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Vor sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan auf Außerirdische getroffen. Seither konnte die Menschheit zu den Sternen aufbrechen und hat fremde Welten besiedelt. Dann werden die Erde und der Mond in den fernen Kugelsternhaufen M 3 versetzt. Als Rhodan diesen Vorgang rückgängig machen will, verschlägt es ihn tief in die Vergangenheit. Nach seiner Heimkehr im Jahr 2107 stellt er fest: Die Überschweren mit ihrem Anführer Leticron haben die Welten der Menschen erobert. Rhodan will die unterdrückten Völker befreien. Im Spicasystem finden die Widerstandsgruppen neue Verbündete im Kampf gegen die Besatzer. Leticron erleidet dort eine empfindliche Niederlage. Aber noch scheint seine Gewaltherrschaft über die anderen Welten der Menschheit nicht wanken zu können. Für kurze Zeit herrscht eine lähmende Ruhe vor einem heraufziehenden Sturm. Dann spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu – sie gipfeln in LETICRONS FALL ...
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Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Band 279
Leticrons Fall
Rüdiger Schäfer
Cover
Vorspann
1. Alaska Saedelaere
Zwischenspiel: Reginald Bull
2. Perry Rhodan
Zwischenspiel: Icho Tolot
3. Alaska Saedelaere
Zwischenspiel: Gabrielle Montoya
4. Perry Rhodan
Zwischenspiel: Atlan da Gonozal
5. Alaska Saedelaere
Zwischenspiel: Ronald Tekener
6. Perry Rhodan
Zwischenspiel: Jessica Tekener
7. Perry Rhodan
Zwischenspiel: Sofgart
8. Perry Rhodan
Zwischenspiel: Gucky
9. Thomas Rhodan da Zoltral
Zwischenspiel: Laura Bull-Legacy
10. Perry Rhodan
Zwischenspiel: Sud
11. Thomas Rhodan da Zoltral
Zwischenspiel: Harkon von Bass-Teth
12. Alaska Saedelaere
Zwischenspiel: Geoffry Abel Waringer
13. Perry Rhodan
Zwischenspiel: Stella Michelsen
Zwischenspiel: Bjo Breiskoll
14. Thora Rhodan da Zoltral
Impressum
Vor sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan auf Außerirdische getroffen. Seither konnte die Menschheit zu den Sternen aufbrechen und hat fremde Welten besiedelt. Dann werden die Erde und der Mond in den fernen Kugelsternhaufen M 3 versetzt.
Als Rhodan diesen Vorgang rückgängig machen will, verschlägt es ihn tief in die Vergangenheit. Nach seiner Heimkehr im Jahr 2107 stellt er fest: Die Überschweren mit ihrem Anführer Leticron haben die Welten der Menschen erobert. Rhodan will die unterdrückten Völker befreien.
Im Spicasystem finden die Widerstandsgruppen neue Verbündete im Kampf gegen die Besatzer. Leticron erleidet dort eine empfindliche Niederlage.
Aber noch scheint seine Gewaltherrschaft über die anderen Welten der Menschheit nicht wanken zu können. Für kurze Zeit herrscht eine lähmende Ruhe vor einem heraufziehenden Sturm. Dann spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu – sie gipfeln in LETICRONS FALL ...
1.
Alaska Saedelaere
»Sie glauben uns nicht.«
Leticron sprach die Worte langsam und bedächtig. In ihnen schwangen weder Vorwurf noch Zorn mit. Sie hörten sich eher an, als habe er nie etwas anderes erwartet.
Der Überschwere stand mit auf dem Rücken verschränkten Armen vor dem Panoramabildschirm in der Zentrale der HETRAN-TASKAR. Leticron hatte sein Flaggschiff, eine zweitausend Meter lange Kruuse, noch während der Umrüstung auf Terchetz neu getauft. Aus der TASKAR war die HETRAN-TASKAR geworden, das Nest des Hetran. Der Begriff Hetran stammte aus dem Mehandor, genauer gesagt aus dem Par, einem Dialekt, der vor allem auf dem Planeten Paricza im Punta-Pono-System gesprochen worden war. Dort hatten zur Zeit der Methankriege die meisten der Überschweren gelebt, bevor sie von einer Kriegsflotte des Großen Imperiums ausgelöscht worden waren.
Hetran bedeutete so viel wie Unbesiegbarer und war einst der Titel des Souveräns auf Paricza gewesen. Sein Regierungsrat hatte damals den Namen Hetos getragen und sich aus sieben Hetoren zusammengesetzt.
»Natürlich nicht.« Kyunas wulstige Lippen verzogen sich zu einem bösen Grinsen. Der Lamellenverschluss ihrer rechten Augenhöhle öffnete sich mit leisen Klickgeräuschen. Alaska Saedelaere lief es eiskalt den Rücken herunter, als er den Metalltentakel mit der grün schillernden Kugel am Ende erblickte. Er zuckte wie eine zu lange eingesperrte Schlange aus der kreisförmigen Augenöffnung hervor und richtete sich auf den Bildschirm. »Ihre Arroganz und ihr impertinenter Glaube an die eigene Überlegenheit machen sie blind für die Realität«, sagte die Gon-Mekara, die seit ihrem Unfall auf Arkon II entstellt und auf diverse Körperprothesen angewiesen war. Ihrer oft hämischen Grausamkeit hatte das keinen Abbruch getan – im Gegenteil.
Leticron reagierte nicht auf den Kommentar seiner Goma. Stumm beobachtete er die dreidimensionale taktische Darstellung, die ihm die Positronik der HETRAN-TASKAR auf Basis der einlaufenden Ortungsdaten in einem großen Zusatzholo zeigte.
Die viertausend mit Transformkanonen ausgerüsteten Walzenraumer seiner Flotte waren vor wenigen Minuten in lockerer Formation und ohne jede Tarnung an den Grenzen des Arkonsystems materialisiert und hatten sofort Kurs auf Arkon I genommen. Es hatte nur Sekunden gedauert, bis der erste Funkspruch eingegangen war – keine Warnung, sondern ein direktes Ultimatum und die unmissverständliche Aufforderung, den Anflug augenblicklich abzubrechen. Leticron hatte sie ignoriert.
»Drei Flottenverbände«, meldete Maylpancer von der Konsole des Ortungsoffiziers. »Tausend, zweitausend und viertausend Kampfraumer. Alles Schwere Kreuzer und Schlachtschiffe. Zwei weitere arkonidische Großgeschwader nähern sich aus dem Zentrum des Systems. Die Kernschussweite wird bei gleichbleibender Geschwindigkeit in zwei Minuten erreicht.«
Saedelaere sah nicht auf die Bildschirme und wenigen Hologramme, sondern fixierte Leticrons Gesicht. Die Züge des Anführers der Gon-Mekara wirkten wie in gelben Marmor gemeißelt. Nur die Mundwinkel waren minimal nach oben gezogen; jemand, der nicht darauf achtete, hätte es nicht bemerkt.
Er genießt jede einzelne Sekunde, dachte der Terraner. Das ist der Tag, der Moment, auf den er so lange gewartet, für den er alles aufgegeben hat. Für den er zehntausend Jahre durch die Zeit gereist ist ...
»Die Flanken brechen aus«, sprach Maylpancer weiter. »Sie nehmen uns in die Zange.«
»Sollten wir nicht den Sperrimpuls funken?«, fragte Kyuna. Das schwache Zittern in ihrer Stimme war kein Zeichen von Sorge oder gar Furcht; da war sich Saedelaere sicher. Nein, sie freute sich auf das, was den verhassten Arkoniden bevorstand. Sie fieberte der Vergeltung mit jeder Faser ihres Seins ebenso entgegen wie ihr Kriegsherr und Bettgefährte.
»Noch nicht.« Leticron atmete tief ein und wieder aus. »Ich werde ihnen eine andere Botschaft senden«, fuhr er dann fort. »Unverschlüsselt und über alle gängigen Frequenzen.«
»Geschaltet«, bestätigte Maylpancer. »Du kannst jederzeit sprechen.«
Leticron ließ einige weitere Sekunden verstreichen. In der Außenbeobachtungsdarstellung hatten sich die drei Verbände der imperialen Abwehrflotte vereint und eine offene Kugelschale gebildet. Über Funk forderte ein gewisser Nos Gaimor die Gon-Mekara zum sofortigen Beidrehen auf und drohte im Fall einer Weigerung mit vollständiger und unbarmherziger Zerstörung. Seine auf einem Nebenbildschirm eingeblendete, drei Meter große Gestalt mit dem haarlosen Kugelkopf und den drei Augen wirkte Respekt gebietend.
Für einen Lidschlag legte sich etwas wie ein Schatten auf Leticrons Gesicht. Der Überschwere musste es als persönliche Beleidigung empfinden, dass das Imperium nicht mal einen arkonidischen Kommandeur, sondern lediglich einen Naat geschickt hatte. Die zehntausend Jahre alten Walzenraumer der Gon-Mekara waren den Verantwortlichen des Obersten Flottenkommandos vermutlich kaum mehr als ein gleichgültiges Schulterzucken wert. Sie hatten keine Ahnung, dass sie damit den größten Fehler ihres Lebens begingen.
Saedelaere schluckte; es tat weh, denn sein Mund war staubtrocken. Bei dem Gedanken daran, was sich in wenigen Augenblicken abspielen würde, drehte sich ihm der Magen um, aber er hatte keine Möglichkeit, es zu verhindern. Selbst wenn die Arkoniden in diesem Moment bedingungslos kapitulierten, würde sie das nicht vor dem Zorn des Überschweren bewahren.
»Hier spricht Leticron«, sagte der Anführer der Gon-Mekara so laut, dass der Terraner zusammenzuckte. »Erster Hetran der Milchstraße und neuer Imperator des Großen Imperiums. Ziehen Sie sich zurück, und geben Sie den Weg nach Arkon frei. Dieses System untersteht ab sofort dem Willen und Diktat der Exemplarischen Instanz der Überschweren! In Kürze erfolgen weitere Anweisungen! Widerstand und Ungehorsam werden nicht geduldet und ohne Warnung niedergeschlagen!«
Für einige Atemzüge herrschte gespannte Stille. Dann heulte ein schriller Alarm durch die HETRAN-TASKAR.
Saedelaere verspürte ein unerträgliches Jucken im Gesicht. Es kam und ging ohne erkennbares Muster. Beinahe hätte er seine Maske abgenommen, um sich zu kratzen. Erst im letzten Moment wurde ihm bewusst, dass er dadurch die in der Zentrale anwesenden Gon-Mekara mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Tode verurteilt hätte.
Ich werde mich niemals an dieses Ding gewöhnen, dachte er resigniert. Und dennoch werde ich es bis ans Ende meines Lebens tragen müssen ...
»Sie haben ihre Schutzschirme auf Maximalleistung geschaltet«, meldete Maylpancer seelenruhig.
Im gleichen Moment lösten sich im Taktikholo mehrere Tausend Lichtpunkte von der gegnerischen Formation und rasten auf die Walzenraumschiffe der Gon-Mekara zu. Die Arkoniden hatten die Lust am Reden verloren und die erste Salve ihrer Raumtorpedos auf den Weg gebracht.
»Sperrimpuls senden!«, befahl Leticron.
»Sperrimpuls gesendet«, bestätigte Maylpancer sofort. Vermutlich hatte sein Finger schon länger über der entsprechenden Sensortaste seiner Positronikkonsole geschwebt.
»Angriff!« Leticron stieß das Wort hart und entschlossen hervor. Im Vergleich mit der ansonsten eher gedämpften Geräuschkulisse der Zentrale klang es wie eine Explosion.
Alaska Saedelaere schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, hatte sich der Weltraum in ein Meer aus Feuer und Tod verwandelt. Das große Sterben hatte begonnen – und er saß als Zuschauer auf einem Tribünenplatz.
Das All brannte! Die mörderische Glut der detonierenden Torpedos breitete sich rasend schnell aus. Gewaltige Strahlenschauer prasselten gegen die Schirme der Walzenraumer. Die HETRAN-TASKAR schüttelte sich, was in der Zentrale jedoch niemanden zu beunruhigen schien.
Saedelaere wusste, dass die arkonidischen Fernlenkgeschosse wenig mehr als eine harmlose Machtdemonstration gewesen waren, eine Art Vorspiel um des Effekts willen. Ernstlich in Gefahr bringen konnte dieser thermische Beschuss die Gon-Mekara nicht.
Die Salve der imperialen Flotte verpuffte deshalb auch weitgehend wirkungslos. Doch noch bevor die Arkoniden eine zweite – und diesmal nachdrücklichere – Angriffswelle auslösen konnten, schlugen die Überschweren zurück. Binnen Sekunden zerplatzten mehrere Dutzend imperiale Kugelraumer wie Seifenblasen. Die Geschosse, die von den Transformkanonen der Gon-Mekara abgefeuert wurden, durchdrangen aufgrund ihres aluiden Aggregatzustands mühelos jeden bekannten Schutzschirm und erzeugten bei ihrer Zündung eine gravitonische Implosion, in dessen Wirkungsbereich die Schwerkraft kurzzeitig auf Extremwerte anstieg. Ein Treffer dieser Art führte in den allermeisten Fällen zur sofortigen Zerstörung des Zielobjekts.
Saedelaere konnte sich gut vorstellen, wie die Kommandanten an Bord der imperialen Kampfschiffe die Befehle zum Gegenschlag gaben. Dass ihre Angreifer über Transformkanonen verfügten, musste sie zweifellos erschüttern. Allerdings waren auch sie selbst im Besitz dieser schrecklichen, einst von den Posbis entwickelten Waffe, und würden es den Gon-Mekara nun mit gleicher Münze heimzahlen – zumindest glaubten sie das.
Es waren die Mehandor, die über die Baupläne der Transformkanone verfügten und die mächtigen Geschütze bis vor einiger Zeit auf Archetz gefertigt und an die Arkoniden verkauft hatten. Allerdings hatten die Waffenlieferanten dabei Vorkehrungen getroffen. Es war eins der am besten gehüteten Geheimnisse der Galaktischen Händler, dass jede in ein imperiales Raumschiff eingebaute Transformkanone mit einem winzigen Spezialempfänger ausgestattet war. Diese Mikrogeräte waren nur sehr schwer zu entdecken, zumal die Aggregate der Transformkanone hochwertig versiegelt und gegen jeglichen Fremdzugriff gesichert waren. Damit wollten die Mehandor verhindern, dass die Ingenieure des Imperiums die Waffen einfach untersuchten und nachbauten – was ohne Unterstützung der Posbis allerdings ohnehin nicht möglich gewesen wäre. Sobald diese Geheimeinbauten ein bestimmtes Hypersignal empfingen, einen Desaktivierungsimpuls, wurde die jeweilige Transformkanone vollständig lahmgelegt.
Genau das geschah in diesen Minuten am Rand des Arkonsystems. Die gerade noch wohlgeordneten Reihen der arkonidischen Formation gerieten in Unordnung. Es musste für die Kommandanten ein Schock sein, sich den anrückenden Gon-Mekara von einer Sekunde zur anderen praktisch wehrlos gegenüberzusehen. Gelegenheit, ihre Strategie auf den Einsatz der herkömmlichen Impuls- und Thermogeschütze umzustellen oder neue Raumtorpedos auf den Weg zu bringen, bekamen sie nicht mehr. Die Überschweren schlugen erbarmungslos zu.
Die Zeit schien sich plötzlich zu beschleunigen. Zumindest kam es Saedelaere so vor. Die Lücken in der Abwehrfront der Arkoniden wurden rasend schnell größer. Ein ums andere Mal wuchsen in der Schwärze des Alls Feuerblumen von morbider Schönheit heran, blühten kurz auf und verwelkten wieder. Jede stand für ein imperiales Schiff mit Hunderten, wenn nicht Tausenden von Besatzungsmitgliedern. Die Gon-Mekara hingegen hatten noch nicht einen einzigen Verlust verbuchen müssen. Lediglich zwei ihrer Kruusen waren durch Überlastung der Schutzschirme in Bedrängnis geraten und hatten leichte Schäden erlitten.
In der Zentrale der HETRAN-TASKAR erklangen Jubelschreie. Viele der diensttuenden Gon-Mekara schlugen mit den Fäusten auf ihre Positronikpulte oder sprangen auf und stießen die Köpfe gegeneinander. Kyuna hatte die Lippen zu einem breiten Grinsen verzogen, was ihr entstelltes Gesicht noch furchterregender wirken ließ. Nur Leticron zeigte seinen Triumph nicht – zumindest nicht äußerlich. Stumm und wie in Bronze gegossen, stand er da und verfolgte das Geschehen mit ausdrucksloser Miene.
Irgendwann hielt es Saedelaere nicht mehr aus. Er erhob sich aus seinem Sessel und trat neben den Ersten Hetran. Der Hüne schien ihn nicht zu bemerken. Er hielt den Blick starr auf den Panoramabildschirm gerichtet.
»Du hast gewonnen«, sagte der Terraner leise. »Beende diesen Wahnsinn.«
Leticron neigte den Kopf zur Seite. Unter seiner schwarzen Rüstung zeichneten sich gewaltige Muskelpakete ab. Das matte Licht der Zentrale spiegelte sich auf seinem kahlen Schädel.
»Glaubst du, ich töte zum Spaß?«, fragte er. »Glaubst du, dieses Blutbad erfolgt ohne einen triftigen Grund?«
»Es spielt keine Rolle, was ich glaube«, gab Saedelaere zurück. »Arkon gehört schon dir. Mit jedem weiteren Toten erzeugst du nur neuen Hass, der sich eines Tages gegen dich und die Gon-Mekara entladen wird. Du nennst mich deinen Berater, also lass mich dir einen Rat geben, der sich aus den Erfahrungen vieler Tausend Jahre menschlicher Geschichte speist: Beende das Massaker dort draußen! Macht und Grausamkeit haben sich noch nie vertragen. Gib den Überlebenden eine Chance, dir zu folgen. Das können sie nur, wenn sie dich nicht verachten, sondern respektieren.«
Über Leticrons kantige Züge huschte ein flüchtiges Lächeln. »Für deine Terraner mag das stimmen, Braas'cooi«, sagte er. »Aber die Arkoniden kenne ich besser als du. Für sie sind Nachsicht und Schwäche zwei Wörter für ein und dieselbe Sache. Und ob sie mir folgen oder mich verachten, kümmert mich nicht – solange sie tun, was ich ihnen auftrage!«
Saedelaere nickte. Er hatte nicht ernsthaft an einen Erfolg seines Appells geglaubt; schließlich hatte er schon lange genug mit Leticron zu tun. Der Anführer der Gon-Mekara war klug – klüger, als Saedelaere zu Beginn angenommen hatte. Saedelaere hatte sich von Leticrons ungeschlachtem Äußeren täuschen lassen, von der wuchtigen Gestalt, der schwarzen Rüstung, dem chauvinistischen Gehabe. Doch im Innern des eckigen Schädels arbeitete ein präzise funktionierender Verstand. Leticron war ein glänzender Stratege und ausgezeichneter Psychologe. Das hatte er nicht zuletzt als Feldherr während der Methankriege immer wieder unter Beweis gestellt.
Ich habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, erkannte Saedelaere. Ich bin Doktor Faust, und Leticron ist mein Mephistopheles ...
Nein, der Überschwere tötete nicht zum Spaß. Er wollte der imperialen Streitmacht keine bloße Niederlage beibringen, sondern sie zu Staub zermahlen. Die vielen Milliarden Arkoniden, die im Arkonsystem zu Hause waren, sollten mit eigenen Augen sehen, was jene, die sie einst geächtet, verfolgt und ermordet hatten, mit ihrer stolzen Flotte machten. Das Zentralsystem des Großen Imperiums gehörte zu den am besten abgesicherten Orten in ganz Thantur-Lok. Was mochte ein Essoya oder gar ein Angehöriger des Adels auf Arkon I denken, wenn er nun mitansehen musste, wie eine Flotte von nur viertausend Schiffen das pulsierende Herz des größten Sternenreichs der Öden Insel binnen weniger Stunden in die Knie zwang?
Saedelaere hatte in den Monaten seit dem Erwachen aus dem Kryoschlaf viel über die aktuellen Entwicklungen in M 13 gelesen und sein entsprechendes Wissen vor Ort aufgefrischt. In der Lokalen Blase bei Sol waren die Informationen über das, was im Tai Ark'Tussan in den vergangenen Dekaden geschehen war und was Saedelaere vor seiner unfreiwilligen Reise auf der SOL in die ferne Vergangenheit gewusst hatte, sehr lückenhaft gewesen. 34.000 Lichtjahre ließen sich auch im 22. Jahrhundert terranischer Zeitrechnung nicht ohne Weiteres überbrücken, und eine Reise nach Arkon war nach wie vor mit nicht zu unterschätzenden Gefahren verbunden.
Das einstmals blühende Große Imperium hatte seit dem Sturz des Regenten im Jahr 2037 – ebenso wie das Solsystem und die Erde – einige schwere Schicksalsschläge einstecken müssen, die es vor allem wirtschaftlich an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hatten. Daran hatte sich auch unter der Herrschaft von Emthon V. und später unter Gonozal VII. nichts geändert. Im Gegenteil. Nach wie vor arbeiteten viele Kolonien gegen Arkons Übermacht an – meistens schleichend und im Verborgenen, immer öfter aber auch offen und direkt – und strebten nach Autonomie. Möglicherweise wäre ein gesundes Arkon sogar mit viertausend Gon-Mekara-Kriegsschiffen und ihren Transformkanonen fertig geworden, doch in der gegenwärtigen Situation war das wenig mehr als Wunschdenken.
Mittlerweile waren auch die beiden zusätzlichen arkonidischen Verbände am Ort des Geschehens angelangt. Mit stetig wachsendem Entsetzen verfolgte Saedelaere, wie sich die Besatzungen der Kugelraumer ohne zu zögern in die Schlacht stürzten. Begriffen die Arkoniden denn nicht, dass sie gegen die furchtbare Waffe der Posbis machtlos waren? Und dass ihre eigenen Transformgeschütze nicht funktionierten?
Doch, natürlich begreifen sie das, gab er sich die Antwort selbst. Aber das Imperium zählt so viel mehr als ihr Leben. Sie sind bereit, für das zu sterben, was es seit zwanzigtausend Jahren repräsentiert. Ist das nun dumm oder bewundernswert?
Am liebsten hätte er die Zentrale verlassen, doch er befürchtete, dass Leticron das nicht gestatten würde. Seit Alaska Saedelaere aus seinem zehntausendjährigen Dornröschenschlaf erwacht war, betrachtete ihn der Anführer der Gon-Mekara offenbar als so etwas wie sein persönliches Maskottchen. Der Terraner hatte dem Überschweren so gut wie alles erzählt, was er über das Große Imperium der Gegenwart wusste. Wenn man es neutral betrachtete, trug er für das, was gerade geschah, also eine Mitschuld.
Und das ist erst der Anfang, bohrte es in ihm. Schon bald wird Leticron ins Solsystem aufbrechen. Großer Gott, was habe ich getan?
Manchmal war er davon überzeugt, dass die jüngsten eineinhalb Jahre nur ein Albtraum gewesen sein konnten. Er hatte, von nur kurzen, medizinisch notwendigen Unterbrechungen abgesehen, rund zehntausend Jahre in einer Tiefschlafkapsel verbracht – genau wie Leticron und rund eine Million weiterer Gon-Mekara, die auf mehrere Verstecke in ganz M 13 verteilt gewesen waren. Als er wieder zu sich gekommen war, hatte man auf der fernen Erde den 12. Mai 2100 geschrieben. Im Moment existierte er also doppelt: Einmal in Thantur-Lok und an der Seite des selbst ernannten Ersten Hetran, und ein zweites Mal auf Dakin, jener Dunkelwelt der Posbis, in deren Orbit die Endmontage der SOL stattfand.
Es fiel ihm nach wie vor schwer, das zu begreifen, was ihm seit dem Aufbruch des Hantelraumers ins Akonsystem widerfahren war: die Expedition ins Zentrum des Kugelsternhaufens M 3, die durch eine dort entdeckte Quantenquelle ausgelöste Versetzung in die Epoche der Methankriege und die unglaublichen Abenteuer in ferner Vergangenheit, die am Ende dazu geführt hatten, dass er in der Zeit gestrandet war – ohne Aussicht, jemals wieder in seine Heimatgegenwart zurückzukehren. Nun, zumindest das letztere Problem hatte sich inzwischen erledigt.
»Haben wir das Flaggschiff identifiziert?«, riss ihn Leticrons Stimme in die deprimierende Wirklichkeit zurück.
»Ja, Erster Hetran«, antwortete Maylpancer. »Die ARK'HAKRAT hält Position im ungefähren Mittelpunkt der imperialen Formation, beteiligt sich jedoch nicht unmittelbar an den Kampfhandlungen.«
»Ausgezeichnet«, zeigte sich der Anführer der Gon-Mekara zufrieden. »Das Schiff wird auf keinen Fall vernichtet. Wir schießen es wrack und schicken ein Enterkommando an Bord. Ich will diesen Nos Gaimor. Lebend!«
»Verstanden.« Maylpancer hantierte an seinem Arbeitspult. »Ich werde alles Notwendige veranlassen.«
Irgendwann war es vorbei. Von der arkonidischen Streitmacht waren nur einige Hundert Schiffe übrig geblieben. Ausgeglühte Wracks und Trümmerteile bildeten eine mehrere Lichtsekunden große Wolke, die auf den Bildschirmen wie Schneegestöber aussah.
Wie viele Arkoniden waren an diesem Tag gestorben? Wie viele Millionen? Millionen! Eine nicht mehr begreifbare Zahl an Leben einfach und ohne jede Notwendigkeit innerhalb weniger Stunden ausgelöscht. Saedelaere war schlecht, und er brauchte all seine verbliebene Willenskraft, um sich nicht zu übergeben.
Dass Nos Gaimor die Flucht gelungen war, entlockte Leticron nicht mehr als ein unwilliges Brummen. Der Kommandant der Verteidigungsverbände hatte sich mit einer Leka-Disk nach Arkon III abgesetzt. Zwei Schiffe der Überschweren waren ihm gefolgt und würden ihn dort jagen. Wahrscheinlich wollte der Erste Hetran an dem Naat ein Exempel statuieren.
In einer offenen Funkbotschaft des Berlen-Than, des höchsten Regierungsgremiums der Arkoniden, erklärte der Zwölferrat die Kapitulation des Großen Imperiums und bat um Übermittlung der Bedingungen für eine sofortige Einstellung aller Kampfhandlungen.
Als die HETRAN-TASKAR über Arkon I eintraf und Kurs auf den Hügel der Weisen nahm, bat Alaska Saedelaere darum, sich zurückziehen zu dürfen. Er fühlte sich unendlich müde und gedankenleer.
Der Überschwere warf ihm einen kurzen, amüsierten Blick zu. Dann bedeutete er dem Terraner mit einer knappen Geste, dass er gehen durfte.
Zwischenspiel
Reginald Bull
Reginald Bull nahm einen Schluck aus dem Kaffeebecher und verzog das Gesicht. Das Gebräu war nicht nur lauwarm, sondern schmeckte auch viel zu bitter. Sehnsüchtig schielte er nach dem Zuckerstreuer auf dem Tisch. Als Stella Michelsen, die ihm gegenübersaß, seinen Blick bemerkte, schüttelte sie kaum merklich den Kopf.
Bull seufzte innerlich. Zucker ist Gift, pflegte seine Partnerin immer zu sagen. Und du nimmst ohnehin schon viel zu viel davon zu dir! Den Einwand, dass seine relative Unsterblichkeit dieses Problem gar nicht akut werden ließ, ignorierte sie einfach.
»Ihr habt die neuen Pläne gesehen.« Shalmon Kirte Dabrifas Stimme lenkte die Aufmerksamkeit des Protektors wieder auf die Gegenwart. »Ich habe Maylpancer gesagt, dass eine erneute Erweiterung der Südpassage den Terraformingprozess um Jahre zurückwerfen wird. Ich habe ihm sogar positronische Hochrechnungen präsentiert, aber er ignoriert sie einfach. Es geht ihm einzig und allein um die Produktionserhöhung der neuen Werften.«
»Das wissen wir alles, Shalmon«, sagte Michelsen. »Viel schlimmer ist, dass die Gon-Mekara offenbar eine weitere Viertelmillion Zwangsarbeiter aus dem Wegasystem heranschaffen wollen. Wir haben Anweisungen zur Aufstockung der Lager am Noctis Labyrinthus erhalten. Das kann nur bedeuten, dass noch mehr Ferronen kommen.«
Bull hielt es nicht mehr in seinem Sessel. Er sprang auf und begann mit einer ruhelosen Wanderung durch den Konferenzraum. In den vergangenen Monaten hatte das Tempo, mit dem die Überschweren die Infrastruktur im Solsystem und in den terranischen Kolonien auf Kriegswirtschaft umstellten, noch mal zugenommen. Über Bradbury Central hing fast den ganzen Tag eine Glocke aus Ruß, Feinstaub, Schwefeldioxid und anderen Gasen, die größtenteils aus den umliegenden Fabriken stammten. Die Sonne war nur noch selten zu sehen. In der Nacht wurde es deutlich kälter, und die Marsianer konnten aufgrund der rationierten Energiezuteilungen nicht heizen. Jede verfügbare Kilowattstunde Strom wurde für die Fertigungsanlagen gebraucht, in denen die Überschweren Tag und Nacht Raumschiffe und Waffen bauen ließen.
»Leticron verliert die Geduld«, sagte der Protektor düster. »Am Anfang hat er auf Kooperation gesetzt und Maß gehalten. Ich konnte ihn immer wieder zu Zugeständnissen bewegen. Inzwischen versucht er, die Dinge zu erzwingen – auf Kosten unserer Leute.«
»Perry Rhodan hat ihm einmal zu oft auf die Füße getreten«, vermutete Dabrifa. Als er Bulls giftigen Blick bemerkte, hob er beide Arme. »Das meine ich nicht als Vorwurf, Reg«, sagte er schnell. »Ich will damit nur ausdrücken, dass der Erste Hetran derzeit ziemlich schlechte Laune hat. Nicht zuletzt die Ereignisse im Spicasystem haben ihm die Stimmung gründlich verhagelt.«
»Glaubst du, das weiß ich nicht?« Bull war stehen geblieben und sah erst den hageren Israeli, dann Michelsen an. »Er ist der Meinung, dass es uns am nötigen Enthusiasmus mangelt. Ein Imperium entsteht nicht von allein, Gon-Shial Bull ...« Er ahmte den manchmal dozierenden Tonfall des Ersten Hetran nach, wenn dieser von seinen Zukunftsvisionen sprach. »Ihre Menschen scheinen nicht zu begreifen, dass der Fortschritt Opfer verlangt.« Bull schüttelte den Kopf. »Meine Menschen ...«, wiederholte er. »Dass ich nicht lache. Man hasst mich auf dem Mars und in den Kolonien inzwischen mindestens ebenso sehr wie Leticron. Und ich kann es den Leuten nicht mal verdenken ...«
»Hör auf, solchen Unsinn zu reden!«, rief Michelsen energisch. »Wenn das alles vorbei ist, wird man schnell begreifen, was du getan und wie viele Leben du gerettet hast. Ich sage es dir nicht zum ersten Mal: Ohne dich hätten die Gon-Mekara weit schlimmer gewütet, als sie es ohnehin schon tun!«
Bull winkte ab. Er hasste sich, wenn er in Selbstmitleid verfiel, aber manchmal konnte er einfach nicht anders. Sein Verstand sagte ihm, dass Michelsen recht hatte, doch das, was er fühlte, machte ihn fertig. Jeden Tag und immer wieder. Es nagte an ihm und fraß ihn innerlich auf. Gewiss, er hatte Leticron eine Menge Vergünstigungen und Privilegien für die Marsianer und die übrigen Unionsbürger abgetrotzt, doch ebenso oft waren seine von wohlüberlegten Argumenten gestützten Bitten abgelehnt worden.
Sein Komarmband vibrierte. Er hatte es für die Besprechung so eingestellt, dass ihm nur Nachrichten und Anrufe mit Alpha-Priorität gemeldet wurden. Gleiches galt für die Kommunikationsgeräte des Präsidenten der Solaren Union und der Administratorin der Terranischen Union. Etwas musste passiert sein – und es war bestimmt nichts Gutes!
Michelsen aktivierte ein Hologramm, das daraufhin als metergroße Kugel über dem Konferenztisch aufleuchtete. Es zeigte das Solsystem mit dem Mars im Mittelpunkt. In der Nähe des Planeten bewegten sich einige Tausend Schiffe, gut die Hälfte davon walzenförmige Kampfraumer der Gon-Mekara. Ein Raumgebiet in der Nähe des Pluto war hell eingefärbt. Dort war eine Wolke aus silbernen Punkten zu sehen, nach einer ersten positronischen Zählung mehr als zehntausend.
»Hat Leticron Verstärkung aus M Dreizehn bekommen?«, fragte Shalmon Kirte Dabrifa. »Warum wissen wir nichts davon?«
Stella Michelsen schüttelte den Kopf. »Das sind keine Einheiten der Überschweren«, sagte sie, nachdem sie die begleitenden Ortungsdaten überflogen hatte.
Reginald Bull trat neben sie. Seine Partnerin hatte recht. Als er die ersten Bilder sah, die PUMA, die auf Pluto installierte Ortungsanlage lieferte, wusste er sofort, dass neuer Ärger ins Haus stand. Gewaltiger Ärger!
2.
Perry Rhodan
Als er erwachte, wusste er im ersten Moment nicht, wo er war. Dann drehte er den Kopf und sah das entspannte Gesicht Thoras neben sich. Seine Frau hatte die Augen geschlossen. Einige Strähnen ihres langen, weißen Haars fielen ihr über Stirn und Wangen. Sie atmete tief und gleichmäßig.
Perry Rhodan lächelte. In Momenten wie diesen wurde ihm bewusst, wie viel Glück er im Leben gehabt hatte. Glück, das alle Verluste und Niederlagen, alle Rückschläge und Misserfolge, die er in den vergangenen Jahrzehnten hatte hinnehmen müssen, bei Weitem aufwog. Sowohl er als auch Thora Rhodan da Zoltral waren inzwischen mehr als hundert Jahre alt, und doch sahen sie noch immer aus wie um die vierzig – und fühlten sich auch so. Das Schicksal hatte ihnen die potenzielle Unsterblichkeit geschenkt; über natürliche Alterung und körperliche Leiden mussten sie sich keine Sorgen mehr machen. Auch wenn Rhodan der Gedanke an ein ewiges Leben manchmal Angst einjagte, begriff er es meistens doch als das, was es war: die Chance und die Verpflichtung, sich für jene einzusetzen, die weniger Glück gehabt hatten.
Thoras Lider flatterten, dann schlug sie die Augen auf. Auf ihrer hellen Stirn erschienen ein paar winzige Fältchen. Ihre Lippen kräuselten sich leicht. Die schmale Grube zwischen Nasenspitze und Mund vertiefte sich ein wenig.
Wie schön sie doch ist!, dachte Rhodan.
»Was tust du da?«, wollte sie wissen.
»Ich schaue dich an«, antwortete er.
»Machst du das öfter?«
»Wann immer ich die Gelegenheit dazu habe.« Rhodan grinste.
»Auch heimlich?«, fragte die Arkonidin. »So wie gerade eben?«
Nun war es an Rhodan, die Stirn zu runzeln. »Heimlich?«, wiederholte er. »Das klingt bei dir, als wäre ich ein Spanner. Wir sind verheiratet; erinnerst du dich? Ich habe gewissermaßen das Recht, dich anzusehen.«
Thora seufzte. Sie murmelte etwas auf Arkonidisch, das er nicht verstand. Dann erhob sie sich und schwang die Beine aus dem Bett. Rhodan sah ihr hinterher, bis sie im Hygienebereich ihres gemeinsamen Apartments verschwunden war.
