Perry Rhodan-Paket 49: Negasphäre (Teil 1) -  - E-Book

Perry Rhodan-Paket 49: Negasphäre (Teil 1) E-Book

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Beschreibung

Im Frühjahr 1346 Neuer Galaktischer Zeitrechnung steht die Menschheit vor der größten Bedrohung ihrer Geschichte: Mit einer gigantischen Übermacht hat die Terminale Kolonne TRAITOR die Milchstraße besetzt und alle bewohnten Planeten unter ihre Kontrolle gebracht. Die gigantische Raumflotte gehört zu den Hilfstruppen der sogenannten Chaotarchen. Ihr Ziel ist, die Ressourcen der Milchstraße auszubeuten, um die Existenz der Negasphäre abzusichern. Diese Negasphäre entsteht in der Galaxis Hangay - ein Ort, an dem gewöhnliche Lebewesen nicht existieren können und die Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden. Nur wenige Verstecke in der Milchstraße sind noch "frei", in ihnen hält sich der Widerstand. Dazu gehören die Erde und die anderen Planeten des Solsystems, die sich hinter dem TERRANOVA-Schirm verbergen. Doch Perry Rhodan weiß: Auch in einem Versteck wird Terra untergehen. Die Menschheit kann nur überleben, wenn TRAITOR vertrieben wird. Mit allen Tricks gehen Rhodan und seine Gefährten in die Offensive: Sie starten zu einer riskanten Reise in die Zeit, und sie suchen in den Weiten des Kosmos' nach Verbündeten für ihren Kampf, den sie eigentlich nicht gewinnen können ...

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Seitenzahl: 6648

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Nr. 2400

Zielzeit

Rendezvous mit der Vergangenheit – Perry Rhodan startet die Operation Tempus

Robert Feldhoff

Im Frühjahr 1346 Neuer Galaktischer Zeitrechnung steht die Menschheit vor der größten Bedrohung ihrer Geschichte: Mit einer gigantischen Übermacht hat die Terminale Kolonne TRAITOR die Milchstraße besetzt und alle bewohnten Planeten unter ihre Kontrolle gebracht.

Die gigantische Raumflotte steht im Dienst der sogenannten Chaotarchen. Ihr Ziel ist, die Ressourcen der Milchstraße auszubeuten, um die Existenz der Negasphäre abzusichern. Diese Negasphäre entsteht in der Galaxis Hangay – einem Ort, an dem gewöhnliche Lebewesen nicht existieren können und die Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden.

Nur wenige Verstecke in der Milchstraße sind noch »frei«, in ihnen hält sich der Widerstand. Dazu gehören die Erde und die anderen Planeten des Solsystems, die sich hinter dem TERRANOVA-Schirm verbergen.

Doch Perry Rhodan weiß: Auch in einem Versteck wird Terra untergehen. Die Menschheit kann nur überleben, wenn TRAITOR vertrieben wird. Also startet Rhodan mit seinen Gefährten eine Expedition mit höchstem Risiko – sie führt direkt in die ZIELZEIT …

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner startet eine wagemutige Expedition.

Mondra Diamond – Die ehemalige TLD-Agentin begleitet Rhodan in die Zielzeit.

Kamuko – Die geheimnisvolle Generalin ist Träger einer Sonnen-Aura.

Gucky – Der sensible Mausbiber ortet geheimnisvolle Wesen.

Pothawk –

1.

Gegenwart: 8. April 1346,

Neue Galaktische Zeitrechnung

»Treffer, Treffer, Treffer! Beim Zentrum der Galaxis, Terraner, heute ist dein Glückstag!«

Perry Rhodan schaute entgeistert von seinem Datentisch auf. Die Konstruktionsunterlagen, die er betrachtet hatte, wurden dunkler und erloschen.

Sein Blick fiel auf den blinkenden Interkom. Das Gerät hatte sich eben aktiviert.

Aus wirbelnden Bildpunkten entstand das Hologramm eines irrwitzig zusammengestoppelten, glitzernden Roboters. Fast wie ein Posbi. »In unserem Preisausschreiben wurde deine Interkom-Durchwahl gezogen, Bürger!«, strahlte der Roboter mit metallischem Lachen. »Wähle jetzt Treffer 1 an deiner Datenkonsole, und dir sind acht Tage Luxus-Ferien in den Marskolonien sicher! Wähle Treffer 2, und du erhältst zum Spottpreis von gerade 99 Galax einen Haushaltshelfer der Marke Whistler offeriert …«

Hydraulikflüssigkeit spritzte aus einem Schlauch, der sich mit einem Mal löste – und formte aus seinem Tropfenregen das Reklamelogo einer Technologie-Kaufhauskette. »Was, du willst beides, Bürger? Den Urlaub und die Haushaltshilfe? Du willst den Kombitreffer? Dann halt deinen Creditchip bereit und wähle die Rufnummer …«

Perry Rhodan zog erzürnt die Brauen hoch. Dies war nicht irgendein Büro, sondern das des Terranischen Residenten. Der Vorgang war ein Ding der Unmöglichkeit. Hatte Rhodan jedenfalls geglaubt – bis eben.

Er berührte nicht die 1, nicht die 2, sondern fror die Verbindung ein. Das Bild des Roboters erstarrte.

»Sekretariat«, sagte er laut. Die Sprechverbindung zum Nebentrakt aktivierte sich. »Rhodan hier. Einer von diesen Positronik-Spammern ist an meinen Arbeitstisch gelangt.«

Die Stimme eines Sekretärs keuchte. »Bitte was?«, kam es durch den Interkom.

»Man bietet mir einen Haushaltsroboter für 99 Galax. Marke Whistler, wohlgemerkt, die kosten allein in der Herstellung sechshundert.«

Es wurde eine Sekunde still.

»Mein Gerät hält gerade die Verbindung«, sagte Rhodan. »Der Sicherheitsdienst soll sich darum kümmern. Seht einfach zu, dass ihr das Leck dicht macht. Ach ja, und wenn ihr die Spammer abmahnt, übermittelt ihnen Grüße: Ich habe leider keine Zeit für Ferien auf dem Mars. Sie sollen sich erst wieder melden, wenn sie Vibratormesser-Sets zu verschenken haben. Oder Zellaktivatoren.«

»Richten wir aus. – Können wir sonst etwas für dich tun?«

Rhodan neigte den Kopf, schon wieder freundlicher. »Schickt mir bitte zwei von diesen mehligen Miniäpfeln ins Büro, die wir im Kühlhaus lagern.«

»Du meinst die europäische Sorte?«

»Genau die. Danke, das wäre alles.«

Rhodan schaltete den Datentisch ab. Den Deckplan der JULES VERNE hatte er nun grob im Kopf. Er konnte sich in dem Raumschiff zurechtfinden, ohne es je betreten zu haben.

Auch das Hologramm des Roboters erlosch wenige Sekunden später – als der Sicherheitsdienst die Leitung kappte.

Perry Rhodan desaktivierte seinen Apparat.

Er legte stumm die Füße hoch, die Stirn gerunzelt, atmete ruhig durch und genoss das Großstadt-Panorama. Vielleicht zum letzten Mal für lange Zeit.

Regentropfen peitschten gegen die Fensterfront seines Büros, das in einem Kilometer Höhe über der Stadt schwebte. Die Tropfen perlten von dem Strukturglas ab und flossen senkrecht nach unten.

Bis zum Horizont ragten Wohnanlagen aus dem Häusermeer, hunderttausend blinzelnde Lichter, Morgengrau schimmerte durch den Schleier einer Regenfront. Im Nordosten wogten Gischt und Brecher über den Goshun-See, weit dahinter stiegen gewaltige Frachtraumschiffe auf, vom Crest Lake Space Port, und drängten hinauf in die tief hängenden Gewitterwolken.

Der Morgen war nicht der schlechteste, trotz Spam-Reklame, Wolkenbruch und Frühjahrssturm.

Nicht, dass die Feinde der Erde über Nacht die Strahlkanonen ausrangiert hätten. Das Sonnensystem stand nach wie vor unter Belagerung der Terminalen Kolonne TRAITOR. Ein winziger Fehler im TERRANOVA-Schirm, der sie schützte, und die Erde konnte schon Geschichte sein.

Doch der 8. April des Jahres 1346 NGZ markierte einen Wendepunkt im Krieg: den Übergang von Verteidigung zu Offensive. Nur dass dies niemand außer Rhodan wusste. Er hatte über Wochen den engsten Freundeskreis belogen, hatte geschwiegen und Tatsachen verdreht.

Dies war nun zu Ende. Operation Tempus stand vor dem Vollzug.

Der Terminplan sah vor, dass exakt an diesem Tag ein Konvoi aus der Charon-Wolke das Solsystem erreichen sollte.

Mit Eintreffen des Konvois begann das Spiel. Exakt in einer Stunde.

Ein Servoroboter brachte zwei Äpfel, nicht größer als Walnüsse, und legte sie vor Rhodan auf dem Schreibtisch ab.

Er wickelte die Früchte in ein Tuch und schob beide in die Tasche seiner Regenkombi. Nicht, dass er sie später im Büro liegen ließ.

Rhodan aktivierte wiederum den Interkom. Aus der Adressdatei wählte er drei Namen: Bully, Mondra, Homer.

Die Positronik stellte automatisch die Verbindungen her. Nebeneinander entstanden die Abbildungen dreier Gesichter zur Holokonferenz.

Das müde Grinsen des Rotschopfes, am linken Rand der dreigeteilten Holo-Galerie, gehörte Reginald Bull, seinem engsten und ältesten Freund. Bull hatte schon den Mondflug der STARDUST mitgemacht, vor fast dreitausend Jahren. Derzeit war Bull Verteidigungsminister der Liga Freier Terraner – ein hartes Brot, wie Rhodan sehen konnte: Bull hatte die Nacht durchgearbeitet, nach Rhodans Wissen das dritte Mal hintereinander.

»Was gibt’s, Perry? – Wieder mal Probleme? Soll ich dir ein Schlachtschiff schicken, oder reicht ein TARA-Kampfroboter?«

Gesicht Nummer zwei gehörte Mondra Diamond, seiner Ex. Rhodans ehemalige Gefährtin, die er nach der Trennung häufiger zu Gesicht bekam als vorher. Mondra trug einen engen Pyjama. Das Grün ihrer Augen strahlte, obwohl er sie offensichtlich geweckt hatte, sie schüttelte den Kopf, und ihr schwarzes, vom Liegen wirres Haar ordnete sich wie von Zauberhand berührt. Vermutlich durch eine Nano-Beschichtung.

»Perry! Wenn du frühstücken willst, gib mir eine halbe Stunde! Oder zehn Minuten, wenn du heute noch die Erde retten musst!«

Gesicht Nummer drei gehörte einem kleinen Mann mit schütterem Haarkranz: Homer G. Adams, Finanz- und Wirtschaftsgenie. Adams war wie Rhodan und Bull potenziell unsterblich, durch den Zellaktivator in seiner Schulter. Allein Adams war es zu verdanken, dass die Wirtschaft des Solsystems nicht zusammengebrochen war, nach zwei Jahren Belagerung durch die Terminale Kolonne TRAITOR.

»Perry«, meinte Adams indigniert und mit einer Spur Vorwurf in der Stimme. Er hob für eine Sekunde die Datenbrille, die er trug, und blinzelte ins Bild. »Wir stecken im Monatstreff der Konsumgüterproduktion Vorderasien. Vergiss nicht den Terminkalender! – Ich rufe gegen acht zurück. Mein positronischer Sekretär gibt dir ansonsten gerne …«

Perry Rhodan blickte alle drei an, bis die Stimmen synchron verstummten.

»Bully, Mondra, Homer: Es ist so weit.«

Bull begriff als Erster: »Operation Tempus?«

»Du sagst es, Dicker.«

*

Ein Schwapp Regen peitschte Rhodan ins Gesicht, als er am Rand des Terrania Space Port aus dem Gleiter stieg. Sein Haar klebte in Sekunden nass am Kopf, doch er genoss das Gefühl, weil es für Natur und für Heimat stand. Dinge, die ein Raumfahrer wie Perry Rhodan zu schätzen wusste.

Aus dem Dunst ragten die Silhouetten gebirgsgleicher Kugelraumer: Terras neue Ultraschlachtschiffe der JUPITER-Klasse, mit zweieinhalb Kilometern Durchmesser. Nur die unteren Teile der Polrundungen waren sichtbar, bis knapp unter die monströsen Triebwerkswulste, der Rest verschwamm im Regen.

»Perry!«, hörte er eine Stimme durch das Wetter. »Willst du ewig deine Raumschiffe anstarren?«

Er sah Mondra Diamond, die ihm von einem Unterstand aus zuwinkte. Sie trug eine schwarze Regenkombi, das Haar war zu einem Knoten gebunden. Der kniehohe, dunkelhäutige Klonelefant, der neben ihr wasserscheu nur den Rüssel in den Regen reckte, Rhodan entgegen, war Norman. Mondras Haustier und Freund.

Auf einer Bank hinter Mondra hockte der schmächtige Homer G. Adams. Er trug dieselbe Datenbrille wie vorhin. Adams bewegte ohne Mienenspiel die Lippen, wie autistisch, vermutlich sprach er in ein Mikrofon. In den Händen hielt er Federhalter und einen Block Papier. Adams war Jahrgang 1918, alter Zeitrechnung, ein Zellaktivatorträger der ersten Stunde – und beherrschte noch die altertümliche Stenografie. Auf den Zettel kritzelte er geheimnisvolle Zeichen.

Hinter ihm lehnte Reginald Bull an der Wand, in den Händen eine Warmhaltekanne. »Kaffee, Perry?«, brüllte Bull durch den Regen. »Hol dir einen Becher ab, wenn du mit Duschen fertig bist. Ich will nicht, dass der Regen das Aroma versaut!«

Rhodan ging durch den Regen. Er nahm Mondra in den Arm, nass, wie er war, und drückte sie kurz.

»Ich habe Norman mitgebracht. Du hast doch nichts dagegen?«

»Ach was. Dann ist der Kleine ab sofort Geheimnisträger.«

Rhodan öffnete eine Tasche seiner Jacke und förderte die Äpfel aus der Residenz zutage. »Überraschung, Kleiner! Als Schweigegeld.« Norman griff mit dem Rüssel zu. Den ersten Apfel verspeiste er sofort, den zweiten bunkerte der kleine Elefant zwischen seinen Vorderbeinen.

Mondras Augen blitzten, sie fühlte sich wunderbar an, und er wünschte sich, mit ihr durch den Regen zu bummeln, bis sie beide durchnässt bis auf die Haut waren.

Stattdessen ließ er Mondra los und begrüßte mit Handschlag Reginald Bull. Seinen Verteidigungsminister und besten Freund.

»Sauwetter«, stellte Bull neutral fest. Er tat, als interessiere ihn der Hintergrund von Operation Tempus nicht im Mindesten. »Wir müssen mal mit den Leuten von der Wetterkontrolle sprechen. Falls sich das nicht NATHAN ausgedacht hat.« Er hob fragend die Kanne hoch, doch Rhodan schüttelte den Kopf.

Von der Bank tönte ein indigniertes Räuspern: »Ich hoffe, du hast gute Gründe, Perry!« Adams zog die Datenbrille ab, schlug auf seinen Block Papier und blickte Rhodan direkt an. »Jede Minute, die ich hier nutzlos sitze, kostet den Staatshaushalt eine Million Galax.«

»Die Gründe habe ich in der Tat, Homer. Von nutzlos kann keine Rede sein.«

Rhodan blickte auf sein Kombiarmband, prüfte die Zeitanzeige – und deutete im selben Moment mit dem Arm schräg nach oben Richtung Himmel.

Ein fernes Grollen tönte, das mit jeder Sekunde näher rückte.

Aus dem Grau der Regenfront senkte sich eine scheibenförmige Kontur, ein Plattform-Werftmodul mit angekoppelter Kugelzelle. »Ein GANYMED-Tender?«, fragte Bull. »Ist das alles? Hast du uns deswegen herbestellt?«

Von der Ladefläche der Scheibe lösten sich vier Container. Zwei waren dicke Brocken, gut ein halber Kilometer Kantenlänge, die beiden anderen schienen für das Auge kleiner. Schleppkreuzer der Flotte nahmen sie in Empfang, mit Traktorstrahlen, und setzten die Container auf einem Sperrgebiet des Raumhafens zu Boden.

Über dem Areal flackerten HÜ-Schirme auf.

Der GANYMED-Tender nahm Fahrt auf, ohne für eine Sekunde den Boden berührt zu haben, wurde wieder kleiner – und verschwand in der Wolkendecke über Terrania.

»Also schön«, schnarrte Adams. »Von wo kam der Tender? Was hat er geladen?«

Rhodan lächelte fein. »Das Schiff kommt soeben aus der Charon-Wolke. Von unserem Experimentalplaneten Jonathon. Und die Ladung besteht aus einem Algorrianischen Kontextwandler plus Bedienungsmannschaft.«

Es wurde mit einem Mal still.

Bull verschluckte sich und spuckte einen halben Mund voll Kaffee aus. »Diese verdammte Zeitmaschine?«, fragte er rau.

*

Der Aufruhr der Natur, der in den frühen Morgenstunden des 8. April tobte, trog komplett: Über der Erde lag ansonsten Stille.

Knapp 260.000 Traitanks, die mächtigen Schlachtschiffe der Gegenseite, belagerten nach wie vor den Kristallschirm des Solsystems. Die Belagerung verlief erfolglos, denn die TERRANOVA-Flotte ließ keine Sekunde in ihrer Wachsamkeit nach. Dass Terra noch existierte, war ein Produkt guter Zusammenarbeit: Der Nukleus der Monochrom-Mutanten, Lebensversicherung der Menschheit, wuchs und gedieh auf den Galapagos-Inseln; seine mentale Kraft speiste den Kristallschirm. 200 Millionen Terraner taten jede Sekunde in den TANKSTELLEN des Systems Dienst – in Bereitschaft, für den jederzeit denkbaren Fall eines Großangriffs. Als Helfer für den Nukleus.

Technologie plus Mutantenkräfte plus menschliche Mitarbeit: So lautete die Formel für das Überleben.

Doch Defensive allein, wusste Rhodan, schob das Ende nur auf.

Die RICHARD BURTON war längst auf dem Weg Richtung Negasphäre, zur Galaxis Hangay, unter dem Kommando des Arkoniden Atlan. Damit bestand zum ersten Mal Hoffnung, der Gegenseite einen echten Schlag zu versetzen.

Fehlte noch der entscheidende Vorstoß. Die Grundlage dafür wollte Rhodan persönlich legen – mit dem bevorstehenden Himmelfahrtskommando, das den Kodenamen Operation Tempus trug.

»Habt ihr eure Regenschirme dabei?«, fragte er seine Freunde.

Er deutete auf eine Schwebeplattform, die sich aus dem Sperrgebiet näherte. Das Gefährt hatte kein Dach. Stattdessen standen im strömenden Regen vier Terraner in SERUN-Kampfanzügen, gesichtslos, mit geschlossenen Helmen.

Die Terraner luden sie auf. Perry Rhodan, Reginald Bull, Homer G. Adams und Mondra Diamond wurden in Richtung Sperrgebiet transportiert.

Rhodan und Mondra schlossen ihre Regenkombis. Reginald Bull brachte lachend einen Mikroprojektor zum Vorschein, der über seinem Kopf ein Prallfeld entstehen ließ. An den unsichtbaren Rändern perlten Tropfen hinab. Norman drängte sich an Bulls Beine, den einzig trockenen Platz im Gleiter.

Allein Adams stand im Regen. »Ich wundere mich in höchstem Maß über dein Vorgehen, Perry. Was sollen diese … Witze?«

Rhodan wurde übergangslos ernst: »Kein Mensch im Solsystem kann mit Bestimmtheit sagen, welche Geheimnisse bei uns sicher sind und welche nicht. Die Terminale Kolonne spioniert uns mit Koda Ariel aus, mit diesen Gestaltwandlern. Und wer weiß, mit welchen Mitteln noch. Operation Tempus wird deswegen mit ungewöhnlichen Mitteln verschleiert.«

»Dieser Regentransfer«, fragte Adams mit ätzendem Spott, »ist ein solches Mittel?«

»Ja«, antwortete Rhodan ernsthaft. »Niemand außer euch weiß, was in den Containern steckt. Niemand konnte also erwarten, dass die Führungsspitze der Erde auf diese Weise Terrania Space Port überquert.«

»Eine Menge Vorsicht.«

»Weil buchstäblich alles auf dem Spiel steht, Homer.« Rhodan entblößte die Zähne: ein Versuch zu lächeln, der gründlich fehlschlug. »Wenn Operation Tempus nicht zum Erfolg führt, gibt es in fünf Jahren diesen Raumhafen nicht mehr. Dann gibt es in fünf Jahren keine Erde und keine Menschheit. Der Schutzschirm ums Sonnensystem kann uns nicht ewig retten.«

Adams sah ihn unbehaglich an. »Du meinst das ernst.«

»Bitterernst.« Rhodan wischte sich Regen aus dem Gesicht.

»Und du willst noch immer nicht sagen, was dahintersteckt?«

»Nein.«

Der Gleiter verhielt für Sekunden vor dem HÜ-Schirm, der das Sperrgebiet isolierte, bis sich eine Strukturlücke öffnete und sie ins Innere passieren ließ.

Unter der Schirmfeldglocke fiel kein Regen. Bull schaltete seinen Projektor ab.

Die Container lagerten mitten in dem Sperrgebiet. Entlang der Ränder verhielten Kampfgleiter, Kampfroboter, Schwebelafetten mit Transformkanonen, als habe man den Angriff einer Armee abzuwehren. Kein Mensch, kein Roboter näherte sich weiter als bis auf einen halben Kilometer den Behältern. Das Aufgebot wirkte, als belagerten die Einheiten sich gegenseitig.

Rhodan bat die Terraner in den SERUNS, von ihrem Gleiter abzusteigen. Er übernahm das Steuer und manövrierte ihr Gefährt zu den Containern.

Nichts regte sich im Inneren der grauen Blöcke.

Reginald Bull räusperte sich. »Noch mal die Sache mit der Zeitmaschine, Perry …«

»Ja, Dicker?«

»Also: Wir haben gehört, dass der Algorriansche Kontextwandler in der Charon-Wolke gebaut und getestet wurde. Es hieß, man habe dabei temporale Phänomene beobachtet, und es hieß dann weiter, die Leute auf Jonathon bauen eine Zeitmaschine.«

»Das habe ich ebenfalls gehört.« Rhodan starrte auf den Container.

Bull ließ sich nicht entmutigen. »Wir wissen, dass Atlan das Kommando über die RICHARD BURTON übernommen hat. Das wäre dein Job gewesen, Perry! Aber du bist nicht an Bord, und du hast dich geweigert, irgendwem zu erklären, wieso. Wir wissen, dass du kurz vorher auf Galapagos warst und dass du mit dem Nukleus der Monochrom-Mutanten geredet hast.«

Bull schnaubte wütend. »Seit dem Tag bist du verschlossen wie eine sprichwörtliche Auster. Ich bin dein Freund, ich bin nicht blöd. Der Nukleus hat dir irgendwas gesagt, was mit diesen Containern zusammenhängt … Und mit dem Algorrianschen Kontextwandler. Ich frage jetzt einfach mal geradeheraus: Ist in den Containern eine Zeitmaschine drin oder nicht?«

Rhodan biss sich auf die Lippen.

»Wenn du uns gar nichts hättest sagen wollen«, sagte Bull sauer, »hättest du uns nicht erst hierher gerufen.«

»Das ist richtig. Ich will, dass ihr in gewissem Umfang Bescheid wisst. Welcher Umfang das ist, darüber denke ich noch nach.«

»Bei allem Vertrauen in dich: Wenn ich nicht jetzt gleich explodieren soll wie eine Nova, dann …«

Bull stampfte mit dem Fuß auf. Er packte seine Warmhaltekanne und schleuderte sie über den Beton. Die Kanne schepperte, rutschte ein paar Meter und blieb liegen, mit aufgesprungenem Verschluss. Rhodan sah dampfenden Kaffee auf den Boden rinnen.

»Also gut. Der Algorriansche Kontextwandler ist eine Art Zeitmaschine. Hiermit bestätigt. Der Kontextwandler verändert für das Raumschiff, das als Trägereinheit vorgesehen ist, den umgebenden Kontext. Was in der Tat gleichbedeutend ist mit einer Zeitreise. Alles ein bisschen umständlich ausgedrückt, ich bin der Erste, der das zugibt, Dicker. – Aber das sind die Erklärungen, die ich selbst erhalten habe …«

»Und von wem?«

»Vom Nukleus.«

»Du willst auf Zeitreise gehen?«

Rhodan öffnete den Mund, wollte antworten … als ein metallisches Klacken aus Bodenhöhe tönte, aus dem Container. Eine Rampe senkte sich aus dem Rahmen herab, und dahinter stand der Zugang zu einer Schleuse offen.

Aus dem Dunkel der Schleuse glitt schwerelos ein Gebilde ins Licht, das auf den ersten Blick an einen gläsernen Sarg erinnerte. In dem halb transparenten Material eingeschlossen schwamm eine Substanz, wie ein Klumpen Matsch. Rhodan wusste, dass es sich um die Reste eines Menschen handelte: Malcolm Scott Daellian, bis vor kurzer Zeit Chefwissenschaftler der Menschheit. Dann aber hatte der Nukleus Daellian nach Jonathon geschickt – um den Algorrianschen Kontextwandler zu konstruieren. Erhalten war das Gehirn des Wissenschaftlers; alle Versuche jedoch, einen Körper nachzubilden, waren am instinktiven Widerstand des Patienten gescheitert, der sich unbewusst für tot hielt.

Rhodan stieg von der Plattform und trat dem schwebenden Sarg entgegen.

»Rhodan«, tönte eine künstliche Stimme. Mit kalter, maschinenhafter Modulation. »Dieser Zwischenstopp ist nicht vorgesehen. Welche Gründe gibt es dafür?«

»Die Pläne wurden geändert, Daellian. Der Transport wurde aus Gründen der Geheimhaltung zunächst nach Terra umgeleitet.«

»Ist das Trägerschiff des Kontextwandlers bereit?«

»In Kürze abflugfertig. Allerdings an einem völlig anderen Ort des Solsystems. Zunächst werden die Container entladen und umdeklariert, danach erfolgt der Weitertransport an den Bestimmungsort. Laut Zeitplan um 8 Uhr 25 Ortszeit. Das Rendezvous von Trägerschiff und K-Wandler ist für den Abend geplant.«

Daellian machte kehrt, ohne Rhodan weitere Aufmerksamkeit zu widmen, und glitt in den Container zurück.

Für eine Sekunde erschien im Dunkel hinter ihm eine Gestalt, ein Vierbeiner, ähnlich wie ein Zentaur. Es war ein Algorrian. Einer jener legendären Techniker aus tiefer Vergangenheit, die aufseiten der Menschheit standen. In gewisser Weise.

Rhodan fühlte sich von dem Algorrian finster gemustert. Dann fuhr die Rampe wieder hoch, und die Schleuse schloss sich.

Auf dem Landefeld kehrte Ruhe ein.

Wiederum fasste Bull Rhodan ins Auge. »Also noch mal die Frage von eben, Perry. Wir wurden unterbrochen. – Du willst auf Zeitreise gehen?«

Rhodan sagte: »Ja.«

»Und du willst Daellian mitnehmen. Die Algorrian ebenfalls?«

»Ja.«

»Deshalb bist du nicht an Bord der RICHARD BURTON.«

»Richtig.«

»Deshalb hast du Atlan nach Hangay vorgeschickt, statt selbst zu fliegen. Weil Operation Tempus dir noch wichtiger ist als die Mission der BURTON.«

Rhodan gab darauf keine Antwort.

Stattdessen deutete er zum Himmel hinauf, wo eben in dem HÜ-Schirmfeld eine Strukturlücke entstand. Eine Wolke von Gleitern und Flottenschleppern regnete ins Innere.

Die Schlepper umringten die Container. Traktorstrahlen zerrten mit gewaltiger Kraft, die äußeren Wände glitten von den Container-Körpern, und darunter kamen Innenwände von silbriger Farbe zum Vorschein. Roboter schwebten heran und brannten mit Thermoprintern neue, gefälschte Frachtsiegel an die Schotten.

Die Gleiter – es waren vier – landeten bei Rhodan und seinen Begleitern. Keiner trug eine Bezeichnung. Sie waren optisch neutral gestaltet, keiner der vier vom anderen zu unterscheiden.

»Weiter geht’s!«, verkündete Rhodan. »Jeder nimmt seine eigene Maschine, die Piloten haben entsprechend Order. Wir haben noch eine kleine Reise vor uns.«

*

Rhodan bekam seinen Piloten nicht zu Gesicht.

Der Gleiter zog vom Raumhafen nordöstlich Richtung Stadtgebiet, über den Zoo Terrania hinweg zum Goshun-See. Von dort bog der Kurs südöstlich ab, zum Atlan Village. Perry Rhodan wechselte den Gleiter, an einer vom Geheimdienst präparierten Örtlichkeit, stieg in eine kleine, mit Vurguzz-Kisten beladene Frachtmaschine um und setzte die Reise nach Norden fort.

Am Handelshafen Point Surfat traf er wieder mit Bull und Adams zusammen – an Bord eines Shuttles, das die Strecke Erde-Mond im stündlichen Pendelverkehr flog. Mondra Diamond und Norman stießen als Letzte hinzu.

Das Shuttle hob vom Handelshafen ab.

Rhodan richtete durch ein Seitenfenster den Blick nach unten; wo früher dicht an dicht Handelsfrachter aus allen Systemen der Galaxis gestanden hatten, zwecks Be- und Entladung von Gütern, herrschte heute kilometerweit gähnende Leere. Die Blockade der Kolonne verhinderte jeglichen Warenverkehr mit der Galaxis.

Der Flug zum Mond kostete sie eine halbe Stunde.

Adams wisperte wieder in sein Mikrofon, die Datenbrille vor den Augen.

Bull bedachte Rhodan mit einem finsteren Blick.

»Ich frage mich, was dieser Kontextwandler bewirken soll, Mondra«, überlegte er. Und blieb mit den Augen weiterhin bei Rhodan. »Wollen wir die Invasion TRAITORS ungeschehen machen? Das wäre doch mal ein Schachzug! Wir steigen in dieses Trägerschiff – was immer unser Perry da vorbereitet hat – und bewirken eine Zeitkorrektur. Perfekt! So simpel ist das!«

Mondra Diamond schüttelte den Kopf. »Wir kennen nicht einen verbürgten Fall, dass eine Zeitreise wirklich in großem Stil Zeitabläufe geändert hätte.«

Adams riss die Brille hoch. »Eine große Sache wie die Invasion der Milchstraße kannst du nicht ungeschehen machen. Sei kein Narr, Bully. Gebt es einfach auf, Perry wird schon reden, wenn er so weit ist. Er plant etwas völlig anderes.«

»Und was?«

Adams schob demonstrativ die Brille vor die Augen zurück.

Mondra öffnete den Knoten in ihrem Haar, warf die Frisur nach vorn, nach hinten – und sah aus wie frisch frisiert. Sie nippte aus einem Glas Orangensaft.

»Ich stelle mir vor«, sagte sie, »dass der Kontextwandler uns in etwa hundert Jahre in die Vergangenheit bringt. In eine Zeit, als der Einflug nach Hangay ungehindert möglich war! Ich denke, dass Perry mit dem Kontextwandler Atlan helfen will. Atlan kommt von außen – wir schleichen uns quasi durch die Hintertür hinein. Mit einer Zeitreise. Wir bauen in der Vergangenheit eine Reihe von Stützpunkten auf, die für die Expedition der BURTON wichtig sind. Wenn wir das erledigt haben, kehren wir in die Gegenwart zurück … und nehmen mit Atlan den Kampf auf!«

Rhodan kannte seine Freunde. Die Spekulationen dienten dazu, ihn zu einer Antwort zu verleiten.

»Nichts dergleichen«, sagte er schließlich mit einem fast nicht sichtbaren Lächeln. »Es ist keinerlei Zeitkorrektur geplant. Auch kein Flug nach Hangay.«

»Aber wo liegt dann der Sinn?«, brach es aus Bull heraus. »Die Konstruktion auf Jonathon hat Milliarden Galax gekostet! – Jawohl, Perry, ich habe mir erlaubt, über NATHAN die Unterlagen zu checken! Wir haben über Monate unseren besten Wissenschaftler abgestellt, und wir haben diverse Raumschiffe wegen dieses … dieses Kontextwandlers hin und her geschickt. – Welchen Sinn hat eine hoch aufwendige Zeitreise in unserer verzweifelten Lage, wenn man nichts verändern will?«

Schnaufend vor Ärger beendete Bull seine Rede.

Rhodan gab keine Antwort. Noch nicht.

Mondra Diamond kraulte Norman hinter den Ohren. Der kleine Elefant schnorchelte wie paralysiert.

Das Shuttle drehte im Raum seine Position, und in den Fenstern kam die halb beschienene Sichel des Mondes in Sicht.

*

Die Aaron-Quippo-Werft, ein Distrikt aus Montagestätten mitten in der Kraterwüste, schimmerte unter einem Energiedach. Die Anlage lag 700 Kilometer von Luna City entfernt, der Hauptstadt des Mondes, und war für die Sondermontage von Kugelraumschiffen bis tausend Meter ausgelegt. Wer genau hinsah – und das tat Rhodan –, bemerkte Anzeichen für eine Großaktion des TLD. Der Geheimdienst kontrollierte sogar den kleinsten Hügel in weitem Umkreis. Die Werft war der am gründlichsten abgeriegelte Ort auf Luna.

Bull kniff die Augen zusammen. »Ich erinnere mich düster … In der Aaron-Quippo-Werft werden Schulschiffe montiert. Das JULES-VERNE-Projekt, stimmt’s?«

»Glückwunsch, Dicker! Allerdings ist das eher die offizielle Version. Die Wahrheit sieht ein bisschen anders aus: Genauer gesagt, die Belegschaft in dem Betrieb wusste selbst nicht, was sie da in den letzten Monaten gebaut hat.«

»Das Trägerschiff«, erriet Bull.

Rhodan zuckte die Achseln. »Wart’s ab.«

Ein Areal nahe bei der Werft war von einem kombinierten Prallfeld- und Deflektorschirm abgeriegelt. Die Ortersysteme des Shuttles zeigten an, dass die Sonderfläche existierte, erlaubten jedoch keinen Blick auf das Innere. Das Shuttle verhielt vor einer Feldschleuse. Kampf-Shifts der Flotte verhielten links, rechts, über und hinter ihnen in Gefechtsbereitschaft. Von jenseits der Schleuse schwebte ein Passagierbus heran: Sie wechselten durch eine Schleuse in die Buskabine, Sonden prüften ihre Identitäten, selbst Norman wurde abgetastet und durchleuchtet.

Rhodan spürte, dass der Bus sich in Bewegung setzte. Doch die Fenster waren abgedunkelt.

Nach zwei Minuten Flug setzte das Gefährt mit einem fühlbaren Ruck auf. Rhodan öffnete die Schleuse.

»Aussteigen alle Mann!« – Bull atmete auf.

Von draußen drang metallisch riechende Luft herein, Geräusche wie von gewaltigen Industrieanlagen, aus weiter Entfernung tönten die Stimmen von Menschen.

Unter dem Dach aus Energie herrschte künstliche Erdschwerkraft. Das Licht war nicht gleißend hell, sondern entsprach irdischem Tageslicht. An Hunderten Stellen lagerten Paletten und Behälter voller Material. Tausende Gestalten wimmelten durch den nicht überschaubaren, dennoch straff organisierten Ablauf.

Im Mittelpunkt des Areals flimmerte eine weitere Glocke aus Energie, ein dunkelgrün leuchtender HÜ-Schirm in Form eines Schildkrötenpanzers. Rhodan sah den Strom von Gleitern, Montageeinheiten und Material, der ins Innere der Glocke gelangte. Heraus gelangte dagegen nichts. Das typische Szenario, das sich bot, wenn ein Raumschiff frisch aus der Werft für den Einsatz bestückt wurde.

»Sehen wir uns das Gelände mal an!«

Ein Adjutant hielt einen Schweber bereit.

Rhodan winkte freundlich, bestieg den Pilotensitz und ließ Bull, Adams, Mondra und Norman zusteigen.

Auf gewaltigen Montageschlitten lagerten jene Container, die sie auf Terrania Space Port das letzte Mal gesehen hatten. Montagegleiter lösten die Verschlüsse zwischen Wänden und Boden, und Transportschlepper hoben in einem Stück die silbrigen Decken und Wände ab. Darunter kam die Fracht zum Vorschein.

Nummer eins war ein Chassis von zwanzig Metern Durchmesser, ein technischer Funktionsblock, in einem Stück gefertigt: der Leitstand des Kontextwandlers. Rhodan kannte die Abbildungen aus dem Datenblatt.

Der zweite Container entpuppte sich als Standard-Container der LFT – zur Beförderung von Personengruppen in Raumschiffen ohne ausreichende Kabinenzahl. An Bord befand sich die Bedienungsmannschaft des K-Wandlers, die vom Planeten Jonathon kam. Im Wesentlichen war das Malcolm S. Daellians Team.

Ein Dutzend Gestalten traten ins Freie. Rhodan kniff die Augen zusammen; tatsächlich, mit den Terranern kamen zwei Algorrian, Le Anyante und Curcaryen Varantir, die »Alten«.

Nur Daellian selbst ließ sich nicht sehen.

Als eigentliche Sensation entpuppten sich ohnehin die zwei Container weiter hinten, die dicken Brocken: Rhodan erkannte deren Bilder wieder. Beide Zylinder-Blöcke schienen wie aus einem Stück gefertigt, sie erreichten gewaltige 300 Meter Höhe, und ihre Seitenwände waren an den ebenen Abschnitten auf Interkosmo beschriftet: Meiler-1 und Meiler-2. Sie erinnerten ihn an die archaischen Türme einer Ölraffinerie. Ein Wust aus Röhren, Leitungen und Kabelbäumen überzog sie; Projektorkugeln aus rubinrotem Material, vermutlich Ynkelonium, zogen sich um die Meilerkerne.

Auf halbem Weg gesellte sich ein fliegendes Objekt zu ihnen: Daellians Sarg.

»Auf ein Wort, Daellian!«, brüllte Bull aus dem fliegenden Gleiter. »Was für Meiler sind das? Eckdaten bitte!«

Bull war ausgebildeter Ingenieur – lange vor seiner Tätigkeit als Verteidigungsminister –, sein Interesse also nachvollziehbar.

Daellian rückte im Vorbeiflug neben sie. »Ist Minister Bull zur Kenntnisnahme autorisiert?«, fragte er.

Rhodan nickte.

»Herzstücke der Meiler, Minister Bull«, rief Daellian gegen den Flugwind, »sind die zwei Ultra-Injektoren, in die wir je knapp 56 Kilogramm Salkrit verbaut haben! Zusammen mit den Hypersexta-Halbspur-Beschleunigern liefern sie den temporalen Schub. Die Nullfeldprojektoren erstellen das absolute Nullfeld. Zu einem großen Teil ist das Algorrian-Technik, für Menschen nicht nachvollziehbar. Ich weiß grob theoretisch, was da bewirkt wird. Aber ich bin offen gestanden außerstande, alles zu verstehen. – Dafür alles andere: In die Boden- und Dachplatte integriert sind je sechs Daellian-Meiler, von den Algorrian verbessert. Die Apparate werfen jetzt 3,38 mal 10 hoch 15 Watt Leistung aus – pro Aggregat. Und wir betreiben 24 Stück davon! Wir haben insgesamt 32 Zyklotraf-Speicher im K-Wandler, nutzbare Nettospeicherkapazität 2,448 mal zehn hoch 22 Joule. Mit der vollen Ladung beschicken wir die Quintadim-Umformer der Eingangsstufe, die mit den Nullfeldprojektoren verbunden sind.«

»Und damit«, schrie Bull, »kann man durch die Zeit reisen?«

»Wir sprechen von einem Kontextsprung, Minister Bull«, korrigierte Daellian. »Ja, damit wird ein Kontextsprung eingeleitet. Aber da, was … Ich bitte um Entschuldigung.«

Daellian drehte mit einem Mal ab, und der halb transparente Sarg schoss auf eine Formation Arbeitsroboter zu, die sich von hinten dem Meiler-1 näherten – offenbar unautorisiert und unbemerkt von allen anderen, außer von Malcolm Scott Daellian.

Rhodan lachte. »Lassen wir Daellian seine Arbeit tun. Er wird noch Gelegenheit genug haben, uns den K-Wandler zu erklären. Jedenfalls den Teil, den er selbst versteht.«

Rhodan steuerte auf direktem Weg zu der dunkelgrünen HÜ-Glocke, die sich im Zentrum des Areals erhob.

TLD-Agenten in SERUNS patrouillierten paarweise im Umfeld des Schirmfeldes. Dutzende Staffeln schwerster TARA-Kampfroboter hielten Wache, so als seien der Sicherheitsvorkehrungen nicht genug.

Rhodan mied die Strukturlücken, die für den Warenverkehr geschaltet waren – er hielt stattdessen auf eine Personenschleuse am Fuß der Glocke zu.

Norman reckte den Rüssel ins Freie und sog Luft ein, als wittere er die Aufgeregtheit seiner Begleiter. Selbst Adams schob die Datenbrille hoch und blickte nach vorn.

Mondra legte für eine Sekunde eine Hand auf Rhodans Schulter und lachte ihn an. »Es wird Zeit, Perry, ich halte die Spannung bald nicht mehr aus!«

Die Berührung elektrisierte ihn mehr, als er zeigen wollte. Rhodan zog rasch die Schulter weg.

*

In relativer Nähe zueinander lagerten drei Objekte. Zwei waren Kugelraumer herkömmlichen Zuschnitts, Schlachtschiffe der APOLLO-Klasse mit einem Durchmesser von 800 Metern. In jedem der Schiffe hätte eine mittlere Großstadt Platz gefunden, rechnete man die Grundfläche sämtlicher Decks. Ihre Hüllen schimmerten im Rötlich-Blau besten terranischen Ynkonits.

Ein drittes Objekt schwebte auf Antigravfeldern, wie eine Art Verbindungsstück zwischen den Kugeltitanen, mittig platziert, mit zylindrischem Querschnitt.

Für einen Moment starrte Rhodan mit Tunnelblick, das Gesichtsfeld schrumpfte auf die drei phantastischen, von Meisterhand geschaffenen Objekte. Zusammengesetzt ergab sich – ein Hantelraumschiff von 2400 Metern Länge. Massive Dockingelemente ragten aus den Seiten aller drei Komponenten; die Elemente ermöglichten ein Verkoppeln der Schiffsteile.

»Allmächtiger …«, zischte Bull durch die Zähne. »Was ist das denn?«

»Das Trägerschiff des Wandlers«, sagte Mondra.

»Eine Kopie der SOL«, konstatierte Adams beeindruckt. »Lediglich verkleinert. Was hat der Bau gekostet, Perry? Wieso erscheint kein Galax davon im Staatshaushalt?«

Rhodan steuerte in einer Parabel auf die Baustelle zu.

»Dies«, erklärte er, »ist die JULES VERNE. Unser Expeditionsschiff in die Vergangenheit. Die VERNE-1, die VERNE-2 und das VERNE-Mittelstück. – Man kann es im Moment nicht sehen, weil wir seitlich darauf schauen, aber der Mittelzylinder ist noch unbestückt. Je ein Montageschacht nimmt Meiler-1 und Meiler-2 auf. Der Leitstand wird durch einen Schacht im Zentrum eingelassen. Soll heißen, dass der Kontextwandler erst noch installiert wird.«

Er lachte leise, doch der Flugwind trug die Laute mit sich.

»Wie ihr seht, haben wir für die Konstruktion zwei APOLLO-Schlachtschiffe verwendet. Keine Ultraschlachtschiffe der JUPITER-Klasse, keine LFT-BOXEN. Das hat seinen Grund. Der Kontextwandler befördert bis zu 200 Millionen Tonnen Masse, nicht mehr. Sämtliche Großraumschiffe scheiden damit aus. Die Wahl fiel auf zwei APOLLO-Einheiten plus Mittelstück.«

Er hielt inne, als wolle er den Anblick wirken lassen.

»In der Zeit, in die wir reisen, hat die Hyperimpedanz noch den alten Wert. Es wurden also sämtliche Maschinen von damals installiert: Syntrons, Metagravs, Hypertrop, Gravitraf und so weiter. Selbst die alten, vergleichsweise kleinen Transformkanonen, wie sie vor dem Hyperimpedanz-Schock von 1331 NGZ gebräuchlich waren … Paratron-Projektoren der alten Art, früher mal state-of-the-art … und vieles andere mehr! Alles vorhanden, was vor dem Hyperimpedanzschock gut und leistungsfähig war. Für alle Fälle führt die JULES VERNE darüber hinaus aktuelle Technologie mit! Allerdings in Grenzen: Ihr könnt euch denken, dass die Doppel-Ausstattung Unmengen Platz verschlingt.«

»Allmächtiger!«, murmelte Bull noch einmal, mit Blick auf das zerlegte Hantelschiff. »Du kannst sagen, was du willst, Perry: Das ist fast so wie die gute alte SOL.«

Mondra sagte: »Ich habe eine Frage, Perry.«

Er schaute sie an.

»In welchen Kontext reist die JULES VERNE? Was ist unsere Zielzeit?«

*

Von hoch oben, aus der Ringwulstzone der VERNE-1, sank in dem Moment eine Arbeitsplattform herab, besetzt mit nur einem Terraner.

»Lanz Ahakin!«, stellte der Mann sich bester Laune vor. »Im Namen der Mannschaft erlaube ich mir, die Regierung zu begrüßen!«

Rhodan winkte, denn das Auftauchen enthob ihn der Antwort auf Mondras Frage – vorerst.

Ahakin hatte strahlend hellgrüne Augen. Sein tiefschwarzes Haar ging an den Schläfen in einen weithin sichtbaren Backenbart über. Rhodan bemerkte, dass er ein paar Kilo zu viel am Körper hatte; doch die Ausstrahlung des Mannes wirkte sprichwörtlich positiv, und das war der Punkt, der zählte. Ahakin trug keine Uniform, sondern einen verschmierten Arbeitsanzug im dunklen Blau der Flotte. Anstelle der Raute am Oberarm, die den Rang zeigte, klebte das Symbol einer Hantel, verbunden mit einem stilisierten JV. Über die Stirn des Mannes zog sich ein breiter Streifen Dreck.

Ahakin reichte zuerst Mondra Diamond die Hand, mit dem Ansatz einer Verbeugung, dann Adams, dann Bull – in dessen Gesicht bei Ahakins Anblick sichtbar Misstrauen trat.

»Oberst Lanz Ahakin, um genau zu sein!«, ergänzte Rhodan. »Kommandant der JULES VERNE. Oberst Ahakin war eigentlich vorgesehen für die Versetzung ins Flottenoberkommando, hat sich dann jedoch bereit erklärt, die Leitung in der VERNE zu übernehmen. Eine Bitte um Entschuldigung an Reginald Bull als Dienstherr der Flotte: Oberst Ahakin hat sich in Absprache mit mir persönlich vor einigen Wochen krankgemeldet. Was natürlich eine Lüge war. Wir dürfen dem Mann dankbar sein, er hat sich für die Mission entschieden – und damit leider gegen die Beförderung.«

Rhodan schüttelte als Letzter Oberst Ahakin die nicht ganz saubere Hand. »Aber noch ist nicht aller Tage Abend, Oberst. Ich bin sicher, Minister Bull wird nach Abschluss der Mission mit sich reden lassen.«

Auf Bulls Stirn erschien eine tiefe Falte. »Aha«, sagte er nur.

»Oberst Ahakin befindet sich seit fünf Tagen an Bord der VERNE. Mit einer Besatzung aus Freiwilligen, wohlgemerkt. Die Leute kommen allesamt aus abgeschirmtem Simulatorbetrieb. Jetzt machen sie sich im Schnellverfahren mit dem Schiff vertraut. Soweit das in fünf Tagen mit einer fremden Einheit möglich ist.«

Bull begann langsam, aber unaufhaltsam rot anzulaufen. »Heißt das … die JULES VERNE ist noch keine Lichtsekunde geflogen?«

»Treffer – versenkt, Minister Bull!«, bekannte Ahakin. »Aber in der Zielzeit der Expedition herrscht nach allem, was wir wissen, die alte Hyperimpedanz. Die wirklich bedeutungsvollen Tests werden so oder so nur im Simulator gefahren. Ob alles funktioniert oder nicht, sehen wir an Ort und Stelle.«

»Eine andere Möglichkeit ist uns nicht geblieben«, schritt Rhodan ein. »Angesichts der Geheimhaltungsstufe von Operation Tempus.«

»Ich möchte langsam mal wissen«, formulierte Bull mit einem scharfen, gefährlichen Unterton, »wie diese ›Geheimhaltungsstufe‹ eigentlich zustande kommt. Und wieso der Verteidigungsminister der LFT in offenbar zentralen Fragen derart übergangen und verarscht wird. Damit wir das einfach mal aussprechen, wie es ist, Perry!«

Rhodan gab den Blick ernst zurück.

»Verzeih mir bitte, Bully. Ich hätte viel darum gegeben, hätte ich mein Wissen teilen können. Aber wir wissen nicht sicher, welche Art Spionage im Solsystem getrieben wird und welche Informationen wie nach draußen gelangen. An der Spitze der Terminalen Kolonne steht eine Superintelligenz. KOLTOROC könnte selbst aus Splittern von Informationen noch ein treffendes Bild ableiten.«

Rhodan atmete durch. »Alles das darf nicht passieren. Die Gegenseite darf nicht erfahren, dass wir eine Zeitreise planen. Noch sind wir nur ein lästiges Licht für die Kolonne. Wenn sie herausbekommen, was wir wirklich treiben – dann, garantiere ich, steht binnen einer Woche KOLTOROC persönlich am Kristallschirm. Deshalb wissen momentan nur zwei Menschen über Tempus Bescheid. Daellian und ich.«

»Plus die Besatzung der JULES VERNE«, meinte Bull bissig. »Nur ein paar tausend Männer und Frauen. Hauptsache, der Minister für Verteidigung übt sich im Rätselraten.«

Rhodan ließ Bulls Blick abprallen.

»Irrtum, Dicker! Die Besatzung erfährt das Ziel der Reise in dem Moment, wenn es losgeht! Keine Sekunde eher! Der Marschbefehl wird von mir persönlich ausgegeben, sobald das Schiff hermetisch abgeriegelt ist. Wir werden sicherstellen, dass nicht einmal ein Staubkorn danach die VERNE verlässt. Weil ein Staubkorn nämlich einen Mikro-Datenspeicher enthalten könnte. Das ist die Art, wie bei Operation Tempus gedacht wird!«

Bull öffnete den Mund, sagte aber nichts mehr. Er rammte die Hände in die Hosentaschen. »Ach hol’s doch der Teufel«, knurrte er.

Im selben Moment tönte ein knisternder, voluminöser Laut von hinten: Rhodan, Bull, Adams und Mondra Diamond fuhren herum, sogar Norman.

In dem tiefen Grün der HÜ-Schirmfeldglocke riss eine Lücke auf. Ein kreisförmiger Ausschnitt von zweihundert Metern Durchmesser wurde freigegeben. Durch das Loch driftete eine Wolke von Montageplattformen, mit Technikern bemannt, von Arbeitsrobotern schwerelos begleitet.

Auf einer Lafette beförderten sie den Leitstand des K-Wandlers ins Innere des Feldes.

Der Konvoi hielt auf die JULES VERNE zu – und machte halt vor dem Mittelstück, wo die Lafette zu Boden sank.

Rhodan kniff die Augen zusammen. Trotz der Entfernung erkannte er Malcolm S. Daellian, der in seinem Sarg zwischen den Montageplattformen schwebte, und die Algorrian, die aus erhöhter Position den Vorgang überwachten.

Kurz darauf erneut das Knistern, das den gesamten Platz erfüllte:

Die Strukturlücke wuchs auf das Doppelte, und der folgende Konvoi manövrierte Meiler-1 zur Baustelle. Kurz darauf folgte Meiler-2. Der Einsatz schwerer Traktorstrahlen erzeugte zischende Geräusche, die von ionisierter Luft stammten. Jede Bewegung erfolgte zeitlupenhaft, so als werde mit fragilem Porzellan hantiert statt mit Maschinenblöcken.

Lanz Ahakin übertönte den Lärm: »Ziel ist, in zwei Tagen den K-Wandler technisch zu integrieren. Bei der Hochzeit, der ersten Gesamtkopplung der VERNE! Klappt das, sind wir startbereit. Und nun bitte ich, mich zu entschuldigen – meine Mitarbeit ist nicht zwingend erforderlich, aber man weiß eben gern Bescheid.«

Ahakin deutete erneut eine Verbeugung in Richtung Mondra an, bestieg die eigene Schwebeplattform und sauste mit einem optimistischen Winken davon. Er flog in Richtung Meiler-1, dessen Block eben nahe dem VERNE-Mittelstück zu Boden gelassen wurde.

»Guter Mann«, meinte Bull widerwillig. »Sieht so aus, Perry, als hättest du dir den besten verfügbaren Kommandanten geangelt.«

Mondra Diamond lachte laut. »Aber er beantwortet nicht meine Frage. Wohin die Reise geht, in welche Zeit und zu welchem Zweck.«

»Das werde ich auch nicht, Mondra«, sprach Rhodan mit großem Ernst. »Erst wenn der Flug der JULES VERNE begonnen hat. Nur eins: Wir werden keinesfalls alle vier, die wir hier stehen, die Reise mitmachen. Sondern zwei von uns müssen zu Hause bleiben und die Stellung halten.«

Reginald Bull verzog in diesem Moment das Gesicht, als habe er in die berühmte Zitrone gebissen. »Wenn du mich meinen solltest, lieber Freund …«

»Natürlich.«

»… dann soll das heißen, ich erfahre nichts über das Ziel von Operation Tempus? Nichts über die Zielzeit?«

»Auch nicht den wahren Grund, der zu der Reise führt. Richtig, Bully, leider. Damit du dich nicht unbewusst durch deine Strategie verraten kannst.« Rhodan legte Bull eine Hand auf die Schulter. »Keine Angst, ich zweifle nicht an dir. Aber ich fürchte KOLTOROC sehr. Dein Job besteht darin, uns die Daumen zu drücken. Und uns den Rücken freizuhalten. Wenn wir von unserem Kontextsprung zurückkehren, will ich die Menschheit unversehrt vorfinden. Dann will ich, dass das Solsystem immer noch so heil ist wie heute.«

Bull nickte.

Rhodan fasste als Nächsten Adams ins Auge. »Dasselbe gilt für dich, Homer. Es ist wichtig, dass du die JULES VERNE hier gesehen hast und dass du als Aktivatorträger weißt, weshalb ich die Erde verlasse. Aber auch du kommst nicht mit.«

Adams sagte: »Denkst du, ich wäre in dieses Schiff gestiegen? Dieser Ahakin und seine Leute haben gerade fünf Tage geübt, in einem Prototyp! Außerdem, zu Hause müssen die Finanzen geordnet sein. Wenn uns die Wirtschaft zusammenbricht, Perry, ist der Kampf ebenfalls zu Ende.«

Mondra Diamond in ihrer schwarzen Regenkombi rückte in den Vordergrund. »Und ich? Was ist mit mir?«

»Du, Mondra …« Rhodan räusperte sich, weil er fürchtete, dass seine Stimme belegt klang. »… du bist mit von der Partie. Ich lege größten Wert auf deine Mitarbeit.«

Rhodan fühlte sich im selben Augenblick von Bull und Adams unangenehm durchschaut. Er legte Wert nicht nur auf Mondras Mitarbeit. Sondern er wollte, dass sie bei ihm war.

2.

Ihr Terrassengarten hatte sich üppig entwickelt, seit sie das letzte Mal in der Wohnung am Goshun-See übernachtet hatte. Mondra Diamond war sich jedoch der Tatsache bewusst, dass nicht sie die Pflanzen versorgte, sondern der automatische Appartement-Servo. Vom Himmel klatschte ein gewaltiger Möwenschiss auf das gläserne Geländer zum Seeufer, doch Mondra brauchte sich nicht einmal darum persönlich zu kümmern.

Bad und Wohnzimmer waren seit langer Zeit unbenutzt. Ein Gebinde Duftkerzen stand auf der Anrichte in der Küche. Sie war nie dazu gekommen, die Kerzen in die Halter zu verteilen, geschweige denn sie zu anzuzünden. Die Duftstoffe waren längst verflogen. Ärgerlich räumte sie alles in den Schacht für die Wiederaufbereitungsanlage.

Sie packte einen Koffer für sich selbst, einen zweiten für Norman, dann öffnete sie den Zugang zur Gleitergarage, ließ den Klonelefanten hinten in den Fond klettern und stieg selbst auf den Pilotensitz.

Mondras Ziel war die Solare Residenz. Genauer gesagt: die Medostation. Den Besuch hatte sie lange vor sich hergeschoben. Ihr Vertrauensarzt war Doktor Mearns-Binet.

Mearns-Binet schlief. Doch sie konnte keine Rücksicht auf den Nachtdienst nehmen, den er hinter sich hatte, angesichts der anberaumten Reise.

»Ich bin gleich für dich da«, klang die verschlafene Stimme. »Du hast dir eine Menge Zeit gelassen.«

»Zehn Wochen, Doktor.«

»Und das hat nicht bis morgen …«

»Nein«, sagte Mondra schnell. »Es könnte sein, dass ich für sehr lange Zeit abwesend bin. Für den Fall möchte ich Bescheid wissen. Auch wenn das jetzt überraschend kommt.«

Im Wartezimmer ging sie ruhelos auf und ab. Dann betrachtete sie sich in einem Spiegel: Mondra Diamond sah aus wie dreißig, doch im ID-Chip stand die Zahl 76. Kein Alter für eine Terranerin – dennoch gingen die Jahre an ihr vorüber, als sei nichts, und sie hatte in ihrem Gesicht seit Ewigkeiten keine neue Falte mehr entdeckt. Selbst ihre biologischen Werte blieben identisch, von Ruhepuls bis Gewicht, ohne altersbedingte Veränderung des Hormonhaushalts. Ihre Knochen zeigten keine Spur von Osteoporose, obwohl sie keine Medikamente nahm.

Mearns-Binet trat mit verknitterter Miene ins Behandlungszimmer. Hinfällig und früh gealtert wie Mondras eigener, längst verstorbener Vater mit seinem zerfurchten, schlaffen Gesicht.

»Mondra.« Er reichte ihr vage die Hand, alles andere als frisch, ließ sich in einen Sessel fallen und rief das Hologramm mit ihrer Akte auf. Ein muffiger Geruch nach Alter stieg in ihre Nase, der von Mearns-Binet ausging. »Ein Besuch, der unerwartet kommt. Erst lässt du dich zigmal bitten, und jetzt stehst du in der Tür … Wie lange arbeiten wir jetzt miteinander? Ein Jahr?«

»Zwanzig Monate.«

Er blickte auf das Aktenholo, kniff die Augen zusammen. »Damals bist du zu mir gekommen mit den mit Abstand kuriosesten Beschwerden, von denen ich je gehört oder gelesen habe. Zuerst habe ich überlegt, deinen Fall an einen Psychotherapeuten abzugeben. Zugegeben, Mondra: Ich kann nicht behaupten, dass du dich seitdem kooperativ verhalten hättest. Das medizinische Monitoring, um das ich dich gebeten habe, hat nicht stattgefunden.«

Mondra begehrte auf, doch Mearns-Binet schnitt ihr das Wort ab:

»Gewiss, ich weiß … die Terminale Kolonne. Wer um die Menschheit kämpft, hat keine Zeit für die Medizin. Zum Glück haben wir ein paar brauchbare Untersuchungsergebnisse beisammen. Wir haben mehrere genetische und physiologische Schnappschüsse, die wir vergleichen können. Jedenfalls genug, um deine ›Frage‹ zu beantworten.«

Mearns-Binet widmete ihr einen langen, analytischen Blick, der Mondra nicht behagte.

»Vor zwanzig Monaten hast du wissen wollen, Mondra, ob du unsterblich geworden bist. Ich weiß natürlich, dass du schon früher untersucht wurdest und dass meine Arbeit für dich nur eine Art zweite oder dritte Meinung ist. Aber gut, reden wir darüber!«

Der Büroservo schickte per Rohrpost einen Stoß eng bedruckte Folien, die Mearns-Binet konzentriert betrachtete.

»Von ähnlichen Effekten, wie sie einem Aktivatorträger zugutekommen, kann bei dir keine Rede sein. Du bist anfällig für Gifte, deine Konzentrationsfähigkeit ist nicht übermenschlich, sondern nur trainiert. Belebende Impulse an die Zellen werden nicht ausgegeben. Teildiagnose also: negativ.

Dein Immunsystem reagiert zwar herausragend gut. Freie Radikale werden in hoher Geschwindigkeit abgebaut. Kompliment, die Körperfunktionen hätte ich auch gern! Aber ein Kennzeichen von Unsterblichkeit ist das noch lange nicht. Teildiagnose: wiederum negativ.

Fakt ist jedoch: Seit unserer ersten Sitzung sind keinerlei Gendefekte in deinem Körper hinzugekommen. Die Teilungsfähigkeit deiner Chromosomen ist nicht messbar herabgesetzt. Die Anzahl der Mutationen in den Mitochondrien nimmt gewöhnlich mit den Jahren zu. Nicht in deinem Fall.

Teildiagnose: positiv. Dein Körper altert nicht, Mondra.«

Mearns-Binet widmete ihr ein dünnes Grinsen, und Mondra fühlte sich, als werde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Egal wie lange sie es ahnte, stets hatte sie versucht, die Idee beiseitezudrängen. Das war nun nicht mehr möglich.

»Du trägst natürlich keinen Zellaktivator wie Rhodan oder Reginald Bull«, sagte Mearns-Binet. »Insofern lässt sich die Ursache des Phänomens nicht so einfach klären. Allerdings kennen wir aus der Vergangenheit einen ähnlichen, aktenkundigen Effekt. Die entsprechenden Daten sind Verschlusssache der Regierung. Zum Glück war NATHAN jedoch bereit, uns zu unterstützen. Also: Bevor ES die Zellaktivatoren an die Unsterblichen ausgegeben hatte, bekamen Rhodan und sein Umfeld sogenannte Zellduschen verabreicht. Das war kurz nach dem Aufbruch der Menschheit in den Weltraum. Dabei wurde jede einzelne Zelle des Körpers konserviert, durch einen Effekt, den wir nicht verstehen.«

»Eine Zelldusche? Sei versichert, dass ich davon nichts weiß.«

»Dann ist es eben ohne dein Wissen passiert.«

»Und wie?«

»Wir haben das bereits besprochen. Du hast im Jahr 1291 NGZ einen Sohn zur Welt gebracht. Vater war nach deiner eigenen Angabe Perry Rhodan. Dieser Sohn hat eine wichtige Rolle in der Zeugungsgeschichte der Superintelligenz ES gespielt. Und heute sitzt du vor mir, Mondra, du warst quasi an ES’ Entstehung beteiligt, und dein Körper verhält sich, als habe er eine Zelldusche erhalten … die bekanntlich niemand anders außer ES vergeben konnte. Also welche Schlüsse wollen wir ziehen?«

Mearns-Binet zuckte mit den schmalen, morschen Schultern. »Ich weiß, du willst nichts davon hören. Du willst eine normale Frau sein. Vielleicht hoffst du sogar, ich könnte dir etwas anderes sagen als die anderen Ärzte. Nur ist die Medizin eben kein Wunschkonzert. ES hat dich entweder zur Belohnung unsterblich gemacht, oder aber dein Körper wurde infolge deiner Mutterschaft sozusagen ein wenig aufgebessert. Stell dich den Realitäten.«

Mondra fühlte sich, als falle sie innerlich zusammen. »Also doch. Ich bin bis auf Weiteres vom Altern befreit.«

»Ja. Warum bist du unglücklich darüber? Das ist der Wunschtraum vieler Menschen.«

»Aber ich könnte jeden Morgen aufwachen, und ich bin eine Greisin, und wenn es Abend wird, sterbe ich.«

Mearns-Binet zuckte die Achseln. »Nicht mehr als eine Vermutung, zugegeben, aber eine begründete.« Der alte Mann grinste dünn. »Falls du je mit irgendwem tauschen möchtest, ich stehe zur Verfügung. Falls du allerdings Medikamente möchtest … Ich kann dir leider keine verschreiben.«

Mondra Diamond presste für einen langen, tiefen Atemzug die Lippen zusammen. »Du hast keinem davon erzählt?«, vergewisserte sie sich.

»Für die vergleichende Statistik wurde das Mondgehirn NATHAN benutzt. Aber kein Mensch außer mir kennt die Resultate.«

Sie starrte lange auf ihre Fingerspitzen. Schließlich nickte sie.

»Danke, Doktor. Und ich bitte nochmals um Entschuldigung, dass ich nicht warten konnte. Unser Patienten-Verhältnis ist ab sofort beendet, es könnte nämlich sein, dass wir uns sehr lange Zeit nicht mehr sehen. Aber nur keine Sorge, das heißt nicht zwingend, dass ich explosiv gealtert oder gestorben bin. Ich wünsche dir Glück – und natürlich einen ungestörten Schlaf für heute.«

Mearns-Binet winkte müde. Er reichte ihr die Hand, tätschelte Norman die Ohren und verließ das Zimmer durch die Hintertür.

Mondra dachte an die Zeit ihrer Mutterschaft zurück. In den Tagen damals hatten sich Rhodans und Mondras Wege getrennt. Die Liebe füreinander ging verloren – und so standen die Dinge bis heute.

Aber wenn Mearns-Binets Diagnose tatsächlich stimmte, wenn Mondra tatsächlich durch einen Zellduschen-Effekt unsterblich geworden war, unterlag sie früher oder später den Lernprozessen der Unsterblichen. Sie würde lernen müssen, allein zu sein. Vielleicht Jahrhunderte oder Jahrtausende. Solange der ungewisse Segen, der ihr gespendet wurde, denn anhielt.

Damit kam als Partner für Mondra Diamond nur ein anderer Unsterblicher infrage.

*

Als Rhodan in dieser Nacht sein Appartement betrat, hoch oben in der Residenz, brannte in sämtlichen Zimmern Licht. In der Luft lag ein Geruch, den er nicht kannte.

Die Müdigkeit verflog aus seinen Gliedern. Sein Blick wurde forschend. »Mondra?«

Ihr ID-Muster war bekannt, und der Türservo hatte Weisung, sie jederzeit einzulassen. Aber niemanden sonst. Keine Antwort. Im Flur lagen zwei gepackte Reisekoffer, damit er im Verlauf von Operation Tempus nicht auf persönliche Gegenstände verzichten musste. Keiner der Koffer war angerührt.

Rhodan trat in den Flur, prüfte jeden Raum, die rechte Hand an dem Mikro-Nadler, den er am Unterarm verborgen bei sich trug.

In dem kleinen Arbeitszimmer sah er schließlich einen Mann sitzen.

Rhodan ließ den Nadler stecken: Der Mann war Lotho Keraete, der Bote von ES. Ein Vertreter jener Wesenheit, die die Menschheit über Jahrtausende beschützt hatte.

Keraetes Anwesenheit in Rhodans Appartement war eine Unmöglichkeit, denn die Superintelligenz ES hatte schon vor über dreißig Jahren die Milchstraße verlassen, vermutlich sogar die gesamte Mächtigkeitsballung. Damals hatte ES angekündigt, die Superintelligenz müsse sich um noch unbekannte Teile der Mächtigkeitsballung kümmern. Und nun war Keraete doch wieder da.

Der Körper des Boten bestand aus einem exotischen, dunklen Metall. Er war aus einem Menschen hervorgegangen, doch wie viel Menschlichkeit noch in dem Korpus steckte, ließ sich nicht beantworten. Rhodan fiel auf, dass der metallene Leib keinen Schatten warf.

»Ich grüße dich, Perry Rhodan. Täusche dich nicht, ich sitze nicht in Person vor dir, sondern als materielle Projektion. Ich habe dem Nukleus der Monochrom-Mutanten zu danken. Aus eigener Kraft wäre mir eine Kontaktaufnahme zu dir nicht möglich. Dazu befinde ich mich körperlich zu weit entfernt.«

Rhodan fragte schnell: »Nämlich wo?«

»Bei ES natürlich.«

»Und wo ist das?«

Über das dunkle Gesicht legte sich der Anflug eines Lächelns. Das Metall verzog sich mit der Geschmeidigkeit menschlicher Haut. »Dieses Wissen ist geheim. ES hat beschlossen, sich an dem Krieg um die Negasphäre Hangay nicht direkt zu beteiligen. Es wäre also fahrlässig, die Koordinaten preiszugeben.«

Rhodan trat an seinen Arbeitstisch und warf die Aktenmappe hin, die er sich als Bettlektüre mitgebracht hatte. Er aktivierte den Holosensor.

Jede Bewegung, die Lotho Keraete machte, wurde von der Sekunde an aufgezeichnet, zeitgleich in seinem Tischgerät und in den Speichern von LAOTSE, der Biopositronik der Residenz. Keraete unternahm nichts dagegen.

»Aber ES hat deshalb die Menschheit nicht vergessen«, fügte der Mann aus Metall an, »auch wenn es für eine Zeit so scheinen mag. Ganz im Gegenteil: ES vermisst die Menschheit. An dem Ort, wo sich ES jetzt aufhält, gibt es keine Terraner. ES erwägt deshalb, die Menschheit – oder einen Teil davon – zu sich zu holen. In Sicherheit, Rhodan. In die Fernen Stätten der Superintelligenz.«

Rhodan fühlte sich einen Moment wie vor den Kopf geschlagen. »ES will – die Menschheit holen?«, fragte er ungläubig.

»So ist es«, sprach Keraete verführerisch. »Dein Volk befände sich dort in Sicherheit. In den Fernen Stätten operiert die Terminale Kolonne nicht.«

Rhodan schüttelte den Kopf. »Die Menschheit ist an die Erde gebunden, Keraete! Du warst lange nicht bei uns, heute haben wir die TANKSTELLEN, wir haben den TERRANOVA-Schirm, und wir wehren uns mit allen Mitteln gegen die Kolonne. Die Lage hat sich verändert. Wir haben den Kampf um unsere Heimat aufgenommen. Warum sollten wir jetzt die Flucht ergreifen?«

»Du befindest dich auf dem Weg in die Vergangenheit«, sagte Keraete ernst. »Es ist zweifelhaft, ob du die Operation Tempus überlebst. Was soll werden, wenn du nicht mehr bist? Du wirst dein Volk nicht mehr lange beschützen können.«

Rhodan erstarrte. »Du weißt von der JULES VERNE?«

»Selbstverständlich.«

»Wer noch?«

»Jedenfalls nicht KOLTOROC.«

Rhodan dachte darüber nach. »Und warum bezweifelst du, dass ich überlebe?«

Lotho Keraete gab darauf keine Antwort. »Ich habe nur die eine Frage an dich«, sagte er stattdessen. »Wirst du deine Menschheit gehen lassen, wenn ES ein Angebot unterbreitet?«

»Was willst du anstellen, wenn du von mir ein ›Ja‹ bekommst?«

»Ein Wort von Rhodan würde ein Angebot von ES untermauern. Über die terranischen Medien.«

Rhodan schüttelte erneut den Kopf, diesmal heftig. Eine Bekenntnis der Art wäre ein furchtbares Signal gewesen – wenn es in die Medien gelangte. Rhodan hätte das Gefühl gehabt, die Terraner in den TANKSTELLEN, die täglich ihre Kräfte gaben, zu verhöhnen. Und im Nachhinein die Opfer auszulachen, die der Kampf gegen die Kolonne jetzt schon gefordert hatte.

»Habe ich zu entscheiden, wohin welcher Terraner geht? Ich bin kein Befehlshaber, sondern mein Amt ist demokratisch legitimiert. Und überhaupt … soll ich die Menschheit in den Exodus schicken? Irgendwohin in die Fremde? Wo wir es eben geschafft haben, alle Kräfte im Kampf gegen die Negasphäre zu bündeln? Wir geben uns noch lange nicht geschlagen! Wir brauchen echte Hilfe von diesen Fernen Stätten, nicht ein zweifelhaftes Angebot.«

»Dennoch will ES dein Einverständnis.«

»Richte deinem Auftraggeber aus, ES soll offen auftreten und sich bekennen – wie wir Terraner. Und nicht zur falschen Zeit mit einem seltsamen Angebot kommen.«

Lotho Keraete schwieg lange.

»Deine Antwort darf selbstverständlich auch Nein lauten, Rhodan, und ES wird die Entscheidung dann respektieren. Denn ES hat Vertrauen in dich. Und letzten Endes, ein Angebot kann auch ohne deine Zustimmung unterbreitet werden, nicht wahr? Aber ich bin nicht davon überzeugt, dass deine Entscheidung von heute bereits dein letztes Wort ist. Ich will dir Gelegenheit geben, deine Meinung noch einmal zu ändern.«

»Ach! Ich werde aber nicht auf dich warten, Keraete. In Kürze befinde ich mich an einem Ort, an dem du mich niemals wiederfindest.«

»Das ist richtig. Ich kann dir dahin, wohin du gehst, nicht folgen. Aber ich kann dir etwas mit auf die Reise geben.« Lotho Keraete schien zu gefrieren.

Im Verlauf von Sekunden manifestierte sich ein Objekt in Rhodans Kabine, das er so oder so ähnlich mehrfach gesehen hatte: ein silbernes, an einen übergroßen Quecksilbertropfen erinnerndes Objekt von der Größe eines Fußballs. Es handelte sich um eine Silberkugel der Oldtimer. Eine Art Raumfahrzeug, das sich von geringster Größe zu einem vollwertigen Verkehrsmittel aufblähen konnte.

»Die Kugel dient nicht als Raumschiff, wie du vermutlich denkst, sondern als Nachrichtenträger«, erläuterte Keraete. »Sobald du es dir anders überlegst, sprich zu der Kugel, formuliere deine Botschaft, und dann schick den Träger auf die Reise. Egal von wo du die Kugel absendest, egal von wann. Und wenn es die tiefste Vergangenheit ist, die Kugel findet ihren Weg zu ES.«

Rhodan öffnete schon wieder den Mund. Er wollte Fragen stellen, wollte bei Lotho Keraete eine konkrete Hilfe für die Menschheit herausschlagen. Doch die Gestalt erlosch mit einem Mal, so als habe man ein Hologramm ausgeknipst. Der Stuhl, auf dem der Bote eben noch gesessen hatte, war von einer Sekunde zur anderen leer.

Allein die Silberkugel blieb zurück.

Rhodan wartete, doch Keraete kehrte nicht wieder. Er absolvierte einen Kontrollgang durch das Appartement, konnte jedoch keine weitere Spur des Eindringlings entdecken.

»LAOTSE!«, sprach er laut.

Die Verbindung aktivierte sich mit einem Signalton. »Wie kann ich dienen, Perry?«, fragte die künstliche Stimme der Biopositronik.

»Ich habe soeben eine Holoaufzeichnung an deine Speicher geschickt. Spiel mir diese Aufzeichnung noch einmal vor.«

Im selben Moment sah er über dem Arbeitstisch sich selbst erscheinen, als verkleinertes Hologramm. Nur Keraete war nicht sichtbar. Rhodan sah sich selbst zu, wie er zu einem leeren Stuhl sprach, er hörte seine Fragen, seine aufgeregte Forderung um Hilfe – aber kein Wort von Lotho Keraete.

Der Bote hatte es ja selbst gesagt: Er war nur als Projektion zugegen gewesen.

Was wiederum erklärte, weshalb die Alarmanlage auf die Anwesenheit des Boten nicht angesprochen hatte.

Doch warum hatte im Appartement das Licht gebrannt? Die Silberkugel war jedenfalls real, davon überzeugte Rhodan sich. Er fühlte den kühlen, rätselhaften Stoff mit seinen Fingerspitzen. Das Objekt wog nur wenige Gramm, es besaß jedoch eine beachtliche Masseträgheit.

Rhodan ging ins Wohnzimmer nebenan, kramte eine Reisetasche hervor und verpackte das Objekt darin. Was, wenn er tatsächlich seine Meinung ändern wollte? Was vergab er sich, wenn er Keraetes Angebot akzeptierte?

Rhodan nahm die Reisetasche – und legte sie zu seinem Gepäck für die Vergangenheit.

3.

Bei Morgengrauen des 12. April sandten Malcolm S. Daellian und Oberst Ahakin ihr Bereit-Signal. Rhodan hatte darauf gewartet. Er beorderte seine wichtigsten Begleiter zur Aaron-Quippo-Werft, ohne Zeit zu verlieren: Mondra Diamond, den Mausbiber Gucky und den Haluter Icho Tolot. Auch Alaska Saedelaere, der Friedensfahrer, war mit von der Partie, Daellian selbst als wissenschaftlicher Leiter der Operation sowie die geheimnisvollen Algorrian um Le Anyante und Curcaryen Varantir.

Rhodan nahm sich Zeit für einen letzten Ausflug. Er aktivierte den Summer an Bulls Bürotür, und er war nicht einmal überrascht, den Minister an der Arbeit vorzufinden: vor sich Typenblätter der Heimatflotte Sol, gegenübergestellt den Traitanks der Terminalen Kolonne. Balkendiagramme zeigten den Gefechtswert an, und wer aufseiten der Terraner stand, dem konnte bei dem Anblick mulmig werden. Allein der Kristallschirm sicherte noch die Existenz der Menschheit. Und wie lange dieser Bestand haben würde, konnte keiner sagen.

»Hast du Zeit für einen Ausflug, Dicker?«

Der rothaarige Mann drehte sich müde um. In seine Augen trat ein Funke Hoffnung, als er Rhodans Entschlossenheit sah. »Zur JULES VERNE …?«

»Natürlich!«

»Es geht also tatsächlich auf die Reise.«

»Mmmh.«

»Ich könnte zum Abschied winken oder so«, überlegte Bull. »Gib mir zehn Minuten Zeit für einen Smoking – ach verdammt, ich nehme einfach ein Taschentuch. Irgendwas, womit ich mir traurig die Nase putze, wenn ihr weg seid.«

Rhodan neigte den Kopf. »Das wäre eine nette Geste.«

Gemeinsam mit Bull ließ er die Residenz hinter sich. Möglicherweise für lange Zeit, und wenn Lotho Keraete recht behielt, vielleicht sogar für immer – aber das war nicht die Sorte Gedanke, die er heute brauchen konnte.

Ein Käfigtransmitter strahlte sie zum Mond ab. Diverse Gleiterwechsel später erreichten sie das Ziel – garantiert ohne Verfolger.

Unter den Schutzschirmkuppeln, in den Arealen nahe der Werft, herrschte Hochbetrieb: Eine Wolke aus Schleppern rückte auf Posten, über den Komponenten der JULES VERNE, in einem scheinbar chaotischen Manöver, das gleichwohl minutiös geplant war. Tausende Techniker überwachten die Szenerie.

Rhodan und Bull warteten ab, bis das letzte Besatzungsmitglied im Schiff verschwunden war. Nach kurzer Zeit hatten sämtliche Shuttles die Baustelle verlassen. Nur Rhodan selbst blieb noch außerhalb zurück.

Die VERNE-1, die VERNE-2 und der Mittelzylinder hingen schwerelos in Position. Meiler-1 und Meiler-2 standen bereit, ebenso der Leitstand des Kontextwandlers.

Die technische Leitung erteilte das Startsignal zur Hochzeit: der Vereinigung der Komponenten. Ein Dröhnen füllte die Luft, allgegenwärtig und von einer akustischen Präsenz, die Rhodans und Bulls Füße zittern machte. In die Baustelle kam Bewegung.

Die VERNE-1 und die VERNE-2 drehten sich in einem zeitlupenhaften, kontrollierten Vorgang auf der Stelle. Schwerelose Gebirge, der Anblick hatte auf so beengtem Raum etwas Beängstigendes. Bei neunzig Grad endete die Drehung. Die Äquator-Ringwulste standen nun vertikal. Beide Schiffe lagen seitlich in der Luft, beide Heckpole zeigten aufeinander.

Die Kugelzellen drifteten mit einem Meter pro Sekunde seitwärts. Unter der Schirmfeldglocke entstand schwerer Wind. Die Bewegung der Schiffsteile wälzte ein gewaltiges Volumen Luft um.

Der Mittelzylinder des Schiffes stieg im selben Maß schwerelos empor – sodass die Verbindungslinie zwischen den Kugelzellen der VERNE frei wurde.

Hoch oben löste sich von dem Ringwulst des VERNE-Mittelstücks ein Modul – und gab damit den Zugang zum Montageschacht des Wandler-Leitstandes frei.

Das Chassis, tief unten an der Oberfläche des Areals, wurde von den Schleppern in schwindelerregende Höhen manövriert.

Mit chirurgischer Präzision senkte sich der Leitstand ins Innere des Zylinders.

Rhodan kniff die Augen zusammen, der Vorgang war mit bloßem Auge kaum noch sichtbar.

Das Ringwulst-Modul, das sich eben noch gelöst hatte, nahm wieder seinen Platz am Röhrenkörper des VERNE-Mittelstücks ein.

»Präzise Arbeit!«, lobte Bull. »Wenn der Rest jetzt genauso läuft …«

Rhodan lachte. »Da kannst du sicher sein, Dicker! Das sind die besten Ingenieure, die die Menschheit hat!«

Meiler-1 und Meiler-2 wurden von den Schleppern in Bewegung gesetzt. Ein Dutzend Traktorstrahlen pro Objekt hielten die Balance.

Dort, wo vorher der Mittelzylinder den Raum eingenommen hatte, kamen die Meiler zur Ruhe, exakt zwischen den Kugelzellen der JULES VERNE.

Traktorstrahlen drückten die Meiler auf die Heckpole der VERNE-1 und der VERNE-2 zu. Die Meiler verbanden sich mit den Andockflanschen, ein Vorgang von gut einer halben Stunde Dauer.