Perry Rhodan Neo 313: Zeitfraß - Rüdiger Schäfer - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 313: Zeitfraß E-Book und Hörbuch

Rüdiger Schäfer

3,5

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Beschreibung

Als Perry Rhodan von einer Mission zu fernen Sternen zurückkehrt, stellt er fest: Das gesamte Solsystem ist durch einen gigantischen Sperrschirm von der Außenwelt abgeschottet. Nur mit größter Mühe kann er diese Barriere überwinden. Auf der Erde erfährt er, dass 82 Jahre vergangen sind, seit er von dort aufgebrochen ist. Die Menschen haben sich radikal verändert – die meisten können keine Emotionen wie Mitleid oder Freude mehr empfinden. Die wenigen Immunen werden von einer Diktatur der reinen Vernunft unterdrückt. Perry Rhodan muss auf den Mars fliehen, wo er einem furchtbaren Verbrechen auf die Spur kommt. Sein Freund Reginald Bull plant währenddessen, eine Waffe zu bauen, um den Sperrschirm zu zerstören. Er will Hilfe von außerhalb holen und setzt seine ganze Hoffnung auf den ZEITFRASS ...

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Zeit:5 Std. 55 min

Veröffentlichungsjahr: 2023

Sprecher:Hanno Dinger

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Band 313

Zeitfraß

Rüdiger Schäfer

Rainer Schorm

Cover

Vorspann

Aphilismen – Der Große Fresser

1. Reginald Bull: Einsturz

2. Perry Rhodan: Innehalten

3. Reginald Bull: Kreuzung

4. Sergio Percellar: Audienz

5. Reginald Bull: Saturnalien

6. Sergio Percellar: Die Suche

7. Perry Rhodan: Und wieder Flucht

8. Reginald Bull: Straße der Maschinen

9. Sergio Percellar: Sylvia

10. Reginald Bull: Ixions Erbe

11. Perry Rhodan: Überraschende Wendung

12. Reginald Bull: Der Rat des MINSTRELS

13. Perry Rhodan: Das Positronikzentrum

14. Reginald Bull: Der Coup

15. Perry Rhodan: Das Geheimnis

16. Reginald Bull: Beute

17. Sergio Percellar: Annäherung

18. Reginald Bull: Evakuierung

19. Perry Rhodan: Erkenntnisse

20. Reginald Bull: Zeitfraß

21. Perry Rhodan: Der Maulwurf

22. Reginald Bull: Der Krieg beginnt

23. Perry Rhodan: Zurück auf der Erde

Impressum

Als Perry Rhodan von einer Mission zu fernen Sternen zurückkehrt, stellt er fest: Das gesamte Solsystem ist durch einen gigantischen Sperrschirm von der Außenwelt abgeschottet.

Nur mit größter Mühe kann er diese Barriere überwinden. Auf der Erde erfährt er, dass 82 Jahre vergangen sind, seit er von dort aufgebrochen ist. Die Menschen haben sich radikal verändert – die meisten können keine Emotionen wie Mitleid oder Freude mehr empfinden. Die wenigen Immunen werden von einer Diktatur der reinen Vernunft unterdrückt.

Perry Rhodan muss auf den Mars fliehen, wo er einem furchtbaren Verbrechen auf die Spur kommt. Sein Freund Reginald Bull plant währenddessen, eine Waffe zu bauen, um den Sperrschirm zu zerstören. Er will Hilfe von außerhalb holen und setzt seine ganze Hoffnung auf den ZEITFRASS ...

Aphilismen

Der Große Fresser

Die Luft war geladen.

Elektrizität kribbelte auf ihrer Haut, noch bevor sich die Hölle auftat. Sie spürte ihr Herz hektisch schlagen, bis hinauf in den Hals. Für einen kurzen Augenblick glaubte sie, ihr sei schwindlig. Aus der Erde kroch ein Zittern ihre Beine empor. Es war, als stünde sie auf einem schwankenden Boot. Dann kam der erste Stoß.

Cinta taumelte, schaffte es aber, sich an der Hauswand abzustützen. Sie war eine Immune, das spielte in dieser Situation jedoch kaum eine Rolle. Angst war das, was alle Menschen miteinander verband, ob Aphiliker oder nicht.

Nein, nicht Angst: Panik.

Kleinere Erdbeben waren im Malaiischen Archipel nicht selten, aber dieses würde gewaltig sein, das wusste sie sofort. Der zweite Stoß schleuderte sie in einen Gebäudeeingang. Sie konnte sich nicht festhalten, zu übermächtig waren die Kräfte, welche die Erde erschütterten.

Schreie. Überall schrien Menschen. Sie hob mühsam den Kopf und sah Kinder aus einem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite rennen, dann folgten einige Erwachsene.

Stolpern war wohl der bessere Begriff. Die meisten fielen hin. Die Fenster der Gebäude ringsum explodierten förmlich und übersäten die Straße mit Glassplittern. Das Schreien wurde schriller.

Cinta spürte eine Berührung an der linken Wade. Verständnislos starrte sie auf die Scherbe, die aus dem Muskel ragte. Dann erst kam der Schmerz.

Dichter, weißer Staub drang aus dem Innern der Häuser. Der Blick auf den Mount Kinabalu verwischte, als stiege Nebel auf. Die Arbeitersiedlung, die zur Mamut Percellar Mine gehörte, war nicht allzu groß, und Cinta ahnte, dass nach diesem Erdbeben nicht viel davon übrig sein würde.

In einer modernen Stadt hätte man vielleicht gegen solche Naturkatastrophen vorgesorgt. Aber Prall- und Traktorfeldprojektoren waren teuer, und nichts hassten Aphiliker so sehr wie einen unrentablen Ressourceneinsatz. Für Cinta war das zwar immer ein Widerspruch gewesen, weil die Furcht eine der wenigen emotionalen Regungen war, die Aphiliker empfanden. Aber andere zu schützen, hatte für Aphiliker keine Priorität – die galt ausschließlich dem eigenen Wohl.

Die Gebäude wankten, als traktiere ein Riese alles mit Fußtritten. Der Lärm machte Cinta beinahe taub. Der Riese trat nach. Sie erinnerte sich an die Märchen, die ihr ihre Großmutter, eine Kayan, erzählt hatte. Von Gayo Nakan, dem König und »Großen Fresser«, der am Fuß des Mount Kinabalu sein Unwesen trieb. Die Kayan gehörten zu den indigenen Dayak-Völkern. Sehr viel war von ihren Glaubensvorstellungen nicht mehr übrig, das war bereits vor der Zeit der reinen Vernunft schon so gewesen.

Die Mauern knackten. Putz bröckelte ab, als der Große Fresser erneut aufstampfte. Rechts von ihr, etwas zurückgesetzt von der Straße, ratterte die Blechwand eines Schuppens, bevor sie mit einem kreischenden Geräusch abriss und gegen die nächste Hauswand prallte.

Niemand war mehr auf den Beinen. Alles zitterte und bebte. Jeder Erdstoß dauerte scheinbar Ewigkeiten, dann hörte Cinta etwas zerbrechen.

Schutt prasselte auf sie nieder, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, sie war nicht mal in der Lage, sich wegzurollen. Die Schläge trafen sie überall, bis sie ohnmächtig wurde.

Wie lange sie ohne Bewusstsein gewesen war, wusste sie nicht. Sie konnte sich nicht bewegen, war bis zum Brustkorb eingeklemmt. Ein dumpfer Schmerz rumorte in ihr – richtig schlimm würde es wohl erst werden, sobald sich das Adrenalin und die körpereigenen Endorphine abgebaut hatten. Wahrscheinlich war ihr Körper zerschmettert.

Es stank jämmerlich. Abwasserleitungen waren gebrochen. Rinnsale gruben sich durch die Schuttschicht am Boden.

Die Luft war staubig. Sie versuchte, nicht zu husten, schaffte es aber nicht. Eine Schmerzwelle hätte sie beinahe zurück in die Bewusstlosigkeit gespült, doch das blieb ihr versagt.

Sie versuchte, zu rufen. Was aus ihrem Mund kam, war aber nur ein heiseres Krächzen. Irgendwo in der Nähe hörte sie ein Wimmern. Etwas weiter entfernt schien jemand mit dünner, zittriger Stimme zu beten. Die schwere, heiße Luft lag auf ihr wie eine zusätzliche Decke aus Blei. Sie schwitzte, der Staub und die Feuchte verbanden sich zu einem schmierigen Film auf ihrer Haut.

Ob die Zeit stillstand? Cinta hätte darauf geschworen. Irgendwann, als der Schmerz längst in ihrem Körper wütete, hörte sie ein anderes Geräusch. Ein Surren.

Ein Flugroboter? Vielleicht die OGN?

Ein Schemen erschien im Dunst, wurde größer und deutlicher. Es war tatsächlich ein Flugroboter, aber eindeutig eins der staatlichen Modelle. Nur ein Überwachungsauge – was sonst? Kein Aphiliker würde sich persönlich hierherwagen – nicht solange die Nachbeben nicht abklangen. Todesfurcht würde die Emotionskrüppel von jeder Sofortunterstützung abhalten.

»Hilfe!«, rief sie leise, so zittrig wie das Gebet, das vor einiger Zeit bereits verstummt war.

Der kleine Flugroboter stand nun über ihr. Sie wusste, dass die Systeme sie abtasteten. Gesichtserkennung, Bioscan, all das waren Standardprozeduren. Vielleicht beobachtete sogar ein Operator die Vorgänge.

»Hilfe ...«, wiederholte sie.

Sie sah Lichter an der Maschine, zuerst stabil, dann flackerten und erloschen sie. Der Roboter flog zurück in die Staubwolke, aus der er gekommen war. Er war von den Behörden wahrscheinlich nur losgeschickt worden, um alles zu dokumentieren. Nicht, um zu helfen.

Cinta schluchzte.

Sie war nichts wert. Sie konnte keinerlei wichtige Fähigkeiten, keine Ausbildung vorweisen, die sich amortisieren musste. Sie war schwer, wahrscheinlich lebensgefährlich verletzt, der medizinische Aufwand stand in keinem Verhältnis zum unwahrscheinlichen Erfolg.

Niemand würde sie retten.

Niemand half einem Nichts.

Mit letzter Kraft flüsterte sie ihren Namen: »Cinta.«

Cinta war das malaiische Wort für »Liebe«.

1.

Reginald Bull: Einsturz

Der geologische Alarm überraschte Reginald Bull. Dass Borneo in einem tektonischen Brennpunkt der Erde lag, war nicht neu. Die deshalb in der Region installierten Warnsensoren waren hoch entwickelt. Aber wie Vulkanausbrüche blieben auch Erdbeben nach wie vor kaum vorhersehbar. Die Sundaplatte, auf der Borneo lag, war umgeben von Verwerfungen, Rissen, Überschiebungen und anderen Kontinentalplatten, da war Unruhe der Normalfall. Bereits vor einigen Tagen hatten die Geoscan-Stationen die Alarmstufe erhöht. Was solche Dinge betraf, konnte man sich auf die offiziellen Systeme sogar verlassen. Ein eigenes Sensorennetzwerk aufzubauen, war der OGN, der Organisation Guter Nachbar, völlig unmöglich, sie litt unter einem ständigen, dramatischen Ressourcenmangel.

Man vergisst es zu schnell, dachte Bull. Oder besser, man verdrängt es. Naturgewalten waren immer zerstörerisch, wenn sie ein gewisses Maß überschritten. Aber niemand konnte dauerhaft unter einer solchen Bedrohung leben, wenn er ständig darüber nachdachte.

Auf Borneo selbst war Vulkanismus kaum ein Problem, obwohl die Insel, wie die meisten des Archipels, einen vulkanischen Ursprung hatte. Aber sogar um gefährliche Vulkane herum siedelten seit Jahrtausenden Menschen.

Die ersten Stöße drangen aus der Erde.

Neben Bull stand Sander Pawlow, ein OGN-Logistiker. »Oh, das wird heftig!«, stieß der drahtige, beinahe dürre Spezialist hervor. »Ich hoffe, die Schutzfelder halten.«

Bull kannte ihn seit gerade mal fünf Stunden. Offenbar war Pawlow ein Neuzugang; manchmal merkte man ihm die Anfängerunsicherheit noch an. So wie im Moment. Die Falten in seinem hageren Gesicht schienen sich zu vertiefen.

Sieht aus wie die Simulation eines aktiven tektonischen Grabenbruchs, dachte Bull. Wie passend!

Das Hauptquartier der Organisation Guter Nachbar verbarg sich in einem eigentlich stillgelegten Areal der alten Mamut Percellar Kupfermine, das während der vergangenen Jahre intensiv ausgebaut worden war – soweit es die beschränkten Mittel der OGN zuließen. Trotz des Einsatzes von Hochenergiesystemen hatte diese Widerstandsgruppe gegen die Diktatur der Aphilie es geschafft, dort unentdeckt zu bleiben. So mangelhaft die mobile Ausrüstung auch war, zumindest diese Zentrale hatten sie mit dem Notwendigen ausgestattet. Dazu kamen Sicherheitssysteme, die den Bau unter anderem gegen tektonische Gewalten stabilisierten.

Dennoch gefiel Bull der Gedanke, während eines Erdbebens unter der Oberfläche zu sein, ganz und gar nicht. Bei einer Konfrontation der Natur mit Technologie siegte meist die Natur.

»Das ist kein Ort für Leute mit Klaustrophobie«, murmelte er.

Pawlow überprüfte einige Anzeigen auf seinem Multifunktionsarmband, und Bull registrierte beunruhigt, dass der Logistiker sich danach mehr Sorgen machte als davor.

»Was ist?«, fragte Bull.

Die Antwort bekam er von Mutter Erde selbst, die sich schüttelte, als schlage jemand mit einem monströsen Knüppel auf den Berg ein.

»Wir haben eine neun auf der Richterskala«, rief Pawlow erschrocken. »Es ist nicht das kräftigste Beben der jüngeren Vergangenheit, aber nah dran. Bleiben Sie, wo Sie sind. Ich habe die Prallfelder verstärkt. Hier müssten wir sicher sein.«

Ah! Müssten ..., dachte Bull. Ich weiß schon, warum ich den verdammten Konjunktiv nicht mag. Wo ist Leibnitz?

Der Stoß verebbte und gewährte ihnen eine Atempause. Dabei war Bull sicher, dass das dicke Ende erst noch kommen würde.

Leibnitz und seine Posbipartnerin Monade waren ein Stück weit hinter ihnen im Korridor zurückgeblieben. Die beiden waren wie Bull selbst auf dem Weg zu einer der wichtigsten Besprechungen, die in der Organisation Guter Nachbar seit ihrer Gründung je stattgefunden hatte.

Ein Kriegsrat, sinnierte Bull. Jedes andere Wort wäre gelogen, gleichgültig wie sehr es mir widerstrebt. Leibnitz wird nicht akzeptieren, dass wir weiterhin passiv bleiben. Die Aphiliker haben ihn eine schiere Ewigkeit lang in einem Stummhaus festgehalten und von Monade getrennt. Sie haben die Posbi sogar demontiert. Man könnte sagen, sie haben damit zugleich auch seinen Geist auseinandergeschraubt. Ich kann mir nicht mal annähernd vorstellen, wie das sein muss. Kann Monade in Leibnitz eigentlich so etwas wie ein Rachebedürfnis erzeugen? Aber vielleicht hat sich all das nach diesem verdammten Beben ohnehin erledigt.

Ein neuer, kurzer Stoß – es war unmöglich, sich auf den Beinen zu halten, Bull ging in die Knie. Er gehörte zu den Unsterblichen ... eher den relativ Unsterblichen. Denn Gewalt konnte ihn ebenso umbringen wie jeden anderen Menschen.

Er war einiges gewohnt. In den Jahren, bevor die Aphilie die Menschheit heimgesucht hatte, war er lange Zeit der Buhmann der Terraner gewesen. Leticrons Büttel und Prügelknabe für jeden, der unzufrieden gewesen war. Die Tyrannei des Überschweren, die Versklavung der Menschheit, hatte Bull gezeichnet. In der Nähe eines Gewaltherrschers war man sich seines Lebens niemals sicher; vielleicht lag es daran. Vielleicht sträubte er sich aus diesem Grund so sehr, mit der OGN aus dem Schatten zu treten. Die Organisation half im humanitären Bereich, wo immer sie konnte – und die Aphiliker mit ihrem Oberhaupt, dem sogenannten Licht der Vernunft, warfen ihnen nur selten Knüppel zwischen die Beine. Die OGN war eine Hilfe, obwohl sie die Standards der Aphiliker nicht akzeptierte. Das musste sich nun wahrscheinlich ändern. Das Jahr 82 der reinen Vernunft näherte sich dem Ende. Weihnachten stand vor der Tür ... für die Immunen. Einen Aphiliker interessierte das nicht im Mindesten.

Zum Teufel mit der reinen Vernunft! Ich verabscheue die Kerle dafür, dass sie aus der Vernunft einen solchen Popanz gemacht haben.

»Achtung!«, schrie Pawlow panisch. Seine Stimme war schrill, geradezu hysterisch.

Die Warnung kam zu spät. Einige Prallfelder kollabierten unter dem enormen Druck von unzähligen Tonnen Gestein.

Staub füllte die Luft, das Knacken im Fels war viel zu laut. Die noch aktiven Schutzfelder verhinderten einen kompletten Einsturz, dennoch brach Material aus der Stollendecke. Große Brocken hämmerten zu Boden. Getroffen wurde niemand, aber das war reines Glück. Bull hatte schützend die Hände über den Kopf gehoben, wohl wissend, dass es eine rein symbolische und instinktive Geste war.

In einiger Entfernung rumpelte es bedrohlich. Eine Staubwolke wurde durch den Korridor gepresst. Die Temperatur stieg mit einem Mal drastisch an, als hülle ein heißer Wüstenwind Bull und Pawlow ein. Der begleitende Lärm traktierte die Trommelfelle.

»Meine Güte«, krächzte Pawlow und spuckte Staub. »Das war verdammt knapp!«

Bull holte mühsam Atem, dann hustete er, bis das Lufterneuerungssystem den Großteil des Staubs abgesaugt hatte. »Leibnitz!«, brüllte er.

Keine Antwort.

»Kommen Sie!«, forderte er Pawlow auf. »Ich hoffe, wir kommen nicht zu spät.«

Pawlow zögerte. Bull glaubte, die Panik zu spüren, die den Logistiker im Griff hatte. Vor einigen Minuten hatte Bull die Vorstellung, im Berg begraben zu werden, ebenfalls zu schaffen gemacht; und Bull war hart gesotten. Dennoch kam ihm Pawlows Reaktion übertrieben vor.

Der Boden war bedeckt mit Schutt, aber der Weg zurück war zumindest nicht völlig blockiert. Die OGN verfügte über einen gewissen Fundus an Arbeits-, Räum- und Medorobotern, den die Organisation über Jahre zusammengesucht hatte. Meist ältere Modelle, aber sie taten ihren Dienst. Spätestens der Alarm würde sie aktiviert haben. Dazu waren keine speziellen Befehle nötig.

Bull rannte. Hinter der nächsten Kurve sah er genau das, was er befürchtet hatte: Die Decke war eingebrochen, und große Brocken versperrten den Weg.

Wenn sie darunter verschüttet wurden, dann gute Nacht.

»Leibnitz!«, schrie er erneut. Neben dem persönlichen Verlust bestand die Gefahr, dass der Kriegsrat nun überflüssig geworden war.

Denn Hauptthema der Besprechung sollte der Bau eines speziellen Raumtorpedos sein, eines sogenannten Hyperperforators. Mit dieser Waffe wollte die OGN den schwarzen Sperrschirm zerstören, der das Solsystem vom Rest des Universums isolierte. Und ein Teil der Konstruktionsdaten, die von der lunaren Hyperinpotronik NATHAN stammten, war verschlüsselt. Nur Leibnitz, der einzige NATHAN-Interpreter, der zur Verfügung stand, konnte diese Informationen decodieren.

Kurz musste Bull an seine beiden Töchter denken, die zwar ebenfalls NATHAN-Interpreterinnen waren, sich zurzeit aber unerreichbar auf dem Mond aufhielten. Laura und Sophie ... Dass Sophie zu einer Aphilikerin geworden war, schmerzte furchtbar. Ändern konnte er daran nichts.

»Die Brocken sind zu groß.« Pawlow hielt deutlichen Abstand. Man sah ihm an, dass er seinen Fluchtimpuls nur mit Mühe unterdrücken konnte. Hinter ihm näherten sich die ersten Hilfskräfte, allerdings noch ohne schweres Gerät. »Mit bloßen Händen erreichen wir überhaupt nichts. Wir sollten gehen.«

Bull kniff die Augen zusammen. Obwohl der Staub bereits größtenteils abgesaugt war, roch es eigenartig mineralisch. Es entsprach nicht seinem Charakter, wegzulaufen, schon gar nicht, wenn Freunde in Gefahr waren. »Ob sie noch leben?«

Pawlow warf ihm einen schiefen Blick zu. »Wieso fragen Sie das ausgerechnet mich? Ich weiß nicht mehr als Sie. Ich weiß nur, dass ich nicht zerquetscht werden will. Lassen wir die Roboter ihre Arbeit erledigen.«

»Treten Sie etwas zurück!«, forderte sie ein Arbeitsroboter auf. »Das Geröll ist instabil und könnte nachrutschen.«

Als wolle der Trümmerhaufen der Maschine recht geben, geriet ein kleiner Teil der Brocken in Bewegung. Erneut bildete sich eine Staubwolke.

Pawlow wich zitternd zurück. »Ich hab's doch gesagt!«, sagte er schrill.

Meine Güte, er steht kurz davor, komplett durchzudrehen, dachte Bull. Aber jetzt ist mir klar, warum er Logistiker und damit nicht im aktiven Hilfseinsatz ist. Dabei wäre er nur im Weg.

»Wir können nicht warten!«, rief er den Robotern zu, die als Erstes Stützfelder errichteten.

Er ließ sich von einer Arbeitsmaschine ein Desintegratormodul geben. Das Gerät war klobig und schwer, er konnte jedoch nicht einfach tatenlos danebenstehen. Es ging darum, Leibnitz zu retten. Ohne ihn würde niemand auf der Erde den Bauplan des Schirmzerstörers dechiffrieren können – aber das war gar nicht das Wichtigste. Ein Mensch war in Lebensgefahr. Einen anderen Grund brauchte Bull nicht.

Verbissen arbeitete er sich durch den Schuttberg, unterstützt von den Arbeitsmaschinen. Er hatte genug Erfahrung, um den Robotern nicht ins Gehege zu kommen.

Hinter sich hörte er Pawlow schwer atmen.

»Was tun Sie denn?«, bedrängte ihn der Logistiker. »Bringen wir uns in Sicherheit. Sie wissen doch gar nicht, ob sich der Aufwand lohnt ...«

Bull zuckte innerlich zusammen, schwieg aber. Direkt vor ihm beseitigte das Desintegrationsfeld eine Geröllagglomeration. Grober Staub rieselte nach, und Bull trat einen Schritt zurück. Dann sah er das Glänzen.

»Schneller!«, brüllte er fieberhaft. »Wir haben sie. Da ist ein Energiefeld!« Das muss Monade sein, dachte er. Darauf hatte ich gehofft.

Niemand wusste, ob die Posbi die Dekonstruktion im Stummhaus völlig überstanden hatte – und ob ihr Wiederzusammenbau korrekt und vollständig gewesen war. Oberflächlich wirkte Monade unversehrt, aber das hatte in Anbetracht der internen Komplexität eines positronisch-biologischen Roboters nicht viel zu sagen.

Der leichte Schimmer verstärkte sich. Es sah aus wie die Oberfläche einer schillernden Seifenblase. Im Innern bewegte sich etwas. Da war Monades schwarzer, ovaler Körper und hinter ihr ein Schatten. Das musste Leibnitz sein.

Ein grünes Lichtsignal flackerte über die Oberfläche der Posbi und bildete ein Wort: »Zurück!«

Bull reagierte sofort. Er hob die Hand und winkte die Roboter zurück. »Prallfelder seitlich verstärken«, rief er. »Sie brechen nach vorn aus!«

Eine Gasse entstand. Es knackte und knirschte, dann schoss das Paar im Innern des Schirms mit einem einzigen Satz vorwärts, drückte Schotter und Geröll weg. Hinter der Energieblase stürzte das Material krachend in die entstehende Lücke.

Eine Staubwolke folgte. Die Luftumwälzung drehte auf. Bisher hatte sie lediglich die von den Desintegrationsfeldern erzeugten molekularen und atomaren Gase beseitigen müssen, nun kam weiteres Material hinzu.

Bestürzt sah Bull, dass der Energieschirm, mit dem Monade Leibnitz geschützt hatte, stark flackerte und jäh erlosch.

Leibnitz wurde sichtbar, trat einen Schritt näher und klopfte sich die Jacke aus. Er hustete und blinzelte.

»Mister Bull! Es tut gut, Sie unverletzt zu sehen. Sie sind gerade noch rechtzeitig gekommen, wenn ich das so sagen darf. Monade hätte den Steinschlag wahrscheinlich überstanden ... ich selbst sicher nicht.«

»Warum war der Schutzschirm so schwach?« Bull legte das Desintegratormodul zur Seite. »Was da herunterkam, war eine gewaltige Masse, aber ...«

Leibnitz sah bereits in normalem Zustand aus, als habe er gerade ein mehrtägiges Besäufnis hinter sich. Aber nun, mit Staub bedeckt und mit verklebten Haaren, wirkte er tatsächlich so, als wäre er dem Tod von der Schippe gesprungen.

»Ah«, antwortete er gedehnt, »seit Monades Rekonstituierung arbeitet sie unablässig auch an der meinen. Sie wissen ja, dass sie mein Persönlichkeitsschrittmacher ist – und das erfordert sehr, sehr viel Energie. Das menschliche Gehirn ist die komplizierteste Struktur, die wir kennen. Nein, sagen wir besser: das Gehirn jeder hoch entwickelten Spezies. Ich habe da schließlich kein Patent drauf. Ebenso komplex wie die Struktur des Zerebrums sind die Abläufe, die eine Persönlichkeit hervorbringen. Diese Rekonstituierung ist daher sogar für Monade eine Herausforderung. Und Energie kann niemand beliebig erzeugen. Haben Sie einen Schluck Wasser für mich?«

Bull reichte ihm eine der kleinen Flaschen, die fast jeder auf Borneo bei sich trug. Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit machten das nötig. Auch ihm selbst war nach einem kräftigen Zug zumute, um den Staub aus der Kehle zu spülen.

Leibnitz nahm erst einen tiefen Schluck, dann einen zweiten und schüttete sich den Rest über Kopf und Gesicht. »Ah!«, machte er. »Ich fürchte, ich bin für eine Besprechung nicht unbedingt im besten Zustand.« Er grinste. »Aber da müssen Sie durch!«

Reginald Bull sagte nichts. Stattdessen drehte er sich um, sah, dass mittlerweile einige Sicherheitskräfte anwesend waren, und deutete auf Sander Pawlow. »Halten Sie ihn fest, und untersuchen Sie ihn. Ich denke, er ist ein Aphiliker!«

Aphilismen

In der Höhle des Löwen

Mauro Santoro überprüfte den Ladepegel seiner Energiewaffe zum geschätzt zehnten Mal in der vergangenen halben Stunde. Die Anzeige zeigte hundert Prozent, genau wie die neun Male zuvor.

Du musst runterkommen, hämmerte er sich wieder und wieder ein. Es ist Pech, dass sie ausgerechnet dich ausgewählt haben, aber das kriegst du hin. Halt dich im Hintergrund und versuch einfach, nicht aufzufallen.

Einfach. Das war leicht gesagt. Seit er die Aufnahmeprüfung im Hohen Amt für Frieden bestanden und zu einem Schlichter geworden war, war nichts mehr einfach. Seit diesem Zeitpunkt lebte er mitten in der Höhle des Löwen – für nun schon mehr als sechs Monate. Ein Immuner unter Aphilikern, den man jede Minute entlarven konnte.

»Bist du so weit?«

Santoro wäre beinahe zusammengezuckt. Dabei wusste er, dass Aik Sundberg hinter ihm stand. Der andere Schlichter hatte das Magazin vor zwei Minuten betreten und wartete seitdem darauf, dass Santoro den Rest seiner Gefechtsausrüstung anlegte.

Konzentrier dich!, dachte er, wütend auf sich selbst. Er ließ den Helm in die Arretierung klicken, setzte eine gleichgültige Miene auf und drehte sich um.

Sundberg musterte ihn, nickte dann. »Gut. Komm jetzt! Wir müssen uns beeilen.« Er warf einen Blick auf sein Multifunktionsarmband. »Sammelstelle Delta einundzwanzig. Wir haben noch fünf Minuten.«

Kaum hatten sie das Materiallager verlassen, fielen sie in einen lockeren Trab. Sundberg übernahm die Führung, Santoro eilte ihm hinterher.

Nach dem letzten Einsatz hatte man Santoro und seine Einheit an den Rand von Bradbury Central verlegt. Dort brachten die Aphiliker einen Großteil der auf dem Mars stationierten Friedensdiener unter, wie die Soldaten des Regimes offiziell genannt wurden. Es gab insgesamt einundzwanzig solcher Kasernen – strategisch rund um die Hauptstadt des Roten Planeten verteilt. Viele waren nur sporadisch besetzt, doch in den vergangenen Wochen war eine Menge zusätzliches Personal von der Erde herangeschafft worden.

»Hast du eine Ahnung, worum es geht?«, fragte Santoro im Laufen. Ihre jüngste Mission – eine klassische Säuberung – lag erst wenige Stunden zurück. Eigentlich hätte danach eine mindestens eintägige Regenerationsphase folgen müssen.

»Ist das wichtig?«, fragte Sundberg zurück. »Zu dienen, ist unser Privileg. Zu gehorchen, ist unsere Pflicht.«

»Ja, ja, natürlich.« Dass Sundberg statt einer vernünftigen Antwort nur die Phrasen des Regimes rezitierte, wunderte Santoro nicht. Eine wirkliche Beziehung – von Freundschaft gar nicht erst zu reden – bestand zwischen ihnen nicht. Der stämmige Skandinavier war ihm als Kontaktoffizier für Santoros erstes Dienstjahr zugeteilt worden. Einen persönlichen Zugang zu ihm hatte Santoro bislang nicht gefunden, und daran würde sich wohl auch nichts ändern.

Sie erreichten die Sammelstelle in einem der beiden Hangars in unter vier Minuten. Die meisten Kameraden waren bereits anwesend. Kaum jemand unterhielt sich. Aphiliker tauschten sich nur selten über private Dinge aus. Ihr Leben war von Effizienz und Zweckmäßigkeit bestimmt. Das hatte Santoro in den vergangenen Monaten zur Genüge gelernt.

Natürlich hatte man ihn auf die Infiltration vorbereitet. Die Aphilie, hatten ihm die Ärzte und Psychologen der OGN erklärt, trat in zwei Ausprägungen auf. Zum einen gab es jene Menschen, die man als Typ A bezeichnete. Sie waren nicht mehr in der Lage, Emotionen zu empfinden. Dadurch verloren sie jegliche Eigenmotivation und waren praktisch unfähig, auch nur die einfachsten Entscheidungen zu treffen. Sie konnten nicht mehr priorisieren und taten deshalb meistens gar nichts.

Das machten sich die Aphiliker des Typs B zunutze, die zwar nach wie vor Gefühle hatten, diese aber nicht mehr bewusst als solche registrierten. Durch klare Anweisungen und harte Strafen bei Nichtgehorsam lenkten sie die Typ-A-Aphiliker nach Belieben.

Aphiliker vom Typ B nahmen lediglich die physischen Auswirkungen von Emotionen wahr; ihr Verstand blieb davon unberührt. Sie spürten zum Beispiel keine Angst an sich, sondern lediglich einen beschleunigten Herzschlag oder feuchte Hände. Selbst unter größtem Stress blieb ihre Handlungsfähigkeit erhalten. Im Zentrum ihrer mentalen Ausrichtung stand einzig und allein die Zielerreichung.

In der Medizin gab es ein Krankheitsbild, das diesen Zustand einigermaßen treffend beschrieb: die Alexithymie. Man hatte herausgefunden, dass die Wurzel des aphilischen Übels im limbischen System des menschlichen Gehirns sitzen musste, doch Genaueres war nicht bekannt, weil das Regime gezielte Forschung weitgehend zu verhindern wusste. Hippocampus, Amygdala, Fornix, Gyrus cinguli, der Hypothalamus – das und einiges mehr waren betroffen, doch die komplexen Wechselwirkungen gaben den Forschern Rätsel auf.

»Achtung!« Vugar Ismailovs Stimme trug auch ohne Akustikfeld durch den gesamten Hangar.

Binnen Sekunden nahmen die gut zwei Dutzend Frauen und Männer Haltung an und richteten ihre Aufmerksamkeit auf den Führungsoffizier der Einheit. Er unterstand direkt der Ersten Friedensbringerin Sora Chung-hee, die bei den Einsatzbesprechungen jedoch selten anwesend war.

»Hergehört!«, rief Ismailov. »Wir haben Meldung über die Position des Gesuchten Perry Rhodan erhalten. Er hält sich auf einem der Raumhäfen am südlichen Stadtrand verborgen, nur knapp zwei Kilometer von unserem Standort entfernt. Wir werden das Gebiet gemeinsam mit zwei weiteren Einheiten abriegeln und die Zielperson festsetzen.«

Santoro spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Dass der legendäre Perry Rhodan, die seit mehr als achtzig Jahren verschollene ehemalige Ikone der Terranischen Union, plötzlich im Solsystem aufgetaucht war, hatte er bereits neulich gehört. Seitdem hatte es praktisch jeden Tag neue Gerüchte gegeben. Nun hörte er zum ersten Mal etwas Offizielles zu diesem Thema.

»Es ist elementar wichtig, dass wir diesen Rhodan lebend zu fassen bekommen«, fuhr Ismailov fort. »Deshalb werden wir mit äußerster Vorsicht operieren. Außerdem sollen wir eine gestohlene Datensammlung wiederbeschaffen, die aus einem Stummhaus entwendet wurde. Es gilt als gesicherte Erkenntnis, dass sie noch nicht in die Hände des Widerstands gefallen ist, sondern sich nach wie vor im Besitz der beiden Diebe befindet. Die übergeordnete Koordination übernimmt das zentrale Hauptquartier. Ihr werdet eure Befehle direkt von mir erhalten.«

Für ein paar Sekunden war nur das leise, schmatzende Geräusch zu hören, dass Ismailov beim Kauen seines Kaugummis erzeugte. Man erzählte sich, dass er ihn auch nachts nicht aus dem Mund nahm.

Ismailov ließ den Blick über die Versammelten schweifen. In seinen kantigen Zügen spiegelte sich kompromisslose Entschlossenheit.

»Wenn Perry Rhodan etwas zustößt«, sagte der Führungsoffizier mit unüberhörbar drohendem Unterton, »oder die Daten nicht sichergestellt werden, wird das für jeden von uns Konsequenzen haben. Drücke ich mich klar und verständlich aus?«

»Jawohl, Sir!«, antworteten die Anwesenden.

»Habe ich mein Gehör verloren, oder seid ihr eingeschlafen, verdammt? Ich habe euch etwas gefragt! Drücke ich mich klar und verständlich aus?«

»Jawohl, Sir!« Diesmal brüllten die Frauen und Männer mit voller Kraft.

Ismailov nickte zufrieden.

Santoro wandte vorsichtig den Kopf und sah zu Aik Sundberg hinüber. Dessen Gesicht war so ausdruckslos und nichtssagend wie das aller anderen Friedensdiener und sprach dem kollektiven Geschrei in absurder Weise Hohn. Wie so häufig in den vergangenen Monaten fühlte sich Mauro Santoro furchtbar elend. Er gehörte nicht hierher. Er war für diese Aufgabe nicht geeignet. Aber ein Zurück gab es nicht mehr.

2.

Perry Rhodan: Innehalten