Perry Rhodan-Paket 35: Die Ayindi -  - E-Book

Perry Rhodan-Paket 35: Die Ayindi E-Book

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Beschreibung

Rund 225 Millionen Lichtjahre von der Menschheitsgalaxis entfernt, erreichen Menschen von der Erde die Große Leere - ein riesiger Leerraum, in dem es keine Galaxien und nur wenige Himmelskörper gibt. Dort ist angeblich das Größte Kosmische Geheimnis zu finden. Bei ihrer ersten Expedition mit der BASIS haben Perry Rhodan und seine Gefährten viele Hinweise auf einen Konflikt gefunden, der zwei Millionen Jahre in der Vergangenheit begonnen hat. Gegen Ende des Jahres 1216 Neuer Galaktischer Zeitrechnung - das entspricht dem "alten" Jahr 4803 - erreichen die Terraner zum zweiten Mal die Große Leere und dringen in sie vor. Sie erreichen das sogenannte Arresum, die "Rückseite" unseres Universums. Hier führen die Ayindi seit Jahrmillionen einen hoffnungslosen Kampf gegen die Kristallmacht Abruse, die immer größere Bereiche des Arresums in leblose Wüsten verwandelt. Nur Perry Rhodan und andere Träger eines Zellaktivators haben überhaupt eine Chance, in der lebensfeindlichen Umgebung zu existieren. Sie sind die letzte Hoffnung für die mächtigen Ayindi ...

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EPUB

Seitenzahl: 6127

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Nr. 1700

Möbius

Der Plan ist zwei Millionen Jahre alt – die Spindelwesen und ihre große Aufgabe

von Robert Feldhoff

Dass an der Großen Leere, rund 225 Millionen Lichtjahre von der Menschheitsgalaxis entfernt, das angeblich Größte Kosmische Geheimnis zu finden ist, wissen Perry Rhodan und seine Freunde schon seit langem. Bei ihrer ersten Expedition mit der BASIS fanden die Terraner zwar viele Hinweise, konnten aber das große Rätsel nicht lösen.

Gegen Ende des Jahres 1216 Neuer Galaktischer Zeitrechnung – das entspricht dem »alten« Jahr 4803 – scheinen sich die Ereignisse jedoch zu überschlagen. Mit der BASIS sind Perry Rhodan und seine bewährten Gefährten zum zweiten Mal an der Großen Leere aktiv. Die Tabuwächter, mit denen es schon vor Jahren massive Probleme gab, scheinen mit den Terranern kurzen Prozess machen zu wollen und attackieren die Expedition.

Perry Rhodan wagt die Flucht nach vorne: hinein in die Große Leere, in direktem Flug zum Dunkelplaneten Charon. Im Leerraum trifft er Moira, die geheimnisvolle Söldnerin, die von sich behauptet, schon seit zwei Millionen Jahren zu leben. Sie spielt ihr eigenes Spiel – und gemeinsam mit den von den Terranern geschaffenen Spindelwesen folgt sie anscheinend einem zwei Millionen Jahre alten Plan.

Das Schlüsselwort zu diesem Plan und zum Größten Kosmischen Geheimnis ist uralt. Das Wort lautet schlicht und ergreifend MÖBIUS ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner im Spannungsfeld eines uralten Planes.

Moira – Die Söldnerin will vollenden, was vor zwei Millionen Jahren begann.

Voltago – Der Kyberklon zeigt sein wahres Gesicht.

Mila und Nadja Vandemar – Die Spiegelgeborenen entwickeln neue Gaben.

Alaska Saedelaere

1.

Dunkelheit

Ob der 31. Oktober 1216 NGZ eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit einleitete, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand. Die Galaktiker an der Großen Leere interessierten sich auch nicht dafür. Was den Beginn und das Ende einer Epoche markierte, hatten künftige Generationen zu entscheiden.

Vor langer Zeit waren sie aufgebrochen, um das angeblich Größte Kosmische Rätsel zu lösen. Ohne zu wissen, was darunter zu verstehen war, und ohne das Bewusstsein, sich in tödliche Gefahr zu begeben. Niemand hatte das Gefühl, der Lösung nahe zu sein. Sie waren Blinde, die einen sumpfigen Ozean befuhren und das Perlenfeld am Grund nicht sehen konnten.

2.

Sehen lernen

An Bord der STYX waren sie Gäste. Als solche hatten sie sich zu verhalten, wenngleich sich jede der anwesenden Personen über die ungeschriebenen Gesetze der Gastfreundschaft hinweggesetzt hätte, wäre das irgendwie möglich gewesen.

Moiras Schiff stellte in diesem Teil des Universums das größte vorhandene Machtmittel dar. Sie ließ kaum eine Gelegenheit aus, die Verfügungsgewalt über ihre Gäste auf subtile Weise darzustellen. Niemand an Bord vergaß nur eine Sekunde ihre Anwesenheit – und die Tatsache, dass sie über Tod und Leben entschied.

Allerdings konnte Moira sich auch sehr umgänglich zeigen. Besonders dann, wenn es ihren eigenen Zielen nützte.

Am 16. September 1216 NGZ fasste Alaska Saedelaere einen einsamen Entschluss. Er unterrichtete weder Perry Rhodan noch Voltago oder die vierzehn Spindelwesen. Stattdessen verließ er seine Kabine, stellte sich offen in den geschwungenen Korridor davor und sagte: »Moira! Ich hoffe, dass du mich hören kannst. Ich bitte um eine Unterredung.«

Keine zwei Minuten waren verstrichen, als der Korridor sich vor seinen Augen veränderte. Wände rückten zusammen, der Boden gehorchte einer unsichtbaren Kraft und hob sich. Saedelaere folgte einer sanft ansteigenden Kurve, ohne Kreuzungen zu passieren, ohne einen Antigravlift zu benutzen. Er vermutete, dass seine Kabine im Heck des Schiffes lag. Der Ort des Zusammentreffens befand sich dagegen im Bug.

Moira erwartete den ehemaligen Maskenträger bereits mit allen Zeichen von Ungeduld.

Sie war ein humanoides, überaus muskulöses Wesen, über zwei Meter siebzig groß und mit dunkler, bronzefarbener Haut. Der Inbegriff von Macht und eleganter Kraft. Ein Wirbelsturm, der selbst einen Riesen von Halut zerlegen könnte. Ihre Kleidung erinnerte an einen Taucheranzug, hatte aber mit einem solchen nichts gemein, außer der mattschwarzen Farbe.

»Alaska Saedelaere! Was willst du? Du stiehlst meine Zeit.«

»Die STYX ist auf dem Weg nach Charon«, stellte er nüchtern fest. »Selbst mit einem Schiff wie dem deinen dürfte das den ganzen Tag dauern. Du bist also ohne Beschäftigung, Moira.«

»Unsinn! Du redest von Dingen, die du nicht verstehst. Mit Langeweile wird man nicht zwei Millionen Jahre alt.«

Saedelaere versuchte, aus ihrer Mimik schlau zu werden, musste jedoch erkennen, dass er außer einer perfekten Maske nichts zu sehen bekam. Der Kopf war kantig, die Nase breit, und ihre Augen lagen in tiefen, knochigen Höhlen. In die gelbe Iris waren violette Pupillen eingebettet. Durch einen fünf Zentimeter breiten Spalt in ihrem Helm wuchs eine widerspenstige, manchmal zuckende Haarpracht, zu knotigen Strängen geflochten. Hängen blieb sein Blick allerdings am karpfenartigen, nach unten gewölbten Mund, der ihr einen beklemmenden Gesichtsausdruck verlieh.

»Ich will mit dir über Mila und Nadja Vandemar sprechen. Ich habe mit den beiden Pläne, für die ich deine Hilfe benötige.«

Moira horchte sichtbar auf.

Was immer sich in ihrem Geist abgespielt, welche Gedanken sie auch verfolgt hatte, in diesem Moment erwachte ihr Interesse. Spiegelsehen war etwas, das sie als faszinierend empfand. Ihr Interesse an der Mutantenfähigkeit der Zwillinge war Saedelaere bekannt. Und wenn er etwas zur Verfügung hatte, womit er die Söldnerin manipulieren konnte, so nutzte er diesen Umstand ohne Scheu.

»Nenne die Hilfe, die du brauchst.«

»Bist du in der Lage, auf psionisch veranlagte Gehirne in irgendeiner Weise einzuwirken? Damit meine ich keinen operativen Eingriff. Ich denke vielmehr an eine Art von Strahlung.«

»Das wäre machbar, wenn du mir sagst, was du anstellen willst.«

Alaska Saedelaere erklärte es ihr.

*

Kurz darauf bat er Mila und Nadja Vandemar in seine Kabine.

»Setzt euch! Mila, Nadja – wir haben zu reden.«

Im Gegensatz zu früher hatten sie sich zu eindeutig gereiften Charakteren entwickelt. Die lange Reise an Bord der STYX, allein mit Moira und Alaska Saedelaere, hatte viel dazu beigetragen. Zu wirklich großen Persönlichkeiten, im Stil eines Perry Rhodan etwa, fehlte allerdings ein ganzes Stück.

Die beiden jungen Frauen fühlten sich alles andere als wohl. Als wüssten sie bereits, was ihnen bevorsteht. Saedelaere war ein fähiger Analytiker. Er konnte sehen, was in ihnen vorging.

»Was ist los, Alaska?«, fragte Nadja, die etwas redefreudigere der zwei ausgesprochen schweigsamen Persönlichkeiten.

»Wir müssen entscheiden. Über euch beide.«

Mila bewegte sich unruhig.

Abkapselung, Abwehr, verstellte Flucht.

Saedelaere war ein sehr zurückhaltender Mann, der das Schweigen einer Predigt immer vorzog. Aber manchmal, so hatte er gelernt, gab es keinen anderen Weg, den man gehen konnte. Seine bestimmte Geste bannte sie an den Platz.

»Mila und Nadja, ihr verfügt über eine Mutantenfähigkeit, die immer noch rätselhaft ist. Ich vermisse euren unbedingten Willen, an der Gabe zu arbeiten. Von euch beiden kommt nichts, immer nur Angst. Diese Art Stillhaltepolitik ist jedoch nicht angebracht.«

Er, der ein halbes Leben lang eine Plastikmaske getragen hatte, um nicht mit dem Anblick seines entblößten Gesichtes andere Menschen in den Wahnsinn zu treiben, betrachtete sie mit verstecktem Mitleid.

»Insgeheim denkt ihr immer noch, ihr seid einsam, isoliert, auf euch gestellt. Es geht vielen Menschen so. Die meisten werden die Geister der Vergangenheit niemals los, im ganzen Leben nicht. Aber ihr zwei seid dazu gezwungen. Euer ganzes Leben – das wird sehr lange dauern. Man kann sich wehren. Gegen das ganze Universum, und auch gegen die Schranken, die der eigene Geist einem auferlegt.«

Nadja Vandemar hob den Kopf und sah ihm gerade in die Augen. Er konnte Trotz erkennen, Ärger über einen ungerechten Vorwurf.

Früher wäre sie zu einem solchen Blick nicht fähig gewesen.

»Wir wollen nicht auf diese Weise kämpfen, die du dir vorstellst, Alaska. Wir brauchen einfach Zeit. Sind wir nicht potenziell unsterblich? Lass es doch hundert Jahre dauern. Dann sind wir sicher da, wohin wir wollen.«

»Lernen ist immer eine bittere Angelegenheit«, entgegnete er nach einer Weile. »Für euch zwei gibt es aber keinen leichten Weg. Ich habe das sichere Gefühl, dass es in hundert Jahren längst zu spät ist. Euch wird nichts geschenkt. Jeder Sieg ist mit Schmerzen verbunden, und ihr könnt sehr viel mehr davon ertragen, als ihr glaubt.«

Vergangenheit.

Denke mehr als ein Jahr zurück, Alaska. Zur STYX, soeben auf Canaxu gelandet ...

Während sich Moira auf der Suche nach Spindelwesen befand, um die vierzehn wieder zusammenzuführen, erkundeten Saedelaere sowie Mila und Nadja Vandemar die Umgebung. Der ehemalige Maskenträger wandte sich nach Norden. Die Zwillinge schlugen westliche Richtung ein.

Kurz darauf machte er in eben dem Gebiet, wo er die Zwillinge vermutete, Energieentladungen aus. Saedelaere verfügte über einen SERUN. Es dauerte nicht lange, an Ort und Stelle zu gelangen. Im Mittelpunkt eines weiten Talkessels fand er völlig verängstigt etwa zwanzig Trepecco-Nomaden vor; die intelligenten, wenig zivilisierten Einwohner von Canaxu.

Die Nomaden steckten in einer tödlichen Falle. Sämtliche Ausgänge des Talkessels waren von einer gewaltigen Raubtierart besetzt, die offenbar in Herden jagte.

An anderer Stelle wurden zwölf Nomaden bereits angegriffen; es waren nicht mehr als drei Tiere, und doch lag die Hälfte der Nomaden tödlich verletzt am Boden.

Energieblitze. Von rechts: Saedelaere fuhr herum.

Und in diesem Augenblick sah er Mila und Nadja.

Die beiden Frauen waren nicht wiederzuerkennen. Sie hatten sich getrennt – sie, die sonst ohne nahen Körperkontakt fast nicht zu gebrauchen waren! Unabhängig voneinander machten sie mit ihren Strahlern auf die Raubtiere Jagd.

Der ehemalige Maskenträger war nicht sicher, ob er das Massaker an den Raubtieren gutheißen sollte; die Trepecco-Nomaden waren vermutlich durch eigene Schuld in Gefahr geraten. Dass die Zwillinge aber von sich aus die Initiative ergriffen, um Leben zu retten, stellte einen gewaltigen Schritt nach vorne dar.

Ihre Persönlichkeit entwickelte sich allmählich. An diesem Tag überlebten 22 Trepeccos, die andernfalls gestorben wären.

Denke daran, Alaska Saedelaere!

Er fand mühsam in die Gegenwart zurück.

Mila Vandemar, die Mutantin, lachte bitter, als könnte sie die Gedanken des ehemaligen Maskenträgers lesen.

»Es hat keinen Sinn, Alaska. Versuch nicht, unsere Entwicklung zu erzwingen. Wir sind noch gefesselt. Sieh das ein.«

»Falsch!« Der Tonfall des ehemaligen Maskenträgers ließ die beiden zusammenzucken.

»Nur die eigene Mutlosigkeit fesselt euch. ES hat mit der Unsterblichkeit ein ungeheures Geschenk verteilt. Unter all den Billiarden Wesen in der Milchstraße hat es euch zwei getroffen. Wir haben keine andere Wahl, als mit eurer Mutantengabe zu arbeiten. – Und übrigens ...«, fügte er wie beiläufig hinzu, »Moira wird uns dabei helfen.«

»Moira?«, fragte Nadja gedehnt.

Mila fügte vehement hinzu: »Wir vertrauen ihr nicht. Vergiss es, Alaska!«

»Zu spät. Wir werden das Angebot nutzen. Es geht in einer halben Stunde los. Ihr beide werdet voneinander getrennt. Ich halte es für besser, wenn ihr euch für eine Weile weder sehen noch besprechen könnt.«

»Was habt ihr überhaupt vor?«, wollte Nadja wissen, so hilflos wie zuvor.

»Wir fügen euch Schmerzen zu«, erwiderte Saedelaere scheinbar ungerührt. »Schätzungsweise 20 Stunden, bis Charon. Dann sehen wir weiter. Moira wird die STYX während dieser Zeit mit einer psionischen Reizstrahlung fluten. Die Strahlung wirkt direkt auf mutierte Gehirne. Sie hilft euch vielleicht, die Psi-Fähigkeit besser zu entwickeln.«

*

Mila Vandemar galt als Mutantin mit ungeheurem Potenzial, weil sie die Dinge von vorne und von hinten zugleich sehen konnte. Außerdem von innen nach außen – und eine fünfdimensionale, nicht definierte Komponente war auch noch dabei.

Es hieß, Mila Vandemar sehe die Dinge an sich. Normale Menschen wussten nicht, wie das war. Mila begriff selbst nicht, was sich in ihrem Geist tat. Und sie war außerstande, die Fähigkeit zu beherrschen. Sie konnte es nicht ertragen, wurde fast wahnsinnig dabei.

Als stabilisierender Faktor wirkte ihre Schwester. Nur wenn Nadja in der Nähe war, höchstens 900 Meter entfernt, war Mila bei klarem Verstand. Dann war das Spiegelsehen ausgeschaltet. Ihr ganzes Leben hatten die Spiegelschwestern also mit weniger als 900 Metern Abstand zueinander verbracht.

Bis Voltago gekommen war, der Kyberklon: Seitdem wusste Mila, was sie leisten konnte. Denn Voltago hatte ihr dazu verholfen, erstmals ihre Fähigkeit anzuwenden. Spiegelsehen, bis zu fünf Minuten bei klarem Geist ... kilometerweit entfernt von Nadja! Mila war auf die Vermittlung eines Interpreters angewiesen. Auf ein überlegenes Denkvermögen, das ihr half, die verwirrenden Sinneseindrücke zuzuordnen.

Nadja Vandemar blieb als der überflüssige Part zurück.

Zu nichts anderem gut, als zu bremsen, als die Fähigkeit der eigenen Schwester zu blockieren.

Nadja stand vor einer psychologisch schrecklichen Situation. Sie wollte sich nicht damit abfinden, dass man sie nur als Hemmschuh brauchte. Und doch hatte sie keine Wahl, weil sie eine eigene Psi-Fähigkeit nun einmal nicht besaß.

Das war der Stand der Dinge.

Mit einem entscheidenden Fehler!

Alaska Saedelaere breitete vor den beiden Schwestern einen Wust bedruckter Plastikfolien aus.

»Moira war so freundlich, ein Messprotokoll der Psi-Tätigkeit in euer beider Gehirne anzufertigen«, sagte er. »Daraus geht eindeutig hervor, dass deine Psi-Werte, Nadja, hin und wieder ähnliche Spitzen erreichen wie die von Mila. Du bist ebenfalls eine Mutantin. Du kannst etwas.«

Nadja schaute kurz voller Hoffnung auf, weil genau das die Lösung aller Probleme gewesen wäre. Dann aber ließ sie den Kopf wieder hängen.

»Schön und gut«, sagte sie. »Die Wissenschaftler auf Mimas haben das auch bemerkt. Mein Psi-Potenzial nützt mir allerdings gar nichts, solange ich es nur destruktiv gebrauchen kann. Nur, um Milas Fähigkeit zu blockieren.«

»Moira sagt uns eindeutig: Deine Fähigkeit reicht sehr viel weiter. Zur reinen Blockade wäre eine so differenzierte Struktur, wie sie das Messprotokoll ausweist, niemals nötig.«

»Wir werden sehen, was passiert«, sagte Nadja zweifelnd.

»Sei auf alle Überraschungen gefasst!«

Nadja begab sich in den Bug des Schiffes, wo Moira ihr eine neue Kabine geschaffen hatte.

Mila dagegen machte es sich in der alten Unterkunft bequem. Der ehemalige Maskenträger gab sich große Mühe, ihr die Furcht zu nehmen. Für eine halbe Stunde verließ Saedelaere den Raum, um der Mutantin Zeit zur inneren Vorbereitung zu geben, und kehrte dann so leise wie möglich zurück.

Inzwischen hatte Moira die Reizstrahlung aktiviert.

»Wie geht es dir, Mila?«

Die Gäanerin war blasser als sonst, und der bläuliche Schimmer ihrer Haut trat scharf hervor. Mit beiden Händen krallte sie sich an der Polsterung eines couchartigen Möbels fest. »Schlecht«, versetzte sie feindselig. »Aber das wolltest du doch, Alaska!«

»Ja«, gab er zurück, ohne sich provozieren zu lassen. Sie hatte ja völlig Recht. »Ich wüsste es allerdings gern genauer.«

Mila Vandemar legte die Finger an die Schläfen. Ein feines Netz von Schweißperlen bedeckte ihre Stirn. »In meinem Kopf ist eine Art Pulsieren ... Nicht wie sonst, sehr viel stärker. Wie weit befindet sich Nadja entfernt?«

»Etwa 200 Meter, schätze ich.«

»Bist du sicher, dass es nicht mehr als 900 sind?«

Alaska Saedelaere horchte auf.

»Vollkommen. Vergiss nicht, die STYX ist nur 800 Meter insgesamt lang. Es wäre überhaupt nicht möglich, die kritische Distanz zu überschreiten.«

»Trotzdem ... Es fühlt sich genauso an, als wäre Nadja gerade an der Grenze. Meine Wahrnehmungen überlagern sich. Ich sehe deinen Körper, Alaska. Aber mehr als jeder andere. Ich habe nie einen Menschen wie dich betrachtet. Du bist unendlich groß, weißt du das? – Verdammt! Ich kann dein Gesicht nicht erkennen. Da ist eine furchtbare Leere, ein dunkler Brunnen ... Wenn ich eine Minute länger in deine Augen sehe, werde ich wahnsinnig!«

Er lächelte, um ihr Mut zu machen.

»Meinetwegen kannst du die ganze Zeit gegen die Wand schauen.«

»Die Wand?«, murmelte sie. »Da ist keine Wand. Da ist ein mehrdimensionales Gebilde ... Es windet sich, nein, es erstarrt in diesem Augenblick zu Kristall. So ist Spiegelsehen, Alaska.«

»Optimal für unsere Zwecke. Du rufst mich, sobald sich etwas in deinem Befinden ändert.«

Alaska klopfte auf den Funkempfänger seines SERUNS, warf ihr einen prüfenden Blick zu und verschwand.

Was er soeben von Mila gehört hatte, war nicht mehr und nicht weniger als eine Sensation. Die Spiegelschwestern hatten erstmals die 900-Meter-Grenze für Psi-Aktivität unterschritten! Und das nach so kurzer Zeit, nach wenigen Minuten erst. Es schien, als bewirke Moiras Reizstrahlung einen mentalen Erdrutsch.

Aber das konnte nur der erste Schritt sein. Mila musste sich an die ständige Qual gewöhnen. Sie musste lernen, den Dämon im eigenen Schädel zu beherrschen, 24 Stunden am Tag.

Ihn verstehen, akzeptieren, ihn benutzen. Am Rand des Abgrunds. Genau das ist es für die zwei: eine Schlucht, in die sie jederzeit stürzen können. Dann wäre ihr gesunder Geist vernichtet.

Versuche nicht, den Schmerz zu ignorieren. Keine Flucht mehr, Mila Vandemar. Verdränge deine Gabe nicht, nimm sie an! Du bist etwas Besonderes unter den Menschen. Die Tage der Unschuld sind vorbei. Man wird dich zwingen, Verantwortung zu tragen.

Saedelaere verließ den Platz im Waffenschacht. Durch die ständig sich verändernden Korridore der STYX erreichte er die Kabine, in der Nadja Vandemar untergebracht war.

Er traf sie in hellster Aufregung an. Gutes Zeichen. Nadja kam von der Couch hoch, auf der sie mit aufgerissenen Augen gelegen hatte, und sprudelte ihre Worte hastig hervor.

»Alaska! Ich spüre etwas! So wie ... Blitze in meinem Kopf! Nicht nur, dass ich Milas Schmerzen fühlen kann. Jetzt fühle ich auch eigene ...«

Sie schüttelte den Kopf; verwirrt darüber, dass man Schmerz als positives Zeichen begreifen konnte. Aber genau das war es für sie, weil sie zu glauben begann, sie habe wirklich eine eigene Fähigkeit, die über Milas Blockade hinausging.

Alaska Saedelaere lächelte freundlich. »Konzentriere dich, Nadja. Leg dich wieder hin. Entspanne dich, wenn es hilft. Noch 19 Stunden bis Charon.«

Als Saedelaere die Kabine verließ, wartete auf dem Korridor bereits Perry Rhodan. Die beiden Männer standen sich einen Moment lang schweigend gegenüber.

»Was geht hier vor, Alaska?«, fragte der Terraner. Sein Blick war voller Misstrauen; vielleicht, weil er eine von Moiras Intrigen witterte. Die Worte, die er hinzufügte, klangen stark nach Sarkasmus: »Meine Leute sind von größter Bedeutung für mich. Du wirst gestatten, dass ich mir Sorgen mache.«

»Natürlich«, sagte der ehemalige Maskenträger. »Mila und Nadja arbeiten mit mir. Je weniger du oder jemand anderer Bescheid weiß, desto geringer ist die Erwartungshaltung. Dann stehen die zwei nicht länger unter Druck. Diese Ruhe brauchen sie.«

Rhodan akzeptierte Saedelaeres Auskunft, obwohl sie ihm nicht passte. Die beiden Aktivatorträger trennten sich mit einer gewissen Verstimmung. Jeder suchte seine Kabine auf.

Für den Rest der Reise kümmerte sich der ehemalige Maskenträger nicht mehr um seine Schützlinge. Acht Stunden lang legte er sich schlafen, da es die vielleicht letzte Gelegenheit für lange Zeit war. Wissen konnte er das nicht, aber Menschen wie Alaska Saedelaere spürten es. Genauso Rhodan, der sich zum Ende der Reise frisch und ausgeruht wie lange nicht präsentierte.

Mila und Nadja brachen nach 18 weiteren Stunden den Versuch todmüde ab. In Saedelaeres Kabine trafen die drei zusammen.

»Was ist mit dir, Mila?«, fragte er.

»Mir geht es gut.«

»Weiter!«

Die Gäanerin hockte verstockt neben ihrer Schwester, aber Saedelaere fühlte, dass sie nicht auf ihn böse war, sondern dass etwas anderes dahinter steckte.

»Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll ...«, druckste sie herum. »Nadja ist so nahe bei mir. Und trotzdem habe ich das Gefühl, als würde ich jedes Detail seltsam überlagert sehen. Immer noch, obwohl Nadjas Nähe mich eigentlich blockieren sollte. Aber ... verdammt, es funktioniert nicht mehr!«

»Quält es dich?«

»Ja.« Sie war bleich. »Sogar sehr.«

»Ausgezeichnet«, freute sich Saedelaere. »Der Schritt geht in die richtige Richtung. – Und wie sieht es bei dir aus, Nadja?«

»Blitze im Kopf. Die ganze Zeit.«

»Immer noch?«, wollte er voller Interesse wissen.

»Ja. Nicht so stark wie eben, aber die ganze Zeit.«

Alaska Saedelaere lehnte sich mit einer unbeholfenen Bewegung im Sessel zurück, faltete die Hände hinter dem Kopf und schaute die Zwillinge mit einem gewissen Triumphgefühl an.

»Ich habe Geschichten von Leuten gehört, die ihr Leben lang blind waren. Heutzutage kann ihnen die Medizin helfen. Und wenn das geschehen ist, wenn die Sehkraft allmählich hergestellt wurde, dann haben diese Leute von Blitzen berichtet.«

»Du glaubst, ich lerne sehen, Alaska?«

»O nein.« Der ehemalige Maskenträger schüttelte den Kopf. »Du lernst etwas anderes. Etwas, das über Sehkraft weit hinausgeht.«

3.

Eistaucher

Der Kyberklon war ein seltsames, geheimnisvolles Wesen, mit rätselhafter Entstehungsgeschichte.

Vor etwa hundert Jahren hatte der Kosmokrat Taurec die Große Leere aufgesucht. Damals hatte er von der Monochrom-Welt Achtzehn eine Spindel geborgen, von Charon ein zugehöriges Segment, und beides in einem kontrollierten Prozess zu einem einzigen Gebilde zusammengefügt. Die entstehende Biomasse wurde mitten in der Gestaltung angehalten. Arbeit für die Genetik-Schmiede von Qylinam; Taurec ließ nach eigener Vorstellung einen Diener formen. Das Ergebnis war ein schwarzer Schatten, ein perfektes Werkzeug für den Kosmokraten.

Damals entstand Voltago.

Ein Wesen, das in den Mittelpunkt einer Sonne tauchen konnte, ohne zu vergehen. Das humanoid war, aber keine Füße zum Laufen besaß. Stattdessen schwebte Voltago mit der Technik seiner Wadenblöcke, Schritte nur andeutend, stets eine Handbreit über dem Boden. Ein Geschöpf, so kalt wie der absolute Nullpunkt, das doch vor Hitze schmelzen konnte.

Lautlos bewegte sich der Klon durch den Korridor.

Voltago wusste nun, dass er im Grunde ein Spindelwesen war. Aber eben ein manipuliertes; anders als die 14 anderen, die jenseits der Tür auf ihn warteten.

Der Kyberklon fürchtete sich.

Zum ersten Mal im Leben gab es andere, die zu ihm gehörten, die ihm ähnelten. Er wollte dieses Glücksgefühl um keinen Preis missen.

Und doch war er nicht sicher, dass sie ihn gleichberechtigt nennen würden.

Von ihrer ersten Expedition an die Große Leere hatten die Terraner zwanzig Spindel-Segment-Sätze zurückgebracht. Einige wurden vernichtet oder falsch behandelt, gingen somit verloren; aus den übrigen entstanden jene Spindelwesen, denen er gleich gegenübertreten sollte.

Genetisches Wunder. Leben wächst aus toter Materie. Damals hatte Voltago mit Mila und Nadja Vandemar die Spindeln eigenhändig geborgen – ohne zu wissen, um was es sich handelte.

Er war dennoch der Einzige, der sagen konnte, welches Spindelwesen von welchem Sampler-Planeten stammte. Denn an den Ort ihrer Herkunft wollten sie alle zurück, aus irgendeinem dunklen Antrieb.

Die Spindelwesen waren echte, unverfälschte Produkte aus Spindel und Segment. Bei ihnen war der Vorgang der »Geburt« planmäßig abgelaufen, ohne den Eingriff eines Kosmokraten. Deshalb waren sie keine nachtschwarzen Mischwesen. Nicht so wie Voltago, aus organischer Materie und Kosmokratentechnik gemacht; sie bestanden aus Fleisch und Blut.

Während ihrer Entstehung hatten sie aus der gesamten Umgebung genetische Muster herangezogen. Ihre Erwecker waren Menschen, deshalb nahmen sie deren Gestalt an. Allerdings ohne die Nachteile menschlicher Körper, ohne deren Verletzlichkeit und Schwäche.

Sie zwangen die Terraner dazu, nochmals eine Expedition an die Große Leere zu unternehmen, weil sie nämlich fühlten, dass dort der Grund ihrer Existenz lag. Und nun waren sie da. Die Geheimnisse lagen vor ihrer Nase. Sie hatten nicht mehr zu tun, als sie zu lösen.

Voltago blieb lange vor der Tür stehen.

Bis sie ihn bemerkten und hereinriefen. »Voltago!«, tönte es durch einen offenen Spalt. »Tritt ein! Wir müssen reden.«

*

Nummer Fünf war ein kränklich aussehender Mann mit schwabbeliger Figur, breit gebaut, aber mit so schleppenden Bewegungen, dass ein menschliches Wesen Angst um ihn bekommen hätte. Die lethargische Art war jedoch nichts anderes als eine Maske.

Nummer Fünf war kein Mensch. Er konnte mit bloßen Händen Wände aus Stahl durchbrechen. Bei großer Hitze starb er nicht. Und sein starrer Blick haftete wie der eines Roboters am Kyberklon.

Voltago folgte seinem Wink nach drinnen.

Normalerweise lief die Kommunikation von Spindelwesen über die Augen ab. Zur eigenen Überraschung war dazu auch Voltago fähig, ohne dass er je geahnt hatte, diese Fähigkeit zu besitzen. Augapfel und Pupillen wurden dabei wie Bildschirme benutzt. Die Rate der Datenübertragung war so hoch, dass sie nur von Syntroniken übertroffen wurde.

Sie hockten auf dem nackten Boden. Vierzehn Geschöpfe, die selbst der Kyberklon nicht durchschaute.

›Wir gehören zusammen‹, signalisierte er, indem er Zeichen über seine Pupillen schickte. ›Ich weiß, dass ich euch zur wahren Bestimmung verhelfen kann. Nur euer Vertrauen brauche ich.‹

Keines der Spindelwesen reagierte auf seinen Kontaktversuch. Er suchte jedes einzelne Augenpaar ab, ob dort eine Antwort zu lesen stand. Doch es waren leere Blicke im wahrsten Sinn des Wortes, die ihm begegneten.

›Was ist geschehen?‹, fragte er lautlos. ›Warum sprecht ihr nicht zu mir?‹

Sie tun, als existiere ich nicht. Als ob ich auf der anderen Seite stünde.

»Tritt näher, Voltago. Wir haben nachgedacht.«

Es war wie ein Schock, als Nummer Fünf laut mit ihm sprach. Eine schreckliche Beleidigung.

»Wir haben dich erwartet. Bisher waren wir vierzehn, und das ist nicht viel. Wir hätten 21 sein sollen ... Rechnen wir dich hinzu, sind es fünfzehn Geschöpfe unserer Art. Selbst fünfzehn sind jedoch nicht genug. Du nützt uns also wenig, Kyberklon.«

»Woher wisst ihr, dass fünfzehn nicht genug sind?«

»Wir spüren es. Wir haben keinen Koordinator. Es könnte sein, dass alle Anstrengungen vergebens sind.«

Voltago begriff, was das heißen sollte: Ohne das lebenswichtige Wesen, das die Stelle des Koordinators ausfüllte, hatten sie keine Chance, ihrer Bestimmung gerecht zu werden. Auch mit Voltagos Hilfe nicht. Dabei wussten sie nicht einmal, worin diese Bestimmung eigentlich bestand. Also war auch nicht klar, welche Funktion genau ein solcher Koordinator erfüllte.

Er versuchte voller Verzweiflung, über seine Augen Kontakt herzustellen. Keine Antwort, von niemandem. Doch ein Instinkt hinderte ihn daran, seinen wahren Zustand vorzuzeigen. Starker Kyberklon. Bis zum letzten Augenblick.

»Habt ihr schon vergessen«, fragte er lediglich mit einer gewissen Bitterkeit, »wer eure Existenz ermöglicht hat?«

»Das warst du«, gab Sechs zu.

Sie war eine Frau mit dunklen Haaren, vorstehenden Wangenknochen und absolut leerem Blick. Nummer Sechs, so wusste er, fungierte in der Gruppe als Befehlshaberin. So, wie jeder der vierzehn ein spezielles Talent aufwies: Nummer Zwei, der Astronom, Nummer Sieben, der Improvisator, Nummer Fünf als genialer Stratege ...

Und Voltago? Er war derjenige, der die Spindeln damals geborgen hatte, und darin lag sein Vorteil. Sein einziger.

Sie wollten immer noch etwas von ihm.

»Es ist uns bestimmt, Gefährten zu sein«, stellte er fest. »Ihr könnt dem nicht ausweichen.«

»Das wissen wir«, sagte Nummer Sechs. »Aber niemand zwingt uns, dich in den Kreis aufzunehmen. Du bist keiner von uns, Kyberklon. Du gehörst zu niemandem. Wenn du Geborgenheit suchst oder einen Sinn in deiner Existenz, dann bist du verloren.«

›Sprecht zu mir!‹

Schweigen.

Voltago wandte sich an Nummer Fünf, dem lethargischen Strategen.

»Erinnerst du dich an unser erstes Treffen, Fünf?«, fragte er laut. »Ihr brauchtet mich, hast du gesagt. Dass ich nicht der Koordinator bin, aber einer von euch. Erinnerst du dich?«

»Selbstverständlich«, entgegnete Fünf. »Das war sehr voreilig.«

Voltago fühlte sich hilflos, doch fehlten ihm die mimischen Mittel, seine Schwäche auszudrücken.

»Es sei von größter Bedeutung, wer von euch zu welchem Sampler-Planeten gehört. Auch das sagtest du.«

»Das ist richtig. Wir müssen dorthin zurück.«

›Ihr wisst‹, brach es dann doch voll stummer Wut aus dem Kyberklon heraus, ›dass nur ich euch zuordnen kann! Also vergesst es nicht! Denk daran, Nummer Fünf! Deine Heimat ist Downunder. Und ich bin der, der dich in der heißen Quelle führen wird.‹

Voltago fuhr herum, ohne sich darum zu kümmern, ob jemand seine Botschaft in den Augen gelesen hatte. Mit schwebenden Schritten, die kurz über dem Boden endeten, glitt er aus dem Raum hinaus in den Korridor. Niemand folgte ihm, weil die Spindelwesen nichts mehr zu sagen hatten. Der Kyberklon blieb stehen und erstarrte achtzehn Stunden lang, bis zum Ende der Reise.

In der Starre fühlte er keine Qual. Es war der einzige Weg, sein Denken abzuschalten.

*

Sie erreichten Charon, den Dunkelplaneten, in den frühen Morgenstunden des 17. September. Terranische Zeit hatte an Bord der STYX allerdings nur sehr beschränkten Wert, da Moira nach eigenem Gutdünken verfuhr. Tag und Nacht besaßen wohl keine Bedeutung für die Söldnerin. Wahrscheinlich machte es ihr sogar Spaß, den Rhythmus ihrer Gäste durcheinander zu wirbeln.

Moiras Schiff hatte die Strecke von 5,5 Millionen Lichtjahren innerhalb eines einzigen Tages zurückgelegt. Man durfte vermuten, dass die STYX für noch höhere Geschwindigkeiten gebaut war. Moira legte ihre Karten nicht gern vollständig auf den Tisch, und Rhodan vergaß das keine Sekunde lang.

Sein eigenes Schiff, die ODIN, befand sich ebenfalls auf dem Weg hierher. Dessen Ankunft wurde nicht vor Mitte Oktober erwartet.

Sie hatten sich ohnehin auf dem Weg vom Pulsar Borgia nach Charon befunden. Ironischerweise, um Moira dort zu suchen. Doch vorher hatte die Söldnerin sie gefunden. Atlan, Bull, Gucky und sein Sohn Mike blieben an Bord der ODIN zurück, während Moira ihn und seinen »Diener« Voltago an Bord der STYX nahm. Natürlich, ohne die »Gäste« groß nach ihrer Meinung zu fragen; sie war daran gewöhnt, dass sie tun konnte, was ihr in den Sinn kam.

Alle kamen in der Zentrale zusammen. Zunächst Rhodan als Leiter der terranischen Gruppe; diese bestand aus ihm selbst, aus Saedelaere und den Vandemar-Zwillingen. Er bedachte die drei mit einem wenig freundlichen Blick.

Dann tauchten Voltago und die vierzehn Spindelwesen auf. Keiner sagte ein einziges Wort, und Rhodan hatte ihre ausdruckslosen Gesichter inzwischen gründlich satt.

Interessant war lediglich, dass sie leichte Schutzanzüge mit Sauerstoffversorgung und Funkgeräten trugen. Moira musste sie ausgegeben haben.

Ein Panoramaholo legte sich mantelartig um die Wände der Zentrale. Auf der einen Seite stand das All der Großen Leere, ohne einen einzigen Stern, ohne Welten oder Leben; und auf der anderen als riesenhafter, künstlich aus dem Dunkel geholter Schemen der Planet.

Charon besaß keine Sonne.

Ein von pulsierendem Leben erfüllter Planet war offensichtlich vor langer Zeit im Bruchteil einer Sekunde schockgefroren. Auf Charon sah jede einzelne Meereswelle noch so aus wie zu jenem Sekundenbruchteil vor Äonen. Jedes Lebewesen existierte weiter; nur eben als eisgewordenes Abbild seiner selbst. Die Atmosphäre war teils entwichen und hatte sich andernteils als Schnee auf der Oberfläche niedergeschlagen.

Diesen Augenblick wählte Moira für ihren großen Auftritt. Sinn für Dramatik hatte sie, das musste man ihr lassen.

Die Söldnerin tauchte inmitten ihrer Gäste auf. Sie benutzte eine Art Fiktivtransmitter.

»Rhodan ... Ah, Voltago! Und die Geschöpfe aus Segment und Spindel ... Wir sind am Ziel unserer Reise. Ich bin sicher, dass an Bord meines Schiffes sämtliche Personen versammelt sind, auf die es ankommt. Nach zwei Millionen Jahren muss es endlich vollzogen werden! Alle anderen ... sind Randfiguren. Ihre Köpfe besitzen keinen Wert für mich.«

Mit einer fließenden Bewegung, der das menschliche Auge kaum zu folgen vermochte, tanzte sie durch die Reihen der Spindelwesen, berührte jedes kurz.

Sie schaute Rhodan an.

Unter ihrem schwer deutbaren Blick fröstelte der Terraner.

»Eure erste Coma-Expedition hat am Rand der Großen Leere die 21 Sampler-Planeten entdeckt. Ich jedoch nenne sie Passagewelten. Von dort stammen die Spindelwesen letzten Endes. Aber auch zu Charon stehen sie in Beziehung.«

Das war das Stichwort. Moira wandte sich den vierzehn schweigsamen Gestalten zu. »Ich will, dass ihr auf den Planeten hinuntergeht. Ich will, dass ihr den Duft von absolutem Frost atmet. Da unten existiert etwas und ihr müsst es in euch aufnehmen.«

»Das werden wir tun«, sagte Nummer Fünf, der stets phlegmatische, aber strategisch hochbegabte Kopf der Gruppe. »Wir spüren es bereits.«

Mit den rätselhaften Möglichkeiten ihres Schiffes schickte Moira die Spindelwesen zur Oberfläche.

Bis zum Schluss nur noch Voltago und die Menschen übrig waren. »Rhodan, Saedelaere, Mila, Nadja ... Ihr bleibt natürlich hier. Was hättet ihr unten auch verloren ... Und was ist mit dir, Voltago?«

Der nachtschwarze Kyberklon, der so perfekt in die Landschaft des Planeten zu passen schien, dachte lange nach. »Ich muss ebenfalls hinunter«, antwortete er dann. »Sie schaffen es nicht ohne mich.«

»Ja. Und das wissen sie. Du darfst dich nicht entmutigen lassen.«

Moira fixierte den Kyberklon mit einem kurzen, beiläufigen Blick. Dort, wo das Produkt aus Biomasse und Kosmokratentechnik eben noch gestanden hatte, stürzte Luft in ein körpergroßes Vakuum.

»Er ist jetzt unten«, sagte Moira geheimnisvoll. »Bei den anderen.«

»Was tun sie da?«, wollte Rhodan wissen.

»Das wissen sie selbst nicht. Sie werden es jedoch beizeiten verstehen. Geben wir ihnen Zeit.«

*

Nummer Fünf fühlte sofort, dass Moira etwas Entsetzliches getan hatte. Nein! Nicht entsetzlich, sondern das Gegenteil. Entsetzlich, wundervoll, im ersten Eindruck kaum zu unterscheiden.

Der Planet Charon besaß eine so unverwechselbare, charakteristische Ausstrahlung, wie sie nur ein Sampler-Planet sonst haben konnte. Und auch nur dann, wenn genau das richtige Spindelwesen am genau richtigen Ort war und damit begann, sich einzupegeln.

Nummer Fünf atmete die Luft seines Schutzanzugs.

Er begriff, dass Moira sie nicht ohne Hintergedanken heruntergeschickt hatte.

Aber mit welchem?

Er versuchte, die Schwingungen des Planeten in sich aufzunehmen. Doch es gab so viele davon, dass er in seiner Kapazität weit überfordert war. Nummer Fünf empfand Charon als ungeheures Informationspotenzial; als Ballungsraum von Kräften, wie sie auch in seinem Inneren existierten.

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen.

Die vollkommene Dunkelheit der Umgebung störte ihn kaum. Fünf brauchte keine Scheinwerfer, keine Restlichtverstärker. Denn alles, was ihm begegnete, fühlte er. Über einen gewundenen Pfad, den vor zwei Millionen Jahren schwere Tiere getreten hatten, wanderte er zum See hinab. Ringsum säumte unbewegtes Buschwerk, dessen Blätter zu Eis oder Kristall erstarrt waren, seinen Weg. In Erdhöhlen kauerten kleine, unsichtbare Pelztiere. Viele hundert, ohne einen Funken Leben. Er fühlte sie.

Das einzige Leben auf diesem Pfad war er selbst, Nummer Fünf.

Seltsam, das zu glauben.

Hatten wir nicht längst festgestellt, dass wir kein Leben sind? Dass wir ein Zwischenprodukt der Schöpfung darstellen? Nicht sehr weit auf unserem Weg, und doch am Ende angekommen ...

Und plötzlich glaube ich, dass ich denPuls doch fühlen kann. Tief in mir. Charon erweckt etwas zum Leben. Solange ich existiere, hat es für mich nur Ja oder Nein gegeben. Null oder Eins, Weiß oder Schwarz. Und nun beginne ich zu zweifeln. Moira! Ist es wirklich so wunderbar?

Nummer Fünf wanderte mit schleppenden Schritten am Ufer entlang. Er setzte einen Fuß auf die starre Oberfläche, die einmal schmutziges Uferwasser gewesen war, dann den zweiten, und bewegte sich mit steifen Schritten zur Mitte des Sees.

Hätte ihn jemand sehen können, er hätte geglaubt, eine Holzpuppe spaziere an unsichtbaren Fäden über eine viel zu holprige Oberfläche.

Und dieselbe Holzpuppe sank mit jedem Schritt tiefer ins Eis. Dass die gefrorene, auf den absoluten Nullpunkt abgekühlte Struktur des Sees nicht nachgeben konnte, dass dieser Vorgang allen Naturgesetzen Hohn sprach, interessierte das Spindelwesen nicht.

Fünf spürte nur, dass er vorankommen musste. Irgendwo da unten war ein Platz, der ihm gehörte.

Als er vollständig eingesunken war, ging er zu schwimmenden Bewegungen über. Das Wesen mit menschlicher Gestalt, aber einem vollständig unmenschlichen Geist, trieb schwerelos durch den ätherischen Raum, der einmal gefrorenes Wasser gewesen war.

Nummer Fünf wollte sich abstoßen, fand aber keinen Halt im Eis.

Er sank nieder bis zum Grund des Sees. Ein kochendheißer Strudel schoss aus dem Boden. Etwas umfing seine Knie, zog ihn einen bodenlosen Schlund hinab.

Das Spindelwesen wehrte sich nicht.

Mit Urgewalt wurde Fünf bald wieder ausgestoßen, in eine weite Kaverne, und plötzlich begriff er, dass es sich um Downunder handelte. Um den Planeten seiner Herkunft, den er unbedingt erreichten musste! Nummer Fünf wollte sich in der Kaverne von Downunder festhalten. Doch schon erfasste ihn der Strudel wieder.

Er begriff, dass etwas fehlte, dass er sich allein nicht auf das Schwingungsmuster einpegeln konnte. Jemand musste ihm dabei helfen.

Immerhin – er hatte den Hauch von Downunder gespürt.

Als Nummer Fünf das Ufer erreichte, saß dort ohne Schutzanzug und ohne jegliche Bewegung der Kyberklon. Nummer Fünf fühlte sich nackt. Voltago hätte das niemals sehen dürfen, das spürte er. Sein Verstand jedoch sagte ihm, dass es besser so war. Denn Voltago war der Helfer, den er brauchte.

*

Rhodan stand der gespenstischen Szenerie völlig hilflos gegenüber, ebenso Saedelaere und die Zwillinge. Dennoch betrachteten sie wie gebannt die seltsame Vorstellung der Spindelwesen. Sie alle hatten sich ins eigentlich gefrorene Wasser eines Sees begeben. Wie Schwimmende bewegten sie sich umher. Taucher durch einen unbegreiflichen Raum.

»Was tun sie da, Moira?«

»Charon schickt sie in eine zukünftige Realität, von der sie sonst nicht erfahren hätten. Ach was, erfahren hätten sie es; aber viel zu spät. Sie brauchen ihre Vorbereitung. Sonst versagen sie, wenn es so weit ist.«

Rhodan starrte wie gebannt auf die Holographie. Und er fragte sich, ob er viele hundert Millionen Lichtjahre nur deshalb geflogen war, um sich das hier tatenlos anzusehen. Sicher musste man wissen, wann es besser war, zu schweigen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Aber Rhodan war keineswegs davon überzeugt, dass es sich wirklich um einen solchen Augenblick handelte.

»Moira«, sagte er, »ich will da unten sein. Kannst du mich an diesen See schicken?«

»Das könnte ich schon, Perry Rhodan. Aber du würdest nichts ausrichten. Die Dinge gewinnen allmählich eine eigene Dynamik.«

»Schick mich hinunter!«

Die Söldnerin hatte oft bewiesen, dass sie für Rhodan eine gewisse Schwäche hegte; das war auch der Grund, weshalb sie seiner Bitte nachkam. Rhodan schloss den Helm seines SERUNS. Er konzentrierte sich, warf Moira einen auffordernden Blick zu – und als er nach einem kurzen Zwinkern die Augen wieder öffnete, stand er in der schockgefrorenen Dunkelheit des Planeten Charon.

Da es praktisch keine Temperaturunterschiede gab, nützte ihm die Infrarotoptik herzlich wenig. Hier, in der Dunkelheit der Großen Leere, wo der nächste bekannte Stern 11,4 Millionen Lichtjahre entfernt war, half nicht einmal der diffuse Schimmer weiter. Stattdessen schaltete er zusätzlich seinen Helmscheinwerfer ein.

Es war eine bizarre Landschaft, die er zu sehen bekam, voller Farbenkraft, stellenweise mit einem Schimmer von Raureif überzogen. Terraner hatten auf ihren Entdeckungsfahrten durch den Kosmos nie etwas entdeckt, was dem hier ähnelte.

Rhodan trat ans Ufer des Gewässers. Per Infrarotoptik stellte er endlich die ersten Wärmespuren fest; handtellergroße Wärmeflecken, die sich in regelmäßigen Abständen über die Oberfläche des Sees zogen.

Es waren Fußspuren. Rhodan folgte der Fährte, bis sie in der Seemitte einfach endete. Die Wärmesplitter wanderten hier abwärts. Wenn er sehr genau hinsah, konnte er eine sich windende, dahintreibende Gestalt sehen. Nummer Neun, dachte er. Das derbe, kantige Gesicht erkannte er nicht, wohl aber die charakteristisch knochige Gestalt.

In festem Eis kann man nicht schweben.

Was das Spindelwesen da unten tat, zwanzig Meter tiefer, blieb ihm rätselhaft. Dennoch war er froh, dass er die STYX verlassen hatte.

Rhodan suchte eine neue Spur, verfolgte sie, und fand so das nächste Spindelwesen, die Nummer Sechs. Er erinnerte sich, dass Julian Tifflor die knabenhaft schlanke Frau damals mit erschaffen hatte. Angestrengt schaute er nach unten. Was für Bewegungen es auch immer waren, die Nummer Sechs da vollführte, sie bezogen sich auf eine völlig andere Realität als diejenige, die er sah.

Rhodan richtete seinen Scheinwerfer mit höchster Intensität nach unten. Was allerdings ein Fehler war; denn das Eis reflektierte so viel Licht, bis er nichts mehr sehen konnte.

»Was machst du hier, Perry Rhodan?«

Er zuckte zusammen. Die Stimme kam aus seinem Funkempfänger. Dennoch drehte er sich langsam um. Hinter ihm stand eine schwarze Gestalt, die mit dem lichtlosen Hintergrund des Planeten verschmolz. Voltago.

Ist es nicht das Licht der Sterne, das den Zauber des Kosmos ausmacht? Hier aber ist es die Dunkelheit.

»Ich beobachte«, sagte Rhodan. »Ich will wissen, was hier vorgeht.«

Voltago empfing die Funkbotschaft mit seinen Wadenblöcken, denn einen Raumanzug hatte der Kyberklon nicht nötig. Auf dieselbe Art sendete er. Die Stimme, die Rhodan von ihm hörte, stammte ganz sicher nicht aus Voltagos Mund, sondern wurde irgendwie künstlich erzeugt.

»Du bist ein Ritter der Tiefe«, sprach Voltago. »Deshalb hast du ein Recht, diese Dinge zu beobachten. Sechs bewegt sich durch einen tiefen Schacht. Der, aus dem ich damals ihre Spindel geborgen habe. Sie stammt von Shaft, aber sie weiß es noch nicht. Sie wird es erst begreifen, wenn ich sie an den Ort bringe.«

Die Frau am Grund des Sees stellte in diesem Moment ihre Bewegungen ein. Mit geringem Tempo trieb sie an die Oberfläche zurück. Zunächst tauchte ihr Gesicht auf, dann der Körper, und endlich stand sie mit beiden Beinen sicher auf der gefrorenen Oberfläche.

Rhodan schenkte sie nicht die geringste Beachtung. Wohl aber Voltago; der Kyberklon fing das auf, was Rhodan für einen zutiefst finsteren Blick hielt.

»Sie ist nicht gut auf dich zu sprechen«, mutmaßte der Terraner.

»Nein. Vielleicht hasst sie mich sogar.«

»Aus welchem Grund?«

»Weil ich einer von ihnen war und verändert wurde. Ich bin fremd für sie, aber sie sind gezwungen, mit mir zusammenzuarbeiten.«

»Was für eine Zusammenarbeit ist das?«

Rhodan drehte sich um seine Achse, musterte die Weite des Sees, und sah in fünfhundert Metern Entfernung eine weitere Gestalt aus dem Eis treiben, die er für Nummer Dreizehn hielt.

»Ich weiß nicht mehr, als dass wir die Sampler-Planeten aufsuchen müssen. Und dass in dem Moment eine Uhr anfängt zu ticken.«

Rhodan konnte sich denken, dass jede weitere Frage an Voltago verschwendet war. Deshalb kam er noch einmal auf Nummer Sechs und ihren Abgang zurück.

»Dieser Hass in ihrem Blick, ist das nicht furchtbar für dich, Voltago?«

Das Gesicht des Kyberklons, das stets völlig unbewegt und wie aus Onyxquarz gemeißelt wirkte, zeigte in diesem Augenblick zumindest eine Spur von Regung. Aber der Moment verging so rasch, wie er gekommen war.

»Furchtbar, Perry Rhodan? Nein. Es ist mir vollkommen gleichgültig.«

Eine Uhr fängt zu ticken an.

Eine Bedrohung, die zwei Millionen Jahre gebannt war, erwacht von neuem. Und die Geschehnisse werden sich bis zu einem Punkt, der damals nicht erreicht wurde, wiederholen.

*

Zehn war eine Frau von knabenhafter Statur, mit grauen Augen und braunen Haaren. Das derbe, blasse Gesicht verlieh ihr einen Hauch von Ausstrahlung.

Für den Körper, den sie besaß, konnte sie jedoch nichts. Auf das Innere kam es an; und dieses Innere war absolut auf ein einziges Ziel fixiert. Charon stellte einen Schritt in die richtige Richtung dar. Sie erkannte das mit einer Mischung aus Gespür und nüchterner Logik, in der menschliche Regung nichts zu suchen hatte.

Sie schwebte durch das Eis, sank tiefer und erreichte schließlich eine Region scheinbar magischer Anziehungskraft.

Es war ein mineralischer, starrkrustiger Bereich des Bodens. Charon besaß keine Sonne. Deshalb schien es kein Wunder zu sein, wenn kein Sonnenlicht den Grund erreichte.

Ihre knabenhafte Gestalt schwang sich über Gräben aus Schwefel zu natürlich gewachsenen Metallstrukturen. Und da war doch eine Sonne. Nicht hier auf Charon, sondern an jenem Ort, den sie wie durch milchiges Glas sehen konnte. Das Licht erreichte den Boden deshalb nicht, weil eine dichte Wolkendecke dies verhinderte. Stattdessen war die Oberfläche einem Bombardement harter Strahlung ausgesetzt.

Unmöglich! Dies ist eine Dunkelwelt!

Ein schreckliches Gefühl stieg allmählich in ihr auf. Zehn hatte nicht geahnt, dass sie fähig war, solche Qualen zu empfinden.

Sie konnte alles sehen, die scheinbare Nähe einer fremden Welt fühlen.

Eigentlich hätte sie jubeln sollen.

Aber sie und diese Bilder – beides passte einfach nicht zusammen.

Durch das halbmaterielle Eis bewegten sich ebenso halbmaterielle Schemen. Gepanzerte Buckelwesen, dem Leben unter Wolken angepasst ... Über der Wolkendecke schwebten Symbionten, die primitiven Flugdrachen ähnelten. Sie akkumulierten Energie und schickten diese als Strahlimpulse hinunter. Davon ernährten sich die Buckelwesen. Die Draken bildeten ihre Lebensader.

Zehn fühlte Intelligenz. Es waren philosophische Wesen voller Einsicht in die Natur des Kosmos; offensichtlich Noman-Draken. Sie hasste diese Wesen jedoch auf Anhieb, ohne sie zu erkennen und ohne dass sie dazu einen Grund brauchte.

Die Vision verblasste. Etwas war entsetzlich falsch gelaufen.

Zehn begriff in diesem Augenblick, dass es nicht an diesem Wesen oder am Planeten lag.

Sie selbst war eine Fehlkonstruktion!

Vielleicht schlug das genetische Erbe der Terraner doch durch.

Sie bezweifelte nicht, dass Voltago sie wirklich von Noman geborgen hatte – und spürte doch, dass sie keine Chance besaß, hier ihren Auftrag zu erfüllen.

Nummer Zehn gefährdete so den großen Plan. Sie wusste das, konnte sich aber nicht dagegen wehren.

Als sie zur Oberfläche des Sees aufstieg, umfing sie endgültig die lichtlose Realität des Planeten Charon. Und irgendwo dort, im Hintergrund nicht sichtbar, lauerte Voltago, der Kyberklon. Ihm hatte sie die Vision zu verdanken. Oder er trug die Schuld daran – wie man wollte. Seine Ausstrahlung war so beschaffen, dass sie bestimmte Informationspotenziale löste, die in diesem See begraben lagen.

Sie versuchte, mit ihren leistungsfähigen Augen das Dunkel zu erleuchten.

Noch mehr, als dass sie Voltago jedoch sehen konnte, spürte sie ihn. Sie fühlte sein Misstrauen; als wüsste er ganz genau, was ihr zugestoßen war, und spare sich die Erkenntnis lediglich als Druckmittel auf.

Fehlkonstruktion. Lebensgefährlich.

Nummer Zehn wandte sich mit steifen Bewegungen ab. Sie hatte lange damit zu tun, ihre Erfahrung zu verarbeiten, und traf erst Stunden später mit den anderen in der STYX zusammen. Jedes der Spindelwesen hatte ein ähnliches Erlebnis gehabt. Über die Sprache ihrer Augen tauschten sie sich aus, so gut es ging. Sie mussten jedoch feststellen, dass es Dinge gab, für die selbst die exakteste Sprache nicht taugte. Ihre Empfindungen blieben absolut individuell.

Eines wurde allerdings klar: Zehn und Fünf waren die Einzigen, die ihre Vision präzisieren konnten. Nummer Zehn hatte Bilder vom Sampler-Planeten Noman empfangen, und Fünf solche von Downunder, seiner Heimatwelt. Alle anderen blieben nach wie vor auf Voltago angewiesen.

Sie versuchte, sich so gut wie möglich zurückzuziehen. An der gemeinsamen Kommunikation nahm sie kaum noch teil. Denn zum ersten Mal hatte sie etwas verschwiegen; den massiven Eindruck von Unzulänglichkeit.

4.

Hamiller-Tube

»Mister Adams?«, fragte die Hamiller-Tube mit weicher Stimme.

»Ja, Hamiller?«

»Ich werde Perry Rhodan niemals wiedersehen, nicht wahr?«

»Wie kommst du auf diesen Unsinn, Payne?«

»Es ist ... ein Gefühl.«

Die Hamiller-Tube fungierte nach Harold Nymans Abgang als neuer Kommandant der BASIS. Dass ein Computer ein Schiff kommandierte, das von Menschen bemannt wurde, war ein Vorgang fast ohne Beispiel. Aber die Tube war auch eine ganz besondere Art Maschine. Im Jahr 2 NGZ hatte Payne Hamiller, damals wichtigster Wissenschaftler der Milchstraße, die Tube persönlich in die BASIS eingebaut. Hamiller selbst war gleichzeitig spurlos verschwunden; seither hielt sich hartnäckig das Gerücht, die Seele des Hyperphysikers existiere in der Tube weiter.

»Ich wusste nicht, dass Syntroniken Gefühle haben«, sagte Homer G. Adams provokant.

»Es gibt vieles, was Sie nicht wissen, Sir.«

»Dann beantworte mir folgende Frage, Payne: Wie kommst du darauf, dass du Perry Rhodan nicht mehr wiedersiehst? Wir müssen noch zusammen den Rückflug zur Milchstraße bestreiten, bevor die BASIS verschrottet wird.«

»Nicht unbedingt. Es könnte sein, dass ... Perry Rhodan stirbt.«

»Unfug!«, wehrte sich Adams aufgebracht.

»Oder«, so sprach die Hamiller-Tube hartnäckig fort, »die BASIS wird vorher vernichtet. Das wäre vielleicht auch mein Ende.«

»Hamiller, ich will dieses Gerede nicht mehr hören.«

Allein die Vorstellung, die Hamiller-Tube könnte wirklich etwas spüren oder etwa in die Zukunft sehen, jagte Adams Schauer über den Rücken. Zu seiner Zeit hatten Computer so etwas nicht gekonnt. Aber wer war schon sicher, dass es sich bei der Tube wirklich um einen Computer handelte? Und die Vision von einer vernichteten BASIS gab ihm besonders zu denken. Seit er wusste, dass das Schiff verschrottet werden sollte, entwickelte Hamiller seltsame Allüren. Adams hoffte, dass er soeben nicht eine Art Selbstmordgedanken vernommen hatte.

»Sie nehmen mich nicht ernst, Homer«, klagte die Tube vorwurfsvoll.

»Manchmal kann man das auch nicht. Du benimmst dich, als wäre bei dir mehr als eine Schraube locker.«

*

Pulsare entstehen, wenn ein Stern zur Supernova wird und den Großteil seiner Masse mit einer gigantischen Explosion von sich schleudert. Das Ergebnis kann entweder ein Schwarzes Loch sein – oder, bei zu geringer Restmasse, ein Neutronenstern.

Behält ein solcher Neutronenstern seine gesamte Rotationsenergie, wird das Ergebnis in manchen Fällen zum Pulsar. Wenn nämlich entlang der Pole Radiostrahlung ins Universum geschickt wird, entsteht für den stillstehenden Beobachter der Eindruck, als »pulsiere« ein solcher Stern.

Der Beobachter wird immer dann von Radiostrahlung getroffen, wenn einer der Pole des rotierenden Sterns in seine Richtung zeigt.

Pulsare sind Objekte, deren Standort man oft über Millionen Lichtjahre Entfernung präzise anmessen kann. Und der Pulsar Borgia verdankte seine herausragende Rolle als Treffpunkt vor der Großen Leere seinem typischen Rotationsrhythmus, der etwa einen terranischen Monat betrug.

Die BASIS hatte sich immer wieder daran orientiert. Und genau das wurde ihr nun zum Verhängnis.

Ihre Position ungünstig zu nennen, hätte Homer G. Adams als Untertreibung des Jahrhunderts eingestuft. Höchstens ein chronischer Hasardeur wie der Arkonide Atlan brachte das fertig. Aber Atlan befand sich nicht mehr an Bord; gemeinsam mit Perry Rhodan und ein paar anderen Aktivatorträgern war er zur ODIN übergewechselt, um auf dem Dunkelplaneten Charon nach Moira zu suchen.

Adams und der Rest der Aktivatorträger an Bord der BASIS hatten eine kochendheiße Suppe auszulöffeln.

Sie standen wenige Lichtminuten von Borgia entfernt, am Rand der Großen Leere, gut 225 Millionen Lichtjahre von Terra. Das größte Trägerschiff, das die Menschheit je erbaut hatte, sah sich einer riesigen Flotte gegenüber. Am 3. Oktober 1216 NGZ bestand diese Flotte aus mehreren tausend Einheiten.

Die meisten waren Quappenschiffe der Gish-Vatachh; es waren aber auch sieben Einheiten der Theans darunter. Marusian, Praepono, Vastaff und die vier anderen fungierten als Oberbefehlshaber.

Die Theans begriffen sich selbst als »Wächter der Endlosen Grenze« die Allianz nannte sich Damurial. Jeder, der versuchte, die Sampler-Planeten und ihre Geheimnisse zu erforschen, machte sie sich zu unerbittlichen Feinden.

Genau diesen Fehler hatten die Galaktiker begangen.

Die Theans und ihre Flotte hielten die BASIS eingekreist. Atlan hatte ihnen jedoch mit Guckys Hilfe weisgemacht, jedes ihrer Schiffe trüge eine scharfe Bombe – die man von Bord der BASIS aus per Funkimpuls zünden könne. Allerdings war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand Atlans Bluff auf die Schliche kam.

Und dann ... Adams mochte nicht daran denken.

Möglich wurde ein solcher Bluff nur, weil die galaktische Technik der der Theans meilenweit überlegen war.

Auftrag der BASIS war, die Position am Pulsar Borgia möglichst lange zu halten. Damit sollte die Damurial-Flotte in Sicherheit gewiegt werden. Je länger die BASIS stillhielt, desto ungehinderter war die ODIN handlungsfähig.

Ob die Theorie stimmte oder nicht, konnte niemand exakt sagen.

Denn gegen Abend dieses 3. Oktober nahmen die Quappenschiffe der Gish-Vatachh Fahrt auf. Der Bluff der Galaktiker war Vergangenheit. In Angriffsformation hielten sie direkt auf die BASIS zu.

»An alle Besatzungsmitglieder«, tönte die Stimme der Hamiller-Tube. »Kampfstände besetzen. Nicht beteiligte Personen begeben sich in die separaten Schutzräume. Mit ersten Kampfhandlungen ist innerhalb der nächsten zehn Minuten zu rechnen.«

*

Adams winkte Myles Kantor heran, der in diesem Moment durch einen Transmitter die Zentrale erreichte. Gemeinsam mit dem blassen Wissenschaftler besetzte er das erhöhte Podest in der Mitte der Zentrale. Der Rest der Aktivatorträger war irgendwo im Schiff unterwegs, würde im Lauf der nächsten Minuten eintreffen.

Vor ihren Augen baute die Hamiller-Tube eine detaillierte Grafik auf. Der dicke grüne Punkt in der Mitte, das war die BASIS, während die unüberschaubar rote Wolke ringsum das Heer der Gish-Vatachh zeigte.

Borgia bildete als weiße Scheibe den optischen Schwerpunkt der Darstellung.

»Hamiller, wie sieht es aus?«, fragte Adams – überflüssigerweise. Er musste seine Nervosität bekämpfen.

»Sehr schlecht, Sir«, gab die Tube trotzdem Antwort. »Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich als Ablenkungsmanöver die Beiboote der BASIS ausschleusen lassen.«

»Moment mal! Den Trick kennen die Theans längst. Wenn wir das tun, verlieren wir womöglich Einheiten. Menschenleben dürfen nicht gefährdet werden.«

Mit jedem Wort rückte die rote Flotte näher; drei Minuten bis zur kritischen Schussdistanz. Adams Handflächen wurden feucht.

»Sie haben natürlich Recht, Sir. Verluste sind in der Tat nicht auszuschließen. Wenn wir allerdings das Wagnis nicht eingehen, wird die BASIS selbst bei taktisch optimalem Verhalten zu 95 Prozent innerhalb der nächsten Viertelstunde vernichtet. Es wird keine Überlebenden geben. Die Angriffsformation lässt darauf schließen, dass die Theans bis zu 6000 Einheiten eigene Verluste einkalkulieren. Hier wird – wenn Sie den etwas blumigen Ausdruck gestatten, Sir! – ›Alles oder Nichts‹ gespielt.«

Adams und Myles Kantor schluckten; so katastrophale Werte hatten sie nicht erwartet. Und ganz besonders kein Selbstmordkommando der Angreifer.

»Hast du einen Plan, wie wir da wieder rauskommen, Hamiller?«

»Den habe ich, Sir. Wir beginnen in diesem Moment mit dem Ausschleusen unserer gesamten Beibootflottille ...«

Mit Katastrophenwerten nahm die BASIS Fahrt auf. Das Beschleunigungsvermögen der Gish-Vatachh wurde für Sekunden beinahe um das Doppelte übertroffen – obwohl die Triebwerke eine gewaltige Masse zu bewegen hatten.

Gleichzeitig katapultierten hochkomprimierte Startfelder die Kreuzer der BASIS in den freien Raum, der Flotte frontal entgegen. Als sie die vordersten Reihen der Gish-Vatachh erreichten, eröffneten sie aus schwersten Transformkanonen gezieltes Sperrfeuer. Die Feuerleitzentrale der BASIS unterstützte den Riegel mit allem, was man aufzubieten hatte.

Für kurze Zeit verwandelte sich der Raum im Sektor Borgia in ein strahlendes Inferno; auf den Orterschirmen tobte ein Meer tödlicher Energieentfaltung. In die Reihen des Gegners kam Unordnung. Alles hatten die Gish-Vatachh erwartet, jedoch keinen Frontalangriff des tausendfach unterlegenen Gegners.

Dennoch durchstießen die Quappenschiffe den Riegel. Von ihren 10.000 Einheiten detonierten dreißig im Sperrfeuer, obwohl sie garantiert keinen direkten Treffer gefangen hatten.

Der Rest jedoch kam bis auf Schussweite heran.

Um das Trägerschiff in den Hyperraum zu bringen, war mindestens halbe Lichtgeschwindigkeit nötig. Den Galaktikern blieb keine Zeit, diese Geschwindigkeit aufzunehmen.

Über die mehrfach gestaffelten Paratronschirme ergoss sich ein breit gestreuter Feuersturm; zu schwach, um die Staffelung zu durchbrechen, aber immerhin stark genug, die Geschwindigkeit der BASIS durch seinen Impuls zu bremsen.

»Hamiller!«, brüllte Adams. »Bist du lebensmüde? Was soll das? Wir gehen unter!«

»Behalten Sie die Ruhe, Sir!«

Die BASIS stieß mit hoher Beschleunigung in die Reihen der Gish-Vatachh vor.

Indessen kletterte die Auslastung der Schutzschirme auf 110 Prozent. Dieser Wert war nur wenige Sekunden zu bewältigen.

Und endlich reagierten die Theans, wie es die Tube vorausberechnet hatte. In Flugrichtung der BASIS zogen sie ihre Einheiten zusammen, um einen eventuellen Durchbruch zu verhindern. Zugleich rückten die Vatachh-Einheiten von hinten weiter nach.

Im Rücken der BASIS, Richtung Borgia, entstand eine beinahe freie Schneise. Der Pulsar stellte eine genauso wirksame Sperre dar wie ein Riegel aus vielen tausend Quappenschiffen: nicht zu überwinden.

Die Hamiller-Tube nutzte das Manöver dennoch sofort zu ihren Gunsten aus.

Im Bruchteil einer Sekunde kehrte sie die Schubwerte der BASIS um 180 Grad um. Das Schiff bremste mit höchsten Werten. Gut 2000 Quappenschiffe schossen, überrascht durch das Manöver, hilflos an den Flanken vorbei. Der Rückweg lag offen da. Aber es war der Weg in Richtung Borgia, und der sah absolut nach einem Selbstmord aus.

Stillstand. Für eine Sekunde.

Die BASIS nahm in entgegengesetzter Richtung Fahrt auf, öffnete noch währenddessen die Schotts für ihre zurückbeorderten Kreuzer. Zwischen dreißig Sekunden und zwei Minuten brauchten die Boote, dann war draußen im Feuersturm kein einziges mehr auf sich gestellt.

»Hamiller!«

»Ja, Sir?«, fragte die Tube mit absolut gleichmütiger Stimme zurück.

»Ich befehle dir ... – Ach, zum Teufel!«

Homer G. Adams erinnerte sich daran, dass man das Trägerschiff gar nicht auf die Reise hatte schicken wollen; dass die Ingenieure es als baufälligen Haufen Schrott bezeichnet hatten. Unter Höchstlast konnten jederzeit wichtige Aggregate ausfallen. Ein solcher Schaden im Bereich der Schutzschirme oder der Triebwerke – sie wären vorzeitig geliefert.

Die BASIS hielt direkt auf der Oberfläche des Pulsars zu. Inzwischen hatte auch der Gegner die Rückwärtsbewegung angetreten; allerdings in geordneter Formation, weil das Manöver der BASIS einer Selbstmorderklärung gleichkam. Man hatte es nicht mehr eilig.

25 Prozent der Lichtgeschwindigkeit ...

Die Theans ließen wieder feuern, sodass an Bord des Trägerschiffes keine Atempause entstand.

30 Prozent. 35 ...

Ein Quappenschiff hätte längst seine Manövrierfähigkeit eingebüßt. Pulsar Borgia war von der reinen Ausdehnung her nicht größer als Terra. Auf der Oberfläche jedoch herrschte eine Schwerkraft von 100 Milliarden g. Adams sah die BASIS schon auf Fingerhutgröße komprimiert, und sich selbst als zerquetschte, sonnenheiß glühende Mikrobe. Insgeheim wünschte er, Julian Tifflor oder Ronald Tekener hätten das Kommando geführt, und nicht diese durchgedrehte Syntronik.

45 Prozent.

Adams bildete sich ein, Details der Oberfläche von Borgia zu erkennen – was jedoch dümmster Unfug war, ein Zeichen seiner Todesangst. Das Trägerschiff konnte der Schwerkraftfalle längst nicht mehr entkommen. Ihr Zug wirkte als zusätzliche Beschleunigung.

48 Prozent.

»Übertritt in den Hyperraum«, meldete die Hamiller-Tube kalt.

»Jetzt!«

Durch die Zentrale lief ein Zittern, das eher an den Untergang der Welt als an überforderte Maschinen erinnerte. Und von einem Sekundenbruchteil zum nächsten herrschte plötzlich Stille.

Bis die Hamiller-Tube mit gekränktem Unterton sagte: »Das wäre alles. Sie haben meinen Berechnungen doch nicht wirklich misstraut, Sir?«

Der Chef der Kosmischen Hanse, schon seit den frühesten Tagen der Dritten Macht Rhodans Weggefährte, tupfte sich den Schweiß von der hohen Stirn. »Aber nein, Hamiller. Das wäre ja dumm von mir gewesen.«

Und schließlich kam die bange Frage, die jedermann mit Schrecken erwartete: »Verluste, Hamiller? Wie viele Beiboote haben wir verloren?«

5.

Nummer Sechzehn

Die Kammer, die Moira ihnen gezeigt hatte, durchmaß zwanzig Meter und war wie ein halbes Ei geformt. Ihre Farbe ließ sich am ehesten als mattes, gedecktes Gelb beschreiben. Der Boden war eben, die Decke gewölbt. Voltago begriff sofort, dass das seinen Grund hatte; dass die speziell abgeschirmte Kammer als Konzentrationspunkt unterschiedlichster Energielinien diente.

Allerdings waren die meisten davon fünfdimensionaler Natur. Rechnerisch ermittelte er das Vorhandensein mindestens einer höherdimensionalen Komponente. Da aber seine Sinne und Messgeräte so weit nicht reichten, ließ er diese Komponente vollständig außer Acht.

Die vierzehn Spindelwesen waren ausnahmslos versammelt. Er hatte ihnen Zeit gelassen – damit sie hinsichtlich seiner Person eine neue Entscheidung trafen.

›Nun?‹, fragte Voltago, indem er Schriftzeichen über seine Augen schickte.

Keine Reaktion.

»Nun?«, wiederholte er laut.

»Wir haben es eingesehen«, gestand Fünf. »Wir wissen, dass wir auf deine Hilfe unter keinen Umständen verzichten dürfen.«

Das Wesen mit dem Aussehen eines völlig antriebslosen, kränklichen Terraners sprach abgehackt und leise. Voltago vermochte sich seinen Widerstand nicht zu erklären. Aber auch, wenn es ihn innerlich schmerzte, ließ er nichts davon merken.

Keine Gefühle, Kyberklon. Deine Konditionierung verhindert das.

»Wir erkennen weiterhin an«, stimmte Sechs zu, »dass du doch eine spezielle Fähigkeit hast. Wir bedürfen dieser Fähigkeit. Du bist nicht der Koordinator; der ist unwiederbringlich verloren. Du bist etwas anderes. Nennen wir es den Feinmechaniker. Du bist derjenige, der uns ans Ziel führt. Wenn wir unsere Domänen erreichen, wirst du es sein, der uns hilft, die Fäden auszuwerfen.«

Die Spindelwesen, im Kollektiv sonst von roboterhafter Zurückhaltung, wanden sich vor Widerwillen. Keiner, der sich dem Kyberklon offen zugewendet hätte; sie alle hockten mit verschränkten Armen oder geschlossenen Beinen da.

Gesenkte Köpfe. Keiner sieht mich an. Sie wissen, dass sie mir Schmerz zufügen. Die Körpersprache war typisch terranisch; eine Verhaltensweise, die sie anscheinend von ihren Schöpfern übernommen hatten.

»Ich will von euch hören«, sprach Voltago, »dass ihr mich akzeptiert. Sagt es! Nein ... Ich will es in euren Augen lesen.«

Die Spindelwesen schauten einander an. Ihre Kommunikation war binnen einer halben Sekunde abgeschlossen, weil es sich um ein sehr simples Problem handelte.

Nummer Zwei, der Astronom, machte den Anfang.

Ich akzeptiere deine Rolle ausdrücklich, las Voltago von seinen Augen ab. Ich werde deinen Wert für die Gruppe nicht mehr in Frage stellen.

Nummer Drei, der Forscher und Wissenskoordinator, war der Nächste. Er hob den Kopf, sah Voltago in die Augen – und formulierte einen absolut identischen Text, der für etwa eine tausendstel Sekunde zu lesen war.

Genauso Nummer Vier, die Analytikerin, Nummer Fünf, Nummer Sechs ... Bis jeder Einzelne sein Statement abgegeben hatte. Voltago fühlte sich danach nicht besser. Aber nun konnten sie in Angriff nehmen, was getan werden musste. Auch wenn der Ausgang ungewiss war.

*

»Alaska ...«, begann Rhodan vorsichtig, »ich frage mich immer noch, was du auf dem Flug hierher mit Mila und Nadja angestellt hast. Sie sind völlig verändert.«

»Unsinn, Perry!«, erwiderte Saedelaere. »Die beiden ziehen sich eben zurück. Das haben sie früher oft getan.«

»Inzwischen war es meist anders. Ich dachte, sie befänden sich auf einem guten Weg.«

»Das sind sie immer noch«, meinte der andere. »Sogar auf einem ganz besonders guten.«

»Hoffen wir es. Sie starren ins Leere, ich beobachte das ständig.«

Mit undurchdringlicher Miene musterte er den ehemaligen Maskenträger. Da er ihn seit vielen Jahrhunderten kannte und da er wusste, dass Alaska Saedelaere ein sehr schweigsamer Mann war, legte er den Versuch als sinnlos ad acta. Mila und Nadja stellten das kleinste Problem von allen dar. Die Aktivatorträger durften sich nicht in Konflikte untereinander verwickeln.

In der Unterkunft, die Moira ihnen für die Wartezeit zugewiesen hatte, saßen sich die beiden Unsterblichen gegenüber. Sie versuchten, jeder auf seine eigene Weise, Ordnung in die Ereignisse zu bringen.

»Da ist noch etwas, das du nicht wissen kannst, Perry«, erzählte Saedelaere. »Bevor Moira dich von Charon zurückgeholt hat, waren zwölf der vierzehn Spindelwesen bereits an Bord der STYX. Du weißt, dass sie einen Raum für sich hatten, fünfzig Meter weiter, rechts den Gang entlang.«

»Ich war ein paarmal bei ihnen, ja.«

»Nach dem Aufenthalt auf Charon ist keiner wieder in diesen Raum zurückgekehrt. Der Raum steht seitdem leer. Man kann die Tür leicht öffnen.«

Rhodan überlegte kurz.

»Und?«

Saedelaere machte eine ungeduldige Handbewegung. »Dieser Wechsel muss einen Grund haben. Alles hier hat einen. Wenn wir den Details keine Bedeutung beimessen, kommen wir nie darauf.«

»Und was willst du jetzt tun, Alaska?«