtungen durchgeführt«, erläuterte Hotrenor-Taak bereitwillig. »Das bedeutet nicht, dass wir Bewohner dieser Galaxis sind. Wir kommen aus einer einundzwanzig Millionen Lichtjahre entfernten Galaxis, die Ihnen unter der Bezeichnung NGC 3190 bekannt ist.«

Diese so leichthin ausgesprochene Information sollte zweifellos einen neuen Schock auslösen. In aller Freundlichkeit wurde den Terranern klargemacht, was das Volk der Besucher zu leisten imstande war. Diese Politik war so exakt auf die Mentalität der Terraner zugeschnitten, dass Rhodan keinen Augenblick mehr an der Behauptung zweifelte, dass die Fremden sich gründlich in der Galaxis umgesehen hatten.

Wie lange schon?, fragte sich der Großadministrator mit steigender Unruhe. Grundlegende Kenntnisse über eine Galaxis konnte man sich nicht in wenigen Monaten aneignen. Dazu brauchte man Jahre, auch wenn man über eine noch so großartige Technik verfügte. Das bedeutete, dass die Laren sich schon seit geraumer Zeit in der Galaxis aufhielten. Zu welchem Zweck? Haben sie Eroberungspläne?

Wenn sie wirklich aus dem Spiralnebel NGC 3190 kamen, musste man das ausschließen. Eine Invasion über einundzwanzig Millionen Lichtjahre hinweg mochte der larischen Technik zwar möglich sein, aber sie ergab keinen logischen Sinn.

»Bestimmt machen Sie sich diese Mühe nicht, um uns eine Kostprobe Ihrer technischen Möglichkeiten zu geben«, meinte Rhodan. »Da muss mehr dahinterstecken.«

»Das stimmt«, bestätigte Rhodans Gesprächspartner. »Ich bin der Botschafter des Konzils oder Bundes der Sieben Galaxien. Wir nennen dieses Konzil auch Hetos der Sieben.«

Vor Rhodans geistigem Auge entstand das Bild einer ständigen Konferenz, in der die Mitglieder von sieben Galaxien versammelt waren. Gab es einen solchen Machtblock tatsächlich?

»Das Konzil der Sieben«, fuhr Hotrenor-Taak fort, »ist zu dem Entschluss gekommen, dass die Völker der Milchstraße, in erster Linie aber die Menschheit, eine Entwicklungsstufe erreicht haben, die es ihnen ermöglicht, in diesen kosmischen Bund einzutreten.«

Rhodan kombinierte blitzschnell. Er erinnerte sich an die Prüfungen, die die Menschheit bestanden hatte. War das Auftauchen der Laren die Folge dieser Entwicklung? ES hatte der Menschheit versprochen, dass sie eines Tages das Universum beherrschen könnte – wenn keine entscheidenden Fehler gemacht wurden. Stand die Menschheit vor dem nächsten Schritt ihrer Evolution?

»Zunächst einmal brauchen wir einen Bewohner dieser Milchstraße, der als Repräsentant im Konzil der Sieben auftritt«, sagte Hotrenor-Taak. »Wir haben dazu Sie ausgewählt, Perry Rhodan.«

In der Zentrale von Imperium-Alpha wurde es still. Menschen und Extraterrestrier, die in diesem großen, mehrfach unterteilten Raum arbeiteten und die letzten Worte des Laren gehört hatten, unterbrachen ihre Arbeit und starrten Rhodan an.

Jeder, der Zeuge dieses Gesprächs wurde, spürte instinktiv, dass er einen entscheidenden Augenblick erlebte. Rhodan selbst fühlte sich überrumpelt. Er hatte nicht mit einer solchen Entwicklung gerechnet. Das mit freundlicher Stimme vorgetragene Angebot überraschte ihn.

»Sie sind der Erste Hetran der Milchstraße, Perry Rhodan«, sagte Hotrenor-Taak. »Sie werden stellvertretend für alle intelligenten Wesen Ihrer Milchstraße im Konzil der Sieben sprechen.«

»Ihr Studium der Galaxis war offenbar nicht sehr gründlich«, sagte Rhodan, der seine Selbstsicherheit schnell zurückgewann. »Sonst wüssten Sie um das Verhältnis der Terraner mit verschiedenen anderen raumfahrenden Völkern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein Blue oder ein Akone von mir vertreten lassen würde.«

Der Fremde lächelte breit. Zum ersten Mal wirkte seine Freundlichkeit berechnend, seine Stimme bekam einen drohenden Unterton. »Wenn das Konzil der Sieben einen Ersten Hetran ernennt, wird es ihn auch unterstützen«, versicherte er. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgend jemand in der Galaxis in der Lage wäre, Ihre Anordnungen, die Sie im Interesse des Hetos der Sieben treffen werden, zu ignorieren.«

Das war deutlich! Rhodan unterdrückte seine Entrüstung. Jetzt war nicht der Augenblick, Gefühle zu zeigen. Er musste kühl abwägen, wie er sich verhalten konnte, ohne eine Katastrophe heraufzubeschwören. Die Worte des Besuchers besagten, dass die Macht, die er repräsentierte, in jeder Form hinter dem Ersten Hetran stehen würde. Nötigenfalls war das Konzil der Sieben anscheinend entschlossen, widerspenstige Völker zur Räson zu bringen. Ein Protest der Blues gegen Rhodans Ernennung konnte für dieses Volk schlimme Folgen haben. Rhodan spürte aber keine Neigung, eine Machtposition auf Kosten anderer Völker zu erringen, schon gar nicht, wenn er eine Art Statthalter für Fremde spielen sollte.

Unter diesen Umständen musste Rhodan Zeit gewinnen. Er musste herausfinden, wie mächtig die Laren und die anderen Völker des Bundes wirklich waren. Trotz der Freundlichkeit des Verkünders der Hetosonen, wie Hotrenor-Taak sich nannte, fühlte Rhodan sich vom Angebot des Fremden in die Enge getrieben. Nur durch geschicktes Taktieren konnte er sich aus dieser Situation retten. Er wusste, dass er sich auf seine Mitarbeiter verlassen konnte. Während er sprach, würden die Auswertungen der SolAb und der USO bereits beginnen. Es war jedoch fraglich, ob diese beiden Organisationen schnelle Lösungen finden würden.

»Ich glaube«, sagte Rhodan ruhig, »dass wir vom Thema abgekommen sind. Ihr Angebot ist natürlich reizvoll. Bevor ich jedoch intensiv mit Ihnen verhandle, wollen wir noch einmal auf den Test zu sprechen kommen.«

Hotrenor-Taak lachte. Er schien sich zu amüsieren. »Diese Reaktion ist typisch für Sie, Terraner«, sagte er. »Wir haben damit gerechnet. Wir ziehen uns jetzt tiefer in den Weltraum zurück, dann können Sie eines Ihrer Schiffe auf uns loslassen – meinetwegen auch die gesamte Flotte.«

Das Bild verblasste, für den Laren schien das Gespräch damit vorläufig beendet zu sein.

Rhodan lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sekundenlang verharrte er in dieser Stellung. Niemand störte ihn. In der Zentrale herrschte Schweigen. »Wir werden also jetzt belohnt«, sagte Rhodan schließlich. »Aber ich habe mir das ein bisschen anders vorgestellt.«

Tifflor deutete auf den inzwischen wieder dunkel gewordenen Bildschirm, wo vor wenigen Minuten noch der Fremde zu sehen gewesen war. »Ich fand ihn freundlich und verbindlich!«, sagte der Solarmarschall.

»Sie waren schon immer ein viel zu gutmütiger Mensch, Tiff«, bemerkte Atlan. »Wir dürfen uns von der Freundlichkeit des Laren nicht beeindrucken lassen.«

»Blues, Akonen und Springer werden sich freuen, wenn sie erfahren, was die Laren vorhaben«, sagte Rhodan sarkastisch. »Andererseits wäre es sicher eine Dummheit, das Angebot der Fremden abzulehnen. Wir müssen Zeit gewinnen, das ist jetzt besonders wichtig.«

»Ich freue mich schon auf den Test!« Bully rieb sich die Hände. »Unsere Besucher sind ziemlich selbstsicher, aber ich glaube, dass sie schon nach wenigen Sekunden um eine Feuereinstellung bitten werden.«

»Das bezweifle ich«, widersprach Atlan. »Sie sind viel zu intelligent, um sich einer ernsthaften Gefahr auszusetzen. Sie haben genau kalkuliert. Ich bin der Ansicht, dass es ein Fehler von uns war, den Testvorschlag anzunehmen. Die Laren werden die Situation dazu benutzen, uns erneut zu zeigen, wie überlegen sie sind.«

Rhodan hob beide Arme. »Wir wollen nicht darüber streiten! Bully, du nimmst Verbindung zu Oberst Elas Korom-Khan auf. Unterrichte ihn genau über das, was zu tun ist. Die Feuerleitoffiziere der MARCO POLO sollen die stärksten Waffen einsetzen.«

Atlan schüttelte den Kopf. »Das erscheint mir alles völlig absurd. Wir sollten uns auf keinen Fall mit diesen Laren einlassen, sondern nach Möglichkeiten suchen, wie wir unsere eigenen Pläne verwirklichen können.«

»Hast du eine Idee?« Rhodan sah den alten Freund an. »Im Augenblick mache ich mir außerdem mehr Sorgen um andere Dinge. Wenn die neue Epoche der Menschheit gleich wieder mit einem Feind-Verhältnis beginnen soll, verspreche ich mir nicht viel davon.«

»Gehen wir zu den Ortungsanlagen!«, schlug Julian Tifflor ungeduldig vor. »Ich bin gespannt, wie der Angriff der MARCO POLO ausgehen wird.«

Calloberian hatte die Schranktür geöffnet und strich mit zwei Händen über die Ärmel des Anzugs der Vernichtung. Saedelaere sah ihm aufmerksam zu.

»Die Wissenschaftler haben nie herausfinden können, was dieses rätselhafte Kleidungsstück eigentlich bedeutet«, sagte der Transmittergeschädigte. »Nachdem ich erfahren habe, dass Sie sich zwischen verschiedenen Energieebenen bewegen können, wollte ich Ihnen den Anzug einmal zeigen.«

Der Xisrape sah das Kleidungsstück ehrfürchtig an. Seit seiner Ankunft in Imperium-Alpha war Calloberian Gast bei Alaska Saedelaere. Die Wissenschaftler hatten den Xisrapen verhört und waren zu dem Entschluss gekommen, dass er die Wahrheit sagte. Auch nach Auftauchen des larischen Schiffes war Calloberian in die Zentrale von Imperium-Alpha gerufen worden, aber diesmal hatte er keine Informationen geben können.

Calloberian hatte jedoch darum gebeten, weiterhin in Imperium-Alpha leben zu können, und Rhodan, der hoffte, dass sich dieses Wesen mit seinen seltsamen Fähigkeiten doch noch als Hilfe erweisen könnte, hatte diesem Verlangen nachgegeben. Calloberian war Alaska Saedelaeres Schutzbefohlener geworden. Schon nach wenigen Tagen hatte sich zwischen den beiden so grundverschiedenen Wesen ein fast freundschaftlich zu nennendes Verhältnis entwickelt.

»Darf ich herausnehmen?«, erkundigte sich Calloberian.

»Nur zu!«, forderte Alaska ihn auf. »Genieren Sie sich nicht. Ich möchte endlich erfahren, was Schmitt mir damals geschenkt hat.«

Calloberian zog den Anzug aus dem Schrank. Er schwebte ein paar Schritte vom Schrank weg und legte das Kleidungsstück auf den Boden. Dann ließ er sich darauf nieder.

Alaska ließ ihn gewähren. Er selbst hatte unzählige Experimente mit dem Anzug durchgeführt. Es schien sich um ein normales Kleidungsstück aus einem unbekannten Material zu handeln. An einer Stelle war der Anzug beschädigt. Ein Stück eines Ärmels fehlte.

»Es ist wirklich e merkwürdiger Gegenstd«, sagte Calloberian. Alaska hatte sich inzwischen an die Sprechweise des Xisrapen gewöhnt und verstand den Besucher gut. »Er hat ee eigenartige Ausstrahlung, die sich nur schwer erklären lässt.«

»Kann man etwas Besonderes erkennen?«

»Es gibt etwas Besonderes«, erwiderte Calloberian. »Aber ich k es nicht beschreiben. Es ist zu fremdartig. Vielleicht, wenn ich mich e paar Mal mit diesem Dg beschäftigt habe.«

Saedelaere war ein bisschen enttäuscht, obwohl er nicht damit gerechnet hatte, von Calloberian neue Informationen zu bekommen. »Vielleicht ist der Anzug nicht für Menschen bestimmt«, sagte er nachdenklich. »Es ist möglich, dass ...«

Der Interkomanschluss summte. Auf dem kleinen Bildschirm über dem Tisch wurde Bullys Gesicht erkennbar. »Wir stehen unmittelbar vor dem mit den Laren vereinbarten Test«, berichtete der Solarmarschall. »Perry wünscht, dass Sie zusammen mit Ihrem Schutzbefohlenen in die Zentrale kommen, um das Ereignis zu beobachten.«

»Ich kann mir denken, warum«, gab Alaska zurück. »Rhodan hofft, dass Calloberian an diesem fremden Raumschiff Energieentwicklungen beobachten kann, die uns entgehen könnten.«

Bully nickte nur. »Beeilen Sie sich, Alaska!«

Der Maskenträger hängte den Anzug in den Schrank zurück. Dann verließ er zusammen mit Calloberian den Wohntrakt. In wenigen Sekunden waren sie über Transmitteranschlüsse und Antigravschächte in der Zentrale angekommen. Vor den Ortungsanlagen drängten sich die Menschen, die hier unten arbeiteten.

Alaska und Calloberian wurden sofort in die vorderste Reihe gedrängt.

Mit einem Seitenblick registrierte Perry Rhodan die Ankunft Alaskas und des Xisrapen.

Calloberian wurde vor dem großen Panoramabildschirm postiert, damit er alles genau beobachten konnte.

Das fremde Schiff war nach wie vor auf den Bildschirmen der Ortungsanlagen nicht zu sehen. Da man jedoch inzwischen seinen Kurs berechnet hatte und kannte, deutete ein simulierter Ortungspunkt seine Position an. Die MARCO POLO dagegen war deutlich auszumachen. Beide Schiffe befanden sich außerhalb der Mondbahn.

Der Kommandant der MARCO POLO, Oberst Elas Korom-Khan, befand sich in ständiger Funkverbindung mit der Zentrale. Da auch die hyperenergetischen Ortungsgeräte des Flaggschiffs das Schiff der Fremden nicht anpeilen konnten, benutzten die Ortungsoffiziere an Bord der MARCO POLO veraltete Radargeräte und Ultrakurzwellenpeiler. Auf diese Weise konnten sie das Ziel ausmachen. Alaska hörte die Stimme des Kommandanten.

»Wir kommen mühelos dichter heran«, berichtete der Raumfahrer. »Das fremde Schiff ist kugelförmig und leuchtet ockergelb. Es erinnert mich an eine kleine Sonne.«

»Diese Strahlkraft macht es weithin sichtbar«, antwortete Perry Rhodan. »Wir haben Berichte aus Brasilia vorliegen. Dort schätzt man den Durchmesser des Schiffes auf fünfhundert Meter. Was halten Sie davon?«

»Wir können das mit einigen Vorbehalten bestätigen«, berichtete Elas Korom-Khan. »Natürlich wissen wir nicht, ob unter der sichtbaren Energieglocke ein kleinerer Körper verborgen ist.«

»Bis auf die ultraschweren Transformkanonen, mit denen wir die solaren Planeten gefährden könnten, müssen Sie alle Waffen einsetzen!«, befahl Rhodan. »Die Laren haben sich damit einverstanden erklärt. Wir können sicher sein, dass sie über die Qualität unserer Bordwaffen genau informiert sind.«

Wenig später meldete der Oberst: »Gefechtsposition erreicht!«

»Es wird zu keinem Gefecht kommen«, verbesserte Rhodan. »Es handelt sich lediglich um einen Test.«

»Was geschieht eigentlich, wenn wir dieses fremde Schiff mit einem Feuerschlag zerstören?«, fragte Tifflor. »Ich gehe sogar noch weiter und frage, ob das nicht aus uns unbekannten Gründen die Absicht der Fremden sein könnte. Vielleicht brauchen sie einen Vorwand, um uns ihrerseits angreifen zu können.«

Diese Überlegung war nicht neu für Perry Rhodan. Auch er hatte an verschiedene Ausgänge des Unternehmens mit allen damit verbundenen Konsequenzen gedacht. Dabei war er zu dem Schluss gekommen, dass sie in keinem Fall vorhersehen konnten, wie es weitergehen würde. Er beugte sich über die Funkanlage. »Eröffnen Sie jetzt das Feuer, Oberst!«

Die Impulskanonen und Desintegratorgeschütze begannen zu feuern. Gleichzeitig eröffneten die leichteren Transformkanonen das Feuer. Torpedos rasten auf das unbekannte Schiff zu, während es gleichzeitig von Paralysewellen überflutet wurde. Wenige Augenblicke später hörte Rhodan den Kommandanten des Flaggschiffs aufstöhnen.

»Das fremde Schiff reagiert nicht!«, rief Korom-Khan.

Rhodan und Reginald Bull wechselten einen ungläubigen Blick. »Es reagiert nicht? Aber diese massiven Angriffe müssen doch sichtbare Folgen haben.« Rhodan hob die Stimme. »Beobachten Sie genauer!«

»Das Ding scheint eine Art Energieschlucker zu sein«, sagte der Oberst einige Zeit später. »Die Wissenschaftler, die es vom Bordobservatorium aus beobachten, haben gerade die Vermutung geäußert, dass die Zellwandungen dieses Schiffes weder aus Stahl noch einem anderen festen Metall bestehen, sondern aus reiner verdichteter Energie, die nach den Wünschen der Erbauer geformt wurde.«

»Wenn das stimmt, ist es tatsächlich unangreifbar!«, sagte Atlan niedergeschlagen.

»Jetzt verändert es sich!«, rief der Oberst dazwischen. Sein Gesicht, das auf einigen Bildschirmen der Funkanlagen sichtbar war, zeigte Anzeichen heftiger Erregung.

»Was geschieht?«, wollte Rhodan wissen. Er gestand sich ein, dass er von Anfang an gehofft hatte, der Test würde bis zu einem gewissen Grad Erfolg haben.

»Das Schiff wird größer, es schwillt an, ohne seine exakt runde Form zu verlieren!« Der Oberst sprach immer schneller. »Es leuchtet jetzt blassgelb.«

In der Zentrale breitete sich Schweigen aus. Noch immer feuerte die MARCO POLO mit allen Waffen, ausgenommen die ultraschweren Transformgeschütze. Rhodan war sicher, dass man in der Feuerleitzentrale der MARCO POLO längst vergessen hatte, dass es sich nur um ein von den Besuchern angebotenes Experiment handelte. Für die Raumfahrer war die Sache bitterer Ernst geworden.

»Es ist ein Stillstand eingetreten«, meldete Korom-Khan ein paar Minuten später. »Das fremde Schiff durchmisst jetzt genau fünftausend Meter. Es ist völlig stabil.«

»Stellen Sie das Feuer ein!«, sagte Rhodan matt. »Es hat wohl keinen Sinn, wenn wir uns noch länger auf diese Weise bloßstellen.«

»Waringer möchte mit Ihnen sprechen!«, meldete Korom-Khan.

Der berühmte terranische Wissenschaftler befand sich an Bord der MARCO POLO. Sein Gesicht, das jetzt auf den Bildschirmen auftauchte, drückte das aus, was in dem genialen Mann vorging. Waringer war erschüttert und überwältigt. »Es ähnelt nach wie vor einem leuchtenden Stern«, sagte er mit schwankender Stimme. »Die Wissenschaftler, die vermuten, dass seine Außenhülle aus reiner Energie besteht, scheinen recht zu haben.«

»Kann es sich nicht um einen besonderen Schutzschirm handeln, der diesen Eindruck erweckt?«, fragte Professor Kranjohn, der sich in der Zentrale von Imperium-Alpha aufhielt.

»Das können wir ausschließen«, erwiderte Waringer. Er presste die Lippen zusammen und versuchte ein Lächeln. »Mit der uns eigenen Geschwindigkeit haben wir auch bereits eine Bezeichnung für dieses Objekt gefunden. Wir nennen es einen Struktur-Variablen-Energiezellen-Raumer. Als Abkürzung schlage ich SVE-Raumer vor.«

Atlan wandte sich an Rhodan. »Es wird Zeit, dass du wieder mit den Laren sprichst. Je länger wir damit warten, desto größer muss ihrer Ansicht nach unsere Verwirrung sein.«

Rhodan nickte. Während Bully das Gespräch mit Waringer fortsetzte, begab Rhodan sich vor das Ultrakurzwellengerät. Wieder musste er in kürzester Zeit schwerwiegende Entscheidungen treffen.

Als er sich jedoch bei Hotrenor-Taak meldete, war von seinen inneren Bedenken nichts zu spüren. »Es war wirklich ein glänzend bestandener Test«, sagte er gelassen. »Sie können stolz auf dieses Flugobjekt sein. Nachdem wir das hinter uns gebracht haben, wollen wir Ihnen nicht länger zumuten, die Erde nur aus der Kreisbahn zu erleben. Wir laden Sie ein. Landen Sie auf unserer Welt, wir heißen Sie als Gäste willkommen.«

Jemand einzuladen, der sich ohne Schwierigkeiten eine Landung hätte erzwingen können, gehörte zu dem Plan Rhodans, die Ankömmlinge auf keinen Fall merken zu lassen, wie beunruhigt man auf der Erde war.

Hotrenor-Taak lachte freundlich. »Wir haben unser Schiff wieder auf die normale Größe reduziert, so dass es uns keine Probleme bereiten wird, auf dem größten Raumhafen von Terrania City zu landen«, sagte er.

Perry Rhodan verstand den unverschämten Seitenhieb, aber er reagierte nicht darauf. Dabei fragte er sich im stillen, wie sich die Freundlichkeit der Laren mit diesem überdeutlichen Spott vertrug.

»Sie sind freundlich und herablassend«, bemerkte Bully grimmig.

»Das bedeutet, dass sie sich grenzenlos überlegen fühlen«, sagte Atlan. »Für sie sind wir wahrscheinlich Halbwilde. Sie geben uns ein paar Vorstellungen, um uns zu zeigen, was sie können, dann nehmen sie uns gnädig in ihren Bund auf.« Sein Blick fiel auf Perry Rhodan, und der Ausdruck seines Gesichts änderte sich. »Immerhin scheinen sie vor dir ein bisschen Respekt zu haben. Hotrenor-Taak sprach von einem Konzil der Sieben. Die Laren sind also nur ein Volk dieses kosmischen Bundes. Hoffen wir, dass die anderen Mitglieder angenehmer sind. Vielleicht hat man die Laren geschickt, um uns einem letzten Test zu unterziehen.«

Rhodans Augen verengten sich. »Wenn es jemals einen echten Botschafter der Galaxis geben soll, muss er von allen Völkern dieser Milchstraße gewählt werden. Die Laren gehen einen anderen Weg. Sie maßen sich an, diesen Repräsentanten zu bestimmen.«

»Und sie haben dich gewählt«, sagte Bull mit Nachdruck. »Eigentlich ist das nur die Konsequenz der politischen Verhältnisse in der Galaxis.«

»Ich werde vorläufig noch nicht ablehnen«, versicherte Rhodan. »Es ist sicher klüger, wenn ich zum Schein auf die Angebote der Fremden eingehe. Aber später, wenn wir mehr über dieses Konzil wissen, wird sich einiges ändern.«

»Es gibt Entwicklungen, die sich nicht mehr aufhalten lassen«, warnte Tifflor. »Wir sollten uns nicht so tief in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang verstricken lassen.«

»Warten wir ab!« Rhodan erhob sich. »Tiff, Sie und Atlan begleiten mich zum Raumhafen. Dort werden wir unsere Gäste begrüßen.«

Bull machte ein böses Gesicht.

»Es gibt zwei Dinge, die mich veranlasst haben, dich zurückzulassen«, setzte ihm Rhodan auseinander. »Dein schwer zu zügelndes Temperament und die Notwendigkeit, dass jemand in Imperium-Alpha sein muss, der auch in kritischen Situationen die Übersicht bewahrt.«

»Ich bin keine Maus, die immer nur in ihrer Höhle bleiben will«, beklagte sich Bull.

»Eines Tages«, prophezeite Perry Rhodan, »werden die Mäuse herausfinden, dass du sie ständig zu Vergleichen missbrauchst, und sich bei ihrem großen Verwandten beschweren, damit er etwas gegen dich unternimmt.«

»Gucky sollte sich besser um die Fremden kümmern!«, meinte Bully.

3.

Lautlos wie ein leuchtender Riesenballon schwebte das Raumschiff der Laren auf den Raumhafen von Terrania City zu. Hunderttausende von Schaulustigen hatten sich versammelt. Terra-Television übertrug das Ereignis. Rhodan war sich von Anfang an darüber im klaren gewesen, dass sich die Landung nicht verheimlichen lassen würde – das lag nicht im Interesse der Laren, die weltweite Aufmerksamkeit hervorrufen wollten. Die Tatsache, dass sich alles offiziell abspielte, konnte nur zur Beruhigung der Terraner führen.

Das Landefeld selbst jedoch war abgesperrt und durfte nur von den Verantwortlichen betreten werden. Ferngesteuerte Robotkameras von TTV kreisten über dem SVE-Raumer. Am Rande des Landefelds waren sorgfältig getarnte Einheiten der SolAb aufmarschiert. Rhodan glaubte nicht, dass er die Laren täuschen konnte, aber er war sicher, dass sie diese Vorsichtsmaßnahmen von ihm erwarteten.

Die Mutanten hatten sich überall verteilt. Nicht einmal Rhodan kannte ihren genauen Standort. Nur Rhodan, Atlan und Julian Tifflor würden sich dem SVE-Raumer nach der Landung nähern.

Zum ersten Mal sah Perry Rhodan das rätselhafte Schiff aus der Nähe. Es leuchtete so stark, dass Rhodans Augen davon geblendet wurden.

»Eine Energiekugel«, sagte Atlan. »Genau, wie es die Wissenschaftler der MARCO POLO beschrieben haben.«

Dicht über dem Boden kam der SVE-Raumer zum Stehen. Landestützen waren nicht erkennbar. Rhodan vermutete, dass das Schiff auf einem Antigravpolster ruhte.

Der Großadministrator schwang sich auf den Fahrersitz eines Energiegleiters, der am Rande des Landefelds bereitstand. Die drei Männer waren noch über tausend Meter vom eigentlichen Landeplatz entfernt.

»Es ist ein verdammt großes Risiko, wenn wir ihnen allein entgegenfahren«, sagte Tifflor.

»Das stimmt, Tiff!« Rhodan wies auf den leeren Rücksitz des Gleiters. »Aber sie sollen wissen, dass wir keine Angst haben.«

Der schlanke, jugendlich aussehende Mann lächelte schwach. »Aber ich habe Angst!«, gestand er.

»Dann versuchen Sie, sie zu verbergen!«, fuhr Atlan ihn an. »Sie hatten ja schon ein paar Jahrhunderte Zeit, sich in solchen Dingen zu üben.«

»Aber nicht so lange wie Sie!«, gab Tifflor zurück.