Perry Rhodan Neo 52: Eine Handvoll Ewigkeit - Rüdiger Schäfer - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 52: Eine Handvoll Ewigkeit E-Book und Hörbuch

Rüdiger Schäfer

4,0

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Beschreibung

Mai 2037: Perry Rhodan rückt, nachdem er auf dem Mond die menschenähnlichen Arkoniden getroffen hat, dem großen Arkon-Imperium immer näher. Zu diesem Sternenreich zählen Tausende von Planeten, viele von ihnen in einem Kugelsternhaufen, der Zigtausende von Lichtjahren von der Milchstraße entfernt ist. Das Imperium steht unter der Herrschaft eines Regenten, der die Erde vernichten möchte. Nur wenn Rhodan und seine Freunde ins Zentrum der Macht vorstoßen, können sie etwas gegen ihn unternehmen. Auf Artekh 17, einer unbedeutenden Randwelt, erhält Perry Rhodan einen Zellaktivator. Dieses Gerät verleiht die relative Unsterblichkeit - doch Rhodan traut dem "ewigen Leben" nicht. Auf der Flucht vor den Häschern des Imperiums stößt er auf Wesen, für die "langes Leben" eine besonders unheilvolle Bedeutung hat ...

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Zeit:5 Std. 35 min

Sprecher:Axel Gottschick
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Band 52

Eine Handvoll Ewigkeit

von Rüdiger Schäfer

Cover

Vorspann

1.

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7.

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23.

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Impressum

Mai 2037: Perry Rhodan rückt, nachdem er auf dem Mond die menschenähnlichen Arkoniden getroffen hat, dem großen Arkon-Imperium immer näher. Zu diesem Sternenreich zählen Tausende von Planeten, viele von ihnen in einem Kugelsternhaufen, der Zigtausende von Lichtjahren von der Milchstraße entfernt ist.

Das Imperium steht unter der Herrschaft eines Regenten, der die Erde vernichten möchte. Nur wenn Rhodan und seine Freunde ins Zentrum der Macht vorstoßen, können sie etwas gegen ihn unternehmen.

Auf Artekh 17, einer unbedeutenden Randwelt, erhält Perry Rhodan einen Zellaktivator. Dieses Gerät verleiht die relative Unsterblichkeit – doch Rhodan traut dem »ewigen Leben« nicht. Auf der Flucht vor den Häschern des Imperiums stößt er auf Wesen, für die »langes Leben« eine besonders unheilvolle Bedeutung hat ...

1.

Perry Rhodan kannte die Stimme, und doch dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bevor er sich auf jenen Tag aus einer fernen Vergangenheit besann, an dem er sie gehört hatte.

Wie alt war er damals gewesen? Sechs Jahre? Nein, fast sieben. Sein Atem ging stoßweise. In immer schnellerer Folge schälten sich nun Einzelheiten aus dem Nebel einer längst vergessen geglaubten Zeit.

Manchester, Connecticut. Spencer Street. Die Bushaltestelle.

Rhodan glaubte das Gewicht des viel zu großen Rucksacks zu spüren, den er getragen hatte, fühlte die Strahlen der Frühsommersonne auf der Stirn.

Die Stimme gehörte dem Busfahrer. Mr. Mendez. Linie 91. Die Erinnerung stand jetzt so klar und deutlich vor ihm, dass es ihm beinahe vorkam, als wäre er wieder dort. Auf der Erde. Im Mai des Jahres 2007.

Die Impressionen verblassten und machten anderen Platz. Schlaglichtartig explodierten Dutzende von Eindrücken in seinem Kopf. Sie waren ihm fremd und vertraut zugleich, ein Teil von ihm, untrennbar mit ihm verbunden und doch wie aus einer anderen Welt.

Sein missglückter Versuch, von zu Hause fortzulaufen, seine große Schwester Deborah, die ihre Sucht noch vor dem dreißigsten Geburtstag das Leben kostete, sein Onkel Karl, wenige Jahre später mitsamt seiner Farm verbrannt, Marcus, Taylor, Reg.

Namen und Ereignisse folgten in schwindelerregendem Wechsel.

Dann kam das Feuer. Die Flammen griffen nach den Bildern seines Lebens wie nach einem Satz alter, vergilbter Fotos. Innerhalb von Sekunden hatten sie sie verzehrt, und alles, was zurückblieb, war ein kleines Häufchen Asche.

Rhodan streckte die Hand aus. Unter der Asche glitzerte etwas. Seine Finger schlossen sich um eine dünne silberne Kette und zogen sie hervor. Ohne zu wissen, warum, griff er mit der anderen Hand in seine Hosentasche.

Ein Anhänger. Auch er kam ihm vertraut vor. Er gehörte seinem Onkel und zeigte den heiligen Georg, der die Lanze auf einen Drachen gerichtet hatte. Langsam, fast zwanghaft hob er beide Arme. Anhänger und Kette passten perfekt zueinander.

Rhodan schloss die Augen. Das Schwindelgefühl, das ihn erfasst hatte, hielt nur wenige Atemzüge an. Dann war alles vorbei. Er öffnete die Augen, und vor ihm stand ...

... Atlan!

»Fühlen Sie sich nicht wohl?«, fragte der Arkonide.

Rhodan schüttelte den Kopf. Der Anhänger in seiner Handfläche hatte sich in ein schäbig aussehendes, nur wenige Zentimeter großes Ei aus Metall verwandelt. »Alles in Ordnung«, stieß er hervor. »Ich war nur für einen Moment ... abwesend.« In seinem Geist wirbelten die Scherben der Szenen aus der Vergangenheit durcheinander. Was hatte sie ausgelöst? Der Zellaktivator?

Nehmen Sie ihn! Sie haben ihn verdient!

Atlans Worte schienen noch immer in der kühlen Luft des beginnenden Tages nachzuhallen, bevor sie endgültig vom Morgennebel verschluckt wurden, der über dem verfallenen Fabrikgelände stand. Die Sonne, die auf Artekh 17 üblicherweise hinter dichten Wolken verborgen war, hatte offenbar eine Lücke gefunden, denn ihr Licht war ungewohnt hell und warm. Es würde die grauen Schwaden schnell vertreiben.

Rhodan sah zu den Gefährten hinüber, die in der Nähe einer halb eingestürzten Mauer auf den Boden gesunken waren. Der athletische Iwan Goratschin hielt die zierliche Ishy Matsu in seinen Armen. Die Japanerin hatte ihren Kopf auf die Schulter des Zündermutanten gebettet und die Augen geschlossen.

Neben dem Pärchen hockte Belinkhar im Schneidersitz, die Unterarme auf die Knie gestützt. Die noch immer feuchten Haare hingen ihr wirr in die Stirn.

Die dramatischen Ereignisse im Zweistromland, die riskante Flucht durch den reißenden Strom Khertak und der anstrengende Aufstieg an die Planetenoberfläche hatten jedes einzelne Mitglied der kleinen Gruppe gezeichnet. Sie waren erschöpft und ob des Erreichten unzufrieden. Ihr Ziel, die Gefangennahme des arkonidischen Regenten, hatten sie verfehlt. Und nicht nur das: Der Herrscher war tot; in blindem Zorn erschossen von Atlan, der seine Gefühle nicht unter Kontrolle hatte halten können. Die Konsequenzen, die sich aus dieser Kurzschlusshandlung ergaben, wagte Rhodan noch nicht abzuschätzen.

Hinzu kam, dass man mit Ernst Ellert erneut einen Freund und Verbündeten von unschätzbarem Wert verloren hatte. Der Mutant hatte sich praktisch in Rhodans Armen aufgelöst und war spurlos verschwunden. Immerhin blieb dadurch wenigstens die Hoffnung, dass er nicht wirklich gestorben, sondern lediglich in einen jener schwer erklärbaren Zustände gewechselt war, in die ihn seine geheimnisvolle Parafähigkeit versetzen konnte.

Rhodan atmete tief durch. Hinter den Resten eines ehemaligen Silos erkannte er kurz die dunkle Silhouette Chabalhs. Der katzenartige Purrer hatte die zurückliegenden Strapazen noch am besten weggesteckt und durchstreifte die Gegend auf der Suche nach möglichen Gefahren.

Rhodan betrachtete den Aktivator eindringlich. Er sah anders aus als das Exemplar, das ihm ES vor mehreren Monaten auf Wanderer angeboten hatte. Das Gerät war kleiner, durchmaß an der dicksten Stelle kaum mehr als vier Zentimeter. Die Oberfläche wirkte grau und wies an mehreren Stellen perlmuttfarbene Flecken auf, so als wäre sie einst lackiert gewesen. Auf einer Seite war der Aktivator schwarz verfärbt. Dort zog sich ein langer Kratzer über das Material.

Unsterblichkeit, dachte Rhodan. Ein Leben ohne Krankheit und Tod. Und all das passt in ein Objekt von der Größe eines Taubeneis.

Er schloss die Finger um das vergleichsweise winzige Ding in seiner Hand. Der Zellaktivator hing an einer dünnen, silbern schimmernden Kette. Für den flüchtigen Blick nur ein bedeutungsloses Schmuckstück, ein vom Zahn der Zeit gezeichneter Talisman von bestenfalls sentimentalem Wert.

Stiqs Bahroff hatte das Gerät mehrere Monate lang getragen, und Rhodan hätte den früheren Assistenten Sergh da Teffrons gerne über seine Erfahrungen befragt. Doch Bahroff war mit hoher Wahrscheinlichkeit tot. Er hatte den Aktivator abgelegt und war in den Khertak gesprungen. Seine letzten Worte waren Rhodan von Iwan Goratschin übermittelt worden, der den Freitod des Halbarkoniden gemeinsam mit Atlan beobachtet hatte.

Ich will nicht unsterblich sein und für immer auf das Leben zurückschauen müssen, das ich geführt habe.

Was hatte Bahroff damit gemeint? War die Unsterblichkeit nicht etwas, nach dem sich jedes Lebewesen sehnte? War dieser Aktivator nicht die Erfüllung eines uralten Traums, die geradezu märchenhafte Chance, sich der quälenden Furcht vor dem unwiderruflichen Ende für immer zu entziehen?

»Warum?«, fragte Rhodan leise. Der verständnislose Blick Atlans ließ ihn lächeln. »Warum glauben Sie, dass ich ihn verdient habe?«, fügte er hinzu und öffnete die Faust mit dem Aktivator darin.

Der Arkonide wischte sich mit dem schmutzigen Ärmel seiner Uniformjacke über die Stirn. Sie alle sahen derzeit nicht unbedingt salonfähig aus. Ihre Odyssee hatte Spuren hinterlassen – innerlich wie äußerlich.

»Was wollen Sie von mir, Rhodan?«, stieß Atlan hervor. Er machte auf einmal einen verärgerten Eindruck. »Wie oft muss man Ihnen das ewige Leben anbieten, bevor Sie es endlich akzeptieren?«

»Ich bin mir nicht sicher, was ich da akzeptieren würde.« Rhodan schüttelte den Kopf. »Gerade Ihnen sollte klar sein, dass die Ewigkeit eine ziemlich lange Zeitspanne ist.«

»Ich frage Sie noch einmal: Was wollen Sie von mir?«

Atlan zuckte in vollendet menschlicher Manier mit den Schultern. »Soll ich Ihre Hand halten und Ihnen versichern, dass alles gut wird? Sie sind ein erwachsener Mann. Treffen Sie Ihre Entscheidungen, und dann respektieren Sie die Konsequenzen.«

»Na schön. Reden wir Klartext.« Nun spürte auch Rhodan Zorn in sich aufsteigen. »Sie haben diesen Zellaktivator Sergh da Teffron geschenkt. Hatte der das ewige Leben ebenfalls verdient?«

»Touché«, sagte Atlan. »Es freut mich, dass Ihr Verstand offenbar noch intakt ist. Natürlich würde ich da Teffron lieber vor ein ordentliches Gericht stellen, als ihn unsterblich zu machen. Die Übergabe an Bord der VEAST'ARK war ein Auftrag.«

»Ein Auftrag? Von wem?«

»Das ist unwichtig. Betrachten Sie die Fakten. Wir sind uns einig, dass der vom Regenten in Gang gesetzte Umbruch früher oder später zur Eskalation führen muss. Nicht nur Ihre geliebte Erde ist in Gefahr, sondern die gesamte Milchstraße. Das arkonidische Reich ist gigantisch. Schon vor der Konfrontation mit den Methans gab es lange Phasen der Expansion – und Sie dürfen mir glauben, dass meine Vorfahren nicht gerade zimperlich waren, wenn es um die Gewinnung neuer Untertanen für Arkons Glanz und Glorie ging.«

»Sie befürchten, dass sich die Vergangenheit wiederholt.« Rhodan hatte den Satz nicht als Frage formuliert. Auch die Geschichte der Menschheit, die im Vergleich mit den Arkoniden noch kurz war, hielt zahlreiche Beispiele dafür bereit, dass historische Fehler immer wieder aufs Neue begangen wurden.

»An den Regenten ist schwer heranzukommen«, sprach Atlan weiter. »Also musste ich den Hebel an seinem engsten Vertrauten ansetzen.«

»Sie?«, unterbrach Rhodan anzüglich. »Sie meinen Ihre Auftraggeber ...«

»Verkneifen Sie sich den Spott«, sagte Atlan ruhig. »Er steht Ihnen nicht. Was glauben Sie wohl, was geschehen wäre, wenn da Teffron den Aktivator angelegt hätte?«

»Sein krankhafter Ehrgeiz hätte ungeahnte Höhen erreicht«, gab Rhodan zurück. »Früher oder später hätte er versucht, den Regenten zu stürzen.«

»Genau«, bestätigte Atlan.

»Aber ein unsterblicher Regent, noch dazu einer vom Schlage da Teffrons, hätte alles viel schlimmer gemacht.«

»Sie denken wie ein Mensch.« Atlan lachte humorlos. »Auf Arkon bleibt nichts lange verborgen. Und wenn doch, kann man der Gerüchteküche mit ein paar gezielt gestreuten Informationen nachhelfen. Im Gegensatz zu Ihnen halten Arkoniden – vor allem, wenn sie dem Adel angehören – die Unsterblichkeit für überaus erstrebenswert. Da Teffron wäre nicht lange genug am Leben geblieben, um Schaden anzurichten. Das Wissen um die Existenz eines Zellaktivators auf Arkon würde ein beispielloses Hauen und Stechen unter den Mächtigen auslösen und die Führungsstrukturen des Imperiums nachhaltig destabilisieren.«

»Ein reichlich komplizierter Plan, meinen Sie nicht?«

»Wie ich schon sagte.« Atlan lächelte schwach. »Sie müssen noch viel über uns Arkoniden lernen.«

Rhodan starrte blicklos auf den Aktivator in seiner Hand. »Da haben Sie sicher recht, Atlan«, sagte er. »Sie sind ein Mann mit zahlreichen Geheimnissen. Und dennoch verlangen Sie von mir, dass ich Ihnen vertraue.«

»Es wird der Tag kommen, an dem Sie erkennen, dass ich Ihr Vertrauen verdiene«, gab der Arkonide leise zurück.

2.

Mit fest zusammengepressten Lippen starrte Sergh da Teffron auf die dunkelgraue Wolkenwand, die sich wie ein düsteres Omen fast über den gesamten sichtbaren Ausschnitt des Himmels zog. Sie lieferte ein perfektes äußeres Abbild seiner Gemütsverfassung.

Unmittelbar unter ihm erstreckte sich der Platz des Glanzes, jener inzwischen geschichtsträchtige Ort, auf dem der Regent vor nicht einmal zwei Tagen eine Rede gehalten hatte. Die Ansprache war über Hyperrelais direkt an alle großen Sender und Nachrichtenkanäle des Imperiums übertragen worden – und sie hatte das arkonidische Sternenreich in seinen Grundfesten erschüttert!

Stumm beobachtete da Teffron die kleine Gruppe Soldaten, die mit der Instandsetzung der beschädigten Statuen beschäftigt waren. Sie beseitigten die letzten Spuren der spontanen Tumulte, die durch die Worte des Regenten provoziert worden waren.

Zum ersten Mal seit vielen Jahrtausenden herrschte wieder das Kriegsrecht im Großen Imperium. Sergh da Teffron hatte in den vergangenen Stunden die beinahe im Sekundentakt einlaufenden Meldungen des Flottenkommandos, der autarken Außenposten und vor allem der Geheimdienste aufmerksam studiert. Noch war die seit der Rede verstrichene Zeitspanne viel zu kurz, um die allgemeine Lage verlässlich einschätzen zu können. Das Bild, das der Arkonide aus den erhaltenen Informationen gewonnen hatte, gab allerdings Anlass zu großer Besorgnis.

Unter dem Hochadel auf Arkon dominierte erwartungsgemäß die Empörung. Dort genoss der spurlos verschwundene Imperator nach wie vor große Sympathien, während der Regent als illegitimer Emporkömmling und gefährlicher Brandstifter galt. Das Ausrufen des Kriegsrechts befeuerte die allgemeine Antipathie gegen einen Mann, der seit seiner Inthronisierung eine ganze Reihe von Entscheidungen durchgesetzt hatte, die für die ehemalige Elite erheblichen Machtverlust bedeuteten.

Einige einflussreiche Familien hatten bereits durchblicken lassen, dass sie die angeblich bevorstehende zweite Invasion der Methans für nichts weiter als vorgeschoben hielten. Der Regent wolle die weitreichenden Befugnisse, die ihm der Staatsnotstand gewährte, lediglich zur Festigung seiner eigenen Position nutzen. Vor allem versichere er sich damit des Rückhalts durch das Militär.

In den Führungszirkeln der Flotte bewertete man die Entwicklung weitaus weniger emotional. Die von Beginn seiner Herrschaft an propagierte Expansionspolitik des Regenten war von den Admirälen verständlicherweise überaus wohlwollend aufgenommen worden. Das Gebaren des Adels auf Arkon wurde von manch hohem militärischen Würdenträger schon länger als Ausdruck purer Prunksucht und Arroganz empfunden, und die Autarkiebestrebungen vieler Kolonien waren in den Augen des eher absolutistisch denkenden Teils der Heeresleitung vor allem die Folge einer zu liberalen Grundhaltung des Imperators und seiner Ratgeber. Wenn sich die Gefahr durch die Methans als real herausstellte, war das praktisch der Todesstoß für jegliche Diplomatie und ein Freibrief für das drastische Vorgehen gegen jede Art von Widerstand.

Aras und Mehandor krähten indessen im Chor. Die bislang durch das Imperium gewährten Sonderrechte, die sowohl den Medizinern als auch den Händlerclans weitgehende Autonomie garantiert hatten, waren mit sofortiger Wirkung ausgesetzt worden. Der Rat auf Aralon malte düstere Endzeitszenarien aus und prognostizierte in ersten Verlautbarungen das Ende der medizinischen Grundversorgung und die Ausbreitung galaxisweiter Seuchen. Dagegen hielten sich die Mehandor noch halbwegs zurück und sprachen lediglich von einer drohenden Rezession, die das Imperium mittelfristig in ein gigantisches Armenhaus verwandeln würde.

Sergh da Teffron spielte nervös mit dem Ring an seinem Finger. Er hätte viel dafür gegeben, in diesen Stunden auf Arkon sein zu können, dort, wo das Herz seines Volkes schon immer besonders kräftig geschlagen hatte und noch in zehntausend Jahren schlagen würde.

»Sie wirken angespannt, Sergh.«

Sergh da Teffron hatte gar nicht bemerkt, dass der Regent das Zimmer betreten hatte, und konnte ein kaum merkliches Zusammenzucken nicht verhindern. Für die zahlreichen Adjutanten und Bediensteten war sein Quartier im Tir'tok tabu. Niemand hätte es gewagt, unangemeldet in da Teffrons Privaträume einzudringen. Für den Regenten galten solche Beschränkungen freilich nicht.

»Ich mache mir Sorgen, Herr«, sagte Sergh da Teffron und wandte sich um. Die Tatsache, dass ihn sein Gegenüber mit dem Vornamen angesprochen hatte, war ihm nicht entgangen; über die Bedeutung dieses Umstands wagte er nicht einmal zu spekulieren.

»Angesichts der schwierigen Lage, in der sich das Imperium befindet, halte ich diese Sorgen für nicht unberechtigt.« Der Regent fuhr sich mit der rechten Hand über das kurz geschorene weiße Haar, in dem vereinzelte schwarze Strähnen schimmerten. Im kalten Licht der Deckenstrahler wirkte seine selbst für arkonidische Verhältnisse blasse Haut wie frisch gefallener Schnee. Der Mann, den Sergh da Teffron noch vor wenigen Stunden für tot gehalten hatte, trug eine dunkelblaue Kombination mit aufgenähten silbernen Zierknöpfen. Die Sohlen der schwarzen Stiefel, die bis knapp unter die Knie reichten, erzeugten beim Gehen nicht das geringste Geräusch.

Sergh da Teffron erwiderte das schwache Lächeln seines Gegenübers nur zögernd. Vor ihm stand der mächtigste Mann im Umkreis von Zehntausenden von Lichtjahren – und er wirkte auf befremdliche Weise heiter. Für da Teffron hatte die Aufgeräumtheit des Regenten, die sich unter anderem im völligen Verzicht auf das sonst so strenge Protokoll äußerte, beinahe etwas Bedrohliches.

»Allerdings verstellen einem klugen Mann die Bedenken nicht den Blick auf das Wesentliche«, sprach der Herrscher weiter. »Würden Sie mir da zustimmen, Sergh?«

»Unbedingt, Herr«, versicherte da Teffron. »Vor zehntausend Jahren stand das arkonidische Reich vor dem Untergang, und auch wenn sich die militärische Schlagkraft des Imperiums seit dieser Zeit vervielfacht hat, weiß niemand, in welche Richtung sich die Methans entwickelt haben. Wenn sie es allerdings wagen, uns erneut anzugreifen, darf man annehmen, dass auch sie sich in einer deutlich besseren Position wähnen, als das damals der Fall war.«

»Das ist es, was ich an Ihnen schätze.« Der Regent nickte. »Sie analysieren eine Situation mit dem notwendigen Abstand. Sie verlieren nie das große Ganze aus den Augen. Und um ehrlich zu sein: Sie sprechen genau das aus, was auch mich bewegt.«

Ein Teil der Anspannung fiel von Sergh da Teffron ab. Er war bereit zu akzeptieren, dass er das Bild, das er sich bislang vom Regenten gemacht hatte, in einigen Nuancen korrigieren musste. Ein Großteil der Informationen, die er über den Herrscher besaß, stammte aus Quellen, deren Zuverlässigkeit angezweifelt werden durfte. Seine persönlichen Begegnungen mit dem Mann ließen sich dagegen an den Fingern zweier Hände abzählen.

»Ich habe Ihren Bericht eingehend studiert.«

Der Satz, vom Regenten wie beiläufig hingeworfen, traf da Teffron wie ein Faustschlag. Augenblicklich waren das Misstrauen und die Angst wieder da. Nach seiner Rückkehr aus dem Untergrund des Planeten und der bitteren Erkenntnis, dass die von seinem Landsmann Atlan da Gonozal erschossene Person nur ein perfekter Doppelgänger des Herrschers gewesen war, hatte er den Regenten angelogen. Er hatte ihm die Existenz des Zweistromlands verschwiegen und das, was in den Tiefen von Artekh 17 geschehen war, nicht wahrheitsgetreu wiedergegeben. Nach dem Desaster im Tatlira-System, dem Diebstahl der VEAST'ARK und den auf Palor entflohenen Menschen – alles Ereignisse, für die er die Verantwortung trug – war ihm das Eingeständnis eines weiteren Fehlschlags unzumutbar, ja geradezu lebensgefährlich erschienen.

Der Tod seines Doppelgängers hatte den Regenten nicht im Mindesten berührt. Er hatte die entsprechende Nachricht ebenso gleichgültig zur Kenntnis genommen wie die Huldigungen der Massen während seiner öffentlichen Auftritte auf Ghewanal. Nach Stiqs Bahroff, der im Zweistromland ebenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit ums Leben gekommen war, fragte er gar nicht erst.

Das alles hätte da Teffron noch verstanden. Das Ziel der Mission war schließlich die Bergung der Pläne der geheimnisvollen Konverterkanone gewesen, einer Waffe, die den ersten Krieg gegen die Methans zugunsten der Arkoniden entschieden hatte und dann spurlos verschwunden war. Wenn dabei Kollateralschäden zu verzeichnen waren, musste man sie eben in Kauf nehmen.

Doch selbst diesen Fehlschlag, ein Versagen auf ganzer Linie, hatte der Regent geradezu stoisch registriert und dann mit einer unwilligen Handbewegung abgetan, eine Reaktion, die Sergh da Teffron noch immer nicht einordnen konnte.

Wozu also die vermeintlich achtlos hingeworfene Bemerkung über den schriftlichen Report, den da Teffron über seine Erlebnisse abgefasst hatte? Hatte der Herrscher etwas gemerkt? War der Bericht fehlerhaft gewesen? Wies er Unstimmigkeiten auf, die dem Herrscher aufgefallen waren und die er nun zur Sprache bringen wollte?

Es kostete Sergh da Teffron alles, was er an Selbstbeherrschung aufzubringen vermochte, um sich nichts anmerken zu lassen.

Der Regent war neben ihn getreten und hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Schweigend sah er durch das Panoramafenster auf den Platz hinunter. In der Ferne blitzten die Positionslichter eines Transportschiffs, das rasch an Höhe gewann und schließlich zwischen den grauschwarzen Wolken verschwand.

Da Teffron blieb ebenfalls stumm. Wenn der Regent tatsächlich etwas ahnte, durfte er nicht den ersten Schritt machen, durfte nicht übereifrig oder gar defensiv wirken.

»Ein trostloser Ort, finden Sie nicht?« Der Herrscher brach nach einer gefühlten Ewigkeit das Schweigen.

»Ja, Herr«, stimmte Sergh da Teffron zu. »Doch der Krieg schert sich nicht um den äußeren Schein.«

»Wahr gesprochen. Arkons Glanz strahlt in unseren Herzen. Man erkennt ihn im Blick der Soldaten, bevor diese ausziehen, um mit ihrem Leben für den Nimbus des Imperiums einzustehen. Er manifestiert sich in den Worten und Taten jedes Bürgers, der im Geist unserer glorreichen Vorfahren spricht und handelt. Wir leben in wahrhaft bedeutsamen Zeiten.«

Sergh da Teffron wagte es, den Kopf leicht zur Seite zu drehen und das Profil des Herrschers aus dem Augenwinkel zu betrachten. Zwanghaft fixierte er die kaum merkliche Erhebung auf der Brust des Regenten, die die Position des Zellaktivators markierte. Der Schock darüber, dass im Garten Crysalgiras nicht der echte Herrscher, sondern lediglich ein Doppelgänger getötet worden war, saß noch immer tief. War es möglich, dass er es – Aktivator hin oder her – erneut mit einem Double zu tun hatte? Das würde zumindest die unnatürliche Herzlichkeit erklären.

»Sie haben getan, was in Ihrer Macht stand«, fuhr der Regent scheinbar zusammenhanglos fort. »Falls Sie glauben, dass ich Sie aufgesucht habe, um Ihnen Vorwürfe zu machen, können Sie beruhigt sein. Ich weiß, dass mich viele für ein Ungeheuer halten. Für einen skrupellosen Despoten ohne Werte und Moral. Pragmatismus wird leider oft mit Gewissenlosigkeit verwechselt.«

Sergh da Teffron hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen, doch er brachte kein Wort heraus. Einen bizarren Moment lang glaubte er, dem Regenten direkt in die Seele schauen zu können, vermeinte, eine nie für möglich gehaltene Verletzlichkeit wahrzunehmen. Dann war der Augenblick auch schon vorüber, und die erdrückende Aura der Macht, die den Herrscher wie ein Energieschirm umschloss, gewann wieder die Oberhand.

»Unser Volk hat nicht darum gebeten, von den Göttern auserwählt zu werden, Sergh«, hörte er den Regenten sagen. »Aber es ist nun einmal geschehen. Nun müssen wir unserer Verantwortung gerecht werden und die damit verbundene Last auf möglichst viele Schultern verteilen. Ohne uns wäre diese Galaxis längst im Chaos versunken; überrannt von den Horden blutrünstiger Eroberer, wie es die Methans nun einmal von Natur aus sind.«

»Arkon wird niemals untergehen, Herr ...« Sergh da Teffrons Stimme klang heiser. Aus seinem rechten Auge löste sich eine einsame Träne und zog eine feuchte Spur über Wange und Kinn, bevor sie im Kragen der Uniformjacke versickerte.

3.

Als Perry Rhodan und Atlan die anderen Teammitglieder erreichten, blickten ihnen ebenso müde wie erwartungsvolle Gesichter entgegen. Der Nebel war größtenteils verschwunden. Neue Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben und ließen das einsame Fabrikgelände noch trostloser wirken, als es ohnehin schon war.

In rund hundert Metern Entfernung erhob sich eine flache Lagerhalle. Davor türmten sich Berge aus Schutt, defekten Maschinen und verformten Metallteilen, von denen viele bereits Rost angesetzt hatten. Auf der einzigen größeren Insel des Planeten herrschte Platzmangel. So erschien es paradox, dass man die Anlagen noch nicht abgerissen und das Areal anderweitig genutzt hatte. Aber vielleicht hatte das Schicksal auch einfach nur beschlossen, ihnen nach all den Niederlagen und Rückschlägen der vergangenen Tage eine Atempause zu gönnen.

»Also? Was machen wir jetzt?«, stellte Belinkhar die naheliegendste Frage. Vermutlich glaubte sie, dass sich die beiden Männer zurückgezogen hatten, um Kriegsrat zu halten und das weitere Vorgehen festzulegen.

Rhodan tastete unwillkürlich nach dem Aktivator in seiner Hosentasche. Sein Blick blieb an Ishy Matsu und Iwan Goratschin hängen. Die Japanerin verschwand beinahe zwischen den muskulösen Armen des Zündermutanten. Goratschins Uniform hatte von allen am meisten gelitten. Sie wies zahllose Risse und Löcher auf; der linke Ärmel fehlte komplett.

»Wir müssen diesen Planeten so schnell wie möglich verlassen«, sagte Atlan, ließ sich neben der Mehandor auf den Boden sinken und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Mauer. »Wenn erst publik wird, dass der Regent nicht mehr lebt, brechen wahrscheinlich alle Dämme.«

»Wenn sie nicht schon längst gebrochen sind«, warf Rhodan ein. »Vergessen Sie nicht, dass Sergh da Teffron einen Vorsprung hatte. Als offizieller Stellvertreter des Regenten wird er alles tun, um so schnell wie möglich die Macht zu übernehmen. Ich an seiner Stelle würde Ghewanal sofort hermetisch abriegeln und nach uns fahnden lassen. Wenn er uns in seine Gewalt bekommt, kann er uns jederzeit als die Mörder des Herrschers und sich selbst als denjenigen präsentieren, der die feigen Attentäter gefangen hat.«

»Außerdem dürfte der Bursche ziemlich scharf auf den Zellaktivator sein«, fügte Goratschin hinzu. »Wir sollten vorsichtshalber mit dem Schlimmsten rechnen und davon ausgehen, dass er weiß, wer das Gerät derzeit besitzt. Aber selbst wenn dem nicht so wäre: Ich glaube, wir sind uns einig darin, dass da Teffron ein nachtragender Typ ist. Er kann und wird uns nicht einfach ziehen lassen. Sein überspanntes Ego lässt das nicht zu.«

»Dennoch wird auch er Zeit brauchen.« Atlan verschränkte die Arme vor der Brust. »Weder der Regent noch seine Hand sind bei den maßgeblichen Eliten besonders beliebt. Vor allem der Hochadel wird die Situation ausnutzen und gegen eine Inthronisation da Teffrons aufbegehren, vielleicht sogar offen revoltieren. Es würde mich nicht wundern, wenn auf Arkon bereits ein neuer Imperator bereitstünde.«

»Mit etwas Glück würde also genau das geschehen, was Sie von Beginn an mit der Übergabe des Zellaktivators an Sergh da Teffron angestrebt haben, nicht wahr?«, fragte Rhodan. »Die Destabilisierung des Imperiums.«

»Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Sie sollten meine Zivilisation nicht ständig mit den Barbaren Ihrer geliebten Heimat vergleichen.« Atlan lächelte, als er den aufkeimenden Ärger in Rhodans Zügen bemerkte. »Der maßgebliche Faktor in einem Sternenreich von der Größe des arkonidischen Imperiums war und ist das Militär. Wer die Kommandeure und Admiräle bei Laune hält, muss keinen Staatsstreich fürchten. Wenn sich da Teffron nicht allzu dumm anstellt, wird sich der Aufruhr in Grenzen halten – und ich schätze die Hand des Regenten als einen überaus gewieften Taktiker ein.«

»Sie verstehen es, einem Mann Mut zu machen«, bemerkte Rhodan.

»Ich war noch nicht fertig«, sagte Atlan. »Es gibt zwei Faktoren, die die Lage verkomplizieren und eine Einschätzung der weiteren Entwicklung nahezu unmöglich machen. Zum einen ist das die drohende Invasion der Methans. Persönlich glaube ich nicht, dass der Regent so töricht war, diese Gefahr nur vorzuschieben. Es muss klare Indizien für einen Angriff geben, mit denen er die Flottenführung überzeugen wollte. Eventuell hatte er das sogar schon im Vorfeld seiner Rede getan. Zum anderen ist da der Zellaktivator. Sergh da Teffron ist alt. Wenn er mehr als nur eine Fußnote im Buch der arkonidischen Geschichte werden will, muss er das Gerät in seinen Besitz bringen. Um jeden Preis!«

»Dann schweben wir also in höchster Gefahr«, stellte Belinkhar fest.

»Wie ich schon sagte: Wir müssen hier weg.« Der Arkonide legte den Kopf zurück und starrte in den grauen Himmel. »Wir sollten uns zum Raumhafen durchschlagen und an Bord der TIA'IR gehen. Mit etwas Glück ist noch niemand auf die Jacht aufmerksam geworden.«

»Und dann?«, fragte Rhodan. Die Bitterkeit in seiner Stimme war nicht zu überhören. »Ist ein Vorstoß nach Arkon unter den derzeitigen Umständen überhaupt noch sinnvoll? Der Tod des Regenten hat alles verändert. Nichts ist mehr kalkulierbar. Die Erde ...«

»Wenn Sie mir Vorwürfe machen wollen«, unterbrach Atlan, »dann haben Sie wenigstens den Mut, sie offen auszusprechen.«

»Muss ich das?« Rhodan suchte den Blick des Arkoniden. »Ellert hat Sie gewarnt; er hat Sie angefleht. Aber Sie haben den Regenten trotzdem getötet. Und warum? Weil er die zehntausend Jahre alte Leiche Ihrer großen Liebe zerstrahlt hat? Mich würde interessieren, was Ihre Auftraggeber zu dieser Glanzleistung sagen!«