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Während die Völker der Milchstraße die Macht der Laren brechen, beendet Perry Rhodan mit der SOL den Konflikt zwischen der Kaiserin von Therm und der Superintelligenz BARDIOC, die aus einem abtrünnigen Mächtigen hervorgegangen ist. Dadurch rettet er die bedrohte Erde und gewinnt zugleich tiefe kosmische Einsichten. Terra kehrt ins Solsystem zurück und wird wieder von Menschen besiedelt.
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Seitenzahl: 6402
Veröffentlichungsjahr: 2011
Nr. 800
Die Kaiserin von Therm
Das Jahrmillionenereignis – eine Superintelligenz wird geboren
von WILLIAM VOLTZ
An Bord des gigantischen Generationenschiffs namens SOL schreibt man das Jahr 3583. Für Perry Rhodan und seine Gefährten gilt noch immer das Ziel, das sie sich setzten, als sie in den Mahlstrom der Sterne zurückkehrten und den Planeten Terra dort nicht mehr vorfanden – das Ziel nämlich, die Ursprungswelt der Menschen schnellstmöglich wiederzuentdecken.
Die Reise der SOL ging zuerst ins Ungewisse – bis mehrere Begegnungen mit verschiedenen Dienervölkern der mysteriösen Kaiserin von Therm, einer Superintelligenz, die eine Mächtigkeitsballung beherrscht, vage Hinweise auf den neuen Standort der verschwundenen Erde erbringen.
Schließlich beginnen die Solaner um des Versprechens willen, die genauen Positionsdaten der Erde zu erhalten, sich Prüfungen zu unterziehen und schwierige Missionen im Auftrag der Kaiserin durchzuführen.
Jetzt, da die SOL den für die Kaiserin so eminent wichtigen COMP geborgen hat, scheint die Erfüllung des Versprechens endlich nahe. Jedermann an Bord der SOL fiebert dem Treffen mit der Kaiserin von Therm förmlich entgegen.
Doch wer oder was ist diese Superintelligenz, die ganze galaktische Systeme beherrscht? Welche unbekannten Vorgänge und Faktoren führten überhaupt zu ihrer Entstehung? Wer war letztlich verantwortlich für das Jahrmillionenereignis ihrer Geburt?
Diese Fragen werden mit der nachfolgenden Story beantwortet – denn diese Story geht um DIE KAISERIN VON THERM ...
Die Kaiserin von Therm – Eine Superintelligenz wird geboren.
Callazian, Kostroy und Vlission – Angehörige eines zum Untergang verdammten Volkes.
Mitra und Moykrina – Gralsmütter der Kelsiren.
Hopzaar – Ein Choolk erhält einen Befehl.
Perry Rhodan
Der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, ist die gefährlichste aller Selbsttäuschungen.
Paul Watzlawick
Es wäre durchaus möglich, dass der nächste Schritt unserer Evolution die Entwicklung einer elektronischen Intelligenz sein wird und dass diese aus einem toten Planeten nur durch die Zwischenstadien organischen Lebens produziert werden konnte.
Lyall Watson
*
MENSCHEN I
VERGANGENHEIT I
Die tiotronische Totalkontrolle des Verkehrsnetzes auf Blosth machte angeblich eine Überlastung der Transportstrahlen unmöglich, aber die Wirklichkeit, mit der Archivverwalter Callazian jeden Morgen konfrontiert wurde, sah anders aus. Cryor-Strahl war jeden Morgen überbelegt. Seine Ausläufer mündeten in die mächtigen Kuppelbauten der Kommunikationszentren und spien täglich eine halbe Million Soberer an die Arbeitsplätze, um sie abends wieder einzusaugen. Der zweite Hauptstrahl, Drysor, war für den Privatbereich vorgesehen, aber sein Zustand war nicht weniger erbarmungswürdig. Die Wahrscheinlichkeit, über Drysor-Strahl in die Vergnügungsparks zu gelangen, war so gering, dass Callazian sich oft genug gefragt hatte, wer die vielen Millionen Soberer waren, die soviel Optimismus aufbrachten, Drysor-Strahl zu benutzen.
Es existierten noch eine Reihe kleinerer Nebenstrahlen. Sie zu benutzen, waren Hunderttausende von Soberern auf Blosth gezwungen, was gleichzeitig bedeutete, dass sie jeden morgen zwei Stunden früher aufstehen mussten, um ihr Ziel zu erreichen.
An diesem Morgen war Cryor-Strahl zusammengebrochen (ein kleiner technischer Defekt, der bald behoben sein würde, hieß es in den Pflichtnachrichten, aber Callazian vermutete, dass ein Sabotageakt stattgefunden hatte), was einen unerhörten Ansturm auf die Nebenstrahlen nach sich zog. Innerhalb weniger Minuten waren alle Nebenstrahlen total überlastet. An den Zugängen kam es zu chaotischen Ereignissen, und später wurde festgestellt, dass einhundertzwölf Soberer dabei den Tod fanden, von der großen Anzahl der Verletzten ganz zu schweigen.
Callazian beobachtete das Gewimmel vor dem Zugang des Nebenstrahls seines Bezirks aus sicherer Entfernung. Es erschien ihm unvorstellbar, dass er in wenigen Minuten von dieser blind nach vorn drängenden Menge aufgesogen und mitgeschleppt werden könnte.
Callazian war ein mittelgroßer Geschlechtsloser ohne jeden körperlichen Vorzug. Seine Bescheidenheit ließ ihn oft schwerfällig erscheinen, aber er besaß einen scharfen und analysierenden Verstand, der ihm gestattete, sich über die Anforderungen hinaus, die sein Beruf an ihn stellte, mit zahlreichen anderen Dingen zu beschäftigen.
Er arbeitete in einer der Kommunikationszentralen, Abteilung Geschichte. Dort wurde mit Hilfe der Tiotroniken alles lückenlos zusammengetragen, was sich auf Blosth und den anderen Welten des soberischen Imperiums ereignete.
Die Sammlung war so umfassend, dass der bloße Gedanke daran in Callazian ein Schwindelgefühl auslöste. Er bezweifelte, dass es einen Soberer gab, der in der Lage war, diesen Datenberg zu überblicken oder zu bearbeiten.
Callazian gestattete sich oft die ketzerische Frage, ob er für das soberische Volk oder für die Kette von Tiotroniken arbeitete, von denen die Zivilisation gelenkt wurde.
Der Archivverwalter ertappte sich dabei, dass er stehenblieb.
Soberer, die sich bei dem Ansturm auf den Nebenstrahl zu überholen versuchten, stießen ihn an oder verwünschten ihn, aber die meisten nahmen ihn gar nicht wahr.
Der Sprung vom Akteur zum Zuschauer war eigentlich nicht besonders groß, dachte Callazian. Gleichzeitig stieg Unbehagen in ihm auf, denn er wusste, dass er diesen Vorgang möglichst schnell umkehren musste, wenn er nicht hoffnungslos zurückbleiben wollte.
Die tiotronischen Wände zu beiden Seiten der Zugangsschneise plärrten ihre Nachrichten auf die Menge hernieder, und unmittelbar über dem Zugang blitzten die bunten Lichter zweier Unterbewusstseinsinformationen für die Soberer, die die Pflichtnachrichten versäumt hatten.
Kein denkendes Wesen würde uninformiert in die Zentren von Blosth gelangen.
Am Zugang staute sich die Menge, und sie wuchs rückwärts durch die Schneise auf Callazian zu. Alles ging so schnell, dass der Geschlechtslose damit rechnen musste, in kurzer Zeit von dieser sich ausdehnenden Sobererschlange geschluckt zu werden. Die Bürger, die an ihm vorbeikamen, verlangsamten bereits ihre Geschwindigkeit.
Callazian drehte sich um und entfernte sich vom Zugang des Nebenstrahls. Unwillkürlich dachte er an ein Stück Treibholz, das stromaufwärts schwamm.
Er verließ die Schneise über eine Treppenplattform, die in den Wohnbezirk hinaufführte. Die Gebäude waren still, tiotronisch neutralisiert bis zum Abend.
Auf seinem Weg zurück zu seinem Wohnkessel begegneten Callazian zwei Informationsunwürdige: ein Kind und eine blinde alte Frau. Callazian hatte diese Soberer bisher nie beachtet, aber jetzt fragte er sich unwillkürlich, was sie den ganzen Tag über trieben.
Entlang eines Wohnkessels bewegte er sich auf den freien Platz zwischen der Kesselgruppe zu. Aus der Schneise drang Lärm zu ihm herauf, aber er erschien ihm unwirklich.
Vor ihm tauchte ein alter Geschlechtsloser auf und kam auf ihn zu. Seine Kleidung bestand aus einem unförmigen Umhang und Schnürsandalen. Er hatte den gleichgültigen Gesichtsausdruck eines Informationsunwürdigen.
Der Soberer blickte in Richtung der Schneise, sah dann Callazian an und bemerkte: »Da kommst du nicht mehr mit!«
Callazian überwand seine Abneigung.
»Nein«, gab er zu. »Ich werde es später noch einmal versuchen.«
Der Geschlechtslose lächelte überlegen.
»Die Tiotronik wird alle Strahlen zum üblichen Zeitpunkt abschalten.«
Callazian schwieg, aber er wusste, dass der andere recht hatte.
»Vielleicht«, fuhr der alte Soberer in gedehntem Tonfall fort, »kann ich dir helfen.«
Dass ausgerechnet ein Informationsunwürdiger ihm Hilfe anbot, war Callazian peinlich. Er ließ den Soberer stehen und ging weiter.
Der Geschlechtslose folgte ihm.
»Du glaubst sicher nicht, dass ich dir helfen kann.«
»Nein«, bestätigte Callazian. »Lass mich jetzt allein.«
»Ich könnte dich zu einer Bahn führen!«
»Jetzt habe ich genug!«, stieß der Archivverwalter hervor. »Es gibt keine Bahnen.«
»Bist du sicher?«
»Es gibt keine Informationen über funktionsfähige Bahnen, daher können sie auch nicht existieren.«
»Und wenn ich dich hinführe?«
Ich muss verrückt sein, dass ich mir das anhöre!, dachte Callazian.
»Die tiotronische Information ist allumfassend. Du musst krank sein, wenn du von Dingen sprichst, die nicht zur tiotronischen Ordnung gehören.«
Eine Zeitlang gingen sie schweigend nebeneinander her, dann hatten sie den Wohnkessel erreicht, in dem Callazian lebte.
»Du wohnst hier?«, erkundigte sich der alte Soberer, als Callazian stehenblieb.
»Ja«, bestätigte der Archivverwalter widerwillig.
Hoch über ihnen leitete einer der täglich ankommenden Frachtraumer das Bremsmanöver ein. Das Lärmen der Triebwerke ließ die Luft erdröhnen. Die Vibrationen schienen tief in Callazians Körper einzudringen und dort fortzuschwingen, nachdem längst nichts mehr zu hören war.
»Mein Name ist Kostroy«, sagte der Geschlechtslose.
»Das ist eine Uninformation!«, versetzte Callazian ärgerlich.
»Das mag schon sein – aber ich heiße so!«
Sie sahen sich an, und Callazian hatte den Eindruck, dass er den anderen belustigte. Diese Feststellung war unerträglich, sie steigerte seinen Ärger.
»Ich nehm's dir nicht übel, dass du mir nicht glaubst«, meinte Kostroy leichthin. »Du lebst in der tiotronischen Ordnung und ignorierst die Dinge, die sich außerhalb von ihr ereignen.«
»Außerhalb der tiotronischen Ordnung herrscht Uninformation. Das bedeutet Willkür und Chaos!«
Kostroy deutete in Richtung der Schneise.
»Und dort?«
»Eine technische Störung, die bald behoben sein wird.«
Eine Bande plündernder Kinder erschien auf der anderen Seite des freien Platzes und verschwand johlend in einem der jetzt verlassenen Wohnkessel.
Callazian hob abwehrend beide Arme.
»Es sind Informationsunwürdige! Es ist sinnlos, dass wir uns darüber unterhalten.«
»Was wirst du tun, wenn sie deine Wohnung ausrauben?«
»Man wird mir alles ersetzen, was mir abhanden kommen sollte.«
»Neben der tiotronischen Ordnung ist eine zweite Welt entstanden«, sagte Kostroy ernst. »Die Welt der Uninformation. Je gründlicher die tiotronische Ordnung wird, desto schneller breitet die Uninformation sich aus.«
»Bist du Philosoph?«
»Ich bin Wahrsager!«
»Ein Wahrsager!« Callazian riss empört die Augen auf. »Die tiotronische Ordnung ist überschaubar und wird geplant. Alles geschieht, was zu geschehen hat.«
»Wir haben die Kontrolle über unser tiotronisches Kommunikationssystem längst verloren«, sagte Kostroy traurig. »Die Tiotroniken funktionieren innerhalb des Rahmens, den sie sich inzwischen selbst geschaffen haben. Wir sind nur noch ihre Bediensteten. Die totale Information hat uns versklavt. Wir haben den Überblick verloren und uns einer unsoberischen Institution ausgeliefert.«
»Bist du ein Revolutionär?«, fragte Callazian bestürzt.
»Von deinem Standpunkt aus – sicher. Aber es gibt keine Revolution, die uns retten könnte, denn sie sind letztlich alle nur Reflexionen unserer Zivilisation.«
Einer inneren Eingebung folgend, sagte Callazian spontan: »Führe mich zu der Bahn.«
»Ich wusste, dass du mitkommen würdest«, meinte Kostroy. »Als ich dich von der Schneise zurückkommen sah, war ich überzeugt davon. Du stehst im Begriff, das zu verlassen, was du die tiotronische Ordnung nennst.«
»Das ist ja absurd«, wehrte der Archivverwalter ab. »Ich bin nur neugierig.«
»Neugierig – worauf? Alles ist bekannt! Jeder ist total informiert. Also bist du neugierig auf die Uninformation.«
In diesem Augenblick kam die Kinderbande aus dem Wohnkessel heraus. Callazian war einer Antwort enthoben. Die Halbwüchsigen schleppten das, was sie gefunden hatten, mitten auf den Platz und zündeten es an. Als sie sich zurückzogen, kamen Roboter, löschten das Feuer und transportierten die halb verkohlten Gegenstände davon. Danach wurde die Feuerstelle von ihnen gereinigt.
Mit einer Mischung aus Ekel und Faszination hatte Callazian den Vorgang beobachtet. Unwillkürlich fragte er sich, ob sich solche Dinge jeden Tag ereigneten.
»Es sind Verzweifelte, die sich gegen die tiotronische Ordnung auflehnen«, sagte Kostroy leise.
»Diebe«, krächzte Callazian. »Es sind Informationsunwürdige und Diebe.«
»Sie sind vergleichsweise harmlos«, wehrte Kostroy ab. Er sah den Archivverwalter lauernd an. »Warum nennst du nicht deinen Namen?«
»Einem Informationsunwürdigen?« Nach einigem Zögern fügte er jedoch hinzu: »Callazian!«
»Hör mir zu, Callazian! Die tiotronische Vollkommenheit, die von den Soberern angestrebt wird, ist nicht zu erreichen. Unser Volk selbst wird dabei auf der Strecke bleiben. Hast du jemals miterlebt, wenn zwei Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen sich verständigen wollen? Sie sind nahezu hilflos, sie reden in verschiedenen Sprachen. Also sind sie dazu übergegangen, alles an die Tiotroniken weiterzugeben, die die Informationen koordinieren.«
»Woher weißt du das alles?«
»Ich war früher selbst Wissenschaftler, bevor ich das Alter der Informationsunwürdigen erreichte.« Seine trüben Augen bekamen etwas von dem Glanz, den sie einst besessen hatten. »Allerdings bin ich über meinen jetzigen Zustand nicht traurig. Der Zustand der Uninformation gestattet einen besseren Überblick. Ich kann Zusammenhänge wenigstens im Ansatz erkennen.«
»Es ist wichtig, über alles informiert zu sein!«, zitierte Callazian eine Regel der tiotronischen Ordnung.
»Es ist wichtig, zu erkennen, welche Informationen von Bedeutung sind«, antwortete Kostroy. »Und man muss in der Lage sein, diese Unterscheidungen selbst treffen zu können.«
Er setzte sich in Bewegung. Callazian folgte ihm.
Sie überquerten den freien Platz und gingen zwischen zwei Wohnkesseln in einen anderen Bezirk hinüber. Zu dieser Stunde hätte Callazian bereits im Archiv sein müssen. Außerdem war es Zeit für die zweiten Nachrichten.
»Alles, was in der Bahn geschieht, wird dich erschrecken«, prophezeite Kostroy. »Du wirst erkennen, dass es neben der tiotronischen Ordnung eine zweite Welt gibt, eine andere Wirklichkeit. Das ist nicht nur auf Blosth so, sondern auf allen anderen Welten unseres Sternenreichs. Du wirst die Anzeichen des Untergangs sehen.«
Callazian sah ihn ungläubig an.
»Vielleicht spielen sich im Bereich der Uninformation schlimme Dinge ab«, sagte er widerstrebend. »Von einem Untergang kann aber nicht die Rede sein.«
Noch während er sprach, erschienen vor ihm zwei alte Frauen mit Farbpistolen innerhalb des Durchgangs und schossen Parolen an die Gebäudefronten.
Zwei Roboter warteten geduldig, dass die Informationsunwürdigen verschwanden, dann reinigten sie die Fassaden wieder.
»Hast du gelesen?«, erkundigte sich Kostroy.
»Wahnsinnsparolen!«
»Ja«, stimmte Kostroy zu. »Aber wir sind alle mehr oder weniger wahnsinnig. Allerdings nimmt jeder für sich in Anspruch, normal zu sein. Die Verrückten sind immer die anderen.«
*
Bis zum frühen Nachmittag war Cryor-Strahl wieder intakt. Der Aufruhr, der sich über ganz Blosth ausgedehnt hatte, legte sich schnell wieder. Die Tiotroniken berichteten umfassend über alle Ereignisse und die getroffenen Maßnahmen.
Gemessen an den Vorfällen, die sich auf verschiedenen Kolonialplaneten der Soberer an diesem Tag ereigneten, war der Ausfall eines Haupttransportstrahls auf Blosth unbedeutend. Wie fast an jedem Tag kam es auch diesmal zu Aufständen, Überfällen und Raumschlachten. Anhänger der verschiedensten politischen Richtungen bekämpften sich mit großer Leidenschaft, erklärten Kriege und schlossen Frieden. Verträge wurde unterzeichnet und gebrochen, prominente Soberer wurden entführt und ermordet, Informationsunwürdige verhungerten, reiche Soberer errichteten Paläste auf paradiesischen Kolonialwelten, Wissenschaftler machten Erfindungen, Wälder wurden gerodet, Flüsse umgeleitet und Eingeborene von Kolonialwelten ausgerottet.
Alles wurde von den Tiotroniken mit großer Genauigkeit registriert und zu Nachrichten verarbeitet.
Es war ein typisch soberischer Tag.
*
Blosth war der vierte von insgesamt elf Planeten des Seerkosch-Systems und gleichzeitig die Hauptwelt des soberischen Sternenreichs in der Galaxis Golgatnur. Die Geschichte der Soberer reichte viele Millionen Jahre zurück, aber man war dazu übergegangen, den Start eines bemannten Weltraumschiffs von Blosth zum fünften Planeten des Systems als Zeitpunkt für das Jahr Null zu bestimmen.
Inzwischen schrieb man das Jahr 182.293 und niemand wusste genau zu sagen, wieviel Planeten zum soberischen Sternenreich gehörten. Seit der Erfindung der Großrechner, die von den Soberern Tiotroniken genannt wurden, hatte diese Zivilisation einen unvorstellbaren technischen und wissenschaftlichen Aufschwung erlebt. Innerhalb des Heimatsystems bestand die totale Kommunikation, gesteuert von einem Verbund von Tiotroniken auf allen Planeten, Monden, Raumstationen und Raumschiffen. Das Hauptgerät, das mit allen anderen Tiotroniken kommunizierte, stand auf Blosth.
*
Sie hatten die Wohnbezirke hinter sich gelassen und waren in das Gebiet stillgelegter Industrieanlagen gelangt. Die Großindustrie war inzwischen auf die äußeren Welten des Seerkosch-Systems verlegt worden, wo die Belastung für die natürliche Umwelt weniger gefährlich war.
Callazian blieb beim Anblick der zerfallenen Gebäude unwillkürlich stehen. Er hatte den eigentlichen Lebensbereich der Soberer auf Blosth bisher noch nie verlassen.
»Wir ... wir begeben uns in das Gebiet der Uninformation!«, stieß er erschrocken hervor.
»In die Slums!«, korrigierte Kostroy ihn sanft. »Sie haben immerhin den Vorteil, dass sie vom größten Teil der Nachrichten nicht erreicht werden.«
Callazian sah zwischen den Trümmern ärmliche und primitive Behausungen, die aus Überresten der Maschinenhallen und Verwaltungsgebäuden entstanden waren.
»Dort leben nur noch wenige Soberer«, erklärte Kostroy. »Seit man erkannt hat, dass solche Gebiete den Keim für Revolutionen in sich bergen, versucht man, Informationsunwürdige wieder in den Lebensbereich zu integrieren.«
Callazians Mund war ausgetrocknet. Er schluckte ein paar Mal.
»Ich bin sicher, dass dies ein Gebiet für Studienzwecke ist«, sagte er.
Kostroy lachte auf.
»Was nicht in die tiotronische Ordnung passt, wird aus dem Kommunikationsnetz ausgeklammert, mein Freund. Ist es nicht außerordentlich bequem, in solchen Fällen von Uninformation zu sprechen?«
Callazian dachte an die sauberen kühlen Räume des Archivs, in denen er zu diesem Zeitpunkt gewöhnlich arbeitete. Sie erschienen ihm unendlich weit entfernt – eine völlig andere Welt.
Vorbei an zerbröckelten Mauern und von Unkraut überwucherten Hügeln, drangen sie tiefer in das Gebiet der Uninformation ein. Callazian, der davon gehört hatte, dass sich hier kriminelle Soberer aufhielten, überlegte, ob ihr Vorgehen nicht gefährlich war, aber er wagte es nicht, eine entsprechende Frage an Kostroy zu richten.
Der Informationsunwürdige bewegte sich mit einer Selbstverständlichkeit, die darauf schließen ließ, dass er öfter hierher kam.
Ein paar Mal sah Callazian andere Soberer, aber sie nahmen keine Notiz von ihnen.
Im Schatten eines verkrüppelten Baumes blieb Kostroy schließlich stehen. Vom Lebensbereich waren von diesem Platz aus nur noch die Silhouetten der Wohnkessel zu sehen.
Kostroy deutete auf eine zerfallene Brücke, die sich früher über zwei Industriebezirke gespannt hatte.
»Auf der anderen Seite befindet sich der Eingang der Bahn, mein Freund!«
Callazian warf einen skeptischen Blick auf die zum Teil eingebrochene dunkelgraue Fläche.
»Keine Angst«, beruhigte ihn Kostroy. »Wir gehen unter der Brücke hindurch. Die Einsturzgefahr ist außerdem gering. Alle wichtigen Wege in diesem Gebiet werden regelmäßig kontrolliert.«
»Von Robotern!«, sagte Callazian erleichtert. Die Vorstellung, dass die Maschinen im Auftrag der Tiotroniken bis hierher kamen, hatte etwas Tröstliches.
Doch Kostroy zerstörte Callazians Illusionen.
»Von Informationsunwürdigen!«
Plötzlich hatte Callazian den Eindruck, dass er nicht zufällig hier war.
Er blieb stehen und ergriff Kostroy am Arm.
»Du hast nur auf eine Gelegenheit gewartet, um mich hierher zu bringen! Wahrscheinlich beobachtest du mich schon lange.«
»Das stimmt«, gab der andere unumwunden zu.
Seine Offenheit überraschte Callazian.
»Was geht hier eigentlich vor?«, fragte der Geschlechtslose erregt. »Soll ich entführt werden?«
»Das hatten wir ursprünglich vor«, sagte Kostroy ruhig.
Dem Archivverwalter schoss das Blut in den Kopf. Die schwache innere Sicherheit, die er sich bisher bewahrt hatte, schwand dahin.
Er wandte sich um und überlegte, ob er fliehen sollte. Es war allerdings zweifelhaft, ob er das Gebiet der Uninformation ohne Kostroys Hilfe verlassen konnte.
»Inzwischen«, fuhr Kostroy fort, »haben wir uns entschlossen, dich zu nichts zu zwingen. Du kannst jederzeit umkehren. Ich bitte dich jedoch, dir zunächst einmal anzuhören, was wir vorhaben.«
»Wer ist wir?«
»Eine Gruppe verantwortungsbewusster Soberer, die sich Gedanken um die Zukunft unserer Zivilisation machen.« Kostroy lächelte, und dieses Lächeln verlieh seinem Gesicht einen beinahe übermütigen Ausdruck. »Keine Angst, mein Freund! Wir sind keine Revolutionäre und planen auch keinen Umsturz. Das System der tiotronischen Ordnung ist bereits so verfilzt, dass es sich nicht mehr entwirren lässt. Und gewaltsame Lösungen würden den drohenden Untergang der Soberer nur beschleunigen.«
Er machte eine entschiedene Bewegung.
»Doch darüber können wir uns unterhalten, sobald wir am Ziel sind.«
Es waren weniger die Informationen, die Callazian beunruhigten, als die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der Kostroy sie ihm übermittelte. Der alte Geschlechtslose schien genau zu wissen, wovon er sprach. Wenn Kostroy verrückt war, dann war er einer sehr komplexen Verrücktheit erlegen.
»Ich komme mit!«, entschied Callazian.
Sie gingen unter der Brücke hindurch, vorbei an Kratern, in denen sich morastige Brühe angesammelt hatte. Ein paar Pfeiler ragten aus dem schlammigen Boden, aber die Verbindungsstücke zur Brücke waren längst abgerissen, so dass diese Stützen wie Monumente des Verfalls aussahen.
Sie kamen zu einem aus gehobelten Brettern zusammengefügten Schild, auf dem in großen Buchstaben stand:
DIE TIOTRONISCHE ORDNUNG KENNT NUR DIE WAHRHEIT DER INFORMATION.
»Was bedeutet das?«, wandte Callazian sich an seinen Begleiter.
»Die Wahrheit kann nur der Wirklichkeit entlehnt sein«, antwortete Kostroy. »Aber was ist Wirklichkeit? Du und ich, wir leben in verschiedenen Wirklichkeiten, daher verfügen wir über verschiedene Wahrheiten.«
»Man könnte denken, du hättest etwas gegen die Informationen der Tiotroniken!«
»Informationen sind nur in wertfreier Form ein Gewinn. Was man uns jedoch präsentiert, sind die gefilterten, manipulierten Informationen der tiotronischen Ordnung.«
Callazian fragte sich, ob Kostroy wirklich kein Revolutionär war. Alles, was der alte Geschlechtslose sagte, hörte sich nach Provokation an.
»Dort drüben ist der Eingang zur Bahn«, wechselte Kostroy das Thema. »Wir werden eine Strecke kriechend zurücklegen müssen.«
Hinter der Brücke stießen sie auf eine Schutthalde. Zwischen den Trümmern lag der gut versteckte Eingang. Kostroy räumte ein paar Steine zur Seite, um ihn freizulegen.
Callazian blickte misstrauisch in den dunklen Stollen, der sich vor ihm auftat.
»Ich gehe voraus«, sagte Kostroy und ließ sich auf den Boden sinken. Ohne zu zögern, kroch er in den Stollen.
Callazian blickte sich um. Niemand war in der Nähe. Was dem Archivverwalter in diesem Gebiet besonders auffiel, war die Stille, die nur ab und zu vom Dröhnen der Triebwerke landender und startender Schiffe unterbrochen wurde.
Seit ihrem Aufbruch aus dem Wohnbezirk hatte Callazian keine Nachrichten gehört, das machte ihn unausgefüllt und unruhig.
Trotzdem folgte er Kostroy in den Stollen.
Im Halbdunkel war kaum etwas zu erkennen, aber Callazian hörte den Lärm, den der vor ihm kriechende Kostroy verursachte.
Nach einer Weile verbreiterte sich der Stollen, so dass die beiden Soberer in gebückter Haltung gehen konnten. Weit vor sich sah Callazian den Schimmer künstlichen Lichts.
»Wir stoßen direkt auf eine ehemalige Station der Bahn«, verkündete Kostroy. Das Eindringen in den Stollen hatte ihn angestrengt, er atmete schwer und sprach in abgehackten Sätzen. »Dort wird man uns empfangen. Alle hoffen, dass du kommst.«
Callazian versuchte, trotz der schlechten Lichtverhältnisse Einzelheiten zu erkennen. Ein Teil der Wände war poliert, und an verschiedenen Stellen waren Spuren des alten Anstrichs zurückgeblieben.
»Vor der Entwicklung der Transportstrahlen gab es auf Blosth ein System unterplanetarischer Bahnen«, berichtete Kostroy.
»Sie wurden entfernt«, sagte Callazian.
Kostroy schüttelte den Kopf.
»Nur an einigen Orten. Der größte Teil wurde einfach dem Zerfall preisgegeben. Man hat sich nicht mehr darum gekümmert und lediglich die Zugänge so versiegelt, dass niemand mehr hierher finden konnte.«
Der Gang mündete in eine Halle. An der Decke brannte ein Licht. Der Boden war sauber und glatt. Auf der anderen Seite der Halle befand sich ein stählernes Tor, das offensichtlich noch intakt war. Neben dem Tor stand ein Soberer. Er trug einen blauen Schal, den er mehrfach um den Körper geschlungen hatte. Callazians Augen weiteten sich.
»Ein ... ein Dragoner!«, stieß er überrascht hervor. »Nein, nein! Das kann nicht sein. Dieser Soberer trägt lediglich einen geraubten Dragonerschal.«
Der einsame Wächter kam ihnen entgegen, und Callazian erkannte, dass er männlichen Geschlechts war. Nicht nur das – dieser Mann war so jung, dass er auf keinen Fall zu den Informationsunwürdigen gehören konnte.
»Du täuschst dich nicht«, begrüßte er Callazian. »Ich bin ein Dragoner. Mein Name ist Heysel.«
Heysel war klein, seine Haut war schuppiger als Callazian jemals zuvor bei einem anderen Soberer gesehen hatte. Auch Ansätze der bei den Soberern längst verkümmerten Kiemen waren unterhalb von Heysels Kinnbacken zu erkennen.
»Ich bin mir darüber im klaren, dass ich eine Reihe von Atavismen in mir vereinige«, sagte der Dragoner lächelnd.
»Das ist es nicht!«, sagte Callazian. »Wie kommt ausgerechnet ein Dragoner hierher? Die Elitetruppe unserer ehemaligen Raumstreitmacht gilt doch als ... als ...«
»Reaktionär?«, half Heysel aus.
»Das wollte ich nicht sagen!«, protestierte Callazian. »Aber die Dragoner sind eine der Hauptstützen der tiotronischen Ordnung.«
Heysel sah von Kostroy zu Callazian.
»Gehen wir?«
»Ja«, nickte Kostroy. »Ich glaube, dass wir unseren neuen Freund für uns gewinnen können.«
Callazian lag ein Widerspruch auf den Lippen, aber in diesem Augenblick öffnete Heysel das Tor. Hinter dem kleinen Dragoner lag die eigentliche Bahnstation. Callazian hatte sich auf dem Weg hierher ein paar Mal gefragt, wie sie aussehen mochte, nun musste er erkennen, dass seine Phantasie versagt hatte.
Die Wände waren mit selbstleuchtenden Metallplatten verkleidet. Zu beiden Seiten der Fahrmulde, die tief in einen dunklen Tunnel hineinführte, standen altertümlich aussehende Apparate, über deren Bedeutung Callazian nur rätseln konnte.
Doch das alles trat zurück angesichts einer auf Hochglanz polierten Bahn, die mitten in der Mulde stand und hinter deren erleuchteten Fenstern ein paar Dutzend Soberer angeregt miteinander diskutierten.
Heysel lachte glucksend.
»Damit können wir dich in die Zentren bringen, Callazian!« Kostroy hatte ihm inzwischen den Namen des Ankömmlings genannt. »Es gibt dort ein paar geheime Ausgänge.«
Die Soberer, die sich innerhalb der Bahn aufhielten, gehörten offenbar den verschiedensten Altersgruppen, aber auch den unterschiedlichsten sozialen Schichten an.
»Meine Arbeit ist damit getan«, bemerkte Kostroy. »Ich werde dich später zurückbringen, mein Freund.«
Er verschwand in einem Seitengang, und Callazian war mit dem kleinen Dragoner allein. Kostroys Weggang irritierte den Archivverwalter, er hatte schnell Zutrauen zu dem alten Informationsunwürdigen gefasst.
Der kleine, behänd wirkende Heysel war trotz seiner Lustigkeit unterkühlt, seine abschätzenden Blicke schienen die geheimsten Gedanken Callazians erkennen zu können.
Der Dragoner deutete auf den Wagen. Mit einer geschickten Bewegung warf er das Schalende über die rechte Schulter, dann ging er voraus.
Im Innern der Bahn war man offenbar auf die Ankömmlinge aufmerksam geworden, denn an den drei Fenstern drängten sich jetzt die Soberer. Einer von ihnen winkte, aber Callazian war nicht sicher, ob diese Geste der Begrüßung ihm oder Heysel galt.
Obwohl Callazian ein Geschlechtsloser war, vermochte er Heysels Aussehen richtig einzuschätzen. Der Dragoner war klein und hässlich, aber er hatte trotzdem etwas Anziehendes an sich.
Die Bahn war silberfarben und hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit einem großen Projektil.
»Wir haben sie restauriert«, erklärte Heysel, als hätte er Callazians Gedanken erraten. »Das heißt, die Romantiker unter uns haben es getan.«
Mit diesen Worten gab der Mann deutlich zu erkennen, dass er sich an jedem anderen Ort ebenfalls mit seinen Gesinnungsfreunden getroffen hätte, der ungeduldige Unterton in seiner Stimme bewies, dass Heysel nichts für zeitraubende Zeremonien übrig hatte.
Sie bestiegen den Wagen.
Der Duft nach altem Maschinenöl und Leder stieg in Callazians Nase.
Ein großer Soberer trat ihnen entgegen. Callazian hatte den Eindruck, dass er diesen Mann schon einmal gesehen hatte, aber im Augenblick ließ ihn seine Erinnerung im Stich.
Der Mann ergriff Callazian am Arm und führte ihn in das Hauptabteil der lichtüberfluteten Bahn. Die Anwesenden hatten ihre Plätze wieder eingenommen, sie sahen Callazian mit einer Mischung aus Neugier und Freundlichkeit entgegen.
»Das ist der Archivverwalter«, rief Heysel. Wenn er seine Stimme hob, bekam sie einen schrillen Beiklang. »Sein Name ist Callazian.«
Da Männer und Frauen anwesend waren, machte Callazian das höfliche neutralisierende Zeichen des Geschlechtslosen.
Man reichte ihm einen Becher mit warmem Wasser und ein paar Trockenkuchen.
Callazian aß und trank langsam, das gab ihm Gelegenheit, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen.
»Mein Name ist Zosarios«, sagte der große Mann unterdessen. »Wenn du so willst, bin ich der Anführer dieser Gruppe, obwohl der Ausdruck Organisationsleiter besser geeignet wäre.«
Zosarios!
Callazian hielt unwillkürlich den Atem an.
Zosarios war einer der führenden Tiotroniker auf Blosth. Er gehörte sogar zu den Hauptkommunikatoren der Zentraltiotronik.
Wie kam dieser Mann hierher?
Ein führendes Mitglied der tiotronischen Ordnung als Teilnehmer an einem Komplott?
Undenkbar!
Immerhin wusste Callazian jetzt, wo er diesen Mann bereits einmal gesehen hatte. Zusammen mit einer Gruppe Techniker hatte Zosarios vor zwei Jahren dem Archiv einen Besuch abgestattet, um sich ein Bild von den dort geleisteten Arbeiten zu machen.
Callazian hörte Heysel an seiner Seite kichern.
»Er hält uns für Revolutionäre«, sagte der Dragoner.
Die dichten Schuppen über Zosarios' Augen zogen sich zusammen.
»Wir sind Teilnehmer an einem wissenschaftlichen Projekt«, erklärte er. »Dieses Projekt würde nicht die Unterstützung offizieller Stellen finden, deshalb wird es von einer Gruppe verantwortungsbewusster Soberer im geheimen vorbereitet.«
Er machte eine alles umfassende Geste.
»Fast alle Soberer, die du hier siehst, sind Wissenschaftler.«
»Wir haben Sympathisanten auf ganz Blosth«, fügte eine stämmige Frau hinzu, die nach Callazians Schätzung kurz vor dem informationsunwürdigen Alter stand.
»Wollt ihr die tiotronische Ordnung abschaffen?«, erkundigte sich Callazian.
Als er sah, dass die anderen sich bedeutungsvoll ansahen, bereute er seine unüberlegte Frage.
»Die tiotronische Ordnung lässt sich nicht mehr beseitigen, weil sie unsere gesamte Zivilisation durchdringt«, erwiderte Zosarios. »Natürlich wäre eine gewaltsame Lösung denkbar, aber dann würde unsere Zivilisation noch schneller zerstört sein, als wir es unter den gegenwärtigen Umständen befürchten müssen. Unser Volk ist den falschen Weg gegangen, das lässt sich nicht mehr ändern.«
Callazians Verwirrung wuchs.
»Es geht uns darum, das Vermächtnis unseres Volkes zu retten«, fuhr Zosarios fort. »Im Verlauf von Jahrmillionen haben wir unsere Galaxis erobert und eine unvorstellbare Wissensmenge zusammengetragen. Das darf nicht verlorengehen, auch wenn unsere Zivilisation allmählich zerbröckeln sollte.«
»In den Archiven wird alles aufbewahrt«, sagte Callazian naiv.
Zosarios überhörte ihn.
»Es gibt statistische Erhebungen«, erklärte er. »Die Zahl der kriminellen Taten innerhalb des soberischen Reiches nimmt erschreckend zu, aber sie sind noch gering im Vergleich mit den Vorfällen, die auf Aktivitäten psychisch gestörter Soberer zurückgehen.«
Seine Schultern sanken herab, und er fügte müde hinzu: »Es gibt fast genausoviel Verrückte wie Normale! Das Verhältnis verschlechtert sich ständig zu unseren Ungunsten.«
Diesen bedeutenden Mann ratlos, ja verzweifelt sprechen zu hören, erschütterte Callazian tief.
Trotzdem wandte er ein: »Aber es wird doch sehr viel auf diesem Gebiet getan.«
Zosarios nickte.
»Wir gewinnen dadurch nur einen Aufschub. Die tiotronische Ordnung ist längst unserer Kontrolle entglitten und hat sich zu einem selbständigen Mechanismus entwickelt.«
»Warum schaltet ihr die Tiotroniken nicht einfach ab?«, fragte Callazian.
»Abgesehen davon, dass sich die meisten Soberer der Gefahren nicht bewusst sind, würde die gerade regierende Führungsschicht das niemals gestatten«, entgegnete Zosarios. »Und das mit gutem Recht! Denke daran, was alles von den Tiotroniken gesteuert und kontrolliert wird. Sie abzuschalten, hieße, die Nahrungsversorgung der Bevölkerung auf allen Welten zu gefährden, die Raumfahrt aufzugeben und das gesamte System zusammenbrechen zu lassen.«
Callazian hatte nie den Versuch unternommen, sich ein Leben außerhalb der tiotronischen Ordnung vorzustellen, aber er wusste, dass Zosarios recht hatte. Das Abschalten der Tiotroniken hätte das totale Chaos heraufbeschworen.
Zosarios begann zwischen den Sitzreihen auf und ab zu gehen.
»Als wir abstrakt zu denken lernten, war unser Ende vorgezeichnet«, sagte er. »Das ist gewiss kein Fatalismus, sondern einfach die Erkenntnis eines Werdegangs. Jede Zivilisation, die sich über eine bestimmte Schwelle hinaus entwickelt, wird dadurch vom Untergang bedroht. Es muss nicht dazu kommen, wenn rechtzeitig vernünftige Gegenströmungen ausgelöst werden, aber das haben wir, so fürchte ich, versäumt.«
»Und wer soll der Erbe des soberischen Volkes sein?«, erkundigte sich Callazian. »Hat es Sinn, etwas für die Toten aufzubewahren, oder rechnest du mit kleinen Gruppen von Überlebenden, die wieder neu beginnen werden?«
»Es lässt sich nicht ausschließen, dass es Überlebende geben wird, aber darauf wollen wir uns nicht verlassen. Nein, wir übergeben unser Vermächtnis dem Universum und den darin lebenden Völkern. Sie sollen unser Wissen erhalten und damit verbunden die Warnung vor den Gefahren, die es beinhaltet.«
Die Größe dieses Gedankens ließ sich nicht erfassen, dachte Callazian. Alles, was Zosarios zuletzt gesagt hatte, erschien ihm absurd. Er überlegte ernsthaft, ob nicht auch Zosarios und dessen Anhänger Verrückte waren.
Und welche Rolle sollte er, Callazian, bei dieser Sache spielen?
»Er ist verwirrt«, stellte Heysel fest. »Wir müssen ihm Zeit lassen.«
Zosarios ignorierte den Einwand des Dragoners. Als sei die letzte Gelegenheit gekommen, Callazian einzuweihen und zu gewinnen, sagte er hastig: »Wir planen den Bau einer Anlage, mit der wir eine Prior-Welle in den Weltraum abstrahlen können. Diese Prior-Welle soll alles enthalten, was wir anderen Völkern im Universum mitteilen können.«
Er blieb vor Callazian stehen. In seinen Augen leuchtete ein verhaltenes Feuer.
»Dazu brauchen wir dich!«
Callazian schüttelte den Kopf.
»Was soll ich dabei? Ich verstehe nichts ... ich ...«
»Du bist der Dieb!«, stellte der Wissenschaftler gnadenlos fest.
Da begann Callazian zu verstehen. Innerhalb des Archivs, das er zusammen mit vielen anderen Soberern verwaltete, war von den Tiotroniken alles zusammengetragen worden, was die Soberer jemals erforscht hatten.
VERGANGENHEIT II
Die Explosion erschütterte das gesamte Gebäude. Rauch quoll durch den langen Gang, der von den einzelnen tiotronischen Speichern zur Schaltzentrale führte.
Über die Trümmer einer zusammengebrochenen Mauer hinweg drang Heysel an der Spitze einer Gruppe von sieben Dragonern in den inneren Archivbereich ein.
Sein Schal wehte wie eine Fahne hinter ihm her und verlieh ihm einen verwegenen Ausdruck. In einer Hand hielt er eine schwere Waffe.
Callazian stand zitternd am Ende des Ganges und sah den Heranstürmenden entgegen.
Nein!, dachte er entsetzt. Das habe ich nicht gewollt! Keine Gewalt.
Heysel erreichte ihn und stieß ihn weg. Callazian taumelte gegen die Wand. Wie verabredet, war er am vergangenen Abend nicht in seinen Wohnbezirk zurückgekehrt, sondern hatte sich heimlich im Schaltraum eingeschlossen.
Zosarios' Plan hatte vorgesehen, dass Callazian im Verlauf der Nacht den Zugang zum Schaltraum für die Dragoner öffnen würde, doch das hatte sich als unmöglich erwiesen. Sicherheitsvorrichtungen, von denen Callazian nicht einmal etwas geahnt hatte, waren in Funktion getreten und hatten den Geschlechtslosen daran gehindert, den inneren Archivbereich zum vorgesehenen Zeitpunkt zu verlassen.
Heysel war jedoch offenbar kein Mann, der so schnell aufgab.
Er hatte sich gewaltsamen Zutritt verschafft.
Am Tor zum Schaltraum brachten die Dragoner eine Haftladung an. Eine zweite Explosion erfolgte. Callazian hustete, um den Druck auf den Ohren loszuwerden.
Unwillkürlich blickte er sich um, weil er jeden Augenblick mit dem Auftauchen von Robotern rechnete.
»Callazian!«, schrie Heysel. »Wo bleibst du?«
Benommen wankte der Archivverwalter in Richtung des Schaltraums. Seine Augen brannten vom ätzenden Rauch.
Heysel kam ihm entgegen und zerrte ihn mit sich.
»Schneller!«, herrschte der Dragoner ihn an. »Wir haben nicht viel Zeit. Hast du alles vorbereitet?«
»Soweit es mir ohne Hilfe möglich war«, stammelte Callazian.
»Gut, du musst uns sagen, was wir zu tun haben.«
Er winkte den sieben Männern zu.
Callazian hatte in den vergangenen Stunden alle Anschlüsse der Archivtiotronik freigelegt und miteinander verbunden. Der dabei entstandene Block war jedoch so schwer, dass ein Soberer allein ihn nicht einmal hätte bewegen können. Er musste jedoch bis zur Funkanlage im Nebenraum gebracht werden.
Heysels Männer verteilten sich um den Block. Sie hoben ihn auf und schleppten ihn quer durch den Schaltraum, die Kabel schleiften am Boden hinterher.
Callazian zeigte den Dragonern die Stelle, wo sie ihn ablegen mussten.
Er begann damit, den Block mit dem Funkgerät zu verbinden.
»Wie lange wird es dauern?«, erkundigte sich Heysel.
»Den Rest der Nacht!«, gab Callazian zurück, der den Wunsch in sich spürte, die Selbstsicherheit dieses Mannes zu zerstören.
Doch Heysel nickte nur.
»Das bedeutet, dass wir diesen Raum verteidigen müssen«, wandte er sich an seine Männer. »Verteilt euch draußen im Gang. Sie werden nicht mit schweren Waffen angreifen, denn sie müssen befürchten, dass sie ihre wertvolle Anlage beschädigen.«
In einem Versteck von Zosarios' Gruppe stand das Empfangsgerät. Sobald Callazian die letzten Verbindungen hergestellt hatte, sollte die Archivtiotronik durch einen Fernimpuls angezapft werden. Callazian wusste nicht genau, wie das funktionieren würde, aber Zosarios war schließlich ein Experte für Tiotronik.
Der Geschlechtslose blickte auf und sah, dass Heysel noch immer im Schaltraum stand.
Der Dragoner lächelte kalt.
»Nur für den Fall, dass du es dir anders überlegen solltest!«
Draußen auf dem Gang fiel ein Schuss. Callazian hob den Kopf.
»Weitermachen!«, befahl der Dragoner. »Wir halten diese Stellung, bis Zosarios alles abgerufen hat.«
»Das bezweifle ich!« Callazian spürte den Schlag seines Doppelherzens bis in die Halsgegend. Er setzte seine Arbeit fort. Schon nach wenigen Augenblicken hatte er die letzten Anschlüsse hergestellt.
»Kannst du mit einer Waffe umgehen?«, erkundigte sich Heysel.
»Nein!«
»Dann bleib hier«, sagte Heysel und verließ den Schaltraum.
Draußen auf dem Korridor fielen jetzt regelmäßig Schüsse. Callazian überlegte, wie lange die acht Männer den inneren Archivbereich verteidigen konnten. Eine zweite Frage war, ob die Tiotronik sich nicht abschalten würde, sobald sie darüber informiert war, dass man sie angezapft hatte.
Der Geschlechtslose fragte sich, was mit ihm geschehen würde, wenn man ihn in absehbarer Zeit hier fand. An eine Flucht war nicht zu denken. Allein durch die Tatsache, dass er sich hier eingeschlossen hatte, war er zum Ausgestoßenen der tiotronischen Ordnung geworden. Der Überfall machte alles nur noch schlimmer. Es gab nur eine Strafe für ihn: Er würde in Zukunft zu den Informationsunwürdigen gehören.
Am Lärm allein war nicht festzustellen, wie der Kampf außerhalb der Zentrale sich entwickelte.
Callazian ging zur offenstehenden Tür und blickte hinaus. Dichte Rauchwolken versperrten ihm die Sicht. Lediglich am Aufblitzen einiger Energieschüsse konnte er den ungefähren Standort einiger Schützen ausmachen, ohne jedoch feststellen zu können, zu welcher Partei sie gehörten.
Vielleicht gab es im allgemeinen Durcheinander eine Chance zur Flucht.
Callazian holte tief Atem und drang in den Qualm ein.
Er stieß mit den Füßen gegen irgend etwas Weiches. Entsetzt hielt er inne und beugte sich nach vorn. Am Boden lag einer von Heysels Dragonern. Der Mann war tot.
Callazian bewegte sich nach rechts, bis seine tastenden Hände eine Wand fanden.
Hustend und nach Atem ringend bewegte er sich an der Wand entlang.
Der Rauch lichtete sich an einer Stelle. Callazian konnte Heysel und zwei andere Männer sehen, die hinter einer breiten Säule postiert waren und in den Gang feuerten.
An verschiedenen Stellen kochte der Kunststoffbezug des Bodens, dunkle Furchen markierten die Bahnen der Fehlschüsse.
Callazian erkannte, dass es hier kein Durchkommen geben würde.
Er zog sich in den Schaltraum zurück. Er hatte keine Wahl, als hier zu warten, bis der Kampf, über dessen Ausgang keine Zweifel bestanden, beendet war.
*
Die Folgen der Rauchvergiftung führten dazu, dass Callazian das Bewusstsein verlor. Als er wieder zu sich kam, trieben giftgelbe Schwaden durch die halboffene Tür in den Schaltraum.
Callazian würgte und kämpfte gegen die Übelkeit an.
Bis auf das Knacken erkaltenden Metalls war es still.
Der Archivverwalter blickte auf den Zeitmesser. Überrascht stellte er fest, dass die Nacht fast vorüber war. Die Tatsache, dass er sich noch immer allein innerhalb des Schaltraums aufhielt, ließ ihn vermuten, dass die Dragoner standgehalten hatten.
Er richtete sich auf und lauschte.
Warum war es so still?
Callazian konnte sich nicht vorstellen, dass die Angreifer aufgegeben und sich zurückgezogen hatten.
In diesem Augenblick hörte er Schritte vor der Tür. Seine Augen weiteten sich vor Furcht. Seit seinem Kontakt mit Zosarios' Gruppe hatte er wie in einem Zustand der Trance gehandelt, und erst jetzt begriff er allmählich, worauf er sich eingelassen hatte.
Callazian war wie gelähmt. Er starrte in Richtung des Eingangs, fest davon überzeugt, dass ein paar Soberer hereinkommen und ihn festnehmen würden.
Die Tür wurde vollends aufgestoßen.
Callazian stieß einen erstickten Schrei aus.
Im Eingang stand Heysel.
Sein Schal war verkohlt, und seine rechte Körperhälfte war von einer schrecklichen Wunde entstellt. Das Gesicht war von Brandwunden gezeichnet.
Heysel setzte sich wieder in Bewegung. In der rechten Hand hielt er noch immer seine Waffe.
Callazian fragte sich, wie es möglich war, dass dieser Mann noch lebte.
Unmittelbar vor dem Geschlechtslosen blieb der Dragoner stehen.
»Ich ... ich werde Hilfe herbeiholen«, sagte Callazian, der nur noch den Wunsch hatte, möglichst schnell aus der Nähe des anderen zu entkommen.
Aus dem verunstalteten Gesicht blickten Callazian zwei erloschene Augen an.
»Fertig?«, krächzte Heysel.
Callazian begriff zunächst nicht, was der Verletzte meinte, aber er nickte, und das schien Heysel zu genügen.
»Sie werden gleich hier sein«, sagte der Dragoner.
»Ich habe nichts damit zu tun«, rief Callazian. »Ich wollte das alles nicht.«
Heysel blickte an dem Geschlechtslosen vorbei in Richtung der Archivtiotronik.
»Was ist, wenn wir uns täuschen, Callazian?« Seine Augen rollten hin und her, wie bei einem Irren. »Vielleicht sind wir nur Werkzeuge der Tiotroniken, mein Freund! Sie haben uns eingesetzt und manipuliert, damit wir dafür sorgen, dass ihr Wissen weiterexistiert, wenn es schon längst keine Soberer mehr gibt.«
»Das ist ja Wahnsinn!«
»Wirklich?« Heysel taumelte auf eine Schaltwand zu und hieb blindlings mit dem Kolben der Waffe auf sie ein. Schließlich verließen ihn die Kräfte, und er rutschte an der Wand entlang auf den Boden, wobei er eine blutige Spur hinterließ.
Dann regte er sich nicht mehr.
Draußen auf dem Gang wurden Stimmen hörbar. Ein paar Gestalten kamen in den Schaltraum. Sie trugen Atemmasken und Waffen.
»Ich habe nichts damit zu tun«, sagte Callazian mechanisch. »Ich bin nur der Archivverwalter.«
Sie nahmen ihn in die Mitte und führten ihn hinaus.
»Gewisse Anzeichen deuten darauf hin, dass es sich bei der Kaiserin von Therm um einen riesigen Computer handeln könnte«, sagte Perry Rhodan. Er wandte sich an Dobrak, den keloskischen Rechenmeister. »Ist es überhaupt denkbar, dass ein Großrechner sich zu einer Superintelligenz entwickeln könnte?«
»Die Frage stellt sich für mich nicht«, erwiderte Dobrak. »Vielmehr sieht es so aus, als würde die Kaiserin von Therm ihre Mächtigkeitsballung nach den Prinzipien einer gewaltigen Positronik kontrollieren. Diese Lösung bietet sich geradezu an und sagt in letzter Konsequenz nicht viel über ihren Benutzer aus.«
»Ich denke an die drei Forscher Daloor, Poser und Kaveer«, mischte sich Atlan ein. »Sie sind sich nicht darüber im klaren, ob sie Roboter oder organische Wesen sind. Haben wir hier nicht in verkleinertem Maßstab das Problem der Kaiserin von Therm vor uns?«
VERGANGENHEIT III
Jede Rückkehr in die Heimat hatte auf bestimmte Weise auch den Charakter eines Besuchs, dachte Vlission beklommen. Soberer, die sich viele Jahre außerhalb des Seerkosch-Systems aufhielten, verloren den Kontakt zu Freunden und Bekannten, aber auch zu der stetig fortschreitenden Entwicklung.
Das linkische Benehmen der Raumfahrer, sobald sie ihre gelandeten Schiffe verließen, war ein sicherer Beweis für diese These.
Vlission hatte Blosth als Jugendlicher an Bord eines Narvion-Raumers verlassen und kehrte nun, nach 122 soberischen Jahren als der Kommandant dieses Schiffes wieder zurück.
Damals, bei Vlissions Aufbruch, hatte noch eine Narvion-Flotte bestanden, deren Einheiten, sofern sie noch existierten, jetzt in allen Teilen von Golgatnur verstreut waren. Für Vlission war die Narvion-Flotte seit jeher das Symbol eines starken und von Leben pulsierenden soberischen Sternenreichs gewesen, und ihre Auflösung hatte deshalb bei ihm auch sinnbildlich für den Niedergang der soberischen Zivilisation gestanden.
Der Narvion-Raumer verließ die Überlichtspur und tauchte unmittelbar in der Nähe von Blosth in den Normalraum.
Vlission und die achtzehnköpfige Besatzung hatten große Anstrengungen unternommen, um hierher zu gelangen. Es gab keinen entsprechenden Befehl, denn die Flottenzentrale existierte nicht mehr, und an Bord von Vlissions Schiff gab es ein paar Soberer, die unverhohlen nach dem Sinn dieses Besuchs fragten.
Der Kommandant war kein Mann mit romantischen Neigungen – er war einfach neugierig.
Vlission war korpulent und muskulös, seine Augen traten etwas hervor. Quer über den braungeschuppten Kopf des Kommandanten verlief eine Narbe, die sich immer dann, wenn Vlission erregt war, dunkel färbte.
Die Funkortung summte.
Vlission, der nicht damit gerechnet hatte, dass sich jemand um sie kümmern würde, richtete sich überrascht auf.
»Schalte auf Empfang, Fyolt!«, befahl er einem der Techniker.
Kurz darauf erschien auf dem Bildschirm der Funkanlage das Symbol der tiotronischen Ordnung.
»Sendet Identitätsimpuls und den Namen des Kommandanten!«, wurde die Besatzung des Narvion-Raumers über Funk aufgefordert. »Wünscht ihr die neuesten Nachrichten zu hören?«
Vlission nickte Fyolt zu.
»Natürlich wünschen wir die neuesten Nachrichten zu hören.«
Nachdem sie ihre Identität nachgewiesen hatten, wurden ihnen über Funk Informationen eingespielt.
Erwartungsvoll starrte Vlission auf den Bildschirm, aber er erlebte eine Enttäuschung.
Alles, was man ihnen schickte, war der Wetterbericht.
Vlission drehte sich im Sitz um und sah die anderen Besatzungsmitglieder an. Er kannte sie seit vielen Jahren und traute sich zu, ihre Reaktionen mit ziemlicher Sicherheit vorhersehen zu können.
»Wir werden Landeerlaubnis beantragen!«, sagte Vlission.
*
Das trostlose Bild, das der Raumhafen schon über Fernbeobachtung geboten hatte, verstärkte sich während des Landemanövers. Die Landefläche war stellenweise aufgebrochen und mit Pflanzen überwuchert. Wracks von Montagefahrzeugen und Entladeanlagen standen überall zwischen längst verlassenen Raumschiffen. Viele Gebäude rund um das Landefeld waren eingestürzt.
Vlission sah nur ein einziges Schiff, das benutzt wurde und dessen Mannschaft offenbar gerade mit den Startvorbereitungen begann.
Vlission versuchte, den Kommandanten des wabenförmigen Handelsschiffs über Funk zu erreichen, was ihm auch gelang. Auf dem Bildschirm erschien ein mürrisch dreinschauender Soberer unbestimmbaren Alters.
»Ein Narvion-Raumer«, sagte der Mann ohne besonderes Interesse. »Ich dachte, die Flotte existiere nicht mehr.«
Vlission ging nicht darauf ein. Er spürte, dass der andere in Aufbruchsstimmung war und wollte möglichst viele Informationen bekommen.
»Was ist passiert?«, fragte er schnell.
»Passiert?« Der Kommandant des Handelsraumers dachte nach, dann lachte er auf. »Oh, du meinst die Zustände hier? Was hast du denn erwartet?«
»Mein Name ist Vlission«, stellte der Kommandant sich vor. »Ich habe Blosth vor einhundertzweiundzwanzig Jahren verlassen und war seither nicht mehr hier.«
»Miryus!«, sagte der Mürrische. »Blosth ist keinen Besuch wert, mein Freund. Die wenigen hunderttausend Soberer, die hier noch leben, sind fast alle verrückt. Ein paar Tiotroniken funktionieren noch und versorgen die Bevölkerung mit Nachrichten, aber wenn du dir den Raumhafen ansiehst, kannst du dir ein genaues Bild davon machen, wie es überall auf dieser Welt aussieht.«
»Wohin sind alle gegangen?«
»Gegangen!«, echote Miryus ironisch. »Niemand geht hier mehr irgendwohin. Die Leute hören einfach auf zu existieren.«
»Die tiotronische Ordnung ...«, begann Vlission, aber er unterbrach sich sofort, als er Miryus' verächtlichen Gesichtsausdruck sah. »Was tust du hier auf Blosth?«
»Um ehrlich zu sein: Ich hole mir das, was hier nicht mehr gebraucht wird. Auf den kolonialen Randwelten leben ein paar tausend verrückte Soberer, die mich dafür gut bezahlen.« Er lachte auf. »Nicht, dass Geld noch einen Wert hätte, aber irgend etwas muss ich schließlich tun.«
»Du bist ein Dieb!«, rief Vlission entrüstet. »Ein Dieb und ein Pirat.«
»Denk, was du willst«, antwortete Miryus.
Das Landemanöver des Narvion-Raumers war abgeschlossen. Einen Augenblick spielte Vlission mit dem Gedanken, das Handelsschiff anzugreifen und den Diebstahl blosthischer Werte zu verhindern, aber er befürchtete, dass er sich mit einer solchen Aktion der Lächerlichkeit preisgeben würde.
So schaltete er nur das Funkgerät ab und beobachtete auf dem Bildschirm den Start des Handelsschiffs.
»Sollen wir uns wieder mit der Tiotronik in Verbindung setzen, die uns bei der Ankunft im Seerkosch-System begrüßt hat?«, fragte Fyolt.
Vlission schüttelte den Kopf.
»Wir werden uns draußen umsehen! Offensichtlich kommt kein Soberer, um uns zu begrüßen.«
Er schnallte seine Waffentasche um.
»Dlassior und Woulto werden mich begleiten, alle anderen bleiben zurück und bewachen das Schiff.«
Seine Wahl war nicht von ungefähr auf jene beiden Männer gefallen, die er als besonnen und intelligent kannte. Vlission sah voraus, dass sie mit Problemen konfrontiert werden konnten, die eine gelassene Reaktion erforderten.
Als sie nebeneinander in der offenen Schleuse standen, bemerkte Woulto: »Es stinkt!«
»Du bist die sterile Luft an Bord gewohnt«, hielt Vlission ihm entgegen.
»Unsinn, ich habe das Schiff schon auf anderen Welten verlassen.«
Sie aktivierten ihre Schwebepistolen und glitten zur Landefläche hinab.
Vergebens schaute Vlission sich nach einem Fahrzeug um, das ihnen entgegenkam, um sie abzuholen.
»Seht euch das an!«, forderte Dlassior seine beiden Kameraden auf und deutete in Richtung eines Kontrollturms. »Da wird gearbeitet.«
Im Schatten des Turmes sah Vlission ein paar dunkle Gestalten.
»Es sind Roboter!«
»Die arbeiten wirklich!«, stelle Woulto überrascht fest. Er fasste die Umgebung mit einem Rundblick ins Auge und meinte spöttisch: »Da haben sie eine Menge zu tun.«
»Kommt!«, befahl Vlission und schwebte dicht über dem Landefeld voraus.
Der Anblick der arbeitenden Roboter traf ihn tiefer als alles andere, was er bisher auf Blosth seit ihrer Ankunft gesehen hatte. Gemessen an den allgemeinen Verfallserscheinungen der soberischen Zivilisation auf Blosth wirkten die Anstrengungen der Roboter hilflos – eine Tatsache, die eigentlich von jeder Tiotronik hätte erkannt werden sollen.
Begnügten sich die noch existierenden Tiotroniken damit, einen Bereich der von ihnen geschaffenen Ordnung aufrechtzuerhalten – auch wenn er noch so winzig sein sollte?
Verschlossen sich die gewaltigen Rechen- und Kommunikationsanlagen vor der Wahrheit oder – drastischer ausgedrückt – gab es den tiotronischen Irrsinn?
»Nein!« Unwillkürlich sprach Vlission laut. Wenn die Tiotroniken eine Aktivität im kleinen Rahmen entwickelten, gab es, zumindest von ihrem Standpunkt aus, dafür eine Notwendigkeit.
Die drei Männer erreichten das Randgebiet des Landefelds. Auf dieser Seite des Planeten war früher Nachmittag, Seerkosch stand fast noch am Zenit.
Türen und Fenster der Verwaltungsgebäude und Lagerhallen, die den Landeplatz umschlossen, waren zerstört. Die Antennen auf den Kontrolltürmen waren umgeknickt, und die Schneisen, die in die verschiedenen Zentren führten, zeigten keine Spuren von Leben.
»Wir sollten umkehren«, schlug Woulto unbehaglich vor. »Hier ist niemand, mit dem wir reden können. Es wäre am vernünftigsten, Blosth zu vergessen und den Flug fortzusetzen.«
Vlission konnte Woulto verstehen. Der Wissenschaftler war nicht auf Blosth, sondern auf einer großen Kolonialwelt geboren worden, er kannte die Ursprungswelt der Soberer nur von Filmen.
»Wohin sollten wir fliegen?«, erkundigte sich Dlassior. »Die Kolonialplaneten, die wir zuletzt besucht haben, sehen nicht viel besser aus.«
Plötzlich drang ohrenbetäubender Lärm an ihre Ohren, und zwischen den Gebäuden flammten ein paar Informationswände auf. Bilder flimmerten über die wie aus dem Nichts entstandenen Wände.
»Nachrichtenzeit!«, stellte Vlission fest. »Früher mussten die Lautsprecher die Triebwerke der Schiffe übertönen. Niemand scheint bisher auf den Gedanken gekommen zu sein, sie leiser zu stellen.«
Die drei Männer blieben in der Nähe einer Informationswand stehen und sahen sich die Bilder an. Der Sinn der dazu gebotenen Kommentare war nicht zu verstehen, für Vlission war diese Sendung wie die Botschaft von einer fremden Welt.
Die Bilder zeigten Soberer in offenbar noch intakten Wohnkesseln. Diese Bürger gingen sinnlosen Beschäftigungen nach.
Dann wechselte das Bild, und Vlission sah zu seiner Überraschung, dass der von ihm befehligte Narvion-Raumer gezeigt wurde. Die Aufnahmen waren so geschickt gemacht, dass der erbärmliche Zustand des Raumhafens unsichtbar blieb.
»Früher als erwartet«, hörte Vlission den Kommentator sagen, »ist ein Teil der Narvion-Flotte nach Blosth zurückgekehrt, um einen umfassenden Bericht über das erfolgreich verlaufende Unternehmen an die Tiotroniken zu geben. Die Auswertung hat begonnen. Es ist damit zu rechnen, dass die Ergebnisse Auswirkungen auf alle Lebensbereiche haben werden und wir ...«
Die Stimme brach mit einem Jaulen ab, die Bildfläche stürzte in sich zusammen, und an ihrer Stelle war nur noch ein Rauchwölkchen zu sehen.
Vlission sah, dass Dlassior seine Waffe in der Hand hielt.
»Ich konnte das nicht mitanhören«, sagte der Raumfahrer.
Aus anderen Schneisen war die Stimme des Kommentators noch immer deutlich zu vernehmen.
»Wir können nicht alle Informationsquellen vernichten«, bemerkte Vlission nachsichtig. »Außerdem halte ich es für besser, wenn wir uns nicht darum kümmern, was hier geschieht. Vergesst nicht, dass wir uns nur umsehen wollten.«
Entgegen seinen Worten spürte Vlission angesichts der zerstörten Bildwand echte Befriedigung.
*
Es war, als existiere zwischen den drei Männern eine unausgesprochene Übereinkunft, denn keiner von ihnen machte den Vorschlag, das Gebiet des Raumhafens zu verlassen und durch eine Schneise zu den verschiedenen Bezirken zu gehen.
Sie alle, dachte Vlission, hatten eine tiefe Scheu vor einem Zusammentreffen mit Bürgern von Blosth.
Dass sie noch nicht zum Schiff zurückgekehrt waren, änderte nichts an dieser Tatsache. Sie absolvierten eine Pflichtübung, zeigten Mut und Interesse in einer Umgebung, die ihnen lediglich Resignation abverlangen konnte.
Einige der Gebäude waren verhältnismäßig gut erhalten, wahrscheinlich hatte man von ihnen aus den Rest des Raumschiffsverkehrs geregelt.
In einem Versorgungsdepot stießen sie auf drei Frauen und einen Geschlechtslosen, aber diese Soberer machten den Eindruck von Irren. Sie schnitten beim Anblick der drei Raumfahrer Grimassen und flohen durch eine der Schneisen.
Vlission rechnete nicht mehr damit, dass jemand auf Blosth die Nachrichten zum Anlass nehmen könnte, um dem Narvion-Raumer auf dem Landefeld einen Besuch abzustatten.
Vlission dachte entsetzt daran, dass sie am Ende eines Weges angelangt waren.
Wohin sollten sie sich nun wenden?
Irgend etwas muss ich schließlich tun!, hatte Miryus gesagt.
Vlission schaltete sein kleines Funkgerät an der Waffentasche ein und rief den Narvion-Raumer.
Sofort meldete sich Fyolt.
»Gibt es Neuigkeiten?«, wollte der Kommandant wissen.
»Die hatten wir eigentlich von euch zu hören erwartet«, meinte Fyolt verwirrt. »Die Schiffstiotronik hat eine Routineverbindung zum tiotronischen Verbund auf Blosth hergestellt, um alle Informationen durchzugeben.«
Vlission verzog das Gesicht. Obwohl er nicht daran glaubte, dass dieser kommunikationstechnische Vorgang, der auf allen soberischen Welten üblich war, bestimmte Folgen haben würde, gefiel es ihm nicht, dass es dazu gekommen war.
»Wir werden bald zurück sein«, kündigte er an. »Beginnt mit den Startvorbereitungen.«
Fyolts Verblüffung war so groß, dass er eine Zeitlang für seine Antwort brauchte.
»Wir bleiben nicht? Nicht einmal einen Tag?«
»Nein!«, brummte Vlission.
Bevor er weitere Anweisungen durchgeben konnte, wurde er von einem Aufblitzen schräg über den Gebäuden abgelenkt. Er hob den Kopf und sah eine Schwebeschale, die aus Richtung der Zentralen kam und deren polierte Außenfläche das Sonnenlicht reflektierte.
»Man hat sich entschlossen, uns doch noch offiziell zu empfangen«, vermutete Dlassior grimmig. Er hob die Hand vor die Augen, um nicht geblendet zu werden. »Sie schlagen die Richtung zum Schiff ein.«
»Ja«, stimmte Vlission zu. Es gelang ihm nur schwer, seine Aufregung zu unterdrücken. »Lasst uns umkehren, meine Freunde.«
Sie flogen zum Narvion-Raumer zurück und kamen beinahe gleichzeitig mit der Schwebeschale dort an.
Die Schale setzte unterhalb der Hauptschleuse auf. Ein alter Geschlechtsloser und ein Roboter waren die einzigen Passagiere. Der Roboter blieb auf seinem Sitz, aber er hatte eine schwere Energiewaffe auf den Kontrollen vor sich liegen.
Vlissions Aufmerksamkeit richtete sich auf den Soberer, der die Flugmaschine jetzt verließ.
Der Geschlechtslose war sicher nicht so alt, wie er auf den ersten Blick wirkte, aber die Spuren schwerer Erlebnisse waren in seinem Gesicht zurückgeblieben. Trotzdem sah der Ankömmling gepflegt aus, Kleidung und Auftreten kennzeichneten ihn als Mitglied einer bedeutenden Gruppe.
»Ich bin Tiotroniker Sotiul, meine Freunde!« Die Stimme des Soberers war angenehm, er sprach im Akzent der blosthischen Wissenschaftler. Seine Blicke streiften das Narvion-Schiff. »Werden euch andere folgen?«
Vlission nannten den eigenen Namen, dann die seiner Begleiter.
»Ich wage keine Vorhersage«, antwortete er. »Die Flotte hat sich aufgelöst, der größte Teil aller Kommandanten lebt nicht mehr. Ich weiß nicht, was die Soberer, die jetzt die Schiffe führen, vorhaben.«
»Und ihr? Wie sehen eure Pläne aus?«
»Wir verlassen Blosth!«, brach es aus Woulto hervor.
Der Geschlechtslose zuckte zusammen, als habe er einen Hieb erhalten.
Vlission warf Woulto einen strafenden Blick zu.
»Sofern es keinen zwingenden Grund gibt, der uns zum Bleiben veranlassen könnte«, schränkte er ein.
»Natürlich«, sagte Sotiul. »Natürlich ...«
Es entstand eine peinlich wirkende Pause, die Sotiul offenbar zum Nachdenken benutzte.
Schließlich straffte der Tiotroniker die Schultern und holte tief Atem, als hätte er sich zu einem Entschluss durchgerungen.
»Ich lade euch ein, für einige Zeit meine Gäste zu sein, meine Freunde.«
Vlission dachte an den bewaffneten Roboter. Er überlegte, ob Sotiul die Einladung nachdrücklicher wiederholen würde, falls sie auf Ablehnung stoßen sollte. Der Kommandant brauchte nur in die Gesichter seiner beiden Begleiter zu blicken, um zu erkennen, was sie von einem längeren Aufenthalt hielten.
Vlission hatte den Eindruck, dass der Ankömmling die Antwort gespannt erwartete, die ganze Haltung des Tiotronikers drückte Erwartung aus. Doch Sotiul schwieg höflich, wenn es ihm auch sichtbar schwerfiel.
»In besonderen Fällen pflegte ich mich mit der Besatzung abzusprechen«, sagte Vlission ausweichend. »Wenn du gestattest ...«
»Ja«, sagte Sotiul. »Natürlich, das kann ich verstehen.«
Die Szene, dachte Vlission, war an Unwirklichkeit nicht mehr zu überbieten. Er wusste, dass sich auch Sotiul dessen bewusst war. Der Geschlechtslose hielt durch sein Benehmen den Anschein eines offiziellen Empfangs aufrecht – als existierte kein zerfallener Raumhafen.
Da meldete sich Fyolt.
»Die Schiffstiotronik hat sich abgeschaltet, Kommandant!«
»Was?«, entfuhr es Vlission. »Bist du sicher?«
Er starrte Sotiul an.
»Es muss geschehen sein, nachdem die Verbindung zu dem Verbund der Tiotroniken auf Blosth abgeschaltet wurde«, fuhr Fyolt fort. »Das kann kein Zufall sein.«
»Das kann kein Zufall sein«, wiederholte Vlission, mehr an Sotiul gewandt. »Wie groß ist unter diesen Umständen das Risiko eines Starts?«
»Unerträglich groß!«
Sotiul lächelte verbindlich.
»Selbstverständlich sind alle Besatzungsmitglieder bis zur Behebung des Schadens meine Gäste.«
Sie waren in die Falle gegangen!, dachte Vlission wütend. Aber wessen Gefangene waren sie – Sotiuls oder die der Tiotroniken, die auf Blosth noch funktionierten?
*
In der Serie niederschmetternder Erfahrungen, die Vlission und seine Freunde in den nächsten Tagen machten, war das Gefühl der völligen Verlorenheit, das sie in den verlassenen Wohnkesseln überkam, am schwersten zu ertragen.
Die Einsamkeit der Raumfahrer wurde nur bei gelegentlichen Besuchen Sotiuls unterbrochen, aber der Tiotroniker kam, abgesehen von seinem ständigen Begleiter, dem bewaffneten Roboter, stets allein und war in der Preisgabe von Auskünften äußerst sparsam.
Sein Versprechen, ein paar Techniker zum Narvion-Raumer zu schicken, hatte er bisher nicht eingelöst, während seine wahren Absichten nach wie vor undurchschaubar blieben.
Wenn es tatsächlich noch ein paar hunderttausend Soberer auf Blosth gab, lebten sie außerhalb der Zentren, abgesehen von ein paar Verrückten, die den Raumfahrern immer wieder über den Weg liefen, mit denen aber keine Gespräche angeknüpft werden konnten.
Den Nachrichten, die regelmäßig gesendet wurden, konnten Vlission und seine Begleiter keine wichtigen Informationen entnehmen.
Sieben Tage nach der Landung erschien Sotiul abermals, diesmal hatte er außer dem Roboter einen zweiten Soberer bei sich, einen schlanken hochgewachsenen Mann, den er als Kospeelior vorstellte.
Vlission, der entschlossen war, ein offenes Wort zu erzwingen, sah sich von Sotiul überrumpelt, als dieser von sich aus auf den augenblicklichen Zustand zu sprechen kam.
»Eure Ungeduld ist begreiflich«, sagte er. »Ich bedaure außerordentlich, dass ein schlechter Eindruck entstanden ist. Bevor ich jedoch nicht sicher sein konnte, dass ein Erfolg noch möglich ist, konnte ich nicht sagen, worum es geht.«
Vlission sah ihn abwartend an.
»Vor ein paar Jahren«, fuhr Sotiul langsam fort, »hat dieser junge Mann« – er deutete auf seinen Begleiter – »eine erstaunliche Entdeckung gemacht. In den Schächten der ehemaligen Untergrundbahn, die wir für verschüttet und zugeworfen hielten, fand er eine große Tiotronik.«
Kospeelior nickte bei jedem Wort.
»Diese Tiotronik ist mit einer überlichtschnellen Sendeanlage gekoppelt«, berichtete Sotiul weiter. »Die gesamte Einrichtung muss früher einer revolutionären Gruppe gedient haben, wenn sich auch die Frage erhebt, zu welchem Zweck.«
»Eine Tiotronik?«, fragte Vlission ungläubig. »Das würde bedeuten, dass sie aus dem Verbund der tiotronischen Ordnung ausgeklammert war! Ich halte das für undenkbar.«
»Sofern nicht ein führender Tiotroniker Mitglied dieser Gruppe war«, erklärte Sotiul.
Vlission war enttäuscht. Er sah keinen Zusammenhang zwischen ihrer Gefangennahme und dem, was der Tiotroniker ihnen jetzt berichtete. Wahrscheinlich war auch Sotiul verrückt und wusste nicht, wovon er redete.
»Würdest du bitte den Bericht fortsetzen?«, wandte sich Sotiul an den jungen Mann.
Kospeelior hatte offenbar nur darauf gewartet.
»Wir haben alles untersucht und dabei eine phantastische Entdeckung gemacht. Die versteckte Tiotronik enthält die gesamte Geschichte unseres Volkes in ihren Speichern. Man könnte denken, sie sei ein Teil jenes geheimnisumwitterten Archivs, das einmal auf Blosth existiert haben und dann zerstört worden sein soll. Die mit dieser Tiotronik gekoppelte Sendeanlage lässt nur den Schluss zu, dass jemand versucht hat, alle verfügbaren Informationen mittels einer so genannten Prior-Welle in den Weltraum zu schicken.«
Vlission fühlte aufsteigendes Interesse.
»Denkst du an einen Verrat?«, fragte er Sotiul.
Der Tiotroniker verneinte.
»Das hatte sicher nichts mit Verrat zu tun. Vielmehr glaube ich, dass ein paar vorausschauende Soberer versucht haben, das Gesamtwissen unseres Volkes zu retten. Sie wollten es in einer Prior-Welle vereinigen und in das Universum schicken, sozusagen als Vermächtnis eines zum Untergang verdammten Volkes.«
»Und es ist nicht gelungen?«
»Es kann nicht gelungen sein«, erwiderte Sotiul. »Um eine derart gewaltige Prior-Welle aufzuladen und auf die Reise zu schicken, bedarf es mehr als einer Tiotronik, dazu muss der gesamte Verbund eingeschaltet werden. Das war natürlich damals nicht möglich. Das System der tiotronischen Ordnung hätte es nicht zugelassen, denn es wäre einem Eingeständnis des eigenen Versagens gleichgekommen.«
»Was ist eine Prior-Welle?«, warf Dlassior ein.
»Das erkläre ich euch später«, versprach Sotiul. »Zunächst einmal will ich euch erklären, warum ihr hier seid: Wir brauchen eure Hilfe!«
»Hilfe?« Vlission verzog das Gesicht. »Wobei?«
Sotiul blickte auf den Boden, als sei er beschämt.
»Wir wollen dieses Projekt zu Ende führen. Allein wären wir dazu nicht in der Lage gewesen, denn wir sind nur wenige und können gegen die verrückten Wächter der Tiotroniken nichts unternehmen. Mit eurer Hilfe jedoch hätten wir eine Chance.«
»Und warum erfahren wir das erst jetzt?«, rief Woulto empört.
»Ich musste mich in den vergangenen Tagen vergewissern, ob die Anzahl der noch funktionsfähigen Tiotroniken ausreicht, um die Prior-Welle zu programmieren. Weshalb sollte ich euch sinnlos belasten. Wir hätten euch gehen lassen, wenn die Sache keinen Versuch wert wäre.«
»Aber jetzt müssen wir bleiben?«, fragte Vlission ironisch.
»Zu dem, was wir vorhaben, können wir euch nicht zwingen«, sagte Sotiul offen. »Doch jetzt will ich euch weitere Einzelheiten bekannt geben.«
*
Der Tiotroniker breitete seine Unterlagen vor den Raumfahrern aus.
»Ich glaube, dass ihr alle genügend Wissen mitbringt, um das Prinzip der Prior-Welle zu verstehen«, hoffte er. »Wer Details erfahren möchte, dem überlasse ich gern Kopien meiner Unterlagen.«
»Du kannst anfangen«, sagte Vlission. »Wir werden Fragen stellen, wenn uns irgend etwas unverständlich erscheinen sollte.«
