Perry Rhodan Neo 42: Welt aus Seide - Oliver Plaschka - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 42: Welt aus Seide E-Book und Hörbuch

Oliver Plaschka

4,0

Beschreibung

April 2037: Perry Rhodan, Atlan und Crest sind auf einer gefahrvollen Reise nach Arkon, der Zentralwelt des riesigen Imperiums. Sie müssen das Epetran-Archiv finden, bevor es in die Hände des Regenten fällt. Es enthält die Positionsdaten der Erde. Da der Regent auf Rache sinnt, schwebt die Menschheit in größter Gefahr. Wegen eines Maschinenschadens müssen Rhodan und seine Gefährten eine Zwischenstation auf dem Planeten Trebola einlegen. Diese Welt wird von den spinnenartigen Trebolanern besiedelt - eine bizarre Kultur voller Geheimnisse. Trebola wird von den Arkoniden kontrolliert, die Rhodan, Crest und Atlan schon seit langem suchen. Als herauskommt, dass sie sich auf Trebola aufhalten, läuft die arkonidische Militärmacht auf Hochtouren. Und dann erwachen auch noch uralte Artefakte der mysteriösen Goldenen zu tödlichem Leben ...

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Zeit:5 Std. 45 min

Sprecher:Axel Gottschick

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Band 42

Welt aus Seide

von Oliver Plaschka

April 2037: Perry Rhodan, Atlan und Crest sind auf einer gefahrvollen Reise nach Arkon, der Zentralwelt des riesigen Imperiums. Sie müssen das Epetran-Archiv finden, bevor es in die Hände des Regenten fällt. Es enthält die Positionsdaten der Erde. Da der Regent auf Rache sinnt, schwebt die Menschheit in größter Gefahr.

Wegen eines Maschinenschadens müssen Rhodan und seine Gefährten eine Zwischenstation auf dem Planeten Trebola einlegen. Diese Welt wird von den spinnenartigen Trebolanern besiedelt – eine bizarre Kultur voller Geheimnisse.

1.

Perry Rhodan

Perry Rhodan öffnete die Augen.

Er befand sich im Inneren einer Tiefschlafkoje. Die Koje war eng, nicht viel größer als ein Sarg, aber mit den nötigsten Instrumenten ausgestattet, um ihren Insassen zu beruhigen. Ein kleines Holo klärte ihn in grünen Schriftzeichen darüber auf, dass seine Vitalfunktionen alle im normalen Bereich lagen. Eine Anzeige daneben wies die Dauer seines Schlafes aus: beinahe sechs Wochen. Die Innenbeleuchtung hatte sich mit seinem Erwachen automatisch aktiviert.

Sechs Wochen, dachte Rhodan. Nicht mehr? Sein Blick fiel auf den kleinen Spiegel direkt über ihm. Er war nicht größer als ein Schminkspiegel und zeigte nur einen Ausschnitt seines Gesichts.

Isinglass. Mit dem Namen der Medowelt kehrte auch die Erinnerung an die Flammen zurück, denen er nur mit knapper Not hatte entkommen können, nachdem die geheime Seelenbank der Aras in einer gewaltigen Explosion vergangen war. Ihr Besuch in der Klinik Himmelstor war gefährlich, aber unumgänglich gewesen. Unsere Individualsignaturen – wir haben sie ändern lassen.

Der Sofortumschalter hatte nie Probleme damit gehabt, sich blitzschnell auf eine neue Situation einzustellen. Aber einen quälend langen Moment, der in Wahrheit vielleicht nur zwei Sekunden dauerte, schien Rhodans sonst so klarer Verstand ins Leere zu greifen. Er starrte in seine graublauen Augen, studierte die vertrauten Züge, die winzige Narbe auf seinem Nasenflügel und fragte sich, ob das nun wirklich er selbst war.

Hat sich etwas an mir geändert ...?

Arga Tasla hatte sie davor gewarnt, dass die Manipulation des fünfdimensionalen Energiemusters, anhand dessen man jedes Lebewesen mit fast hundertprozentiger Gewissheit identifizieren konnte, unabsehbare Nebenwirkungen und Spätfolgen nach sich ziehen konnte – im schlimmsten Fall den Tod. Die häufigste Nebenwirkung besteht in Erinnerungslücken, hatte die Enderin gesagt. Wenn Sie Pech haben, können Sie sich danach nicht mehr erinnern, wie man atmet. Oder wer Sie sind und was Sie bisher als gut und was als böse ansahen.

Trotzdem war ihnen keine andere Wahl geblieben: Wollten sie tiefer ins Große Imperium vordringen, mussten sie unerkannt bleiben. Ihre alten Signaturen waren dem Imperium bekannt, und auch wenn sie inkognito reisten, hatten arkonidische Sicherheitskräfte das Recht, sie für die Dauer einer Messung festzuhalten. Diese brauchte in der Regel etwa vierzig Stunden, erste »Schnappschüsse« ließen sich aber in sehr viel kürzerer Zeit auslesen – sogar über die internen Sensoren eines Schiffs, auf welche die Behörden des Imperiums im Zweifelsfall jederzeit Zugriff hätten.

Sie mussten aber ins Imperium vordringen – unbedingt sogar. Denn die Position der Erde war im Epetran-Archiv gespeichert – demselben Archiv, das Crest auf die Spur der Welt des Ewigen Lebens geführt hatte. Wenn der Regent – oder noch schlimmer, Sergh da Teffron, die Hand des Regenten – diese Informationen in die Finger bekam, wäre die Menschheit, kaum dass ihr das Tor zu den Sternen aufgestoßen worden war, zum Untergang verurteilt. Sie mussten das Archiv unter allen Umständen an sich bringen – oder notfalls zerstören –, bevor es so weit kam.

Reiß dich zusammen, glaubte er Reginald Bulls Stimme in seinem Kopf zu hören. Du bist Astronaut! Mich haben sie auch nicht auf so was vorbereitet, als ich zur NASA kam ...

Rhodan schüttelte den Kopf über sich selbst und aktivierte den Schalter, der seine Koje öffnete.

Mit leisem Surren glitt die Koje aus der Wand. Dann gab es ein vernehmliches Zischen, der Deckel teilte sich wie bei einer Schote, glitt beiseite, und Rhodan befreite sich aus der steifen Formschaumliege und setzte sich auf.

Er befand sich im Schläfersaal der HETH-KAPERK, des Mehandorschiffes, das sie auf Isinglass XIV bestiegen hatten. Die große Halle erinnerte ihn an ein Leichenschauhaus, in dem sich Koje auf Koje an- und übereinanderreihte. Bei allen Annehmlichkeiten, die die Mehandor ihren Passagieren und Geschäftspartnern boten, hier zeigte sich deutlich, dass sie für die Galaktischen Händler letztlich doch nicht viel mehr waren als Fracht.

Die Anzeigen der anderen Kojen funkelten friedlich. Es war kalt, so kalt, dass er seinen Atem sah, und beklemmend still. Offenbar war er der Einzige, der erwacht war.

Neben ihm stand Atlan. Der groß gewachsene Arkonide trug seinen olivgrünen Anzug, und das weißblonde Haar auf seinen Schultern schimmerte im gedämpften Licht der Halle.

»Guten Morgen«, sagte Rhodan.

Der Arkonide schmunzelte. »Sie wirken tatendurstig.«

Rhodan zupfte an dem leichten Pyjama, den er in der Koje getragen hatte. »Zunächst würde ich mich gerne umziehen und frisch machen, wenn möglich.«

»Wie war der Schlaf?«

»Das wissen Sie doch wahrscheinlich am besten.« Eine Reise im Tiefschlaf war der Normalfall auf längeren Strecken, und sie wollten sich auf ihrem Weg ins Herz des Imperiums so unauffällig wie möglich verhalten. Ihr Ziel war das Sonnenleuchtfeuer Hela Ariela, von dem aus Schiffe von überall aus der Galaxis ihren weiten Weg nach Arkon antraten. Der Kugelsternhaufens M 13, in dem sich die Heimatwelt des Imperiums befand, lag etwa 20.000 Lichtjahre oberhalb der Milchstraßenhauptebene. Es war eine lange Reise, und nur Atlan hatte es vorgezogen, für die ganze Dauer wach zu bleiben. Er war es auch gewesen, der ihnen während ihres Aufenthalts auf Isinglass die Passage besorgt hatte.

Abgesehen von der Besatzung und einer Handvoll anderer Passagiere, die den Tiefschlaf aus medizinischen oder persönlichen Gründen ablehnten, musste es sehr einsam gewesen sein an Bord der HETH-KAPERK.

Rhodan ließ den Blick über die leere Halle schweifen. »Sie gefallen sich in dieser Rolle als unser Wächter, nicht wahr?«

Atlans Schmunzeln vertiefte sich. »Ich habe in der Tat lange genug geschlafen.«

Damit hatte er allerdings recht. Gut zehntausend Jahre, soweit sie wussten – selbst wenn er während dieser Zeit immer wieder erwacht war und sein Schlaf auf einer anderen Technologie basiert hatte als dieser.

»Was ist mit den anderen?«

»Sie werden in Kürze geweckt. Sie und alle anderen, deren Passagiervertrag im Falle eines unvorhergesehenen Ereignisses einen Weckruf festschreibt.«

Da wurde Rhodan hellwach. »Was ist passiert?«

»Keine Sorge«, beruhigte ihn Atlan. »Wir müssen nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen. Ein Maschinenschaden – nichts Ernstes, wie mir der Kapitän versichert. Es wird uns aber etwas Zeit kosten, und er möchte keine Klagen der Passagiere, wenn sie hinterher feststellen, dass der Tiefschlaf länger gedauert hat als vereinbart. Es könnte Fragen geben, schlimmstenfalls Regressansprüche.«

»Das ist sehr ... vorausschauend von ihm.«

»Nicht wahr? Ich hatte gerade nichts zu tun, deshalb dachte ich, ich teile es Ihnen persönlich mit.«

In diesem Moment wechselte die Beleuchtung in der Halle zu einem harten Krankenhauslicht, und warme Luft wurde durch die Ventilation hineingepumpt. Mit dem Surren Hunderter kleiner Servomotoren glitt etwa die Hälfte der anderen Kojen aus den Wänden und öffnete sich. Die höher gelegenen Kojen senkten sich an unscheinbaren Schienen zu Boden, um ihren Insassen den Ausstieg zu erleichtern. Es ging zu wie in einer Lagerhalle.

Zwei Mehandor mit einer kleinen Transporteinheit, die Rhodan auf absurde Weise an den Rollwagen einer Stewardess erinnerte, betraten die Halle und machten gelangweilt die Runde, um die Passagiere zu begrüßen.

»Treffen wir uns doch in einer Stunde in der Lounge«, sagte Atlan, ehe er sich abwandte. »Da kriegen wir am schnellsten mit, was uns erwartet. Außerdem gibt es dort etwas zu essen. Und der K'amana ist stark.«

Rhodan schaute ihm verblüfft nach. Der Arkonide benahm sich, als wäre dies sein Schiff.

Er schwang die Beine über den Rand der Koje und erhob sich. Seine Muskeln waren noch etwas zittrig, aber er wusste, dass dieser Effekt in wenigen Minuten verflogen sein würde. Dennoch war ihm die Schwäche unangenehm. Abermals dachte er an die Geschehnisse auf Isinglass zurück, während er den Blick über die anderen Passagiere schweifen ließ, die sich gleichfalls die Augen rieben und die Glieder reckten. Wenn nicht einmal ein arkonidischer Sensor mich jetzt mehr erkennt ... wer dann?

Die Individualsignatur eines Lebewesens war ein fünfdimensionales Energiemuster, das vom Gehirn erzeugt wurde. Der Effekt war der menschlichen Wissenschaft bis dato unbekannt gewesen – zwangsläufig, da die fünfte Dimension sich menschlichen Sinnen verschloss. Die Vorstellung, dass sich irgendetwas an ihm verändert hatte, was außerhalb der vierdimensionalen Raumzeit existierte, in der er lebte, fühlte, dachte, war verstörend. Für jeden Sensor und die Positronik, die ihn auslas, war er nicht mehr derselbe Mensch. Weder er selbst noch die anderen Passagiere in der Halle könnten den Unterschied je bemerken – doch was seine Signatur betraf, war er nicht länger Rhodan.

Er war ein Fremder unter Fremden.

Er entdeckte Crest, der sich gerade in seiner offenen Koje aufsetzte und sich neugierig umschaute, als sähe er den Saal zum ersten Mal. Er war hagerer als Atlan, weniger athletisch, und trug das Haar kürzer. Seine Augen waren von einem tieferen Rot. Doch von dem kranken, gebrechlichen Mann, den Rhodan vor fast einem Jahr auf dem irdischen Mond getroffen hatte, war nichts geblieben. Auch an Crest hatte sich eine Änderung vollzogen – doch eine sehr viel offensichtlichere. Der Zellaktivator, den er wie ein Schmuckstück um den Hals trug, hatte dem alten Mann die Vitalität und den Wissensdurst eines jungen Forschers zurückgegeben.

Es war auffällig, dass Atlan nicht geblieben war, um den anderen Arkoniden zu begrüßen, der scheinbar älter, in Wahrheit aber viel jünger war als er. Sie hatten so viel gemeinsam – und doch so viel, was sie trennte. Das hatten sie auf ihrem kurzen gemeinsamen Weg schon gelernt.

Da entdeckte Crest den Mann, dem er die Sterne und der ihm die Jugend geschenkt hatte, und lächelte ihm zu. Perry Rhodan erwiderte das Lächeln.

Weiter hinten sah er die beiden Mutanten, die sie auf ihrer Mission begleiteten: Iwan Goratschin und Ishy Matsu. Sie gaben ein sehr ungleiches Paar ab, auch was ihre Parabegabungen betraf. Wenn sie nebeneinanderstanden, reichte die zierliche Japanerin Goratschin gerade bis zur Brust. Doch der verliebte Blick, den er ihr zuwarf, als sie sich das lange schwarze Haar zurückband, war nicht zu übersehen.

»Was ist?«, fragte eine vertraute Stimme hinter ihm. »Stehen wir nun auf oder nicht?« Grinsend schwang er die Beine über den Rand der Koje und sprang zu Boden. Vor ihm standen Belinkhar, die ehemalige Matriarchin, und der Purrer Chabalh, Rhodans selbst ernannter Beschützer, dem das Durcheinander der vielen Schläfer sichtlich zuwider war.

»Da hat es wohl jemand eilig«, sagte Rhodan. »Wieso treffen wir uns nicht in der Lounge? In einer Stunde wäre gut. Angeblich gibt es dort etwas zu sehen, und das Frühstück soll gut sein.«

Die schummrig ausgeleuchtete Lounge war an der abgeflachten Vorderseite des walzenförmigen Schiffs untergebracht. Die HETH-KAPERK war ein typischer Mehandorraumer: über 400 Meter lang, knapp 70 Meter im Durchmesser und damit fast baugleich zur IMH-TEKER, auf der sie zuvor gereist waren und die dem Kommando von Belinkhars Freund Talamon unterstanden hatte. Die großen Frachter der Mehandor erreichten noch beeindruckendere Ausmaße, wiesen aber dieselbe Grundform auf.

Auch wenn der Großteil des Volumens vom Transitionstriebwerk eingenommen wurde, waren die Flure eines solchen Schiffs weitläufig genug, dass man sich als Fremder in ihnen verlaufen konnte, und so gab es die üblichen Scherze über vergessene Decks und geheime Bereiche, die derartige Ausmaße provozierten. Ein Pilotenfreund Rhodans, der lange auf einem Flugzeugträger stationiert gewesen war, hatte ihm einmal erzählt, dass er in den zwei Jahren, die er dort verbracht hatte, nie die Bowlingbahn gefunden hatte.

Tatsächlich fühlte sich Rhodan bei den Schiffen der Mehandor an die Baugeschichte irdischer Flugzeuge und Raketen erinnert: Die Serienreife eines neuen Modells war ein jahrzehntelanger, auf der galaktischen Bühne womöglich jahrhundertelanger Prozess. Man entwickelte Ausstattung und Instrumente zwar weiter, blieb aber so lange wie möglich beim bewährten Grundmuster – besonders, wenn man wie die Galaktischen Händler auf die Zufriedenheit seiner Kunden und Passagiere angewiesen war.

Obwohl sie sich dieses Mal für eine Passage im Tiefschlaf entschieden hatten, genossen sie dank Atlan jeden Luxus an Bord, den die sehr detaillierten Beförderungsverträge vorsahen. Zwar wurde Belinkhar nicht müde zu betonen, dass die IMH-TEKER das bessere Schiff gewesen sei. Dennoch gehörten zum »Goldpaket«, das der Arkonide für sie gebucht hatte, nicht zuletzt die Benutzung echter Duschen und der kleinen Bäderlandschaft, eine Vielzahl an Unterhaltungsangeboten (ein gutes Geschäft, wenn man das Paket an Passagiere mit einer Tiefschlafpassage verkaufte) und auch der Zutritt in exklusive Bereiche wie die Aussichtslounge, die Rhodan nun betrat.

Die Lounge stellte einen der wenigen Bereiche des Schiffes dar, an dem die metallische Außenhülle von einer mehrfach verstärkten und von Energiefeldern geschützten Fensterfront durchbrochen war. Vor den Fenstern lag die grenzenlose Dunkelheit des Alls. Sie schienen beinahe stillzustehen, doch Rhodan wusste, dass das täuschte. Wenn er sich darauf konzentrierte, konnte er das leichte Vibrieren des Impulstriebwerks spüren. Voraus lag ein blauweißer Stern, der deutlich heller und größer schien als die Sterne in seiner Umgebung. Sie befanden sich also bereits innerhalb eines Systems.

Er entdeckte Goratschin, Belinkhar und Crest mit ein paar Tellern und Bechern an einem runden Tisch nahe dem Fenster und gesellte sich zu ihnen. Die drei ungleichen Reisegefährten unterhielten sich angeregt. Nicht zum ersten Mal fragte sich Rhodan, wie es sich für Goratschin anfühlen musste, nach fast dreißig Jahren im Koma eine Welt kennenzulernen, die die kühnsten Träume seiner Jugend überstieg. Als Kind hatte er sich in dem für ihn fremden Amerika zurechtfinden müssen – nun war er wieder ein Einwanderer, nur diesmal unter Außerirdischen und Unsterblichen. Gleichzeitig hatte er eine schwere Last zu tragen: den Verlust seines Bruders und die gefährliche Gabe, die er mit ihm geteilt hatte. Doch das Leuchten in den Augen des hünenhaften Mannes verriet ihn: Er hatte sich entschieden, dieses Leben als ein großes Abenteuer zu sehen – und das war es ja auch.

»Perry!«, rief er und hob seinen Becher. »Setz dich zu uns!«

Belinkhar knuffte ihn mit dem Ellbogen, und im selben Moment tauchte Chabalh aus den Schatten hinter dem Tisch auf und knurrte verärgert. Goratschin verschluckte sich fast, als er erkannte, dass er gerade ihre Tarnung gefährdet hatte, doch keiner der anderen Passagiere kümmerte sich um sie. Rhodan winkte ab und zog sich einen freien Stuhl heran. »Was trinkt ihr da?«

»Probier es einfach«, sagte Belinkhar und gab Chabalh einen Wink mit dem leeren Becher. »Sei so gut und organisiere uns noch eine Runde, ja?«

Der Purrer wollte zu einer Erwiderung ansetzen, doch Belinkhar fixierte ihn mit breitem Lächeln – was der Katzenartige, wie Rhodan mittlerweile wusste, nicht sonderlich mochte. Er nickte ihm zu, und mit schwachem Grollen wandte Chabalh sich ab und schnürte davon.

»Du solltest ihn vielleicht nicht provozieren«, sagte Rhodan. »Ohne deine Locken ...«

Belinkhar fuhr sich mit spitzbübischem Lächeln durch ihr rotes Haar, das sie während ihrer letzten Reise noch lang getragen hatte. Die Farbe hatte eine gewisse beruhigende Wirkung auf den Purrer ausgeübt.

»Keine Angst«, sagte sie. »Ich weiß schon mit ihm umzugehen.«

»Selbst wenn ich im Moment kaum einen Leibwächter brauche – etwas sagt mir, dass er zu mehr gut ist als zum Kaffeeholen.«

»Warte, bis du den K'amana probiert hast«, entgegnete die drahtige Mehandor.

»Wie soll er ihn denn überhaupt tragen?«, fragte Goratschin.

Rhodan verkniff sich ein Grinsen und bediente sich an dem abgedeckten Essen, das ihn an eine Art Rührei mit allerlei farbenfrohen Zutaten erinnerte. Es schmeckte sehr gut – echtes Essen war ein weiterer Bonus ihres Pakets. Offenbar sah auch Belinkhar keinen Anlass, alle Annehmlichkeiten ihres alten Lebens als Matriarchin von KE-MATLON hinter sich zu lassen.

Und sie liebte es, das nachtschwarze Raubtier, das sie auf dem Weg nach Isinglass aus seiner Kapsel gerettet hatten, auf die Probe zu stellen.

Rhodan konnte es ihr nicht verübeln. Chabalh war neben Goratschin und Atlan der Dritte im Bunde, der aus einer anderen Zeit stammte – sein letzter Herr hatte ihn vor zweitausend Jahren der Weite des Alls anvertraut, doch im relativistischen Flug waren für ihn nur Tage vergangen. Zumindest stellte der Purrer das so dar. Bislang war er Rhodan stets mit großer Ehrerbietung begegnet, er hatte ihm sogar das Leben gerettet. Aber es knüpften sich noch immer zahllose Fragen und Zweifel an seine Herkunft.

»Sie sehen erholt aus«, sagte Rhodan zu Crest. Tatsächlich schien der Arkonide der Einzige am Tisch zu sein, dem die sechs Wochen künstlichen Schlafs nicht in den Knochen steckten. Er hatte sein Frühstück schon beendet und mit dem holografischen Interface des Tisches die Datenbank des Schiffes aufgerufen. Voller Ungeduld blätterte er durch die Dokumente.

Er lächelte flüchtig. »Ich habe lange so gelebt, als ob jeder Tag mein letzter wäre. Ich schwor mir, jeden einzelnen davon zu nutzen – und ich werde nicht damit brechen, auch wenn mir viele Tage mehr geschenkt wurden.«

Rhodan nickte. Das war der Crest, den er kannte – ein Derengar durch und durch, von Forschergeist und Tatendrang erfüllt.

»In welchem System befinden wir uns?«

Der Arkonide aktivierte den holografischen Projektor, und die miniaturisierte Abbildung einer Sonne mit zwei Planeten erschien in der Mitte des Tisches und drehte sich in ruhigem blauen Licht.

»Trebola. Ein verhältnismäßig kleiner Klasse-A-Stern, heller und jünger als Ihre Sonne, aber nicht so massereich wie die Wega.« Rhodan nickte. Aufgrund ihrer Helligkeit waren viele Sterne, die man mit dem bloßen Auge von der Erde aus am Himmel sah, Klasse-A-Sterne. Tatsächlich gehörte jedoch weniger als ein Prozent aller Hauptreihensterne dieser Spektralklasse an. »Zwei Planeten, keine Monde. Bis Hela Ariela sind es noch knapp 2400 Lichtjahre.«

Rhodan rechnete schnell. Das heißt, wir sind gut 27.000 Lichtjahre von daheim. Ein kurzer, aber angenehmer Schauder lief ihm über den Rücken. Noch nie hatten sich Menschen so weit von ihrem Heimatsystem entfernt. Und der Kapitän der HETH-KAPERK hatte auf seinem Weg wirklich keine Zeit verschwendet.

Crest schien seine Gedanken erraten zu haben. »Sie sind weit gereist, mein Freund.«

»Und wir werden noch viel weiter reisen«, fügte Goratschin entschieden hinzu.

Chabalh kehrte zurück und schubste mit der Schnauze einen Mehandor mit einem Tablett dampfender Becher vor sich her. Obwohl es so aussah, als ob er sie jeden Moment verschütten würde, stellte der Kellner sie mit beeindruckender Geschicklichkeit vor ihnen ab. Dann machte er sich schleunigst aus dem Staub.

Rhodan nippte an dem dunkelbraunen, süßen Getränk, das ihn an einen sehr starken Mokka erinnerte, und nickte anerkennend. Belinkhar hatte nicht übertrieben.

»Wissen Sie denn schon Näheres über Grund oder Dauer unseres Zwischenstopps?«

Crest schüttelte den Kopf. »Ich war zu beschäftigt, mich in die Geschichte dieses erstaunlichen Systems einzulesen. Der zweite Planet ist die Heimatwelt eines kleinen Sternenreichs, das seit gut siebenhundert Jahren zum Großen Imperium gehört: das Vidaarm-Fürstentum. Arkon hat sich aber lange nicht darum gekümmert. Auch ich habe es noch nie persönlich bereist.«

»Wir sind bereits übereingekommen, dass es vielleicht nicht das attraktivste aller Reiseziele ist«, sagte Belinkhar und achtete nicht auf den tadelnden Blick des Arkoniden. »Es ist zwar sicher außergewöhnlich ... aber wahrscheinlich nicht jedermanns Sache.«

»Hast du schon mit dem Kapitän gesprochen?«

»Er hatte bislang keine Zeit für mich.« Belinkhar sagte es nicht ohne einen Hauch von Verärgerung. Mit Talamon, ihrem letzten Kapitän, hatte sie eine lange und innige Freundschaft verbunden. Diesen Mann dagegen kannte sie nicht, und er kümmerte sich auch nicht im selben Maße um die Passagiere. »Aber vielleicht kann Atlan uns ja aufklären, wenn er kommt. Er scheint einen besseren Draht zu ihm zu haben als ich.«

»Er muss jeden Moment hier sein«, sagte Rhodan mit einem Schmunzeln. »Es sind jetzt genau sechzig Minuten vergangen.«

Wie auf Stichwort öffnete sich die Tür zur Lounge, und Atlan und Ishy Matsu traten ein. Die Japanerin hatte sich das schwarze Haar wieder zu einem Zopf geflochten. Mit stillem Lächeln zog sie sich einen Stuhl heran und nahm neben Goratschin Platz. Wie immer wirkte sie schüchtern und höflich, wie Japanerinnen meistens auftraten. Dennoch schien stets ein Schatten über ihr zu liegen, als laste etwas schwer auf ihrer Seele.

Kaum dass sie sich gesetzt hatte, vollzog sich eine unmerkliche Veränderung mit Goratschin. Er wurde ruhiger, kontrollierter in seinen Bewegungen, als fürchtete er, sie zu verschrecken. Und er reagierte auf jeden noch so kleinen Blick von ihr.

Atlan stellte sich hinter Rhodan und nickte der Runde flüchtig zu. Dann richtete sich sein Blick auf das Hologramm des Trebola-Systems.

»Ich sehe, man hat Sie bereits ins Bild gesetzt.«

»Nur über das Nötigste.« Crest schaute den anderen Arkoniden herausfordernd an. »Was sagt der Kapitän?«

»Er entschuldigt sich vielmals für die Unannehmlichkeiten. Und es war ihm wichtig, zu betonen, dass er ein anderes System für den Stopp vorgezogen hätte und ihm gar kein Stopp am liebsten gewesen wäre. Aber leider hat sich das eine oder andere Teil seines Antriebs, für das sich sein Schwager persönlich verbürgt hat, wohl gerade jetzt entschieden, den Geist aufzugeben.« Atlan wiegte den Kopf, als interessierten ihn die Entschuldigungen des Mehandors nicht sonderlich. »Die Kurzfassung lautet, die Teile müssen ersetzt werden, und Trebola ist die nächstgelegene Werft. Die Reparatur wird nur wenige Tage in Anspruch nehmen. Danach sind es nur noch ein paar Sprünge bis nach Hela Ariela.«

»Sehen Sie das Positive an unserer Situation«, sagte Crest. »Sie haben Gelegenheit, einen einmaligen Ort zu besuchen, der zu Ihrer Zeit noch nicht einmal bekannt war.« Die Art, wie er zu Ihrer Zeit betonte, vertiefte noch die Kluft zwischen den beiden Arkoniden. »Vielleicht wird es Sie ja überraschen.«

»Sie verwundern mich«, entgegnete Atlan. »Gerade Sie haben doch stets die Dringlichkeit unserer Reise betont. Wenn wir etwas dabei nicht gebrauchen können, sind es Überraschungen.«

»Seht nur«, flüsterte Matsu und deutete auf die dunkle Fensterfront. Der bläuliche Stern war mittlerweile deutlich größer geworden, und nun kam ein Planet in Sicht. Er schimmerte in einem seidigen Spiel von Grau und Blau, als wäre er gefroren oder von großen metallischen Strukturen bedeckt. Dann schwenkte die HETH-KAPERK auf die Orbitalebene ein, der Planet schob sich vor seine Sonne, und als sie wieder hinter ihm hervortrat, blitzte sie auf seiner kalten, matt schimmernden Oberfläche und brach sich am Horizont in allen Farben des Regenbogens. Rhodan war sich sicher, dass er noch nie einen Planeten wie diesen gesehen hatte.

Je näher sie kamen, desto mehr Details konnten sie ausmachen. Mehrere Schiffe und Satelliten umkreisten den Planeten, und im geostationären Orbit über dem Äquator, in einer Höhe, die gut dem zwei- bis dreifachen Durchmesser der Welt entsprach, schwebte eine leuchtende Struktur, die immer weiter an Komplexität gewann, bis sie sich wie eine wundersame weiße Schneeflocke ausnahm.

Rhodan leerte seinen Becher.

2.

Quetain Oktor

Quetain Oktor parkte seinen privaten Gleiter am für den Verkehr gesperrten Kopfende der Allee des tausendfachen Glanzes, jenseits derer sich der Palast der himmlischen Verheißung erhob. Er klappte das Verdeck hoch und sprang hinaus. Nachdem er drei Meter weiter wieder festen Boden unter die Füße bekommen hatte, kämpfte er für einen Augenblick fluchend um sein Gleichgewicht. Er hatte seinen Turm schon lange nicht mehr verlassen und die geringe Schwerkraft Trebolas überschätzt.

»Gib acht«, sagte Kaprisi vom Gleiter. »Du weißt doch, wie schlecht sie auf unkontrollierte Bewegungen reagieren.«

»Und du weißt, dass du mich kaum daran zu erinnern brauchst«, murmelte der Halbarkonide. In Momenten wie diesen fragte er sich, ob die betont rücksichtsvolle weibliche Stimme des Roboters nicht auch eine Spur von Spott enthielt.

»Ich möchte lediglich daran erinnern, dass es seit dem Vorfall vor sechs Jahren, bei dem deine Kurtisane ...«

»Es reicht, Kaprisi. Kommst du jetzt bitte?«

Der Roboter verstummte. Seine Gestaltung war weder sonderlich lebensecht noch weiblich. Es war das typisch androgyne Modell, das man aus Kostengründen auf Welten einsetzte, deren Bewohner aller Voraussicht nach ohnehin nicht in der Lage waren, den Unterschied zwischen einem Mann und einer Frau zu erkennen. Oktor hatte Persönlichkeitsprofil 7B in Kombination mit einer weiblichen Stimme gewählt, weil er gedacht hatte, dass ihm die Maschine so am wenigsten auf den Geist ging. Benannt hatte er sie nach dem sanftmütigen Bissatweibchen, das er in seiner Kindheit besessen hatte, in der Hoffnung, dass sie ihm genauso treu ergeben sein würde.

Mittlerweile hatte er seinen Fehler erkannt, doch längst war es zu spät.

Übertrieben geziert, wie ihm schien, kletterte Kaprisi aus dem Cockpit, verschloss es und trat an seine Seite. Dann schritten sie gemeinsam und so bedächtig, wie es das Protokoll verlangte, die letzten Meter bis zum Hoftor.

Der Palast der himmlischen Verheißung war ein nicht nur für trebolanische Begriffe beeindruckendes Bauwerk. Spindeldürre Türme aus bläulichem trebolanischen Webstahl schossen wie Eiszapfen in den hellen Himmel auf, von schimmernden Freiwegen in schwindelerregender Höhe verbunden.

Der Palast war das wohl prächtigste Gebäude der Hauptstadt, aber beileibe nicht das einzige dieser Art. Vom obersten Geschoss seines Turms aus betrachtet, sah die ganze Stadt für Quetain Oktor wie ein Nadelkissen aus, das man in ein Becken mit Zuckerwatte getaucht hatte. Er hatte es lange aufgegeben, sich zu fragen, welchen Gesetzmäßigkeiten diese Architektur unterworfen war. Die Trebolaner bauten ihren jahrtausendealten Traditionen gemäß am liebsten bei Nacht, und die Diskussionen mit ihnen ermüdeten Oktor. So hatte er sich daran gewöhnt, dass die Stadt jedes Mal ein wenig anders aussah, wenn er morgens aus seinem Fenster schaute. Und er betrat sie nur noch, wenn es sich nicht vermeiden ließ.

Lange hatte es so ausgesehen, als hätte das Imperium seinen offiziellen Gesandten am Hofe des Vidaarm-Fürstentums vergessen. Obwohl es dem Fürsorger, wie Quetain Oktors Position dem Protokoll gemäß hieß, missfiel, so hatte er sich doch damit abgefunden.

Doch nun war das Imperium in Bewegung gekommen.

Es hatte sich seiner erinnert.

Und der Fürsorger hatte seinen Turm verlassen.

Zwei Trebolaner versperrten ihm den Weg, und Dutzende weitere hatten sich auf den Steigwegen beiderseits des Tors platziert.

»Lasst mich durch!«, sagte Quetain Oktor. Doch die trebolanischen Wachen, deren zerbrechliche Körper in groteske Berge von Rüstseide gekleidet waren, saßen nur da und glotzten ihn mit ihren kalten smaragdgrünen Primäraugen an. Er glaubte sich vage daran zu erinnern, dass es den Hofwachen verboten war, sich mit Passanten zu unterhalten – aber dass sie ihn, ihren Fürsorger, ignorierten, stellte eine schwere Beleidigung dar. Wie viele schwarzhäutige Arkoniden konnte es auf Trebola schon geben?

»Wisst ihr nicht, wer ich bin?«

Keine Reaktion. Offenbar kannten sie ihn wirklich nicht. Er hätte vielleicht häufiger Präsenz zeigen sollen.

»Die Grußformel«, flüsterte Kaprisi hinter ihm.