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Im 25. Jahrhundert: Nach den Erschütterungen der jüngsten Zeit richten sich die Menschen auf eine friedliche Zukunft ein. Zusammen mit anderen Sternenreichen möchte man die Milchstraße erkunden und fremde Welten besiedeln. Doch dann werden Perry Rhodan und seine Gefährten durch einen Notruf aufgeschreckt. Das Signal führt sie in die Nähe des Pulsars Vela. Der hyperaktive Neutronenstern öffnet einen Riss in der Raumzeit – den Zugang in einen anderen Kosmos. Dort stoßen sie auf ein sonderbares Raumschiff, dessen Besatzung offenbar verschwunden ist. Die Fremden scheinen einem Bund hoch entwickelter Völker anzugehören, dem sogenannten Konzil. Diese Machtgruppe plant einen Angriff auf die Milchstraße – er soll in Velas Schatten beginnen …
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Seitenzahl: 2135
Veröffentlichungsjahr: 2025
»Der Pulsar Vela ist ein schnell rotierender Neutronenstern, ein kosmischer Leuchtturm im All. Und mitten im Chaos gibt es einen Riss in der Raum-Zeit, ein Tor in ein anderes Universum.
Als sich zwischen zwei Pulsaren seltsame Kräfte entwickeln, ist Perry Rhodan rasch zur Stelle. Gegen ihren Willen werden er und seine Begleiter von einem Hyperstrom mitgerissen. Sie landen in einer fremdartigen Sphäre jenseits unseres bekannten Kosmos.
Dort stoßen sie auf die fremdartige Kultur der Laren – technisch überlegene Fremde mit einem uralten Plan. Sie sind aber nur ein Volk im mächtigen Konzil der Sieben. Rhodan erkennt die neue Gefahr für die Menschheit: Das Konzil hat Äonen gewartet – doch nun ist seine Geduld am Ende, man plant einen Angriff …«
Cover
Vorspann
Band 360 – In Velas Schatten
Vorspann
1. Die Höllenfahrt der IRONCLAD – Teil 1
2. Wenige Tage zuvor: Das Wüten der Wolkenkreatur
3. Mehr als ein Zufall
4. Vorbereitungen und Diskussionen
5. Das Segel des Schiffs
6. Auf der IRONCLAD
7. Doktor Jekyll und Mister Hyde
8. Die Ruhe vor dem Sturm
9. Die Höllenfahrt der IRONCLAD – Teil 2
10. Das sinkende Schiff
11. Auf Erkundungstour
Zwischenspiel 1
12. Auf der Flucht
13. Zwischen Raum und Zeit
Zwischenspiel 2 – Rückblick
Zwischenspiel 3 – Die Eindringlinge
14. Die letzte Option
Band 361 – Ort der Zerbrochenen
Vorspann
1. Kampfeinsatz
2. Im Nebelwald
3. Schatten der Vergangenheit
4. Schwarmintelligenz
5. Der Ort der Zerbrochenen
6. Infiltration
7. Die Stadt der Laren
8. Der Singende Turm
9. Ungesehen oder ausgestoßen?
10. Geerntet und eingeschleust
11. Die Stimme der Zgmahkonen
12. Giitenernte
13. Vergangenheit
14. Halle der Blüten
15. Verfolgt!
16. Unverhofftes Wiedersehen
17. Das kochende Universum
18. Das Schattenmonster
19. Gegner
20. Der Ilt-Express
21. Ein ungleiches Duell
22. Ausgetrickst!
23. Geheimauftrag
24. Gefangene
25. Beförderung
26. Wundenlecken
Band 362 – Pflicht und Verrat
Vorspann
1. Gucky
2. Perry Rhodan
3. Gucky
4. Erinnerungen
5. Perry Rhodan
6. Gucky
7. Perry Rhodan
8. Gucky
9. Roctin-Par
10. Perry Rhodan
11. Gucky
12. Perry Rhodan
13. Erinnerungen
14. Orvasch-Korr
15. Perry Rhodan
16. Orvasch-Korr
17. Gucky
18. Orvasch-Korr
19. Erinnerungen
20. Perry Rhodan
21. Orvasch-Korr
22. Perry Rhodan
23. Roctin-Par
24. Perry Rhodan
25. Orvasch-Korr
26. Roctin-Par
27. Perry Rhodan
28. Gucky
29. Erinnerungen
30. Roctin-Par
31. Eine letzte Erinnerung
32. Perry Rhodan
33. Roctin-Par
34. Perry Rhodan
35. Perry Rhodan
36. Roctin-Par
Band 363 – Die Genetische Legion
Vorspann
1.
2.
3. Eine Woche zuvor
4.
5. Eine Woche zuvor
6.
7. Eine Woche zuvor
8.
9. Eine Woche zuvor
10.
11. Eine Woche zuvor
12.
13. Drei Tage zuvor
14.
15. Einen Tag zuvor
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
Band 364 – Fluchtpunkt Stato
Vorspann
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
26.
27.
28.
29.
30.
31.
32.
33.
Band 365 – Neues Leben
Vorspann
Prolog
1. Schichten
2. Suchen
3. Finden
Zwischenspiel I
4. Leben
Zwischenspiel II
5. Sterben
Zwischenspiel III
6. Beginnen
7. Säen
Zwischenspiel IV
8. Ernten
9. Aufbegehren
10. Schwingen
11. Heilen
Zwischenspiel V
Epilog
Band 366 – Der Umbrische Gong
Vorspann
1. Rendezvous mit der Dunkelheit
2. Der Plan der Mhirah
3. Angebot im Zwielicht
4. Organisches Labyrinth
5. Bei den Greikos
6. Die Stimme im Nebel
7. Eine Hand wäscht die andere
8. Sabotageakte
9. An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit
10. Prüfungen
11. Verstimmungen
12. Der Pfad der Koexistenz
13. Nostalgie
14. Die Revolte der Mediatorin
15. Schluss mit lustig
Band 367 – Die Spezialisten der Nacht
Vorspann
Prolog
1. Willkommen im Karcerum
2. Flucht durch das Larengranulon
3. Initiation im Schattenzirkel
4. Transformation
5. Die rettende Plattform
6. Zorith-Kaans Funke
7. Die Nullprobe
8. Das Lächeln von Shamra-Koveth
9. Konflikte
10. Die Grenzüberschreitung
11. Eidolon entfesselt
12. So dunkel die Nacht
13. Hotrena-Taaks Offenbarung
14. Die Falle
15. Die Entscheidung von Aveline Celestaris
16. Die letzte Konfrontation
17. Ein neues Ziel
18. Endakkord
Epilog
Band 368 – Universum ohne Ausweg
Vorspann
1. Handstreich
2. Sackgasse
3. Havarie
4. Planänderung
5. Bluthöhlen
6. Schleichflug
7. Rubikon
8. Konkurrenzdenken
9. Garvot-Tiall
10. Fingerspitzengefühl
11. Tribunal
12. Träume
13. Entdeckung
14. Leerlauf
15. Fanal
16. Zarnak Klaruun
17. Besuch
18. Nacht
19. Notlösung
20. Otgarum Karascht
21. Befreiung
22. Hexenkessel
23. Peripherie
24. Entdeckung
25. Signum
26. Berührung
27. Sternentod
28. Spätfolgen
Band 369 – Das Konzil
Vorspann
Prolog
1. Erwartung
2. Physiomorphe Stärkung
3. Das Lied der Qualle
4. Katarr
5. Zamila
6. Die Schrecken der Liebe
7. Der Fraktaltunnel
8. Skaroth-Morbus
9. Die Expedition
10. Projekt Sarkomar
11. Phasenopfer
12. Transgenesis
13. Der Kodex der Sieben
14. Brückenschlag
15. Kosmos ohne Kontext
16. Die Partitur der Sterne
17. Schöpfung und Aufbruch
18. Abschied
19. Der Preis der Wahrheit
20. Die letzte Entscheidung
21. Tod eines Unsterblichen
Epilog
Impressum
PERRY RHODAN – die Serie
Band 360
In Velas Schatten
Jacqueline Mayerhofer
Heinrich Bauer Verlag KG, Hamburg
Im Jahr 2462: Nach den Erschütterungen der jüngsten Zeit richten sich die Menschen auf eine friedliche Zukunft ein. Zusammen mit anderen Sternenreichen möchte die Terranische Union die Milchstraße erkunden und fremde Welten besiedeln.
Doch dann werden Perry Rhodan und Thora Rhodan da Zoltral durch einen Notruf aufgeschreckt. Er stammt von ihrer verschollenen Tochter Nathalie. Die Eltern brechen sofort zu einer Rettungsmission auf.
Das Signal führt sie in die Nähe des Pulsars Vela. Sie entdecken, dass der hyperaktive Neutronenstern einen Riss in der Raum-Zeit öffnet – den Zugang in einen anderen Kosmos. Dort stoßen Perry Rhodan und seine Gefährten auf eine sonderbare Raumstation, deren Besatzung offenbar verschwunden ist – IN VELAS SCHATTEN ...
1.
Die Höllenfahrt der IRONCLAD – Teil 1
Ein Ruck ging durch die Maxi-Space-Disk. Perry Rhodan sah, wie die Sterne draußen einen Sprung machten – wie sich der Raum um sie verschob.
Die Absorber halten, dachte er sowohl erschrocken als auch erleichtert. Sonst hätte es uns gerade zerquetscht. Was geschieht hier?
Routiniert griff er in einige Hologramme der Steuerkonsole, um die Navigation des kleinen Raumschiffs manuell zu übernehmen. Rhodan wusste, was er als Pilot konnte, und hoffte, erfolgreicher als sogar der schnellste Bordrechner zu reagieren. Doch die IRONCLAD setzte keinen seiner Befehle um – egal was er tat. Im Gegenteil. Sie beschleunigte mit so unglaublichen Werten, dass er sich fragte, wie das möglich war.
Als ob wir von außen gepackt würden, dachte er, während er versuchte, auf den Flugkurs Einfluss zu nehmen.
»Das kann nicht stimmen«, sagte Thora Rhodan da Zoltral, die neben ihm saß. »Die Messinstrumente müssen einen Fehler haben.«
Das Raumboot wurde ein weiteres Mal nach vorn gerissen. Nein, nicht gerissen – es war vielmehr, als würde es von etwas Unsichtbarem angesaugt.
»Was auch immer unsere Systeme beeinflusst, sorgt auch dafür, dass ich nicht dagegen steuern kann!«, rief Rhodan.
Thora beugte sich über die Datenholos der Externsensoren und wischte durch die Anzeigen. »Perry, die Instrumente behaupten, dass wir mit vielfacher Lichtgeschwindigkeit fliegen. Im Normalraum! Das ist physikalisch unmöglich.«
Als er selbst einen Blick auf die Holos warf, wurde ihm kurzzeitig schwindlig; die Meldungen verschwammen vor seinen Augen. Rhodan blinzelte einige Male, bis sich seine Sicht wieder normalisierte. Tatsächlich. Was brachte das Beiboot dazu, derart zu beschleunigen?
Die IRONCLAD wurde plötzlich zur Seite gezerrt. Instinktiv versuchte Rhodan, mit Schubstößen der Manövriertriebwerke zu kompensieren, erreichte damit aber nichts. Die Maxi-Space-Disk wurde in die andere Richtung gerissen, als ob Rhodan nichts getan hätte. Zwar spürte er es dank der Andruckabsorber kaum, doch die Fluglageholos verrieten ihm, dass sich das Schiff und seine Besatzung überschlugen. Es war, als gerieten sie in das Innere eines Strudels, der ihnen – wie ein Blatt im Wind, das mehrmals um die eigene Achse rotierte – die Kontrolle über die Steuerung raubte.
Etwas knackte verdächtig laut.
War das gerade der Bootsrumpf?, fragte sich Rhodan alarmiert. Bei einem so stark gepanzerten Raumboot wie der IRONCLAD? Ihm wurde übel.
»Leute, seht euch das an!«, rief Gucky mit einem Mal. Der Mausbiber trat nach vorn zu Rhodan und Thora. Sein pelziges Gesicht wirkte angespannt. Er hielt sich mit einer Hand am Pilotensessel fest, da die IRONCLAD trotz funktionierender Trägheitskompensatoren bedenklich schwankte.
Rhodan hätte sich am liebsten auch irgendwo festgehalten. Es war zwar bloß reine Psychologie, das wusste er, doch in seiner Wahrnehmung ruckte und wackelte alles. Und da suchte man eben Halt. Als Pilot, der für die Besatzung verantwortlich war, war ihm dieser Luxus allerdings nicht vergönnt.
Mit der freien Hand zeigte Gucky auf die transparente Kuppel, die sich über ihren Köpfen spannte. »Hab ich Halluzinationen, oder verändern sich die Sterne gerade?«
Obwohl Rhodan noch immer mit der Navigation der IRONCLAD kämpfte, um das Raumfahrzeug endlich auf Kurs zu bringen, folgte er Guckys Hinweis. Das Licht verhielt sich ungewöhnlich, die Sterne wirkten verschwommen, pulsierten, erloschen und tauchten wieder auf. Danach verzerrten sie sich so stark, als spanne man ein Gummiband, um es anschließend zurückschnalzen zu lassen.
Wenn sie wieder zu ihrer richtigen Form wechselten, präsentierten sie Farbspektren, die es so nicht geben dürfte. Spiralen und feuerwerksähnliche Eruptionen, die sich in sämtliche Richtungen ausbreiteten, schienen die Raum-Zeit zerreißen zu wollen.
»Du träumst nicht, Kleiner«, sagte Rhodan. Er beugte sich über sein Steuerpult und betätigte unter den Hologrammen einen haptischen Schalter. Nichts geschah.
Fragend schaute er zu Thora. Seine Frau erwiderte den Blick irritiert.
Dann wurde der Schaltbefehl mit einem Mal doch umgesetzt. Eine Warnmeldung wurde zwischen sie projiziert – einer der drei Fusionsreaktoren war ausgefallen.
»Was tust du da, Perry?«, fragte Thora beunruhigt.
»Ich wollte den Energieverbrauch reduzieren, weil die Systeme zu überhitzen drohen.« Wie konnte das sein? Sein Befehl hätte die Reaktoren unterstützen und entlasten sollen, stattdessen war das genaue Gegenteil passiert.
Thora sprang ihm weiterhin als Co-Pilotin zur Seite. Ihre Finger huschten durch die Hologramme, während sich Rhodan abmühte, die IRONCLAD stabil zu halten. Unzählige physikalische Widersprüche prasselten auf die Messinstrumente ein, die nur noch chaotisch unsinnige Werte anzeigten. Die Gravitationskonstante nahm unnatürlich zu, trotzdem hatte Rhodan den Eindruck , als würde er immer leichter. Er befürchtete, jeden Moment aus dem Sitz gehoben zu werden, obwohl er sich eher hineingepresst fühlen sollte.
Die IRONCLAD wurde von Neuem durchgeschüttelt.
Plötzlich stürmte Aveline Celestaris in die Zentrale. Die junge Frau mit den langen, schwarzen Haaren und der dunklen Kleidung hatte sie zuvor noch über Bordfunk zu erreichen versucht.
»Was passiert da gerade?« Sie klang nervös, ihre Stimme zitterte. Die dunkle Schminke in ihrem Gesicht betonte ihre derzeitige Blässe. »Ich bin vorhin durch eine Wand gefallen!«
Rhodan war überrascht, hatte aber keine Zeit, etwas darauf zu erwidern. Die Externsensoren lieferten einen absurden Wert für die magnetische Feldkonstante. Demnach nahm die magnetische Flussdichte des Vakuums ab, stattdessen stieg die Feldstärke.
Das ergibt keinen Sinn!, dachte er. Sein Herzschlag beschleunigte sich ungewohnt schnell. Die Ortung entdeckt keinerlei ungewöhnlichen Magnetfelder in unserer Umgebung. Was ist es dann, das uns in seinem Sog festhält? Und vor allem: Wo ist es?
Gucky stieß einen Pfiff aus. »Doch, Aveline. Es betrifft sämtliche Naturkonstanten. Die Daten sind irre.«
Rhodan bemerkte, dass er während seiner Überlegungen wohl einen zwischenzeitlichen Wortwechsel verpasst hatte. Kurz blickte er zurück zu Celestaris. Sie wirkte zutiefst verstört. Er konnte sie verstehen; er empfand die Lage selbst als verfahren.
»Was verursacht diese Störungen?«, fragte die junge Frau fassungslos.
Thora wollte gerade etwas an ihrer Positronikkonsole einstellen, als ihre Hand darin einsank. Sie zuckte zurück, probierte es erneut – und stieß diesmal wie gewohnt auf Widerstand.
Irritiert schüttelte sie den Kopf. »Wir sind dabei, es herauszufinden.«
Celestaris kam zu Rhodan und Thora und blieb neben dem Ilt stehen, der sich mit seinem breiten Biberschwanz auf dem Boden abstützte. Sie überflog gerade die Statusholos der IRONCLAD, als es abermals besorgniserregend laut knackte.
»Was war das?«, rief sie.
»Der Bootsrumpf«, antwortete Rhodan.
»Ich dachte, die Panzerung der IRONCLAD ist stabiler als bei anderen Space-Disks?«
»Ist sie auch.«
»Wieso ...« Celestaris wurde von einem lang gezogenen Quietschen unterbrochen, das wie Metall klang, das aneinanderrieb.
Im nächsten Moment ertönte ein Krachen. Weitere Warnmeldungen flammten in den Hologrammen auf.
»Sagt mir, dass ich mich täusche und es nur so scheint, als würde die IRONCLAD unter der Belastung nachgeben«, sagte sie gehetzt. »Sie bricht nicht wirklich auseinander, oder?«
Auf einmal ging ein so heftiger Ruck durch die Maxi-Space-Disk, dass es Rhodan nach vorn gegen sein Steuerpult warf.
Die Andruckabsorber!, dachte er panisch. Jetzt versagen sie also doch?
Aber nur eine Sekunde später machte er sich klar, dass es sich nur um einen extrem kurzen Teilaussetzer gehandelt hatte. Andernfalls wären wir alle tot, dachte er.
Aus dem Augenwinkel registrierte er, dass seine Freunde mit ähnlichen Problemen kämpften. Celestaris taumelte durch die Zentrale. Gucky hob sich telekinetisch in die Luft, und Thora klammerte sich in ihrem Sessel fest, um nicht herauskatapultiert zu werden.
Rhodan ächzte und stützte sich ab, war sofort wieder Herr der Lage. »Passt auf, die ...«
Ein schrilles Quietschen, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall, unterbrach seine Warnung. Die IRONCLAD wurde scharf zur Seite gerissen. Neue Warnanzeigen prangten in den Hologrammen. Das Raumboot war am Heck von einer immensen mechanischen Belastung zerdrückt worden. Der starke externe Sog, der die Maxi-Space-Disk gefangen hielt, hatte das beschädigte Stück abgerissen, und es war für immer im Weltraum verloren gegangen.
»Das reicht – ich erhöhe die Leistung der Energiegeneratoren wieder!«, beschloss Thora und tätigte die erforderlichen Einstellungen. »Wir müssen aus diesem Mahlstrom raus. Dringend.«
»Wir haben schon einen Fusionsreaktor verloren!«, erinnerte Rhodan sie. »Wenn ein weiterer ausfällt, verschlimmert das nicht nur den Zustand der IRONCLAD. Wir sind dann schnell auch selbst geliefert.«
»Dann leite die Antriebsenergie um! Ich schalte einstweilen sämtliche Systeme ab, auf die wir verzichten können, um Energie zu sparen.«
»Ich bin schon dabei, Thora.« Rhodan bemühte sich weiterhin, ruhig zu bleiben. Er nahm es seiner Frau nicht übel, dass ihr Tonfall schärfer war als sonst. Auch er hörte vor Aufregung sein Blut in den Ohren rauschen. Trotzdem blieb er wie die Arkonidin rational. Musste es sein. Angst konnte er sich im Moment nicht leisten – er hatte gelernt, sie zu unterdrücken.
»Was verursacht denn das wieder?« Celestaris hatte sich einen Sitzplatz nahe Thora und Rhodan gesucht und den Notfallgurt um ihre Taille festgezurrt. Sie zeigte auf das Eingangsschott der Zentrale.
Rhodan warf nur einen flüchtigen Blick nach hinten, doch das genügte. Trotz seiner vieljährigen Erfahrung mit unzähligen anderen – manchmal auch unbegreiflichen – Extremsituationen jagte ihm die Szene einen Schauer über den Rücken.
Das Schott begann sich zu schließen, glitt jedoch immer wieder auf, startete einen neuen Versuch und endete mit demselben Ergebnis. Die Umgebung der Pforte verzog sich und flimmerte wie erhitzter Straßenasphalt an einem heißen Sommertag. Der Schottrahmen bog sich in die Länge, krümmte sich und kehrte wieder in seine ursprüngliche Form zurück.
»Ich glaube, wir haben ein kleines Raum-Zeit-Problem«, sagte Gucky scheinbar locker. Rhodan bemerkte die Anspannung in der Stimme des Ilts dennoch. »Ich verliere nämlich gerade nicht nur sprichwörtlich den Boden unter den Füßen!«, ergänzte der Mausbiber.
Der letzte Satz veranlasste Rhodan, sich alarmiert umzudrehen. Staunend nahm er wahr, was im Leitstand des Raumboots passierte. Tragende Strukturen waren von unheimlichen Phänomenen betroffen und wurden instabil. Sie wölbten oder verdrehten sich und gaben nach. Der Boden sank an manchen Stellen wie zerschmolzenes Metall ein und ließ Lücken zurück, die Einblicke in tiefer gelegene Ebenen der IRONCLAD erlaubten.
Überall flimmerte es, seltsame Lichteffekte irritierten Rhodans Sinne. Feste Materie verflüchtigte sich – langsam, aber unaufhaltsam. Celestaris sank in ihren Sitz ein und wollte sich abschnallen, griff aber mehrmals erfolglos durch den Gurt.
Erst da bemerkte Rhodan, dass es ihm und Thora nicht anders erging. Auch ihre Sessel wurden so weich, dass ihre Körper darin eintauchten wie in eine zähe Flüssigkeit. Positronikkonsolen verloren ihre Festigkeit und wurden zu verschwommenen Flecken. Manche Schalter und Knöpfe schwebten etliche Zentimeter und ohne jegliche Verankerung im Raum davor, flimmerten erst und wurden dann unscharf, als seien sie eine alte Fotografie, bei der die Konturen verschwanden.
Rhodan wurde erneut schwindlig. Er biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich. Gemeinsam mit Thora versuchte er einige Tricks, die für gewöhnlich halfen, Raumschiffe wieder unter Kontrolle zu bringen. Oder zumindest zurück auf Kurs. Thora und er griffen in die Holos, tippten auf Sensorfelder und die mechanischen Notschalter, die es immer noch gab – aber nichts von all dem half.
Mittlerweile steckte er bereits zur Hälfte in seinem Pilotensessel. Die Materie der IRONCLAD verlor allerorten an Kohärenz – verblasste, verbog und verwandelte sich.
»Diese Phänomene ...«, sagte Thora, die abermals eines der Navigationsholos bedienen wollte. Auch dieses Steuerelement verzerrte sich, und die Arkonidin griff wirkungslos hindurch. Sie runzelte die Stirn, drehte die Hand und betrachtete ihre Finger. »Wieso sind wir selbst nicht davon betroffen?«
Thoras Stimme klang entstellt. Das letzte Wort dehnte sich auffällig in die Länge. Danach wiederholte es sich.
»... betroffen ... betroffen ... betroffen ...«
Das unnatürliche Echo klang, als käme es aus einer anderen Zeit.
»Perry?«
»Perry ... Perry ... Perry ...«
Es war selten, dass er seine Frau so unruhig erlebte. Rhodan beugte sich zu ihr, legte ihr die Hand aufs Knie. »Wir finden eine Lösung, versprochen.«
»... versprochen ... versprochen ... versprochen ...«
Zwar sagte sie nichts darauf, aber der Blick aus ihren goldroten Augen sprach Bände: Thora Rhodan da Zoltral war sich nicht sicher, ob das auch dieses Mal gelang.
Gucky stieg neuerlich telekinetisch in die Höhe und ließ sich neben Aveline Celestaris in den Sitz fallen. Er zuckte mit den Ohren. »Netter Gedanke, Aveline. Aber ich fürchte, so hoch entwickelt sind unsere Einsatzanzüge nicht, dass wir unter diesen Umständen dort draußen lange überleben könnten.«
»Aber die IRONCLAD löst sich auf! Irgendwas müssen wir doch tun können.«
»Gib mir ein paar Momente, um nachzudenken«, bat der Mausbiber ernst.
Rhodan stieß ein Schnauben aus. »Ich fürchte, die haben wir nicht. Wir müssen sofort eine Lösung finden.«
Wie zur Untermalung seiner Worte brachen weitere Segmente der IRONCLAD auseinander und trennten sich vom Rumpf. Laut den Statusanzeigen lösten sich immer mehr Bootssektionen auf. Ganze Bereiche existierten bereits nicht mehr.
Der Tunnelsog hielt das kleine Diskusschiff und seine Besatzung weiterhin eisern in seiner Gewalt, erhöhte die Geschwindigkeit ständig und ließ das gesamte Fahrzeug heftig erzittern.
Wo wird das nur enden?, dachte Perry Rhodan und griff erneut nach einem Holo. Etwas musste doch zu machen sein!
2.
Wenige Tage zuvor
Das Wüten der Wolkenkreatur
»Du hast deinen Rekord gebrochen!«, rief John Marshall erfreut. »Acht Minuten und sechsundvierzig Sekunden. Gratuliere.«
Aveline Celestaris kam vor ihm zum Stehen und stützte sich mit den Händen auf den Knien ab. Sie war außer Atem, grinste Marshall aber trotzdem an. Sie standen sich in einer der Trainingsanlagen des Lakeside Institute of Mental and Physical Health gegenüber. Celestaris hatte gerade ihre fünf Runden auf der Laufbahn hinter sich gebracht.
Elender Schinder!, dachte sie amüsiert. Fehlt nur noch, dass du mit der Peitsche hinter mir stehst, damit ich schneller renne. Dann fiel ihr ein, dass er als Telepath ihre Gedanken lesen konnte, wenn er wollte. Ertappt fügte sie hinzu: War nicht so gemeint, John.
Marshall verzog keine Miene. Wahrscheinlich hielt er sich wie zumeist an seine eigenen Regeln und las die Gedanken anderer Leute nur, wenn es wirklich sein musste.
»Ich erinnere mich ständig an die Lektionen, die mir hier eingebläut werden«, sagte sie laut. »Körperliche Gesundheit ist genauso wichtig wie die mentale.«
Marshall verschränkte die Arme vor der Brust. Er wirkte stolz, obwohl es ihr vorkam, als wolle er es verbergen. Ohnehin hatte Celestaris das Gefühl, dass Marshall in ihr einen Schützling sah – jedoch nicht auf unangenehme Weise. Er behandelte sie respektvoll und höflich, trotz all seiner Kenntnisse und Erfahrungen.
In dem Monat, der seit ihrer Rückkehr zur Erde vergangen war, hatten sie eng zusammengearbeitet. Auch Gucky sah immer wieder bei ihnen im Forschungsinstitut vorbei, um ihre Fortschritte zu beobachten. Seit Celestaris ihm mal einen Karottenkuchen gebacken hatte, wurden die Besuche sogar häufiger.
Ras Tschubai unterstützte sie gelegentlich bei ihrem Training. Sie war den Mutanten aufrichtig dankbar. Ohne sie und das Lakeside Institute hätte sie nie solche Fortschritte gemacht. Jedenfalls nicht so schnell.
Eidolon – die schattenhafte Manifestation ihrer düsteren Emotionen und Gedanken – schaffte es mittlerweile immer seltener, sie in Bedrängnis zu bringen. Nur zu gut erinnerte sich Celestaris an Eidolons erstes Erscheinen. Die schwarze Wolkenkreatur war aus ihr heraus entstanden und hatte als monströses Schattenwesen alles in Reichweite attackiert. Hatte um sich geschlagen und Geräte zerstört. Menschen verletzt oder sie sogar getötet.
Celestaris hatte verdammt hart dafür trainiert und zahllose Untersuchungen über sich ergehen lassen, damit sie Eidolon besser unter Kontrolle hatte. Die Wolkenkreatur kündigte sich zumeist an, bevor sie aus ihr hervorbrechen wollte, mit einem dumpfen Druck in ihrem Kopf.
In solchen Momenten kostete es sie viel Kraft, das Schattenmonster in sich einzusperren. Anfangs hatte Celestaris den Ärzten und Forschenden misstraut, doch das Lakeside Institute war mittlerweile zu ihrem Zuhause geworden – und das Personal ein Teil davon. Wie eine Familie kam es ihr manchmal vor.
John Marshall, Ras Tschubai und Gucky waren auch außerhalb des Trainings mit ihr befreundet. Vor allem Marshall war ihr neben Gucky ein guter Gefährte geworden. Seine Gesellschaft hatte eine beruhigende Wirkung auf sie.
»Schön zu sehen, dass du immer noch so motiviert bist«, sagte Marshall.
Celestaris lächelte und ging zu einer der Sitzbänke, die meist für Pausen genutzt wurden. Dort hatte sie ein Handtuch deponiert, das sie ergriff und sich damit Stirn und Nacken trocknete. Sie schnaufte einmal durch, nahm ihre ebenfalls bereitstehende Wasserflasche und trank gut die Hälfte in einem Zug leer. Danach strich sie sich die schwarzen Haarsträhnen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten, aus dem verschwitzten Gesicht und wandte sich Marshall zu. Er war ihr gefolgt und wartete mit amüsierter Miene ab.
»Hast du was Neues für mich?«, fragte sie. »Den Blick kenne ich doch.«
»Wenn du damit neue Trainingseinheiten meinst – nein. Du hast mich allerdings gebeten, dich an etwas zu erinnern.«
»Wirklich? Woran?«
»Ein kleiner Tipp: Du hast heute nicht nur die Rekordzeit deiner Runden gebrochen.«
Sie runzelte nachdenklich die Stirn. Im Lauf des zurückliegenden Monats hatte sie im Umgang mit Eidolon mehr gelernt als während der gesamten Zeit, in der sie auf sich allein gestellt gewesen war. Durch die Untersuchungen und Tests war es den Experten möglich gewesen, bestimmte Kriterien zu identifizieren, die ihre sonderbare Gabe aktivierten, die man als Parafähigkeit eingestuft hatte. Celestaris kannte diese Indizien nun und vermochte seither, sämtliche negativen Gedanken und aufgestauten Komplexe in ihrem Innern zu kanalisieren, noch während sich einer von Eidolons Ausbrüchen ankündigte. Das half ihr, die dunkle Manifestation zu beherrschen.
Es war vor allem Marshall, der regelmäßig mit ihr übte. Obwohl sie nicht nur für ihn, das gesamte Institut und auch für sich selbst eine Gefahr darstellte, falls Eidolon sie überrumpelte, ging er das Risiko bereitwillig ein, um ihr zu helfen. Zusammen hatten sie das größte Problem herausgefunden, das Celestaris die Kontrolle über die Wolkenkreatur besonders erschwerte.
Es sind deine Ängste, Aveline, dachte sie an Marshalls Vortrag. Du musst sie dir bewusst machen. Wenn du Eidolon zu sehr fürchtest, gibst du ihm Kontrolle über dich. Dann wird es schwerer, ihn zu beherrschen. Wenn du dir aber selbst vertraust und an dich glaubst, werden die Ausbrüche seltener. Eidolon ist ein Resultat von allem Schlechten in dir, all deinen negativen Gefühlen. Wann immer du an dir zweifelst, fütterst du ihn damit. Sei also ein bisschen selbstbewusster. Du hast bereits erstaunliche Fortschritte gemacht und kannst es dir leisten.
Sie hörte Marshalls Worte noch so klar und deutlich in ihrer Erinnerung, als habe er sie erst am Tag zuvor gesagt. Er hatte ihr danach in einer aufmunternden Geste auf die Schulter geklopft. Marshall war nicht nur der Leiter des Lakeside Institute, sondern auch ein hervorragender Lehrer. Da er Gedanken lesen konnte, hatte er seine Gabe von Anfang an in den Dienst der Menschheit gestellt. Er war über all die Jahre hinweg bescheiden geblieben und hielt sich meist im Hintergrund. Außerdem zählte er zu Perry Rhodans engsten Weggefährten.
Weil Celestaris ihre Eltern und beiden Schwestern früh verloren hatte, wusste sie nicht aus eigenem Erleben, wie es sich anfühlte, eine intakte Familie zu haben. Sie vermutete jedoch, dass Marshall dem am nächsten kam, was man als Vaterfigur bezeichnete. Celestaris war zuversichtlich, dass sie die Kontrolle über Eidolon in den kommenden Wochen und Monaten vor allem mit seiner Hilfe würde noch mehr festigen können.
Sie lächelte und nahm einen weiteren Schluck Wasser; da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. »Du sprichst von meinen Ausbrüchen, oder?«
»Richtig.« Marshall grinste auf eine Weise, die ihn um einige Jahre jünger wirken ließ. »Es ist auf den Tag genau zwei Wochen her, dass du keine größeren Probleme mehr damit hattest, Eidolon zurückzuhalten.«
»Das hast du dir gemerkt?«
»Natürlich. Warum glaubst du, wollte ich dein Training sonst heute wieder mal begleiten?«
»Weil du kontrollieren wolltest, ob ich nicht auf der faulen Haut liege?«, scherzte sie.
»Eher weil du mich darum gebeten hast, dich nach zwei erfolgreichen Wochen daran zu erinnern, dass es einen Grund zum Feiern gibt.«
»Das war doch nur so dahingesagt.« Sie spürte, wie ihre Wangen warm wurden. Gerade sie war nicht der Typ Mensch, der sich gern in den Vordergrund drängte oder wollte, dass sich alles um sie drehte.
»Trotzdem.« John Marshall legte ihr in einer gewohnten Geste die Hand auf die Schulter. »Du kannst stolz auf dich sein, Aveline.«
Nun wurde ihr die Situation doch unangenehm. »Danke für das Lob. Das weiß ich sehr zu schätzen.«
»Dank nicht mir. Es ist deine eigene Leistung. Meinst du, wir können daraus vielleicht sogar drei Wochen machen?«
»Ich gebe mein Bestes.«
»Und ich werde ein paar deiner Trainingseinheiten schwieriger gestalten. Nicht, dass du dich noch unterfordert fühlst.« Obwohl er es in einem ernsten Ton sagte, um sie anzuspornen, erkannte sie Gutmütigkeit in seinem Blick.
Er brachte sie zum Lachen. »Alles klar. Ich habe nichts anderes erwartet.«
Es waren vor allem die Momente, in denen Celestaris allein war, die es für sie am schlimmsten machten. Besonders dann kamen die Depressionsschübe vermehrt, wenngleich sie es mittlerweile meistens schaffte, sie zurückzudrängen. Aber immer wieder tauchten sie plötzlich auf – ohne Vorwarnung. Dann fühlte es sich an, als würde die Welt um sie herum zusammenbrechen. Als stürze sie in ein dunkles, tiefes Loch, aus dem sie ohne Hilfe nur schwer wieder herauskam.
Sie wurde dabei tieftraurig und sämtlicher Hoffnungen beraubt. Es war anstrengend und kostete sie einiges an Kraft, nicht einfach nachzugeben und sich fallen zu lassen. Also dachte sie lieber an positive Dinge, denn diese halfen ihr dabei, die nötige Energie zu finden, um die aufkommenden Tiefs zurückzuweisen.
Lange hatte sie nicht mehr ein so geregeltes Leben wie im Lakeside Institute gehabt. Es war angenehm und schön, fühlte sich nach einem Zuhause an. Die Herausforderung, mit Eidolon klarzukommen, war mit einem Mal leichter zu bewältigen. Ihr Leben schlug derzeit eine Richtung ein, die ihr eine aussichtsreiche Zukunft versprach. Und am wichtigsten war für sie bei all dem, dass sie nicht länger allein war – sie hatte Freunde.
Aveline Celestaris lag in ihrer institutseigenen Wohnung im Bett. Die Kissen hatte sie in ihrem Rücken aufgestapelt und es sich bequem gemacht. Aktuell beschäftigte sie sich mit ihrem Multifunktionsarmband, das ein Hologramm vor sie projizierte. Mittels Wischbewegungen navigierte sie durch das Mesh, das interstellare Daten- und Kommunikationsnetz der Terranischen Union. Wie üblich handelten viele Trivids und Artikel von Perry Rhodan und seinen Gefährten, die vor einem Monat noch als Terroristen und Verräter gegolten hatten.
Auch Celestaris hatte zur Gruppe dieser angeblichen Verbrecher gehört. Doch seit Kurzem war ihr Ruf wiederhergestellt. Das hatten sie einem Ermittler der Solaren Abwehr zu verdanken – er hieß Galen Drex. Als sich Celestaris über diesen Terraner hatte informieren wollen, war sie allerdings nicht weit gekommen. Zwar hatte Drex mithilfe eines Gesprächsmitschnitts beweisen können, wer in Wahrheit hinter den terroristischen Anschlägen gesteckt hatte, doch seither fehlte jede Spur von ihm. Celestaris vermutete, dass ihn die Leute umgebracht hatten, die er als Hintermänner der großen Intrige hatte ausfindig machen können.
Sie rief den nächsten Holoartikel auf. Er zeigte eine Aufnahme von Perry Rhodan und seiner Frau Thora Rhodan da Zoltral. Der Titel bestand aus einem Zitat, das der berühmte Terraner angeblich gesagt hatte: »Zusammen mit NATHAN, den Posbis und vor allem den Hamamesch tun wir alles, was in unserer Macht steht, um wieder Ordnung zu schaffen und den Betroffenen zu helfen!« Diese Überschrift fand sie ganz schön sperrig.
Als Celestaris die Verbindung zum Mesh gerade beenden wollte, traf eine Nachricht ein. Sie stammte von Doktor Caleb Waters. Mit einem Seufzen löschte sie die Mitteilung, ohne sie zu lesen. Nur um keinen Moment später eine private Kontaktanfrage über ihr Multifunktionsarmband zu erhalten. Weil sie an diesem Abend sowieso nichts Besseres mehr zu tun hatte, überwand sie ihren Widerwillen und nahm das Gespräch an. Danach würde sie hoffentlich ein paar Tage Ruhe von seinem Wissensdrang haben.
Ein lebensgroßes Kommunikationshologramm entstand vor ihr und zeigte den Kopf eines Terraners bis zur Brust. Er hatte silberne Dreadlocks und hellblaue Augen, die in auffälligem Kontrast zu seiner dunklen Hautfarbe standen.
Waters strahlte bis über beide Ohren. »Miss Celestaris! Schön, dass ich Sie noch erreicht habe.«
»Wie kann ich Ihnen helfen?« Sie gab sich nicht sonderlich viel Mühe, interessiert zu klingen. Waters war in seinem Arbeitseifer schlimmer als manche Journalisten, mit denen sie gelegentlich zu tun hatte.
»Haben Sie denn schon meinen Fragebogen beantwortet?«
»Ich ... habe ihn erhalten.«
»Kommen Sie vielleicht in den nächsten Tagen dazu, ihn auszufüllen?«
»Kann ich nicht versprechen. Ich schaue, was sich machen lässt.«
»Das wäre super!«, sagte Waters voller Freude.
Celestaris zog die Augenbrauen zusammen und fühlte sich belästigt. »Haben Sie mich bloß deshalb kontaktiert, Doktor Waters? Um diese Uhrzeit? Hätte nicht auch eine Textnachricht genügt?«
»Ähm ... Ich habe Ihnen eine geschickt. Drei sogar. Aber Sie haben nicht geantwortet.« Er lächelte verlegen. »Natürlich rufe ich nicht wegen des Fragebogens an. Das wäre nur ein Bonus. Ich möchte Sie vielmehr fragen, ob ich bei einem Ihrer nächsten Testverfahren dabei sein darf, um Aufzeichnungen zu machen. Also, wenn es wieder um die Untersuchungen der Wolkenkreatur geht.«
»Es geht dabei vor allem um mich, Doktor Waters, nicht um Eidolon. Haben Sie eine Ahnung, was er anrichten könnte, wenn er ausbricht? Das wäre nicht nur ein einfacher Test, sondern eine ernsthafte Gefahr für alle.«
»Aber Eidolon manifestiert sich aus Ihnen heraus. Demzufolge ist er ein Teil von Ihnen und steht untrennbar mit Ihrer Person in Zusammenhang.«
»Was wollen Sie wirklich?«
»Als Sozialwissenschaftler würde ich Sie gern für ein paar Tage begleiten. Lernen. Berichte über Ihren Alltag verfassen. Ich könnte Ihnen vielleicht helfen, weitere Techniken zu finden, um die Kreatur zu kontrollieren. Möglicherweise können Sie Eidolon dann sogar eines Tages zu Ihrem Vorteil nutzen.«
Sie hörte nur mit einem halben Ohr zu. Sie war müde. Außerdem hatte Waters das alles schon einmal gesagt. Seit er von ihrem Fall – ihrer als Umbrakinese bezeichneten Parafähigkeit – wusste, wurde sie ihn nicht mehr los. Statt Eidolon zu fürchten, war der Wissenschaftler maßlos fasziniert von ihm.
Was, wenn er mir wirklich helfen kann?, ging es ihr durch den Kopf. Wenn ihm etwas auffällt, das uns bisher entgangen ist?
Sie gab sich einen Ruck. Er war kein unsympathischer Mensch, bloß in seinem Forschungseifer etwas zu enthusiastisch und dadurch aufdringlich. »Also schön, Doktor Waters. Ich biete Ihnen eine Zusammenarbeit von einer Woche an. In Ordnung?«
»Danke, Miss Celestaris! Vielen Dank!« Er nickte übertrieben schnell und aufgeregt. »Wie wäre es gleich mit nächster Woche, um das Sozialprojekt zu beginnen?«
»Sozialprojekt?« Nun wurde sie doch misstrauisch.
»Ach, verzeihen Sie. Das ist mein privater Arbeitstitel, da ich auf bestimmte soziale Komponenten im Kontext der Persönlichkeitsbeeinflussung achten möchte. Auch darauf, welche anthropologischen Muster Sie in alltäglichen Situationen aufweisen, wie Sie sich verhalten, wenn einer Ihrer Ausbrüche bevorsteht, wie dieser sich im Spannungsfeld der ...«
»Sozialprojekt passt vollkommen!«, unterbrach ihn Celestaris, der nach einem langen Tag wie diesem der Kopf von all dem wissenschaftlichen Gerede rauchte. »Erklären Sie mir den Rest einfach ... mit praktischen Beispielen. Nächste Woche.«
»Prima! Ich melde mich! Einen schönen Abend noch.«
»Ihnen auch. Bis nächste Woche.« Erschöpft beendete sie das Gespräch, ließ sich in die Kissen sinken und atmete tief durch.
Zwar war sie es leid, dass sich so viel um Eidolon drehte, aber sie war auch nicht zum Spaß im Lakeside Institute. Sondern deshalb, um entsprechend ausgebildet zu werden, damit sie mit ihrer ungewollten Mutantengabe – und der damit verbundenen Wesenheit in ihrem Geist – uneingeschränkt zu leben lernte.
Celestaris gähnte herzhaft und glitt mit den Fingern durch ihr langes Haar, das sie wieder offen trug. Ein Blick zur Zeitanzeige verriet ihr, dass es 23.42 Uhr Terrania-Standardzeit war. Darunter stand das Datum: 2. September 2462.
Sie beschloss, noch eine Kleinigkeit zu essen, bevor sie schlafen würde. Also stand sie auf und ging zu dem Nahrungsspender über der kleinen Küchenzeile. Mittels integrierter Sensorfelder durchsuchte sie, was aktuell zur Auswahl stand. Wieder glitt ihr Blick wie automatisch zur Zeitanzeige. Die letzte Ziffer schaltete soeben um. 23.45 Uhr.
Sie wurde unruhig. Eine unheilvolle Vorahnung beschlich sie aus dem Nichts. Zuerst dachte sie, es wäre wieder eins ihrer aufkommenden Tiefs, doch dann bemerkte sie, dass es sich anders als sonst anfühlte.
Was ist denn los? Ihr Herz schlug mit einem Mal schneller. Irgendwas stimmte nicht. Besser, ich kontaktiere John und ...
Aveline Celestaris hatte keine Gelegenheit mehr, ihre Gedanken zu Ende zu führen. Eidolon begehrte plötzlich mit solcher Gewalt in ihr auf, dass sie erschrocken zurücktaumelte. Ächzend stieß sie gegen die Anrichte – keinen Moment später entglitt ihr jegliche Kontrolle. Die Wolkenkreatur brach unvermittelt aus ihrem Innern hervor.
Celestaris dachte an sämtliche Techniken, die sie im Institut gelernt hatte, doch nichts half. Unbeeindruckt manifestierte sich Eidolon.
»Eidolon! Eidolon! Eidolon!«, versuchte sie einem Mantra gleich, ihn unter Kontrolle zu bringen.
Schwarze Flammen brachen durch ihr Quartier und formten eine wolkenartige Kreatur von plump menschenähnlicher Gestalt. Die halbmaterielle Erscheinung aus loderndem, schwarzem Qualm wütete durch den Wohnraum, bis sie jäh zu Celestaris herumfuhr. Mit aller Macht versuchte die Mutantin, die Wolkenkreatur zurückzudrängen und wieder in ihrem Geist einzusperren. Doch Eidolon bäumte sich auf und widersetzte sich mit solcher Kraft, dass ihr ein angestrengtes Keuchen entwich.
Im selben Moment tauchte etwas neben ihr aus dem Nichts auf.
»Gucky!«, rief sie erleichtert, als sie den Mausbiber erkannte. Er trat zwischen sie und die Wolkenkreatur.
Eidolon wand sich, stob durch telekinetische Angriffe auseinander, formte sich aber sofort wieder von Neuem. Ein zweites – ein drittes Mal.
»Das hat keinen Zweck!«, ärgerte sich Gucky. »Aveline, konzentrier dich. Ruf ihn zurück, du kannst das!«
»Ich versuche es ja!« Sie starrte auf das Qualmwesen und versuchte es mit sämtlichen Mentaltechniken, die Marshall ihr beigebracht hatte.
In Gedanken formte sie große Greifarme, mit denen sie nach Eidolon griff. Aber er schien sie nicht wahrzunehmen, schien nicht mal zu bemerken, was sie tat. Celestaris zerrte in Gedanken an den wabernden Schatten, die sich immer mehr verdichteten, aber nichts half.
Am liebsten hätte sie vor Wut geschrien. Warum gelang es ihr nicht, Eidolon auch nur ansatzweise zu beeinflussen? Was machte ihn so mächtig? Er war stark wie noch nie, kam es ihr vor. Und als er sich endgültig manifestierte, begann er zu toben.
Eidolon wütete durch die Wohnung. Geschirr splitterte, Möbel gingen zu Bruch. Ihr Schrank brach in Einzelteile aus Holz, Kunststoff und Metall, ihr Bett schien in einer Wolke aus Federn und Holzspänen zu verschwinden. Die Küchenzeile splitterte, Töpfe wurden zerquetscht, als bestünden sie aus dünnem Papier. Eidolon hinterließ eine Spur aus Chaos.
»Nein!«, rief Celestaris. Sie fühlte sich hilflos.
Da fuhr Eidolon herum und steuerte auf den Ausgang zu. Wenn er diese Tür niederriss, stand ihm das gesamte Lakeside Institute offen.
»Er darf unter keinen Umständen entkommen!« Sie dachte an alles, was sie gelernt hatte.
Marshalls Rat fiel ihr ein. Sie stellte sich Eidolon unendlich klein vor: wehrlos und unbeholfen – geradezu lächerlich. Doch auch diese Taktik, die für gewöhnlich die stärkste Wirkung zeigte, änderte nichts an der Situation.
»Verdammt!«, schrie sie.
»Nur die Ruhe, Aveline«, ermutigte Gucky sie. Der Mausbiber stand neben ihr, als ginge ihn das Chaos nichts an, war dabei aber ungewöhnlich ernst. »Du kannst das.«
Um ihr Zeit zu verschaffen, attackierte der Ilt die Schattengestalt wieder telekinetisch. Eidolon zerbarst, Wolkenfetzen trieben durch die Wohnung. Doch sie fanden sich schnell wieder, erneut waberte eine grob humanoide Wolkenform auf den Ausgang zu.
Das darf doch nicht wahr sein!, dachte Celestaris. Marshalls Worte gingen ihr erneut durch den Kopf. Eidolon ist ein Resultat von allem Schlechten in dir, all deinen negativen Gefühlen. Wann immer du an dir zweifelst, fütterst du ihn damit. Sei also ein bisschen selbstbewusster.
»Eidolon!«, rief sie und schloss die Augen.
Klein, unbedeutend, lächerlich. Niemand, vor dem man Angst haben musste. Nicht, wenn sie diejenige war, die ihn kontrollierte.
»Gut so! Mach weiter!«, sagte Gucky. »Es hilft.«
Celestaris beobachtete, wie Eidolon sich krümmte, sich ruckartig zu einer, dann zur anderen Seite wandte. Er schrumpfte, Rauchwolken sonderten sich von ihm ab und verpufften im Nichts.
Klein, unbedeutend und lächerlich!
Die tiefschwarz lodernden Flammen stoben auseinander und verwandelten sich in Schlieren. Celestaris spürte, dass Eidolon gegen sie ankämpfte. Da waren so viel Wut, Hass und das Gefühl von Einsamkeit. Es wurde stärker. Die Schlieren spalteten sich und wurden dünner. Eidolon flüchtete zur Tür, die sich auf seine Annäherung hin selbsttätig öffnete, und zwang sich durch den breiter werdenden Spalt.
Celestaris war wie gelähmt.
»Ich warne die anderen und hole Verstärkung«, sagte Gucky.
Dann verschwand der Teleporter. Er hatte recht, Eidolon konnte erheblichen Schaden anrichten, wenn es ihr nicht gelang, ihn zu stoppen.
Celestaris rannte durch die nunmehr komplett offene Tür, ihr Blick suchte die Wolkenkreatur. Im Korridor sah sie nur noch, wie Eidolon in den nächsten Gang stürmte. Hektische Schritte und Krachen ertönten. Glas zersplitterte, Gegenstände prallten zu Boden. Jemand brüllte auf, Möbel wurden hörbar zerschmettert.
»Eidolon!«, schrie Celestaris nun deutlich entschlossener und folgte ihm. »Klein, unbedeutend und lächerlich!«
Wie zur Antwort prallte etwas so laut gegeneinander, dass der Boden unter ihren Füßen vibrierte – und das, obwohl sie noch etliche Meter von dem Geschehen entfernt war. Wieder hörte sie, wie jemand panisch Anordnungen rief. Ein gellender Schrei erklang. Celestaris wusste nicht, ob vor Angst oder Schmerzen.
Sie hastete um die Ecke in den Gebäudeflügel, wohin Eidolon geflohen war. Entsetzen packte sie, beinahe wäre sie stehen geblieben. Doch sie riss sich zusammen und stolperte weiter. Überall lagen Schutt und Trümmerteile. Holzbretter, Stuhlbeine, Teile von Tischplatten – Celestaris sprang über die Hindernisse hinweg. Immer wieder entdeckte sie in den Gangwänden Türen, die entweder verbogen oder aus den Verankerungen gerissen waren. An manchen Stellen war Eidolon in die Seitenräume gestürmt, hatte dort Wände durchbrochen, war ins nächste Zimmer gelangt, hatte das Inventar kurz und klein geschlagen, um danach wieder eine der Türen als Ausgang zu nutzen. Draußen im Korridor hatte er sein Wüten dann fortgesetzt.
Das ist reinste Willkür!, dachte Celestaris mit rasendem Herzen. Da steckt kein Plan dahinter. Als ginge es ihm nur darum, alles zu zerstören.
Am Ende des Flurs erspähte sie einen jungen Mann, der auf dem Boden saß und sich gegen die Wand lehnte. Den Oberarm drückte er, erkennbar unter Schmerzen leidend, an den Körper. Bei ihm war Suki Tyler, eine Ärztin, mit der Celestaris im Institut schon häufiger zu tun gehabt hatte. Die Medikerin hockte neben dem Verletzten und redete ihm gut zu, hatte ihm tröstend eine Hand auf die unversehrte Schulter gelegt.
Celestaris kam vor ihnen zum Stehen. »Es tut mir so furchtbar leid!«
Tyler sah erschrocken auf. »Miss Celestaris! Was ist passiert?«
Die Mutantin kontrollierte die Gänge, die sich zu ihren beiden Seiten erstreckten. Eidolon hatte, dem hinterlassenen Chaos nach zu urteilen, in der linken Richtung weitergewütet. »Ich weiß es nicht. Aber ich verspreche, ich bringe das wieder in Ordnung!«
»Das Ding hat mir den Arm gebrochen!«, wimmerte der Mann. »Es schleudert jeden, auf den es trifft, einfach aus dem Weg. Es ...«
»Schon gut, Mister Miller. Beruhigen Sie sich, wir bringen Sie gleich zur Medostation«, unterbrach ihn Tyler.
Celestaris fühlte sich unendlich schuldig. Sie presste die Lippen aufeinander, wandte sich ab und rannte der Wolkenkreatur hinterher. Sie war wütend, allerdings weniger auf Eidolon als vielmehr auf sich selbst. Wieso war die Manifestation ihrer dunklen Emotionen plötzlich so stark? Und wieso war sie diesmal so unfähig, das Schattenwesen zurückzurufen?
Schwefelartige Ausdünstungen stiegen ihr in die Nase, sie hörte neue Schreie sowie das Donnern und Splittern von zertrümmerter Einrichtung. An manchen Stellen war es eisig kalt, an anderen heiß, während sie der Spur der Verwüstung folgte. Vielleicht bildete sie sich diese Sinneseindrücke aber auch nur ein. Es setzte ihr zu, dass Eidolon den Forschungskomplex so schwer beschädigte. Glücklicherweise war um diese Uhrzeit kaum Personal unterwegs, auch keine der im Lakeside Institute lebenden Mutanten. Nur aus wenigen Türen spähten verwirrte Personen heraus, entsetzt von dem Chaos, das ringsum herrschte.
Celestaris waren die verängstigten Blicke so unangenehm, dass sie sich am liebsten in Luft aufgelöst hätte. Sie musste Eidolon so schnell wie möglich zurückrufen! Bisher hatte sie es doch immer geschafft, was war an diesem Ausbruch so anders, dass sie bislang derart versagte?
»Halt ihn fest, Gucky!«, rief ein Stück voraus jemand.
War das Ras Tschubai? Der Teleporter, der neben Marshall und Gucky ebenfalls zu Perry Rhodans langjährigen und engsten Gefährten zählte und mit dem sich Celestaris bei ihren jüngsten gemeinsamen Missionen angefreundet hatte?
Sie hörte einige Strahlschüsse.
»Nicht so einfach, wenn sich das Liebchen ständig aus meinen Attacken windet wie ein glitschiger Aal!« Der Mausbiber schnaufte hörbar angestrengt. »John ... Jetzt!«
»Bin dabei«, erklang Marshalls vertraute Stimme.
Alle drei sind hier!, dachte Celestaris erleichtert, obwohl sie ihr schlechtes Gewissen quälte.
So schnell sie konnte, rannte sie in die weite Halle, in die der Flur mündete und wo Fahrstühle zu ihrer Rechten in ein Nebengebäude des Instituts führten – vor allem zu weiteren Wohnbereichen.
In der Mitte des Saals wand sich Eidolon, ruckte zur Seite, löste sich auf und fand Momente später wieder zu seiner plumpen, humanoiden Form zurück. Er krümmte und gebärdete sich wie wild und war so zornig, dass der Mutantin kurzzeitig die Beine nachgaben. Die mentale Wutwelle, die von der Wolkenkreatur ausging, traf Celestaris mit der Wucht eines Vorschlaghammers. Sie stolperte und ballte die Hände zu Fäusten. Je näher sie dem Ungetüm kam, desto mehr zehrte es von ihren Kräften. Sie biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich auf Eidolon, befahl ihn gedanklich zurück in ihren Geist.
Das schwarze Qualmwesen wirbelte herum, schlug mit gewaltigen Kräften um sich, kam aber nicht von der Stelle, weil Gucky Eidolon ein ums andere Mal telekinetisch in Stücke riss. Die Wolkenkreatur musste sich immer wieder neu zusammensetzen. Selbst wenn das Monster sich zu Schlieren ausdünnte, packte der Ilt zu und schleuderte sämtliche Teile, die er erwischte, vom Hauptkörper fort. Dem Mausbiber war anzusehen, wie viel Kraft ihn das kostete.
Nicht weit von dem Ilt entfernt stand John Marshall. Der Terraner bewegte sich zwar nicht, doch Celestaris wusste, dass er telepathisch auf Eidolon eindrang, die Kreatur zu schwächen und abzulenken versuchte. Bei dem Dritten im Bunde handelte es sich tatsächlich um Ras Tschubai. Der Mutant teleportierte Eidolon immer wieder in den Weg, um das Ungeheuer an der Flucht zu hindern. Tschubai schoss mit Desintegratorstrahlen auf die Wolkenkreatur, was sie stellenweise zerfetzte, bevor sie sich wieder zusammenfügte.
»Aveline! Schnell!«, rief Gucky.
Celestaris spürte, wie ihre Beine wieder zitterten – ein Schwindelanfall überkam sie, aber sie wehrte sich dagegen. Ihre Freunde brauchten sie, also würde sie sich sicher nicht unterkriegen lassen!
Eidolon, Eidolon, Eidolon!, schrie sie gedanklich, was die Manifestation jedoch nur wütender machte.
Eidolon bäumte sich auf und drehte sich wie ein Wirbelwind um seine Achse. Danach schlug er so fest auf den Hallenboden, dass der in Stücke zerbrach. Tschubai teleportierte gerade noch rechtzeitig in Sicherheit, während Gucky ächzte und seine Attacken intensivierte. Marshall wirkte genauso angestrengt wie die beiden anderen Mutanten.
Eidolon! Du bist klein, unbedeutend und lächerlich!, verstärkte Celestaris ihre Gedanken und stellte sich vor, wie die Schattenkreatur schrumpfte. So klein wurde, wie eine jener süßen Holoprojektionen von virtuellen Haustieren oder fiktiven Trividfiguren, die Kinder häufig als Spiel- und Weggefährten mit sich führten. Gedanklich stülpte sie dieser ungefährlichen Eidolon-Version einen Käfig über, warf ein blickdichtes Tuch darüber und sperrte sie ein.
Eidolon kämpfte gegen Celestaris an. Er sammelte seine Kräfte und richtete all seine Aggressionen auf sie. Die Wolkenkreatur schlug um sich, hetzte auf die Umbrakinetin zu. Ras Tschubai teleportierte vor sie und feuerte mehrere Schüsse ab. Zwar gruben diese Desintegratorstrahlen Löcher in das halbmaterielle Pseudowesen, doch sie schlossen sich sofort wieder.
Immerhin wich Eidolon zur Seite aus. Schon wurde Gucky wieder aktiv und zerriss die Qualmmasse in unzählige Stücke, die sich wie zuvor – diesmal allerdings schon langsamer – wieder zusammenfügten.
»Du kontrollierst ihn, Aveline! Nicht umgekehrt«, rief Marshall. Schweiß strömte ihm vor Anstrengung über das Gesicht, während er Eidolon telepathisch zu schwächen versuchte, ihn in seiner Vorstellung wahrscheinlich ebenso klein machte, wie Celestaris es sich visualisierte. »Sperr ihn ein!«
Er hatte recht. Sie waren zu viert – Eidolon war allein. Das Ungetüm konnte niemals gegen zwei relativ Unsterbliche, seine Herrin und einen so mächtigen Parabegabten wie Gucky bestehen. Celestaris hatte drei berühmte Mutanten an ihrer Seite, die Geschichte geschrieben hatten. Wie konnte sie da an sich zweifeln?
Ich bin nicht länger allein, erinnerte sie sich selbst. Das endet hier und jetzt, Eidolon!
Mit sämtlicher Kraft und Konzentration, die sie aufzubieten vermochte, griff sie mental nach der Wolkenkreatur. Im Gegensatz zu Guckys Angriffen, die Eidolon lediglich kurzzeitig erwischten, gelang es ihr erfolgreich, ihn gedanklich an den klobigen Schultern zu packen. Das Schattenwesen bäumte sich wütend auf und schlug um sich, bewegte sich jedoch nicht länger von der Stelle. Celestaris bot jedes Quäntchen Willensstärke auf, das sie hatte, und zwang ihn zu sich. Selbstsicher gewann sie die Kontrolle über die Manifestation zurück. Machte Eidolon klein. Unbedeutend. Lächerlich.
»Verschwinde!«, rief sie zornig und in einem Befehlston, der keine Widerrede zuließ.
Einige Male griff Eidolon noch vergeblich ins Leere, als suche er nach Halt. Danach aber versank er widerstrebend in einem rotierenden Loch, das stetig kleiner wurde, als ob es implodieren wollte. Kurz darauf zerstob das Monster zu Rauch, der wie rieselnder, schwarzer Sand zu Aveline Celestaris zurückkehrte und in ihren Kopf eindrang.
Mit einem überanstrengten Keuchen brach sie zusammen und fiel auf die Knie. Ihr Herz raste, Schweiß lief ihr in Strömen aus allen Poren, klebte die lockere Freizeitkleidung an ihren Körper. Das Blut rauschte ihr in den Ohren. Alles drehte sich, ihre Sicht verschwamm. Sie registrierte nur noch, wie Gucky vor sie teleportierte und John Marshall auf sie zueilte, bevor alles plötzlich angenehm leicht wurde. Die Ohnmacht übermannte sie.
3.
Mehr als ein Zufall
Als Aveline Celestaris wieder zu sich kam, lag sie auf einem schmalen Bett in einer Medostation. Ihr Kopf schmerzte zwar höllisch und sie war erschöpft, aber emotional ausgeglichen. Eidolon hatte ihren Frust, ihre Ängste, ihre Wut, die tiefe Traurigkeit – alle negativen Gefühle – aus ihr gesaugt und sie einer Katharsis gleich gereinigt. Sie fühlte sich trotz der Anstrengung, die es sie gekostet hatte, die Wolkenkreatur zurückzurufen, unbeschwerter – fast schon glücklich und frei.
»Wer ist denn da wieder wach?«, fragte Gucky freundlich, der neben ihr auf einem Stuhl saß.
Auch John Marshall war anwesend. Er hantierte gerade an einer Apparatur in der Nähe, drehte sich dann jedoch um und betrachtete Celestaris mit einem Lächeln. »Du hast es geschafft.«
Obwohl sie erleichtert war, plagte sie ihr Gewissen. »Er hat so viel Schaden angerichtet ... Das tut mir wirklich leid.«
»Das Lakeside Institute hat schon schlimmere Zeiten hinter sich, glaub mir.« Marshall gesellte sich zu ihr und Gucky. »Das lässt sich alles wieder reparieren und neu aufbauen.«
»Gibt es ... Tote?«
»Glücklicherweise nicht. Nur Verletzte.«
Ein Stein fiel ihr vom Herzen.
Gucky knabberte an einer Möhre und ließ sich die Anstrengung von zuvor nicht mehr anmerken. »Was war denn los? Ist etwas passiert, dass du die Kontrolle über Eidolon verloren hast?«
»Ich ... weiß nicht. Eigentlich nicht. Ich wollte noch eine Kleinigkeit essen, bevor ich zu Bett gehe. Und dann ... Es kündigte sich mit einem miesen Gefühl an. Einer Art Druck, einer inneren Unruhe. Ich dachte gerade daran, John zu kontaktieren, als Eidolon unvermittelt ausbrach.«
»Sonst gibt es doch meist Auslöser, die das bewirken, oder etwa nicht?«
»Ja, doch. Stimmt schon. Diesmal war es aber anders. Er kam ... einfach so.«
»Einfach so?«, fragte Marshall.
»Ja.« Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. »Ich weiß zufällig sogar noch die Uhrzeit auf die Minute genau.«
»Ernsthaft? Es war 23.45 Uhr?« Gucky hatte offenbar vor lauter Neugier ihre Gedanken gelesen, zuckte mit den Ohren und lehnte sich interessiert vor. »Bist du sicher?«
»Äh ... ja. Wieso? Was ist daran so verwunderlich?«
»Eine ganze Menge.« Der Mausbiber sprang vom Stuhl und ging ein paar Schritte durch die Medostation. Er wirkte nachdenklich. Selbst seine angeknabberte Möhre hatte er auf der Sitzfläche zurückgelassen. »Während du ein Schläfchen gehalten hast, hat sich Perry gemeldet. Er hat einen Notruf erhalten. Exakt zur selben Zeit.«
Marshall verschränkte die Arme vor der Brust. »Das ist zwar auffällig ... Es könnte sich aber auch um einen Zufall handeln.«
Gucky hob sich telekinetisch in die Luft, um auf Augenhöhe mit Marshall zu sein. »Ein Zufall? Nachdem Nathalie damals durch die Zeitquelle verschwunden ist und wir so lange nichts mehr von ihr gehört haben? Und sie meldet sich ausgerechnet exakt dann wieder, als Eidolon sich so gewaltsam manifestiert? Ohne dass Aveline die Schattenkreatur auch nur ansatzweise kontrollieren konnte, was in diesem Ausmaß schon lange nicht mehr vorkam?«
Celestaris wurde hellhörig. »Nathalie? Perrys und Thoras Tochter?«
»Ja. Der Funkspruch ist war nur bruchstückhaft, aber es ist deutlich herauszuhören, dass es sich um einen Hilferuf handelt.« Der Ilt hob den Arm und bediente sein Multifunktionsarmband. Er spielte die Nachricht ab, die er wohl von Perry Rhodan zugeschickt bekommen hatte.
»Hier ... Nathalie ... nicht viel Zeit ... Sie kommen ... weiß nicht, wie lange ... Mom ... Dad ... mir leid ... brauche ... Hilfe ... schnell ... bitte ...«
Ein Schauer jagte Celestaris über den Rücken. Sie wusste nicht viel über Nathalie Rhodan da Zoltral. Während der langen Reise der MAGELLAN zurück in die Milchstraße hatte sich Celestaris an einem Nachmittag mal länger mit Thora Rhodan da Zoltral unterhalten. Die Arkonidin hatte erzählt, dass Nathalie durch ein Schwarzes Loch – besser gesagt eine Zeitquelle, die sich direkt beim supermassereichen Schwarzen Loch im Zentrum der Milchstraße gebildet hatte – verschwunden war und Thora und Perry seither nichts mehr von ihrer Tochter gehört hatten.
»Das ist seltsam«, murmelte Celestaris. »Wie kann das sein? Ich meine, wieso sollten der Funkspruch und Eidolons Ausbruch etwas miteinander zu tun haben?«
»Das ist eine gute Frage.« Gucky rieb sich sinnierend das Kinn. So ernst und besorgt sah sie ihren Freund nur selten. Es erweckte in ihr den Wunsch, ihn tröstend zu streicheln. »Wir sollten das unbedingt mit Perry und Thora besprechen. Ich wollte sowieso wieder zu ihnen zurück, um dabei zu helfen, die Wogen in der Milchstraße zu glätten. Wir haben eine Menge zu tun, bis wieder gänzlich Ruhe einkehrt.«
»Es gibt immer noch viele wütende Gegner der Hamamesch und der Nakken, nicht wahr?«
»Leider. Obwohl sie wissen, dass die Schneckenwesen eigentlich nichts Böses im Sinn hatten. Lief halt ein bisschen schief mit ihrer Imprintdroge. Zugegeben, diese Ereignisse waren keine Kleinigkeit, und zu viele sind gestorben.«
»Es wären noch mehr gestorben, hätten du, Perry und Thora nicht alles riskiert, um die Mutationen im Gehirn der Drogenabhängigen wieder rückgängig zu machen.«
»Ein Heilmittel, das uns viel gekostet hat.«
Celestaris blickte auf die Hände in ihrem Schoß. Auch Marshall wirkte betroffen. Es war kein Geheimnis, dass sie von ihrer seltsamen Reise durch eine potenzielle, extrem dystopische Zukunft ohne Atlan da Gonozal zurückgekehrt waren. Sie mochte den Arkoniden, wenngleich er sich ihr gegenüber manchmal zu charmant gegeben hatte. Für ihren Geschmack jedenfalls. Sie vermisste ihn und wollte sich gar nicht erst vorstellen, wie es Rhodan und den anderen gehen musste, die Atlan wesentlich länger kannten. Sie alle hatten einen Freund verloren.
Obwohl ich glaube, dass er immer noch lebt. Irgendwo dort draußen. Sie beschloss, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. »Es wird wohl dauern, bis auch die letzten Konflikte enden. Wenigstens sind es nur noch vereinzelte Gruppen, die gegen die Hamamesch agitieren. Schließlich helfen sie tatkräftig bei den Aufräumarbeiten mit und stellen ihre Handelswaren dafür teilweise kostenlos zur Verfügung.«
»Deshalb erwägt der Unionsrat mittlerweile sehr ernsthaft eine Aufnahme der Nakken in den Herrschaftsbereich der Terranischen Union«, sagte Marshall. »Unsere Regierung will den Schneckenwesen beistehen und hat begriffen, dass die negativen Entwicklungen der Oxypaminsucht auf ein großes Missverständnis zurückzuführen sind. Viele Menschen betrachten die Hamamesch und ihre Kosmischen Kontore sogar als einen Gewinn für die galaktische Völkergemeinschaft.«
Celestaris war überrascht. Davon hatte sie nichts mitbekommen. »Und was bedeutet das für die Nakken?«
»Der TU-Unionsrat, die Hamamesch und die Nakken – sie wollen den angerichteten Schaden gemeinsam beseitigen und eine positive Zukunft für alle aufbauen. Sie suchen bereits nach einem geeigneten Planeten, auf dem sich die Schneckenwesen ansiedeln können.«
»Jap! Gut zusammengefasst, John.« Gucky landete neben Celestaris auf dem Bett und streckte ihr demonstrativ den Kopf entgegen. Er hatte ihren Impuls, ihn streicheln zu wollen, offenbar vorhin mitbekommen.
Sie kraulte ihn zwischen den Ohren und lächelte. »Ist das alles schon offiziell?«
»Nur so halb.« Gucky grinste und zeigte dabei seinen Nagezahn. »Kann aber nicht mehr lange dauern, bis es allgemein verkündet wird.«
Gerade als Celestaris noch etwas fragen wollte, glitt mit einem Zischen die Eingangstür des Patientenbehandlungsraums seitlich in die Wand. Ein Ara mit typisch kahlem Spitzkopf und einem dürren, hoch aufgeschossenen Körper kam herein, wobei er auf einer kleinen, flachen Handpositronik herumtippte. Als er bemerkte, dass ihn drei Leute anstarrten, war er sichtlich überrascht.
»Oh? Entschuldigen Sie, ich dachte eigentlich, dass um kurz nach zwei Uhr morgens niemand mehr hier sei.« Es klang wie ein Vorwurf. Der Arzt legte sein Gerät zu den medizinischen Instrumenten auf einen Tisch neben der Tür. »Vor allem auf dieser Station.«
»Wie ist die Lage im Wohnblock?«, fragte Marshall.
»Sie hat sich beruhigt. Die Verletzten werden behandelt, die meisten Bewohner und einige spät Arbeitende haben sich zurückgezogen. Mister Tschubai koordiniert die Aufräumarbeiten.«
»Gut.« Marshall lächelte Celestaris an. »Nimm dir das alles nicht zu sehr zu Herzen, in Ordnung? Wenn es sich bei der zeitlichen Übereinstimmung von Nathalies Notruf und dem jähen Ausbruch von Eidolon um keinen Zufall handelt, kannst du nichts dafür, was passiert ist. Du wirst eine ungewollte Manifestation künftig sehr viel länger als nur für zwei Wochen unterbinden können, ganz sicher.« Er zwinkerte ihr zu.
Sie war ihm dankbar. Seine aufmunternden Worte halfen ihr tatsächlich, sich zumindest etwas weniger schuldig zu fühlen. Zum Glück war niemand ihretwegen gestorben. »Danke, John.«
»So! Lassen wir ...« Gucky las demonstrativ das Namensschild auf der Brust des Aras. »... Doktor Hatilarius Bübolo weiterarbeiten. Der Rest von uns sollte sich eine Mütze Schlaf gönnen.«
»Ich bleibe noch und helfe Ras bei den Aufräumarbeiten«, erwiderte John Marshall.
Der Mausbiber ließ die angebissene Möhre zurück in seine Hand fliegen und bedeutete Celestaris, ihm zu folgen. Sie schwang die Beine über den Bettrand und stand auf. Zwar war sie nach wie vor erschöpft, aber sonst nicht weiter beeinträchtigt. Auch die stechenden Kopfschmerzen waren verschwunden.
Als sie und Gucky aus der Medostation in den Korridor wechselten, betrachtete sie den Ilt neugierig. »John ist als relativ Unsterblicher auf Schlaf nicht so angewiesen wie der Rest von uns. Und du steckst ebenfalls mehr weg als die meisten. Also, Gucky. Schieß los!«
»Bin ich so durchschaubar?«
»Ich denke nicht, aber wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Da merke ich schon, wenn du ein Gespräch unter vier Augen führen willst.«
»Wohl wahr.« Er grinste und ließ seine Schnurrhaare vibrieren. »Wie gesagt, ich breche bald wieder auf. Deshalb wollte ich fragen, ob du mich vielleicht begleiten möchtest?«
»Wohin? Zu Perry und Thora?«
»Ja. Ich finde, es ist besser, wenn wir das alles vor Ort besprechen. Nathalies Notruf, dein Ausbruch – die identische Uhrzeit. Außerdem vermisse ich unsere gemeinsamen Abenteuer.«
Celestaris lachte. »War das heutige nicht genug?«
»Ach, Ras und John haben mir die Show gestohlen.«
»Wenn ich mich richtig erinnere, habt ihr alle drei gehörig dazu beigetragen, dass ich Eidolon wieder unter Kontrolle bekomme. Ohne euch ... Ich will gar nicht daran denken.«
»Ein bisschen vielleicht.« Der Ilt hob den Kopf und sah zu Aveline Celestaris hoch. Aus dieser Perspektive wirkte Gucky noch niedlicher als sonst. »Wenn du aber lieber im Lakeside Institute bleiben willst und dein Training ... Ah, dachte ich es mir doch!«
Sie lachte. Wie so oft hatte er ihre Gedanken gelesen und ihre verbale Antwort vorweggenommen. »Ich kann auch danach noch trainieren. Aber sag mal ... Seit wann bist du eigentlich wieder im Institut?«
»Seit gestern Nachmittag. Ich wollte dir beim morgendlichen – also eigentlich heutigen – Training einen Überraschungsbesuch abstatten. Deine Angst und die Gedanken um den Kontrollverlust über Eidolon haben mich allerdings frühzeitiger auf den Plan gerufen. Das Ende der Geschichte kennst du.« Er stopfte sich den Rest der Möhre in den Mund und kaute zufrieden daran.
»Leider zu gut.«
4.
Vorbereitungen und Diskussionen
Bereits am selben Tag und nach nur wenigen Stunden Schlaf empfingen Aveline Celestaris, Gucky und John Marshall ihre Gäste. Sie führten Perry Rhodan, Thora Rhodan da Zoltral und Reginald Bull unverzüglich in einen der Besprechungsräume des Lakeside Institute.
Die Wiedersehensfreude war jedoch nur von kurzer Dauer. Viel zu sehr überschattete Nathalie Rhodan da Zoltrals Notruf die Gemüter ihrer Eltern. Celestaris konnte das gut nachvollziehen und war selbst neugierig, was sie mittlerweile in Erfahrung gebracht hatten.
Der Mausbiber hatte dem Ehepaar noch in der Nacht berichtet, dass Eidolons Ausbruch zum exakt selben Zeitpunkt wie Nathalies Hyperfunkspruch erfolgt war. Daraufhin hatten sie unverzüglich einen Termin vereinbart, um herauszufinden, ob die zwei Ereignisse in einem Bezug standen.
Deshalb saß Celestaris nun zusammen mit Rhodan, Thora, Bull, Gucky und Marshall an einem Tisch und betrachtete eine holografische Gesamtdarstellung der Milchstraße, die in die Mitte der Gruppe projiziert wurde.
Rhodan kam gleich zur Sache. »Obwohl der Notruf nur verstümmelt bei uns eintraf, gelang es unseren Experten, seinen Ursprung in ein eng begrenztes Raumgebiet zurückzuverfolgen.«
»Genau – die Signalquelle liegt nur rund tausend Lichtjahre von der Erde entfernt«, ergänzte Thora und vergrößerte mittels Gestensteuerung einen Sektor des Hologramms. »Hier. In der Nähe des Pulsars Vela.«
Von diesen Himmelsobjekten hatte Celestaris schon gehört: Pulsare waren schnell rotierende Neutronensterne mit extrem starken Magnetfeldern. Letztere stießen an ihren Polen hochenergetische, gerichtete Partikel- und Radiostrahlen aus.
Sie wusste zudem, dass Vela der Überrest einer Sternexplosion war, die sich vor ungefähr elf- bis zwölftausend Jahren ereignet hatte. Der Pulsar war im südlichen Sternbild Segel des Schiffs zu finden, weshalb die irdischen Astronomen ihm den lateinischen Namen Vela gegeben hatten. Die bei der Supernova ausgestoßenen Gase bildeten einen seither ständig expandierenden, wolkenförmigen Nebel um den Pulsar.
Was so alles im Gedächtnis hängen bleibt, wenn man sich im Mesh die Zeit nicht nur mit Trividdramen vertreibt ..., sinnierte sie.
Sie fragte sich, was Rhodan und Thora nun vorhatten. Wie sie die beiden relativ Unsterblichen einschätzte, würden sie dem Pulsar wohl bald einen Besuch abstatten. Celestaris war gespannt darauf, wie sie das tun wollten; immerhin war ein Neutronenstern nicht gerade ungefährlich.
»Okay, das ist schon mal ein Anfang«, sagte Gucky.
Celestaris hob den Kopf. Ein neues Hologramm zeigte neben dem Ausschnitt bei Vela Daten und Informationen zu dem Pulsar an. Sie deckten sich mit ihrem Wissen.
»Der uns zum nächsten Punkt führt.« Rhodan wandte sich Celestaris zu. »Wenn wir davon ausgehen, dass sich dort etwas ereignet hat, das mit dem Hilferuf meiner Tochter und der jüngsten Manifestation von Eidolon zusammenhängt, wäre es vielleicht gut, wenn du uns begleitest.«
»Das würde aber bedeuten, dass ein Vorgang, der fast tausend Lichtjahre entfernt stattfand, auf mich Einfluss hatte – aber auf niemanden sonst«, erwiderte sie. »Ich bezweifle, dass es da einen Zusammenhang gibt. Vielleicht ist es wirklich nur ein Zufall.«
»Wir haben lange darüber diskutiert, Aveline. Die zeitliche Übereinstimmung – derselbe Tag, auf die Sekunde genau dieselbe Uhrzeit ... Ein Ausbruch, den du in dieser Intensität lange nicht mehr erlebt hast, und dass es dir fast nicht mehr gelungen ist, die Wolkenkreatur wieder zu bändigen ... Das klingt für mich sehr nach einem Einfluss von außen. Es hat dich doch nichts anderes so aufgewühlt, dass Eidolon einen Grund hatte, sich gegen deinen Willen zu manifestieren, oder?«
