Perry Rhodan Neo 125: Zentrum des Zorns - Rüdiger Schäfer - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 125: Zentrum des Zorns E-Book und Hörbuch

Rüdiger Schäfer

4,0

Beschreibung

Nachdem der Astronaut Perry Rhodan im Jahr 2036 auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff entdeckt hat, einigt sich die Menschheit – es beginnt eine Zeit des Friedens. Doch 2049 tauchen beim Jupiter fremde Raumschiffe auf. Es sind Maahks, und sie planen einen Krieg gegen das Imperium der Arkoniden. Als später 100.000 Kampfraumschiffe der Maahks das Arkonsystem attackieren, können Perry Rhodan und die Menschen nur hilflos zusehen. Nach der fürchterlichen Schlacht schickt Rhodan Kundschafter aus – diese entdecken die Koordinaten von Maahkaura, der Ursprungswelt der Maahks. Rhodans nächstes Ziel steht somit fest. Mit einigen Gefährten bricht er in das Reich der Maahks auf. Er will die Geheimnisse der Wasserstoffatmer enthüllen – im Zentrum des Zorns ...

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Seitenzahl: 218

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Zeit:5 Std. 42 min

Sprecher:Hanno Dinger




Band 125

Zentrum des Zorns

Rüdiger Schäfer

Nachdem der Astronaut Perry Rhodan im Jahr 2036 auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff entdeckt hat, einigt sich die Menschheit – es beginnt eine Zeit des Friedens. Doch 2049 tauchen beim Jupiter fremde Raumschiffe auf. Es sind Maahks, und sie planen einen Krieg gegen das Imperium der Arkoniden.

Als später 100.000 Kampfraumschiffe der Maahks das Arkonsystem attackieren, können Perry Rhodan und die Menschen nur hilflos zusehen. Nach der fürchterlichen Schlacht schickt Rhodan Kundschafter aus – diese entdecken die Koordinaten von Maahkaura, der Ursprungswelt der Maahks.

Rhodans nächstes Ziel steht somit fest. Mit einigen Gefährten bricht er in das Reich der Maahks auf. Er will die Geheimnisse der Wasserstoffatmer enthüllen – im Zentrum des Zorns ...

1.

10. Juli 2049

Perry Rhodan

»Halten Sie vorerst Abstand, Commander ...«

Orome Tschatos tiefe Stimme füllte die Zentrale der MAYA mühelos aus. Unter der gedämpften Beleuchtung ähnelte das Gesicht des fast zwei Meter großen Manns einer Maske. Die dunkle, beinahe schwarze Haut schimmerte wie Ebenholz.

»Mit Vergnügen, Sir«, gab Ganesh Pawar zurück. Der für seine oft fatalistischen Sprüche bekannte Pilot war in den vergangenen Stunden auffällig wortkarg gewesen.

Perry Rhodan konnte es ihm nicht verübeln. Wenn er auf das Holo blickte, das den vorderen Teil der Zentrale vollständig einnahm, verging auch ihm jede Lust auf eine Unterhaltung.

»Die Signaturemitter funktionieren einwandfrei«, meldete Ortungschefin Katalin Makai. »Das Mimikryfeld ist stabil.«

»Wollen Sie damit uns oder sich selbst beruhigen, schöne Frau?« Pawar grinste schief. Offenbar fiel es ihm schwer, sich seine bissigen Bemerkungen völlig zu verkneifen.

»Konzentrieren Sie sich auf Ihre Aufgabe, Commander.« Tschato wandte den Blick nicht von den Holos, die wie Geistererscheinungen vor seinem Kommandantensessel schwebten. »Und wahren Sie die Umgangsformen. Wir sind hier nicht auf einem Kreuzfahrtschiff!«

»Entschuldigen Sie, Sir. Mein Fehler«, gab sich Pawar zerknirscht. »Unter Ihrem Kommando kommt mir jeder Tag wie Urlaub vor ...«

Rhodan lächelte schwach. Wie sehr sich die Menschen in bestimmten Situationen doch glichen. Auch in der Zentrale der CREST kam es zwischen Kommandant Deringhouse und seinen Offizieren immer wieder zu verbalen Geplänkeln. Sie reduzierten den Druck, bauten die Anspannung ab, und solange gewisse Grenzen nicht überschritten wurden, gab es niemanden, der sich daran störte.

»Eine Vierhundert-Meter-Einheit«, ließ sich Makai nicht beirren. »Ein ziemlicher Brocken. Die Maahks haben unsere Kennung empfangen.«

Rhodan ging die wenigen Schritte zur Ortungsstation hinüber. Im Stillen musste er dem Piloten recht geben: Die Offizierin war auch nach objektiven Kriterien das, was man allgemein eine natürliche Schönheit nannte. Das schmale Gesicht mit den leicht schräg stehenden Augen und der fein geschwungenen Nase wurde von nackenlangen, schwarzen Haaren umrahmt. Die marineblaue Bordkombination mit den Rangabzeichen eines Oberleutnants auf den Schultern saß wie maßgeschneidert.

»Ändern sie ihren Kurs?«, wollte Rhodan wissen.

»Nein, Sir.« Die Ortungschefin sah nicht von ihren Holos auf. »Sie ignorieren uns und fliegen direkt auf die Wolke zu. Allerdings ...«

Ein durchdringender Warnton erklang. Das Licht in der Zentrale wies plötzlich einen Rotstich auf.

»Man will mit uns reden.« Funkchef Parab Abhishek klang wie immer gelangweilt, eine Eigenart, an die man sich gewöhnen musste. Egal was er sagte: Es hörte sich stets so an, als würde es ihn nicht im Geringsten interessieren. »Tarnmodus Alpha aktiviert«, fuhr er fort. »Auf Ihr Kommando, Sir ...«

Das Licht wechselte von Rot nach Weiß. Wie Rhodan in den zurückliegenden Stunden gelernt hatte, war dies das Signal dafür, dass die sogenannte Komschranke betriebsbereit geschaltet war. Ursprünglich hatte man für einen Bildkontakt mit Maahks noch in besonders präparierte Räume wechseln und dort die MAKOTOS anlegen müssen, Spezialanzüge, die einen Menschen mittels modernster Technik in das perfekte Abbild eines Wasserstoffatmers verwandelten. Inzwischen wurde dieser Effekt allein mit Hologrammen erzielt.

Hier hat sich in den vergangenen Monaten viel verändert, dachte Rhodan.

»Na schön«, sagte Tschato. »Kameras auf mich. Finden wir heraus, was unsere Kameraden von uns wollen ...«

Auf dem Panoramaholo war nach wie vor das von Sternen überfüllte galaktische Zentrum zu sehen. Die Sonnen standen dort so dicht, dass sie, aus der Entfernung betrachtet, Teppiche aus Licht bildeten. Gewaltige Schleier aus Staub und Gas wanden sich in Rot-, Grün- und Blautönen durch die glitzernde Pracht und schützten das eigentliche Herz der Milchstraße vor neugierigen Blicken.

Die MAYA war über einen Bündler der Allianz hierhergelangt. Hätte sie die gewaltige Distanz von 30.000 Lichtjahren aus eigener Kraft zurücklegen müssen, hätte die Reise rund eineinhalb Monate gedauert. Insofern war es kein Wunder, dass alle Menschen an Bord ein wenig nervös waren. Zwar waren die Kodes für den Bündlerdurchgang anstandslos akzeptiert worden, doch das war keine Garantie dafür, dass dies auf dem Rückflug ebenso sein würde.

Die Unmengen Daten, welche die MAYA seit ihrer Ankunft bei der Dunkelwolke Ukkran a Trohk gesammelt hatte, würden die Forscher der Erde wahrscheinlich in Ekstase versetzen. Über die ungewöhnlichen astrophysikalischen Verhältnisse im Bereich des galaktischen Zentrums existierten seit den 1970er-Jahren zahlreiche Theorien, doch bewiesen war bislang keine von ihnen. Zwar war der Großteil der Experten davon überzeugt, dass der aktive galaktische Kern ein supermassereiches Schwarzes Loch beherbergte, doch ein zweifelsfreier Nachweis fehlte. Möglicherweise würde die Auswertung der neuen Messwerte diese Unsicherheit ein für alle Mal beseitigen.

Ein weiteres Holo erschien direkt vor dem atemberaubenden Sternenmeer. Der Anblick eines Maahks aus der Nähe ließ Rhodan noch immer frösteln. Die über zwei Meter großen Wesen mit ihren sichelförmigen Köpfen, den vier grün schillernden Augen und der schuppigen Haut wirkten unglaublich fremdartig. In einer Mischung aus Unbehagen und Faszination musterte Rhodan das flache Gesicht des Wasserstoffatmers.

»Therahkim spricht, Grek-1 der BRUKTASH«, klang es aus den Akustikfeldern. Dabei bewegte sich der breite Mund des Riesen, der ungefähr dort saß, wo der Wulstkopf in den kräftigen Rumpf überging. Der Umstand, dass Maahks keine Hälse besaßen, ließ ihre gesamte Gestalt plump und wuchtig wirken – vermutlich eine Folge der hohen Schwerkraft, die sie gewohnt waren.

»Wir haben einen schweren Reaktorschaden im Triebwerksbereich«, fuhr Therahkim fort. »Mehrere Decks mussten bereits geräumt werden. Die Strahlenwerte steigen schnell. Sofortige Evakuierung nötig!«

»Orikhaar spricht, Grek-1 der PUKKTAR«, gab Tschato zurück. »Notruf empfangen. Halten Sie Ihren Kurs, und warten Sie auf weitere Anweisungen ...«

Die PUKKTAR war ein Maahkschiff, auf das die MAYA vor über zwei Monaten gestoßen war. Die Besatzung jener im Kampf schwer beschädigten Walze hatte man nicht mehr retten können, doch die Daten aus ihren Positroniken waren eine echte Goldgrube gewesen. Neben diversen Flotten- und ID-Kodes hatten die Menschen über zweihundert Personalprofile erbeutet und das Schiff danach per Traktorstrahler in eine nahe Sonne gelenkt.

»Sir ...?« Tschato hatte die Verbindung unterbrochen und blickte fragend zu Rhodan herüber.

»Wir gehen näher ran!«, entschied der Protektor. »Miss Makai: Können Sie feststellen, wie schwer es die BRUKTASH erwischt hat?«

»Aus dieser Entfernung nicht mit absoluter Sicherheit, Sir.«

»Gut. Informieren Sie mich, sobald Sie etwas haben.«

Rhodan ging zu Tschato hinüber. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass sich auch Tuire Sitareh und Atlan näherten. Die beiden Männer hatten sich bislang im Hintergrund gehalten und waren dem Geschehen mit stummem Interesse gefolgt.

»Das hat uns gerade noch gefehlt«, sagte Rhodan leise. »Wenn diese Maahks tatsächlich in Gefahr sind, können wir sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.«

»Das kommt darauf an, wie viel Bedeutung Sie unserer Mission beimessen, Perry.« Tschato hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wich Rhodans prüfendem Blick nicht aus. Nun, da sie unter sich waren, benutzte der Kommandant die vertrauliche Anrede. Rhodan hatte Tschato kurz vor dessen Aufbruch Ende März angeboten, ihn beim Vornamen zu nennen.

»Schlagen Sie etwa vor, dass wir einfach weiterfliegen?«, fragte Rhodan.

»Das ist eine Option, die wir zumindest in Erwägung ziehen müssen.«

»Nein!« Rhodan schüttelte energisch den Kopf. »Das kann ich nicht akzeptieren.«

»Das solltest du aber«, sagte Atlan. »Tschato hat recht. Der Konflikt mit den Methans lässt keinen Raum für Barmherzigkeit. Je früher du das begreifst, desto besser!«

Rhodan warf dem Arkoniden einen giftigen Blick zu, dem dieser standhielt, ohne mit der Wimper zu zucken. Rhodan lag eine heftige Erwiderung auf den Lippen, doch er hielt sich zurück. Atlans Wut war nachvollziehbar. Die Maahks hatten seine Heimat, das Arkonsystem, in Schutt und Asche gelegt und dabei Millionen intelligente Lebewesen getötet. Ohne die von Atlan und Theta über Jahre und mit erheblichem Aufwand vorbereitete Evakuierung wären es Milliarden gewesen. Was das alles für das ehemals mächtige Große Imperium bedeutete, war noch nicht abzusehen. Insofern war es kein Wunder, dass es in dem Arkoniden gärte.

»Sir ...« Tschato suchte nach den richtigen Worten. »Wir mögen keine Arkoniden sein, aber wir befinden uns dennoch mit den Methans ... entschuldigen Sie ... den Maahks im Kriegszustand. Sie haben es selbst gesagt: Früher oder später werden sie sich der Erde zuwenden. Ich habe keine Ahnung, was uns im Innern dieser Dunkelwolke erwartet, aber wenn wir jetzt ein paar Hundert dieser Wesen an Bord nehmen, um sie vor dem Strahlentod zu bewahren ...« Er ließ den Satz unvollendet.

»Tuire?« Rhodan fixierte den Auloren. »Was ist Ihre Meinung?«

»Meine Meinung spielt keine Rolle, Perry. Sie haben mich noch nie gebraucht, um eine Entscheidung zu treffen. Sie brauchen mich auch diesmal nicht.«

»Halten Sie mich meinetwegen für einen Barbaren, Sir«, sagte Tschato. »Aber ich habe in den vergangenen Monaten mehr als einmal erfahren müssen, wozu die Maahks fähig sind. Und wir haben alle gesehen, was im Arkonsystem passiert ist. Soll sich so etwas vor unserer Haustür wiederholen?«

»Die Maahks handeln nicht aus freien Stücken, Orome«, gab Rhodan gepresst zurück. »Der Permazorn und der Hass gegen die Oxyds wurden ihnen von der Allianz aufgezwungen ...«

»Bei allem Respekt«, ließ sich Tschato nicht beirren, »ist das relevant? Die Menschheit kämpft um ihre Existenz. Ihre moralischen Grundsätze in allen Ehren, Perry, aber wir können uns solche Rücksichten einfach nicht leisten!«

»So ist es«, drängte Atlan. »Wenn es einen Experten für die Methans gibt, dann ist das Kommandant Tschato. Warum hörst du also nicht auf ihn?«

Rhodan drehte sich zur Seite und starrte wieder auf das Panoramaholo. Die BRUKTASH stand als roter Punkt im Zentrum der Bilderfassung. Wie viele Maahks mochten sich an Bord befinden?

Nach der grausamen Logik des Krieges hatten Tschato und Atlan absolut recht. Eine Rettungsaktion barg ein hohes Risiko – und war eine logistische Herausforderung ohne Beispiel. Aber konnte er wirklich zulassen, dass dort drüben Hunderte intelligenter Lebewesen elendig zugrunde gingen? Es war das uralte Dilemma, dem sich schon so viele Entscheidungsträger in Kriegszeiten gegenübergesehen hatten: Welchen Wert hatte ein reines Gewissen, wenn es ums Überleben ging?

Die Moral ist nur selten der Stärkere. Rhodan konnte sich nicht mehr entsinnen, wo er diesen Satz zum ersten Mal gehört hatte. Vielleicht stammte er von Lesly Pounder. Während der Astronautenausbildung hatte der bärbeißige Flight Director der NASA immer wieder mit solchen und ähnlichen Weisheiten um sich geworfen.

»Wie schnell könnten wir die Hangars der MAYA für die Aufnahme der Maahks herrichten?«, fragte er laut.

»Wir müssten die Beiboote ausschleusen und die Areale mit einer entsprechenden Atmosphäre fluten«, antwortete Huaqiang Gao, der Erste Offizier. »Unser Schiff ist für derart viele Personen allerdings nicht ...«

»Wie lange brauchen Sie dafür?«, unterbrach Rhodan hart.

»Ich ... Ich denke, wir kriegen das in etwa einer Stunde hin, Sir.«

»Sie haben eine halbe! Ich will, dass ...«

»Sir!« Makais Stimme klang besorgt. »Die Triebwerke der BRUKTASH sind soeben ausgefallen. Die Strahlung steigt sprunghaft. Ich messe Werte weit jenseits der für Menschen tolerierbaren Stärke.«

»Inwieweit beeinflusst das unsere Rettungsaktion?«, wollte Rhodan wissen.

»Unsere Abschirmungen müssten halten, aber wir werden es möglicherweise mit verstrahlten Maahks zu tun bekommen. Das dürfte Doktor Arik und sein Team überfordern.«

»Das ist mir bewusst. Sobald wir unsere Gäste halbwegs sicher untergebracht haben, fliegen wir einen geeigneten Planeten an und setzen sie dort ab.«

»Ein geeigneter Planet?«, rief Tschato. »Sir, ich bitte Sie dringend, Ihre Entscheidung noch mal zu überdenken. Sie bringen uns alle in große Gefahr. Ich ...«

»Ihre Einwände sind zur Kenntnis genommen, Kommandant«, sagte Rhodan eisig. »Wir werden so viele Maahks retten, wie es uns unter Berücksichtigung der eigenen Sicherheit möglich ist. Wir werden nichts riskieren, werden aber auch nicht tatenlos zusehen, wie Unschuldige sterben. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

»Glasklar, Sir!« Tschato gab Abhishek einen Wink. »Oberleutnant! Informieren Sie Therahkim über das, was wir vorhaben. Er soll seine Leute instruieren und dafür sorgen, dass sie keinen Ärger machen.«

»Wir sind bis auf drei Kilometer ran«, meldete Pawar vom Pilotensitz. »Ich gleiche unsere Geschwindigkeit an und schalte auf Direktsicht.«

Im Panoramaholo war der Walzenraumer in verblüffender Detailschärfe zu erkennen. Zwar wurden die Bilder der Außenkameras nach wie vor durch die Positronik bearbeitet und optisch aufpoliert, doch sie wirkten nun wesentlich realistischer als die Darstellungen, die der Bordrechner üblicherweise auf Basis reiner Ortungsergebnisse präsentierte.

»Weitere Annäherung erst, wenn die Hangars präpariert sind. Wir schleusen die Beiboote in wenigen Minuten aus. Robotkommandos sind dabei, die technischen Anlagen zu sichern und zusätzliche Zwischenwände einzuziehen. Das wird alles sehr provisorisch sein, Sir.«

»Mehr erwarte ich nicht«, gab Rhodan zurück. Er stand erneut hinter Oberleutnant Makai und studierte die Anzeigen. Tat er das Richtige? Hatte der Kommandant der MAYA recht, wenn er ihm indirekt Leichtsinn und Fahrlässigkeit vorwarf?

Hör auf, dich selbst infrage zu stellen, dachte er grimmig. Du hast dich entschieden. Prinzipien bewähren sich immer nur in der Krise.

»Sir, ich habe da etwas ...« Die Ortungschefin verschob hastig einige ihrer Kontrollholos. Ihr Schrei gellte noch vor dem von Rhodan durch die Luft, der ebenfalls sofort erkannt hatte, was geschah.

»Schutzschirme hoch!«, brüllte Rhodan. »Und weg hier!«

Die MAYA wurde von einer unsichtbaren Riesenfaust getroffen. Über das Panoramaholo ergoss sich gleißendes Licht in die Zentrale; dann erst aktivierten sich die automatischen Filter. Sekundenlang tanzten bunte Sterne vor Rhodans Augen. In den Tiefen des Walzenraumers rumorten die Maschinen, als Pawar mit Höchstwerten beschleunigte.

»Der Reaktor der BRUKTASH ist explodiert«, hörte er die Stimme von Makai.

»Haben wir etwas abbekommen?«, fragte Tschato.

»Theriault hier«, meldete sich die Chefingenieurin der MAYA. »Ein paar kleinere Schäden an der Außenhülle, aber nichts Gravierendes. Der Schirm hat sich gerade noch rechtzeitig aufgebaut.«

Rhodan beugte sich zu Makai hinunter. »Gute Arbeit«, sagte er leise und legte ihr kurz die Hand auf die Schulter. Dann ging er zu Tschato, Atlan und Sitareh hinüber.

Der Kommandant sah ihm mit verkniffenem Gesichtsausdruck entgegen. »Es tut mir leid, Sir«, sagte er. »Und das meine ich ehrlich.«

»Ich weiß.« Rhodan nickte.

Tuire und der Arkonide sagten nichts. Im Gesicht des Auloren glaubte Rhodan so etwas wie Bedauern zu lesen; Atlans Miene hingegen war wie versteinert.

In der folgenden Stunde suchten sie die Umgebung nach Überlebenden ab, doch sie fanden keine. Vermutlich hatte die Reaktorexplosion auf der BRUKTASH eine Kettenreaktion ausgelöst und das ohnehin schon beschädigte Raumschiff förmlich in Stücke gerissen. Das größte Trümmerteil, das Makai vor ihre Sensoren bekam, durchmaß gerade mal fünf Meter.

»Wir fliegen weiter!«, ordnete Perry Rhodan schließlich an. »Mister Tschato! Nehmen Sie Kurs auf das Zentrum von Ukkran a Trohk. Mister Sitareh wird Ihnen assistieren. Wir stoßen in kurzen Transitionen von höchstens zehn Lichtjahren vor.«

»Verstanden, Sir!«

Zehn Minuten später erreichte die MAYA Sprunggeschwindigkeit.

2.

Acht Monate zuvor

Jaahkarim

Es ist dunkel. Ich kann mich nicht bewegen. Meine Arme sind so fest um meinen Oberkörper geschlungen, dass ich kaum Luft bekomme. Was auch immer mich umgibt – es hat sich wie ein Panzer um mich gelegt und schließt mich vollständig ein.

Die Blase, in der mein Kopf steckt, ist viel zu klein. Sie liefert mir gerade so viel Atemgas, dass ich nicht ersticke. Ich weiß, dass ich nicht mehr viel Zeit habe. Ich muss etwas tun. Ich muss mich ... befreien?

Das Wort hat einen seltsamen Klang. Etwas stimmt nicht damit. Oder mit mir? Ich bin verwirrt. Ich habe keinerlei Orientierung. Wo bin ich? Warum bin ich?

Es ist kalt. Ich habe die vage Erinnerung, dass ich mich an diesem Ort lange sehr wohlgefühlt habe. Das ist nun nicht mehr so. Ich spüre, dass etwas zu Ende geht und etwas Neues beginnt. Von irgendwoher dringt Licht an meine Augen. Es ist schwach, als müsste es sich seinen Weg durch eine Wand aus dickem Nebel bahnen.

Ich spanne meine Muskeln an, erst behutsam, dann immer stärker. Der Panzer, der mich gefangen hält, gibt nach. Nicht viel, aber genug, um mir Hoffnung zu machen. Meine Aufregung legt sich ein wenig. Ich weiß plötzlich, dass ich mich nicht fürchten muss. Ich bin dort, wo ich hingehöre. Ich muss nur noch ...

Diesmal lege ich alle Kraft, die ich aufbringen kann, in meine Körperspannung. Etwas reißt. Etwas bricht. Köstlicher Wasserstoff strömt in meine Bronchialkanäle. Ich kann die Arme bewegen, benutze sie, um den Panzer weiter zu öffnen, seine Begrenzungen von mir wegzuschieben.

Kühles, blaues Licht lässt mich blinzeln. Es ist überall. Dann höre ich Stimmen. Ich verstehe nicht, was sie sagen, aber ihr Klang ist beruhigend.

Um mich herum zucken Schatten. Etwas berührt mich; erst sanft, dann immer fordernder. Mein Blickfeld klärt sich nur langsam. Aus den Schatten werden Formen. Ich sehe fremde Hände mit jeweils sechs elastischen Fingern. Ich sehe dünne, verhornte Lippen, die sich öffnen und schließen und dabei eine Reihe spitzer, scharfer Zähne entblößen. Der Mund schnappt nach mir, und ich weiche zurück.

»Schlüpflinge!«

Die Stimme ist anders als die, die ich bisher vernommen habe. Lauter. Härter. Das Gewimmel ringsum kommt zum Stillstand. Meine Augen haben sich nun vollständig an die herrschenden Lichtverhältnisse gewöhnt.

Ich sitze in einer flachen Mulde, die von einem Kranz aus Scheinwerfern umgeben ist. Außer mir sind acht weitere Dikhuuns – Schlüpflinge – anwesend. Sieben Nestbrüder und eine Nestschwester. Ich kann nicht genau sagen, warum ich das alles weiß. Wie bereits zuvor setzen die Sinneseindrücke, die ich empfange, stetig neue Informationen frei. Sie sind auf einmal da, als wären sie schon immer Teil meiner Erinnerung gewesen.

Ich strecke meine kurzen, kräftigen Beine aus, und die Reste der Eierschalen, auf denen ich und meine Nestgruppe sitzen, knacken und knirschen. Ich mag das Geräusch nicht. Wie die anderen richte ich meine Aufmerksamkeit auf den Riesen, der mit verschlungenen Tentakelarmen am Rand der Mulde steht. Er trägt eine schwarze Kombination, die seine graue, leicht ins Grünliche spielende Haut heller erscheinen lässt.

»Ich bin Keshnekk«, sagt der Riese. »Ich bin der Grek eurer Nestgruppe. Von heute an tut ihr, was ich sage, wann ich es sage. Verlasst jetzt eure Schlüpfmulde einer nach dem anderen. Ich werde euch eure Namen geben. Danach weise ich euch das Gruppenquartier zu.«

Ich will mich aufrappeln, doch bevor ich richtig stehe, rammt der Nestbruder neben mir brutal seine Faust in meine Seite. Er trampelt über mich hinweg und klettert als Erster aus der Mulde.

»Jennas!«, höre ich Keshnekk sagen.

Ein Arm streckt sich mir entgegen. Ich ergreife ihn, ohne nachzudenken. Das einzige weibliche Mitglied unserer Nestgruppe hilft mir hoch. Ich versuche, den Schmerz in meiner Seite zu ignorieren, was mir jedoch nicht völlig gelingt.

Meine Nestschwester erhält den Namen Kirikha; ich selbst heiße Jaahkarim. Nachdem alle die Schlüpfmulde verlassen haben, setzt sich Keshnekk an unsere Spitze, und wir folgen ihm.

Erst nun registriere ich bewusst die riesige Halle mit der flachen Decke, in der wir uns aufhalten. In endlos erscheinenden Bahnen reiht sich Mulde an Mulde. In manchen liegen noch die unversehrten Gelege. In anderen kämpfen sich die Schlüpflinge gerade aus der Enge ihrer Eier hervor. Wieder andere sind leer, geradezu steril. Wahrscheinlich werden sie schon in Kürze wieder befüllt, mit frischen Eiern bestückt, in denen dann in nur drei Monaten jeweils neun weitere Dikhuuns reifen.

Ich sehe viele andere Nestgruppen wie die unsere. Jede wird von einem Grek angeführt. Sie alle streben aus verschiedenen Richtungen einem breiten Portal entgegen, das aus der Halle hinausführt.

Zu Beginn sind meine Schritte noch ungelenk; schließlich gehe ich zum ersten Mal. Doch nach und nach gewinne ich an Sicherheit. Ganz vorn, direkt hinter Keshnekk, rammt Jennas seine Füße bewusst kraftvoll auf den Boden. Er geht nicht, er stampft. Dabei habe ich das Gefühl, dass seine beiden äußeren Augen ständig auf mich gerichtet sind.

Kirikha marschiert vor mir. Auch sie schaut mich an, aber ihre Blicke stören mich nicht. Im Gegenteil. Sie ist die Kleinste in unserer Nestgruppe, kaum mehr als achtzig Zentimeter groß. Natürlich wird sie wie wir alle noch wachsen, doch die wenigsten Frauen überschreiten dabei die Zwei-Meter-Grenze, während die meisten Männer um die zwei Meter zwanzig, manchmal sogar zwei Meter dreißig groß werden.

Das entsprechende Wissen fließt mir nach wie vor in stetem Strom zu. Jedes Bild, jeder Ton, jede Farbe, jeder Geruch – selbst die unwichtigste Wahrnehmung setzt neue Erkenntnisse frei, fördert Einsichten zutage, lässt meine Welt jedes Mal ein Stückchen wachsen.

Keshnekk führt uns in einen weiteren Saal. Hier ist es noch kälter als in den Schlüpfmulden, aber die niedrigen Temperaturen stören keinen von uns. Wir bekommen dünne, graue Kombinationen, die wir sofort überstreifen. Zeit, um uns mit anderen Schlüpflingen zu unterhalten, haben wir nicht. Unser Grek weist uns sofort die Schlafplätze zu. Das entsprechende Behältnis ist eines von Hunderten, die sich zu hohen Türmen übereinanderstapeln und durch ein Gewirr von Leitern und Brücken miteinander verbunden sind.

Wieder drängt sich Jennas vor und betritt die Unterkunft als Erster. Er sieht sich kurz um und wählt dann die Koje, die dem Ausgang am nächsten liegt.

Das Innere der Wohnkammer ist schlicht und schmucklos. Neben den Kojen gibt es einen Tisch und sechs Sitzstangen. Im hinteren Bereich sind mehrere Getränke- und Nahrungsspender installiert. Keshnekk erklärt uns, dass wir pro Tag sechs Mahlzeiten einnehmen müssen. In den nächsten drei Monaten werden wir nicht nur unsere Grundausbildung absolvieren, sondern auch bis zur vollen Größe auswachsen.

Der Grek erklärt sehr viel mehr, doch irgendwann nehme ich seine Stimme nur noch als monotones Brummen wahr. Mein Verstand ist bis zur Kapazitätsgrenze mit all den Dingen gefüllt, die ein Dikhuun an seinem ersten Lebenstag erfährt und verarbeiten muss. Als uns Keshnekk endlich anweist, in die erste Ruhephase einzutreten, bin ich erleichtert. Kaum dass ich auf mein Lager gesunken bin, falle ich auch schon in einen tiefen Schlaf.

»Jaahkarim! Hier rüber!«

Ich versuche, die Richtung zu bestimmen, aus der die Stimme meines Nestbruders Elakkhar kommt. Sehen kann ich kaum etwas. Der Sturm steht kurz davor, seinen Höhepunkt zu erreichen, und weht mir schwefelgelbe Dunstschwaden ins Gesicht.

»Dreh dich ein Neuntel nach links, und lauf dann immer geradeaus!« Das ist Nukkhir. Er will mir helfen, was eigentlich nicht statthaft ist.

Ich folge seiner Anweisung und hebe beide Arme, um mich vor einem Schauer aus Methaneiskristallen zu schützen. Wir sind zu lange in der Ebene geblieben, haben die Warnzeichen ignoriert. Auf Helkh wechselt das Wetter oft innerhalb von wenigen Momenten von einem Extrem ins andere. Der Hügelkamm war weiter entfernt, als wir gedacht hatten; eine Fehleinschätzung, die uns nun das Leben kosten kann.

Die nächste Böe reißt mich von den Beinen. Ich rolle mehrere Meter über den felsigen Boden, bevor mich ein spitzer Steinkegel unsanft stoppt. Der Schmerz ist kurz, aber intensiv.

»Jaahkarim! Wo bist du?«

Die Worte klingen unendlich weit entfernt, doch weil Kirikha sie spricht, schöpfe ich sofort neue Kraft. Ich kämpfe mich in den Stand und taste nach der pochenden Stelle an meinem rechten Oberschenkel. Als ich die Hand hebe, ist sie grün vor Blut.

Ich nehme die Verletzung zur Kenntnis. Sie ist die verdiente Strafe für meine Unachtsamkeit. Noch wirken die Medikamente, die uns Keshnekk verabreicht hat. Noch helfen die Hormone, die der Einsatzstress in meinem Körper freigesetzt hat, den Schmerz zu ignorieren und die Belastungen zu ertragen. Doch mehr als die Wunde an meinem Bein quält der Gedanke an Jennas, der mein Versagen als willkommenen Anlass für seinen Spott nutzen wird.

Ich zwinge mich, trotz der Schmerzen fest aufzutreten. Der Sturm brüllt mir seine ungebändigte Wut entgegen. Ich folge eng der Felswand, die mir ein wenig Schutz vor den Urgewalten des Orkans bietet. Doch selbst der Stein vibriert unter der Schuppenhaut meiner Hände, scheint furchtsam vor dem Toben der Elemente zurückweichen zu wollen.

Ich kann kaum noch etwas sehen. Der Höhenzug, der sich an die Ebene anschließt, besteht nur aus einigen wenigen Erhebungen. Sie als Berge zu bezeichnen, wäre eine maßlose Übertreibung. Helkhs mörderische Umwelt lässt das Entstehen von Gebirgen nicht zu.

Ich konzentriere meine Gedanken auf das Wesentliche; so, wie es uns Keshnekk in den endlosen Trainingsstunden in der Arena beigebracht hat. Der nächste Schritt. Und dann der nächste. Und der nächste. Ich vertraue auf meine Kraft, denn sie speist sich aus meiner Überzeugung. Ich bin stark. Ich bin unbesiegbar. Ich bin ein Maahk!

»Molikan iset aak Bentrek!« Im Kampf allein liegt die Erfüllung. Der Wind reißt mir die Worte von den Lippen. Das Rezitieren der wahrhaftigen Dekrete erfüllt mich mit neuer Energie. Diese einst von den ersten Neunvätern geprägten Leitsätze begleiten jeden Maahk auf seinem Weg. Sie geben ihm Halt und Sicherheit. Sie töten jeden Zweifel und lassen nichts als Gewissheit zurück.

»Kulkkrit iset aak Mantarokk!« Im Tod allein liegt das Leben.

Ich glaube einen riesigen Schatten in dem wirbelnden Chaos ringsum zu erkennen. Längst atme ich nur noch durch die kleinen Riechlamellen an der Vorder- und Rückseite meines Kopfs. Die Luft enthält nur wenig verwertbaren Wasserstoff. Stattdessen spüre ich das Brennen des konzentrierten Methans in meinem Hals und den bitteren Geschmack, den es auf meiner Zunge hinterlässt.

»Sekkrin iset aak Kolkhinoor!« Im Gehorsam allein liegt die Ehre.

Ich kann meine Stimme nicht hören. Nur das Brausen und Heulen des Sturms. Doch die Worte entfalten trotzdem ihre Wirkung. Ich werde nicht aufgeben. Ich werde nicht schwach. Schwäche ist nichts weiter als mangelnde Disziplin. Mein Körper ist meinem Willen unterworfen. Er gehorcht meinen Befehlen.

Weiter ... immer weiter ... Der Orkan beschießt mich mit Millionen nadelspitzer Eiskristalle, die sich unbarmherzig unter meine Haut bohren. Wie alle anderen Schlüpflinge, die an diesem ersten Außeneinsatz teilnehmen, trage ich keinen Schutzanzug. Von den älteren Dikhuuns weiß ich, dass es immer wieder Schüler gibt, die nicht mehr in die Kavernen zurückkehren, und ich muss an das denken, was Keshnekk gesagt hat, bevor er uns in die Hölle hinausjagte.

Euer Feind ist nicht der Sturm. Euer Feind seid ihr selbst. Eure erbärmliche Schwäche. Euer Wunsch, aufzugeben, wenn es schwierig wird. Kämpft dagegen an, oder ihr werdet diese Welt nicht lebend verlassen!

Ich horche in mich hinein. Nein. Ich verspüre keineswegs den Wunsch, aufzugeben. Aber ich habe das seltsame Gefühl, etwas zu tun, was keinen Sinn ergibt, was der tief in meinem Verstand verwurzelten Logik widerspricht. Dieser Einsatz ... diese Prüfung ... Das ist alles nicht ... richtig?