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Im Jahr 447 Neuer Galaktischer Zeitrechnung wird Perry Rhodan in ein Drama verwickelt, das zwei Universen gleichzeitig betrifft: Bei einer Expedition in DORIFER – ein kosmisches Gebilde von ungeheurer Macht – verschlägt es ihn nach Tarkan. Tarkan ist ein eigenständiges Universum, das schrumpft und sich dabei immer mehr aufheizt. Die Bewohner Tarkans wissen, dass sie alle sterben müssen, wenn sie nicht handeln. Also wollen sie eine gesamte Galaxis aus ihrem Universum in das Universum transferieren, in dem sich die Milchstraße, Andromeda und andere Galaxien befinden. Das sogenannte Hexameron ist eine Macht in Tarkan, die gegen dieses Projekt steht und den Zusammenbruch des sterbenden Universums erhofft. Gegen seinen Willen wird Perry Rhodan zu einer wichtigen Figur in diesem kosmischen Ringen: Kann es gelingen, die Völker von Hangay dem drohenden Hitzetod zu entreißen? Kann der unglaubliche Plan, eine ganze Galaxis zu transferieren, wirklich gelingen?
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Seitenzahl: 6256
Veröffentlichungsjahr: 2011
Nr. 1350
TARKAN
In der Glut des nahen Todes – die Odyssee durch ein sterbendes Universum
von Kurt Mahr
Auf Terra schreibt man Ende Januar des Jahres 447 NGZ, was dem Jahr 4034 alter Zeitrechnung entspricht. Somit sind seit den dramatischen Ereignissen, die zum Kontakt mit ESTARTUS Abgesandten und zur Verbreitung der Lehre des Permanenten Konflikts in der Galaxis führten, bald zwei Jahrzehnte vergangen.
Doch in dieser relativ langen Zeitspanne ist es Sotho Tyg Ian ebenso wenig wie seinen Vorgängern gelungen, die Galaktiker auf den erwünschten Kurs zu bringen. Und als Tyg Ian schließlich erkennt, dass seine Sache verloren ist, versucht er, den Untergang der Milchstraße herbeizuführen.
Glücklicherweise misslingt auch dieses Unterfangen. Und mit des Sothos Tod verlagert sich das weitere dramatische Geschehen in die Mächtigkeitsballung ESTARTU, wo durch eine Verkettung unglückseliger Umstände das eintritt, was die Netzgänger und ihre Helfer mit aller Kraft zu verhindern trachteten: Die Katastrophe im Tarkanium, hervorgerufen durch die spontan deflagrierenden riesigen Mengen an Paratau.
Es stellt sich heraus, dass diese Katastrophe geradezu universelle Folgen zeitigt. Ein Mensch jedenfalls wird sofort und unmittelbar davon betroffen: Perry Rhodan. Der Terraner, der sich gerade zum Zeitpunkt der psionischen Explosion im Kosmonukleotid DORIFER aufhält, gelangt dadurch in das sterbende Universum TARKAN ...
Perry Rhodan – Der Terraner tritt eine Odyssee durch ein sterbendes Universum an.
LEDA – Perry Rhodans Partnerin und Helferin.
Varro pak Duur
Das Buch Hexameron
Lied des Sechsten Tages
Also spricht Heptamer, Sohn der Götter und Herrscher der Eshraa Maghaasu, und belehrt solcherart die Unwissenden:
Der Sechste Tag ist das Ende des Anfangs. Es werden Zeichen sein, die die Klugen zu deuten wissen, um den Beginn des Sechsten Tages zu erkennen. Girratu, die Göttin des Feuers, wird ihr Haupt erheben und Hitze verbreiten. Und am Himmel über den Sternen wird als Zeichen ihrer Macht zu erkennen sein ein Leuchten wie das der Blume Omfar. Die Sterne werden aneinanderrücken, und die Stätten werden einander näher sein.
Ein Aufstöhnen wird durch das All gehen; denn schmerzhaft ist der Weg der Vervollkommnung. Und es wird Geschrei sein unter den Ungläubigen, die den Pfad der Weisheit verachten. Völker werden sterben und Sterne vergehen. Es wird eine Reinigung geben; denn den Sechsten Tag werden nur die überleben, in deren Herzen der Glaube an die Wahrheit des Buches Hexameron wohnt. Es werden auch Tiere und Pflanzen sterben, aber unter ihnen nur die, die von den Priestern des Herrn Heptamer unrein genannt werden.
Es wird Not herrschen unter den Völkern der Zwanzigstätten und der anderen Stätten bis hin an die Grenzen des Alls. Aber die Not ist der Vorbote der Vollkommenheit, und die Gläubigen werden sie geduldig ertragen, wissend, dass die Neugeburt sie erwartet.
Der Sechste Tag wird zu Ende gehen mit Feuer und Flammen, und auf ihn folgen wird der Fünfte Tag, zu Ehren der Götter im Land Shamuu, die das gewaltige Werk des Alls geschaffen haben und für dessen stete Erneuerung sorgen.
*
Er erstarrte vor Schreck.
Bis vor Sekunden war das Treiben der Psiqs zwar hektisch, aber ohne jegliche Ordnung gewesen. Jetzt hatten sie sich plötzlich formiert und jagten von allen Seiten auf ihn zu: bunte, wahllos geformte Leuchterscheinungen, deren Strahlung umso greller wurde, je näher sie ihm kamen. Es waren Hunderttausende, Millionen. Sie drängten sich so dicht zusammen, dass der grüne Schimmer im Hintergrund des Kosmonukleotids verschwand.
Er spürte, wie sich ein fremder Druck auf sein Bewusstsein legte. Ein metallenes Band schien um seinen Schädel gespannt, und eine feindliche Kraft zog an dem Band und schnürte es immer enger. Das Denken fiel ihm schwer. Er erinnerte sich, wie er in das Kosmonukleotid eingeflogen war. Im Innern DORIFERS war es hektisch zugegangen, ganz wie man es aufgrund der letzten Messungen von DORIFER-Station aus erwartet hatte. Die psionischen Informationsquanten tanzten einen wirren Reigen, verschmolzen miteinander und trennten sich wieder – viel schneller, als es je das Auge eines Netzgängers beobachtet hatte.
Dann war das geschehen: Die wahllose Bewegung der Psiqs hatte aufgehört. Für den Bruchteil einer Sekunde war es im Innern DORIFERS völlig ruhig gewesen. Dann hatten sich die bunten Quanten auf ihn gestürzt, von allen Seiten, mit wahnwitziger Geschwindigkeit – als sei er der Mittelpunkt des Universums.
Sie kamen noch immer, von überall her, in unübersehbaren Scharen.
Jemand rief.
»Perry Rhodan ...«
Das bin ich, dachte er verwundert. Wer rief?
»LEDA.«
Der Name war ihm vertraut. Aber die Gedanken kämpften sich wie durch zähen Schlamm, um zu der Stelle seines Gedächtnisses zu gelangen, an der er die Information gespeichert hatte.
LEDA! Das war die Kapsel, mit der er den Flug nach DORIFER unternommen hatte.
»Ich bin hier, LEDA«, sagte er mit matter Stimme. Schmerz wühlte in seinem Gehirn. Der Druck war unerträglich.
»Es hat eine Explosion gegeben«, sagte die Kapsel. »Ein Schwall psionischer Energie ist durch DORIFER-Tor eingedrungen. DORIFER wehrt sich mit aller Macht. Es kommt zu Verschiebungen in der Struktur des Hyperraums.«
»Umkehren!« Die Zunge war ihm so schwer, als hätte er fünf Stunden lang ununterbrochen gezecht.
»Ich kann nicht umkehren«, erklärte LEDA. »Ich habe die Orientierung verloren.«
»Was ... geschieht jetzt?«
»Wir sind nicht in unmittelbarer Gefahr«, sagte die Kapsel. »Es gibt keine strukturellen Einflüsse. Wir müssen warten, bis DORIFER sich beruhigt.«
»Mein Kopf ...«, ächzte er.
»Ich weiß. Du bist der eigentliche Leidtragende. Ich kann dir helfen; aber ich muss warten ...«
Die sanfte Stimme der Kapsel ertrank in dröhnendem Rauschen. Er hatte es von weitem kommen hören; aber jetzt war es da, unmittelbar in seinem Bewusstsein. Es trieb ihm die Augen aus den Höhlen. Die Umrisse der unmittelbaren Umgebung verschwanden. Er sah nur noch das bunte, wimmelnde Heer der Psiqs, das ihn unter sich begraben wollte.
In den Augenblicken des schwindenden Bewusstseins hatte er eine Vision. Das Leuchten der psionischen Informationsquanten wurde schwächer. Im Vordergrund erschien eine ungewöhnliche Sternkonstellation. Sie bestand aus fünf Sonnen, die in hellem Rubinrot leuchteten, eine blaue Sonne und zwei grüne. Das Bild prägte sich ihm ein, obwohl sein Verstand in diesen Sekunden kaum noch funktionierte.
Die Vision verblasste. Ein Stich fuhr ihm durch den Schädel, als hätte ihm jemand eine glühende Lanze ins Gehirn gerammt.
Danach war nur noch Dunkelheit.
*
Er fühlte sich merkwürdig leicht, als er wieder zu sich kam. Er hatte keine Schmerzen. Es war ihm ausgesprochen wohl zumute. Er lag in seinem Gliedersessel, der zu annähernd horizontaler Position ausgefahren war. Vor ihm schwebte eine große Bildfläche. Darauf war ein Heer von Sternen zu sehen. Im Hintergrund glomm es düsterrot. Wasserstoff-Alpha, dachte er beiläufig: das Leuchten ionisierter interstellarer Gasmassen.
Er spannte die Bauchmuskeln ein wenig an. Die physiosensiblen Mechanismen des Sessels reagierten sofort. Das Beinpolster sank ab, die Rückenlehne hob sich zu normaler Sitzstellung. Perry Rhodan warf einen Blick in Richtung des Chronometers. 15:43 Uhr. Er stutzte. Es war 20:25 Uhr gewesen, als die LEDA DORIFER-Tor passierte. Hatte er fast zwanzig Stunden bewusstlos gelegen?
»Willkommen daheim in der Welt der Wirklichkeit«, sagte die freundliche Stimme der Kapsel. »Ich hoffe, du fühlst dich wohl.«
»Danke der Nachfrage«, antwortete er. »Ich nehme an, mein Wohlbefinden ist nicht zuletzt dir zu verdanken.«
»Ich habe mich um dich gekümmert«, antwortete LEDA bescheiden. »Der Psi-Sturm im Innern von DORIFER hat dir erheblich zugesetzt.«
»Das muss wohl so sein«, sagte er. »Etwas über neunzehn Stunden bewusstlos ...«
»Einundzwanzig Stunden«, korrigierte die Kapsel.
Er fuhr auf. Ein zweites Mal sah er das Chronometer an. Diesmal achtete er auf das Datum. 4. Februar 447! Er war tatsächlich fast vier Tage lang ohne Bewusstsein gewesen.
LEDA war ein Produkt querionischer Technik, komplizierter und vollkommener als alles, was Menschengeist je geschaffen hatte. Sie verfügte über eine autarke, synthetische Intelligenz. Wer sie für ein Nutzfahrzeug hielt, das dem Gänger des Netzes dazu diente, ins Innere des Kosmonukleotids DORIFER zu gelangen, der schätzte sie weit unter Wert ein. Sie war der Partner des Netzgängers, ein Helfer in der Gefahr, eine Person, mit der man sich unterhalten konnte, und im Notfall Sanitäter, Arzt und Psychiater. LEDAS Repertoire an medo- und psychotechnischen Hilfsmitteln war auf die Person und die Beschaffenheit ihres Passagiers abgestimmt, wie denn auch jede DORIFER-Kapsel einem bestimmten Gänger des Netzes zugeteilt war und von keinem anderen benutzt werden konnte. Perry Rhodan versuchte sich auszumalen, wie LEDA ihn behandelt hatte, während er bewusstlos lag. Vermutlich hatte sie ihm Medikamente in gasförmigem Zustand verabreicht. Er hatte sie eingeatmet, und seine Schmerzen waren gewichen, die Schäden, die der Psi-Sturm in seinem Gehirn angerichtet hatte, beseitigt.
»Vier Tage«, staunte er. »Wo sind wir?«, wollte er dann wissen.
»In einem fremden Universum«, antwortete LEDA. »Die elektrische Elementarladung beträgt null Komma eins fünf acht Attocoulomb. Nicht allzu viel Strangeness, aber immerhin.«
Es war seltsam. Nicht einmal die Eröffnung, dass er das Standarduniversum verlassen hatte und sich in einem unbekannten Kosmos befand, konnte ihn erschüttern. Es war fast, als hätte er in den letzten Sekunden der Ohnmacht mit einer solchen Entwicklung gerechnet.
»Vier Tage Ohnmacht«, sagte er, »war das der Strangeness-Schock?«
»Ja«, bestätigte die Kapsel. »Es ist mir gelungen, ihn zu mildern. In diesem Zusammenhang muss ich eine Warnung aussprechen. Du bist, was deine Reaktion auf Strangeness anbelangt, immer noch auf meinen Schutz angewiesen. Mein Einflussbereich ist gering und erstreckt sich nur wenig über die physikalischen Abmessungen dieser Kapsel hinaus. Du musst also im Innern der Kapsel bleiben, wenn du keinen weiteren Schock abbekommen willst.«
»Keine Angst«, sagte Perry Rhodan. »Ich habe nicht die Absicht, ins Vakuum des interstellaren Raums hinauszuspringen. Obwohl die Netzkombination mich natürlich schützen würde. Das tut sie doch noch, auch in diesem fremden Universum, nicht wahr, LEDA?«
»Auf die Kombination ist Verlass«, antwortete LEDA. »Aber etwas anderes mag dir zu denken geben. Es gibt in diesem Universum kein Psionisches Netz – wenigstens keines, das ich wahrnehmen kann.«
Das überraschte ihn. Er hatte gelernt, dass das Netz, das aus Strängen psionischer Energie bestand, ein natürliches Produkt der Schöpfung war und als solches einen ebenso selbstverständlichen Bestandteil des Kosmos darstellte wie die Sterne, die Galaxien, das Vakuum, die interstellaren Materiewolken und die Hintergrundstrahlung, die letztes Zeugnis von dem vor langer Zeit erfolgten Urknall ablegte. In diesem Zusammenhang spielte keine Rolle, dass das, was die Gänger des Netzes das Psionische Netz nannten, von DORIFER erst vor relativ kurzer Zeit erschaffen worden war. DORIFER hatte vor rund 50.000 Jahren innerhalb seines Einflussbereichs die Psi-Konstante aufgeschaukelt und damit erst bewirkt, dass die Fäden des Psionischen Netzes zu Straßen wurden, die Raumschiffe mit Enerpsi-Antrieb und Netzgänger mit dem Abdruck des Einverständnisses als Verkehrswege benutzen konnten.
Aber schon lange vor DORIFERS Eingreifen waren die Querionen in der Lage gewesen, entlang psionischer Energiebahnen zu reisen. Für sie war das Psionische Netz immer da gewesen – jenes Netz, das natürlicher Bestandteil eines jeden Universums war.
LEDA war ein Erzeugnis der querionischen Technik. Aber sie war nicht in der Lage, das Vorhandensein psionischer Feldlinien in diesem Universum zu erkennen?
Er musste eine Zeitlang nachdenken; aber schließlich hatte er seine Frage formuliert und sprach sie aus.
»In deinen Augen, Perry Rhodan«, antwortete LEDA, »mag ich ein wundersames Gebilde sein. Aber in mir steckt nur ein kleiner Teil des Wissens, das die Querionen besitzen. Ich kann ein Psionisches Netz nur erkennen, wenn es genauso oder ähnlich beschaffen ist wie jenes im Einflussbereich DORIFERS. Ich bin nur ein querionisches Produkt, kein Ersatz für einen Querionen.«
»Das heißt, dass wir hier festsitzen?«, fragte er verblüfft.
»Nein, das heißt es nicht. Ich besitze ein zweites Triebwerk. Ich kann dich überlichtschnell an jeden Ort bringen, nach dem dein Herz verlangt.«
»Wie wär's mit zurück nach Hause?«, fragte er.
»Tut mir leid. Ich wurde ebenso gegen meinen Willen in dieses fremde Universum geschleudert wie du. Ich weiß nicht, wo der Ausgang ist.«
Er dachte darüber nach. Er war in einem fremden Universum gefangen. Er empfand Trauer, wenn er an Gesil dachte. Sie würde sich grämen und Sorgen um ihn machen. Es gab keine Möglichkeit, sie darüber zu informieren, dass er körperlich und seelisch wohlauf war. Das machte ihm zu schaffen.
Aber um seiner selbst willen hatte er keinerlei Bedenken. Er empfand Wissbegierde. Es war ihm nicht die Gelegenheit gegeben worden, ein fremdes Universum zu sehen, ohne dass er sie bis zur Neige auskosten würde. Er würde das Meer der Sterne erforschen, das sich da lockend vor ihm ausbreitete, und mit Kenntnissen nach Hause zurückkehren, wie sie kein Mensch vor ihm erworben hatte.
Dass es eine Heimkehr geben würde, stand für ihn fest. Ungewissheit gab es nur bezüglich des Zeitpunkts. Er fühlte eine Selbstsicherheit wie noch selten zuvor. Fast glaubte er zu spüren, dass er nicht durch Zufall in den fremden Kosmos versetzt worden war. Es war seine Bestimmung, der erste Vertreter der Spezies homo sapiens sapiens terrestris zu sein, der diesem Universum einen Besuch abstattete.
Während er dies dachte, erinnerte er sich an das Gespräch, das er vor kurzem mit Geoffry Waringer geführt hatte. Auch darin war von Bestimmung die Rede gewesen.
»Ich weiß nicht, wie ich die Frage formulieren soll«, sagte er zu LEDA. »Bei der nahezu unendlichen Zahl von Paralleluniversen scheint sie sinnlos. Aber gibt es irgendeinen Hinweis darauf, in welchem Universum wir uns befinden?«
»Tarkan«, antwortete LEDA sofort.
*
Seine Gedanken gingen zurück in die Vergangenheit. Am Morgen des 24.1.447 war er von Hubei aufgebrochen, nachdem ihn die Nachricht erreicht hatte, dass DORIFER sich in einen Zustand hektischer Aktivität hineingesteigert habe, der das Schlimmste befürchten lasse. Vor seinem Aufbruch hatte er den Bericht gehört, den Fellmer Lloyd und Gucky nach ihrer Rückkehr aus der Galaxis Pinwheel erstatteten. Ihre Informationen stammten von Oogh at Tarkan, dem legendären Attar Panish Panisha, der den Anhängern des Kriegerkodex als heilig gegolten hatte, bis es ihm in den Sinn gekommen war, durch die Münder seiner Statuen zu sprechen und den Kriegerkult als eine verderbliche Irrlehre zu brandmarken.
Das Geheimnis der Herkunft der Kartanin, der Nakken und der Zatara-Pflanzenwesen war enthüllt. Ein Panorama von wahrhaft interkosmischer Dimension tat sich vor den Augen der staunenden Zuhörer auf. Die drei Völker kamen aus einem fremden Universum, aus Tarkan, der Schrumpfenden. In ihrer Heimatgalaxis Hangay waren Bestrebungen im Gang, die gesamte Galaxis in ein anderes, noch expandierendes Universum zu überführen und so Tausende von hochzivilisierten Völkern vor dem Untergang zu retten. Tarkan befand sich im Stadium des ultimaten Kollapses. Die Schrumpfende strebte der Singularität des Urknalls entgegen, aus der sich – vielleicht – ein neues Universum entwickeln würde. Zwar lag der Zeitpunkt der Singularität noch Äonen weit in der Zukunft; aber das organische Leben war schon jetzt in Gefahr. Die Sternabstände waren merklich geschrumpft, die kosmische Hintergrundstrahlung entsprach einer Schwarzkörpertemperatur von über 1000 Grad, und auf den Welten von Hangay nahm die Hitze unaufhörlich zu.
Der Ausblick war atemberaubend. Eine ganze Galaxis sollte von einem Universum in ein anderes transportiert werden! Die Kartanin aus Pinwheel waren die letzten, die hätten sagen können, wie das bewerkstelligt werden solle. Sie waren vor zirka 50.000 Standardjahren an Bord eines Riesenraumschiffs namens NARGA SANT gewissermaßen als Vorausabteilung in dieses Universum gelangt, zusammen mit Nakken, Zataras und den Angehörigen anderer Hangay-Völker. Ihre Aufgabe war gewesen, den Galaxistransfer sozusagen »von der anderen Seite her« vorzubereiten. Die Kartanin hatten jedoch infolge des Strangeness-Schocks alles Wissen verloren und waren binnen weniger Generationen in die Primitivität gesunken, aus der sie sich erst durch einen langwierigen Evolutionsprozess wieder emporarbeiteten. Der Clan der Wissenden entstand und lancierte das Projekt LAO-SINH, das darauf abzielte, Verhältnisse zu schaffen, die für einen Transfer der Galaxis Hangay aus dem sterbenden Universum günstig waren. Deswegen hatten sie die Anstrengung unternommen – eine Anstrengung, die angesichts des unterentwickelten Standes ihrer Technik nicht anders als gigantisch genannt werden konnte –, in der Galaxis Absantha-Gom einen Stützpunkt zu errichten und in diesem Stützpunkt gewaltige Mengen Paratau zu lagern. Wenn der Zeitpunkt null kam – wobei nicht ganz klar war, wie die Wissenden die Ankunft des Zeitpunkts erkennen wollten –, würde die Gesamtmasse des gehorteten Psichogons zur spontanen Deflagration veranlasst werden, und die Folge dieses Vorgangs würde sein, dass die Galaxis Hangay im Standarduniversum materialisierte. So wenigstens glaubten die Wissenden, ohne die Mechanismen des Ablaufs im Einzelnen zu verstehen.
Der kartanische Stützpunkt war über vier einander eng benachbarte Sonnensysteme verteilt und trug als Gesamtheit den Namen Tarkanium. Die Zentralwelt war Hubei, in den Sternkatalogen der Querionen als Phamal bezeichnet. Die Gesamtmasse des im Tarkanium gelagerten Parataus belief sich auf vier Millionen Kilogramm.
Bevor Perry Rhodan Hubei verließ, war das Tarkanium von den Menetekelnden Ephemeriden von Absantha-Gom bedroht worden, pseudo-materiellen Gebilden aus psionischer Energie, die eines der Zwölf Wunder der Mächtigkeitsballung ESTARTU darstellten. Die Lage war kritisch; denn die Ephemeriden besaßen eine unverkennbare Affinität zu dem ebenfalls aus Psi-Energie bestehenden Psichogon, und es bestand die Gefahr, dass die beiden miteinander in Wechselwirkung traten und der Paratauvorrat des Tarkaniums spontan deflagrierte. Perry Rhodan hatte sich auf die Reise gemacht, als die Gefahr gebannt erschien, da es zwischen Nakken, also den Steuerern der Ephemeriden, und den Kartanin zu einer Begegnung gekommen war.
In DORIFER-Station hatte Perry sich überzeugen können, dass das Nukleotid tatsächlich in ein kritisches Stadium getreten war. Einer der Spezialisten, die in der Station tätig waren, formulierte es so:
»Es sieht aus, als wollte DORIFER verzweifelt einen Messenger anfordern; aber es kommt keiner.«
Messengers waren die Werkzeuge der kosmischen Enzymierung. Auf ein Signal hin kopierten sie Informationen der kosmischen Entwicklung aus einem Kosmogen, das wiederum aus mehreren Kosmonukleotiden bestand, und generierten daraufhin entwicklungsmechanische Einflüsse, die zur Evolution des Kosmos in der von den kopierten Informationen vorgeschriebenen Weise beitrugen. Die Aktivität des Kosmonukleotids wies tatsächlich darauf hin, dass im Innern psionische Informationsquanten zur Kopierung aufgereiht wurden. Aber ein Messenger – ein konzentriertes Feld aus ultrahochfrequenter Hyperenergie – war nirgendwo in Sicht.
Eine Stunde lang beschäftigte sich Perry Rhodan mit den Daten, die im Lauf der vergangenen Tage aufgezeichnet worden waren. Dann stand für ihn fest, dass nur ein Inspektionsflug ins Innere DORIFERS die gewünschte Klarheit bringen werde. Man riet ihm ab. Man wies ihn auf die Gefahren hin, die ein solcher Flug bei den gegenwärtigen tumultuösen Verhältnissen im Innern des Nukleotids mit sich brachte. Perry Rhodan führte daraufhin eine Unterhaltung mit LEDA.
»Ich gebe uns achtzig Prozent Wahrscheinlichkeit, dass wir mit heiler Haut davonkommen«, sagte die Kapsel. »Chaotisch ist es in DORIFER schon des Öfteren zugegangen. Aber es gibt Möglichkeiten, die Gefahr rechtzeitig zu erkennen. Im Notfall bleibt uns immer noch die Flucht.«
Damit stand sein Entschluss fest. Am 25. Januar 447 würde er zum Inspektionsflug aufbrechen. Inzwischen blieben ihm noch zwanzig Stunden Zeit. Die wollte er auf Sabhal verbringen.
*
Einen halben Tag verbrachte er zu Hause. Gesil war erst vor zwei Tagen von einem Einsatz auf Al-Makhdub in der Galaxis Urumbar zurückgekehrt. Dort hatte sich ein Streit zwischen dem Ewigen Krieger Shargk und seinem Animateur Griek entsponnen. Es ging um das estartische Wunder von Urumbar, die Heliophilen Goldregenmacher. Die Netzgänger hatten auf Shargks Seite eingegriffen und die Goldregenmacher an die moralische Verpflichtung ihrem Schöpfer gegenüber erinnert. Denn schließlich hatte der Ewige Krieger das Wunder von Urumbar mit eigener Hand erschaffen. Als die Gänger des Netzes sich aus Urumbar absetzten, schien festzustehen, dass Griek in der Auseinandersetzung mit Shargk unterliegen würde.
Gesils Schilderung des Einsatzes war lebendig und farbenfroh. Perry Rhodan hatte die Stunden der Entspannung, des Gesprächs und der Liebe genossen, und als er Gesil in den Armen hielt, kam ihm der wehmütige Gedanke, warum es nicht immer so sein könne.
Er hing der Frage nicht lange nach. Im Lauf von zwei Jahrtausenden hatte er sie sich Hunderte von Malen gestellt. Es gab darauf keine Antwort. Er hatte seine Laufbahn selbst gewählt und dabei bewusst auf Ruhe und Beschaulichkeit verzichtet. Die Rolle des Mannes, der in geregelter Arbeitszeit seiner Beschäftigung nachging und sich im Übrigen seiner Familie widmete, hätte ihm auf Dauer kaum behagt. Wer sich dafür entschied, eine Rolle im Drama der kosmischen Gewalten zu spielen, der verlor seinen Anspruch auf Freizeit und Privatleben. Was ihn beruhigte, war, dass niemand dies besser verstand als Gesil.
Am Morgen des Tages, an dem er zu seiner Inspektionsfahrt aufbrechen wollte, suchte er Geoffry Waringer auf. Der Begriff war in diesem Zusammenhang recht wörtlich zu nehmen; denn Waringer zu finden, kostete einige Mühe. Aber Perry Rhodan nahm die Spur auf, und es gelang ihm im Lauf von anderthalb Stunden tatsächlich, Geoffry Waringer in einem Forschungskomplex am Fuß der Berge im Norden der Stadt Hagon aufzuspüren.
Die Begrüßung war herzlich, und doch spürte Rhodan eine Spur Verdruss in Waringers Verhalten.
»Ich höre, dass du dich in letzter Zeit ziemlich rar machst«, sagte er leichthin. »Gesil verwendet Ausdrücke wie Einzelgänger, Eigenbrötler, wenn sie über dich spricht.«
Ein mattes Lächeln huschte über Geoffry Waringers schlankes Gesicht. Er sieht älter aus, dachte Perry Rhodan. Er macht sich Sorgen.
»Gesil kann man nichts vormachen«, antwortete der Wissenschaftler. »Sie sieht glatt durch mich hindurch.«
»Was ist es also?«, fragte Rhodan. »Was bedrückt dich?«
»Die Ungewissheit«, antwortete Waringer. »Die Welt ringsum ist so durcheinander, dass ich mich auf nichts mehr konzentrieren kann. DORIFER spinnt, wenn du die Plattheit des Ausdrucks verzeihst. Drastische Ereignisse, wie sie nur von einem Bestandteil des Moralischen Kodes des Universums ausgelöst werden können, stehen unmittelbar bevor. Aber wir haben nicht die geringste Ahnung, was auf uns zukommt. Es könnte eine Katastrophe von kosmischen Ausmaßen ebenso gut sein wie die Entstehung einer Supernova, eines Schwarzen Loches oder sonst irgendetwas, worüber wir uns nicht den Kopf zu zerbrechen brauchen. Irgendwie muss ein Sinn hinter dem Ganzen stecken, Perry. Es muss möglich sein, DORIFERS Aktivität zu analysieren und zu verstehen. Alles in der Natur unterliegt gewissen Gesetzmäßigkeiten, und der Moralische Kode ist Bestandteil der Natur. Warum gelingt es uns nicht, DORIFER zu begreifen? Warum stehen wir ihm immer noch so hilflos gegenüber wie der Steinzeitmensch dem Blitz, dem Sturm und dem Nordlicht, die er sich auch nicht erklären konnte?«
»Dein Vergleich enthält die Antwort, wie mir scheint«, antwortete Perry Rhodan nachdenklich. »Es gibt Stufen der Erkenntnis, die wir eine nach der anderen erklimmen müssen, bevor wir den Moralischen Kode verstehen können. Der Steinzeitmensch wuchs allmählich heran, lernte den Gebrauch von Metallen und entwickelte erst viel später die Theorien der Thermodynamik, des Elektromagnetismus und der Partikelphysik. Als er das getan hatte, waren Blitz, Sturm und Nordlicht keine Rätsel mehr für ihn.«
»Die Querionen«, knirschte Geoffry Waringer. »Sie wissen mehr, als sie zugeben wollen. Aber sie rücken mit ihren Kenntnissen nicht heraus. Sie sitzen auf ihnen wie die Glucke auf dem Ei.«
Der Vergleich entlockte Perry Rhodan ein Grinsen.
»Vergiss DORIFER für den Augenblick«, riet er dem Mann, der in ferner Vergangenheit sein Schwiegersohn gewesen war. »Auf anderen Gebieten hast du beachtliche Erfolge erzielt. Denk nur an deine Interuniversalsonden. Was wüssten wir heute über den KLOTZ, wenn nicht deine Sonden gewesen wären?«
Waringer winkte ab.
»Hör mir auf mit den Sonden«, beschwerte er sich. »Sie waren dazu gedacht, ein fremdes Universum anzusteuern. Was taten sie stattdessen? Sie materialisierten an Bord eines Großraumschiffs ...«
»... das aufgrund seiner Strangeness als Bestandteil eines fremden Universums betrachtet werden musste«, fiel ihm Perry Rhodan ins Wort.
Aber Geoffry Waringer ließ sich nicht überzeugen.
»Warum kehrten sie beschädigt zurück, Perry?«, klagte er. »Keine einzige Sonde kam zurück, an der nicht das eine oder andere Gerät ausgefallen war. Wie soll man fremde Universen erforschen, wenn man laufend unvollständige Daten geliefert bekommt?«
»Hast du schon einmal darüber nachgedacht«, fragte Perry Rhodan, »dass es sich bei der Beschädigung der Interuniversalsonden um einen natürlichen Vorgang handeln könnte? Dass es ein Gesetz gibt, wonach ein Gegenstand beschädigt werden muss, wenn er in ein anderes Universum vordringt?«
»Strangeness-Schock auf mechanischer Basis, gewiss«, antwortete Waringer. »Er passt in meine Theorie. Ich beschäftige mich schon seit langem mit der Idee.«
»Eine andere Frage macht mir weitaus mehr zu schaffen«, fuhr Rhodan fort. »Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass wir mit interuniversalen Transitionen zu tun haben. Wir unternahmen Vorstöße ins Universum der Druuf. Wir waren in jenem Parallelkosmos, in dem Anti-Rhodan herrschte. Warum haben wir damals keinen Strangeness-Schock gespürt?«
Geoffry Waringer verzog das Gesicht.
»Manchmal wünsche ich mir, du interessiertest dich für weniger komplizierte Dinge«, brummte er verdrießlich. »Ich bin ein bescheidener Mensch; aber auch ich lasse mich nicht gerne zu dem Eingeständnis zwingen, dass ich in Bezug auf gewisse kritische Fragen völlig im Dunkeln tappe.«
»Völlig?«
»Ich habe ein paar Gedanken. Aber bevor ich sie auf ihre Richtigkeit überprüfen kann, muss die Theorie der parallelen Universen komplett sein. Von den beiden Fällen scheint mir der mit dem Druuf-Universum der einfachere zu sein. Ich glaube nicht, dass es sich damals wirklich um Übergänge von einem Universum in ein anderes handelte. Es war vielmehr so, dass die beiden Universen einander überlappten. Man befand sich im Universum der Druuf, gewiss, aber man hatte immer noch ein Stück des Standarduniversums an sich hängen – war mit ihm wie durch eine Nabelschnur verbunden, wenn du so willst. Dass es unter solchen Umständen nicht zur Entwicklung von Strangeness-Schock kommen kann, erscheint einleuchtend. Aber, wie gesagt, das ist vorläufig erst Spekulation.«
»Und im Fall des Parallel-Universums?«
Waringer hob die Schultern.
»Erinnere dich daran, wie der Übergang damals zustande kam«, sagte er. »Es gab eine Explosion, die so gewaltig war, dass ihre zerstörerische Kraft sich nicht mehr im Einstein-Raum austoben konnte, sondern das Gefüge der Raumzeit selbst angriff. Die Wand der vierdimensionalen Raumzeit wurde aufgerissen, und durch das Loch stürzten wir in ein anderes Universum. Der Strangeness-Schock ist ein energetischer Vorgang oder vielmehr das Resultat eines solchen. Es kann sein, dass die Energie des Strangeness-Effekts von der gewaltigen Explosion absorbiert wurde oder neben deren Energieentwicklung nicht mehr zur Wirkung kam. Aber das ist keine Methode für Interuniversalreisen. Wer wird sich schon freiwillig auf eine Bombe von etlichen Tausend Teratonnen TNT setzen und sich darauf verlassen mögen, dass bei der Detonation dieselbe Wirkung eintritt wie damals? Nein, es muss anders gehen. Es muss uns gelingen, mit dem Strangeness-Schock fertig zu werden, wenn wir jemals gezielt zwischen Paralleluniversen hin und her pendeln wollen. Wie ist der Schirm beschaffen, der den Strangeness-Schock verhindert? Das ist die Frage, auf die wir eine Antwort finden müssen.«
»Eines Tages wirst du es wissen«, tröstete Perry Rhodan den Unzufriedenen. »Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.«
»Das fehlte mir noch«, seufzte Geoffry Waringer. »Trost per antiquarisches Sprichwort.«
»Im Übrigen besteht die Möglichkeit, dass du bald neue Informationen über die Vorgänge im Innern DORIFERS erhältst.«
Waringer sah auf.
»Du machst einen Inspektionsflug, nicht wahr?«
»So ganz von der Welt abgeschlossen scheinst du doch nicht zu sein.«
»Man hört hin und wieder etwas«, gab Waringer zu. »Viele halten dich für einen Narren. DORIFER ist zu gefährlich.«
»Willst du mich vom Flug abhalten?«
»Dich?« Waringer lachte. »Eher brächte ich Gold zum Rosten als dich von einem Entschluss ab. Aber ich habe Angst, das gestehe ich dir ehrlich.«
»Angst, wovor?«
Waringer schüttelte den Kopf.
»Das weiß ich nicht. Etwas Ungeheuerliches wird geschehen, und du wirst mittendrin stecken.«
Daraufhin herrschte eine Zeitlang Schweigen. Als Perry Rhodan schließlich wieder zu sprechen begann, da tat er es zögernd und stockend, als wüsste er nicht genau, wie er sich ausdrücken sollte.
»Geoffry, glaubst du ... an eine ... ich meine ... an eine kosmische Bestimmung der Menschheit?«
»Ooh!«, machte Waringer und sah einen Augenblick lang recht erschreckt drein. »Das ist die Frage des Jahrhunderts, nicht wahr? Lass mal sehen.« Er lehnte sich bequem zurück und schlug ein Bein über das andere. »Das, was von den Philosophen als Bestimmung betrachtet wird, interpretiert einer wie ich als die Realisierung von Ereignissen mit geringer a-priori-Wahrscheinlichkeit. Eine Serie von unwahrscheinlichen Zufällen erscheint dem Philosophen als Bestimmung. Für mich ist sie immer noch Statistik, im Fall der Menschheit allerdings eine höchst seltsame Statistik, die erstaunlich oft ausgerechnet das unwahrscheinlichste Ereignis produziert.«
»Danke!«, lachte Perry Rhodan. »Ich hätte mir denken können, dass von dir keine vernünftige Antwort zu bekommen ist.«
»Einen Augenblick«, protestierte Geoffry Waringer, scheinbar gekränkt, »ich bin noch nicht fertig. Deine Frage läuft darauf hinaus, ob ich glaube, dass einer von oben an der Menschheitsstatistik dreht.«
»Ja, und?«
»Diese Frage kann ich nicht beantworten. Das wäre Wahrsagerei. Damit befasse ich mich nicht.«
»Nochmals danke«, sagte Perry Rhodan sarkastisch. »Ich wusste es ja genau.«
»Aber eines erscheint mir unvermeidlich«, fuhr Waringer unbeeindruckt fort. »Es wird geschehen, ob du es willst oder nicht. Ob du daraus den Glauben an eine kosmische Bestimmung der Menschheit ableiten willst, bleibt dir überlassen.«
»Was ist das?«, wollte Perry Rhodan wissen.
»Es ist dasselbe, was für meine schlechte Laune verantwortlich ist«, sagte Waringer. Er war außerordentlich ernst. »Aber eben weil ich übel gelaunt bin – und nicht nur ich allein, sondern auch andere, die sich mit solchen Dingen befassen –, eben deswegen weiß ich, dass es uns eines Tages gelingen wird, das Geheimnis des Moralischen Kodes zu enträtseln.«
»So«, machte Perry Rhodan, ein wenig überrascht.
»Jawohl! Damit hätten wir die Antwort auf die Frage: Wer hat das GESETZ initiiert und was bewirkt es? Wenn ich mich, nur für den Augenblick, einmal deiner Ausdrucksweise bedienen darf, so muss ich sagen: Es ist immer noch
Das Buch Hexameron
Lied des Fünften Tages
Es werden die Klugen den Beginn des Fünften Tages erkennen am Leuchten des Himmels über den Sternen. Seine Farbe wird sein wie die der Blüten des Strauches Dulaam, und es wird den wenigen, die jetzt noch am Leben sind, vorkommen, als hätte Girratu, die Göttin des Feuers, sie wegen ihrer Sünden mit tödlichem Hass gestraft. Denn die Himmel werden glühen und das Land verdorren, und es wird kein Leben mehr möglich sein, wie wir es kennen.
Das alles aber ist nicht Girratus Zorn, sondern das Vorzeichen dessen, was geschehen muss, wenn die Vollendung vollzogen werden soll. Die Gläubigen werden den Samen legen für eine neue Wesenheit, die entstehen und die Macht besitzen wird, den Gluten des Feuers zu trotzen. Aber dann werden auch die Gläubigen sterben, getrost in der Gewissheit, dass ihr Erbe wohl bewahrt ist, und es wird Leere und Öde sein auf den Welten der Zwanzigstätten und den Planeten der anderen Stätten bis hin an die Grenzen des Alls.
Es spricht aber der Herr Heptamer, Sohn der Götter und Herrscher der Eshraa Maghaasu:
Hütet euch vor der Saat der Ungläubigen; denn sie wird sprießen und der Feind der neuen Wesenheit sein. Glaubtet ihr denn, es seien alle Ungläubigen während des Sechsten Tages gestorben, so habt ihr äußerlich recht. Aber die Ungläubigen haben dafür gesorgt, dass ihr unreiner Geist gewahrt bleibt, und er wird auferstehen und sein hässliches Gesicht zeigen. Darum müsst ihr wachsam sein, dass nicht der Unglaube euch übermannt.
Der Fünfte Tag wird zu Ende gehen mit Glut und Getose, und auf ihn folgen wird der Vierte Tag, zu Ehren der Götter im Land Shamuu, die das gewaltige Werk des Alls geschaffen haben und für dessen stete Erneuerung sorgen.
*
»Tarkan also«, sagte Perry Rhodan. »Ein sterbendes Universum.«
»Man könnte, wenn man nicht wüsste, dass es sich um Tarkan handelt, darüber diskutieren, ob es sich um ein sterbendes oder, im Gegenteil, um ein ganz junges, naszierendes Universum handelt«, antwortete LEDA. »Die äußere Erscheinung wäre im Großen und Ganzen wahrscheinlich dieselbe. Die ersten Galaxien wären entstanden, die ersten Sterne hätten sich gebildet. Alles wäre noch ziemlich eng beisammen, und die Temperatur des kosmischen Hintergrunds läge noch bei recht hohen Werten. Zirka eintausend Grad, so wie hier.«
»Aber es müsste einen Unterschied geben«, sagte Perry Rhodan. »Ein junges Universum im Zustand des Geborenwerdens hätte noch keine Zeit gehabt, intelligentes Leben hervorzubringen.«
»Das kann man nicht mit Bestimmtheit sagen«, widersprach die Kapsel. »Der Natur ist es sicherlich möglich, intelligentes Leben in weit kürzerer Zeit zu erzeugen, als wir es gewohnt sind, und in einer Form, die mit unseren Vorstellungen nichts gemeinsam hat.«
»Aber dabei könnte es sich nur um Experimente handeln. Intelligentes Leben in der Frühzeit des Universums muss, wenn es überhaupt existierte, sporadisch und kurzlebig gewesen sein. Damals änderten sich die Bedingungen noch rapide. Was heute überlebensfähig war, musste morgen zugrunde gehen.«
»Wahrscheinlich hast du recht«, sagte LEDA. »Ich spüre, dass du auf etwas Bestimmtes hinauswillst.«
»Gegen deinen Durchblick gibt es keinen Schutz«, spottete Perry Rhodan. »Du hast ganz recht. Ich wollte darauf hinaus, dass allseits verbreitetes intelligentes Leben, besonders wenn es die Stufe der technisierten Zivilisation erreicht hat, Spuren hinterlässt, die auf große Entfernung erkannt und gelesen werden können.«
»In Form von Kommunikation«, ergänzte LEDA.
»Richtig! Wirst du mir endlich sagen, ob deine Sensoren Anzeichen von Kommunikation entdeckt haben?«
»Jede Menge«, antwortete die Kapsel.
»Aha! Und das sagst du mir erst jetzt.«
»Du machtest mir einen recht nachdenklichen Eindruck. Ich nahm an, dass du nicht gestört werden wolltest.«
»Irgendein bekannter Informationskode darunter?«
»Du machst Spaß«, sagte LEDA. »Du kommst in ein fremdes Universum und erwartest, bekannte Informationskodes zu finden?«
»Wir befinden uns mitten in einer Sternenballung«, verteidigte Perry Rhodan seinen Standpunkt. »Es wäre denkbar, dass wir uns in der Galaxis Hangay befinden, in der die Kartanin beheimatet sind. Der kartanische Informationskode ist uns bekannt.«
»Der Informationskode der Pinwheel-Kartanin ist uns bekannt«, korrigierte LEDA. »Du glaubst nicht im Ernst, dass die Hangay-Kartanin denselben Kode benützen?«
»Wahrscheinlich hast du recht«, gab Perry Rhodan nach kurzem Überlegen zu. »Was weißt du sonst über die hiesige Kommunikation? Gibt es Ansatzpunkte, an denen man mit einer Entschlüsselung beginnen könnte?«
»Man benützt Hyperfunk«, antwortete die Kapsel. »Verschiedene Methoden der Modulation und Enkodierung sind im Gebrauch, von den einfachsten bis zu weit fortgeschrittenen. Ganz sicherlich gibt es auch elektromagnetische Kommunikation. Aber wir sind von jeder solchen Quelle zu weit entfernt, als dass ich etwas Artikuliertes empfangen könnte. Mit der Entschlüsselung musst du noch ein wenig warten. Dazu müssen Tendenzen verfolgt, Nachrichten miteinander verglichen und sonstige Analysen durchgeführt werden. Das braucht seine Zeit.«
»Sonst irgendetwas Bemerkenswertes?«, erkundigte sich Perry Rhodan.
»Es wundert mich, dass du erst jetzt danach fragst«, sagte LEDA. »Beim Auftauchen in einer fremden Umgebung suche ich selbstverständlich zuerst nach einem Fixpunkt, an dem ich mich orientieren kann. Es ist durchaus möglich, dass ich hierher zurückkehren muss, um den Ort zu finden, von dem aus der Weg ins Standarduniversum führt.«
»Du hast einen Fixpunkt gefunden?«
»In der Tat. Einen höchst merkwürdigen. Er fällt dadurch auf, dass er in unregelmäßigen Abständen hochenergetische Hyperimpulse von sich gibt. Ich wäre bereit gewesen, an einen natürlichen Vorgang zu glauben. Aber die Impulse sind scharf gebündelt. Wären wir nur ein paar Lichtsekunden abseits unseres jetzigen Standorts materialisiert, hätte ich sie nicht wahrnehmen können. Außerdem besitzen sie ein scharf begrenztes Spektrum. All das sieht nicht nach natürlichem Ursprung aus.«
»Was könnte es sein?«
»Ein Leuchtfeuer zum Beispiel oder irgendein technisches Projekt«, sagte LEDA. »Bemerkenswert erscheint mir, dass die Energie, die den Impulsen innewohnt, ultrahochfrequenter Natur ist. Es handelt sich also, um in deinem Jargon zu bleiben, um psionische Energie. Es könnte durchaus sein, dass wir unser Auftauchen an diesem Ort gerade der Impulsquelle verdanken.«
»Das musst du mir erklären«, sagte Perry Rhodan.
»Ich will es versuchen«, antwortete die Kapsel bereitwillig. »DORIFER ist in jenem übergeordneten Kontinuum angesiedelt, in das die Universen eingebettet sind. Von DORIFER aus könnte man theoretisch in jedes beliebige Universum gelangen. Es sind lediglich die Strangeness-Gradienten, die bestimmte Vorzugsrichtungen festlegen. Wir wurden also durch den Hyperraum nach Tarkan abgestoßen. Welcher Effekt holte uns ins vierdimensionale Kontinuum zurück? Ich meine, es könnte durchaus der Sender gewesen sein, der da in unregelmäßigen Abständen hochenergetische Impulse von sich gibt. Die Impulse sind psionischer Natur. DORIFER arbeitet mit psionischer Energie. Der Bezug liegt nahe.«
»Ich glaube dir«, sagte Perry Rhodan. »Auch wenn ich deinem geistigen Höhenflug nicht ohne weiteres folgen kann.«
»Der Fixpunkt, den ich auswählte, zeichnet sich auch in anderer Hinsicht aus«, fuhr LEDA fort. »Lass mich ihn dir zeigen.«
Das Bild auf der großen Videofläche veränderte sich. Das Meer der Sterne verblasste ein wenig; das düsterrote Hintergrundleuchten verlor an Intensität. In den Vordergrund rückte eine Konstellation, bei deren Anblick Perry Rhodan unwillkürlich in die Höhe fuhr.
Er sah fünf Sterne, die die Eckpunkte eines regelmäßigen Fünfecks markierten. Zwei Sterne leuchteten in hellem Rubinrot, einer war von grellem Blau, die beiden übrigen strahlten grün.
Er erinnerte sich an die Vision, die er kurz vor dem Verlust des Bewusstseins gehabt hatte. Das war sie: zwei rote und zwei grüne Sterne, ein blauer! Hatte er sie erst wahrgenommen, nachdem die Kapsel in Tarkan materialisiert war, oder war ihm der Anblick tatsächlich als Vision zuteil geworden?
»Ein Fünfeck«, stieß er hervor.
»Das Pentagramm, der Drudenfuß«, sagte LEDA ominös.
*
»Die pulsierende Strahlung kommt aus der Richtung der blauen Sonne«, erklärte LEDA. »Entfernung dreihundertfünfzehn Lichtjahre. In der Umgebung des Fünfecks ist die Hyperfunkkommunikation besonders intensiv.«
»Also sollten wir uns dort umsehen, meinst du?«
»Ich gebe Folgendes zu bedenken«, sagte die Kapsel: »Wir sind durch Einflüsse unbekannter Art in ein fremdes Universum versetzt worden. Unsere Aufgabe muss sein, den Weg zurück ins Standarduniversum zu finden. Warten an Ort und Stelle bringt uns nichts ein. Wir brauchen Informationen. Am meisten Aussicht auf Erfolg hat unsere Suche dort, wo wir die höchstentwickelte Technik vorfinden.«
»Fehlerfrei argumentiert«, lobte Perry Rhodan. »Wir fliegen den Drudenfuß an. Woher kennst du überhaupt den Ausdruck?«
»Du vergisst, dass jede DORIFER-Kapsel individuell auf ihren Passagier abgestimmt ist«, antwortete LEDA. »Ich bin mit allen Aspekten deiner Heimatwelt Terra vertraut.«
Minuten später setzte die Kapsel sich in Bewegung. Das Bild auf der großen Videofläche erlosch, als das Fahrzeug die Domäne der vierdimensionalen Raumzeit verließ und in ein übergeordnetes Kontinuum eindrang. Aufgrund der knappen Erklärung, die LEDA abgegeben hatte, glaubte Perry Rhodan zu wissen, dass das Zusatztriebwerk nach dem Prinzip des Metagravs funktionierte. Es mochte sich in wesentlichen Einzelheiten von den Metagrav-Antrieben galaktischer Raumschiffe unterscheiden. Aber über Details ließ sich LEDA nicht aus. Ein Block hinderte sie daran, Geheimnisse der querionischen Technik preiszugeben.
Auf jeden Fall musste es sich um ein überaus leistungsfähiges Triebwerk handeln; denn der Flug durch die konturlose Weite des Hyperraums dauerte nur wenige Minuten. Als die Videofläche wieder aufleuchtete, stand im Mittelpunkt des Bildes der flammende, blaue Glutball eines jungen, ultraheißen Sterns.
»Entfernung vom Ziel dreieinhalb Lichtjahre«, meldete die Kapsel. »Ich bin vorzeitig aufgetaucht, weil ich dich auf etwas aufmerksam machen wollte.«
Das Bild schwenkte ein wenig zur Seite. Ein unscheinbarer gelber Stern wurde sichtbar. Er schien sich in unmittelbarer Nähe zu befinden, denn ein Viertelgrad seitwärts glitzerte ein matter Lichtfleck, der nur von einem Planeten herrühren konnte.
»Spektraltyp Ge-drei«, kommentierte LEDA. »Abstand fünfzehn Lichtstunden. Der Planet, den du siehst, ist der äußerste von insgesamt sieben, ein kalter Wasserstoffriese. Auf dem dritten Planeten scheint es intelligentes Leben zu geben. Ich empfange sporadische Hyperfunksignale.«
»Was ist daran bemerkenswert?«, wunderte sich Perry Rhodan.
»Die Art der Signale«, antwortete die Kapsel. »Sie sind von überaus kurzer Dauer, jeweils nur wenige Nanosekunden. Sie kommen auf verschiedenen Frequenzen. Ich habe den Eindruck, dass da von jemand gefunkt wird, der auf keinen Fall angepeilt oder abgehört werden will. Und das in unmittelbarer Nähe – wenn man dreieinhalb Lichtjahre so nennen kann – einer Einrichtung, die in kurzen Abständen hochenergetische Impulsfolgen von sich gibt. Wer auch immer auf dem dritten Planeten dort vor uns sitzt, legt offenbar Wert darauf, von den Operateuren des Impulssenders nicht bemerkt zu werden.«
Das war eine Komplikation, mit der Perry Rhodan nicht gerechnet hatte. Seine Probleme waren groß genug, ohne dass er in eine Konfrontation zweier unbekannter Mächte in einem fremden Universum hineingezogen wurde. Aber er musste die Lage akzeptieren, wie sie war. Von den beiden Parteien, die er vor sich hatte, schien die, die so überaus vorsichtig mit ihrem Sender umging, sich in der schwächeren Position zu befinden. Es war eine alte Weisheit, dass der Fremde, der unversehens in einen Konflikt geriet, dem Schwachen eher willkommen war als dem Starken.
Die Überlegung gab den Ausschlag. LEDA wandte sich in Richtung des dritten Planeten der gelben Sonne. Der kurze Sprung durch den Hyperraum nahm nur wenige Sekunden in Anspruch. Als LEDA wieder auftauchte, war der dritte Planet eine kleine, grünblaue Scheibe etwa von der Abmessung eines Fingernagels.
Der Anblick weckte wehmütige Erinnerungen in Perry Rhodans Bewusstsein. Wie oft hatte er die Erde so vor sich gesehen, aus einer Entfernung von anderthalb oder zwei Lichtsekunden? Wie froh war er gewesen, wieder zu Hause zu sein! Wie oft hatte er sich fremden Sauerstoffwelten genähert, die ebenso von organischem Leben erfüllt waren wie Terra und ein ähnliches Bild ins All hinausprojizierten. Die Sehnsucht zehrte an seinem Herzen. Es war über sechzehn Jahre her, seit er die Erde zum letzten Mal gesehen hatte, und der letzte Besuch war ein beschwerlicher gewesen, weil der Fluch der Kosmokraten auf ihm lastete.
Etwas Seltsames geschah. Eine Stimme materialisierte mitten in seinem Gehirn und sprach zu ihm:
»Du sehnst dich nach Hause. Komm zu uns. Wir können dir die Heimat nicht wiedergeben; aber wir wollen dafür sorgen, dass du dich bei uns ebenso wohl fühlst wie daheim.«
*
»Hast du das gehört?«, fragte er.
»Ich habe nichts gehört«, antwortete die Kapsel. »Ich registriere lediglich, dass wir uns im Einflussbereich eines mäßig intensiven psionischen Feldes befinden. Die Frequenz liegt in dem Bereich, in dem organische Bewusstseine am empfindlichsten sind. Hast du etwas gehört?«
Er kannte LEDAS Stimme. Sie sprach wie ein Mensch. Freude war darin ebenso zu hören wie Missbehagen. LEDAS Stimme klang misstrauisch. Vorsicht!, signalisierte der Verstand. LEDA würde missbilligen, wenn der Einfluss des psionischen Feldes dazu führte, dass er etwas zu hören glaubte.
»Ganz undeutlich«, wehrte er ab. »Ich dachte, es könnten Worte sein. Aber wahrscheinlich habe ich mich getäuscht.«
»Die ersten Analyseergebnisse liegen vor«, sagte LEDA sachlich. »Es gibt auf dieser Welt keine großflächige Besiedlung. Die Natur erscheint im Großen und Ganzen unberührt. Bei der Niederlassung, die ich dort vermute, handelt es sich wahrscheinlich nur um einen kleinen Stützpunkt.«
»Ich möchte ihn mir ansehen«, erklärte Perry Rhodan.
»Versichere mir, dass das dein eigener Entschluss ist«, verlangte LEDA. »Soweit du weißt, stehst du nicht unter suggestivem Einfluss?«
»Soweit ich weiß, stehe ich nicht unter Einfluss«, antwortete er. »Und es ist mein eigener Entschluss.«
»Ich erfülle dir gern jeden Wunsch«, sagte LEDA mit ungewohnter Eindringlichkeit. »Ich werde dir sogar diejenigen Wünsche erfüllen, die dir nach meiner Ansicht zum Nachteil gereichen. So ist mein synthetisches Bewusstsein konstruiert. Aber ich bitte dich, zu bedenken, dass wir uns in einer absolut fremden Umgebung befinden. Wir wissen nichts von den Kräften, die die Kreaturen dieses Universums beherrschen. Du magst dich aufgrund deiner Mentalstabilisierung für immun gegen jeden fremden Einfluss halten. Erinnere dich, dass dich diese Zuversicht selbst daheim im Standarduniversum manchmal im Stich gelassen hat. In umso größerer Gefahr befindest du dich hier. Ich kann auf dich achten. Ich kann dich warnen, wenn du bedroht wirst. Aber die Entscheidung triffst du selbst; zum Guten wie zum Schlechten. Deswegen bitte ich dich: Sei auf der Hut!«
Er war beeindruckt. So ernst hatte er LEDA noch nie sprechen hören.
»Ich nehme mir deine Warnung zu Herzen«, sagte er. »Ich danke dir für deine Fürsorge. Ich habe nicht die Absicht, in irgendjemandes Falle zu gehen.«
»Denk an diese Worte, wenn die Gefahr auf dich zukommt«, sagte LEDA.
*
Eine eigenartige Stimmung hatte sich seiner bemächtigt. Das Land, das unter ihm dahinglitt, war wie das Land der Erde. Er empfand ein überwältigendes Gefühl der Verbundenheit mit dieser Welt. Das Schicksal hatte ihn in ein Paralleluniversum verschlagen. Konnte es sein, dass dieser Planet eine Parallelerde war?
Hin und wieder schrak er aus seiner Grübelei auf. Dann gewann für ein paar Sekunden der Intellekt wieder die Oberhand. Die Welt, die vor seinen Augen lag, war unbesiedelt. Es gab nicht einmal die primitivsten Spuren der Zivilisation. Die Flüsse zogen unberührt ihre Bahn. Kein Kiel hatte je eine Furche durch ihre Oberfläche gezogen. Kein Pfad zog sich durch die weiten Wiesenflächen, und keine einzige regelmäßig geformte Lichtung unterbrach das Einerlei der endlosen Wälder.
Nein, es war keine Parallelerde, die er hier zu sehen bekam. Es gab kein intelligentes Leben auf dieser Welt, wenigstens kein eingeborenes. Die Konturen der Kontinente, die LEDA während mehrerer Umkreisungen aufgezeichnet hatte, waren fremdartig. Die Temperaturen des Planeten lagen höher als die der Erde. Kein Mond begleitete die grünblaue Welt auf dem Weg um die Sonne.
So mochte die Erde vor 70 Millionen Jahren, zu Beginn des Tertiärs, ausgesehen haben. Überall in den Bergen gab es Spuren vulkanischer Aktivität, und an den Küsten der großen Meere gab es kilometerbreite, kahle Strände, die so aussahen, als seien sie erst vor kurzem aus den Fluten aufgetaucht.
Ein junger Planet in einem sterbenden Universum, dachte er amüsiert. Der Widerspruch war nur scheinbar. Sternbildung ist vom Alter eines Universums weitgehend unabhängig. Die Gravitation gebiert Sterne. Erst wenn kurz vor dem Tod eines Universums Kräfte auftreten, die in ihrer Intensität die Schwerkraft übertreffen, werden keine Sterne mehr geboren. Tarkan hatte dieses Stadium noch nicht erreicht. Die gelbe Sonne mochte ebenso alt sein wie Sol, der Planet 50 bis 100 Millionen Jahre jünger als die Erde. Wenn der Vergleich mit Terra zur Zeit des beginnenden Tertiärs aufrechterhalten werden konnte, dann bekam diese Welt keine Chance, eingeborenes, intelligentes Leben zu entwickeln. Lange vorher würde Girratu in ihrem Zorn die Wälder und Wiesen verbrannt und die Meere ausgetrocknet haben.
Er stutzte. Woher war ihm dieser Gedanke gekommen? Wer war Girratu?
»Die Göttin des Feuers«, kam die Antwort. »Aber es ist nicht ihr Zorn, der die Welten vernichtet. Es sind die Kräfte der Neuordnung, und man darf auch nicht von Vernichtung sprechen. Es werden lediglich Vorbereitungen getroffen für die Wiedergeburt des Alls.«
Wer bist du?, dachte Perry Rhodan.
Er bekam keine Antwort. Der unsichtbare Sprecher, der sich ihm auf mentalem Weg mitteilte, war an einer Unterhaltung offenbar nicht interessiert.
»Wir nähern uns dem Gebiet, in dem der fremde Hypersender steht«, sagte LEDA. »Siehst du den Bergzug, der sich quer durchs Blickfeld zieht?«
Er war unübersehbar. Selbst aus einer Höhe von vierzig Kilometern wirkte er imposant. Riesige Gesteinsmassen türmten sich himmelwärts. Glitzernde Schneekappen zierten die höchsten Gipfel. Aus drei vulkanischen Kegeln stieg Rauch. LEDA hatte die Himmelsrichtungen inzwischen nach terranischer Konvention festgelegt. Die Gebirgskette zog sich von Norden nach Süden. In Ausdehnung und Höhe war sie dem irdischen Himalaja zumindest ebenbürtig.
»Ich sehe die Berge«, sagte Perry Rhodan.
»Der Sender befindet sich am östlichen Hang. Es gibt dort ausgedehntes Waldland.«
»Sind wir bemerkt worden?«
»Es gibt dafür keinerlei Anzeichen. Aber ich halte es für unmöglich, dass ein Fahrzeug wie diese Kapsel einer Installation, die mit hochentwickelter Technik ausgestattet ist, entgehen könnte.«
»Es könnte sein, dass es sich um einen unbemannten Stützpunkt handelt«, gab Perry Rhodan zu bedenken.
»Selbst eine automatische Station hätte in irgendeiner Weise auf unsere Ankunft reagiert. Vergiss nicht, dass nach meiner Theorie die Wesen, die die Station eingerichtet haben und sich vielleicht sogar selbst hier aufhalten, darauf bedacht sind, unentdeckt zu bleiben.«
Irgendetwas vermittelte ihm den Eindruck, dass LEDA eigentlich noch mehr hatte sagen wollen. Aber die Stimme schwieg, und nach einer Weile fragte er:
»Du wirst in der Nähe der Station landen, nicht wahr?«
»So nahe wie möglich«, antwortete LEDA. »Und in der besten Deckung, die ich finden kann.«
Die Berge kamen näher. Die Kapsel verlor rapide an Höhe.
»Ich sprach von einer Reaktion, die eigentlich hätte erfolgen müssen«, begann LEDA von neuem. »Vielleicht kann ich sie nicht wahrnehmen. Vielleicht reagieren die Fremden in einer Weise, auf die nur du ansprichst.«
»Ich weiß nicht, worauf du hinauswillst«, sagte er.
»Du spürst nichts? Keinen Einfluss, der dich unter Kontrolle zu bringen versucht? Keine suggestive Kraft, die deinen Willen lähmt?«
»Nein«, antwortete er.
Daraufhin schwieg die Kapsel, und er glaubte nicht, dass er sie angelogen hatte. Gewiss, da war die eigenartige Stimme, die mitunter unmittelbar in seinem Bewusstsein materialisierte. Aber sie sprach nur zu ihm. Sie versuchte ihn nicht zu beeinflussen.
Da war freilich der Name der Göttin – wie hieß die doch? Girratu? –, den er mit einem Mal wusste, ohne ihn je zuvor gehört zu haben. Er musste von dem Unsichtbaren in seinem Gedächtnis deponiert worden sein. Was mochte der Fremde sonst noch in seinem Bewusstsein hinterlegt haben? War das nicht eine Form der Beeinflussung?
»Fürchte dich nicht«, erklangen freundliche Worte in seinem Gehirn. »Du bist unter Freunden.«
»Nein«, wiederholte Perry Rhodan mit Nachdruck. »Ich werde nicht beeinflusst.«
*
Eine Felsleiste zwischen zwei steil aufragenden Monolithen – das war das Versteck, das LEDA sich gesucht hatte. Heckwärts wuchteten die bewaldeten Hänge der mächtigen Berge in die Höhe. Nach Osten hin senkte sich eine breite Geröllhalde in sanfter Neigung zur Ebene hinab. Die Ebene war von Wald bedeckt, so weit der Blick reichte. Die Außentemperatur lag bei 31 Grad, die Luftfeuchtigkeit betrug 74 Prozent. Aber ausgerechnet in dieser tropischen Wildnis fanden sich die ersten Spuren einer technisierten Zivilisation.
Die schlanken Spitzen mehrerer Hyperfunkantennen ragten über das Blätterdach empor. Sie waren Gebilde von filigraner Struktur, offenbar von einem künstlichen Schwerefeld gestützt, sonst wären sie unter dem eigenen Gewicht zusammengebrochen. Mitunter glitzerten sie im Schein der Sonne; aber es genügte schon eine geringfügige Veränderung des Blickwinkels, und schon waren sie unsichtbar.
Ein paar Kilometer abseits der Antennen erhob sich ein vierhundert Meter hoher Hügel von der Form eines abgeschnittenen Konus. Die Gestalt des Hügels war geometrisch so exakt, dass man ihn für ein künstliches Gebilde hätte halten können, wenn nicht die dichte Vegetation gewesen wäre, die an den steilen Hängen emporwucherte und auch das Gipfelplateau bedeckte. Solch zusammenhängenden Pflanzenwuchs erschuf die Natur nicht in Wochen oder Monaten, auch nicht unter den Treibhausbedingungen des tropischen Dschungels. Der Hügel war auf natürliche Weise entstanden. Die tektonischen Kräfte, denen das Gebirge seine Entstehung verdankte, hatten ihn in einer Laune erschaffen, weit abseits ihres eigentlichen Wirkungsbereichs.
»Es gibt organisches, intelligentes Leben auf diesem Planeten«, sagte LEDA. »Hier ist der Beweis.«
Plötzlich war fernes Stimmengewirr zu hören. Die Wesen, die sich da unterhielten, sprachen mit tiefem, sonorem Tonfall in einer fremden Sprache.
»Ich habe ein paar Mikrosonden ausgeschickt«, erklärte LEDA. »Sie haben sich ihr Versteck recht geschickt angelegt. Sieh selbst.«
Das Bild wechselte. Durch die Aufnahmeoptik einer Sonde blickte Perry Rhodan auf eine weitläufige Lichtung, auf der mehrere kegelförmige Gebäude standen, die durch breite, schnurgerade Pfade untereinander verbunden waren. Die Pfade dienten gleichzeitig als Einrahmung für gepflegte Rasenflächen, auf denen Inseln von Büschen mit bunten Blüten wuchsen. Es war eine idyllische Szene, die sich vor seinen Augen ausbreitete, eine Szene des Friedens. Er erkannte auch rasch, dass es sich nicht wirklich um eine Lichtung handelte, sondern lediglich um ein Stück Wald, aus dem jegliches Unterholz entfernt worden war. Die alten Baumriesen hatte man stehen lassen, Stämme mit einem Durchmesser von mehr als drei Metern, die in vierzig und mehr Metern Höhe ein umfangreiches, flaches Blätterdach bildeten. Der Sinn des Arrangements lag auf der Hand. Von oben her war der Platz, auf dem die kegelförmigen Gebäude standen, unsichtbar. Das Laubwerk des Dschungels war nirgends unterbrochen. Der dichte Blattwuchs hielt einen Großteil des einfallenden Sonnenlichts ab. Die unbekannten Erbauer der Anlage hatten für Ausgleich gesorgt: An mehreren Stämmen waren Heliolampen angebracht, die eine angenehme Helligkeit verbreiteten, deren warmer gelblicher Farbton dem des Sonnenlichts entsprach.
Das Bild schwenkte. An einer Stelle, an der sich zwei Pfade kreuzten, standen mehrere hochgewachsene, humanoide Gestalten. Ihre Stimmen waren es, die die Sonde übertrug.
Eine merkwürdige Art von Erregung schlug ihn in Bann. Er empfand ein unwiderstehliches Sehnen. Eine fremde Macht zog ihn hinaus zu den vier schlanken Gestalten. Er sah keine Einzelheiten. Er nahm nicht einmal wahr, wie sie gekleidet waren. Aber er wusste: Er musste hinaus zu ihnen. Er musste mit ihnen sprechen!
Das Gefühl der Zusammengehörigkeit war überwältigend. Er stand auf.
»Chemische Zusammensetzung der Luft, bakterielle Beimengungen – alles in Ordnung?«, fragte er mit einer Stimme, die sich fremd anhörte.
»Keine Gefahr«, antwortete LEDA.
»Du kannst trotzdem nicht hinaus.«
»Warum nicht?«
»Erinnere dich an das, was ich zuvor sagte. Nur ich kann dich vor dem Strangeness-Schock schützen. Mein Einflussbereich geht nur bis wenige Meter jenseits der Kapselwand.«
»Ich muss hinaus«, beharrte er.
»Freiwillig? Oder zwingt dich jemand dazu?«
»Freiwillig«, knurrte er.
»Ich glaube dir nicht«, sagte LEDA. »Aber ich habe dir schon klargemacht, dass ich deine Entscheidung akzeptieren muss. Ich öffne das Schott. Wenn du den Schock überwunden hast und wieder klar denken kannst, nimm Verbindung mit mir auf. Ich halte mich bis dahin abseits.«
»Ja, ja!«, brummte er. »Deine Sorgen sind umsonst. Ich habe nichts zu befürchten. Das sind Freunde dort draußen. Wie weit ist es von hier bis zu der Lichtung auf dem Bild?«
»Vier Kilometer haarscharf Ost. Dein Pikosyn wird keine Schwierigkeiten haben, die Siedlung anzupeilen.«
»Gut«, sagte er. »Und jetzt: Mach auf!«
Das Luk an der Seitenwand des Passagierraums öffnete sich. Die Kapsel besaß keine Schleuse.
Perry Rhodan hatte den Helm der Netzkombination geöffnet. Warme Luft, die einen Geruch von Feuchtigkeit und Moder mit sich trug, schlug ihm entgegen. Er trat ins Freie. Vor ihm lag die Geröllhalde im Nachmittagsschein der fremden Sonne. Einen Kilometer war es von hier bis zum Rand des Waldes, ein Höhenunterschied von nicht mehr als einhundert Metern.
Er hörte, wie das Luk sich hinter ihm schloss. Er spürte einen sanften Ruck, als er den Einflussbereich des künstlichen Schwerefelds verließ und in die natürliche Gravitation des Planeten hinaustrat.
Er wollte ein paar Meter zu Fuß gehen, bevor er das Gravo-Pak aktivierte. Er wollte den Boden der fremden Welt, die ihm so vertraut vorkam, unter den Füßen spüren.
Das Buch Hexameron
Lied des Vierten Tages
Abermals wird der Himmel über den Sternen seine Farbe ändern, und er wird leuchten wie das kostbare Erz Sarttu. Daran erkennen die Klugen den Beginn des Vierten Tages. Es wird keinen Streit mehr geben darüber, ob die Glut ringsum von Girratu, der Göttin des Feuers, ausgegossen sei. Denn die wenigen, die zu Beginn des Vierten Tages noch leben, wissen, dass alles, was geschieht, im Plan des Hexameron vorgesehen ist und der Vollendung dient.
Die wenigen aber wird man Eteequ nennen; denn ihnen ist bestimmt, durch die Zeit weiterzuziehen bis hin zum Ersten Tag, an dem sich ihr Schicksal vollenden wird. Die Eteequ sind hervorgegangen aus dem Samen, den die Gläubigen am Fünften Tag gelegt haben, damit sich der Rest der Zeit nicht vollziehe, ohne von wachen Bewusstseinen wahrgenommen zu werden.
Es wird aber auch aufgehen die Saat der Ungläubigen, und aus ihr werden Wesen entstehen, die man Annutu nennt, die Sündigen. In den Gehirnen der Annutu wird vereint sein das ganze Wissen, das die Ungläubigen je besaßen, und die Annutu werden glauben, dass es leicht sei, den Lauf der Vollendung abzubremsen, ja sogar umzukehren. Denn sie wissen, wie Gestalthaftes in Nichtgestaltiges zu verwandeln ist, und von diesem Wissen werden sie Gebrauch machen. Eine Zeitlang wird es erscheinen, als müsse es den Annutu gelingen, über die Eteequ zu siegen. Und so wird der Vierte Tag enden: als eine Zeit der Ungewissheit, und selbst einige Eteequ werden zweifeln, ob der große Plan des Hexamerons sich jemals verwirklichen lassen wird. Die Zweifler werden in den Gluten sterben; denn es sprechen die Götter: Wer kein Vertrauen in unser Wort hat, der sei des Todes!
Die Eteequ und die Annutu aber werden Wesen sein, wie das All sie noch nie gesehen hat: körperlos und nur aus Geist bestehend, mit Kräften ausgestattet, die die gestalthafte Kreatur nicht besitzt. Denn am Vierten Tag werden Sonnen sich aufblähen, Planeten zu flüssiger Glut werden und Sternstätten miteinander verschmelzen, und es wird nichts Gestalthaftes mehr geben, das Leben in sich trüge, und nur noch der Geist wird im Feuer schweben und wahrnehmen, wie die Vollendung sich vollzieht.
Der Vierte Tag wird zu Ende gehen mit Zagen und Ungewissheit, und auf ihn folgen wird der Dritte Tag, zu Ehren der Götter im Land Shamuu, die das gewaltige Werk des Alls geschaffen haben und für dessen stete Erneuerung sorgen.
*
Er lag still und horchte. Die Augen hielt er geschlossen. Bevor er die Welt ringsum erkennen ließ, dass er wieder bei Bewusstsein war, wollte er den Ohren, der Nase und dem Tastsinn Gelegenheit geben, ihn mit Informationen zu versorgen.
Es war warm. Die Luft roch fremdartig. Es befanden sich fremde Geschöpfe in der Nähe, und der Geruch, den er wahrnahm, war ihre Körperausdünstung. Er hörte schwache, raschelnde Geräusche, die jeweils nur Sekunden andauerten. Da war jemand, der ihn beobachtete und darauf wartete, dass er wieder zu sich kam. Ansonsten herrschte Stille. Er befand sich im Innern eines Gebäudes. Sein Rücken drückte gegen etwas Weiches. Man hatte ihn auf eine Liege gebettet.
Er öffnete die Augen, sah etwas ganz und gar Erstaunliches und schloss sie wieder.
Tostan, der Spieler!, schoss es ihm durch den Sinn. Absolut unmöglich. Wie sollte er hierhergekommen sein?
»Du bist wach«, sagte eine tiefe, volltönende Stimme.
Er traute seinen Ohren nicht. Die Stimme sprach Interkosmo! Was war geschehen? Er erinnerte sich daran, wie er die Kapsel verlassen hatte. Er war im Begriff gewesen, über die Geröllhalde in Richtung des Waldes abzusteigen, als ihn der Schock traf. Was war danach geschehen? Hatte eine fremde Kraft ihn wieder ins Standarduniversum zurückversetzt?
Er öffnete ein zweites Mal die Augen. Er erkannte, dass er sich getäuscht hatte. Das Wesen, das vor ihm saß, sah Ratber Tostan ähnlich; aber es gab genug Unterschiede, die ihm wohl schon beim ersten Blick aufgefallen wären, wenn ihm nicht die Überraschung einen Streich gespielt hätte. Der Fremde war humanoid. Seine Gestalt war hochgewachsen und ausgesprochen hager. Dunkle, lederne Haut spannte sich straff über Muskeln und Gelenke. Der Kopf des Fremden hatte Ähnlichkeit mit einem Totenschädel. Hier war die Verwechslung mit Ratber Tostan, dem Spieler, geschehen. Die Haut des Gesichts schien unter Spannung zu stehen. Der Mund war lippenlos. Zwei Reihen kräftiger Zähne leuchteten Perry Rhodan entgegen. Der Fremde besaß keinen Haarwuchs. Kinn und Schädelplatte waren kahl. Die kleinen Augen lagen tief in trichterförmigen Höhlen versteckt. Alles in allem war es kein erfreulicher Anblick, der sich Perry Rhodan bot. Aber der Terraner erinnerte sich, dass der Fremde mit ruhiger, freundlicher Stimme zu ihm gesprochen hatte.
Er saß auf einem lehnenlosen Stuhl, einer Art Hocker. Die langen, dürren Beine hatte er nach hinten weggestreckt. Er trug einen lockeren Umhang aus dünnem, beigefarbenen Material. Die Ärmel waren weit geschnitten, ließen jedoch die Hände frei. Die Hände waren lang und schmal und mit vier langen, dünngliedrigen Fingern sowie einem Daumen ausgestattet.
Auf der rechten Brustseite des Umhangs prangte ein Symbol. Es leuchtete golden und schien eine untergehende Sonne darzustellen: einen Halbkreis, aus dessen Peripherie sechs Strahlen unterschiedlicher Länge sprossen. Von links nach rechts wurden die Strahlen zunehmend länger.
Perry Rhodan blickte an sich entlang. Er trug die leichte Tageskleidung, die er unter der Netzkombination anzuziehen pflegte. Die Kombination hatte man ihm abgenommen, zusammen mit der Waffe. Das Gestell, auf dem er lag, war von denkbar einfacher Art; aber es besaß pneumatische Polsterung. Die Liege und der Hocker, auf dem der Fremde saß, stellten das einzige Mobiliar des kleinen Raumes dar. Aus einer Lumineszenzplatte fiel sanftes, gelbliches Licht. Wände und Decke waren kahl, mit einer grobkörnigen weißen Tünche überzogen. Der Boden bestand aus unregelmäßig geformten, polierten Steinplatten. Zur rechten Hand gab es einen bogenförmigen, türlosen Durchgang. Dahinter lag Finsternis.
»Wer bist du?«, fragte Perry Rhodan auf Interkosmo.
»Nenne mich Varro pak Duur«, antwortete der Fremde mit tiefer, wohlklingender Stimme. »Das ist mein Name.«
»Woher kennst du meine Sprache?«
»Du trugst ein recht interessantes Kleidungsstück.« Die Zähne des Fremden knirschten, und in den tiefen Höhlen funkelten die Augen ein wenig. Perry Rhodan nahm's als Zeichen der Belustigung. »Die Technik ist durchaus beeindruckend. Das Computerkonglomerat – Pikosyn nennst du es, glaube ich – war ohne weiteres zur Zusammenarbeit bereit. Es beherrscht mehrere Sprachen. Wir suchten uns diejenige aus, die unter den Wesen deiner Heimat die geläufigste ist.«
»Wir?«, forschte Perry Rhodan.
»Wir, die Arbeiter des Einsatzkommandos Tiger-sechs.«
Ihm schwirrte der Kopf. Er erinnerte sich an das Bild, das LEDAS Mikrosonde ihm gezeigt hatte: die Siedlung unter dem Blätterdach des Waldes, die drei hochgewachsenen, schlanken Gestalten an der Kreuzung zweier Pfade. Er hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, sie näher zu betrachten. Ein Gefühl euphorischer Sympathie hatte ihn überschwemmt. Jetzt saß ihm eine der Gestalten gegenüber, und außer der Stimme war nichts mehr Sympathisches an ihr. Varro pak Duur hatte sich die Mühe gemacht, Interkosmo zu lernen. Das war keine leichte Aufgabe. Selbst mit der Beihilfe hypnodidaktischer Methoden musste er dazu mehrere Stunden gebraucht haben. Warum aber hatte er eine solche Anstrengung unternommen? Nur um einem vom Strangeness-Schock geplagten Fremden das Leben zu erleichtern?
