Perry Rhodan Neo 107: Botschaft von den Sternen - Rüdiger Schäfer - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 107: Botschaft von den Sternen E-Book und Hörbuch

Rüdiger Schäfer

4,0

Beschreibung

Im Jahr 2036 entdeckt der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff. Die Begegnung verändert die Weltgeschichte, sie leitet die Einigung der Menschheit ein. Nach einer Zeit des Friedens tauchen im Jahr 2049 beim Jupiter Kampfraumer der Maahks auf und eröffnen das Feuer. Rhodan setzt sich auf die Spur der Angreifer. Er entdeckt eine riesige Kriegsflotte der Maahks, die sich zum Sturm auf Arkon bereit macht. Bei weiteren Erkundungen werden Rhodan und seine Gefährten von einer grausamen Bestie angegriffen. Hierbei findet Rhodans Freund seit alten Tagen, der Haluter Fancan Teik, den Tod. Im Solsystem taucht die Botschafterin einer unbekannten Macht auf. Sie warnt die Menschheit vor einem Angriff auf Arkon und die Erde. Zugleich erhält Rhodans Frau Thora eine schreckliche Nachricht. Thomas, der Sohn von Thora und Perry Rhodan, ist verschwunden ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 219

Das Hörbuch können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Zeit:5 Std. 59 min

Sprecher:Hanno Dinger




Band 107

Botschaft von den Sternen

von Rüdiger Schäfer

Im Jahr 2036 entdeckt der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff. Die Begegnung verändert die Weltgeschichte, sie leitet die Einigung der Menschheit ein. Nach einer Zeit des Friedens tauchen im Jahr 2049 beim Jupiter Kampfraumer der Maahks auf und eröffnen das Feuer. Rhodan setzt sich auf die Spur der Angreifer.

Er entdeckt eine riesige Kriegsflotte der Maahks, die sich zum Sturm auf Arkon bereit macht. Bei weiteren Erkundungen werden Rhodan und seine Gefährten von einer grausamen Bestie angegriffen. Hierbei findet Rhodans Freund seit alten Tagen, der Haluter Fancan Teik, den Tod.

Im Solsystem taucht die Botschafterin einer unbekannten Macht auf. Sie warnt die Menschheit vor einem Angriff auf Arkon und die Erde. Zugleich erhält Rhodans Frau Thora eine schreckliche Nachricht. Thomas, der Sohn von Thora und Perry Rhodan, ist verschwunden ...

1.

22. März 2049

Perry Rhodan

»Wanga wahoka ...«

Die Stimme von Cel Rainbow hörte sich rau und abgehackt an. Gleich darauf setzte der Klang der Trommel ein. Ihr dumpfer Rhythmus hatte etwas Hypnotisches. Die einzelnen Schläge stiegen wie Blasen in einem Glas Sprudelwasser in den Himmel und zerplatzten über der felsigen Ebene, die sich bis zum Horizont erstreckte und nur von wenigen Erhebungen unterbrochen wurde. Aus der Höhe waren hier und da ein paar verkrüppelte Bäume und Sträucher zu erkennen, die zwischen Sand und Geröll ein karges Dasein fristeten. Ansonsten gab die trostlose Umgebung die allgemeine Stimmung der Anwesenden geradezu perfekt wieder.

Wanga wahoka – Jetzt werde ich singen und trommeln.

Perry Rhodan hatte den Helm seines Schutzanzugs geöffnet und sog die klare, kalte Luft von Teiks Grab in seine Lungen. Auf diesen ebenso ungewöhnlichen wie passenden Namen hatte Gucky den zweiten Planeten des Violetsystems umgetauft – vor kaum mehr als einer Stunde, nachdem sie mit dem gekaperten Kugelraumer auf dem Plateau eines der wenigen Berge dieser Welt gelandet waren, als deren prominenteste Lebensform sie die vogelähnlichen Donker kennengelernt hatten.

Das kleine Gebirgsmassiv verlief entlang eines mehrere Hundert Kilometer langen Grabens, der vermutlich vor Millionen von Jahren durch vulkanische Aktivitäten entstanden war. Später hatten sich die mächtigen Landplatten abgekühlt und übereinandergeschoben. Da es auf Teiks Grab nur einige wenige kleine Ozeane gab, waren auch die Bergzüge eher niedrig ausgefallen.

Rhodan beobachtete Cel Rainbow, der seine selbst gebastelte Trommel mit stoischer Ruhe bearbeitete. Wo der Soldat das Material zur Herstellung des Instruments aufgetrieben hatte, war Rhodan ein Rätsel, doch mit seinem ausladenden Kessel, dem dünnen, kreisförmigen Kunststofffell und dem umlaufenden, silbernen Spanndraht machte es einen sehr stabilen Eindruck. Wie hatte der Lakota-Indianer es doch gleich genannt ...? Cancega.

Für die Lakota, so hatte der Oberleutnant erklärt, symbolisierte die Trommel mit ihrer runden Form die Welt. Sie war gleichzeitig der Weg hin zu Wakang Tangka, dem Großen Geist, eine Reise, die jedes Lebewesen früher oder später antreten musste. Das Schlagen der Cancega öffnete den Pfad für die Seele des Verstorbenen.

Rhodans Blick wanderte erneut zu Gucky hinüber – und wie all die Male zuvor traf ihn der Anblick des Mausbibers tief ins Herz. Der Ilt wirkte noch kleiner als sonst. Seine Ärmchen hingen wie leblos am Körper herab, und die schmalen Hände zitterten und ballten sich immer wieder zu Fäusten. Er sah aus, als könne er sich nur mit Mühe auf den Beinen halten, und am liebsten wäre Rhodan zu ihm hinübergegangen, um ihn zu stützen oder ein paar tröstende Worte zu sprechen. Doch er wusste genau, dass in diesen Minuten nichts, was er tat oder sagte, den Schmerz des Mutanten lindern konnte.

Der Tod von Fancan Teik hatte sie alle erschüttert – Gucky dagegen hatte er geradezu aus der Bahn geworfen!

Der Freundschaft zwischen dem riesigen Haluter und dem kleinen Ilt hatte immer etwas Komisches angehaftet; an ihrer Kraft und Herzlichkeit hatte das jedoch nichts geändert. Sie war in den Jahren nach dem Ende der arkonidischen Besatzung gewachsen, und schon bald hatte das ungleiche Pärchen als unzertrennlich gegolten.

Nun war der Haluter tot. Ermordet von Masmer Tronkh, einer sogenannten Bestie, über die Teik mehr gewusst hatte, als er zu sagen bereit gewesen war. Warum hatte er nicht zumindest den Mausbiber ins Vertrauen gezogen? Laut Gucky hatte sich Fancan Teik schlagartig verändert, nachdem die beiden im Innern der Festung TASCHVAAHL auf Tronkh gestoßen waren. Der Haluter hatte darauf bestanden, die Bestie zu verfolgen, und war bereit gewesen, dafür beträchtliche Risiken in Kauf zu nehmen.

»Mitakuye oyasin ... mitakuye oyasin ... mitakuye oyasin ...«

Cel Rainbows leiser Gesang lenkte Rhodans Aufmerksamkeit wieder auf die Zeremonie. Der Lakota hatte Gucky gefragt, ob er die Beisetzung Fancan Teiks nach den Bräuchen seiner indianischen Ahnen durchführen dürfe, und der Ilt hatte zugestimmt. Man wusste praktisch nichts darüber, wie die Haluter mit ihren Toten verfuhren, und die Erklärungen, die der Oberleutnant während seiner Vorbereitungen gab, hatten alle berührt.

»Mitakuye oyasin« war eine zentrale Gebetsformel im Weltbild der Lakota. Sie bedeutete übersetzt so viel wie: Alle meine Verwandten, oder: Ich bin mit allem verwandt. Damit sollte der Glaube zum Ausdruck gebracht werden, dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung, sondern nur ein einzelnes Glied in einer langen evolutionären Kette war. Er war mit allem und jedem verbunden. In der Philosophie der Lakota stand deshalb das Verständnis für Mutter Erde und alles Existierende im Mittelpunkt.

Perry Rhodan hatte diese Vorstellung gefallen. Demnach hatten sie mit Fancan Teik nicht nur einen Freund, sondern ein Familienmitglied verloren. Der Haluter war nun unterwegs auf dem Weg der Seelen hin zum Großen Geist. Mit seinem Gebet wünschte ihm Rainbow die Wiedergeburt – unter seiner Sonne, seinem Mond und im Kreis seiner Familie.

Als die Trommelschläge verklangen, hätte Rhodan nicht zu sagen gewusst, wie viel Zeit vergangen war. Violet stand weiterhin hoch am leicht bewölkten Himmel; allerdings dauerte der Tag auf Teiks Grab über dreißig Stunden.

Cel Rainbow hatte sich erhoben und einige aus dünnem Gras geflochtene Zöpfe vom Boden aufgenommen. Langsam näherte er sich dem großen Steinquader, den er und Tim Schablonski mit zwei Thermostrahlern aus einer Felswand geschnitten hatten. Er griff in eine der Taschen seines Schutzanzugs, holte ein Feuerzeug hervor und steckte einen der Pflanzenzöpfe in Brand.

Das Gras schien feucht zu sein. Es brannte nur widerwillig, was jedoch auch an der dünnen Atmosphäre liegen mochte. Der Oberleutnant schwenkte den Zopf, von dem sich weiße Rauchfäden lösten, nach links, nach vorn, nach rechts, nach hinten und zum Abschluss nach oben und unten. Danach fing er wieder von vorn an, bis der Zopf fast komplett heruntergebrannt war. Der Wind verteilte den Rauch über das Plateau und wehte feine Ascheflocken wie Schnee durch die Luft. Ein scharfer, stechender Geruch stieg in Rhodans Nase. Er fröstelte.

Wieder kamen ihm Rainbows Erläuterungen in den Sinn. Für die Lakota galten die vier Himmelsrichtungen – Tatuye Topa – als heilig. Üblicherweise wurde bei einem Begräbnisritual eine spezielle Pfeife geraucht und der Rauch in die entsprechenden Richtungen geblasen, doch eine solche stand nicht zur Verfügung.

Der Indianer verbrannte auf diese Weise drei weitere Zöpfe; dann legte er die rechte Hand flach auf den Steinquader, beugte sich nach vorn und berührte den kalten Felsen mit der Stirn. Einige Sekunden verharrte er in dieser Position. Schließlich erhob er sich, wandte sich Gucky zu und verneigte sich vor ihm. Das Gleiche wiederholte er bei Tim Schablonski, John Marshall, Tani Hanafe, Tuire Sitareh und Perry Rhodan.

Letzterer atmete noch einmal tief durch und trat zwei Schritte nach vorn. Rhodan wusste nicht, was er sagen würde, hatte sich keine Ansprache zurechtgelegt. In ihm war lediglich diese drängende Gewissheit, dass er nicht länger stumm bleiben durfte, dass der Moment eine Stimme brauchte, die ihm das nötige Gewicht verlieh.

Gucky hatte den Kopf gesenkt, und Rhodan war beinahe dankbar dafür, dass ihn der Kleine nicht ansah. Wenn er in die Augen des Mausbibers hätte blicken müssen, hätte er vermutlich keine Silbe herausgebracht. Ein letztes Mal ordnete er seine Gedanken und schluckte den Kloß hinunter, der tief in seiner Kehle steckte. Ihm war eingefallen, was er sagen wollte ...

»Während meiner Ausbildung zum Astronauten habe ich unter anderem einige Bücher des französischen Schriftstellers und Piloten Antoine de Saint-Exupéry gelesen. Nicht freiwillig, wie ich zugeben muss ...« Er machte eine kurze Pause und lächelte kaum merklich.

»Lesly Pounder hat uns damals dazu gezwungen, weil er der Überzeugung war, uns jungen Burschen stünde ein wenig Demut gut zu Gesicht. Saint-Exupéry wurde im Jahr 1944 bei einem Aufklärungsflug von einem deutschen Jagdflieger abgeschossen. Er ist jetzt seit über hundert Jahren tot, doch einige seiner Worte habe ich nie vergessen.«

Erneut hielt Rhodan inne. Er drehte sich zu dem Steinquader um und legte wie zuvor Cel Rainbow die Hand auf den rauen Fels, unter dem der leblose Körper Fancan Teiks in einem versiegelten Kunststoffbehälter ruhte.

»Und wenn du dich getröstet hast, ...«, sagte Perry Rhodan leise, »... wirst du froh sein, mich gekannt zu haben. Du wirst immer mein Freund sein. Du wirst dich daran erinnern, wie gerne du mit mir gelacht hast.«

Er wandte sich wieder den auf dem Plateau Versammelten zu. Cel Rainbow und Tim Schablonski standen am Fuß einer spitzen Felsnadel. Der Lakota hatte seine Trommel fest mit beiden Armen umfangen, als müsste er sie vor dem Davonfliegen bewahren. Sein Freund dagegen machte den Eindruck, als wüsste er nicht, wohin mit seinen Händen. Immer wieder verschränkte er nervös die Finger ineinander und löste sie dann wieder. Dabei blickte er abwechselnd auf das Grabmal des Haluters und seinen indianischen Kameraden. Offenbar hatte er Rainbow zum ersten Mal bei der Ausübung seiner heimatlichen Rituale erlebt.

John Marshall stand mit unbewegtem Gesicht hinter Tani Hanafe und hielt die zierliche Mutantin an den Schultern fest. Für einen Atemzug kreuzte sich sein Blick mit dem Rhodans.

Zum ersten Mal bin ich froh, keine Gedanken mehr lesen zu können, schienen Marshalls Augen zu sagen. Denn für einen Telepathen ist wenig schlimmer, als die Trauer eines nahen Freunds spüren zu müssen.

Tani Hanafe hatte die Lippen fest aufeinandergepresst. Die helle Haut der jungen Frau glänzte; auf ihren feuchten Wangen hatten sich einige der noch immer umherwirbelnden Ascheflocken abgesetzt. Sie hatte während des mörderischen Duells der beiden Giganten ihre Paragabe eingesetzt, hatte Teik retten wollen, doch sie war zu spät gekommen.

In Tuire Sitarehs Miene spiegelte sich ehrliche Anteilnahme. Er hatte den Haluter kaum gekannt, und doch drückten sich in jedem seiner Blicke, jeder kleinen Geste, in seiner ganzen Haltung tiefes Mitgefühl aus – und wie so häufig zuvor fragte sich Perry Rhodan, ob diese Emotionen echt waren oder ob der Aulore ihnen allen nur etwas vorspielte.

»Wir nehmen heute Abschied von einem Freund«, fuhr Rhodan fort und ging langsam auf Gucky zu. »Wir nehmen Abschied von Fancan Teik. Und für jeden von uns wird die Zeit kommen, wenn uns der Schmerz über den Verlust in den Hintergrund tritt und der Freude Platz macht. Der Freude darüber, ihn gekannt zu haben.«

Perry Rhodan blieb vor dem Ilt stehen und ging in die Hocke. Noch immer starrte der Mausbiber stumm zu Boden. Die feinen Haare an der Spitze seiner Schnauze bebten. Tränen hatten das Fell unter den Augen durchnässt und beim Trocknen winzige Salzkristalle hinterlassen.

»Gucky?«

Erst reagierte der Mutant nicht. Wie festgefroren stand er auf der Stelle, als wäre der ewige Fluss der Zeit für immer zum Stillstand gekommen. Dann jedoch hob er den Kopf und erwiderte Rhodans Blick. Lange Sekunden war nur das Heulen des Windes zu hören, der sich in den Spalten und Rissen der Felsen fing.

»Er war so stark, Perry ...« Guckys Stimme war leise, aber gut zu verstehen. »Wenn er bei mir war ..., hatte ich vor nichts und niemandem Angst ...«

»Ich weiß, Kleiner«, sagte Rhodan, weil ihm nichts anderes einfiel. »Aber wir müssen jetzt aufbrechen. Willst du ... Darf ich dich tragen?«

Der Mausbiber nickte nur und streckte ihm die Ärmchen entgegen. Rhodan hob ihn hoch, und der Ilt klammerte sich an ihm fest, als wolle er ihn nie mehr loslassen.

2.

26. März 2049

Thora

»Verschwunden?«

Thora da Zoltral war, als hätte jemand einen Kübel Eiswasser über ihr ausgegossen. Sie starrte den Mann mit den kurzen, roten Haaren und dem verwegen wirkenden Wikingerbart an, als sähe sie ihn das erste Mal. Dabei kannte sie Reginald Bull, den besten Freund ihres Mannes und den Patenonkel ihres Sohnes, seit vielen Jahren.

Das gestochen scharfe Holo zeigte den Systemadmiral hinter seiner Befehlskonsole in der Zentrale der TERRANIA. Die Arkonidin befand sich dagegen in ihren Privaträumen in der arkonidischen Botschaft im 55. Stockwerk des Stardust Towers.

»Ich muss dir nicht sagen, dass Lancasters Leute bereits überall nach ihm suchen«, beschwichtigte Bull. »Wahrscheinlich ist er nur weggelaufen oder hat beim Spielen die Zeit vergessen und sich verirrt.«

»Ist das dein Ernst, Reginald?« Thora hatte sichtliche Mühe, die Fassung zu bewahren. In diesen Sekunden schossen ihr alle möglichen Gedanken durch den Kopf – und kein einziger davon vermochte sie auch nur annähernd zu beruhigen. Im Gegenteil. »Wir wohnen auf einer Insel«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Wohin sollte sich Tom also verirren?«

»Du weißt, wie ich es meine.« Bull leckte sich nervös über die Lippen. Für einen kurzen Moment fühlte sie sich schuldig. Der untersetzte Mann, auf dessen Schultern nach der Begegnung mit der mysteriösen Avandrina di Cardelah eine ungeheure Verantwortung lastete, konnte nichts dafür, dass ihr Sohn verschwunden war. Er war lediglich der Überbringer einer weiteren schlechten Nachricht. Einer katastrophalen Nachricht!

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich. Du hilfst niemandem, am wenigsten Tom oder dir selbst, wenn du jetzt die Nerven verlierst ...

»Wir haben außerdem GHOST informiert«, sprach Bull weiter und hob sofort beide Arme, um eine eventuelle heftige Reaktion ihrerseits abzublocken. »Rein zur Vorsicht. Megan Lynford nimmt sich der Sache persönlich an.«

Megan Lynford, dachte Thora automatisch. Seit knapp drei Jahren Chefin des neu gegründeten Geheimdienstes der Terranischen Union. Sie hatte die resolute Frau, die sich bewusst im Hintergrund hielt und nur höchst selten in Medienberichten auftauchte, auf ein paar Empfängen kennengelernt, einige wenige Worte mit ihr gewechselt – zu wenige, um sie wirklich einschätzen zu können. Die Vorfälle während der Konferenz mit der Anchet Avandrina di Cardelah auf Mauritius hatten allerdings gezeigt, dass sie die für ihren Job notwendige Skrupellosigkeit mitbrachte.

»Eine Sorge kann ich dir auf jeden Fall nehmen«, hörte sie Reginald Bull wie aus weiter Ferne sagen. »Tom ist nicht ... verunglückt. Wir haben als Erstes die Strände und den gesamten Küstenbereich mit Sonden abgesucht. Nichts.«

»Natürlich nicht.« Thora merkte, dass ihre Stimme zu kippen drohte. »Tom weiß sehr gut, wie gefährlich der See sein kann. Außerdem ist das komplette Ufer mit Prallfeldern gesichert. Was ist mit Anna?«

»Wir haben sie selbstverständlich befragt. Sie ist ... aufgelöst – um es milde auszudrücken.«

»Und ...?«

Anna Fong war seit über sechs Jahren das Kindermädchen der Rhodans. Tom liebte sie über alles, und Thora vertraute der Chinesin ohne jede Einschränkung.

»Sie wollte den Jungen heute Morgen für die Schule fertig machen. Als sie in sein Zimmer kam, war er nicht da.«

Den Jungen, schoss es Thora durch den Kopf. Wie sich das anhört. Tom ist nicht einfach ein Junge. Er ist mein Junge!

»Das Bett war zerwühlt«, fuhr der Systemadmiral fort. »Miss Fong hat nach Tom gerufen und das Haus durchsucht. Dann hat sie die Polizei informiert und den Garten durchkämmt. Als man sie mit sanfter Gewalt zur Untersuchung in ein Krankenhaus nach Terrania bringen wollte, hat sie ... einem Beamten der Terra Police die Nase gebrochen ...«

»Ich muss nach Hause! Sofort!«

»Lass dein Dienstfahrzeug stehen. Ich habe dir bereits einen Quadrocopter der Terra Police geschickt. Der Pilot hat Anweisung, dich auf direktem Weg zum Tosoma-Archipel zu fliegen.«

Thora da Zoltral nickte. Sie wollte etwas sagen, weitere Fragen stellen, verstehen, was gerade geschah, aber sie konnte es nicht. Sie stand bloß da, starrte blicklos auf das Gesicht von Reginald Bull und spürte, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen.

»Thora ...« Bull schüttelte den Kopf, suchte nach den richtigen Worten, die es in dieser Situation nicht gab. »Ich schwöre dir bei meinem Leben: Wir werden Tom finden! Und wenn wir dafür den ganzen Planeten mobilisieren müssen!«

Perry, dachte die Arkonidin verzweifelt. Perry, wo bist du? Ich brauche dich hier!

Der Quadrocopter befand sich im Landeanflug auf den Tosoma Islands Archipel. Während das Fahrzeug an Höhe verlor, kam das durch die Pilotenkanzel deutlich erkennbare Gewirr aus Inseln und kleinen Landbrücken schnell näher. Für Thora war es dennoch nicht schnell genug. Natürlich wusste sie, dass sie sich irrational verhielt, dass die Terra Police gewissenhaft und gründlich ermittelte, völlig unabhängig davon, ob sie sich persönlich vor Ort befand oder nicht. Doch diesem Wissen stand ihr Gefühl entgegen; diese schreckliche, ihr gesamtes Denken beherrschende Ahnung, dass Tom nicht einfach nur verschwunden war.

Der Pilot hatte sich ihr mit Namen vorgestellt, doch sie hatte ihn bereits wieder vergessen; etwas, das völlig untypisch für sie war. Der Mann mit den langen, blonden Haaren und dem jugendlichen, von Sommersprossen übersäten Gesicht saß hinter seinen Kontrollen und koordinierte die bevorstehende Landung. Ab und an warf er ihr verstohlene Blicke zu. Wahrscheinlich wusste er über das Bescheid, was passiert war.

Thora musste an Reginald Bull denken, der bereits auf der Zentralinsel auf sie wartete. Sie hatte Reginald in den vergangenen Jahren als herzlichen, gutmütigen und humorvollen Menschen kennen- und schätzen gelernt. Trotz seiner vielfältigen Pflichten und Aufgaben hatte er sein Patenkind, sooft es ging, besucht, und für Thomas war sein Onkel Reg ohnehin der Größte – spätestens seit dieser ihn aus Anlass seines sechsten Geburtstags zu einem Flug auf die TERRANIA mitgenommen und dort zum Kommandanten ehrenhalber ernannt hatte.

Thora würde niemals vergessen, wie Tom beinahe vor Stolz geplatzt wäre, als er auf Marcus Eversons Sessel gethront und die Klarmeldungen der einzelnen Stationen entgegengenommen hatte, als Ryan McGerthy, der Erste Offizier, ihm ein zackiges »Erbitte Starterlaubnis, Sir!« entgegengeschmettert und Tom mit einem vor Aufregung piepsigen »Starterlaubnis erteilt, Oberstleutnant!« geantwortet hatte.

Erneut traten Thora die Tränen in die Augen, und sie wandte sich hastig zur Seite, damit ihr Pilot es nicht sah. In der vergangenen Stunde hatte sie sich das Hirn darüber zermartert, wer ein Interesse daran haben könnte, ihren Sohn zu entführen – und davon, dass es sich um eine Entführung handelte, war sie längst überzeugt.

Thomas war ein kluger Junge. Er wäre niemals einfach so weggelaufen, zumal die vielfältigen Sicherheitssysteme im Haus und auf dem Archipel so etwas gar nicht zugelassen hätten. Die rund zwei Dutzend künstlichen Inseln inmitten des Goshun-Sees dienten ausschließlich als Wohngebiet für die prominenteren Bürger der Hauptstadt. Sie waren rund um die Uhr bewacht; jeder Besucher musste sich nicht nur anmelden, sondern wurde auch gründlich überprüft und durchleuchtet.

Perry war damals nicht besonders begeistert gewesen, als ihn einige seiner Freunde, vor allem aber die Vertreter der unionsinternen Sicherheitskräfte, gedrängt hatten, nach TIA zu ziehen, wie man den Tosoma Islands Archipel kurz nannte. Er empfand den Ort als eine Art Luxusgefängnis, musste allerdings am Ende einsehen, dass er durch die Rolle, die er beim Aufbruch der Menschheit zu den Sternen gespielt hatte, zu einer weltweit bekannten Persönlichkeit geworden war. Ein normales Leben konnte und durfte er somit nicht mehr beanspruchen.

Seine Heirat mit ihr, Thora, und die Geburt ihres Sohnes waren Medienereignisse gewesen, welche die globalen Schlagzeilen für Wochen beherrscht hatten. Nicht anders erging es vielen der übrigen Weggefährten wie Reginald Bull, Homer G. Adams, Julian Tifflor oder Lesly Pounder – von John Marshall und seinen Mutanten oder den Exoten Gucky und Fancan Teik gar nicht erst zu reden. Sie alle standen permanent im Blickfeld der Öffentlichkeit und zahlten so den Preis für ihre Stellung und das Privileg, wichtige Entscheidungen treffen zu dürfen.

Thoras Blick ruhte auf der dichten Wolkendecke, die über der Stadt lag. Lediglich über Teilen der Wüste Gobi waren Lücken zu entdecken. Durch eine davon waren die westlichen Ausläufer von Terrania zu erkennen. Die Metropole wuchs nach wie vor mit fast schon beängstigendem Tempo und zählte derzeit rund vierzig Millionen Einwohner.

Der Pilot steuerte den Quadrocopter in eine der drei kleinen Landebuchten, die man im Zentrum der kreisförmig angeordneten Inseln in den Fels gesprengt hatte. Von hier legten auch die regelmäßig mit dem Festland verkehrenden Fähren ab. Außerdem gab es eine Promenade, die sich auf drei Stockwerken ringförmig um den Komplex zog und Restaurants, Boutiquen und Ladengeschäfte beherbergte.

Normalerweise war dort um diese Zeit nicht viel los, zudem an einem gewöhnlichen Mittwoch; nun allerdings hätte man den Eindruck gewinnen können, dass eine Militärparade stattfand. Die gesamte Inselgruppe war durch Quadrocopter der Terra Police abgeriegelt worden. Auf dem Wasser vor der Hafenausfahrt, wo einige schneeweiße Jachten auf dem azurblauen See dümpelten, kreuzten drei schnittige Boote mit dem Emblem der TU-Polizeiorganisation, und die frei schwebenden Brücken, welche die einzelnen Inseln miteinander verbanden, waren von Bewaffneten in den neuen dunkelblauen Terra-Police-Uniformen besetzt.

Außerhalb der Sperrzone konnte Thora weitere Wasserfahrzeuge erkennen, darunter garantiert auch einige mit Medienvertretern. Am Himmel über der Stadt kreisten zudem mehrere Hubschrauber. Sie hielten zwar respektvollen Abstand, doch zweifellos waren in dieser Sekunde mehrere Dutzend hochauflösende Kameraobjektive und Richtmikrofone auf das gewaltige Polizeiaufgebot gerichtet.

Reginald war schon vor Ort. Er umarmte sie kurz zur Begrüßung. »Können wir?«, fragte er.

Sie sah ihn kurz an und nickte. »Du musst nicht mitkommen«, sagte sie leise. »Mir ist klar, dass es derzeit ein paar weit größere Probleme gibt als Toms Verschwinden. Du hast ...«

»Kein Wort mehr«, unterbrach Bull sie, und für eine Sekunde erschien eine steile Falte auf seiner Stirn. »Bevor Tom nicht wieder dort ist, wo er hingehört, gibt es für mich nur ein einziges Problem!«

Nun musste die Arkonidin doch lächeln. Dankbar nahm sie Bulls angebotenen Arm.

»Lancaster wartet bereits auf uns«, sagte Reginald, als sie die Parkbucht verließen und einem der Expresslifte zustrebten, der sie auf die Promenade bringen würde. »Von ihm werden wir alles erfahren, was wir wissen müssen.«

»Der Chef der Terra Police leitet die Ermittlungen selbst? Ich bin beeindruckt.«

»Das musst du nicht sein.« Bull ließ kurz sein berüchtigtes Grinsen aufblitzen. »Immerhin besuchen ihn der Systemadmiral der Union und die Botschafterin des Großen Imperiums auf der Erde. Ich weiß, dass ihr beide nicht besonders gut miteinander könnt, aber wenn es auch nur die geringste Spur gibt, wird er sie finden.«

Theodore Lancaster hatte die Leitung der TU-internen Polizei im Jahr 2046 von Allan D. Mercant übernommen und war zum Koordinator für Innere Sicherheit aufgestiegen. Mercant selbst – inzwischen immerhin stolze 78 Jahre alt – hatte noch zwei weitere Jahre in beratender Funktion am Aufbau von GHOST mitgewirkt und sich schließlich von allen politischen Ämtern zurückgezogen.

»Das ist mir klar.« Thora seufzte leise. Seit dem Prozess, den Lancaster vor fünf Jahren gegen Crest und sie angestrengt hatte, war ihr der schmächtig wirkende Mann mit dem sorgsam gepflegten Schnurrbart in eher schlechter Erinnerung geblieben. Sie hatte sich immer gefragt, was Allan D. Mercant dazu bewogen hatte, ausgerechnet Theodore Lancaster als seinen Nachfolger einzusetzen. Doch das war eine interne Unionsangelegenheit und lag nicht in ihrem Entscheidungsbereich.

»Wir werden die Sache nicht ewig geheim halten können«, sagte Reginald Bull, während sie die Promenade überquerten. Er hatte ihre Blicke bemerkt. »Wahrscheinlich wäre es am besten, wenn du im Laufe des Tages ein offizielles Statement abgibst. Ich meine ... bevor die Spekulationen ins Kraut schießen. Ich ...« Er schüttelte den Kopf. »Verdammt, Thora«, stieß er hervor. »Das ist alles so ...«

»Schon gut, Reginald.« Sie drückte seine Hand und nickte ihm zu. »Ich halte das aus. Ich behaupte nicht, dass es einfach ist, aber ich werde alles tun, was getan werden muss. Auch weil ich weiß, dass ich nicht allein bin.«

»Botschafterin Thora! Systemadmiral Bull! Da sind Sie ja endlich ...«

Theodore Lancaster trug einen faltenfrei sitzenden, grauen Anzug, ein weißes Hemd mit dunkelroter Krawatte und schwarze Lederschuhe. Die braunen Haare waren ebenso sorgfältig frisiert wie der dezente Oberlippenbart.

Der Chef der Terra Police kam mit großen Schritten auf sie zu und wäre kurz vor Erreichen des kleinen Landebereichs beinahe ins Stolpern geraten. Er blieb stehen, fuhr sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand über den Schnurrbart und vermied dabei jeden Blickkontakt.

»Mister Lancaster«, sagte Bull und lächelte säuerlich. »Wie zuvorkommend von Ihnen, uns abzuholen.«

»Ja ... Nein ...«, setzte der hagere Mann an. Dann schüttelte er den Kopf. »Sie können die Villa noch nicht betreten.«

»Warum nicht?«, wollte Thora wissen.

»Weil die Spurensicherung noch nicht fertig ist.«

»Noch nicht fertig?«, wiederholte der Systemadmiral. »Ist das Ihr Ernst? Das Verschwinden meines Patenkindes wurde bereits vor Stunden entdeckt!«

Lancaster legte den Kopf schief und musterte Bull, als wolle er abschätzen, ob dieser seine Äußerung scherzhaft gemeint hatte.

»Die Forensik ist eine exakte Wissenschaft, Sir«, sagte er. »Sie erfordert Sorgfalt, Methodik und Konzentration. Zeit spielt dabei eine ebenso maßgebliche ...«

»Ja, ja«, unterbrach Bull ungeduldig. »Ersparen Sie uns einen Vortrag, und erzählen Sie uns lieber, was Sie wissen.«

»Gern«, erwiderte Lancaster. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Ma'am ... Exzellenz. Wir können in den Garten des Anwesens gehen. Dieser wurde bereits entsprechend untersucht.«

Der Chef der Terra Police schritt erneut zügig voran, und sie beeilten sich, ihm zu folgen. Das Haus, in dem die Familie Rhodan wohnte, lag gleich auf der ersten Insel hinter dem Hafen. Nachdem sie die Brücke überquert hatten, führte ein von Blumen und Sträuchern gesäumter Weg durch ein kleines Wäldchen und endete vor einer hüfthohen Mauer. Das Grundstück dahinter erstreckte sich in sanften Wellen bis zu einem flachen Bungalow. Er war auf dem höchsten Punkt der Umgebung erbaut worden und bot freien Blick auf den See. Eine immergrüne Hecke und einige wuchtige Apfelbäume schirmten den Eingangsbereich gegen direkte Sicht ab.

Thora verspürte den starken Drang, einfach loszulaufen. Sie wäre am liebsten augenblicklich durch die weit geöffnete Eingangstür gestürmt, die Treppe in den ersten Stock hinauf und in das Kinderzimmer ihres Sohnes gerannt. Reginald Bull schien ihre Nervosität zu spüren, denn er legte seine Hand auf ihre Schulter und drückte sie sachte.