Perry Rhodan-Paket 34: Die Große Leere -  - E-Book

Perry Rhodan-Paket 34: Die Große Leere E-Book

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Beschreibung

Um das "Große Kosmische Rätsel" zu lösen, rüstet Perry Rhodan die bislang größte Expedition der Menschheit aus. Im Oktober 1202 Neuer Galaktischer Zeitrechnung beginnt die Reise zur Großen Leere - über die unglaubliche Distanz von 225 Millionen Lichtjahren. An der Großen Leere, einem gigantischen Raum, in dem sich keine größere Ansammlung von Materie befindet, stoßen die Terraner auf uralte Kulturen. Die sogenannte Allianz der tausend Galaxien lebt von der Erinnerung an einen Konflikt, der vor gut zwei Millionen Jahre diese Region des Kosmos erschüttert hat. Als die Terraner mit ihren intensiven Forschungen beginnen und die Sampler-Planeten erkunden, stellen sie jedoch rasch fest, dass der alte Krieg seine Fortsetzung in der aktuellen Zeit finden könnte. Den Kulturen an der Großen Leere droht die Apokalypse ...

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EPUB

Seitenzahl: 6216

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Nr. 1650

Flugziel Große Leere

Expedition in Richtung Coma Berenices – auf der Spur des großen Rätsels

von Horst Hoffmann

Es ist die bedeutendste gemeinsame Expedition in der bekannten Geschichte der Galaxis Milchstraße: Über die fast unvorstellbare Distanz von 225 Millionen Lichtjahren geht der Flug des terranischen Trägerraumschiffs BASIS – in Richtung des Galaxienhaufens Coma Berenices.

An der Großen Leere, jenem über 100 Millionen Lichtjahre durchmessenden Leerraum zwischen den Galaxienhaufen, der gigantischen Großen Mauer vorgelagert, warten geheimnisvolle Welten und seltsame Wesen auf die Galaktiker. Und dort, so hat der Ennox Philip versprochen, wartet auch das »Größte Kosmische Rätsel«, wobei natürlich keiner ahnen kann, was sich wirklich hinter dieser Bezeichnung verbirgt.

Perry Rhodan und die 12.000 Besatzungsmitglieder der BASIS sowie der sie begleitenden Schiffe – Terraner, Arkoniden, Akonen, Topsider, Blues, Ertruser, Haluter und viele andere Völker mehr sind vertreten – wissen nicht, was sie an der Großen Leere erwartet. Sie sind aber auf alle Eventualitäten vorbereitet, denn dreieinhalb Jahre Flugzeit sind lang.

Sowohl Alltagstrott als auch Zwischenfälle begleiten die Menschen an Bord der BASIS bei der Reise mit dem FLUGZIEL GROSSE LEERE ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Er leitet die Expedition zur Großen Leere.

Robert Gruener – Der Kybernetiker verliert seine Kinder.

Arlo Rutan – Der Chef des Landekommandos spielt Krieg.

Harold Nyman – Ein Kommandant führt Buch.

Mila und Nadja Vandemar

1.

27. Oktober 1202 NGZ – 16 Millionen Lichtjahre

Arlo Rutans Gedanke war: Jetzt haben sie uns!

Von seiner einhundert Kopf starken Truppe war kaum noch etwas zu sehen. Die wenigen, die ihm geblieben waren, lagen neben ihm in der Mulde, die ein Geschoss in die Trümmer gesprengt hatte. Eine Handvoll, nicht mehr. Er hatte nicht die Zeit, sie zu zählen.

Schweiß brach ihm aus. Der kalte Wind floss an seinem SERUN ab. Staubpartikel glühten kurz im Energieschirm auf. Aber selbst der nahezu perfekte Schutzanzug kam ihm plötzlich nur noch vor wie eine dünne, verletzliche Haut.

»Ortung!«, brüllte eine Stimme in seinem Helm, trotz der sofortigen Geräusch-Filterung unangenehm laut. »Ich hab einen im Visier!«

Der Mann rechts von ihm, Devon Haggin, hatte sich halb aus der Mulde geschoben und hinter einem Stück halb zerbröselten, flechtenbewachsenem Mauerwerk verschanzt. Er zielte mit einem schweren Impulsstrahler auf eine Stelle zwischen den Trümmern, etwa achtzig Meter entfernt, und feuerte.

Rutan schrie auf, als der Strahl ins Leere ging und wirkungslos verpuffte. Im gleichen Moment aber blitzte es an drei anderen Stellen einige Male kurz auf, und Haggins Körper verwandelte sich in eine blutrote Fackel. Durch den Punktbeschuss aus mehreren hochwirksamen Waffen wurden die Schutzfelder des SERUNS bis zum kritischen Punkt überlastet und brachen viel schneller zusammen, als das eigentlich der Fall sein durfte.

Devon Haggin verschwand von einem Augenblick auf den anderen, als hätte es ihn niemals gegeben. Sein letzter Schrei hallte grausam in den Ohren seiner Kameraden. Unmittelbar nach ihm erwischte es drei andere Männer.

»Der Narr!«, schimpfte Meg Fothern, die letzte noch lebende Frau des Trupps. »Er hat uns verraten! Sie wissen jetzt, wo wir sind, und sie werden uns genauso aus dem Universum fegen wie ihn, Jo, Derez und Pato! Arlo, wir haben nur noch eine Chance!«

»Niemals«, knurrte Rutan. Der Ertruser krampfte die Finger um die Griffe seiner beiden Strahler. »Sie haben uns überrumpelt. Sie besitzen Waffen und Verteidigungssysteme, von denen wir keine Ahnung hatten. Sie verstecken sich hinter ihren Deflektoren und schicken uns mit einer Art Virtuellbildner erzeugte Ortungen, auf die Haggin hereingefallen ist. Aber sie sind verwundbar, und wir werden sie kriegen – und wenn ich der Letzte bin, der ihre Achillesferse findet!«

Es donnerte, aber das waren keine Schüsse der Gegner oder Bombeneinschläge. Der Himmel hatte sich mit dunkelvioletten Schleiern überzogen, in denen es schon seit einer halben Stunde heftig wetterleuchtete. Jetzt zuckten die ersten richtigen Blitze auf die Oberfläche herab – wie um jene zu bestrafen, die es wagten, diesen Ort und seine stummen Zeugen einer uralten, versunkenen Zivilisation zu entweihen.

Unsinn!, dachte Arlo Rutan. Von wegen versunken!

Sie eröffneten verblüffenderweise nicht das Vernichtungsfeuer auf die Galaktiker – jetzt, da sie die Gruppe eingekesselt und genau lokalisiert hatten. Warum nicht? Spielten sie mit ihnen? Wollten sie die Galaktiker leiden lassen, damit sie im Angesicht des sicheren Todes begriffen, was sie dieser Welt und ihren Ahnen angetan hatten?

»Bis die Verstärkung aus dem Raum da ist, lebt von uns keiner mehr«, hörte er eine männliche Stimme sagen, fast jammern. »Sie sind schneller, sie sind hier! Und die Korvette kann nicht schießen, ohne uns mit ihnen zu töten.«

»Hör auf!«, herrschte der Ertruser ihn an. Der Chef der Landetruppe hasste diesen Ton. Er hasste alles, was er mit Schwäche, Resignation und Aufgabe zusammenbrachte. Rutan, der Zweieinhalbmeterhüne mit den 2,20 Meter breiten Schultern, verlangte absoluten Gehorsam, aber mehr noch Kampf bis zur Selbstaufgabe. Er verachtete Schwächlinge und liebte »ganze Kerle«, die genauso Frauen sein konnten. Er verlangte, dass jeder sich so einsetzte wie er selbst. Das machte ihn nicht gerade beliebt, aber das kümmerte ihn den Teufel.

Vor allem jetzt, wo jeden Moment alles zu Ende sein musste. Er hatte hier auf Coma-1 alles riskiert und verloren, auch wenn er das noch immer nicht wahrhaben wollte. Sie hatten ihn geschickt, weil er der Beste war. Sie hätten alle 2000 Mann absetzen können, aber sie hatten ihm vertraut und in einer Blitzmission die bessere Chance gesehen.

Sollte er wirklich so sterben? Als Versager in Erinnerung bleiben?

»Sie können unsere SERUNS beeinflussen«, kam es von Meg Fothern. »Die Pikosyns. Sonst wären Haggin und davor die anderen nicht so einfach zerpulvert worden. Sie haben die Schutzschirme geschwächt, und ...«

Weiter kam sie nicht, denn nun brach die Hölle los.

Der kalte Wind – es herrschten Außentemperaturen von maximal fünf Grad Celsius – entwickelte sich zum Sturm, in den Donner und Blitze aus dem nun fast purpurschwarzen Himmel schlugen. Er fuhr durch die Ruinen der Trümmerstadt und heulte wie die wiedererwachten Geister von namenlosen Wesen, die seit mindestens 10.000 Jahren tot waren.

Aber das waren keine Geister.

Die humanoiden Gestalten tauchten in dem Sturmgewitter auf wie Racheengel in grell leuchtenden Auren. Sie zeigten sich endlich, überall. Wohin Arlo Rutan sich auch drehte, er sah sie herankommen, langsam und absolut sicher. Die Umrisse waren im grellen Licht nicht klar zu erkennen, aber ganz bestimmt hielten sie ihre Waffen auf ihn und die Letzten des Landetrupps gerichtet, um sie mit einem letzten Feuerschlag aus diesem Universum zu fegen.

»Ich will nicht sterben!«, schrie es in Rutans Helm. »Nicht hier, nicht so weit von zu Hause! Hier bleibt nicht einmal eine Erinnerung an mich übrig!«

Rutan fluchte, drehte sich um und paralysierte den Mann, der in Hysterie geriet.

»Du bist besessen«, kam es von Meg.

»Da kannst du verdammt Recht haben«, knurrte er. »Und jetzt passt auf.« Er gebrauchte die Mehrzahl-Anrede, ohne zu wissen, ob ihn außer Meg Fothern überhaupt noch jemand hörte. Die grellen Gestalten kamen näher, langsam und so gottverdammt ruhig. Wie die Vollstrecker eines Urteils, das unbekannte Richter über die Frevler gefällt hatten.

Trotz der Abfilterung der Helmscheibe schmerzte die Helligkeit an den Augen. Hochgewachsene Wesen waren es, in ihrem Leuchten und mitten zwischen den Blitzen und den inzwischen albtraumhaft wirkenden Trümmern der ehemaligen Stadt wie Rächer aus einer anderen Welt.

Noch fünfzig Meter, vierzig ...

»Hör auf, Arlo! Lass uns kapitulieren. Vielleicht findet sich dann ...«

Megs Worte waren umsonst. Der Ertruser duckte sich so tief wie möglich in die Mulde, löste die Verschlüsse seines SERUNS und stieg aus dem Anzug. Er tat das mit einer Schnelligkeit, die Meg ihm nie zugetraut hätte. Rutan, nun nur noch mit einer Unterkombination bekleidet, löste die Waffen vom SERUN. Ganz kurz blickte er die Frau an. Sie erschrak, als sie in sein derbes Gesicht sah, das von blau eingefärbten Ziernarben in Flammenform bedeckt war und zum Fürchten aussah. Dann sah sie sein Grinsen und ahnte, dass er einen letzten Trumpf ausspielen wollte.

»Du auch«, verlangte er von ihr. Sie fragte nicht lange und entledigte sich ebenfalls ihres Schutzanzugs.

Die SERUNS bliesen sich regelrecht auf und umgaben sich wieder mit ihren Schutzschirmen. Dann jagte ihr Gravo-Pak sie in die Höhe. Sie stiegen auf wie zwei Raketen, während der Ertruser Meg Fothern an sich riss und mit auf den Grund der Mulde drückte. Sie begriff, dass er ihren Anzug über die Pikosyns genauso programmiert hatte wie seinen eigenen.

Beide legten den Kopf in den Nacken und sahen, wie ihre SERUNS im konzentrischen Feuer von mindestens zwanzig fingerdicken Impulsstrahlen aufzulodern begannen und explodierten.

»Bleib ganz ruhig, Mädchen«, flüsterte Arlo Rutan Meg zu, den rechten Arm noch schützend über sie gelegt. »Was jetzt kommt, ist meine Sache. Wenn wir Glück haben, dann glauben sie, dass wir beide die Letzten waren. Sie haben unsere SERUNS vernichtet und meinen natürlich, dass wir noch in ihnen gesteckt haben.«

»Bist du so sicher?«, fragte sie zweifelnd.

Wie zur Bestätigung sprang plötzlich ein Mann im SERUN aus seiner Deckung in der Mulde. Er ließ seine Waffe fallen, hob beide Arme weit in den Himmel und schrie, dass er sich ergeben wolle.

Sie töteten ihn auf die schon bekannte Weise. Dann waren sie da.

Arlo Rutan und Meg Fothern atmeten nicht. Sie lagen in der Mulde, halb in den matschigen, sandigen Boden gepresst. Ihre Unterkombinationen waren ebenfalls sandfarben, was sie für wichtige Sekunden vor einer Entdeckung bewahrte.

Als dann der erste der Leuchtenden, von dem die dicken Regentropfen als Funken absprühten, in Griffweite vor ihnen stand und der Scheinwerferkegel seines Helms sie erfasste, war Arlo Rutan schon aufgesprungen und feuerte mit seiner Impulswaffe, unterstützt von Meg, so lange auf ihn, bis die leuchtende Sphäre um ihn zusammen- und er selbst in die Knie brach.

Arlo Rutan, der Ertruser, verpasste dem plötzlich Schutzlosen einen solchen Faustschlag, dass der Gegner in drei Metern Entfernung auf dem Rücken landete und alle viere von sich streckte.

Rutan war mit einem Satz bei ihm und kniete auf seiner Brust, das Knie in die elastische Halskrause des Anzugs gedrückt. Er setzte den Strahler auf die Helmscheibe des Wehrlosen und rief dessen Begleitern zu:

»Entweder ihr ergebt euch auf der Stelle, oder Aktet Pfest ist die längste Zeit euer Befehlshaber gewesen! Ich mache keinen Spaß – dafür habe ich mich viel zu lange auf diesen Augenblick gefreut!«

*

Arlo Rutan behielt den Kopf unten. So schreckenerregend der Ertruser auch wirkte, wenn er in seinem ureigensten Element war und seine 2000-köpfige Landetruppe drillte, so klein war er nun, als er sich Perry Rhodans Standpauke anzuhören hatte.

Arlo Rutan hatte eine normale leichte Bordkombination angelegt, für seine Begriffe war das eine unauffällige und viel zu »nackte« Art der Bekleidung. Seine Unsicherheit war daran abzulesen, dass seine Finger unkontrolliert mit dem Material der Kombi spielten, wo normalerweise seine Waffen an einem zwanzig Zentimeter breiten Gurt hingen. Oder dass seine Muskeln zuckten und sich als mächtige Pakete unter der Kombi abzeichneten.

»Kriegsspiele«, sagte Perry Rhodan jetzt wütend. Er stand fünf Meter vor dem Mann von Ertrus und musste den Kopf dennoch zurücklegen, um Rutan in die Augen zu schauen. »Dumme, primitive Kriegsspiele! Ich werde das nicht mehr dulden! Was denkt ihr Burschen euch dabei eigentlich? Ihr seid dem vielleicht strengsten Auswahlverfahren unterzogen worden, das es gibt. Nur wer die nötige physische und psychische Konstitution, Charakterstärke und Intelligenz nachweisen konnte und außerdem auf seinem Gebiet ein absoluter Könner ist, konnte sich für die Teilnahme an dieser Expedition qualifizieren. Jetzt habe ich Zweifel, ob die Auswahlkriterien streng genug waren.«

»Ein Könner auf seinem Gebiet«, bemerkte Reginald Bull bissig, »ist er bestimmt.«

Arlo Rutan schluckte. Er starrte über die Köpfe der Terraner hinweg ins Leere. Die fremden Sterne und Galaxien auf den vielen Schirmen nahm er gar nicht richtig wahr.

Ausgerechnet in die Hauptzentrale der BASIS hatten sie ihn zitieren müssen. Es sollte wohl eine Demonstration sein. Zwar gingen die meisten Mitglieder der Zentralebesatzung ihrer normalen Arbeit nach und taten so, als ignorierten sie die Szene. Aber dass neben Rhodan auch gleich noch Bull erschienen war, sprach für sich. Hätten sie ihn nicht an einen neutralen Ort bestellen können, irgendwo in der Mitte der BASIS? Die Zentrale befand sich am Bug des Raumgiganten, und Rutans Kampftruppe war im Hecktrichter untergebracht. Auch das konnte in Rutans Augen durchaus als Provokation und Diskriminierung aufgefasst werden.

»Ich warte auf eine Antwort«, forderte Rhodan.

Arlo Rutan sah ihn an. Seine Halsmuskeln zuckten. Dann nickte er und sagte trotzig:

»Ich wurde nach Absolvierung der von dir angesprochenen Tests zum Chef des Landekommandos der BASIS bestimmt, bestehend aus 2000 geschulten und erfahrenen Männern und Frauen. Als solcher trage ich die Verantwortung dafür, dass diese Truppe das bleibt, was sie ist: eine prachtvolle Kämpferelite mit der Aufgabe, dieses Raumschiff mit allen 12.000 Besatzungsmitgliedern gegen jeden äußeren Feind zu verteidigen, auf den wir irgendwann im Lauf der langen Reise stoßen. Ich schließe die Galaktiker auf den angeschlossenen Schiffen mit ein, abgesehen von der ATLANTIS.«

»Das musste ja kommen«, seufzte Bull. »Ich kann dir verraten, dass dein Herzensfreund Aktet Pfest in diesen Minuten von Atlan ebenfalls einige nette Worte hört. Mann, Arlo – wenn wir jetzt schon anfangen, uns in Lager zu spalten, dann können wir die Expedition gleich abbrechen, bevor sie richtig begonnen hat!«

»Meine Leute und ich spalten nicht«, verteidigte sich der Ertruser. »Aber es ist allein unsere Aufgabe, die Sicherheit der BASIS und ihrer Mannschaft in den fremden Sternenräumen zu garantieren, die wir erreichen werden. Nicht die dieser Arkoniden. Oder wurde ich da falsch informiert?«

Bull setzte zu einer heftigen Entgegnung an, aber Rhodan stoppte ihn mit einer Handbewegung. Er wies auf eine Sitzgruppe in einer etwas abseits gelegenen Nische zwischen Formenergiewänden. Die drei Männer verteilten sich um einen ovalen Tisch.

Rhodan winkte einen vierten hinzu – Meromir Pranka, den neuen Feuerleitchef der BASIS. Früher hatte der 114-jährige Terraner diesen Posten auf der QUEEN LIBERTY des Hanse-Chefs Homer G. Adams bekleidet, als Adams noch Romulus gewesen war, der Kopf der Widerstandsorganisation WIDDER.

Er beherrschte seinen Arbeitsbereich in der neuen Umgebung mittlerweile so perfekt, als sei die Coma-Flotte nicht erst vor 88 Tagen – am 1. August 1202 NGZ, genau zwölf Uhr mittags –, sondern schon vor jenen dreieinhalb Jahren aus der Milchstraße aufgebrochen, die für den Flug zur Großen Leere veranschlagt waren. Und dies galt für alle Teilnehmer der bestausgerüsteten Expedition, die Menschen und andere Galaktiker jemals angetreten hatten. Rund acht Monate lang hatten sie vorher Zeit gehabt, sich miteinander vertraut zu machen und in unzähligen Übungen aufeinander einzuspielen. Bewährte Mannschaftsteile waren zusammengeblieben, neue hatten sich etabliert. Es waren Freundschaften geschlossen worden oder auch nur Zweckbündnisse, die ihrer Bewährung harrten und in jeder Hinsicht ausbaufähig waren.

Das Verhältnis zwischen Meromir Pranka und Arlo Rutan schien in dieser Hinsicht ein hoffnungsloser Fall zu sein, ähnlich wie das zwischen Rutan und Pfest.

Der Ertruser war dabei nicht einmal der Unruhestifter und Querulant, für den man ihn aufgrund seiner bissigen Art und der kernigen, einschüchternden Sprüche halten musste, die er bei jeder Gelegenheit von sich gab. Er war natürlich ein Typ, mit dem man nicht nur kleine Kinder erschrecken konnte. Wer nicht unbedingt mit ihm zu tun hatte, der ging ihm aus dem Weg, wo er konnte. An manchen Tagen, so erzählte man sich, verdrosch er aus lauter Spaß am Raufen ein halbes Dutzend seiner 300 ertrusischen Artgenossen von der Landetruppe. Hinterher nannte er das sportliches Training und Aufrechterhaltung der Kampfmoral.

Doch bei aller erschreckenden Fassade steckte hinter der massigen Stirn unter dem Sichelhaarkamm ein wacher Geist, der sich um das Schicksal der BASIS in den fast unvorstellbaren Fernen sorgte, die er in seiner Phantasie von allen möglichen unbekannten Gegnern bevölkert sah. Arlo Rutan war der festen Überzeugung, dass die Sicherheit der Expedition in erster Linie in seinen Händen und denen seiner 2000 Sternenkämpfer lag.

Leider glaubte Meromir Pranka das Gleiche von sich und seiner »Klaviatur der Vernichtung«. So nannte er die Offensivbewaffnung der BASIS, die tatsächlich einer ganzen Raumflotte alter Prägung überlegen war. Für den Feuerleitchef galt indessen ebenfalls, dass nichts so heiß gegessen wie gekocht wurde. Er liebte seine phantastische Klaviatur auf die Art, wie ein genialer Techniker sein Hightech-Instrumentarium vergötterte. Bei all dieser Liebe – und das glaubte ihm Perry Rhodan – wünschte sich der ehemalige Widder allerdings, mit seinen Kanonen in Würde alt werden zu können, ohne sie jemals im Ernstfall eingesetzt haben zu müssen.

Die Coma-Flotte war nicht in die Unendlichkeit aufgebrochen, um irgendjemandem etwas wegzunehmen oder sonst wie zu schaden. Ihre Ziele waren andere. Ihre Teilnehmer hofften mehr zu gewinnen als materielle Dinge.

»Ich habe Meromir gleich mit hinzugebeten, um mich nicht unnötig wiederholen zu müssen, Arlo«, sagte Rhodan jetzt eindringlich. »Wir alle hoffen, dass es nie dazu kommt, uns mit Waffengewalt gegen irgendwelche Gegner wehren zu müssen. Ich vermeide absichtlich das hässliche Wort Feinde. Wir sind unterwegs in Regionen des Universums, die noch nie vor uns ein Mensch erkundet hat. Wir wollen die Geheimnisse der Großen Leere erforschen, die 225 Millionen Lichtjahre von unserer Galaxis beginnt und sich über 150 Millionen Lichtjahre ausdehnt. Von Terra aus gesehen im Sternbild Coma Berenices – Haar der Berenike. Jenseits dieser Leere, in der nichts von dem zu existieren scheint, was wir uns vorstellen könnten, liegt die so genannte Große Mauer, eine ungewöhnliche, lang gestreckte Massierung von Galaxien. Beides, die Leere und die Mauer, sind für uns Rätsel, vielleicht Wunder und vielleicht Herausforderungen von nie zuvor gekannten Dimensionen. Wir sind auf dem Weg dorthin, und zwar als Botschafter einer ganzen Galaxis. Die Völker der Milchstraße haben uns nach anfänglichem Zögern ihr Vertrauen geschenkt und sich an der Expedition beteiligt. Dies geschah durch finanzielle und materielle Zuwendungen und durch die Abstellung von Angehörigen dieser Völker, die alle diese lange Reise mitmachen. Dass ich das Oberkommando über die Coma-Expedition habe, erfüllt mich mit Stolz. Und ich werde nicht dulden, dass in dieser Flotte ein Geist einkehrt, für den ich mich schämen muss.«

Rhodan lehnte sich im Kontursessel zurück. Reginald Bull nickte ihm beipflichtend zu, und Arlo Rutan schien die Welt nicht mehr zu verstehen.

»Ich finde«, murrte er störrisch, »du bauschst hier etwas auf, das vollkommen belanglos ist. Es geht doch immer noch um Coma-eins, oder? Also gut, wir haben das Manöver im Simulator durchgespielt. Ich bin mit genau hundert meiner Leute in eine Computerwelt gegangen, die aus den Daten und Bildern von Eins erstellt wurde, und wir haben uns ein Gefecht mit angenommenen Fein... Gegnern geliefert, die sich in einer der alten Ruinenstädte versteckt gehalten hatten. Die Gegner waren in Wirklichkeit die fünfzig so genannten Arkonkämpfer unter diesem ... Pfest! Sie operierten genau wie wir in einer syntronischen Wirklichkeit. Kein einziger Mann, keine einzige Frau ist gefallen oder hat sich auch nur eine Schramme geholt.«

»Ich habe die Syntronaufzeichnung gesehen«, sagte Rhodan.

»Umso besser. Wen es erwischt hat, ob einen von uns oder von denen, der war ganz einfach weg, aus dem Netz. Der hatte Feierabend, so einfach war das. Niemandem wurde wehgetan. Aber wir haben unsere Reflexe trainiert und ...«

»Darum geht es gar nicht«, unterbrach ihn Rhodan. »Arlo, ich habe gesehen, wie du einen Mann paralysiert hast, weil er vor Angst und Verzweiflung fast den Verstand verlor. Du kannst mir nicht weismachen, dass er das nicht wirklich fühlte!«

»Er hat ...«

»Und du hast dem Anführer der Gegner, nämlich Aktet Pfest, mit einer solchen Genugtuung einen Schwinger verpasst und ihm das Knie in den Hals gestoßen, als wäre er tatsächlich dein schlimmster Feind.«

»Gegner!«, rief der Ertruser mit erhobener Hand und breitem Grinsen.

Für einen Moment herrschte Schweigen. Reginald Bulls Gestalt versteifte sich. Er schien eine heftige Reaktion seines Freundes zu befürchten, doch Rhodan antwortete überraschend ruhig:

»Ich verlange nicht von dir, mit Worten umzugehen, Arlo. Ich verlange aber, dass sich die Rivalitäten zwischen dir und deinen Leuten auf der einen sowie Aktet Pfest mit seinen Arkoniden auf der anderen Seite auf ein erträgliches Maß beschränken. Konkurrenz ist so lange etwas Positives, wie sie nur anspornt und nicht zu Hass wird. Ich will nicht, dass sich die Männer und Frauen, auf die es einmal ankommen könnte, von solchen Emotionen leiten lassen und letzten Endes Kurzschlüsse statt klarer Gedanken produzieren.«

»Auf die es ankommt«, wiederholte der Ertruser, voller Genugtuung. »Das ist der Punkt, Chef.«

Rhodan überhörte das Wort, das zu denen gehörte, für die er am liebsten taub wäre.

»Ich kenne auch deine Vorbehalte gegenüber Meromir«, fuhr er fort. »Deshalb sitzt er bei uns. Du vertrittst ihm gegenüber die Ansicht, dass es bei unserer Mission nicht möglich sei, sich ständig hinter den Geschützen der BASIS zu verstecken, und dass darum deine Soldaten unser aller wahre Schutzengel seien. Arlo und Meromir, ich erwarte, dass ihr uns eure Streitereien in Zukunft erspart und begreift, dass wir im Ernstfall alle an einem Strang ziehen. Dass die Aufgabe des einen so wichtig ist wie die des anderen. 225 Millionen Lichtjahre von zu Hause können wir uns keine Kindereien leisten.«

»Mir brauchst du das nicht zu sagen«, meinte der Feuerleitchef gelassen.

»Glaubst du etwa, mir?«, zischte Rutan ihn an.

»Und genau das ist es, was mir am allerwenigsten passt«, sagte Rhodan, während er sich erhob. »Der Umgangston in gewissen Sektionen der BASIS. Er wird sich ändern müssen. Wir werden noch darüber reden – später.«

Die anderen sahen, weshalb er es plötzlich so eilig hatte, das ohnehin mühselige Gespräch zu beenden.

Auf einem der riesigen Holobildschirme der BASIS-Zentrale war zu sehen, wie sich ein Beiboot langsam auf die Oberfläche des einzigen Planeten der roten Sonne herabsenkte und 200 Meter über der Trümmerwüste zum Stillstand kam, die Arlo Rutan und Aktet Pfest als Schauplatz ihres »Manövers« gedient hatte.

Videosonden übertrugen zu dem Trägergiganten hinauf, wie sich eine Schleuse nach der anderen öffnete und aus ihnen die ersten Androgyn-Roboter hinabregneten – manche schon fast komplett, manche noch in tausend Teilen.

In diesem Moment war für Perry Rhodan alles andere vergessen. Dies, dachte er, ist die erste Station.

*

Es war der vierte Tag seit ihrer Ankunft in diesem Sektor des Universums – NGC 4826 in einer Entfernung von rund 16 Millionen Lichtjahren zur Milchstraße. Die rote Sonne gehörte zu einer Kleingalaxis, etwa 490.200 Lichtjahre von NGC 4826 entfernt. Sie besaß einen einzigen Planeten, eine unscheinbare Sauerstoffwelt, auf der das Leben seinen Zenit bereits überschritten hatte. Ruinenlandschaften in den zahlreichen Hochebenen zeugten von einer untergegangenen, einstmals hochstehenden Zivilisation. In den tiefer gelegenen Landstrichen der drei fast gleich großen Kontinente mochte es noch zahlreiche Reste von ehemaligen Städten geben, die im Lauf der Jahrtausende von Sand und Staub begraben worden waren. Es war nicht die Aufgabe der BASIS, sie zu finden und zu erforschen. Die Androgynen würden Zeit genug haben, sich darum zu kümmern – falls es ihnen sinnvoll erschien.

Auf jeden Fall befand sich die Sauerstoffwelt in einer kosmischen Position und wies auch sonst die nötigen Voraussetzungen auf, um sie zum ersten Brückenkopf der gewaltigen Straße zu machen, die von der Milchstraße zur Großen Leere führen sollte – immer vorausgesetzt, dass alles nach Plan lief und die Expedition ihr fernes Ziel auch tatsächlich erreichte.

Denn möglich geworden war der Aufbruch der Coma-Flotte erst, als nach der anfänglichen Ablehnung und Skepsis angesichts der durch die Toten Zonen entstandenen galaktischen Probleme die Kosmische Hanse ihre Bereitschaft erklärt hatte, die Mission zu tragen. Zwar hatten private Sponsoren, einflussreiche Gruppen und wohlhabende Milchstraßenvölker schon vorher ihre Unterstützung signalisiert, doch deren Engagement hätte nicht einmal dazu ausgereicht, um allein die BASIS über dem Planeten Olymp viele Monate lang auf den technisch allermodernsten Stand zu bringen.

Die Kosmische Hanse, verkörpert durch den Zellaktivatorträger Homer G. Adams, tat natürlich nichts ohne die Erwartung einer Gegenleistung. Adams konnte es sich gar nicht erlauben, gerade in den für bestimmte Bereiche der Galaxis schweren Zeiten ohne die Hoffnung auf einen späteren Gewinn zu investieren. Und mochten idealistisch gesinnte Kreise in den relevanten Milchstraßenvölkern noch so sehr auf einen evolutionären Schub durch die bisher gewaltigste Gemeinschafts-Expedition in der Geschichte der Galaxis hoffen – Homer G. Adams setzte auf neue Märkte in noch unerreichten Weltraumtiefen, die ihm durch die Expedition erschlossen werden sollten.

Dabei fehlte es dem Hansechef nicht etwa an Visionen. Er, der seit den Tagen der Dritten Macht Perry Rhodans Weggefährte gewesen war und den Aufbruch der Menschheit in die Galaxis miterlebt und mit ermöglicht hatte, war in der Galaxis zurückgeblieben, um dort den Wiederaufbau voranzutreiben. Nur seine engsten und ältesten Vertrauten mochten wissen, wie schwer ihm diese Entscheidung gefallen war.

Das galt genauso für Julian Tifflor, Ronald Tekener und die Kartanin Dao-Lin-H'ay. Auch diese drei hatten sich schweren Herzens dazu entschlossen, in der Galaxis (genauer: in der Lokalen Gruppe, der Mächtigkeitsballung der Superintelligenz ES) zu bleiben und sich dort der Probleme der Völker anzunehmen.

Adams erhoffte sich neue Impulse für die Zukunft der Hanse, die auf dem Weg der friedlichen Expansion ins Universum immer wieder neue Rückschläge hatte hinnehmen müssen. Natürlich, sie war unter völlig anderen Gesichtspunkten ins Leben gerufen worden, nach der Einführung der Neuen Galaktischen Zeitrechnung als Gegengewicht zu den Umtrieben der Superintelligenz Seth-Apophis im Einflussbereich von ES. Doch das war lange vorbei. Die Hanse-Spezialisten existierten in ihrer Funktion als eine Art Geheimdienst der Galaxis weiter und hatten gerade in letzter Zeit wieder einmal Unheil abwenden können. Doch nach den deprimierenden Jahren und Jahrhunderten der jüngsten Vergangenheit mussten die Signale jetzt endlich wieder auf Eigeninitiative der Galaktiker gestellt werden, um ein Versinken der Völker in Agonie zu verhindern.

Die Forderung des Ennox Philip an Perry Rhodan, eine Expedition nach Coma Berenices auszurüsten und dort das mutmaßlich größte Geheimnis des Universums zu erforschen, war da gerade zur rechten Zeit gekommen.

Daran dachte Robert Gruener jetzt am allerwenigsten. Er hatte aus einer Schleuse der Korvette BAS-KO-17 heraus beobachtet, wie die ersten seiner Schützlinge in ihren Antigravfeldern hinausschwebten und sich langsam der Oberfläche entgegensinken ließen. Der 60-Meter-Raumer befand sich auf der Tagseite des Planeten, den sie in der Expeditionsführung Coma-1 genannt hatten.

Anfangs hatte sich Gruener über diese seiner Meinung nach ziemlich einfallslose Bezeichnung für den ersten Hanse-Brückenkopf geärgert. Er hätte eine Menge von besseren Namen dafür gehabt. Aber als er sie seiner Syntronik vorschlug, musste er feststellen, dass es sie alle schon mindestens einmal gegeben hatte – von A wie Arrive-A bis Z wie, wegen der Ruinenstädte, von denen er sich aus seiner Höhe heraus angestarrt fühlte, Zyklop.

Robert Gruener schwebte im SERUN mit seinen Schützlingen aus der Schleuse, als etwa die Hälfte von ihnen unterwegs zu ihrer neuen Heimat war. Die restlichen folgten ihm in einem dichten Schwarm. Meistens waren es noch Segmente, die sich nach der Landung zusammenfügen mussten, um komplizierte Einheiten zu bilden.

Es gab sie in fast allen Formen und Größen, von winzigen Würfeln bis zu Vielecken, Kugeln und kaum zu beschreibenden Gebilden von drei und mehr Metern Größe. Sie schimmerten matt im Licht der roten Sonne, die bereits wieder tief am violetten Himmel stand, der sich allmählich dunkler färbte. Die Gewitterwolken der letzten Tage hatten sich verzogen. Noch hatte das Gestirn keinen eigenen Namen, nur eine Nummer in den Sternkatalogen.

Die nächste Nachbarsonne war knapp fünf Lichtjahre entfernt. Soweit Robert Gruener es mitbekommen hatte, gab es in diesem Teil der Zwerggalaxis keine Hinweise auf interstellaren Verkehr. Es waren keine Hyperfunksprüche aufgefangen und keine ungewöhnlichen energetischen Aktivitäten angemessen worden. Aber wer sollte sich auch für eine Ödwelt wie Coma-1 interessieren, auf der nur noch pflanzliches Leben auf sehr niedriger Stufe existierte? Die Atmosphäre würde in einigen Jahrmillionen vermutlich in den Weltraum entwichen sein.

Nein, für Kolonisten war dieser Planet kein lohnender Ort. Es war nicht zu befürchten, dass die Entwicklung der Roboterzivilisation durch Fremde aus dem Weltall gestört wurde.

Die Androgynen stellten die fünfte Generation eines Robotertyps siganesischer Fertigung dar, der durch spezielle Lernkreise in der Lage war, ohne die Aufsicht von organischen Intelligenzwesen Stützpunkte zu errichten und diese weiter auszubauen. Sie passten sich den jeweiligen Umweltbedingungen an. Dass sie jetzt ausgerechnet, auf einer Sauerstoffwelt ihr in die weite Zukunft gerichtetes Werk begannen, hatte nur damit zu tun, dass auf diese Weise ein künftiger Hanse-Stützpunkt bereits optimal vorbereitet werden konnte. Das war nicht auf allen geplanten Zwischenstationen der Expedition möglich.

Die Androgyn-Roboter konnten und würden auch Brückenköpfe im kosmischen Leerraum errichten. Sie benötigten keinen Sauerstoff und keine Schwerkraft zum Leben. Aber sie würden aus den mit ihnen ausgesetzten Materialien große Raumstationen bauen, in denen sich organische Wesen für viele Jahre aufhalten und von denen aus sie ihre Vorstöße in die Galaxien der Umgebung vornehmen konnten.

»A-eins-eins«, sendete Gruener. »Erbitte Statusbericht!«

Das »A« stand für Androgyn, die beiden Zahlen bezeichneten den Stamm und die Reihenfolge des Roboters innerhalb seines Stammes. Es gab insgesamt zwölf Stämme, also Gruppen, von Androgynen. Jedem Stamm gehörten jeweils zwanzig Roboter verschiedenen Typs an, und für jeden zu errichtenden Brückenkopf war ein kompletter Stamm vorgesehen. »Androgyn« hieß so viel wie »Zwitter« und brachte zum Ausdruck, dass die Roboter dieses Typs und dieser Generation dazu imstande waren, sich ohne fremde Hilfe selbst zu reproduzieren und zu verbessern: Die jeweils nächste Generation lernte so aus den Erfahrungen und eventuellen Fehlern der vorangegangenen.

Damit waren alle Voraussetzungen dafür geschaffen, dass in kosmischen Weiten, zu denen normalerweise kein Mensch Zutritt hatte, Robotzivilisationen gebildet wurden, die im Sinn ihrer Erschaffer zunächst Pionier- und Forschungsarbeiten leisteten, um eines Tages dann die Konstrukteure ihrer Ahnen zu empfangen und diese in allen Belangen zu unterstützen.

Die für das Projekt Verantwortlichen hofften, aus den mannigfaltigen Erfahrungen mit Roboterzivilisationen gelernt zu haben, die sich zum Teil verselbständigt hatten. Als klassische Beispiele galten die Robotdynastien von Parsf und von Klongheim.

Dennoch fragte sich selbst Robert Gruener manchmal, wieweit man eine sich selbst reproduzierende und von sich selbst lernende Robotzivilisation überhaupt jemals auf Dauer kontrollieren konnte und durfte.

Die Antwort des robotischen Projektführers klang beruhigend.

»Statusbericht«, sendete A-1-1. »Es verläuft alles nach Plan. Soeben wurden die letzten Module von der Korvette BAS-KO-17 ausgesetzt. Die Anordnung der Elemente hat begonnen. Bevor ihr weiterfliegt, werden wir eine erste funktionsfähige Einheit gebildet haben.«

Das bedeutete, dass die Roboter sich selbst so organisieren und die ihnen mitgegebenen technischen Mittel so installieren würden, bis sie ausreichende Energie aus dem Hyperraum zapfen konnten, um ihre neue Zivilisation quasi für Ewigkeiten hinaus zu versorgen und ausbauen zu können.

Robert Gruener war nur dreißig Meter über der Oberfläche. Trotzdem blickte er noch einmal hoch und sah die anderen Beiboote als beleuchtete Kugeln am Himmel, in denen sich hellere, große Öffnungen bildeten. Technische Geräte und Teile für Großanlagen wurden zusammen mit Shifts und Space-Jets ausgeladen. Die Androgynen würden die überlichtschnellen Diskusse kaum benötigen, sie waren mehr für die irgendwann nachfolgenden Hanse-Mitarbeiter gedacht.

16 Millionen Lichtjahre ...

Robert Gruener hatte nie intensiv darüber nachgedacht, was diese Entfernung bedeutete. Seine ganze Aufmerksamkeit hatte bis zu diesem Tag seinen Robotern gegolten, die die Straße nach Coma Berenices pflastern sollten.

Doch nun, unter vollkommen fremden Sternen, erfasste ihn eine Stimmung, der er sich nicht verweigern konnte.

Er stand bis zu den Stiefelabsätzen im Jahrhundertestaub dieses Planeten, der zur Milchstraße von allen noch zu betretenden am nächsten lag, und auf einmal kam er sich inmitten seiner fertigen, halbfertigen oder erst noch zu montierenden Roboter einsam und hilflos vor.

Es besteht kein Grund dazu!, zwang er sich zu denken. Wir sind doch erst am Anfang!

16 Millionen Lichtjahre, das war eine gewaltige Zahl. Doch es war keine Entfernung, die Menschen noch nicht zurückgelegt hatten.

Rund 35 Millionen Lichtjahre waren es bis zur Galaxis der Cappins gewesen, nach Gruelfin, dem Sombrero-Nebel. Mehr als 70 Millionen Lichtjahre bis zu den Sterneninseln der Mächtigkeitsballung Estartu. Die unendliche Reise der SOL. Und irgendwo spukten in den Geistern der Kosmohistoriker immer noch die Galaxien Naupaum und Catron umher, in die es Perry Rhodan während der so genannten Gehirnodyssee verschlagen hatte. Von ihnen wusste man die Namen und sonst nichts. Theoretisch konnten sie am anderen Ende des Universums liegen.

Dieser Gedanke weckte für einen Moment fast erlösende Heiterkeit in dem Kybernetiker, der im Jahr 1115 NGZ auf der Gettowelt Dumken in der galaktischen Eastside geboren worden war, wo er später im wissenschaftlichen Dienst der Cantaro gestanden hatte, dann aber nach Monos' Sturz auf Terra studieren konnte.

Am anderen Ende des Universums ...

Es war allgemein bekannt, dass der Ennox Philip dieses Wort wiederholt im Zusammenhang mit der Großen Leere gebraucht hatte. Was er damit meinte, daran rätselten die Wissenschaftler herum, denn das Universum hörte nicht schon in 225 Millionen Lichtjahren Entfernung von Terra auf – ganz egal, wie leer die Große Leere auch sein mochte.

Robert Gruener kehrte in die Realität zurück.

Vor ihm schwebten immer weitere Module an das schon aus mindestens tausend Segmenten bestehende Gebilde heran, dessen Kern A-1-1 bildete. Sie ordneten sich sinnvoll ein, wie von unsichtbarer Hand geführt. Andere Konglomerate entstanden überall in Grueners Sichtbereich. Für die Androgynen galt prinzipiell, dass ihre Form und Größe allein von der Zweckmäßigkeit bestimmt war. Es spielte keine Rolle, ob es sich um nur aus einem oder aus hundert Segmenten bestehende Einheiten handelte.

Jeder einzelne Androgyne besaß eine Funkanlage zur Kommunikation mit den anderen Robotern (oder Bausteinen eines Komplexes) und den Galaktikern. Dazu verfügten sie außerdem über eine Sprecheinrichtung.

Robert Gruener hatte ihnen den speziellen Androgyn-Algorithmus mitgegeben, der für das Funktionieren ihrer Zivilisation erforderlich war. Deshalb fühlte er sich tatsächlich wie ein Vater, der von seinen Geschöpfen Abschied zu nehmen hatte.

Er schluckte, als er einen im Kern aus drei gleich großen Kugelsegmenten gebildeten Roboter auf sich zuschweben sah. Kurz vor dem Kybernetiker kam er zum Stillstand und sagte gleichzeitig über Funk und auf akustischem Weg:

»Statusbericht Einheit A-eins-elf. Die Ausschleusung von uns Androgynen und der für den Stützpunkt benötigten technischen Mittel ist beendet. Wir Androgynen haben uns weitgehend komplettiert. Was nun geschieht, folgt dem vorgegebenen Programm. Ich möchte dir, stellvertretend für uns alle, für deine Arbeit und das Vertrauen danken, das du in uns setzt, Robert.«

Gruener schluckte wieder, aber der Kloß in seinem Hals wollte einfach nicht rutschen. Seine Augen wurden feucht, als er die rechte Hand ausstreckte und die Finger langsam über die oberste der drei Kugeln gleiten ließ.

Dann nickte er.

»Ich habe immer gewusst, dass es zu diesem Abschied kommen würde«, sagte er leise. »Aber ich habe mir nicht vorgestellt, dass es so schwer sein würde.«

»Du wirst irgendwann hierher zurückkommen, Robert«, antwortete A-111. »Dann wirst du sehen, was wir geschaffen haben. Und du wirst stolz auf uns sein. Und stolz auf dich selbst, Robert.«

Er nickte und zwang sich dazu, seiner Stimme einen festeren Klang zu geben.

»Ja«, sagte er. »Ja, das werde ich bestimmt.«

Und außerdem war dies nur der erste Androgynen-Stamm, der ausgesetzt und zurückgelassen wurde.

Der Kybernetiker prägte sich das Bild der Trümmerwüste mit den überall wachsenden technischen Strukturen noch einmal gründlich ein. Es wurde rasch dunkel, und über den robotischen Gebilden breitete sich ein silbriger Schein aus unzähligen schwachen Scheinwerfern aus – wie der Morgennebel über einer erwachenden Welt.

Der Eindruck verstärkte sich, während Gruener zur Korvette zurückschwebte und die jetzt schon beeindruckende Anlage in ihrem Silberschimmer unter sich sah.

Ja, dachte er. Eine erwachende, eine wiedererwachende Welt.

Welche Rolle sie einstmals in dieser kleinen Galaxis gespielt hatte, das wusste er nicht. Aber die Rolle, die sie in wenigen Jahren schon für die Pioniere aus einer 16 Millionen Lichtjahre entfernten Milchstraße spielen würde, malte er sich in den phantastischsten Farben aus.

Es wurde Zeit zur Rückkehr. Robert Gruener begab sich in die Zentrale der BAS-KO-17 und nickte dem Kommandanten kurz zu. Eine Minute später stieg die Korvette in den düstervioletten Himmel hinauf. Robert Gruener blieb so lange vor einem der großen Monitore stehen, wie er darauf die Trümmerebene mit seinen »Kindern« sehen konnte.

In einer Spiegelung sah er sich selbst, 1,79 Meter groß, schlank und noch blasser als sonst. Er gefiel sich nicht, wenn er sich so selbst gegenüberstand. Gruener war kein aufgeschlossener Typ. Er steckte voller Hemmungen und Komplexe, ein schüchterner Mann fast allen anderen Menschen gegenüber. Seine wirklichen Freunde, in deren Gesellschaft er auftaute und sich entfaltete, das waren die Roboter.

Auch deshalb tat der Abschied so weh.

Die Korvette stieg aus der Atmosphäre des Planeten und näherte sich langsam dem Standort der BASIS, im hohen Orbit auf der Nachtseite von Coma-1. Der Anflug war ein Erlebnis, das dem Kybernetiker so zum ersten Mal zuteil wurde.

Der Raumgigant mit seinem neun mal drei Kilometer riesigen Diskuskörper, wozu noch der Wulst sowie die imposanten Bug- und Heckanbauten kamen, tauchte als riesiger nachtschwarzer Schatten majestätisch vor dem Hintergrund der Sterne auf. Langsam, unendlich langsam, schien er sich vor diesen Sternen immer weiter in den Vordergrund zu schieben und aus den Bildschirmen heraus mitten in die Korvette-Zentrale. Durch die 3-D-Abbildung wurde der Eindruck noch großartiger.

Und unendlich langsam stieg die Korvette über die Hauptebene der BASIS und den Bugsektor mit der Zentrale hinweg, bis die gewölbte Oberfläche des Diskusgiganten unter ihr lag und die BASIS jetzt nach unten aus den Schirmen zu gleiten schien. Die Korvette überflog eine künstliche Landschaft, die wie der Oberflächenausschnitt eines technischen Planeten aussah.

Und Robert Gruener dachte sich: So könnte es sein, wenn ich eines Tages nach Coma-eins zurückkehre!

Die Korvette flog bereits den Hangar an, der sie als einen Teil dieser künstlichen Welt aufnehmen würde, für welche die Bezeichnung Raumschiff ein glatter Hohn war. Raumschiffe waren die, die auf ihrer Oberfläche verankert standen: Rhodans ODIN, Atlans ATLANTIS, Icho Tolots HALUTA, Paunaros TARFALA, das Experimentalschiff FORNAX ... und zahlreiche andere Konstruktionen verschiedenster Art und Bauweise, zur Verfügung gestellt von vielen galaktischen Völkern, die an das große Ziel dieser wohl größten Expedition aller Zeiten glaubten.

Später sollte noch das Barracudaschiff der Arcoana hinzukommen.

Robert Gruener fühlte plötzlich so etwas wie Ehrfurcht.

Bisher hatte er sich immer nur mit seinen Androgyn-Robotern beschäftigt. Er war einer der wenigen gewesen, die sich kaum wirklich qualifizieren mussten, um den Flug mitzumachen. Sein Logarithmus und seine Kenntnis der Androgynen waren Qualifikation genug. Und deshalb hatte er es sich vor lauter Konzentration auf seine Aufgabe nie so recht vor Augen geführt, was diese Expedition in die tiefe Unendlichkeit eigentlich bedeutete – für jeden Einzelnen von ihnen, der daran teilnahm.

Jetzt, als er die BASIS unter sich scheinbar hinweggleiten sah, erhielt er einen Eindruck davon. Und plötzlich hatte er ein Gefühl des Glücks und des Stolzes, diese Expedition miterleben zu dürfen. Er trauerte nicht mehr um die Androgynen, die er nach Coma-1 gebracht hatte. Er war stolz darauf, diesen wichtigen Beitrag leisten zu können.

In seinen Gedanken, als sich die Korvette, gefolgt von den anderen entladenen Beibooten, in ihren Hangar hinabsenkte, war er bereits beim nächsten Brückenkopf nach Coma Berenices, und wie er seine Kinder den Vorgaben dort entsprechend optimal programmierte.

So einfach wie auf Coma-1 werden sie es nicht mehr haben, dachte er und lachte im nächsten Augenblick leise über diese »allzu menschliche« Betrachtungsweise.

Für die Androgynen war es vollkommen egal, unter welchen Umweltbedingungen sie lebten und arbeiteten.

2.

31. März 1203 – 44 Millionen Lichtjahre

Die Weltraumstation entstand mitten im Leerraum zwischen den Galaxien. Die nächstliegende Welteninsel war NGC 4670. Die Entfernung vom Rand dieser Galaxis betrug exakt 962.930 Lichtjahre.

146 Tage hatte der Flug von Coma-1 bis hierher gedauert. Am 26. März hatte die BASIS diese Position erreicht, und für den heutigen Abend war schon wieder der Abschied von Coma-2 angesetzt, wie die Station dort draußen in der Leere nach dem gängigen Muster genannt worden war.

Atlan und Theta von Ariga konnten die Station auf einem der Holoschirme sehen, die zusätzlich in den privaten Aufenthaltsräumen des unsterblichen Arkoniden installiert worden waren. Die Architekten hatten sie optimal in die großzügige Wohnlandschaft eingepasst.

Andere Schirme zeigten so gut wie alles, was die Arkoniden gerade sehen wollten. Innerhalb der so genannten Coma-Flotte gab es keine geheimen Zonen, in die der Einblick verwehrt gewesen wäre.

»Als wir in Estartu waren«, sagte Atlan halblaut in die sanfte, getragene Musik hinein, die den Raum wie eine kosmische Brise durchwehte, »da waren wir weiter von der Milchstraße fort. Aber es waren ganz andere Zeiten und ganz andere Umstände. Dies hier tun und wollen wir selbst. Das ist der Unterschied. Es ist faszinierend zu sehen, wie diese Station dort draußen in nur fünf Tagen entstanden ist, von hochintelligenten Robotern zusammengefügt, die in unserer Milchstraße konzipiert und programmiert wurden.«

Sie rückte auf der breiten, weichen Liege ein kleines Stück von ihm weg, stützte den Kopf in die linke Hand, den Arm neben seinem Kopf angewinkelt, und fragte halb erstaunt, halb spöttisch:

»So kenne ich dich ja kaum. Hast du jetzt öfter sentimentale Anwandlungen?«

Er zog sie, auf dem Rücken liegend, wieder an sich. Sie ließ es sich gern gefallen und strich mit gespreizten Fingern über seine Brust. Ein Servoroboter erschien auf ihren Wink hin mit Getränken. Sie nahm nur ein Glas und führte es zuerst an Atlans Lippen. Er trank langsam und genoss den Wein vom Planeten Caliaf im Holboten-System.

»Vielleicht«, antwortete er. »Aber tu mir den Gefallen und verrate es nicht weiter. Wenn wir in drei Stunden aufbrechen, dann werden wir wieder für 99 Tage im Hyperraum sein, einmal von den kurzen Orientierungsstopps abgesehen. Die zählen nicht. Wir werden mit einem maximalen Überlichtfaktor von 70 Millionen fliegen. Und wenn wir anschließend in den Normalraum zurückkehren, werden wir 63 Millionen Lichtjahre von zu Hause entfernt sein.«

»Das sind noch lange keine 225«, erwiderte Theta. Sie gab ihm einen Kuss und lächelte. »Könnte es sein, dass deine Kopfschmerzen daher kommen, dass wieder einmal die Terraner diese Expedition auf die Beine gestellt haben – und nicht du?«

Er lachte, stand auf und zog den Gürtel des seidenen, togaähnlichen Gewands enger. Vor einer Monitorgalerie blieb er stehen und blickte eine Weile versonnen auf die Bilder der fernen Galaxien, von denen eine die Milchstraße war – ein schwacher, farblich hervorgehobener Nebelfleck in der Unendlichkeit.

»Die Terraner haben den Löwenanteil am Zustandekommen der Mission«, sagte er schließlich. »Aber das spiegelt nur die Rolle wider, die sie in der Galaxis spielen. Jedes Volk gibt, was es geben kann oder will. Und die Terraner wären nicht mehr sie selbst, wenn nicht Perry Rhodan die Expedition leiten würde. Ohne ihn wäre sie nicht zustande gekommen.«

»Das kann niemand bestreiten«, musste Theta zugeben.

»Und trotzdem ist es ein Projekt, an dessen Realisierung die ganze Galaxis mitgewirkt hat. Keiner weiß, was wir am Ende finden werden, aber was es auch sei – diese Expedition ist das Größte, was die Völker der Milchstraße jemals gemeinsam auf die Beine gestellt haben.« Er kehrte zu ihr zurück und seufzte. »Ich hätte das noch vor einem Jahr nicht für möglich gehalten. Die Herausforderung gilt uns allen, Theta. Jeder Einzelne kann auf dieser Reise zum strahlenden Helden oder zum traurigen Versager werden. Es liegt an uns selbst, und ich habe mir eine Menge vorgenommen.«

»Das hört man. Und was ist mit den Ennox? Mit deinen Zweifeln? Hast du dein Misstrauen so schnell begraben?«

»Absolut nicht.« Sein Gesicht bekam einen anderen Ausdruck. Der verklärt wirkende Blick kehrte in die Realität zurück. »Ebenso wenig wie Bully. Auch wenn Philip einen Zellaktivator trägt und diesen neuerdings auch noch zum Argument für seine Glaubwürdigkeit macht – ich traue dem Kerl nicht. Er hat uns zu oft angelogen und mit falschen Versprechungen gelockt. Wir werden sehen, was sich hinter seinen nebulösen Äußerungen verbirgt, wenn wir das Ziel erreicht haben.«

Theta lachte trocken.

»Dann können wir schon reingefallen sein ...«

Atlan nickte.

Kopfschmerzen bereitete ihm nicht die zweifellos gegebene Führungsrolle der Terraner und ihrer Abkömmlinge bei dieser Expedition. Kopfschmerzen hätte er höchstens bei dem Gedanken daran bekommen können, dass sie in genau die Richtung flogen, in der sich auch der Standort von TRIICLE-9 befand.

Des vor fast 800 Jahren »Frostrubin« genannten Kosmonukleotids, Gegenstand der Ersten Ultimaten Frage und zeitweise von der negativen Superintelligenz Seth-Apophis missbraucht.

Auch Atlans Extrasinn konnte beim besten Willen keinen Zusammenhang zwischen dem in Coma Berenices angesiedelten Nukleotid und der Aufforderung der Ennox herstellen, zur Großen Leere zu fliegen – genau in die Richtung von TRIICLE-9.

Erinnerungen wurden wach, die noch gar nicht einmal so schrecklich alt waren. TRIICLE-9 und Seth-Apophis. Die gigantische Wachflotte, Endlose Armada genannt und nur scheinbar Thema der Zweiten Ultimaten Frage. Nach dem Ende von Seth-Apophis und der Aktivierung der Chronofossilien durch Perry Rhodan schließlich die Rückkehr des Frostrubins an seinen ursprünglichen Standort, eben in Coma Berenices.

Es waren keine angenehmen Erinnerungen. Im Gegenteil: Atlan und Rhodan hatten begriffen, dass sie von den Kosmokraten aus nicht nachvollziehbaren Gründen missbraucht worden waren, und ihre Gefolgschaft aufgekündigt. Sie waren seither keine Ritter der Tiefe mehr und hatten lange Zeit gebraucht, um wieder zu einer Identität zurückzufinden, die sie ausfüllte.

Atlan wusste, dass sich Perry Rhodan die gleichen Gedanken machte wie er selbst, obwohl er darüber schwieg. Die meisten Mitglieder der Expedition wussten kaum noch etwas über die damaligen Geschehnisse und ihre Hintergründe. Die seinerzeit direkt oder indirekt Beteiligten, heute ausnahmslos Zellaktivatorträger, machten sich ihre eigenen Gedanken und schwiegen ebenfalls.

Aber in ihren Köpfen arbeitete es, und sie stellten sich wie Atlan die Frage nach Zufall, Fügung oder Lenkung durch eine höhere kosmische Macht.

Und dann war da noch ein Bild, das dem Arkoniden in diesem Zusammenhang erschien. Es war das einer 6500 Meter langen Hantel, des legendären Fernraumschiffs der Menschheit, der SOL. Sie war mit der Armada zum Standort von TRIICLE-9 geflogen, um danach den Kosmos zu erforschen und immer dort zu helfen, wo es im Interesse der universellen Ordnung nötig war.

Fast 800 Jahre lang – seit 429 NGZ – hatte man nichts mehr von der SOL gehört und gesehen. Sie war schon fast vergessen gewesen.

Bis jetzt.

Lächerlich!, dachte Atlan, als ihn Thetas Stimme aus den neuerlichen Grübeleien riss. Wir sehen schon Gespenster. Der Standort von TRIICLE-9 ist noch einmal gut einhundert Millionen Lichtjahre von der Großen Leere entfernt – und wer sagt uns, dass die SOL jemals ihr Ziel erreicht hat?

Das Schiff, mit dem ihn mehr verband als mit jedem anderen Raumschiff, das er jemals kennen gelernt hatte.

»Ich sagte schon zweimal: Dann können wir schon reingefallen sein!«

Theta boxte ihn in die Seite. Atlan riss sich endgültig von seinen Gedanken los und grinste sie an, kam auf das Thema zurück:

»Aber dann sind wir da und werden sehen, was die Große Leere für die angeblichen Kartographen des Universums so wichtig macht. Und selbst wenn wir Philip nie wiedersähen und sich sein Gerede als pure Schaumschlägerei herausstellte, wäre ich froh. Wir haben etwas erreicht und etwas geschaffen, das uns alle näher zusammenbringt und stolz auf uns sein lässt. Es kann eine neue Epoche beginnen.«

Sie blickte ihn zweifelnd an.

»Du meinst den Evolutionsschub, von dem im Zusammenhang mit der Expedition so gern geredet wird? Ich halte das für eine Phrase. Ein Evolutionsschub lässt sich nicht programmieren – jedenfalls nicht für ein ganzes Volk oder gar mehrere Völker.«

»Wir werden natürlich nicht plötzlich zu kleinen Superintelligenzen«, erwiderte Atlan lächelnd. »Ich sehe mehr die psychologische Seite. Was wir Galaktiker brauchen, das ist ein Stoß in den Rücken, ein Schub, ein Tritt in den müde gewordenen Hintern.«

»Wir?«, fragte sie und hob die Brauen über den für Arkoniden so untypischen, grünen Augen. Mit einer Hand fuhr sie sich durch das kurze, silberweiße Haar und zerwühlte es noch mehr. »Wir Arkoniden brauchen keinen Tritt mehr, wohin auch immer. Wir haben der Galaxis doch gezeigt, wie ein schon lange abgeschriebenes Volk als Phönix aus der Asche steigt. Wer hätte denn vor hundert Jahren noch viel für uns gegeben?« Sie kuschelte sich wieder an ihn, schmiegsam wie eine Katze. Aber sie konnte eine sehr gefährliche Katze sein. »Du, mein verhinderter Imperator. Du gabst unserem Volk wieder eine Vision.«

Atlan drückte sie an sich, lachte lange und laut. Sie schien für einen Moment zu erschrecken, dann lachte sie mit, und sie alberten herum, bis sie sich schließlich auf dem Boden gewälzt hatten und atemsuchend nebeneinander liegen blieben, beide auf dem Rücken.

»Siehst du, Theta«, sagte er, als sie auf eine Projektion der Milchstraße blickten, die sich träge unter der Decke zu drehen schien, »genau das ist es, was ich mir von dieser Expedition ins Haar der Berenike so erhoffe.«

»Ich verstehe«, hauchte sie ihm ins Ohr. »Und sonst nichts?«

»Doch. Abenteuer.«

»Dazu brauchst du nicht bis zu dieser Berenixe hin – oder wie die Dame heißt ...«

*

Logbuch der BASIS, Auszug vom 31. Mai 1203 NGZ; Harold Nyman, Kommandant:

Seit unserem Aufbruch aus dem Raumsektor NGC 4670 sind auf den Tag genau zwei Monate vergangen. Insgesamt sind wir damit nun 304 Tage unterwegs.

Es gibt weiterhin keine besonderen Vorkommnisse. Der Flug verläuft normal und nach Plan. Wir befinden uns gut in der Zeit, um am 8. Juli in einem Kugelsternhaufen den dritten Brückenkopf zu errichten – Coma-3. Die Astronomen unter unserem Chefwissenschaftler Cyrus Morgan haben den gestrigen kurzen Zwischenstopp genutzt, um die von hier aus möglichen Beobachtungen mit den Sternkarten zu vergleichen, die sie aus dem Universum-Modell von Mystery gezogen haben. Die dortigen Daten sind korrekt. Etwas anderes haben wir auch nicht mehr erwartet.

Robert Gruener wird seine Androgyn-Roboter diesmal wohl wieder auf einem Planeten aussetzen können. Der Bau der Raumstation Coma-2 war ein voller Erfolg. Wir werden auf der weiteren Reise wahrscheinlich noch mindestens einmal gezwungen sein, einen Brückenkopf im Leerraum zu errichten. Um dessen Realisierung brauchen wir uns jetzt keine Sorgen mehr zu machen. Coma-2 hat gezeigt, dass ein Androgynen-Stamm auch einen kleinen künstlichen Mond für die künftigen Hanse-Besatzungen zusammenbauen kann, wenn nur genügend Material vorhanden ist.

Ich bin sicher, dass Homer G. Adams da großzügig nachliefern wird.

Natürlich wären ihm reine Planetenstützpunkte lieber. Aber wir fahren den geradmöglichsten Kurs, und Abweichungen sind nur in wichtigen Fällen sinnvoll. Robert Gruener weiß mindestens schon drei Stationen im Voraus, für welche Verhältnisse er seine »Kinder« zu programmieren hat.

Er macht mir trotzdem einige Sorgen.

Die Stimmung an Bord ist als normal zu bezeichnen, wenn wir von den Voraussagen der Psychologen ausgehen. Die erste große Euphorie ist inzwischen verflogen. Die fast rauschhafte Aufbruchstimmung ist nach den ersten beiden Stopps und der Errichtung der ersten Brückenköpfe abgeklungen. Zwar sehen die Expeditionsteilnehmer dem Erreichen des fernen Zieles nach wie vorgebannt entgegen, aber sie sind sachlicher geworden. Die Expeditionsführung kann diese vorausgesehene und ganz normale Entwicklung nur begrüßen.

Die eigentlichen Probleme mit der Psyche einzelner Teilnehmer stehen uns erst noch bevor. Auch das wissen wir. Noch machen sich die Mannschaften keine Gedanken darüber, was es heißt, so lange in einem Raumschiff unterwegs zu sein. Es werden nach wie vor neue Freundschaften geknüpft und Lebensgemeinschaften eingegangen.

Noch vermisst niemand das, was er zurückgelassen hat, noch überwiegen die Faszination und der Stolz, an dieser Mission teilnehmen zu dürfen. Aber das wird sich ändern, je länger wir unterwegs sind. Zuerst werden die Sensibelsten unter den Männern und Frauen Veränderungen zeigen.

Robert Gruener gehört zu diesen Fällen. Er versucht es vor uns zu verbergen, aber er gerät offenbar schneller in die Krise, als wir erwarten konnten. Ich hoffe, dass ich mich dabei täusche.

Er ist einer unserer wichtigsten Männer. Ich mag ihn sehr. Es wäre nicht auszudenken und eine menschliche Tragödie, müsste er vor seiner Aufgabe und der damit verbundenen geistigen Überlastung kapitulieren.

Vielleicht malen die Psychologen aber auch zu schwarz. Wir haben jedenfalls alles getan, um die lange Zeit der Isolation vom übrigen Universum so kurzweilig wie möglich zu gestalten.

Die Besatzungsmitglieder der BASIS und der ihr angeschlossenen Schiffe machen von den Möglichkeiten, ihre Freizeit sinnvoll zu verbringen, in der Regel guten Gebrauch. Wer sich weiterbilden will, hat die größten Bibliotheken und Archive zur Verfügung, die einem Menschen je offen standen. Und nicht nur Menschen. In den syntronischen Speichern sind alle bedeutenden Geisteswerke sämtlicher galaktischer – nicht nur der teilnehmenden – Völker enthalten und abrufbar. Ob erbauende Literatur, hohe Philosophie oder harte wissenschaftliche Fakten, alles ist da.

Wer sich auf angenehme Art entspannen will, dem stehen die riesigen Freizeitzentren zur Verfügung, in denen er unter dem simulierten Himmel der verschiedensten Planetenlandschaften sonnenbaden, schwimmen, tauchen, wandern oder auch nur faulenzen kann. Die Fitnessangebote, unausgesprochene Pflicht für jeden Teilnehmer, reichen von leichtem Sport bis zu athletischer Stählung. Wer Musik hören will, kann sich dank unserer technischen Mittel zum Mittelpunkt ganzer Klanguniversen machen und sogar selbst in die Kompositionen der Künstler aller Epochen einmischen. Wer sich für ein Genie hält, kann mit Beethoven über dessen Fünfte streiten, Arkons Tamzach von Oryn beim Durchrechnen seiner Computeroper-Kompositionen zu widerlegen versuchen oder ganz einfach ein eigenes Kunstwerk schaffen.

Der Kreativität sind an Bord der BASIS keine Grenzen gesetzt. Es sind alle Möglichkeiten vorhanden, sich vom zwangsweise einsetzenden Alltagsgefühl abzulenken und sowohl geistig als auch körperlich fit zu bleiben.

Letzteres übertreiben einige unserer Freunde leider immer noch ganz erheblich.

Ich gebe dies zu Protokoll, weil es mir Sorge bereitet, auch im Zusammenhang mit Robert Gruener und den Zwillingen.

Mit Beschwerden über die Kampfübungen Arlo Rutans und seiner 2000 »Sternenkämpfer« war von Anfang an zu rechnen. Perry Rhodan trug diesem Umstand dadurch Rechnung, dass er das Landekommando im Heckteil der BASIS unterbringen ließ, wo früher die mittlerweile längst überflüssigen gewaltigen Schubvorrichtungen installiert waren. Perry hat die »Bodenkämpfer« also gewissermaßen in ein Getto geschickt, wo sie sich untereinander austoben können, ohne den normalen Bordalltag zu stören.

Immerhin hatte er das gehofft, aber es kam, wie bekannt, inzwischen ganz anders.

Wenn ich eine persönliche Anmerkung machen darf: Ich halte Arlo Rutan und seine Kämpfer für einen wilden Haufen, rücksichtslos, primitiv und von der Idee besessen, eines Tages gegen irgendwelche glubschäugigen Monster kämpfen zu dürfen – und danach die großen Helden zu sein. Ich denke, dass ihre Instinkte gerade so weit entwickelt sind wie die meiner sehr frühen Vorfahren.

Wie sonst sollte man es verstehen, dass sie in wilden Horden ihre Manöver nicht nur in ihren eigens dafür reservierten Heckteilen abhalten, sondern plötzlich in voller Bewaffnung und brüllend in anderen Bereichen des Hecks auftauchen und herumballern? Sie haben neben ihren Wohnräumen unzählige Schulungs- und Trainingshallen mit Simulationsanlagen für die Ausbildung der Truppe. Wir haben ihnen sogar Hangars mit Shifts, Space-Jets und anderen Fahrzeugen zur Verfügung gestellt, um dort einen Ernstfall proben zu können. Ein erstes großes Weltraummanöver wurde ihnen von Perry Rhodan für die voraussichtlich siebentägige Dauer des nächsten Aufenthalts genehmigt.

Die Kampfübungen an Bord bedürfen natürlich auch der offiziellen Absegnung durch die Expeditionsführung. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass Rhodan zu oft ein Auge zukneift. Rutan und seine Leute, in erster Linie seine 300 Ertruser, gehen vielen Besatzungsmitgliedern schon fast unerträglich auf die Nerven, weil er seine »Kämpfer« inzwischen in fast allen öffentlichen Bereichen der BASIS in »Manöver« führt, sie unglaublich drillt und den berühmten »Ernstfall« proben lässt, angeblich um sie fit zu halten. Rhodans Auflagen, das Bordleben nicht zu stören, schlagen sie in den Wind.

Viele Besatzungsmitglieder fühlen sich von denen bedroht, die sie im Gefahrenfall einmal beschützen sollen. Es macht sie fast schon krank – und mich auch.

Immerhin hat Perry Rhodan die beiden mitreisenden linguidischen Friedensstifter Arinu Barras und Sui Zolnai gebeten, bei weiteren Ausschreitungen seitens unserer Beschützer einzugreifen. Sie hatten sich schon nach unserem ersten Stopp erfolgreich eingeschaltet und verhindert, dass die Reibereien zwischen Rutan und seinem arkonidischen Pendant Aktet Pfest weiter eskalieren konnten. Der Überschwere von der ATLANTIS und der Ertruser sind sich seither aus dem Weg gegangen und haben auf weitere »harmlose« Computermanöver verzichtet. Bleibt zu hoffen, dass die Friedensstifter sie auch dann im Griff haben werden, wenn das Weltraummanöver stattfinden soll.

Arlo Rutan hat jedenfalls schon heftig dagegen aufbegehrt, dass durch Arinu Barras und Sui Zolnai seine »furchtlosen, todesmutigen und zu allem entschlossenen Kämpfer zu Pfadfindern werden«. Er hat sogar Recht bekommen! Rhodan selbst musste die beiden Linguiden bitten, sich um die Probleme anderer Besatzungsmitglieder zu kümmern und nicht »den Kampfgeist der Bodentruppen einzuschläfern«.

Ich verstehe das alles nicht und weiß, dass meine persönliche Meinung nicht ins Logbuch gehört. Ich will mir aber später nicht den Vorwurf machen lassen, zu einer Entwicklung geschwiegen zu haben, die mir Angst macht.

Gewalt darf immer nur das letzte Mittel sein, um mit Problemen fertig zu werden, die sich anders nicht lösen lassen. Bei Rutan und seinen Spießgesellen kommt es mir so vor, als würde das Mittel zum Selbstzweck und erst einmal vorsorglich eingesetzt, bevor man das Problem überhaupt kennt.

Ich kann nur hoffen, dass wir nie in eine Situation geraten, in der wir auf die »Hilfe« dieser unserer Kämpfer angewiesen sind.

Und falls doch, dass sie dann wenigstens die Hälfte von dem halten, was sie versprechen.

3.

8. Juli 1203 NGZ – 63 Millionen Lichtjahre

Robert Gruener hatte die Programmierung des dritten Stammes seiner Androgyn-Roboter abgeschlossen. Sie waren bereit, auf den dritten von insgesamt neun Planeten einer solähnlichen Sonne abzuregnen, die ebenfalls noch keinen Namen bekommen hatte – jedenfalls keinen, den man ihm mitgeteilt hätte.

Es war wieder eine Sauerstoffwelt, allerdings weitaus vitaler als Coma-1. Tierisches Leben schickte sich gerade erst an, aus den Ozeanen heraus die sieben großen Landmassen zu erobern, die im Grün und Rot ihres pflanzlichen Bewuchses fast erstickten.

Es war eine Welt, so, wie man sich Terra in seinen wilden jungen Jahren vorzustellen hatte, als das Leben an Land kroch.

Der Kugelsternhaufen, zu dem das System gehörte, war ebenfalls noch unbenannt, nur eine Nummer in den Sternkatalogen. Seit dem Ende des Hyperraumfluges waren nur 17 Stunden vergangen – und in diesen 17 Stunden hatten die Aufklärer der BASIS insgesamt 77 Sonnensysteme angeflogen und erkundet, ähnlich wie unmittelbar nach dem ersten Halt, als sie Coma-1 fanden. Dieses hier, über dessen drittem Planeten die BASIS jetzt hing, war ausgewählt worden, um den künftigen Hanse-Stützpunkt zu tragen.

Coma-drei, dachte Gruener, und er fügte den Namen hinzu, den er bei sich für diesen Planeten gefunden hatte: Evolution.

»Na?«, fragte eine Stimme. »Schon wieder beim Grübeln?«

Er erschrak heftig, atmete aber erleichtert auf, als er Nadjas Gesicht ganz nahe vor sich sah. Hatte sie sich von hinten angeschlichen, um ihn zu erschrecken? Aber Unsinn. Er war so in seine Gedanken vertieft gewesen, hier inmitten seiner Kinder, dass selbst ein Haluter unbemerkt hätte heranstampfen können.

»Wahrscheinlich«, sagte der Kybernetiker verlegen. Als er den Kopf drehte, sah er auch Mila, Nadjas Zwillingsschwester. Die beiden Vandemar-Schwestern waren seit kurzem Träger von Zellaktivatorchips, die ihnen die relative Unsterblichkeit verliehen und sie in eine Riege mit Perry Rhodan, Reginald Bull, Atlan, Ronald Tekener, Homer G. Adams und den anderen Symbolfiguren reihten, die von einem normalen Menschen so weit entfernt waren wie zu Rhodans Jugendzeit der Mond von der Erde.

Nadja und Mila hatten in der BASIS unmittelbar neben dem Kybernetiker Quartier bezogen. Sie waren die einzigen Menschen an Bord, denen gegenüber er sich frei von Hemmungen fühlte. Sie waren trotz ihres neuen Status vollkommen unkompliziert, und sie hatten ihn niemals spüren lassen, dass sie sich nun tatsächlich für etwas Besonderes hielten.

Robert Gruener wusste nicht, weshalb man sie in seiner unmittelbaren Nähe untergebracht hatte. Aber die Gesellschaft der beiden tat ihm gut. Sie interessierten sich nicht nur für seine Arbeit. Er hatte vielmehr das Gefühl, dass sie am Schicksal der Androgynen großen Anteil nahmen. Manchmal, wenn er angesichts des bevorstehenden Verlusts seiner Kinder fast verzweifelte und wieder diese tiefe Traurigkeit spürte, waren sie bei ihm und redeten so lange beruhigend auf ihn ein, dass er sich entkrampfte und mit neuer Zuversicht ans Werk ging.

»Wir haben doch gestern lange darüber gesprochen«, sagte Nadja sanft. Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich zu dem Kybernetiker, der auf einer Metallkiste hockte. Seine Schultern hingen herab, seine Hände steckten mit verschränkten Fingern zwischen den Knien. »Du musst dich von der Vorstellung lösen, deine Geschöpfe sinnlos zu verlieren. Oder gar zu opfern. Sie gehen dir und uns nicht verloren, Robert. Sie werden zu einem Teil des Universums, und zwar zu einem sehr wichtigen. Wenn wir eines Tages zurückkehren oder wenn andere Menschen die Brückenköpfe betreten, dann werden sie uns als Freunde empfangen und stolz sein auf das, was sie inzwischen errichtet haben.«

»Weil du es ihnen möglich gemacht hast«, stimmte Mila zu. »Sie sind intelligent und fühlen fast wie Menschen. Sie werden niemals vergessen, wer sie konstruiert und bis zu dem Tag liebevoll betreut hat, an dem sie ihre Freiheit geschenkt bekamen. Das haben sie dir doch selbst gesagt.«

Gruener hob den Kopf und blickte die beiden Schwestern an, die so lange gesuchten »Spiegelgeborenen«.

Nadja und Mila waren eineiige Zwillinge und sahen einander dadurch zum Verwechseln ähnlich: mit 1,79 Metern genauso groß wie er, blasse Haut, ebenfalls wie er, schulterlanges brünettes Haar, eng an den Kopf gekämmt und im Nacken zusammengebunden. Ihre Augen waren groß und besaßen bei beiden den gleichen Blick, immer wachsam und mit einer Spur von Misstrauen darin. Die leicht vorgewölbte Stirn verriet genau wie der bei bestimmtem Lichteinfall grünliche Schimmer der Haut das vincranische Erbgut.