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In den vergangenen dreißig Jahren haben die Menschen die Lokale Blase rund um das Sonnensystem besiedelt. In relativer Nähe zur Erde sind neun Kolonien entstanden. Doch die genetisch angepassten Menschen streben nach Freiheit und Selbstbestimmung. Sie wollen die Unabhängigkeit von der Terranischen Union. Was sie nicht wissen: Vor langer Zeit waren ihre Welten Teil einer gewaltigen Maschine – des Nonagons. Diese Maschine sollte die Milchstraße vor einer furchtbaren Gefahr schützen. Als Iratio Hondro, ein Mann von der Kolonie Plophos, gegen die Erde revoltiert, löst er eine Kettenreaktion aus. Gelingt es ihm, das Nonagon zu aktivieren, gibt es nichts mehr, das ihn aufhalten kann ...
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Seitenzahl: 2188
Veröffentlichungsjahr: 2021
In den vergangenen dreißig Jahren haben die Menschen die Lokale Blase rund um das Sonnensystem besiedelt. In relativer Nähe zur Erde sind neun Kolonien entstanden. Doch die genetisch angepassten Menschen streben nach Freiheit und Selbstbestimmung. Sie wollen die Unabhängigkeit von der Terranischen Union.
Was sie nicht wissen: Vor langer Zeit waren ihre Welten Teil einer gewaltigen Maschine – des Nonagons. Diese Maschine sollte die Milchstraße vor einer furchtbaren Gefahr schützen. Als Iratio Hondro, ein Mann von der Kolonie Plophos, gegen die Erde revoltiert, löst er eine Kettenreaktion aus. Gelingt es ihm, das Nonagon zu aktivieren, gibt es nichts mehr, das ihn aufhalten kann ...
Cover
Vorspann
Band 240 – Das neue Plophos
Vorspann
Prolog: Odysseus kehrt heim
1. Government Garden
2. Capra
3. Tosoma Islands
4. Bildersturm
5. Troja
6. Memento mori
7. Revolte
8. Mauerschau
9. Quinto-Bar
10. Titanenkampf
11. Oubliette
12. Refugium
13. Capella
14. Jagdgesellschaft
15. Hades
16. Rostmatten
17. Katabasis
18. Agenten
19. Vernunftmenschen
20. Familienbande
Epilog: Das neue, wirklich neue Taylor
Band 241 –Sporensturm
Vorspann
1. Juckreiz
2. Krisensitzung
3. Im Rechenherz
4. Geiselnahme
5. Keine Wahl
6. Sabotage
7. Erdbeeren
8. Exorzismus
9. Auf der Krankenstation
10. Fluchthilfe
11. Aufbruch
12. Bargespräche
13. Bruchlandung
14. In der Steuerzentrale
15. Der Pilzdschungel
16. Der Plan
17. Der Fremde im Kopf
18. Begegnung im Pilzdschungel
19. Labyrinth
20. Machtlos
21. Gewissensbisse
22. Angriff der Sporen
23. Mit dem Kopf durch die Wand
24. Drohnen im Einsatz
25. Tekeners Wut
26. Ménage-à-trois
27. Dicht am Herzen
28. Mit einem blauen Auge davongekommen
29. Krankenbesuch
Band 242 – Sturm über Olymp
Vorspann
Schwarze Gedanken
1. Howard Snipes
2. Jessica Tekener
3. Perry Rhodan
4. Howard Snipes
5. Jessica Tekener
6. Howard Snipes
7. Jessica Tekener
8. Perry Rhodan
9. Jessica Tekener
10. Perry Rhodan
11. Howard Snipes
12. Kurz zuvor: Jessica Tekener
13. Perry Rhodan
14. Howard Snipes
15. Jessica Tekener
16. Perry Rhodan
17. Howard Snipes
18. Perry Rhodan
19. Howard Snipes
20. Perry Rhodan
21. Perry Rhodan
Reprise: Schwarze Gedanken
Band 243 – Drei Tropfen Unendlichkeit
Vorspann
1. Luna: Ruhe vor dem Sturm?
2. Deneb: Die Wüstung
3. Deneb: Sturmwarnung!
4. Luna: Sturmausläufer
5. Algol: Der Höllentransmitter
6. Luna: Abschiede
7. Algol: Sirenengesang
8. Algol: Die TRAKTOR im Einsatz
9. Algol: Eisriesen-Futter
10. Algol: Kampf gegen den Eisriesen
11. Rumal: Zurück unter den Lebenden
12. Rumal: Eine Suche in Blau
13. Nirgendwo: Im Bernstein
14. Rumal: Aufbruch
15. Im Transit: Das Ende des Anfangs
16. Erde: Was darin verborgen ist
Band 244 – Iratio
Vorspann
Prolog
1. Quito, 2056
2. Quito
3. Quito
4. Quito, 2057
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15. 2082
16.
17.
18.
19.
Epilog
Band 245 – Saturn in Flammen
Vorspann
1. Reginald Bull
2. Ronald Tekener
3. Reginald Bull
4. Reginald Bull
5. Ronald Tekener
6. Reginald Bull
7. Jessica Tekener
8. Reginald Bull
9. Kurz zuvor – Jessica Tekener
10. Einige Zeit zuvor – Nike Quinto
11. Jessica Tekener
12. Cel Rainbow
Band 246 – Das Sandtribunal
Vorspann
1. Die Ankunft
2. In Sachen Diplomatie
3. In geheimer Mission
4. In die Stadt
5. Die Hesperianische Straße
6. Endlich Hoffnung
7. Das »Amberis«
8. Lauschauftrag
9. Ein passendes Gefährt
10. Havarie
11. Diplomatengefecht
12. Hunger
13. Silizium und die Folgen
14. So nah am Ziel
15. Erneut gefangen
16. Der Rosengarten
17. Gucky
18. Die Entscheidung
19. Der Zeitbrunnen
Band 247 – Die Welt jenseits der Zeit
Vorspann
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
Band 248 – Kybernetische Brandung
Vorspann
1. Prolog: Asmodeus
2. X minus 220
3. X minus 200
4. X minus 185
5. X minus 180
6. X minus 165
7. X minus 150
8. X minus 140
9. X minus 125
10. X minus 120
11. X minus 110
12. X minus 105
13. X minus 65
14. X minus 50
15. X minus 40
16. X minus 10
17. X minus 0
18. Epilog: Der stille Mond
Band 249 – Blackout Terrania
Vorspann
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
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16.
17.
18.
19.
20.
21.
Impressum
PERRY RHODAN – die Serie
Band 240
Das neue Plophos
Oliver Plaschka
Das Jahr 2090: Ein halbes Jahrhundert nachdem die Menschheit ins All aufgebrochen ist, bildet die Solare Union die Basis eines friedlich wachsenden Sternenreichs. Aber die Sicherheit der Menschen ist immer wieder gefährdet: durch interne Konflikte und externe Gegner. Beispielsweise sucht eine unheimliche Macht die Galaxis heim – das Dunkelleben.
Im Zentrum der Milchstraße spürt Perry Rhodan dem Ursprung dieser Bedrohung nach. Es gelingt ihm, das Dunkelleben in ein gigantisches Schwarzes Loch zu verbannen. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat müssen Rhodan und seine Gefährten jedoch erkennen, dass der Feind längst nicht überwunden ist.
Zudem eskalieren Konflikte zwischen der Erde und den menschlichen Kolonien auf fremden Welten. Insbesondere der machtgierige Iratio Hondro, der sich zum Herrscher des Planeten Plophos aufgeschwungen hat, erweist sich als ein unberechenbarer Gegner. Nachrichten von einem beginnenden Bürgerkrieg auf Plophos erreichen die Erde – und Perry Rhodan beschließt, sofort einzugreifen. Er trifft auf DAS NEUE PLOPHOS ...
Prolog
Odysseus kehrt heim
Stewart Princess war müde. Müder als jemals zuvor in seinem Leben. Würde er den Tag im Fitnessstudio verbringen und abends einen Pitcher Bier vorm Schlafengehen trinken, er wäre nicht so müde wie derzeit. Vielleicht war er ja depressiv. Das wäre keine Überraschung – die zurückliegenden anderthalb Jahre hatten sein abenteuerliches Leben als Unternehmer, Lebemann und Geheimagent, das Princess solchen Spaß bereitet hatte, jeder Freude beraubt. Mittlerweile war er nur noch ein wohlhabender Single jenseits seiner besten Jahre, der Angst hatte, das bisschen, was er erreicht hatte, wieder zu verlieren.
Vielleicht bin ich ja tatsächlich krank, überlegte er, während er sich aus dem Fahrstuhl in die Geschäftsräume von Princess Interstellar Logistics im zwölften Stock des verspiegelten Bürogebäudes im Stadtzentrum von New Taylor schleppte. Das würde zumindest erklären, weshalb es allen anderen Kolonisten mindestens genauso schlecht zu gehen schien. Hatte sich eine Seuche auf Plophos ausgebreitet?
Nein, entschied Princess mit Blick auf seine Mitarbeiter, die apathisch in ihren Stühlen hingen. Viele Plätze waren unbesetzt, die Männer und Frauen offenbar zu Hause geblieben. Ein neuer Erreger wäre selbst im Staate Hondro bemerkt worden. Iratio Hondro, der Obmann der terranischen Kolonie Plophos, war ein größenwahnsinniger oder einfach nur regulär irrsinniger Despot, aber sein System funktionierte. Das Dunkelleben verlieh ihm die nötige Macht, und die Mischung aus mentaler und militärischer Kontrolle war hocheffektiv. Wo möglich, ließ er die Bevölkerung an der langen Leine – aber wenn jemand seinen Zielen im Weg stand oder Hondro eine private Rechnung offen hatte, musste die betreffende Person verschwinden. Wie die Ratsmitglieder Rourke und Lopez. Polizeipräsidentin Mancini. Oder Asgard Theben, der vorige Obmann ...
Die einzige Krankheit auf Plophos war Hondro. Und er duldete keine andere Krankheit neben sich.
Mit schwerem Seufzen stieß Princess die Tür zu seinem privaten Büro auf, schlurfte hinter den Tisch und ließ sich in den Polstersessel unter dem enormen Geweih an der Wand plumpsen. Er musste sich konzentrieren, sonst würde er der Nächste sein, der verschwand. Etwas war faul im Staate Plophos ... und er musste herausfinden, was. Immerhin war das sein Job, mehr oder weniger.
Stewart Princess war Mitarbeiter des terranischen Nachrichtendienstes GHOST, genauer, der streng geheimen Abteilung III. Kein Superagent – er wusste nicht mal genau, wer seine Spesen bezahlte –, aber kompetent und erfreulich langlebig. Schon seine Körpergröße und seine kräftige Statur brachen die Erwartung, die die meisten Leute hatten, wenn sie seinen Nachnamen hörten; ein bisschen Versteckspiel war immer Teil seines Lebens gewesen. Und Princess war stolz darauf, die vergangenen anderthalb Jahre unentdeckt über die Runden gekommen zu sein. Als Thomas und Farouq Rhodan da Zoltral Plophos im November 2088 verlassen hatten – in Begleitung der bezaubernden Jessica Tekener, die auf der Suche nach ihrem Bruder gewesen war –, hätte Princess sie begleiten können. Doch er hatte sich dagegen entschieden.
Iratio Hondro hatte nach der Macht gegriffen, und aus einer Mischung aus Pflichtgefühl und Galgenhumor heraus hatte Princess beschlossen, die Stellung zu halten und die Lage für den irdischen Geheimdienst zu beobachten. Er hatte Kontakte auf Plophos, er hatte Erfahrung, und wie sich in den Wochen nach Hondros Putsch erwies: Er hatte auch verdammt viel Glück. Obwohl sie zum Höhepunkt des Staatsstreichs einen offenen Straßenkampf gegen Hondros Truppen geführt hatten, war es ihm und seinem kleinen Stab von Mitarbeitern gelungen abzutauchen, nachdem sie die vorhersehbare Niederlage erlitten hatten. In den Wochen danach hatte Princess bei jedem Klopfen an der Tür damit gerechnet, dass ein Erschießungskommando davorstand ... Doch es war nie gekommen.
Ein Teil von ihm wartete noch immer darauf.
Mit zitternden Händen öffnete Princess die unterste Schublade seines Schreibtischs. Sie enthielt die kleinen Wunderdinge, die ihm in der langen Zeit seither über die Runden geholfen hatten: undeklarierte Aradrogen jeder erdenklichen Legalität; der Neurostreamdimmer, dessen Leistung Princess inzwischen so weit hochgesetzt hatte, dass er nach einer halben Stunde Migräne davon bekam; einen Musikchip mit Walgesängen und anderen Naturklängen für seine tägliche Meditation sowie die Flasche plophosischer Bourbon, die er immer häufiger erneuern musste. Fahrig angelte er nach ein paar Pillen und einem altmodischen Gummiband in einer Ecke der Schublade, goss sich einen Bourbon ein, spülte die Pillen damit hinunter und band sich das Gummi um sein linkes Handgelenk. Er brauchte einen klaren Verstand, um dieses Problem zu lösen.
Princess aktivierte das in den Arbeitstisch integrierte Positronikpult und überflog die Nachrichten. Viel gab es nicht – manche Sender waren einfach tot. Anscheinend war ganz Plophos in einen Dornröschenschlaf gefallen. Princess fragte sich, wer Schuld daran trug. Während er nach Antworten suchte und auf die Wirkung der Pillen wartete, spannte er wieder und wieder das Gummiband und ließ es gegen sein Handgelenk schnellen. Der Schmerz half ihm, sich zu konzentrieren.
In der Zeit vor Hondros Machtergreifung war Princess Interstellar Logistics eins der wichtigsten plophosischen Speditionsunternehmen gewesen. Zu den besten Zeiten hatte Princess sogar Schmiergelder dafür genommen, seinen Kunden privilegierten Zugang zum Sonnentransmitter des Capellasystems zu verschaffen. Natürlich mit Wissen seiner heimlichen Partner – für den Geheimdienst war es durchaus nützlich, auch über die Schattenseiten des plophosischen Markts im Bilde zu sein ...
Das Gummiband schnalzte, und Princess überprüfte den Status der für diesen Tag avisierten Lieferungen. Keine einzige war termingerecht eingetroffen.
Vor anderthalb Jahren hatte Hondro auf Trom die Hauptschaltzentrale des Sonnentransmitters sabotiert, um seine Macht zu beweisen. Eine Weile hatte Princess damit gerechnet, dass die Terranische Union eine Eingreifflotte schicken würde, aber die Opfer einer militärischen Intervention wären wahrscheinlich zu hoch gewesen. Außerdem war Hondro schlau genug, nach diesem Knall erst mal die Füße stillzuhalten. Er richtete kein Massaker an und führte auch keinen Angriffskrieg. Also ließ die Union ihn zähneknirschend gewähren und konzentrierte sich stattdessen darauf, seinen schleichenden Einfluss auf den übrigen Kolonien zurückzudrängen.
Das Gummiband schnalzte. Princess registrierte es kaum, war versunken in seine Erinnerung.
Sobald sich die Lage stabilisiert hatte, waren die meisten Plophoser wieder aus Hondros mentalem Würgegriff entlassen worden. Nur die wichtigsten Funktionäre von Militär, Polizei und Verwaltung unterstanden weiterhin Hondros Zwang oder wurden nach und nach gegen Loyalisten ausgetauscht, die sich auf Plophos ebenso rasch fanden wie überall. Auch den Transmitter öffnete Hondro erneut für den Warenverkehr. Die Kolonie war auf Importe angewiesen: Nahrungsmittel, Medikamente, technische Güter – das wusste ihr Obmann ebenso gut wie die TU, die das Leid der Bevölkerung nicht noch mehren wollte und deshalb lieferte.
Das Gummiband schnalzte, ein heller Laut wie aus sehr weiter Ferne.
Plophos, die ewige Nummer zwei der terranischen Kolonien nach dem Vorzeigebruder Olymp, wandelte sich trotzdem schnell zum schwarzen Schaf in der Unionsfamilie. Die meisten Angehörigen anderer Welten kehrten Plophos den Rücken, solange sie konnten; selbst Mehandor schlugen lieber einen Bogen um das Capellasystem. Es war ein ähnliches Verhältnis wie das der isolierten Ostblockstaaten des zwanzigsten Jahrhunderts zu den westlichen Nationen. Princess saß mit einem großen Fadenkreuz auf der Stirn seither auf der falschen Seite des Eisernen Vorhangs und versuchte, nicht aufzufallen.
Ein Schnalzen ... ein Schnalzen ...
Längst gab es mehr Transportkapazitäten als Kunden. Der Güterverkehr zwischen Capella und den anderen Kolonien war auf das nötige Minimum beschränkt. Ohne Hondros Segen ging gar nichts, und auch ein Schmiergeld öffnete nicht mehr so viele Türen wie einst. Princess' legale Kontakte in der Politik, der Wirtschaft oder bei der GCC hielten gleichfalls den Kopf unten, seine weniger legalen Kontakte hatten schon vor langer Zeit das Weite gesucht. Manchmal musste er sich kritisch fragen, was er noch auf Plophos verloren hatte. Er hatte schon lange nichts Lukratives mehr an Land gezogen – keine Geschäfte, keine Informationen von Wert ... Die Umsätze reichten gerade so zum Überleben, aber was für ein Leben war es, das er da führte? Ein dunkles Leben ...
Der laute Dauerton einer Hupe riss Stewart Princess aus seinen Gedanken. Einen Augenblick lang saß er irritiert da, den Kopf auf die Hände gestützt, und massierte sich stöhnend die Schläfen. War er eingenickt? Sein Blick fiel auf das linke Handgelenk und die blutigen Striemen, die das Gummiband geschlagen hatte. Er spürte fast keinen Schmerz. Die Medikamente schienen zu wirken.
Er kämpfte sich auf die Beine und wankte zum Fenster, um den Grund für den Lärm zu erfahren. Unten auf der Straße standen mehrere Bodenfahrzeuge kreuz und quer auf der verstopften Fahrbahn. Princess konnte aus dieser Höhe nicht erkennen, ob die Fahrer ihre Wagen aufgegeben hatten oder am Steuer eingeschlafen waren. Auch das Hupen führte lediglich zu einer kurzen, wütenden Erwiderung da und dort – am Gesamtbild aber änderte es nichts.
Princess konnte sich nicht länger etwas vormachen: Das Problem war real, es betraf die ganze Stadt, die ganze Kolonie wahrscheinlich, aber kaum jemand außer ihm schien es wahrzunehmen. Er begann, sich ernsthaft Sorgen zu machen.
Er rief Freya Nikulina an.
Das lange Schweigen des Komgeräts ließ ihn schon fürchten, dass es ihr noch schlechter ging als ihm, dann endlich nahm sie den Ruf entgegen. Das Kommunikationshologramm zeigte ihr strenges Gesicht, ihre Lockenpracht, die ihr in Princess' Augen etwas aufregend Nordisches verlieh. Tatsächlich musste er sich eingestehen, dass er sehr wenig über ihre Herkunft wusste, nicht mal, ob sie eine gebürtige Plophoserin oder von der Erde eingewandert war wie er selbst.
»Wie geht es dir?«, fragte er.
»Müde«, antwortete sie. »Was passiert mit uns? Ich kann mich kaum bewegen.«
»Ich weiß nicht. Ich weiß«, murmelte er verwirrt. »Mir geht's auch so. Hondro?«
Wie meistens verstand sie ihn auch ohne viele Worte. »Wieso sollte er das tun? Der ganze Planet steht still.«
So schlimm? Doch es war klar, dass sie recht hatte. Niemand hatte mehr die Energie, zu arbeiten, Güter zu verladen oder gar ein Raumschiff zu fliegen. Ohne die Aradrogen hätte auch er kaum genug Kraft für dieses Gespräch.
»Freya, ich weiß nicht mehr, wo oben und unten ist.«
»Meine Arme und Beine fühlen sich an, als wären sie aus Blei«, murmelte sie. »Am liebsten würde ich eine Woche lang nur schlafen.«
»Ich will dich sehen.«
Nikulina nickte. Die Ringe unter ihren Augen waren dunkel und tief, aber so leicht machte sie nicht schlapp. »Ich komme zu dir. Heute Abend«, versprach sie und beendete die Verbindung.
Na also – ein Hoffnungsschimmer. Allein die Aussicht auf ein Treffen beflügelte Princess. Es gelang ihm, noch ein paar wichtige Aufträge zu stornieren, die ihn andernfalls ein kleines Vermögen an Schadenersatz gekostet hätten, dann war es schon Zeit für den Heimweg. Er musste sehr lange für alles gebraucht haben, oder die Aradrogen hatten sein Zeitgefühl durcheinandergebracht. Bevor er ging, entließ er noch seine Mitarbeiter in den Feierabend, doch sie beachteten ihn kaum.
Unten auf der Straße war der Verkehr vollends zum Erliegen gekommen. Auch ein paar Unfälle hatten sich ereignet. Vereinzelt staksten Polizisten und Sanitäter müden Schritts durch das Chaos, die meisten Leute jedoch saßen mit leeren Gesichtern in ihren Sitzen, bei offener Tür oder gleich auf der Straße.
Stewart Princess rief sich ein Robottaxi – die teure Gleitervariante, die normalerweise immer überbucht war. Derzeit schien die Nachfrage jedoch sehr niedrig zu sein, denn bereits fünf Minuten später landete der Gleiter vor ihm auf dem breiten Gehweg. Er nannte der Fahrzeugpositronik seine Adresse und ließ sich in den Passagiersitz sinken.
»Wie geht es uns heute?«, plauderte der fest verbaute Roboter im Pilotensessel drauflos, doch Princess ignorierte ihn. Seine Gedanken weilten bei Nikulina.
Sie hatten sich kurz nach dem Umsturz kennengelernt und trafen sich seither regelmäßig. Freya Nikulina arbeitete in der städtischen Verwaltung und fürchtete genau wie er eine Enttarnung durch Hondro, für den sie wenig Sympathie hegte. Manchmal tauschten sie Informationen aus, doch der berufliche Teil ihrer Partnerschaft bedeutete Princess nicht halb so viel wie der private.
In seinem Job war er immerzu isoliert. Alles, was er tat, war Maske, Tarnung, schöner Schein. Nikulina gab ihm Halt. Sie gab ihm das Gefühl, nicht allein zu sein. Ohne sie wäre er wahrscheinlich längst nicht mehr da, in mehrerlei Hinsicht.
Vor seinem Grundstück am Stadtrand warf ihn der fröhlich plappernde Roboter hinaus und ließ sich seiner Programmierung gemäß in plophosischen Dollars bezahlen, obwohl diese fast nichts mehr wert waren. Inoffiziell zahlte jeder in terranischen Dollars oder Euros – aber Hondro mochte das nicht.
Princess öffnete sein mehrfach gesichertes Gartentor und schleppte sich zum Hauseingang. Es war früher Abend. Die rote Sonne Eugaul schien tief durch die dunklen Bäume; die übrigen drei Gestirne des Mehrfachsystems waren bereits untergegangen oder hinter Wolken verborgen. Die Stille lastete so tief auf dem Wohnviertel, dass Princess sogar das Surren des ein Stück entfernten, gewaltigen, elektrisch gesicherten Stahlzauns hörte, der New Taylor vor Panzerbären und anderen Überraschungen der plophosischen Fauna schützte. Es kam ihm laut wie ein Alarm vor, eine Warnung, auf die niemand mehr reagierte. Erst als er die Tür hinter sich zuschlug, fiel die Angst von ihm ab.
Gerade war es ihm gelungen, sich in der Küche ein belebendes Getränk einzugießen, als es klopfte. Draußen war es inzwischen dunkel geworden.
Er öffnete. Freya Nikulina fiel ihm um den Hals, halb Sturz, halb Liebkosung, und hüllte ihn in eine Wolke ihrer nordisch-blonden Locken. Freya, die Liebesgöttin. Irgendwie gelang es ihr, ihrer Erschöpfung zum Trotz einen Hauch von Anmut zu bewahren.
»Danke, dass du gekommen bist«, flüsterte er.
»Danke, dass du angerufen hast«, gab sie zurück.
Da sie beide kaum die Kraft für ein Gespräch oder ein gemeinsames Essen hatten, fanden sie den Weg in sein Schlafzimmer und gaben sich dem Trost ihrer Nähe hin. Die Welt bäumte sich auf wie ein stürmisches Meer, und er fühlte sich wie ein führerloses Schiff auf den Wogen. Nikulina war sein Anker, sein sicherer Hafen, den er zu lange gemisst hatte ...
Am nächsten Tag war sie verschwunden; Stewart Princess wusste nicht, wohin. Eine Stunde lag er kraftlos im Bett und starrte die Decke an, dann zwang er sich, aufzustehen und zu duschen.
Die Aradrogen hatten einen gewaltigen Kater hinterlassen. Er brauchte erst ein paar Schmerzmedikamente, ehe er die nächsten Aufputschmittel nehmen konnte. Wieder rief er sich ein Robottaxi und machte sich auf den Weg in die Stadt. Die vier Sonnen standen hoch am Himmel über den Wolkenkratzern von New Taylor, müde Sterne über einer schlafenden Stadt.
»Was passiert mit uns?«, fragte er den Roboter im Pilotensitz, als wäre die Maschine sein Beichtvater, die alle Antworten kannte. »Was haben wir falsch gemacht?«
»Ach, wir machen alle mal Fehler«, beruhigte ihn der Roboter altklug, obwohl er nicht mal ansatzweise über die Kapazitäten einer KI verfügte. Gesteuert wurden die Gleiter von einer automatisierten Zentrale am Raumhafen. »Aber einer Sache können Sie sich gewiss sein: Bei uns sind Sie in Sicherheit.« Der Roboter gackerte, ohne die harten Lippen zu bewegen. »New Taylor Sky Cabs, zu Ihren Diensten.«
Unbestimmte Zeit später fand sich Princess auf dem Dach seines Bürogebäudes wieder. Wie lange stand er schon dort? Er wusste es nicht. Der kalte Wind fuhr ihm durchs Haar. Unter ihm, in den düsterroten Straßenschluchten, lagen Fahrzeuge und Menschen, als hätte man sie mit einem Würfelbecher ausgeschüttet.
Er gab sich einen Ruck und setzte sich in Bewegung, schleppte sich zum Fahrstuhl und fuhr hinab in den zwölften Stock. Jeder Schritt bereitete ihm Schmerzen, als hätte er einen Dauerlauf hinter sich. Aber er durfte, wollte nicht aufgeben. Sein Büro war der einzige Ort, an dem er die Dinge leidlich unter Kontrolle hatte.
Seine Mitarbeiter waren immer noch da. Alle, die es nicht rechtzeitig nach Hause geschafft hatten, hingen in ihren Sesseln oder lagen unter ihren Tischen, in derselben Kleidung wie am Vortag. Es roch nach alten Fertiggerichten, und es war viel zu kalt.
Fluchend regulierte Princess die Klimaanlage nach und brachte den Männern und Frauen Wasser und Decken. Sie waren nicht krank, aber geschwächt und unruhig. Viele klagten über Schmerzen, aber niemand konnte ihm sagen, wo genau, und mehr als ein leises »Danke« brachte keiner über die Lippen. Fast schien es ihnen egal zu sein, was aus ihnen wurde. Entkräftet, wie auf Drogen, starrten sie ins Leere, zu schwach, um sich zu regen, aber zu verwirrt, um Ruhe zu finden.
Schließlich gab er es auf und betrat sein Büro. Seine Hände zitterten, bei jedem Schritt stieg in ihm die Übelkeit hoch. Es war, wie durch Wasser zu waten, ein trübes, schmutziges Meer.
An seinem Schreibtisch spielte er den Musikchip mit Naturklängen ab, setzte den Neurostreamdimmer auf und konzentrierte sich auf seinen Atem. Die Übungen, die man ihm vor langer Zeit bei seiner Ausbildung vermittelt hatte, um unter Stress oder Folter bei klarem Verstand zu bleiben, halfen ein wenig. Hieß das, dass doch Hondro hinter allem steckte? Spürten die Siedler die Geisteskräfte des Wahnsinnigen? Versuchte Hondro, die Kolonie mit sich in den Abgrund zu reißen?
Als Princess wieder aufsah, stand Freya Nikulina vor ihm. In seinem Zustand kam sie ihm umso mehr vor wie eine Göttin, ihr blondes Haar war von einem Strahlenkranz umgeben.
»Wo kommst du auf einmal her?«, fragte er verwirrt und nahm den Schläfenbügel des Neurostreamdimmers ab, als hätte sie ihn mit Lockenwicklern im Haar erwischt. »Und wo warst du?«
»Wir müssen verschwinden«, sagte sie nur. »Es wird immer schlimmer.«
»Was meinst du mit verschwinden?«, fragte er.
»Weg«, sagte sie. »Weg von Plophos.«
»Und alles aufgeben, was ich ... was wir ...«
»Glaubst du denn ernsthaft, alles wird wieder wie vorher?« Sie deutete erschöpft zum Fenster, vor dem die matte Stadt im roten Dämmer lag. »Etwas ist passiert und passiert immer noch – und entweder ist Hondro schuld daran oder er hat die Kontrolle verloren. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.«
Er schaute sie an. Wie die meisten Menschen auf Plophos sprachen sie nur selten offen über Iratio Hondro und das, was er ihnen antat. Niemand wollte so genau darüber nachdenken, außerdem hatte der Obmann seine Augen und Ohren überall.
»Selbst wenn du recht hast«, lenkte er ein, »wie stellst du dir das vor? Wie kommen wir an ein Raumschiff? Ich bin schon froh, wenn ich es noch einmal aus diesem Sessel schaffe. Und der Rest der Stadt liegt im wahrsten Sinne am Boden.«
Sie ließ sich auf seinem Tisch nieder, schloss kurz die Augen, als müsste sie gegen die Erschöpfung kämpfen. »Hast du nicht ... einen Ausweg? Die Leute, für die du arbeitest?«
Princess kniff die Lippen zusammen. Selbstverständlich hatte er Nikulina nicht erzählt, dass er für den terranischen Geheimdienst arbeitete. Das wäre Verrat gewesen. Sie wusste aber, dass er kein einfacher Spediteur war und Leute kannte, die nicht gerade glücklich mit Hondro und seinem Regime waren. Das hatte er wahrscheinlich mehr als einmal angedeutet, wenn sie ihn nach dem Grund für seine Nervosität gefragt hatte. Genau wie er im Gegenzug wusste, dass Nikulina nach dem Umsturz viele Freunde verloren hatte. Anders hätten sie einander nicht vertrauen können. Hin und wieder hatte sie ihn sogar mit Informationen aus der Verwaltung versorgt – nichts Gewichtiges, aber hilfreich.
»Es gäbe vielleicht eine Möglichkeit«, raunte er. »Für Notfälle ...«
Sie lachte hell auf. »Was ist das da draußen, wenn es kein Notfall ist? Von was für einer Möglichkeit redest du?«
»Ich könnte einen Dolphin rufen«, antwortete er leise.
»Einen ... Dolphin?«, wiederholte sie.
Dolphins waren kleine, leistungsfähige Raumboote, die die Abteilung III in Bedrängnis geratenen Agenten schickte. Sie waren weitgehend autonom und konnten von einer einzelnen Person oder zur Not auch vom Autopiloten gesteuert werden. Außerdem boten sie erstklassige medizinische Versorgung nach dem Vorbild von Technologien aus Andromeda, die sogar Reisen durch Sonnen- und Situationstransmitter erträglich machte. Pate für ihren Namen stand der Mythos, demzufolge Delfine Schiffbrüchige aus Seenot retteten.
Ein Dolphin verhieß Sicherheit, verhieß Schutz. Allein beim Gedanken daran, sich in die Umarmung eines solchen Rettungsboots sinken zu lassen, wurden Princess die Lider schwer. Er könnte es anfordern, sofort von seinem Schreibtischkom aus, mit dem er auch seine Berichte versendete, mittels eines kleinen, mehrfach gesicherten Programms im hintersten Winkel der Positronik. Dann brauchte er sich bloß noch zum Treffpunkt begeben ... und ihn erwartete eine schnelle Heimkehr.
Dennoch – oder gerade deswegen – schreckte Stewart Princess noch davor zurück. Das Notsignal abzusetzen, hieße aufzugeben. Diesmal für immer. Er konnte nicht einfach fliehen und später zurückkehren, als ob nichts gewesen wäre. Hondro würde ihn bemerken.
Andererseits ... hatte er das nicht längst?
»Einen Dolphin zu rufen, ist eine endgültige Entscheidung«, äußerte er seine Bedenken. »Wenn wir das tun, gibt es kein Zurück mehr.«
Sie sah ihn an mit ihren Augen einer Göttin. So stolz, so fordernd. Und voller Leid. »Tu es, Stewart!«
Er nickte. »Also schön. Ich werde es tun. Halt dich bereit.«
»Gut.« Sie glitt von seinem Tisch. »Ruf mich, wenn du so weit bist.« Sie gab ihm einen Kuss und verließ sein Büro. Sie schwankte wie eine Betrunkene, aber verglichen damit, wie er sich fühlte, kam sie ihm beinahe schwerelos vor. Ihre Stärke war bewundernswert. Oder vielleicht nahm sie die besseren Drogen? Er musste sie unbedingt danach fragen ...
Stunden später schrak Stewart Princess auf. Sein Kopf war auf den Tisch gesunken, draußen vor dem Fenster war es dunkel. Verdammt, er musste wieder eingeschlafen sein! Hastig durchsuchte er seine Schublade nach den restlichen Pillen, nahm die doppelte Dosis und hielt sich mit dem Gummiband an seinem Handgelenk wach, bis er die Kraft fand, sich auf die Positronikkonsole zu konzentrieren.
Freya Nikulina hatte recht – in diesem Zustand war er zu nichts mehr nütze. Falls Hondro wirklich hinter alldem steckte, wäre es dem Diktator ein Leichtes, Princess und alle, auf die er es abgesehen hatte, zu beseitigen. Mehr noch als diese Aussicht machte Princess die Ungewissheit zu schaffen, wie lange der aktuelle Zustand auf Plophos noch andauern könnte – und was dann aus ihm und den Menschen dieser Welt wurde.
Er hatte Angst. Er war in Seenot. Allein auf einem dunklen Meer ... und er fürchtete sich vor dem Ertrinken.
Princess rief das versteckte Programm auf und authentifizierte sich mehrfach. Der Vorgang dauerte so lange, dass er jedes Zeitgefühl verloren hatte, bis endlich die letzte Abfrage vor ihm blinkte. Der Augenblick der Entscheidung.
Er bestätigte.
Er hatte den Dolphin gerufen.
Mit klopfendem Herzen wartete er, bis er die Rückbestätigung erhielt, dass sein Hyperfunkruf vernommen worden war. Nike Quintos Mitarbeiter waren informiert. Und irgendwo im Solsystem machte sich nun ein kleines Raumschiff auf den Weg zu ihm.
Zeit, zu gehen – falls doch jemand das Signal zu ihm zurückverfolgte. Stewart musste nun untertauchen. Wenn alles gut ging, würde schon in wenigen Stunden die Rettung zur Stelle sein.
Nachdem er seinen Entschluss gefasst hatte, wünschte er, es würde schneller gehen – doch diese letzte Frist war nötig, um eine Entdeckung zu vermeiden. Eine Transition direkt in den Orbit von Plophos mit anschließendem Notmanöver würde eine ganze Kaskade diplomatischer und militärischer Probleme auslösen. Um dies zu vermeiden, würde der Dolphin sich stattdessen anschleichen und sich auf einer sicheren Frequenz melden, sobald er einen geeigneten Landeort lokalisiert hatte. Danach konnte Princess Nikulina Bescheid geben ...
Princess hatte schon fast die Tür erreicht, als er innehielt.
Eins blieb noch zu tun – so viel war er ihnen schuldig. Beinahe hätte er es vergessen.
Er ging zurück zu seinem Tisch, setzte abermals den Neurostreamdimmer auf und rief Vivian an.
Vivian war die einzige weitere Mitarbeiterin der Abteilung III auf Plophos, von der er Kenntnis hatte. Er hatte sie nie persönlich getroffen, ihm war weder ihr echter Name noch ihre Tarnidentität geläufig. Er kannte nur ihren internen Decknamen sowie ein altes Bild und wusste, dass sie zwar deutlich jünger war als er, aber nicht weniger fähig. Und dies war einer der drei im Handbuch vorgesehenen Fälle, in denen er sich bei ihr melden sollte. Die anderen beiden – unmittelbare Gefahr für sein oder ihr Leben – waren bislang nie eingetreten.
Es dauerte eine Weile, bis sie den Ruf entgegennahm. Dann baute sich ihr Bild vor ihm auf.
Vivian hatte sich verändert. Sie war eine Strigoidin – wie viele genetisch angepasste Plophoser litt sie an einer erhöhten Lichtempfindlichkeit. Nicht dramatisch in ihrem Fall, aber irgendwann im Laufe der vergangenen Jahre musste sie sich dazu entschlossen haben, die Patina aufzutragen, mit der sich viele der Betroffenen schützten: ein kupfergrüner Film aus Nanopartikeln, der den ganzen Körper einhüllte. Schimmernd. Anmutig. Fremd.
Für Princess sah sie dadurch aus wie eine Meerjungfrau im Schuppenkleid.
»Mein Gott – Arthur?«, hauchte sie schläfrig und nannte ihn bei seinem Decknamen. »Was gibt es?«
»Ich gehe«, informierte er sie ohne Umschweife. »Ich gehe heim.«
Sie warf sich eine Decke über die Schultern. »Sind schlechte Zeiten.«
»Kommst du zurecht?«, fragte er.
Sie gähnte, konnte kaum die Augen offen halten. Hinter ihr sah er undeutlich hingestreckte Gestalten vor einer Mauer. »Besser als die meisten anderen ...«
»Willst du nicht ebenfalls gehen?«
»Gehen?« Sie blinzelte, so langsam, dass er kurz fürchtete, sie würde vor seinen Augen einschlafen. »Wohin denn?«
»Zurück zur Erde natürlich.«
»Ich muss doch bleiben ... beobachten ...«
»Das habe ich auch versucht. Anderthalb Jahre lang. Jetzt ist es vorbei.«
Sie kommentierte seinen Entschluss nicht. »Auf Wiedersehen, Arthur. Und alles Gute.«
»Auf Wiedersehen, Vivian.«
Mit einem Kloß in der Kehle beendete Princess das Gespräch und sah sich ein letztes Mal um. Die kleine Bar an der Wand, das stolze Geweih über dem Sessel. Es waren gute und ereignisreiche Jahre gewesen – die besten seines Lebens wahrscheinlich. Nun war es vorbei. Hondro hatte gewonnen. Princess löschte den privaten Speicher seiner Positronik und packte die verbliebenen Drogen ein.
Den Männern und Frauen im Vorraum konnte Stewart Princess nicht mehr helfen. Mit offenen Augen und flachem Atem lagen sie unter den Tischen. Schon spürte er, wie die Lethargie auch ihn zu übermannen drohte. Am liebsten hätte er sich zu ihnen gelegt. Er schluckte eine weitere Pille, dann fuhr er mit dem Fahrstuhl nach unten.
Durch die Lobby schritt er hinaus auf die dunkle Straße. Überall lagen die Menschen hilflos umher wie Fische, die nach Luft schnappten. Einige fanden noch die Kraft, zu kriechen, schwach auf Nahrungs- und Getränkespender einzuschlagen, um gierig die karge Ausbeute zu verzehren. Sie wirkten wie die letzten Überlebenden einer Katastrophe. Plophoser, Terraner – niemand war gegen die unheimliche Schlafseuche immun.
Princess tauchte tiefer in die nächtliche Stadt ein.
Die Hauptverkehrswege waren nach wie vor gelähmt. Privatfahrzeuge, Busse, Einsatzwagen türmten sich wie schimmernde Korallenriffe im flackernden Licht der Neonreklame. Princess sah zu den hohen Türmen von New Taylor auf, zwischen denen Robotgleiter wie ferne, glitzernde Mantas kreisten. Es kam ihm vor, als stünde er auf dem Boden einer überfluteten Stadt. Die ersten Strahlen der Dämmerung schoben sich über den Rand der Welt, doch das düstere Farbenspiel hatte kaum die Kraft, ihn zu erreichen.
Wehmut erfasste ihn bei dem Anblick. Er hatte um diese Straßen gekämpft. Nun hatte die Flut sie ihm entrissen. Er musste fliehen, sonst würden die Wogen der Lethargie auch ihn erdrücken.
Diesmal konnte er sich kein Robottaxi rufen – er durfte keine Spuren hinterlassen, durfte Vivian nicht gefährden. Iratio Hondro sollte nie erfahren, wer ihm entkommen war und wie.
Sein Komgerät schützend an sich gedrückt, verbarg sich Princess in einem Hauseingang, um zu warten. Die Müdigkeit war so stark, dass sie ihm Schmerzen bereitete. Oder vielleicht waren es die Aradrogen, deren Nebenwirkungen überhandnahmen? Dann kam endlich der kodierte Ruf des Dolphins, der ihm Koordinaten nannte: außerhalb des Schutzzauns, etwa eine Stunde zu Fuß, auf der dem Raumhafen abgewandten Seite der Stadt. Das war gut. Niemand würde das kleine Raumschiff mit seinen zahlreichen Tarnsystemen dort entdecken.
Mit zitternden Fingern sandte er Freya Nikulina die Koordinaten. Er hoffte, dass er sie nicht in eine Falle lockte. Aber auf die Dolphins war Verlass. Die Erde ließ sie nicht im Stich ...
Er verdrängte seine Sorgen und machte sich auf den Weg. Nach langer Irrfahrt würde er endlich nach Hause zurückkehren. Zur Erde. Nach England ...
Je weiter er taumelte, desto apokalyptischer wurde das Bild ringsum. Überall die reglosen Körper. Fliegen krabbelten ihnen über Haare und Augen, doch es fehlte der Willen, die Kraft, sie zu vertreiben. In den Straßen abseits der Bürogebäude, der Einkaufshallen und Spielcasinos hatte sich schon früher oft der Müll gestapelt. Nun kam es Princess wie eine Deponie vor – eine Gefangenkolonie, die man ihrem Schicksal überlassen hatte. Die Wahrheit war, er hatte Plophos nie geliebt. Er hatte sich eine Weile dafür verantwortlich gefühlt und auf dieser Welt eine Chance für sich gesehen. Aber sein Herz hatte immer der Heimat gehört.
Was für eine Odyssee!, dachte er.
Die Drogen vernebelten ihm die Sinne. Jeder Schritt fiel ihm schwer, fühlte sich an wie ein Waten unter Wasser. Betäubt wankte Princess durch seine sterbende Stadt, folgte dem verheißungsvollen, fernen Leuchtfeuer vor ihren Toren. Fast meinte er es zu hören: ein Sirenengesang über den Tiefen. Was würde ihn am Ende seiner Reise erwarten? Tatsächlich die Rettung? Ein Delfin, der ihn dem Meer entwand und nach Hause brachte?
Die Sonnen gingen auf, gespenstische Anglerfische seiner überfluteten Welt. Er passierte den Schutzzaun an einem verlassenen Kontrollpunkt und schlug sich in die Wälder, die fast direkt vor den Toren der Stadt begannen. Die rötlichen, an das Spektrum Eugauls angepassten Nadelhölzer machten ihm schmerzlich die Fremdartigkeit der Kolonie bewusst. Zu lange hatte er sich etwas vorgemacht. Er gehört nicht hierher ...
Er überprüfte die Koordinaten und schritt schneller voran. Hinter einer Senke, einem weiteren Hügel, einem Hain blutdunkler Bäume, glaubte er, das schwache Blinken von Positionslichtern auszumachen, das leise Surren von Maschinen.
Es war so weit. Der Augenblick, den er vor sich hergeschoben hatte, war da.
Er war lange genug unterwegs gewesen – Odysseus kehrte nach Hause zurück.
Da nahm er mit benebelten Sinnen auf einmal eine Bewegung zwischen den schattenroten Ästen wahr, die ihm die Sicht auf den Dolphin verdeckten, und eine Frau trat auf ihn zu.
Es war Freya Nikulina – und ihr Haar strahlte im Glanz der hellen Lichter, die ihn nach Hause riefen.
Sie ist schon hier?, wunderte sich sein müder Geist, und seine tauben Lippen stellten eine stumme Frage.
Da teilten sich die Zweige abermals, und Princess verstand. Verstand, was für eine Rolle er in diesem Drama gespielt hatte und welches Schicksal ihm beschieden war. Die Heimkehr des Odysseus: er, der müde Weltmeerfahrer, und sie, Penelope, seine untreue Frau, die ihn verraten hatte. Wer war der falsche Freier, der seinen Platz an ihrer Seite begehrte?
Ein stolzes Gesicht mit alten Narben in der Wange sah ihn an. Schwarzes Haar, ein strenger Bart und schwarze Augen in einer Wolke von Rauch. Ein Dämon, eben erst der Unterwelt entstiegen.
»Da sind Sie ja«, sagte Iratio Hondro. »Es ist an der Zeit.«
1.
Government Garden
Die Sonne brannte auf Government Garden herab. Das Regierungsviertel von Terrania zeichnete sich durch eine enorme Vielfalt an grünen Oasen und bunten Blumenwiesen aus, zwischen denen sich die imposante Union Hall und mehrere Verwaltungsgebäude erhoben. Offen, gläsern, begrünt, den Menschen und ihrer Zukunft zugewandt – das sollte die Botschaft des Regierungsgartens sein. Die Lufttemperaturen und die Maisonne am Himmel indes waren eine Erinnerung daran, dass die Hauptstadt der Terranischen Union inmitten einer Wüste errichtet war.
Perry Rhodan und Reginald Bull schlenderten auf einem der breiten Wege zwischen den dezenten Wasserspielen, Skulpturen und Beeten. Rhodan war gerade erst von seinem Flug ins galaktische Zentrum heimgekehrt. Dort hatte er mithilfe des Nonagons, der uralten Neunturmanlage der Loower, das Erwachen des dunklen Intellekts Tihit verhindert, einer Wesenheit, die sich im Zentrum von Sagittarius A* verbarg. Rhodan hatte das Dunkelleben, das sich in weiten Teilen der Milchstraße ausgebreitet hatte, in das Schwarze Loch gesaugt. Leider war es nicht vollkommen klar, ob er die Gefahr damit gebannt oder den Menschen nur Zeit erkauft hatte. Die Ansichten darüber gingen auseinander.
»ES, Ellert ...«, stöhnte Bull, nachdem Rhodan seinen Bericht beendet hatte. Einen Moment lang fühlte sich Rhodan an eine Unterhaltung kurz vor seinem Aufbruch erinnert, bei der sie beide sehr betrunken gewesen waren und ebenfalls auf die kosmischen Mächte geflucht hatten, die ihnen keine Ruhe ließen. »Wieder und wieder mischen sie sich in unser Leben ein.«
Es entging Rhodan nicht, dass Bull zumindest eine Botschafterin dieser Mächte diesmal nicht namentlich nannte: Nathalie, Rhodans Tochter, die unter dem Deckmantel der Phantasiegestalt Anson Argyris über Olymp herrschte. Rhodan wertete diese Auslassung als Zeichen der Höflichkeit.
»Ich bin froh, dass ich wieder zu Hause bin«, pflichtete ihm Rhodan bei. »Und ich bin froh, dich zu sehen und dass es dir gut geht.«
»Ich bin auch froh, dass du mit heiler Haut zurückgekehrt bist.« Bull blinzelte gerührt. »Hast du mir was Schönes mitgebracht?«
Anstelle einer Antwort schloss Rhodan seinen alten Freund in die Arme und klopfte ihm auf die Schultern. Er dachte an die potenzielle Zukunft, die ihm Nathalie gezeigt hatte und in der Rhodan den Tod seiner Frau Thora und seines besten Freundes hatte miterleben müssen. Alles, wofür er je gekämpft und gearbeitet hatte, war Tihits Vernichtungswerk zum Opfer gefallen.
Er hatte lange überlegt, ob er Bull von der Vision seines Todes erzählen sollte; davon, dass ein wahnsinniger Merkosh im Dienste Tihits Bull die Kehle durchgeschnitten hatte. Letztlich hatte sich Rhodan dagegen entschieden. Was für einen Nutzen hätte es? Bull wusste auch so, wie gefährlich Tihit war, wie hoch der Einsatz, um den sie spielten. Es reichte, wenn Rhodan diese Bilder nicht mehr aus dem Bewusstsein bekam. Er musste nicht auch noch seinen Freund damit belasten, der selbst genug Probleme hatte.
»Ich habe gehört, dir war auch nicht langweilig?«, wechselte er das Thema. »Ihr habt eine Bujun im Himalaya entdeckt?«
»Allerdings.« In knappen Worten berichtete Reginald Bull, wie es einem Team um Thomas und Farouq Rhodan da Zoltral sowie Laura und Sophie Bull-Legacy gelungen war, die Gefahr abzuwenden, die von der alten liduurischen Planetenbombe ausgegangen war. »Unsere Kinder haben also mal wieder die Welt gerettet«, schloss Bull. »Und diese deutsche Kulturhistorikerin, die sich Thomas da angelacht hat ...«
Rhodan hob eine Braue. »Bist du sicher, dass du da nicht zu viel reininterpretierst? Soweit ich weiß, hat er noch nicht die Hoffnung aufgegeben, seine Jessica wiederzufinden.« Jessica Tekener war während der Passage durch einen Zeitbrunnen spurlos verschwunden. Es war zwar sehr wahrscheinlich, dass man sie niemals wiederfinden würde, aber bei solchen Phänomenen wusste man nie.
»Klar«, sagte Bull. »Du weißt ja, ich bin nicht gut darin, zu raten, was die Menschen wollen.«
»Wie geht es dir und Autum?«, erkundigte sich Rhodan. Die Trennung von seiner Frau hatte Bull noch immer schwer zugesetzt gehabt, als sie sich zuletzt gesehen hatten.
Zu seiner Überraschung strahlte Bull. »Bestens! Ich habe deinen Rat befolgt und sie angerufen.«
»Und sie hat abgenommen?«
»Mehr als einmal. Es ist anders als früher – ich weiß noch nicht, was das ist, was wir da haben ... Aber es fühlt sich gut an.«
»Das freut mich. Komm, lass uns einen Kaffee trinken.«
Sie spazierten zu einem der zahlreichen kleinen Cafés, die sich überall in Government Garden verteilten. Obwohl der Park für die Öffentlichkeit zugänglich war, herrschte eine hohe Sicherheitsstufe. Automatische Systeme und unauffälliges Personal sorgten dafür, dass niemand auf den Gedanken kam, jemanden zu belästigen oder gar ein Attentat zu verüben. Unter den Gästen in den Restaurants und Bars fanden sich zu jeder Zeit zahlreiche Rats- und Regierungsmitglieder. Von daher fühlten sich Rhodan und Bull unter sich – es gab nicht viele Lokalitäten, in denen sie ungezwungen verkehren konnten.
Sie nahmen an einem der Tische im Freien Platz und bestellten. Dann brachte ihn Bull weiter auf den Stand der Dinge. »Imperator Mascudar hat seinen Antrittsbesuch verschoben, nachdem er hörte, dass ihr nicht verfügbar sein würdet. Aber er hat einen hohen Beamten geschickt, und Thoras Stellvertreter, dieser Kitrina, hat seine Sache recht ordentlich gemacht. Es gab Feierlichkeiten und ein paar Pressetermine, und die diplomatischen Beziehungen werden weiter ausgebaut.«
Rhodan nickte. »Thora hat schon so etwas erwähnt.« Das Verhältnis der Terranischen Union zum Großen Imperium der Arkoniden war ebenso essenziell wie kompliziert, und Atlans Vater auf dem Kristallthron mochte sich noch als gefährlicher Gegenspieler erweisen – Verbündeter oder nicht. Rhodan hatte sich mit seiner Frau darüber ausgetauscht, ehe sie zu einem Besuch bei ihrer Tochter nach Olymp aufgebrochen war.
»Dann ist da natürlich noch die Sache mit Imart«, fuhr Bull fort und nahm dankend seinen Espresso entgegen. Aufgrund seines Zellaktivators hatte der Protektor keine Augenringe und empfand genau wie Rhodan keine Schwäche, nur weil er ein paar Nächte schlecht geschlafen hatte.
Allerdings bestand jederzeit die Gefahr, dass der Aktivator schlappmachte. Und Rhodan kannte Bull lange genug, um die Zeichen zu deuten: der gesenkte Blick, die nervöse Geste, mit der Bull den Zuckerwürfel in den Espresso schnippte ... Die Krise der Solaren Union machte ihnen allen zu schaffen. Die Union verkörperte die Vision, die sie beide verfolgt hatten, seit sie damals auf dem Mond über das arkonidische Raumschiff gestolpert waren, das ihrer aller Leben verändert hatte.
»Seit Imart vorigen Monat die Mitgliedschaft in der Terranischen Union auf Eis gelegt hat, wurde im Rat eigentlich nur noch gestritten«, erzählte Bull. »Imarts Vertreter werfen uns vor, sie verkauft und verraten zu haben. Die Embolischen Wellen seien die Schuld der Kolonialbehörde und des Variable Genome Project, und wir hätten die Siedler als lebende Versuchskaninchen missbraucht. Der Chinesische Block steigt voll auf diese Argumentation ein.«
Letzteres wunderte Rhodan nicht sonderlich. Seit dem tragischen Verlust seiner eigenen Kolonien ließ der Block keine Gelegenheit aus, die Kolonien der Terranischen Union als unterdrückte und geknechtete Planeten darzustellen, die von Terrania mit eiserner Hand bei der Stange gehalten wurden.
»Aber die Hilfen für Imart laufen noch?«, vergewisserte sich Rhodan.
»Selbstverständlich«, sagte Bull. »Darauf sind die Imarter nach wie vor angewiesen, und das schmeckt ihnen kein bisschen. Vielen Ratsmitgliedern wiederum stinkt das Verhalten Imarts allmählich. Nicht dazugehören wollen, aber die Hand aufhalten – das empfinden sie als undankbar. Ich glaube, auch der alte Ngata verliert langsam die Geduld. Shalmon Dabrifa ist einer der Wenigen, die sich noch Mühe geben und dem man auch zuhört.«
Rhodan rührte gedankenvoll in seinem Kaffee. Es war nicht das erste Mal, dass der junge Israeli sich auf der politischen Bühne hervortat. Rhodan verfolgte seinen Werdegang nun schon eine Weile und war sich immer noch nicht sicher, was er von Dabrifa halten sollte.
»Ach, und wenn du Präsident Ngata in die Luft gehen sehen willst, musst mal mit ihm über Oxtorne reden«, versuchte Bull zu scherzen. »Er war ja nie ein großer Freund von NATHAN, aber das ... ja, das ...«
Rhodan konnte gut verstehen, dass seinem Freund die Worte fehlten. Dass die lunare Hyperinpotronik im Geheimen eine neunte Kolonie gegründet, ausgestattet, finanziert und ihre Bewohner genetisch an die extremen Umweltbedingungen angepasst hatte ... Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte: Selbst wenn man NATHAN die besten Absichten unterstellte, war es ein Skandal unfassbaren Ausmaßes, politisch, ethisch und wirtschaftlich.
Schon am Beispiel Cyboras hatte sich gezeigt, dass NATHAN lieber hinterher um Entschuldigung bat, als vorher um Erlaubnis zu fragen. Aber Oxtorne erweckte den Eindruck, als wäre die Union nur ein Witz für ihn. Das Medienecho war noch immer gewaltig. Wieder einmal fühlte es sich an, als hätte die Menschheit die Kontrolle über ihre eigene Zukunft verloren.
»Wäre es nicht NATHAN, würde ich ja sagen, lass uns mit ihm reden«, kommentierte Rhodan.
»Wäre es nicht NATHAN, würde ich ja sagen, ein Nachthimmel ohne Mond wäre vielleicht das geringere Übel«, erwiderte Bull.
»Bitte sag mir Bescheid, bevor du die Flotte schickst.«
Bull lachte. »Keine Sorge, noch reden wir. Das heißt, Michelsen und ihre Leute reden. NATHAN schickt eigentlich nur noch Goslin vor. Ich glaube, weil er weiß, wie sehr das Michelsen ärgert.«
Rhodan konnte es der Administratorin nicht verübeln. Er erinnerte sich noch gut an Jeremiah Goslin, den als »Totengräber« bekannten Staranwalt mit seiner Melone, der schon mehrfach als NATHANS – und Rhodans – Verteidiger aufgetreten war. Vielleicht waren es Typen wie Goslin oder Leibnitz, NATHANS Liebe zum Skurrilen, die Rhodan seinen Glauben an die guten Absichten der Hyperinpotronik noch nicht ganz verlieren ließ.
Rhodans Blick wanderte über die Nachbartische. Regierungsmitarbeiter in der Mittagspause, Besucher mit ihren Familien, Diplomaten aus anderen Sternsystemen. Er erkannte Koordinator Baatar und seine Lebensgefährtin, beide – der blauhäutige Ferrone wie die erdgeborene Frau – in traditioneller mongolischer Seidentracht. Es war ein Bild des Friedens und gleichzeitig eine Erinnerung daran, wie viel sie zu verlieren hatten.
»Wir müssen noch über etwas anderes reden«, sagte Rhodan ernst. »NATHAN hat sich mit den Kolonien nicht bloß eine Spielwiese gebaut. Er verfolgt noch weitere Ziele mit den neun Welten.«
»Warum weiß ich, dass mir nicht gefallen wird, was du gleich sagst?«, beschwerte sich Bull.
Rhodan legte sein kleines Privatsphäregerät auf den Tisch und aktivierte ein Dämpfungsfeld, das es einem etwaigen Zuhörer unmöglich machen würde, sie abzuhören. Er bedauerte, dass dies selbst in Government Garden notwendig war.
»Nathalie hat mich gewarnt, dass es noch ein anderes, größeres Nonagon gibt. So groß wie ... Planeten. Errichtet von den Loowern. Ähnlich wie später die Memeter ihre Sonnentransmitter erbauten ...«
Bull stöhnte. »Du meinst ...«
»Es scheint, dass NATHAN die von New Frontiers besiedelten Welten absichtlich aussuchte, weil sie Teil dieses riesigen Nonagons sind.«
»Dieser Bastard!«, murmelte Bull, und es klang fast wie ein Kompliment. »Sind diese Anlagen identisch mit den Planetenmaschinen? Wie der Installation auf Siga?«
Sie wussten – ebenfalls von Nathalie –, dass die mythischen Vorläufer mit ihren sogenannten Fovea- oder Grubenwelten die Voraussetzungen zum Bau der memetischen Sonnentransmitter geschaffen hatten. Diese Transmitter wiederum hatten die Menschen – und NATHAN – in jene Systeme gelockt, um dort ihre Kolonien zu errichten. So hatte jede Zivilisation die Geheimnisse der vorherigen geerbt.
»Es muss so sein«, bestätigte Rhodan. »Nur das Wie und Warum ist mir noch nicht bis ins Letzte klar. Die Vorläufer schufen die Foveawelten, um die Galaxis von Kreell aus dem Creaversum zu reinigen. Zu diesem Zweck finden sich auf jenen Welten Planetenmaschinen – wobei wir im weiteren Sinne des Wortes wohl annehmen müssen, dass eigentlich die ganzen Planeten Maschinen sind. Die Loower, die als Nächste kamen, widmeten diese Welten um – ihnen ging es offenbar nicht um Kreell, sondern um das Dunkelleben.«
Abermals ließ Rhodan den Blick über die Tische und die nichts ahnenden Gäste schweifen. Ein Schauder lief ihm den Rücken hinab. Die Szenerie, die ihm zuvor so friedlich vorgekommen war, wirkte nun wie eine Illusion, eine verletzliche Seifenblase.
»Wer weiß noch davon?«, fragte Bull.
»Nur, wer unbedingt davon wissen muss. Thora. Nike Quinto.«
Bull nickte. »Das ist gut. Kannst du dir vorstellen, was los wäre, wenn die Kolonien erführen, auf was sie da in Wahrheit sitzen?«
»Vielleicht wird sich das nicht mehr lange verheimlichen lassen.«
Bull trommelte ungeduldig auf den Tisch. »Ehe das passiert, müssen wir die Lage in den Griff kriegen. Du weißt, dass ausgerechnet in der Lokalen Blase – also dem Umfeld dieser Anlagen, Maschinen, was auch immer – noch Dunkelleben existiert? Was immer du und Nathalie da im galaktischen Zentrum getan habt: Überall ist es besiegt, nur bei uns nicht.«
»Ist das dein Ernst?«, fragte Rhodan. »Nein, das wusste ich nicht.«
»Tut mir leid, Perry.« Bull machte ein betrübtes Gesicht. »Aber Quinto hat Hinweise aus sämtlichen Ecken der Kolonien zusammengetragen. Er hat seine Augen und Ohren überall: auf Siga, auf Plophos, im Geminga-Kartell ... sogar auf die verlorenen chinesischen Kolonien hat er ein Team geschickt.«
Rhodan nickte verstimmt. Aber so kannte er den Vorgesetzten seiner Söhne: Der Leiter der Abteilung III war zuverlässig und gewissenhaft. Wenn Quintos Informationen darauf hinwiesen, dass die Gefahr noch nicht gebannt war, musste ihm Rhodan das wohl leider glauben.
»Und die Lage auf Plophos ist wirklich schlimm«, fügte Bull hinzu. »Dort scheint sich eine Art von Krankheit auszubreiten. Und Hondro ist vermutlich abgetaucht.«
Rhodan ballte die Hände. »Wir müssen Iratio Hondro das Handwerk legen! Nathalie hat prophezeit, dass er versuchen würde, mittels des Nonagons das Blatt noch einmal zugunsten von Tihit zu wenden. Wahrscheinlich ist das, was wir gerade sehen, nur der Anfang.«
»Das heißt, wir stehen wieder genau da, wo wir vor anderthalb Jahren schon standen«, resümierte Bull. »Hab ich schon erwähnt, wie sehr mir Hondro auf die Nerven geht? Wir haben einen geisteskranken Diktator direkt vor unserer Haustür, und er tanzt uns auf der Nase rum. Es fehlt nicht mehr viel, und ich schicke die Flotte. Es ist mein Ernst, Perry.«
Ceterum censeo, dachte Rhodan. Es war nicht das erste Mal, dass Bull ein härteres Durchgreifen forderte. Waren sie an diesem Punkt der Geschichte angelangt? War Iratio Hondros Plophos ihr Karthago, das zerstört werden musste? »Tu das nicht«, bat er.
»Dann wirst du mich überzeugen müssen«, forderte Bull ihn heraus. »Denn befehlen kannst du es mir nicht.«
Rhodan sah seinem Freund in die Augen, versuchte zu ergründen, wie ernst er es meinte. Bull musste wissen, wie gefährlich eine militärische Intervention war – insbesondere wenn Hondro noch über die Kräfte verfügte, die ihm das Dunkelleben verliehen hatte. Der Obmann konnte der Besatzung ganzer Schiffe seinen Willen aufzwingen, noch ehe sie den Orbit von Plophos erreichten. Er konnte ein furchtbares Massaker anrichten.
Gleichzeitig wusste Rhodan, dass die Zeit drängte. Wenn Nathalie recht behielt – und daran zweifelte er keine Sekunde –, mochte Hondro mit seinem Handeln die gesamte Milchstraße gefährden. In seiner Vision hatte Rhodan erlebt, was geschehen würde, wenn Tihit erwachte. Der Gewaltherrscher von Plophos durfte auf keinen Fall die Macht über das Nonagon erlangen.
»Ich werde nach Plophos fliegen«, beschloss er. »Nicht mit der Flotte, sondern einem kleinen Team. Wir suchen die Planetenmaschine und finden heraus, was Hondro vorhat. Ich bitte Stella Michelsen um eine geheime, diplomatische Ausnahmegenehmigung. Sie weiß, dass ich in den Kolonien einen guten Ruf genieße.«
»Und wenn Hondro noch da ist und sich euch in den Weg stellt?«, gab Bull zu bedenken.
»Legen wir ihm das Handwerk. Aber eins nach dem anderen.«
Rhodan griff nach seinem Privatsphärefeldgenerator und desaktivierte ihn. Das Gespräch war für ihn beendet – er respektierte Bulls Standpunkt, aber er wollte nicht streiten. Seine Entscheidung stand fest.
»Wenn du möchtest, komm morgen Abend bei mir vorbei«, schlug Rhodan vor. »Und wir planen alles Weitere. Thomas und Farouq sind auch da.«
Bull winkte ab. »Ich sehe, du hast das alles schon geplant. Tu, was du nicht lassen kannst. Ich komm dann wieder und hau dich raus.«
»Das wird nicht nötig sein«, versicherte Rhodan.
Da bemerkte er Lucio Padavona, seinen persönlichen Referenten, der mit seinem Pad in gemessenem Abstand am Rand der Tische stand und offenkundig darauf wartete, dass Rhodan seine Unterhaltung beendete. »Lucio!«, rief er. »Kommen Sie doch!«
Padavona war ein schwarzhaariger Mann mit feinen Zügen und einem noch feineren Schneider. Er war einer der hilfreichen Geister, die Rhodans zahlreiche Termine und Auftritte organisierten, wann immer Rhodan auf der Erde weilte. Auch wenn Rhodan kein offizielles Amt mehr innehatte: Jeden Tag erreichten sein Büro zahllose Anfragen, die den ehemaligen Protektor als Vermittler, Berater oder Talkshowgast wünschten.
»Ich hoffe, ich störe nicht«, sagte Padavona.
»Wir waren gerade fertig«, äußerte Rhodan.
»Es hat sich noch eine Änderung in Ihrem Terminplan ergeben.« Padavona reichte ihm sein Pad. »Ich weiß nicht, ob Sie es schon gesehen haben. Und Nike Quinto bittet um einen Rückruf.«
»Danke, Lucio.« Rhodan wusste: Wenn es sich um einen Notfall handeln würde, hätte ihn der Geheimdienst-Abteilungsleiter auf seinem privaten Armbandkom gerufen. In allen anderen Fällen war es angenehmer – und auch sicherer –, wenn er selbst Ort und Zeit seines Rückrufs bestimmte. Padavona war seine Brandmauer, die ihn vor einem unablässig piepsenden Kom schützte. »Sagen Sie, wären Sie morgen am späteren Abend vielleicht verfügbar? Es werden sich noch weitere ... Änderungen ergeben.«
Padavona zeigte keinerlei Verdruss. Es war nicht das erste Mal, dass sein Arbeitgeber ihn um Überstunden bat. »Ich merke es vor und halte uns den Abend frei«, sagte er, und nach einem knappen Nicken Rhodans entfernte er sich.
»Aber verheiratet seid ihr noch nicht?«, vergewisserte sich Bull, der den Auftritt schmunzelnd verfolgt hatte.
»Eifersüchtig?«, entgegnete Rhodan. »Wenn du Unterstützung brauchst, kann ich dir eine Liste mit Namen guter Assistenten zukommen lassen.«
»Lass uns gehen«, wehrte Reginald Bull ab, zahlte die Rechnung und erhob sich. »Der Tag ist noch lang. Teilen wir uns ein Taxi zum Tower?«
Rhodan war einverstanden.
2.
Capra
Katharsia erwachte.
Sie wusste nicht, wie lange sie zuletzt geschlafen oder gedämmert hatte. Alles, was sie sagen konnte, war, dass sie sich weniger erbärmlich fühlte. Ihr Verstand arbeitete wieder klarer, ihr Körper fühlte sich nicht mehr so an, als habe ein Panzerbär sie umgerannt. Was für eine Krankheit oder Schwäche sie auch im Griff gehalten hatte – es war vorüber.
Sie sah sich um. Auch ihre Freunde streckten die Glieder und rieben sich die Augen. Die Armenküche glich einem behelfsmäßigen Lazarett. Wer noch die Kraft dazu gefunden hatte, hatte sich ein Feldbett aufgebaut. Andere hatten einfach auf dem Boden geschlafen. Die Luft war schlecht. Vergeblich suchte Katharsia nach der Fernbedienung für die Klimaanlage, dann ging sie zu einem der trüben Fenster und stemmte es auf. Eine Wolke Staub wirbelte ihr entgegen, dann strömte die kalte, feuchte Luft von New Taylor herein. Aus den Straßen waren Motorenlärm und Rufe zu hören. Gleich mehrere Sirenen erschallten aus verschiedenen Richtungen der Stadt, klagende Untiere, die ihre Reviere absteckten.
Es gab viel zu tun. Sie mussten herausfinden, was passiert war. Wie es den Menschen ging. Mussten helfen ...
»Katharsia!«, rief eine vertraute Stimme vom anderen Ende der Halle.
Sie sah Ambolition auf einem Deckenlager unter der Theke, auf der normalerweise Essen ausgegeben wurde. Er versuchte, sich aufzurichten, kämpfte aber noch um sein Gleichgewicht. Sie lief zu ihm und zog ihn auf die Beine.
»Wie geht es dir?«, fragte sie.
»Schlechte Träume. Und mir tut noch alles weh. Aber wird schon wieder!« Er massierte sich Nacken und Schultern.
Sie sah die starken Muskeln unter seiner Patina. Wie viele männliche Strigoiden, die von dem Nanofilm vor Umwelteinflüssen geschützt wurden, verzichtete er auf Oberbekleidung. Eine Gewohnheit, die auf Katharsia, die ihren Hautschutzfilm erst seit wenigen Monaten trug, immer noch ein wenig chauvinistisch wirkte. Jene Strigoiden, für die ihre Patina mehr als Notwendigkeit oder Mode war, betonten hingegen gern, dass sie sich frei von ihren terranischen Wurzeln und überholten Moralvorstellungen machen wollten.
Nach Ansicht dieser Nationalisten waren Plophoser mit ihren reflektierenden Katzenaugen, ihrer lichtempfindlichen Haut und all ihren Stärken und Schwächen keine Menschen im herkömmlichen Sinne mehr. Sie hielten sich für als mehr als das bloße Resultat genetischer Eingriffe – für sie stellten die Umweltangepassten den nächsten Schritt der menschlichen Evolution dar.
Für Katharsia war das etwas zu viel Pathos. Sie erinnerte sich noch gut an ihr Leben vor der Anpassung, und obgleich sie damals nicht immer glücklicher gewesen war – im Gegenteil –, waren genetische Merkmale nichts, auf das es sich lohnte, stolz zu sein. Das hatte die menschliche Geschichte oft genug bewiesen.
Sie warf einen nervösen Blick auf den Nachrichtenmonitor ihres Multifunktionsarmbands, der ebenfalls nach langer Stille zum Leben erwacht war. Warnhinweise, Unfallberichte und Hilferufe fluteten ihr Kom.
»Da draußen herrscht ein ziemliches Chaos. Wir müssen helfen. Bist du bereit?«
Die Müdigkeit wich aus Ambolitions Gesicht. Männer wie ihn konnte man leicht bei der Ehre packen. Mit geschwellter Brust sah er sich um wie ein General, der seine Niederlage als Erfolg verkaufen will. »Als Erstes wecken wir alle und räumen hier auf«, sagte er mit Blick auf die behelfsmäßigen Lager und den Schmutz in den Ecken. »Dann öffnen wir unsere Türen. Capra lässt New Taylor nicht im Stich!«
Capra, natürlich. Bei Ambolition drehte sich alles immer nur um die Marke. Capra, das lateinische Wort für Ziege, im Gegensatz zu Capella, der Verkleinerungsform, nach der ihr Sternsystem ja benannt war. Als vor mehreren Tausend Jahren erstmals Hirten auf der Erde den hellen Punkt an ihrem Nachthimmel nach einer Ziege benannt hatten, war ihnen freilich noch nicht klar gewesen, dass dieser Stern alles andere als klein war und in Wahrheit sogar aus vier Sternen bestand. Sie hatten ihn einfach in ihr Weltbild integriert.
Plophoser wie Ambolition dagegen waren der festen Überzeugung, dass sie die Kinderstube verlassen mussten. Die Jahre der Unselbstständigkeit waren vorbei. Das Zicklein war erwachsen geworden.
Also hatten sich er und ein paar Freunde von der Universität zusammengefunden und ihre Bewegung gegründet. Zunächst anonym im Mesh, dem Kommunikations- und Datennetz der Solaren Union, – aus dieser Zeit stammten auch ihre Aliasnamen –, dann in Person. Mitte der 2080er-Jahre war das gewesen. Der Name »Capra« und ein Logo – mit einer besonders bockig aussehenden Ziege, was sonst – hatten sich rasch gefunden. Sie nähten es auf ihre Kleidung und sprühten es auf Fahrzeuge und Hauswände.
Der Rest hatte länger gebraucht. Irgendwann hatte Katharsia auf den Tisch geschlagen, den Streit unterbrochen und gesagt, wenn sie den Menschen ernsthaft helfen wollten, sollten sie erst mal die Armut bekämpfen, die in New Taylor verglichen mit Trade City oder gar Terrania ein unerträgliches Ausmaß anzunehmen drohte. Sie hatten diese alte Lagerhalle angemietet und einen Ein-Dollar-Shop darin eröffnet, dazu ein Café und eine Leseecke, in der sie ihr Infomaterial verteilten.
Wie sich rasch zeigte, hatten sie den Ernst der Lage sogar noch unterschätzt, denn es kam praktisch niemand zum Lesen oder zum Einkaufen. Das Café dagegen lief gut, zumindest die kostenlosen Angebote, und schließlich sahen die Studierenden ein, dass sie kein Kulturzentrum oder Ähnliches führten – sondern eine Armenküche.
Schon damals waren die Zustände auf Plophos erbärmlich gewesen. Mochte man auf der Erde gern so tun, als wären nur die Besten der Besten für das Leben in den Kolonien bereit, gab es in Wahrheit viele Gründe, alles hinter sich zu lassen. Und nicht jede Biografie fand in der Fremde den Erfolg, der ihr auf der Erde verwehrt geblieben war. Die Kolonisten waren Pioniere – aber das hieß nicht, dass Plophos sie reich, respektiert oder glücklich gemacht hätte. Das Elend war auf diesem Planeten genauso zu Hause wie anderswo, mehr noch vielleicht.
Dann war Hondro gekommen und hatte Plophos vom Rest der Solaren Union isoliert. Er hatte die Kontrollstation des Sonnentransmitters sabotiert und erst wieder Kontakt zu den interstellaren Handelswegen gestattet, nachdem die Kolonie schon fest unter seiner Kontrolle war.
Dazu brauchte er keine korrupten Beamten und keine geheimen Sicherheitskräfte, obwohl er beides durchaus zur Genüge besaß. Er konnte seinen Willen einfach jedem Mann und jeder Frau aufzwingen, die ihm im Weg standen – mittels einer Art Mutantengabe, die irgendwie mit dem Dunkelleben in Zusammenhang stand, das viele Plophoser mehr oder weniger stark infiziert hatte. Manchmal konnte man es sogar sehen, als schattenhafte Erscheinung, die stark Betroffene umwehte wie Rauch, oder als ölige Schlieren in ihren Augen. Und im Zentrum dieser dunklen Mächte saß Hondro wie die Spinne im Netz.
Nach und nach beseitigte er alle Politiker, Wirtschaftsvertreter und Prominente, die ihn nicht unterstützten. Manche unterwarf er, manche ersetzte er durch Getreue, manche brachte er schlichtweg um. Als einfacher Plophoser konnte man nur hoffen, dem Diktator nicht aufzufallen, und sich mit dem neuen System arrangieren. Doch mit jedem Monat, der verging, rutschte Plophos tiefer ins Elend.
