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Die großen Bedrohungen der vergangenen Jahre scheint die Menschheit überwunden zu haben: Perry Rhodan und seine Gefährten haben die Abruse, den monströsen Feind jeglichen Lebens, auf der "negativen Seite" des Universums besiegen können. Dank des Langzeitplans der Superintelligenz ES konnte eine kosmische Katastrophe verhindert werden. Und im Arresum werden künftig Menschen, die vor über tausend Jahren auf der Erde wohnten, die Saat des Lebens verbreiten. Auch die große Gefahr für die Erde ist vorüber. Der tödlich strahlende Mars wurde ausgetauscht; statt des ehemaligen Roten Planeten zieht nun Trokan seine Bahn um die Sonne. Doch ein Problem blieb: das der Hamamesch und der Waren, die von den fischähnlichen Wesen aus der Galaxis Hirdobaan verbreitet wurden. Milliarden von intelligenten Wesen aus allen Völkern der Milchstraße wurden süchtig - verzweifelt brechen sie nach Hirdobaan auf. In der kleinen Sterneninsel erfüllt sich das Schicksal von zahlreichen Menschen ... und das Vermächtnis eines ehemaligen Mächtigen.
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Seitenzahl: 6130
Veröffentlichungsjahr: 2013
Nr. 1750
Karawane der Verzweifelten
Sie sind Imprint-Outlaws – und brechen auf nach Hirdobaan
von Robert Feldhoff
Die großen Bedrohungen der letzten Jahre scheinen für die Menschheit mittlerweile überwunden zu sein: Perry Rhodan und seine Getreuen haben die Abruse, diesen unheimlichen Feind jeglichen Lebens, auf der »negativen Seite« des Universums besiegen können.
Der Möbiusstreifen ist dicht, Kontakte zwischen den beiden Seiten des Universums sind nunmehr unmöglich. Dank des Langzeitplans der Superintelligenz ES konnte so eine kosmische Katastrophe verhindert werden. Und im Arresum werden künftig Menschen, die vor über tausend Jahren auf der Erde wohnten, die Saat des Lebens verbreiten.
Auch die große Gefahr für die Erde ist vorüber: Der tödlich strahlende Mars wurde ausgetauscht; statt des ehemaligen Roten Planeten zieht nun Trokan, der »Neo-Mars«, seine Bahn um die Sonne. Doch ein Problem blieb: Das der Hamamesch und der Waren, die von den fischähnlichen Wesen aus der Galaxis Hirdobaan in der Menschheitsgalaxis verbreitet wurden. Milliarden von intelligenten Wesen aus allen Völkern der Galaxis wurden süchtig – und sie beginnen mit einer KARAWANE DER VERZWEIFELTEN ...
Teaser Kroom und Gyrengo – Ein seltsames Paar.
Homer G. Adams – Ein Finanzgenie in Sucht-Nöten.
Geo Sheremdoc – Der LFT-Kommissar greift durch.
Stomal Zystaan – Eine absolut kaltblütige »Admiralin«.
Boris Siankow
Teaser Kroom erblickte den Fremden ein paar Wochen zuvor zum ersten Mal.
Er steckte in einem Kleidungsstück, das einer Zwangsjacke verdächtig ähnlich sah. Damit wurden ihm die Arme auf den Rücken gefesselt.
Der Fremde stand auf einem Bein, anmutig wie ein Seiltänzer oder Flötenspieler und so traurig wie die großen Clowns, die einmal die Zirkusarenen einer längst vergangenen Zeit bevölkert hatten.
Mit dem freien Fuß führte der Fremde eine Kaffeetasse zum Mund.
»Wer ist das?«, fragte Teaser.
Und die Admiralin antwortete: »Das ist Gyrengo. Du wirst ihn schon noch kennen lernen. Warte hier, ich bin bald zurück.«
Teaser Kroom stand einsam in der Zentrale eines modernen Akonenkreuzers; in einem dieser Dinger, wo einem vor blitzender Technik und bedrohlicher Gerüche angst und bange werden konnte. Am Anfang fühlte er sich in Raumschiffen immer so.
Und als die Admiralin so schnell nicht zurückkehrte, wurde er unruhig. Keiner schenkte ihm Beachtung. Das war ihm nicht mal unrecht, den Leuten traute er sowieso nicht über den Weg. Aber er war keine stabile Natur und brauchte jemanden, mit dem er reden konnte.
Mit ein paar schüchternen Schritten näherte sich Teaser dem Fremden.
Der stand immer noch auf einem Bein. Das andere mit der Kaffeetasse hielt er waagerecht, direkt vor seinem Becken. Die Haltung schien ihm wenig auszumachen, genauso wenig wie die Zwangsjacke. Teaser war überzeugt davon, dass er sie tagelang durchgehalten hätte, ohne zu ermüden.
Und plötzlich schaute der Fremde auf.
Gyrengo.
»Du da. Komm her!«
Teaser Kroom zuckte zusammen. »Ich?«, fragte er leise.
Der Fremde antwortete mit einem so unendlich bekümmerten Blick, dass er sich nicht dagegen wehren konnte. Dabei spürte er: Es wäre der Admiralin bestimmt nicht recht, wenn er mit Gyrengo sprach.
»Wie heißt du?«
»Teaser Kroom.«
»Warum hat die Admiralin dich ins Schiff gebracht?«
Teaser deutete auf das Band, das in Schläfenhöhe seine Stirn und den ganzen Kopf umspannte. Mit den Fingerspitzen tastete er über Schaltelemente, die sich nicht mehr bewegen ließen.
»Siehst du das nicht? Ich bin ein Maschinenmensch. Ich kann es nie wieder abnehmen.«
Gyrengo kniff die Augen zusammen. »Wozu ist das gut?«
»Es stammt von den Hamamesch. Ich hab's aus dem Basar UARAM, am Zentrumskern. Mein einziger Schatz. Die Leitungen kriechen ins Gehirn und verbinden sich mit dir. Man kann damit alle möglichen Geräte beeinflussen oder Kontakt zu ihnen aufnehmen. Bloß indem man dran denkt oder es genügend will. Nur der Zauber ... der ist erloschen. Die Admiralin will mir helfen. Sie sagt aber, dass ich dazu erst ihr helfen muss.«
Gyrengo lächelte traurig.
»Wenn du dich mit der Admiralin einlässt, dann hast du keine Wahl mehr. Dann gehörst du ihr ganz, mit Haut und Haaren.«
Teaser verstand nicht, was der andere meinte. Aber jemandem gehören, das wollte er nicht.
»Und weshalb bist du hier?«, fragte er ihn. »Warum stehst du auf einem Bein?«
»Das sind zwei Fragen auf einmal. Eigentlich mehr als zwei. – Nun, ich bin hier, weil ich ebenfalls der Admiralin gehöre. Sie bereitet etwas vor, wozu sie wohl meine Hilfe braucht. Ich müsste sterben ohne sie, also was soll ich tun?«
Teaser Kroom wusste darauf auch keine Antwort.
»Ich bin ein Tomopat, ein Eingeborener des Planeten Tomot. Und ich stehe auf einem Bein, weil ich den Ghyrd trage. Wie sollte ich sonst meinen Kaffee trinken?«
»Ist es keine heiße Tasse?«
»Kunststoffhenkel. Ganz erträglich. Ich habe Hornhaut an den Zehen.«
Mit dem Ghyrd, dessen war Teaser Kroom sicher, meinte Gyrengo die Zwangsjacke, die seine Arme fesselte.
»Tragen alle Tomopaten dieses Ding?«
»Aber ja. Wir sind ein bequemes Volk.«
Teaser sah den anderen erstarren; er drehte sich um, und da trat soeben die Admiralin aus dem Schacht. Sie kam direkt auf die beiden zu.
»Also hör zu, Teaser Kroom!«, sagte sie. »Das Unternehmen beginnt in 72 Stunden. Sieh zu, dass du bereit bist, wenn ich dich brauche.«
Die Admiralin drehte sich um, wollte bereits gehen, als er rief: »Warte! Warte, Stomal!« Stomal Zystaan, das war ihr Name. Eigentlich war sie keine Admiralin mehr, sondern hatte ihren Posten längst verloren. Weil sie zu einer akonischen Putschistengruppe gehört hatte, so erzählten es die Leute.
»Was ist denn?«
»Dieses Unternehmen ... Was haben wir da eigentlich vor? Wozu nimmst du ausgerechnet mich mit?«
»Hör zu, Teaser!« Sie kam nahe heran und schenkte ihm einen falschen, beruhigenden Blick. »Du bist doch ein Maschinenmensch. Es wird viele Verwendungen für dich geben. Und das Unternehmen? Warum willst du das wissen?«
»Weil ...«
»Wir werden etwas stehlen. Raumschiffe, Teaser. Wir stehlen vierhundertfünfzig Kampfraumschiffe von einer arkonidischen Werft.«
Teaser Kroom stand sprachlos da; auch dann noch, als die Admiralin längst gegangen war.
Gyrengo stellte seine Tasse ab und zupfte ihn mit den Zehen am Kragen, bis sich Teaser wieder beruhigt hatte.
»Weißt du, was das heißt?«, fragte der Tomopat. »Du wirst entweder diesen Einsatz erfolgreich mit uns beenden, oder du bist tot, Teaser. Mit diesem Wissen lässt die Admiralin niemanden wieder von Bord.«
Planeten sind Staubklumpen im Universum. Aus Dreck und kosmischer Materie gemacht, kreisend um scheinbar ewige Sonnenfeuer, die irgendwann verlöschen, wenn alles Leben längst von den Welten geflohen ist.
So sieht es von weitem aus.
Je näher der Betrachter, je näher sein Schiff, desto mehr schwindet der kosmische Blickwinkel.
Aus dem Himmelskörper wird eine Kugel mit Farbe, Temperatur und Konsistenz. Der Betrachter sieht, ob es auf dem Planeten Leben gibt, welches Stadium es erreicht hat und ob es ihn bedrohen kann.
Ob er es vernichten muss.
Welten aus Methan und Wasserstoff, Welten für Sauerstoffatmer, Welten aus flüssigem Schwermetall – die Zahl der Wunder scheint ohne Grenzen. Es sind mehr, als alle Beobachter aller Universen und aller Zeiten jemals sehen werden.
All diese Welten haben gemeinsame Kennzeichen. Sie sind den Welten, die sie umgeben, in gewisser Weise ähnlich.
Sie liegen auf derselben universalen Achse, befinden sich im selben Abschnitt der Schöpfung. Alle weisen denselben Strangeness-Wert auf. So, wie es die Schöpfung vorgesehen hat ... Wie heißes Wasser im Meer nach oben steigt, wie zwei fusionierte Kerne Energie freisetzen, wie das Universum zur maximalen Entropie strebt.
Und manchmal, einmal in Millionen von Jahren, ereignet sich ein Verstoß gegen die Ordnung.
Dann pervertiert das Leben, das die Welten hervorbringen, und wendet sich gegen das Schöpfungsprogramm, das sie erschaffen hat. Dann geschehen Dinge, die nicht geschehen dürfen. Der Beobachter kann sie sehen, wenn seine maschinellen Augen genügend weit reichen.
Öffne deine Augen nur.
Sieh das Solsystem.
Sieh den Planeten, der gekommen ist, der niemals an diesen Platz hätte gelangen dürfen. Aber es ist passiert. Such nach den Wüsten des Mars, such eine rote Welt, die vierte in der Ordnung der Planetenbahnen.
Und stattdessen ... sieht du Trokan.
*
»Autopilot!«, befahl er leise.
Man musste nicht schreien, wenn man allein war.
»Was kann ich für dich tun?«
»Panorama-Holo öffnen. Optiken hochfahren. Vergrößern, bis das Objekt die Holozone ausfüllt.«
Adams saß in einem kleinen Passagierboot der DEEPSPACE-FERRIES. Es kam dem Hanse-Chef darauf an, so bescheiden wie möglich zu reisen, die Bedrohlichkeit seiner Person so weit wie möglich herunterzuspielen. In diesen Tagen erschien der Hanse-Chef nicht mit Schlachtschiffen, sondern gewissermaßen zu Fuß.
Der Weg von der Raumstation CGH-78 zum Mond führte direkt an der Bahn des ehemaligen Mars vorbei. Statt der vertrauten roten Scheibe zog ein fremder Planet seine Bahn. Es handelte sich um die uralte Ayindi-Archivwelt Trokan. Man hatte den solaren Mars, der von Todeskristallen verseucht war, einfach gegen Trokan ausgetauscht. Dabei wurde die Grenze zwischen Arresum und Parresum durchbrochen. Der Ersatz für ihren verlorenen Mars war als dunkle Sichel sichtbar, mit zernarbter Oberfläche und grauem Horizont.
»Soll ich die Nachtseite optisch aufhellen?«, bot der Autopilot an.
Homer G. Adams schreckte auf.
Er klammerte mit beiden Fäusten die kleine Zwergenfigur fest, die er bei sich trug. Er trug sie immer bei sich, weil er ohne nicht mehr existieren konnte.
»Nein«, sagte er. »Mir reicht es so.«
Da Trokan aus dem Arresum stammte, war sein Strangeness-Wert negativ. Bis sich dieser Wert von allein verflüchtigte, bis der Planet wirklich ins Solsystem gehörte, würde einige Zeit vergehen. Wie viel, das wusste keiner.
Bevor es nicht so weit war, konnte niemand die Oberfläche betreten. Weder Menschen noch Maschinen ... Normale Ortung war zwar möglich, lieferte jedoch keinen Aufschluss. Die Archive der Ayindi mochten manche Überraschung bergen, aber es gab niemanden, der sagen konnte, welche.
Adams war sich der Tatsache bewusst, dass Trokan möglicherweise gefährlich war.
Nach weiteren drei Stunden Flugzeit, die er mit offenen Augen in einer Art Halbschlaf verbrachte, landete er auf dem Mond. Adams schickte die Fähre zurück, begab sich selbst mit einem Transmitter in die Nähe des STALHOFS.
In NATHANS Kernsektion hatten sich fünf Personen versammelt. Es waren Koka Szari Misonan, die Erste Terranerin, der LFT-Kommissar Geo Sheremdoc – und drei prominente Hanse-Sprecher.
Mit den dreien hatte Adams nicht gerechnet. Er begann, sich ernstlich Sorgen zu machen.
Trotz seines Zustands setzte er ein freundliches Lächeln auf. Mit festen Schritten näherte sich der Hanse-Chef einer Sesselgruppe, in der die anderen bei seinem Anblick der Reihe nach Platz nahmen.
Nur Sheremdoc blieb wachsam stehen. Er war keiner, der auf falsche Freundlichkeit gesteigerten Wert legte.
Der Hanse-Chef wusste genau, dass er auf den LFT-Kommissar Acht geben musste. Die anderen konnte er manipulieren, verschieben, verbiegen, Koka Szari Misonan eingeschlossen. Aber Geo Sheremdoc – das war ein Gegner.
»Einen schönen guten Tag!«, sagte Adams freundlich. »Koka Szari, Geo ... Hikas, Brend, Tasz ... ihr habt mich hergebeten?«
»Nimm doch erst einmal Platz, Homer«, bat die Erste Terranerin.
»Ach was«, sagte der durchtrainierte Glatzkopf an ihrer Seite scharf. »Das kann er sich auch im Stehen anhören, wenn er will.«
Du bist demnach der Wortführer, Geo. Wer auch sonst.
»Also, Homer: Wir haben dich herbestellt, weil es eine neue Entwicklung gibt. Dass die Erste Terranerin und ich gegen dich sind, weißt du. Es hat dich nicht gestört. Die Reihen deiner Freunde lichten sich allerdings.«
Sheremdoc deutete auf die drei Hanse-Sprecher, die sich in ihrer Haut sichtlich unwohl fühlten.
»NATHAN und die Sprecher berufen in sieben Tagen eine Hanse-Sitzung ein. Sie findet im STALHOF statt und wird absolut bindenden Charakter besitzen. Ziel der Sitzung wird es sein, dich als Hanse-Chef abzusetzen.«
Nun war es heraus.
Wenn die anderen gehofft hatten, ihn schockiert zu sehen, hatten sie sich getäuscht. Adams hob den Kopf.
»NATHAN? Kannst du mich hören?«
»Aber ja, Homer«, antwortete die sanfte Maschinenstimme.
»Stimmt es, was er sagt?«
»Ja.«
»Du wirst meine Abwahl unterstützen?«
»Natürlich, Homer!« NATHANS Stimme klang überrascht; wie er so etwas überhaupt hatte fragen können.
Adams wandte sich wieder dem Glatzkopf zu, der in argwöhnischer Haltung jede Reaktion registrierte. Nicht leicht, ihm etwas vorzumachen. Aber du musst noch viel lernen, Geo. Ich habe dich einmal hereingelegt. Ich werde es auch diesmal tun.
»Gibt es einen Ausweg für mich?«, fragte der Hanse-Chef. »Eine Alternative?«
Geo Sheremdoc streckte fordernd die Hand aus.
»Das weißt du genau. Gib mir den Zwerg. Ich weiß, dass du ihn bei dir trägst. Wir machen einen Tausch, sieh es einmal so ... Der Zwerg gegen dein Amt.«
Adams lächelte fein. »Niemals, Geo.«
»Dann merk dir den 13. Mai schon einmal vor. Am 14. bist du die längste Zeit Hanse-Chef gewesen.«
Adams drehte sich um und ging zum Ausgang, ohne die anderen nur eines Blickes zu würdigen. Er verschwendete seine Zeit.
»Noch etwas«, rief ihm der Glatzkopf hinterher. »Es macht nicht den geringsten Unterschied, ob du erscheinst oder nicht. Wenn du willst, kannst du ...«
Ein sich schließendes Schott schnitt Sheremdoc die Stimme ab. Adams war froh, dass er nichts mehr hören musste. Den Glatzkopf hatte er lieber gehabt, solange er noch sein Freund gewesen war.
*
Der Huyla-Zwerg war eine 13 Zentimeter hohe Statuette, die nicht mehr als ein simples, maschinelles Eigenleben zu besitzen schien.
Und doch haftete ihr ein unbeschreiblicher Zauber an. Um keinen Preis der Welt hätte Adams sie aus der Hand gegeben.
Wie alle Hamamesch-Waren kam sie aus den Arsenalen der Händler von Hirdobaan. Es hieß, die Waren machten süchtig. Aber das stimmte nicht, der kleine Mann erfuhr es am eigenen Leib. Er traf ganz bewusst die Entscheidung, sein weiteres Leben mit dem Zwerg zu verbringen.
So glücklich wie jetzt war er vorher nie gewesen. Und das, obwohl das Leben des potenziell Unsterblichen schon sehr viele Jahrhunderte gedauert hatte, und das trotz der Zeit mit Serena.
Die Hamamesch hatten in der Milchstraße zehn Basare errichtet. Anfangs hatte auch er sie bekämpft; Adams musste das zugeben. Damals hatte sogar er an die Version von der gefährlichen Sucht geglaubt. Sobald er aber einmal den Zwerg in Händen hielt, sah alles anders aus. Seitdem gehörte er zu den Gesegneten.
Man schätzte, dass die Hamamesch 18 Milliarden Warenstücke in die Galaxis gebracht hatten. Zweieinhalb Milliarden entfielen auf das Solsystem. Es waren viel zu wenige für die Unzahl von Neugierigen. Und als der Boom gerade richtig beginnen wollte, als die Stimmen der Mahner überall untergingen, verschwanden die Hamamesch.
Allerdings nicht, ohne eine Nachricht zu hinterlassen: Kommt nach Hirdobaan. Dort gibt es mehr von dem, was wir euch gegeben haben. Aber bringt eure Hightech mit, denn unsere Waren haben ihren Preis.
Adams lachte zuerst über diese Botschaft.
Er selbst besaß seinen Zwerg und würde ihn nicht hergeben. Warum also 118 Millionen Lichtjahre fliegen? Der Weg nach Hirdobaan war viel zu weit; von den Hamamesch blieb nicht mehr als eine längst vergangene Episode.
Bis zu jenem 3. Mai 1218 NGZ. An diesem Tag trafen Neuigkeiten ein, deren Brisanz erst ganz allmählich in sein Bewusstsein sickerte.
Tchemat war einer derjenigen, die die Terraner »Löwenköpfe« nannten. Er war ein Gurrad, und zwar einer der wohlhabenden Sorte. In der Großen Magellanschen Wolke bedeutete das, Tchemat besaß ein klappriges, altersschwaches Birnenschiff, das im Linienverkehr zwischen Roewis und der Wasserwelt Picnar flog.
Seit einiger Zeit jedoch hatte Tchemat für seine Besatzung sowie für Geschäfte und Politik nur eingeschränkte Beachtung übrig.
Stattdessen beschäftigte sich der Eigner mit einem Musikinstrument, das er gekauft hatte. Es spielte nur sehr quakige Töne, aber das war egal. Und er würde auch kaum lernen, je mehr als dilettantische Melodien hervorzulocken.
Tchemat liebte das Instrument deshalb so sehr, weil es einen ganz eigenen, unwiderstehlichen Zauber besaß. Er hatte es damals im Hamamesch-Basar GAMILL erworben; was gar nicht so einfach gewesen war, weil er eine Menge Galax dafür hatte auftreiben müssen. Das Geld der fernen Milchstraße war das Einzige gewesen, das die Hamamesch damals akzeptiert hatten.
Egal, er besaß sein Warenstück.
Und er war glücklich damit, verteidigte es gegen jeden Diebstahlversuch – bis zu dem Tag, als er zum ersten Mal so etwas wie eine nachlassende Wirkung verspürte.
Zuerst glaubte er an eine Krankheit. Obwohl er nie krank gewesen war, suchte Tchemat einen Arzt auf. Die Diagnose fiel niederschmetternd aus: Er war im körperlichen Sinne absolut gesund. Es konnte also nicht daran liegen, wenn er mit dem Instrument seine Probleme hatte.
Also am Gegenstand selbst?
Er glaubte nicht, dass das möglich war.
Tchemat wartete mit steigender Unruhe die nächsten Tage ab, doch an seinem Zustand besserte sich nichts. Ganz im Gegenteil: Es war, als verliere der Zauber immer mehr an Wirkung. Vielleicht hatte er sich zu sehr daran gewöhnt. Ihn in sich eingesogen, bis die Sinne abgestumpft waren ... Er versuchte, das Instrument für einige Stunden beiseite zu legen, schaffte es jedoch nicht. Als Resultat lief er übellaunig durch sein Schiff und beleidigte jeden, der das Pech hatte, ihm zu begegnen.
Gurrads galten als stolze Leute.
Er merkte wohl, wie sehr er die Mannschaft gegen sich aufbrachte, konnte sich aber nicht mehr kontrollieren.
Als sie zum Ende der Reise wieder einmal Roewis erreichten, ergab sich eine kurzfristige Entspannung der Situation. Er hatte gar keine andere Wahl, als sich um den Verkauf der Ladung zu kümmern. Altersschwache Transporter sind zu einem ewigen Tanz auf dem Drahtseil verdammt. Sie müssen fliegen, um zu verdienen, befinden sich aber nicht im entsprechenden Zustand, um lange Flüge durchzustehen. Die Spirale zeigte lange schon nach unten.
Was die Mannschaft dachte, wusste er ganz genau. Sie nahmen ihm die Sache mit GAMILL krumm, dass er trotz der finanziellen Lage das scheinbar nutzlose Instrument angeschafft hatte.
Dabei konnten sie nur vermuten, was so ein Ding kostete. Wüssten sie den tatsächlichen Preis, sie würden mich mit einem Raumanzug im All aussetzen. So waren die Sitten, und Tchemat hätte an ihrer Stelle nicht anders gehandelt.
Er schaffte es, sich noch einmal auf die Ladung zu konzentrieren. Weil er dieses Mal das nötige Glück hatte, sprang ein guter Preis heraus.
Die Hälfte davon benutzte er, um seiner Mannschaft einen Teil der überfälligen Heuer zu bezahlen. Die andere Hälfte hätte er ebenfalls gebraucht, als Pfandeinlage für die neue Ladung. Und der BRIART, so hieß sein Schiff, hätten neue Kraftwerke nicht schlecht zu Gesicht gestanden.
Von der lausigen Beschleunigung ganz zu schweigen.
Aber Tchemat hatte andere Pläne. Der Zauber verlor immer mehr an Wirksamkeit, und es ließ sich der Tag absehen, an dem er mittags erwachen und ihn nicht mehr spüren würde. Die Aussicht war für den Eigner schlimmer als der Tod.
Er begann, sich auf Roewis umzuhören. Die Hamamesch hatten damals viele Warenstücke verkauft. Nun, da seines offenbar defekt oder aufgebraucht war, musste er eben ein neues haben.
Überall, wo er fragte, lachte man den Eigner aus. Er war kein würdeloser Kerl und solche Behandlung nicht gewohnt. In diesem Fall jedoch schluckte er seinen Stolz. So erfuhr er, dass er nicht der Erste war. Dasselbe Schicksal hatte noch andere getroffen.
Einige davon machte er ausfindig. Sie befanden sich in schrecklichem Zustand, waren nervös.
»Sieh dir das an«, sagte einer und deutete auf eine Art bunt bestickte Tasche, die am Boden lag. »Es ist alles vorbei. Nichts mehr dran. Bloß noch ein wertloser Beutel.«
Tchemat begriff, dass er ein Hamamesch-Warenstück vor sich hatte. So nahe er auch heranging, er spürte keinen Zauber. Sein Instrument würde bald genauso enden, es war nicht mehr weit dorthin.
An Nahrung oder Geld hegten diese Gurrads kaum noch Interesse. Wer imstande war, sich einigermaßen fließend zu unterhalten, schilderte dieselben Symptome, wie sie auch Tchemat zunehmend an sich feststellte.
Er hörte von mehreren Selbstmordfällen, was ihn nicht wenig schockierte. Suizid in dem Sinne, wie ihn zum Beispiel Terraner kannten, gab es unter Gurrads nicht.
Ganz Roewis füllte sich mit Leuten, die nach Hamamesch-Waren suchten. Aus allen Richtungen strömten sie herbei. Weil sie in ihrem Verhalten nicht berechenbar waren, weil sie mit Geld und Gewalt alles durcheinander brachten, verwandelte sich Roewis in ein Chaos.
Diejenigen, die mit ihrem Warenstück die Einsamkeit gesucht hatten, tauchten nun als Totgeglaubte wieder auf, gesuchte Verbrecher kamen trotz des Risikos. Selbst der gefürchtete Gurrad-Pirat Ghemperd, ein Schlächter von legendärem Ruf, hatte sich angeblich auf Warensuche in der Hauptstadt sehen lassen.
Und kein einziges Warenstück ...
Irgendwie schien es, als hätten die Hamamesch ihnen viel zu schwache oder defekte Exemplare verkauft.
Überall in der Wolke. Typisch. Das Gute bleibt den Galaktikern vorbehalten. Dort gibt es zehn Basare, hier keinen einzigen mehr.
Tchemat konnte nicht wissen, dass inzwischen auch die Hamamesch aus der Milchstraße verschwunden waren. Die Große Magellansche Wolke war kein Platz für heiße Neuigkeiten.
»Wann fliegen wir weiter?«, drängte seine Mannschaft auf der BRIART. »Wir verdienen nichts, wir sind Raumfahrer.«
Und er antwortete: »In wenigen Tagen. Geduldet euch nur noch ein ganz klein wenig.«
Die Hinhaltetaktik verfolgte er nicht ohne Grund. Tchemat hatte von einem Gurrad gehört, der völlig intakte Hamamesch-Produkte besaß. Und zwar genügend, um auch einige »Freunde« damit zu versorgen.
Logisch, dass der Freundschaftsbonus nicht billig war. Er kostete sein gesamtes Geld und absolutes Stillschweigen.
Tchemat ließ sich auf beides ein. Er hatte gar keine andere Wahl, weil er seit Tagen weder schlafen konnte noch einen Bissen hinunterbrachte. Wenn er nicht etwas unternahm, würde er bald genauso enden wie die Selbstmörder am Raumhafen, die in Konverter-Öfen starben.
Würdelos, den Kampf aufgegeben. Das, was ein Gurrad niemals tun durfte.
Die Mannschaft setzte ihm eine Frist. Und er schaffte es tatsächlich, den Handel so zu beschleunigen, dass die Frist gewahrt blieb.
Tchemat zahlte sein gesamtes Geld auf ein namenloses Konto ein. Das war der Preis der Eile: Vorkasse.
Auf dem Marktplatz von Seellek, einem Vorort der Hauptstadt, sollte die Übergabe stattfinden. Hier gab es kaum Polizisten. Niemand interessierte sich für einen Raumfahrer, der scheinbar lustlos in der Sonne döste.
Tchemat wusste jedoch ganz genau, was er wollte. Stundenlang hielt er nach einem Gurrad in Gelb Ausschau. Jede Person, die kam oder sich entfernte, tastete er unauffällig mit den Blicken ab.
Niemand ... Sie waren mehrere Stunden über den vereinbarten Termin hinaus. Keiner hielt das versprochene Paket in Händen.
Es fiel ihm schwer, sich den Fehlschlag einzugestehen. Aber man hatte ihn hereingelegt. Im ersten Augenblick dachte er an den Konverter. Dann fiel ihm ein, dass es noch eine zweite, allerdings sehr winzige Chance gab.
Tchemat war das egal. Er wollte zumindest gekämpft, alles versucht haben, wenn er zerbrach.
Das Instrument hatte jede Anziehungskraft verloren. Er hätte es in die Ecke stellen und zertreten können, getraute sich allerdings nicht. Niemand garantierte, dass der Zauber nicht irgendwann zurückkam.
Die BRIART startete am nächsten Tag mit leeren Lagerräumen. Den Grund dafür, so Tchemat, wolle er seinen Leuten später verraten. Die Besatzung murrte, weil sie ihrem unzuverlässig gewordenen Kapitän nicht mehr traute, fügte sich aber ein letztes Mal.
Hoffentlich auch bis zum Schluss.
Er ließ Kurs auf den Rand der Wolke nehmen. Jeder wusste zwar, dass in dieser Gegend das bevorzugte Operationsgebiet des Piraten Ghemperd lag; aber von solchen Kleinigkeiten ließ sich Tchemat längst nicht mehr bremsen.
Von hier aus war das Solsystem 170.000 Lichtjahre entfernt. Dass die BRIART eine solche Strecke niemals schaffen würde, daran dachte Tchemat nicht. Er hätte einen solchen Gedanken auch verdrängt. Denn wenn sie nicht in die Milchstraße flogen, würde er sein Warenstück nie bekommen. Dann wäre das Leben wirklich zu Ende.
Er litt tatsächlich Qualen. Richtige Schmerzen waren es nicht, eher eine unbezähmbare Ruhelosigkeit, ein Kribbeln in jeder Faser von Körper und Geist. Für ihn stand fest, dass er das Gefühl nicht mehr lange ertragen konnte.
Als er das Schiff in den Leerraum hinaussteuerte, meuterte die Mannschaft. Tchemat sagte ihnen, er habe einen lukrativen Frachtauftrag übernommen. Das Ziel sei Arkon, eine der wichtigsten Welten drüben, und die Ladung bestehe aus Mikrochips für Magellan.
Gerüchteweise hatte er von einem Hamamesch-Basar namens TIRARIM gehört, direkt im Arkon-System.
Aber das sagte er den Leuten nicht.
Es hätte sie auch nicht mehr interessiert. Denn noch am selben Tag suchten sie Tchemat in seiner Kabine auf und nahmen ihn fest.
»Kommandant«, sagten sie, »du fliegst uns alle in den Tod. Dieses Schiff ist für solche Strecken nicht gemacht. Du weißt das genau. Am schlimmsten ist also, dass du es absichtlich tun wolltest.«
Das Musikinstrument zertrümmerten sie vor seinen Augen. Alle beteiligten sich daran, in seltener Einmütigkeit, keiner ließ sich diesen Spaß entgehen.
Tchemat wünschte, sie hätten denselben Enthusiasmus auch bei den täglichen Wartungsarbeiten gezeigt. Die BRIART wäre dann in weitaus besserem Zustand als heute.
Wie sehr aber der Zorn an Bord gewachsen war, das begriff Tchemat jetzt erst. So gesehen war das Äußerste unvermeidlich.
Sie setzten ihn in einem Raumanzug aus. Gegen dreißig Leute konnte man sich nicht wehren. Speziell dann nicht, wenn man stark geschwächt war.
Der Eigner der BRIART blieb treibend im stellaren Leerraum zurück. Er hatte kein Funkgerät, Luft für maximal zwanzig Stunden.
Und zweifellos hätte er diese Stunden auch ausgekostet – aber er brauchte den vergangenen Zauber dazu, den er ohne Musikinstrument niemals mehr bekommen würde.
Das Antriebsaggregat auf dem Rücken hatten sie Tchemat gelassen. Im Grunde genommen, so dachte er, war das Verschwendung von teurem Material. Gute Kaufleute wurden diese Burschen nie.
Das Schiff entfernte sich als schwarzer, schrumpfender Schatten vor dem Hintergrund der Sterne. Auf der anderen Seite, der verwaschene Flecken, das war die Milchstraße.
Tchemat rechnete aus, dass es bei maximaler Beschleunigung und maximaler Zielgenauigkeit etwa sechzig Millionen Jahre dauern würde, bis seine Leiche die Menschheitsgalaxis erreichte.
Er wartete zehn Minuten ab. Vielleicht überlegten sie es sich noch einmal anders.
Bald aber würde der langsame Tod kommen. Bevor es dazu kommen konnte, öffnete Tchemat seinen Helm.
*
»Die neuesten Dossiers aus den Magellanschen Wolken bitte«, sagte Adams freundlich.
Ein Syntron projizierte schlechte Nachrichten auf seine Arbeitsplatte. Die Situation hatte sich dramatisch verschlechtert.
In der Großen Magellanschen Wolke waren die Hamamesch zum ersten Mal aufgetaucht; wohl um ihre Handelsstrategien und das Warensortiment für die Milchstraße zu testen. Vier Basare damals und jeder mit erstaunlichem Erfolg geöffnet. Insgesamt aber waren die Wolken zu arm und zu wenig entwickelt, um den Hunger der Hamamesch nach Hightech zu stillen.
Deshalb zogen die Händler aus Hirdobaan weiter in die Milchstraße.
Zwischen beiden Stationen lag einiger zeitlicher Abstand. Hinzu kamen nochmals zwei Monate zwischen den ersten sieben Milchstraßenbasaren und denen im Solsystem, bei Plophos und Olymp.
Dies, so erkannte Homer G. Adams, war ein lebenswichtiger Faktor. Wer ihn bemerkte, besaß einen großen Vorsprung. Sheremdoc hatte wahrscheinlich mit Trokan und den Nachwehen der Mars-Kristallisation genug zu tun; zu viel, um sich der Magellanschen Wolken anzunehmen. In der Milchstraße wurde traditionell der Fehler begangen, auf die Magellanschen Wolken nur wenig zu achten.
Nur Idioten interessieren sich für Gurrads ... So, wie ich es tue!
Von Roewis, Mantoll und den anderen Gurrad-Welten trafen ausschließlich Hiobsbotschaften ein. Adams unternahm alles, was in seiner Macht stand, die Nachrichten zu unterdrücken. Und da die Hanse die einzig wichtige galaktische Organisation vor Ort darstellte, fiel ihm das gar nicht mal so schwer.
Seine Kontore berichteten von geradezu chaotischen Zuständen. All jene Bewohner, die sich in GIMELAK, GUMOSCH, GAMILL und GEMBEK mit Hamamesch-Waren versorgt hatten, wurden zu einem bedrohlichen Faktor. Ausnahmslos klagten sie, ihre Stücke hätten »den Zauber verloren«.
Aggressivität und Amokläufe waren an der Tagesordnung, von Roewis wurde eine regelrechte Selbstmordwelle gemeldet. Die enttäuschten Besitzer verlangten nach neuen Warenstücken, nach solchen mit frischer Ladung. In den Wolken setzte sich die allgemeine Auffassung durch, die Gurrads hätten minderwertiges Material erhalten, die Galaktiker dagegen besseres.
Ob das stimmte, daran wagte Adams zu zweifeln. Er kalkulierte die Zeit, die ihm blieb, so exakt wie möglich durch. Auf verbindliche Werte kam er nicht, weil zwischen Gurrads, Terranern oder anderen Galaktikern große Unterschiede bestanden.
Vielleicht hatten die Löwenköpfe wirklich minderwertiges Material. Wer weiß das schon?
Nur die Hamamesch. Und die befanden sich 118 Millionen Lichtjahre entfernt in Hirdobaan.
Adams entwickelte im Folgenden eine verdeckte, hektische Aktivität. Sieben Tage hatten sie ihm bis zur Abwahl im STALHOF gelassen, und die nutzte er gewissenhaft.
Noch war er Hanse-Chef. Er kreierte den Decknamen »Operation TANKSET«, installierte eine abhörsichere Leitung – und nahm per Hyperfunk Kontakt zum Hanse-Kontor Olymp auf.
Die Leiterin erhielt Anweisung, eine bestimmte Anzahl von Objekten an einen bestimmten Ort zu transportieren. Und im Gegensatz zu seiner sonstigen Natur verhielt sich Adams alles andere als bescheiden.
*
KOROMBACH war längst verschwunden, es gab im Solsystem seit längerem schon keine Hamamesch-Waren oder -Basare mehr. Boris Siankow und die Wissenschaftler von Titan beschäftigten sich dennoch damit, und zwar in jeder freien Minute. Theoretisch hätte man sich auch auf Trokan stürzen können, aber was war da zu tun, außer Strangeness-Messungen durchzuführen? Dazu brauchte es keine Top-Wissenschaftler. Das konnten Studenten ebenso.
»Wir sind also überzeugt«, sagte er, »dass Hamamesch-Waren süchtig machen. Aber was sind die Kennzeichen von Sucht? Was unterscheidet einen Süchtigen vom Gesunden?«
»Der körperliche und seelische Zustand«, antwortete ein Assistent.
»Aber denjenigen, die ein Warenstück besitzen, geht es bestens. Sie sagen das alle – wenn sie überhaupt bereit sind, mit uns zu reden.«
»Die Abhängigkeit von bestimmten Stoffen?«, versuchte es der Assistent erneut.
Siankow antwortete: »Fragwürdig. Wir alle müssen essen und trinken. Sind wir deshalb süchtig? Nein ... Die Kennzeichen, die für uns interessant sind, liegen woanders. Süchtige werden dann zum Problem, wenn sich ihr Verhalten in schädlicher Weise ändert. Wenn sie aufgrund ihrer Abhängigkeit so weit von den üblichen Normen abweichen, dass sie zur Bedrohung mutieren.«
»Nun«, meinte der Assistent verwirrt, »eine Bedrohung sind unsere Süchtigen eigentlich nicht. Nicht einmal für sich selbst. Sie stehlen nicht, sie ärgern niemanden. Ziehen sich nur zurück.«
Siankow fuhr sich mit beiden Händen durchs schwarze, zerraufte Haar. Wenn er die Absicht gehegt hatte, seine Frisur zu ordnen, versagte er kläglich.
»Gefährlich sind unsere Süchtigen also nicht, niemand könnte ihnen das unterstellen. Aber was ist, wenn sie es irgendwann werden? Keiner weiß, wie sich die Sache mit den Hamamesch-Waren entwickelt.«
Der Assistent fühlte sich erneut angesprochen, obwohl Boris Siankow ihn nicht ansah, sondern ins Leere blickte.
»Das wäre nur möglich, wenn sich der Gegenstand der Sucht plötzlich verknappt. Die Süchtigen haben aber alle ihr Warenstück. Und mehr als eines brauchen sie nicht; dafür gibt es keinen einzigen überlieferten Fall.«
Warten wir es ab, dachte Siankow.
Sie mussten herausfinden, was es mit den Hamamesch-Waren auf sich hatte. Was war es eigentlich, das intelligente Wesen in Scharen dazu veranlasste, ihr gesamtes Hab und Gut für ein Blecharmband oder einen technisch unterlegenen Kleincomputer zu opfern?
In erster Linie mangelte es am Untersuchungsgegenstand. Süchtige waren nicht bereit, ihren größten Schatz der Wissenschaft zu opfern. Kaufen konnte man das Zeug nicht mehr, und mit dem wenigen, was man auf Titan besaß, gab es weitere Probleme.
Die Wissenschaftler konnten niemals direkt arbeiten, weil das zur Sucht geführt hätte. Keiner, der auch nur einen einzigen Blick riskierte. Wer die Waren ansah, sich damit beschäftigte, der verfiel ihnen und zog sich von der Wissenschaft zurück. Also steckten sie die Waren in isolierte Labors und nahmen jede Untersuchung mit ferngesteuerten Robotern vor.
So wie Tasten durch einen Gummihandschuh, viel zu unpräzise, viel zu indirekt.
Siankow hatte an diesem Tag doppelten Grund zur Freude.
Gegen Mittag erhielt er einen Anruf von der Sicherheitsexpertin Noretta Burns. Demnach hatten LFT-Agenten einen Schmugglerring der Galactic Guardians auffliegen lassen. Unter anderem fiel ein kompletter Container voller Hamamesch-Waren an, mehrere tausend Stücke.
Woher die Guardians den Container hatten, wusste keiner. Es war Siankow auch egal. Man konnte lediglich spekulieren, dass es mit der alten Findercraft-Geschichte zu tun hatte.
»Wann kommt das Zeug an, Noretta?«
»Geduld, Boris, bald. Gegen 21 Uhr Terrazeit. Der Container wird unter sämtlichen denkbaren Sicherheitsvorkehrungen in den Sektor UREO-III transportiert. Anschließend isolieren wir UREO-III und setzen zur Überwachung TARA-V-UH-Kampfroboter ein.«
»Danke! Gut gemacht, Noretta!«
Sein zweites Problem löste sich eine Stunde darauf, ebenfalls quasi von allein.
Die Systemüberwachung meldete zwanzig Diskusraumer, die am Rand der Neptun-Bahn aus dem Hyperraum gefallen waren. Siankow eilte ans nächste Holo-Terminal. Er schaute sich den Landevorgang der Einheiten live und in Farbe an.
Alle Einheiten maßen 620 Meter, das Kommandoschiff trug den Namen ZURMYR und wurde von Ayolü Metül kommandiert.
Er kannte Metül noch aus seiner Studienzeit. Es gab sehr gute Gründe, weshalb sich Siankow von ihm und seinen Leuten Hilfe versprach.
Metül und die anderen waren Blues-Wissenschaftler. Und Blues, so lehrte die Erfahrung, waren als einzige bekannte Wesen gegen den Zauber der Hamamesch vollständig immun.
*
Adams fand sich zum angegebenen Termin auf dem Erdmond ein. Er betrat den STALHOF im sicheren Wissen, keine Chance zu haben.
Aber er wollte es Sheremdoc auch nicht zu einfach machen, das hätte nur das Misstrauen des LFT-Kommissars geweckt.
Ein weiteres Problem stellte sein Nachfolger dar. Unter keinen Umständen durfte diese noch unbekannte Person »Operation TANKSET« auf die Spur kommen.
Der STALHOF war ein beinahe mystischer Ort im Inneren von NATHAN. Normale Sterbliche erhielten niemals die Chance, ihn zu betreten. Man musste entweder einer von 33 Hanse-Sprechern sein oder ein hoher Würdenträger der LFT.
Selbst hochgestellte Politiker hatten nicht das Recht, den STALHOF zu betreten. NATHAN agierte als unbestechlicher Wächter. In der Öffentlichkeit wusste man nicht einmal, wie es im Inneren aussah.
Die Menschen hätten sich gewundert. Denn im Jahr 1218 NGZ erweckte der STALHOF den Eindruck eines hochmodernen, ansonsten aber völlig normalen Bürotraktes. Nur die Sicherheitsvorkehrungen sprengten jeden Rahmen.
Adams erreichte den STALHOF per Transmitter. Er war sich dessen bewusst, dass es vielleicht sein letzter Gang an diesen Ort sein würde.
Die meisten der Hanse-Sprecher hatten sich bereits versammelt. Manche nickten ihm noch freundlich zu, allerdings versteckt und ohne große Begeisterung. Vielleicht waren sie auf seiner Seite, wahrscheinlich aber nicht. Die meisten begegneten ihrem Chef mit unverhohlener Ablehnung.
Gute Arbeit, Geo! So macht man seine Hausaufgaben.
Koka Szari Misonan als Vertreterin der Liga Freier Terraner übernahm die Einführung. Man setzte sich entlang einer Tafel, die nicht mehr als vierzig Personen Platz bot. 33 Sprecher, Adams, Misonan, Sheremdoc. Vier Plätze blieben frei. Wäre Perry Rhodan hier gewesen, er und ein paar Aktivatorträger hätten sie mit gewichtiger Stimme ausgefüllt.
Die Erste Terranerin stellte in nüchternen Worten dar, wie es zur momentanen Lage gekommen war. Adams' Situation als unschuldiges Opfer wurde herausgearbeitet; allerdings vergaß sie nicht zu erwähnen, dass der Hanse-Chef jede Mithilfe verweigerte.
Ein Süchtiger in dieser Position, so schloss Koka Szari Misonan, sei für die Menschheit nicht tragbar.
Homer G. Adams meldete sich zu Wort.
»Ich gebe zu«, sagte er, »dass ich ein Hamamesch-Produkt besitze. Ich trage es sogar bei mir. – Keine Angst, ich werde euch meinen Zwerg nicht zeigen. Er stellt für euch auch keine Bedrohung dar. Ich frage euch alle: Welche Untat wird mir eigentlich zur Last gelegt? Führe ich etwa die Hanse-Geschäfte schlecht? Bin ich zum Dieb geworden? Oder habe ich gegen die Interessen der Menschheit gehandelt?«
Schweigen.
Aber nur für eine Sekunde; dann nämlich sprach Geo Sheremdoc: »Wir erheben mehrere Vorwürfe, Homer, eigentlich ein ganzes Bündel. Erstens die Tatsache, dass du süchtig bist. Daran kann nicht gerüttelt werden. Eine süchtige Person stellt eine ständige, latente Gefahr für alle dar. Sie darf nicht das wichtigste Instrument unserer galaktischen Außenpolitik kontrollieren.«
»Die Hanse ist kein ›Instrument‹«, konterte Adams gelassen. »Sie dient nicht allein terranischen Interessen, sondern einer höheren Mission. Die Hanse wurde geschaffen, um in der Mächtigkeitsballung von ES Frieden und Verständigung zu schaffen. Der Handel ist nur ein Mittel zum Zweck.« Der Glatzkopf verzog keine Miene, obwohl der Treffer zweifellos gesessen hatte. Sheremdoc stand als engstirniger Nationalist da, Adams dagegen als Kosmopolit.
Aber auch das wird mir nicht helfen.
»Weitere Vorwürfe«, fuhr Sheremdoc unbeeindruckt fort: »Adams vernachlässigt seine Amtsgeschäfte sehr wohl. Nach der Mars-Krise befindet sich die solare Wirtschaft in einem historischen Tief. Man würde sich den Einsatz des Hanse-Chefs und besten Wirtschaftsexperten Tag und Nacht wünschen. Durch seinen Zellaktivator – und sein Geschick – wäre Adams zweifellos auch in der Lage dazu. Er wird allerdings maximal fünf oder sechs Stunden täglich an der Arbeit gesehen. Den Rest der Zeit verbringt er mit seinem Huyla-Zwerg.«
»Das ist eine Unterstellung«, wehrte sich Adams lahm.
Sheremdoc hatte natürlich Recht. Und die Sprecher, so zeigte ein Blick in die Runde, wussten es ebenfalls.
»Letzter und schwerster Vorwurf: Homer G. Adams hat in hinterlistiger Weise das Erscheinen von KOROMBACH im Solsystem herbeigeführt. Die LFT hatte jedoch ein absolutes Einflugverbot für Hamamesch-Basare in solares Hoheitsgebiet verhängt. In der Folge wurden zweieinhalb Milliarden Warenstücke im Solsystem verkauft. Wir haben also, rund geschätzt, mehr als zwei Milliarden Süchtige auf Terra und den anderen Planeten. Der Rest wurde auf befreundete Welten ausgeführt. Dafür trägt Adams die Verantwortung. Ich beantrage daher vor diesem Gremium, im STALHOF, als nichtstimmberechtigter Vertreter der Liga Freier Terraner, die Absetzung des Hanse-Chefs Homer G. Adams.«
Nun war es heraus.
Die Hanse-Sprecher debattierten eine ganze Weile. Stundenlang, mit jedem Für und Wider, das gefunden werden konnte. Adams schaltete sich nur noch pro forma ein, um den Anschein zu wahren.
Und am Ende eines langen Tages stand die Abstimmung.
Bei 34 stimmberechtigten Personen konnte es leicht zu einem Patt kommen. Die letzte, entscheidende Stimme stand in diesem Fall der Mondsyntronik NATHAN zu. Wenn er jedoch auf Enthaltungen oder andere Probleme gehofft hatte, sah sich Adams enttäuscht.
Sie verlangten nicht einmal Stimmzettel.
Am Ende stand ein klares 28 zu sechs gegen ihn. Die Abwahl wurde ausdrücklich als vorübergehend bezeichnet. Sie galt nur bis zu einem fiktiven Zeitpunkt, an dem er nach allgemeiner Meinung wieder befähigt war, die Amtsgeschäfte zu führen.
Die Ära Homer G. Adams endete ohne einen Paukenschlag, ohne Wehmut, als Teil eines Ränkespiels, dessen Ausmaß die Hanse-Sprecher zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht verstehen konnten.
Adams blieb lediglich im Raum, um der Vereidigung seines Nachfolgers beizuwohnen.
Welcher Hanse-Sprecher besaß genügend Format, um an seine Stelle zu treten? Eine lahme Debatte über Namen verlief ergebnislos im Sande. Adams sagte kein Wort, saß nur regungslos im Sessel und mühte sich, Betroffenheit zu heucheln. Streng genommen gehörte er nicht einmal mehr in den STALHOF; er war ja kein Sprecher mehr.
Am Ende brachten Koka Szari Misonan und NATHAN gemeinsam einen Vorschlag ein. Man hatte die Situation vorausgesehen und sich hinter den Kulissen längst geeinigt.
In diesem einen Fall musste Adams den Verantwortlichen taktisches Geschick bescheinigen. Der neue Hanse-Chef hieß – natürlich Geo Sheremdoc.
Der Glatzkopf würde nicht für Finanzen zuständig sein, so wie Adams vorher, sondern wie einst Perry Rhodan als eine Art Supervisor agieren. Sein Amt als LFT-Kommissar behielt er dennoch. Sollte sich Adams irgendwann als geheilt zurückmelden, war Sheremdoc automatisch zum Rücktritt verpflichtet.
Dass sie schon bis zum Hals im nächsten Problem steckten, hatten die Verantwortlichen noch nicht einmal erkannt. Sie dachten zu sehr an Trokan oder Perry Rhodan. Vielleicht brauchte es die Weitsicht eines potenziell Unsterblichen, wie Adams einer war.
Adams starrte den Glatzkopf mit den harten Zügen an, der die Gratulation seiner Hanse-Sprecher unbewegt entgegennahm.
Du wirst es schon machen, Geo. Sie mögen dich nicht, aber immerhin vertrauen sie dir.
Wenn man sich an einen der belebten Plätze Arkons stellte, wenn man einfach nur schaute und die Atmosphäre auf sich wirken ließ, konnte man nicht umhin, eine bedrückende Unsicherheit zu bemerken. Woran es lag, wusste anfangs niemand.
In Wahrheit waren es nur wenige Personen, die eine solche Stimmung verbreiteten. Aber sie griff auf alle anderen über.
Es konnte nicht am Wetter liegen, denn über der Hauptstadt lag strahlender Sonnenschein. Frühlingshoch. Eine Woche schon. Der Kristallpalast bot seinen monumentalen Anblick, wie immer seit Jahrtausenden. Und über den Trichterbauten der Peripherie lag stiller Friede.
Unter den Glasarkaden des Palastes schlenderte mit leerem Gesicht eine Frau, sprach mit niemandem, ließ sich weder von den Holoshows der Geschäfte noch von besonders schönen Blütenkübeln aufhalten.
Sie stellte sich an den Rand der Arkade.
Hätte jemand genauer hingesehen, wäre das Unglück vielleicht zu verhindern gewesen. Aber das war nicht der Fall. Da sie einen völlig normalen Eindruck machte, griff keiner der Roboter ein.
Die Frau sprang dreißig Meter in die Tiefe und zerschellte am Boden.
Dann erst erregte sie die verdiente Aufmerksamkeit; aber besonders fassungslos schien keiner. Es war wohl das, was die Leute im Augenblick erwarteten.
»Das Wunder ist versiegt«, tuschelten sie, während eine Staffel Roboter zum Aufräumen kam. »Was sollte sie machen? TIRARIM ist verschwunden.«
Und manche hofften insgeheim, dass es sie nicht treffen möge.
*
Einige tausend Lichtjahre weiter, auf dem Planeten Ertrus, verbreitete eine Horde rasender Kolosse unvorstellbares Chaos. Sie spürten, wie die Hamamesch-Warenstücke an Wirksamkeit verloren, dass von der alten Kraft nichts mehr bleiben würde.
Dies war das Schlimmste für Ertruser: mit aller Kraft nichts tun können, einem Schicksal ausgeliefert sein.
Es dauerte Stunden, bis die Kolosse gebändigt wurden.
Und aus der drangvollen Enge ihrer Hochenergiezellen forderten sie:
»Gebt uns neue Warenstücke! Wir halten es nicht aus. Wir können nicht ohne das Wunder leben.«
Einer starb an Herzversagen, für einen Ertruser ein ausgesprochen unwürdiger Tod. Alle anderen zeterten noch stundenlang. Mit der Kraft ihrer Stimmen brachten sie das halbe Gebäude zum Einsturz, bis die Wächter sie akustisch stumm schalteten.
Die ertrusische Regierung nahm das Vorkommnis durchaus ernst.
Eine Regierung, der das Volk etwas bedeutete, versuchte auch, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Hier war das jedoch ausgeschlossen. Sie verfügten eben nicht über Hamamesch-Waren, schon gar nicht über neuwertige.
Sogar eine Anfrage an Titan leiteten sie in die Wege. Dort, so wusste man in der ganzen Galaxis, forschte Boris Siankow am Zauber der Hamamesch.
Als es in der Milchstraße noch Basare gab, hatte Titan täglich Warnungen verbreitet. Jetzt sah es so aus, als stellte sich das alles als berechtigt heraus.
Aber Siankow und seine Leute hatten nicht die geringste Ahnung, wie den Ertrusern zu helfen war.
*
Selbst auf Sphinx, in der Tolot-Ballung, unter den Zentrumsvölkern oder im Rusuma-System, überall erfasste Panik die Träumer, die sich schon im Himmel gewähnt hatten.
Meldungen über Amokläufer kamen zuerst täglich herein, dann stündlich, und am Ende fanden sie nicht einmal mehr Eingang in die Nachrichten.
Eine Ausnahme stellte der wildgewordene Epsaler dar, der eine 30-Meter-Space-Jet kaperte. Da es sich um das Beiboot eines Kampfraumschiffs handelte, verfügte der Umweltangepasste nun über tödliche Waffen. Er forderte ultimativ ein frisches Hamamesch-Warenstück – oder er wollte seine Welt dem Erdboden gleichmachen.
Mit dem Retter aus dem Nichts, auf den mancher wohl gehofft hatte, wurde so nichts. Es fand sich keiner, dessen Schatz noch genügend Zauber ausstrahlte.
Als der Epsaler das hörte, drehte er durch.
Er schickte sich an, seine Drohung wahr zu machen. Mehrfach eröffnete er das Feuer auf Unschuldige, pulverisierte in seinem Wahn ganze Straßenzüge. Erst einem Kreuzer der Liga Freier Terraner, der zufällig an Ort und Stelle war, gelang es, das Beiboot abzuschießen.
Der Schaden war immens, die Nachricht von mehr als zweitausend Toten verbreitete sich in Windeseile über die halbe Galaxis. Ein sensationslüsternes Publikum saugte die Katastrophe wie Lebenselixier in sich auf.
Von dem Augenblick an wusste jedermann Bescheid: Die Hamamesch hatten Waren mit ausgesprochen kurzer Halbwertszeit geliefert.
18 Milliarden Süchtige in der Milchstraße wurden zu einem gewaltigen, nicht mehr lösbaren Problem.
*
»Sechs Wochen noch«, prophezeite Geo Sheremdoc recht düster. »Dann schwappt die Welle nach Terra über.«
»Ja«, stimmte Siankow zu, »so wird es wohl kommen.«
Spät genug hatten sie bemerkt, was vor sich ging. Rechtzeitig? Wer wollte das sagen, solange es so etwas wie eine Abwehr nirgendwo gab. Seiner Meinung nach hatte Adams die entsprechenden Nachrichten aus Magellan absichtlich blockiert. Sonst hätten sie die Warnsignale wesentlich früher gesehen. Den ehemaligen Hanse-Chef konnte man allerdings nicht mehr befragen, da niemand seinen Aufenthaltsort kannte.
Sheremdoc musterte den Wissenschaftler mit durchdringendem Blick. »Hör mal, Boris! Ich verlange von dir und deinen Leuten, dass ihr in sechs Wochen ein Gegenmittel präsentiert! Ich werde gewiss nicht zusehen, wie zwei Milliarden Irre durch die Straßen von Terra laufen.«
Siankow versuchte, dem bohrenden Blick standzuhalten. Das war gar nicht so einfach, wenn man einem Menschen von Sheremdocs Sorte gegenüberstand.
»Wie stellst du dir das vor?«, fragte er. »Wir haben ja nicht mal herausgefunden, was diesen ominösen Zauber ausmacht.«
»Arbeitet meinetwegen nachts. Oder in den Mittagspausen. Ist mir völlig gleich. Aber findet es heraus, bevor es zu spät ist. Es ist mir egal, was es kostet. Brauchst du Hilfe? Ich kidnappe dir persönlich jeden Wissenschaftler, den du willst. Und wenn es aus Andromeda ist.«
Hol mir lieber Myles Kantor, hätte Siankow fast gesagt.
Aber das stand auch nicht in Sheremdocs Macht. Kantor befand sich irgendwo an der Großen Leere, und der Himmel mochte wissen, was er da tat und ob er endlich auf dem Rückflug war.
»Du kannst mir glauben, Geo: Wir versuchen schon alles. Zaubern kann hier keiner. Keine Merlins, keine Waringers mehr. Du musst nehmen, was du kriegst.«
Geo Sheremdoc erhob sich ruckartig.
Er streckte drohend den Finger aus, zeigte auf Siankow und sagte: »Sechs Wochen. Vergiss es nicht.«
Mit diesen Worten verschwand der LFT-Kommissar und frisch gebackene Hanse-Chef. Siankow fragte sich, ob Sheremdoc nicht in zu kurzer Zeit zu hoch gestiegen war.
Aber das sollte im Augenblick nicht sein Problem sein.
Er dachte Tag und Nacht über das Problem der Hamamesch-Waren nach. Inzwischen kamen sie von überall her, die Süchtigen der Milchstraße, und suchten Hilfe auf dem Titan. Niemand konnte etwas für sie tun. Siankow gab sich auch keinerlei Mühe, ihnen Hoffnung zu machen.
Es waren auch Menschen von Terra dabei; solche, deren Warenstück zwar noch den alten Zauber hatte, die aber genau wussten, was ihnen in sechs Wochen blühte. Am Forschungsobjekt fehlte es den Wissenschaftlern nicht mehr. Nur noch an der Methode.
Hätte ich bloß einen Mutanten gehabt! Dann könnte er mir sagen, ob diese verdammten Stücke etwas ausstrahlen oder nicht.
Eine psionische Botschaft beispielsweise. Oder es war eine chemische Verunreinigung, die sie bloß nicht finden konnten. Vielleicht etwas vollkommen Abartiges, womit Menschen und Milchstraßenwesen niemals zu tun gehabt hatten.
Boris Siankow sah sich die fruchtlosen Versuche an. Und nach weiteren zwei Wochen entschied er, alle Kapazität auf eine einzige Karte zu setzen.
Psi-Wissenschaft steckte in der Milchstraße noch in engen Kinderschuhen. Es gab viele Bereiche, die niemals erforscht worden waren, unendliche Mengen brachliegender Frequenzen.
Für ihre Messgeräte präsentierte sich ein Hamamesch-Warenstück, auch eines mit vollständiger Ladung, als totes Stück Materie. Was aber, wenn die Messungen zu grob ausfielen? Wenn irgendwo, in irgendeinem verborgenen Band, doch irgendetwas existierte?
Siankows Plan sah vor, den Psi-Bereich in Hunderttausende kleinster Abschnitte zu zerlegen. Jeder Abschnitt wurde durch eine Kennziffer belegt. Und jedes Wissenschaftler-Team, vorzugsweise die immunen Blues, erhielt den Auftrag, ein bestimmtes Ziffernbündel in engsten Grenzen auszumessen.
Auf diese Weise blockierte er über einen Zeitraum von drei Monaten sämtliche freien Kapazitäten des Forschungszentrums Titan.
Sollte Sheremdoc doch kommen; er würde ihm schon klarmachen, dass es keine andere Möglichkeit gab.
*
Die Harfner-Drillinge stammten vom Planeten Preut, auf dem durch eine Laune der Natur hauptsächlich Zwillings- und Drillingsgeburten stattfanden. Sie waren froh und glücklich darüber, hatte doch jeder im Leben immer zwei, die zwar nicht seine Freunde waren, aber zu ihm standen.
Strebsame Naturen waren sie, die früh zu relativem Wohlstand gelangten. Das war auch der Grund, weshalb sich alle drei auf der Springerwelt Archetz im Rusuma-System ansiedelten. Von dort aus waren sie in der Lage, ihre Geschäfte optimal zu verfolgen.
Als überall in der Milchstraße die Hamamesch-Waren auftauchten, überlegten sie nicht lange. Da gab es etwas, das ihrem Dasein neuen Sinn verlieh – also kauften sie es. Und wurden eine ganze Weile wirklich glücklich, wie sie zufrieden registrierten. So etwas hatten die Harfners niemals erlebt; um keinen Preis der Welt hätten sie es missen mögen.
Eines Tages aber ließ der Zauber nach.
Sneda Harfner, die Frau unter den Drillingen, merkte es als Erste. Sie war die Klügste und die Mutigste, und sie lebte überhaupt am intensivsten. Ihre beiden männlichen Geschwister vermochten ihr das Wasser nicht zu reichen.
Zum ersten Mal im Leben hatte Sneda nun den Nachteil. Während ihre Brüder unruhig zusahen, litt sie bereits. Als die beiden dasselbe Stadium erreichten, hatte sie bereits den ersten Nervenzusammenbruch hinter sich.
Sneda Harfner war kein Typ, der Amok gelaufen wäre. Stattdessen hielt sie aufmerksam die Augen offen – so gut sie es noch konnte; mit feinen Antennen für jede Lösungsmöglichkeit, die sich eventuell anbot.
Mit jedem Tag erlitt die Wirtschaft von Archetz weitere Schäden. Hätte das Konzil der Patriarchen den geringsten Ausweg gesehen, sie hätten ihn weit geöffnet.
In früheren Zeiten wäre man vielleicht radikaler vorgegangen. Man hätte die Süchtigen zusammengetrieben und »von ihrem Leiden erlöst«. Im Sturm der Desintegratorgewehre. Viele Springer waren so gewesen, besonders auf den Siedlungswelten. Oder sie hätten alle Süchtigen zusammengepackt und auf einer einsamen Welt ausgesetzt.
Heute dagegen, in einer verflochtenen Milchstraße, war das nicht mehr möglich. Auch die Springer erkannten humanitäre Verpflichtungen an.
Sneda hörte sich in den Raumhafenkneipen von Archetz um. Natürlich gab es viele, die das taten, denn gerade die Zentralwelt der Springer litt sehr unter der Masse der Süchtigen. Aber eines Tages hörte sie etwas. Die Sache lief unter der Bezeichnung »Frosterstöcke«. Angeblich handelte es sich um Kryogenkammern, in denen sich Süchtige bis zur Lösung ihres Problems einfrieren lassen konnten.
Eigentlich eine uralte, todsichere Methode, dachte sie, bei der nichts schief gehen kann.
Sie suchte ihre Geschwister auf, die sich in wirklich erbärmlichem Zustand befanden, und erzählte ihnen von der Idee. Zuerst erfolglos: Den Harfner-Drillingen gefiel vor allem die Vorstellung nicht, ihre Geschäfte auf unbestimmte Zeit zu verlassen. Immerhin konnte das Ganze Monate, wenn nicht Jahre dauern.
Aber mit zunehmend schlechterer Verfassung schmolz auch der Widerstand dahin.
Sneda stellte über die Raumhafenbars Kontakte her. Ganz legal war die Sache nicht, weil man keinerlei Forschungsergebnisse hatte. Vertrugen sich die Frosterstöcke wirklich mit der unbekannten Form von Sucht, die die Hamamesch-Warenstücke erzeugten?
Immerhin eine Möglichkeit. Worüber denken wir eigentlich nach?
Die Harfner-Drillinge machten eine Hälfte ihrer Geschäfte zu Geld, um die Frosterstöcke zu bezahlen; eine horrende Summe, aber unabänderlich. Langes Leiden kam für die Harfners nicht in Frage. Der Rest blieb unter der Obhut eines Vermögensverwalters zurück.
Sie fanden sich an einem privaten Transmitteranschluss ein, über dessen Gegenstelle sie nichts Genaues erfuhren. Die Bedienungsmannschaft machte nicht den besten Eindruck. Aber keinem der drei kam auch nur eine Sekunde lang der Verdacht, man wolle womöglich an ihrem Elend verdienen.
Die Gegenstation lag offenbar immer noch auf Archetz, da sich weder Luft noch Gravitation veränderten. In einem Tal erstreckte sich eine lange, hässliche Reihe von Plastikgebäuden.
In aller Eile hochgezogen.
»Geht da runter!«, befahl jemand. Es war ein vierschrötiger Springer, den Sneda auf Anhieb nicht leiden konnte. »Andere wollen auch noch.«
Die Drillinge folgten zu Fuß dem Wanderpfad ins Tal, in den Händen ihre Reisetaschen, die Chips mit ihrem Guthaben fest umklammert. Sie waren Teil einer langen, strömenden Prozession. All die gebeugten Gestalten, von Qualen gezeichnet – sie boten das gespenstische Bild eines Sträflingszugs.
Das Geld gaben sie an der Pforte ab.
Jemand führte sie tief ins Gebäude, entlang an endlosen Reihen dunkler, von Raureif bedeckter Särge. Durch die gläsernen Deckel konnte man ins Innere sehen. Da lagen sie, die Süchtigen, von ihrem Leid erlöst, wartend auf ein Zeitalter der Heilung und des unbeschwerten Lebens.
Die Harfners hatten keine Zweifel mehr.
Sneda war die Erste, die in ihren Behälter stieg. Sie lächelte ihren Brüdern gezwungen zu. Denn trotz aller Hoffnung blieb die Sucht im Innersten, die nach dem Zauber der Hamamesch verlangte, die jede Sekunde wühlte.
Der Deckel schnappte ein. Von diesem Moment an hätte sie nichts mehr dagegen tun können, selbst wenn es ihre Absicht gewesen wäre.
Durch die Sargwände konnte sie ihre Brüder ganz verwaschen sehen. Ein kalter Hauch war das Letzte, was sie noch empfand.
Wir sehen uns wieder. Vielleicht ... in einem halben Jahr.
*
Die kleine gelbe Sonne wäre jemandem wie Teaser Kroom niemals aufgefallen, wenn die Admiralin ihr Schiff nicht ausgerechnet dort aus dem Hyperraum gesteuert hätte.
Sie war eine Frau von 75 Jahren. Mittelgroß, strenges Gesicht, kupferbraunes kurzes Haar. Und das Wichtigste, was ihm auffiel: Stomal Zystaan roch falsch. Teaser spürte, dass er ihr nicht trauen konnte.
In seinem Schädel aber wurde das Gehirn nach außen gedreht, weil das Schläfenband keinen Zauber mehr besaß. Schmerzen überall, alles andere nicht mehr wichtig. Er hatte keine andere Wahl, als den eingeschlagenen Weg bis zum Ende zu gehen.
An Bord der GREP befanden sich 3100 Personen.
Gyrengo hatte ihn in einer stillen Stunde herumgeführt. Von dem Tomopaten wusste er, dass sie alle eine Hamamesch-Ware besessen hatten, die Admiralin eingeschlossen. Und keines dieser Stücke funktionierte mehr.
Mehrfach konnte er Streit beobachten. Zwei Frauen töteten sich beinahe gegenseitig, weil sie sich nicht einigen konnten, wessen Wache zuerst begann.
Ihnen fehlte der Zauber.
Wäre er nicht ein so ängstlicher Kerl gewesen, Teaser hätte es genauso gemacht wie sie. Dann hätte er wenigstens ein Ventil gehabt.
Die Abgründe menschlicher Seelen – hier treten sie zutage. Eine Besatzung von Verzweifelten. Zu allem bereit, wenn es nur die Admiralin sagt.
Stomal Zystaan schien trotz aller Schwierigkeiten in Gedanken klar. Sie hatte irgendeinen Plan, von dem die Besatzungsmitglieder nur kleine Ausschnitte erfuhren. Man musste ihr einfach trauen. Sie versprach jedem Einzelnen an Bord, dass er von der Sehnsucht geheilt werde; am Ende des Weges stünde neuer Zauber für sie alle.
Warte nur, Maschinenmensch. Wir stehlen 450 arkonidische Raumschiffe! Und dich – dich brauche ich dazu.
Allerdings war Teaser Kroom mit den Leuten, die den Plan verwirklichen sollten, alles andere als einverstanden. Es sah aus, als habe die Admiralin sich ihre Mannschaft aus allen Verbrechernestern der Galaxis zusammengesucht.
»Du wirst mit ihnen arbeiten«, sagte Gyrengo einmal. »So, wie ich es tue.«
Der Tomopat betrachtete Teaser von seinem einbeinigen Standplatz aus. Unter dem analytischen Blick schrumpfte Teaser immer mehr. Ein Charakter wie er war leicht einzuschüchtern.
»Aber ... aber du bist der Einzige an Bord, der nie mit Hamamesch zu tun hatte«, sagte Teaser. »Der Einzige, der nicht süchtig ist. Was willst du unter den Halsabschneidern?«
»Wer weiß? Aufpassen, dass ein bisschen Menschlichkeit übrig bleibt? Das verstehst du nicht. Du bist nicht klug genug.«
Teaser nahm das nicht als Beleidigung. Gyrengo hatte leider Recht.
»Hat es damit zu tun, dass du der Admiralin gehörst?«
Gyrengo lachte und zupfte an seiner Zwangsjacke, als ob er sie loswerden wollte.
Dabei hätte er nur Teaser zu bitten brauchen. Aber das tat der Tomopat nicht.
»Ich gehöre Stomal Zystaan«, sagte Gyrengo plötzlich. »Und wenn es einmal nicht mehr so ist, dann werde ich sie töten. Sie war es, die mich von Tomot entführte. Die mir mein Volk geraubt hat ... Heute kreist in meinen Adern ein Medikament. Sie hat es mir gegeben, als ich bewusstlos war. Wenn ich nicht alle 27 Stunden das Gegengift erhalte, bin ich sofort tot. Sie ist die Einzige, die das Gegengift kennt und besitzt, und damit erpresst sie mich. Aber ich bin auch ein guter Killer. Ich kann warten.«
Teaser schwieg schockiert.
Er hätte nicht gedacht, dass die Admiralin so grausam war. Eigentlich waren sie es beide, der Tomopat genauso.
Verzweifelt ließ er sich in einen Sessel sinken, derweil die gelbe Sonne zu einer großen Scheibe anwuchs.
Im Schiff machte sich alles bereit zum Himmelfahrtskommando. Die Admiralin dirigierte in Feldherrenpose ihre Führungskräfte. Teaser fürchtete sie immer mehr.
»Habt ihr Tomopaten keinen Himmel?«, fragte er. »Irgendwas, wo ihr hingeht, wenn ihr sterbt?«
»Nein«, antwortete Gyrengo. Er hatte wieder diesen unendlich traurigen Gesichtsausdruck. »Wenn ich sterbe, dann ist es für alle Zeiten. Das Hier und Heute ist alles, was ich besitze. Stomal Zystaan lässt mir wenigstens das, weil sie mich braucht.«
Teaser Kroom entdeckte auf den Orterschirmen einen Asteroiden. Der mondgroße Brocken kreiste um die gelbe Sonne. Mehrere Monitore zeigten an, dass der Asteroid ausgehöhlt und voller energetischer Aktivitäten war.
Aufmerksam horchte Teaser in sich hinein. Da war etwas ... eine Rückkopplung oder so, die ihm anzeigte, dass sie sich zivilisierten Gebieten näherten.
»Und was ist mit dir? Haben Maschinenmenschen einen Platz für die Toten?«
Was für ein sarkastischer Ton.
Teaser schreckte auf. Er hätte beinahe die Schalt- und Schwingungskreise spüren können; die unendlichen Möglichkeiten, einzugreifen und zu manipulieren.
Trotz der Entfernung.
»Das weiß ich nicht«, murmelte Teaser. »Vielleicht haben die Hamamesch mir die Seele genommen. Dann ist auch für mich alles vorbei.«
Gyrengo tat wieder das, was er am liebsten tat. Er trank Kaffee, kochend heiß und mit dem linken Fuß. Dabei wuchs von draußen die Gefahr.
Im Inneren des Asteroiden befand sich eine arkonidische Raumschiffswerft. Nach Stomal Zystaans Angaben wurden dort moderne, schwer bewaffnete Einheiten gebaut. Ein akonischer Kreuzer, der ausgerechnet hier auftauchte, stellte ein natürliches Sicherheitsrisiko dar.
Wachraumschiffe gab es in diesem Sektor keine. Der Werftstandort galt als absolut geheim; Stomal Zystaan wusste nur deswegen Bescheid, weil sie als ehemalige Admiralin die Dossiers der Nachrichtendienste kannte.
Zum Schutz der Werft dienten schwerste Geschütze.
Normalerweise reichte das völlig aus. Nur dann nicht, wenn ein Angreifer unter die Geschütze kam.
Die Admiralin ließ die vorbereiteten Sprengsätze zünden. Detonationen erschütterten das Schiff, das sich auf diese Weise in ein manövrierunfähiges Wrack verwandelte. Man würde es nicht mehr brauchen. Im selben Augenblick fing die GREP an, Notsignale auszusenden.
»Zystaan an unbekannte Station. Erbitte Hilfe aus Triebwerksschaden! Für meine Besatzung besteht Lebensgefahr!«
Im doppelten Sinn war das nicht einmal gelogen. Überall zwängten sich Akonen und andere Angehörige anderer Völker in Kampfanzüge. Sie prüften ihre Thermowaffen, checkten die Funkverbindungen ab, sprachen viel und aufgeregt.
Nur Gyrengo dachte nicht daran, sich zu beteiligen.
»Du bleibst an Bord?«, fragte Teaser.
»Aber nein.«
»Dann gehst du ohne Raumanzug?«
»Ja. Ich habe ja meinen Ghyrd.«
Teaser wurde ein Anzug zugeworfen. Er überlegte nicht lange und streifte sich das Ding über. Wo war er hineingeraten? Dabei wusste er nicht einmal, wozu man einen Maschinenmenschen brauchen konnte.
»Station VESLAN an GREP: Landeerlaubnis erteilt.«
*
Patriarch Brolmon war jederzeit für ein gutes Geschäft zu haben. Er rühmte sich, über ungefähr die beste Geldnase diesseits des Zentrumskerns zu verfügen. Deshalb klingelten in seinem Kopf sämtliche Glocken, als er drei Frauen und vier Männer die Antigravrampe emporschweben sah.
Von hier aus hatte man einen weiten Blick über den Planeten. Eine reiche Stadt, im Howalgoniumrausch hochgezogen, voller Paläste, die den ehemaligen Prospektoren gehörten. So sah es überall auf Filium aus. Mit genügend Geld konnte man selbst im letzten Sumpftümpel ein Paradies einrichten.
Die vielen Privatgleiter, die man über den Lagunen sah, galten als sichtbares Zeichen von Wohlstand.
Brolmon zog sich hastig in die Zentrale seines Schiffes zurück. Dort, in der Sicherheit des Kommandosessels, gab er sich alle Mühe, einen gelangweilten Eindruck zu erwecken.
Zwei Söhne des Patriarchen führten die Besucher herein. Es handelte sich um ausgesprochen wohlerzogene, höfliche Personen.
Terranerabkömmlinge.
Eine der Frauen stellte sich vor: »Patriarch Brolmon, mein Name ist Indra. Ich bin die Vorsteherin der Prospektoren. Und ich habe einen Vorschlag für dich.«
Vorsteherin, so erinnerte er sich, bedeutete auf Filium so etwas wie »Chefin der Regierung«. Als traditionsbewusster Springer war er zwar der Ansicht, dass Frauen solche Posten nicht bekleiden sollten; aber andere Welten, andere Sitten. Schließlich kam es auf die Qualitäten eines Wesens an, nicht auf sein Geschlecht. Und ganz besonders nicht, wenn es um Geschäfte ging.
Brolmon ließ die Besucher einige Zeit stehen, ehe er ihnen Sessel anbot. Das gehörte zu seiner Verhandlungsstrategie.
»Was für ein Vorschlag ist das?«
»Es handelt sich um einen Transportauftrag.«
»Transport, Transport ... Es könnte durchaus sein, dass ihr richtig seid. Die BROLMON XXI ist ein absolut fernflugtaugliches Walzenschiff. Überlichtfaktor 62 Millionen. Wir haben Paratrons und Kühlkammern. Besser seid ihr wahrscheinlich nirgendwo aufgehoben. Egal, ob es schnell oder komfortabel sein soll.«
Indra lächelte seltsam. »Beides«, sagte sie. »Die Fracht besteht aus Menschen. Sie müssen so schnell wie möglich ans Ziel.«
»Aber Qualität hat seinen Preis.«
»Wir sind bereit, jeden Preis zu zahlen.«
Bestens. Also kommen wir zum Wesentlichen.
»Und ... um welches Ziel handelt sich's? Wie weit ist es entfernt?«
»118 Millionen Lichtjahre«, antwortete die Frau trocken.
Patriarch Brolmon glaubte, sich verhört zu haben, und musste wohl ein entsprechendes Gesicht gemacht haben. Denn Indra fügte hinzu:
»Die Fracht besteht aus Menschen. 345 Personen von Filium, die so schnell wie möglich Hamamesch-Waren benötigen. Das Ziel heißt Hirdobaan. Wie sieht es aus, Brolmon? Hast du Interesse?«
Man musste dem Patriarchen zugute halten, dass er sich blitzschnell wieder fasste – gemessen an den Worten, die er zu verdauen hatte.
»Interesse?«, fragte er dumpf. »Nun, das ist alles eine Frage des Preises. Die BROLMON XXI schafft die Strecke auf jeden Fall.«
Indra streckte ihm die Hand hin.
Die Blues-Wissenschaftler unter Ayolü Metül verbissen sich in die Arbeit, waren Tag und Nacht in den Labors anzutreffen. Manches Mal musste Siankow ihren Eifer gewaltsam bremsen, indem er Bettruhe befahl. Er wusste genau, dass die blues'sche Physiologie einen stetig überhöhten Arbeitseinsatz nicht zuließ.
Sheremdoc erzählte er von solchen Aktivitäten nichts. Der LFT-Kommissar und Hanse-Chef fragte beinahe täglich an, wie es mit Ergebnissen aussah. Und Siankow unterbreitete ihm Fehlanzeigen in schöner Regelmäßigkeit.
