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Irgendwann in ferner Zukunft: Einst hat der Astronaut Perry Rhodan die Terraner zu den Sternen geführt. Als er nun aus einer langen Stasis erwacht, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Die Menschheit ist zersplittert, die Erde nur noch ein Mythos. Seine Freunde und Weggefährten sind verschollen, die bekannten Sternenreiche zerfallen oder untergegangen. Wie es scheint, liegt die Galaxis zu weiten Teilen in Trümmern und Chaos. Was ist in den vergangenen Jahrhunderten geschehen? Sogar die Raum-Zeit-Struktur hat sich drastisch verändert. Was lauert im Zentrum der Milchstraße, und wer oder was verbirgt sich hinter dem Begriff Paragon? Perry Rhodan macht sich auf die Suche nach Antworten, nach seinen Freunden, nach einem Weg zurück zur Erde. Schnell erfährt er: Der Grund für all die Umwälzungen ist eine KOSMISCHE GENESIS ...
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Band 340
Kosmische Genesis
Rüdiger Schäfer
Cover
Vorspann
1. Naumann von Silikor: Anakonda
2. Naumann von Silikor: Aufbruch ins Abenteuer
3. Naumann von Silikor: Drion
4. Naumann von Silikor: Die Smaragdgruft
5. Naumann von Silikor: Der Fremde
6. Perry Rhodan: Erwachen
7. Naumann von Silikor: Hiobsbotschaft
8. Perry Rhodan: Die Ausreißerin
9. Naumann von Silikor: Das Monster im Dschungel
10. Perry Rhodan: Erste Antworten
11. Perry Rhodan: Im Garten
12. Perry Rhodan: Der Start
13. Perry Rhodan: Nimbus
14. Perry Rhodan: Imago
15. Naumann von Silikor: Die Geldeintreiber der Madame Nayda
16. Perry Rhodan: Zina
17. Perry Rhodan: Wo ist die Kugel?
18. Perry Rhodan: Bruder Augun
19. Perry Rhodan: Im Tempel von Paragon
20. Perry Rhodan: Bruder Oberon
21. Perry Rhodan: Paragon
22. Perry Rhodan: Nächtliche Heimsuchung
23. Perry Rhodan: Das Artefakt
24. Perry Rhodan: Das Geschenk
25. Perry Rhodan: Rendezvous mit Madame Nayda
26. Perry Rhodan: Kurs Rumal
Impressum
Irgendwann in ferner Zukunft: Einst hat der Astronaut Perry Rhodan die Terraner zu den Sternen geführt. Als er nun aus einer langen Stasis erwacht, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Die Menschheit ist zersplittert, die Erde nur noch ein Mythos. Seine Freunde und Weggefährten sind verschollen, die bekannten Sternenreiche zerfallen oder untergegangen.
Wie es scheint, liegt die Galaxis zu weiten Teilen in Trümmern und Chaos. Was ist in den vergangenen Jahrhunderten geschehen? Sogar die Raum-Zeit-Struktur hat sich drastisch verändert. Was lauert im Zentrum der Milchstraße, und wer oder was verbirgt sich hinter dem Begriff Paragon?
Perry Rhodan macht sich auf die Suche nach Antworten, nach seinen Freunden, nach einem Weg zurück zur Erde. Schnell erfährt er: Der Grund für all die Umwälzungen ist eine KOSMISCHE GENESIS ...
1.
Naumann von Silikor
Anakonda
»Fünfhundert?«
Naumann von Silikor hatte die Zahl so laut ausgesprochen, dass sich einige Gäste an den Nachbartischen umdrehten. Sie warfen ihm Blicke zu, die von Neugier über Verwunderung bis zu Missbilligung reichten.
»Das ist hoffentlich nicht dein Ernst«, fügte er deutlich leiser hinzu.
Sein Gegenüber, eine kleine, ziemlich füllige Frau – vermutlich eine Terranerin – mit wunderschönen, blauen Augen, aber unappetitlich schadhaften Zähnen, seufzte. Sie ließ ein paar Sekunden verstreichen, in denen von Silikor einen großen Schluck aus seinem Kaischkrug nahm.
So übel sieht sie eigentlich gar nicht aus, dachte er – und rief sich mental sofort zur Ordnung. Er trank bereits sein viertes Kaisch und hatte keine Lust, seinen zahlreichen Problemen ein weiteres hinzuzufügen.
Seine früheren Beziehungen waren allesamt irgendwann toxisch geworden. Das einzig Gute, was jemals aus einer seiner Verbindungen zu einer Frau hervorgegangen war, war Cleo. Und die würde schon bald ...
»Träumst du?«, riss ihn die Stimme der Terranerin aus seinen Gedanken. »Wenn du kein Interesse an dem Geschäft hast, kann ich gehen.«
»Nein, nein.« Er legte ihr rasch eine Hand auf den Arm.
Sie zog ihn nicht weg, sondern sah von Silikor nur mit ihren blauen Augen an. Mit diesen endlos tiefen, kobaltblauen, glänzenden ...
Hör auf! Sofort!, schrie ihn seine innere Stimme an, die er schon so oft ignoriert hatte.
»Es ist nur ...«, sprach er weiter. »Thesauren gibt es wie Sand in der Wüste. Woher soll ich wissen, ob das Ding echt ist?«
»Was ist das für eine dämliche Frage?«
Sie hatte sich ihm vorgestellt. Und natürlich hatte er ihren Namen sofort wieder vergessen. Anakonda oder Anabolika oder so ähnlich. Sie hatte die Lippen leicht geöffnet. Ihre schwarz verfärbten Zähne übten plötzlich eine unerklärliche Faszination auf ihn aus. Und die Lippen selbst ... Nun, die waren ausgesprochen sinnlich. Er konnte einfach nicht wegsehen. Was war nur mit ihm los?
»Na ja«, brachte er mit schwerer Zunge heraus. »Wenn die Karte echt ist, warum fliegst du dann nicht selbst hin und kassierst ab?«
»Weil ich jetzt Geld brauche«, antwortete Anakonda.
Naumann von Silikor hatte sich für diesen Namen entschieden, weil die Frau etwas Schlangenhaftes an sich hatte. Es gefiel ihm.
»Und weil ich kein Schiff habe«, ergänzte sie.
»Wir könnten uns ... zusammentun«, lallte von Silikor. »Ich könnte dich ... mitnehmen.«
»Ich hasse den Weltraum«, gab sie zurück und schwieg dann, als sei damit alles gesagt.
Naumann von Silikor nahm einen weiteren Schluck Kaisch, um sich Zeit zum Nachdenken zu verschaffen, doch in seinem Kopf herrschte ein unauflösbares Durcheinander. Sein verbliebenes Vermögen belief sich auf ziemlich genau fünfhundert Kredite. Hinzu kamen ein paar Painitmünzen, mit denen er seine Getränke bezahlen würde. Eigentlich waren die Kredite für Ersatzteile bestimmt, die seine Leute dringend benötigten, um die EUPHORION wieder halbwegs flugtauglich zu machen. Er hatte ein paar Frachtaufträge in Aussicht, die er aber nur mit einem einigermaßen intakten Raumschiff erfüllen konnte.
»Darf ich's noch mal sehen ...?«
Das Gesicht der Frau verschwamm. Von Silikor blinzelte, und das Bild klärte sich wieder. Anakonda zog einen Speicherwürfel aus der Tasche ihrer Jacke und presste den Daumen auf dessen Kontaktfläche. Ein flaches Hologramm entstand über der Tischplatte.
Naumann von Silikor sah sich kurz um. Das Homer's Odyssee war gut gefüllt. Die Kneipe lag in den Randbezirken von Trade City, unweit des einzigen Raumhafens der Stadt, der noch in Betrieb war. Niemand schien ihnen weitere Beachtung zu schenken; sein kurzer Ausbruch war schon wieder vergessen.
Der Halbakone betrachtete die zahlreichen Kurslinien und Navigationsangaben auf dem Thesaurus. Das Zielsystem hatte eine gelbe Normalsonne, um die acht Planeten kreisten. Der dritte davon war ... die Erde. Angeblich!
Er blätterte per Fingergesten durch die umfangreiche Datensammlung. Terras Bild, aus dem Weltall aufgenommen, war gestochen scharf, und er spürte, wie ihm die Tränen in die Augen traten. Konnte es wahrhaftig sein? Sol galt schon so lange als erloschen, die Erde als verschwunden. Das Raumgebiet, in dem die Heimatwelt der Menschen einst ihre Bahn gezogen hatte, war eine der größten Kalmenzonen innerhalb der Lokalen Blase und damit hochgefährlich. Dort waren bereits viele Sternenschiffe verschollen oder havariert. Und ausgerechnet diese Frau sollte den Schlüssel zu einem der legendärsten Orte der Milchstraße besitzen?
Nachdenklich betrachtete er die komplizierten Kursberechnungen, die einem Raumfahrzeug den Weg durch die Granulenfelder wiesen. Nur: Hielten sie, was sie versprachen? Wenn nicht, würde er keine Gelegenheit mehr erhalten, sich zu beschweren.
Fünfhundert Kredite sind eine Menge Geld, ging es ihm durch den Kopf. Allerdings nicht, wenn mich dieser Thesaurus tatsächlich zur Erde führt.
Er war müde. Es war schon spät gewesen, als er das Homer's Odyssee betreten hatte, um sich vor der Rückkehr zur EUPHORION noch einen kräftigen Schluck zu gönnen. Er wusste natürlich, dass Trinken keine Lösung war, weil Probleme ausgezeichnet schwimmen konnten. Aber es machte die Dinge leichter – zumindest für ein paar Stunden.
Die fremde Frau hatte sich einfach zu ihm gesetzt. Zuerst hatte er sie für eine der vielen Erostessen gehalten, die sich in Trade City ihren Lebensunterhalt verdienten. Doch dann hatte sie den Speicherwürfel auf den Tisch gelegt und zwei frische Kaisch geordert.
Naumann von Silikor war nicht dumm. Zumindest hielt er sich für nicht dümmer als den großen Rest der anderen Leute, die sich auf Olymp tummelten. Thesauren – also Schatzkarten zu Orten, an denen ihre Besitzer angeblich schnell und einfach reich wurden – konnte man an jeder Straßenecke kaufen. In den allermeisten Fällen handelte es sich um Fälschungen; mal mehr, mal weniger gut gemacht.
Er hatte Anakonda gefragt, warum sie ihr Angebot ausgerechnet ihm unterbreitete. Er sah ganz sicher nicht wie ein reicher Frachtkapitän aus, zumal sich so jemand bestimmt nicht ins Homer's Odyssee verirrte. Die Frau hatte nur gelächelt – mit geschlossenen Lippen, um ihr brüchiges Gebiss zu verbergen. Dann erklärte sie ihm, dass sie sich von ihren Gefühlen leiten ließ, und je länger ihr Gespräch dauerte, desto glaubwürdiger war sie ihm erschienen.
Anakonda legte die Hand über den Speicherwürfel, und das Holo erlosch. Die Erde. Dort sollte es angeblich eine Smaragdgruft geben. Vielleicht sogar mehrere. Wenn also wirklich ein sicherer Weg durch die Kalmenzone existierte ...
Eine der Bedienungen, ein verhuschtes Mädchen, das höchstens vierzehn oder fünfzehn Jahre alt war und einen langen Kapuzenmantel trug, nahm die leeren Krüge vom Tisch und ersetzte sie durch volle. Anakonda musste eine weitere Bestellung aufgegeben haben, ohne dass von Silikor es bemerkt hatte.
»Also, was ist?«, fragte sie. »Es gibt noch andere Interessenten, weißt du ...«
Fünfhundert Kredite! Das war alles, was er noch hatte. Durfte er das tun? Buchstäblich alles auf eine Karte setzen? Auf eine Schatzkarte?
Er griff nach seinem Krug und trank ihn mit einem Zug zur Hälfte leer. Er hatte die Geschichten, denen zufolge die Erde in der Symaios vernichtet worden war, nie geglaubt. Die meisten Aufzeichnungen und Berichte aus jener Zeit waren zerstört oder gelöscht und durch Märchen, Legenden und haufenweisen Unfug über Verschwörungen und kosmische Intrigen ersetzt worden. Terra stand im Zentrum sehr vieler dieser Erzählungen. Obwohl der Planet oder seine Sonne weder optisch noch ortungstechnisch erfasst werden konnten, war von Silikor überzeugt, dass sie immer noch existierten.
»Na schön, Anakonda«, stieß er schließlich hervor. Seine Zunge lag ihm wie ein Brocken zwei Wochen altes Rindenbrot im Mund. »Ich vertraue dir. Fünfhundert Kredite.« Er zog seine ID-Karte hervor und aktivierte sie mit einem Daumendruck. Ein winziges Bedienfeld leuchtete daran auf.
Auch Anakonda zog eine Karte hervor. Von Silikor hatte Mühe, die nötigen Codes in seine Karte einzugeben. Er brauchte mehrere Anläufe, schaffte es dann aber doch noch. Ein leiser Piepston signalisierte den erfolgreichen Geldtransfer.
Anakonda schob ihm den Speicherwürfel zu und stand auf.
»Wo ... Wo willst du hin ... meine hübsche ... Anakonda?«, fragte Naumann von Silikor. Sie war so schön. So wunderschön! Wie hatte er das am Anfang übersehen können?
2.
Naumann von Silikor
Aufbruch ins Abenteuer
Sie hatte ihn hereingelegt. Das war ihm schnell klar geworden, als er nach dem Verlassen des Homer's Odyssee und der Rückkehr zur EUPHORION in den frühen Morgenstunden in seinem Quartier erwachte. Sein Schädel dröhnte wie die altersschwachen Triebwerke des Walzenfrachters auf Volllast. Erst nach zwei Araspirin und einem großen Glas Vitaminsaft fühlte er sich ein wenig besser.
Diese Hexe hat mir etwas ins Kaisch gekippt, dachte er. Bei allen Sternengöttern: Ich habe mich wie ein blutiger Anfänger abkochen lassen!
Naumann von Silikor schleppte sich in die kleine Hygienezelle und drehte den Wasserspender auf. Nach einer Weile wurde die braune Flüssigkeit klar, und er schüttete sie sich mit beiden Händen ins Gesicht.
Das durfte doch alles nicht wahr sein! Wie sollte er das seiner Mannschaft erklären? Und Cleo?
Er fuhr sich durch die langen, weißgrauen Haare und starrte in den teilweise blinden Spiegel über dem Ablaufbecken. An der Seite wuchsen ein paar winzige Gypsblüten direkt aus dem mit einer moleküldünnen Silberschicht bedampften Glas. Von Silikor entfernte sie fast automatisch, indem er sie mit dem Daumen abrieb.
Die Sorgen eines langen und entbehrungsreichen Lebens hatten ihre Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Auch der üppige Vollbart konnte das längst nicht mehr verbergen.
Was bist du doch für ein erbärmlicher Versager!, rügte er sich. Dann ging er zu Cleo hinüber.
Seine Tochter schlief in einem kleinen Raum, unmittelbar hinter dem Wohnbereich. Cleo hatte die Augen geschlossen, atmete tief und gleichmäßig. Für ihre acht Jahre wirkte sie ungewöhnlich schmächtig. Von Silikor wusste, dass das auch an ihrer Krankheit lag.
Es vergingen sicher ein paar Minuten, in denen er einfach nur dastand und sie betrachtete. An den Türrahmen gelehnt und mit einem dicken Kloß im Hals.
Der Arzt, für dessen Konsultation von Silikor einen Haufen Kredite bezahlt hatte, hatte die Krankheit »Zerebral induzierte Amyotrophie« genannt. Sehr selten – und laut den Worten des Medikers unheilbar. Dabei kam es zu einem schleichenden Abbau der Muskelmasse des gesamten Körpers – teilweise unter heftigen Schmerzen. Im Endstadium folgte eine schnell voranschreitende Schwächung der Atem- und Herzmuskulatur, was irgendwann entweder zum Ersticken oder zum Kreislaufstillstand führte.
Von Silikor hatte sich die Diagnose schon mindestens hundert Mal durchgelesen. Er kannte sie auswendig. Jedes einzelne deprimierende Wort. Als wahrscheinlichste Ursache wurden dort erbliche Faktoren genannt. Cleos Mutter war Akonin, Naumann von Silikor selbst hatte einen akonischen Vater und eine terranische Mutter. Waren dadurch irgendwelche genetischen Unverträglichkeiten entstanden?
Dann bin ich schuld, dachte er wie schon so oft zuvor. Dann hätte ich niemals ein Kind zeugen dürfen ...
Er würde nie den Moment vergessen, als dieses kleine, zierliche Mädchen plötzlich vor ihm gestanden hatte. In einer Kneipe auf Nimbus, einer der Flüchtlingswelten, die sich schon kurz nach der Symaios etabliert hatten und wo all jene Zuflucht suchten, die zwar überlebt, aber alles verloren hatten. Die nicht mal mehr eine Heimat besaßen und nicht wussten, wohin sie sonst gehen sollten.
Das Kind war damals gerade fünf Jahre alt gewesen, hatte ihn mit großen Augen angesehen und ihm einen Umschlag entgegengestreckt. Er enthielt eine Geburtsurkunde, eine genetische ID-Karte und einen handbeschriebenen Zettel. »Das ist deine Tochter Cleo«, hatte darauf gestanden. »Ich habe die ersten Jahre übernommen. Jetzt bist du dran! Gruuna.«
Ein Standardscan in der kleinen Krankenstation der EUPHORION hatte genügte, um festzustellen, dass das Mädchen tatsächlich seine Tochter war. Gruuna von Mortark hatte er schon fast wieder vergessen gehabt. Die Akonin und er waren nur wenige Wochen lang ein Paar gewesen, aber das hatte offenbar ausgereicht. Nachdem sich ihre Wege getrennt hatten, hatte er nichts mehr von ihr gehört. Und dann das!
Ob Gruuna gewusst hatte, dass Cleo an einer tödlichen Krankheit litt, und sie deshalb loswerden wollte, vermochte er nicht zu sagen. Eine derartige Grausamkeit traute er Gruuna eigentlich nicht zu, aber richtig kennengelernt hatte er sie nicht. Dafür war ihre gemeinsame Zeit zu kurz gewesen.
Das Leiden hatte sich erst zwei Jahre später gezeigt. Es gab aber sicher Methoden, so etwas sehr viel früher zu diagnostizieren.
Naumann von Silikor nahm einen tiefen Atemzug und machte sich dann auf den Weg in die Zentrale. Dort erwartete ihn Hilly, eine Terranerin, die eigentlich Hilma hieß, aber diesen Namen hasste wie die Pest. Wenn man sie ärgern wollte, musste man sie nur so nennen. Ihren Nachnamen hatte sie nie preisgegeben.
Hilly war seine Navigatorin und Erste Offizierin. In Anbetracht des allgemeinen Zustands der EUPHORION und der Stimmung unter ihrer auf das absolute Minimum reduzierten Besatzung war Letzteres sicher eine übertriebene Bezeichnung für ihre Rolle. Aber der Titel gefiel ihr, also behielt ihn von Silikor bei.
Als er hinter Hilly trat, wandte sie kurz den Kopf. Auf ihrer Positronikkonsole blinkten etliche Lichter hektisch rot, was irgendwelche technischen Fehlfunktionen signalisierte. Das schien sie allerdings nicht zu beunruhigen. Sie grinste ihn mit grün verfärbten Zähnen an – eine Folge des Gypswurzelsuds, den Hilly zuweilen im Übermaß konsumierte – und fuhr sich mit der rechten Hand durch die grauen, verfilzten Haare.
»Kannst du das in die Positronik füttern?«, fragte er und hielt ihr den Speicherwürfel entgegen.
Sie griff danach und betrachtete ihn kritisch. »Ich kann es versuchen«, antwortete sie mit ihrer kratzigen Stimme und legte das fingernagelgroße Objekt aus teilkristallinem Kunststoff in eine Aussparung der Konsolenoberfläche vor ihr.
Ein leiser Piepston erklang, und über dem Positronikpult tauchte eine Reihe von Hologrammen auf. Eins davon zeigte die Erde, wie von Silikor sie schon am Abend zuvor im Homer's Odyssee gesehen hatte. Hinter ihm ertönte ein Pfiff.
Endo Kalkiris kauerte so tief in seinem Sessel, dass ihn von Silikor beim Eintreten gar nicht bemerkt hatte. Nun starrte der Pilot der EUPHORION mit großen Augen auf die kleine Holowolke. Seine schwarzen Kraushaare standen wie üblich nach allen Richtungen ab, und die knollenartige Nase erinnerte an eine Cartoonfigur.
»Ist das das, was ich glaube, dass es ist?«, fragte er.
»Das ist die Erde«, bestätigte von Silikor.
Kalkiris schnalzte mit der Zunge. »Und wir fliegen hin?«
»Sofern Hilly es schafft, die Route durch die Granulenfelder ...«, setzte von Silikor an.
»Sie schafft es!«, unterbrach ihn die Terranerin selbstbewusst.
Gleichzeitig erloschen die meisten der zuerst erschienenen Projektionen und machten ein paar neuen Platz. Zu sehen war nun die dreidimensionale Darstellung eines Sonnensystems. Der Zentralstern und seine acht Begleiter waren von dichten Wolken eingehüllt, die weit über die astronomischen Grenzen des Systems hinausreichten. Granulenfelder! Dazwischen verliefen einige dünne Linien in erratischen Bögen und Schleifen. Alle endeten im Orbit des dritten Planeten, der von einem einzelnen Mond umlaufen wurde.
»Verdammt!«, stieß Kalkiris hervor. »Ist das echt?«
»Ich hoffe es«, gab von Silikor wider besseres Wissen zurück.
»Schick es mir rüber, Hillybilly!« Kalkiris rutschte in seinen Sessel zurück und ließ die Hände über die Bedienungselemente seines Positronikpults fliegen.
Hilly grunzte unwillig, folgte der Anweisung jedoch. Kalkiris machte sich des Öfteren einen Spaß daraus, sie mit diversen Variationen ihres Namens zu provozieren. Hilma nannte er sie jedoch nie.
Von Silikor wartete, während sich sein Pilot mit den Daten vertraut machte. Dabei trafen Saulon da Rebruk und Ymma Kern ein, die Frühschicht begann bald.
Der Arkonide, ein Positroniker und Situationsanalyst, erfasste wie stets sofort, was vor sich ging, sagte jedoch nichts. Seine polierte Glatze glänzte sogar im gedämpften Licht der Zentrale.
Kern stammte von Siga und war auf der EUPHORION als Chefingenieurin für die gesamte Technik verantwortlich. Ob das der Grund für ihre anhaltend schlechte Laune war, versuchte von Silikor zu ergründen, seit sie sich der kleinen Crew vor einigen Jahren angeschlossen hatte. Kern war Pessimistin aus Überzeugung und eine Frau, die den Drang verspürte, Probleme zu lösen, bevor sie entstanden. Gleichzeitig übertrafen ihre Qualifikationen alles, was der Halbakone jemals gesehen hatte.
Pa-Fenk betrat die Zentrale wie immer als Letzter und nur wenige Sekunden vor Dienstbeginn. Manchmal vermutete von Silikor, dass Pa-Fenk vor dem Schott wartete, bis es so weit war, nur um etwas zu beweisen – was auch immer das sein sollte.
Der Ferrhiane war der Funk- und Ortungsoffizier des Frachters. Er sah niemanden direkt an und stellte sich grußlos hinter seine Arbeitskonsole. Seine verstümmelten Flügel verbarg er wie gewohnt unter einem bis zur Körpermitte reichenden Umhang.
»Wir fliegen zur Erde!«, platzte Endo Kalkiris heraus. Dann wandte er sich von Silikor zu. »Das sieht gut aus, Meister. Die Koordinaten stimmen mit denen der Kalmenzone überein. EPM-Skalierung, Signallaufzeiten, Ablaufkoordination, sensorische Parameter ... Passt alles zusammen. Wann starten wir?«
Von Silikor seufzte innerlich. Okay, der Thesaurus war so perfekt gemacht, dass er sogar einen Piloten und Astrogatoren täuschte. Trotzdem konnte die Karte nicht echt sein. Warum hätte diese Anthana ihn denn sonst unter Drogen gesetzt?
Vielleicht wollte sie nur keine Zeit verlieren und deine zu erwartende Skepsis zerstreuen, überlegte er. Komm schon! Denk positiv!
»Woher hast du das Ding?« Es war Saulon da Rebruk, der die offensichtliche Frage stellte. Natürlich. Wer anders?
»Das verrate ich euch später.« Naumann von Silikor holte tief Luft. »Wir brechen sofort auf. Es ist nicht auszuschließen, dass es mehrere Kopien der Karte gibt. Wir müssen uns also beeilen.«
Und nun lüge ich auch noch meine eigene Mannschaft an, dachte er niedergeschlagen. Meine Freunde! Die letzten, die mir noch geblieben sind ...
3.
Naumann von Silikor
Drion
»Die ist rot!« Hilly sprach aus, was alle sehen konnten.
Der Feuerball, der vor ihnen im Panoramahologramm leuchtete, war keine gelbe Normalsonne wie das Muttergestirn der Erde, sondern ein Roter Zwerg. Spektralklasse K mit einer Oberflächentemperatur von dreitausend Kelvin, wie rund siebzig Prozent aller Sterne in der Milchstraße. Man musste kein Astronom sein, um sofort zu erkennen, dass das nicht Sol war, zumal die Zwergsonne nur einen einzigen Planeten hatte.
Naumann von Silikor wusste, dass jeder in der Zentrale auf einen Kommentar von ihm wartete. Er musste etwas sagen. Die EUPHORION hatte die Strecke von 71 Lichtjahren nur unter lautstarkem Protest bewältigt. Kuul Metego, der Schiffsgärtner, hatte sich dreimal gemeldet und zusätzliche Orientierungsstopps gefordert, weil das Gyps seines Flaschengartens nicht gut aussah. Angeblich stimmte etwas mit dem Nährstoffhaushalt der Wurzeln nicht. Von Silikor hatte nicht so genau hingehört – und Metegos Wunsch dreimal abgelehnt.
Kuul Metego war ein Ara, und ihn schweigsam zu nennen, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts gewesen. Er verbrachte so gut wie jede Minute in der Nähe seines Gartens, für den einer der Frachträume reserviert worden war. Der Schiffsgärtner beanspruchte nicht mal eine Kabine, weil er sich inmitten seiner Gypspflanzen am wohlsten fühlte und häuslich eingerichtet hatte.
»Ja, das ist sie«, sagte von Silikor. »Sie ist rot.«
»Was machen wir jetzt?«, fragte Hilly.
Schwang da ein Vorwurf in ihrer Stimme mit? Ahnte sie, dass er das alles vorausgesehen hatte? Dass ihm von Beginn an klar gewesen war, dass der Thesaurus, für den er seine letzten Finanzreserven geopfert hatte, nicht die Kristallgitter wert war, auf denen die Positionsdaten gespeichert waren?
»Na was schon?«, antwortete von Silikor. »Wir sehen uns um. Endo – bring uns näher an den Planeten ran. Langsam und vorsichtig.«
»Anders als langsam kann unser stolzes Schiffchen ohnehin nicht mehr, Meister«, gab Kalkiris zurück.
»Ja, ich weiß.« Von Silikor wollte nicht wütend werden; schließlich war er es, der sie in diesen Schlamassel gebracht hatte. »Das ist zwar nicht das, was wir erwartet haben. Aber ... möglicherweise gibt es auf dem Planeten ja doch etwas, das uns nützt.«
»Ein paar Hyperkristalle für das Sprungtriebwerk wären schön«, mischte sich Ymma Kern ein. »Oder Feldleiter und Positronikknoten für die Reaktoren. Oder ...«
»Danke, Ymma!«, unterbrach der Kapitän die Chefingenieurin lauter als beabsichtigt. »Ich hab's kapiert! Man hat mich übers Ohr gehauen! Und ich habe für diese Erfahrung zudem mit unseren letzten fünfhundert Krediten bezahlt ...«
Mehrere Sekunden lang war nur das Knacken und Klopfen erkaltenden Metalls und in Bewegung befindlicher Hüllenelemente zu hören. Die Blicke der anderen schienen Löcher in Naumann von Silikors Körper zu brennen. Warum sagten sie nichts? Warum schrien sie ihn nicht an und beschimpften ihn als das, was er war? Ein schlechter Kapitän. Ein lausiger Geschäftsmann. Ein armseliger Menschenkenner. Alles wäre besser gewesen als diese furchtbare Stille.
»Das war unser letztes Geld«, sagte Saulon da Rebruk schließlich. Er führte unter anderen die Geschäftsbücher der Von Silikor Forwarding Enterprises. Es war eine Feststellung, keine Anklage.
Dennoch traf der Satz den Halbakonen wie ein Schlag in die Magengrube. »Es ... Es tut mir leid«, brachte von Silikor kaum hörbar heraus. Bei allen Sternengöttern ... Das klang so furchtbar erbärmlich!
Er spürte, wie sich eine kleine Hand in seine schob, und senkte den Kopf. Cleo blickte zu ihm auf und lächelte. Für einen Moment fühlte er sich besser; dann kam die Scham mit doppelter Wucht zurück. Bestimmt hatte seine Tochter alles mitbekommen – und er hatte sie schon so oft enttäuscht.
»Was tust du hier, mein Schatz?«, fragte er heiser. Dann bemerkte er, dass sie wieder mal keine Schuhe trug. »Du wirst dich noch erkälten«, fügte er hinzu.
Als er sie hochhob, um sie zu seinem Kapitänssessel hinüberzutragen, erschrak er. Hatte Cleo erneut Gewicht verloren? Das dünne, weiße Kleid hatte ihr vor ein paar Monaten noch gepasst. Nun schlotterte es wie ein übergroßes Bettlaken um ihren Körper.
»Ich will dabei sein, Dai«, antwortete sie. »Auch wenn es nicht die Erde ist.« Wie immer benutzte sie die Koseform für »Daiani«, das akonische Wort für Vater.
Kern hatte von irgendwoher eine Decke besorgt und wickelte sie um die nackten Füße des Mädchens. Cleos neuerliches Lächeln drang mühelos durch den Panzer der Siganesin. Es war ein seltenes Ereignis, wenn die Chefingenieurin die Mundwinkel verzog. Cleo war die Einzige an Bord, die Kern jederzeit dazu bringen konnte.
»Einverstanden«, sagte von Silikor. »Aber nur, wenn du brav bist.«
»Ach Dai!« Cleo hob vorwurfsvoll die Augenbrauen und sah auf einmal schrecklich alt aus. »Ich bin acht. Da ist man nicht mehr brav. Wie lange willst du mich noch wie ein kleines Kind behandeln?«
Wenn es nach mir ginge, mindestens für die nächsten hundert Jahre, dachte Naumann von Silikor. Aber das sprach er natürlich nicht aus.
»Vier Kontinente, die durch relativ flache Ozeane getrennt sind«, erläuterte Pa-Fenk die Ortungsergebnisse, die von der Positronik aufbereitet worden waren. Unter seinem Umhang konnte man erkennen, wie sich die Flügelstummel hektisch bewegten.
Die EUPHORION hatte sich der fremden Welt bis auf gut tausend Kilometer genähert. Das primäre Außenbeobachtungshologramm flackerte immer wieder, was nicht an mangelndem Datendurchsatz lag, sondern den altersschwachen und schon Dutzende Male geflickten Projektoren geschuldet war.
Naumann von Silikor hatte Cleo gebeten, dem Planeten einen Namen zu geben. Darüber hatte sie sich sehr gefreut und sich für Drion entschieden. Im Akonischen war dies das Wort für Himmel. Er hatte seiner Tochter schon oft von der Sonne Akon, von Drorah, ihrem wichtigsten Begleiter, und den Bewohnern des Blauen Systems erzählt. Die Akonen, die man in der Lokalen Blase traf, sehnten sich fast alle nach der alten Heimat, doch die lag seit der Symaios unerreichbar weit entfernt.
»Ein typischer Klasse-Eins-Planet«, sprach der Ferrhiane weiter. »Berge, ausgedehnte Waldgebiete, ein paar vereinzelte Wüsten. Üppige Flora und Fauna, aber keinerlei Anzeichen für intelligentes Leben. Die Lufthülle besteht aus siebzig Prozent Stickstoff und fünfundzwanzig Prozent Sauerstoff. Der Rest ist Kleckerkram.«
»Kleckerkram wie Kohlendioxid, Blausäure und Schwefelwasserstoff?«, fragte Ymma Kern spöttisch.
»Nein, Klugscheißerin«, erwiderte Pa-Fenk. »Kleinigkeiten wie Methan, Ozon und diverse Fluorkohlenwasserstoffe. Du stirbst eher an dem Gift und der Galle, die du spuckst, als an Drions Atmosphäre.«
»Können wir landen?«, fragte von Silikor ungeduldig.
»Klar«, übernahm Endo Kalkiris die Antwort. »Ich kann allerdings nicht garantieren, dass wir danach wieder starten können, Meister. Die Steuereinheiten für die Antigravkontrolle fallen immer wieder aus, und die Magnetfelder für die Plasmazuführung der Schubdüsen arbeiten nur noch, wenn sie gerade Lust haben.«
»Ist das meine Schuld?«, empörte sich Ymma Kern. Wie so häufig fasste sie jede Erwähnung der maroden Technik des Frachters als persönlichen Angriff auf.
»Nein. Habe ich ja auch nicht behauptet, meine Schöne.« Kalkiris zuckte mit den Schultern. »Ich stelle lediglich Tatsachen fest.«
