Perry Rhodan-Paket 48: Terranova (Teil 2) -  - E-Book

Perry Rhodan-Paket 48: Terranova (Teil 2) E-Book

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Beschreibung

Man schreibt das Jahr 1345 Neuer Galaktischer Zeitrechnung - dies entspricht dem Jahr 4932 alter Zeitrechnung. Die Milchstraße ist von der Terminalen Kolonne TRAITOR besetzt, einem gigantischen Machtinstrument der Chaotarchen. Die aus der Menschheitsgalaxis gewonnenen "Ressourcen" sollen für Zwecke eingesetzt werden, die dem Entstehen einer Negasphäre in der Nachbargalaxis Hangay dienen sollen. Eine Negasphäre wiederum ist eine Brutstätte des Chaos, die normale Lebewesen als absolut lebensfeindlich empfinden. Perry Rhodan und seine Weggefährten erhalten mit den sogenannten Friedensfahrern eine Organisation als Verbündete, die erst vergleichsweise kurz besteht, aber von vielen Geheimnissen umrankt ist. Ihr gehören unter anderem Alaska Saedelaere an, der schon oft in kosmische Ereignisse verstrickt war, und Kantiran, Rhodans Sohn, der das Leben eines Sternenvagabunden führt. Das Solsystem selbst und seine Bewohner sind hinter dem TERRANOVA-Schutzschirm in relativer Sicherheit. Doch während die Belagerung um das Solsystem anhält, versuchen Perry Rhodan und seine Gefährten verzweifelt, das weitere Überleben der Menschheit zu sichern ...

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Veröffentlichungsjahr: 2011

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Nr. 2350

Das schreiende Schiff

In der Halle der Mächtigen – sie sind in der Endlosschleife gefangen

Uwe Anton

Man schreibt das Jahr 1345 Neuer Galaktischer Zeitrechnung – dies entspricht dem Jahr 4932 alter Zeitrechnung. Die Milchstraße ist von der Terminalen Kolonne TRAITOR besetzt, einem gigantischen Machtinstrument der Chaotarchen. Die aus der Galaxis gewonnenen »Ressourcen« sollen für Zwecke eingesetzt werden, die dem Entstehen einer Negasphäre in der Nachbargalaxis Hangay dienen sollen. Eine Negasphäre wiederum ist eine Brutstätte des Chaos, die normale Lebewesen als absolut lebensfeindlich empfinden.

Perry Rhodan und seine Weggefährten erhalten mit den sogenannten Friedensfahrern eine Organisation als Verbündete, die erst vergleichsweise kurz besteht, aber von vielen Geheimnissen umrankt ist. Ihr gehören unter anderem Alaska Saedelaere an, der schon oft in kosmische Ereignisse verstrickt war, und Kantiran, Rhodans Sohn, der das Leben eines Sternenvagabunden führt.

Als TRAITOR wieder einmal mit Trommelfeuer versucht, den TERRANOVA-Schutzschirm um das Solsystem zu knacken, ergeben sich seltsame Effekte: Ein Tunnel in ein anderes Universum öffnet sich – und an seinem Ende wartet DAS SCHREIENDE SCHIFF …

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Unsterbliche wagt den Vorstoß durch einen Tunnel in das Universum der Doppelsonne.

Gucky – Der Mausbiber stürzt sich an der Seite seines alten Freundes in einen gefährlichen Strangeness-Strudel.

Aquinas – Ein Diener behandelt Rhodan wie Luft.

Captain John –

Nuskoginus träumt

Nuskoginus träumte von der SEOSAMH.

»Das ist die SEOSAMH!«, sagte der Präfekt. Nuskoginus hörte den Stolz in dessen Stimme und war gerührt.

Die SEOSAMH war in der Tat ein stolzes Raumschiff-Konglomerat, ein lang gestreckter Körper von annähernder Quaderform, dessen Ecken und Kanten stark abgerundet waren und fast elegant wirkten. Erst durch die drei Einschnürungen offenbarte sich die zusammengekoppelte Gliederstruktur aus vier identischen Teilen.

Jeder der waggonähnlichen Quader hatte eine Länge von 2020 Metern; Höhe und Breite lagen bei gut 400 Metern. Mit 8080 Metern Gesamtlänge war die SEOSAMH schon gewaltig, auch wenn man ihr diese Größe nicht ansah, wie sie dort oben vor dem schwarzen Hintergrund des Alls schwebte, eingehüllt in einen grünlich leuchtenden, transparenten Schutzschirm.

An Bug und Heck des Schiffskonglomerats bemerkte Nuskoginus je zwei kurze Auswüchse, die wie Kupplungselemente aussahen.

Der Präfekt bestätigte seine ausgesprochene Vermutung. »Ja, genau das ist der Sinn der Elemente. Es besteht die Möglichkeit, entweder die vorhandenen Teile umzugruppieren oder aber weitere anzukoppeln.«

Nuskoginus ließ den Blick über die Oberfläche des Schiffes gleiten. Sie bestand aus einem perfekt spiegelnden, allerdings schrundig ausgeführten Material. Das Spiegelbild des Planeten, das er auf der Hülle ausmachen konnte, war stark verzerrt.

Er rief eine Holo-Vergrößerung auf und entdeckte nun schießschartenähnliche Öffnungen, Vertiefungen und wulstartige Aufbauten auf der Oberfläche.

»Der Stolz unserer Welt«, sagte der Präfekt. »Unseres Sonnensystems, unserer Galaxis. Und wir möchten dir die SEOSAMH zu deiner persönlichen Verfügung geben, weil du uns alle gerettet hast. Unser Leben, unsere Welt, unser …«

Nuskoginus hob die Hand. »Ich erwarte keinen Dank. Was ich getan habe, war selbstverständlich. Aber euer Geschenk erfüllt mich mit großem Stolz, und ich akzeptiere es voller Dankbarkeit.«

Er fragte sich kurz, was er mit dem Raumschiff anfangen sollte, stand ihm doch ein QUELLTRÄGER zur Verfügung. Doch er konnte das Geschenk nicht ablehnen, auch wenn es für ihn keinen nutzbaren Wert hatte. Damit hätte er nicht nur den Präfekten, sondern ein ganzes Volk, eine ganze Galaxis schwer beleidigt.

Nun ja, er würde die SEOSAMH vorerst über Farner Aly parken. Vielleicht kam ja einmal der Tag, an dem sich ein angemessener Verwendungszweck für das wertvolle Geschenk fand …

1.

Die Strangeness-Scouts

25. Mai 1345 NGZ

»Captain John, Sir! Ich freue mich, dich an Bord der DÄDALUS begrüßen zu dürfen!« Der Mann knallte die Hacken zusammen und salutierte. Zwei Millimeter vor dem Rand der Schirmmütze endete die schneidige Bewegung seiner Hand. Unter den Ärmeln der lindgrünen Uniform spannten sich Muskeln.

Eher amüsiert als verwundert runzelte Perry Rhodan die Stirn. Wann hatte er zum letzten Mal eine Schirmmütze gesehen? Und eine lindgrüne Uniform? Er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern; es mochte gut und gern zweieinhalbtausend Jahre her sein.

»Captain John?«, wiederholte er.

»Jawohl, Sir! Darf ich dir die weiteren Besatzungsmitglieder der Strawalks vorstellen? Lieutenant Matt, Pilot, Lieutenant Marc, Funker, Fähnrich Luke, Techniker …«

Rhodan wusste mit ziemlicher Sicherheit, dass die genannten Namen nicht mit den offiziellen Bordlisten übereinstimmten, aber wenn es ihnen Spaß machte, sich mit fiktiven Namen anzureden …

»Da sind die fünf Evangelisten ja beisammen«, sagte er schmunzelnd.

»Du hast’s bemerkt, Sir. Großartig. Wusste das. Wenn’s einer bemerkt, dann du, Pe… Rhodan, ganz klar.«

»Aber gestatte mir eine Frage: Was sind Strawalks?«

»Kennst du nicht? Strangeness-Walker. Das sind wir.«

Nun ahnte Rhodan, was sein Adjutant gemeint hatte, als er vorsichtig andeutete, die Strangeness-Scouts wären ziemlich exzentrisch.

Das sind die Menschen im Sonnensystem, die die wenigsten Probleme mit Strangeness haben, dachte Rhodan. Wir konnten sie uns nicht aussuchen. Logisch, dass ein paar ungewöhnliche Typen darunter sind …

»Coole Uniform«, piepste Gucky neben ihm. »Vielleicht ein wenig retro, aber schick.«

»Danke, Sonderoffizier Guck.« Captain John salutierte erneut und trat dann durch die Schleuse des käferartigen Raumfahrzeugs der schwer gepanzerten SKARABÄUS-Klasse, die nach dem Hyperimpedanz-Schock entwickelt worden war.

Bei den SKARABÄEN setzte man auf primitivste Technik, mit der gerade eben noch ein überlichttaugliches Kleinraumschiff betrieben werden konnte. Auf Geschwindigkeit hatten die Konstrukteure keinen Wert gelegt, auf Leistung auch nicht, stattdessen auf Robustheit und eine maximale Unanfälligkeit der Technik. Genau das Richtige für einen Betrieb unter Einfluss von Strangeness-Strahlung.

»Er ist völlig harmlos«, wisperte der Mausbiber Rhodan zu. »Das ist seine Art, mit den Belastungen klarzukommen und Stress abzubauen. Er kommt sich unheimlich wichtig vor.«

Der Resident nickte. Das war er wohl auch. Die Strangeness-Scouts waren ein von der Not und den Gegebenheiten zusammengewürfelter bunter Haufen. Die Administration hatte versucht, gegen Strangeness resistente Raumfahrer auszusieben und zu rekrutieren, wobei dieser Begriff relativ zu sehen war, und die Besten genommen, aber natürlich keinen Einfluss auf die Auswahl gehabt.

Die Umstände hatten ihnen keine Wahl gelassen. Nach der Abwehr des Chaos-Geschwaders, das am 23. Mai 1345 NGZ durch den TERRANOVA-Schirm gedrungen war, hatte die Ruhepause nicht lange gewährt. Bereits in den frühen Morgenstunden des 24. Mai 1345 NGZ – Terrania-Zeit – hatte das Testfeuer in allen möglichen Variationen der verbliebenen Traitanks der Terminalen Kolonne wieder eingesetzt und war seither nicht beendet worden. Immerhin war es den Terranern gelungen, von den Traitanks, die das Solsystem belagerten, sechs einzelne Schiffe sowie ein komplettes Chaos-Geschwader mit 484 Einheiten zu vernichten.

Erneut war mitten im Solsystem eine Hyperperforation entstanden: ein Dimensionstunnel, der in eine Pararealität oder in ein fremdes Universum führte, diesmal mit einem Eingangs-Durchmesser von 183 Kilometern in Höhe der Marsbahn.

Man hatte Hunderte Freiwillige aus dem ganzen Solsystem – beileibe nicht nur Angehörige der Flotte – in den Tunnel geschickt, wann immer er als stabile Manifestation zur Verfügung stand. Aus ihnen war die Spezialabteilung der Strangeness-Scouts gebildet worden: Besatzungen für insgesamt 48 speziell ausgerüstete SKARABÄEN, die für den Flug in diese Dimensionstunnel im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten optimiert worden waren.

Denn wer konnte schon sagen, welche Aufgaben im Zusammenhang mit den Hyperperforationstunneln noch auf Terra zukommen würden? Sie mussten auf alle erdenklichen Eventualitäten vorbereitet sein.

Und Captain John gehörte zu den Auserwählten.

Rhodan folgte dem Strangeness-Scout zur DÄDALUS. Kernzelle des Schiffs war eine oben und unten abgeflachte 30-Meter-Kugel mit Modul-Ringwulst. Das Heckmodul wies als besondere Ausstattung die horizontal eingebauten Impulstriebwerke auf, während anstelle des Bugmoduls eine 17,5 Meter durchmessende Kommandokugel zu etwa einem Viertel in den Hauptrumpf eingefügt worden war.

Die SKARABÄEN waren bereits mit gutem Erfolg im Goldenen System der Charon-Wolke zum Einsatz gekommen. Einerseits hatten die Konstrukteure noch stärkeren Wert auf Low Tech und entsprechende Primitiv-Redundanz bis hin zu einfachen chemischen Not-Triebwerksblöcken und vielen mit der Hand zu bedienenden Systemen gelegt, andererseits hatten sie auf die neuesten Errungenschaften zurückgegriffen. Jede Einheit verfügte über einen faustgroßen Ynkeloniumblock, in dem erschütterungssicher 0,17 Gramm Salkrit eingelassen waren. Versuche hatten gezeigt, dass die SHF-Strahlung von Salkrit durch Interferenz bis zu einem gewissen Grad Strangeness-Effekte dämpfen konnte, zumindest einen Teil der unangenehmen Nebenwirkungen.

Rhodan sah sich kurz um. Die Standardbesatzung war auf acht Personen angelegt, und sie würden ziemlich zusammenrücken müssen. Selten war er in einem so beengten Schiff geflogen. Auf Bequemlichkeit konnte hier niemand hoffen.

Captain John hatte mittlerweile einen Raumanzug angelegt. Es handelte sich um ein gängiges Modell, doch er hatte es in einem persönlichen Design modifiziert. Der Anzug leuchtete in einem grellen Rot, und die Brust und die Schulterstücke zierten Phantasie-Embleme.

Der Mann schien zu überlegen, ob er erneut salutieren sollte.

Rhodan warf ihm einen scharfen Blick zu. Er verspürte einen Anflug von Bedauern, dass die SK-PRAE-104 nach dem letzten Einsatz ausgemustert worden war, weil sie zu stark von den Strangeness-Effekten mitgenommen war, und er sich auf eine frisch zusammengestellte Crew einstellen musste.

»Ich übernehme das Steuer«, sagte er.

»Natürlich, Sir!«

Rhodan runzelte die Stirn. Der Mann, der sich nun Captain John nannte, mochte früher Frachterpilot gewesen sein oder einen Shuttleraumer von der Erde zum Mond und zurück geflogen haben. Vielleicht hatte er gar keine militärische Ausbildung genossen.

»Doch, hat er«, flüsterte Gucky ihm zu. »Aber er ist nervös und hielt es für einen guten Gag, dich mit knalligen Uniformen und diesem Getue zu beeindrucken.«

Warum ist er nervös?, dachte der Resident. Hat er Angst vor dem Flug?

»Nun, er kennt seine Leute nicht, das Team wurde erst gestern zusammengestellt. Immerhin haben sich sechs Gleichgesinnte gefunden. Nein, er ist überzeugt, dass er die DÄDALUS im Griff hat. Nervös ist er, weil wir an Bord sind.«

Alles klar. Danke, Kleiner.

»Gern geschehen, Großer.«

Rhodan nahm hinter den Kontrollen Platz. »Damit das klar ist«, sagte er fast beiläufig, »ich bin damit einverstanden, euch weiterhin John und Matt und Luke und Marc zu nennen, aber ihr hört mit diesem Sir-Getue auf.«

»Wie du wünschst, Resident … Perry?«

Rhodan lächelte. »Dann werden wir prima miteinander auskommen.«

*

Rhodan glaubte, durch einen scheinbar endlosen, von diffusem Licht erfüllten Tunnel zu fliegen. Die Ortungsinstrumente waren ihm keine Hilfe, ihre Angaben waren widersprüchlich, teilweise sogar völlig unsinnig. Er manövrierte auf Sicht, flog nach Gefühl, vertraute einem Instinkt, der ihn seit dreitausend Jahren so gut wie nie im Stich gelassen hatte.

Er warf einen Blick zu Gucky hinüber, der angeschnallt in einem für ihn viel zu großen Sessel lag. Er reagierte zwar besonders empfindlich auf Strangeness-Wechsel, aber als Multimutant konnte er während des Einsatzes unter Umständen am wertvollsten sein. Rhodan kannte Strangeness-Effekte aus eigener Erfahrung – er hatte während der Materialisation von Hangay im Standarduniversum vor rund 900 Jahren ausgiebig Gelegenheit dazu gehabt –, wenngleich bei ihm von Immunität leider keine Rede sein konnte.

Rhodan hatte sich die Aufgabe gesetzt, mit der rätselhaften fremden Macht auf der anderen Seite des Dimensionstunnels Kontakt aufzunehmen, die man bei den bisherigen Vorstößen entdeckt hatte … oder entdeckt zu haben glaubte, denn sicher konnte er sich diesbezüglich nicht sein.

Das Spezialschiff beschleunigte vorsichtig. Wie bei den vorherigen Versuchen konnte Rhodan nichts über die zurückgelegte Entfernung aussagen, auch mit Hilfe der Instrumente nicht. Einen vagen Anhaltspunkt ergab vielleicht der Energieverbrauch des Triebwerks. Erneut hatte er den Eindruck, als nähere sich die DÄDALUS einem fernen Licht am Ende des Tunnels.

Starke Strangeness-Effekte erschwerten zunehmend die Orientierung; die Instrumente spielten vollends verrückt. Rhodan fühlte sich noch einigermaßen handlungsfähig. Während er darauf achtete, den SKARABÄUS nicht zu nah an die Wandung des Tunnels kommen zu lassen, warf er einen kurzen Blick auf die Strangeness-Scouts.

Die Mannschaft hielt sich gut. John und Luke, Matt und Marc und die beiden anderen saßen bleich, aber aufrecht in ihren Sesseln. Schweißtropfen perlten auf ihren Stirnen, ansonsten arbeiteten die Medo-Einheiten der Raumanzüge mit allem, was sie aufbringen konnten, gegen die Auswirkungen der Strangeness an.

Rhodan lauschte in sich hinein. Auf die Positronik der DÄDALUS konnte er nicht mehr zurückgreifen, doch er selbst spürte, wie er sich an die Effekte zu gewöhnen begann. Allmählich kehrte eine gewisse Übersicht zurück.

Gucky stöhnte leise. Als er bemerkte, dass Rhodan ihn musterte, verzerrte er das Gesicht zu etwas, das wohl ein Grinsen sein sollte, und zeigte kurz den Nagezahn.

Der Resident kniff die Augen zusammen, als sich aus dem diffusen Licht vor ihnen das Abbild einer fernen Doppelsonne schälte. Die eine Komponente leuchtete weiß, die andere orangefarben.

Als hätte dieser Anblick es ausgelöst, verspürte Rhodan wieder ein heftiges Kribbeln, wenn nicht sogar Prickeln, in seinem linken Schlüsselbein. Jeder Zweifel war ausgeschlossen, es ging vom Zellaktivator aus. Er hatte es schon einmal wahrgenommen, bei einem vorherigen Flug, als er beobachtet hatte, wie sich vor die beiden Sonnen ein diffus verzerrtes Objekt schob.

Das Gefühl war nicht unangenehm, ganz im Gegenteil. Er nahm es nicht als Warnung, sondern als Zeichen. Es schien ihn in seinem Entschluss bekräftigen zu wollen, persönlich durch den Dimensionstunnel zu fliegen und diese Mission nicht nur Freiwilligen zu überlassen.

Wollte jemand ihm sagen, dass das, was am anderen Ende des Tunnels auf ihn wartete, keine Falle war, sondern eine Chance? Sicher, eine ziemlich mystische Überlegung, aber trotzdem …

Er hatte das Gefühl, dass er dieses Mal weiter in den Tunnel eingedrungen war als je zuvor. Ohne in Kilometern angeben zu können, welche Strecke sie eigentlich zurückgelegt hatten, vermutete er, dass sie fast den gesamten Tunnel hinter sich gebracht hatten. Rhodan kämpfte eine plötzlich aufsteigende Übelkeit nieder. Die Erregung, das Ziel fast erreicht zu haben, half ihm dabei.

Als wollten die Instrumente seine Ahnung bestätigen, wurde die Ortung klarer und detaillierter, und Rhodan beobachtete gespannt, wie aus dem rätselhaften Objekt, das er rein optisch als Silhouette erkannt hatte, in der Instrumentendarstellung ein lang gestrecktes großes sowie mehrere verschwommene kleine Gegenstände wurden, die anscheinend von einem gemeinsamen Kraftfeld unbekannter Natur umhüllt waren.

»Achtung!«, hörte er Johns leises Zischen neben sich.

Rhodan konzentrierte sich in einem Sekundenbruchteil wieder auf seine direkte Umgebung.

Der Tunnel der Hyperperforation flackerte plötzlich in einem gespenstischen Effekt. Lichtzungen schienen nach ihnen zu greifen, materiell zu werden, auf die DÄDALUS einschlagen zu wollen.

Rhodan fluchte leise und gab Gegenschub.

So nah waren sie ihrem Ziel noch nie gewesen. Doch sollte der Tunnel nun vollständig erlöschen, ging die DÄDALUS möglicherweise zwischen den Dimensionen verloren.

Der Resident fragte sich, ob er den Bogen überspannt und zu viel riskiert hatte.

*

Alarm gellte durch das Rund der Zentrale von PRAETORIA. »TRAITOR stellt das Feuer auf den TERRANOVA-Schirm ein!«

Oberstleutnant Forrest Pasteur wusste, was das bedeutete. Ein Ende des Beschusses führte erfahrungsgemäß binnen kürzester Zeit zum Zusammenbruch der Hyperperforation – in der sich noch die DÄDALUS befand!

Pasteur aktivierte die Dauerverbindung zur Zentralstelle der LORETTA-Tender. »Kode Lockvogel«, sagte er. »Bringt den Kristallschirm zum Flackern!«

»Wir haben es auch bemerkt. Vorgang wird eingeleitet!«

Gespannt beobachtete er ein Datenholo, das Auskunft über die Energiemenge gab, die die insgesamt 108 LORETTA-Tender in den Kristallschirm speisten. Ihm war bewusst, dass sie durchaus ein gefährliches Spiel mit dem Schirm trieben. Die LORETTA-Tender erzeugten ein Pulsieren mit willkürlichen Phasen der Kontraktion und Expansion. Führten sie zu wenig Energie zu, bestand die durchaus reale Gefahr, dass der Schirm tatsächlich zusammenbrach.

Und dann …

PRAETORIA hatte sich noch immer nicht vom letzten Gefecht mit eingedrungenen TRAITOR-Einheiten erholt. Nach wie vor waren die Seitenblöcke abgekoppelt, und die Kernzelle war ausgeschleust. Die beim Kampf gegen die sechs Traitanks stark beschädigten Seitenblöcke Bug und Nord wurden, zu LFT-Boxen entkoppelt – 23 waren insgesamt betroffen –, zurzeit noch separat auf verschiedenen Luna-Werften repariert.

Natürlich sollten positronische Sicherheitsschaltungen einen Schirmzusammenbruch verhindern, doch niemand konnte von sich behaupten, genug Erfahrung mit dem TERRANOVA-Schirm zu haben, um einen Zusammenbruch auszuschließen.

Im nächsten Augenblick reagierten die Traitanks der Kolonne wie erwartet. Das Feuer flammte wieder auf.

Pasteur gestattete sich ein schwaches Lächeln. »Mehr Energie in den Schirm!«, befahl er.

Man musste keine Positroniken zu Rate ziehen, um solch ein Verhalten der Traitanks vorherzusagen. Der TERRANOVA-Schirm zeigte anscheinend eine Schwäche, und TRAITOR versuchte, diese vermeintliche Chance zu nutzen, und schoss mit allem, was die Kolonne hatte.

Pasteur atmete auf. Die Hyperperforation, die kurzzeitig vom Verlöschen bedroht gewesen war, stabilisierte sich.

Der Oberstleutnant fragte sich, wie lange sie die Gegenseite auf diese Weise täuschen konnten. Die bisherigen Durchbrüche der Traitanks bewiesen, dass die Befehlshaber und Wissenschaftler der Gegenseite alles andere als Idioten waren.

Und noch etwas fragte sich der Stellvertretende Kommandant von PRAETORIA.

Ob sie schnell genug gehandelt hatten, um den Zusammenbruch des Tunnels zu verhindern. Anders ausgedrückt, ob Rhodan die Rückkehr gelingen oder er zwischen den Dimensionen verloren gehen würde.

*

Der Mausbiber wimmerte leise vor sich hin und schien trotz des Zellaktivators der Bewusstlosigkeit nahe zu sein, John, Matt und die anderen griffen mit unkoordinierten Bewegungen um sich und stammelten zusammenhanglose Silben.

Rhodan hatte die Antriebskontrollen auf seine Konsole gelegt, so dass sie keinen Schaden anrichten konnten. Er befürchtete, dass außer ihm kein Wesen in dem SKARABÄUS mehr zu folgerichtigem Denken fähig war.

Damit hatte er rechnen müssen. Ob sie den Tunnel »hinauf« oder »hinab« flogen, spielte im Prinzip keine Rolle. Der Gewöhnungsfaktor, der den Einflug erst möglich machte, musste nun »rückwärts« verlaufen, und als Resultat entstanden sowohl geistige Verwirrung als auch maschinelle Fehlfunktionen. Man konnte es vielleicht mit dem Tauchen vergleichen: Zu schnelles Abtauchen war genauso schädlich wie zu schnelles Auftauchen. Da half auch der Salkrit-Dämpfer nicht viel.

Der Druck auf Rhodans Kopf wurde immer stärker. Einen Augenblick lang hatte er den sehr realen Eindruck, sein Inneres würde nach außen gekehrt werden. Seine Hände verkrampften sich um die Steuerungshebel. Was sah er am Tunnelausgang? Ein helles Licht oder ein schwarzes Loch? Er konnte es nicht sagen, wusste nur, dass dort etwas war und er unbedingt dorthin gelangen musste.

Wenigstens hatte das Flackern der Wandung nachgelassen. Der Dimensionstunnel schien sich stabilisiert zu haben.

Dann war es von einer Sekunde zur anderen vorbei. Entfernungen ließen sich hier nicht messen, und selbst der Sofortumschalter Rhodan benötigte eine geraume Weile, bis ihm klar wurde, dass die DÄDALUS endlich durch den Dimensionstunnel zurück ins freie All des Solsystems gestoßen war.

Der Resident sah zuerst nach Gucky. Der Mausbiber lag verkrümmt und bewusstlos in seinem Sessel. Er hatte den Gewaltritt der Rückkehr alles andere als gut überstanden, doch die Anzeigen seines Kampfanzugs wiesen aus, dass er körperlich unversehrt war.

Dann schaute er nach den anderen. Auch die Strangeness-Scouts waren schwer gezeichnet, aber unverletzt.

Er atmete auf. Ihr Notfallplan für den Fall, dass TRAITOR den Beschuss des TERRANOVA-Schirms einstellte, hatte gegriffen. Die DÄDALUS war in Sicherheit. Nun würde die Aktion der LORETTA-Tender enden, die den Schirm flackern ließen.

Als kurz darauf auch die Hyperperforation erlosch, das »Tor« in eine Pararealität oder ein fremdes Universum, wusste Rhodan, dass die knapp siebzehntausend Traitanks ihr Feuer endgültig eingestellt hatten.

Zumindest vorerst. Über kurz oder lang würden sie es wieder aufnehmen.

Und dann würde sich den Terranern die nächste Chance bieten, zu der rätselhaften Macht vorzustoßen, die versuchte, Kontakt mit ihnen aufzunehmen, wie sie seit der Begegnung mit dem Zigarren-Boot im Tunnel wussten.

Heute waren sie gescheitert, doch Rhodan war fest entschlossen, mit einem der kommenden Versuche endgültig den Transfer zu schaffen.

Und er wusste, die nächste Gelegenheit würde sich früher oder später bieten. TRAITOR würde niemals aufgeben.

Aber wir auch nicht, dachte er. Terra darf nicht fallen.

Kafug träumt

Kafug träumte von Inkendyare.

Er sah sie wieder vor sich, ihren gut proportionierten, tonnenförmigen Rumpf und die wohlgeformten säulenförmigen Beine. Er sehnte sich nach der Berührung ihrer Arme. Mit den gewaltigen Muskelbündeln in den Schulterarmen hielt sie ihn in seinem Traum, wenn er schwach war und Unterstützung brauchte, mit den beiden Brustarmen liebkoste sie ihn, wenn ihnen der Sinn danach stand. Die Berührung ihrer filigranen Fingerglieder versetzte ihn in Verzückung. Mit ihren fünf Fingern strich sie über seine Haut, und dann nahm sie eine Falte zwischen die beiden Daumen und zog daran. Der Schmerz steigerte seine Erregung nur noch mehr.

Er erfreute sich an ihrer festen, schuppigen, dunkelbraunen Haut, liebkoste mit Blicken ihr Gesicht, das im Unterschied zum Körper etwas heller und fast maskenhaft fahl leuchtete. Er strich über ihren vorspringenden, spitz zulaufenden Mund, ertastete die winzigen Mikrotentakel auf den Lippen. Er küsste nacheinander die beiden bei ihr extrem seitlich liegenden, faustgroßen Augen, die Lider und transparenten Nickhäute, die senkrechten Pupillen, hauchte dann seinen Atem in die sieben Schlitzklappen links am seitlichen Übergang vom Hals zum Kopf.

Er roch das Ammoniak, das sie ausatmete, und der scharfe Geruch brachte ihn fast um den Verstand.

Er sah sie wieder vor sich und verzehrte sich vor Sehnsucht. Und wie immer bei diesem Traum verspürte er plötzlich den Zweifel, den Neid. Konnte es sein … ja, konnte es sein, dass sie ihn abgewiesen, sich aber mit Nuskoginus eingelassen hatte?

Konnte es sein?

2.

Nachrichten via Capella

27. Mai 1345 NGZ

Berve Mantil kniff die Augen zusammen und sah, dass es sich bei der planetenlosen Sonne Capella in Wirklichkeit um einen Doppelstern aus zwei Gelben Riesen handelte. Das System war überdies kompliziert aufgebaut, was das Manövrieren erschwerte. Zum einen entdeckte Mantil in einer Entfernung von knapp einem sechstel Lichtjahr ein weiteres Paar Roter Zwerge, die gravitativ an die Gelben Riesen gebunden waren und sie und einander umkreisten, zum anderen entnahm er dem Datenholo, dass der gelbe Doppelstern sich derzeit zu Roten Riesen ausdehnte. In astronomischer Hinsicht galt das stellare Konstrukt bereits als instabil, wenn auch noch Zehn-, wenn nicht sogar Hunderttausende von Jahren vergehen würden, bis sich das unausweichliche Inferno tatsächlich ereignete.

»Du bist als Geheimnisträger ausgewiesen und daher befugt, dich hier in der Zentrale aufzuhalten«, sagte Dision Presin, der Kommandant des Schweren Kreuzers der MINERVA-Klasse, auf seine typisch steife, zurückhaltende Art.

Wieder einmal dachte Mantil, dass der hagere, fast zwei Meter große Terraner in einer anderen Zeit wohl glücklicher gewesen wäre. Als Angehöriger des Solaren Imperiums vielleicht, als die Kommandostrukturen der Menschen wesentlich strenger waren.

Fragend sah er den Kommandanten an. Erwartete er auf diese zutreffende Feststellung eine Antwort?

»Dennoch muss ich dich darauf hinweisen, dass alles, was du jetzt siehst, der höchsten Geheimhaltungsstufe unterliegt. Du weißt, was das bedeutet?«

»Natürlich«, gab Mantil ungehalten zurück. Die Wichtigtuerei des Kommandanten ging ihm schon seit geraumer Zeit auf die Nerven. Dabei waren dessen Befehle eindeutig: ihn, den Sonderkurier Berve Mantil, so schnell wie möglich ins Solsystem zu bringen.

In einem rasenden Flug hatten sie in viereinhalb Tagen, vom Sektor Gamma-Makon kommend, über 9200 Lichtjahre zurückgelegt. Der Überlicht-Faktor von 750.000 hatte den Maschinen des Schweren Kreuzers alles abverlangt, doch Presin hatte, seinem Auftrag gemäß, weder Material noch Besatzung geschont. Und er hatte sich nicht einmal andeutungsweise erkundet, welche Nachricht so wichtig war, dazu war er zu sehr pflichtbewusster Kommandant.

Doch dann war er vom Kurs zum Solsystem abgewichen und hatte diesen Doppelstern angesteuert, der gerade einmal 44,98 Lichtjahre von Terra entfernt lag. Auf Mantils diesbezügliche Fragen hatte er keine Auskunft erteilt, nicht einmal auf Ausflüchte zurückgegriffen. War das eine Retourkutsche für das eiserne Schweigen des Kuriers?

Nein, dachte Mantil. Es entsprach absolut dem Psychogramm des Kommandanten, das er während seiner Anwesenheit an Bord erstellt hatte. Klar voneinander abgegrenzte Tätigkeitsbereiche – Presin hatte nicht zu interessieren, welche Nachricht der Kurier beförderte, und Mantil hatte ihm nicht in die Schiffsführung hineinzureden.

Aber weshalb diese Kursabweichung? Was gab es hier bei Capella, das dieses Vorgehen rechtfertigte?

»Gut.« Presin nickte seinem Ersten Offizier zu. »Kennung ausstrahlen, Zielanflug einleiten.«

»Bestätigung eingetroffen«, meldete der Offizier. »Wir werden erwartet. Transfervorbereitungen sind erfolgt. Wir werden sofort weitergeleitet.«

Wir werden erwartet?, wiederholte Mantil in Gedanken. Und von welchem Transfer war hier die Rede?

Kommandant Dision Presin lächelte schwach, das erste Anzeichen einer Emotion, die Mantil seit viereinhalb Tagen bei ihm festgestellt hatte. »Das wird sämtliche deiner Fragen beantworten«, sagte er und rief ein Holo auf.

Es vergrößerte einen Raumausschnitt in einer Entfernung von 15 Lichtsekunden Abstand zur Sonnenoberfläche von Capella Aa. Im ersten Augenblick erkannte Mantil rein gar nichts. Dann glaubte er, einen Schatten dort auszumachen, wo eigentlich nichts sein sollte, im Ortungsschutz der Sonnenkorona, einen dunklen Punkt im hellen Gleißen des Gestirns.

Berve Mantil wurde klar, dass er einer optischen Täuschung unterlag, einer Falschfarbendarstellung des Holos.

Aber da war etwas … Dort trieb etwas durchs All, ein Würfel, nein, ein Quader, nein …

»Vergrößerung«, sagte er rau.

Nichts geschah. Das Holo veränderte sich nicht.

Das tat es erst, als der Kommandant der Bitte – dem Gesuch! – Folge leistete und ebenfalls »Vergrößerung!« sagte. Selbst in diesem Moment achtete Presin darauf, dass die Kompetenzen gewahrt blieben.

Mantil riss die Augen auf und sog scharf die Luft ein.

*

Der Schwere Kreuzer hatte seine Fahrt gegen null reduziert und trieb, diesen Anschein hatte es zumindest für den Kurier, an einer Wand im All vorbei, einem schwarzen Giganten mit den Ausmaßen neun mal neun mal sechs Kilometer, wie ein Datenholo verriet. »Das sind LFT-BOXEN«, murmelte Mantil, »aneinander gekoppelt wie bei PRAETORIA.«

»Modifizierte LFT-BOXEN«, korrigierte Presin. »Insgesamt 17 Stück, zusammengesetzt zu einem Quader. Die Größe des Objekts entspricht damit tatsächlich einem Seitenblock von PRAETORIA.«

Allerdings einem unvollständigen, stellte der Kurier fest. Die »obere« Schicht des Gebildes bestand nur aus acht BOXEN und nicht aus neun wie die »Unterseite«. Die Position in der Mitte war vakant. Dort hätte noch genau einer der Würfel mit drei Kilometern Kantenlänge hineingepasst.

Stattdessen befand sich dort … etwas anderes.

Ein Kubus von 1500 Metern Kantenlänge im Außenmaß. Dem Datenholo entnahm Mantil, dass seine Wände eine Dicke von jeweils 250 Metern hatten, so dass der Innenraum genau 1000 Meter betrug.

Und wenn der Kurier sich nicht völlig täuschte, hielt der Schwere Kreuzer genau auf diesen Innenraum zu. Die Oberseite des Würfels war geöffnet und ragte in den Raum hervor.

Berve Mantil wurde ein wenig mulmig zumute, und er war froh, dass er in einem schnuckligen kleinen MINERVA-Kreuzer saß und nicht etwa in einem der APOLLO-Klasse. Denn ein Kugelraumer von 800 Metern Durchmesser … wenn man da noch den Ringwulst hinzurechnete, blieb nicht mehr viel Platz zum Manövrieren. Die 240 Meter – einschließlich Ringwulst – seines eigenen Schiffes waren da ungemein komfortabel.

Wobei die eigentliche Frage von Belang natürlich lautete, was der Kreuzer in diesem Kubus zu suchen hatte.

Fasziniert verfolgte der Kurier, wie der Kommandant Befehle erteilte, sich dann fast demonstrativ in seinem Sessel zurücklehnte und den Einflug in den Würfel beobachtete.

*

Berve Mantil räusperte sich. »Darf ich fragen, was …?«

Der Kommandant verzog keine Miene. »Nicht nur Kuriere haben Geheimnisse. Aber da du Sonderbefugnis hast, kann ich dir die Antwort auf diese Frage schlecht verweigern. Ich habe den Auftrag, dich so schnell wie möglich zur Erde zu bringen, und das tue ich soeben.«

Mantil schwante etwas, doch das war so unglaublich, dass er den Gedanken daran sofort wieder fallen ließ. »Und wie?«

»Wir fliegen gerade in eine neue, im höchsten Maß geheime Errungenschaft der LFT ein«, sagte Presin ohne das geringste Pathos. »In eine Mobile Transmitter-Plattform der inzwischen in Betrieb genommenen Transmitter-Linie Zwei. Die genaue Bezeichnung lautet MOTRANS-Plattform, kurz MO-TRANS. Das hier ist die Station MOTRANS-3.«

»Linie Zwei?«

»Sie verbindet den Merkur über mehrere Plattformen mit der derzeitigen Endstation bei der Sonne Mira, zweihundertfünfzig Lichtjahre von Sol entfernt. Der weitere Ausbau ist in Arbeit.«

»Und …« Mantil vernahm die Worte, konnte sie aber auf Anhieb nicht glauben. »Und … damit können Raumschiffe transportiert werden?« Er wartete fast verzweifelt darauf, dass sich bei ihm ungläubiges Staunen einstellte, aber es wollte einfach nicht kommen.

Oder es hatte sich bereits eingestellt und war so überwältigend, dass es sein Vorstellungsvermögen lähmte, ihn in dieser Hinsicht einfach verkrüppelte, unzureichend werden ließ.

»Bis zu einer Größe von Schweren Kreuzern.«

»Aber … dazu ist doch eine unglaubliche Energie erforderlich. Und nach der Erhöhung der Hyperimpedanz …« Er verstummte.

»Hast du diese Gebilde an der ›Unterseite‹ des MOTRANS gesehen? Hypertron-Sonnenzapfer, ähnlich wie bei den LORETTA-Tendern. Achtzehn Sphärotraf-Speicher mit jeweils eintausend Metern Durchmesser und ein Hypertron-Array mit neun Einzelzapfern mit jeweils zweieinhalbtausend Metern Durchmesser und eintausend Höhe.«

Mantil schluckte. Er war Kurier, kein Hyperphysiker. Auf einem Holo beobachtete er, wie … Ihm fiel kein besserer Vergleich ein. Wie mit bemerkenswerter Geschwindigkeit eine Klappe hochgefahren wurde. »Ein Käfigtransmitter«, murmelte er.

»Nur die funktionieren heutzutage noch«, versetzte der Kommandant ungerührt.

Mantil schüttelte langsam den Kopf. »Ich verstehe trotzdem nicht ganz. Wir haben über neuntausend Lichtjahre zurückgelegt, der Zeitgewinn durch einen Transmitterdurchgang ist jetzt doch minimal …«

»Ich habe den Auftrag, dich so schnell wie möglich zur Erde zu bringen«, sagte Presin mit stoischer Ruhe, »und die Transmitter-Verbindung bringt uns einen Zeitgewinn. Außerdem belagern Traitanks das Sonnensystem, und wir müssen nun nicht mehr durch eine Strukturschleuse fliegen, sondern erreichen ohne weitere Verzögerungen den Merkur. Von dort aus wirst du dich direkt per Personentransport-Käfigtransmitter nach Terra begeben, zur Solaren Residenz. Schneller geht es nun wirklich nicht.«

Der Kurier nickte. Dann kam ihm glühend heiß etwas anderes in den Sinn.

Er mochte keine Transmitter, auch wenn seine Profession oft genug erforderte, sie zu benutzen. »Wie ist das mit dem Entzerrungsschmerz?«

Presin ließ sich zu einem Lächeln herab. »Geringfügig. Der Energieaufwand hat sich zwar erhöht, nicht aber die mit dem Transport verbundenen Schmerzen. Früher schafften wir doch deutlich weitere Sprünge über viele tausend Lichtjahre. Die Container, die von MOTRANS verschickt werden, verfügen prinzipiell über Transmissions-Schockdämpfer. Bei Raumschiffen als Transportgut sieht es etwas anders aus.«

Mantil atmete tief ein.

»Da aber die meisten ohnehin über Transitions-Nottriebwerke verfügen, sind natürlich auch Schockdämpfer vorhanden. Und, ja, auch wir haben Transitions-Nottriebwerke.«

»Dann …« Berve Mantil verstummte, als er ein leichtes Ziehen im Nacken verspürte.

*

»Berve Mantil?« Als Rhodan die versteinerte Miene des Kuriers sah, wusste er, dass er keine guten Nachrichten brachte.

Auch keine schlechten.

Sondern schreckliche.

Einen Moment lang stockte ihm der Atem. Mantil musste kein Wort sagen, dem Residenten war klar, worum es ging.

»Michael«, sagte er.

Mantil nickte.

Michael.

Sein Sohn wurde nach einem Einsatz im Zusammenhang mit dem RUFER seit dem 24. Februar vermisst und für tot gehalten.

Mike.

Er wurde nicht zum ersten Mal vermisst, für tot gehalten. Als er im Jahr 2429 alter Zeitrechnung im Alter von vierundzwanzig Jahren untergetaucht war … Sicher, er hatte einen Abschiedsbrief hinterlassen. Macht euch keine Sorgen um mich.

Was für Sorgen hatte er sich um seinen Sohn gemacht. Sein Fleisch und Blut. Sein Kind.

Oder als Mike acht Jahre später auf Uleb I von drei Uleb mit Intervallstrahlen getroffen wurde und in einen Explosionstricher stürzte …

Da war er tot gewesen.

Roi.

Knapp eintausend Jahre lang. Eintausend Jahre lang hatte Perry in dem Glauben gelebt, dass auch sein zweitgeborener Sohn tot war. Sein Sohn, den er eigentlich nie richtig kennengelernt hatte. Bis er ihn während einer Zeitreise in die Vergangenheit wiedergefunden hatte und mit ihm am 29. Juni 3434 per Nullzeitdeformator in die Realzeit zurückgekehrt war.

Roi Danton.

Oder als er im Jahre 1238 NGZ bei einer Geheimmission in Fornax spurlos verschwunden war, nur um dann 52 Jahre später psychisch verändert zurückzukehren, rücksichtslos und hart geworden in subjektiv erlebten 200 Lebensjahren, den Körper verseucht von Shabazzas Chip, der sich in zahllose Partikel aufgespalten hatte, die nur in einem aufwändigen, langwierigen Verfahren hatten entfernt werden können.

Michael, Mike, Roi war schon so oft tot gewesen und hatte trotzdem überlebt.

Rhodan stöhnte leise auf. Vielleicht ist er schon tot, dachte er, seit er zum ersten Mal gestorben ist, damals auf Uleb I. Vielleicht ist er seitdem nur noch ein Schatten seiner selbst, der verzweifelt versucht, aus meinem übermächtigen Schatten zu treten, der eine einmalige Chance dazu genutzt und nie wieder eine zweite gefunden hat, ein Relikt der Vergangenheit, ein Suchender, der nie wieder zu sich selbst finden wird.

Mein Fleisch und Blut.

Mein Sohn.

»Er ist …«

Nein. Er ist nicht tot.

»Nein«, sagte der Kurier. »Er ist nicht tot. Ich habe Bildmaterial hier … das du dir vielleicht nicht gleich ansehen solltest, Resident. Er ist …«

*

»… ein Dualer Kapitän? Oder Vizekapitän? Oder was auch immer?« Rhodans Stimme versagte. Er wandte sich ab, damit der Kurier nicht die Tränen in seinen Augen sah, Tränen, die er einfach nicht zurückhalten konnte.

»Was auch immer«, sagte der Kurier tonlos. »Er wurde als Bestandteil eines Duals in die Reihen der Terminalen Kolonne integriert.«

Rhodan schwankte kurz, griff um sich, ertastete eine Sessellehne, hielt sich daran fest, stützte sich ab. Was er soeben gehört hatte, ging über die Nachricht eines Todesfalls weit hinaus.

Der Roi Danton, den sie kannten, der sein Sohn war, existierte nicht mehr.

Rhodan drängte alle schrecklichen, selbstquälerischen und zerstörerischen Gedanken zurück. Er richtete sich auf, wischte sich über das Gesicht, drehte sich wieder zu dem Kurier um. »Er ist Bestandteil eines Duals«, sagte er. »Aber er ist nicht tot. Es gibt noch Hoffnung.«

Der Kurier sah ihn an, schluckte, suchte nach irgendwelchen Worten, erklärenden, tröstenden, vielleicht auch tatsächlich hoffnungsvollen, fand aber keine und schwieg.

Rhodan wurde bewusst, dass er nicht mit dem Mann allein war, dass sich Mitarbeiter der Solaren Residenz in der Nähe befanden. Sie waren respektvoll zurückgetreten, aber sie hatten alles gehört, wussten, was geschehen war. Der Resident war sicher, dass sie in diesem Moment am liebsten weit, weit weg gewesen wären, irgendwo in der Wüste Sahara, in Europa, Amerika, Australien.

Auf dem Mond.

»Aber er ist nicht tot«, wiederholte Rhodan. »Es gibt noch Hoffnung.«

Ein Schatten seiner selbst …

»Resident«, sagte neben ihm Salomon Hidalgo, einer seiner Adjutanten, »mir steht die Bemerkung nicht zu, aber möchtest du nicht einen Augenblick lang … einen Tag, oder ein paar Tage …«

»Er ist nicht tot«, sagte Rhodan noch einmal. Zum dritten oder zum vierten Mal? »Und ich …«

Er verstummte.

Du darfst nicht mehr daran denken. Nicht mehr daran denken. Du trägst nicht nur für dich, sondern in erster Linie für die Menschheit die Verantwortung.

Er atmete tief ein. Es trifft dich nicht unvorbereitet. Dass etwas Schreckliches im Busch war, hatte er schon seit dem 23. Mai gewusst, dem Tag seiner Rückkehr aus dem Dimensionstunnel. An diesem Tag war via Linie Eins, Terras Transmitterstrecke vom Merkur zum Planeten Maldonado im Wega-System, Reginald Bulls verschlüsselter Befehl eingetroffen, mit der sofortigen Räumung und Demontage der Transmitteranlagen von Maldonado zu beginnen.

Mike …

Allein die Hypertron-Zapfstation am Nordpol von Maldonado beanspruchte eine Gesamtfläche von 20 Kilometern Durchmesser. Bull hatte in der Anweisung dem Demontage-Kommando drei Tage Zeit eingeräumt, die wertvollsten Gerätschaften und Güter und natürlich das Personal in Sicherheit zu bringen. Ein großer Teil davon war seither praktischerweise gleich per Transmitter ins Solsystem gesandt worden – solange die Anlagen noch funktionierten.

Danach sollte, so der weitere Befehl, der Maldonado-Bahnhof gesprengt werden. Die Technologie dürfe der Terminalen Kolonne nicht zur Untersuchung in die Hände fallen. Transmitter waren den Kolonnen-Wissenschaftlern natürlich bekannt, die verwendete Käfigtechnologie dürfte für ihre Begriffe vermutlich sogar primitiv sein, aber es war Bully hier vor allem darauf angekommen, dass die Kolonne keine der spezifischen Parameter der Transmitterlinie erfuhr, weil sonst die Gefahr eines Einklinkens in aktivierte Transmitter-Verbindungen bestand.

Eine genauere Erklärung für dieses fast überstürzte Vorgehen hatte Bull noch nicht geliefert. Er hatte nur auf den Kurier verwiesen, der nun eingetroffen war – und darauf, dass eine endgültige Bestätigung noch ausstand. Dennoch sei Eile geboten, um nicht überrascht zu werden.

Rhodan war professionell genug gewesen, um Bulls Vorgehen – von der Geheimhaltung bis zur raschen Reaktion – nicht nur zu verstehen, sondern ausdrücklich gutzuheißen.

Und hatte die Hintergründe geahnt.

Es konnte nur um Michael gehen.

Um Mike.

Um Roi.

Nun verstand er Reginalds Anweisung bis ins letzte Detail. Denn mit Roi Danton hatte auch all dessen Spezialwissen über die Verteidiger die Seite gewechselt.

War er ehrlich zu sich selbst? Hatte er es damals schon gewusst, als er von Bullys Befehl erfahren hatte?

Er ist nicht tot.

»Wir müssen – jetzt! – Entscheidungen treffen«, sagte er. »Falls Michaels Wissen der Kolonne zur Verfügung steht, dann …« Er hielt inne.

Es gibt noch Hoffnung.

»Ich gehe davon aus, dass mein Sohn nicht gleich und auf Anhieb alle seine Kenntnisse an TRAITOR verrät.« Das Denken fiel ihm so unglaublich schwer. Doch es geht um die Menschheit. Um uns alle.

Er verdrängte den Gedanken. »Doch auf Dauer wird die Kolonne alles wissen, was auch Mike bekannt ist.«

Mosaiksteinchen setzten sich zusammen. Hatte er ihre Bedeutung wirklich nicht verstanden? Hatte er sie nicht verstehen wollen? Am 22. Mai hatte ein Dunkler Ermittler den Terranern unter der Hand eine Warnung zukommen lassen. Wenn Roi Danton Teil eines Duals war, würde er sämtliche Geheimnisse, die er über die LFT, die USO und die gesamte Milchstraße wusste, über kurz oder lang preisgeben. Reginald hatte schon Minuten nach dem Erhalt der Nachricht Weisung erteilt, die Nachrichten an Quinto-Center, die Charon-Wolke und alle anderen wichtigen Stellen weiterzuleiten. Es musste dringend reagiert werden!

Die Übermittlung war teilweise per Hyperfunk-Relaisstrecke, teilweise per Kurierschiff erfolgt. Maßgeblich waren dabei unter anderem die jeweilige Distanz und die möglicherweise am Ziel anzutreffenden Bedingungen wie zum Beispiel Hyperstürme gewesen.

Hatte er es wirklich nicht gewusst? Unklar war zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur noch gewesen, wann Mike zum Verräter werden würde. Aber ein Dual …

»NATHAN muss informiert werden und sämtliche nötigen Schlüsse ziehen«, sagte er. »Auf Anhieb fällt mir zum Beispiel Devolter ein. Die Algorrian müssen informiert werden, dass ihre Wahlheimat nicht mehr sicher ist. Dann die Transmitterlinien … Um Linie Eins hat der Verteidigungsminister sich schon gekümmert, von Linie Zwei weiß mein Sohn nichts, die im Aufbau befindliche Linie Drei ist ihm ebenfalls unbekannt.«

Adjutanten und andere Mitarbeiter zeichneten seine Worte nun auf, da der Moment der privaten Trauer überwunden war und nicht mehr Perry Rhodan, sondern der Resident vor ihnen stand, und erteilten bereits über Funk Anweisungen.

»Das Solsystem wird in Zukunft den Transmitterverkehr über diese Strecken abwickeln«, fuhr er fort. Weitere Linien würden bald hinzukommen, und alle Knotenpunkte bestanden aus Mobilen Transmitter-Plattformen, die bei Bedarf rasch verlegt werden und neue Positionen einnehmen konnten. Ich muss die für Linie Drei und die weiteren so schnell wie möglich endgültig festlegen lassen, dachte er und: Er lebt noch. Ich darf nicht an sein Schicksal denken. Nicht daran denken.

»Berechnet NATHAN bereits die weiteren Konsequenzen des … Seitenwechsels meines Sohnes?«

»Jawohl, Resident«, sagte jemand.

»Gut. Die neuen Stützpunkte, die die LFT im Zug von Operation Bermuda angelegt hat«, sagte er fast wie zu sich selbst, »waren der USO und damit auch meinem Sohn weder mit Namen noch Koordinaten bekannt. Auch weiß er nichts über diverse andere Aktionen der LFT, die derzeit im Geheimen ablaufen. Roi weiß nicht über ESCHER Bescheid, nicht über die Details von Jonathon und Photon-City in der Charon-Wolke, wohl aber darüber, welche Einigung wir mit den Charonii getroffen haben … nichts über die VRITRA-Kanonen … und nichts über das in Vorbereitung befindliche Kombi-Trans-Verfahren, das derzeit unter Icho Tolots Leitung erforscht wird …«

Er stockte. Ihm wurde bewusst, dass er noch nicht wieder klar denken konnte. Seinen Überlegungen lag keine Systematik zugrunde, er sprang wahllos von einem Punkt zum anderen.

»Ich glaube«, sagte er, »ich werde mich jetzt für ein paar Stunden zurückziehen und … und …«

Ja, und was?

Trauern? Hoffen? Bangen?

Nachdenken und arbeiten?

Warum?, dachte er. Warum? Per aspera ad astra?

Irgendjemand aus der Menge um ihn herum räusperte sich. »Resident …«

Er blickte auf, sah in betroffene, betretene, bestürzte Mienen. »Ja?«

»Von der USO ist soeben die Meldung eingetroffen …« Der Mitarbeiter hielt inne, räusperte sich. »Via Kurier und über diverse Hyperfunk-Relaisstationen ins Solsystem übertragen und deshalb mit zwei Tagen Verspätung eingetroffen …« Der Mann stockte erneut.

»Ja?«, wiederholte Rhodan.

»Am … am 25. Mai sind 484 Traitanks im Portier-System aufgetaucht, haben Quinto-Center jedoch verfehlt, da der Mond zuvor bereits an einen neuen Standort verlegt worden ist.«

Er ist nicht tot, dachte Rhodan.

Aber damit war klar, Michael – Roi Danton – hatte verloren und geredet.

Der zweite Mann der USO stand nun auf Seiten des Feindes.

»Entschuldigt mich«, sagte Rhodan. »Ich ziehe mich jetzt wirklich für ein paar Stunden zurück. Ich muss …« Er hielt inne, drehte sich ohne ein weiteres Wort um und ging.

Es besteht noch Hoffnung, dachte er.

*

Als er sein Appartement in der Solaren Residenz betrat, wusste er sofort, dass er nicht allein war.

Und er wusste auch, wer sich hier befand. Nur zwei Personen konnten sich hier ohne seine Erlaubnis Zutritt verschaffen, und Mondra war es nicht.

»Hallo, Kleiner«, sagte er.

»Hallo, Großer«, sagte der Mausbiber aus dem Dunkel des Wohnzimmers. »Wenn du reden willst, bin ich hier. Wenn nicht, bleibe ich trotzdem.«

Gucky, dachte Rhodan. Einer der besten Freunde meines Sohnes aus seinen Kindertagen. Die Vergangenheit ließ ihn nicht los, war allgegenwärtig. In diesem Augenblick drohte sie sogar die Hoffnung auf die Zukunft zu verdrängen.

Sie schwiegen.

Zehn Minuten lang. Zehn Minuten, die genauso gut zehn Stunden hätten sein können.

Dann teleportierte Gucky zu ihm, packte ihn am Arm, sprang noch einmal. Nahm ihn einfach mit.

Wahrscheinlich hatte er in weiser Voraussicht sämtliche Psi-Fallen der Stahlorchidee ausschalten lassen.

Rhodan schloss die Augen und atmete tief die würzige Luft des Residenz-Parks ein, versuchte, endlich wieder einen klaren Gedanken zu fassen.

Es gelang ihm nicht.

Sie gingen am Seeufer entlang, stiegen dann zu den mediterranen Terrassen hinauf, schritten vorbei an Zitronen- und Orangenbäumen, Granatäpfeln, Feigen, Ölbäumen, Lorbeergewächsen und Johannisbrotbäumen.

Rhodan nahm nichts davon wahr. Er war nur froh, dass der Mausbiber bei ihm war. Er spürte die Nähe seines Geistes und fragte sich, welche Überwindung es den Ilt kostete, in diesem Augenblick hier zu sein, bei ihm. Ihm zur Seite zu stehen.

Das würde er ihm niemals vergessen.

Ihm, dem Retter des Universums, dem ewigen Spaßvogel, der seinen Nagezahn aufblitzen und Bully unter der Decke schweben ließ.

Dem einsamsten Wesen dieser Galaxis.

»Ich … fürchte um mich«, sagte Rhodan schließlich, nach über einer Stunde.

Gucky schwieg, hörte zu wie ein wahrer Freund, der gekommen war, als er ihn am dringendsten gebraucht hatte, und ihn wortlos mit in einen Park genommen hatte.

»Ich trauere um ihn«, fuhr Rhodan fort.

»Das ist normal«, sagte Gucky. »Aber er ist noch nicht tot. Vielleicht gibt es noch einen Weg zurück. Den gab es bisher immer.«

Rhodan lachte heiser auf, ging nicht darauf ein. »Aber ich spüre«, setzte er seinen Gedankengang fort, »dass schon jetzt aus Trauer Bitterkeit und Hass werden. Aber Bitterkeit und Hass sind keine guten Ratgeber.«

Gucky schwieg.

»Und aus diesem Hass«, fuhr Rhodan fort, »entspringt der unbändige Wille, TRAITOR standzuhalten. Schon allein für meinen Sohn …«

»Wir werden der Terminalen Kolonne widerstehen«, sagte Gucky leise. »Wir werden Schreckliches durchmachen. Am Ende wird die Milchstraße nicht mehr so sein, wie wir sie kennen. Dunkelheit wird über uns kommen. Aber am Ende wird TRAITOR weiterziehen, ohne uns endgültig in die Knie gezwungen zu haben, und wir werden das Licht der Zukunft sehen.«

Rhodan hätte dem Mausbiber gern geglaubt. Doch er sah in diesem Augenblick kein Licht.

Er sah nur Dunkelheit.

Wie widersinnig war da der Gedanke, der ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte.

Mike ist noch nicht tot. Es besteht noch Hoffnung.

Konferge träumt

Konferge träumte vom Berg.

Der Berg ragte an einem ihm unbekannten Ort wie ein riesiger Kegel mit abgeflachtem Gipfel aus einer scheinbar bodenlosen Schwärze viele tausend Meter hoch in einen farbenprächtig leuchtenden Himmel. Dort entstanden vielleicht gerade neue Sterne, neue Galaxien oder gar Cluster. Blaue und rote, grüne und violette Nebel- und Staubstreifen wurden von dunklen Staubrüsseln durchbohrt und von aufblitzenden Protosonnen und aus Lücken hervorbrechenden Lichtfahnen erhellt.

Der Gipfel war ihm wohl vertraut. Er bestand aus einer hellroten Metallebene von etwa 1200 Metern Durchmesser und war exakt kreisförmig, eindeutig kein natürliches Gebilde.

In seinem Traum schritt er zur Treppe über dem Gipfelzentrum, dem einzigen Gegenstand dort oben, eine Ansammlung von sieben flachen Quadern aus ebenfalls hellrotem Metall, die als Treppenstufen in jeweils knapp einem halben Meter Abstand schwerelos in der Luft schwebten. Er sah hinauf zum Wolkentor, der bläulich weißen Nebelwolke, die über der höchsten Stufe waberte. Auf etwa fünf Metern Höhe und mit drei Metern Durchmesser ballte sich dort eine Substanz, ein Etwas, das alles andere als ein normaler Nebel war.

Er spürte, wie seine Ungeduld wuchs. Wo blieb Aquinas?

Ihm kam es seltsam vor, dass er hier allein auf ihn wartete, ohne die sechs anderen. Normalerweise begab Aquinas sich nur zu ihnen herab, wenn sie sich alle hier versammelt hatten.

Der Nebel geriet in heftige Wallung. Im nächsten Moment konnte er eine Silhouette darin ausmachen, die er als die des Erwarteten erkannte.

Dann trat Aquinas auf die oberste Stufe.

Seine bullige Gestalt strahlte unbändige Kraft aus, doch seine Bewegungen wirkten seltsam stockend, zögernd. Er schien ins Taumeln zu geraten, als er auf die zweithöchste Stufe herabtrat.

Dann war er nah genug heran, dass Konferge Einzelheiten ausmachen konnte, und ihm stockte der Wasserstoff in den Atemwegen.

Aus Aquinas’ Augen tropfte Blut.

Blut!

3.

Sterne am Himmel

31. Mai 1345 NGZ

»Noch fünf Minuten«, sagte Homer G. Adams. Der älteste noch lebende Terraner zögerte kurz, schien die Hand ausstrecken zu wollen, hielt dann mitten in der Bewegung inne.

Rhodan vermutete, dass sein Freund mit dem Gedanken gespielt hatte, ihm die Hand auf die Schulter zu legen oder einen Klaps zu geben, ihm irgendwie sein Mitgefühl auszudrücken. Aber Homer war kein Mensch, der aus sich herausging, solche Gefühlsregungen so einfach zeigen konnte, nicht einmal bei einem Gefährten, dem er seit dreitausend Jahren verbunden war.

Noch ist Mike nicht tot, dachte er. Noch gibt es Hoffnung. Noch …

Er hielt in dem Gedankengang inne. Er wollte einfach nicht darüber nachdenken, nicht in diesem Moment.

Er räusperte sich. »Danke, Homer. Schon gut.«

Rhodan trat einen Schritt auf ihn zu und drückte ihn an sich, so unangenehm seinem Freund die Geste auch sein mochte. Dann legte er den Kopf zurück und sah zum Nachthimmel hinauf.

Auch er hatte sich noch nicht an den Anblick gewöhnt.

Ein leerer Himmel. Keine Sterne, weil der TERRANOVA-Schirm das Licht der Galaxis nicht passieren ließ, stattdessen ein düsteres Glimmen, das die Nachtseite der Erde überspannte. Ein fremdartiger, ungewohnter Anblick, der ihm stärker zu schaffen machte, als er es ursprünglich angenommen hatte.

Und wenn dieser unvertraute Anblick an ihm nagte, würde er auch die anderen Menschen der Erde beeinträchtigen. Er erinnerte sie ständig daran, dass nichts mehr so war wie zuvor, die Kräfte der Terminalen Kolonne jenseits des TERRANOVA-Schirms warteten und unentwegt versuchten, dieses Hindernis zu überwinden.

Nein, die Gedanken waren da, unentwegt. Er sah das Glimmen am Himmel und musste an die Kolonne denken und den Kampf gegen schier übermächtigen Gegner.

Terras Verteidigung basierte noch immer auf drei Säulen. Zum einen waren da die 108 LORETTA-Tender, die den TERRANOVA-Schirm erzeugten. Unterstützt wurden sie vom Nukleus der Monochrom-Mutanten, der von Galapagos aus den Schirm bei Bedarf in der Art eines Individualaufladers verstärkte. Und der Nukleus wiederum griff auf die Mitglieder des TERRANOVA-Globus zurück, die von den TANKSTELLEN aus psychische Energie zur Aufladung des Kristallschirms lieferten. Die Energien wurden von Kollektor-Körnern des Nukleus gesammelt und in den Schirm umgeleitet.

An allen drei Säulen wurde noch immer mit unverminderter Kraft gearbeitet. Weitere LORETTA-Tender befanden sich auf dem Mond im Bau, um endlich eine vernünftige Redundanz bei den unersetzlichen Einheiten zu schaffen, und mit Hilfe von Salkrit wurden nach wie vor Wirkungsgrad und Stärke des Schirms verbessert.

Der Nukleus wuchs derweil auf Terra und baute mit Hilfe von ARCHETIMS Psi-Korpus, der in der Sonne lagerte, seine Kräfte aus. Und die Zahl der Globisten, die in den TANKSTELLEN Dienst taten, erhöhte sich täglich um mehrere tausend Personen.

Mittlerweile befanden sich 85 TANKSTELLEN in Betrieb, die meisten auf Terra, einige allerdings auch auf den anderen Planeten des Sonnensystems und auf dem Mond. Damit konnten maximal etwa 4,5 Millionen Globisten bei einem Vollalarm aktiv werden.

Viereinhalb Millionen … eine beeindruckende Zahl, die von der der Freiwilligen aber weit übertroffen wurde. Inklusive Bereitschaftsdiensten und Ausfallreserven verfügte das Solsystem derzeit über etwa 32 Millionen Globisten. Viereinhalb Millionen je 4-Stunden-Schicht, das entsprach 27 Millionen pro Tag. Hinzu kamen nochmals fünf Millionen als Reserve. Es kam immer wieder zu Ausfällen aus diversen Gründen. Globisten wurden krank, Globisten machten Urlaub.

Doch Rhodan war mit diesen Zahlen noch nicht zufrieden. Der Nukleus strebte auf Dauer einen Wert von 200 Millionen Terranern an, die zeitgleich in TANKSTELLEN tätig sein konnten. Was wiederum bedeutete, dass die Menschheit einschließlich nötiger Reserven ein Reservoir von etwa 1,43 Milliarden Globisten benötigte – was rund zehn Prozent der insgesamt im Solsystem lebenden 15 Milliarden Menschen entsprach.

Homer G. Adams’ frühere Strategie, so weit wie möglich auf bereits vorhandene Stadien, Theater oder andere Veranstaltungsgebäude als Versammlungsorte zurückzugreifen, war damit hinfällig. Denn 200 Millionen Menschen benötigten – bei durchschnittlich 50.000 Globisten pro Ort – viertausend Versammlungsorte!

Rhodan hatte reagiert und die Errichtung von Kuppelbauten angeordnet, die weitestgehend Stadien nachempfunden waren, Konstruktionen, in denen eine große Zahl Menschen direkten Blickkontakt auf ein Kollektor-Korn hatten. Zusätzlich musste natürlich eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden.

Rhodan hätte aus psychologischen Gründen gern darauf verzichtet. Eine Zusammenkunft in einem vorhandenen Stadion oder Theater hatte etwas Inoffizielles an sich, stieß die Menschen nicht mit der Nase darauf, zu welchem Zweck sie sich versammelt hatten.

Die Zahlen, die Rhodan anstrebte, klangen nur auf den ersten Blick größenwahnsinnig. Der Resident war überzeugt, dass die Menschheit Schulter an Schulter stehen würde, um das schier Unvermeidliche zu verhindern und der Terminalen Kolonne Einhalt zu gebieten.

Falls das überhaupt möglich war. Momentan hatte TRAITOR in der Milchstraße zwar mit einem gewissen Mangel an Personal und Material zu kämpfen, doch diese Phase würde bald vorbei sein.

Rhodan erwartete beinahe täglich die zweite Welle der Terminalen Kolonne. Die bisher entsandten Kontingente waren nicht mehr als die Vorhut, darüber war er sich im Klaren.

Malcolm S. Daellian hatte sich Gedanken darüber gemacht. Mit dem nächsten Schwung erwarteten sie mindestens 2304 Kolonnen-Forts.

Daellians Berechnungen waren eindeutig und glaubwürdig. Wegen der Drehung von 7,5 Grad zwischen der Unter- und Oberseite eines Kolonnen-Forts waren 48 davon nötig, um mit einer Gesamthöhe von 432 Kilometern eine volle Drehung von 360 Grad in Doppelhelix-Form zu erreichen. Da für die zweite Welle über 2000 Kolonnen-Forts angekündigt wurden, ging der Chefwissenschaftler der LFT davon aus, dass es letztlich auf 48 mal 48, also 2304 Einheiten hinauslaufen musste, wobei die Gesamthöhe beziehungsweise -länge des Gebildes, das hier theoretisch zusammengesetzt werden konnte, dann schier unglaubliche 20.736 Kilometer betrug.

Also 2304 Chaos-Geschwader mit je 484 Traitanks, was einer Gesamtzahl von 1.115.136 entsprach! Wobei die Zahl von gut 1,1 Millionen Traitanks als rechnerisches Minimum zu verstehen war. Gegebenenfalls könnte auch eine Ausstattung mit mehreren Chaos-Geschwadern pro Kolonnen-Fort entsandt werden, oder es könnten Chaos-Geschwader mit Hunderten oder Tausenden eintreffenden Kolonnen-Fähren oder sonstigen Riesenträgern verbunden sein, führten die Pessimisten unter den Wissenschaftlern an. Dann fiele die Gesamtzahl der Schiffe selbstverständlich entsprechend höher aus. Und wer konnte schon sagen, was sonst noch alles an Gerät die Milchstraße erreichen würde, wenn es so weit war! Die Traitanks waren gewiss nicht alles, was TRAITOR aufzubieten hatte …

Die Truppenstärke von knapp 17.000 Traitanks, die das Solsystem belagerten, dürfte dann ebenfalls beachtlich in die Höhe schnellen. Je eher sie also die Kapazität der Verteidigung aufstockten, desto besser. Dementsprechend blieb Rhodan gar keine andere Wahl, als die Bevölkerung des Sonnensystems notfalls zu überzeugen, sich für die TANKSTELLEN zur Verfügung zu stellen und genug davon einzurichten.

Falls es nicht längst zu spät war …

*

Nun räusperte sich Homer neben ihm. »Es ist so weit.«

Rhodan lächelte schwach. Wahrscheinlich hatte der alte Freund sein Schweigen falsch interpretiert und angenommen, er hinge immer noch Gedanken über Mike nach.

Manchmal konnte es von Vorteil sein, wenn die Last der Verantwortung, die Zahl der Probleme so groß war, dass persönliche Interessen zurücktreten mussten. Allerdings gestand Rhodan sich ein, dass er sich nur allzu bereitwillig von den Gedanken um die Terminale Kolonne hatte ablenken lassen.

Alles, um nur nicht an Mike denken zu müssen …

»Beeindruckend, nicht wahr?«, sagte er und rief Holos auf, die die Straßen Terranias zeigten. Von hier oben, hoch aus der Solaren Residenz, konnte man es mit bloßem Auge kaum erkennen, doch die Bürgersteige und Plätze wimmelten von Menschen. Sie waren aus den Häusern geströmt, hatten ihre Gleiter geparkt, die Laufbänder verlassen.

»Es müssen Hunderttausende sein«, sagte Homer.

»Millionen«, korrigierte Rhodan. »Und das um eine Minute vor Mitternacht. Wer Beine hat zu laufen, ist jetzt unterwegs.«

»Ja. Unsere Strategie scheint aufgegangen zu sein.«

»Warte es ab«, sagte Rhodan skeptisch und sah wieder zum Himmel hoch, zu dem düsteren Glimmen, das die Menschheit des Nachts unentwegt daran erinnerte, dass zwischen ihr und der Terminalen Kolonne und damit dem Untergang nur der TERRANOVA-Schirm stand. »Unsere Bekanntmachung war ziemlich ominös, und die Menschen lassen sich nicht gern ins Bockshorn jagen.«

Er schaute kurz auf die Uhr. Fünf Sekunden vor Mitternacht … zwei … eine …

Und dann sah er wieder hinauf und erlebte wie Milliarden Menschen auf der Nachtseite der Erde mit ihm, wie das Glimmen des TERRANOVA-Schirms erlosch, verdrängt wurde vom hellen Schein Hunderter, Tausender von Sternen, die plötzlich am Nachthimmel standen.

*

Einen Moment lang herrschte völlige Stille. Dann übertrugen die auf den Straßen errichteten Mikrofone und Akustikfelder erste zögernde Jubelrufe.

Rhodan entspannte sich ein wenig.

Immer mehr Menschen fielen ein, bis die gesamte Stadt tosendes Geschrei erfüllte. Der Resident rief holografische Ausschnittvergrößerungen auf. Auf den Gesichtern der Menschen stand Staunen geschrieben, aber auch Freude, reine Freude darüber, etwas so lange und schmerzlich Vermisstes wiederzusehen.

»Die Laternen-Matrix scheint ein voller Erfolg zu sein«, sagte Homer leise.

»Das sehe ich auch so. Unsere Experten haben gute Arbeit geleistet.« Rhodan hatte sie beauftragt, Maßnahmen gegen die psychische Depression auf Terra zu treffen, und sie hatten großmaßstäblich gedacht. Die Laternen-Matrix – das war ein Schwarm aus 2000 Kunstsonnen in sphärischer Anordnung, die in Höhe der Uranusbahn die Sonne umkreisten, einen Sternenhimmel simulieren und von der Erde wie auch allen anderen besiedelten Planeten und Monden im Solsystem gesehen werden konnten.

Dabei waren die Fachleute behutsam vorgegangen. Sie hatten bewusst darauf verzichtet, ganze Sternbilder zu kopieren. Das hätte der Administration nur den Vorwurf eingebracht, den Bewohnern des Sonnensystems eine heile Welt vorspiegeln zu wollen. Stattdessen bildeten die Kunstsonnen neue, scheinbar zufällige Sternbilder.

Aber ganz so zufällig waren sie doch nicht gestaltet. Rhodan kniff die Augen zusammen und suchte nach dem, wovon er wusste, dass er es finden würde.

So wie Computer-Programmierer kleine Ostereier in ihre Programme integrierten, die nur der Findige entdeckte, hatten die Konstrukteure der Laternen-Matrix ein paar bekannte Symbole als »Sternbilder« integriert. Eins davon hatte eine besondere Symbolkraft, und Rhodan fand es problemlos.

Es waren insgesamt 30 Sterne – oder Kunstsonnen. 14 davon bildeten einen am rechten Rand offenen Kreis, während acht weitere darin eine Form annahmen, die man als rundes F bezeichnen konnte. Fünf weitere bildeten eine Verbindung vom obersten zum untersten Stern des Kreises, und die letzten drei schlossen ihn dann, allerdings versetzt um eine Stelle nach rechts, so dass dort ein Freiraum blieb.

Vor Rhodans geistigem Auge bildeten sich diese 30 Leuchtkörper zu einem plastischen Symbol um, zum neuen Signet der Liga Freier Terraner, eingeführt zum 50-jährigen Bestehen der Solaren Residenz am 1. Januar 1343 NGZ. Er bezweifelte nicht, dass sich diese Assoziation früher oder später auch bei allen anderen Menschen einstellen würde, die es sahen, zu bekannt war es, zu einprägsam, als dass man es nicht erkennen würde, wenn man es oft genug sah.

Er kannte es in- und auswendig. In einem schmalen goldmetallischen Außenring befand sich ein schwarzer Kreisring mit hellblauem Grund und darauf als Dreiviertelkreis die Buchstaben L in Blau, F in Gelb und T in Rot. Im offenen letzten Viertel standen dann senkrecht übereinander drei schwarz konturierte gelbe Kreise.

Sie hatten die Symbolik mit Bedacht gewählt. Die Erde, dargestellt durch die Kreise, und die neuen LFT-Initialen. Die drei Kreise standen für die drei Säulen der Liga: Freiheit, Prosperität, Vision.

Freiheit war die Freiheit der Völker, die Achtung des Andersdenkenden, aber auch die gemeinsame Verteidigung im Bedrohungsfall als wehrhafte Demokratie. Prosperität beschrieb das Wohlergehen der Völker im wirtschaftlichen wie auch im wissenschaftlichen und kulturellen Sinn. Vision bedeutete, dass die Völker der LFT sich trotz unterschiedlichster Phänotypen und Gesellschaftsordnungen auf einer gemeinsamen ethischen Grundlage in die Zukunft entwickelten.

Ja, die Menschen würden dieses Symbol erkennen, das jetzt gerade, am 1. Juni 1345 NGZ, um null Uhr Terrania-Zeit am Nachthimmel über der Hauptstadt erschienen war.

Dass Fachleute und Sternkundler über die Laternen-Matrix nur lächeln konnten, war durchaus Absicht von ihm gewesen. Die Regierung in der Solaren Residenz hatte nicht das geringste Interesse daran, die Matrix lange im Blickpunkt der Menschen zu halten.

Doch ab sofort hatten die Welten des Solsystems wieder Sternenlicht. Wer auf der Erde bei Nacht vor die Tür ging, durfte sich wieder zu Hause fühlen. Darauf allein kam es an.

Deshalb hatten sie auch den bewusst heimeligen Namen Laternen-Matrix gewählt, der an diesem Tag bekannt gegeben werden würde. Und sie hatten die Bevölkerung aufgefordert, um Mitternacht auf die Straßen zu gehen, ohne genau zu sagen, was geschehen würde.

Sicher, ein Risiko, aber ein kalkuliertes, und es hatte sich gelohnt. Die Menschen der Erde schienen die Laternen-Matrix akzeptiert zu haben.

Der Jubel war kaum weniger geworden, geschweige denn verklungen, als Rhodans Kombiarmband summte. Er aktivierte es und nahm das eintreffende Gespräch an. »Ja?«

»Soeben ist ein Bericht von Atlan eingetroffen«, sagte eine Stimme, die er als die eines seiner Adjutanten identifizierte. »Via Kurierraumer aus der Charon-Wolke gebracht und nach Überwindung der größten Unbilden im galaktischen Zentrum per Hyperfunk-Relaisstationen weitergeleitet. Ein verschlüsseltes Datenpaket, das die Hintergrundgeschichte der Inyodur enthält. Nur du kannst es öffnen, Resident.«

»Danke. Ich bin unterwegs«, sagte er und unterbrach die Verbindung. Es gibt also noch gute Nachrichten, dachte er bewusst optimistisch.

Aber selbst die beste Nachricht hätte nicht die Sorgen verdrängen können, die er sich um seinen Sohn machte.

Deltoro träumt

Deltoro träumte vom QUELLTRÄGER.

Die Steinwüste dehnte sich unter dem glühenden Himmel vor ihm aus, so weit das Auge blickte, und er begriff, dass er ihrer überdrüssig war. Sie kam ihm immer langweiliger vor, und er beschloss, sie durch eine Seenlandschaft zu ersetzen. Ein paar Ammoniaktümpel, darum grober Sand, darüber dräuende Wasserstoffwolken … ja, genau. Ihm stand der Sinn nach einer heimeligen Umgebung, die ihm Entspannung verschaffen, in der er abschalten konnte.

Er erteilte Anweisungen und sah zu, wie die Landschaft sich vor seinen Augen zu verändern begann. Diese Transformationen faszinierten ihn immer wieder aufs Neue, zumal er die Eleganz schätzte, mit der sie vollzogen wurden.

Kristallisierte Psi-Materie … genial und einfach zugleich, wenn man wusste, wie es gemacht wurde. Überhaupt bestand der gesamte 1126 Kilometer durchmessende QUELLTRÄGER aus eben dieser kristallisierten Psi-Materie. Im Prinzip war er nichts anderes als eine Spiegelung des Doms Oquaach, der ebenfalls aus Kristall bestand.

Natürlich hatte er mit dem QUELLTRÄGER eine Aufgabe zu erfüllen, eine Aufgabe, die er sehr ernst nahm. Doch er akzeptierte die angenehmen Seiten nicht nur, die das mächtige Schiff ihm bot, er genoss sie geradezu. So ließen sich zum Beispiel durch die Nutzung und Wandlung der Psi-Materie im Inneren des Gebildes nach Bedarf und fast nach Belieben Räumlichkeiten erzeugen, bis hin zur Realsimulation ganzer Landschaften, wie er gerade eine angeordnet hatte.

Er entledigte sich seines Overalls, schaltete die Temperatur höher und ließ sich in einen der Tümpel gleiten. Erst als er bis zu den Schlitzklappen darin lag, spürte er, dass die Flüssigkeit viel wärmer war, als er angeordnet hatte.

Ein technischer Defekt? Undenkbar. Und doch fühlte er sich unwohl.

Er stieß sich vom Boden ab, doch der schlammige Grund gab unter ihm nach, umfasste seine Füße, ließ sie nicht mehr los, und er ertrank, langsam, eine Ewigkeit lang.

4.

Die Stunde der DÄDALUS

4. Juni 1345 NGZ

Die Hyperperforation erlosch.

Nicht jetzt, dachte Rhodan. Nicht so kurz vor dem Ziel.

Alles war bislang so gut verlaufen.

Gegen Mittag hatte sich unter dem wieder aufgenommenen Routine-Beschuss der Kolonne eine Hyperperforation von 490 Kilometern Durchmesser ausbildet, diesmal in Höhe der Venusbahn – die größte, die man bisher beobachtet hatte.

Er und Gucky hatten sich sofort an Bord des SKARABÄUS begeben, und er hatte die DÄDALUS durch den Tunnel gesteuert, durch alle seltsamen Effekte, bis sie schließlich wieder das unbekannte Objekt im Blick hatten, das von einem Kraftfeld und einem Schwarm kleinerer Gegenstände umgeben war.

Er hatte die Tunnelwandung überprüft, natürlich nur optisch und damit subjektiv, da er auf keinerlei Instrumente zurückgreifen konnte, und sie hatte sich als absolut stabil erwiesen.