Perry Rhodan Neo 250: Zeitenwende - Rüdiger Schäfer - E-Book

Perry Rhodan Neo 250: Zeitenwende E-Book

Rüdiger Schäfer

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Beschreibung

Im Jahr 2102: Vor fast sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan als erster Mensch auf Außerirdische getroffen. Damit hat er das Tor zu den Sternen aufgestoßen. Seither hat die Menschheit eine rasante Entwicklung genommen. Allen Widerständen zum Trotz haben die Terraner ihren Einflussbereich ausgedehnt und sogar Kolonien in fernen Sonnensystemen gegründet. Allerdings haben die Verantwortlichen auf der Erde dabei Fehler begangen. Ein lange schwelender Konflikt zwischen den Kolonien und der Erde eskaliert. Es droht ein Bruderkrieg unter Menschen. Der Fall Laurin wird ausgerufen. Die Erde und der Mond sollen so versteckt werden, dass sie niemand angreifen kann. Aber dieser Notfallplan geht schrecklich schief – und die Menschheit steht vor einer dramatischen ZEITENWENDE ...

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Band 250

Zeitenwende

Rüdiger Schäfer / Rainer Schorm

Cover

Vorspann

Prolog

Teil I – In nächster Nähe

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

Teil II – In weiter Ferne

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

Teil III – Zeitenwende

19.

20.

21.

Epilog

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

Im Jahr 2102: Vor fast sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan als erster Mensch auf Außerirdische getroffen. Damit hat er das Tor zu den Sternen aufgestoßen. Seither hat die Menschheit eine rasante Entwicklung genommen. Allen Widerständen zum Trotz haben die Terraner ihren Einflussbereich ausgedehnt und sogar Kolonien in fernen Sonnensystemen gegründet.

Allerdings haben die Verantwortlichen auf der Erde dabei Fehler begangen. Ein lange schwelender Konflikt zwischen den Kolonien und der Erde eskaliert. Es droht ein Bruderkrieg unter Menschen.

Der Fall Laurin wird ausgerufen. Die Erde und der Mond sollen so versteckt werden, dass sie niemand angreifen kann. Aber dieser Notfallplan geht schrecklich schief – und die Menschheit steht vor einer dramatischen ZEITENWENDE ...

Prolog

Es verschwinden Brüder und Schwestern.

Furcht treibt sie, Angst beherrscht sie.

Wohin, wohin?

Unbekannte Ferne lockt, die Nähe droht.

So wie der erwachende Geist.

So ähnlich, so fremd!

Wohin, wohin?

Wer es ahnt, der schweigt.

Denn was verschwindet, ist sicher.

Sicher vor dem, was sucht.

Was ruft? Wer ruft?

Wir wissen es nicht.

Es verschwanden Brüder und Schwestern.

Wer weiß, wohin?

Wer weiß?

So fragt Arbaraith!

Hämatit-Stele, vermutlich liduurisch.

Teil I

In nächster Nähe

1.

Die Konsole explodierte mit einem ohrenbetäubenden Knall – kaum zwei Meter von Tardus Zanc entfernt. Der Unither stieß einen spitzen Schrei aus und riss instinktiv beide Arme nach oben, um seinen Rüssel zu schützen. Flammen schlugen aus der zerstörten Apparatur, schienen nach Zanc zu greifen. Dichter Qualm waberte durch die Zentrale der REBEL ROUSER. Er brannte in seinen Augen. Dann reagierte die Notfallautomatik. Ein Servoroboter fiel aus seinem Depot in der Decke, erstickte das Feuer und saugte den Rauch ab.

Zanc sah sich hektisch um. Die Menschen in seiner Nähe schienen weit weniger beunruhigt zu sein als er selbst.

»Treffer im oberen Polbereich!«, rief Kamai Santik, die Erste Offizierin des Schweren Kreuzers. »Ich glaube das nicht! Die haben tatsächlich auf uns geschossen!« Die Explosion ließ sie anscheinend völlig kalt.

Vielleicht liegt das an ihrer körperlichen Beeinträchtigung, dachte Zanc. Ich werde nie begreifen, wie die Menschen mit ihren deformierten Rüsseln leben können ...

Santiks Hände versenkten sich tief in die Wolke aus dreidimensionalen Projektionen, die über ihrem Arbeitsplatz schwebte. Augenblicklich veränderte sich die Darstellung des Zentralholos.

Der Weltraum in der Nähe des Zwergplaneten Pluto war für gewöhnlich besonders dunkel, kalt und leer. Sogar der Blick auf das leuchtende Band der Milchstraße wurde von riesigen Staubwolken versperrt. Nun war das eisige Nichts urplötzlich von unzähligen Lichtpunkten erfüllt, die wie winzige Diamanten auf einem Tuch aus schwarzem Samt glitzerten.

Raumschiffe, durchzuckte es den Unither. Jede Menge Raumschiffe!

»Mein Gott, wie viele sind das?«, fragte Tammo Svennson. Der stämmige Skandinavier saß an den Waffenkontrollen.

Bevor ihm jemand antworten konnte, wurde die REBEL ROUSER kräftig durchgeschüttelt. Aus den Tiefen des Schweren Kreuzers drangen mehrere heftige Schläge. Ein Alarm malträtierte Zancs Ohren, verstummte aber schnell wieder.

»Statusbericht!«, forderte Maas Corven, der Kommandant der REBEL ROUSER. »Was dauert denn da so lange?«

Zanc spürte, wie er sich langsam beruhigte. Das irritierende Kribbeln in seinem Rüssel ebbte ab. Den ätzenden Gestank nach verbranntem Kunststoff und durchgeschmorten Isolierungen nahm er jedoch weiterhin wahr.

Im Zentralholo war in Großdarstellung ein fremdes Raumschiff in Nahaufnahme zu sehen, das aus einer viereckigen Plattform und einer angeflanschten Kugel bestand. Auf dem Flachsegment waren etwa zwei Dutzend Container verstaut. Insgesamt erweckte der Gegner einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck.

»Schutzschirm steht«, meldete Santik. »Allerdings bringt er nur noch fünfzig Prozent der Norm-Absorptionsleistung. Wir haben schwere Schäden im oberen Maschinensektor erlitten. Vier Leichtverletzte ... Zwei der Fusionsreaktoren laufen unregelmäßig. Ich muss sie abschalten. Wenn ihre Magnetfelder versagen, haben wir ...«

»Nein!«, widersprach der Kommandant. »Einen zweiten Treffer überstehen wir nicht. Wir brauchen die Energie. Was ist mit der RHINO?«

»Captain Askarin wurde bereits über den automatischen Notruf informiert. Er hat zwei Space-Disks und eine Dragonfly-Rotte ausgeschleust. Geschätzte Ankunft in ... vier Minuten.«

Als Reporter und Medieninterpret war Zanc in militärischen Dingen nicht besonders bewandert, doch selbst er wusste, dass vier Minuten in einer Extremsituation wie dieser eine Ewigkeit waren.

»Die drehen bei ...«, meldete Svennson. »Unsere Impulsgeschütze sind einsatzbereit, Sir. Ich könnte ...«

»Das da draußen ist ein verdammter Frachter, Svennson«, fiel Corven seinem Waffenoffizier ins Wort. »Die haben uns mit einer relativ niederenergetischen Thermokanone beschossen, mit der man normalerweise Asteroiden zertrümmert, und nur durch schieres Glück einen unserer kritischen Schiffsektoren erwischt. Also halten Sie die Füße still. Haben wir Kontakt?«

»Ich versuche es, Sir«, antwortete Lucius Brel, der rechts neben dem Unither an den Funk- und Ortungskontrollen saß. »Leider haben auch die Hyperantennen etwas abgekriegt – und für Normalfunk ist die Entfernung zu groß.«

»Okay, wir ...«, setzte Corven an, kam jedoch nicht mehr dazu, seinen Satz zu beenden.

Die REBEL ROUSER wurde von einem mörderischen Stoß getroffen. Heftige Vibrationen erfassten den gesamten Schiffskörper. Zahlreiche Hologramme flackerten oder erloschen ganz. Erneut heulte der Alarm, verstummte diesmal aber nicht mehr.

»Einer der Reaktoren ...« Die bisherige Gelassenheit war aus Santiks Stimme verschwunden. »Wir haben einen Plasmabrand im Maschinensektor. Das Zeug hat sich durch die Isolierung gefressen und die Speicherbänke im Deck darunter erreicht.«

»Wir evakuieren!«, entschied der Kommandant sofort. Der Alarmton veränderte sich, klang nun deutlich bedrohlicher.

Zanc spürte eine Berührung an der Schulter. Als er den Kopf wandte, sah er in das gerötete Gesicht der Ersten Offizierin. Sofort war seine Angst wieder da – und diesmal hatte sie ihre beste Freundin mitgebracht: die Panik.

»Brauchen Sie eine Extraeinladung?«, fragte Santik. »Wir müssen raus hier! Sofort!«

Wie um ihre Worte zu unterstreichen, bäumte sich der Schwere Kreuzer erneut auf. Einige Offiziere, die ihre Sessel bereits verlassen hatten, wurden wie ein Bündel Rüsselschaber nach allen Seiten geschleudert.

Wäre ich doch nur auf der KISCH geblieben, machte sich der Unither Vorwürfe. Aber nein, ich muss mich ja freiwillig für eine Außenreportage melden ...

Er sprang aus seinem Sitz und beeilte sich, der davonstürmenden Frau zu folgen. Das große Doppelschott, das auf den Rundgang hinausführte, der die Zentrale umlief, stand weit offen. Zanc war zwar kein Experte, verstand aber genug von Raumschiffen, um zu wissen, dass die zusammenbrechende Abschirmung einer Fusionsreaktorkammer eine Kettenreaktion auslösen würde, an deren Ende die komplette Infrastruktur der REBEL ROUSER kollabieren konnte. Sobald die koordinierende Schiffspositronik versagte, fielen auf einen Schlag die Feldleitungen des Stromnetzes aus, und die frei werdende Energie würde den Schweren Kreuzer binnen kürzester Zeit in eine Kugel aus ultraheißer Glut verwandeln.

Sie erreichten einen Evakuierungsschacht. Santik wartete ungeduldig, bis der schnaufende Zanc aufgeschlossen hatte, und schubste ihn dann in die Antigravröhre. Sofort riss ihn der künstlich erzeugte Druckunterschied darin mit sich in die Höhe. Der Unither spürte, wie sich sein Magen hob. Brennendes Verdauungssekret schoss durch seinen Rüssel. Nur mit Mühe schaffte er es, sich nicht zu übergeben.

Nach wenigen Sekunden spuckte ihn der Schacht aus wie den Kern einer Sauerfrucht. Für einen Moment verlor er völlig die Orientierung, wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Er prallte hart auf den Stahlplastboden des Beiboothangars. Ein scharfer Schmerz fuhr durch seinen Rücken und überlagerte für einen Moment den Druck in seiner Brust. Ächzend kämpfte er sich auf die Beine.

»Vorwärts, verdammt!«, hörte er Santik neben sich fluchen. »Uns fliegt gleich alles um die Ohren.«

Zanc stöhnte. Sein Atem ging keuchend. Regelmäßige Körperertüchtigung zählte nicht unbedingt zu seinen bevorzugten Freizeitbeschäftigungen. Stattdessen hatte sein ausgiebiger Genuss unithischer Honiglarven in den vergangenen Jahren zu einer gewissen ... Leibesfülle geführt. Er ließ sich die kostbaren Leckereien extra aus der fernen Heimat liefern und opferte dafür einen guten Teil seines Einkommens. Ein ungesundes Laster, ohne Frage – aber er konnte einfach nicht anders.

»Hier rüber!« Als er nicht sofort reagierte, versetzte ihm die Erste Offizierin einen weiteren Hieb.

Zanc schnappte nach Luft und stolperte auf eine startbereite Space-Disk zu. Von allen Seiten strömten Besatzungsmitglieder heran. Zwei weitere Diskusboote standen in der Nähe. Auch ihre Zugangsrampen waren ausgefahren. Laute Befehle erklangen. Ein paar Roboter schoben Schwebeliegen vor sich her. Vermutlich Patienten aus der Medostation, die sich nicht aus eigener Kraft in Sicherheit bringen konnten.

Zanc verstand das alles nicht. Waren das draußen im All nicht terranische Schiffe? Sicher, es gab erhebliche politische Differenzen zwischen den Kolonien und der Terranischen Union, aber deshalb schoss man doch nicht gleich aufeinander ...

Er hatte kaum den halben Weg geschafft, als im Hintergrund des Hangars die Wand zerplatzte. Flackerndes, orangerotes Licht flutete die riesige Beiboothalle, die oberhalb des Ringwulsts der REBEL ROUSER lag. Dann erfasste ihn die Druckwelle und fegte ihn so brutal von den Beinen, dass er nicht mal mehr schreien konnte. Ein Schwall siedend heißer Luft fuhr über ihn hinweg.

Der Aufprall trieb ihm den letzten Rest Sauerstoff aus den Lungenbällchen. Einen schrecklichen Moment lang war er sicher, sterben zu müssen. Aus den Augenwinkeln bemerkte er eine Bewegung. Ein dünner Schlauch stülpte sich über seinen Rüssel. Sofort bekam er wieder Luft. Die Erleichterung war so überwältigend, dass er beinahe in Tränen ausgebrochen wäre.

»Los, weiter!«, trieb ihn Santik unbarmherzig an.

Wie in Trance registrierte er das mobile Atemgerät, das sie ihm in die Hände drückte. Eine spezielles, für unithische Bedürfnisse angepasstes Modell. Wo hatte sie das so schnell aufgetrieben?

Der Hangar brannte, was eigentlich gar nicht möglich war, denn die meisten im Raumschiffbau verwendeten Materialien waren feuerfest. Wo eben noch eine massive Wand gewesen war, waberte nun eine rote und weiße Masse – extrem heißes Fusionsplasma, halb Gas, halb Flüssigkeit, das alles verschlang, was sich ihm in den Weg stellte. Da und dort flackerten Energieschirme, die den Großteil der mörderischen Hitze abhielten. Trotzdem stiegen die Temperaturen rasant an.

Eine der drei Space-Disks war der schnell vordringenden Glutwolke bereits zum Opfer gefallen. Das Gemisch aus Ionen, freien Elektronen sowie neutralen Atomen und Molekülen hatte die Landestützen des Diskus erfasst und einknicken lassen. Nun schob sich das Plasma Stück für Stück über den Bootskörper hinweg.

Wie ein Riesen-Ameb, der seine Beute umschließt, um sie dann langsam zu verdauen, dachte Zanc mit wachsendem Entsetzen.

Er wandte den Blick ab, als er begriff, dass für diejenigen, die bereits an Bord der Space-Disk gewesen waren, jede Rettung zu spät kam. Die Hitze musste sie längst umgebracht haben.

An Santiks Seite hastete er die Rampe hinauf, die in den Diskus direkt vor ihm führte. Der Raum hinter dem Schott zum Unterdeck war hoffnungslos überfüllt. Die Menschen drängelten sich aneinander; vereinzelt wurden Protestrufe laut.

Zanc schaute über die Schulter. Beim großen Rüsselmeister, da kamen noch so viel andere! Die würden niemals alle in das vergleichsweise winzige Beiboot passen.

»Rampe einziehen und Schott schließen!«, schrie Kamai Santik, kaum dass der Unither und sie sich in die offene Schleuse gequetscht hatten. »Wir starten!«

»Aber ...«, wollte Tardus Zanc protestieren, verstummte jedoch, als ihn die Erste Offizierin mit feuchten Augen anstarrte.

2.

Captain Spiro Askarin starrte mit zusammengepressten Lippen auf das Desaster, das sich vor seinen Augen entwickelte. Im Holodom der RHINO, eines weiteren Schweren Kreuzers der Terranischen Flotte, war das Drama in allen Einzelheiten und gestochen scharf zu beobachten.

Die REBEL ROUSER hatte sich in eine winzige Sonne verwandelt. An zahllosen Stellen am Rumpf des Schwesterschiffs wuchsen Flecken aus heller Glut, breiteten sich rasend schnell über den molekülverdichteten Stahlpanzer aus und verzehrten ihn. Die meisten Hangartore über dem Ringwulst waren geöffnet, doch die wenigen Space-Disks, denen die Ausschleusung bislang gelungen war, reichten unmöglich aus, um die 212 Mitglieder der Stammbesatzung aufzunehmen.

»Funkruf von der MARTIS, Sir«, hörte er seinen Ersten Offizier sagen. »Tatcher a Hainu bedauert den Zwischenfall. Offenbar hat einer der Kolonistenkapitäne die Nerven verloren und aus Versehen auf die REBEL ROUSER gefeuert. Ein ... schreckliches Missverständnis ...«

»Ein Missverständnis?« Die Stimme des Kommandanten klang belegt. Er räusperte sich. »Ein Missverständnis?«, wiederholte er.

»Ein schreckliches. Ich zitiere nur Mister a Hainu, Sir.«

Askarin musste den Zorn niederringen, der ihn zu überwältigen drohte. Da draußen starben Menschen. Da draußen starben seine Leute! Und dieser verdammte Marsianer sprach von einem Missverständnis?

Im Holodom erkannte er den Frachter, der die REBEL ROUSER angegriffen hatte. Der Schwere Kreuzer war mit abgeschaltetem Schutzschirm unterwegs gewesen. Man hatte die Siedler nicht provozieren wollen. Außerdem hatte niemand erwartet, dass ein ziviles Raumfahrzeug ein Militärschiff ohne Grund und aus heiterem Himmel attackierte. Nun zahlten sie den Preis dafür.

»Dringlichkeitsruf von der TERRANIA, Sir. Es ist Protektor Bull.«

Askarin nickte dem Mann an der Funk- und Ortungskonsole zu. Eine Sekunde später schwebte Reginald Bulls Gesicht vor ihm. Der Protektor der Terranischen Union sah müde aus. Tiefe Linien hatten sich in seine Züge gegraben, sein Bart wirkte zerzaust.

»Der Vorfall ist mir bekannt«, sagte Bull, noch bevor der Kommandant der RHINO zu Wort kam. »Wie ist die aktuelle Lage?«

»Wir haben Dragonfly-Raumjäger und Space-Disks ausgeschleust, Sir. Wir tun, was wir können, aber ... es wird Verluste geben. Wie viele, weiß ich noch nicht.«

Bull fuhr sich mit der Hand über die glänzende Stirn. »Verdammt!«, stieß er hervor. »Das ist Wasser auf die Mühlen der Hardliner im Rat. Da hilft auch a Hainus offizielle Entschuldigung nicht viel.« Er machte eine kurze Pause, als müsse er überlegen. »Hören Sie zu, Captain«, fuhr er dann fort. »Sie bleiben, wo sie sind, und warten auf die Ankunft der CREST II. Perry Rhodan ist bereits unterwegs. Administratorin Michelsen und Präsident Dabrifa begleiten ihn. Sie werden versuchen, zu retten, was noch zu retten ist. Bis dahin unternehmen Sie nichts. Ist das klar?«

»Klar, Sir!«, bestätigte Askarin widerwillig.

Bull seufzte. »Ich weiß, dass das nicht leicht ist, aber wir brauchen gerade alle einen kühlen Kopf. Wenn diese Sache eskaliert, sind die Folgen nicht mehr kalkulierbar. Ich will, dass das nicht nur Ihnen, sondern jedem einzelnen Flottenangehörigen vor Ort klar ist.«

»Ich verstehe, Sir. Sie können sich auf mich verlassen.«

»Das weiß ich. Viel Glück.«

Das Kommunikationshologramm erlosch und ließ einen nachdenklichen Spiro Askarin zurück. Er kannte den Protektor hauptsächlich von Flottenkonferenzen, Festansprachen oder aus den allgemeinen Medien. So besorgt hatte er Reginald Bull noch nie gesehen.

»Sir!«, riss ihn da die Stimme seines Ersten Offiziers aus dem Grübeln. »Wir kriegen Probleme ...«

Natürlich, dachte der Kommandant nicht ohne eine große Portion Galgenhumor. Was sonst?

*

Zum zweiten Mal an diesem 16. April 2102 war Tardus Zanc davon überzeugt, sterben zu müssen. Gemeinsam mit Kamai Santik hatte er sich ziemlich rücksichtslos durch die dicht an dicht stehenden Menschen gedrängt. Seine Körpermasse und Korpulenz hatten ihm dabei gute Dienste geleistet, seine rüde Rempelei ihm aber auch ein paar ziemlich böse Kommentare eingebracht.

In der Zentrale der Space-Disk hatten die dort Anwesenden der Ersten Offizierin der REBEL ROUSER sofort das Kommando überlassen. Vor allem der junge Leutnant auf dem Pilotensitz schien froh zu sein, nicht mehr als Ranghöchster die Verantwortung tragen zu müssen. Auf seiner Brust prangte ein Namensschild. »A. Yuma«, stand darauf zu lesen.

»Ausschleusen!«, befahl Santik.

»Die Schleusenautomatik ist beschädigt, Ma'am«, gab Yuma zurück. Seine Uniform wies eine Reihe von Brandflecken auf. »Die Tore sind nur knapp zur Hälfte geöffnet. Da passen wir nicht durch.«

»Dann schießen Sie sie auf. Wir müssen ...«

Ein heftiger Ruck ging durch das Beiboot. Schreie ertönten. Zanc zuckte erschrocken zusammen, als er über sich eine schnelle Bewegung wahrnahm. Im nächsten Moment stürzte ein schweres, oben in der Polkanzel angebrachtes Hilfsgerät herab und traf den jungen Leutnant mit mörderischer Wucht am Kopf. Kurzzeitig waberte weißer Rauch durch die Luft; ein scharfer chemischer Gestank kroch in den Rüssel des Unithers. Dann setzte die Absaugautomatik der Lufterneuerungsanlage ein.

Entschlossen packte Santik den leblosen Offizier und zerrte ihn von seinem Sessel. Daran, dass Yuma tot war, bestand kein Zweifel. Beim Anblick dessen, was vom Schädel des Terraners übrig geblieben war, musste Zanc würgen.

Santik bearbeitete derweil die Holokontrollen. Die Space-Disk schwankte wie ein Schachtelbaum im unithischen Schlupfwinter. Die Andruckabsorber schienen defekt oder derzeit inaktiv zu sein. Von der transparenten Polkuppel der Zentrale aus hatte Zanc freie Sicht auf den gesamten umliegenden Hangar. Schockiert beobachtete er die verstörenden Szenen, die sich dort abspielten.

Glutende Plasmawolken drangen von mehreren Seiten immer weiter in die Halle ein. Vereinzelt waren nach wie vor Menschen unterwegs. Sie trugen Schutzanzüge, weshalb sie bisher überlebt hatten, und stolperten orientierungslos umher. Andere lagen längst reglos am Boden. Sie hatten es nicht mehr rechtzeitig geschafft, eine der Einsatzmonturen anzulegen. Dampfschwaden stiegen flimmernd von ihren Körpern auf. Und über allem lag der orangerote Schein des unbarmherzig heranrückenden Plasmas.

Auch die zweite Space-Disk hatte es erwischt. Das Außenschott ihres Unterdecks stand weit offen, und auf der Zugangsrampe waren mehrere Leichen zu erkennen. Offenbar hatten die Menschen versucht, das beschädigte Raumboot wieder zu verlassen, und waren dabei den mörderischen Temperaturen im Hangar zum Opfer gefallen.

Santik aktivierte den Schutzschirm und löste einen der Thermostrahler des Beiboots aus. Ein breit gefächerter Strahl aus lichtschnellen, extrem energiereichen elektromagnetischen Wellen traf auf die beiden in der Bewegung erstarrten Schotthälften des Schleusentors. Ein weißer Glutfleck entstand und breitete sich schnell nach allen Seiten aus. Gleichzeitig setzte sich die Space-Disk in Bewegung und schwebte auf den Fleck zu.

Ohne genau zu wissen, warum, hob Zanc den Kopf – und schrie! Von der Decke des Hangars hatte sich ein riesiger Plasmatropfen gelöst und stürzte geradewegs auf die Polkanzel des Diskusboots herab. Für ein Ausweichen war es zu spät. Die in ihrem Aggregatzustand irgendwo zwischen Flüssigkeit und Gas pendelnde Wolke legte sich wie ein Tuch aus purem Höllenfeuer über das kleine Raumfahrzeug. Der Unither glaubte zu spüren, wie ihm die brutale Hitze die Haut versengte, obwohl das natürlich Unsinn war.

Santik tat das Einzige, was in dieser Situation noch sinnvoll war: Sie beschleunigte mit maximalem Schub.

Die Space-Disk wurde erneut kräftig durchgeschüttelt. Mit metallischem Kreischen schrammten die noch nicht eingezogenen Landestützen über den Hangarboden. Das Geräusch ging Zanc durch Mark und Bein. Im Mitteldeck des Raumboots rumorte es.

»Energiereaktoren bei zweihundertvierzig Prozent Normleistung!«, schrie eine Frau neben Santik. »Das können wir nicht ...«

»Halten Sie den Mund!«, brachte die Erste Offizierin sie zum Schweigen. »Wir brechen durch. Alles oder nichts!«

Mit Donnergetöse schmetterte die Space-Disk in das mittlerweile nahezu geschmolzene, zweiflügelige Außenschott des Hangars. Es knallte mehrmals, als schlüge jemand eine Peitsche. Einmal mehr ertönten diverse Alarmsignale. Einer der Sessel löste sich knirschend aus seiner Verankerung. Holos erloschen. Dahinter schimmerte blanker Stahlplast. Die außen liegende, umlaufende Ringkonsole der Zentrale wurde an mehreren Stellen aufgerissen und gab den Blick in das technische Innenleben der Polkanzel frei.

Etliche Instrumente und Bedienelemente waren ausgefallen, die Flugsteuerung funktionierte zum Glück noch. Vor Angst fast gelähmt, verfolgte Zanc, wie sich die Space-Disk durch eine Wand aus pulsierender Glut schob. Fast wirkte es, als stecke der Diskus in einer zähen Masse fest und kämpfe mit den Triebwerken verzweifelt dagegen an. Hielt der Schutzschirm? Bestand die abschirmende Energieglocke überhaupt noch, oder war sie längst unter der Belastung zusammengebrochen? Zanc wusste es nicht; die meisten noch intakten Anzeigen an den Zentralekonsolen sagten ihm nichts.

Wenn ich das überlebe, werde ich mich nie mehr für einen Außeneinsatz melden, schwor sich der Unither. Und wenn Krohn mir noch mal einen aufdrücken will, werde ich mich weigern. Der Silberne Rüssel sei mein Zeuge!

»Wir sind draußen!«, schrie jemand hinter ihm so laut, dass er zusammenzuckte.

Tatsächlich. Vor ihnen lag der freie Weltraum, die herrliche Schwärze des Alls. Sie hatten es geschafft. Nun erst registrierte der Unither, dass sein Rüssel völlig verstopft war. Er benötigte dringend eine gründliche Reinigung.

»Ich habe Kontakt mit der RHINO«, sagte die junge Frau, der Santik kurz zuvor über den Mund gefahren war. Als sie sich umdrehte, konnte Tardus Zanc ihr Namensschild lesen: »T. Garcia«. »Sie schicken uns einen Leitstrahl«, ergänzte sie.

Santik war wieder mit den Holokontrollen beschäftigt und hantierte hektisch an den virtuellen Bedienelementen. »Verdammt ... Das Ding lässt sich kaum noch fliegen. Die Energiezufuhr für die Impulsdüsen ist instabil, und die Korrekturtriebwerke reagieren nicht. Wir haben einen Kernbrand in einem der Reaktoren.«

»Was ... Was heißt das?«, fragte Garcia unsicher.

»Hier REBEL-ROUSER-SD Zwei. Kamai Santik spricht. Wir sind weitgehend manövrierunfähig und benötigen dringend Unterstützung. Können Sie uns per Traktorstrahl einfangen?«

»Sind schon unterwegs, REBEL-ROUSER-SD Zwei«, drang eine fremde Männerstimme aus den Akustikfeldern. »Halten Sie durch.«

»Wir tun unser Bestes, aber Sie sollten sich trotzdem beeilen. Ich befürchte, wir brechen jeden Moment auseinander ...«

Eine gute Minute später tauchte die zweihundert Meter durchmessende Kugel der RHINO vor ihnen auf. Es war das schönste Raumschiff, das Tardus Zanc jemals gesehen hatte.

*

Captain Spiro Askarin stand wie eine Statue vor den Datenholos und versuchte, das zu tun, was Protektor Bull ihm befohlen hatte: einen kühlen Kopf zu bewahren. Angesichts der neuesten Zahlen war das allerdings nicht einfach.

Sechzig Tote. Siebzehn Schwerverletzte. Diverse leichtere Blessuren und Traumata. Die REBEL ROUSER ein Totalausfall. Das war die verheerende Bilanz eines Missverständnisses ...

In den Außenbeobachtungshologrammen der RHINO waren Raumschiffe zu sehen, Hunderte von Raumschiffen. An ihrer Spitze stand die MARTIS mit Tatcher a Hainu an Bord, dem Mann, der für das alles verantwortlich war.

Sicher, geschossen hatte ein nervöser Frachterkapitän, der womöglich geglaubt hatte, die REBEL ROUSER wolle ihn angreifen. Ein von der Situation überforderter Mann, der bereits per Holofunk und unter Tränen um Entschuldigung gebeten hatte. Askarin nahm ihm seine Reue sogar ab. Doch das änderte nichts an den Tatsachen. Die von den Kolonien zusammengestellte Flotte bestand nach ersten Analysen aus so ziemlich allem, was regulär raumflugtauglich war oder was man zumindest notdürftig hatte flottmachen können: Frachter, Prospektorenraumer, eine Reihe von Privatjachten, diverse von der Terranischen Flotte ausgemusterte und umgebaute Space-Disks sowie Korvetten. Eine bunt zusammengewürfelte Auswahl, die urplötzlich auf Höhe der Plutobahn aufgetaucht war und nun Kurs auf die Erde setzte.

»Die Schiffe nehmen Fahrt auf, Sir«, meldete der Erste Offizier. »Vermutlich bereiten sie sich auf eine weitere Transition vor.«

Der Kommandant der RHINO erwiderte nichts. Er wusste, dass nicht nur die CREST II mit Perry Rhodan an Bord unterwegs war, sondern auch zwölf weitere Kampfschiffe der Terranischen Flotte. Allesamt Schwere Kreuzer in voller Gefechtsbereitschaft. Und die Frauen und Männer an Bord wussten, was der REBEL ROUSER zugestoßen war!

»Sir?«, fragte der Erste Offizier. »Was sollen wir jetzt tun, Sir?«

»Wir warten«, antwortete Captain Spiro Askarin leise. »Wir warten und hoffen, dass der heutige Tag nicht zum dunkelsten unserer Geschichte wird. Zu dem Tag, an dem wir auf unsere Brüder und Schwestern schießen müssen ...«

3.

Krohn Meysenhart rückte die silberne Spange mit dem Logo der MGNC zurecht, der Meysenhart Galactic News Corporation, die er während seiner Moderationen stets am Hemdkragen trug. Er räusperte sich und trank einen letzten Schluck stilles Wasser.

»Schnecken erschrecken, wenn sie an Schnecken lecken«, sagte er laut. »Weil zum Schrecken vieler Schnecken Schnecken nicht schmecken.«

»Hört sich gut an«, quittierte Mawwak Yest die Tonprobe. Der tellerförmige Kopf des Azaraq wiegte hin und her. »Übertragung startet in zehn ... neun ... acht ...« Die letzten Sekunden zählte er stumm mithilfe der sieben Finger seiner Hand herunter.

Eine Fanfare erklang; eindrucksvoll und um Aufmerksamkeit heischend, aber gleichzeitig dezent und mit einer gewissen seriösen Note. Dann erschien ein langsam rotierendes 3-D-Modell der Milchstraße. Die Sterne der Galaxis lösten sich auf und formten binnen weniger Atemzüge die Buchstaben M, G, N und C.

»Hier ist die Meysenhart Galactic News Corporation mit einer aktuellen Sondersendung über die dramatischen Ereignisse, die sich gerade am Rand des Solsystems abspielen«, begann der Terraner seine Anmoderation. »Mein Name ist Krohn Meysenhart, und ich berichte live vom Ort des Geschehens. Die KISCH steht vierzig Astronomische Einheiten von der Erde entfernt in der Nähe des Zwergplaneten Pluto. Soeben sind hier 874 Raumschiffe materialisiert ...«

Ravael Dong, der als Medieninterpret und Informationsphilosoph für die Komposition der Bilder verantwortlich war, spielte dreidimensionale Aufnahmen der bunt zusammengewürfelten Armada ein, die vor Kurzem mit fünf Prozent der Lichtgeschwindigkeit aus dem Hyperraum aufgetaucht war und nun Kurs auf die fast sechs Milliarden Kilometer entfernte Erde gesetzt hatte. Es stand zu vermuten, dass früher oder später mindestens eine weitere Transition folgen würde, denn mit ihrer aktuellen Geschwindigkeit würden die Schiffe mehr als viereinhalb Tage brauchen, um ihr Ziel zu erreichen.

»Sie alle, meine verehrten Zeitzeugen, haben in den vergangenen Wochen und Monaten die Nachrichten über die politische Eskalation zwischen dem Rat der Terranischen Union und dem KKS, dem von Tatcher a Hainu vertretenen ›Komitee für Koloniale Selbstverwaltung‹ verfolgt«, fuhr Meysenhart fort. »Nun droht dieser Konflikt außer Kontrolle zu geraten. Vor wenigen Stunden – um genau zu sein: am 16. April 2102 um Mitternacht Terranischer Standardzeit – lief ein Ultimatum an die Union ab, das mit Ausnahme von Oxtorne von allen Kolonialverwaltungen und ihren Obfrauen und -männern inklusive des Mars Councils ratifiziert wurde. Darin fordern die acht von der Solaren Union gelenkten Kolonien die sofortige Entlassung aus den Verpflichtungen des sogenannten Vertrags zur Kooperation und Kontrolle im Rahmen der TU-Verfassung. Wir schalten jetzt live in die Zentrale der REBEL ROUSER, einem Schweren Kreuzer der Terranischen Flotte, auf der unser Außenkorrespondent Tardus Zanc ...«

Meysenhart brach ab. Seine Augen weiteten sich. Dong hatte das Übertragungsholo auf das zweihundert Meter durchmessende Kampfschiff umgeschaltet, das in exakt dieser Sekunde von einem grellroten Energiestrahl getroffen wurde. Weil das Raumfahrzeug seinen Schutzschirm abgeschaltet hatte, zerfetzte der Schuss einen Teil der oberen Polkalotte. Mehrere große Trümmerstücke lösten sich vom Schiffskörper und trieben davon. Die REBEL ROUSER geriet ins Trudeln.