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Das Jahr 1169 Neuer Galaktischer Zeitrechnung: Nachdem ES über Jahrhunderte hinweg immer wieder in die Geschichte der Menschheit eingegriffen hat, scheint die Superintelligenz nun ihre Sicht der Dinge zu ändern. Perry Rhodan, Atlan und die anderen relativ Unsterblichen werden dazu aufgefordert, ihre Zellaktivatoren abzugeben. Zu neuen Favoriten wählt ES die Linguiden, ein humanoides Volk. Die sogenannten Friedenssprecher sind besonders begabte Linguiden, die andere Wesen allein durch ihr Wort beeinflussen können. Wie es aussieht, traut ES eher ihnen als den Menschen zu, die Milchstraße in eine neue Zeit zu führen. Doch rasch wird klar, dass auch die Friedenssprecher nicht ohne Fehler sind: Durch die Strahlung ihrer neuen Zellaktivatoren verändern sie sich auf erschreckende Weise. Zu allem Überfluss scheint ES sich bald in eine Materiesenke zu verwandeln. Perry Rhodan und seinen Gefährten bleibt nur noch wenig Zeit, die Milchstraße und ihr eigenes Leben zu retten ...
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Seitenzahl: 6216
Veröffentlichungsjahr: 2013
Nr. 1550
Die neue Bestimmung
Rückkehr an den Ort der Geburt – ein Volk erhält einen Auftrag
Marianne Sydow
Ende 1171 NGZ beträgt die Lebenserwartung der Zellaktivatorträger nur noch sechs Jahrzehnte, nachdem ES die Leben erhaltenden Geräte zurückgefordert hatte.
Es ist klar, dass die Superintelligenz einen Irrtum begangen haben muss, denn sie gewährte den ZA-Trägern ursprünglich 20 Jahrtausende zur Erfüllung ihrer kosmischen Aufgaben. Die Superintelligenz aufzufinden, mit den wahren Fakten zu konfrontieren und dadurch die eigene Lebensspanne zu verlängern ist natürlich allen Betroffenen ein Anliegen von vitalem Interesse.
Man hat aus diesem Grund in Terrania alle Daten und Fundstücke zusammengetragen, die zur Bestimmung des Aufenthaltsorts von ES dienen können. Die Auswertung des Materials wird von dem genialen Myles Kantor und seinem wissenschaftlichen Team vorgenommen.
Noch im Dezember stellt sich der Erfolg ein: Die Kunstwelt manifestiert sich an einem Ort entlang der errechneten Bahn.
Perry Rhodan und ein paar seiner Gefährten schaffen es nur unter Schwierigkeiten, Wanderer zu betreten. Ihr Ziel, sich mit ES auseinander zu setzen, erreichen sie nicht. Sie werden unverrichteter Dinge wieder abgeschoben.
Andere hingegen sind erfolgreicher. Auf sie wartet DIE NEUE BESTIMMUNG ...
Dorina Vaccer, Balasar Imkord, Aramus Shaenor und Kelamar Tesson – Die Linguiden gehorchen einem Befehl.
Perry Rhodan, Reginald Bull und Atlan – Sie folgen den Friedensstiftern.
Carrom Durok – Atlans Begleiter auf Viron.
Moron Zembal – Balasar Imkords Lieblingsschüler.
16.12.1171 NGZ, Simban-Sektor
»KEHRT AN DEN ORT EURER GEBURT ZURÜCK!«
Das hatte die fremde, seltsam wesenlose Stimme gesagt.
Dorina Vaccer hörte sie noch immer. Die Worte hallten in ihren Gedanken nach, und sie konnte sie nicht loswerden.
Nicht, solange sie nicht wusste, wie sie diese Stimme einzuordnen und zu bewerten hatte.
»Sie sind hinter uns her«, sagte eine ganz andere Stimme, rau und kratzig. »Was soll ich tun?«
Dorina Vaccer schrak zusammen.
»Wer ist hinter uns her?«, fragte sie.
»Die Terraner«, erwiderte Kleva Rimmon.
Sie hätte es vorgezogen, nicht an diese Wesen erinnert zu werden. Es war deprimierend, auch nur diese Bezeichnung zu hören:
Terraner.
Kleva Rimmon wartete auf eine Antwort. Er konnte nicht wissen, was sich für die Friedensstifterin seit kurzem mit diesem Wort verband. Er hatte die SINIDO auf Wanderer nicht verlassen und die Stimme nicht gehört.
Dorina Vaccer hatte keine Lust, ihm die ganze Sache zu erklären. Ebenso wenig mochte sie ihn darauf hinweisen, dass es nicht nur Menschen von der Erde waren, die ihnen folgten.
»Damit haben wir rechnen müssen«, stellte sie fest. »Wie viele Schiffe?«
»Nur eines. Aber es ist sehr schnell. Wir können es nicht abhängen.«
»Das ist auch gar nicht nötig. Lass sie ruhig hinter uns herfliegen, wenn es das ist, was sie wollen. Alles andere braucht uns nicht zu kümmern.«
»Und wenn sie nun auf Taumond landen?«
Ja – was dann?, dachte sie bitter und gab ihm und sich selbst die Antwort:
»Dann landen sie eben!«
Kleva Rimmon schwieg betroffen. Einen so ungeduldigen Tonfall war er von der Friedensstifterin nicht gewohnt.
»Lass ihnen ihren Willen«, sagte die Linguidin nach einer kurzen Pause beschwichtigend. Sie würde schon irgendeine Möglichkeit finden, ihnen aus dem Weg zu gehen und ein Gespräch mit ihnen zu vermeiden. Im Zweifelsfall würde ihr ganz Taumond dabei behilflich sein.
»Ist die VAROAR noch in Rufweite?«, fragte sie.
»Nein.«
»Eines der anderen Schiffe?«
»Alle Friedensstifter haben Kurs auf ihre Heimatplaneten genommen.«
Dorina Vaccer erinnerte sich sehr deutlich an den Augenblick, in dem auch sie selbst den Befehl zur Heimkehr gegeben hatte.
Niemand hatte ihr deswegen irgendwelche Fragen gestellt – natürlich nicht. Kleva Rimmon war nur für die technischen Belange zuständig. Über den Kurs der SINIDO hatte allein die Friedensstifterin zu bestimmen. Sie war in diesem Punkt niemandem Rechenschaft schuldig.
Fast wünschte sie sich, dass es anders gewesen wäre.
Dass ich selbst so dumm bin, wundert mich ja nicht weiter, dachte sie ärgerlich. Aber warum hat denn keiner von den anderen die Nerven behalten?
Sie durften nicht einfach jeder für sich ihrer Wege gehen.
Nicht jetzt!
Wenn es für die Friedensstifter jemals einen Grund gegeben hatte, sich zusammenzusetzen und die Lage zu beraten, dann war dieser Zeitpunkt jetzt gekommen. Ein noch zwingenderer Anlass war schlichtweg nicht vorstellbar.
Es gab so vieles, worüber sie sprechen mussten – unbedingt, so schnell wie möglich!
Natürlich hatte es keinen Sinn, jetzt noch umzukehren und dorthin zurückzufliegen, woher sie gerade erst gekommen waren: an jenen ansonsten völlig unbedeutenden Punkt im All, an dem die Kunstwelt Wanderer für kurze Zeit aufgetaucht und wieder verschwunden war.
Ich werde Kleva Rimmon den Befehl geben, nach Lingora zu fliegen, sagte sie sich in Gedanken. Die anderen werden sicher auch auf diese Idee kommen. Wir werden uns auf Lingora treffen. Und dann werden wir reden.
Aber gleichzeitig hörte sie in ihrer Erinnerung diese seltsame, unsagbar fremde Stimme, und diese Stimme gab einen Befehl – anders konnte man das wohl kaum nennen.
»Sie haben also alle die Absicht, seinen Anweisungen zu folgen«, stellte Dorina Vaccer beunruhigt fest. »Einen solchen Gehorsam gegenüber einem Auftraggeber hätte ich eigentlich keinem von ihnen zugetraut – mir selbst am allerwenigsten. Aber wir haben ja auch nie zuvor einen so seltsamen Auftrag erhalten.«
Kleva Rimmon schwieg. Er wusste nicht, was er mit dieser Bemerkung anfangen sollte.
»Ich sollte einen anderen Kurs wählen«, fügte sie hinzu. »Aber ich fürchte, dass ich immer wieder eine Ausrede finden werde, es eben doch nicht zu tun.«
Vielleicht, dachte sie gleichzeitig, hat es auch seine Vorteile. Auf Taumond habe ich schon oft meinen Frieden gefunden.
Obwohl sie wusste, dass sie damit ihre eigenen, eben geäußerten Befürchtungen bestätigte, konnte sie nichts daran ändern.
»Wie lange wird es noch dauern, bis wir unser Ziel erreichen?«, fragte Dorina Vaccer.
»Das kommt darauf an, wie sehr wir uns beeilen«, erwiderte Kleva Rimmon.
»Gut, dann lassen wir uns Zeit. Das ist alles.«
Kleva Rimmon schien damit nicht ganz einverstanden zu sein, aber er fügte sich, wie er es immer tat. Er war an den Umgang mit Friedensstiftern gewöhnt und wusste, dass sie mitunter seltsamen Einfällen nachgaben.
Und die anderen Linguiden?
Sie verehrten die Friedensstifter, sahen in ihnen die höchsten Repräsentanten ihres Volkes und stellten die von ihnen gegebenen Anweisungen nur selten in Frage.
Auch das war jetzt plötzlich ein Grund zur Besorgnis.
Dorina Vaccer rief ihren Schüler Amdan Cutrer zu sich. Er eilte so schnell herbei, als hätte er bereits draußen vor der Tür gewartet.
»Ich möchte, dass du Verbindung mit Hajmayur aufnimmst«, sagte sie zu ihm. »Man soll ein Quartier für mich herrichten. Ich werde einige Tage dort bleiben und auch der Farm einen Besuch abstatten.«
Das würde ihr für einige Tage den Rücken freihalten.
»Sollen wir dich begleiten?«
Dorina Vaccer sah ihn nachdenklich an.
»Nein«, sagte sie schließlich. »Du und die anderen Schüler – ihr werdet in der SINIDO bleiben und euch bereit halten. Es könnte sein, dass ich Taumond sehr schnell wieder verlassen muss.«
Amdan Cutrer nahm es zur Kenntnis, zögerte aber, Dorina Vaccers Anweisungen zu befolgen.
»Worauf wartest du noch?«, fragte sie ihn.
»Gib uns wenigstens die Erlaubnis, in der Stadt Gurmayon berichten zu dürfen, was sich zugetragen hat«, bat der junge Linguide.
Dorina Vaccer lachte.
»Du bist neugierig«, stellte sie fest. »Damit ihr etwas zu berichten habt, müsste ich euch erst einmal erzählen, was sich ereignet hat.«
»Ich wollte dich nicht drängen!«, versicherte Amdan Cutrer hastig.
Diese Bemerkung war überflüssig. Dorina Vaccer ließ sich von niemandem drängen. Schon gar nicht von einem ihrer Schüler.
»Geh und erledige, was ich dir aufgetragen habe!«, befahl sie.
Eine leichte Schärfe lag in ihrer Stimme. Amdan Cutrer hatte es plötzlich sehr eilig, ihr aus den Augen zu kommen.
Als er die Kabine verließ, sah Dorina Vaccer draußen auf dem Gang die anderen Schüler stehen. Zehn waren es zur Zeit. Sie hatten sich vollzählig versammelt.
»Habt ihr nichts Besseres zu tun, als da draußen herumzulungern?«, rief sie ihnen zu.
Sie liefen eilig auseinander.
Die Friedensstifterin lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Sofort war dieses Bild wieder da:
Eine riesige Halle inmitten der unheimlichsten Stadt, die je ein Linguide gesehen hatte, und in dieser Halle eine Energiespirale, die alles andere war als das, was sie zu sein schien.
Und eine Stimme.
Diese Stimme sagte seltsame Dinge.
»Man nennt mich ES«, sagte sie. »Ich hatte den Terranern den Auftrag erteilt, in meiner Mächtigkeitsballung für Frieden und Ordnung zu sorgen. Die Terraner haben versagt. Ich habe beschlossen, dass ihr, die Friedensstifter aus dem Volk der Linguiden, an ihre Stelle treten sollt. Auch euch werde ich eine Frist setzen, und ihr werdet bekommen, was euch als meinen Helfern zusteht. Verschwendet meine Gaben nicht genauso leichtsinnig, wie die Terraner es getan haben!«
Für die Linguiden waren Worte weit mehr als nur Mittel zur Kommunikation. Jede Sprache war zugleich ein Spiegel der Gedankenwelt jener Wesen, die sich ihrer bedienten. Normalerweise reichten schon wenige Sätze, um einen Friedensstifter erkennen zu lassen, in welcher Weise ein Wesen sich und seine Welt sah.
Aber über die subjektive Realität, in der das Wesen namens ES lebte, erfuhren sie so gut wie nichts.
Und das irritierte sie.
Mindestens genauso seltsam war der rein kommunikative Inhalt dessen, was die Stimme ihnen mitteilte.
Sie sollten für Frieden und Ordnung sorgen – merkwürdig, dass man es für nötig hielt, ihnen das so klar und deutlich zu sagen, denn dies war schon seit jeher ihr Ziel gewesen, und sie hatten auch keineswegs die Absicht, etwas daran zu ändern.
Aber das war nicht das Schlimmste.
Es war der Umfang der Aufgabe, der sie erschreckte und für den Augenblick sprachlos machte.
Sie wussten ziemlich genau, was sie sich unter einer Mächtigkeitsballung vorstellen mussten.
Sie hatten schon vor einer ganzen Weile von der Existenz der Superintelligenz erfahren und alles darangesetzt, möglichst viele Informationen über ES zusammenzutragen. Sie waren auf diesem Gebiet auch recht erfolgreich gewesen, denn sie verstanden sich darauf, selbst aus scheinbar nebensächlichen Bemerkungen eine erstaunliche Fülle von Fakten herauszufiltern.
Sie wären dabei allerdings niemals auf die Idee gekommen, dass sie im Begriff waren, Informationen über ihr künftiges Arbeitsgebiet zu sammeln.
»Wir müssen über diesen Auftrag nachdenken«, hatte Aramus Shaenor schließlich angekündigt.
Er war mit Sicherheit der Schlagfertigste unter ihnen. Die Eröffnungen des geheimnisvollen Wesens mussten ihn schwer getroffen haben, wenn ihm nichts Besseres eingefallen war.
»Und natürlich müssen wir einen Preis aushandeln«, fügte Balasar Imkord hinzu.
Dieses Ansinnen schien den Besitzer der wesenlosen Stimme zu überraschen. Für einige Sekunden blieb es totenstill. Nur ein ständiges, an den Nerven zerrendes Summen hing in der Luft. Es hörte sich an, als säßen sie im Innern eines überlasteten Transformators.
»Einen Preis?«, klang es schließlich von irgendwoher.
Es hörte sich teils nachdenklich, teils ungläubig an, als sei sich der Besitzer der Stimme nicht ganz sicher, ob er seinen Ohren trauen durfte – falls er Ohren hatte.
»Selbstverständlich«, versetzte Balasar Imkord. »Mach uns ein Angebot!«
Anstelle einer Antwort erhielten sie einen Befehl, und dieser Befehl glich einem Donnerschlag. Die Stimme schien aus allen Richtungen zugleich zu kommen. Sie fuhr den Linguiden mit solcher Lautstärke in die Ohren, als wolle sie ihnen die Schädeldecke zersprengen.
Sie duckten sich wie ängstliche Kinder.
»KEHRT AN DEN ORT EURER GEBURT ZURÜCK!«
Der Rest war wie ein von unerklärlichem Grauen erfüllter Traum:
Ein hallendes Gelächter, in dem keine Spur von Heiterkeit mitschwang; der hastige, fast einer Flucht gleichende Rückzug zu den Schiffen; der Start von dieser unheimlichen Welt, die einer riesigen Scheibe glich und nicht natürlichen Ursprungs war.
Worauf hatten sie sich da eingelassen? Wer oder was war ihr neuer Auftraggeber?
Was verbarg sich hinter dem Begriff »Superintelligenz«? Ein Wesen, das intelligenter war als alles andere, was in diesem Universum des Denkens fähig war?
Unmittelbar nach dem Start hatte die Stimme sich noch einmal gemeldet. Sie hatte sich direkt an Dorina Vaccer gewandt und ihr aufgetragen, den draußen im Weltraum wartenden Galaktikern eine Botschaft zu übermitteln.
Sie hatte sich dieses Auftrags entledigt, während die Schiffe der anderen Friedensstifter bereits davonrasten. Dann war auch sie davongeflogen.
Geflohen, um es genauer zu sagen.
Dorina Vaccer hatte den grausigen Sinn der Botschaft, zu deren Überbringerin man sie gemacht hatte, sehr wohl verstanden, aber sie hatte sich außerstande gesehen, auf die Fragen der Galaktiker zu warten und ihnen Rede und Antwort zu stehen.
Die Galaktiker, die es betraf, waren mit den ehemaligen Aktivatorträgern identisch. Über deren Schicksal waren die Linguiden mittlerweile in groben Zügen informiert.
Die Zellaktivatoren – so hatten sie erfahren – verliehen ihren Trägern für die Dauer von zwanzigtausend Jahren die relative Unsterblichkeit. Perry Rhodan und einige andere hatten solche Geräte erhalten, damit sie eine Aufgabe erledigen konnten: genau jenen Auftrag, der jetzt – wie es schien – auf die Friedensstifter übergegangen war.
Dann hatte ES die Aktivatoren plötzlich zurückverlangt.
Normalerweise hätte dies den sofortigen Tod der »Unsterblichen« zur Folge gehabt. Aber ES hatte seinen bisherigen Helfern im letzten Augenblick doch noch eine Gnadenfrist eingeräumt und ihnen eine so genannte Zelldusche gewährt. Diese Zelldusche stoppte den Alterungsprozess für die Dauer von zweiundsechzig Jahren.
So hatten es die Betroffenen gelernt, und daran hatten sie geglaubt.
Und sich gründlich geirrt.
Denn aus Gründen, die für Dorina Vaccer völlig unverständlich waren, stimmte die Rechnung nicht.
Es schien, dass die Zeit für das geheimnisvolle Wesen namens ES in einem anderen Tempo verstrich, als es für die Galaktiker oder die Linguiden der Fall war. Während im Normalraum nur zwei von diesen zweiundsechzig Jahren vergangen waren, hatte ES deren zwanzig hinter sich gebracht.
Und nun behauptete die Superintelligenz, dass sich diese Differenz im Zeitablauf auch auf die Lebenserwartung der ehemaligen Aktivatorträger auswirken würde: Es blieben ihnen zwanzig Jahre weniger, als sie gedacht hatten, und diese Frist würde womöglich noch weiter schrumpfen.
Dorina Vaccer fand das alles ziemlich unverständlich, und sie war sich absolut sicher, dass es den anderen Friedensstiftern auch nicht anders erging.
Dass die Kunstwelt Wanderer einem anderen Zeitablauf unterlag und dass es tatsächlich Möglichkeiten geben sollte, dem Tod aus dem Weg zu gehen – damit konnte sie sich zur Not abfinden. Selbst die Aussage, dass die auf der Kunstwelt verabreichte Zelldusche auch im Normalraum für eine viel kürzere Zeitspanne wirken sollte, als man ursprünglich angenommen hatte, fiel in die Kategorie jener Behauptungen, bei denen ihr nichts anderes übrig blieb, als sie zu akzeptieren, da sie sie ohnehin nicht nachprüfen konnte.
Aber dass ein einzelnes Wesen – eben ES – über eine solche Machtfülle verfügen sollte ...
... nein, dieser Gedanke ging ihr gegen den Strich.
Abgesehen davon:
Wenn ES so mächtig war – wozu brauchte es dann die Hilfe so schwacher und kurzlebiger Wesen wie der Linguiden?
Und selbst wenn man diese Frage beiseite ließ: War es für die Friedensstifter wirklich wünschenswert, sich zu Erfüllungsgehilfen einer so seltsamen und undurchsichtigen Macht machen zu lassen?
Es hatte ja schon begonnen.
Dorina Vaccer kannte den Begriff »Todesurteil«, aber sie hatte stets geglaubt, dass sie als Linguidin mit Grausamkeiten dieser Art nichts zu tun haben würde.
Jetzt aber hatte sie ein solches Urteil überbracht.
Sie fühlte sich missbraucht und gedemütigt, und sie fragte sich verzweifelt, wie sie dazu kam, einer Stimme zu gehorchen, von der sie noch nicht einmal wusste, zu welcher Art von Wesen sie gehörte.
Trotzdem war sie im Begriff, auch den anderen Befehl zu erfüllen:
17.12.1171 NGZ, Kaokrat-System
»Sie sind zweifellos auf dem Weg ins Kaokrat-System«, stellte Reginald Bull fest. »Dorina Vaccer stammt von dort, nicht wahr?«
»Vom Planeten Taumond«, bestätigte Tamosh Unda. »So steht es jedenfalls in unseren Unterlagen. Die sind allerdings nicht gerade sehr umfangreich, wenn es um die Friedensstifterin geht.«
Reginald Bull schwieg.
Tamosh Unda war ein Perfektionist. Er würde nie zufrieden sein.
»Werden wir landen?«, fragte der Akone hoffnungsvoll.
»Wir werden es versuchen«, stellte Bull in Aussicht. »Aber freue dich nicht zu früh – ich glaube kaum, dass man dir eine Gelegenheit geben wird, mit dieser Friedensstifterin zu reden.«
»Wer weiß!«, erwiderte Tamosh Unda leichthin.
Er hatte Dorina Vaccer zwei Jahre zuvor auf dem Planeten Drostett kennen gelernt. Seither schwärmte er geradezu für sie.
Normalerweise wäre das für Reginald Bull ein Grund gewesen, Tamosh Unda künftig demonstrativ auf Distanz zu halten. Er war und blieb von unstillbarem Misstrauen gegenüber den Linguiden erfüllt, und er hasste Leute, die kritiklos dem Charisma der Friedensstifter erlagen.
Aber bei Tamosh Unda machte er eine Ausnahme: Der Akone diente ihm als Versuchskaninchen und Studienobjekt.
»Sie werden diesmal etwas massiver vorgehen als sonst«, behauptete er. »Sie werden uns drohen, vielleicht sogar auf uns schießen, um uns von den Friedensstiftern fern zu halten.«
Er beobachtete den Akonen, aber Tamosh Unda lächelte nur und schwieg.
»Auf keinen Fall werden sie uns landen lassen!«, fuhr der Terraner ärgerlich fort. »Ich hätte große Lust, ihnen endlich einmal zu zeigen, dass wir ihre verdammte Landeerlaubnis nicht brauchen. Wir kommen auch ohne Peilsignale und ähnlichen Klimbim durch ihre lächerlichen Kontrollen.«
»Willst du einen Konflikt provozieren?«, fragte der Akone erschrocken.
»Sei nicht albern«, versetzte Reginald Bull scharf. »Dieser Konflikt existiert bereits, seit wir zum ersten Mal auf die Linguiden gestoßen sind!«
»Ich glaube nicht, dass sie selbst das auch so sehen«, bemerkte der Akone vorsichtig. »Was können die Linguiden dafür, wenn manche Intelligenzen sich durch pure Freundlichkeit beleidigt fühlen? Du wirst doch wohl zugeben müssen, dass dies ein etwas seltsames Verhalten ist!«
»Sie mögen andere Leute mit ihrem friedlichen Gehabe täuschen, aber bei mir gelingt ihnen das nicht!«, erklärte Reginald Bull heftig. »Diese Burschen wissen sehr wohl, was die Uhr geschlagen hat. Sie können unmöglich so blöd sein, dass sie es immer noch nicht begriffen haben.«
»Ist Friedfertigkeit wirklich immer mit Dummheit gleichzusetzen?«, fragte Tamosh Unda mit mildem Lächeln.
Reginald Bull starrte ihn sekundenlang an.
»Schluss mit diesem Geschwätz«, sagte er schließlich. »Du weißt nicht genug über dieses Thema, als dass ich mich mit dir auf eine derartige Diskussion einlassen würde.«
»Das ist ein absolut typisches Verhalten«, behauptete der Akone.
»Schluss damit, habe ich gesagt!«, schrie Reginald Bull wütend.
Tamosh Unda zuckte zusammen und murmelte eine Entschuldigung.
Der Terraner wandte sich ab und sah sich in der Zentrale der CIMARRON um.
Es war auffallend still um ihn herum. Sie alle beobachteten ihn – seine Reaktionen, seine Äußerungen. Und mit großer Wahrscheinlichkeit erwarteten sie, dass er die Nerven verlor, aus der Haut fuhr, endlich jenes Maß an Angst zeigte, das ihrer Meinung nach dem Anlass angemessen gewesen wäre.
Aber erstaunlicherweise hatte er keine Angst. Das lag möglicherweise ganz einfach daran, dass er bisher noch gar keine Zeit gefunden hatte, sich mit den Konsequenzen jener Nachricht zu befassen, die ES ihnen auf dem Umweg über die Friedensstifterin Dorina Vaccer hatte zukommen lassen.
Die CIMARRON fiel in den Normalraum zurück. Alles blickte auf die Schirme.
Sie befanden sich an den Grenzen des Kaokrat-Systems. Die SINIDO war in Sichtweite und hielt Kurs auf den Planeten Taumond.
»Gebt mir eine Verbindung mit dem Delphin-Schiff!«, befahl Reginald Bull.
Es dauerte nur wenige Sekunden. Dann meldete sich eine raue, krächzende Stimme, die nicht so recht zu einem Linguiden zu passen schien.
»Ich möchte Dorina Vaccer sprechen«, sagte der Terraner und musterte das Gesicht, das sich ihm auf dem Schirm zeigte.
Es war von krausem rotem Haar fast vollständig überwuchert. Nur um die Augen und den Mund herum waren schmale Breschen in das Gestrüpp geschnitten. Über dem rechten Auge, am rechten Mundwinkel und unter der Unterlippe schimmerten helle Narben durch das feuerrote Dickicht.
Kleva Rimmon, der Kommandant der SINIDO, schien ein Raufbold zu sein, sofern es so etwas unter den Linguiden überhaupt geben mochte.
»Die Friedensstifterin ist zur Zeit nicht ansprechbar«, erklärte er. »Für niemanden.«
»Das würde ich gerne von ihr persönlich hören!«, erwiderte der Terraner.
Kleva Rimmon hielt es offenbar für unter seiner Würde, auf eine derart unsinnige Forderung zu antworten.
»Sie ist uns eine Auskunft schuldig!«, behauptete Reginald Bull ungeduldig.
»Wenn es so ist, dann wird sie es wissen und sich zum richtigen Zeitpunkt an euch wenden«, erwiderte der Linguide gelassen. »Bis dahin müsst ihr euch leider in Geduld üben.«
»Halt!«
Reginald Bull war nicht gerade milder Stimmung. Er sprach schroff und scharf. Der Linguide verbuchte das mit einem etwas erstaunten Blick – eine Reaktion, die den Terraner fast rasend machte.
Dieses sanftmütige Getue, dieses offen zur Schau getragene Verständnis den aufgeregten Galaktikern gegenüber, dieser Hochmut, der sich in verzeihenden Gesten und Bemerkungen äußerte: all das brachte Reginald Bull auf die Palme.
»Sie hat uns eine Botschaft übermittelt«, sagte er mühsam beherrscht.
»Ja, ich weiß«, nickte Kleva Rimmon gelassen.
Er nickte wirklich, und er tat es auf eine so perfekt terranische Art und Weise, dass er dabei jeden Beobachter auf der Stelle vergessen ließ, dass das struppige Gesicht auf dem Schirm nicht menschlich war.
»Ich muss ihr ein paar Fragen zu dieser Botschaft stellen!«, erklärte Reginald Bull.
»Das ist unnötig«, behauptete der Linguide. »Sie weiß nicht mehr, als sie euch mitgeteilt hat. Also kann sie auch keine zusätzlichen Fragen beantworten.«
»Ich glaube nicht, dass du das beurteilen kannst.«
»Es interessiert mich nicht, was du glaubst oder nicht glaubst«, erklärte Kleva Rimmon und fügte in einem sehr offiziellen, formellen Tonfall hinzu: »Ihr solltet abdrehen und zu euren Leuten zurückkehren. Ihr seid hier im Kaokrat-System nicht willkommen.«
»Das kann ich mir denken«, versetzte der Terraner. »Aber so leicht werdet ihr uns diesmal nicht los!«
Kleva Rimmon brach das Gespräch wortlos ab.
Die SINIDO zog davon.
Reginald Bull wartete vergeblich darauf, dass Raumschiffe vom Planeten Taumond kamen, um sich den ungebetenen Gästen entgegenzustellen. Auch mündliche Drohungen blieben aus. Es war, als hätten die Linguiden beschlossen, die Anwesenheit der CIMARRON einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen.
»Kurs Taumond!«, befahl der Terraner und ignorierte dabei Tamosh Undas anklagende Blicke.
Die gespannte Atmosphäre in der Kommandozentrale ging ihm auf die Nerven. Außerdem hatte er Hunger und Durst. Er zog sich in einen Nebenraum zurück. Der Syntron würde alle seine Anweisungen ohne Zeitverlust weiterleiten.
Die CIMARRON näherte sich dem Planeten.
Taumond war eine schöne, schimmernde Welt – ein Planet mit ausgeglichenem Klima, feucht und fruchtbar. Die ersten Linguiden hatten sich erst vor rund fünfundvierzig Jahren hier niedergelassen. Große Teile von Taumond waren noch völlig unberührt.
»Die Linguiden haben offensichtlich auch in dieser Hinsicht eine glückliche Hand«, bemerkte Tamosh Unda, der dem Terraner gefolgt war. »Sie verstehen sich darauf, einen Planeten auf rücksichtsvolle Weise zu besiedeln.«
»Du hättest dir die Berichte vom Planeten Compol etwas genauer ansehen sollen«, erwiderte Reginald Bull. »Da sah man die Grundlagen ihrer Siedlungstechnik, und die sind nicht halb so wundervoll, wie du es dir offenbar vorstellst.«
»Du willst einfach nichts Gutes an ihnen sehen!«, warf der Akone ihm vor und sprang auf. Er war plötzlich ganz rot vor Empörung. Seine Augen blitzten.
Reginald Bull starrte ihn entgeistert an, denn mit einem solchen Temperamentsausbruch hatte er nicht gerechnet.
»Setz dich wieder hin und reg dich ab«, empfahl der Terraner. »Ich verspreche dir, dass ich versuchen werde, irgendetwas zu finden, was ich im Zusammenhang mit den Linguiden bei passender Gelegenheit lobend hervorheben kann.«
»Du machst dich über mich lustig«, vermutete Tamosh Unda nicht ganz zu Unrecht.
»Eine Landeerlaubnis wird nicht gewährt«, verkündete der Syntron.
»Mit welcher Begründung?«, fragte Reginald Bull.
»Es wird keine Begründung gegeben.«
»Dann bleiben wir in der Umlaufbahn.«
»Wozu denn das?«, fragte der Akone widerborstig.
»Was sollen wir sonst tun?«, fragte Bull zurück.
»Abziehen!«
Der Terraner lachte.
»Einfach so?«, fragte er. »Warum?«
»Wenn sie nicht mit uns reden wollen, kannst du nichts daran ändern«, stellte Tamosh Unda fest. »Du kannst auch nicht gegen ihren Willen auf Taumond landen. Unter diesen Umständen wäre es vernünftiger, das Kaokrat-System zu verlassen und es an einer anderen Stelle zu versuchen.«
Reginald Bull musterte den Akonen mit unverhohlenem Widerwillen.
»Wir bleiben«, teilte er dem Syntron mit. »Die Landung der SINIDO, die Rückkehr der Friedensstifterin, ihr Auftritt in der Öffentlichkeit – ich möchte, dass all das aufgezeichnet und ausgewertet wird.«
Er ignorierte Tamosh Undas verkniffenes Gesicht, lehnte sich zurück und legte die Füße auf den Tisch.
»Auch die Linguiden sind nicht unfehlbar«, sagte er gelassen. »Wenn sie uns freiwillig keine Informationen geben wollen, dann werden sie es eben auf die andere Weise tun. Irgendwann wird sich der eine oder andere von ihnen verplappern.«
Tamosh Unda beruhigte sich zusehends. Er setzte ein herablassendes Lächeln auf und wandte sich zum Gehen, um sich an die Arbeit zu machen.
»Du bleibst hier!«, befahl Bull. »Wenn du dabei mitmachst, kenne ich das Ergebnis schon im Voraus!«
»Ich würde niemals auch nur ein einziges Wort weglassen oder verfälschen!«, protestierte Tamosh Unda beleidigt.
Reginald Bull musste zugeben, dass er vielleicht doch ein bisschen zu hart mit dem Akonen umging. Aber andererseits vertrat er den Standpunkt, dass Vorsicht besser war als Nachsicht, und Tamosh Unda hatte seine Sympathien für die Linguiden stets so offenherzig zur Schau getragen, dass er sich nun über die Folgen nicht wundern durfte.
Im Übrigen spielte es auch gar keine Rolle. Tamosh Undas linguistische Fähigkeiten wurden nicht gebraucht, und umgekehrt hätte er auch nichts verderben können, denn vom Planeten Taumond kam so gut wie nichts, was eine Auswertung hätte lohnen können.
Dorina Vaccers Heimkehr vollzog sich in aller Stille. Auch eine Berichterstattung durch neugierige Reporter, die sicher Fragen gestellt und Vermutungen geäußert hätten, fand nicht statt. Vielleicht gab es bei den Linguiden auch gar keine Reporter dieser Art.
Wie auch immer: Die Galaktiker hingen in der Umlaufbahn und erfuhren nichts.
18.12.1171 NGZ,
Brennpunkt Wanderer
»Alle Friedensstifter, die auf Wanderer waren, haben sich auf ihre Heimatplaneten zurückgezogen«, stellte der Terraner einige Stunden später fest und sah sich im Kreise der ehemaligen Aktivatorträger um.
Sie waren bis auf Perry Rhodan und Icho Tolot vollzählig vertreten, wenn auch nur in Form holografischer Darstellungen.
»Wie Mäuse, die in ihre Löcher huschen«, sagte Julian Tifflor bitter. »Sie rasen nach Hause, vergraben sich und schweigen. Was soll man davon halten?«
»Hat wirklich keiner von ihnen etwas über die Ereignisse auf Wanderer berichtet?«, fragte Ronald Tekener ungläubig.
»Kein Einziger!«, betonte Reginald Bull nach einem fragenden Blick in die Runde. »Vielleicht ist ihnen einfach gar nicht klar, was ihnen da widerfahren ist. Sie können ja schließlich nicht wissen, wie sparsam ES mit Einladungen umgeht.«
»Sie wissen höchstwahrscheinlich sehr viel mehr über ES, als uns lieb sein kann«, bemerkte Atlan. »Immerhin wart ihr ja so freundlich, Kelamar Tesson und seine Schüler monatelang auf Terra zu beherbergen. Diese Leute sind doch nicht dumm! Schon aus den ganz normalen offiziellen Nachrichtensendungen haben sie mit Sicherheit eine Fülle von Fakten herausgefiltert.«
»Wir hätten sie aufhalten müssen!«, warf Homer G. Adams hitzig ein.
»Was hätten wir deiner Meinung nach tun sollen?«, fragte Julian Tifflor.
»Einen Schuss vor den Bug.«
»Und was dann? Sie hatten nicht die Absicht, sich aufhalten zu lassen. Wenn sie nicht reagiert hätten, wäre uns nichts anderes übrig geblieben, als das nächststärkere Geschütz aufzufahren. Das hätten wir dann aber nicht einsetzen können, und auf diese Weise hätten wir uns endgültig unglaubwürdig gemacht – und dies nicht nur in den Augen der Linguiden.«
»Es wäre immerhin einen Versuch wert gewesen«, versetzte Adams heiser. »Eine solche Botschaft kann man doch nicht einfach ohne jeden Widerspruch akzeptieren! Wir hätten Donna Vaccer zwingen müssen, uns weitere Informationen zu geben!«
Er sah mitleiderregend aus. Das schüttere Haar war zerrauft, und auf seinem Gesicht brannten rote Flecken. Das linke Augenlid zuckte. Er presste die rechte Hand auf die Brust auf jene Stelle, an der früher der Zellaktivator gehangen hatte.
Keiner von ihnen wirkte in diesen Augenblicken besonders ruhig, aber Adams hatte es offensichtlich besonders schlimm erwischt.
Zweiundsechzig Jahre Frist – sie alle hatten geglaubt, dass dies eine feste Rechnung war, an der es nichts zu rütteln gab.
ES hatte ihnen zwar die Aktivatoren abgenommen, aber er hatte ihnen noch eine Zelldusche gewährt und sie ermahnt, dass sie diese Frist nutzen sollten, um sich um »Unerledigtes« zu kümmern.
War dieser Hinweis nicht deutlich genug gewesen?
ES steckte offenbar in Schwierigkeiten.
Die Superintelligenz war verwirrt, brachte die Zeiten durcheinander, war nicht imstande, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Sie hatte ihnen die Zellaktivatoren für die Dauer von zwanzigtausend Jahren gegeben. Jetzt behauptete ES plötzlich, diese Frist sei bereits abgelaufen.
All das – und noch manch andere Hinweise, Zeichen, Spuren – hatten sie zu einem Bild zusammengefügt, von dem sie glaubten, dass es richtig sei, weil es einen Sinn ergab:
ES hatte Probleme und war sich dieser Tatsache bewusst. Aus irgendwelchen Gründen konnte die Superintelligenz sich nicht selbst aus ihrer Zwangslage befreien. Sie war auch nicht imstande, den Aktivatorträgern reinen Wein einzuschenken. Aber sie hoffte auf Hilfe, und sie hatte sich auch bereits auf die Richtung festgelegt, aus der sie diese Hilfestellung erwartete:
Die ehemaligen Aktivatorträger sollten sich um diese Dinge kümmern.
Sie waren auch guten Willens, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Dass ES ihnen bei diesem Vorhaben so wenig behilflich war, schien ihnen ganz leicht erklärbar zu sein – die Superintelligenz konnte eben nicht so agieren, wie sie wollte.
Es war Sache der ehemaligen Aktivatorträger, diesen bedauerlichen Umstand mit Umsicht, Tatkraft und Scharfsinn auszugleichen.
Nach langem Hin und Her hatten sie es endlich geschafft, den nächsten Materialisationspunkt der Kunstwelt Wanderer zu berechnen. Pünktlich zur vorher ermittelten Zeit waren sie zur Stelle gewesen. Aber das hatte ihnen nichts genützt.
Es war ihnen nicht gelungen, einen Kontakt zu ES herzustellen. Sie hatten nicht einmal mit ihm reden können.
Das war schlimm.
Andererseits hatten sie aber auch irgendwie damit gerechnet, dass es so kommen würde. Jedem war es klar gewesen: Es würde sie noch sehr viele und sehr große Anstrengungen kosten, bis sie endlich damit rechnen konnten, dass ihnen ein Durchbruch gelang.
Sie hatten sich schon längst mit diesem Gedanken abgefunden und geglaubt, auf alles gefasst zu sein.
Was für ein Irrtum!
Hier, am »Brennpunkt Wanderer«, hatten sie urplötzlich erkennen müssen, dass all ihre Berechnungen, all ihre klugen Schlussfolgerungen an der Realität vorbeigegangen waren.
ES war nicht hilflos.
Wenn ES nicht mit den ehemaligen Aktivatorträgern redete, dann nicht deshalb, weil ES das nicht konnte, sondern weil er es nicht wollte.
Denn während ES seine bisherigen Helfer durch irgendwelche Scheinrealitäten stolpern ließ und allem Anschein nach völlig außerstande war, auch nur ein einziges verständliches Wort zu äußern, war er andererseits offensichtlich durchaus fähig, die Linguiden zu sich zu rufen und mit ihnen zu sprechen.
Sehr klar und deutlich sogar.
Anders ließ sich die von Dorina Vaccer übermittelte Botschaft nicht erklären.
Für die Superintelligenz waren seit der Zelldusche nicht etwa zwei Jahre verstrichen, wie es im Normalraum der Fall war, sondern deren zwanzig. ES behauptete, dass die Frist dadurch entsprechend zusammengeschrumpft sei und dass es noch weitere Verkürzungen geben könne.
Natürlich war das eine beunruhigende Angelegenheit.
Wie kam die Superintelligenz dazu, solche Behauptungen überhaupt erst aufzustellen?
Selbst wenn sie einem anderen Zeitablauf unterlag – warum sollte das irgendwelche Auswirkungen auf die Empfänger der Zelldusche haben, die doch schließlich im normalen Raum-Zeit-Kontinuum lebten?
Nach der ersten, schreckerfüllten Stille hatte es viele erregte Debatten zu diesem Thema gegeben.
Es war jedoch nichts dabei herausgekommen.
Niemand konnte die Behauptungen der Superintelligenz bestätigen oder widerlegen. Medizinische Untersuchungen, in aller Hast durchgeführt, brachten keine Klarheit in diese Angelegenheit.
Und ES hatte sich längst wieder aus dem Staub gemacht.
Ganz abgesehen davon, dass die Superintelligenz mit Sicherheit nicht bereit gewesen wäre, sich zu diesem Thema zu äußern.
Unter den gegebenen Umständen blieb ihnen nichts anderes übrig, als abzuwarten und zu hoffen, dass ES sich geirrt hatte, vielleicht auch einfach nur wieder einmal einen seiner berüchtigten Scherze zu machen beliebte.
Woran jedoch niemand so recht glauben konnte.
Deprimiert hatte man dieses unerfreuliche Thema vorübergehend zu den Akten gelegt und sich zu einem anderen, erfolgversprechenderen Unternehmen gewidmet.
Die linguidischen Friedensstifter hatten Wanderer besucht – den echten Wanderer wohlgemerkt, nicht irgendeine dieser Spiegelwelten.
Also musste man versuchen, mit den Linguiden zu reden und von ihnen zu erfahren, was auf Wanderer vorging.
Auch wenn die Friedensstifter sich mit der Superintelligenz nicht auskannten – wer tat das schon? –, so konnten sie vielleicht doch den einen oder anderen Hinweis geben. Jede Kleinigkeit konnte den Leuten um Perry Rhodan weiterhelfen.
Aber die Friedensstifter, sonst um Worte nicht verlegen, waren zur Zeit offenbar nicht bereit, sich mit den Galaktikern zu unterhalten. Sie schienen es eilig zu haben, den »Brennpunkt Wanderer« zu verlassen. Und als die Galaktiker trotzdem nicht lockerließen und den Linguiden folgten, brachte ihnen auch das nichts ein, denn die Friedensstifter erwiesen sich diesmal als ungewohnt schweigsam.
Inzwischen hatten die Galaktiker es aufgegeben. Nur Perry Rhodan und Icho Tolot sahen offenbar immer noch eine Chance, an die Linguiden heranzukommen.
»Ich werde diesem Kelamar Tesson nachfliegen«, verkündete Atlan. »So, wie die Dinge liegen, dürfte er der Friedensstifter sein, der am besten über Terra und die Terraner informiert ist. Vielleicht ergibt sich daraus etwas, das uns weiterhelfen kann.«
Die anderen nahmen es mit stoischer Ruhe auf. Sie schienen noch immer unter Schock zu stehen.
Reginald Bull dachte mit Unbehagen nach, wie lange dieser Zustand noch anhalten mochte.
18.12.1171 NGZ, Anira-System
Die Kursvektoren der vom »Brennpunkt Wanderer« wegstrebenden Delphin-Schiffe waren längst ermittelt und ausgewertet. Die Linguiden schienen sich nicht die geringste Mühe zu geben, ihre Pläne zu verschleiern.
»Merkwürdig«, murmelte Rhodan zu sich selbst. »Was auch immer während ihres Aufenthalts auf Wanderer geschehen sein mag – sollten sie sich jetzt nicht erst einmal zusammensetzen und sich darüber einigen, wie es weitergehen soll?«
Niemand antwortete ihm.
Er zuckte die Schultern.
»Aber vielleicht gibt es für sie nichts zu bereden«, fuhr er fort. »Wie auch immer – wir fliegen nach Drostett.«
Niemand wunderte sich über diese Entscheidung.
Auf dem Planeten Drostett war es geschehen, dass Balasar Imkord den Terraner Perry Rhodan gebeten hatte, ihn auf seinem »Lebensweg« zu begleiten. Das war jetzt fast zwei Jahre her.
Über die Aktion an sich konnte man geteilter Meinung sein. Reginald Bull zum Beispiel glaubte immer noch, dass Balasar Imkord diese seltsame Einladung nur deshalb ausgesprochen hatte, weil er dadurch Gelegenheit bekam, für eine längere Zeitspanne mit Perry Rhodan allein zu sein:
Niemand hatte die beiden begleiten dürfen, und Rhodan hatte seine gesamte technische Ausrüstung zurücklassen müssen.
Es gehörte keine sonderlich lebhafte Phantasie dazu, sich vorzustellen, was ein linguidischer Friedensstifter unter so günstigen Bedingungen mit dem Gehirn seines Begleiters anzustellen vermochte.
Ein paar Begriffe verdreht, einige Facetten an einen anderen Platz gerückt, und schon würde Rhodan viele Dinge ganz anders sehen, als es vorher der Fall gewesen war. Gegen die Redekunst der Linguiden half auch die viel gepriesene Mentalstabilisierung wenig.
Perry Rhodan hatte es sich mittlerweile abgewöhnt, auf Andeutungen dieser Art zu reagieren, indem er sie einfach überhörte.
Er war nicht beeinflusst worden. Das wusste er so sicher wie das Datum seiner Geburt. Balasar Imkord hatte nicht den leisesten Versuch unternommen, dem Terraner irgendetwas ein- oder auszureden.
Rhodan ging sogar davon aus, dass durch den gemeinschaftlichen Besuch beim kima-Baum des Friedensstifters so etwas wie Freundschaft zwischen ihm und Balasar Imkord entstanden war.
Und an diesem Punkt wollte er anknüpfen.
Er wollte Balasar Imkord auf Drostett aufsuchen. Vielleicht würde der Linguide ihn noch einmal mit hinauf in die Berge nehmen. Und mit ein bisschen Glück würde es dem Terraner hoffentlich gelingen, die eine oder andere Information zu bekommen.
Die anderen hatten inzwischen aufgegeben.
18.12.1171 NGZ, Anira-System
»KEHRT AN DEN ORT EURER GEBURT ZURÜCK!«
Kein Problem, dachte Balasar Imkord. Ich wäre auch ohne diesen Befehl dorthin unterwegs. Der Tag ist nahe, an dem ich mich auf meinen Lebensweg machen muss, und ich werde diese Gewohnheit beibehalten. Wer wird mich daran hindern?
Das fremde Wesen namens ES hatte offenbar keine derartigen Absichten.
Andererseits hatte dieser Befehl fast so geklungen, als wollte ES die linguidischen Friedensstifter zur Eile nötigen, und das kam bei keinem von ihnen gut an.
Schon gar nicht bei Balasar Imkord.
Er war stets sehr auf Pünktlichkeit bedacht, aber er ließ sich nicht gerne drängen.
Um keine Stunde früher als sonst werde ich den Gipfel des Berges betreten!, dachte er grimmig.
Vielleicht würde er sich stattdessen sogar ein wenig verspäten – wer weiß? Manchmal herrschte um diese Jahreszeit Sturm, und wenn der da oben in den Bergen tobte, dann musste der Lebensbaum warten.
Denn was hätte es dem Baum genutzt, wenn Balasar Imkord auf dem Weg zum Gipfel abgestürzt wäre?
Es war diesem Baum sowieso gleichgültig, ob und wann der Friedensstifter sich bei ihm blicken ließ. Es gab Linguiden, die sich auf ein Eremitendasein versteiften und einen großen Teil ihres Lebens damit zubrachten, ihren kima-Strauch zu hüten. Die Lebenssträucher solcher Sonderlinge gediehen weder besser noch schlechter als die aller anderen Linguiden.
Ja, ich glaube, ich werde mich wirklich ein wenig verspäten!, dachte Balasar Imkord. Ein paar Tage vielleicht.
Und er fing auch gleich damit an, indem er dafür sorgte, dass die KAUPAN sich Zeit ließ.
Zumindest war damit eines klargestellt: dass er sich nicht herumkommandieren ließ.
Von niemandem!
Es sei denn, fügte er in Gedanken hinzu, dass ich plötzlich einen sehr dringenden Auftrag erhalte und Drostett vorzeitig wieder verlassen muss.
So etwas war schon mehrmals vorgekommen. Dann hatte er seinen Geburtstag kurzerhand vorverlegt.
Er ertappte sich bei dem Wunsch, dass er auch diesmal dazu gezwungen sein möge. Das vergrößerte seine Sorgen, machte ihm aber gleichzeitig klar, dass es höchste Zeit für ihn war, seine eigenen Wünsche und Gefühle etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
Das Ergebnis erschreckte ihn.
War er tatsächlich so neugierig?
Ja, verdammt, ich bin es!, erkannte er.
Dieses verfluchte Interkosmo! Es enthielt zu viele Wörter, mit denen man seinen Unwillen ausdrücken konnte. Verlockende Wörter. Sie gingen einem viel zu leicht über die Lippen.
Höchste Zeit, wieder einmal in Lingo zu denken.
Was für eine Wohltat, als er umschaltete! Wie viel Klarheit lag in dieser Sprache. Da war keine Lüge, kein falscher Ton, keine Spur von Gewalt und Kampf.
Lingo war Wahrheit.
Und im klaren, hellen Licht dieser Wahrheit erkannte er, dass es noch viel schlimmer um ihn bestellt war, als er zuvor bereits befürchtet hatte.
Er war neugierig, und er folgte dem Befehl der Stimme keineswegs nur deshalb, weil es ohnehin an der Zeit für ihn war, nach Drostett zu gehen. Stattdessen fragte er sich unablässig danach, welchen Grund das seltsame Wesen namens ES haben mochte, ihn und die anderen Friedensstifter an jene Orte zurückzuschicken, an denen sie das Licht der Welt erblickt hatten.
Es hätte eine ganz einfache und logische Antwort auf diese Frage gegeben, aber an die wagte Balasar Imkord gar nicht erst zu denken. Außerdem würde es sowieso nicht funktionieren – das ließ sich aus einigen Bemerkungen schließen, die die Terraner gemacht hatten, damals, nach den Vorfällen auf dem Planeten Compol.
»Meister!«
Er drehte sich um.
»Wir haben einen Schatten«, sagte Moron Zembal.
»Ist es jemand, den wir kennen?«
»Es ist die ODIN.«
Es war ihm anzusehen, dass er sich sehr gerne um diese Antwort gedrückt hätte.
Die ODIN war ein Thema, dem Moron Zembal möglichst aus dem Wege ging. Das Schiff an sich kümmerte ihn dabei wenig – es war einer der Insassen, der ihm Magendrücken verursachte.
Im Augenblick konnte Balasar Imkord die diesbezüglichen Gefühle seines Schülers besser als je zuvor verstehen: Ihm ging es nämlich genauso.
»Perry Rhodan«, sagte er leise und gedehnt. »Das hat mir gerade noch gefehlt!«
»Ich könnte ihn abwimmeln!«, bot Moron Zembal in plötzlichem Eifer an.
»O nein!«, wehrte Balasar Imkord ab und lächelte traurig. »Du magst einige recht gute Anlagen haben, und du hast sicher auch sehr viel dazugelernt, aber das könntest du nicht.«
»Dann lass mich mit Drostett reden und dafür sorgen, dass man ihm den entsprechenden Empfang bereitet!«
»Nein.«
Moron Zembal war enttäuscht und empört.
»Warum nicht?«, fragte er herausfordernd.
»Das geht dich nichts an!«, erwiderte Balasar Imkord scharf. »Und jetzt lass mich in Ruhe. Ich wünsche keine Störungen mehr!«
19.12.1171 NGZ, Drostett
Die Fenster des Pavillons waren geschlossen. Das Licht, das von draußen hereindrang, war schwefelig und dunstig, erfüllt von Staub, den die Sonnenstrahlen kaum zu durchdringen vermochten. Die Bäume im Park bogen sich zeitweise fast bis zum Boden herab.
Es stürmte auf Drostett.
»Erlaube mir, dass ich dich diesmal begleite«, bat Moron Zembal.
»Nein!«, sagte Balasar Imkord. »Du hast dort oben nichts zu suchen. Finde dich damit ab! Außerdem ist es sowieso noch nicht so weit.«
Es geschah nur selten, dass er in so scharfem Ton zu einem Schüler sprach. Dass er es ausgerechnet Moron Zembal gegenüber einmal tun würde, hätte er sich wahrhaftig nicht träumen lassen.
»Lass mich trotzdem wenigstens vorausgehen und nachsehen, ob alles in Ordnung ist«, bat der junge Linguide.
»Wozu diese Aufregung? Was sollte da oben nicht in Ordnung sein?«
»Bitte, Meister!«, flehte der Schüler. »Es ist nur zu deinem Besten. Glaube mir – ich werde keinen einzigen Blick auf deinen einmaligen kima-Baum werfen, wenn du es nicht willst!«
Balasar Imkord hielt sehr auf Disziplin – nicht nur bei seinen Schülern, sondern auch, wenn es um seine eigenen Angelegenheiten ging. Ein so hysterisches Gehabe war ihm noch bei keinem seiner Schützlinge untergekommen, und auch wenn er bis zu einem gewissen Grad Verständnis für Moron hatte, so gab es doch gewisse Grenzen, die man beachten musste.
»Hast du den Verstand verloren?«, fragte er streng. »Reiß dich zusammen und hör endlich auf, solchen Unsinn zu erzählen!«
Moron Zembal kämpfte sichtlich mit sich selbst.
Er kannte Balasar Imkord schon seit vielen Jahren, war sein Meisterschüler, fast schon selbst ein Friedensstifter. Er hatte seine Emotionen im Griff. Und natürlich glaubte er nicht an Vorahnungen und ähnliche Dinge.
Und doch ...
»Da ist etwas«, sagte er, mühsam die Ruhe bewahrend. »Ich spüre es, und das ist keine Einbildung. Du bist in Gefahr, Meister!«
Balasar Imkord beobachtete ihn aufmerksam.
»Wir alle sind in Gefahr«, sagte er schließlich. »Und diese Gefahr ist viel größer, als du ahnst. Aber sie hat nichts mit Perry Rhodan oder irgendeinem anderen Terraner zu tun.«
»Was ist das für eine Gefahr?«, fragte Moron Zembal.
»Das brauchst du jetzt noch nicht zu wissen.«
Er sah die Enttäuschung in den Blicken seines Schülers und lächelte beschwichtigend.
»Ich würde es dir sagen, wenn es irgendeinen Nutzen für dich hätte«, versicherte er. »Aber das ist nicht der Fall, und darum ist es besser, wenn du dich nicht unnötig damit belastest. Sobald ich selbst die richtigen Antworten gefunden habe, werde ich es dich wissen lassen. Ich sehe jedoch, dass du dir wirklich sehr große Sorgen machst. Du musst deine innere Ruhe wiederfinden.«
Moron Zembal blickte betroffen drein.
»Nein, das ist kein Tadel«, fuhr Balasar Imkord beruhigend fort. »Was in den letzten Tagen geschehen ist, das hat auch mich aus dem Gleichgewicht geworfen. Wenn dir die Ruhe in den Bergen helfen kann, dann nutze diese Möglichkeit.«
Dieses Angebot schien den Schüler des Friedensstifters sehr zu überraschen.
»Vielleicht sollte ich doch besser in deiner Nähe bleiben«, wandte er hastig ein.
Balasar Imkord war nahe daran, die Geduld zu verlieren.
»Mach, was du willst«, sagte er. »Nur triff bitte deine Entscheidung diesmal auf eigene Faust, und teile sie mir erst dann mit, wenn du dir deiner Sache sicher bist.«
Moron Zembal sah ganz so aus, als sei er mit dieser an und für sich ganz einfachen Aufgabe restlos überfordert. Er zog sich zurück, aber er wirkte dabei nervös und unglücklich.
Balasar Imkord hatte ein schlechtes Gewissen, als er seinen Lieblingsschüler so sah, aber da war wirklich beim besten Willen nichts, was er zu seiner oder Moron Zembals Beruhigung hätte tun können.
Der Friedensstifter stellte fest, dass die ODIN mittlerweile im Anira-System angekommen war.
Balasar Imkord verspürte angesichts dieser Tatsache das Bedürfnis, etwas zu tun, was eines Friedensstifters absolut unwürdig war: zu fliehen, sich zu verstecken, sich irgendwo zu verkriechen, wo niemand ihn finden konnte.
»Das ist verrückt!«, sagte er zu sich selbst. »Er ist nur ein Fremder. Ein Terraner. Und er hat nichts begriffen.«
Aber genau das stimmte nicht.
Es ging um ein Ereignis, das vor fast genau zwei Jahren stattgefunden hatte.
Damals hatte Balasar Imkord wie üblich seinen »Lebensweg« angetreten, und zum ersten Mal in seinem Leben hatte er dabei einen Begleiter neben sich geduldet.
Dieser Begleiter war ein Terraner gewesen: Perry Rhodan.
Anfangs hatte Balasar Imkord gemeint, dass es nur ein unsinniges Opfer seinerseits war, wenn er den Terraner auf den Berg führte.
Der Friedensstifter war alt und erfahren genug, um zu wissen, dass die Philosophie und die Lebensweise der Linguiden für die Angehörigen anderer Völker im Allgemeinen unverständlich waren. Nur sehr wenige Fremde hatten jemals begriffen, worum es dabei wirklich ging.
Auch Perry Rhodan würde sicher nichts lernen und nichts verstehen.
So hatte Balasar Imkord auch dann noch gedacht, als sie den Baum bereits erreicht hatten, und der Fremde hatte den Linguiden durch sein Verhalten in seinen Ansichten nur noch bestärkt.
Denn diesem Terraner war nichts Gescheiteres eingefallen, als um den kima-Baum herumzuschleichen und nach dem Trick zu suchen, der die Existenz eines blühenden Baumes auf dem Gipfel eines Zweieinhalbtausenders in der Wüste von Drostett ermöglichte.
Das wäre allerdings auch jedem beliebigen Linguiden nicht anders ergangen. Es hatte schon seine Gründe, warum Balasar Imkord niemanden in die Nähe seines Lebensbaumes lassen wollte, denn es war in der Tat ein höchst erstaunliches Exemplar, größer als alle anderen. Jeder andere Linguide machte sich unweigerlich einer Übertreibung schuldig, wenn er von seinem kima-Baum sprach – es war in Wirklichkeit stets nur ein Strauch. Nur bei Balasar Imkord war es anders.
Davon hatte Perry Rhodan allerdings nichts wissen können.
Nach einiger Zeit war er ruhiger geworden, und danach hatten sie nebeneinander auf dem Felsen gesessen, lange Zeit hindurch, und Balasar Imkord hatte deutlich gesehen und gespürt, wie der Terraner zu begreifen begann.
Es wäre dem Friedensstifter sehr schwer gefallen, die Art der Verbindung zu beschreiben, die seither zwischen ihm und Rhodan bestand. Es war etwas, wovon auch der Terraner selbst nichts wusste.
Im Lingo gab es keine Worte für Begriffe wie »Freund« oder »Feind«, denn die Linguiden waren es im Umgang mit intelligenten Lebensformen nicht gewohnt, solche Unterschiede zu machen. Sie mussten auf fremde Sprachen ausweichen, um Beziehungen dieser Art zu definieren.
Aber es gab Bezeichnungen für unterschiedliche Stufen eines Zustands, den man in anderen Sprachen selbst dann nur schwer erklären konnte, wenn man viele lange Umschreibungen dafür benutzte.
Diese Bezeichnungen bildeten eine Skala.
Am oberen Ende der Kette stand Chja. Am Beginn der Skala dagegen harrte das Shingja jener, die den ersten Schritt taten, der zur Wahrheit führte.
Das höchste Glück im Leben eines Linguiden bestand nicht darin, das Chja zu erreichen, sondern das Shingja zu erleben. Der Augenblick, in dem dieser erste Schritt zur Erkenntnis gelang, war mit einer zweiten Geburt gleichzusetzen, und die Gefühle, die ein Linguide für seinen Shingjam hegte – für jenen, in dessen Nähe er sich in diesem allerersten Moment des Begreifens aufgehalten hatte –, waren mit dem fremden Wort »Freundschaft« nur sehr mangelhaft zu umschreiben.
Nur sehr selten war es bisher geschehen, dass ein Linguide sich eines Shingjams hatte rühmen können, der einem fremden Volk entstammte.
Balasar Imkord befand sich in einem fatalen Widerstreit der Gefühle.
Als er erkannte, was geschehen war, hatte er der Versuchung nicht widerstehen können, sich so genau wie möglich über seinen neuen Shingjam zu informieren.
Er wusste, dass Perry Rhodan zu den einstigen Favoriten der Superintelligenz ES gehört hatte. Dass er einen Zellaktivator getragen hatte. Dass er diesen Zellaktivator gezwungenerweise zurückgegeben hatte und nun – nach einem Leben, das um ein Vielfaches länger gedauert hatte, als irgendein Linguide es sich vorstellen konnte – seinem baldigen Ende entgegensah.
All das hatte Balasar Imkord bisher nicht belastet.
Als Linguide hatte er mit einer Lebenserwartung von fünfzig Jahren zu rechnen. Rhodan hatte ein viel längeres Leben hinter sich. Der Friedensstifter sah also keinen Grund, den Terraner zu bedauern, da er den Tod bisher als eine ganz normale, unausweichliche Tatsache akzeptiert hatte.
Aber jetzt, da er die Superintelligenz selbst kennen gelernt hatte, befiel ihn tiefes Mitleid und trieb ihn an den Rand der Verzweiflung.
Wer war diese Wesenheit, die von sich selbst glaubte, dass sie das Recht hatte, mit Leben und Tod denkender Wesen manipulieren zu dürfen?
Woher nahm diese Superintelligenz die Macht, dem einen das Leben zu nehmen und es dem anderen zu geben?
Und was würde ES den Linguiden geben?
Hatten auch sie mit einer Art der Unsterblichkeit zu rechnen?
Wenn man ihnen ein solches Angebot machte – wie sollten sie darauf reagieren?
Konnten sie ein solches Geschenk annehmen, wenn sie gleichzeitig das Schicksal der anderen, früheren Aktivatorträger kannten?
Und wenn sie es annahmen – begaben sie sich dann nicht freiwillig in einen Zustand ständiger Unsicherheit?
Warum sollte ES die Linguiden anders behandeln, als er es mit seinen bisherigen Favoriten getan hatte? Wie lange würde es dauern, bis er auch seine neuen Helfer zu Versagern erklärte?
Und musste nicht angesichts einer so gewaltigen Aufgabe jedes Wesen versagen?
»Es wird nicht geschehen!«, sagte Balasar Imkord zu sich selbst. »Nicht auf diese Weise. Die Zellaktivatoren funktionieren nicht mehr. Das haben die Galaktiker damals auf dem Planeten Compol selbst festgestellt. ES wird also gezwungen sein, sich etwas anderes auszudenken, um uns für unsere Arbeit zu bezahlen.«
Aber vielleicht war auch das nur ein Denkfehler. Vielleicht funktionierten die Zellaktivatoren nur in Verbindung mit ihren früheren Trägern nicht mehr.
Balasar Imkord wusste, was der Auftrag des Wesens namens ES in diesem Fall für seinen Shingjam zu bedeuten hatte.
Und für ihn selbst.
Für sie beide.
Als ihm die Konsequenzen bewusst wurden, wich er hastig wieder ins Interkosmo zurück.
Nein!, dachte er verzweifelt. Nein, das will ich nicht!
Und zu seinem eigenen Entsetzen erkannte er die Fortsetzung dieses Gedankens, die in seinem Gehirn bereits abrufbereit vorhanden war, ob er sie nun bewusst formulieren wollte oder nicht:
Nicht auf diese Weise!
Das bedeutete nichts anderes, als dass er den Auftrag an sich bereits akzeptiert hatte – samt allen Begleiterscheinungen.
So weit ist es also mit mir bereits gekommen, dachte er deprimiert. Und dann:
19.12.1171 NGZ, Drostett
Als die ODIN den Planeten Drostett erreichte, war Balasar Imkord bereits gelandet. Das hätten die Terraner ihm mit der ODIN gerne gleichgetan, aber die Linguiden hatten offensichtlich etwas dagegen einzuwenden.
»Wenn ihr landen wollt, könnt ihr das gerne tun«, teilte man ihnen mit. »Aber dann bestehen wir darauf, dass ihr eine Quarantänezeit einhaltet.«
»Wir waren erst vor zwei Jahren hier«, erwiderte Rhodan ärgerlich. »Damals hat sich gezeigt, dass wir nichts an uns haben, was euch schaden könnte. Ich halte die von euch geforderte Quarantäne unter diesen Umständen für völlig überflüssig.«
»Ich nicht«, versetzte der Linguide auf Drostett kurz angebunden.
»Wie lange soll die Isolation dauern?«
»Bis Balasar Imkord Zeit hat, sich mit euch zu befassen.«
Es wäre glatter Wahnsinn gewesen, sich auf eine solche Abmachung einzulassen.
»Wir bleiben in der Umlaufbahn«, erklärte Rhodan. »Richte Balasar Imkord bitte aus, dass ich ihn sprechen möchte – und zwar so bald wie nur irgend möglich.«
»Er wird nicht darauf eingehen«, sagte der Linguide voraus. »Ihr verschwendet nur eure Zeit.«
»Was kümmert's dich? Das ist unsere Sache!«
Das sah der Linguide notgedrungen ein.
»Und jetzt setzt alles ein, was wir haben!«, befahl Rhodan, nachdem die Verbindung erloschen war. »Ich will, dass ihr nach Balasar Imkord sucht, und zwar mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, und so intensiv, dass es auch den Linguiden nicht verborgen bleiben kann.«
Augenblicke später verließen Scharen von Minisonden, steuerbaren Kameras und ähnlichen Geräten das Raumschiff und stürzten sich auf die spärlichen Zentren linguidischer Zivilisation, mit denen der Planet Drostett aufzuwarten vermochte.
Die Linguiden bemerkten das schon sehr bald und beschwerten sich heftig.
»Was die können, das kann ich auch«, behauptete Rhodan und sagte es ihnen glatt ins Gesicht.
»Ich habe euch erklärt, dass ich Balasar Imkord unbedingt sprechen muss, und ich weiß, dass ihr den Friedensstifter gegen mich abschirmt. Also muss ich ihn auf meine Weise suchen, und ich werde erst dann damit aufhören, wenn ich ihn gefunden habe.«
Zwei Tage später erlaubte man dem Terraner, dass er mit einem Beiboot auf Drostett landete. Man gestand ihm sogar einige Begleiter zu.
Perry Rhodan wählte einen Shift vom Typ SHOGUN samt Standardbesatzung.
*
Sie landeten in dem Park, in dem zwei Jahre zuvor das Treffen mit den beiden Friedensstiftern Balasar Imkord und Dorina Vaccer stattgefunden hatte.
Nichts hatte sich hier verändert. In der Schule – der einzigen auf dem Planeten Drostett – ging es lebhaft zu. Die Schüler, neugierig wie alle jungen Intelligenzen, kamen, um die Besucher zu begutachten. Sie waren freundlich und vergnügt. Ihre Lehrer standen ihnen in dieser Beziehung um nichts nach.
Ehe die Terraner es, sich versahen, waren sie bereits zum Mittelpunkt eines fröhlichen Picknicks geworden.
»Und was ist mit dir?«, sagte einer der erwachsenen Linguiden zu Perry Rhodan, der als Einziger abseits saß und sich darauf beschränkte, das muntere Treiben zu beobachten. »Würde es dir nicht auch gut tun, deine Sorgen für einige Stunden zu vergessen?«
»Woher willst du wissen, dass ich welche habe?«, fragte Rhodan bissig.
Der Linguide lachte.
»Entschuldige bitte, aber das sieht man dir nun wirklich schon von weitem an. Vielleicht kann ich dir helfen.«
»Dann verschaffe mir ein Gespräch mit Balasar Imkord.«
Der Linguide sah Rhodan beinahe erschrocken an.
»Du bist der Terraner, der ihn auf seinem Lebensweg begleitet hat«, stellte er fest.
Es schien, als sei er sich dieser Tatsache erst jetzt bewusst geworden. Es musste wohl eine recht erschreckende Erkenntnis sein, denn der Linguide rückte ein Stück zur Seite, als habe er plötzlich entdeckt, dass er neben einem Aussätzigen saß.
»Ich hatte damals gehofft, dass es mir gelingen würde, ein Band zu knüpfen«, sagte Rhodan. »Nicht nur zwischen Balasar Imkord und mir, sondern auch zwischen unseren beiden Völkern. Aber es scheint, als hätte ich eher das Gegenteil bewirkt.«
Der Linguide – er hatte seinen Namen nicht genannt und schien dies keineswegs für unhöflich zu halten – stand so schnell auf, als wolle er davonlaufen.
»Denkst du das wirklich?«, fragte er bitter. »Mir scheint, dass der Meister dich überschätzt!«
Und damit war er auf und davon.
Rhodan begriff zu spät, dass er es mit einem Schüler Balasar Imkords zu tun gehabt hatte.
Aber wenigstens wusste er jetzt, dass der Friedensstifter durchaus nicht so gleichgültig und abweisend war, wie es auf den ersten Blick scheinen mochte. Er behielt Rhodan offenbar im Auge, wenn auch nur indirekt, auf dem Umweg über seine Schüler.
Von jetzt an war der Terraner vorsichtiger. Er mischte sich unauffällig unters Volk und gab sich redliche Mühe, fröhlich und unbefangen zu wirken.
Aber sosehr er sich auch bemühte, es gelang ihm nicht, unter den Linguiden einen zweiten Schüler Balasar Imkords ausfindig zu machen.
Er bedauerte den Umstand, dass er damals nur für so kurze Zeit auf Drostett geblieben war. Er kannte so gut wie niemanden aus Balasar Imkords Anhang – nur Moron Zembal, den Lieblingsschüler des Friedensstifters.
Und ausgerechnet Moron Zembal war offenbar nicht geneigt, an diesem Fest teilzunehmen.
Erst viel später, als bereits der Morgen graute, fiel es Perry Rhodan ein, sich über den seltsamen Ausspruch des Linguiden den Kopf zu zerbrechen.
»Mir scheint, dass der Meister dich überschätzt!«
Wie, zum Teufel, war das gemeint?
19.12.1171 NGZ, Teshaar-System
»KEHRT AN DEN ORT EURER GEBURT ZURÜCK!«
Den Teufel werde ich tun!, dachte Aramus Shaenor in der Abgeschiedenheit seiner Kabine, unwillkürlich ins Interkosmo verfallend, weil es in seiner eigenen Sprache an den entsprechenden Begriffen fehlte. Wer bin ich denn, dass ich mich fremden Befehlen beuge? Wer ist derjenige, derhinter dieser körperlosen Stimme steht? Woher nimmt er die Unverfrorenheit, uns Friedensstifter durch die Gegend zu jagen, als wären wir unmündige Kinder?
Einer seiner Schüler streckte den Kopf herein und murmelte etwas von einer Mahlzeit, die zubereitet sei.
»Verschwinde!«, rief Aramus Shaenor.
Es geschah nicht oft, dass er seine Stimme erhob, aber wenn er es tat, dann war es für seine Schüler ratsam, ihm aus dem Weg zu gehen. Wehe dem, den er sich in solcher Stimmung vorknöpfte, um ihm seine Fehler aufzuzählen.
Aramus Shaenor war sich der Wirkung seiner Stimme bewusst. Darum plagte ihn das schlechte Gewissen, kaum dass er die barsche Zurückweisung ausgesprochen hatte.
»Es tut mir Leid!«, fügte er eilig hinzu. »Mir hat es den Appetit verschlagen. Ich möchte für eine Weile nicht gestört werden.«
Harmlose Worte. Aber so, wie er sie aussprach, taten sie sofort ihre Wirkung: Das Gesicht des Schülers hellte sich auf. Er ging beruhigt davon, um die anderen über die Wünsche des Meisters zu informieren.
Damit würde Aramus Shaenor für einige Zeit seine Ruhe haben. Die brauchte er auch, denn er musste nachdenken.
Was wohl die anderen jetzt taten?
Dorina Vaccer zum Beispiel.
Er erinnerte sich noch immer sehr deutlich an die Streitgespräche, die sie miteinander geführt hatten. Aramus Shaenor hätte sich gerne mit Dorina zusammengetan – nicht nur auf dem Gebiet des Friedensstiftens, sondern auch ganz privat.
Aber sie hatten nicht zueinander gepasst.
Trotzdem – er mochte sie immer noch. Und er achtete die Standhaftigkeit, mit der sie darauf pochte, dass niemand die Regeln verletzte.
Wie ihr jetzt wohl zumute sein mochte?
Was dieses fremde Wesen von uns verlangt, das ist ein klarer Bruch aller Regeln, die wir jemals aufgestellt haben!, dachte er wütend. Und nicht nur das: Dieses Wesen wird uns dazu bringen, unsere gesamte Philosophie mit Füßen zu treten!
Sie hätten gar nicht erst auf die merkwürdigen Botschaften hören sollen.
All diese Fährten, die ins Nichts führten!
War es denn nicht vom ersten Augenblick an ganz offensichtlich gewesen, dass sie einem so unzuverlässigen Auftraggeber nicht trauen durften?
Aber die Botschaften waren nicht direkt an die Friedensstifter gerichtet gewesen – es gab eine ganze Reihe von Linguiden, die diese Fährte gesehen hatten. Und auch Linguiden waren nicht frei von Neugierde und Forschungsdrang.
Ein mächtiges Wesen hatte es sich genannt.
Niemand hatte gewusst, was es wirklich war.
Sollte man eine solche Sache ungeübten Raumfahrern überlassen?
Natürlich gab es auch unter diesen Raumfahrern viele, die das Talent besaßen und eine gute Ausbildung genossen hatten. Sie waren nicht so naiv und anfällig, dass jede hergelaufene Kreatur sie beeinflussen konnte.
Aber immerhin – ein gewisses Risiko ließ sich nicht leugnen. Es gab in den Weiten der Galaxis Versuchungen, denen selbst ein Linguide nicht so leicht widerstehen würde.
Die Friedensstifter sollten dazu allerdings in der Lage sein.
Und wir sind es auch!, dachte Aramus Shaenor in plötzlichem Stolz. Wir lassen uns nicht bestechen, und wir glauben nicht an solche mächtigen Wesen!
Dann wurde ihm bewusst, dass er den falschen Begriff gebraucht hatte.
Das Wort »glauben« betraf einzig und allein Dinge, die sich nicht beweisen ließen. Das Wesen namens ES aber existierte – das war eine Tatsache, an der es nichts zu rütteln gab.
Und wennschon – wir sind nicht seine Diener! Wir sind Herr über unsere eigenen Entscheidungen!
Wenn es so war – warum befand er sich dann jetzt auf dem Weg nach Lingora?
Und was war mit den anderen?
Flogen auch sie zu jenen Welten, auf denen sie geboren waren?
Was geht mich das an?, dachte er ärgerlich. Sie sind sehr wohl imstande, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen!
Das mochte sein.
Aber wie stand es mit ihm selbst?
Lingora war der Ort seiner Geburt.
Er beugte sich vor und legte den Finger auf eine Taste, um seinen Befehl zu widerrufen.
Es gab genug andere Orte, die er aufsuchen konnte.
Teffon zum Beispiel. Dort gab es immer Arbeit für ihn.
Andererseits befand er sich nicht in der richtigen Stimmung, um sich mit den Kranken auf Teffon zu befassen. Für diese Arbeit musste man ausgeglichen und ruhig sein. Jedes falsche Wort konnte eine Katastrophe heraufbeschwören. Und selbst wenn man noch so sorgfältig arbeitete und jeden Fehler vermied, erntete man doch nie einen Erfolg.
Nicht Teffon!, dachte er. Nicht ausgerechnet jetzt! All dieses Elend würde mir zwangsläufig den Rest geben.
Dann eben irgendeine andere Kolonie.
Compol – dort würde er sein inneres Gleichgewicht ganz sicher zurückgewinnen. Compol war der Planet, den er selbst für sein Volk eingehandelt hatte.
Aber auf Compol waren zwei Terraner gestorben, und daran würde sich Aramus Shaenor in jedem einzelnen Augenblick erinnern, den er auf diesem Planeten zubrachte.
An nichts mochte er jetzt so ungern denken wie an die Terraner.
Er zog die Hand zurück.
Warum eigentlich nicht Lingora?, dachte er.
