Perry Rhodan Neo 98: Crests Opfergang - Rüdiger Schäfer - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 98: Crests Opfergang E-Book und Hörbuch

Rüdiger Schäfer

5,0

Beschreibung

Im Juni 2036 stößt der Astronaut Perry Rhodan bei seiner Mondlandung auf ein havariertes Raumschiff der Arkoniden. Damit verändert er die Weltgeschichte. Die Terranische Union wird gegründet, sie beendet die Spaltung der Menschheit in einzelne Nationen. Ferne Welten rücken in greifbare Nähe. Eine Ära des Friedens und Wohlstands scheint bevorzustehen. Doch dann bringt das Große Imperium das irdische Sonnensystem unter seine Kontrolle. Die Erde wird zu einem Protektorat Arkons. Die Terranische Union beugt sich zum Schein den neuen Herrschern, während der Widerstand wächst. Als das Protektorat in Dortmund Tausende von Widerstandskämpfern einkesselt, scheint ein globales Massaker unausweichlich. Crest da Zoltral, der Gelehrte und Gefährte Perry Rhodans, kann das nicht hinnehmen. Er will die Spirale der Gewalt beenden - und tritt einen Opfergang an ...

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Zeit:5 Std. 32 min

Sprecher:Axel Gottschick

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Band 98

Crests Opfergang

von Rüdiger Schäfer

Im Juni 2036 stößt der Astronaut Perry Rhodan bei seiner Mondlandung auf ein havariertes Raumschiff der Arkoniden. Damit verändert er die Weltgeschichte. Die Terranische Union wird gegründet, sie beendet die Spaltung der Menschheit in einzelne Nationen. Ferne Welten rücken in greifbare Nähe. Eine Ära des Friedens und Wohlstands scheint bevorzustehen.

Doch dann bringt das Große Imperium das irdische Sonnensystem unter seine Kontrolle. Die Erde wird zu einem Protektorat Arkons. Die Terranische Union beugt sich zum Schein den neuen Herrschern, während der Widerstand wächst.

Als das Protektorat in Dortmund Tausende von Widerstandskämpfern einkesselt, scheint ein globales Massaker unausweichlich. Crest da Zoltral, der Gelehrte und Gefährte Perry Rhodans, kann das nicht hinnehmen. Er will die Spirale der Gewalt beenden – und tritt einen Opfergang an ...

1.

Satrak

Ich ... bekomme keine Luft mehr! Ich ersticke!

Satrak stemmte sich mit Armen und Beinen gegen den mörderischen Druck, der auf seiner Brust lastete. Die mächtige Pranke des Riesen hatte sich wie eine Stahlklammer um seinen Körper gelegt. Sein Kopf wurde seitlich gegen die Brust der dreieinhalb Meter großen Kreatur gepresst, seine Wange berührte deren schwarze Haut, die sich wie Sandpapier anfühlte.

Von irgendwoher drangen unverständliche Worte an die Ohren des Istrahir. Eine Frauenstimme. Dann sagte auch die Bestie etwas. Es klang wie rollender Donner. In der gleichen Sekunde lockerte sich der Griff des Riesen. Wie ein Ertrinkender schnappte Satrak nach Luft. Sie schmeckte nach Rauch und Staub, und kam ihm dennoch wie der auf seiner Heimatwelt so beliebte Drarim-Nektar vor.

»Alles in Ordnung bei Ihnen, Fürsorger?« Die Frauenstimme sprach Englisch, ein auf Larsaf III weitverbreitetes Idiom, dessen Satrak mächtig war.

Er hob keuchend einen Arm. Für eine verbale Antwort fehlte ihm nach wie vor der Atem.

Wie viel Zeit war seit den chaotischen Ereignissen in der Ruhr-Arena und ihrer überstürzten Flucht vergangen? Es kam ihm vor, als würden sie bereits seit Stunden durch die subplanetaren Tunnel und Röhren hetzen, die Teil eines Transportsystems waren, das die Menschen U-Bahn nannten, ein Zug, der sich durch ein wahres Labyrinth von unterirdischen Gängen und Korridoren bewegte.

Die Schreckensbilder aus dem Innern des Stadions standen ihm noch immer plastisch vor Augen. Explosionen, Rauch, Schüsse aus Energie- und Projektilwaffen, schreiende, flüchtende, sterbende Menschen ... und dann ...

Er schloss die Lider für lange Sekunden, und als er sie wieder öffnete, war der Riese immer noch da. Seine Anwesenheit machte es ihm unmöglich, sich einzureden, dass alles nur ein Traum gewesen war. Der Wahnsinn um ihn herum, Chetzkel, der ihn hatte töten wollen, und schließlich die schwarzhäutige Kreatur, die den Reekha trotz Schutzschirm einfach beiseitegerammt und Satrak dadurch das Leben gerettet hatte.

Nachdem Teile ihres Fluchttunnels hinter ihnen zusammengestürzt waren, hatten sie zunächst versucht, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und die Verfolger zu bringen. Dabei war das monströse Wesen mehrfach durch massive Wände aus Stahlbeton gebrochen – und jedes Mal hatte Satrak geglaubt, dass sein letztes Stündlein geschlagen hätte. Da der Riese seinen stürmischen Lauf nun endlich beendet und angehalten hatte, vermutete der Fürsorger, dass sie augenblicklich nicht mehr in Gefahr schwebten. Zumindest nicht unmittelbar.

Die Kreatur schloss den Griff um ihn kurzfristig wieder etwas fester und setzte ihn dann sanft auf dem Boden ab. Satrak schwankte, winkte jedoch sofort ab, als ihm die Arkonidin, die er längst als Thora da Zoltral identifiziert hatte, zu Hilfe kommen und stützen wollte. Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann hatte er sein Gleichgewicht wiedergefunden.

Scheu sah er zu dem Giganten hinüber, dessen mächtiger halbkugelförmiger Schädel fast an die Tunneldecke stieß, und der sich in diesem Moment hinhockte und mit dem Rücken gegen die Schachtwand lehnte. Die beiden mächtigen Strahler an seiner Seite, die aussahen, als hätte man sie aus einem Beiboot ausgebaut, krachten lautstark auf die Schienen und verursachten einen weithin hörbaren Lärm. Selbst in dieser Position wirkte der Fremde noch monumental.

Das lag zum Teil sicher auch an den Lichtverhältnissen. Der Tunnel, durch den sie gerannt waren, wurde nur spärlich beleuchtet. Zudem hatte der Riese viele der von kleinen Metallkäfigen geschützten Lampen beim Vorbeirasen abgerissen. Das verbleibende Zwielicht reichte gerade noch aus, um das schwache Lächeln auf den Lippen Thora da Zoltrals zu erkennen.

»Es freut mich, dass sich zumindest einer von uns amüsiert«, sagte Satrak. »Darf ich fragen, was Sie an unserer Situation so sehr erheitert?«

»Es ist weniger die Situation als vielmehr Ihr Gesichtsausdruck, Fürsorger. Fancan Teik hat eine ganz besondere Wirkung, wenn man ihn das erste Mal sieht, nicht wahr?«

»Da stimme ich Ihnen zu.« Satrak machte unwillkürlich einen Schritt von dem Riesen weg und versuchte, unauffällig seine Chancen auszuloten, der Frau und dem Haluter zu entkommen. Er befand sich in der Gewalt der Rebellen – und hatte nicht die geringste Ahnung, was diese mit ihm anstellen würden.

»Falls Sie sich Sorgen um Ihre Sicherheit machen«, hörte er Thora sagen, »darf ich Sie beruhigen. Niemand wird Ihnen etwas tun. Zumindest niemand von Free Earth. Was dagegen Ihren speziellen Freund Chetzkel angeht ...«

Der Istrahir winkte ab. »Erwähnen Sie diesen Namen nicht. Dieser Wahnsinnige hat erneut versucht, mich umzubringen. Ihr Freund ... wie haben Sie ihn genannt? Fancan Teik? Er hat mir das Leben gerettet. Ich habe ... Ich bin ...«

Satraks Beine fühlten sich plötzlich wie Dulok-Stauden im Sommerwind an. Zu viel war in der letzten Stunde auf ihn eingestürmt. Zwar hatte er mit dem Eingreifen von Free Earth in der Ruhr-Arena gerechnet; schließlich war er selbst es gewesen, der das Einsickern der Rebellen ermöglicht hatte. Das vierarmige Ungeheuer mit den rot glühenden Augen hatte er dagegen nicht auf der Rechnung gehabt. Wenn er wenigstens in der Lage gewesen wäre, eine Verbindung zu Aito herzustellen – doch seine Assistentin meldete sich nicht mehr. Ihr verzweifelter letzter Funkspruch klang ihm noch in den Ohren. Er musste wohl davon ausgehen, dass Chetzkels Leute die Künstliche Intelligenz gelöscht oder die Hardware zerstört hatten, auf der ihr Programm gespeichert gewesen war.

Mit anderen Worten: Aito war tot.

»Woher kommt er?« Der Fürsorger deutete auf den Riesen.

»Sie können ruhig mit Fancan Teik selbst sprechen«, sagte Thora. »Er beißt nicht.«

Obzwar sich Satrak da nicht so sicher war wie die Arkonidin, wandte er sich dem Giganten zu und verbeugte sich zögernd.

»Ich danke Ihnen, Fancan Teik«, sagte er. »Ich stehe tief in Ihrer Schuld.«

Auch der Riese neigte seinen Kopf. Als er den breiten Mund öffnete, entblößte er dabei zwei Reihen daumengroßer Kegelzähne. Seine Stimme klang dumpf und grollend, war aber klar verständlich. Dabei hatte Satrak den Eindruck, dass Teik flüsterte, um die Ohren seiner beiden Zuhörer nicht zu überfordern. Das urweltliche Gebrüll, das der Gigant in der Ruhr-Arena ausgestoßen hatte, hatte da noch ganz anders geklungen.

»Die Menschheit braucht Sie, Fürsorger Satrak«, sagte er. »Wenn Sie sich bei mir bedanken wollen, dann tun Sie alles, um Chetzkel aufzuhalten. Andernfalls war unser Kampf umsonst.«

»Verraten Sie mir, wer Sie sind und wie Sie nach Larsaf III kommen?«, fragte der Fürsorger. »Ich habe Wesen wie Sie nie zuvor gesehen ...«

»Ich bin ein Haluter«, antwortete Teik. »Und mein Weg in dieses Sonnensystem ist der Endpunkt einer sehr langen Geschichte, für die wir im Moment keine Zeit haben. Chetzkels Soldaten sind bereits auf dem Weg hierher, doch bevor wir weitergehen, muss ich mich stärken.«

Mit einer Geschmeidigkeit, die Satrak dem schwerfällig wirkenden Giganten niemals zugetraut hätte, sprang Teik auf und wandte sich einem breiten Mauervorsprung zu. Seine rechte Faust verwandelte die massive, von einem Metallgeländer umlaufene Konstruktion innerhalb weniger Sekunden in einen Trümmerhaufen. Fassungslos sah der Fürsorger zu, wie der Haluter sich die Steinbrocken und Stahlstreben in den Mund stopfte, sie dort mit erheblicher Geräuschentwicklung zermalmte und herunterschluckte.

»Bei allen Göttern Arkons ...«, murmelte Satrak.

»Unser großer Freund besitzt einen sogenannten Konvertermagen«, hörte er die Stimme von Thora da Zoltral wie aus weiter Ferne. »Im Prinzip kann er jede beliebige Materie aufnehmen und in Energie umwandeln. Das ist vielleicht nicht immer besonders schmackhaft, aber auf jeden Fall praktisch.«

»Die Zeit wird knapp«, sagte der Haluter. »Thora, legen Sie bitte Ihren Kampfanzug ab. Sie, Fürsorger, muss ich auffordern, Ihren Schirmprojektor und alle sonstigen technischen Hilfsmittel zurückzulassen. Andernfalls werden uns Chetzkels Soldaten anpeilen und sehr schnell eingeholt haben.«

Satrak registrierte, dass Thora der Aufforderung Fancan Teiks nur zögerlich Folge leistete. Lange schienen sich die beiden ungleichen Wesen offenbar noch nicht zu kennen. Erst als sich auch der Haluter von seinen beiden übergroßen Waffen trennte, tat die Arkonidin wie ihr geheißen. Satrak selbst hatte ohnehin keine Wahl. Zum einen war er zumindest vorerst auf die Hilfe der beiden Free-Earth-Mitglieder angewiesen, zum anderen war das, was der Haluter sagte, sinnvoll. »Wohin gehen wir?«

»Zunächst einmal möglichst weit weg von unseren Verfolgern«, antwortete Thora. »Wir brauchen ein Versteck, in dem wir uns sammeln und Informationen einholen können. Chetzkel weiß ungefähr, wo wir sind, und wird sämtliche Ausgänge aus dem Schachtsystem überwachen.«

»Das hört sich nicht besonders vielversprechend an«, wandte Satrak ein.

2.

Chetzkel

»Die Holoverbindungen sind aktiviert und stabil, Reekha. Bis auf die Einsatzleiter sind alle Offiziere zugeschaltet. Die Übertragung in den Stardust Tower steht und Sicherheitskoordinator Jemmico ist informiert.«

»Gut.« Chetzkel nickte dem jungen Thos'athor zu, der als sein Adjutant fungierte. »Ich bin in ein paar Minuten so weit.«

Er warf einen letzten Blick durch die hohen Fenster, von denen aus er einen Großteil der umliegenden Stadtviertel sehen konnte. Der von den Menschen kurz als »Florian« bezeichnete Turm, den er als Hauptquartier für die kommenden Stunden und womöglich Tage ausgewählt hatte, wurde überwiegend als Sendeanlage für Bild- und Tonübertragungen genutzt, besaß aber auch ein im Turmkorb untergebrachtes Drehrestaurant und eine Aussichtsplattform. Mit einer Höhe von über zweihundert Metern und in unmittelbarer Nähe der Ruhr-Arena gelegen, hatte sich das Bauwerk als Kommandozentrale geradezu aufgedrängt.

Das Restaurant lag fast 140 Meter über dem Erdboden und rotierte dreimal pro Stunde um seine Mittelachse. Seine Spezialisten hatten daraus innerhalb nur einer Stunde ein mit allen nötigen Kommunikations- und Überwachungsgeräten ausgerüstetes Einsatzzentrum gestaltet. Im Maschinenraum hatten die Techniker einen modernen Fusionsreaktor installiert, der unter anderem ausreichend Strom für den Schutzschirm lieferte, der die komplette obere Turmhälfte umschloss.

Als er hinter sich leise Schritte hörte, drehte er sich um. Mia trug ein hauteng anliegendes Kleid, das im Licht der Deckenstrahler grausilbern schimmerte und Chetzkel an molekülverdichteten Arkonstahl erinnerte. Die Tasthaare in ihrem Katzengesicht zitterten. Trotz der einschnürenden Garderobe bewegte sie sich mit der vollendeten Anmut eines Raubtiers. Sie näherte sich ihm, wurde dabei jedoch langsamer und blieb kurz vor ihm stehen.

»Was ist?« Er lächelte kaum merklich. »Willst du den mächtigsten Mann im Protektorat von Larsaf III nicht angemessen begrüßen?«

Als Mia zögerte, packte er sie um die Taille, zog sie zu sich heran und küsste sie fordernd. Für einen Augenblick glaubte er Widerstand zu spüren, doch dann erwiderte sie seinen Kuss und drängte sich in gewohnter Weise an ihn. Vermutlich hatten ihr die dramatischen Ereignisse in der Ruhr-Arena mehr zugesetzt, als sie wahrhaben wollte.

»Du solltest auf die AGEDEN zurückkehren und dort auf mich warten«, sagte er, als sie sich voneinander lösten. Auf der Unterlippe der jungen Frau glänzte ein winziger Blutstropfen. In der Hitze des Augenblicks vergaß Chetzkel immer wieder, wie spitz und gefährlich seine Schlangenzähne sein konnten. Blitzschnell schoss seine gespaltene Zunge nach vorn und leckte das Blut weg.

»Jetzt dauert es nicht mehr lange«, sagte er leise. »Die Berichte der Einsatzleiter sind soeben eingetroffen. Alles entwickelt sich zu meinen Gunsten.«

Mia legte die Stirn in Falten. Sie wirkte blass, doch das war nach den Ereignissen der letzten Stunden kaum verwunderlich. »Aber ... die Rebellen«, wandte sie zögerlich ein. »Free Earth hat verhindert, dass ...«

»Sprich nicht von Dingen, die du nicht verstehst.« Chetzkel ließ sie nicht ausreden. »Begreifst du nicht, was geschehen ist? Mit den Holoaufnahmen kann ich beweisen, dass sich unter den Angreifern einige führende Köpfe der Widerständler befunden haben – unter anderem die gesuchten Terroristen Bai Jun und Lesly Pounder. Free Earth hat endlich sein wahres Gesicht gezeigt. Mit dem verschwundenen Fürsorger und der unterbrochenen Hyperfunkrelaiskette nach Arkon habe ich praktisch freie Hand.«

»Was wirst du tun?«, fragte Mia.

»Das, was Satrak nicht konnte: Ordnung schaffen! Wenn sich die Menschen nicht freiwillig fügen, werde ich sie zwingen!«

»Dann wird es noch mehr Tote geben.«

»Das ist nicht allein meine Entscheidung. Free Earth hat sich offen und gewaltsam gegen das Protektorat gestellt. Arkoniden haben deshalb ihr Leben verloren. Wenn ich diese Verbrechen nicht mit aller gebotenen Härte verfolge und die Schuldigen bestrafe, wird sich aus dem Feuer ein Flächenbrand entwickeln.« Er atmete tief durch. »Im Moment steht die Welt noch unter Schock«, fuhr er fort. »Die Bilder aus dem Stadion sind für die meisten Menschen verstörend. Es ist jetzt ungeheuer wichtig, dass das Protektorat Stärke zeigt. Es muss die Lage innerhalb kürzester Zeit unter Kontrolle bekommen und den Aufständischen unmissverständlich klarmachen, was passiert, wenn sie die Hand gegen das Imperium erheben!«

Mia nickte und bedachte ihn dabei mit einem undefinierbaren Blick. Sie machte auf ihn den Eindruck, als hätte sie gar nicht gehört, was er gesagt hatte, sondern sei tief in Gedanken versunken.

»Was ist mit dir?«, wollte er wissen. »Du wirkst abwesend.«

»Ich bin nur müde.« Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Du hast recht. Ich sollte auf die AGEDEN zurückkehren. Du hast viel zu tun, und ich würde dich nur unnötig ablenken.«

Mit den letzten Worten wandte sie ihm den Rücken zu und verließ den Raum in Richtung der Aufgänge zur Aussichtsplattform. Dort parkte eine Reihe von Gleitern und Transportfähren. Chetzkel sah ihr noch ein paar Sekunden nachdenklich hinterher, dann straffte er sich und überprüfte reflexhaft den korrekten Sitz seiner Uniform.

Um Mia konnte er sich später kümmern. Da draußen wartete eine ganze Welt darauf, dass das neue Oberhaupt des Protektorats das Wort an sie richtete ...

Als er den ehemaligen Speisesaal erreichte, verstummten die verhalten geführten Gespräche, und die Augen der Anwesenden richteten sich unwillkürlich auf ihn. Er sah viele bekannte Gesichter. Frauen und Männer, die teilweise seit vielen Jahren unter ihm dienten und mit denen er schon so manche Schlacht geschlagen hatte.

Der Raum nahm fast eine komplette Hälfte des Turmkorbs ein. An seiner Vorderfront erlaubten hohe Panoramafenster einen beeindruckenden Ausblick auf Dortmund – oder »Mirktron«, wie er die Stadt auf Arkonidisch getauft hatte. Die Rückseite wies rechts und links je ein breites Portal auf, das in eine Art Foyer führte. Drei kleinere Türen trennten die Küche, eine Kühlkammer und einen schmalen Serviceraum vom Speisesaal ab. Tische und Stühle waren entfernt und durch eine Batterie von Holokonsolen ersetzt worden. Die ehemalige Bar, die aus einer verspiegelten Regalwand und einer halbrunden Theke bestand, war in eine Art Kommandozentrale verwandelt worden. Über der blank polierten Thekenplatte schwebten mehrere Projektionen, die dreidimensionale Darstellungen der Umgebung zeigten. Die Einsatzgebiete der verschiedenen Kommandotrupps waren farblich markiert.

Lomgrin, ein ungewöhnlich großer und schlanker Arkonide mit glatten Gesichtszügen und schulterlangen weißen Haaren, eilte auf ihn zu. Auf der AGEDEN bekleidete er die Funktion eines Beibootkommandanten im Rang eines Tharg'athor. Chetzkel hatte ihn als Verbindungsoffizier für die Dauer des Einsatzes in Dortmund und seiner Anwesenheit im Florianturm bestimmt.

»Alles ist vorbereitet, Reekha«, sagte Lomgrin. »Allerdings habe ich noch kein Manuskript erhalten ...«

»Ich werde frei sprechen«, erwiderte Chetzkel.

»Ah ... ich verstehe ... Nun, dann ...« Der Offizier deutete auf ein improvisiertes Rednerpult. Hinter dem leicht erhöhten Podest schwebte das Siegel des Großen Imperiums als transparentes Holo. Mehrere Kameradrohnen umschwirrten den Aufbau wie ein Schwarm Dulmen eine verfaulte Jaris-Frucht und würden dafür sorgen, dass jedes Wort und jede Geste Chetzkels festgehalten wurde.

»Gibt es Nachrichten von Administrator Adams?«, erkundigte sich der Reekha.

»Der Administrator wurde von unseren Männern zurück in seine Büros im Stardust Tower gebracht«, antwortete Lomgrin. »Er ist wohlauf und in Sicherheit.«

Chetzkel nickte knapp, trat hinter das Rednerpult und gab mit einer Geste das Zeichen, mit der Übertragung zu beginnen. Im Hintergrund materialisierte ein großes Holo, das das aktuelle Live-Bild zeigte; daneben erschienen zwei Dutzend weitere mit den Köpfen der direkt zugeschalteten Offiziere. Für einige Sekunden musterte der Reekha die vertrauten Mienen.

Traguran, mit seinen 150 Jahren der Älteste unter seinen Weggefährten. Dennoch hatte er es nur bis zum Sek'athor gebracht, weil er von Disziplin und Selbstverzicht nicht allzu viel hielt. Als Motivator und Stratege war er dagegen unerreicht.

Kathirna, von deren vernarbtem Gesicht eine schwer erklärbare Faszination ausging. Mit ihr hatte er bereits vor vierzig Jahren während der Revolte auf Azgola gemeinsam gekämpft. Als er das Kommando über die AGEDEN erhielt, hatte er die wortkarge Waffenexpertin als eine der Ersten an Bord geholt.

Tik'Urudim, der einzige Levhian an Bord seines Schlachtschiffs. Wenn es um Fragen der Logistik ging, bewies der Kolonialarkonide geradezu magische Fähigkeiten. Angeblich gab es nichts, was er nicht innerhalb eines Tages beschaffen konnte.

Selnir, Gestraga, Minos, Terplantir – sie alle waren da und warteten darauf, dass er das Wort ergriff und ihnen sagte, wie es weiterging. Chetzkel nahm sich die Zeit, jeden Einzelnen kurz anzusehen und den einen oder anderen mit einem Kopfnicken zu begrüßen.

»Heute ist ein trauriger Tag«, sagte er. »Denn wir haben viele Kameraden verloren. Tapfere Frauen und Männer, die ihr Leben dem Imperium geweiht und seine Werte bis zuletzt mit ihrem Blut verteidigt haben. Sie sind in Erfüllung ihrer Pflicht gestorben, ermordet von gesetzlosen Aufrührern, die sich als Freiheitskämpfer bezeichnen und im gleichen Atemzug diese Freiheit mit Füßen treten.«

Chetzkel ließ einige Sekunden verstreichen, damit seine Worte wirken konnten.

»Heute ist aber auch ein glorreicher Tag«, fuhr er fort. »Ein Tag, der uns in Erinnerung bleiben wird, weil er das Ende einer viel zu langen Zeit der Nachsicht markiert. Wir haben den Menschen unsere Hände entgegengestreckt. Wir haben ihnen unseren Schutz und unsere Hilfe angeboten. Wir waren bereit, sie zu einem Teil unserer Gemeinschaft zu machen, die Segnungen des glorreichen Großen Imperiums mit ihnen zu teilen. Wir kamen als Freunde!«

Den letzten Satz stieß er so laut und eindringlich hervor, dass einige der Zuhörer zusammenzuckten.

»Wir haben alles getan, um unseren guten Willen zu zeigen. Wir haben sogar einen der unseren – Asech Kelange – im Vertrauen auf ein faires Verfahren der Justiz auf Larsaf III überantwortet und das Urteil, das die Menschen über ihn gefällt haben – den Tod – akzeptiert. Für all das wollten wir keinen Dank, keine Entschädigung, keine Treueschwüre oder Zusicherungen. Nur ein wenig Respekt. Ein kleines bisschen Rücksichtnahme, das Mindestmaß an Höflichkeit, das man jedem Besucher entgegenbringt, der ohne Falsch und mit den besten Absichten daherkommt.«

Chetzkel senkte den Kopf und legte die Fingerspitzen seiner Hände gegeneinander. Im Hintergrund erklang ein verhaltenes Husten; sonst war es geradezu gespenstisch still im Raum.

»Dreiundvierzig Soldaten sind tot«, sagte er leise. »Dreiundvierzig Töchter und Söhne, Mütter und Väter, Schwestern und Brüder. Dreiundvierzig aus unserer Mitte, die nie mehr nach Arkon zurückkehren werden. Hinzu kommen fast fünfhundert Menschen, darunter keineswegs nur Mitglieder der Terrorgruppe Free Earth, sondern Unschuldige, harmlose Zuschauer. Unbeteiligte, die sich in der Ruhr-Arena versammelt hatten, um ein öffentliches, rechtmäßiges und faires Verfahren gegen erwiesene Kriegsverbrecher zu verfolgen. Auch sie fielen dem brutalen Angriff der sogenannten Rebellen zum Opfer, jenem barbarischen Akt, den die Verwirrten von Free Earth als ›Befreiungsaktion‹ bezeichnet haben, der in Wahrheit jedoch ein blutiges Massaker war!«

Chetzkel hatte Stimme und Kopf mit den letzten Sätzen immer weiter gehoben und die letzten Worte laut und energisch in die Kameras gerufen. Viele der Anwesenden applaudierten, einige der per Holo zugeschalteten Offiziere nickten zustimmend.

»Aber möglicherweise hat diese Tragödie auch ihr Gutes«, sprach der Reekha weiter. »Die Menschen haben endlich ihr wahres Gesicht gezeigt. Bislang haben wir auf der Erde einen Krieg geführt, den wir nie wollten. Wir haben auf jede neue Demütigung, auf jeden Anschlag und auf jedes Komplott gegen das Imperium mit Milde und Verständnis reagiert. Ich sage das mit dem größten Respekt vor Fürsorger Satrak, dem als Zivilist womöglich die nötige Einsicht in die militärischen Notwendigkeiten fehlte und der vielleicht zu lange zu nachgiebig war. Am Ende hat er den Preis für seine Güte und sein großes Herz bezahlt. Ich will mir gar nicht ausmalen, was die Terroristen ihm in dieser Stunde antun, und möchte Sie bitten, wie ich zu den Sternengöttern zu beten, auf dass diese ihn beschützen und für seine glückliche Wiederkehr sorgen mögen.«

Zufrieden stellte Chetzkel fest, dass sich in den meisten Gesichtern um ihn herum Wut und Empörung spiegelte. Offenbar hatte er den richtigen Ton getroffen. Nun war es an der Zeit, die Weichen für die Zukunft zu stellen.

»Ich kann Ihnen versichern, dass wir alles tun werden, um Fürsorger Satrak aus den Klauen der Rebellen zu befreien und ihn wohlbehalten in unsere Mitte zurückzuholen. Die Verhängung des Kriegsrechts war nur der erste Schritt. An die Aufrührer von Free Earth schicke ich auf diesem Weg eine klare Botschaft: Sollte Satrak auch nur ein Haar gekrümmt werden, wird die Vergeltung des Imperiums furchtbar sein, und ich werde höchstpersönlich jeden einzelnen Verantwortlichen jagen, bis ich ihn zur Strecke gebracht habe!«

Diesmal war der Applaus lauter und hielt länger an. Chetzkel wartete zehn Sekunden und hob dann die Arme. Sofort kehrte wieder Stille ein.

»Ich fordere die Menschen der Erde hiermit auf, Ruhe zu bewahren und von jeder weiteren Provokation der Protektoratskräfte abzusehen!«, sagte der Reekha. »Andernfalls haben sämtliche Ordnungskräfte und Flottenangehörige das Recht und die Pflicht, mit aller Härte gegen Unruhestifter und Aufwiegler vorzugehen. Wer den Frieden gefährdet, darf ab sofort nicht mehr mit Toleranz rechnen. Jede Störung der öffentlichen Ordnung wird sofort und konsequent geahndet!

In diesen Minuten errichtet die Protektoratsflotte eine Sperrzone rund um die Ruhr-Arena. Sie umfasst einen Kreis von fünf Kilometern Radius mit dem Stadion als Zentrum. Alle Menschen, die sich derzeit innerhalb dieses Gebiets aufhalten, haben vier Stunden Zeit, es zu räumen. An den entsprechenden Ausfahrtsstraßen sind Kontrollstellen eingerichtet. Nur dort ist ein Verlassen der Zone möglich. Stellen Sie sicher, dass Sie sich ausweisen können, und leisten Sie allen Anweisungen des dortigen Personals strikte Folge.

Der Aufenthalt in der Sperrzone nach Ablauf der Frist gilt als Schuldeingeständnis. Die Betroffenen werden als Angehörige oder Sympathisanten von Free Earth betrachtet und haben keine Gnade zu erwarten. Wer sich nichts hat zuschulden kommen lassen, hat nichts zu befürchten. Wer sich freiwillig stellt, dem sichere ich ein faires Verfahren zu.«

Chetzkel musterte die Gesichter seiner Offiziere. Sie demonstrierten ausnahmslos Einverständnis und Entschlossenheit und würden ohne Wenn und Aber hinter ihm stehen.

»Ich möchte Sie alle dringend bitten, meine Worte sehr ernst zu nehmen«, schloss er seine Ansprache. »Auch wenn es als Reekha und Interims-Fürsorger noch immer mein Ziel ist, jedes unnötige Blutvergießen zu vermeiden, werde ich nicht weiter tatenlos zusehen, wie unter meinem Kommando stehende Arkoniden sterben, weil es den Bewohnern dieser Welt an Weitsicht und Verstand mangelt. Ich kann Ihnen nur den guten Rat geben: Zwingen Sie mich nicht zum Äußersten!«

Chetzkel trat einen Schritt zurück, die Übertragung endete. Er wartete fast eine Minute lang, bis sich der Beifall und die zustimmenden Rufe unter den Anwesenden gelegt hatten. Dann winkte er Lomgrin zu sich heran.

»Stellen Sie ein Spezialkommando zusammen«, befahl er. »Fünf bis zehn erfahrene Soldaten in voller Kampfausrüstung. Der Einsatzort ist die nordamerikanische Region West Virginia.«

»Verstanden, Reekha. Darf ich nach dem Zweck des Einsatzes fragen?«

Chetzkel lächelte. Seine gespaltene Zunge huschte über seine Lippen, als sei sie ein eigenes Lebewesen.

3.

Satrak

Fancan Teik eilte in atemberaubendem Tempo durch die U-Bahntunnel Dortmunds. Er drückte Thora da Zoltral und Satrak mit zweien seiner Arme eng an die breite Brust; mithilfe der beiden anderen hielt er eine Art lockeren Trab aufrecht. Dabei hatte der Fürsorger schon bald das Gefühl, dass sie sich im Kreis bewegten.

Die Welt hier unten schien aus wenig mehr als den immer gleichen Korridoren, Abzweigungen und Belüftungsschächten zu bestehen; düster, kalt, deprimierend. Ab und an mündete ein Tunnel in eine Haltestation. Der Haluter stürmte allerdings so schnell voran, dass Satrak kaum Zeit hatte, die ungewöhnlich klingenden Namen auf den großen blauen Hinweisschildern zu lesen, die an den Wänden angebracht waren: Westfalenhallen, Polizeipräsidium, Saarlandstraße, Stadtgarten ...

Er hatte sich während seiner Studien der irdischen Kultur für kurze Zeit auch mit der deutschen Sprache beschäftigt, deren Aufbau und innere Struktur um einiges komplexer waren als das Englische. Trotzdem zählte Deutsch zu den wichtigsten Idiomen auf Larsaf III und wurde von rund zweihundert Millionen Menschen gesprochen und verstanden.

Satrak hatte erwartet, dass sie hier unten früher oder später auf Menschen treffen würden, doch das war nicht der Fall gewesen. Hatte Chetzkel tatsächlich so schnell reagiert und das U-Bahnnetz nach den Vorfällen in der Ruhr-Arena für das normale Publikum gesperrt? Zuzutrauen war es ihm.

Der Fürsorger hatte versucht, sich mit Thora da Zoltral zu unterhalten, doch solange der Haluter mit mindestens sechzig Stundenkilometern durch die subplanetaren Kavernen raste, war das praktisch unmöglich. Die Schritte Teiks erzeugten auf dem lockeren Schotterbelag ein vielfältiges Echo. Kleine Steine wurden nach allen Seiten geschleudert und schlugen wie die Ladungen antiker Projektilwaffen gegen die Gangwände. Die dadurch entstehende Geräuschkulisse machte jedes Gespräch unmöglich.

Schließlich – Satrak hätte nicht zu sagen vermocht, wie viel Zeit vergangen war – hielt Fancan Teik an und setzte seine beiden Passagiere ab.

»Treten Sie bitte zurück«, sagte der Riese und wartete, bis Thora und der Fürsorger den nötigen Abstand gewonnen hatten. Dann machte er selbst zwei Schritte rückwärts, senkte den Schädel – und schoss aus dem Stand wie eine Kanonenkugel nach vorn.

Die Tunnelwand war an dieser Stelle mindestens einen halben Meter dick; dennoch platzte sie auseinander wie eine überreife Elian-Frucht, als der Riese sie mit seinem Kopf rammte. Aus der Decke löste sich ein Schauer von Gesteinstrümmern und prasselte wie Hagel auf den Rücken des Haluters hinab. Einen Moment lang hatte Satrak Angst, dass der Korridor einstürzen würde, doch als sich die mit dem Durchbruch entstandene Staubwolke verzogen hatte, erkannte er zu seiner Erleichterung, dass seine Befürchtungen grundlos gewesen waren.