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Auf der Erde und den zahlreichen Planeten der Milchstraße, die von Menschen besiedelt sind, ist das Jahr 1344 Neuer Galaktischer Zeitrechnung angebrochen - dies entspricht dem Jahr 4931 alter christlicher Zeitrechnung. Seit Perry Rhodan mit einer schlichten Rakete ins All vorgestoßen ist und der Menschheit dabei den Zugang zu den Sternen erschloss, sind fast dreitausend Jahre vergangen. Längst bildet die Erde - oder Terra, wie man allgemein sagt - das Zentrum eines blühenden Sternenreiches aus Tausenden von Planeten. Dass kein Frieden ewige Zeiten währen wird, das wissen auch Perry Rhodan und seine Mitstreiter. Immer wieder wurde die Erde zum Ziel feindlicher Angriffe. Doch als die Terminale Kolonne TRAITOR nach der Milchstraße greift, wird allen klar, dass es noch nie eine derart ungeheuerliche Bedrohung gab. Die gigantische Raumflotte der Chaosmächte soll in umittelbarer galaktischer Nähe der Menschheitsgalaxis eine sogenannte Negasphäre errichten - einen absolut lebensfeindlichen Raum. Während sich die Menschheit hinter den TERRANOVA-Schutzschirm flüchtet, droht der restlichen Milchstraße der Untergang ...
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Veröffentlichungsjahr: 2011
Nr. 2300
Vorboten des Chaos
Sie sind TRAITORS Bestien – und sie bringen den Untergang
Robert Feldhoff
Auf der Erde und den zahlreichen Planeten der Milchstraße, die von Menschen besiedelt sind, ist das Jahr 1344 Neuer Galaktischer Zeitrechnung angebrochen – dies entspricht dem Jahr 4931 alter christlicher Zeitrechnung. Seit Perry Rhodan mit einer schlichten Rakete ins All vorgestoßen ist und der Menschheit dabei den Zugang zu den Sternen erschloss, sind fast dreitausend Jahre vergangen.
Längst bildet die Erde – oder Terra, wie man allgemein sagt – das Zentrum eines blühenden Sternenreiches aus Tausenden von Planeten. In der Liga Freier Terraner leben nicht nur Menschenabkömmlinge, sondern auch Angehörige anderer Völker. Der Mausbiber Gucky ist für viele ein typisches Beispiel; außer ihm gibt es zahlreiche Fremdwesen auf den wichtigsten Welten der Liga.
Dass kein Frieden ewige Zeiten währen wird, das wissen auch Perry Rhodan und seine Mitstreiter. Immer wieder wurde die Erde zum Ziel feindlicher Angriffe. So auch in diesen Tagen, als eine finstere Macht im Geheimen mit ihrer Arbeit beginnt.
Es handelt sich dabei um die VORBOTEN DES CHAOS …
Perry Rhodan – Der unsterbliche Terraner beruft eine Konferenz der galaktischen Völker ein.
Bostich I. – Der Imperator von Arkon nimmt eine weite Reise auf sich.
Gucky – Der Mausbiber wächst in der Gefahr über sich hinaus.
Zon Facter – Der Assassine erfüllt den Auftrag der Terminalen Kolonne.
Demetrius Luke
»Hohes Haus, geehrte Abgeordnete.« Perry Rhodans Stimme klang ruhig. »Ich weise aus gegebenem Anlass darauf hin, dass wir heute in geheimer Sitzung tagen.«
Mit staatsmännischem Lächeln blickte er über das Feld der 711 Abgeordneten im Residenz-Parlament.
»Die Liga Freier Terraner besteht mit Stichtag zur Jahreswende aus 3143 Welten. Als Kerngebiet der LFT gilt eine Raumkugel von fünftausend Lichtjahren Durchmesser, ein Territorium, das sich aus dem historischen Erbe des Solaren Imperiums herleitet. – Aber aus der Größe und der Macht erwächst auch eine Pflicht. Wer die Milchstraßenvölker auf einen gemeinsamen Weg führen will, muss ein gemeinsames Ziel aufzeigen. Hohes Haus: Was diese Galaxis braucht, ist eine Vision!«
Perry Rhodan wartete ab, bis der spärliche Beifall verklungen war. Was er ihnen mitzuteilen hatte, wollten die Abgeordneten nicht hören. Bis zum Ziel lag vor der Regierung eine Menge Überzeugungsarbeit.
Mit spitzen Fingern hob Rhodan einen Daten-Kristall in die Höhe. Für die Kamerasensoren sichtbar schob er den Kristall in den Projektor.
Über dem Rednerpult flammte das Hologramm der Milchstraße auf. Ein Laser zeichnete die galaktopolitische Karte in das Feld der Sterne, die Territorien von Terra, Arkon, Akon, Gatas und allen anderen.
Rhodan beugte sich etwas nach vorn und berührte einen Sensor am Rednerpult.
In der Westside der Galaxis glommen Lichter auf, an den Standorten Sol, Plophos, Ertrus und Olymp. In der Karte formten sie einen gedrängten Haufen. Hoch über der Northside der Galaxis nahm ein zweiter Haufen Gestalt an. Die einzeln nicht unterscheidbaren Glutpunkte standen für Arkon, Aralon, Archetz und Zalit.
»Im Folgenden erhält das Hohe Haus Kenntnis von den Plänen der Regierung, eine solche Vision zu schaffen …«
»Das Jahr 1331 NGZ markierte den wohl schärfsten Einschnitt in der Geschichte der Milchstraße seit Jahrmillionen: die Erhöhung des hyperphysikalischen Widerstandes, den so genannten Hyperimpedanz-Schock.
Die High Tech der Milchstraßenvölker, gleich ob terranischer, arkonidischer oder halutischer Bauart, versagte ihren Dienst. Unbeschränkter Raumflug per Metagrav war ab sofort Geschichte. Die unbegrenzte Verfügbarkeit von Energie durch Hyperraumzapfung hatte ihr Ende gefunden. Syntronische Datenverarbeitung funktionierte nicht länger.
Perry Rhodan wusste damals, dass der Hyperimpedanz-Schock ein gezielter Angriff war. Im Hintergrund standen die Kosmokraten, die Hohen Mächte des Universums. Ein Naturgesetz als Waffe: um die Krankheit Leben, die im Universum überhand nahm, in ihrer Verbreitung einzugrenzen.
Im Jahr 1331 lag die galaktische Kultur in Trümmern. Insofern mag es mancher ein ›Wunder‹ nennen, dass bereits wenige Jahre später, im Jahr 1344 NGZ,das Leben aus den Ruinen seiner Technik längst wieder auferstanden war. Lebendiger denn je und auf dem Sprung, verlorenes Terrain zurückzugewinnen.«
[Hoschpians Chroniken des 14. Jahrhunderts NGZ; Kap. 21.33.1. Grundlagen der Rückkehr]
»Euer Erhabenheit, wir bringen eine dringliche Botschaft!«
Imperator Bostich I. blickte auf seine Diener, zwei kniende Dryhanen in Violett, beide sehr jung, und er registrierte das Beben ihrer Finger in seiner Gegenwart. Der Herr Arkons war nicht bekleidet. Dies waren die ersten Minuten des Tages, die er nicht mit dem Geschäft des Regierens verbrachte, sondern in seinem Palast-Bad. Heilige Minuten, dachte er. Die Einsamkeit, die ein Herrscher sich erkämpft.
Bostich wölbte die Brauen und blickte seine Diener an, bis er die Gesichter erblassen sah.
»Es handelt sich um eine Botschaft des Terraners Perry Rhodan, Euer Erhabenheit!«, setzte einer der zwei nervös hinzu. »Ihr gabt Anweisung, Kommunikation mit dem Terraner Rhodan stets als ›dringlich‹ zu behandeln!«
Der Imperator ließ sie ohne Antwort stehen, er trat an den Beckenrand und kippte mit geschlossenen Augen vorwärts. Das Wasser umspülte ihn wie Öl, ein Strom von Blasen stieg zur Wasseroberfläche, während Gaumarol Bostich I. die hundert Meter bis zum gegenüberliegenden Beckenrand tauchte. Die Sekunden unter Wasser gehörten ihm allein. Niemand sprach, niemand führte Klagen, und das gewaltige Imperium rückte für die wenigen, wertvollen Momente in irreale Ferne.
Der Terraner. Was kann er wollen? Der Imperator des Kristallimperiums war der mächtigste Mann der Milchstraße. Aber wenn es einen Gegenspieler von Format gab, hieß er Perry Rhodan. Der Herrscher von Terra, der sich Terranischer Resident nannte und der sich vom Volk wählen ließ. Demokratie nannten es die Menschen.
Als er aus dem Wasser tauchte, waren die Dryhanen zur Stelle.
Bostich holte tief Atem. Er befand sich in ausgezeichneter Verfassung. »Verlest die Botschaft«, ordnete er an.
»Erhabenheit, es handelt sich um eine Holografie.«
Einer der zwei hob seine Hand, dünne gesalbte Finger, und aus einem mit Losol besetzten Ring schoss ein Funkenregen, der sich zu einem Gesicht formte. Die ernste, selbstsichere Miene eines Mannes, der knapp dreitausend Jahre alt war, aber noch immer aussah wie ein Mensch von neununddreißig.
»Imperator Bostich!«, sprach Rhodans Stimme aus dem Ring. Höflich, aber nicht demütig. »Ich entbiete meine Grüße an den Herrscher der Arkoniden. Deine Geheimdienste werden dir berichtet haben, dass Terra eine Reihe von technologischen Neuerungen vorbereitet. Die Regierung der LFT plant, diese Neuerungen allgemein zugänglich zu machen. Auch für Arkon, falls sich Arkon interessiert zeigt. – Wir haben beschlossen, dass wir eine Aufbaukonferenz der Völker veranstalten werden. Als Tagungsort ist die Solare Residenz vorgesehen. Der Termin ist der 4. Januar 1344 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Es gilt, Entscheidungen von hoher Tragweite zu treffen. Ich füge hinzu, von galaktischer Tragweite, daher bitte ich dich um deine persönliche Teilnahme. – Die Details können auf der Ebene unserer Botschafter geregelt werden.«
Perry Rhodan lächelte offen, sein Gesicht zerstob zu Funken und wurde zu Luft.
Bostich fixierte den zweiten Dryhanen. »Meinen Terminplan!«
Ein zweiter Funkenregen formte sich zu einer Tafel, Tausende Einträge in Spalten gepresst, winzige arkonidische Lettern. Jeder Tag sah exakt genauso aus. Wenn es etwas gab, worüber der Imperator nicht verfügte, war es Zeit.
Bostich tauchte unter Wasser, sank bis zum Boden des Beckens, er stieß sich mit den Füßen von der Wand ab und tauchte den Weg, den er gekommen war, wieder zurück, um nachzudenken. Dieses Mal mit derben Stößen, mit der höchsten Geschwindigkeit, die er unter Wasser hundert Meter halten konnte.
Rhodan, du verdammter terranischer Hund. Ich hoffe für dich, du rufst mich nicht umsonst auf deine Erde.
Der Weg nach Terra war weit. Die Zivilisation der Milchstraße erholte sich zwar in schnellen Zügen nach dem Hyperimpedanz-Schock, der die alte Technik zerschlagen hatte, all die Syntrons und Gravitrafs, die Metagravs und Grigoroffs. Jeder Tag war ein Schritt nach vorn. Doch bis das alte Niveau wieder erreicht war, mussten Jahrhunderte vergehen. 34.000 Lichtjahre bedeuteten einen Flug von mehreren Wochen Dauer.
Bostichs Lungen brannten. Dennoch blieb er unten, die ganze Strecke, und zwang sich, die Arme bis zur Hüfte durchzuziehen. Mit einem Schrei stieß er durch die Wasseroberfläche, er spuckte Wasser aus und sog Atem ein.
Die Flecken vor seinen Augen formten sich zu einem Bild in Violett: seine Dryhanen. Sie wichen schnell beiseite, als der Imperator sich aus dem Wasser zog.
»Holografische Aufzeichnung!«, kommandierte er.
Einer der Dryhanen hob seinen Ring, und Bostich starrte mit nassem Haar in den Losol, der die Kamera enthielt. »Terraner«, sprach er grimmig, »du bestellst den Imperator des Kristallimperiums durch die halbe Galaxis. Besser, du bietest mir einen Gegenwert an, der meiner aufgewandten Zeit entspricht! – Ich treffe am 4. Februar deiner Zeit ein, sieh zu, dass du deine Konferenz an dem Tag beisammenhast!« Eine Geste mit der flachen Hand, Aufzeichnung aus.
»Euer Erhabenheit«, rief einer der Dryhanen erschrocken, »Perry Rhodan nannte nicht den 4. Februar, sondern den …«
Der Duale Kapitän erreichte mit einem Transmitterfeld den Nega-Saal. An einer Sitzbank in der Mitte blieb er stehen. Von überall her zugleich kam Wind auf.
»Kapitän«, füllte eine Stimme den Saal, »nimm Platz.«
Der Duale Kapitän blieb stehen, denn sein verunstalteter Körper ließ keine sitzende Haltung ohne Schmerzen zu.
»Du hast hohe Verluste erlitten«, hörte er die Stimme. »Die Armee war dir anvertraut! Wir geben dir hunderttausend Traitanks, und du bringst weniger als zweitausend zurück. Hättest du doch bis zum Ende gekämpft, auch bis zu deinem eigenen! Das aber hast du nicht getan. Du hast deine Armee geopfert, aber nicht dich selbst.«
Er wurde von unsichtbaren Augen gemustert. Das Unbehagen schnürte wie körperliche Qual seine Hälse zu. »Es war nicht vermeidbar«, verteidigte er sich, und er hoffte, dass der Wind seine Worte zu den unsichtbaren Ohren mittrug. »Die Verluste des Feindes betragen ein Vielfaches!«
»Hast du deinen Auftrag erfüllt?«
Rings um ihn und die Bank entstand ein Wirbel, so übergroß und gewalttätig wie die Terminale Kolonne. Aus dem Wirbel stießen Protuberanzen wie Faustschläge aus Dunst auf ihn herab.
Der Kapitän bekannte: »Nein. Das habe ich nicht.«
Mit den Händen klammerte er sich an die Lehne der Bank, und er rechnete mit der Verkündung des Urteils, das nicht anders lauten konnte als Tod.
Schließlich mischte sich eine zweite Stimme in das ferne Toben, das er hörte. Ein Befehl. Der Duale Kapitän merkte auf. Er suchte den Dunst nach einer Kontur ab, doch da war nichts. Das Wirbeln rings um ihn verlor im selben Moment seine Wucht und fiel zusammen, und er begriff, dass irgendwer zu seinen Gunsten eingegriffen hatte.
»Alle diese Sachverhalte«, fuhr die Stimme fort, mit hörbarem Missvergnügen, »werden in Kürze aufgeklärt werden. Die Progress-Wahrer der Terminalen Kolonne verschwenden nicht, was sie geschaffen haben. In deine Zeugung wurden beträchtliche Mittel investiert, Kapitän. Also nehmen wir nicht dein Leben, sondern wir betrauen dich bis zur endgültigen Klärung mit einer neuen Angelegenheit.«
Der Kapitän blickte überrascht auf – aber da war nur Nebel rings um ihn.
Er entspannte sich etwas, denn die Auskunft verschaffte ihm eine Gnadenfrist, mit der er nicht gerechnet hatte. Er würde nicht sofort sterben. Vielleicht konnte er das Vertrauen der Kolonne sogar zurückgewinnen.
»Welche Angelegenheit ist das, Herr?«, fragte er schließlich.
»Du übernimmst das Kommando im Kolonnen-Fort TRAICOON 0098. Du wirst den ersten Vorposten in einer Galaxis namens Milchstraße errichten; ein Raumsektor namens Sol muss gesichert werden. Bereite die Übernahme eines Planeten namens Terra vor. Lösche aus, was sich dir in den Weg stellt, aber du wirst nicht beschädigen, was wir für die Zwecke der Kolonne noch benutzen wollen.«
Der Kapitän versuchte ruhig durchzuatmen. »Ich verstehe.« Was der Progress-Wahrer als Auftrag hinstellte, kam einer Degradierung gleich, doch er befand sich in einer Lage, die Widerspruch nicht ratsam scheinen ließ.
Aus dem Dunst löste sich ein einzelner Wirbel. An seinem Ende entstand die Ahnung eines Gesichtes. Mit zerfasernden Augen blickte das Gesicht auf ihn herab, so als wäre er ein Insekt auf dem Objektträger eines Mikroskops. »Du verdienst diese Chance nicht, Kapitän, wir wissen das. Unglücklicherweise verfügt selbst die Terminale Kolonne nur begrenzt über Kommandeure deiner Art. Aber vielleicht gelingt es dir ja, diese einfache Aufgabe zur Zufriedenheit zu erfüllen.«
Er begriff, dass das Gespräch zu Ende war. Der Kapitän versuchte, seinen Oberkörper in verneigte Haltung zu bringen. Der Schmerz zwang ihn jedoch, stattdessen lediglich die zwei Häupter zu beugen.
Als er wieder aufblickte, war das Gesicht verschwunden, und er blickte in unbewegten Dunst. Mit allen Sinnen lauschte er, ob noch einmal die zweite Stimme zu hören war, aber nichts geschah.
Per Kolonnen-Funk rief er Daten über TRAICOON 0098 ab. Das Fort lagerte in zerlegtem Zustand an Bord einer Kolonnen-Fähre, und seine Überstellung an den Einsatzort, Sektor Sol, Galaxis Milchstraße, war für den kommenden Tag vorgesehen.
Die Wetterkontrolle hatte blauen Himmel über Terrania gezaubert; Sonnenschein verwandelte die Skyline in ein Band von aufeinander getürmten, glitzernden Kristallen. Perry Rhodan überflog mit seinem Gleiter die halbe Stadt, vom abgesperrten Aldebaran Space Port kommend Richtung Solare Residenz. Gegen die tief stehende Sonne zeichnete sich der Umriss ab, eine gigantische Orchidee aus Stahl und Glas, über einen Kilometer hoch. Der Regierungssitz hing nicht schwerelos am Himmel wie gewöhnlich, sondern war in seinem Futteral gelandet; als Sicherheitsmaßnahme für die Konferenz. Dennoch war die Residenz von jedem Platz der Stadt aus sichtbar.
»Perry?«, hörte er Mondra Diamonds Stimme über Funk. »Du hast unsere Verabredung hoffentlich nicht vergessen?«
Rhodan aktivierte seinen Sender: »Keineswegs, Mondra, ich überfliege soeben …«, er legte den Gleiter schräg und blickte durch das Fenster auf die Straßenzüge, »… soeben Antares City! Gedulde dich nur fünf Minuten!«
Er hörte ein Lachen – und ein schwaches Trompeten im Hintergrund, das verdächtig nach Elefant klang. »Na schön, Perry, du hörst ja, Norman freut sich schon! – Allerdings, fünf Minuten sind ein bisschen sehr optimistisch.«
»Weshalb? Das ist die übliche Flugzeit!«
»Das siehst du gleich.«
»Aha.«
Terrania strahlte längst wieder im alten Glanz, gut zwölf Jahre nach dem Hyperimpedanz-Schock: eine Stadt für die Sinne, aber ohne Dekadenz, denn für den Wiederaufbau hatte die Bevölkerung hart gearbeitet. Energie sparen, das Motto der Dekaden. Energie war nach wie vor ein teures Gut.
Die Polizei von Terrania überwachte weiträumig das Gebiet. Sicherungskräfte massierten sich um das Areal im Nordwesten der Stadt. Eine bläulich transparente Glocke aus Energie, ein Paratronschirm neuester Generation, hüllte mit zwei Kilometern Höhe das Konferenz-Gelände ein. Rhodan steuerte den Gleiter an die Strukturschleuse. Eine Traube von Kampfschwebern stoppte seinen Flug, alle besetzt mit Agenten des Terranischen Liga-Dienstes. Rhodans ID-Muster wurde überprüft, seine Identität zweifelsfrei festgestellt. Mit Sensorspürern checkten sie von vorn bis hinten den gesamten Gleiter.
Einer der Agenten stutzte, fuhr mit seinem Scanner drei-, viermal über Rhodans rechte Jackentasche und bat schließlich: »Ich möchte den Inhalt sehen.«
Rhodan öffnete den Verschluss. Er zog das Objekt heraus, das sich darin befand, und überließ es den Agenten zur Prüfung. Danach steckte er sein Mitbringsel wieder ein.
Nach zehn Minuten Suche ließen sie ihn passieren. Rhodan konnte sicher sein, dass jeder Schmutzfleck an seinem Gleiter begutachtet und registriert war.
Im Inneren des Schirms herrschte Hochbetrieb. Kampfschweber flogen lückenlos Patrouille, jeder Quadratzentimeter Residenzpark wurde durchgemustert, damit das Areal ab morgen zur Verfügung stand.
Mondra winkte von weitem, als sie Rhodans Gleiter kommen sah. Am Gleiter-Parkdock ging er nieder und stieg aus.
Ihre grünen Augen strahlten. Sie war noch immer die dunkelhaarige Schönheit von damals, die er lange Zeit geliebt hatte. Biologisch war Mondra über siebzig Jahre alt, dennoch sah sie nicht älter aus als dreißig. Rhodan wusste sicher, dass das Geheimnis ihrer ausbleibenden Alterung nicht kosmetisch war, dafür kannte er sie zu lange. Sie wurde nicht älter, im Grunde rätselhaft. Ihr Pullover saß unverschämt eng, und als TLD-Agentin und ehemalige Zirkusartistin war sie in körperlich unglaublicher Form.
»Schön, dich zu sehen«, sagte er ehrlich und umarmte sie. Ihr Körperduft mischte sich mit einem Hauch Orange.
Mondra blickte plötzlich auf. »Und? Wie war’s?«
»HWG-01 auf dem Mond produziert, Projekt BACKDOOR auf dem Merkur steht kurz vor dem Start. Alles bestens, soweit sich das jetzt sagen lässt, Mondra. Einmal die komplette Rundreise.«
»Die TERRANOVA-Flotte?«
Sein Lächeln gefror. »Das ist der Wermutstropfen. Aber verlieren wir die Hoffnung nicht, man kann nicht alles auf einmal haben.«
Rhodan spürte ein Zupfen am Jackenzipfel: Ein fünfzig Zentimeter großer indischer Klonelefant drängte an seine Seite, und der ausgestreckte Rüssel an seiner Jacke war beinahe schwarz.
»Na, Norman, wie geht’s?«
Ein Schnaufer durch den Rüssel.
Der kleine Elefant zupfte an seiner Jackentasche, bis Rhodan den Verschluss öffnete – und den Apfel zum Vorschein brachte, der eben noch Verdacht erregt hatte. Norman griff die Frucht mit dem Rüssel, führte den Apfel zum Maul und verspeiste ihn, schließlich bedankte er sich mit einem dünnen Tröten.
»Aber zur Sache, Mondra. Führst du mich bitte herum? Ich möchte einen Blick auf die Vorkehrungen werfen.«
»Dein Misstrauen ehrt uns nicht gerade. War die Strukturschleuse nicht genug? Sei ganz sicher, dass wir morgen bereit sind.«
»Das ist kein Misstrauen. Das ist einfach nur ein Verstand mehr, der versucht mitzudenken.«
*
Mondra brachte Norman in ihrer Kabine unter, in wenigen Minuten, dann führte sie Rhodan über das Gelände. Sämtliche Innenarbeiten wurden per Funk abgeschlossen gemeldet, als die Sonne draußen unterging. Die Agenten strebten gruppenweise zu den Gleitern. Ihre Arbeit war getan. Für Rhodan und Mondra das Signal: Sie traten in den zentralen Hauptträger der Residenz, inspizierten stichprobenartig von unten nach oben, Konferenz- und Arbeitsräume ohne Zahl, die beiden Daellian-Meiler, die NATHAN-Außenstelle, das Restaurant MARCO POLO, in dem sich Rhodan bei Anwesenheit fast täglich verpflegte; zuletzt die Rechnerräume der Biopositronik LAOTSE, bis auf das zylinderförmige Hauptsegment im oberen Bereich des Hauptträgers.
Nirgendwo ein Fehler.
»Kommen wir zum letzten Punkt«, bestimmte er: »Die Unterkünfte für Bostich und Gefolge.«
Mondra wölbte erstaunt die Brauen. »Man sollte meinen, ein Perry Rhodan hat Besseres zu tun, als das Hotel zu prüfen. Zum Beispiel schlafen.«
»Ich bin nicht müde.«
»Bilde dir nicht zu viel auf deinen Zellaktivator ein. Du siehst hundemüde aus.«
»Wir machen das trotzdem. – Bostich ist Herrscher durch und durch. Sei ganz sicher, der Dienerschaft im Kristallpalast hält unser Service nicht ansatzweise stand. Der Mann verträgt Strapazen wie ein Raumsoldat, aber machen wir einen Fehler, den man hätte vermeiden können …« Rhodan schüttelte den Kopf. »Bostichs Zustimmung ist die Kernfrage bei der Konferenz, und du solltest wissen, Mondra, wie heikel der Schurke sein kann.«
Die Unterkünfte lagen in der Peripherie im Südostflügel, hinter einer Front aus durchsichtigem Panzertroplon, die einen Panoramablick über Terrania bei Nacht gewährte. Tagsüber sah man von hier bis zum Goshun-See, zum Sirius River. Bei Dunkelheit endete der Blick am strahlenden Rainbow Dome im Südosten, dem Wahrzeichen der Waringer-Akademie. Über allem lag ein bläulicher Schleier, der von der Färbung des Paratrons herrührte.
Bostichs Schlaf- und Arbeitsräume führten gediegenen Luxus vor, nie verspielt, sachlich und funktional; jedem Gegenstand der Einrichtung war sein Wert dennoch anzusehen. »Wir hatten im Archiv ein paar uralte Holos von den Gemächern, die damals Atlan als Gonozal VIII. im Kristallpalast bewohnt hat. Das war vor etwa dreitausend Jahren, etwa um 2050 nach Christi. Wir haben das Ensemble nachgebaut und in den Farben gestaltet, die man bei Bostich normalerweise sieht. Bostich gilt als Kenner der arkonidischen Geschichte; wir denken, dass er das merken wird.«
Rhodan nickte beifällig. »Deine Idee, Mondra?«
Ihr dunkler Teint lief ein bisschen rot an. »Nicht ganz. Wir hatten vor zwei Wochen noch per Funkbrücke Kontakt mit Atlan. Zur Charon-Wolke. Dabei ließ er den Tipp fallen.«
»Kann ich die Räume für den Tross sehen?«
Mondra führte ihn durch Dutzende frisch aufgebaute Zimmerfluchten, alle in Luxus ausgestattet, und Rhodan fand keinen Ansatzpunkt, der Kritik verdiente.
In dem Moment erreichte ein Funkanruf Mondra. Sie neigte den Kopf und horchte auf eine Stimme, die für Rhodan nicht hörbar war. »Perry, da gibt’s ein Sicherheits-Problem im Holografischen Museum in Ebene 11. Ich verschwinde kurz und entscheide das.«
Rhodan blieb allein zurück und führte seinen Rundgang zu Ende.
Die letzte Suite lag noch immer an der Fensterfront, Luftlinie von Bostichs Räumen hundert Meter entfernt; für einen Agh’moas, einen Agh-Fürsten Erster Klasse aus Bostichs Gefolge.
Rhodan strich nachdenklich durch die Zimmer.
Das letzte in der Reihe war ein Schlafgemach: Ein Knistern erfüllte die Luft, als er über die Schwelle trat, und Rhodan glaubte zuerst an einen Show-Effekt, der für die Ankunft des Fürsten programmiert war.
Seine Haare stellten sich im Nacken auf. Über seine Haut legte sich ein Kribbeln. Stopp. Rhodan stand instinktiv still. Etwas war nicht in Ordnung. Er drehte sich um, aber da war nichts. Er horchte, doch sein Gehör nahm keine Geräusche wahr, die nicht dem Standard entsprachen. Rhodan checkte seinen Armbandorter, und die Ausschläge, die er fand, bewegten sich im Rahmen des Gewohnten.
Im selben Moment flammte am Bett des Agh-Fürsten ein holografisches Spektakel auf, eine Art weißes Rauschen, das sich zur Kontur eines Menschen verdichtete.
Die Gestalt war ein Mädchen von einsachtzig Größe. Etwas stimmte nicht. Rhodan blickte zurück und überzeugte sich, dass der Fluchtweg nach draußen offen stand. Doch statt zu fliehen, blieb er stehen.
Das Mädchen hatte ein verwischtes Gesicht, wie überlagerte Schatten, und war nach seinem Dafürhalten um die siebzehn Jahre. Die tanzenden Flecken in Gesichtshöhe wirkten wie Sommersprossen auf heller Haut. Das Kleidungsstück an ihrem Oberkörper sah aus wie ein schwarzer Rollkragenpullover. Ihre Figur wirkte schmal und knabenhaft.
»Perry Rhodan …« Die Stimme wisperte.
Er sah der Erscheinung konzentriert zu. Alarmiert, aber nicht fassungslos. Rhodan glaubte Augen zu sehen, einen tiefen forschenden Blick.
»Ich höre!«
»Mein Name ist Fawn Suzuke.« Schnelle, undeutlich klingende Worte, in einem drängenden panischen Ton. Die Arme des Mädchens waren zu den Seiten ausgestreckt, als stemmten sie sich in einem zu engen Korridor gegen die Wände. »Endlich finde ich dich, ich komme nun hierher, um …«
»Ja!«
»Ich muss dich warnen … waarrrnen, denn die Terminale … die Negasphäre Hangay …«
Von hinten tönte ein klapperndes Geräusch, vielleicht Mondra, er fuhr für eine Sekunde herum – und als er wieder zum Bett des Fürsten schaute, war die Erscheinung verschwunden. Rhodan sah einen verwehenden Funkenregen, dann nur noch das Bett und das Luxus-Dekor.
»Perry?« Mondras Stimme.
»Ich bin hier!«
Sie trat in die Schwelle, und Rhodan blickte sie an, als habe er eben einen Geist gesehen, was in gewisser Hinsicht der Wahrheit entsprach.
Mondra wollte eben sprechen, wollte fragen, was es mit seinem Gesichtsausdruck auf sich hatte – da schlugen zeitgleich ihre Armband-Funkgeräte an.
»Auskunft der Systemortung!«, meldete eine neutrale Stimme. »Ein Verband von zwölf Schiffen ist soeben aus dem Linearraum getaucht. Die Einheiten haben sich als arkonidisch identifiziert! Es handelt sich um die Thronflotte ARK’IMPERION. Als Landeplatz wurde von der Leitstelle Raumverkehr der Aldebaran Space Port zugewiesen.«
Rhodan und Mondra blickten sich an. Einen halben Tag vor der Zeit. Entweder die Arkoniden hatten sich mit der Flugzeit verkalkuliert, oder sie hatten etwas entwickelt, was die Triebwerke wiederum einen Tick beschleunigte.
Mondra sprach es aus: »Bostich!«
*
Sie eilten zum nächsten Laufband, zum Antigravschacht, von dort zur nächsten Gleiterplattform an der Außenseite der Residenz.
Rhodan überließ den Sessel des Piloten Mondra, er selbst setzte sich nach rechts. Als die Strukturschleuse des Paratrons hinter ihnen lag, fädelten sie in den nächtlichen Verkehr ein. Er aktivierte sein Armband-Funkgerät: »Hier Perry Rhodan. Ich brauche eine Verbindung zu NATHAN.« Klack, ein Tonsignal. Direktverbindung zur Biopositronik auf dem Mond, dem wichtigsten Großrechner der Menschheit. »NATHAN, ich möchte, dass du für mich den Namen Fawn Suzuke recherchierst. Werte sämtliche Archive aus, die dir zur Verfügung stehen! – Dann meldest du dich bei mir.«
Mondra blickte ihn fragend an, hielt aber den Mund.
Vor ihnen lag der Sichelwall, der den Raumhafen vom Stadtgebiet trennte. Sie steuerte den Gleiter durch eine Tunnelschleuse, und der Anblick, der sich Rhodan und Mondra auf der anderen Seite bot, war atemberaubend:
Hunderte gelandete Raumschiffe, von Space-Jets bis zu Handelsfrachtern, zwischen Kugelriesen der NOVA- und ENTDECKER-Klasse. Das eigentliche Spektakel spielte sich jedoch hoch oben ab. Rhodan und Mondra verrenkten sich die Hälse. Ein arkonidischer Schlachtkonvoi senkte sich auf das Areal herab, illuminiert von Scheinwerferlicht. Zwölf GWALON-Kelchraumer aktuellster Generation, erkannte Rhodan. Grellbläuliche Lumineszenzeffekte umloderten die Triebwerke. Jeder der Raumgiganten bestand aus einer kugelförmigen Basiszelle mit einem Durchmesser von 2400 Metern sowie einem 750 Meter hohen, unten angeflanschten Kegelstumpf.
Er kannte Dossiers über die neue Thronflotte, Berichte aus Geheimdienstkreisen – doch es war das erste Mal, dass man in diesem Teil der Milchstraße den Konvoi zu Gesicht bekam.
Jedes Kelchschiff trug Waffen genug, um die Erde in Sekunden zu verwüsten. Rhodan hatte alle Autorität aufbieten müssen, um ihren Einflug ins Allerheiligste zu ermöglichen.
Arkonidische Raumschiffe über Terra.
Ein dreißig Jahre alter Alptraum, der aus dem letzten Krieg zwischen Terra und Arkon lebendig war. Damals hatten Truppen des Imperators die Erde besetzt, und Milliarden Terraner erinnerten sich lebhaft an die Besatzungszeit.
Die GWALON-Kelche verhielten schwerelos in einer kreisförmigen Schildformation über dem Hafen.
»Welches ist das Flaggschiff?«, wollte Mondra wissen. »Sie sehen alle gleich aus.«
»Nicht ganz.« Rhodan deutete auf das Display am Armaturenbrett des Gleiters. Einer der Kelche war am oberen Pol nicht abgerundet, sondern stark zerklüftet. So als stehe dort eine Stadt. »Das da dürfte die GOS’TUSSAN sein. Bostichs neues Spielzeug.«
»Und was sollen die Gebäude da oben?«
Rhodan lachte. »Warte es ab.«
Mondra steuerte den Gleiter durch den Sicherheitskordon. Zwei Personenchecks, obwohl im Gleiter Rhodan saß, dann waren sie durch.
In dem Moment löste sich eine riesenhafte Plattform vom oberen Pol der GOS’TUSSAN.
Rhodan hatte schon darauf gewartet.
»Das da oben ist die neue GOS’TEAULTOKAN!«, erläuterte er Mondra, den Kopf in den Nacken gelegt, um keine Sekunde des Spektakels zu verpassen. »Der fliegende Kristallpalast Seiner Erhabenheit. Die obere Schnittfläche des Kelchs dient als Hafen, aber die Plattform ist selbstverständlich autark flugfähig! – Überlichtfähig, um genau zu sein.«
Die GOS’TEAULTOKAN senkte sich zu Boden, und die Gebäude entpuppten sich als monströse Trichterpaläste. Der größte, im Mittelpunkt der Konstruktion, durchmaß am oberen Rand fast siebenhundert Meter.
»Beeindruckend«, meinte Mondra nüchtern. »Und jetzt?«
»Er wird sicher … Da geht’s schon los!«
Mit einem Mal stand eine Schleuse offen, zwanzig Meter über dem Boden, und ein Trupp Arkoniden in Kampfanzügen schwebte ins Freie. Kralasenen, die Bluthunde des Imperators. Diese Leute verließen sich nicht auf Sicherheitsvorkehrungen, die Terraner getroffen hatten.
Weitere zehn Minuten später gingen die Kralasenen auf dem Boden nieder. Ein Dutzend Kampfgleiter mit Celistas ergossen sich ins Freie.
»Jetzt übertreibt er aber«, raunte Mondra Rhodan zu.
Am unteren Rand der GOS’TEAULTOKAN manifestierte sich eine Rampe aus Energie, ein begehbarer Bogen zwischen der Schleuse und dem Boden, und die Gestalt, die entlang der Rampe herabschritt, war Bostich I.
Der Arkonide war über einsneunzig groß. Hervortretende Wangenknochen und schmale Lippen verliehen dem Gesicht harte, autoritäre Züge. Seine weißblonden, gewellten Haare trug er entgegen arkonidischer Tradition kurz. Hinter Bostich defilierte ein Gefolge aus Dryhanen, die meisten schmächtige Erscheinungen, faltige Gesichter, viele weißbärtig; die Leibdiener des Imperators. Zwischen den Diplomaten bewegte sich Aktakul, der Ka’Marentis des Imperiums; entsprechend einem Chefwissenschaftler. Den Abschluss bildeten arkonidische Raumlandesoldaten, unter ihnen ein Dutzend Naats.
Rhodan ging Bostich entgegen. Der Arkonide kam heute nicht als Feind, doch er war weit davon entfernt, ein Freund zu sein.
»Imperator!«, sprach er reserviert. »Ich grüße dich auf Terra. Die Unterkünfte in der Residenz sind gerichtet. Ich freue mich, dass du dieser Konferenz eine Chance gibst.«
Bostich starrte Rhodan aus tief liegenden, albinotisch roten Augen an. »Du lässt den Imperator des Göttlichen Imperiums durch die halbe Galaxis anreisen, Terraner. Ich hoffe in deinem Interesse, dein Angebot ist es wert. Was für technologische Neuerungen sind das, die du hast?«
Rhodan blockte ab. »Warte den Tag morgen ab, spätestens übermorgen. Dann werden alle eingetroffen sein. Wir haben eine Präsentation vorbereitet.«
Am Rand des Hafens sammelte sich ein diplomatischer Tross, ein kleines Heer aus hundert Residenz-Beamten. Mit der Leibwache des Imperators, den Celistas und den Kralasenen, setzte sich der Zug in Bewegung; Richtung Solare Residenz, nicht durch das Meer der Straßen, sondern auf einer Route durch den Luftraum.
Am Paratronschirm staute sich der Tross.
»Ich nahm an, deine Residenz würde schweben, Terraner.«
»Wir haben sie aus Sicherheitsgründen gelandet. Einige Konferenzteilnehmer fürchten vielleicht, sie könnten zu Boden stürzen.«
Die Einlassprozedur dauerte ewig, trotz der hohen Gäste, und als Rhodan endlich mit dem Imperator in der Residenz stand, war eine Stunde vorbei. Rhodan führte Bostich durch die Suiten. Nicht aus Höflichkeit allein, sondern um verdeckt ein letztes Mal zu sichern. Der Funkenregen, der sich »Fawn Suzuke« nannte, war möglicherweise geeignet, die ganze Konferenz zu sprengen.
Aber nichts geschah.
Bostich musterte eine kostbare Vase gegen das Licht. Mit den Fingerspitzen strich er über ein bemaltes Wandgewebe. »Etwa 19.000 da Ark … Die Einrichtung stammt aus der Zeit von Gonozal VIII. da Arkon. Bemerkenswert – aber die Farben stimmen nicht.«
Rhodan neigte anerkennend den Kopf. »Meine Mitarbeiter dachten wohl, eine exakte Kopie würde dich verärgern, Imperator. Aus dem Grund wurde eine Reminiszenz für einen Fachmann gewählt.«
»Überflüssig.«
»Wie du willst.« Rhodan passte seinen Ton dem des Imperators an. »Diese Räume liegen zur Sonnenseite der Stadt, der Versammlungssaal liegt auf der anderen Seite. Allerdings wurde eine Bürosuite reserviert, direkt am Versammlungssaal, die dir exklusiv zur Verfügung steht. Du wirst nur wenige Schritte zu gehen haben. – Sollte dir der Sinn bis dahin nach körperlicher Betätigung stehen, wird eine Fitness-Etage für dich geräumt.«
»Ein Training in Rhodans Residenz?« Bostich verzog den Mund zu einem sehr dünnen Lächeln. »Wir wollen doch nicht zu weit gehen, Terraner.«
*
Rhodan sank eben ins Bett, in der Tat so müde, wie Mondra ihm auf den Kopf zugesagt hatte – als das Rufsignal seines Funk-Armbands tönte.
»Ich grüße dich«, sprach die neutrale Stimme des Mondgehirns NATHAN. »Die angeforderten Recherchen wurden mittlerweile abgeschlossen. Von menschlichem Personal wurden mehrere schriftliche Archive gesichtet. – Begib dich bitte an ein Terminal mit Netzanschluss und Holo-Projektor.«
Rhodan schlüpfte aus dem Bett, eilte nach nebenan und aktivierte das Terminal seiner Residenz-Wohnung.
NATHANS Symbol erschien. »Der Name Fawn Suzuke taucht in der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit des Solsystems nur einmal in nennenswerter Weise auf«, berichtete das Mondgehirn. »Besagte Fawn Suzuke ging im Jahr 1304 NGZ im Nukleus der Monochrom-Mutanten auf. Sie war neunzehn Jahre alt, eine Telepathin, aufgewachsen in Terrania.«
NATHAN blendete ein Hologramm dazu: Rhodan musterte ein hübsches, aber nicht schönes Gesicht, mit Sommersprossen auf der hellen Haut und einem Silberblick, der selbst im Holo noch irritierend wirkte. Dass sie eine Mutantin gewesen sein sollte, sah man ihr nicht an. Der Blick wirkte jedoch durchdringend tief und forschend, und dass etwas Besonderes an ihr war, erkannte Rhodan.
Er verglich das Bild mit der geisterhaften Erscheinung. Die Sommersprossen stimmten überein, die Züge ebenfalls. Die Fawn Suzuke im Holo trug nicht den schwarzen Rollkragenpullover, den er gesehen hatte; aber das war belanglos, denn Kleider konnte man wechseln. Rhodan hatte die Geist-Erscheinung auf siebzehn Jahre taxiert, Fawn Suzuke war bei ihrem Ableben neunzehn gewesen.
Er ging den Rest der Liste durch, Lebenslauf und dokumentiertes Auftreten in der Öffentlichkeit, und fand nichts, was seinen Argwohn weckte.
»Danke, NATHAN. Verbindung Ende.«
Rhodan schaltete das Terminal ab.
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts NGZ hatte Terra eine Schwemme von Mutanten hervorgebracht. Da sie alle schwarzweißsichtig gewesen waren, entstand der Name, den jeder kannte: Monochrom-Mutanten. Ein großer Teil war damals umgekommen. Mehr als dreißigtausend Monochrom-Mutanten gingen in der jungen Superintelligenz SEELENQUELL auf – und schlossen sich nach SEELENQUELLS Ende zu einem Verbund zusammen. Die neue Wesenheit nannte sich Nukleus der Monochrom-Mutanten, kurz: der Nukleus.
Seit dem Jahr 1312 hatte man auf der Erde vom Nukleus nichts mehr gehört. Sein aktuelles Verbleiben war unbekannt.
Wenn nun Fawn Suzuke, offiziell gestorben im Jahr 1304 NGZ, mit Rhodan sprechen wollte, hieß das, sie trat als Bote des Nukleus auf.
Dann gab es etwas, das der Nukleus an ihn übermitteln wollte.
Rhodan ging ins Bad und wusch mit kaltem Wasser das Gesicht.
Er schüttelte die Müdigkeit ab, setzte sich noch mal ans Terminal und gab einen Internen Alarm heraus. Der Alarm richtete sich an Verteidigungsminister Reginald Bull, den Koordinator für Wiederaufbau Homer G. Adams, den Multimutanten Gucky; im weiteren Kreis außerdem an Maurenzi Curtiz, den Ersten Terraner, natürlich an Mondra Diamond, an die Kosmopsychologin Bré Tsinga und Terras Residenz-Minster für Wissenschaft und Technik, Malcolm S. Daellian.
Etwas war im Busch. Eine Botin des Nukleus auf Terra. Rhodan erinnerte sich an den drängenden, panischen Ton in Fawn Suzukes Stimme.
Er legte sich zurück ins Bett, weil er nichts mehr tun konnte, und ihm fielen in Sekunden die Augen zu.
»Chefwissenschaftler Malcolm S. Daellian, die besten Kapazitäten und Techniker des Systems, sie alle arbeiteten unter Hochdruck auf eine Fernexpedition hin, deren Ziel die 2,13 Millionen Lichtjahre entfernte Galaxis Hangay war.
Soweit man wusste, stand in Hangay die Entstehung einer Negasphäre bevor; eines Ortes ohne physikalische Gesetze, in dem die Mächte des Chaos regierten. Die Entstehung einer Negasphäre galt als Vorgang von kosmischem Rang – und von kosmischer Dauer. Vor Ablauf einiger tausend, vielleicht Millionen Jahre war mit dem Abschluss nicht zu rechnen. Doch Perry Rhodan sah lange im Vorfeld Auseinandersetzungen voraus, einen Krieg zwischen Chaos und Ordnung, in den die Milchstraße verwickelt werden konnte.
Am 4. Februar 1344 NGZ war das alles noch Spekulation. Über die wahren Zustände in Hangay gab es keine Nachricht.
Der Startschuss zur Expedition lag offiziell eine ungewisse Zeit in der Zukunft. Keine dreizehn Jahre waren vergangen, seit der Hyperimpedanz-Schock die fünfdimensional ausgerichtete Technik der Völker ihrer physikalischen Grundlage beraubt – und damit zertrümmert hatte.
Die technologischen Probleme für einen Flug nach Hangay galten als nicht annähernd gelöst. Wenngleich Terra insgeheim sehr viel größere Fortschritte erzielte, als zu diesem Zeitpunkt öffentlich bekannt war.«
[Hoschpians Chroniken des 14. Jahrhunderts NGZ; Kap. 31.3.1. Wettlauf nach Hangay]
»Es ist so weit, Bestien, versammelt euch!«, dröhnte Zon Facter durch die Räume der Baracke. »Es gibt Befehle vom Dualen Kapitän!«
Er aktivierte die Sprechanlage und gab die Nachricht wortgleich in die übrigen Baracken weiter.
Seine Stimme entfaltete die akustische Gewalt einer Baumaschine. Die Wände der Behausung erzitterten; jede Platte Plastik lag noch provisorisch, wie die übrige Installation an Bord des Kolonnen-Forts TRAICOON 0098. Auch die Böden fingen jetzt zu zittern an, denn Facters Artgenossen, die Assassinen des Chaos, strömten aus allen Räumen der Siedlung zusammen.
Der Körperbau der Bestien stellte sie hoch über andere Spezies: zwei Säulenbeine für den Bewegungsapparat, im Zusammenspiel mit dem unteren Armpaar, den Laufarmen. Das zweite, kürzere Armpaar diente nicht zur Fortbewegung, sondern sie wurden als reine Handlungsarme verwendet. Die Schädel waren halbkugelförmig, mit hoch effizienten Sinnesorganen besetzt, und schützten das leistungsstarke Gehirn.
Die Biologie tarnte unter einem monströsen Äußeren häufig Schwäche. Nicht so bei den Assassinen.
Kolonnen-Bestien verfügten über die Fähigkeit der Strukturwandlung. Der atomare und molekulare Bau der Körper war willentlich veränderbar; von einer Bestie aus Fleisch und Blut zu einem Gebilde, hart wie Baustahl. Ihre Körpermasse reichte aus, um Wände zu durchschlagen – bei entsprechender Geschwindigkeit. Facter erreichte über hundert Stundenkilometer.
Aktuell lag ihre Mannschaftsstärke bei sechzig Personen. Später, wenn das Fort voll aufgerüstet und bemannt war, würden es einige tausend sein.
Die Siedlung in der Peripherie von TRAICOON 0098 war ihr Zuhause. Die Wände der eiförmigen Baracken wirkten ausgebeult und mitgenommen, wohin man blickte. Facter hatte seinem Stellvertreter Val Rabozo zahlreiche Prügeleien geliefert, aus Langeweile und aus Überdruss, denn die Stimmung war entsetzlich. Das Nichtstun ließ sie alle manisch werden.
Aber nun war das vorbei, und es wurde Zeit.
Die Bestien sammelten sich vor Facters Hütte. Der Hangar wirkte endlos weit und war so leer, dass die Stimmen ohne Echo in der Tiefe des Raums verhallten. Sobald das Fort bestückt war, würde der Hangar voll Traitanks stehen, den Kreuzern der Kolonnen-Forts. So gab es nur die Baracken – und die Dunkelkapseln, ihre Einsatzboote, die hinter der Siedlung lagerten.
Facter hatte jedes Mitglied der Truppe im Blick. Zwei seiner Augen lagen an den Seiten seines Schädels, das dritte blickte hoch oben von der Vorderseite, was beinahe Rundumsicht ergab.
»Ruhe jetzt!«, brüllte Zon Facter seine Artgenossen nieder. Ein Kunststück, das so nur ihm gelang, dem anerkannten Kommandeur.
Stille kehrte ein.
»Bestien – der Duale Kapitän hat uns eine erste Mission zugeteilt!«
Jubel. Er ließ die Worte wirken.
»TRAICOON 0098 steht an der Schwelle eines Systems, das sich Solsystem nennt. Auf dem Planeten Terra, in der Hauptstadt Terrania, findet soeben eine Konferenz diverser galaktischer Herrscher und Volksvertreter statt. Nach Einschätzung des Dualen Kapitäns ist es ein Leichtes, mit einem gezielten Schlag diese Personen zu eliminieren. Wir erzielen bei minimalem Aufwand einen maximalen Schaden.«
Facter hörte seine Leute mit den Stiefeln scharren.
»Es ist unsere Aufgabe«, führte er weiter aus, »direkt am Veranstaltungsort die Hinrichtungen vorzunehmen, und zwar in der so genannten Solaren Residenz. Der Kapitän hat eine Gruppenstärke von drei Dunkelkapseln bewilligt. Neun Assassinen pro Kapsel.«
Das Brummen und Scharren erstarb wie ausgeknipst. Jeder konnte dabei sein oder auch nicht, – und war stattdessen dem Stumpfsinn im Kolonnen-Fort weiter ausgeliefert.
»Ich werde die Teilnehmer nun auswäh…«
Mit einem Mal Tumult von hinten: Ein blaugrauer Riese drängte durch die dicht geschlossenen Reihen, Val Rabozo, Facters Stellvertreter. Wer im Weg stand, wurde von Rabozos Lauf- und Handlungsarmen beiseite gedrückt.
Rabozos Haut war gefleckt, mit Pigmentstörungen über dem gesamten Schädel. Facter hätte schwören können, dass sich in diesem Moment selbst die Flecken dunkel färbten.
In voller Gewalt baute sich der Assassine vor Facter auf. »Wag es, mich auszuschließen«, bebte Rabozo, »und ich reiße dir das Hirn aus dem Kopf! Du wirst mich mitnehmen, oder ich schwöre dir, den Fehler überlebst du nicht!«
Zon Facter brüllte: »Du willst mir Angst machen, Zwerg?«
Für eine Sekunde maßen sie einander. Ihre Körper stellten automatisch Kampfbereitschaft her, und Zon Facter brachte mit Gewalt den Vernichtungstrieb unter Kontrolle, der ihn beinahe überwältigt hätte.
»Schluss damit, Rabozo!«, stieß er hervor. »Du wirst Gelegenheit haben, dich anderweitig auszuprobieren!«
»Das heißt, ich bin dabei?«
Mit beißendem Sarkasmus erwiderte Facter: »Kann ich etwa deinen Zorn riskieren? Außerdem brauchen wir einen Positronik-Spezialisten.«
Facter deutete mit einem seiner Handlungsarme nacheinander auf fünfundzwanzig weitere Bestien.
Zu den Übrigen sagte er: »Der Rest hat dieses Mal leider Pech! Seid beruhigt, der Feldzug steht erst am Beginn. Es wird in dieser Galaxis noch viel zu tun geben. – Ich warne euch: Wenn ich zurückkehre, wünsche ich diese Siedlung unbeschädigt vorzufinden! Nicht als Trümmerhaufen!«
Facter blitzte die Bestien gefährlich an, dann winkte er die Auserwählten mit sich.
Die Depotbaracke war das einzige Gebäude ohne jeden Schaden. Kein Regal trug Schrammen, kein Behälter wies die kleinste Beule auf. In Einzelspinden hingen die nachtblauen Kampfanzüge der Assassinen des Chaos. Facter und der Trupp legten die Monturen an. Die Helme waren als Folien im Halskragen untergebracht und durch statische Aufladung entfaltbar. Die Offensiv-Bewaffnung bestand aus schweren Kombiladern, defensiv wurden Dunkelfelder eingesetzt.
Wirklich schwere Bewaffnung war den Assassinen nicht erlaubt.
Facter kannte sich selbst – eine Vernichtungswaffe in seiner Hand, eine Höllenmaschine wie in einem Traitank, und er würde die Waffe benutzen, bis kein Ziel mehr vorhanden war.
Das aber lag nicht im Interesse des Dualen Kapitäns. Ziel war die Enthauptung des Gegners, nicht die Vernichtung seiner Städte. Die Güter gehörten der Kolonne.
Tornister unter Hauben aus Plexiglas enthielten spezielles Werkzeug, für jeden Einsatzzweck, für jede Sorte Mordauftrag. Facter bestimmte vier Assassinen, die je einen Tornister zu tragen hatten. Drei enthielten Teile eines Suprapuls-Imponders – speziell für die Solare Residenz. Der vierte enthielt Werkzeug für Rabozo, den Positronik-Spezialisten.
»Alles fertig?«
Die Dunkelkapseln standen in einer Reihe nahe bei der Siedlung. Auf den ersten Blick wirkten die Hüllen glatt, ein seltsam schimmerndes Schwarz, doch der Ricodin-Verbundstoff zerfiel in fraktale Muster, als er seine Sehschärfe vergrößerte. Mit bloßem Auge oder durch ein Mikroskop, in jeder Detailstufe dasselbe zerfasernde Bild; Ricodin galt als härtester Werkstoff, den die Terminale Kolonne kannte. Facter hatte Gerüchte gehört, es stamme aus einem anderen, einem proto-chaotischen Universum. Gerede und Kolonnen-Klatsch.
Trotz des Kleinformats trugen die Boote Supratron-Generatoren für den Überlichtflug und Dunkelfeld-Erzeuger.
Facter wählte drei Kapseln für den Einsatz aus. Sie bemannten die Führungsstände, spartanische Hufeisen-Pulte, Facter prüfte den Energiekern, die Feldtriebwerke, und gab den Start frei.
In einem synchronen Manöver stiegen die im Vergleich zum Hangar winzigen Objekte in die Höhe Richtung Hangar-Schott. Mit minimaler Drift stießen sie durch den Prallschirm, der die Atmosphäre im Inneren hielt.
Die Kapseln erreichten freien Weltraum. Das gewaltige Objekt, das hinter Facter und den Bestien zurückblieb, war TRAICOON 0098.
Regierungschef Demetrius Luke sah von seiner Lektüre auf, als er das Schnaufen des Springers hörte. In sein Blickfeld zwängte sich ein flächiges, von Kratern übersätes Gesicht, größer als Lukes gesamter Körper. Kommandant Ektopon, Herr des Handelsraumers EKTO II, war ein Händler von zwei Metern Körpergröße – und Demetrius Luke war ein Siganese, gut elf Zentimeter groß.
»So!«, stellte Ektopon übellaunig fest. »Von wem kam jetzt die Beschwerde?«
Luke strich sich abschätzend durch den Backenbart. »Die Beschwerde stammt von mir«, bekundete er. »Dies ist eine offizielle Delegation für die Aufbaukonferenz der Völker. Wir sind termingebunden unterwegs und haben nicht viel Zeit. Ich stelle jedoch fest, dass sich dieses Schiff jede Stunde mehr verspätet.«
Der Händler öffnete den Mund und bleckte faulige Zähne. Eine Duftwolke strich über Luke hinweg, die an terranischen Knoblauch erinnerte.
Der Siganese schätzte, dass Ektopon etwa hundertmal so viel wog wie er selbst. Im Ernstfall hatte der Springer gegen ihn jedoch keine Chance, denn Luke war nicht nur der Siganesische Resident, Regierungschef von Siga, sondern auch als Spezialist der USO ausgebildet.
»Hört mal gut zu, ihr Zwerge!«, lärmte Ektopon. »Besser, ihr macht euch keine Gedanken über die Flugzeit, das regeln hier die Profis, klar? Schnallt euch schon mal in die Sessel, wir fliegen nämlich direkt auf einen Hypersturm beim Comarius-Haufen zu. Leider zwingt uns das zu einem weiteren Umweg. Aber macht euch nicht die Hosen voll, die EKTO II hat schon ganz andere Sachen überstanden.«
Luke hörte nur mit halbem Ohr hin.
Sein Blick ruhte mittlerweile ganz woanders, auf den Orterdisplays am Rand der Zentrale. Ektopon hätte gut daran getan, sich das ebenfalls anzusehen. Statt die Gäste zu verhöhnen, die er mit der EKTO II beförderte.
Der zweite Siganese, im Sessel neben Luke, stieß einen erstickten Laut aus: Ashlon Fogel, Minister für Technologische Entwicklung, richtete sich trotz molliger Figur kerzengerade auf. »Ich protestiere! Die Verwendung des Ausdrucks Zwerg ist despektierlich und ungehörig. Wir haben keineswegs die Hosen voll. Ich ersuche dich, Verunglimpfungen der Art in Zukunft zu unterlassen!«
Luke hatte Zweifel, ob Fogels Auftritt auf jemand wie Ektopon Eindruck machte. Fogel war ein liebenswürdiger, tapsiger Kerl; und gewiss nicht der Typ, der hundert Kilo Springer in die Schranken wies.
»Was denn, Zwerg!«, dröhnte Ektopon und beugte sich zu dem Tisch hinab, auf dem die Siganesen saßen. »Schrei lauter, damit ich dich verstehen kann!«
Die feuchte Aussprache rief Siganese Nummer drei auf den Plan – besser gesagt eine Siganesin. Dani Queenz, Assistentin mit Ausbildung in Personenschutz, fuhr aus dem Sessel hoch und griff in ihre Tasche.
Luke wusste, was jetzt kam. Er presste gedankenschnell die Fäuste auf die Ohren.
Queenz aktivierte den Schallverstärker, und sie legte gut die doppelte Lautstärke an wie Ektopon selbst: »Minister Fogel ersucht dich, nicht mehr ›Zwerg‹ zu sagen!«, donnerte sie. »Resident Luke weist zutreffend darauf hin, dass mit jeder Stunde Verspätung eine höhere Vertragsstrafe fällig wird! Und ich persönlich werde dir Trottel mit einem Desintegrator den Mund reinigen, wenn du dir nicht endlich deine schlecht riechenden Zähne putzt!«
Dani Queenz baute sich breitbeinig auf, zur vollen Körpergroße von elf Zentimetern, und starrte zu dem Riesen hoch. Sie warf das schulterlange, pechschwarze Haar resolut zurück. In ihrem Zorn wirkte sie verblüffend schön.
Ektopon öffnete den Mund und wollte reden.
»Mund zu, Stinker! Bring dein Schiff in Gang, der Resident und der Minister haben Termine im Solsystem!«
Ektopon erklärte würdevoll: »Die Mannschaft der EKTO II übernimmt keine Verantwortung für zu eng gesteckte Termine ihrer Passagiere.«
»Die Verspätung entsteht allein durch den nicht vereinbarten Zwischenstopp im Roebek-System! Seid froh, dass wir nicht fragen, was für Waren das sind, die da verkauft wurden!«
Ektopon wurde blass. Der Hinweis auf Roebek verschloss ihm den Mund; er grinste unsicher, dann drehte er ab, nicht ohne einen Blick zurück auf die Siganesin, und trieb stattdessen mit Kasernenton seine Besatzung an.
Ashlon Fogel richtete einen strafenden Blick auf Dani Queenz. Der Minister war ein Mann von bester Charakterschule, und er hatte nie in seinem Leben gesprochen wie sie eben, vulgär wie eine terranische Jugendliche. Doch Queenz war ein völlig anderes Kaliber als Fogel. Eine neue Generation Siganesin. Der Blick prallte ohne Wirkung von ihr ab.
Luke, Fogel und Queenz – die Delegierten von Siga. Unterwegs in offizieller Mission, um an der Aufbaukonferenz der Völker teilzunehmen.
Perry Rhodan hatte eine technologische Offensive angekündigt. Logisch, dass mit Ashlon Fogel ein technischer Spezialist mit ihnen reiste. Dani Queenz dagegen flog in Assistentenfunktion mit, in Krankheitsvertretung der eigentlich vorgesehenen Assistentin.
Andere Völker hätten über eine Delegation aus drei Mitgliedern gelacht. Doch lange Jahre hatte das Volk der Siganesen als praktisch ausgestorben gegolten. Erst nach dem Hyperimpedanz-Schock hatten sich versprengte Siganesen aufgemacht, von überall zurück gen Heimat, mit dem wieder auflebenden Raumschiffsverkehr, so dass heute wieder ein Volk auf Siga existierte.
Eigene Raumschiffe besaß Siga nicht. Noch nicht wieder. Luke und Begleitung hatten darauf verzichtet, sich von einem LFT-Shuttle transportieren zu lassen, und stattdessen Passagen an Bord eines Handelsschiffs gebucht, das ohnehin die Route flog. Mittlerweile reute Demetrius Luke die Sparsamkeit. Er hatte die Schule der USO hinter sich, die Perfektion der Quintechs, und empfand die Reise mit der EKTO II als ärgerliches Glücksspiel.
Ein Schlag traf den Rumpf der Walze, kaum dass Ektopon an seinem Leitpult stand.
»Das sind schadhafte Isolatoren«, schimpfte Ashlon Fogel im Flüsterton.
»Ich weiß«, gab Luke im selben Ton zurück.
Das Ächzen der Decks übertönte das Dröhnen der Triebwerke – die lautlos hätten funktionieren sollen. Die Besatzung war ein glatter Ausfall.
»Wie lange noch bis Sol?«, rief Dani Queenz.
Ektopon grinste säuerlich vom Kommandantenpult. »Eineinhalb Tage. Wenn alles gut …«
Das letzte Wort ging in einem Rumpeln unter. Der Rumpf der EKTO II erzitterte.
Luke legte seine Papiere beiseite und setzte sich auf. »Jetzt reicht es.«
Er bedeutete Fogel und Queenz, in den Sitzen zu bleiben, aktivierte das Flugaggregat, das er bei sich trug, und steuerte quer durch die Zentrale zum Kommandopult. Schwerelos verhielt er neben Ektopons Schädel.
»Was willst du, Zwerg?«
Luke aktivierte seinen Sprachverstärker. »Du mäßigst dich ab sofort, Kommandant! Ich habe zwanzig Jahre als USO-Spezialist in Raumschiffen Dienst getan. Deshalb werde ich von jetzt an überwachen, was die Schiffsführung unternimmt.«
»Überwachen?« Ektopon glotzte ihn fassungslos an.
Luke gab den Blick kühl zurück. »Exakt. Zum Beispiel, wann ihr Narren eigentlich bemerken wollt, dass die EKTO II Kurs auf einen Tryortan-Schlund hält.«
»Aber …«
Luke deutete wortlos auf die Orterdisplays.
Ektopon fuhr herum und blitzte seine Leute an: »Stellt fest, ob er Recht hat!«
Die Springer an der Ortung entwickelten sekundenlang hektische Aktivität. Dann brachte einer ein kleinlautes »Anscheinend« hervor.
»Wir hätten das auch selbst gemerkt!«
»Ja, aber wann?«
Tryortan-Schlünde galten nach dem Schock von 1331 NGZ als Geißel der Raumfahrt, gefährliche Aufrisstrichter, die ein Raumschiff verschlingen oder zertrümmern konnten.
Zumindest das wusste Ektopon genau. »Maschinen stopp!«, kommandierte er. »Flug unverzüglich unterbrechen!« Dann, zu Demetrius Luke gewandt, der unverwandt über den Pulten schwebte: »Was willst du noch?«
»Wie ich sagte. Überwachen, was die Schiffsführung unternimmt.«
Der Springer lief kochend rot an, holte mit der Faust zum Schlag aus – und blickte in Demetrius Lukes gezogenen Paralysator.
Ektopon hielt inne und ließ argwöhnisch die Faust sinken. »Ein USO-Spezialist, eh?«, grummelte er. »Na, dann überwachst du mich eben!«
Rhodan erwachte kurz nach Morgengrauen mit einem seltsamen Kopfschmerz, den ein Aktivatorträger nicht empfinden durfte. Als sei irgendetwas nicht in Ordnung.
Er duschte in der Nasszelle und hockte sich mit einem Becher Orangensaft ans Terminal.
»Orterholo!«, wies er den Servo an.
Vor seinen Augen wurde das Solsystem abgebildet. Der Raumverkehr staute sich keineswegs im terranahen All, sondern im Orbit des Mars; aus Gründen der Sicherheit, die jeder anerkannte. LFT-Jets flogen im Shuttle-Dienst von Mars-Port nach Terra, vom Ausweichhafen ins Herz der Liga.
Die Topsider waren eingetroffen, während Rhodan geschlafen hatte; die Ferronen mit Thort Kelesh gingen eben über dem Großraumhafen von Mars-Port nieder; zeitgleich mit dem Schiff der Epsalischen Residentin Pearl Ten-Wafer. Hinzu kamen Delegationen von Ertrus, Olymp und Nosmo.
Ein Regierungskreuzer der Unither wurde im System gemeldet, jenseits der Jupiterbahn. Cheplin, Schwarmer des Wurms Aarus-Jima, traf mit einer fernflugtauglichen Montage-Einheit ein.
Nach Rhodans Dafürhalten lag die Konferenz im Plan. Die Dinge nahmen Fahrt auf.
Er leerte den Becher, den er fast vergessen hatte, in einem Zug.
Als Rhodan eben angekleidet war, tönte der Türsummer. In der Schwelle stand ein alter Mann mit weißem Bart, ganz in Schwarz gekleidet. Der Erste Terraner Maurenzi Curtiz war größer als Rhodan, aber sehr viel schmaler. Im Staatsgebilde LFT fungierte Curtiz als offizielles Oberhaupt, während Rhodan als Resident die Geschäfte führte. Oder, wie Imperator Bostich sagte: In Rhodans Händen lag die Macht.
Curtiz war an die hundertvierzig Jahre alt und fing an, gebrechlich zu werden. Die Jahre nach dem Hyperimpedanz-Schock hatten ihren Preis gefordert. Innerlich war er aufgezehrt und leer.
»Du bist so weit?«, fragte Curtiz ihn. Die sonst so wasserblauen Augen blickten trübe.
»Selbstverständlich.« Rhodan zog sich eine Jacke mit LFT-Emblem über das Hemd, für den Fall, dass er per Zufall auf diplomatischen Besuch traf. »Gehen wir.«
Von der Wohnung aus durchquerten sie die halbe Residenz. Curtiz spazierte auffallend langsam, und Rhodan nahm zur Kenntnis, dass er sich eine Winzigkeit gebeugt hielt. Wie ein alter Mann, der er ja auch war.
Im Nordflügel lagen die Konferenz-Säle Lethos und Crest.
Als die Pforte beiseite glitt, präsentierten sich die Säle wie blank geputzt. Die Zwischenwand war ausgebaut. Die Residenz-Techniker hatten beide Räumlichkeiten zu einer verbunden und die entstandene Halle umgestaltet.
Vor der Fensterfront, ein Stadtblick von der Größe eines Fußballfeldes, stand auf einer Plattform das Rednerpult. Rings um das Pult gruppierten sich in einem Kreisausschnitt von 120 Grad Terrassen. Für jede Delegation, die teilnahm, stand eine Loge zur Verfügung; exakt dreihundert, wusste Rhodan. Gut zwei Dutzend waren mit Panzertroplon verglast, sie verfügten über Atmosphäreschleusen und waren für Giftgasatmer ausgelegt. Manche Bauten erinnerten an Bassins, für den Schwarmer Cheplin, die Solmothen und andere Wasserwesen. Etliche Logen, wie die der Arkon-Delegierten, wirkten auf Rhodan peinlich pompös. Andere wiederum so spartanisch, so billig, dass eine fremde Verzicht-Mentalität als Grundlage dienen musste. Jede Loge war von Kosmopsychologen und Kennern der Kultur gebaut, auf Grundlage von NATHANS Datenbanken.
Rhodan und Curtiz kreuzten zwischen den Logenplätzen. Letzte prüfende Blicke. Am Rednerpult blieben sie stehen.
»Ich möchte dir etwas sagen, Perry.« Rhodan fiel auf, dass der alte Terraner ihn nicht ansah. Stattdessen blickte Curtiz durch die Fensterfront auf die Stadt. »Wir zwei arbeiten jetzt mehr als fünfzig Jahre zusammen. Weißt du, Perry … für dich sind fünfzig Jahre keine große Zeit. Aber für mich. Für mich ist das ein halbes Leben gewesen, und ich will mich bei dir bedanken. Weil ich mich immer auf dich verlassen konnte. Weil du dich um die Menschen gekümmert hast.«
»Wir sind Freunde geworden.«
»Das ist wohl so.« Curtiz fuhr überraschend behände herum. Er blickte gerade und intensiv in Rhodans Augen. »Aber ich weiß bis heute nicht, was hinter dieser Stirn vorgeht. Wir waren immer fair miteinander, Perry, du erfährst es deshalb als Erster. Das hier wird meine letzte Amtszeit. Ich bin müde geworden. Ich muss jemand Platz machen, jemand, der jünger ist …« Curtiz lächelte milde. »Jemand, der auch dir, mein Freund, ein bisschen mehr Widerstand entgegensetzt.«
Seine sonst so dunkle Stimme klang zerbrechlich wie Glas: »Meine letzte große Konferenz. Du willst in den kommenden Tagen Weichen stellen, die Zukunft vorbereiten, wie du sie siehst. Was mich daran fürchterlich ärgert, ist, dass ich diese Zukunft nicht mehr erlebe. Ich frage mich, ob man dir die Zeit lässt, eine neue Zukunft zu bauen, oder ob die Zukunft auch einen Perry Rhodan nur mit sich spült.«
»Denkst du, dass potenziell ewiges Leben eine Gnade ist?«
Curtiz zögerte. »Vielleicht nicht. Aber je älter ich werde, desto mehr gewinnt der Gedanke an Reiz. Für mich ist es bald zu Ende. Aber du bleibst. Es sei denn, jemand erschießt dich.«
Rhodan trat nahe an die Fensterfront und zeigte nach Osten, wo ein Zipfel vom Goshun-See gerade noch erkennbar war. »Sieh dir die Stadt an. Vor bald dreitausend Jahren haben wir drüben am See die ersten Gebäude hochgezogen. Jeder Mensch, der eine Straße oder ein Haus baut, hat eine Vision von der Zukunft. Heute gibt es Terrania immer noch. Wie oft hat man uns den Untergang vorausgesagt, wir haben uns gefürchtet, und wir haben kämpfen gelernt. Aber wir haben neue Grundsteine gelegt, die Menschen haben Kinder gezeugt, und mit jeder Generation entstand ein bisschen mehr. Du hast eine Tochter und einen Sohn, Maurenzi. Du hast drei Enkel, nicht wahr? Wenn du verstehst, was ich dir sagen will.«
»Ja.« Curtiz atmete schwer. »Wenn ich nicht mehr bin, versprich mir, dass eine der Straßen meinen Namen bekommt.«
Rhodan legte ihm die Hand auf die Schulter. »Du bist ein Mann mit Verdiensten. Ich verspreche es.«
*
Der Luftraum füllte sich zur Frühstückszeit mit Schiffen: das Gros jener Einheiten, deren An- und Abflug nicht via Mars erfolgten.
Aldebaran Space Port und Terrania Space Port überschritten die Grenze der Kapazität, Start- und Landefenster wurden knapp. Die größten Schiffe, die man in der Milchstraße zu bieten hatte, zogen über den Himmel; statt Beiboote aus dem Orbit herabzuschicken. Macht und Größe, dachte Rhodan. Der Alptraum jedes Sicherheitsexperten von Terra wurde Wahrheit.
Für Sekunden stellte sich Dämmerung ein, als eine gewaltige Kontur die Sonne verdeckte: Ein Schattenriss von zweieinhalb Kilometern Durchmesser sank über Terrania Space Port nieder, mit brüllenden Impulstriebwerken. Kugelform und Ringwulst, das letzte Ultraschlachtschiff der GALAXIS-Klasse, das in der Milchstraße existierte. Die TRAJAN, Flaggschiff der USO, ging für wenige Minuten auf dem Space Port nieder, setzte Passagiere ab – und startete in den Orbit, um Platz zu schaffen.
Ein Strom Regierungs-Shuttles flog im Pendeltakt. Herrscher und Regierungschefs der Völker erreichten die Residenz, etliche nach wochenlangem Flug.
Rhodan weilte Stunden in den Docks. Dutzende Konferenzteilnehmer begrüßte er persönlich, andere wurden von Bull oder Homer G. Adams in Empfang genommen. Manoler und Orbeki, Hasproner und die ungeschlachten Naats. Eben traf der Gefirtar der Gefirnen ein. Der Kristallbewahrer von Rubin, der Opralant der Opral-Union, der Bundespräsident des Shomona-Bundes. Ein spinnenhaftes Wesen, nach Rhodans Erinnerung die Großfürstin von Vidaarm; alle in kurzem Abstand aufeinander folgend.
Ordonnanzen, Stewards und Exo-Psychologen, unterstützt vom TLD, klärten den Bezug der Unterkünfte.
Ein Arkon-Abkömmling mit Tonnenbrust winkte, und gemeint war Rhodan: der Rusuf’athor von Rusuf, Vertreter einer Fremdvolk-Enklave in der LFT. Delegationen der Andooz, der Cheborparner. Dahinter stolzierten Scü einher, mit der Anmutung riesenhafter Laufvögel. Selbst Solmothen trafen ein, in riesigen Bassins; allesamt mit Fernraumschiffen der Liga von ihren Heimatwelten aufgelesen. Rhodan erkannte Dron, Ishkhorer und Korphyren – während er manches Volk zum ersten Mal zu Gesicht bekam.
Formlos trat die Delegation der USO auf. Ihre Teilnahme galt als halbes Wunder: Was suchte eine Agenten-Organisation auf einem Konvent? Rhodan hatte sie dennoch dazugeholt, weil die USO Macht repräsentierte. – An der Spitze schritt ein Mann von zwei Metern Größe, mit olivfarbener Haut und Kompaktkonstitution: Monkey, der Oxtorner. Oxtorner wuchsen unter fünf Gravos Schwerkraft auf. Rhodan war kein Milchstraßenvolk bekannt, das bei Menschengröße so gewaltige Kampfkraft besaß. Hinter Monkey folgte Roi Danton. Rhodans Sohn, der seit langer Zeit zur USO gehörte, dort seine Heimat gefunden hatte und zu Monkeys Stellvertreter aufgestiegen war.
Danton und Rhodan tauschten einen Blick. Sie konnten später reden.
»Terraner«, sprach Monkey kühl. »Ich sehe, deine Konferenz lässt sich bestens an.«
»Du hast nicht daran geglaubt?«
»Ich habe als sicher angenommen, dass du scheiterst.«
Das Zustandekommen galt als wichtigster diplomatischer Erfolg der Post-Hyperimpedanz-Schock-Ära. Vorausgesetzt, ein Vertrag kam zu Stande, bestimmte dies die Politik der kommenden Jahrhunderte. Weit gedacht, aber wenn ein Unsterblicher wie Rhodan keine Vision entwickelte, wer dann?
Monkey sah sich in dem Drängen um. »Ich sehe keine Blues. Was ist mit Gatas? Was mit Apas? Was ist mit Karr und Hanen?«
»Es werden keine kommen«, teilte Rhodan im selben kühlen Ton mit. »Der Grund sollte dir bekannt sein.«
In der Eastside herrschte Völkermord, ein Verteilungs- und Vernichtungskrieg, infolge der Katastrophe von 1331. Die alte Ordnung war zerschlagen, und bis eine neue sich etablierte, vergingen vielleicht Jahrzehnte. Rhodan sah das Problem nüchtern an, soweit er konnte angesichts der Opfer. Die Eastside lag am anderen Ende der Galaxis, und der Konferenzerfolg hing nicht an den Blues. Man konnte sie ins Boot nehmen, wenn der Krieg beendet war.
»Aber das sind nicht die Einzigen, die fehlen«, bekannte Rhodan. »Die Haluter haben abgesagt. Sie haben keine Regierung, und sie gehören nicht zum galaktischen Völkerpool.«
»Sagen sie.«
»Gesellig waren sie nie.«
Der USO-Chef fragte: »Was ist mit Drorah?«
»Die Akonen nehmen ebenfalls nicht teil. Mein zweiter wichtiger Misserfolg. Es hat nicht einmal diplomatischen Kontakt gegeben.«
Das Blaue System hatte sich mitsamt den Kolonien isoliert. Geheimdienstkreise meldeten, der Große Rat sei abgesetzt, verbannt vom Energiekommando. Drorah verweigerte jeglichen Kontakt, und das galt auch für Rhodans Konferenz.
Monkey nickte knapp, Danton legte wie in militärischem Gruß zwei Finger an die Stirn, dann verließen beide den Saal. Die USO hatte eigene Geschäfte.
Rhodan verschwand für eine Mahlzeit zwischendurch, zehn Minuten Atem holen, und kehrte in die Docks zurück.
Gegen Mittag trafen Springer ein. Die Handelswalze DENIL XII, Heimathafen Archetz, war mehr als einen Kilometer lang. Auf Rhodan wirkte der Rumpf wie ein Patchwork-Flickenteppich, infolge Tausender Umbauten.
Ein halbes Dutzend Kuppeln, die aus dem Rumpf ragten, enthielten nach Rhodans Meinung KNK-Geschütze. Woher sie das auch haben mögen. An der Kampf- und Leistungskraft der DENIL XII war nicht zu zweifeln.
Rhodan nahm persönlich Patriarch Denilzor in Empfang:
»Ich grüße dich, Rhodan!«, donnerte der rotbärtige Hüne von weitem. Auf den ersten Blick freundlich, doch im Blick des Springers stand kaum verhohlen Abneigung.
Rhodan hatte ihn mehrfach erlebt, auch auf diplomatischem Parkett. Denilzor war ein Querkopf erster Güte.
»Ich grüße dich und deine Begleiter ebenfalls. Die terranische Regierung ist hocherfreut, dass eine Delegation der Galaktischen Händler sich die Ehre gibt.«
Denilzor legte Rhodan eine mächtige Pranke auf die Schulter, als grüße er einen Freund. Die Geste war Rhodan unangenehm, weil verlogen, und das wussten beide. »Du weißt, Terraner, mein Volk besitzt keine Regierung in eurem Sinn. Aber ich bin autorisiert, für einige mächtige Springersippen zu sprechen.«
Das Treiben dauerte den halben Tag.
Ein LFT-Shuttlekreuzer brachte Gesandte von Oxtorne und von Swoofon; Systeme, die über keine eigene Flotte verfügten. Dilja Mowak, die Erste Oxtornerin, kam allein; der Erste Mikrotechniker von Swoofon präsentierte seinen halben Senat. Das Ara-Volk, derzeit zwar handlungsfähig, aber ohne politische Führung, schickte mit der ZENTRIFUGE II den Galaktischen Mediziner Zheobitt. Das Schiff der Báalol-Priester, ungewisse Kandidaten bis zum letzten Moment, war bescheiden klein; eine Kugeleinheit von zweihundert Metern.
Am späten Nachmittag waren von dreihundert Delegationen 299 eingetroffen. Im Gleiterdock standen Diplomaten beieinander, die sich nicht vertreiben ließen. Gespräche schwirrten, meist auf Interkosmo.
Dann trat unvermittelt Stille ein: Drei Kralasenen traten in die Halle, sie waren schwer bewaffnet, und ihre Blicke glitten über die Reihen der Herrscher, Diplomaten und Regierungschefs. So als befinde sich ein Attentäter unter ihnen.
Die Kralasenen waren nur die Vorhut. Hinter ihnen folgte die Person, die sie zu schützen hatten.
Imperator Bostich I. blickte suchend durch den Raum – und steuerte direkt auf Rhodan los. »Wer fehlt noch, Terraner?«
»Eine letzte Gruppe, die Siganesen. Sie sind bereits angekündigt. Wir fürchten allerdings, dass der Hypersturm beim Comarius-Haufen ihre Ankunft verzögert.«
Bostich zog die schneeweißen Brauen hoch. »Siganesen? Ich hielt sie für ausgestorben.«
»Ganz im Gegenteil. Ihre Zahl ist bescheiden klein, aber es gibt sie. Ein Revitalisierungsprogramm plus Einwanderung von Algustra; dazu kamen versprengte und vergessene Gruppen. Du solltest mit deinen Celistas reden, Imperator, du wirst nicht umfassend informiert.«
Bostich musterte ihn kalt. »Dein Humor ist nicht mein Humor. Ich bin nicht bereit, für deine Siganesen einen Tag länger zu warten. Wir beginnen heute Abend mit den Beratungen, oder ich reise ab. Diese Konferenz dauert schon zu lange. Ich habe ein Imperium zu führen.«
*
Um zwanzig Uhr Terrania-Ortszeit stieg Rhodan auf das Podium. Sämtliche Logen bis auf eine waren besetzt. 2412 Gesichter, Physiognomien, etliche fremder als das fremdartigste Tier der Erde. Nur Siga fehlte nach wie vor.
Der Krach im Saal erstarb in derselben Sekunde. Allein Imperator Gaumarol Bostich I. ließ sich Zeit, rückte auf seinem thronartigen Sitz in Positur – und schenkte seine Aufmerksamkeit schließlich Rhodan.
