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Gegen Ende des Jahres 1289 Neuer Galaktischer Zeitrechnung - entspricht dem Jahr 4876 christlicher Zeit - werden Perry Rhodan und die Menschheit immer stärker in gefährliche Aktivitäten kosmischer Mächte verwickelt. Eine dieser Mächte ist die Koalition Thoregon, die sich für Frieden einsetzt und von einem bislang unbekannten Gegner bedroht wird. Dieser Gegner bedient sich eines Handlangers, der sich Shabazza nennt. Ihm haben die Terraner die verheerenden Ereignisse der letzten Zeit zu "verdanken", er wurde zudem in anderen Galaxien aktiv. Perry Rhodan, der Zugang zur mysteriösen Brücke in die Unendlichkeit erhalten hat, wird zu einem wichtigen Teil dieses intergalaktischen Konflikts. Es wird noch klarer, als ihn ein sogenannter Heliote zum Sechsten Bote von Thoregon ernennt ...
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Seitenzahl: 6682
Veröffentlichungsjahr: 2014
Nr. 1900
Thoregon
Perry Rhodans Bestimmung – und ein neuer Weg für die Menschheit
von Robert Feldhoff
Gegen Ende des Jahres 1289 Neuer Galaktischer Zeitrechnung – entspricht dem Jahr 4876 christlicher Zeit – kristallisiert sich immer stärker heraus, dass Perry Rhodan und die Menschheit erneut in gefährliche Aktivitäten kosmischer Mächte verwickelt werden. Eine dieser Mächte ist die Koalition Thoregon, die sich für Frieden einsetzt und von einem bislang unbekannten Gegner bedroht wird.
Dieser Gegner bedient sich eines Handlangers, der sich Shabazza nennt. Ihm haben die Terraner die verheerenden Ereignisse der letzten Zeit zu »verdanken«. Shabazza regte die Invasion der Tolkander an, die in der Milchstraße 52 Planeten entvölkerten und Milliarden von intelligenten Wesen töteten. Und er sorgte ebenfalls dafür, dass die Heliotischen Bollwerke explodierten, Menschen von der Erde in andere Galaxien geschleudert wurden und im Gegenzug die barbarischen Dscherro die Hauptstadt Terrania angriffen.
In anderen Galaxien, die zu Thoregon gehören, wurde Shabazza ebenfalls aktiv. Seine Manipulationen brachten Krieg und Verwüstung über die Heimat der Galornen, der von ihm geschickte Chaosmacher bedrohte das System der Nonggo, und das Volk der Baolin-Nda wurde durch Todesimpulse nahezu ausgelöscht.
Perry Rhodan, der Zugang zur mysteriösen Brücke in die Unendlichkeit erhalten hatte, wurde fast zufällig in diesen Konflikt hineingezogen. Gleichzeitig aber scheint der Terraner mehr mit den Ereignissen zu tun haben, als er im Voraus ahnen konnte.
Aus diesem Grund stießen Perry Rhodan und seine Begleiter in den sogenannten Deltaraum vor – und dort erhofft er sich Antwort auf viele Fragen zu THOREGON ...
Perry Rhodan – Der Terraner erfährt mehr über die Koalition Thoregon.
Der Heliote – Ein Wesen aus Licht enthüllt uralte Geheimnisse.
Autrach – Der Hochtechniker der Baolin-Nda erkennt die Wahrheit.
Temperou – Das Gewissen der Baolin-Nda beeinflusst die Geschichte.
Cairol
Terraner (1)
Ein Kennzeichen des Menschen ist, stets nach Höherem zu streben. Dem Menschen fehlt die Fähigkeit, bescheiden zu sein – so heißt es.
Das 13. Jahrhundert NGZ geht jedoch in die Geschichte ein als das Jahrhundert, in dem der Mensch aufhörte, nach oben zu schauen. Eine Weiterentwicklung im kosmologischen Sinn schien der Menschheit nicht mehr erstrebenswert.
Statt vorauszublicken, schauten die Terraner seitwärts. Den Soziologen gilt dies als eine der wohl wichtigsten Leistungen seit dem Aufbruch ins Weltall.
(Aus: »Hoschpians unautorisierte Chronik des 13. Jahrhunderts NGZ«; Kapitel 1.1.1. Einleitung)
»... tu's bitte nicht, Perry!«
»So nimm doch Vernunft an! Wir geben dir wenigstens einen Kampfroboter mit!«
»Du begehst einen tödlichen Fehler, wenn ...«
»Ein Witz! Will er vielleicht nur einen Witz machen?«
Der hochgewachsene, charismatische Terraner, der ohne eine Regung vor den Hologrammen stand, nahm von den aufgeregten Stimmen keine Notiz.
Er war in der Lage, Wichtiges und Unwichtiges voneinander zu trennen. Die Stimmen waren zweifellos unwichtig. Statt dessen nahm er mit all seinen Sinnen einen bedeutsamen Vorgang in sich auf.
Perry Rhodan blickte auf ein rätselhaftes Objekt, das vor ihm durch den Weltraum trieb. Es war ein sogenannter Pilzdom. Bei seinem Anblick fühlte sich Rhodan an eine riesenhaft vergrößerte Patronenhülse erinnert, obwohl die Ähnlichkeit aufgrund der schmalen Pilzkrempe nur entfernt bestand.
Der Dom fungierte als Zugangstor zur Brücke in die Unendlichkeit. Über die Brücke konnte man in kürzester Zeit mindestens zwanzig verschiedene Orte im Universum erreichen: die wichtigsten Zentren der Koalition Thoregon, jedes einzelne durch Millionen Lichtjahre vom anderen getrennt. Die Brücke in die Unendlichkeit stellte eines der Herzstücke von Thoregon dar.
Wie es zu erklären war, hätte er im Nachhinein nicht sagen können, doch er war sicher, dass der Pilzdom nach ihm rief.
»Es wird dich vielleicht das Leben kosten!«
»... du weißt doch nicht mal, ob ...«
»Dieser Terraner ist ja nicht mehr Herr seiner selbst!«
Rhodan begann, seinen blauen Raumanzug überzustreifen. Das Kleidungsstück, dem auf geheimnisvolle Weise eine eigene Persönlichkeit innewohnte, schmiegte sich wie angegossen an seinen Körper. Es war der mächtigste Anzug, den er jemals besessen hatte; ein Geschenk aus einer fernen Galaxis, vom uralten Volk der Galornen. Rhodan wusste, dass er ihn niemals für unrechte Zwecke verwenden durfte. Das hätte der Anzug nicht zugelassen.
»Du bist ein verdammter Starrkopf, Perry!«
»... ich bin nicht mal sicher, ob er uns noch zuhört ...«
Das obere Drittel des Doms pulsierte in einem intensiven silbernen Licht. Perry Rhodan fühlte, dass das Phänomen mit seiner Anwesenheit in Zusammenhang stand.
Der Ruf in seinem Innersten war so laut, dass er nicht mehr weghören konnte.
Mit hölzern wirkenden Bewegungen verließ er die Zentrale. Er schenkte den Worten, die ihm zugeflüstert wurden, keine Beachtung. Hände griffen nach ihm, doch er schüttelte sie ohne Mühe ab. Was seine Begleiter ihm mitteilten, drang nicht mehr bis zu Rhodan durch. Durch die Korridore des Raumschiffs KAURRANG bewegte er sich zum Heck.
Niemand folgte ihm. Seine Freunde wussten genau, dass sie ihn nicht festhalten konnten, solange er den blauen Anzug trug. Er trat in die Schleuse und wartete, bis die Atemluft aus der Kammer abgepumpt war. Dann erst öffnete er die Schotten, die nach draußen führten.
Rhodan trieb in den freien Raum hinaus. Mit dem Anzugtriebwerk beschleunigte er auf fünfzig Stundenkilometer.
Für ihn existierte nur noch der Pilzdom, wenige hundert Meter entfernt, die Antwort auf alle Fragen.
Eine verzweifelte Suche lag hinter ihm – auf den Spuren der Koalition, die eine unbekannte Zahl von Galaxien umspannte und deren Schicksal nun auch die Menschheit in einen Strudel zog. Vor ihm lag eine Möglichkeit, den Hintergrund einer Flut von Ereignissen aufzudecken. Er würde die Chance in jedem Fall nutzen.
Seine Augen brannten, so intensiv war das silberne Licht. Dennoch starrte er in den Mittelpunkt, direkt auf die Stelle, an der die Helligkeit am größten schien.
Rhodan bremste den Anzug ab. Er nahm eine Position relativer Bewegungslosigkeit ein.
Mit unnatürlicher Schärfe im Blick sah er eine kugelförmige Kontur aus dem Pilzdom dringen. Die Kugel war anscheinend nicht besonders groß. Sie strahlte dasselbe silberne Licht aus wie der Pilzdom.
Als sich das Objekt vollständig aus der Wandung gelöst hatte, hörte der Dom zu pulsieren auf.
Statt dessen driftete das nur einen Meter durchmessende Objekt auf Perry Rhodan zu. Die Schwerelosigkeit und das Vakuum machten ihm offensichtlich nicht das geringste aus.
Der Terraner spürte, dass die Kugel lebte.
Sie war sehr viel mehr als nur ein Lichtball. Ihre Anwesenheit erfüllte das All mit einem Zauber. Niemals vorher hatte Perry Rhodan so etwas wahrgenommen, obwohl er mehr erlebt hatte als jeder andere Mensch.
Er wusste, dass es sich um einen Helioten handelte, einen jener mysteriösen Gesandten von Thoregon, die kaum ein Wesen jemals mit eigenen Augen gesehen hatte. Er selbst hatte bisher nur von ihnen gehört.
Immer näher rückte die Kugel. Wenige Sekunden später schrumpfte der Abstand auf Null. Perry Rhodan streckte die Hände aus, und seine Fingerspitzen drangen in das Leuchten ein.
Einen Moment lang grübelte er nach, wie der Vorgang für seine Freunde im Raumschiff KAURRANG aussehen mochte. Er hoffte, dass sie jetzt nicht die Nerven verloren.
»Du ... bist ... Perry Rhodan!« Er hörte die Worte in seinem Kopf, als mentale Stimme von beeindruckender Wucht. »Ich wurde geschickt, um dich zu suchen.«
Nur noch ich und der Heliote, überlegte Rhodan. Die Natur der Kugel war friedlich. Im moralischen Sinn fühlte er sich dem silbernen, scheinbar körperlosen Wesen unterlegen. Das Gefühl war nicht sehr angenehm.
»Du wurdest geschickt?«, hörte Rhodan sich fragen. Seine Stimme klang im Inneren des blauen Anzuges dumpf. »Wer hat dich geschickt? Und aus welchem Grund?«
»In dieser Region des Universums vertrete ich den Rat von Thoregon«, antwortete der Heliote. »Es ist meine Aufgabe, bestimmte Weichen zu stellen. Deine Person ist hinter dem Proto-Tor durchaus bekannt. Für den Rat bist du ein wichtiges Lebewesen, ein beachtlicher Faktor im Überlebenskampf der Koalition.«
Die Antwort war nicht sehr präzise. Rhodan glaubte jedoch, dass der Heliote gekommen war, um ihn in einer noch unbekannten Form für Thoregon zu rekrutieren.
Trotz der positiven Gefühle, die der Heliote verströmte, bewahrte der Terraner sein Misstrauen. Er war nicht sicher, was nun geschehen sollte.
»Ich habe viele Fragen zu stellen«, formulierte Rhodan. »Und ich habe Forderungen an dich. Ich wünschte, du wärest früher aufgetaucht. Wir hätten uns viel Ärger erspart.«
Die silberne Kugel gab zurück: »Diese Dinge kannst du nicht beurteilen, Perry Rhodan. Helioten werden oft Hunderte von Jahren nicht tätig. Dann kommen sie aus dem Proto-Tor hervor, sie gehen über die Brücke in die Unendlichkeit und ernennen einen neuen Boten von Thoregon. Heute ist so ein Tag. Thoregon befindet sich in großer Gefahr. Es ist nicht die Zeit für Vorwürfe.«
»Wen willst du zu einem neuen Boten ernennen?«, fragte Rhodan, obwohl er die Antwort bereits zu kennen glaubte.
Stille.
»Thoregon – was bedeutet das? Was verbirgt sich hinter dem Rat von Thoregon? Wer sind die Ratsmitglieder?«
Keine Antwort.
Nach einer Weile sagte der Heliote jedoch: »Ich werde diese Fragen nicht gleich beantworten, Perry Rhodan. Statt dessen biete ich dir etwas anderes. Ich gewähre dir einen Einblick in die Geschichte der Koalition. Genauer gesagt, ich werde dir etwas über die Entstehung von Thoregon erzählen.
Meine Geschichte beginnt mit einem Gewissen. Du glaubst vielleicht, dass ein Gewissen im kosmischen Zusammenhang keine Rolle spielen sollte, aber dieses hier spielte eine.
Vor hunderttausend Jahren ... Perry Rhodan, hör mir zu!«
Heliotische Geschichten (1)
Countdown: minus 100.000 Jahre
Sonnentage waren auf dem Planeten Onzhous nicht sehr häufig. Insofern konnte es als glückliche Fügung gelten, dass der Hochtechniker der Baolin-Nda an einem Sonnentag starb.
Autrach erfuhr am Abend desselben Tages, dass er der neue Hochtechniker seines Volkes sein würde.
Sein Schloss befand sich am Fuß eines Hügels, wenige Kilometer außerhalb der Stadt. Artgenossen aus der Technostadt kamen selten hierher. Noch hatte er mit keinem Baolin-Nda ein Wort gewechselt, seit der Hochtechniker gestorben war. Für Autrach hatte das den Vorteil, dass er in Ruhe überlegen konnte.
Er blickte in den tiefroten, strahlenden Ball der untergehenden Sonne. Hochtechniker der Baolin-Nda. In diesem Teil des Universums, mindestens in der Galaxis Norgan-Tur, bedeutete der Titel eine große Verantwortung.
»Du wirst keine andere Wahl haben«, erinnerte ihn sein Gehilfe, ein Roboter namens Diener-17. »Du kannst den Letzten Willen des Toten nicht ignorieren.«
Lautlos hatte er sich der Veranda genähert. Diener-17 war der einzige, der Autrachs Einsamkeit im Schloss am Hang teilte. Seine sechzehn Vorgänger hatte Autrach als fehlerhaft erkannt und demontiert, nur nicht Diener-17. Das einzige, was ihm in seiner Makellosigkeit zu fehlen schien, war eine Seele. Aber eine Seele konnten ihm sämtliche Hochtechniker aller Zeiten nicht geben.
»Du hast recht«, bekundete Autrach nach einer Weile, »das weiß ich wohl. Aber ich wünschte ... Ach, ich will diese Verantwortung nicht haben!«
Er wusste, dass er sein Leben nun ändern musste. In Zukunft würde er nur noch für sein Volk und für die Mächte der Ordnung leben.
Als die Dämmerung den Strahlenkranz der Korona verschluckt hatte, akzeptierte Autrach die Wahl. In der Nacht bestieg er seinen Gleiter. Der Abschied fiel ihm schwer. Er hatte nicht mehr das Recht, ein Einsiedler zu sein, sondern musste seinem Volk nahe sein. Das war nur möglich, indem er mit den anderen in der Technostadt wohnte.
Auf der Veranda sah er Diener-17 stehen. Der Roboter diente ihm als Symbol einer kleinen, perfekten Maschinenwelt, die er hinter sich zurückließ.
Dann löste er den Selbstvernichtungsmechanismus aus. Er wollte nicht, dass sein Schloss für Jahrtausende leer stand und verfiel.
Autrach winkte dem sterbenden Roboter mit einem wehmütigen Gefühl zu. Aus den Fundamenten brach ein Vulkan, der zunächst die unteren Stockwerke, dann auch Diener-17 und die Zinnen des Gebäudes fraß.
*
Autrach überquerte die Hügelkette, die ihn von der Technostadt trennte, und steuerte über die schwebenden Schlösser des Randbezirks hinweg. Die Stadt war ein Meer aus Silber, eine schimmernde Insel in der Dunkelheit. Einige zigtausend Flugobjekte erfüllten den Himmel. Autrach fühlte sich an einen Insektenschwarm erinnert, nur dass diese Insekten aus Metall bestanden und ihre Position mit blinkenden Dioden anzeigten.
Sein Ziel war das Zentrum. Dort liefen alle Wege zusammen.
An diesem Ort stand das einzige dunkle Gebäude der Technostadt. Es war von einem breiten Parkstreifen umgeben. Man konnte es nur durch die Luft erreichen.
Als er aus dem Fahrzeug stieg, spürte Autrach die Nähe seiner Artgenossen. Sie verbargen sich, aber sie waren da, an den Okularen ihrer Teleskope, auch wenn er sie nicht sehen konnte.
Im Inneren des Gebäudes flackerte eine primitive Beleuchtung. Er stellte seine Augenlinsen auf Nachtsicht um.
Autrach bewegte sich durch einen Korridor in die Totenhalle. Der alte Hochtechniker lag unter einer Batterie von herabgedimmten Lampen aufgebahrt.
Sein Makrokörper war unversehrt. Der Träger der Seele, wie die künstlichen Körper genannt wurden, besaß eine humanoide Form, war etwas mehr als einen Meter groß und bestand aus einem billig wirkenden Plastikmaterial. Die sehr großen, kugelrunden Augen waren geschlossen.
Mit spitzen Fingern griff Autrach an den Hals des Toten. Er öffnete eine Klappe im Plastik, die mit einem roten Kreuz markiert war.
Dahinter kam eine flache Lade zum Vorschein. Autrach zog die Lade vorsichtig heraus.
Er schaute auf eine graue Gewebemasse von einem halben Kilogramm Gewicht. Seine Duftrezeptoren nahmen einen Hauch von Verwesung wahr. Die Seele, wie man den eigentlichen Restkörper eines Baolin-Nda nannte, war in den Zerfall übergegangen. Es konnte nicht länger als einen Tag her sein.
Unwillkürlich blickte er sich im Raum um.
Die Baolin-Nda glaubten, dass ihre Geister sich nach dem Tod nicht sofort verflüchtigten, sondern eine Weile als reines Bewusstsein stabil blieben. Autrach hielt es für möglich, dass der Verstorbene als Geistwesen in der Nähe weilte.
Er blieb eine Weile schweigend vor dem aufgebahrten Körper stehen. Dann schob er die Lade in ihre Halterung zurück.
Düstere Gedanken erfüllten ihn.
Autrach wünschte sich, Thundergorn hätte ewig gelebt. Das Volk der Baolin-Nda war von diesem Ideal gar nicht so weit entfernt. Eine Million Jahre noch, so schätzte er, und sie würden die Reste ihrer Körper vollständig ablegen. Dann wären ihre Seelen körperlos.
Autrach hielt das für ein erstrebenswertes Ziel. Besser jedenfalls als die Gewebeklumpen, die sie heute waren, Stadium zwischen Körperhaftigkeit und körperlosem Dasein.
»Eine Million Jahre ...«, murmelte er. »Ich bin traurig, dass ich es nicht mehr erleben werde.«
Ein Geräusch ertönte.
Autrach zuckte nicht zusammen, weil ein Makrokörper keine Reflexe kannte. Statt dessen schaltete er seine körpereigenen Sensoren auf höchste Leistungsstärke.
Einige Sekunden lang passierte gar nichts mehr. Er konnte die Ursache des Geräusches nicht feststellen.
Kurz darauf ertönte dasselbe Geräusch ein zweites Mal, und in diesem Fall war er in der Lage, Richtung und Intensität vollkommen zweifelsfrei zu ermitteln. Autrach machte sich klar, dass der aufgebahrte Makrokörper die Quelle war.
Thundergorn!
Mit einemmal setzte sich der Verstorbene auf. Sein Oberkörper klappte hoch, bis er kerzengerade in die Höhe ragte. Im flackernden Licht warf er einen geisterhaften Schatten, bis in den hintersten Winkel der Totenhalle.
»Du bist Autrach?«, stellte der Verstorbene in einer Mischung aus Frage und gleichzeitiger Antwort fest.
»Das ist richtig«, gab Autrach zurück. Er war zu verblüfft, um eine andere Antwort als die Wahrheit zu formulieren. »Aber ... ich denke, du ...«
»Thundergorn ist natürlich tot«, antwortete der Verstorbene. »Was hier zu dir spricht, ist lediglich der Steuercomputer des Makrokörpers.«
»Ah!« Autrach fühlte die Verblüffung schwinden. Ein Baolin-Nda war jederzeit imstande, seinen Makrokörper auf bestimmte Handlungen zu programmieren. Eine solche Programmierung konnte auch nach dem Tod noch ausgeführt werden. »Die Erklärung leuchtet ein. Was hast du mir zu sagen, Computer?«
»Thundergorns Vermächtnis umfasst zwei verschiedene Teile. Der eine Teil ist öffentlich; diesen Teil habe ich bereits bekanntgegeben. In erster Linie handelt es sich dabei um die Ernennung deiner Person zum Hochtechniker. Nummer zwei darf jedoch keinesfalls an die Öffentlichkeit gelangen. – Ich frage dich deshalb, Autrach, bist du allein in der Totenhalle?«
Er bestätigte: »Ich bin allein.«
»Gut. Ich bin beauftragt, dir in Thundergorns Namen das Gewissen der Baolin-Nda zu übergeben.«
Einen Moment lang fühlte er sich überfordert.
»Ich verstehe nicht«, antwortete Autrach unschlüssig. »Das Gewissen? Was soll das sein?«
Der Steuercomputer ging nicht direkt auf die Frage ein. Statt dessen wollte er wissen: »Hast du die Körperlade bereits geöffnet?«
»Ja. Ich habe die Leiche gesehen.«
»Direkt darunter befindet sich eine Multifunktionslade.«
»Das weiß ich. Mein Makrokörper ist eine weitgehend baugleiche Ausführung.«
»Öffne diese Lade, Autrach!«
Er wusste nicht, weshalb der Steuercomputer das Wort öffnen so seltsam betonte. In ihm erwachte ein Unbehagen, gegen das er sich nicht wehren konnte. Etwas war falsch. Autrach wusste instinktiv, dass es klüger gewesen wäre, die Multifunktionslade nicht zu berühren.
»Tu es!«
»Ich werde ... Ja.«
Er drückte den Öffnungsmechanismus, und eine zweite Lade kam zum Vorschein.
Autrach starrte schockiert auf einen grauen Gewebeklumpen.
Dies war nicht die Leiche. Er hatte mit absoluter Sicherheit einen weiteren Baolin-Nda vor sich. Die Lade enthielt ganz eindeutig ein zweites Wesen – nur diesmal ein lebendiges!
»Was ist das?«, flüsterte er.
Der Steuercomputer antwortete: »Das Gewissen, von dem ich sprach.«
»Was bedeutet das, ein Gewissen?«
»Ich weiß es nicht. Thundergorn hat es mir nicht gesagt. Er hielt es für sicherer, wenn die Kenntnis niemals in die Speicher eines Computers gelangt.«
»Und ... was soll ich damit anfangen?«
»Thundergorn möchte diese Seele behütet wissen. Er will, dass du sie in deinem Makrokörper aufnimmst, Autrach.«
»Das werde ich ganz gewiss nicht! Ich werde meinen Körper mit niemandem teilen.«
Zwei Seelen gehörten nicht in einen Körper, daran hatten die Baolin-Nda sich stets gehalten. Autrach wusste nicht eine einzige Ausnahme.
Der Computer erklärte: »Thundergorn sah diese Reaktion voraus, bevor er starb. Er gibt jedoch zu bedenken, dass jeder Baolin-Hochtechniker das Gewissen in sich tragen muss. Er empfiehlt dir, einfach den Versuch zu wagen.«
»Ich werde ...« Autrach unterbrach sich.
»Was wirst du nun tun?«
»Ich ...«
Ärgerlich nahm er zur Kenntnis, dass er nur noch Gestammel hervorbrachte. Er fühlte sich nicht in der Lage, die notwendige Entscheidung zu treffen.
Also schob er die Verantwortung instinktiv auf die einzige Person, die ihr gewachsen zu sein schien; und das war in seinen Augen der verstorbene Hochtechniker. »Ich werde mich an Thundergorns Empfehlung halten«, hörte er sich sagen.
Autrach öffnete eine Klappe an seinem Hals.
Dann löste er den Gewebeklumpen, das sogenannte Gewissen, aus Thundergorns aufgebahrtem Körper heraus.
Er setzte sich selbst die Lade ein. Im selben Moment hörte er den Klang einer mentalen Stimme. Es war ein unerhörter Vorgang, den sich Autrach nicht erklären konnte.
Und die Stimme sprach zu ihm:
»Mein Name ist Temperou.«
*
Der folgende Tag war ein Regentag. Onzhous verwandelte sich in eine dampfende Steppe, aus der die Triebe frischer Pflanzen in die Höhe schossen. Am Tag nach der Sonne war es immer so.
In der Technostadt versammelten sich die Baolin-Nda zu einer Zeremonie. Autrachs Blick wanderte über einige hunderttausend Makrokörper, die sich in der Arena des Friedens zu dichten Reihen drängten.
Als der letzte Baolin-Nda seinen Platz einnahm, wurde es still. Das Geprassel der Regentropfen verursachte die einzig wahrnehmbaren Geräusche.
Autrach schaltete seine Lautbildungsgeneratoren auf höchste Lautstärke. Die rituellen Worte sollten noch in der letzten Reihe vernehmbar sein. Er übertrug die Aufgabe, sie zu formulieren, dem Computer seines Makrokörpers. Autrach hatte Wichtigeres zu tun, als sich mit dem Aufsagen uralter Formeln zu befassen.
Im selben Moment, da sein Computer zu sprechen begann, zog er sich aus dem Wahrnehmungskreislauf zurück.
Es wurde dunkel und still.
Lautlos formulierte er: »Temperou! Kannst du mich verstehen?«
Ihr Hohen Mächte, lasst alles Einbildung sein, flehte er. Lasst mich aus einem Traum erwachen und ein einfacher Techniker in einem Schloss sein.
Sein Flehen fand keine Antwort.
Statt dessen vernahm er wieder die Stimme aus seinem Inneren: »Natürlich höre ich dich.«
Autrach kämpfte gegen die Abneigung, die ihn beim Klang der Stimme erfüllte. »Ich habe dich in meinem Körper aufgenommen«, begann er. »Dafür erwarte ich eine vollständige Erklärung, was diese seltsame Aktion zu bedeuten hat.«
»Die sollst du bekommen«, antwortete Temperou bereitwillig. »Ich bin das Gewissen der Baolin-Nda.«
»Soviel hörte ich bereits.«
»Ich werde immer vom Hochtechniker unseres Volkes getragen. Leider besitze ich nicht die Fähigkeit, einen eigenen Makrokörper zu steuern. In meiner Person vereinen sich Erfahrungen und ethische Standpunkte, die im Lauf von Jahrzehntausenden gewachsen sind. Ich beinhalte, wenn man so will, das Vermächtnis der verstorbenen Hochtechniker.«
Autrach sagte: »Ich bin nicht sicher, ob ich dich richtig verstehe. Heißt das, du hast nicht nur mit Thundergorn den Körper geteilt, sondern mit allen anderen Hochtechnikern auch?«
»So ist es. Thundergorn, Jhonis, Prattermand ... und all die anderen.«
»Bist du also unsterblich?«
Das schien eine schwere Frage zu sein, denn Temperou gab nicht sofort Antwort.
»Fakt ist jedenfalls, dass ich noch immer nicht gestorben bin.«
»Wie alt bist du?«
»Ich lebe mittlerweile etwas mehr als achtzigtausend Jahre.«
»Eine halbe Ewigkeit!«, staunte Autrach. »Ich beginne zu verstehen, was dich so wertvoll macht. Es sind die Erfahrungen, nicht wahr?«
»Das und die Tatsache, dass meine Denkweise mich von einem normalen Baolin-Nda unterscheidet.«
»Inwiefern, Temperou?«, wollte Autrach wissen.
»Ich sehe zwar äußerlich so aus wie du, und mein Gewicht liegt bei einem halben Kilogramm. Dennoch gehöre ich zu einer früheren Entwicklungsstufe. Ich bin ein toter Ast der Evolution. Mein Körper wurde extrem langlebig – aber welchen Nutzen bringt es, wenn hilflose Kreaturen wie wir ewig leben? Wir sind nicht stark, und über unseren ästhetischen Wert kann man streiten.«
Autrach ließ seinen Blick über die versammelten Artgenossen wandern.
Er machte sich klar, dass in jedem dieser Makrokörper nichts als ein Klumpen Gewebe steckte, der ohne Beatmung und künstliche Ernährung nur wenige Minuten lebensfähig war.
Temperou fügte hinzu: »Die Baolin-Nda leben im Durchschnitt fünftausend Jahre. Das ist sehr viel, gemessen an anderen Lebensformen. Wir neigen dazu, unser Leben in vollständig sicheren Bahnen zu verbringen. Die Baolin-Nda können als Rasse jedoch nur überleben, wenn es ihnen gelingt, so rasch wie möglich in eine körperlose Zustandsform überzuwechseln.«
»Davon träumen wir doch alle«, wandte Autrach ein.
»Träumen reicht nicht aus«, hörte er das Gewissen sagen. »Wir müssen handeln, auch wenn jeder Schritt uns tausend Jahre kostet. Meine Aufgabe als Gewissen besteht darin, dies dem Hochtechniker der Baolin-Nda vor Augen zu führen. Du, Autrach, sollst unser Volk in eine bestimmte Richtung lenken.«
»Was soll ich denn tun?«
»Ich weiß es nicht.«
Autrach wurde plötzlich ärgerlich. »Wie kommst du dann auf die Idee, ich wüsste es?«
»Du bist sehr viel intelligenter als ich, Autrach. Ich bin nur ein Relikt. Irgendwann in ferner Zukunft bin ich vielleicht der letzte Baolin-Nda mit einem Körper. Der letzte, der mit dieser würdelosen Form von Existenz bis in alle Ewigkeit leben muss ... Beobachte ein paar hundert Jahre. Und dann werde tätig. – Ich sorge nur dafür, dass du es niemals vergisst.«
Autrach stellte seine Augen unscharf. Vom Boden des Stadions krochen wieder Dampfschwaden nach oben. Statt weiter über die Reihen seiner Artgenossen zu blicken, starrte er auf die endlose Zahl der Regentropfen.
Terraner (2)
Auf der untersten Entwicklungsstufe der Intelligenz platzieren wir gewöhnlich die Wesen, die zwar zu denken gelernt haben, die aber nicht über eine nennenswerte Zivilisation verfügen.
Auf der nächsten Stufe steht das technisierte, zivilisierte Lebewesen. Die Historiker ordnen hier den Menschen bis zum auslaufenden 20. Jahrhundert ein, vor dem Aufbruch ins Weltall.
Auf Stufe drei sehen wir das Intelligenzwesen, das den Kosmos entdeckt und erforscht. Auf dieser Stufe platzieren wir den Menschen, der das Solare Imperium errichtete und bis Andromeda und M 87 vorstieß.
Die vierte Stufe bilden Völker, die im Kosmos agieren und Kontakte zu höheren Entitäten unterhalten. Dazu gehören die zeitgenössischen Menschen.
Stufe fünf ist den Superintelligenzen vorbehalten; vergeistigten Existenzen von einer Überlegenheit, wie sie ein Terraner nur schwer erfassen kann. Wir wissen jedoch, dass die Superintelligenzen große Teile des Universums unter sich aufgeteilt haben, in sogenannte Mächtigkeitsballungen.
Die Menschen gehören zur Mächtigkeitsballung der Superintelligenz ES.
(Aus: Hoschpians unautorisierte Chronik des 13. Jahrhunderts NGZ; Kapitel 1.1.1. Einleitung)
Das spannendste Rätsel des Solsystems erhob sich inmitten der Stadt Moond. Es lag im Zentrum eines weiten Platzes, der mit gelben Ziegeln gepflastert war.
In dieser Stadt lebten keine Menschen. Menschen kamen nur als Beobachter hierher, zuweilen als Helfer ihrer außerirdischen Freunde, die die Stadt bewohnten.
Manche Menschen kamen auch als Wächter.
In den Panzertürmen, die sich rings um den Platz gruppierten, wurde ein undurchdringlicher Schirm erzeugt. Hinter den Mauern aus Metall lagerte ein Arsenal todbringender Waffen.
Die besten Beobachtungsgeräte der Menschheit waren ins Zentrum des Kreises gerichtet. Kein Elektron konnte entstehen oder vergehen, ohne dass ein Instrument das Ereignis registrierte.
Aber es gab keine Elektronen, die entstanden. Es existierte kein Zerfall. Auf dem vierten Planeten des Systems, inmitten der Stadt Moond, von Wachstationen umgeben, schien die Zeit stillzustehen.
An diesem Ort ragte ein silberfarbenes Objekt aus dem Boden, das den Wachtürmen der Menschen in gewisser Weise ähnelte. Der Pilzdom des Solsystems besaß keine Türen und keine Fenster. Eine sichtbare Möglichkeit, sich Zutritt zu verschaffen, existierte an keiner Stelle der ebenmäßigen Rundung.
Man wusste, dass im Inneren des Gebäudes die Brücke in die Unendlichkeit begann. Und ebenso wusste man, dass niemand außer Perry Rhodan die Brücke benutzen konnte. Kein Mensch außer ihm hatte das silberne Gebäude jemals betreten, es sei denn in Rhodans Begleitung.
Die Frage, wohin die Brücke führte, stieß in der Heimat der Menschen auf geringes Interesse. Bekannt war lediglich, dass an ihren Pfeilern ferne Galaxien lagen.
Aber wer außer Rhodan hatte einen Vorteil davon? Wen interessierte es, was in zwanzig Millionen Lichtjahren Entfernung geschah? Rhodan war ein Unsterblicher, ein Zellaktivatorträger. Niemand zweifelte daran, dass er für die Menschheit einmal eine bedeutende Rolle gespielt hatte. Die Zeiten, da man sich auf einen Heilsbringer in Menschengestalt verlassen hatte, waren jedoch vorbei. Terra fühlte sich erwachsen. Man bedurfte keiner Helden mehr.
Rhodan war verschwunden, unterwegs in den Tiefen eines Kosmos, der den Menschen dieser Zeit entfernt und reizlos schien.
Dass es noch andere Nutzer der Brücke geben konnte, war in jenen Tagen pure Theorie.
Die einzigen, die eine solche Möglichkeit ins Kalkül zogen, waren die Wächter von Moond. Ihre Dienststunden verstrichen in Langeweile, monatelang, geradezu schon jahrelang, scheinbar eine Ewigkeit lang. Es brauchte eine besondere Mentalität, in der Aufmerksamkeit niemals nachzulassen. Diese Mentalität besaßen nicht viele Menschen. Sie waren gesuchte Spezialisten mit exorbitanter Bezahlung.
Auf eine Sekunde warten, die nicht kommt. Auf eine Gefahr lauern, die endlos weit entfernt ist – und die eines Tages doch Gestalt annimmt.
*
Es passierte in den letzten Wochen des Jahres 1289 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Eines der Instrumente zeigte einen Ausschlag, so plötzlich wie unvermutet.
Am Pilzdom war es von einer Sekunde zur anderen hell geworden. In der dunklen Nacht von Moond glomm ein silberner Schimmer. Das Gebäude fing vor aller Augen deutlich sichtbar zu pulsieren an.
Durch die gepanzerten Türme heulte Alarm. Die Wächter prüften ihre Schutzschirme. Einige machten die Waffen ihrer Arsenale bereit. Andere sandten die Nachricht zur Erde, an die Regierung und an die Militärs. Im Orbit des vierten Planeten wurden die mächtigen Schlachtschiffe des PAPERMOON-Typs in Gefechtsbereitschaft versetzt.
Aus der Wandung des Pilzdoms schälte sich derweil eine kugelförmige Kontur.
Sie besaß einen Durchmesser von etwa einem Meter, keinerlei messtechnisch erfassbare Masse, keinerlei energetische Ausstrahlung. Und doch existierte das Objekt. Es war sehr viel mehr als nur eine Kugel aus Licht, auch wenn es keine technische Möglichkeit gab, dies nachzuweisen.
In den Köpfen der Wächter erklang eine Stimme: »Ich bin ein Wesen aus Licht. Ich bin ein Heliote ...«
Die Wächter meldeten in den Orbit und nach Terra, was sie vernahmen. Es wäre nicht notwendig gewesen, denn die Menschen in den großen Raumschiffen hörten dieselbe Stimme. Man hörte es überall, im gesamten Solsystem.
Der Heliote schien ein Freund zu sein. Es konnte keinerlei Zweifel daran bestehen, dass er ein lebendiges Wesen mit einer fremdartigen, aber friedlichen Mentalität war.
Allerdings, nicht jeder schenkte dem unausgesprochenen Versprechen Glauben.
Cistolo Khan, Befehlshaber der LFT-Streitkräfte, ließ einen Sperrkordon über die Stadt Moond ziehen.
Die Wächter versuchten, das Wesen mit einem energetischen Feld an Ort und Stelle zu bannen. Doch die Kugel ließ sich nicht fangen. Sie gehörte in ein fremdes Bezugssystem, in dem menschliche Technik keine Wirksamkeit besaß.
In diesem Moment bewegte sich das Wesen. Mit zunächst geringer, dann stetig wachsender Geschwindigkeit stieg der Heliote in den Nachthimmel des Planeten. Der Schirm, den die Panzertürme erzeugten, stellte kein Hindernis dar.
Cistolo Khan überlegte, ob er das Feuer eröffnen lassen sollte. Es war immerhin denkbar, dass der Heliote den Menschen eine Gefahr brachte. Bevor er sich jedoch über die notwendige Entscheidung klar wurde, verschwand das Wesen.
Man konnte es nicht orten und nicht verfolgen. Es schien, als hätten sich die Photonen, die seinen Körper bildeten, in alle Sternenrichtungen zerstreut.
Aber daran glaubte Cistolo Khan nicht. Er ahnte, dass der Heliote nur an einen anderen Ort gegangen war.
Sein Funkspruch verhängte über das Solsystem den Alarmzustand. Rund zwanzig Milliarden Lebewesen wurden binnen einer halben Stunde in Aufruhr versetzt. Hunderttausende von Ortergeräten suchten eine silberne Kugel aus Energie.
Als der Heliote wieder auftauchte, gab er sich keinerlei Mühe, seine Ankunft zu verbergen.
Die silberne Kugel erschien über der Erde. Ihr Licht strahlte über dem australischen Kontinent, am Rand einer Millionenstadt namens Sydney.
Das Wesen sprach ein zweites Mal: »Ich bin ein Gesandter von Thoregon, und ich bin gekommen, um das Volk der Menschen zum Beitritt zu unserer Koalition aufzufordern. Die Menschheit soll das sechste Thoregon-Volk sein. Wir haben lange Zeit auf euch gewartet.«
Einen Moment lang schien es, als sei dies das abrupte Ende einer kurzen Botschaft.
Aber das war ein Trugschluss. Der Monolog ging in eine Kommunikation über.
Das Geschöpf, das sich als Heliote vorgestellt hatte, begann den Menschen nun Fragen zu stellen.
Der Heliote führte zahllose Gespräche zur selben Zeit. Sydney – Peking – Kalkutta – Neu-Chicago – Terrania: Am Ende des Tages, so hatte es den Anschein, würde er mit jedem Menschen des Systems gesprochen haben.
*
»Wie lautet dein Name?«, fragte die Stimme in seinem Kopf.
»Mein Name ist Steinar Hansen. Ich bin ein Beamter der LFT-Regierung. Der Liga Freier Terraner.«
Es war ein unwirklicher, seltsamer Dialog, der sich da entspann, irgendwo zwischen Schlafen und Wachen. Die Stimme des Helioten schien ihm sehr angenehm. Er fasste unwillkürlich Zutrauen, und es bereitete ihm Behagen, dass er so ehrlich und so offen reden konnte.
»Bist du glücklich, Steinar?«
»Nein.«
»Vielleicht hast du einen unerfüllten Traum? Etwas, das du dir wünschst, von dem du aber weißt, dass es niemals in Erfüllung gehen wird?«
»Ja, so etwas gibt es. Ich wäre gern ein Prospektor. Ich würde gern fremde Welten sehen und nach verborgenen Schätzen jagen.«
»Verborgene Schätze ... Dabei wäre alles so einfach, Steinar Hansen.«
Der Heliote erzählte ihm eine Geschichte, die im ersten Moment einen belanglosen Anschein erweckte.
Auf einem entlegenen Bergwerksplaneten der Magellanschen Wolken existierte nur ein einziges Raumschiff. Es diente den terranischen Prospektoren dazu, einen bescheidenen Wohlstand zu erwirtschaften.
Für die Prospektoren war es eine entscheidende Zeit. Sie hatten zum ersten Mal Howalgonium gefunden, das wichtigste und kostbarste Mineral von allen. Wenn es ihnen gelang, die Ader vor allen anderen Interessenten auszubeuten, war der Kredit bezahlt, und das Raumschiff gehörte ihnen.
Unter den Prospektoren befand sich ein Mann namens Steinar Hansen. Er war glücklich, denn er konnte tun, wonach er sich immer gesehnt hatte.
Eines Tages strandete ein Galorne bei den Prospektoren. Hansen wusste, dass der Galorne zum zweiten Thoregon-Volk gehörte. Das Beiboot, mit dem es das Wesen in die Magellansche Wolke verschlagen hatte, war schwer beschädigt.
Hansen erlebte die überwältigend positive mentale Ausstrahlung eines Galornen. Die Prospektoren nahmen den Schiffbrüchigen auf, sie versorgten ihn, und sie gaben ihm Unterkunft.
Mehr konnten sie nicht tun. Die Konkurrenz hatte erfahren, dass etwas im Gange war, und überwachte die gesamte Gegend. Ein einziger Funkspruch, eine falsche Bewegung, und ihre Position wäre bekannt. Steinar Hansen und die Prospektoren benötigten eine Woche. Dann, so hofften sie, war die Fundstelle lokalisiert, und sie konnten mit ihrem letzten Geld einen Claim bezahlen.
Die mentale Ausstrahlung des Galornen wurde jedoch von Stunde zu Stunde mutloser. Hansen erfuhr, dass das Beiboot zu einem Mutterschiff gehörte. Die Expedition der Galornen würde in drei Tagen diesen Sektor der Lokalen Galaxiengruppe verlassen. Wenn es dem Schiffbrüchigen nicht gelang, zur rechten Zeit zurückzukehren, musste er den Rest seines Lebens in der Fremde verbringen. Und er musste in der Fremde sterben, denn er war schon sehr alt.
Steinar Hansen wollte diesen Gedanken nicht ertragen. Er überzeugte seine Freunde, dass sie den Galornen zum Mutterschiff bringen mussten.
Sie schafften es gerade noch, kurz bevor die Expedition die Milchstraße verließ.
Als die Prospektoren zu ihrer Fundstelle zurückkehrten, war bereits alles zu spät. Gurrad-Prospektoren hatten die Ader ausfindig gemacht und als Claim angemeldet.
Dennoch hatten die Prospektoren einen Sieg davongetragen; vielleicht den größten, den sie jemals erringen würden. Der Galorne erreichte seine Heimatwelt. Dort zeugte er ein Kind und starb zwei Jahre später, über dem Feld der Schriften, an einer rituellen Stelle seines Volkes.
Damit endete die Erzählung.
»Nun, Steinar Hansen?«, fragte der Heliote. »Was hältst du davon?«
»Ich weiß es noch nicht«, formulierte der Mensch lautlos, von Skepsis erfüllt. »Eine nette Geschichte. Nicht sehr spektakulär, trotzdem sehr schön. Aber das war nicht die Wahrheit, habe ich recht?«
»Niemand weiß es, Steinar. Es war ein Blick in eine Zukunft, wie sie vielleicht niemals eintrifft. Vielleicht aber auch doch. Der Galorne starb glücklich, und du hast das bewirkt. Er hat einen Nachkommen gezeugt. Dass er existiert, ist dein Verdienst. Es liegt an jedem einzelnen Menschen. Ihr Menschen wisst gar nicht, welche Macht ihr besitzt. Ihr glaubt, dass ihr nichts bewerkstelligen könnt, dass ihr in den Strömen des Kosmos viel zu geringe Elemente seid, und deswegen gebt ihr auf.«
»Was willst du damit sagen, Heliote?«
»Ich will dir sagen, Steinar, du brauchst eine Vision. Viel mehr als nur die Träume von einem Prospektorenleben. Nicht der Prospektor Hansen ist wichtig, sondern der Mensch, der ein bestimmtes ethisches Konzept verwirklicht.«
»Diese Vision habe ich nicht. Oder willst du mir etwa eine aufdrängen?«
»Die Vision steckt in dir. Sie ist nur verschüttet. Es gibt einen Weg, sie wieder zu wecken. Du musst das verwirklichen, woran du glaubst. Wenn du jemals einen Galornen triffst und du kannst ihm helfen, dann tu es. Wenn du jemals eine Welt retten kannst, dann zögere nicht.«
»Meine Erfahrung ist, dass man Dinge nicht umsonst bekommt. Welchen Preis muss ich dafür zahlen?«
Der Heliote schien zu lachen. »Von einem Preis würde ich nicht sprechen. Du sollst zu einem Teil eines größeren Ganzen werden. Es ist deine kosmische Bestimmung, zu Thoregon zu gehören.«
»Soll das ein dummer Scherz sein? Beamte der LFT-Regierung haben keine kosmische Bestimmung.«
Heliotische Geschichten (2)
Countdown: minus 99.500 Jahre
Von der aktuellen Lage auf Onzhous wusste Autrach so gut wie nichts. Er hatte sich lange in sein Vorstadtschloss zurückgezogen. Die Versäumnisse galt es nun aufzuholen.
Er benötigte zunächst einen Überblick, so umfassend wie nur möglich. Autrachs Tätigkeitsgebiet verlagerte sich zwangsläufig in den Untergrund. Die Labors der Baolin-Techniker erstreckten sich zu achtzig Prozent unterirdisch. Ihre Fabriken durchwucherten die Planetenkruste von Onzhous oft bis zu zwei Kilometer tief. An der Oberfläche, speziell in der Technostadt, bot sich dem Auge nur ein Bruchteil der Stätten dar.
Er schaffte es innerhalb weniger Planetenjahre, sich in die wichtigsten Großprojekte einzubinden.
Autrach traf Baolin-Nda, deren Namen er von Kindheit auf kannte. Und nun begrüßten diese Genies ihn als neuen Hochtechniker. Ihre Zeichen der Ehrerbietung ließen ihn sehr verlegen werden. Autrach war nicht der Ansicht, dass er den Respekt bereits verdiente.
Aber was nicht war, konnte noch werden. Wenn er das normale Lebensalter erreichte, blieben ihm viertausend Jahre Zeit, vielleicht ein bisschen mehr.
Das wichtigste Projekt von allen schien ihm ein Auftrag der Ritter der Tiefe zu sein.
In einem speziellen Laborkomplex wurden die notwendigen Arbeiten durchgeführt. Es war das größte Labor von Onzhous. Die Weitläufigkeit der Anlage weckte auf den ersten Blick falsche Vorstellungen; an diesem Ort wurden keineswegs Triebwerke produziert, auch keine Reaktoren oder sonstige Großgeräte. Der ganze Aufwand diente vielmehr der Mikro-Miniaturisierung.
Autrach fühlte sich auf dem Gebiet nicht als Experte. Atomare und subatomare Vorgänge verlangten einen hohen Wissensstand, den er sich erst noch erarbeiten musste.
Der Gegenstand, um den es ging, entstand in der untersten Etage.
Autrach wusste natürlich, dass mikro-miniaturisierte Gegenstände für das bloße Auge oft viel zu klein waren. Was er da erblickte, war jedoch eine ziemlich unscheinbare Apparatur, weder groß noch klein. Im ersten Augenblick musste er sich gegen die Enttäuschung wehren. Das Gerät bestand nicht einmal aus Metall. Auf den ersten Blick schien es sich um einen in mehrere Teile zerlegten Handschuh zu handeln.
Seine Oberfläche erinnerte Autrach an weiches Leder. Über die sechs Fingerglieder zogen sich dünne Nähte, die er nur mit hoher Vergrößerungsstufe seiner Augenoptiken erkennen konnte. Ansonsten besaß der Handschuh keine auffälligen Merkmale. Es gab keine sichtbaren Spuren von Mikrotechnik.
Autrach ließ die Projektleiterin kommen, eine Technikerin namens Lautareen.
»Ich möchte die wichtigsten Daten dieses Gegenstandes erklärt bekommen«, ordnete er an.
Sie nahm Autrachs Tonfall als normal hin.
»Kein Problem«, hörte er sie sagen. »Dies ist der erste Handschuh von zweien, übrigens das linke Exemplar. Das Handschuhpaar soll von spiegelsymmetrisch gebauten, maximal sechsfingrigen Humanoiden getragen werden. Dabei ist das Gewebe flexibel genug, um sich verschiedenen Handgrößen anzupassen. Unsere Aufgabe ist, unterschiedliche Sensoren und Waffensysteme in die Handschuhe zu integrieren.«
Lautareen betonte den Ausdruck »Waffensysteme« mit einer gewissen Verachtung. Die Baolin-Nda mochten keine Waffen, weil die Anwendung von Gewalt ihrer Ethik widersprach. Sie hätten sich niemals zu Waffenschmieden degradieren lassen.
Auf der anderen Seite – die Ritter der Tiefe wollten mit ihrer Ausrüstung nur den Frieden sichern. Letzten Endes konnte man so gut wie jeden Gegenstand als Waffe missbrauchen. Es kam nicht auf den Gegenstand an, sondern auf den Benutzer. Und die Ritter der Tiefe, so wusste Autrach, waren über jeden Zweifel erhaben.
»Etwas an diesem Gerät sieht seltsam aus«, sagte er unbehaglich. »Ich weiß selbst nicht, was es ist. Wer hat den Entwurf ausgeführt?«
Lautareen schaute überrascht auf; als habe er etwas geäußert, was sie aus dem Konzept brachte.
Sie antwortete langsam: »Dieser Gegenstand ist schon sehr alt. Wir glauben, dass die Grundkonstruktion von einem Volk namens Porleyter stammt. Wir Baolin-Nda nehmen lediglich einen Umbau und eine technische Erweiterung vor.«
Autrach wusste, dass die Porleyter vor mehr als einer Million Jahren ebenfalls für die Ritter der Tiefe tätig gewesen waren. Es hieß, sie hätten damals ein noch höheres technisches Niveau als die Baolin-Nda erreicht gehabt. Er empfand eine plötzliche Ehrfurcht vor dem Gegenstand, der da zerlegt vor ihm lag.
»Was ist mit dem rechten Handschuh?«, wollte er wissen.
»Er liegt in einem Tresor. Wir werden ihn holen, wenn der linke fertig ist.«
»Was für Umbauten sind geplant?«
»Nun ... besondere Probleme bereitet noch die Autarkie der Handschuhe. Sie müssen fliegen und sich losgelöst vom Träger bewegen können. An den entsprechenden Vorrichtungen wird derzeit gearbeitet. Außerdem scheint uns das verwendete Material nicht optimal. Wir warten noch auf eine kleine Lieferung eines besonderen Stoffes.«
»Was für ein Stoff ist das?«
»Wir wissen es nicht genau. Sicher ist nur, dass etwa zwanzig Gramm in einer Fabrik der Kosmokraten hergestellt werden, irgendwo in Norgan-Tur. Die Hälfte davon bekommen wir nach Onzhous geliefert.«
»Warum stellen wir das Material nicht selbst her?«, wunderte sich Autrach.
»Weil wir es nicht können«, antwortete Lautareen tonlos. »Die Kosmokratenfabrik arbeitet seit mehr als tausend Jahren an diesen zwanzig Gramm.«
»Tausend Jahre ...«, wiederholte Autrach. »Das muss ein Wunderstoff sein. Du sagtest, wir bekommen zehn Gramm, was ist mit dem Rest?«
»Wir wissen es nicht. Aber wir glauben, die restliche Lieferung geht hinter die Materiequellen. Zu den Kosmokraten selbst.«
Autrach musterte den Handschuh mit neuem Respekt. Er freute sich mit einemmal, dass er das Projekt als Hochtechniker betreuen durfte.
»Von wem stammen all die Vorgaben?«, wollte er wissen.
»Der Auftraggeber ist Cairol.«
»Ich verstehe ...«
Cairol.
Autrach hörte den Namen nicht zum ersten Mal.
Soweit er wusste, war damit eine Kontaktperson der Kosmokraten gemeint, die den Baolin-Nda seit einigen zehntausend Jahren ihre Aufträge übermittelte. Cairol war das Bindeglied der Baolin-Techniker zu den Hohen Mächten, zu den Kosmokraten und ihren Erfüllungsgehilfen, den Rittern der Tiefe.
Das Handschuhpaar musste perfekt werden. Aber das brauchte er Lautareen und den anderen nicht zu sagen.
*
Temperou unternahm keine Störversuche, die ganze Zeit kein einziges Mal. Das Gewissen schien zu spüren, dass Autrach seine Anwesenheit nur auf Probe duldete.
Wenn die Baolin-Nda tatsächlich körperlos wurden wie von Temperou gefordert, ergab sich für die Ordnungsmächte ein schwerer Nachteil. Die Kosmokraten mussten dann ohne technische Hilfe auskommen. Also was, wenn es sich bei Temperou um einen Agenten handelte? Um eine hinterhältige Strategie der Chaotarchen? Der Gedanke, einen potentiellen Agenten in sich zu tragen, machte Autrach schwer zu schaffen.
Einen Vertrauten besaß er nicht, und Beweise gab es weder für die eine noch für die andere Seite.
Autrach betäubte seine Zweifel mit Arbeit.
Von einem Hochtechniker wurden nicht allein technische Impulse erwartet, sondern auch Verwaltung und Koordination. Nach großen anfänglichen Schwierigkeiten wurde er seiner Aufgabe gerecht. Die Arbeit an den Handschuhen ging voran. Der Stoff aus der Fabrik der Kosmokraten traf ein und wurde mit dem ursprünglichen Material verschmolzen. Autrach lernte täglich mehr über die Prinzipien der Mikro-Miniaturisierung. Es dauerte nicht sehr lange, bis er Lautareen und den Experten überlegen war. Er begann zu glauben, dass er eines Tages ein guter Hochtechniker sein würde.
Wenige Wochen bevor die Handschuhe versiegelt wurden, meldete sich Temperou: »Bist du immer noch misstrauisch, Autrach?«
»Woher willst du etwas über mein Misstrauen wissen?«
»Ich spüre es«, antwortete Temperou mit sanfter innerlicher Stimme. »Ich kann deine Gedanken nicht lesen, aber mir stehen viele Beobachtungsmittel zur Verfügung.«
»Um deine Frage zu beantworten: Ja, ich empfinde immer noch Misstrauen.«
»Vielleicht kann ich dich umstimmen, indem ich dir etwas zeige.«
»Was ist es?«
»Ich zeige dir eine Schwäche, Autrach. Wir müssen dazu die Technostadt verlassen.«
»Eine Schwäche?«
»Ja. Es gibt einen Bereich in meiner Persönlichkeit, den ich selbst nicht verstehe. Manchmal sind da seltsame Gedanken, Träume aus einer fernen Vergangenheit. Kein Hochtechniker war bisher in der Lage, mir zu helfen. Vielleicht bist du es.«
Autrach wusste noch nicht einmal, ob er den Willen haben würde, Temperou zu helfen. Dennoch ließ er sich auf den Ausflug ein.
Er begab sich aus den unterirdischen Anlagen an die Oberfläche. Ihm fiel auf, dass er seit Wochen das Tageslicht nicht mehr gesehen hatte.
Temperou dirigierte ihn zu einem Gleiter.
»Wohin fliegen wir? Ich habe viel zu tun, also bitte keine Weltreise.«
»Nein, bestimmt nicht.« Temperou schien über die Eile belustigt zu sein. »Was ich dir zeigen möchte, befindet sich nahe bei deinem alten Wohnsitz. Hundert Kilometer von hier.«
»Hmm.« Das Gewissen spielte auf seine Zeit als Einsiedler an. Die Aussicht, an alte Stätten zurückzukehren, behagte Autrach wenig.
»Dahinter steckt keine Absicht«, beteuerte Temperou, »es ist reiner Zufall.«
Sie überquerten das Zentrum, dann die schwebenden Schlösser der Vorstadt. Ein Regenschauer hatte soeben die Dächer mit Feuchtigkeit benetzt. Millionen Tropfen streuten das einfallende Tageslicht, sie verwandelten die Stadt in ein glitzerndes, schwer überschaubares Muster aus Fraktalen. Die Hügelkette jenseits der Stadt war in ein schweres, dunkles Grün gehüllt. Auf Onzhous herrschte Frühling, und Autrach hatte es unten in den Fabriken nicht einmal bemerkt.
Sie überflogen die Stelle, an der früher einmal sein Schloss gestanden hatte. Autrach erinnerte sich an Diener-17. Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte damals sein Geschöpf nicht vernichtet, sondern in sein neues Leben hinübergerettet.
Temperou dirigierte ihn weiter, geradeaus durch die Hügellandschaft.
»Dahinten musst du landen.«
Autrach erblickte eine Wasserfläche von einem Quadratkilometer Ausdehnung. Er hatte nicht gewusst, dass dieser See auf Onzhous existierte.
»Am Ufer?«, fragte er knapp.
Temperou antwortete: »Ja. Such dir eine beliebige Stelle aus!«
Etwas am Anblick der Wasserfläche störte den Hochtechniker. Er hatte noch niemals einen See in natura erblickt, denn Onzhous war ein Planet ohne Wasserflächen.
Autrach landete am Ausläufer einer kleinen Bucht. Er stieg aus und ging zum Ufer. Seine Geruchsrezeptoren meldeten ungewöhnliche Düfte, Salz und etwas Organisches, das er schwer definieren konnte.
»Gibt es in dem Wasser Tiere?«, fragte er.
»Nein. Der See ist ausschließlich von pflanzlichem Leben bewohnt. Dennoch will ich dir einen speziellen Fisch zeigen.«
»Du erlaubst dir einen Scherz, Temperou!«
»Keineswegs. Nun geh ins Wasser! – Etwas weiter, bis zu den Knien.«
Autrach lenkte seinen Makrokörper knietief ins Wasser, wie angeordnet, dann blieb er stehen.
»Hier ist es gut. Wir müssen den Fisch allerdings zuerst anlocken. Er reagiert nur auf ein bestimmtes Zeichen.«
Temperou übermittelte ihm eine Impulsfolge.
Autrach strahlte die Botschaft in Richtung See ab. Sie mussten nicht lange warten.
Wenige Minuten nur, dann tauchte ein glitzernder Körper aus den Fluten. Das Ding sah genauso aus, wie Autrach sich einen Fisch vorstellte, nur war es sehr viel größer. Es hatte einen langgestreckten und stromlinienförmigen Leib mit einer flachen Schwanzflosse und drei Steuerflossen in der Körpermitte. Der Kopf endete in einer spitzen Schnauze, darüber waren zwei knopfgroße Augen angeordnet.
»Hat es auch einen Namen?«, fragte Autrach.
»Einfach nur Fisch.«
Dann kam die entscheidende Frage: »Lebt es, oder ...«
»Fisch ist kein Lebewesen«, versicherte Temperou. »Der verstorbene Hochtechniker Prattermand hat ihn für mich gebaut. Wir haben ihn vor 15.000 Jahren in diesen See gesetzt.«
»Aber wozu?«, wunderte sich Autrach.
»Das ist eben das Problem. Ich träume seit langer Zeit vom Wasser. Von einem riesigen Ozean, der eine ganze Welt umspannt. Was ich auch anstelle, ich kann die Gedanken nicht wieder loswerden. Prattermand glaubte, dass in mir eine Art Ur-Erinnerung steckt. Du weißt, dass wir Baolin-Nda nicht von Onzhous stammen, sondern von einer anderen Welt. Welche Welt das ist, haben wir lange vergessen. Nicht einmal ich könnte es mehr sagen, und alte Aufzeichnungen gibt es nicht. Prattermands Theorie besagt, dass die Baolin-Nda früher einmal Wasserbewohner waren.«
»Das muss eine Million Jahre her sein, Temperou.«
»Ja.«
»Was willst du also mit diesem künstlichen Tier?«
»Fisch sollte mir helfen, die Träume zu besiegen.«
»Aber es hat nicht geklappt?«
»Nein, Autrach. Ich bin oft hier gewesen. Die Hochtechniker haben mich hergebracht. Und dann fingen sie selbst an, vom Wasser zu träumen.«
»Meine Vorgänger?«, erkundigte sich Autrach ungläubig.
»Ja. Seit Prattermand geht es jedem so. Die Hochtechniker der Baolin-Nda träumen von einem Ozean. Meine Anwesenheit scheint die Ur-Erinnerung auch in ihnen zu wecken.«
Autrach lachte. »Dann nimm zur Kenntnis, dass ich mich für diesen armseligen Teich nicht interessiere. Ich beabsichtige nicht, ein zweites Mal hierherzukommen.«
*
Die Handschuhe wurden kurz darauf fertiggestellt. Mit dem Ergebnis zeigte sich Autrach sehr zufrieden. Seine Mitarbeiter nahmen dies mit Erleichterung zur Kenntnis; er stellte nicht ohne ein gewisses Erstaunen fest, dass sie Angst vor ihm hatten.
Autrach ließ die Handschuhe mit einem Raumschiff nach Khrat bringen, etwas mehr als 50.000 Lichtjahre entfernt, auf der anderen Seite der Galaxis Norgan-Tur. Soweit er wusste, waren sie zur Zwischenlagerung im Dom Kesdschan bestimmt. Dort bewahrten die Ritter der Tiefe ihre Schätze und ihre Waffen auf.
Auf dem Planeten Onzhous kehrte Ruhe ein.
Sicher existierten Projekte, natürlich wurde an verschiedenen Dingen gebaut. Doch es gab keine schwere Arbeit, die sie in kurzer Zeit beenden mussten.
Autrach versetzte sein Bewusstsein oft in den Zustand, der einem normalen »Schlaf« am nächsten kam.
Zum ersten Mal träumte er von einem Ozean. Am Anfang wollte er es jedoch nicht wahrhaben.
Er berichtete Temperou nichts davon, statt dessen versuchte er, den Gedanken an Wasser und an eine endlose blaue Weite zu verdrängen.
Nachdem er denselben Traum mehrere Male geträumt hatte, fing er an, sich mit dem Gedanken abzufinden. Die Baolin-Nda als ehemalige Wasserbewohner – warum nicht? An einer Ur-Erinnerung war nichts Schlechtes. Schlecht war nur, dass in Autrach eine ungewisse Sehnsucht erwachte.
Er setzte Temperou von seinem Traum in Kenntnis. Gemeinsam suchten sie erneut den See auf, hinter den Hügelketten, außerhalb der Technostadt. Doch das Wasser konnte seine Sehnsucht nicht befriedigen.
Kurz darauf starteten sie einen weiteren Versuch; diesmal bestiegen sie eine Raumkapsel und flogen ein benachbartes Sonnensystem an, in dem es eine idyllische, von Leben erfüllte Wasserwelt gab.
»Es ist nicht dasselbe wie in meinem Traum«, bekundete Autrach enttäuscht.
»Es ist nie dasselbe«, sagte Temperou.
Sie kehrten nach Onzhous zurück. Autrach konnte sich einer bohrenden Unzufriedenheit nicht erwehren, die ihn erfüllte, nicht nur in seinen Träumen, sondern auch während der Wachphasen.
Die Probleme endeten erst, als sich wichtiger Besuch ankündigte.
Zum ersten Mal, seit er Hochtechniker der Baolin-Nda war, ließ sich der Beauftragte der Ritter der Tiefe auf Onzhous sehen.
Cairol landete mit einem Raumschiff, das von einem Ende zum anderen sieben Kilometer maß. Es war eine unregelmäßig geformte Walze aus blauem Metall. Schießschartenähnliche Öffnungen verliehen dem Schiff einen martialischen Anschein.
Aus dem Rumpf der Walze löste sich ein Körper. Der Beauftragte des Ritterordens sank langsam auf den Boden nieder.
Autrach erwartete ihn am Rand des Landefeldes.
Terraner (3)
Jene Stufe der Existenz, die über den Superintelligenzen liegt, wird von den Materiequellen und Materiesenken bevölkert.
Eine positive Superintelligenz entwickelt sich zur Materiequelle, eine negative Superintelligenz entwickelt sich zur Materiesenke. Wir wissen nicht mit letzter Gewissheit, was eine Quelle oder eine Senke bewirkt. Wir glauben jedoch, dass beide Existenzformen die Ausdehnung und die Struktur unseres Universums bestimmen.
Darüber stehen nur die Kosmokraten und Chaotarchen. Die Kosmokraten verkörpern das physikalisch-universelle Prinzip der Ordnung, während die Chaotarchen das physikalisch-universelle Prinzip des Chaos darstellen.
Über die Chaotarchen wissen wir sehr wenig. Wo sie leben, wie sie aussehen, darüber ist uns kaum etwas bekannt.
Von den Kosmokraten wissen wir, dass sie hinter den Materiequellen leben. Wo das allerdings ist, darüber können wir nichts aussagen.
Hinter den Materiequellen, das ist – mystisch ausgedrückt – dasselbe wie die »Welt hinter den Spiegeln«. Wir haben keine Möglichkeit, diese Dinge zu begreifen oder zu berechnen.
(Aus: Hoschpians unautorisierte Chronik des 13. Jahrhunderts NGZ; Kapitel 1.1.1. Einleitung)
Perry Rhodan fand aus tiefer Vergangenheit in die Wirklichkeit zurück. Er schwebte in seinem blauen Raumanzug vor dem Pilzdom des Baolin-Deltaraums, und er hatte einen Helioten vor sich, der ihm all das nicht ohne eine tiefere Absicht erzählte.
»Wir haben wichtige Dinge zu bereden«, sagte das Wesen. »Du kannst dir denken, was ich meine.«
Rhodan zögerte. Dann sprach er es offen aus: »Meine Ernennung zum Sechsten Boten von Thoregon.«
»So ist es.«
Der Terraner rief sich die Ereignisse des vergangenen Jahres in Erinnerung. Dies war die erste Möglichkeit, mit einem Vertreter Thoregons in direkten Kontakt zu treten. Perry Rhodan hielt es für möglich, dass in diesem Gespräch das Schicksal der Menschheit entschieden wurde.
»Was sind die Aufgaben eines Boten?«, fragte er nach einer Weile.
»Die Boten von Thoregon vertreten die sechs wichtigsten Völker der Koalition. Sie verfügen über spezielle Machtmittel und haben Zugang zur Brücke in die Unendlichkeit. Die Boten vermitteln zwischen den Völkern und dem Rat von Thoregon.«
»Das scheint mir sehr idealistisch ausgedrückt zu sein. So, wie es sehe, existiert die Koalition bisher nur als eine Idee. Ein Gedankengebäude, ein wackelndes Kartenhaus.«
»Teilweise hast du recht«, gab der Heliote zu. »Die wichtigste aktuelle Aufgabe der Boten besteht deshalb darin, die Angriffe unserer Feinde abzuwehren.«
»Wer sind diese Feinde?«
»Wir wissen es nicht genau.«
Rhodan fragte sich, warum der Heliote nicht selbst die Funktion eines Boten von Thoregon übernahm. Die Antwort lag jedoch offen vor ihm: Ein Heliote konnte nichts Böses, nichts Schlechtes tun.
Angenommen, Rhodan hatte in seiner Funktion als Sechster Bote einen Feuerbefehl zu geben. Oder angenommen, dass er töten musste – sei es auch in Notwehr. Ein Heliote konnte das ganz sicher nicht. Perry Rhodan wusste jedoch, dass er selbst im Notfall dazu imstande war.
Er hatte immer im Auftrag der Menschheit gekämpft. Er hatte an Raumschlachten teilgenommen, und er hatte im Zweikampf Leben ausgelöscht. Der Heliote glaubte anscheinend, dass er im Notfall dasselbe auch für die Koalition tun würde.
Jedenfalls wurde von den Helioten die direkte Schuld fortgenommen, und sie wurde Perry Rhodan aufgebürdet.
Rhodan überlegte, ob er für den Rat von Thoregon so etwas wie ein kosmischer Söldner sein sollte – oder aber ein Erlöser, der imstande war, Verantwortung und persönliche Schuld zu tragen.
»Die Entscheidung, ob ich der Sechste Bote von Thoregon werde, liegt nicht bei mir allein«, sprach er lautlos. »Wenn ich einer dieser ominösen Boten bin, werden die Menschen automatisch das sechste Thoregon-Volk. Ist das richtig?«
»Absolut korrekt.«
»Ich weigere mich, diese Entscheidung für die Terraner zu treffen.«
»Die Menschen haben sich längst auf die Seite Thoregons gestellt. Während ich hier die Geschichte der Baolin-Nda erzähle, befindet sich eine zweite Inkarnation meiner selbst auf Terra. Wir sprechen zu den Menschen. Wir überrumpeln nicht, wir lügen nicht, wir verdrehen nicht. Wir graben lediglich die Überzeugungen frei, die ohnehin vorhanden sind.«
»Und welche sind das?«
»Die Terraner sehnen sich nach Frieden. Halte dein Volk nicht für weniger erwachsen, als es ist. Hast du kein Vertrauen?«
»Das hat mit Vertrauen nichts zu tun«, wehrte Rhodan brüsk ab. »Die Menschen haben in den letzten Jahren einen Kurs eingeschlagen, der mir nicht gefällt.«
»Du meinst den Konfrontationskurs. Die Haltung zum Kristallimperium und zum Forum Raglund«, stellte der Heliote fest.
Rhodan nahm nicht ohne Erstaunen zur Kenntnis, dass das Wesen über die politische Lage in der Milchstraße informiert war.
»Genau das meine ich«, antwortete er. »Die Menschen ändern nicht in wenigen Tagen ihre Meinung. Sie haben sehr lange darum gekämpft, aus dem Dienst der Kosmokraten entlassen zu werden. Heute treffen sie wieder ihre eigenen Entscheidungen. Ich bin mit diesen Entscheidungen oft nicht einverstanden, aber es sind nun mal ihre. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen diese Freiheit wieder aufgeben werden. Wir können sie fragen, ob sie zu Thoregon gehören wollen. Aber ich bin sehr skeptisch.«
»Weißt du, aus welchem Grund sich die Menschheit von den Kosmokraten abgewandt hat?«
»Natürlich!«, antwortete er überrascht. »Was bedeutet diese Frage?«
»Bitte gib mir eine Antwort.«
Er sagte: »Die Menschen wollten nicht länger für Ziele kämpfen, die sie nicht verstehen können und die sie nicht gutheißen.«
Der Heliote überflutete Rhodan mit einem Gefühl innerer Wärme.
Heliotische Geschichten (3)
Countdown: minus 99.000 Jahre
Der Roboter Cairol war zweieinhalb Meter groß. Damit überragte er Autrach um etwas mehr als das Doppelte. Sein schlanker, metallischer Leib besaß eine Ausstrahlung, wie man sie im Kosmos nicht sehr oft zu spüren bekam. Selbst die Baolin-Nda, deren ästhetischer Anspruch eher gering war, konnten sich der Faszination nicht entziehen.
»Wo ist Thundergorn?«, fragte Cairol. Er hatte eine kalte Automatenstimme.
Autrach schickte die Worte durch seinen körpereigenen Translator. Cairol benutzte die Sprache der Mächtigen; den geläufigen Dialekt des Ritterordens.
Er antwortete: »Thundergorn ist gestorben. Ich bin der neue Hochtechniker. Mein Name ist Autrach.«
Ein heftiger Wind fegte über das Landefeld und ließ seine Worte dünn klingen.
Der Leib des Roboters wandte sich ihm zu. Cairol krümmte seinen Hals nach vorn, ähnlich wie ein Vogelwesen, und musterte den Baolin-Nda mit einem Blick von durchdringender Schärfe.
Autrach machte sich klar, dass er es mit einem Roboter zu tun hatte, nicht mit einem lebendigen Wesen. Er musste jedoch anerkennen, dass Cairol sehr viel perfekter war als Diener-17, den er damals mit seinem Schloss vernichtet hatte.
Cairol besaß eine bedrohliche Aura. Sich diesem Roboter zu widersetzen schien undenkbar. Autrach überlegte, ob es vielleicht doch möglich war, eine Maschine mit einer Seele zu versehen. Stellte Cairol nicht den gestaltgewordenen Beweis dar?
»Autrach ...« Cairol ließ seinen Namen nachdenklich verklingen. »Ich werde dein IV-Muster speichern und dich in Zukunft erkennen. Nun komm! Wir haben zu reden.«
Autrach wies seine Begleiter an, zurückzubleiben und zu warten. Er und der Roboter begaben sich in eine abgeschlossene Räumlichkeit in den Hafengebäuden.
»Wir haben die Handschuhe erhalten«, erklärte Cairol. »Wir sind mit der Funktionsweise zufrieden. Den Handschuhen wird im Kampf zwischen Chaos und Ordnung noch eine wichtige Rolle zugewiesen. – Aber das soll nicht mehr die Sorge der Baolin-Nda sein. Wir benötigen nun einen anderen Dienst.«
»Welcher ist das?«
»Das Erscheinen eines Kosmokraten ist uns angekündigt. Ein Angehöriger der Hohen Mächte wird den Bereich hinter den Materiequellen verlassen. Sein Name ist Taurec. Niemand weiß genau, wann der Kosmokrat im Normalraum ankommt; wenn es aber soweit ist, dann benötigt er eine spezielle Ausrüstung.«
»Diese Ausrüstung sollen die Baolin-Nda konstruieren?«
»Ja, Autrach. Jedenfalls einen Teil davon. Wir werden uns natürlich nicht nur auf euch allein verlassen. Euch kommt jedoch eine wichtige Rolle zu. Ihr sollt für Taurec eine Kaserne bauen.«
Der Roboter beschrieb Autrach, was mit dem Ausdruck »Kaserne« gemeint war: Es sollte sich um eine möglichst handliche Gerätschaft handeln, für ein humanoides Wesen um die zwei Meter Körpergröße leicht zu transportieren.
Im Inneren der Gerätschaft sollten sich einige Kampfroboter befinden, die im Ernstfall den Kosmokraten verteidigen konnten. Sie benötigten schwere Defensiv- und Offensivbewaffnung. Außerdem mussten sie nach Belieben ihre Größe verändern können.
»Ich schließe daraus«, sagte Autrach nachdenklich, »dass dieser Taurec ein humanoides Lebewesen ist. Stimmt das?«
Cairol antwortete kalt: »Natürlich nicht. Es steht niederen Wesen nicht zu, einen Kosmokraten in seiner wahren Gestalt zu erblicken. Taurec wird zwar als Humanoider auftreten, aber dies ist nicht seine wahre Natur. Wir besitzen nicht die Worte und nicht die Gedanken, um einen Kosmokraten zu beschreiben.«
»Also gut, ich will meine Energie nicht verschwenden. Wie viel Zeit haben wir?«
»Ich gebe euch hundert Jahre.«
Autrach dachte einen Moment lang nach. »Wir müssen völlig neue physikalische Grundlagen erarbeiten. Ich glaube nicht, dass wir es in hundert Jahren schaffen können.«
»Das war keine Bitte, Hochtechniker. Es war ein Befehl. Hundert Jahre!«
Autrach wurde wütend. »Du kannst mir nichts befehlen!«
»Wenn du Schwierigkeiten bereitest, werde ich dich töten.«
»Du glaubst, du kannst mir angst machen?«, fragte Autrach überrascht.
»Ja. Du hast Thundergorn gerade erst als Hochtechniker abgelöst. Das bedeutet, du hast erst einen kleinen Teil deines Lebens hinter dir. Junge Lebewesen sind immer ängstlich. Sie haben viel zu verlieren.«
»Vielleicht töte ich dich zuerst.«
»Ich bin ein Roboter. Du kannst mich nicht töten.«
»Ich kann dich beschädigen!«
»Die Ritter der Tiefe werden einen neuen Gesandten schicken.« Cairol machte eine Pause. Er wollte Autrach offenbar Gelegenheit geben, seine Meinung zu ändern.
Nach einer Weile fuhr er fort: »Ein Kosmokrat steigt in die Niederungen herab. Vielleicht in hundert Jahren, vielleicht in tausend oder in zehntausend Jahren. Das macht keinen großen Unterschied. Wichtig ist nur eines: Wenn er eintrifft, darf ihm nichts geschehen. Sein Schicksal ist bedeutsamer als das aller Intelligenzen dieser Galaxis zusammengenommen. Die Baolin-Nda sollten sich ihrer Schranken bewusst sein. Sie erschaffen Technik, aber sie sind keine kosmische Ordnungsmacht.«
»Wann werden wir diesen Taurec kennenlernen?«
»Niemals.«
Autrach wollte noch etwas sagen. Doch er brachte keinen Ton heraus.
Im ersten Moment glaubte er, vor Zorn zerspringen zu müssen, dann fing er an nachzudenken, und er sah, dass Cairol die Wahrheit sprach. Um Politik hatten sich die Baolin-Nda seit Zehntausenden von Jahren nicht mehr gekümmert. Aus der kosmischen Handlung hatten sie sich zurückgezogen. Autrach hätte nicht einmal sagen können, welche Macht gegenwärtig die Galaxis Norgan-Tur beherrschte.
»Wir werden es in hundert Jahren schaffen«, kündigte er tonlos an.
*
Cairol verließ den Planeten Onzhous am selben Tag. Das Walzenschiff teilte die Wolken über der Technostadt, dann nahm es Kurs auf das offene All und verschwand in den Hyperraum.
Autrach beriet sich mit seinen besten Technikern, mit Lautareen und den anderen.
Ihnen wurde bald klar, dass sie mit den herkömmlichen Methoden der Mikro-Miniaturisierung nichts erreichen würden. Nicht die Kaserne selbst war das Problem, sondern die Kampfroboter, die sie nach Cairols Willen enthalten sollte. Objekte konnten entweder groß oder klein sein – aber nicht beides zugleich.
Hundert Jahre waren kurz. Sie gingen dennoch für ein Jahr auseinander, um unabhängig voneinander Konzepte zu ersinnen.
Nach wenigen Monaten entwickelte der Hochtechniker einen Plan, den er in fieberhafter Arbeit ausfeilte.
Die Kaserne sollte ein Dutzend Kampfroboter tragen. So lautete die Vorgabe. Für die Lagerung stand maximal ein kleines Kästchen zur Verfügung; normalerweise hätte man jedoch einen kleinen Hangar benötigt, zumindest ein geräumiges Zimmer.
Das Autrach-Modell funktionierte denkbar einfach: Im Grundzustand waren seine Kampfroboter nur wenige Zentimeter groß. Kamen sie zum Vorschein, saugten sie aus ihrer Umgebung Energie und Materie auf. Beides wurde entlang einer 5-D-Matrix verdichtet und zu neuer Materie geformt. Innerhalb einer einzigen Sekunde entstand eine handlungsfähige, stabile, mächtige Kampfmaschine.
War der Auftrag beendet, mussten die Roboter ihre zusätzliche Körpermasse nur in Energie rückverwandeln und in die Umgebung abstrahlen. Der Grundkörper kehrte dann in die Kaserne zurück.
Als Autrach sein Modell vorstellte, stieß er nicht auf Zustimmung.
