Perry Rhodan-Paket 29: Die Cantaro (Teil 1) -  - E-Book

Perry Rhodan-Paket 29: Die Cantaro (Teil 1) E-Book

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Beschreibung

Als Perry Rhodan und seine Freunde nach 695 Jahren das Stasisfeld verlassen, in das sie durch den Transfer Hangays versetzt wurden, hat sich vieles verändert. Mit Unterstützung von Cyborgs aus einer fernen Galaxis, den Cantaro, hat der mysteriöse Tyrann Monos die Milchstraße unterworfen und durch einen unüberwindlichen Wall abgeschottet. Perry Rhodan lernt das Netz der Schwarzen Sternenstraßen kennen und befreit zusammen mit der Widerstandsgruppe Widder und den Neuen Freihändlern die versklavte Heimatgalaxis.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Nr. 1400

Götter der Nacht

Versprengt in Zeit und Raum – und gefangen in der Sternenwüste

von Kurt Mahr

Der Kosmos gerät aus den Fugen – so muss es zwangsläufig einem unbeteiligten Beobachter erscheinen, der die Dinge, die sich vollziehen, mit gebührendem Abstand betrachtet.

Wir meinen das Geschehen im März des Jahres 448 NGZ, das dem Jahr 4035 unserer Zeitrechnung entspricht. Es begann im Vorjahr mit dem stückweisen Transfer der Galaxis Hangay aus Tarkan, dem sterbenden Universum, in die Lokale Gruppe unseres heimatlichen Universums.

Als das letzte Hangay-Viertel bei uns materialisiert, bedeutet das ebenfalls die Rückkehr der wiedergeborenen Superintelligenz ESTARTU sowie die Rückkehr all der Galaktiker wie Perry Rhodan, Atlan, Reginald Bull, die sich nach Tarkan wagten bzw. dorthin verschlagen wurden.

Die Rückkehr wird jedoch in dem Augenblick problematisch, als der aus 14 Raumschiffen bestehende galaktische Verband die Welt Narna verlässt und sich auf den Weg zum Raumsektor X-DOOR macht. Die Schiffe geraten in den Einflussbereich von Strukturverdrängungen und werden in einem Stasisfeld gefangen.

Nachdem dies ausgestanden ist, landet man auf einer Welt der Hauri. Dort verehrt man die GÖTTER DER NACHT ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner findet sich in einem Kerker wieder.

Benneker Vling – Ein Abgesandter verabschiedet sich auf dramatische Weise.

Sattavankual – Ein Glaubenslehrer.

Der Mamoch von Zuul – Herrscher über eine Stadt.

Salaam Siin

1.

Alarm!

Das dritte Mal in zwei Stunden!

Auf dem Video brütete das konturlose Dunkel des Hyperraums. Mit einem Überlichtfaktor von 60,8 Millionen eilte die CIMARRON auf ein fernes Ziel zu, das am Rand des äußersten Spiralarms der Galaxis Hangay lag. Irgendwo im undurchdringlichen Dunkel des Bildes bewegten sich die anderen 13 Schiffe des Verbands: elf Einheiten des Galaktischen Expeditionskorps unter Atlans Kommando, die SORONG und die HARMONIE.

Perry Rhodan hatte vergessen, wie lange er schon auf den Beinen war – gewiss mehr als zwei Tage. Mit Medikamenten bemühte er sich, die Müdigkeit zu vertreiben. Der Geist war willig, und die Gedanken flossen mit gewohnter Schnelle. Es war das Fleisch, das nicht mitmachte. Bleierne Schwere lag in den Gliedern, und die belebenden Impulse des Zellaktivators zeigten kaum noch Wirkung.

Sein Blick fraß sich an der kleinen Bildfläche fest. Was hatte den Alarm ausgelöst?

In der rechten Bildhälfte tauchte ein haarfeiner grüner Strich auf. Er bewegte sich mit mäßiger Geschwindigkeit in Richtung der Bildmitte. Zweimal zuvor hatte Perry Rhodan eine solche Anzeige gesehen. Er wusste sie zu deuten und brauchte die Ansage des Syntron-Verbunds nicht mehr: »Strukturverdrängung ab- und heckseits, mit mäßiger Geschwindigkeit aufschließend.«

Das grüne Echo war das Produkt des Transponders, des einzigen Geräts, das die Fähigkeit besaß, im Hyperraum Messungen anzustellen. So stolz seine Erfinder auch sein mochten – der Transponder war ein klobiges, unempfindliches Instrument, das nur die energiereichsten Ereignisse im 5-D-Kontinuum zu erfassen vermochte.

Energiereich, das war das Wort! Strukturverdrängung, das war weiter nichts als eine hochkonzentrierte Ballung fünfdimensionaler Energie, eine hyperenergetische Schockfront, die sich mit variabler Überlichtgeschwindigkeit bewegte. Perry Rhodan starrte auf den dünnen grünen Strich, der sich unaufhaltsam dem Bildmittelpunkt näherte. Das Zentrum des Bildes markierte den Standort der CIMARRON. Wenn der Strich das Zentrum berührte, dann ... Ja, was dann? Zweimal schon hatte sich die CIMARRON in ähnlicher Lage befunden. Zweimal hatten sich die Schockfronten aufgelöst, bevor sie das Schiff erreichten. Doch diese hier war hartnäckig.

Als wüsste sie, dass ihr Opfer nicht entrinnen konnte, näherte sie sich langsam, aber unbeirrbar.

»Kontakt in zehn Sekunden«, meldete der Syntron.

Der Teufel mochte die Maschine holen mitsamt ihrer emotionslosen und absolut sachlichen Synthesizer-Stimme. Was kümmerte es sie, wenn die CIMARRON zerfetzt wurde? Sie hing nicht am Leben. Sie bestand aus Metall, Hochpolymeren, Halbleitern und ein paar Milliarden hyperenergetischen Mikrofeldern. Der biotronische Zusatz befähigte sie zwar Gefühle zu verstehen und zu simulieren, aber nicht, selbst welche zu empfinden.

Der linke Flügel des Striches war nur noch zwei Millimeter von der Bildmitte entfernt. Perry Rhodan beugte sich weit nach vorne. Im Zentrum des Bildes glomm ein winziger orangefarbener Punkt. Er stellte die CIMARRON dar. Eine Sekunde lang sah es so aus, als wolle das Ende des grünen Strichs haarscharf am Punkt vorbeistreichen. Sah er richtig, oder spielte ihm die vom Überlebenswunsch beflügelte Phantasie einen Streich?

Eine unsichtbare Faust griff nach ihm und stauchte ihn tief in die Polster des Sessels. Schreie gellten auf. Krachende, berstende Geräusche erfüllten die Luft. Eine zentnerschwere Last lag ihm auf der Brust und hinderte ihn am Atmen. Der Spuk dauerte vier Sekunden. Dann endete er so plötzlich, wie er begonnen hatte. Perry Rhodan wischte sich die Tränen aus den Augen und musterte das Video. Das Dunkel des Hyperraums war noch da. Das Grigoroff-Feld hatte standgehalten. Der grüne Strich war weitergewandert. Das linke Ende stand fast schon einen Zentimeter über der Bildmitte.

»Schadensanzeigen!«, rief Rhodan; das Wort hörte sich an, als hätte ein heiserer Hund gebellt.

»Keine ernsthaften Schäden«, antwortete der Syntron-Verbund ohne Zögern. »Die Struktur des Schiffes ist unversehrt; kein Ausfall bei den lebenswichtigen Aggregaten. Der Hyperflug kann unbedenklich fortgesetzt werden.«

Gott sei Dank! Jetzt kam es nur noch darauf an, wie die anderen dreizehn Einheiten die Begegnung mit der Schockfront überstanden hatten. Im Hyperraum gab es keine Schiff-zu-Schiff-Kommunikation. Man würde warten müssen, bis der Zielpunkt erreicht war. Hyperion-Alpha hatte man den imaginären Punkt am Rand der Galaxis Hangay genannt. Um 02.00 Uhr am 10. März 448 sollte er erreicht sein. Perry Rhodan warf einen Blick auf die Kalenderuhr. Der 10. März hatte soeben begonnen. Es war 00.13 Uhr.

Er ließ die Gurthalterungen aufschnappen und stand schwerfällig auf. Reginald Bull, der neben ihm an der großen Kommandokonsole saß, nickte beifällig.

»Hast recht, Alter«, sagte er. »Leg dich eine Stunde aufs Ohr. Du bist schon ganz grün um die Nase.«

»Anderthalb Stunden«, konterte Rhodan mit müdem Grinsen. »Darunter tu ich's nicht.«

Sein Quartier lag nur ein paar Dutzend Schritte vom Kontrollraum entfernt. Die Tür öffnete sich selbsttätig, als der Sensormechanismus den Herannahenden erkannte. Durch einen kurzen Flur gelangte Perry Rhodan in den Wohnraum. Als er die hagere, hochaufgeschossene Gestalt erblickte, die sich ausgerechnet in seinem Lieblingssessel räkelte, blieb er unvermittelt stehen. War der Albtraum immer noch nicht zu Ende?

»Steh auf, Benneker Vling!«, herrschte er den ungebetenen Besucher an. »Und wenn sich's irgendwie einrichten lässt: Scher dich zum Teufel!«

*

Gehorsam stand Vling auf.

»Ich rechne es deiner Erschöpfung an, dass du den Abgesandten einer Superintelligenz schon wieder wie einen Landstreicher behandelst«, klagte er.

Perry Rhodan ließ sich in den soeben freigewordenen Sessel fallen.

»Deine eigene Schuld«, brummte er. »Du tauchst zu den ungeeignetsten Zeiten auf, verschwindest wieder, kommst wieder zum Vorschein ... und so weiter. Ich nehme an, dass ES dir irgendeinen Auftrag gegeben hat. Wenn wir nur wüssten, was du noch vorhast, wärest du uns schon viel sympathischer.«

Auf solche Vorhaltungen hatte Benneker Vling sonst mit einem seiner verworrenen Sprüche geantwortet. Diesmal jedoch blieb er ernst.

»Meine Aufgabe hätte auf Narna beendet sein sollen«, sagte er. »Ich war der Sensor, durch den ES die Wiedergeburt seiner Schwester beobachten wollte. Aber ES ist in Sorge und trug mir auf, noch eine Zeitlang bei euch zu bleiben.«

»In Sorge? Hat die Sorge etwas mit den Strukturverdrängungen zu tun?«

»Ja. ES befürchtet eine großmaßstäbliche Erschütterung des Raum-Zeit-Gefüges im Bereich der Lokalen Gruppe, möglicherweise weit darüber hinaus.«

»Hat ES einen Rat für uns?«, erkundigte sich Perry Rhodan.

»Forscht nach der Ursache der Verdrängungen«, antwortete der Robotwartungsspezialist.

»Die Ursache ist das unvermittelte Auftauchen des letzten Hangay-Viertels«, behauptete Rhodan. »Strukturverdrängungen sind die unmittelbare Folge der Materialisierung großer Sternenmengen, die in eine fremde Raumzeit eingebettet sind.«

»So las man es vor Tische«, zitierte Benneker Vling aus dem unerschöpflichen Reservoir seiner Kenntnisse der terranischen Literatur. »Strukturverdrängungen hat es unmittelbar nach dem Auftauchen eines jeden Hangay-Viertels gegeben. Aber sie klangen recht schnell ab. Hier haben wir die umgekehrte Situation. Es ist gut neun Tage her, seit das letzte Hangay-Viertel im Standarduniversum materialisierte. Die Verdrängungen klingen nicht ab, sie nehmen zu – an Zahl ebenso wie an Intensität. Das sollte zu denken geben.«

»Denk du für mich«, gähnte Rhodan. »Ich bin zu müde.«

»Die Aktivität der Strukturverdrängungen wird von außen angeheizt«, erklärte Vling. »Die ersten Verdrängungen entstanden auf natürliche Weise. Sie waren quasi die Initialzündung des Vorgangs, der jetzt durch einen künstlichen, von außen kommenden Einfluss aufrechterhalten und intensiviert wird.«

»Woher sollte dieser Einfluss kommen?«, fragte Perry Rhodan verwundert.

»Ich habe dir einen Fingerzeig gegeben«, antwortete Benneker Vling kühl. »Du hast deine Fachleute, die der Sache nachgehen können.«

Er wandte sich ab und trat durch die Tür, die sich bereitwillig vor ihm öffnete, hinaus auf den Korridor.

*

Er wusste jetzt, dass er so bald keine Ruhe finden würde. Auf dem Weg zu Sato Ambushs Labor machte er in der Medoklinik halt. Die Untersuchung durch den Testautomaten nahm nur wenige Augenblicke in Anspruch. Sedge Midmays, der Bordarzt, studierte die Daten.

»Falls du zu mir um Rat gekommen bist«, sagte er, »leg dich ins Bett und schlafe mindestens fünf Stunden.«

»Solchen Rat kann ich nicht brauchen«, antwortete Perry Rhodan und schwang die Beine von der Liege. »Ich muss wenigstens noch zehn Stunden wach bleiben, nicht nur geistig wach, sondern auch physisch beweglich. Gib mir was.«

»Unter Vorbehalt«, sagte Midmays.

»Was für Vorbehalt?«

»Nach zehn Stunden kommst du zu mir und lässt dich entgiften.«

»Einverstanden.«

Er erhielt eine Injektion, und schon wenige Sekunden später spürte er, wie die Kräfte zurückkehrten. Die Muskeln hatten wieder Spannkraft, und der Druck auf die Augen war gewichen. Es war 00.30 Uhr, als er Sato Ambushs Labor betrat. Der Pararealist war nicht alleine. Eine schlanke Mädchengestalt beugte sich über ein aus Kugeln und dünnen Streben bestehendes Modell.

»Eirene!«

»Darf ich dich meiner Assistentin vorstellen?«, lächelte Sato Ambush. »Eine äußerst begabte junge Frau. Soeben erst hat sie mich auf einen Fehler in meinem Modell aufmerksam gemacht.«

Eirene begrüßte den Vater mit einem Kuss auf die Wange.

»Ich hoffe, du weißt, was du tust«, spottete er freundlich.

»Eine Momentaufnahme der Verteilung der Strukturverdrängungen in unserer Umgebung«, antwortete Eirene stolz. »Du musst dir das Modell als ein Gebilde des Hyperraums vorstellen ...«

Perry Rhodan hob die Hand.

»Ich unterbreche dich ungern«, sagte er. »Aber der Arzt gesteht mir nur zehn Stunden zu. Ich muss also jede Sekunde nutzen.«

Er berichtete in knappen Worten von der Unterhaltung mit Benneker Vling.

»Er weiß etwas«, schloss er, »aber er weiß es entweder nicht genau, oder er will es uns nicht sagen. Standardverfahrensweise für die Manifestation einer Superintelligenz. Frage an dich, Sato: Versprichst du dir etwas davon, nach einer äußeren Ursache der Strukturverdrängungen zu suchen?«

Sato Ambushs und Eirenes Blicke kreuzten sich.

»Es ist merkwürdig«, sagte der Pararealist, »aber wir hatten Ähnliches gedacht. Wenn das Auftreten der Strukturverdrängungen so sehr vom früher beobachteten Muster abweicht, dann liegt womöglich ein äußerer Einfluss vor.«

»Und? Lässt sich der Einfluss nachweisen?«

»Wir wissen es noch nicht«, antwortete der Pararealist. »Das Strukturmodell dort soll uns beim Nachdenken helfen. Wenn es tatsächlich einen bestimmten Punkt im Universum gibt, von dem der Einfluss ausgeht, dann müsste dies an der hyperräumlichen Verteilung der Strukturverdrängungen erkennbar sein. Wir haben erste Hinweise gefunden, dass es tatsächlich eine gewisse Ordnung gibt. Eirenes – und nun auch Benneker Vlings Theorie – scheint Hand und Fuß zu haben.«

»Sucht weiter«, bat Rhodan. »Und wenn ihr eine Spur habt, lasst es mich wissen.«

Ohne weitere Verabschiedung verließ er das Labor und machte sich auf den Weg zum Kontrollraum.

*

Die Minuten unmittelbar vor der Rückkehr ins 4-D-Kontinuum waren von schier unerträglicher Spannung erfüllt. Die vergangenen anderthalb Stunden waren ereignislos verlaufen. Zweimal noch waren auf dem Transponder-Bild die dünnen, grünen Striche von Strukturverdrängungen aufgetaucht; aber sie hatten einen Kurs genommen, der weit an der CIMARRON vorbeiführte. Sicher war jedoch immer noch nicht, ob die Verdrängung, die unmittelbar nach Mitternacht aufgetreten war, eines der anderen 13 Schiffe beschädigt hatte.

Von einer Sekunde zur anderen füllten sich die großen Videoflächen mit funkelndem, strahlendem Leben. Weggewischt war das trübe Dunkel des Hyperraums. Die Sterne der Galaxis Hangay tummelten sich in dichtem Gedränge. Mit raschem Blick überflog Perry Rhodan das Bild. Der Syntron hatte grelle, grüne Punkte eingezeichnet, die Orte markierten, von denen das Ortungssystem einen Reflex empfing. Es waren dreizehn Punkte. Rhodan atmete auf.

Der Hyperkom sprach an. Die Kommandanten der 13 Einheiten erstatteten in der zuvor vereinbarten Reihenfolge ihre Meldung. Jedes Schiff hatte während des mehrstündigen Flugs insgesamt drei Strukturerschütterungen registriert, die bedenklich nahe gekommen waren. Aber nur die PERSEUS und die LIBRA waren auf ähnliche Weise gebeutelt worden wie die CIMARRON. Julian Tifflor, der noch vor dem Transfer aus Tarkan zusammen mit Nia Selegris, Fellmer Lloyd, Ras Tschubai, Stronker Keen und Lavoree an Bord der PERSEUS gegangen war und dort das Kommando übernommen hatte, berichtete:

»Es dauerte nur ein paar Sekunden. Wir wurden kräftig durchgerüttelt, und es war ein Lärm überall, als wolle das Schiff auseinanderbersten. Ernsthafter Schaden entstand jedoch nicht.« Er grinste. »Sind halt gut und solide gebaut, diese alten terranischen Kähne.«

Messungen wurden vorgenommen. Der angezielte Punkt, Hyperion-Alpha, war mit einer Toleranz von plus/minus fünf Lichtsekunden erreicht worden. Das war eine beachtenswerte Leistung, wenn man berücksichtigte, dass der Verband mit kartanischen Sternkatalogen arbeitete, deren Angaben sich durch Umfang und ein Streben nach Vollständigkeit, aber nicht immer durch Präzision auszeichneten. Der Verband stand am Rand der Galaxis Hangay. Wer das große Bild aufmerksam musterte, der sah, wie die Dichte der Sterne zum oberen Bildrand hin rapide abnahm. Jenseits der letzten Sternengruppen begann der Halo. Die Entfernung vom Raumsektor X-DOOR betrug 19.000 Lichtjahre. Die letzte Etappe des Fluges würde drei Stunden in Anspruch nehmen.

Aufmerksame Sensoren hörten den Hyperfunkäther ab. Aber außer abgerissenen Fetzen von Funksprüchen, die aus weiter Ferne kamen, wurde nichts empfangen. Der Raumsektor Hyperion-Alpha barg offenbar keine höherentwickelten Kulturen. Anderthalb Stunden lang hielt sich der kleine Verband im 4-D-Raum auf. Der Start in Richtung X-DOOR war auf 03.30 Uhr festgelegt worden. Perry Rhodan versuchte sich auszumalen, wie es sein würde, wenn die CIMARRON um halb sieben aus der Hyperflugphase auftauchte. Der Raum ringsum wäre schwarz und sternenleer. Nur ein paar verwaschene Lichttupfer könnte man sehen: Andromeda, Pinwheel und IC 1613 heckwärts, die Milchstraße vorab und, wenn man die Augen ein wenig zusammenkniff, das Fornax-System und die beiden Magellan-Wolken. Hangay bliebe unsichtbar. Das Licht, das von dort kam, hätte noch keine Zeit gehabt, sich weit genug auszubreiten. Und auf dem Orterschirm würde ein dickes, grelles Echo zu sehen sein: die BASIS.

Seine Gedanken drifteten weiter. Von X-DOOR aus ging's endgültig nach Hause. Wie würde es sich anfühlen, das Pflaster von Terrania wieder unter den Füßen zu haben? Hatten die Roboter sich anständig um den Bungalow am Ufer des Goshun-Sees gekümmert? Was würde Eirene zu ihrem neuen Heim sagen?

»Verzeih, wenn ich dich störe ...«, sagte eine zaghafte Stimme.

Perry Rhodan schrak auf. Vor ihm stand Sato Ambush. Er hatte ihn nicht kommen sehen, so sehr war er in seine Gedanken vertieft gewesen.

»Du störst nicht«, lächelte er. »Was sagt deine Theorie? Du hast Ergebnisse, nicht wahr?«

»Eirene und ich haben über eine Stunde lang gemessen und gerechnet«, antwortete der Pararealist. »Das Resultat beunruhigt mich ...«

*

Er erteilte dem Servo einen Auftrag, und der Syntron produzierte ein Hologramm, das eine Gruppe von Galaxien zeigte.

»Das Herz des Virgo-Haufens«, sagte Sato Ambush. »Hier ist die Mächtigkeitsballung Estartu.«

Die hypothetische Kamera rückte näher an das Bild heran. Zwölf Galaxien blieben übrig. Perry Rhodan erkannte Erendyras Riesenellipse und die Siamesischen Zwillinge, Absantha-Gom und Absantha-Shad.

»Wenn unsere Theorie richtig ist«, fuhr der Pararealist fort, »dann gibt es tatsächlich einen einzelnen Punkt, von dem der Einfluss ausgeht, der für die ungewöhnliche Aktivität der Strukturverdrängungen verantwortlich ist. Dieser Punkt liegt hier!«

Das Bild veränderte sich abermals. Zehn Galaxien der Mächtigkeitsballung verschwanden. Übrig blieben nur die Zwillinge. Sie rückten in den Bildmittelpunkt, und eine gehörige Strecke von Absantha-Shad entfernt begann ein roter Leuchtpunkt zu blinken.

»DORIFER«, stellte Rhodan fest.

»So ist es«, bestätigte Sato Ambush. »Hieraus ergibt sich nach meiner Ansicht auch ein Hinweis auf die Richtigkeit der Theorie. Wenn die Resultate unserer Rechnungen einen irgendwo im Nichts gelegenen Punkt bezeichnet hätten, dann wäre man geneigt gewesen zu sagen: Vielleicht stimmt die Ausgangshypothese nicht. So aber fragt man sich: Wenn die Theorie falsch ist, warum kommt sie dann ausgerechnet auf DORIFER?«

»Was geschieht dort, Sato?«, fragte Perry Rhodan. »Auf welche Weise heizt DORIFER die Strukturverdrängungen an?«

»Es gibt einen starken, hyperdimensionalen Energiefluss, der sich von DORIFER über diesen Abschnitt der Lokalen Gruppe ergießt«, antwortete der Pararealist. »Die Struktur der Energie habe ich noch nicht entschlüsseln können. Ich weiß auch nicht, wie die Wechselwirkung zwischen dem Energiefluss und den Erschütterungen des Raum-Zeit-Gefüges hier in der Umgebung von Hangay beschaffen ist. Aber es scheint mir, dass DORIFER überschüssige Energie abstößt, und damit kann er eigentlich nur einen Zweck im Sinn haben ...«

»Welchen Zweck?«

»Er macht dicht. Er kapselt sich ab, schließt DORIFER-Tor und zieht sich in die Tiefe zurück.«

Ungläubig starrte Perry Rhodan den kleinen Mann an.

»Warum sollte er das tun, Sato?«, fragte er.

Sato Ambush breitete die Arme aus und drehte die Handflächen nach oben.

»Woher soll ich das wissen, Perry Rhodan? DORIFER hat sich schon immer dagegen gewehrt, dass Dinge aus anderen Kosmen in unser Universum eindringen. Erinnerst du dich an das Getöse, das er aufgeführt hat, als der KLOTZ erschien? Für DORIFER muss es ein kataklysmischer Schock gewesen sein, als Hangay im Standarduniversum zu materialisieren begann. Ich sprach zu dir von der kritischen Masse, die überschritten wurde, als das letzte Hangay-Viertel auftauchte. Die Analogie erscheint mir jetzt noch zwingender als zuvor. DORIFER benimmt sich wie ein fühlendes Wesen. Er ist der Experimentiererei mit großmaßstäblichen Massetransfers von einem Universum ins andere überdrüssig. Jahrmillionenlang hat er es als seine Aufgabe betrachtet, das Standarduniversum gegen fremde Eindringlinge zu schützen, und jetzt kommt eine Superintelligenz und macht all seine Anstrengungen zunichte. Mit diesem Universum will er nichts mehr zu tun haben. So sehe ich die Sache.«

»Das nenne ich ein bisschen viel Emotionalität in die Verhaltensweise eines Kosmonukleotids hineinspekulieren«, sagte Perry Rhodan nachdenklich.

»Natürlich ist es das«, pflichtete Sato Ambush ihm bei. »Es soll ja auch nur ein Denkmodell sein.«

Rhodan sah den Pararealisten an. Sato Ambush begegnete seinem Blick voller Erwartung.

»Was sollen wir jetzt tun, Sato?«, fragte Perry Rhodan und war sich der Hilflosigkeit, die in der Frage zum Ausdruck kam, durchaus bewusst.

Der Pararealist setzte ein unergründliches Lächeln auf und antwortete mit sanfter Stimme:

»Dies sind Dinge, Perry Rhodan, die wir weder verstehen noch beeinflussen können. Daher müssen wir uns so verhalten, als gäbe es sie nicht.«

Perry Rhodan dachte lange über diese Worte nach. Schließlich nickte er und sagte halblaut:

»Rück beiseite, Salomon ...«

*

Es ging auf halb fünf, als Benneker Vling im Kontrollraum erschien. Perry Rhodan hatte inzwischen von seiner Begegnung mit dem Robotwartungsspezialisten berichtet. Man wusste, dass er sich wieder an Bord befand. Rhodan winkte ihn zu sich.

»Deine Theorie hat sich als richtig erwiesen«, sagte er. »Die Strukturverdrängungen werden zentral gesteuert, und zwar von DORIFER aus.«

Benneker Vling nickte. Er nahm die Eröffnung gelassen auf und machte dazu ein Gesicht, als wolle er sagen: Das hatte ich mir fast schon gedacht.

»Wenn du jetzt von deinem Auftraggeber in Erfahrung bringen könntest«, fuhr Rhodan fort, »was DORIFERS Aktivität zu bedeuten hat, wären wir dir alle sehr dankbar.«

»Das geht nicht«, antwortete Benneker Vling, ohne die Miene zu verziehen. »ES steht mir als Informationsquelle nicht zur Verfügung.«

»Das alte Spiel also«, sagte Perry Rhodan ärgerlich. »Ich frage mich immer öfter, warum Superintelligenzen sich überhaupt die Mühe machen ...«

»Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden«, unterbrach ihn Vling. »Diesmal möchte ich es offiziell machen. Ihr werdet mich nicht mehr zu sehen bekommen.«

Rhodan musterte ihn überrascht.

»Einfach so? Du wurdest zurückgerufen?«

»Ja.«

»Warum?«

»Das weiß ich nicht.«

Perry Rhodan hatte eine weitere Frage auf der Zunge; aber in diesem Augenblick schrillte der Alarm. Er schwang im Sessel herum und prüfte das Video. Was er sah, erfüllte ihn mit Schrecken. Drei grüne Streifen zeichneten sich gegen das Dunkel des Hyperraums ab. Ihr Verlauf war nicht geradlinig, sondern gekrümmt. Sie verkörperten Bogenstücke dreier konzentrischer Kreise, deren Mittelpunkt mit dem Zentrum des Bildes identisch war.

»Diesmal geht es uns an den Kragen«, murmelte Reginald Bull düster.

Der Syntron wurde gesprächig. Er berichtete über Ausmaß und Geschwindigkeit der Strukturverdrängungen.

»Geschätzte Ankunftszeit am Standort des Verbands in achtzehn Sekunden«, meldete er.

Perry Rhodan spürte, wie die Muskeln im Leib sich verkrampften. Das war die instinktive Reaktion des Körpers auf die Erkenntnis einer Gefahr, der er hilflos ausgeliefert war. Der Verstand des Menschen ist nicht dafür gemacht, dem unerwarteten Tod gelassen ins Auge zu sehen. Verzweiflung krallte nach dem Bewusstsein. Gibt es denn gar nichts, was wir tun können?

»Zehn Sekunden«, sagte der Syntron.

Perry Rhodans Blick glitt zur Seite. Benneker Vling stand noch da. Seine Augen waren unnatürlich groß, der Mund stand halb offen. Es war eine groteske Vorstellung, dass ein Wesen wie er, die Manifestation einer Superintelligenz, Angst empfinden könne. Und dennoch war es so! Das hagere, kantige Gesicht war eine Grimasse der Furcht.

»Fünf Sekunden.«

Das Entsetzen brachte die Tränendrüsen in Tätigkeit. Die Luft im Kontrollraum schien sich mit nebligem Dunst zu füllen, in dem bleiche Gesichter mit angstverzerrten Zügen schwammen. Dumpfes Gemurmel rollte einher. Jemand betete.

»Kontakt – jetzt!«

Ein donnernder Krach. Danach an- und abschwellendes Dröhnen wie von einem heftig geschlagenen Gong. Perry Rhodan fühlte sich in den Sessel gepresst und gleich darauf wieder in die Höhe gerissen. Die Gurte bewahrten ihn davor, davongeschleudert zu werden. Metall kreischte, Schreie gellten. Auf der Konsole flackerten rote Warnlichter auf und bezeichneten Orte, an denen Schotte sich in Erwartung eines Vakuumeinbruchs selbsttätig geschlossen hatten. Die Videos flackerten, stabilisierten sich jedoch nach wenigen Sekunden. Das Syntron-System war mit so vielfältiger Redundanz ausgelegt, dass es erst dann versagen würde, wenn das ganze Schiff explodierte.

Und dann – plötzlich – war alles vorbei.

Verwirrt starrte Perry Rhodan auf das Video-Display, das eine unglaubliche Fülle von Sternen zeigte. Sogleich aber wurde er abgelenkt. Jemand schrie auf. Es war ein gequälter, von Schmerz erfüllter Schrei. Rhodan fuhr herum. Er sah Benneker Vling stürzen und sich auf dem Boden winden. Rhodan sprang auf und kniete neben dem Gestürzten nieder. Behutsam bettete er Vlings Kopf in die Armbeuge. Benneker Vling beruhigte sich ein wenig. Aus verschleierten Augen sah er zu Rhodan auf. Seine Lippen zuckten. Er wollte etwas sagen.

»Das ist ... das Ende«, brachte er schließlich hervor, mühsam und kaum hörbar. »Lebt wohl, ihr werdet mich nicht mehr ...«

Mehr zu sagen, hatte er keine Kraft. Fassungslos starrte Perry Rhodan auf den schlaffen Körper, der plötzlich transparent wurde. Die Umrisse verschwammen. Der Druck, den das Gewicht des Kopfes auf Rhodans Arm ausgeübt hatte, wich von einer Sekunde zur anderen. Er kniete noch da, den rechten Arm ausgestreckt, als böte er jemandem eine Stütze, da war Benneker Vling schon längst verschwunden.

*

Die Stimme des Syntrons brachte ihn auf die Beine. Fahrig eilte er zu seinem Platz an der Konsole zurück und registrierte, ohne sich dessen zunächst bewusst zu werden, dass das Video die Flotte inmitten eines Sternengewimmels zeigte.

»Die LEDA ist verschwunden!«, meldete der Syntron-Verbund.

Rhodan wurde blass.

»Hangar Foxtrott zwo«, sagte er in Richtung des Servos, der als flimmerndes Energiegebilde über der Konsole schwebte. »Ein Bild!«

Im Hangar F 2 war die LEDA untergebracht, Rhodans DORIFER-Kapsel, die ihm die Vereinigung der Gänger des Netzes zur Verfügung gestellt hatte, nachdem er mit dem psionischen Imprint, dem Abdruck des Einverständnisses, versehen worden war.

Das verlangte Bild leuchtete auf. Die Hangarhalle war leer. In dumpfer Verwunderung starrte Rhodan die Halterungen an, die bis vor kurzem noch die LEDA umklammert hatten. Was war geschehen? Benneker Vling, die Manifestation des Superwesens ES, hatte sich auf ungewöhnliche Weise verabschiedet – fast hätte man sagen mögen, er sei hinweggerafft worden –, und die DORIFER-Kapsel war verschwunden. Wahrscheinlich würde sich sehr bald auch Atlan melden.

Als hätte es nur des Gedankens bedurft, meldete sich der Hyperkom. Das Bild des Arkoniden materialisierte. Er wirkte ungewöhnlich ernst.

»Ich nehme an, ich erzähle dir keine Neuigkeit«, sagte er. »Die NARU hat sich in nichts aufgelöst.«

Perry Rhodan nickte.

»Die LEDA ist ebenfalls verschwunden«, erwiderte er.

»Was ist geschehen?«, fragte Atlan. »Vor allen Dingen: Wo sind wir?«

»Niemand weiß es«, antwortete Rhodan. Er wurde allmählich müde, immer wieder sein Unwissen beteuern zu müssen. »Sprich mit Sato Ambush. Er hat eine Theorie. Bei euch an Bord alles wohlauf?«

»Kleine Schäden«, sagte der Arkonide. »Die Robottrupps sind schon an der Arbeit.«

»Wo auch immer wir sein mögen«, seufzte Rhodan, »wenigstens sind wir alle beisammen. Das Weitere wird sich ergeben.«

Atlan blendete sich aus. Das Warten auf die ersten Messergebnisse und deren Auswertung begann.

*

Im Lauf der Stunden ergab sich ein groteskes Bild. Der von dichtgedrängten Sternenmassen erfüllte Raum war ein Hexenkessel hyperenergetischer Strahlung. Der Strahlungspegel war annähernd gleichmäßig über sämtliche Wellenlängenbereiche des Spektrums verschmiert und so hoch, dass die Geräte der Fernortung kläglich versagten. Was weiter als zwölf Lichtjahre vom Standort des Verbands entfernt war, erfassten sie nicht mehr.

Die mittleren Sternabstände im optisch erfassbaren Bereich betrugen wenige Lichtwochen. Es gab zahlreiche Sterne, die nur Lichttage voneinander entfernt waren. Die Mehrheit der selbstleuchtenden Himmelskörper gehörte der Population II an: Es waren Sonnen von durchschnittlicher Größe, den Spektraltypen K und M zugehörig, die schon seit 10 bis 13 Milliarden Jahren brav vor sich hin gefunkelt hatten. Es gab allerdings auch ein paar blaue Giganten der Spektralklasse O. Insgesamt 36 wurden in einem Umkreis von wenigen Lichtjahren gezählt. Die blauen Supersterne waren die Quelle der starken Hyperstrahlung.

Eine Standortbestimmung war infolge der versagenden Fernortung nicht möglich. Die geringen Sternabstände und die Klassifizierung der Sterne nach Spektraltyp wiesen darauf hin, dass man sich im Innern – wahrscheinlich nahe dem Zentrum – eines Kugelsternhaufens befand. Sternenballungen dieser Art waren bekannt dafür, dass sie in erster Linie aus alten Sonnen bestanden. Versuche, die Strangeness des umgebenden Raumes zu bestimmen, lieferten zweideutige Ergebnisse. Werte von 0 bis 0,18 wurden gemessen; der Mittelwert lag bei 0,06. Die Messungen wurden durch den hohen Störstrahlungspegel beeinflusst und verfälscht. An jedem Ort außerhalb Hangays hätten die Messwerte, so unzuverlässig sie auch sein mochten, sich zu Null gemittelt. In Hangay dagegen, selbst im 1. Viertel, hätte der Mittelwert mehr als das Zwanzigfache, nämlich 1,24, betragen müssen. Auch fehlte dem Raum das für Hangay charakteristische düsterrote Hintergrundleuchten.

Die Experten kamen überein, dass man nicht wisse, wo man sich befinde. Die Möglichkeit, dass man in ein anderes Universum verschlagen worden sei, wollte vorläufig jedoch niemand ernsthaft in Betracht ziehen.

Der nächste Stern war nur neun Lichtstunden entfernt. Es handelte sich um einen K2-Körper, dessen Strahlung dem menschlichen Auge als eine Mischung von Gelb und Orange erschien. Es gab fünf Planeten, wie die Messgeräte ohne sonderliche Mühe ermittelten. Der zweite leuchtete wie eine Fackel, wenn man ihn im langwelligen Bereich des elektromagnetischen Spektrums betrachtete. Das war ein zuverlässiger Hinweis, dass dort eine Zivilisation existierte, die sich einigermaßen moderner Kommunikationsmethoden bediente. Hyperenergetische Tätigkeit konnte nicht nachgewiesen werden. Das mochte indes an den intensiven, alles überlagernden Störgeräuschen liegen. Auch fand sich kein Anzeichen, dass die Bewohner des zweiten Planeten Raumfahrt betrieben.

Perry Rhodan aktivierte eine Konferenzschaltung und besprach die Lage mit Reginald Bull, Atlan, Julian Tifflor, Nikki Frickel und Salaam Siin. Zwei Verfahrensweisen standen zur Debatte. Man konnte versuchen, den Weg aus dem Sternhaufen hinaus zu finden, und die Reise nach X-DOOR fortsetzen, sobald der Standort mit hinreichender Genauigkeit bestimmt war. In diesem Zusammenhang wurde die Beobachtung, dass es seit fünfeinhalb Stunden nicht die Spur einer Strukturverdrängung mehr gegeben hatte, als unerheblich zurückgewiesen. Bei der geringen Reichweite der Fernortung war sie ohne Bedeutung. Ob es Strukturverdrängungen noch gab oder nicht, ließ sich im Augenblick nicht feststellen. Die andere Möglichkeit war, den zweiten Planeten anzufliegen und sich von den dortigen Bewohnern Informationen zu beschaffen. Wenn sie elektromagnetische Kommunikation betrieben, waren sie vermutlich auch auf dem Gebiet der Astronomie tätig. Vielleicht konnte man von ihnen erfahren, wo dieser Kugelsternhaufen lag und in welche Richtung man sich wenden musste, um dem Sternengewimmel mit möglichst wenig Anstrengung zu entkommen.

Nach behutsamem Abwägen des Für und Wider entschied man sich schließlich für die letztere Vorgehensweise. Hätte man sich für die erstere entschlossen, wäre es ohnehin notwendig gewesen, die hyperenergetischen Störfelder bis ins Detail zu vermessen. Eine solche Vermessung würde Tage, wenn nicht gar Wochen in Anspruch nehmen. Die Zeit mochte man ebenso gut auf der Oberfläche einer zivilisierten Welt zubringen.

2.

Langgestreckte, kahle Bergzüge, getrennt von sandigen Tälern, in denen kaum ein Halm wuchs, schwebten gemächlich über die Bildfläche.

»Sieht aus wie die Sahara nach fünf Jahren Dürre«, hatte Lalande Mishkom behauptet.

Zwei große Siedlungen waren inzwischen identifiziert worden. Mehr schien es nicht zu geben. Beide Siedlungen lagen auf der Nordhalbkugel des Planeten, die eine auf 30, die andere auf 42 Grad nördlicher Breite. Voneinander waren sie 2800 Kilometer entfernt.

Wasser war auf dieser Welt eine Kostbarkeit. Eine einzige größere Wasserfläche hatte man bisher gefunden. Sie hatte annähernd den Umfang des Eriesees und lag auf halber Strecke zwischen den beiden Siedlungen. Es gab jedoch Anzeichen dafür, dass subplanetare Wasservorräte existierten. Hier und dort sprossen Wälder scheinbar unmotiviert aus der Eintönigkeit der Wüste, und in den Hochtälern fanden sich nicht selten größere Strecken Buschland.

Langsam sanken die 14 Raumschiffe durch den Glanz der Mittagssonne. Als Landeplatz hatte Perry Rhodan eine vegetationslose Sandfläche im Osten der weiter südlich gelegenen Siedlung bestimmt. Die Entfernung zur Stadt betrug vierzig Kilometer. Die Städter sollten keinen Grund haben, sich bedroht zu fühlen.

Die CIMARRON bildete die Nachhut. Von der Konsole aus beobachtete Perry Rhodan, wie die KARMINA als erstes Schiff auf dem elastischen Kissen ihres Prallfeldes landete. Die TS-CORDOBA, das größte Fahrzeug des Verbands, setzte am östlichen Rand der Sandfläche auf. Dann kamen die HARMONIE, die CASSIOPEIA, die MONOCEROS ... Sand wirbelte auf, und ein hurtiger Wind trieb ihn nach Süden davon. Die Außentemperatur lag nun bei 38 Grad.

Die Stadt, durch teleskopische Aufnahmegeräte betrachtet, wirkte wie ausgestorben. Die Straßen waren leer. An den Straßenrändern abgestellte Fahrzeuge gaben keinen Aufschluss über die physische Erscheinungsform ihrer Benutzer. Der Funkverkehr war indes weiterhin in vollem Gang. Womöglich waren Funksprüche darunter, die den 14 landenden Raumschiffen galten. Man wusste es nicht, und wenn es sich wirklich so verhielt, konnte man nicht darauf reagieren. Die Entschlüsselung des fremden Informationskodes war noch immer nicht gelungen.

Sorgfältig beobachtete Perry Rhodan den östlichen Stadtrand. Neugierige hätten dort zu sehen sein müssen. Fahrzeugkolonnen hätten von dort aufbrechen und sich in Richtung des Landefelds bewegen sollen. Man brauchte sich nur vorzustellen, welcher Rummel vor 2100 Jahren auf der Erde ausgebrochen wäre, wenn dort eine Gruppe von Raumschiffen zur Landung angesetzt hätte. Aber die Bewohner dieser Welt waren offenbar von ganz anderer Mentalität. Die östlichen Stadtbezirke waren genauso ausgestorben wie der Rest der Stadt.

Er fühlte, wie die Müdigkeit sich in ihm breit machte, und sah auf die Uhr. Neuneinhalb Stunden waren vergangen, seit Sedge Midmays ihm die Injektion verabreicht hatte. Der malträtierte Körper verlangte sein Recht. Er blickte zur Seite und stellte staunend fest, dass Reginald Bull eingeschlafen war. Er hatte den Kopf weit nach hinten geneigt und den Mund halb geöffnet. In einer kurzen Weile würde er anfangen zu schnarchen.

Ein leises Zittern lief durch den mächtigen Leib des Schiffes, als es auf dem Prallfeld zur Ruhe kam. Die CIMARRON war im Grunde genommen nicht dafür konstruiert, auf planetaren Oberflächen zu landen. Unter normalen Umständen hätte man sie im Orbit zurückgelassen und den Planeten mit einem der Beiboote angeflogen.

Aber in diesem Fall war die Lage zu unsicher. Man wusste nicht, wo man war. Hyperenergetische Störungen beachtlicher Intensität erfüllten das All. Wenn schon auf diesem Planeten gelandet werden musste, dann war es besser, man hatte das ganze Schiff bei sich und nicht nur ein Beiboot.

Er hatte das schier unwiderstehliche Bedürfnis, sich hinzulegen und zu schlafen. Zum Teufel mit Sedge Midmays und seiner Entgiftung: Das konnte warten. Gleichzeitig überkam ihn das Gefühl wohliger Geborgenheit. Er war sicher hier auf der Oberfläche der fremden Welt. Niemand konnte ihm hier zusetzen, und die Strukturverdrängungen mochten sich draußen im freien Raum austoben. Bis hier herab würden sie nicht durchschlagen.

Irgend jemandem sollte er Bescheid sagen. Einfach einschlafen, das ging nicht. Er sah sich um. Allein das Drehen des Kopfes kostete ihn Mühe. Er sah niemanden. Wohin waren alle verschwunden?

»Ian!«, wollte er rufen, aber die Zunge versagte ihm den Dienst.

Ausruhen! Schlafen! Keine Sekunde mehr wach sein! Zuerst musste er das Schiff sichern: Dieser Gedanke nagte in ihm. Sämtliche Aggregate aus, Syntron-Verbund desaktivieren, Generatoren ausschalten, Generalbefehl an alle Roboter: Inert-Status annehmen!

Er berührte eine letzte Sensorfläche. Die Kontrolllichter der Konsole erloschen, und es war mit einemmal totenstill an Bord der stolzen CIMARRON.

*

Ein widerlicher Geruch kitzelte ihn in der Nase, eine Mischung von Terpentin, gekochtem Sellerie und Katzenkot. Wenn er sich bewegte, raschelte und knisterte es. Er fror.

Vorsichtig öffnete er die Augen. Eine quadratische Leuchtplatte verbreitete gelbes Licht. Er befand sich in einem kahlen, fensterlosen Raum mit einem Grundriss von drei mal vier Metern. Wände, Boden und Decke waren aus grob behauenem, natürlich gewachsenem Stein. Das einzige Mobiliar war ein aus Zweigen aufgeschüttetes Lager. An den Zweigen hingen noch die vertrockneten Blätter. Er lag obenauf, und die Zweigenden pieksten ihn ins Fleisch. Es war das Lager, das den unangenehmen Geruch verströmte.

Er war nackt, und es war ganz schön kalt in diesem ... diesem ... Kerker?

Misstrauisch beäugte er die Tür. Sie war aus grauem Metall und wirkte stabil. Ein Schloss oder einen Riegel sah er nicht, nicht einmal einen Türgriff. Verdrossen stand er auf und rüttelte an der Metallfläche. Ganz wie er sich gedacht hatte: Sie rührte sich nicht.

Er setzte sich auf die Zweige und dachte nach. Die Erinnerung kehrte nur zögernd zurück. Die 14 Schiffe waren gelandet, als letztes die CIMARRON. In der Stadt hatte sich nichts gerührt. Er war plötzlich furchtbar müde gewesen. Er hatte das Schiff gesichert, wie man dazu sagt: alle Aggregate, Computer und Roboter ausgeschaltet.

Dann musste er eingeschlafen sein. Ja, richtig: Reginald Bull hatte schon vor ihm geschlafen, und sonst war niemand mehr ihm Kontrollraum gewesen. Es stand für ihn jetzt fest, dass es da nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Er war müde gewesen, sicher. Aber er hatte mehr als zweitausend Jahre Übung in der Unterdrückung der Müdigkeit. Niemals wäre er unter normalen Umständen so plötzlich eingeschlafen, und auf keinen Fall wäre er auf die verrückte Idee gekommen, das Schiff zu sichern. Der Ausdruck war irreführend: Wenn sämtliche Aggregate ausgeschaltet waren, hatte das Schiff keine Möglichkeit mehr, sich zu wehren.

Er, der Mentalstabilisierte, war in eine Hypnofalle getappt! Fremder Einfluss hatte ihm unwiderstehliche Müdigkeit suggeriert und ihn veranlasst, die CIMARRON in den Zustand der Wehrlosigkeit zu versetzen. Die Bewohner dieses Planeten mochten noch keine Raumfahrt betreiben und nichts von Hyperenergie verstehen. Aber in den magischen Künsten der Suggestion und der Hypnose kannten sie sich aus.

Wo waren die anderen? Hielt man sie auch gefangen? Aus der Kühle des Raumes und der Abwesenheit von Fenstern schloss er, dass er sich unter der planetaren Oberfläche befand. Er pochte an die Wand; aber schon beim ersten Versuch erkannte er, dass er sich auf diese Weise mit niemandem würde verständigen können. Die Geräusche, die der klopfende Knöchel erzeugte, klangen hell und ohne Echo. Es lag mindestens ein Meter Fels zwischen dieser Zelle und der nächsten.

Die Mutanten! Sie waren die einzigen, die helfen konnten. Fellmer Lloyd und Gucky konnten die Gedanken der Fremden lesen, die sie in die Falle gelockt hatten. Gucky und Ras Tschubai besaßen die Fähigkeit der Teleportation. Man konnte sie nicht einsperren. Auch mit Ge-Liang-P'uo, der kartanischen Mutantin, war zu rechnen.

Es sei denn, dachte er, plötzlich ernüchtert, die hypnotische Beeinflussung hat auch die paranormale Begabung der Mutanten lahm gelegt.

Er horchte auf, als an der Tür ein Geräusch ertönte. Die Tür schwang auf. Ein hageres, hochgewachsenes Wesen erschien in der Öffnung. Perry Rhodan starrte es an, als hätte er ein Gespenst vor sich. Der Fremde hatte kleine Augen, die tief in den Höhlen saßen und ihre Anwesenheit nur durch ein leises Funkeln verrieten. Er trug eine khakifarbene Kutte, und sein Schädel war kahlrasiert.

Das erklärt alles, fuhr es Perry Rhodan durch den Sinn.

Die Hauri waren schon immer Meister des psionischen Handwerks gewesen.

*

Der Hagere trat in die Zelle und schloss die Tür hinter sich. Perry Rhodan saß noch immer nackt auf dem aus Zweigen aufgeschütteten Lager und sah zu der ausgemergelten Gestalt auf.

Der Hauri sagte etwas, das Rhodan nicht verstand. Er sprach Haurisch zur Not, hatte sich jedoch selbst während des Aufenthalts auf Cheobad zumeist auf seinen Translator verlassen. Was der Hagere sprach, schien ihm ein Dialekt zu sein, der erheblich von der haurischen Hochsprache abwich.

»Ich verstehe dich nicht«, erklärte er auf Hangoll. »Gib mir meine Kleider wieder. Eines von ihnen enthält ein Gerät, das dich mir verständlich macht.«

»Das wird nicht nötig sein«, antwortete der Hauri in derselben Sprache und mit einer guten Portion Hochmut obendrein. »Ich kann auch wie die Ungläubigen sprechen.«

»Das ist gut«, lobte Perry Rhodan. »Dann kannst du mir auch sagen, warum man uns so hinterhältig überfallen hat, obwohl wir doch in Frieden kamen.«

»Ihr seid Ungläubige«, antwortete der Hauri. »Das erkannten wir allein schon an den grässlichen Geräuschen, die ihr über uns ausschüttetet, während eure Raumschiffe zur Landung ansetzten.«

So viel für Friedenspropaganda mit Ophal-Musik, dachte Perry Rhodan grimmig. Zu dem Hageren sagte er:

»Wir sind nicht ungläubig. Wir kennen das Buch Hexameron, und die Gebote des Herrn Heptamer sind uns wichtig.«

Der Hauri verzog das Gesicht.

»Das mag sein«, sagte er. »Aber die Götter der Nacht sind euch fremd.«

»Wer sind die Götter der Nacht?«

»Ich bin hier, um dich im Glauben an die nächtlichen Götter zu unterrichten«, erklärte der Ausgemergelte. »Mein Name ist Sattavankual, mein Beruf Glaubenslehrer. Es ist nämlich so, dass der große Mamoch von Zuul euch erst dann die Freiheit zurückgibt, wenn ihr den rechten Glauben angenommen habt.«

»Das meinst du«, sagte Perry Rhodan auf Terranisch, und als der Hauri ihn verwirrt anblickte, fuhr er auf Hangoll fort: »Erzähl mir also von den Göttern der Nacht.«

Sattavankual blieb unmittelbar vor der Tür stehen. Perry Rhodan nahm's mit Missfallen zur Kenntnis. Der Hagere wirkte wachsam. Es würde nicht leicht sein, an ihn heranzukommen.

»Zuerst musst du ihre Namen lernen«, erklärte der Hauri. »Sie heißen – und ich rate dir, die Namen so rasch wie möglich in deinem Gedächtnis zu verankern –: Malachi, Attu, Selamban, Veturi, Papango, Tetravang, Bonai, Xichamil, Yambar, Ulicham, Fedrak, Domisuur, Feral, Manmatok. Wie viele Namen kannst du wiederholen?«

»Attu«, antwortete Perry Rhodan, den Blick wie in tiefer Konzentration zu Boden gerichtet. »Papango ... Tetravang ... Mam-mam-mammatok.«

»Manmatok«, verbesserte Sattavankual.

In diesem Augenblick sprang Rhodan. Es gelang ihm, den Hauri zu überraschen. Er hatte ihn am Hals und presste ihn gegen das kalte Metall der Tür, bevor der Glaubenslehrer eine Bewegung der Abwehr hatte machen können. Aus einer Entfernung von nicht ganz einer Handspanne starrte er in die tiefen Augenhöhlen, auf deren Grund grüne Lichter tanzten.

»Jetzt reden wir über was anderes«, zischte er Sattavankual an. »Wann dein famoser Mamoch von Zuul uns aus dem Gefängnis entlassen will, interessiert mich nicht eine Sekunde. Ich gehe jetzt – sofort. Hast du verstanden?«

Etwas Seltsames geschah. Das grüne Leuchten in der Tiefe der Augenhöhlen wurde intensiver. Es quoll aus den Höhlen hervor, verbreitete sich durch den ganzen Raum und erfüllte ihn mit fahler, grüner Helligkeit. Perry Rhodan spürte, wie ihm die Kraft aus den Muskeln wich. Diesmal war er bei klarem Verstand. Er begriff, dass Sattavankual mit hypnotischer Kraft auf ihn einwirkte. Aber obwohl er mentalstabilisiert war, konnte er sich nicht dagegen wehren. Der Griff um den Hals des Glaubenslehrers lockerte sich. Die Arme sanken schlaff herab. Wie ein Betrunkener torkelte er ein paar Schritte rückwärts und fiel auf das raschelnde, knisternde Lager.

Wie durch ein Rohr hindurch, das die Worte zu dumpfen, hallenden Lauten verzerrte, hörte er Sattavankual sagen:

»Du bist noch nicht reif, die Lehre von den Göttern der Nacht zu hören. Deine Seele muss noch geformt werden.«

Perry Rhodan hörte das Geräusch, als die Tür sich öffnete und wieder schloss. Dann war er allein, und Verzweiflung füllte sein Herz.

*

Er fror und hungerte. Er hatte keine Uhr, auf der er die Zeit ablesen konnte. Der Zellaktivator pochte und gab ihm auf diese Weise zu verstehen, dass alle Reserven aktiviert waren, seine Gesundheit zu schützen. Er verrichtete seine Notdurft in einer Ecke der Zelle und deckte Zweige von seinem Lager darüber, bis das Lager so dünn wurde, dass er meinte, auf dem nackten Boden zu schlafen. Denn zu schlafen, das gelang ihm von Zeit zu Zeit immer noch. Es waren kurze, von hässlichen Träumen zerrissene Ruhepausen. Er wartete auf Gucky und Ras Tschubai, aber sie kamen nicht. Den Grund kannte er längst. Die Hauri hatten sie unter hypnotischer Kontrolle.

Etwas Merkwürdiges geschah in diesen Stunden – oder Tagen. Er hatte wirklich jegliches Gefühl für den Zeitablauf verloren, und mit dem Zählen der Schwingungen des Aktivators oder der Pulsschläge konnte er immer nur Minuten abrechnen. Das merkwürdige war: Er erinnerte sich, je mehr Zeit verging, um so deutlicher des kurzen Gesprächs mit Sattavankual. Er konnte sogar die Namen der Götter der Nacht hersagen, von Malachi bis Manmatok. Ohne Zweifel hatte der Glaubenslehrer seine Worte mit hypnotischen Impulsen unterlegt.

Fast bedauerte er seine unbedachte Vorgehensweise. Er hätte damit rechnen müssen, dass Sattavankual über besondere Fähigkeiten verfügte; sonst hätte er sich nicht unbewaffnet in die Zelle gewagt. Hätte er den Glaubenslehrer nicht angegriffen, wüsste er jetzt wahrscheinlich schon viel mehr über die geheimnisvollen Nachtgottheiten. Sie faszinierten ihn. Warum waren die Hauri so erpicht darauf, ihre Gefangenen zum Glauben an die nächtlichen Götter zu bekehren?

Die Luft in der Zelle war mit Gestank und Kohlendioxyd gesättigt. Zirkulation gab es nur durch die schmale Fuge zwischen Tür und Wand. Manchmal wurde ihm übel. Er fragte sich, wie viel den Hauri daran liegen mochte, ihn zum Glauben an die Götter der Nacht zu bekehren. Als eifrige Missionare würden sie ihn nicht umkommen lassen. Aber war ihr Eifer wirklich so groß? Sie hatten Tausende von Gefangenen gemacht, wenn ihnen wirklich die Besatzungen aller Schiffe in die Hände gefallen waren. Vielleicht kam es ihnen da auf einen, den ihnen der Tod abnahm, nicht so sehr an.

Immer wieder kehrten seine Gedanken zu den nächtlichen Göttern zurück. Was war das für eine Religion? Sattavankual hatte so getan, als bedeute ihm das Buch Hexameron nur noch wenig. Die Götter der Nacht waren ihm wichtiger als die Gebote des Herrn Heptamer. Lebte auf diesem Planeten ein vom haurischen Hauptstamm abgespaltenes Zweigvolk, das seine eigene Lehre entwickelt hatte?

Er war eingeschlafen und hatte einen grässlichen Traum, in dem er Gucky in einer Blutlache auf dem Boden liegen sah. Da drang plötzlich ein eigenartiges Geräusch in sein Bewusstsein. Er fuhr auf und war sofort hellwach. Das Geräusch war noch da. Es hörte sich an, als singe da jemand mit einer Stimmkraft und einem Harmonieverständnis, wie sie nur gottbegnadeten Sängern gegeben waren. Er ging zur Tür und presste das Ohr gegen das Metall.

Wahrhaftig: Da draußen wurde gesungen! Die Tür vibrierte leise, so viel Energie lag in der Stimme des Sängers. Die Melodie war fremdartig; sie hörte sich schwermütig an wie ein Trauerlied. Es gab nur einen, der so sang: Salaam Siin, den Ophaler!

Der Gesang kam näher. Perry Rhodan glaubte zu wissen, was da geschehen war, und sein Herz begann vor Freude und Begeisterung wie wild zu pochen. Oh, ihr haurischen Narren! Die echten Mutanten habt ihr unter Verschluss genommen, so dass sie sich nicht mehr rühren können. Aber mit dem Sänger von Ophal habt ihr nicht gerechnet!

Ein Geräusch entstand an der Tür. Die schwere Metallfläche setzte sich in Bewegung. Perry Rhodan wich zur Seite und sah Sattavankual draußen in einem hell erleuchteten Korridor stehen. Es war dunkel in den tiefen Augenhöhlen. Der Hauri bewegte sich mit der Teilnahmslosigkeit einer Maschine. Neben ihm stand Salaam Siin. Der Knorpelwulst, der seinen Halsansatz umschloss, zuckte und pulsierte im elegischen Rhythmus des Gesangs. Der Ophaler war ebenfalls nackt; aber er hatte Sattavankual fest unter Kontrolle. Die psionische Energie, die der Melodie innewohnte, lähmte Willen und Initiative des Hauri. Salaam Siin wusste seit den Ereignissen auf Zapurush-III und auf dem Mond Jezetu, welche Tonfolgen er einsetzen musste, um die Jünger der Sechs Tage zu beeinflussen. Hätte er gewusst, dass diese Welt von Hauri bewohnt wurde, er hätte nicht die Symphonie des Friedens, sondern ein anderes, haurigerechteres Musikstück gespielt, während die anderen 14 Schiffe sich im Orbit um den Planeten bewegten.

Der Ophaler sang sich das Herz aus dem Leib. Besorgt fragte sich Perry Rhodan, wie lange er das noch durchhalten würde. Eile war geboten. Er fuhr Sattavankual an:

»Wo ist die Bekleidung, die ihr uns abgenommen habt?«

»In einem Lagerraum am Ende des Korridors«, antwortete der Hauri mit mechanisch klingender Stimme.

»Führ mich hin!«

Sattavankual schritt voran. Perry Rhodan folgte dichtauf und gab dem Hauri mitunter einen kräftigen Knuff zwischen die Rippen, wenn er sich zu langsam bewegte. Salaam Siin machte die Nachhut, und sein Gesang hallte von den steinernen Wänden wider.

Der Lagerraum war von bedeutendem Umfang. Die Hauri hatten sich die Mühe gemacht, die Kleidungsstücke, die den Gefangenen abgenommen worden waren, säuberlich zu ordnen. Tausende von SERUNS zusammen mit der jeweils dazugehörigen Unterkleidung hingen an langen Metallstangen, die sich von einem Ende des Raumes bis zum anderen zogen.

Perry Rhodan brauchte ein paar Minuten, um zusammenzuraffen, was ihm gehörte. Salaam Siin tat sich schwerer. Er sang noch immer, und während er suchte, musste er sich auf den Gesang konzentrieren, damit ihm die psionische Komponente nicht verloren ging.

Eine Viertelstunde später waren beide angekleidet. Perry Rhodan empfand ein Gefühl euphorischer Erleichterung, als der Pikosyn sich meldete und erklärte, sämtliche Subsysteme der Montur seien ohne Einschränkung einsatzbereit.

Er musterte Salaam Siins pulsierenden Knorpelwulst mit Besorgnis.

»Geht es noch?«, fragte er.

Der Ophaler winkte mit dreien seiner insgesamt zwölf Tentakelarme. Das war das Zeichen der Bejahung. Perry Rhodan wandte sich an Sattavankual.

»Wo sind die übrigen Gefangenen untergebracht?«, fragte er. »Ihr habt sie nicht alle in Einzelzellen gesperrt wie mich, nicht wahr?«

»Es gibt mehrere Gemeinschaftszellen«, antwortete der Hauri bereitwillig, »in denen jeweils mehrere hundert der Euren untergebracht sind.«

Rhodan erschrak. Der Aufenthalt in der Einzelzelle war eine Qual gewesen. Wie mochte es erst dort aussehen, wo Hunderte von Menschen und Nichtmenschen zusammengepfercht waren?

»Wie viele Hauri gibt es hier unten?«, wollte er wissen.

»Außer mir fünf«, lautete die Antwort. »Sie sind bei den vier Gefangenen, denen besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden muss.«

»Ist einer von diesen vier ein Geschöpf von etwa dieser Größe«, er deutete mit der Hand eine Höhe von einem Meter an, »mit dichtem, rotbraunem Pelz, großen Ohren und einem kräftigen Nagezahn?«

»So ist es«, bestätigte Sattavankual.

»Dorthin gehen wir zuerst«, entschied Rhodan, und zu Salaam Siin sagte er: »Halte nur noch so lange aus, bis wir die Mutanten befreit haben. Dann kannst du dich ausruhen.«

*

Die Tür öffnete sich bereitwillig, als Sattavankual sie berührte. Ein Schwall verbrauchter, stinkender Luft schlug Perry Rhodan entgegen. Salaam Siin sang aus voller Lunge. Rhodan blickte in einen fensterlosen Raum, der etwa dreimal so groß sein mochte wie seine Zelle. Die Mutanten hockten im Hintergrund: Gucky, Fellmer Lloyd, Ras Tschubai und Ge-Liang-P'uo. Sie hatten die Augen geschlossen und rührten sich nicht. Den Gesang des Ophalers schienen sie nicht zu hören.

Die haurischen Wächter saßen zu beiden Seiten der Tür. Als die Tür sich öffnete und ihnen Salaam Siins Melodie ungedämpft in die Ohren drang, sprangen sie auf. Perry Rhodan machte sich mit ihnen keine Mühe. Die Kombiwaffe sang, auf Paralysator-Modus geschaltet. Die Hauri sanken in sich zusammen.

Salaam Siins Gesang endete mit einem heulenden Misston. Rhodan hatte Sattavankual keine Sekunde aus den Augen gelassen. Er sah, wie der Hauri zum Sprung ansetzte. Er ließ ihn zunächst gewähren. Aber als der Glaubenslehrer sich mit einem mächtigen Satz davonschnellen wollte, lähmte der scharfgebündelte Strahl des Paralysators ihm die Muskeln. Er stürzte schwer und zog sich eine Platzwunde am Schädel zu. Perry Rhodan hatte die Leistung der Waffe verringert. Sattavankual war bei Bewusstsein; aber er konnte sich nicht bewegen. Auf dem Grund der Augenhöhlen glomm es; aber diesmal war es nicht Zorn oder religiöser Eifer, der den Hauri beseelte. Die nackte Angst hielt ihn in den Klauen.

»Unternimm einen Versuch, mein Bewusstsein zu beeinflussen«, warnte ihn Perry Rhodan, »und deine Karriere als Glaubenslehrer ist beendet!«

Die Mutanten kamen allmählich zu sich. Gucky gab ein unwilliges Murren von sich und öffnete die Augen. Sein Blick fiel auf die bewusstlosen Hauri.

»Das waren sie!«, stieß er hervor. »Ich habe sie im Traum gesehen. Sie hielten mein Bewusstsein gefesselt ...«

Er bemerkte, dass er keine Kleidung trug, und gab einen empörten Pfiff von sich.

»Barbaren!«, schimpfte er. »Nackt sperren sie einen in eine stinkende Höhle!«

»Wie fühlst du dich?«, fragte Perry Rhodan.

»Hungrig!«, bellte der Ilt. »Hungrig und kalt. Ansonsten geht es mir einigermaßen gut.«

Die übrigen drei waren inzwischen ebenfalls bei klarem Verstand. Aber Auskunft darüber, wie sie in diese Lage gekommen waren, konnten sie nicht geben. Sie hatten bei der Landung unendliche Müdigkeit gespürt und dies damit zu erklären versucht, dass die vergangenen Tage überaus anstrengend gewesen waren. Sie waren ohne Bedenken eingeschlafen, weil sie gleichzeitig den Eindruck der Geborgenheit empfunden hatten.

»Es ist unmöglich, dass die Hauri ein paar tausend Galaktiker und sonstige Wesen allein kraft ihres Bewusstseins suggestiv beeinflussen können«, erklärte Rhodan. »Es muss hier irgendwo eine Anlage geben, mit der sie psionische Strahlung erzeugen.«

Gucky war aufgestanden und schaute durch die offene Tür hinaus auf den Korridor.

»Wer ist das?«, fragte er, als er Sattavankuals reglose Gestalt erblickte.

»Der Glaubenslehrer«, antwortete Rhodan. »Er wollte mich in der Lehre der nächtlichen Gottheiten unterrichten.«

Weitere Fragen des Mausbibers wehrte er ab. Er schilderte, wie es Salaam Siin gelungen war, den Hauri mit seinem psionischen Gesang zu überwältigen.

»Die Hauri haben die Fähigkeit, euch als Mutanten zu erkennen«, erklärte er dazu. »Sie wussten, dass ihr ihnen gefährlich werden konntet. Deswegen sonderten sie euch ab und gaben euch Aufpasser, die eure Paragaben knebelten.«

Das Gespräch wurde Ge-Liang-P'uos wegen auf Kartanisch geführt.

»Ich habe sie nie bewusst wahrgenommen«, sagte die Kartanin. »Meine letzte klare Erinnerung ist an Bord der HARMONIE. Seitdem muss ich ohnmächtig gewesen sein. Und dennoch kenne ich die fünf. Sie erschienen mir in meinen Träumen.«

Ras Tschubai und Fellmer Lloyd berichteten Ähnliches. Auch der Ilt hatte keine wache Erinnerung an die Zeit, die er in haurischem Gewahrsam gewesen war.

»Euch hatten sie also kaltgestellt«, fuhr Perry Rhodan fort. »Aber von Salaam Siins seltener Gabe wussten sie nichts. Salaam, erzähl uns, wie du Sattavankual unter Kontrolle brachtest.«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen«, sang der Ophaler. Man merkte ihm an, dass er erschöpft war. »Der Glaubenslehrer kam in meine Zelle ...«

»Du warst allein untergebracht?«

»Ja. Er sprach zu mir von den Gottheiten der Nacht, die alle entsetzliche und unaussprechliche Namen haben. Ich erinnerte mich an Jezetu und begann zu singen. Da erlosch das Feuer seiner Augen, und von da an befolgte er jede Anweisung, die ich ihm gab.«

»Fellmer, Gucky – könnt ihr seine Gedanken erkennen?«, fragte Reginald Bull.

Fellmer Lloyd schüttelte den Kopf.

»Nichts Brauchbares«, antwortete er. »Das übliche Hauri-Syndrom. Er hat Angst. Das erkenne ich im Vordergrund seines Bewusstseins. Was er im Hintergrund denkt, kann ich nicht erfassen.«

Rhodan beschrieb den beiden Teleportern Lage und Beschaffenheit des Raumes, in dem die Kleidungsstücke aufbewahrt wurden. Gucky und Ras Tschubai machten sich auf den Weg und kehrten kurze Zeit später mit Unterkleidung und SERUNS zurück. Der Trupp zählte jetzt sechs mit Waffen und moderner Technik ausgestattete Mitglieder. Zwar knurrten die Mägen vor Hunger, aber dadurch durfte man sich jetzt nicht stören lassen. Es ging darum, dem haurischen Psychospuk ein Ende zu machen und die übrigen Gefangenen zu befreien.

Der Ilt kümmerte sich um Sattavankual. Mit telekinetischer Kraft hob er den Glaubenslehrer auf und schob ihn vor sich her. Um die fünf bewusstlosen Hauri brauchte man sich vorläufig nicht zu kümmern. Sie würden frühestens in zwei Stunden wieder zu sich kommen.

Entlang dem Korridor gab es viele Türen. Eine nach der anderen wurde geöffnet. Die Räume dahinter waren von unterschiedlicher Größe; aber eines war ihnen allen gemeinsam: Die Luft war zum Schneiden dick und kaum noch atembar. Bestialischer Gestank erfüllte die kahlen Zellen.

Rufe der Begeisterung klangen auf, als Perry Rhodan erklärte, es sei gelungen, die Wachmannschaft des Gefängnisses zu überrumpeln. In Scharen eilten die Befreiten zum Lagerraum am Ende des Korridors und kleideten sich ein. Hektisches Gedränge herrschte auf dem Gang. Inmitten des Gewühls entdeckte Perry Rhodan Eirene. Er zog sie an sich und streichelte ihr übers Haar.

»Sehr schlimm gewesen?«, fragte er sanft.

»Abscheulich«, antwortete sie. »Aber jetzt ist alles wieder gut. Nur etwas zu essen brauche ich.«

Es hörte sich nicht so an, als hätte sie einen seelischen Schock davongetragen. Befreit lachte er auf.

»Es geht uns allen so. Sobald wir wieder an der Oberwelt sind, veranstalten wir ein Festmahl.«

Sie hatten nicht alle auf dem Korridor Platz. Ein Teil der soeben Befreiten kehrte wieder in die Kerker zurück. Sattavankuals Lähmung war inzwischen so weit gewichen, dass der Glaubenslehrer wieder aus eigener Kraft auf den Beinen stehen konnte. Gucky hielt sich in seiner Nähe. Man sah dem Hauri an, dass er Angst hatte. Gegen drei, vier, vielleicht auch fünf Fremde hätte er sich mit seiner hypnotischen Kraft noch durchsetzen können. Aber hier stand er Tausenden gegenüber, und er sah den Zorn in den Augen derer, die er tagelang schlimmer als Tiere behandelt hatte.

»Wo sind wir hier, und wo ist der Ausgang?«, fragte Perry Rhodan.

Er zögerte mit der Antwort. Da zog Rhodan die Waffe und feuerte ihm einen kurzen Paralysatorimpuls in den rechten Arm. Sattavankual schrie auf und sank haltsuchend gegen die Wand. Die Farbe seines Gesichts war ein fahles Grau.

»Dies ist das Gefängnis des Mamoch von Zuul«, brachte er stöhnend hervor. »Es liegt unter dem Palast des Mamoch. Der Ausgang liegt dort vorne.« Er wies zum anderen Ende des Korridors. »Aber ihr werdet nicht durchkommen. Der Ausgang wird von Gardisten bewacht.«

»Darum mach du dir keine Sorge«, erwiderte Perry Rhodan finster. »Wir haben dich und deine fünf Kumpane. Du bist der Glaubenslehrer, die anderen sind begabte Hypnotiker. Euer Leben wird dem Mamoch einiges wert sein.«

Er verständigte sich mit den Befreiten über Mikrokom. Jeder, der mit Standardausrüstung ausgestattet war, trug unter dem Ohr – oder was ihm sonst auch als Organ des Gehörsinns dienen mochte – einen winzigen Empfänger. Die Kommunikation wurde durch die Pikosyns der SERUNS gesteuert.

»Wir bewegen uns auf den Ausgang zu«, sagte er. »Ich habe erfahren, dass er von Gardisten bewacht wird. Wir nehmen keine Rücksicht. Ich nehme an, dass der Ausgang verschlossen ist. Hindernisse, die sich uns in den Weg stellen, werden mit Impulsstrahlern und Desintegratoren niedergebrannt. Die Gardisten schaffen wir uns mit dem Paralysator vom Hals.«

Was ihm in der Zelle der Mutanten durch den Sinn gegangen war, fiel ihm wieder ein.

»Es ist anzunehmen, dass es irgendwo in der Stadt eine Anlage gibt, mit der psionische Strahlung künstlich erzeugt werden kann. Vor dieser müssen wir uns hüten. Die Strahlung kann uns jederzeit wieder überrumpeln, wie sie es unmittelbar nach der Landung getan hat. Nach der Anlage zu suchen bringt uns im Augenblick nichts ein. Wir sind unter dem Palast des Mamoch von Zuul – wer auch immer das sein mag. Wir bringen den Mamoch in unsere Hand, dann brauchen wir den Psi-Strahler nicht mehr zu fürchten. Vorwärts jetzt!«

Wildes, triumphierendes Schreien brandete auf. Der Heerzug setzte sich in Bewegung, und Sattavankual zitterte vor Angst.

*

Sie gelangten in eine weitläufige Halle. Die Wände waren aus flüchtig behauenem Stein, nur die, die der Mündung des Korridors gegenüberlag, war geglättet. Dort befanden sich die Zugänge zu Aufzugschächten, mächtige, stählerne Türen, die sich in die Wand schoben, wenn der Aufzug be- oder entladen wurde.

»Das muss ein betriebsames Gefängnis sein«, sagte Perry Rhodan, »wenn zum Transport der Gefangenen derart riesige Aufzüge gebraucht werden.«

Weit zur rechten Hand begann eine breite Steintreppe, die man nur ein paar Meter weit überblicken konnte, weil sie sich wie eine Wendeltreppe ringelte. Inzwischen waren Atlan und Reginald Bull an Rhodans Seite. Sattavankual befand sich immer noch in Guckys Gewahrsam.

»Die Aufzüge sind vorläufig zu gefährlich«, entschied Rhodan. »Wir dringen zunächst über die Treppe vor. Bully, du übernimmst hier unten das Kommando. Behalte dir zweitausend Mann zurück. Wenn ich das Signal gebe, kommt ihr mit den Aufzügen nach – Schub um Schub.«

Bull nickte sein Einverständnis. Rhodan wandte sich an den Ilt.

»Halt dich an meiner Seite«, sagte er. »Bring unseren Glaubenslehrer mit.«

»Ich ... ich werde euch da oben nicht ... behilflich sein können«, ächzte Sattavankual. Man sah ihm an, dass er Angst hatte, ins Kreuzfeuer zu geraten.

»Das wollen wir sehen«, antwortete Rhodan. »Schluss jetzt mit dem Gerede. Vorwärts!«

Vorsichtig bewegten sie sich die Treppe hinauf. Die Reihe der Stufen ringelte sich dreimal um eine imaginäre Achse, dann mündete sie auf einen breiten Gang, in dessen Hintergrund gelbes Tageslicht leuchtete. Man sah ein Gitter aus kräftigen Metallstreben, das den Ausgang des Korridors verschloss. Was dahinter lag, war nicht zu erkennen. Das Sonnenlicht blendete.

»Gravo-Paks an!«, befahl Perry Rhodan.

Geräuschlos und geschwind schwebten sie durch den Gang. Perry Rhodan warf einen Blick über die Schulter. Der Korridor war von Wand zu Wand erfüllt von eilig dahingleitenden Gestalten. Hunderte hatten bereits das obere Ende der Treppe erreicht. In den Augen der Männer und Frauen leuchtete Entschlossenheit. Sie waren auf dem Weg, sich für die Schande zu rächen, die man ihnen angetan hatte.

Draußen, jenseits des Gitters, bewegte sich etwas. Ein Schrei gellte auf. Die Silhouetten zweier Hauri zeichneten sich gegen den hellen Hintergrund ab. Ein Thermostrahler blaffte und fauchte. Ein armdicker Energiestrahl stach ins Halbdunkel des Korridors, traf die linke Wand und brachte das Gestein zum Glühen.

Rhodan brauchte keine Befehle zu geben. Jedermann wusste, worum es ging. Kombiwaffen sangen im Paralysator-Modus. Die Silhouetten sanken in sich zusammen. Perry Rhodan hatte den Strahler auf Desintegratorwirkung geschaltet. Die rechte Hälfte des Gitters löste sich auf. Trübe Schwaden Metalldampf zogen davon.

Ausschnitte eines Hofes wurden sichtbar. Drei Seiten wurden von Gebäuden eingegrenzt, die vierte von einer hohen Mauer. Auf der anderen Seite der Mauer schien es einen Wehrgang zu geben. Behelmte Köpfe lugten über die Mauerkrone hinweg. Waffen lagen im Anschlag. Gestalten hetzten mit weiten Sprüngen über die freie Hoffläche und verschwanden hinter Türen. Die Behelmten oben auf der Mauer begannen zu feuern. Lodernde Glut waberte um den Ausgang des Korridors. Perry Rhodan schloss den Helm seine SERUNS und aktivierte das Schirmfeld. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Atlan es ihm gleichtat.

Sie schossen im Horizontalflug durch die Flammenwand. Perry Rhodan erhielt einen Treffer. Eine halbe Sekunde lang glühte sein Schutzschirm in sämtlichen Farben des Spektrums. Es war reiner Zufall, dass man ihn getroffen hatte. Die Gardisten hielten die Mündung des Ganges unter Feuer, um die Angreifer am weiteren Vordringen zu hindern. Rhodans und Atlans Manöver überraschte sie. Unangefochten erreichte Perry Rhodan die Deckung einer Gebäudenische. Der Arkonide schoss an ihm vorbei. Sein Ziel war ein altmodisch wirkender Torbau, der zu den Bauwerken gehörte, die die dem Gang gegenüberliegende Begrenzung des Hofes bildeten. Der Torbogen hatte eine Höhe von sechs Metern. Atlan winkte beruhigend, nachdem er das Gravo-Pak abgeschaltet und Position bezogen hatte.