Perry Rhodan 75: Die Laren (Silberband) - H. G. Ewers - E-Book

Perry Rhodan 75: Die Laren (Silberband) E-Book

H.G. Ewers

0,0

Beschreibung

Man schreibt das Jahr 3459. Die Herrschaft des Konzils der Sieben in der Milchstraße ist gefestigt. Niemand vermag den SVE-Raumern der Laren Widerstand zu leisten. Als sogenannter Erster Hetran der Galaxis kooperiert Perry Rhodan zum Schein mit den Okkupanten. In Wirklichkeit bereitet er hinter ihrem Rücken den Befreiungskampf vor. Hilfe verspricht ihm der larische Rebell Roctin-Par, der mit seiner Widerstandsgruppe in der Dunkelwolke Provcon-Faust Unterschlupf gefunden hat. Rhodan erlebt auf seinem Flug in diese Region der Milchstraße die Schrecken der Dunkelwolke. In der Zwischenzeit wird auf der Hundertsonnenwelt der Posbis eine Waffe gegen die SVE-Raumer entwickelt. Doch die Laren reagieren mit fürchterlicher Vergeltung, der offene Krieg droht. Perry Rhodan läßt das Solsystem in die Zukunft versetzen, um die völlige Vernichtung der Erde zu verhindern. Damit zieht sich der Terraner vom Amt des Ersten Hetrans zurück. Andere Mächte wollen an seine Stelle treten - und ein mörderischer Kampf um die Macht entbrennt ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 715

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Nr. 75

Die Laren

Man schreibt das Jahr 3459. Die Herrschaft des Konzils der Sieben in der Milchstraße ist gefestigt. Niemand vermag den SVE-Raumern der Laren Widerstand zu leisten. Als so genannter Erster Hetran der Galaxis kooperiert Perry Rhodan zum Schein mit den Okkupanten. In Wirklichkeit bereitet er hinter ihrem Rücken den Befreiungskampf vor. Hilfe verspricht ihm der larische Rebell Roctin-Par, der mit seiner Widerstandsgruppe in der Dunkelwolke Provcon-Faust Unterschlupf gefunden hat. Rhodan erlebt auf seinem Flug in diese Region der Milchstraße die Schrecken der Dunkelwolke. In der Zwischenzeit wird auf der Hundertsonnenwelt der Posbis eine Waffe gegen die SVE-Raumer entwickelt. Doch die Laren reagieren mit fürchterlicher Vergeltung, der offene Krieg droht. Perry Rhodan lässt das Solsystem in die Zukunft versetzen, um die völlige Vernichtung der Erde zu verhindern. Damit zieht sich der Terraner vom Amt des Ersten Hetrans zurück. Andere Mächte wollen an seine Stelle treten – und ein mörderischer Kampf um die Macht entbrennt ...

Vorwort

Wieder gibt es ein kleines Jubiläum zu feiern: Dies ist der 75. Band der PERRY RHODAN-Bibliothek. Unsere Helden würden sicherlich gern ein Glas Sekt darauf erheben, aber ob ihnen ausgerechnet »jetzt« danach zumute wäre?

Die Laren haben die Milchstraße in der Hand. Die galaktischen Völker sind der weit überlegenen Technologie der Invasoren wehrlos ausgeliefert. Perry Rhodan ist nach dem »Atlan-Coup« als Erster Hetran bestätigt, aber das ist kein Amt, an dem er sich freuen könnte. Er beugt sich nur, um im geheimen die Fäden zu ziehen und gegen die Macht des Konzils anzukämpfen. Mit dem larischen Rebellen Roctin-Par besitzt er ja bereits einen Freund, von dem durchaus noch einige Überraschungen zu erwarten sind.

Aber man gibt sich keinen Illusionen hin. Die Situation des Solaren Imperiums ähnelt jener der Dritten Macht in den Anfangstagen der interstellaren Raumfahrt, als die Menschen sich schon einmal gegen mächtigere Völker zu behaupten hatten – und mit List und Verwegenheit Sieger blieben. Diese Tugenden sind jetzt wieder gefragt. Militärisch ist gegen die Überlegenheit der Laren nichts auszurichten. Jeder offene Konflikt wäre gleichbedeutend mit der Auslöschung der Menschheit, denn ES, der Unsterbliche von Wanderer, schweigt.

Die zugrundeliegenden Originalromane sind: Der Arkturus-Zwischenfall (657) und Flug in die Dunkelwolke (658) von Kurt Mahr; Operation Bumerang (660) von H. G. Ewers; Der Sonnenzünder (661) von Hans Kneifel; Jagd auf einen Toten (662) von Ernst Vlcek und Leticron, der Überschwere (663) von William Voltz.

Zeittafel

1971/84 – Perry Rhodan erreicht mit der STARDUST den Mond und trifft auf die Arkoniden Thora und Crest. Mit Hilfe der arkonidischen Technik gelingen die Einigung der Menschheit und der Aufbruch in die Galaxis. Das Geistwesen ES gewährt Rhodan und seinen engsten Wegbegleitern die relative Unsterblichkeit. (HC 1–7)

2040 – Das Solare Imperium entsteht und stellt einen galaktischen Wirtschafts- und Machtfaktor ersten Ranges dar. In den folgenden Jahrhunderten folgen Bedrohungen durch die Posbis sowie galaktische Großmächte wie Akonen und Blues. (HC 7–20)

2400/06 – Entdeckung der Transmitterstraße nach Andromeda; Abwehr von Invasionsversuchen von dort und Befreiung der Völker vom Terrorregime der Meister der Insel. (HC 21–32)

2435/37 – Der Riesenroboter OLD MAN und die Zweitkonditionierten bedrohen die Galaxis. Nach Rhodans Odyssee durch M 87 gelingt der Sieg über die Erste Schwingungsmacht. (HC 33–44)

2909 – Während der Second-Genesis-Krise kommen fast alle Mutanten ums Leben. (HC 45)

3430/38 – Das Solare Imperium droht in einem Bruderkrieg vernichtet zu werden. Bei Zeitreisen lernt Perry Rhodan die Cappins kennen. Expedition zur Galaxis Gruelfin, um eine Pedo-Invasion der Milchstraße zu verhindern. (HC 45–54)

3441/43 – Die MARCO POLO kehrt in die Milchstraße zurück und findet die Intelligenzen der Galaxis verdummt vor. Der Schwarm dringt in die Galaxis ein. Gleichzeitig wird das heimliche Imperium der Cynos aktiv, die am Ende den Schwarm wieder übernehmen und mit ihm die Milchstraße verlassen. (HC 55–63)

3444 – Die bei der Second-Genesis-Krise gestorbenen Mutanten kehren als Bewusstseinsinhalte zurück. Im Planetoiden Wabe 1000 finden sie schließlich ein dauerhaftes Asyl. (HC 64–67)

3456 – Perry Rhodan gelangt im Zuge eines gescheiterten Experiments in ein paralleles Universum und muss gegen sein negatives Spiegelbild kämpfen. Nach seiner Rückkehr bricht in der Galaxis die PAD-Seuche aus. (HC 68–69)

3457/58 – Perry Rhodans Gehirn wird in die Galaxis Naupaum verschlagen. Auf der Suche nach der heimatlichen Galaxis gewinnt er neue Freunde. Schließlich gelingt ihm mit Hilfe der PTG-Anlagen auf dem Planeten Payntec die Rückkehr. (HC 70–73)

3458/59

Prolog

Dezember 3458

Die Laren erscheinen in der Milchstraße. Sie geben sich als Abgesandte eines gewaltigen Sternenreichs, des »Konzils der Sieben«, aus und bieten Perry Rhodan das Amt des »Ersten Hetrans der Milchstraße« an. Um Schaden von der Menschheit abzuwenden, nimmt er an. Schnell erweisen sich die Laren als Invasoren. Der blumige Titel, den sie Rhodan aufgezwungen haben, entpuppt sich als vornehme Umschreibung für einen Diktator von Gnaden der Fremden.

Erste Aufstände gegen die Unterdrückung werden von den Laren blutig niedergeschlagen. Ihre SVE-Raumer scheinen unzerstörbar. Hetos-Inspektoren leisten Spitzeldienste für die Laren und sitzen in allen wichtigen Stellen in Wirtschaft und Politik.

Der Höhepunkt der Spannungen zwischen Rhodan und Hotrenor-Taak ist erreicht, als der Lare den Terraner auffordert, den rebellischen Arkoniden Atlan, Rhodans besten Freund, eigenhändig und vor den Augen der Galaxis zu töten. Perry Rhodan inszeniert ein gewagtes Psychospiel, um die Laren zu täuschen, und richtet statt Atlan einen Androiden-Doppelgänger hin. Der echte Atlan wird in Sicherheit gebracht, und Hotrenor-Taak ist besänftigt – vorerst.

1.

April 3459

Unwirkliches Halbdunkel, durchflackert vom bunten Leuchten elektronischer Anzeigen, herrschte im weiten Rund des Kommandostands. An der Konsole des Piloten saß Mentro Kosum, der hagere, hochgewachsene Emotionaut, den Blick auf die Dutzende von Indikatoren gerichtet, die vor ihm blinkten und glommen. Die mächtige SERT-Haube hatte er an ihrer Halterung beiseite geschoben.

Sie war bereit, sich im Notfall in Sekundenschnelle über seinen Schädel zu stülpen, und ermöglichte ihm dann, das gewaltige Raumschiff aus eigener Kraft zu steuern, wie kein normaler Mensch es zu steuern vermochte.

Zu beiden Seiten des Emotionauten taten jüngere Offiziere Dienst. Es war die Zeit der Nachtwache. Der Mensch pflegte seine Lebensgewohnheiten auch in den Raum hinauszutragen, wo es keine natürliche Unterscheidung von Tag und Nacht gab. An Bord der MARCO POLO jedoch herrschte der Vierundzwanzig-Stunden-Rhythmus, und während des Tagesteils, der als Nacht definiert war, ging die Aktivität an Bord des Flaggschiffs der Solaren Flotte auf ein Minimum zurück.

Im Mittelpunkt des weiten Rundraums erhob sich auf wenigen Stufen eine Art Podest, auf dem der »übergeordnete Kommandant« hinter einer Konsole seinen Sitz hatte. Unter dem übergeordneten Kommandanten verstand man im Falle einer Raumflotte zum Beispiel den Flottenkommandeur, soweit er nicht mit dem Kommandanten des Flaggschiffs, der gleichzeitig auch als Pilot fungierte, identisch war. An dieser Konsole saß in der Nacht zum 2. April 3459 allgemeiner Zeit Perry Rhodan, der Großadministrator des Solaren Imperiums, seit kurzem auf Wunsch und Befehl des Hetos der Sieben auch »Erster Hetran der Milchstraße«. Neben Rhodan in einem bequemen Gliedersessel ruhte die zierliche Gestalt eines der größten Wissenschaftler, die die irdische Menschheit je hervorgebracht hatte: Mart Hung-Chuin, eines der führenden Mitglieder des Waringer-Teams. Rhodan und Hung-Chuin fügten sich nahtlos in die allgemeine Atmosphäre der Schläfrigkeit ein. Aber die Atmosphäre war trügerisch. Die Schläfrigkeit war ein Zustand, der sich innerhalb Sekundenbruchteilen in hektische Aktivität verwandeln konnte. Denn man war hierhergekommen, um Augenzeuge eines wichtigen Ereignisses zu werden. Dass niemand wusste, was man sich unter diesem Ereignis vorzustellen hatte, erhöhte die innere Spannung der Männer im Kommandostand der MARCO POLO, die sich nach außen hin so entspannt gaben.

Die MARCO POLO stand unmittelbar über dem Glutmeer einer gelben Sonne vom GO-Typ. Sie hieß Vontrecal-Pyn und war knapp 35.000 Lichtjahre von der Erde entfernt. Sie lag nahe der Grenze der Eastside, und gerade in diesem Raumsektor entwickelten die verschiedenen Völker der Blues seit dem Auftauchen des Hetos der Sieben beachtliche Aktivität. Folglich hatten die Kommunikationsprozessoren des Flaggschiffs alle Hände voll mit dem Empfang und der Weiterleitung von Hyperfunksprüchen zu tun, die aus Blues-Antennen stammten und für Blues-Antennen bestimmt waren. Der Bordrechner kümmerte sich um diese Sprüche, ohne dass die Besatzung sich damit abzugeben brauchte. Wenn er eine wichtige Nachricht entdeckte, würde er sich von selbst melden. Bis dahin jedoch waren die Blues-Funksprüche für die MARCO POLO weitgehend uninteressant. Ihre Aufmerksamkeit galt einem anderen, auffälligeren Objekt, das sich auf einem langsamen Orbit um die Sonne Vontrecal-Pyn bewegte und, von dem terranischen Flaggschiff aus gesehen, auf der anderen Seite des flammenden Himmelskörpers stand.

Die MARCO POLO hatte über die glühende Rundung der Sonne hinweg eine Sonde ausgefahren, die unter anderem mit dem neuen Schattenpeiler ausgerüstet war, der es ermöglichte, die Energiehüllen der strukturvariablen Energiezellenraumschiffe des Hetos der Sieben zu orten. Denn solcher Art war das Objekt auf der anderen Seite von Vontrecal-Pyn: ein Gigantraumschiff der Laren, das im goldgelb leuchtenden Normalzustand schon zwölfhundert Meter durchmaß und sich, wie aus den Erfahrungswerten bekannt war, auf das Zehnfache seines jetzigen Durchmessers aufblähen konnte.

Die Absicht, die die Laren hierhergeführt hatte, war unbekannt. Fest schien jedoch zu stehen, dass die Anwesenheit des larischen SVE-Raumers etwas mit dem geheimen Stelldichein zu tun hatte, das einzuhalten die MARCO POLO fast fünfunddreißigtausend Lichtjahre weit gekommen war.

Mart Hung-Chuin räkelte sich in seinem Sessel. »Von einem Wissenschaftler erwartet man, dass er seine Neugierde zu zügeln weiß«, sagte er. »Aber ich muss gestehen, dass ich in diesem Augenblick endlich wissen möchte, warum Veron Motcher uns hierherbestellt hat.«

Veron Motcher, Captain der USO, war der Mann, der über geheimnisvolle Kanäle dieses Rendezvous zustande gebracht hatte. Motcher war ein USO-Spezialist, dem es gelungen war, sich in den inneren Kreis der »Wissenschaftler« einzuschleusen, die im Newton-System ein unabhängiges Reich errichtet hatten und zum Solaren Imperium, aus dem sie stammten, Beziehungen von unterschiedlicher Freundlichkeit unterhielten. Motchers Meldung, die auf dem Umweg über Quinto-Center und die Para-Burg im irdischen Samoa-Archipel schließlich Perry Rhodan erreicht hatte, ging nicht darauf ein, was die MARCO POLO am Treffpunkt in der Nähe der Sonne Vontrecal-Pyn zu erwarten habe. Lediglich die Koordinaten des Rendezvouspunktes in Zeit und Raum waren angegeben. Und es stand fest, dass der larische SVE-Raumer etwas damit zu tun haben musste.

»Ich kann Ihnen da nicht helfen, Mart«, antwortete Rhodan gelassen. »Atlan versicherte mir, dass Veron Motcher ein überaus zuverlässiger und nüchterner Mann ist. Infolgedessen nehme ich an, dass wir hier etwas zu sehen bekommen werden, was die weite Reise lohnt.«

Da die MARCO POLO sich in demselben Maße um Vontrecal-Pyn herumschob, wie das SVE-Raumschiff sich auf seinem Orbit um die Sonne bewegte, war das Solare Flaggschiff von den Laren noch nicht bemerkt worden.

»Ich schwelge in wilden Hoffnungen«, spöttelte Hung-Chuin. »Wie wäre es ...«

Er wurde durch ein helles Summen unterbrochen. Perry Rhodan beugte sich interessiert nach vorne und gewahrte auf einem der kleinen Orterschirme einen matten, grünlichen Reflex, der sich mit beachtlicher Geschwindigkeit bewegte. Er befand sich, ebenso wie das SVE-Raumschiff, auf der anderen Seite der Sonne. Seine Bewegungsgrößen deuteten an, dass er sich geradlinig auf das larische Fahrzeug zubewegte.

Der Interkom sprach an. Die Entfernung vom Sitz des Piloten zur Konsole des übergeordneten Kommandanten war zu groß, als dass sie bequem auf akustische Weise hätte überbrückt werden können.

»Unbekannter Flugkörper nähert sich dem Laren, Sir«, hörte Rhodan den Emotionauten sagen. Die Aufregung in seiner Stimme war unverkennbar.

»Anfrage an Bordrechner«, antwortete der Großadministrator. »Kann das fremde Fahrzeug identifiziert werden?«

»Negativ, Sir«, meldete sich Mentro Kosum von neuem. »Es handelt sich um ein Objekt in Kugelform mit unüblichen Ausmaßen.«

Hung-Chuin hatte die Unterhaltung mitverfolgt. »Ein Raumschiff der Wissenschaftler«, vermutete er.

Perry Rhodan nickte kaum merklich. »Abwarten!«, befahl er Mentro Kosum. »Halten Sie die Haube bereit!«

»Verstanden, Sir«, antwortete der Emotionaut und schaltete ab.

Perry Rhodan wandte sich an den Wissenschaftler. »Mart, holen Sie aus dem Rechner die Koordinaten einer bedeutungslosen, einsamen Sonne. Irgendeinen gottverlassenen Punkt ...«

Hung-Chuin war blitzschnell aufgefahren und begann, an der Tastatur der Konsole zu arbeiten. »Klar!«, rief er, als die Anweisung ausgeführt war.

»Speichern Sie die Koordinaten in einem Block des Kommunikationsprozessors!«

Mart Hung-Chuin lächelte wissend. Er begann, Perry Rhodans Gedankengänge zu verstehen. Auf dem Orterschirm war weiterhin zu sehen, wie der schwache Reflex des unbekannten Kleinraumschiffs auf den hellleuchtenden Fleck des larischen Raumers zuraste. Es sah aus, als habe der Kleine die feste Absicht, den Großen anzugreifen. Die Komplexität der politischen Lage war zuvorderst in Perry Rhodans Bewusstsein. Wenn er mit dem kleinen Raumschiff sympathisierte, dann durfte er es nach außen hin nicht zeigen. Er bereitete sich darauf vor, dem unbekannten Fahrzeug blitzschnell die Koordinaten eines Treffpunktes anzugeben, an dem unauffällig eine Begegnung stattfinden konnte. Im entscheidenden Augenblick konnten Anweisung und Koordinaten in wenigen Millisekunden von Bordrechner zu Bordrechner überspielt werden.

Die Entfernung zwischen dem larischen Fahrzeug und dem unbekannten Kleinraumschiff schmolz dahin. Der Bordrechner meldete sich und ließ wissen, er habe über den Kommunikationsprozessor eine Serie von neuen Nachrichten empfangen, die offenbar aus den Antennen des SVE-Raumers stammten.

Die Laren waren wach geworden. Sie informierten ihre übergeordnete Kommandostelle über die Annäherung eines unbekannten Kleinfahrzeugs. Perry Rhodan konnte sich vorstellen, wie sie den Anflug des fremden Raumschiffs mehr neugierig als beunruhigt verfolgten.

Und dann, als das kleine Raumschiff noch etwa einen Mondbahnradius von dem grell leuchtenden SVE-Raumer entfernt war, riss hoch über den Laren die Wand des Universums auf.

»Senden Sie, Mart!«, befahl Perry Rhodan.

Die Serie der bestandenen Prüfungen, in der Folge eines »Spiels« zwischen ES und Anti-ES der Menschheit und insbesondere Perry Rhodan auferlegt, hatte also Resultate gezeitigt.

Eine Macht ungeheuren Ausmaßes, das Konzil von sieben vereinigten Galaxien, das Hetos der Sieben, hatte begonnen, die von vielen verschiedenen Sternenvölkern bevölkerte Milchstraße in ihren Machtbereich einzubeziehen. Perry Rhodan war zum Ersten Hetran der Milchstraße ernannt worden und erhielt damit Sitz und Stimme im Konzil der Sieben.

Aber das Imperium war vorsichtig. Das Hetos der Sieben war eine Macht ohne Anteilnahme am Geschick der Menschen und der anderen Sternenvölker der Milchstraße. Sie kamen, um Entschlüsse kundzutun. Sie gaben der Milchstraße nicht die Möglichkeit, diese Entschlüsse zu diskutieren, sie für gut oder schlecht zu befinden, sie anzunehmen oder abzulehnen. Ihr Entschluss war Gesetz. Die Milchstraße hatte nur die Möglichkeit, zu akzeptieren ... oder aber sich einer Bedrohung auszusetzen, deren Ausmaß sich nicht absehen ließ.

Unter diesen Voraussetzungen war der Plan »Fall Harmonie« wirksam geworden. Die Spitzen der galaktischen Regierungen, ob Blues, Akonen, Arkoniden, Springer oder Solares Imperium, hatten sich verflüchtigt, ebenso die Verbände der Flotten. Die Laren, eines der herrschenden Völker im Hetos der Sieben, stießen scheinbar in ein militärpolitisches Vakuum vor, als sie in die Milchstraße eindrangen. Perry Rhodan aber verhielt sich abwartend. Er war auf dem Konzilsplaneten des Hetos gewesen, tief draußen im intergalaktischen Leerraum, Millionen von Lichtjahren entfernt, und hatte begonnen, die kalten, von keinerlei menschlicher Erwägung beeinträchtigten Überlegungen des Hetos zu durchschauen. Er hatte erkannt, dass er in Kürze dem Hetos werde entgegentreten müssen. Der technischen Überlegenheit des zukünftigen Gegners wegen war es jedoch notwendig, dass er seine Rolle als williger Kandidat für das Amt des Ersten Hetrans der Milchstraße vorerst weiterspielte.

Inzwischen jedoch spann er seine Fäden. Seinen besten Freund Atlan hatte er vor den Augen der Intersolar Television scheinbar getötet. In Wirklichkeit hatte ein biomechanischer Roboter an Atlans Stelle den Tod gefunden. Atlan lebte seitdem im Versteck der Mutanten, der so genannten Para-Burg, in einem ehemaligen Stützpunkt der Lemurer unter dem Boden des Pazifischen Ozeans. Über Geheimsender unterhielt der Arkonide Verbindung mit Quinto-Center, dem Zentrum der United Stars Organisation. Auf demselben Weg hatte er die geheimnisvolle Meldung seines Spezialisten Veron Motcher erhalten und diese sofort an Perry Rhodan weitergeleitet. Hotrenor-Taak, der »Verkünder der Hetosonen«, wie er sich nannte, hatte es nur ungern gesehen, dass Perry Rhodan ausgerechnet mit dem mächtigsten Raumschiff der Solaren Flotte die Erde verließ, um, wie er sagte, einen Erkundungsflug zur Feststellung revolutionärer Elemente zu unternehmen. Aber ihm waren die Hände gebunden. Er konnte dem, den er soeben zum Ersten Hetran ernannt hatte, schlecht die Bewegungsfreiheit versagen.

Die MARCO POLO war also gestartet. Ohne dass Hotrenor-Taak ihr genaues Flugziel kannte, hatte sie in kürzester Zeit den von Veron Motcher angegebenen Treffpunkt erreicht, und nun schickte sie sich an, Zeugin eines nahezu unglaublichen Schauspiels zu werden.

Der Weltraum flammte. Auf dem großen Orterschirm war deutlich zu sehen, dass sich über dem SVE-Raumschiff ein wirbelnder, leuchtender Trichter gebildet hatte. Solche Erscheinungen waren charakteristisch für Vorgänge, in denen die Überlappungszone zwischen Einstein-Kontinuum und dem übergeordneten Hyperraum aufriss. Staunend verfolgten die Männer im Kommandostand der MARCO POLO den unglaublichen Vorgang.

Im Flackern des Energietrichters war der kleine, schwache Reflex des fremden Raumschiffs völlig vergangen. Man wusste nicht, wo der Unbekannte sich im Vergleich zu dem riesigen Fahrzeug der Laren befand. Der Trichter wuchs rasch. Seine wirbelnde Bewegung wurde rascher, und plötzlich erschien in seinem Innern eine grelle Linie, die aus der aufwärts gerichteten Spitze des Trichters herabstieß und an der Hülle des SVE-Raumers endete.

»Unglaublich!«, ächzte Hung-Chuin. »Das muss der Zapfstrahl sein!«

Perry Rhodan verstand. Man wusste, dass die Laren ihren gewaltigen Energiebedarf dadurch befriedigten, indem sie durch den Hyperraum hindurch energetisch höherstehende Kontinua anzapften und die überschüssige Energie durch die Zapfstelle in ihre Empfänger leiteten. Das Prinzip war unbekannt. Man hatte auf Terra nicht die leiseste Ahnung, wie die Technologie der Laren diesen Durchgriff durch den Hyperraum bewerkstelligte. Zum ersten Mal wurde jetzt der Kanal sichtbar, durch den die abgezapften Energien aus einem übergeordneten Raum flossen, durch den Hyperraum, in die energetischen Empfänger des SVE-Raumschiffs. Der Kanal, ein grell strahlendes Gebilde von gezackter Form, hatte das Aussehen eines riesigen, erstarrten Blitzes. Seine Länge musste Hunderttausende von Kilometern betragen.

Und dann geschah das Sensationelle.

»Sie unterbrechen den Zapfstrahl!«, schrie Hung-Chuin mit der Begeisterung des Wissenschaftlers, der ein völlig neuartiges Prinzip in Aktion sah. »Weiß der Himmel ... sie drosseln den Laren die Energiezufuhr!«

Tatsächlich begann der blitzförmige Energiekanal zu schrumpfen. Oben, wo der Trichter endete, war er schon nicht mehr zu sehen, und in jeder Sekunde verlor er weitere Tausende von Kilometern seiner ursprünglichen Länge.

Währenddessen ging mit dem Raumschiff selbst eine merkwürdige Veränderung vor sich. Es begann zu flackern. Der Reflexpunkt auf dem Orterschirm wurde in unregelmäßigen Abständen heller und dunkler. Im großen und ganzen jedoch schien er an Helligkeit zu verlieren. Perry Rhodan wurde seiner Aufregung kaum mehr Herr. Er glaubte zu wissen, was der fremde Angreifer im Sinn hatte. Er wusste, dass die Laren die Leistung zur Erzeugung und Aufrechterhaltung ihrer aus reiner Energie bestehenden Schiffshülle aus dem Hyperraum bezogen. Sein Angriff zielte darauf, diesen Leistungsfluss durch Unterbrechung des Energiekanals zu stoppen. In diesem Fall musste das larische Raumschiff sich einfach in nichts auflösen, eine atemberaubende Vorstellung. In der Tat schien der SVE-Raumer zu schrumpfen. Sein Durchmesser sank unter eintausend Meter, und aus dem ursprünglich kräftig leuchtenden Lichtfleck war ein matter, flackernder Punkt geworden. Der gezackte Energiekanal war im Laufe von kaum zwei Minuten fast völlig verschwunden.

»Aber sie täuschen sich ...!«, sagte Mart Hung-Chuin ärgerlich. Dass er damit die Angreifer meinte, wurde aus seiner nächsten Feststellung klar. »Sie glauben, die Laren seien allein auf die Energieversorgung aus dem Hyperraum angewiesen. Ich behaupte, so unvorsichtig sind sie nicht! Sie haben Ersatzaggregate an Bord, mit denen sie den Leistungsausfall wenigstens teilweise ausgleichen können!«

Die Schrumpfung des SVE-Raumers hatte jetzt aufgehört. Der Trichter, der den gezackten Zapfstrahl in sich aufgesogen hatte, hörte auf zu wirbeln und verlor an Leuchtkraft.

Plötzlich wurde der Reflex des kleinen Raumschiffs wieder sichtbar. Es war höchstens noch vierzigtausend Kilometer von dem larischen SVE-Raumer entfernt und war inzwischen erheblich langsamer geworden. Der Reflex des larischen Raumschiffs hörte auf zu flackern. Die energetische Lage an Bord des SVE-Fahrzeugs hatte sich anscheinend stabilisiert. Obwohl aus dem Hyperraum keine Energie mehr kam, zerfiel das Schiff nicht weiter. Hung-Chuin schien recht zu behalten: Die Laren besaßen Ersatzgeneratoren.

Damit entstand für den kleinen Angreifer eine gefährliche Situation. Auf dem Orterschirm war zu erkennen, wie sich aus der Hülle des SVE-Raumers ein glitzernder Funke löste und mit hoher Geschwindigkeit auf das kleine Fahrzeug zustrebte. Dessen Schirmfelder, die der Orter als eine Art grünlichen Nebel erfasste, leuchteten ein paar Sekunden lang grell auf. Die Bedeutung des Vorgangs war unmissverständlich: Die Laren hatten sich von der Überraschung erholt und gingen nunmehr selbst zum Angriff über. Der kleine Raumer schien über weiter nichts als seine Schirmfelder zu verfügen. Die Salve der Laren wurde nicht beantwortet. Statt dessen verlangsamte sich die Fahrt des fremden Raumschiffs noch stärker als bisher. Der Angreifer hatte die Überlegenheit der Laren offenbar erkannt und suchte nun sein Heil in der Flucht.

»Es wird ihm nicht gelingen!«, prophezeite Hung-Chuin. »Er kam zu schnell! Er braucht zu lange, um seine Fahrt aufzuheben und auf Gegenfahrt zu gehen!«

Noch einmal löste sich ein Funke aus dem Leib des larischen Schiffes. Diesmal flackerten die Schutzschirme des Beschossenen noch länger und gefährlicher. Hung-Chuin warf Perry Rhodan einen Blick zu, in dem sich eine flehentliche Bitte auszudrücken schien. Rhodan verstand.

»Kosum, wir greifen ein!«, sprach er in das Interkommikrofon. »Sie steuern! Bei erster Gelegenheit eine Breitseite gegen den Laren! Seine Struktur ist geschwächt. Wir müssten ihn kriegen ...«

Noch während Rhodan sprach, senkte sich die SERT-Haube über den Schädel des Emotionauten. Das riesige Schiff kam in Bewegung. Mit Höchstbeschleunigung stieß die MARCO POLO hinter der schützenden Sonne hervor. Die wertvolle Sonde, die eines der wenigen existierenden Exemplare des neuen Schattenpeilers in sich barg, wurde auf dem schnellsten Weg eingeholt.

Inzwischen entwickelte sich die Raumschlacht zu einem Drama. Dem kleinen Raumschiff war es gelungen, die ursprüngliche Fahrt völlig abzubremsen. Es befand sich jetzt auf dem Rückflug. Aber pausenlos flammten seine Schutzschirme unter dem erbarmungslosen Feuer der Laren auf, die inzwischen ebenfalls Fahrt aufgenommen hatten. In diesem Augenblick jedoch erschien die MARCO POLO am Orterhorizont der beiden Gegner. Die Überraschung an Bord des Laren ebenso wie an Bord des kleinen Raumschiffs musste beachtlich sein. Für ein paar Sekunden schwiegen die larischen Geschütze.

Die MARCO POLO beschleunigte mit Höchstwerten. Wie ein Racheengel stürzte sie sich aus der flammenden Sonne hervor auf den Laren. Mentro Kosum schien auf Kollisionskurs zu fliegen. Aus achtzigtausend Kilometern Entfernung eröffnete er das Feuer. Mörderische Desintegrator- und Thermosalven, dem Auge unsichtbar, auf dem Orterschirm jedoch als glühende Bahnen erscheinend, schnellten sich dem Laren entgegen. Plötzlich entstand unmittelbar vor Vontrecal-Pyn eine neue Sonne. Ein sich blitzschnell ausbreitender Feuerball strahlte unerträglich grell von den Bildschirmen – der Lare war explodiert.

Perry Rhodan warf, während im Kommandostand der MARCO POLO Jubelrufe gellten, einen besorgten Blick auf die Anzeigen des Kommunikationsprozessors. In dem Augenblick, als die MARCO POLO hinter der Sonne Vontrecal-Pyn auftauchte, war an Bord des Laren eine hektische Hyperfunkaktivität ausgebrochen. Man durfte daher nicht annehmen, dass Hotrenor-Taak über die Einzelheiten dieser seltsamen Begegnung am Rande der Eastside lange im unklaren bleiben würde.

»Einflug Linearraum bei erster Gelegenheit!«, befahl Rhodan dem Emotionauten. »Mart, geben Sie die Koordinaten des Treffpunkts in den Bordrechner!«

Ohne dass Perry Rhodan vorerst davon erfuhr, erwiesen sich seine Befürchtungen als gerechtfertigt. Auf der Erde hatte Hotrenor-Taak inzwischen für sich und die Besatzung seines Raumschiffs in unmittelbarer Nähe des Raumhafens von Terrania City ein provisorisches Hauptquartier errichten lassen – ein Gebäude, dessen Außen- und Zwischenwände ebenso aus Energiefeldern bestanden wie die Wandungen der larischen Form einer flachen Kuppel mit kreisförmigem Querschnitt und einem Durchmesser von knapp einhundert Metern. Niemand wusste vorläufig, wie es im Innern des Gebäudes aussah, denn die Wände waren undurchsichtig und leuchteten in ockergelber Farbe.

Hotrenor-Taak befand sich in Gegenwart eines seiner Sekretäre, als ihn die Nachricht von dem unerklärlichen Vorgang an der Grenze der Eastside erreichte. Der Sekretär war ein junger, überaus stämmig gebauter Lare mit einem flammend roten Haarnest. Seine Haut war von erstaunlich heller Färbung, zu der die weit auseinanderstehenden, smaragdgrünen Augen einen bemerkenswerten Kontrast bildeten.

Der Interkom auf Hotrenor-Taaks Arbeitstisch war in Tätigkeit. Auf dem Bildschirm erschien eine Serie von Meldungen, die aus den Hyperfunksprüchen eines larischen Raumschiffs zusammengesetzt waren, das vor kaum einer Stunde in der Nähe der Eastside-Grenze ein eigenartiges Schicksal ereilt zu haben schien. Man hatte Grund zu glauben, dass das Fahrzeug von einem unbekannten Gegner vernichtet worden war; denn der Empfang der Sendung hatte plötzlich, mitten in einer Meldung, aufgehört.

Was der Verkünder der Hetosonen auf seinem Bildschirm zu sehen bekam, war keineswegs der rohe Text der Funksprüche, die das unglückliche Raumschiff abgestrahlt hatte. Die Sendungen waren von einem Informationssystem verarbeitet und erst dann an Hotrenor-Taak weitergeleitet worden, als man den inneren Zusammenhang der Meldung erkannt hatte und ein einigermaßen abgerundetes Bild zu präsentieren vermochte. Diese Informationsverarbeitung erfolgte automatisch. Das Informationssystem residierte in einem der Rechner an Bord des larischen Raumschiffs, mit dem Hotrenor-Taak in die irdische Milchstraße gekommen war und das unweit des larischen Hauptquartiers auf der Landefläche des Raumhafens stand. Der Zeitverlust, der bei solcher Vorverarbeitung von Informationen entstand, betrug wenige Millisekunden.

Als die Sendung erlosch, erhob sich Hotrenor-Taak aus seinem von federnd weichen Energieschichten gebildeten Sessel, ging zwei Schritte und blieb schließlich, von seinem Sekretär abgewandt, stehen. Als er zu sprechen begann, klang seine Stimme ruhig und kraftvoll wie üblich.

»Sie wissen, was das bedeutet«, sagte er. »Man hielt uns im Hetos der Sieben für gespenstergläubige Narren, als wir die Gefahren schilderten, die wir in dieser Galaxis sahen. Es kostete uns jahrelange Mühe, das Hetos zu einer Expedition hierher zu bewegen. Man entschloss sich schließlich einzugreifen – eher um uns zur Ruhe zu bringen, als weil man wirklich eine Gefahr sah. Der heutige Vorfall aber wird die Zweifler überzeugen! Unsere Befürchtungen bleiben hinter der Wirklichkeit zurück.«

Er wandte sich zu Loremaar-Hunut um. Die großen gelblichen Lippen zitterten vor innerer Erregung.

»Diese Überlegungen sind jedoch zweitrangig«, fuhr er fort. »Es geht uns nun nicht mehr darum, politische Anhänger und Gleichgesinnte im Hetos zu finden. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Position in dieser Galaxis unangetastet bleibt. Bereiten Sie eine Ansprache über das Nachrichtennetz des Solaren Imperiums vor, Loremaar! Ich will den Terranern erklären, dass ich beabsichtige, ihr ganzes Sonnensystem zu vernichten, wenn auch nur ein einziges meiner Raumschiffe im Bereich ihrer Milchstraße angegriffen wird!«

Stella Genovese war eine alte, armselige Sonne vom K-Typ, der Fachwelt nur deswegen bekannt, weil ihr Spektrum darauf hindeutete, dass sie ungewöhnlich reich an schweren Elementen war. Ein unauffälliger Treffpunkt, weit von allen häufig befahrenen Straßen der Raumschiffe entfernt, weit weg vor allen Dingen von Vontrecal-Pyn, wo in kurzer Zeit larische SVE-Raumschiffe auftauchen würden, um nach dem Verbleib eines der Ihren zu forschen.

Die MARCO POLO hatte acht Stunden gebraucht, um die rund dreißigtausend Lichtjahre zu überwinden, die Stella Genovese von Vontrecal-Pyn trennten. Man durfte nicht erwarten, dass das kleine Fahrzeug, das in unbegreiflichem Wagemut den übermächtigen Laren angegriffen hatte, ebenso schnell war wie das Flaggschiff der Solaren Flotte, und fasste sich in Geduld. Inzwischen lief die Auswertung der Hyperfunksprüche, die die MARCO POLO kurz vor der Vernichtung des SVE-Raumers aufgefangen hatte, auf Hochtouren. Perry Rhodan, mit seinem Stab selbst in der Kommunikationszentrale anwesend, wollte wissen, was der Lare gefunkt hatte, bevor er explodierte. Es interessierte ihn, ob er den plötzlich auftauchenden Angreifer genau genug beschrieben hatte, dass man anhand der Beschreibung die MARCO POLO wiedererkennen könnte.

Das Problem, einen larischen Funkspruch zu entschlüsseln, war kein geringes. Ganz abgesehen davon, dass die larische Sprache sich in ihrem Aufbau von allen in der Milchstraße geläufigen Idiomen wesentlich unterschied – so zum Beispiel hatte das larische Alphabet aus semantischen Gründen mehr als dreihundert Zeichen, und weitere Hunderte von Sonderzeichen machten es notwendig, dass zum Funkverkehr in larischer Sprache ein Elf-Bit-Kode verwendet wurde –, es fiel obendrein den Laren auch keineswegs ein, ihre Sprüche im Klartext abzusetzen. Die Geheimnisse der larischen Sprache und ihres Informationskodes hatte die terranische Wissenschaft zwar bald gelöst, aber das Entschlüsseln von Geheimsprüchen bereitete noch immer Schwierigkeiten. So zum Beispiel verwendeten die Laren einen statistischen Wechselkode, ein System also, in dem der Geheimkode in statistischen Abständen innerhalb einer Sendung wechselte. Solche Sprüche konnten ohne besonderen Aufwand nur von einem synchron arbeitenden Empfänger verarbeitet werden, der im voraus wusste, wann der nächste Kodewechsel erfolgen würde. Dem Uneingeweihten, der eine solche Sendung entziffern wollte, bot sich nicht nur die Schwierigkeit, anstatt eines einzigen sämtliche in der Sendung verwendeten Geheimkodes kennen zu müssen, er musste auch die Stellen finden, an denen von einem Kode zum andern gewechselt worden war.

Man hatte mit der Entschlüsselung der Hyperfunksprüche des SVE-Raumers unmittelbar nach dem Abflug von Vontrecal-Pyn begonnen. Jetzt, vier Stunden nach Ankunft im Stella-Genovese-Sektor, also nach insgesamt zwölfstündigen zähen Bemühungen, lagen die ersten Ergebnisse vor. Atlan, beim Abflug der MARCO POLO von seinem unterseeischen Versteck in der Para-Burg über Transmitter an Bord gekommen, hatte an der Entschlüsselung der Funksprüche wesentlichen Anteil gehabt und präsentierte Perry Rhodan nun die ersten Resultate.

»In chronologischer Reihenfolge«, begann er und sortierte Bündel von computerbedruckten Folien auf einem Kartentisch. »Hier eine Standortmeldung des Laren, etwa zwanzig Minuten vor dem Auftauchen des Kleinraumers. Zeit, Ort, Name des Schiffes und des Kommandanten sind angegeben. Danach ...«, er zog einen weiteren Streifen aus dem Stapel hervor, »... diese Meldung: Unbekanntes Raumschiff geringer Größe nähert sich mit hoher Geschwindigkeit aus ... Und dann folgen Richtungsangaben.« Er sortierte weiter. »Hier setzt die Nervosität ein«, fuhr er lächelnd fort. »Versuche, das fremde Fahrzeug anzusprechen, sind erfolglos. Es antwortet nicht, nähert sich uns aber weiterhin mit hoher Fahrt. Und dann: Wir sind gefechtsbereit. Es scheint ...« Atlan blickte auf. »Der Spruch brach an dieser Stelle ab. Mehrere Sekunden lang, fast eine halbe Minute herrschte Schweigen. Dann kommen ziemlich hysterische Meldungen wie: Energiezapfung unterbrochen, der Angreifer setzt eine völlig neuartige Waffe ein! Oder: Fahrzeugstruktur wird instabil, ein Ersatzgenerator ausgefallen. Und schließlich das große Aufatmen: Hülle bei verringerter Größe wieder stabil. Zapfung weiterhin unterbrochen. Wir arbeiten mit Ersatzleistung. Wir greifen an!«

Der Arkonide legte ein paar Druckstreifen nebeneinander. »Dann schwiegen sie eine Zeitlang«, sagte er. »Sie waren zuversichtlich, den Kleinraumer in wenigen Minuten zu vernichten. Während dieser Zeit sendeten sie nicht. Aber dann tauchte die MARCO POLO auf. Hier, lies selbst!«

Er schob Rhodan einen der Streifen zu. Rhodan las laut: »Ein weiteres unbekanntes Raumschiff ist aufgetaucht. Beachtliche Größe. Kugelform, terranischer oder arkonidischer Bauart. Das Fahrzeug hält Kurs auf uns. Es scheint feindliche Absichten zu haben. Wir sind feuerbereit.«

Perry Rhodan atmete auf. Nach dieser Beschreibung konnte die MARCO POLO nicht identifiziert werden. »Ist das alles?«, fragte er den Arkoniden.

»Nur noch ein kleiner Satzfetzen«, antwortete Atlan geheimnisvoll lächelnd und schob Rhodan den letzten Streifen zu.

Perry Rhodans Augen weiteten sich vor Schreck, als er die entzifferte Meldung las. »Der zweite Angreifer hat das Feuer eröffnet! Wir sind ihm nahezu hilflos ausgeliefert. Wir müssen sterben, aber es ist uns gelungen, das Fahrzeug zu identifizieren. Es handelt sich um eine Einheit namens ...« Perry Rhodan drehte den Streifen nach allen Seiten, aber er fand keine Fortsetzung des Textes.

»In diesem Augenblick muss der Lare explodiert sein«, beantwortete Atlan die unausgesprochene Frage. »Er kam nicht mehr dazu, seine Weisheit loszuwerden.«

Die Erleichterung war allumfassend und nachhaltig. Sosehr man in der Kommunikationszentrale forschte und sortierte, es wurde in den Speichern des Kommunikationsprozessors kein Hyperfunkspruch des Laren gefunden, der später abgestrahlt worden war als die verstümmelte Sendung, die abbrach, kurz bevor das Geheimnis der MARCO POLO preisgegeben wurde.

Perry Rhodan wollte seiner Erleichterung über diesen Umstand Ausdruck geben, als er am Interkom verlangt wurde. Der Kommandostand wünschte ihn zu sprechen.

2.

Das kleine Raumboot trug drei Personen: Perry Rhodan, Atlan und Mart Hung-Chuin, den Wissenschaftler. Die DORO hatte ihre Schirmfelder ausgeschaltet und hing reglos etwa achthundert Kilometer von der MARCO POLO entfernt, eine Distanz, die das kleine Boot in knapp zehn Minuten bewältigte. Eine Hangarschleuse stand offen. Das Fahrzeug glitt hinein. Nachdem der Druckausgleich stattgefunden hatte, bemächtigte ein schwacher Traktorstrahl sich des Bootes und zog es in den eigentlichen Hangarraum hinein. Den Mann, der dort auf die Ankömmlinge wartete, erkannte Perry Rhodan anhand der Beschreibungen, die er von Atlan erhalten hatte.

Er kletterte durch das offene Luk und streckte die Hand aus. »Es freut mich, Sie aus der Nähe zu sehen, Captain Motcher«, sagte er freundlich.

Veron Motcher ergriff die dargebotene Hand. »Fast wäre nichts daraus geworden, Sir«, antwortete er mit schwachem Lächeln. »Wenn Sie und die MARCO POLO nicht eingegriffen hätten, meine ich.«

Der Arkonide begrüßte seinen Spezialisten mit einer Herzlichkeit, die bewies, dass er sich Sorgen um ihn gemacht hatte. Motcher gab zu verstehen, dass die Besatzung des Wissenschaftlerraumschiffs im Kommandostand auf die Besucher von der MARCO POLO wartete. Er schien es eilig zu haben, Perry Rhodan und seine Begleiter dorthin zu bringen.

Die DORO war im Vergleich zu dem Flaggschiff der Solaren Flotte ein Zwerg. Ihre Besatzung bestand, wie von Veron Motcher zu erfahren war, aus achtzig Mann. Er selbst verdankte seine Anwesenheit an Bord des Wissenschaftlerfahrzeugs der Geschicklichkeit, mit der er sich als USO-Spezialist in die Reihen der Wissenschaftler hatte einschleichen können. Unmittelbar nach der Schlacht bei Vontrecal-Pyn hatte er sich jedoch zu erkennen gegeben.

In dem kleinen Kommandostand der DORO war etwa ein Drittel der Besatzung versammelt. Es wären mehr Leute gekommen, aber die Kapazität des kleinen Rundraumes war begrenzt. Perry Rhodan trat durch die Schottöffnung und stutzte beim Anblick des Mannes, der aus der Gruppe der Wartenden als erster auf ihn zutrat. Diese bullige, untersetzte Gestalt, wie der Torso eines Riesen wirkend, mit langen, glänzend schwarzen Haaren, die zu Zöpfen geflochten waren, und dem lächerlich langen Hängeschnurrbart, an dessen Ende zwei in Gold gefasste Howalgoniumkristalle baumelten, hätte er selbst in weniger wachem Zustand nirgendwo verkannt. Es machte ihm nichts aus, dass man ihm die Überraschung anmerkte. Nachdem er zunächst verblüfft stehengeblieben war, näherte er sich dem Stämmigen nun mit zwei weiten, raschen Schritten und hatte nichts gegen die Umarmung einzuwenden, mit der ihn der Mann mit dem Riesenschnurrbart begrüßte.

»Goshmo-Khan!«, rief er dazu aus. Er befreite sich aus der Umarmung, legte dem Mongolen die Hände auf die Schultern und hielt ihn auf Armeslänge von sich, um ihn sich anzusehen. »Sie sind zwar der gröbste, ungeschlachteste Bärbeißer, den die Welt je gesehen hat, aber trotzdem tut es gut, Sie wiederzusehen.«

Goshmo-Khan grinste. Er hatte zum Wissenschaftlichen Stab des Solaren Imperiums gehört und sich im Zuge der Operation »Fall Harmonie« stillschweigend aus dem Staub gemacht. Im Zuge der Auseinandersetzung mit den Laren hatte man ihn aus den Augen verloren. Erst jetzt stellte sich heraus, dass er sich zu den Wissenschaftlern geschlagen hatte.

»Die Freundlichkeit des Empfindens ist beiderseitig«, erklärte Goshmo-Khan in seiner etwas blumigen Art. Er deutete eine Verneigung an. »Gleichzeitig möchte ich Ihnen versichern, dass man Ihnen verdammt dankbar dafür ist, dass Sie uns gegen den Laren in Schutz genommen haben.«

Rhodans Gesicht wurde ernst. Aber bevor er etwas sagen konnte, hatte Goshmo-Khan einen verhältnismäßig jungen, hochgewachsenen Mann herbeigezogen, den er offenbar dem Großadministrator vorzustellen gedachte. Der Mann war ohne Zweifel terranischer Herkunft. Er hatte ein langes, schmales Gesicht und trug die dunkelblonden Haare zu kurzen Stoppeln geschoren. Seine Augen wirkten intelligent und im Augenblick ein wenig besorgt. Er sah aus wie ein Schüler, der sich vor der Schelte des Lehrers fürchtete.

»Das ist Pontel Lavony«, polterte Goshmo-Khan, »ein begnadeter Wissenschaftler, der das Werk von Gerinos de Lapal fortsetzt. Er befehligt dieses Fahrzeug und ist der Leiter unseres Experiments.«

Die beiden Männer, Perry Rhodan und Pontel Lavony, reichten einander die Hand.

»Ich habe Ihren Tadel verdient, Sir«, sagte Lavony mit tiefer, sonorer Stimme.

Das war eine eigenartige Begrüßung. Der Wissenschaftler schien zu wissen, was Perry Rhodan auf der Zunge hatte.

»Das haben Sie in der Tat«, antwortete Rhodan. Lavonys Einsicht hatte ihn nur für den Bruchteil einer Sekunde überrascht. »Sie hätten damit rechnen müssen, dass der Lare über Ersatzaggregate verfügte.«

Es war, als ob die beiden Männer die Gedanken des anderen lesen könnten. Es bedurfte zur Verständigung nur weniger, knapper Worte. Die Zuhörer konnten der Unterhaltung kaum folgen.

»Das war in der Tat mein Fehler«, bekannte Lavony. »Er wiegt um so schwerer, als Veron Motcher mich rechtzeitig auf die Möglichkeit aufmerksam machte. Aber ich war so versessen darauf, unsere neue Waffe auszuprobieren, dass ich ...«

»Sie wissen, dass Motcher ein Agent der United Stars Organisation ist, nicht wahr?«, unterbrach Perry Rhodan den Wissenschaftler und lenkte auf ein anderes Thema über.

Pontel Lavony lächelte. »O ja, wir wussten es beinahe von Anfang an. Wir ließen ihn trotzdem gewähren. Durch die Ankunft der Laren hatte sich die Situation in der Milchstraße grundlegend geändert. Zuvor hatte es Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Sternenvölkern gegeben. Jetzt aber ging es plötzlich um den Bestand, die Eigenständigkeit, die Freiheit aller Völker unserer Galaxis. In dieser Lage, meinten wir, sollten wir ein Mitglied der USO in unseren Reihen willkommen heißen.«

Veron Motcher lächelte ein wenig verlegen. »Als ich nach dem Vorfall bei Vontrecal-Pyn meine Identität preisgab, grinsten die Leute hier nur. Sie wussten längst, wer ich war.«

Perry Rhodan nickte nachdenklich. »Ich verstehe«, sagte er. »Übrigens ... was Ihre Beurteilung der Laren angeht«, das war an Pontel Lavony gerichtet, »so bin ich durchaus Ihrer Ansicht. Auch wenn ich mir manchmal einen anderen Anschein geben muss. Das erfordert die Lage.«

Er sah sich um und richtete seine folgenden Worte an die Männer im Kommandostand der DORO im allgemeinen: »Ich habe es eilig, zur Erde zurückzukehren. Der Verkünder der Hetosonen hat von der Vernichtung eines seiner Raumschiffe inzwischen längst erfahren. Er bereitet Gegenmaßnahmen vor. Man muss ihn bremsen.«

Und außerdem drängte es ihn, Orana Sestore wiederzusehen – die Frau, mit der er einen Ehevertrag eingegangen war, nachdem er sie von seiner Unschuld an Atlans »Tod« hatte überzeugen können.

Die Menschheit war entsetzt.

Schon die Bestrafung des Lordadmirals Atlan, vollzogen durch die Hand seines Freundes Perry Rhodan, hatte die Terraner an der Aufrichtigkeit der Laren zweifeln lassen. Rhodans Verhalten in dieser Angelegenheit hatte ihm in weiten Kreisen der Bevölkerung einen zwielichtigen Ruf eingetragen. Der Slogan »Rhodan-Verräter« war in vieler Leute Mund.

Jetzt jedoch hatten die Laren wirklich ihr wahres Gesicht gezeigt. Das Gerücht wollte es, dass irgendwo in den Tiefen der Milchstraße ein larisches Raumschiff von einem unbekannten Angreifer vernichtet worden war. Hotrenor-Taak hatte auf diese Erniedrigung – anders konnte er den Vorfall nicht deuten – blitzschnell reagiert: Er hatte der Menschheit angedroht, dass das gesamte Sonnensystem rücksichtslos vernichtet werden würde, sollte noch einmal ein larisches Raumschiff angegriffen werden.

Die Empörung der Terraner schien gerechtfertigt. Bislang wusste niemand, wer der unbekannte Angreifer war, der dem larischen SVE-Raumer den Garaus gemacht hatte. Es konnte ein Arkonide sein oder ein Akone ... vielleicht ein Schlachtschiff des Carsualschen Bundes oder der Zentralgalaktischen Union. Wenn man es sich genau überlegte, war es sogar höchst unwahrscheinlich, dass ein terranisches Raumschiff den Laren angegriffen haben sollte. Denn die Einheiten der Solaren Flotte standen unter dem Befehl des Großadministrators, und er würde der letzte sein, der einem seiner Kriegsschiffe den Befehl gab, eine larische Einheit anzugreifen.

Warum also diese Drohung ausgerechnet gegen das Solsystem? Konnten die Laren sich nicht die Mühe machen, nach dem wahren Täter zu forschen und dann ihn oder sein Volk zu bestrafen anstatt der Terraner, die sich in diesem Zusammenhang für absolut unschuldig hielten? Wo war der Großadministrator, um dieser Ungeheuerlichkeit von Seiten der überheblichen Laren die Stirn zu bieten? Wo war Perry Rhodan, wenn man ihn brauchte? Unterwegs irgendwo, wie man erfuhr, um Revolutionäre aufzuspüren, Interessengruppen, die sich aus irgendwelchen Gründen gegen die neue politische Ordnung wehrten. Währenddessen hing über der Erde, der Sonne und den übrigen Planeten des Sonnensystems die Drohung der Laren, das gesamte System einfach auszulöschen, falls sich noch ein einziger Angriff auf ein larisches Raumschiff ereignen sollte.

Schließlich wich das Entsetzen, und kalter Zorn nahm seinen Platz ein. Die Menschheit war es gewohnt, unter der Führung ihrer Regierung selbst dem mächtigsten Gegner die Stirn zu bieten. Vor allen Dingen war sie daran gewöhnt, am Ende den Sieg davonzutragen. Dass sich in diesem Fall die Entwicklung gänzlich anders anzulassen schien, verwirrte sie und beraubte sie der Fähigkeit des logischen Überlegens. Man fühlte sich verraten und verlassen – vor allen Dingen von Perry Rhodan selbst, der sich von den Laren zum Lakaien hatte machen lassen.

Am 6. April 3459 allgemeiner Zeitrechnung kehrte die MARCO POLO zur Erde zurück. Ohne von Hotrenor-Taaks neu errichtetem Hauptquartier Kenntnis zu nehmen, begaben sich Perry Rhodan und seine Begleiter auf dem geradesten Wege zum Kommandozentrum Imperium-Alpha. Nicht zu Rhodans Gefolge zählte in diesem Augenblick Atlan, der Arkonide. Unmittelbar vor der Landung des Flaggschiffs hatte er sich per Transmitter zur Para-Burg hin abgesetzt.

Zwischen zwei Linearetappen hatte die MARCO POLO auf dem Rückflug von Stella Genovese von der Drohung erfahren, die der Verkünder der Hetosonen inzwischen gegen das Solsystem ausgesprochen hatte. In einer Grundsatzdebatte an Bord des Flaggschiffs war daraufhin beschlossen worden, dass der Großadministrator Hotrenor-Taak wegen dieser Drohung zur Rede stellen solle. Der Grundsatz gebot dies ebenso wie die taktische Klugheit. Der Grundsatz deswegen, weil immer noch nicht feststand, wer nach der Rangfolge des Hetos der Sieben höher stand, der Verkünder der Hetosonen oder der Erste Hetran der Milchstraße, und die taktische Klugheit, weil gerade der, der das larische Raumschiff vernichtet hatte, am lautesten über die Folgen schreien musste, die deswegen die Menschheit treffen sollten.

Perry Rhodan hatte sich der Entscheidung der Grundsatzdebatte schweigend gebeugt, weil er wusste, dass sie richtig war. Er wusste außerdem, dass sie von ihm verlangte, sich mit Hotrenor-Taak in Verbindung zu setzen und ihn um eine Unterredung zu bitten. Denn nur auf dem Weg über diese Bitte würde es ihm gelingen, mit dem Verkünder der Hetosonen zusammenzukommen, so dass er ihm seinen Protest unterbreiten konnte. Wenn aber wirklich, wie die Zusammenhänge aus Mangel an Definitionen im Augenblick von terranischer Seite interpretiert wurden, der Erste Hetran der Milchstraße über dem Verkünder der Hetosonen stand, wie kam dann der erstere dazu, den letzteren um eine Aussprache bitten zu müssen? Warum konnte er ihm nicht einfach befehlen, vor ihm zu erscheinen?

Die Antwort war einfach. Hinter dem Titel »Erster Hetran der Milchstraße« stand ein in Klammern gefasster Zusatz, der niemals ausgesprochen wurde. Dieser Zusatz hieß: »von der Laren Gnaden«.

Rhodan zog sich in seinen Arbeitsraum zurück und verlangte, von niemandem gestört zu werden, damit er seinen nächsten Schritt gründlich bedenken könne. In seinen Gedanken tauchten der Begriff Canossa auf und Kaiser Heinrich IV, der dorthin gegangen war, um sich dem Spruch des Papstes zu beugen. Erschrocken wies er solche Gedanken von sich. Weder war er ein Kaiser, noch ging es darum, dass er sich einem anderen beugen müsse. Es erwartete ihn keine Demütigung. Es ging auch nicht darum, ob er eine Demütigung um des Imperiums willen auf sich nehmen wollte oder nicht. Es ging vielmehr ...

Der Interkom summte. Er hatte Anweisung gegeben, dass er nicht gestört werden dürfe, außer natürlich aus wichtigen Anlässen, die seine Teilnahme oder Entscheidung erforderten. Er nahm das Gespräch an. Ein Offizier der Wache erschien auf dem Bildschirm.

»Hotrenor-Taak bittet um eine Unterredung mit dem Ersten Hetran der Milchstraße, Sir!«, sagte er.

Solche Überraschungen, kam es Perry Rhodan zum Bewusstsein, waren Teil von Hotrenor-Taaks Taktik. Er hatte noch keine Unterhaltung mit ihm geführt, bei der er nicht auf irgendeine Weise überrascht worden wäre. Seit seinem Aufenthalt auf dem Konzilsplaneten des Hetos der Sieben hatte das Hetos in Perry Rhodans Gedanken die Gestalt eines machtgierigen, rücksichtslosen, unerbittlichen Gebildes angenommen, und Hotrenor-Taak war weiter nichts als der machtgierige, rücksichtslose, unerbittliche Interessenvertreter dieses Gebildes. Dass sein Verhalten in keinerlei Beziehung zu diesen Attributen stand, das war es, was den Großadministrator immer wieder von neuem verblüffte. Hotrenor-Taak war in seinem Gehabe keineswegs der widerwärtige, hassenswerte Overlord, als den Perry Rhodans Phantasie ihn immer wieder zu malen versuchte.

Er betrat Rhodans Arbeitsraum wie ein Freund, der nur eben auf einen Sprung vorbeischaute. Er lächelte freundlich. Lächeln war keine larische Geste. Hotrenor-Taak hatte das Lächeln erlernt, um besser mit den Terranern zurechtzukommen. Auch die Art, wie er Perry Rhodan die Hand entgegenstreckte, ein wenig zu leger vielleicht, ein wenig zu sehr sehen lassend, dass er sich dem Großadministrator übergeordnet fühlte, auch diese Art hatte er sich anerzogen, um den Menschen weniger fremd zu erscheinen.

Perry Rhodan übersah die dargebotene Hand, und im selben Augenblick kam er sich kindisch vor, wie ein trotziger Junge, der dem Vater grollte. Hotrenor-Taaks Lächeln veränderte sich nicht. Er zog die Hand zurück und sah den Großadministrator aus smaragdgrünen Augen auffordernd an.

Der Lare war stämmig gebaut, wie es die Art seines Volkes war, und hatte tiefschwarze Haut. In das glühende Rot seines Haarnestes mischten sich hier und dort dünne, goldgelbe Fäden, deutliche Anzeichen herannahenden Alters. Er war ein imposanter Mann. Selbst für den ungeübten Blick des Terraners, dem ein Lare genauso auszusehen schien wie der andere, stach er aus der Menge seiner Landsleute hervor. Die Kraft, die in ihm wohnte, sein Selbstbewusstsein, seine feste Überzeugung, dass er allem, was in dieser Galaxis kroch, ging und fleuchte, weit überlegen sei, strahlten unmissverständlich von ihm aus.

»Ich war im Begriff, Sie aufzusuchen«, begann Perry Rhodan kühl. »Es scheint, Sie sind von den jüngsten Ereignissen über Bord gespült worden und treffen nun Entschlüsse wie ein blindwütiger Berserker.«

Perry Rhodan bediente sich der terranischen Umgangssprache, des Englischen. Es war ein weiterer Hinweis darauf, für wie unangefochten Hotrenor-Taak seine überlegene Position hielt, dass er sich nichts daraus machte, ebenfalls Englisch zu sprechen. Er hatte die Sprache mit Hilfe der fortgeschrittenen Lehrgeräte seiner Technologie wahrscheinlich im Handumdrehen erlernt.

»Jüngsten Ereignissen?«, wiederholte er lächelnd. »Ich dachte, es gäbe nur eines. Oder wissen Sie mehr als ich?«

»Also gut, Ereignis«, korrigierte sich Rhodan ärgerlich. Er stand hinter seinem Schreibtisch und hatte dem Laren bis jetzt noch nicht angeboten, Platz zu nehmen. »Ich nehme an, der Verlust eines larischen Raumschiffs im Vontrecal-Pyn-Sektor war es, der Ihre unmaßstäblich harte Drohung auslöste.«

Hotrenor-Taak nickte bedächtig. »Sie haben recht«, antwortete er. »Ich meine, mit dem Anlass. Sonst haben Sie natürlich unrecht.«

»Natürlich!«, höhnte Perry Rhodan. »Wegen eines lausigen Raumschiffs drohen Sie Milliarden von Menschen mit Tod und Vernichtung, und ich habe unrecht! Ich will Ihnen etwas sagen ...«

»Nichts werden Sie mir sagen!«, schnitt Hotrenor-Taak ihm mit scharfer Stimme das Wort ab. Gleich darauf verzog er jedoch das breitflächige Gesicht zu einem freundlichen Grinsen. »Jetzt bin ich nämlich an der Reihe zu reden. Sie sind der Erste Hetran der Milchstraße. Durch Sie ist die Milchstraße mit dem Hetos der Sieben verbunden. Sie haben dafür zu sorgen, dass Fahrzeuge des Hetos in dieser Galaxis keinen unnötigen Gefahren ausgesetzt sind. Das ist die Lage! Das Hetos ist sich darüber im klaren, dass seine Abgesandten sich in Ihrer Milchstraße in einer schwierigen Lage befinden. Nicht jedermann hier ist so einsichtig wie der Erste Hetran der Milchstraße. Nicht jedermann kann erkennen, dass die Eingliederung in das Hetos der Sieben den Völkern der Milchstraße nur Vorteile bringen kann. Da jedoch, von höherer Warte aus gesehen, an der Weisheit des Beschlusses des Hetos kein Zweifel besteht, sehe ich mich gezwungen, diesen Beschluss zur Ausführung zu bringen, koste es, was es wolle.«

Er wandte sich ab und sah eine Zeitlang zum Fenster hinaus, das in Wirklichkeit kein Fenster, sondern ein großflächiger Bildschirm war, der eine Ansicht der Stadt Terrania City übertrug. Aus dieser Position, ohne Perry Rhodan anzusehen, sprach er schließlich weiter.

»Machen wir uns doch nichts vor! Das Hetos hat in dieser Milchstraße eine Position zu sichern. Die Drohung gegen das Solare Imperium ist in allem Ernst ausgesprochen. Ich bin jedoch überzeugt, dass sie niemals verwirklicht zu werden braucht. Der Tod von mehreren Milliarden Menschen, die Vernichtung der Urheimat der Menschheit, das sind Dinge, die selbst der verrückteste Reaktionär nicht auf sein Gewissen laden möchte.«

»Sie scheinen als bestimmt anzunehmen, dass es ein Terraner war, der das larische Raumschiff vernichtete.«

Hotrenor-Taak wandte sich mit einem Ruck um. Er lächelte wieder. »Natürlich«, antwortete er. »Ich kenne die Völker dieser Galaxis. Niemand als ein Terraner fände sich zu einem derart närrischen Unternehmen bereit.« Er trat auf Rhodan zu. »Sie sind ein Mitglied des Hetos der Sieben. Ich verstehe Ihre Sorge. Aber seien Sie versichert, dass Ihrer Menschheit nichts geschehen wird, solange wir beide uns verstehen. Geben Sie Ihrem Herzen einen Stoß, Mann, und schlagen Sie ein. Ich bin nicht Ihr Feind! Verstehen Sie das doch endlich!«

Er streckte ein zweites Mal die Hand aus, und diesmal konnte Perry Rhodan nicht anders: Er hatte keinen vernünftigen Grund mehr, den Handschlag zu verweigern.

Hotrenor-Taak zwinkerte ihm zu. »Sehen Sie, so einfach ist das«, meinte er begütigend. »Und ich verlange noch nicht einmal, den Flugrecorder der MARCO POLO zu sehen!«

Perry Rhodan blickte ihm lange nach – selbst als sich die Tür längst hinter ihm geschlossen hatte.

Die Verhandlung mit den Wissenschaftlern hatte den gewünschten Verlauf genommen. Pontel Lavony stand noch deutlich genug unter dem Eindruck der Erkenntnis, dass ohne die Hilfe der MARCO POLO ihm und seinen Leuten das Lebenslicht ausgeblasen worden wäre, dass er die Oberhoheit des Großadministrators über alle weiteren Planungen der Wissenschaftler – bis auf Widerruf!, fügte er vorsichtig hinzu – anerkannte.

Veron Motcher und Goshmo-Khan erhielten die Aufgabe, als Mitglieder des Wissenschaftler-Teams die Verbindung mit Imperium-Alpha zu wahren. Von jetzt an würde man auf der Erde über jede Neuentwicklung auf Kopernikus, der Stammwelt der Wissenschaftler, informiert sein. Perry Rhodan war mit der Entwicklung der Dinge durchaus zufrieden. Man hatte einen neuen Verbündeten, dazu noch einen, der das Prinzip einer Waffe beherrschte, mit der larische SVE-Raumschiffe wirkungsvoll angegriffen werden konnten. Das bedeutete eine erste Hoffnung in der von Grund auf hoffnungslosen Lage, in die die Milchstraße durch das Auftauchen der Laren geraten war. Die DORO machte sich auf den Heimweg ins Newton-System. Die MARCO POLO dagegen flog zunächst ein Fiktivziel an, in dessen Nähe sie von sich reden machte, so dass man beweisen konnte, dass sie dort gewesen sei. Erst dann kehrte sie zur Erde zurück.

Und jetzt, auf der Erde, waren die Dinge ganz anders abgelaufen, als Perry Rhodan es sich vorgestellt hatte. Er hatte sich vorgenommen, Hotrenor-Taak um eine Unterredung zu bitten und dem Laren eine kräftige Standpauke zu halten. Er war nicht dazu gekommen. Statt dessen hatte der Lare ihn aufgesucht und sich die Mühe gemacht, dem Ersten Hetran die Gründe für seine Entscheidung auseinanderzusetzen. Perry Rhodan war verwirrt. Er hatte noch nie zuvor in seiner fünfzehnhundertjährigen Erfahrung ein Wesen kennengelernt, das so undurchschaubar, so unberechenbar war wie Hotrenor-Taak.

Was hatte Hotrenor-Taaks letzte Bemerkung zu bedeuten? Verdächtigte er die MARCO POLO wirklich, das Raumschiff gewesen zu sein, das den larischen SVE-Raumer abgeschossen hatte? Der Flugrecorder, den jedes Fahrzeug der Solaren Flotte an Bord führte, war ein Instrument, das die Anzeigen der Bewegungszustandsmessgeräte sorgfältig aufzeichnete und die Aufzeichnungen in einem Speicherbereich des Bordrechners aufbewahrte, zu dem normalerweise niemand Zugriff hatte. Auf der anderen Seite gab es in der ganzen Solaren Flotte keinen Bordrechner, den der Großadministrator selbst nicht bis auf das letzte Speicherbit hätte ausräumen oder umkrempeln können. Selbstverständlich gab es im Flugrecorder der MARCO POLO keinerlei Hinweis mehr darauf, dass das Flaggschiff sich im Vontrecal-Pyn-Sektor befunden hatte. Hotrenor-Taak wusste das so gut wie irgendwer sonst. Perry Rhodan beschloss, seine Bemerkung als einen Schreckschuss zu interpretieren.

Damit war allerdings das Problem nicht gelöst. Die Drohung der Laren bestand nach wie vor. Zwar konnte der Großadministrator der Solaren Flotte befehlen, unter keinen Umständen larische Raumschiffe anzugreifen. Aber wie stand es mit den Völkern, die seinem Befehl nicht gehorchten? Was, wenn die Blues morgen ein Gerät entwickelten, das der Maschine der Wissenschaftler glich, und sich entschlossen, es an einem SVE-Raumer auszuprobieren?

Nein, soweit durfte es nicht kommen. Perry Rhodan musste sich zu der Drohung der Laren äußern. Er musste den Völkern der Galaxis zu verstehen geben, dass seine Solidarität mit Hotrenor-Taak und dem Hetos der Sieben nach wie vor bestehe. Er musste sich ein weiteres Mal als Lakai der Laren zeigen, und in weiten Kreisen der Bevölkerung würde sein Ansehen weiter sinken. Daran ließ sich nichts ändern. Er konnte den Leuten nicht klarmachen, dass er in Wirklichkeit das Hetos der Sieben für eine drohende Gefahr hielt und dass ihm nichts mehr am Herzen lag, als eine Verschmelzung der Milchstraße mit dem Hetos zu verhindern. Er konnte nur hoffen, dass er eines Tages würde sagen können: Seht, wir haben das Hetos vertrieben, und das war es, worauf ich von Anfang an abzielte.

Perry Rhodan war so tief in seine Gedanken versunken, dass er erschrocken zusammenfuhr, als der Fernschreiber zu surren begann. Ungläubig wandte er sich um. Es war höchst ungewöhnlich, dass eine Nachricht ohne vorherige Ankündigung auf diesem Weg in sein Büro gelangte. Es gab überhaupt nur eine Erklärung ...

Elektrisiert sprang er auf. Das erste Wort, das der Fernschreiber gedruckt hatte, bestätigte seine Vermutung. Es lautete TSECEXQ, die übliche Kurzbezeichnung für »Streng geheim, nur für Mitglieder der Regierung (Exekutive) bestimmt«. In begreiflicher Erregung überflog Perry Rhodan den restlichen Text, den das Gerät ausgedruckt hatte:

»Die Henne Kalinka hat ein heißes Ei gelegt. Es gehört ins Nest.«

Kalinka war bei der Verwendung mnemonischer Kodes Atlans Spitzname. »Hat ein heißes Ei gelegt« konnte nichts anderes bedeuten, als dass irgend etwas überaus Wichtiges vorgefallen war. »Es gehört ins Nest« dagegen war wiederum deutlich. Als »Nest« galt in diesem Kode ein nur per Transmitter zu erreichendes Versteck im Inneren des Naturdenkmals Ayers Rock in Australien. Es handelte sich um eine geräumige Höhlung, die völlig im Innern des Riesenfelsens eingeschlossen war und keinen Ausgang hatte. Sie war vor Hunderten von Jahren von einem Spezialisten der SolAb entdeckt worden, dem in dieser Gegend ein seit langem gejagter Verbrecher durch die Lappen gegangen war. Er hatte daraufhin Ayers Rock mit hochenergetischem Ultraschall durchleuchten lassen und dabei die Höhle gefunden – aber nicht sein Opfer. Seitdem der »Fall Harmonie« in Kraft getreten war, hatte das »Nest« als Unterschlupf, den die Laren wohl nie entdecken würden, wieder Bedeutung gewonnen. Es war mit Hilfe der Teleporter verfügbar gemacht worden. Es gab jetzt Transmitterwege, die von verschiedenen Punkten des Imperiums dorthin führten, zum Beispiel von Imperium-Alpha und von der Para-Burg unter dem Boden des Pazifischen Ozeans. Dabei handelte es sich, soweit sie sich an Orten befanden, zu denen die Laren Zutritt hatten, um Transmitter, deren Transportstrecke normalerweise in eine gänzlich andere Richtung wies, die jedoch mit einem einzigen Knopfdruck in Sekundenschnelle umgepolt werden konnten.

Atlans merkwürdige Botschaft enthielt keinerlei Frist. Perry Rhodan schloss daraus, dass Eile geboten war. Er verließ seinen Arbeitsraum und fuhr mit dem Pneumolift hinab zur Transmitterebene. Das fiel nicht auf. Er hatte des öfteren dort unten zu tun.

An diesem Tag hielt er sich nur wenige Minuten lang in der riesigen Halle auf, in der die Transmitterstrecke von Olymp endete. Man begrüßte ihn und nahm seine Anwesenheit zur Kenntnis. Niemand wunderte sich, als er die Halle schon nach kurzer Zeit wieder verließ. Der Großadministrator war ein vielbeschäftigter Mann. Perry Rhodan trat auf eines der Rollbänder, die den Personenverkehr in der unterirdischen Anlage besorgten, und wandte sich abgelegeneren Abschnitten der Transmitterebene zu. Der Verkehr wurde dünner, hörte schließlich ganz auf. Er hatte die Gegend erreicht, in der die kleineren Transmitter stationiert waren, die nur gelegentlich gebraucht wurden.

Wenige Kilometer vor dem Ende der Strecke verließ er das Band und wandte sich in einen zwar hell erleuchteten, jedoch leeren Seitengang. Nach wenigen hundert Metern blieb er vor einer stählernen Tür stehen. Sie öffnete sich erst, nachdem er die rechte Handfläche auf das Metall gelegt hatte. Der kleine Raum hinter der Tür enthielt nur die Steuergeräte des Transmitters und das charakteristische Torbogenfeld, ein schimmerndes Gebilde aus reiner Energie. Durch den Torbogen hindurch konnte Perry Rhodan die gegenüberliegende Wand des Raumes sehen, und doch würde er, wenn er unter dem Bogen hindurchtrat, niemals zu dieser Wand gelangen.

An der Schaltkonsole betätigte er die Taste, die den Transmitter für genau neunzig Sekunden auf ein neues Ziel einpolte: das Nest. Rasch entschlossen trat er durch den Torbogen. Das Gefühl der Entmaterialisierung kam ihm kaum zum Bewusstsein. Es war, als trete er durch den Bogen hindurch unmittelbar in eine von warmem gelbem Licht erfüllte Höhle, an deren aus natürlichem Fels gebildeten Wänden man nichts verändert hatte. Der Boden war geglättet worden. Die Höhle bildete ein etwa zwanzig Meter langes, nicht mehr als acht Meter breites Oval. Der Transmitter war an einem Ende des Ovals untergebracht.

Als er aus dem Transmitter trat, erblickte Perry Rhodan in einem der Sessel die Gestalt des Arkoniden. Er schien es sich bequem gemacht zu haben; aber in seinen Augen war ein Ausdruck, der Rhodan verriet, wie wenig bequem er sich in Wirklichkeit fühlte. Er trat auf ihn zu und bemerkte: »Das muss ein wirklich heißes Ei sein, wenn es dich so nervös macht!«

Atlan richtete sich auf. »Vor dir kann man nichts verheimlichen, wie?«, erkundigte er sich mit gequältem Lächeln. »Aber du hast natürlich recht. Was uns da zugelaufen ist, wird uns wirklich in Schwierigkeiten bringen. Sieh selbst!«

Er streckte den Arm aus und wies seitwärts. Es war die gedrungene, dunkelhäutige, flachschädelige Gestalt eines Laren. Überrascht trat Perry Rhodan einen Schritt vorwärts. Da geriet der ungewöhnliche Gast in den Lichtkreis einer der Leuchtplatten, die von der Decke strahlten. Rhodan erkannte ihn sofort. Es gab nicht viele Laren, die er auf Anhieb wiedererkennen würde. Aber diesen hier würde er niemals aus der Erinnerung verlieren. Er war jung, seine Gestalt überaus muskulös und sein hohes Haarnest von feuerroter Farbe.

Perry Rhodan trat ihm entgegen und streckte unwillkürlich beide Hände aus. »Ich kann es kaum glauben«, sagte er. »Roctin-Par ...!«

»Ich kann mir vorstellen«, antwortete der Lare, »dass ich für dich eine Überraschung bin.«

Roctin-Par, der Revolutionär ...

Roctin-Par, der Mann, der Perry Rhodan die Flucht von der Konzilswelt Hetossa ermöglicht und es so eingerichtet hatte, dass sie wie eine Entführung aussah ...

Roctin-Par, der das Hetos der Sieben für ein widernatürliches, übles Gebilde hielt und ihm den Kampf angesagt hatte ...

Roctin-Par, der einzige Lichtblick in einem Kosmos voller Finsternis, der einzige Anhaltspunkt dafür, dass die Front des Konzils der sieben Galaxien nicht so geschlossen war, wie sie den Eindruck erweckte ...

Perry Rhodan empfand dem Revolutionär gegenüber tiefe Dankbarkeit, und dennoch erschreckte ihn seine Anwesenheit.

»Welch ein Wagnis!«, stieß er hervor. »Roctin-Par in der Höhle des Löwen!«

»Du triffst den Nagel auf den Kopf«, antwortete der Provconer mit zuckenden Mundwinkeln. »Wo würde Hotrenor-Taak mich am wenigsten suchen? In seiner unmittelbaren Nähe! Also bin ich hier sicherer als anderswo.«

Perry Rhodan schüttelte ungläubig den Kopf, weil er noch immer nicht fassen konnte, wie Roctin-Par es fertiggebracht hatte, unbemerkt die Erde zu erreichen.

»Ich kam aus wichtigem Grund«, fuhr der Provconer mit seiner Erklärung fort. »Eines meiner Raumschiffe brachte mich im Blitzflug fast bis ins Herz dieses Sonnensystems. Da ich erst kurz vor dem Ziel ins vierdimensionale Kontinuum zurücktauchte, wurde mein Anflug nicht bemerkt. Mein Fahrzeug liegt draußen im Asteroidengürtel versteckt. Ich selbst kam mit einem normal lichtschnellen Raumboot zur Erde. Solche Boote sind im interplanetarischen Verkehr so zahlreich, dass man sie unmöglich überwachen kann. Ich wurde kein einziges Mal aufgefordert, mich zu identifizieren. Und selbst wenn das geschehen wäre, hätte ich nichts zu befürchten brauchen. Meine Funkanlage war so hergerichtet, dass sie – mit Bild und allem – eine falsche Identifizierung abgegeben hätte. Ich erreichte die Erde ungehindert.«

»Und mich«, fügte der Arkonide hinzu, »traf fast der Schlag, als ich im Telekom einen der Kodesprüche hörte, die wir mit Roctin-Par verabredet hatten.«

»Du hast ihn in die Para-Burg eingeschleust?«, fragte Perry Rhodan den Arkoniden.

»Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass ihm niemand auf den Fersen war.«

Perry Rhodan wandte sich an Roctin-Par. »Der Grund!«, drängte er. »Was bringt dich zur Erde?«

»Das Vertrauen«, antwortete der Provconer ernst.

»Das Vertrauen ...?«

»Du und ich, die Terraner und die Provconer – wir müssen zusammenarbeiten«, sagte Roctin-Par und schien damit der eigentlichen Frage auszuweichen. »Allein vermag keiner etwas gegen das Hetos der Sieben auszurichten. Selbst zusammen werden wir unsere Mühe haben. Aber solange wir vereint handeln, haben wir wenigstens noch die Spur einer Aussicht, dem Hetos zu widerstehen. Zusammenarbeit jedoch erfordert Vertrauen. Und wie konnte ich, der ich niemals länger als ein paar Tage mit dir zusammen war, rückhaltloses Vertrauen zu dir haben? Das Sentiment – das Herz, wie ihr sagt – hielt dich für völlig vertrauenswürdig. Aber ich wäre ein schlechter Revolutionär, wenn ich meine Entscheidungen auf das Gefühl baute. Ich musste wissen, nicht glauben. Und jetzt weiß ich!«