Perry Rhodan-Paket 50: Negasphäre (Teil 2) -  - E-Book

Perry Rhodan-Paket 50: Negasphäre (Teil 2) E-Book

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Beschreibung

Die Lage für Perry Rhodan und die Menschheit ist nach wie vor verzweifelt: Eine gigantische Raumflotte, die Terminale Kolonne TRAITOR, hat die Planeten der Milchstraße besetzt. Ihre Übermacht ist erdrückend. Sie wirkt im Auftrag der sogenannten Chaotarchen, und ihr Ziel ist kompromisslose Ausbeutung. Die Milchstraße mit all ihren Sonnen und Planeten soll als Ressource genutzt werden, um die Existenz einer Negasphäre abzusichern. Dieses kosmische Gebilde entsteht in der nahen Galaxis Hangay - ein Ort, an dem gewöhnliche Lebewesen nicht existieren können und herkömmliche Naturgesetze enden. Immerhin können die Menschen auf Terra und den Planeten des Sonnensystems dem Zugriff der Terminalen Kolonne standhalten. Sie verschanzen sich hinter dem TERRANOVA-Schirm und stören TRAITOR. Mit dem Raumschiff JULES VERNE ist Perry Rhodan sogar in eine Vergangenheit aufgebrochen, die gut zwanzig Millionen Jahre vor Beginn der Zeitrechnung liegt. Doch irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem jeglicher Widerstand zwecklos erscheint ...

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Nr. 2450

Evolux

Die JULES VERNE materialisiert – und die Weiße Welt wird erreicht

Robert Feldhoff

Die Lage für Perry Rhodan und die Menschheit ist verzweifelt: Eine gigantische Raumflotte, die Terminale Kolonne TRAITOR, hat die Planeten der Milchstraße besetzt. Sie wirkt im Auftrag der sogenannten Chaotarchen, und ihr Ziel ist kompromisslose Ausbeutung. Die Milchstraße soll als Ressource genutzt werden, um die Existenz einer Negasphäre abzusichern. Dieses kosmische Gebilde entsteht in der nahen Galaxis Hangay – ein Ort, an dem gewöhnliche Lebewesen nicht existieren können und Naturgesetze enden.

Mit verzweifelten Aktionen gelingt es den Menschen auf Terra und den Planeten des Sonnensystems, dem Zugriff der Terminalen Kolonne standzuhalten. Sie verschanzen sich hinter dem TERRANOVA-Schirm.

Um dem drohenden Untergang etwas Massives entgegensetzen zu können, greift Rhodan zu einem wagemutigen Plan: Mit dem Raumschiff JULES VERNE und einer Besatzung aus Spezialisten verschiedener Völker bricht er in die Vergangenheit auf. Rund zwanzig Millionen Jahre vor Beginn der Zeitrechnung konnte bereits einmal eine Negasphäre verhindert werden – und die Besatzung der JULES VERNE will genau das beobachten.

Tatsächlich erreicht die JULES VERNE den Schauplatz der Finalen Schlacht in der Galaxis Tare-Scharm. Das Schiff wird schwer beschädigt; erst in letzter Minute leitet Perry Rhodan den Sprung in die Gegenwart ein. In einer unbekannten Region wartet nun eine seltsame Welt auf die Menschen: Es ist EVOLUX …

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner springt mit der JULES VERNE durch Zeit und Raum und erreicht die Weiße Welt.

Mondra Diamond – Die Terranerin lässt ihren Gefühlen freien Lauf.

Castun Ogoras – Der Kommandant der Yakonto geleitet die Terraner nach Evolux.

Dyramesch – Der Sequenz-Inspektor steht für Effizienz und klare Anweisungen.

Gucky –

1.

WOMM! WOMM!

Fünf Sekunden Pause.

WOMM! WOMM!

Perry Rhodan erwachte anfangs durch den Lärm. Dann erst spürte er die Schläge, die auf seinen Schutzhelm trommelten. Halb besinnungslos starrte er auf den unterarmlangen schwarzen Hammer – nein, ein Finger war es! –, der immer wieder sein Visier traf.

WOMM! WOMM!

In sein Blickfeld schoben sich drei glühend rote Augen. Sie gehörten zu dem monströsen schwarzen Schädel eines Außerirdischen. Alle drei Augen waren auf Rhodan gerichtet.

Der Außerirdische – das war niemand anders als Icho Tolot, der Haluter!

»Rhodanos, bist du wach, mein Kleines?«

»Verdammt, Tolotos, lass das bleiben!«

»Dein Vorname lautet?«

»Perry.«

»Deine erste Frau hieß?«

»Thora.«

Tolot testete lediglich, ob er bei Sinnen war. Rhodan versuchte ärgerlich, den Arm zu heben, doch er war noch nicht so weit.

»Du bist langsam«, kritisierte Tolot. Der schwarze Riese ließ den Finger sinken. »Beeil dich mit dem Aufwachen, wir befinden uns in Gefahr. Margin-Chrilox greift nach uns.«

Rhodan begann sich zu erinnern, und durch seinen Körper rauschte ein Stoß Adrenalin.

Margin-Chrilox – das Schwarze Loch!

»Schäden, Tolotos?«, brachte er hervor.

»In großer Menge. Ihr Terraner würdet sagen: ein Wunder, dass dieses Schiff noch fliegt.«

Rhodan kniff die Augen zusammen. Die tanzenden Lichter und knisternden Geräusche, die er aus dem Hintergrund wahrnahm, formten sich zur Kulisse einer Raumschiffszentrale. Lichter und Schwaden, die an Elmsfeuer erinnerten, tanzten über Oberflächen aus Ynkonit-Legierung. Funken lösten sich, Entladungen sprangen von Terminal zu Terminal. Bläuliche Aureolen umhüllten aktive Aggregate.

Eine Serie von Stößen schüttelte das gesamte Hantelschiff – und das bei seiner Masse von 187 Millionen Tonnen! Rhodans Kontursessel bockte wie ein Pferd und versuchte ihn abzuwerfen, doch er war mit stahlfesten Gurten in den Kontursitz geschnallt.

Für einige Sekunden setzte die künstliche Schwerkraft aus; Icho Tolot verlor den Boden unter den Füßen, stieß sich ab und trieb schwerelos zu den Terminals der Piloten. Dort krachte er zu Boden, als die Schwerkraft wieder einsetzte. Tolot bettete den reglosen Saaroon, ihren Ersten Piloten, in einen Reservesitz, schnallte ihn dort fest und übernahm selbst die Kontrolle über das Schiff.

Einige weitere Besatzungsmitglieder, die meisten riesengroße Ertruser oder gedrungene Epsaler, waren ebenfalls wach und aktiv, der Rest der Crew lag in tiefer Bewusstlosigkeit.

»NEMO betriebsbereit!«, tönte eine Maschinenstimme durch den Raum, während ein Ertruser am Terminal neben Rhodan triumphierend die Hände ballte.

»NEMO läuft!«

Rhodan lächelte schwach zurück, die Zähne zusammengebissen. Er fühlte Übelkeit aufsteigen, und durch seinen Kopf pulsierte eine Welle von Schmerz.

»… Biopositronik-Verbund startet Sektionsabfrage …«

»Steuervorrichtungen unter Kontrolle! Triebwerke werden angesprochen!«

Perry Rhodan stemmte den linken Arm hoch und drehte das Handgelenk in sein Blickfeld. Mühevoll entzifferte er die Statusmeldungen des Anzugs: Sie waren allesamt positronisch. Hinter ihnen lag ein Sprung über zwanzig Millionen Jahre, und die Tatsache, dass die syntronischen Komponenten ausgefallen waren, bewies, dass sie in etwa die Gegenwart erreicht haben mussten.

In Schüben kehrte die Erinnerung zurück: Rhodan hatte die Verantwortung für Schiff und Besatzung übernommen, in einer Alles-oder-nichts-Entscheidung, und er hatte die JULES VERNE mit einem Notmanöver zurück in die Gegenwart gezwungen. Nach ihrer Mission in tiefer Vergangenheit. Der Entzerrungs- und Strangeness-Schock, der mit der Rückkehr in die Gegenwart verbunden war, legte ihn und die Besatzung nun großenteils lahm.

Von der Seite hörte Rhodan stöhnende Geräusche: Kommandant Lanz Ahakin kam zu Bewusstsein, mit der Energie eines manisch Getriebenen, und stierte desorientiert knapp an Rhodan vorbei.

»Oberst!«, zischte Rhodan den Mann an. »Aufwachen, Ahakin!«

Lanz Ahakin zuckte zusammen – und als er zu Rhodan schaute, wirkte er beinahe wieder klar im Kopf. Der Kommandant hob schwach die Hand und gab ein Husten von sich. Er brauchte noch ein paar Minuten.

In der Mitte der Zentrale flackerte ein gewaltiges Hologramm: Der Haupt-Hologlobus, eine 17 Meter durchmessende Holografie der Schiffsumgebung, wurde von NEMO hochgefahren und mit Daten beschickt. Ein turbulenter Mahlstrom umfing die hantelförmige Darstellung der JULES VERNE – ein Wirbel aus Materie und Energie, wie er für die Umgebung eines Schwarzen Lochs typisch war. Gewaltige Mengen Plasma, Energie und zerfallende Sonnen kreisten um den Ereignishorizont. Margin-Chrilox war noch exakt dasselbe Hochenergie-Monster wie vor dem Zeitsprung. Mittendrin die riesenhafte, im Zusammenhang so winzige JULES VERNE.

»Rhodanos!«, hörte er eine Stimme dröhnen.

Es war wieder Tolot: »Rhodanos«, warnte der Haluter, »jetzt wird es eng.«

*

Rhodan ließ das Terminal nicht aus den Augen: Die Hauptfusionsreaktoren lieferten Energie, aufgrund ihrer robusten und störungsunanfälligen Konstruktion. Ebenso die Nug-Schwarzschild-Hauptkraftwerke. Drei von sechs Paratron-Konvertern waren nach wie vor ausgefallen, genau wie vor dem Kontextsprung, doch die Schirme standen und beschützten weiterhin das Schiff.

Ansonsten wäre die JULES VERNE binnen eines Sekundenbruchteils ausgelöscht worden: Margin-Chrilox war ein zentralgalaktisches Black Hole mit 37 Millionen Sonnenmassen. Seine Gezeitenkräfte sprengten sogar Riesensterne.

Strahlung und hochbeschleunigtes Plasma strudelten in Richtung Ereignishorizont. Der äußere Rand der Scheibe, die das Schwarze Loch umgab, rotierte mit 45 Prozent der Lichtgeschwindigkeit. Hier herrschten Millionen Grad – und die JULES VERNE mittendrin!

Aus seinem Zeitsprung hatte das Hantelschiff fünfzig Prozent Lichtgeschwindigkeit mitgebracht.

Dennoch reichte die Energie nicht aus, die VERNE in den Linearraum zu zwingen. Der gesamte Kernbereich der Galaxis Tare-Scharm war Teil eines tobenden Hyperorkans der Kategorie 10, mit Werten bis zu 150 Meg. Der Sturm verhinderte den Sprung auf Überlicht.

Es sei denn, die Zufuhr an Energie ließ sich für einen kurzen Zeitraum steigern.

»NEMO! Rhodan spricht! Was ist mit den Gravitraf-Speichern?«

»Die Gravitrafs«, teilte die Stimme des Bordcomputers mit, »sind unter den gültigen Bedingungen der Physik nicht mehr betriebsfähig.«

»Aber eine Restladung tragen sie noch?«

»Die Gravitrafs sind teilentladen bei 34 Prozent.«

»Können wir die Energie einsetzen?«

»Unter definierten Sicherheitsstandards negativ.«

»Aber es ginge?«

»Unter Missachtung der Sicherheitsstandards.«

»Risiko akzeptieren!«, ordnete Rhodan an.

»Bitte bestätigen.«

»Verdammt, NEMO, Risiko akzeptieren!«

Die Gravitraf-Speicher waren Technologie, die in der Gegenwart nicht mehr funktionierte; zumindest konnten sie nach dem Hyperimpedanz-Schock niemals wieder aufgeladen werden. Doch die Restenergie aus der tiefen Vergangenheit stand nach wie vor zur Verfügung. Auch wenn sie sich nach Verwendung nicht mehr ersetzen ließ.

Er fiel in seinen Sitz zurück, entkräftet von den wenigen Sekunden Aktivität, und wartete die Ausführung seiner Order ab.

In hilfloser Eile starrte er auf den Hologlobus: Ein Tryortan-Schlund mit gut fünf Millionen Kilometern Aufrissdurchmesser trieb vorüber, und die letzten Ausläufer des Phänomens verfehlten sie um weniger als eine Lichtsekunde. Ein blauer Sonnengigant von der Größe der Wega, der schon halb zerrissen war, rückte bedrohlich nahe an das Schiff.

Die JULES VERNE begann erneut zu bocken. Ein höllisches Geschepper entstand und entfaltete ohrenbetäubenden Lärm.

Über den Spektakel tönte NEMOS Stimme: »Reserveenergie aus Gravitraf-Speichern steht bereit!«

Tolot und die Umweltangepassten, die das Schiff steuerten, hoben die Köpfe, einige blickten fast erschrocken auf Perry Rhodan.

»Wir versuchen es!«, brüllte er in den Lärm.

Blieb die Frage, ob das Schiff die Überdosis Energie verkraften konnte in seiner momentanen technologischen Verfassung.

»Hawk-II-Aggregate neu konfigurieren!«, ertönte eine heisere Stimme – es war Lanz Ahakin! Der Kommandant saß leichenblass, aber aufrecht in seinem Sessel. »Rhodan hat recht, wir versuchen es!«

Ein verheerender Schlag ließ die künstliche Schwerkraft und selbst das Licht erlöschen.

Tolot und die Umweltangepassten, unterstützt von Rhodan und Ahakin, leiteten dennoch das Notmanöver ein.

Mit einem Mal verstummte der Lärm, es wurde still in der Zentrale, und die Beleuchtung flackerte mit fehlgesteuert greller Intensität wieder auf. Als Rhodan wieder sehen konnte, sprang eine Batterie roter Statusleuchten auf Grün: Die Hawk-II-Linearkonverter liefen schließlich an, mit neuen Parametern geschaltet – und rissen das Schiff in den Linearraum.

2.

Die JULES VERNE floh mit Überlichtfaktor 25.000, was knapp drei Lichtjahren pro Stunde entsprach. Nur fort aus der Todeszone Margin-Chrilox. Hinaus aus dem Gröbsten, wie Rhodan hoffte, selbst wenn es Tage in Anspruch nahm.

In der VERNE kehrte nicht gerade Ruhe ein, zu mannigfach waren die Schäden. Doch die unmittelbare Todesgefahr endete für den Augenblick. Die Gravitraf-Energie war verbraucht und verarbeitet, und die Explosion der Antriebsaggregate, die jedermann befürchtet hatte, trat nicht ein.

Nach Ablauf einer Viertelstunde im Linearraum begann die Crew zum Leben zu erwachen.

Mondra Diamond war okay, Rhodan sah mit Erleichterung, wie sie in ihrem SERUN den Kopf hob und matt in seine Richtung winkte.

Die Offiziere an den Leitstationen folgten, die Emotionauten, und bald war jeder Posten in der Zentrale doppelt besetzt. Allein Major Saaroon, der Erste Pilot, blieb in seinem Reservesitz außer Gefecht; Saaroon war Posbi und als solcher von den Strangeness-Elmsfeuern befallen.

Die ersten Medokommandos trafen mit Antigravtragen in der Zentrale ein. Sie transportierten nicht nur Saaroon ab, sondern ebenfalls den Mausbiber Gucky, den Dual Ekatus Atimoss und den Maskenträger Alaska Saedelaere. Sie alle brauchten Zeit, waren aber außer Gefahr.

In der Zentrale blieb nur zurück, wer handlungsfähig war.

Strangeness-Effekte schufen ein Gefühl permanenter, alles durchdringender Verwirrung, doch die Frauen und Männer, die in dem Expeditionsschiff Dienst taten, gehörten zur Raumfahrer-Elite. Strangeness erlebten sie nicht zum ersten Mal.

Im Schiff begann die Phase der Diagnose, gefolgt von ersten Reparaturarbeiten.

Selbstverständlich wäre die JULES VERNE auch von ihrer technischen Ausstattung her ein hervorragendes Raumschiff gewesen: Impulstriebwerke Güteklasse A, Biopositroniken bester Produktion, hochoptimierte Hawk-II-Linearkonverter. Doch die Finale Schlacht der Vergangenheit, die hinter ihnen lag, hatte schwer gewütet. Der eigentliche Schadensumfang war noch lange nicht ermittelt.

Die Meldungen aus der JV-1 und der JV-2 verhießen wenig Gutes.

Am schwersten war das Mittelstück betroffen: Der algorrianische Kontextwandler, ihre Zeitmaschine, brannte von innen aus, ohne dass ein Löschen möglich war. Der Quell der Glut blieb rätselhaft. Oberst Lasik, Kommandant des JV-Mittelteils, ordnete die komplette Evakuierung seiner Sektionen an, solange Explosionsgefahr bestand.

Drei Stunden dauerte das Feuer, und als der Kontextwandler vernichtet war, blieb nichts als eine kohlende, geschmolzene Masse – von höchstem Rohstoffwert, aber ohne jede Funktionalität. An Reparatur konnte nicht einmal ein Träumer denken. Einen Kontextwandler würde es niemals wieder geben, jedenfalls nicht ohne vollständige Neukonstruktion.

Nach dreieinhalb Stunden Flug erreichte ein Anruf Rhodan in der Zentrale: Am anderen Ende war Oberstleutnant Istorico, Chefingenieur der JV-1.

»Maschinenräume hier! Perry, wir stecken in größeren Schwierigkeiten als erwartet. Das Schiff ist krank.«

Rhodan kannte die Angewohnheit des Ara-Ingenieurs, Maschinen mit Organismen gleichzusetzen, zumindest in seiner Wortwahl. »Das Schiff ist krank« hieß nichts anderes, als dass eine schwerwiegende, tief greifende Beeinträchtigung vorlag.

»Das ist mir bekannt.« Rhodan schloss mit einer vagen Geste den Umkreis ein, die Elmsfeuer und defekten Terminals der Zentrale. »Also worum geht es?«

»NEMO dokumentiert eben einen bedrohlichen Vorgang. Sämtliche Salkrit-Kristalle verlieren seit einigen Minuten ihre Wirkung. Es sieht aus, als hätte eine Art Zerfall eingesetzt.«

Zahlreiche Aggregate der JULES VERNE waren ohne Hyperkristalle einer gewissen Qualität nicht betriebsfähig. Darunter der Antrieb. Rhodan wusste das.

»Was ist mit HS-Howalgonium?«

»Exakt dasselbe. Die Sache wird jede Minute schlimmer, und wir wissen nicht, wieso.«

»Eure Vermutung?«

»Der Kontextsprung, Perry!«, glaubte Istorico. »Eine ungeplante Notaktion, nicht wahr? Man musste damit rechnen, dass es Folgen gibt, und auch damit, dass sie unsere empfindlichsten Kristalle treffen.«

»Kristalltausch im laufenden Betrieb ist Standard!«

»Ja, aber hier sind alle Kristalle zugleich betroffen. Dafür müssten wir die Antriebsblöcke stilllegen.«

»Ich verstehe. Also gut, Oberstleutnant, zurück an die Maschinen. Wir tun in der Sache, was wir können.«

Der Ara nickte in einer terranischen Geste, die er sich abgeschaut hatte, und unterbrach die Verbindung.

Rhodan alarmierte die wissenschaftliche Abteilung der JULES VERNE – denn er ahnte, dass das zugrunde liegende Problem nicht so einfach technisch gelöst werden konnte.

Schließlich bat er Mondra Diamond und Tolot zu sich: Der Zerfall von Salkrit und HS-Howalgonium verlief exponentiell und ließ sich leicht berechnen. NEMO zeigte eine Grafik, eine abwärts gerichtete Kurve in einem Koordinatengitter, die in Kürze die Nulllinie schneiden würde.

»Was willst du tun, Perry?«

»Weiterfliegen. So viel Abstand zum galaktischen Zentrum wie möglich! Wenn es nicht mehr geht, schalten wir die Triebwerke ab, aber nicht zu früh und nicht ohne Not. Die Hawks arbeiten mit HS-Howalgonium. Eine Stunde noch, dann fallen wir sowieso auf Unterlicht zurück.«

»Und wechseln die Kristalle!«, setzte Mondra hinzu.

Nach viereinhalb Stunden im Linearraum kam das Ende.

Rhodan und seine Terraner schlossen die SERUNS, als Vorkehrung für den Fall der Fälle, sämtliche Stationen wurden dreifach besetzt, fragile Aggregate ausgeschaltet.

»Oberst«, wandte er sich an den Kommandanten, »Linearetappe beenden! Besser, wir reizen es nicht bis zum Letzten aus.«

Ahakin blickte nicht auf Rhodan, sondern auf sein Terminal. »Wir haben noch acht Minuten, Perry!«

»Ja – aber wir brauchen eine Handlungsreserve für den Notfall.«

Ahakin nickte.

Die Hawks hörten zu arbeiten auf. Die JULES VERNE wechselte ins Standarduniversum – mit aktivierten Paratrons.

In Flugrichtung leuchtete eine gelbe, planetenlose Sonne vom Sol-Typ. Margin-Chrilox lag dreizehn Lichtjahre hinter ihnen. Der Hypersturm tobte auch hier, allerdings mit gemäßigter Gewalt; das Schwerkraftfeld des Sterns stabilisierte einen gewissen Umkreis, der sie schützte.

Als sie in den Orbit um die Sonne schwenkten, war die direkte Vernichtungsgefahr für Mannschaft und Schiff gebannt. Die Handlungsreserve, die Perry Rhodan zurückgehalten hatte, wurde nicht benötigt.

»Salkrit, Oberst?«, fragte Rhodan, zu Lanz Ahakin gewandt.

»Praktisch ausgebrannt. HS-Howalgonium ebenfalls.«

»Gefährdung für das Schiff?«

»Keine erkennbar. Für die Schutzschirme und die Impulstriebwerke reicht auch normales Howalgonium. Das ist nicht betroffen.«

Rhodan blickte auf die Orterdisplays: Das Kantorsche Ultra-Messwerk, ihr wertvollstes Messinstrument, war mit Salkrit bestückt und daher außer Betrieb. Doch nach allem, was sich auf konventionelle Art über die Umgebung sagen ließ, schwebten sie nicht in Gefahr.

Perry Rhodan löste schließlich die Gurte und klappte den Helm zurück. Er blickte in die Runde. Die Gesichter, die er sah, wirkten hohlwangig und leer, nach Vibra-Psi und nach Finaler Schlacht, nach Margin-Chrilox und der Flucht in den Linearraum – und das alles ohne Ruhepause.

»Dieser Einsatz dauert schon viel zu lange. Kommandant: Schicken wir die Schichten 1 und 2 für acht Stunden in die Betten.«

»Aber das Schiff …«

»Dürfte immer noch da sein, wenn die Leute aufwachen. Was in viereinhalb Stunden nicht explodiert ist, explodiert auch in acht Stunden nicht. Schicht 3 übernimmt für Notfälle. Danach sehen wir uns an, was von unserer JULES VERNE übrig ist. – Ach ja, Lanz …«

Der Kommandant blickte beiläufig auf. »Perry?«

»Schlafen gilt auch für dich.«

Ahakin klappte in Protest den Mund auf – und kleinlaut wieder zu. »Alles klar, Perry«, knurrte er stattdessen. Die Beschwerde, die ihm auf der Zunge lag, verkniff er sich, weil er offensichtlich unrecht hatte.

Rhodan fuhr müde über seine Augen. Er war länger wach als jeder andere Terraner an Bord.

»Tolotos«, sagte er zu dem Haluter, »ich und Mondra gehen schlafen. Du übernimmst die Aufsicht.«

*

Perry Rhodan erwachte in einem Zustand von Verwirrung, den er mühevoll bekämpfte. Er tastete instinktiv nach Mondra, doch sie schlief in ihrer Kabine. Wenn er gehofft hatte, nach acht Stunden im Sonnenorbit könnten die Strangeness-Effekte verschwunden sein, sah er sich getäuscht.

Er klopfte an die Tür nebenan und holte Mondra ab. Ihre Kabinen lagen auf Deck 11-3, und bis zum Leitstand waren es nur ein paar Schritte.

Oberst Ahakin war schon wieder auf Posten, als sie die Zentrale erreichten.

Der Zustand des Schiffes war auf niedrigem Niveau stabil. Im JV-Mittelteil herrschte mittlerweile Ruhe, die Brände waren gelöscht, die entstandene Hitze ins Vakuum abgeleitet. Schicht 3 hatte wertvolle Vorarbeit geleistet, und Rhodan ließ nun, da frische Kräfte zur Verfügung standen, im ganzen Schiff Bestand aufnehmen.

Oberst Ahakin erteilte Befehl, die unbrauchbaren Hyperkristalle durch frische aus Lagerbeständen zu ersetzen.

Nach einer Stunde meldete sich erneut Oberstleutnant Istorico, Chefingenieur der JV-1. »Es ist schlimmer als erwartet mit dem Schiff«, verkündete der Ara. »Wir haben eben die ersten Hawk-II-Aggregate geöffnet. Sämtliches Salkrit und HS-Howalgonium war zerfallen.«

»Wie erwartet.«

»Richtig. Und jetzt sind wir in den Hyperkristall-Lagern, Perry, wir messen gerade den Ersatz durch. Es sieht so aus, dass nicht nur die beanspruchten Kristalle zerfallen sind – sondern sämtliche Lagerbestände ebenfalls. Völlig gleich, ob das Material schon in Benutzung war oder nicht.«

Rhodan zeigte keine Reaktion. Exakt das, was er insgeheim befürchtet hatte, trat nun ein.

»Wir glauben, dass nirgendwo im Schiff mehr brauchbares Salkrit zu finden ist. Wahrscheinlich auch kein HS-Howalgonium, aber das prüfen wir noch. Oberstleutnant Parara ist drüben in der JV-2 ebenfalls auf der Suche.«

Rhodan drehte sich zu Mondra Diamond, Tolot und Lanz Ahakin. Sie hatten alle mitgehört.

»Was denkst du, Perry?«

»Ich denke, wir halten uns mit einem vorschnellen Urteil am besten zurück.«

Er blickte auf eine Leuchtmatrix, die in Symbolform die Sektionen des Schiffes zeigte. Rot stand für nicht betriebsfähig, Gelb für bedingt bereit, Grün für einsatzklar. – Gelb und Rot dominierten das Bild. Ein klares, optimistisches Grün leuchtete nur an wenigen Stellen.

Wenn Istorico recht behielt – und wer zweifelte daran? – hatte die JULES VERNE jegliche Fernflug-Eigenschaften eingebüßt. Es gab nach Rhodans Wissen keine Möglichkeit, ohne Salkrit oder HS-Howalgonium aus dem Zentrum von Tare-Scharm zu entkommen.

Er blickte trotzig auf die Matrix der Sektionen. Ein Piktogramm, das vorher Tiefrot gezeigt hatte, sprang plötzlich auf Grün zurück. Rhodan trat an die Abbildung heran und identifizierte das Symbol.

»Na also!«, rief er gallig zu Tolot und zu Mondra. »Wer sagt da, dass es keine Hoffnung gibt? Die Cafeteria hinter der Zentrale meldet sich einsatzklar.«

*

Der Hyperorkan ließ allmählich nach, während das Hantelschiff um die namenlose gelbe Sonne kreiste. Doch 120 Meg waren immer noch ein gewaltiger Wert.

Oberstleutnant Brock und seine Abteilung Funk und Ortung horchten in den Weltraum. Ohne Ultra-Messwerk, angesichts des Hypersturms, betrug ihre Reichweite nur wenige Lichtjahre. »Keine Raumschiffe, keine Funkimpulse«, fasste Brock zusammen. »Es tut mir leid, dass wir nichts anderes sagen können, aber …«

»Keine Nachrichten können gute Nachrichten sein«, sagte Rhodan. »Immerhin schießt niemand mehr auf uns.«

Er berief eine erste Sonderkonferenz der Führungskräfte ein, zur zwischenzeitlichen Bestandsaufnahme. Treffpunkt war der Konferenzraum, der auf Deck 11-1 hinter der Zentrale lag.

»Mondra? Bitte geh schon einmal vor, ich komme gleich nach.«

»Was hast du vor?«

Rhodan zwinkerte ihr zu, gab aber keine Antwort.

Er verließ die Zentrale nach hinten, schlug allerdings nicht den Weg zur Messe, sondern zur Cafeteria ein. Als er wieder zum Vorschein kam, trug er eine Tüte mit verborgenem Inhalt bei sich.

Rhodan straffte sich, bevor er in die Messe trat.

»… ah, da ist Rhodan …«

»Endlich, er kommt!«

»Vielleicht weiß er ja, ob …«

Der Raum war voll. In der Messe warteten bereits Lanz Ahakin und ein Teil seiner Offiziere, daneben der spindeldürre Ara Istorico und einige Techniker. Vor ihnen standen halb geleerte Becher Tee und Kaffee. Der Zweite Emotionaut Jason Colton trug im Mundwinkel die unvermeidliche Zigarre, die jedoch nicht brannte. Anwesend war außerdem Mondra Diamond – während Tolot in der Zentrale Wache hielt. Der Haluter war jedoch per Standleitung mit der Konferenz verbunden.

Wichtige Besatzungsmitglieder wie Malcolm S. Daellian, ihr Chefwissenschaftler, oder Alaska Saedelaere waren mittlerweile wieder bei Bewusstsein und im Konferenzraum eingetroffen. Andere dagegen fehlten: Die Mutanten Gucky und Ekatus Atimoss lagen nach wie vor im Heilschlaf, ebenso die Algorrian, die Konstrukteure ihres ausgebrannten Kontextwandlers.

Das Treffen wurde in jede Sektion des Schiffes übertragen, selbst in die Privatkabinen für die Raumfahrer, die Freischicht hatten.

Der letzte frei gehaltene Stuhl war seiner. Rhodan nahm Platz und stellte die Tüte mit dem unsichtbaren Inhalt vor sich hin.

Er fixierte der Reihe nach die Anwesenden und nahm sich Zeit für jede Person.

»Meine Damen, meine Herren, beginnen wir mit dem Positiven: Die JULES VERNE ist in der Gegenwart zurück!«

Mondra Diamond klopfte in Beifall auf den Tisch, und Rhodan sah die Ironie in ihren Augen.

»Unsere exakte Zielzeit«, führte er fort, ohne sich beirren zu lassen, »war der 19. April 1346 NGZ. Ob wir die erreicht haben oder nicht, lässt sich im Augenblick schwer feststellen. Aber wann die JULES VERNE auch immer gelandet ist, wir wissen sicher, dass es nach dem Jahr 1331 sein muss. Denn 1331 fand bekanntlich der Hyperimpedanz-Schock statt. Präzise Daten kann man vielleicht erheben, wenn wir das galaktische Zentrum verlassen. Selbst dann wird es allerdings mit der Bestimmung schwierig, ohne Syntron, ohne Ultra-Messwerk, ohne präzise Sternkarten von Tare-Scharm. Bis das Datum auf Minute und Sekunde bestimmt ist, führen wir deshalb unsere inoffizielle Bordzeit weiter. – Einwände?«

Rhodan blickte in die Runde, doch niemand widersprach.

»Durch den Not-Kontextsprung ist in der Tat alles Salkrit vernichtet, das wir hatten. Außerdem der größte Teil unseres HS-Howalgoniums. Oberleutnant Istorico wird das später bestätigen. Die Gerüchte, die in der Mannschaft kursieren, entsprechen also der Wahrheit.

Bedeutet: Die JULES VERNE ist nicht mehr fähig, Hightech einer bestimmten Klasse zum Einsatz zu bringen. Betroffen ist zum Beispiel das Ultra-Messwerk, jeder hat es gehört, aber auch nahezu alles andere. Die Hawk-II-Aggregate, die Paratron-Konverter, die Liste ist lang. Wer sich für die komplette Aufstellung interessiert, fragt nach der Konferenz bei NEMO an.

Aber das ist noch nicht einmal das Schlimmste – das Schlimmste kommt erst noch.«

… kommt erst noch.

Es war, als hallten die letzten Worte in dem Konferenzraum nach.

Rhodan beugte sich vor, zog die geheimnisvolle Tüte heran und öffnete den Verschluss.

Darunter kam eine Flasche zum Vorschein, die mit klarer Flüssigkeit gefüllt war. »Das ist terranischer Schnaps aus der Cafeteria. Alkoholgehalt 44 Prozent. Gut bei Schockzuständen aller Art. Ich musste mich auf Überrangorder berufen, um die Flasche zu bekommen.« Rhodan erhob sich halb, öffnete den Verschluss und schaute seine Leute der Reihe nach an. »Wer möchte?«

Niemand meldete sich.

Rhodan grinste dünn. »Also gut, dann machen wir es kurz und trocken. Die JULES VERNE ist bekanntlich nicht in der Milchstraße in die Gegenwart zurückgekehrt – sondern in der Galaxis Tare-Scharm. Ziemlich genau 45 Millionen Lichtjahre von zu Hause. Einige haben bereits daran gedacht, einige vielleicht nicht.

Die alte Hightech wie Syntrons, Grigoroff-Zapfer oder Metagrav-Triebwerke funktioniert nicht mehr. Unsere Realität heißt Biopositroniken und Nugas-Schwarzschild-Kraftwerke. Unsere Lineartriebwerke bringen theoretisch hunderttausend Lichtjahre Reichweite. Vorausgesetzt, wir haben genügend hochwertigen Hyperkristall – was nicht der Fall ist.

Die JULES VERNE ist also ein beschädigtes Expeditionsschiff, das mit Lineartriebwerken ohne Hyperkristalle in einem galaktischen Zentrum festsitzt. In einer Galaxis, 45 Millionen Lichtjahre von Terra entfernt.«

Mit einem Mal herrschte Stille.

Ein guter Teil seiner Leute erkannte jetzt erst, was die Stunde geschlagen hatte. So wie von Rhodan erwartet.

Oberstleutnant Brock hob schließlich die Hand. »Du bezeichnest hunderttausend Lichtjahre Reichweite als ›theoretisch‹, Perry. Wie sieht’s denn in der Praxis aus?«

Rhodan nickte. »Ich habe mit Istorico und Harara gesprochen. Wir hören später ein Referat dazu. Die Prognosen lauten relativ gleich, unser Schiff macht aus eigener Kraft keine achtzig Lichtjahre mehr.«

Brock wollte antworten – und schloss schockiert den Mund.

»Achtzig Lichtjahre«, sagte Mondra Diamond. »Damit kommen wir nicht einmal aus dem Zentrum heraus.«

»… wir werden niemals …«

»Verdammt, wir haben das Schiff doch noch gar nicht richtig unter die Lupe …«

Rhodan beobachtete seine Leute sehr genau. Er nahm erneut die Schnapsflasche, blickte in die Runde, doch wieder reagierte niemand auf das Angebot. Er hatte das auch nicht erwartet; die Flasche diente ihm lediglich als Psychotrick. Zur Ablenkung von einem an sich nicht erträglichen Sachverhalt.

Schließlich erhob er sich ruckartig.

Es wurde still. Die Blicke richteten sich auf ihn. »Ich denke in diesem Augenblick zwölf Stunden zurück«, äußerte Perry Rhodan bedächtig. »Vor zehn Stunden war die JULES VERNE in der Finalen Schlacht. Vor zwölf Stunden dachte doch jeder, das überleben wir nie. Das Schiff war am Ende. Und heute? Wir haben nicht nur überlebt. Wir haben die Finale Schlacht überstanden, und wir haben die Retroversion von Tare-Scharm aufgezeichnet. Die Daten, die NEMO gespeichert hat, retten vielleicht Billiarden Wesen das Leben.

Wir sind so weit geflogen. Wir blicken jetzt auf das letzte Stück, und das ist von allen Etappen die leichteste! Wenn es uns nur gelingt, mit diesem Schiff zurück nach Hause zu kommen!«

Perry Rhodan blickte mit erhobenem Kopf in die Versammlung. Bis eine blecherne Stimme tönte: »Wenn.«

Rhodan drehte langsam den Kopf zur Seite. Der Sprecher mit der Kunststimme war Malcolm S. Daellian, Chefwissenschaftler der Erde. Daellian – oder was nach seinem Unfall von ihm übrig war – schwamm in einem gläsernen Medobehälter, und die Stimme wurde von einem Vokoder erzeugt.

»Die Diskrepanz zwischen dem Ziel Milchstraße und dem, was realistisch machbar ist, scheint mir dermaßen irreal gewaltig, dass sich jeglicher Gedanke an Rückkehr verbietet. Terranische Schiffe kommen heutzutage nicht einmal von Terra nach Gatas. Geschweige denn nach Andromeda. Und wir wollen 45 Millionen Lichtjahre fliegen? Legt man den aktuellen Stand zugrunde, sind wir zwar gerettet, sehr schön, so muss niemand sterben. Aber wir kommen niemals wieder nach Hause. So viel zum Thema Realismus.«

Damit endete der Mann – der formlose Rest Mensch – in seinem Medotank.

Rhodan starrte auf den Klumpen Gewebe in der Nährflüssigkeit des Behälters. Das psychologische Ungeschick des Wissenschaftlers erzürnte ihn maßlos.

»Zehn Minuten Pause«, verkündete Rhodan. »Daellian: auf ein Wort!«

*

»Was hast du ihm gesagt?«, fragte Mondra Diamond, als Rhodan von dem Gespräch wiederkehrte.

»Dass er aufhören soll, sich selbst leidzutun, und dass es seine Pflicht ist, an die Terraner an Bord zu denken. Daellian muss Führungspersönlichkeit sein! Ich hoffe, dass er es begriffen hat.«

»Daellian hält sich selbst für tot. Wie sollte er?«

»Aufgrund seiner Intelligenz! Wir wissen doch, dass er es kann.«

Er und Mondra kehrten in den Konferenzraum zurück, und sie warteten geduldig, bis jeder seinen Platz wieder eingenommen hatte.

Rhodan legte ein Blatt Folie vor sich hin, das handschriftlich beschrieben war.

»Die wichtigsten Punkte wurden mittlerweile angesprochen, unsere Lage ist jedem klar geworden, denke ich. Dennoch bleiben ein paar Aspekte offen.

Erstens, die Retroversion von Tare-Scharm wurde von uns bestens dokumentiert. Lasst mich das noch einmal betonen! Das erste Teilziel der Operation Tempus ist damit erreicht. Wir wissen jetzt zumindest theoretisch, wie man eine Negasphäre beseitigt, und wir können es dem Nukleus auf Terra berichten – auch wenn wir noch nicht wissen, wie diese Kenntnisse umgesetzt werden sollen. Vorausgesetzt, wir kommen rechtzeitig hin.

Darüber hinaus bringen wir die Atrentus-Methode mit. Ihr wisst, das ist eine Möglichkeit, die Kralle des Laboraten zu beseitigen. Damit versklavt die Terminale Kolonne TRAITOR ihre Führungskräfte. Wir haben ab sofort die Möglichkeit, Duale und andere zu befreien. So wie Ekatus Atimoss, der jetzt unser Verbündeter ist.«

Rhodan öffnete die Schnapsflasche und roch abwesend an der scharfen Flüssigkeit.

»Nicht zu vergessen«, fuhr er fort, »nicht zu vergessen Generalin Kamuko, die mit dem letzten Manöver vor dem Zeitsprung versucht hat, in die VERNE einzuschleusen. Kamuko fehlt spurlos. Der Kontextsprung hat sie offensichtlich das Leben gekostet. Weil sie zum Zeitpunkt X nicht vollständig in die JULES VERNE hineingelangt war. Damit ist auch die Nachtlicht-Rüstung verloren, obwohl man die in Hangay sicher gut hätte gebrauchen können.«

»Was ist mit den Cypron-Sphärikern?«, fragte Daellian.

Rhodan wandte sich zu Mondra und übergab.

»Alle tot«, erklärte die dunkelhaarige Terranerin. »Der Kontextsprung war zu viel für sie. In dem Unterwasserbassin waren nur noch Leichen, ich habe mir das angesehen. Die Medo-Abteilung versucht ihr Bestes, ob man sie reanimieren kann. Bisher ohne Resultat.«

Rhodan ergänzte: »Ach ja, eins noch: Die Wächtersäulen, die während des Aufenthaltes im INTAZO in die VERNE eingebaut wurden, sind ebenfalls vernichtet. Die Hangar-Techniker haben nur noch kristallinen Staub gefunden. Möglicherweise derselbe Einfluss, der uns das Salkrit und das HS-Howalgonium gekostet hat.«

Rhodan erhob sich ruckartig. »Noch Fragen?«, wandte er sich an die Runde.

Niemand hatte eine.

»Dann übergebe ich an Oberstleutnant Istorico für den technischen Kurzbericht.«

Rhodan und alle anderen lauschten dem Ara, hörten anschließend Oberst Lasik zu spezifischen Problemen des JV-Mittelstücks – und abschließend Oberst Geleske zu kosmonautischen Fragen.

Damit endete die Konferenz.

Allein Mondra Diamond hob zum Schluss die Hand. »Ich habe eine Nachricht von Icho Tolot aus der Zentrale, Perry: Tolot bittet, dass wir ihm die Flasche Schnaps in die Zentrale mitbringen. Er meint, er könnte einen Schluck vertragen.«

*

Der größte Teil der Strangeness-Phänomene klang in den kommenden Stunden ab.

Was die Leistungskraft der VERNE betraf, herrschte mittlerweile Klarheit: Wurden alle noch verfügbaren Hyperkristalle optimal eingesetzt, ergab sich eine Gesamtreichweite von 66 Lichtjahren.

»Was jetzt?«, überlegte Mondra Diamond. »Hast du mal an Kolonisten-Romantik gedacht, Perry? Im schlimmsten Fall suchen wir uns einen bewohnbaren Planeten. Die alten Sternkataloge aus der Vergangenheit liegen uns vor. Wir gründen eine kleine, beschauliche Kolonie von Schiffbrüchigen …«

»Und vergessen die Erde?«, fuhr Rhodan ihr ins Wort. »Du wirst zynisch, Mondra! Die JULES VERNE hat Nachrichten für Terra, und die müssen ankommen.«

»Was bleibt uns denn?«

»Noch haben wir Hyperkristall. Wir verwenden das Material nicht für den Antrieb, das macht keinen Sinn. Ob wir zehn Lichtjahre mehr oder weniger fliegen, wen interessiert es.«

»Sondern für was dann?«

»Für den Hyperfunk! Wir machen die Sender betriebsklar. Und dann rufen wir um Hilfe.«

Mondra zuckte die Achseln. »Wen willst du rufen, Perry?«, fragte sie. »Das hier ist galaktisches Zentrum, überall herrscht Hypersturm. Margin-Chrilox ist dreizehn Lichtjahre entfernt! Hier gibt es keine Raumschiffe.«

Doch Rhodans intensiver Blick ließ sie unsicher werden. »Mondra, diese Gegend war einmal von gewaltiger kosmischer Bedeutung. Ich weiß, dass das Ewigkeiten her ist. Aber die Hohen Mächte des Kosmos sind langfristige Denker. Ich weigere mich zu glauben, dass heute gar nichts mehr sein soll.«

*

Die VERNE begann mit höchster Sendeleistung zu funken. Auf die Hoffnung hin, dass sich im Zentrum von Tare-Scharm potenzielle Retter finden ließen.

»Überlegt euch, was nach dem Fall der Negasphäre geschehen ist!«, riet er Ahakin und den Offizieren. »Die Kosmokraten schicken Flotten nach Tare-Scharm. Sie stellen sicher, dass kein Chaostrupp zurückgeblieben ist. Stützpunkte werden errichtet. Man zeigt Präsenz. Aus Stützpunkten werden Stützpunktplaneten. Aus Stützpunktplaneten wird eine Infrastruktur, und wenn die einmal errichtet ist … Ich denke, dass unsere Chance nicht einmal so schlecht steht.«

Einen schnellen Erfolg erwartete Rhodan nicht. Er nahm sich vor, Geduld zu haben, und wenn die Rückkehr in die Milchstraße noch so drängte.

Die Umrüstung der Triebwerke auf minderwertigen Hyperkristall lief parallel. Wenn es nötig wurde, konnten sie sich vom Zentrum entfernen und den Notruf wiederholen.

»Mondra, ich habe zu tun. Übernimm du bitte die Aufsicht.«

»Alles klar.«

Er verließ die Zentrale durch den Hauptantigravschacht an der Cafeteria und trieb schwerelos im Schiff aufwärts.

Auf Deck 16 stieg er aus: An der Außenhülle der JV-1 befand sich ein Reservehangar, der als provisorische Unterkunft eingerichtet war. Dort lag sein Ziel. Hier logierten die Laosoor, eine kleine Kolonie aus 202 Personen. Die Laosoor waren Gäste aus tiefer Vergangenheit; die JULES VERNE hatte sie in der Vergangenheit als Elite-Kampfgruppe an Bord genommen – und vor dem Kontextsprung nicht wieder zu Hause absetzen können.

Rhodan meldete sich am Zugang zu der Unterkunft.

Vor seinen Augen materialisierte ein Lebewesen, das auf den ersten Blick wirkte wie ein terranischer schwarzer Panther: Doch das Wesen – ein Laosoor – stammte keineswegs von Terra. Der vermeintliche Panther war ein Abkömmling der LAOMARK.

Die Laosoor in der JULES VERNE waren allesamt parabegabt.

Vizquegatomi, so hieß das Wesen, war ein Hüne seines Volkes, wie viele Laosoor ein Nahdistanz-Teleporter und ausgebildeter Dieb. Anstelle natürlicher Reißzähne trug »Viz« handlange Implantate aus nachtblauem Metall. Wichtigstes Merkmal waren jedoch die Ohrenhände: kombinierte Greif- und Hörwerkzeuge, die als extrem bewegliche, tentakelartige Greiflappen ausgestülpt werden konnten. Auf Rhodan wirkten sie wie Arme, die anstelle von Ohren dem Kopf entsprangen. Eine dritte Hand befand sich am Schwanz – sodass ein Laosoor unter dem Strich über sieben Gliedmaßen verfügte.

»Viz!«, grüßte Rhodan. »Ich möchte deinen Bruder Pothawk sprechen.«

»Den König?«, gab Vizquegatomi knurrig von sich. »Ich denke, falls ihm seine Amtsgeschäfte Zeit lassen … Komm einfach mit, der König hat momentan nicht sonderlich viel vor. Er rechnet sowieso mit dir.«

Vizquegatomi fasste mit einer Ohrenhand Rhodans Schulter und zog den Terraner mit sich.

Die Verhältnisse in dem Trakt wirkten beengt. In der Luft lag eine permanente strenge Note, die für Laosoor typisch war.

»Hier entlang! Er ist da drinnen.«

Pothawk ruhte auf einer Art Diwan, als Rhodan in die provisorische Kabine trat. Das Gesicht des Königs wirkte schmal im Vergleich zu dem anderer Laosoor, und seine Augen leuchteten gelblich grün.

»Ah, der Herr des Schiffes persönlich!«, sagte er ironisch, als er Rhodan kommen sah. Statt sich aufzurichten wie im Normalfall, blieb er scheinbar schläfrig liegen. »Ich habe mich schon gefragt, wann du auftauchen würdest. Wir haben zu reden, nicht wahr?«

Pothawk wurden hellseherische Fähigkeiten nachgesagt, zumindest im eigenen Volk. Rhodan hatte ihn als charismatischen Querkopf kennengelernt und als treuen, extrem brauchbaren Verbündeten.

»Ich habe gute und schlechte Nachrichten«, sagte Rhodan schwer. »Die gute ist, das Schiff ist in Sicherheit. Es besteht keine Gefahr mehr, dass wir abgeschossen werden.«

Mit seinen Ohrenhänden fingerte Pothawk nach dem Regal hinter sich. Zwei Melonenhälften aus Kühlhausbeständen der JULES VERNE lagen in Schalen nebeneinander. Beide waren mit Zucker und Zimt bestäubt.

»Und?«

Pothawk führte eine Melonenhälfte zum Mund und schlug die Reißzähne ins Fruchtfleisch.

»Ihr habt möglicherweise schon mitbekommen, auf welche Weise wir uns in Sicherheit gebracht haben …«

»Möglicherweise.«

»… nämlich mit einer Art Zeitmaschine. Weil es eine andere Möglichkeit nicht mehr gab. Hätten wir es nicht getan, keiner von uns hätte überlebt.«

Wenn die Nachricht Pothawk schockte, so ließ er nichts davon erkennen. Die Erwähnung einer »Zeitmaschine« schien ihn nicht zu kümmern.

Vizquegatomi starrte Löcher in die Luft. Es war exakt dasselbe Desinteresse.

Durch eine seitliche Tür schlich plötzlich Limbox ins Zimmer, der Jüngste und mit Abstand Kleinste der Brüder: Limbox galt als technisches Genie. Er war kein Nahdistanz-Teleporter wie die anderen, sondern Telekinet.

Rhodan nickte Limbox zu. »Um es kurz zu machen, der Zeitsprung hat uns zwanzig Millionen Jahre in die Zukunft geführt. Für die Terraner der JULES VERNE ist das hier die Gegenwart, wir sind nur nach Hause zurückgekehrt. Aber für euch … Es tut mir leid, Pothawk, das zu sagen, aber unsere Zeitmaschine wurde durch den Sprung zerstört. Wir besitzen keine zweite, und wir können vermutlich nie wieder eine zweite bauen. Ihr seid bei uns in Sicherheit. Aber aus eurer Warte – seid ihr es zwanzig Millionen Jahre in der Zukunft. Ihr könnt nie wieder in die LAOMARK zurück. Ihr könnt nie wieder in eure Zeit zurück.«

Damit war es heraus.

Rhodan blickte forschend auf die Laosoor. Die Auskunft ließ sie in verdächtiger Weise kalt.

Pothawk verspeiste die Melonenhälfte. Scheinbar war er mehr auf den triefenden Saft konzentriert als auf Rhodans Worte. Vizquegatomi lehnte an der Wand, die Ohrenhände lethargisch eingezogen, und gab sich völlig ungerührt. Limbox horchte zwar, schielte jedoch mit einem Auge auf die Melone seines Bruders.

»Weißt du, Rhodan«, sagte Pothawk gleichmütig, die Schwanzhand Richtung Limbox ausgestreckt, »der Kleine hier hat selbstverständlich eure bordeigenen Trivid-Systeme angezapft. Wir wissen das alles längst. Für uns ist wichtig, dass bei Margin-Chrilox alles gut gegangen ist. Hauptsache, die LAOMARK hat sich in Sicherheit gebracht. Hauptsache, mein Volk hat überlebt, egal ob in dieser Zeit oder in der Vergangenheit, und das scheint ja so zu sein … Limbox, Hände weg!«

Pothawk fletschte die Reißzähne zu seinem Bruder, der versuchte, die zweite Melonenhälfte zu greifen.

Überrascht blickte Rhodan auf die Szene, und er begriff mit einem Mal, weshalb Pothawk nicht von seinem Diwan hochkam: Pothawk bewachte die gezuckerte Melone, und zwar vor dem Zugriff der eigenen Brüder.

»Jedenfalls, jetzt sind wir hier, und uns geht es nicht schlecht. – Mir persönlich macht das weniger aus, als du vielleicht denkst, Rhodan. Es gibt also keinen ›König‹ Pothawk mehr – gut so! Du glaubst nicht, wie mir das auf den Stock ging. Commander Pothawk, das klang doch schon immer besser, oder?«

»Ich bin froh, dass ihr es so leichtnehmt.«

»Wir nehmen es nicht leicht. Wir akzeptieren lediglich, was nicht zu ändern ist. Darin sind wir anders als Terraner. Heute ist die Realität.« Pothawks gelbe Augen nahmen einen berechnenden Ausdruck an. »Aber gibt es irgendetwas, das du uns für die Zukunft bieten kannst, Perry Rhodan? Eine Perspektive für Hightech-Diebe wie uns?«

Rhodan nickte. »Deshalb bin ich hier. Wenn es für uns alle schlecht läuft, ist die VERNE in diesem Sektor gestrandet. In dem Fall bleibt uns vielleicht nichts anderes, als einen Planeten zu suchen und eine Siedlung zu bauen. – Die Laosoor sind dazu als Nachbarn und Freunde willkommen. Ihr seid immerhin mehr als zweihundert. Für ein nettes Laosoor-Dorf reicht das.

Möglichkeit zwei wäre, dass wir auf irgendeinem Weg in unsere Heimat gelangen, in die Milchstraße. In dem Fall erlaube ich mir, euch um Hilfe zu bitten. Auch in der Gegenwart entsteht eine Negasphäre, und auch in der Gegenwart kämpfen wir gegen die Terminale Kolonne. Terra wäre euch zu großem Dank verpflichtet, wäret ihr noch einmal an unserer Seite. Und wenn das alles vorbei ist … dann biete ich euch Laosoor eine neue Heimat auf der Erde. Bei uns Terranern.«

Pothawk neigte freundlich den Kopf – mit einem warnenden Seitenblick zu Limbox, der unmerklich wieder näher rückte.

»Unser kleiner Melonendieb hier hat ein bisschen in euren Datenbanken gestöbert. Wir haben da eine Stadt namens Terrania entdeckt. Da könnte es uns gefallen! Und diese Negasphäre in der Galaxis Hangay … Das klingt wie eine echte Herausforderung. Für Hightech-Diebe eigentlich genau das Richtige.«

»Jetzt müsste man nur noch hinkommen«, kommentierte Vizquegatomi.

»Ich würde an eurer Stelle die JULES VERNE noch nicht aufgeben.«

»Tun wir nicht«, behauptete Pothawk. »Es gibt eine Terraner-Weisheit, die mir ganz passend erscheint: Wir sitzen alle in einem Boot. Zumindest momentan. Fürs Erste, Rhodan, sind die Sorgen der Terraner die Sorgen der Laosoor.«

In dem Moment, als Pothawk sich erhob, um Rhodan hinauszugeleiten, griff mit blitzartiger Geschwindigkeit Vizquegatomi zu.

Melonenhälfte zwei verschwand in den Ohrenhänden des Hünen – und mit demselben Wimpernschlag knallte Luft in das Vakuum, das seine Fluchtteleportation hinterlassen hatte.

Rhodan schüttelte entgeistert den Kopf. »Warum geht er nicht zur Bordküche und holt sich seine eigene Mahlzeit?«

»Weil er gewinnen will, Rhodan. Darum geht es doch. – Und solange er die Melone hat, denkt er zumindest nicht mehr an die LAOMARK.«

3.

Der neue Bordtag begann für Perry Rhodan ohne Sensation. Es gab keine Antwort auf den Notruf, von wem auch immer, und er hatte so schnell keine erwartet. Falls es überhaupt je dazu kam.

Eine Begehung des JV-Mittelteils, unter Führung von Daellian und Oberst Lasik, lieferte Einblick in das Ausmaß der Zerstörung: Von acht Antigravschächten, die als zentrale Verkehrsadern des Schiffsverbundes dienten, waren vier frei und unbeschädigt. Die übrigen vier wiesen Schäden auf, jedoch im reparablen Bereich. Alles andere lag in Trümmern. Man konnte froh sein, dass die tragende Struktur der riesenhaften Zylinderform gehalten hatte.

Rhodan, Mondra, Daellian und Lasik drangen in die Trümmerlandschaft ein, so weit es ging. Vom Kontextwandler ließ sich kaum ein Aggregat mehr identifizieren. Die 150 Meter messende Zentralkugel, im Schwerpunkt des JV-Mittelteils, war praktisch nicht zu erreichen; Robotdrohnen hatten sich zum Leitstand vorgearbeitet, aber auch von dort nur Bilder der Zerstörung übertragen.

»Was ist mit den Kupplungselementen?«, fragte Rhodan. »Lässt sich das Schiff im Notfall trennen?«

»Trennen und wieder verbinden«, antwortete Oberst Lasik, »wie es die Lage erfordert. Wir hatten Probleme mit der Interkonnekt-Feld-Flutung zwischen JV-2 und Mittelstück, aber unsere Techniker regeln das gerade. Das Schiff ist als Verbund absolut aktionsfähig. Nur wenn das Mittelteil aus eigener Kraft fliegen soll, geht nichts mehr.«

»Das klingt besser, als ich dachte! Wir werden …« Rhodan brachte den Satz nicht zu Ende.

Aus einem defekten Akustikprojektor drang ein ohrenbetäubendes, heulendes Geräusch, das er nicht am Ton, sondern allein am Rhythmus erkannte:

»Das ist Vollalarm!«

*

Rhodan und Mondra erreichten atemlos die Zentrale der JV-1.

Der Haupt-Hologlobus zeigte keine Gefahr, sondern das Gleißen der Zentrumssterne. Dennoch trugen sämtliche Mitglieder der Zentralecrew SERUNS. Jeder Platz war besetzt, bis auf die Besuchersessel und die Sitze der Expeditionsleitung. Oberst Ahakin führte das Kommando. Icho Tolot wachte als schwarzer, scheinbar lebloser Klotz von drei Metern Höhe in seinem roten Kampfanzug.

»Aktive Tasterimpulse!«, meldete Ahakin. »Die JULES VERNE wird von irgendwem regelrecht gescannt!«

»Von wem?«

»Wissen wir nicht. Die Verursacher lassen sich nicht blicken. Und ohne Ultra-Messwerk sind wir chancenlos!«

»Läuft der Hilferuf?«

»In allen Sprachen und Symbolkodes, Perry. Interkosmo wird in einer Translatorversion gesendet, sodass sich jeder unsere Sprache übersetzen kann.«

Rhodan und Mondra Diamond zogen die Schutzanzüge über wie alle anderen und nahmen ihre Plätze auf dem COMMAND-Podest der Zentrale ein.

Von hinten tönte ein schrilles Pfeifen: »Funktioniert das hier eigentlich auch mal drei Tage ohne mich?«

Der Mausbiber Gucky, der eigentlich im Heilschlaf hätte liegen sollen, wankte in Begleitung eines Medoroboters in die Zentrale.

Icho Tolot gab ein lautstarkes Räuspern von sich: »Ich habe mir erlaubt, Gucky wecken zu lassen. Sollten wir Besuch bekommen, wird er vielleicht gebraucht!«

»Ausgezeichnet, Tolot«, lobte Rhodan.

Der Mausbiber ließ sich in einen Sessel fallen, ein schlecht gelauntes Häuflein Elend mit einer halb abgenagten Mohrrübe in den Händen. Jason Colton, der Zweite Emotionaut der JV-1, rutschte in den Sessel neben ihm, hielt die Zigarre zur anderen Seite und begann, Gucky wispernd über die Lage in Kenntnis zu setzen.

Rhodan wollte eben die Hyperfunk-Verbindung umschalten lassen, formulierte im Geist eine Nachricht an unbekannt – als der Haupt-Hologlobus sich mit Leben füllte.

Rings um die JULES VERNE tauchten Raumschiffe aus dem Hyperraum.

Ein wahrer Schwarm silbriger Fische, so erschienen sie im Hologlobus; der Verband bestand aus 21 Einheiten, und Rhodan war sicher, dass er Raumschiffe der Bauart nie vorher gesehen hatte. Die elegant-bionisch geformten Raumer wiesen Längen zwischen 220 Metern und 1200 Metern auf. Ihre Bugregionen waren leicht verdickt, gegenüber einem schlank auslaufenden, mit einer Finne versehenen Heck. Jede der Einheiten verfügte zwischen Bug und Heck über eine Aussparung, die für Module genutzt werden konnte. Bei den meisten Einheiten des Verbandes war die Modul-Bucht frei, ein Drittel der Schiffe flog jedoch voll bestückt.

Der Verband der »Silberfische« fächerte blitzschnell aus. Eine halbe Kugelschale entstand und umgab die JULES VERNE.

»Verdammt, wollen die etwa …«

»Eindeutig ein feindseliger Akt, wenn ich mir das …«

»Ruhe!«, ordnete Ahakin an. »Wir sind hier die Fremden! Ist doch klar, dass die erst mal misstrauisch sind!«

Das Gemurmel erstarb.

Zur Sonne hin blieb die halbe Kugelschale offen. Die Einheiten hatten bestes Schussfeld – und dem Hantelschiff stand als Fluchtweg nur die Richtung zur Sonne offen.

»Paratrons?«, fragte Ahakin laut.

»Keine!«, bestimmte Rhodan. »Wenn sie uns abschießen wollen, können sie das jederzeit tun, Paratrons oder nicht.«

Ahakin nickte. Die Entscheidung war korrekt.

Rhodan warf einen schnellen Seitenblick zu Mondra Diamond: Tare-Scharm war nicht leer und verlassen.

»Oberstleutnant Brock«, kommandierte er nach Backbord, zur Ortungs- und Funkstation, »Notruf stoppen, stattdessen Hyperfunkverbindung! Ich will mit den Leuten reden.«

*

Rhodan wusste, dass er weder zu Terranern noch zu einem sonst wie bekannten Volk sprach. Dennoch straffte er sich und hob in selbstbewusster Körpersprache den Kopf.

»Mein Name ist Perry Rhodan«, formulierte er auf Interkosmo. »Raumschiff JULES VERNE, Liga Freier Terraner, Herkunft Galaxis Milchstraße. Dieses Raumschiff ist in friedlicher Absicht unterwegs. Wir befinden uns in dieser Region auf dem Durchflug, haben jedoch schwere Schäden erlitten und befinden uns in Raumnot. Aus dem Grund erbitten wir Hilfe.«

Wer die JULES VERNE in dem zentralgalaktischen Hypersturm geortet hatte, hatte mit Gewissheit auch das Notsignal empfangen. Die Übersetzung seiner Ansprache sollte per Translator kein Problem sein.

Doch nichts geschah.

Rhodan blickte nach links zu Brock, und der Oberstleutnant schüttelte den Kopf.

Unverwandt starrte Rhodan in den Sensor – bis mit einem Mal ein Signallicht anzeigte, dass eine Sendung einlief.

»Wird transformiert«, formulierte Brock lautlos, nur mit den Lippen.

NEMO entschlüsselte das Übertragungsformat. Vor Rhodans Augen blendete ein Holo auf, und aus wirbelnden Farben formte sich ein kaum bewegtes Bild.

Eine Gruppe feingliedriger Humanoider starrte in die Kamera. Es waren drei. Sie hielten sich eng beieinander. Die Haut der Wesen schimmerte übereinstimmend smaragdgrün, die Augen wirkten katzenhaft, misstrauisch und wach. Alle drei trugen Kombinationen in weinroter Farbe, die zur Haut stark kontrastierte. Die Symbole, die sich an zahlreichen Stellen der Kleidung fanden, stufte Rhodan als Schriftzeichen ein; mit einer gewissen Ähnlichkeit zum terranischen Altarabisch.

Der Fremde, der im Vordergrund der Gruppe stand, war vermutlich ein Anführer. Er trug als Einziger eine Art schneeweißes, wallendes Gesichtshaar. Der seltsame Bart oder was immer es war, reichte vom Kinn bis hinab zur Brustregion des Wesens.

»Fremde! Mein Name ist Castun Ogoras vom Kommandoschiff LIRIO! Wir gehören zum Volk der Yakonto – und unsere Rapid-Kreuzer vertreten die Wächterflotte von Evolux!«

Rhodan hatte weder von Yakonto noch von Rapid-Kreuzern oder einer Evolux-Wächterflotte je gehört.

Die Worte aus dem Mund des Humanoiden klangen bassig und streng. Ogoras, wie der Bärtige sich nannte, benutzte die Sprache der Mächtigen. Ein Idiom, das auch Perry Rhodan fließend sprach; die Verständigungsform wurde von zahlreichen Helfern der Kosmokraten eingesetzt.

»Euer Raumschiff befindet sich in einer absoluten Sperrzone«, sprach Ogoras weiter. »Ihr werdet euer Zugegensein an diesem Ort zu erklären haben! Und seid gewiss, dass wir jegliche Erklärung überprüfen.«

»Castun Ogoras«, formulierte Rhodan, ebenfalls in der Sprache der Mächtigen, »die JULES VERNE kann jegliche Erklärung liefern. Ich weise allerdings darauf hin, wir benötigen dringend Hilfe. Dieses Schiff ist schwer beschädigt. Sämtliche Hyperkristalle hoher Qualität sind vernichtet. Wir sind nicht mit Absicht in diesem Sektor aufgetaucht, sondern infolge eines manövriertechnischen Unfalls.«

Ogoras folgte Rhodans Lippen: Der Terraner beherrschte ebenfalls die Sprache der Mächtigen.

Reaktionen fremder Völker waren schwer einzuschätzen, doch Rhodan interpretierte die Mimik unter dem weißen Bart instinktiv als verblüfft. Der erste Punkt ging an ihn.

Der zweite dafür an Ogoras: »Die Orter der LIRIO haben euer Schiff längst abgetastet. Wir sind der Ansicht, dass die JULES VERNE aus einem schweren Gefecht kommt. Von einem Unfall im harmlosen Sinn kann keine Rede sein.«

»Du glaubst mir nicht?«

»Ich halte deine Auskunft für eine glatte Lüge.«

Rhodan und Castun Ogoras starrten einander an. Die Kräfteverhältnisse waren klar. Nur nicht, wie man damit umzugehen hatte.

»Die Galaxis Tare-Scharm«, erläuterte Ogoras, »wird von den kosmischen Ordnungsmächten reguliert und beansprucht. Da du dieselbe Sprache sprichst wie ich, Perry Rhodan, setze ich voraus, dass du die Ordnungsmächte und die Kosmokraten kennst …«

»Ja.«

»Bevor wir über eine Hilfeleistung für eure JULES VERNE nachdenken, ist definitiv auszuschließen, dass durch euch ein Angriff der Chaosmächte eingeleitet wird. Wir werden uns überzeugen, dass das nicht der Fall ist. Wir nehmen euer Schiff entweder unter die Lupe, mit all eurer Unterstützung – oder ich lasse euch abschießen. Aus Gründen der präventiven Sicherheit.«

Ogoras meinte, was er sagte. Und Rhodan wusste, dass die VERNE in einem Gefecht nicht bestehen konnte.

»Wie sieht die Überprüfung aus?«

»Wir schicken ein robotisches Inspektionskommando. Es liegt in eurem Interesse, die Kontrolleure mit absoluter Offenheit zu empfangen.«

»Gut. Wir werden auf euer Kommando warten.«

Schon schien der Funkkontakt beendet – als Ogoras von der Seite ein Stück Folie gereicht bekam, das mit Schriftzeichen beschrieben war. Rhodan konnte sehen, dass der Yakonto die Nachricht nicht einmal, sondern ein zweites und ein drittes Mal las, bei jedem Durchgang aufgeregter als das Mal davor. So als wolle er nicht glauben, was auf der Folie geschrieben stand.

Castun Ogoras blickte mit seinen Katzenaugen plötzlich wieder auf Rhodan. In seinem nichtmenschlichen Gesicht stand ein undefinierbarer Ausdruck.

»Terraner, ich will, dass du den Ausschnitt deiner Bilderfassung änderst. Ich will dich ganz sehen.«

»Bitte?« Rhodan bezweifelte, dass er recht verstanden hatte. »Du willst meinen kompletten Körper ansehen?«

Ogoras bestätigte mit Nachdruck: »Ja.«

»Mit Bekleidung oder ohne?«

»Deine Bekleidung ist mir egal.«

Die Forderung klang in hohem Maß seltsam, doch Rhodan sah kein Problem darin, Ogoras’ Wunsch zu erfüllen.

Er gab Zeichen zu Oberstleutnant Brock. Der Bildausschnitt zog auf.

Vor den Augen seiner Zentralecrew erhob er sich aus dem Sessel, blickte in das Hologramm und stellte sich auf dem COMMAND-Podest gerade hin. Rhodan war nun vollständig zu erkennen.

Die Katzenaugen des grünen Humanoiden weiteten sich. »Ehrwürdiges Aulicio Mac’lai!«, staunte Castun Ogoras – mit einer Fassungslosigkeit, deren Anlass nicht erkennbar wurde. »Und ich habe es nicht glauben wollen … Haltet euch bereit, Perry Rhodan, ich komme in wenigen Minuten an Bord eurer JULES VERNE.«

Die Verbindung brach plötzlich ab.

Rhodan vermerkte, dass von einem Robotkommando keine Rede mehr war. Sondern Castun Ogoras wollte persönlich kommen, nachdem er Rhodans Körper gesehen hatte.

»Was ist mit dem denn los?«, fragte Mondra Diamond.

*

NEMOS Datenbestände gaben weder zum Stichwort »Yakonto« noch zu »Evolux« das Geringste her. Beide waren Eigennamen und ließen sich mit dem vorhandenen Datenstamm nicht deuten.

Rhodan machte sich klar, dass sie unverschämtes Glück hatten. Die Yakonto waren Kosmokratenhelfer. Ihr Auftreten fand ein Ende, sobald die VERNE als verbündet erkannt wurde.

Im Hantelschiff wurden nicht einmal sonderliche Vorkehrungen getroffen. Eine Inspektion einer freundlich gesinnten Macht überstanden sie problemlos.

Allein was Ekatus Atimoss anging, fragte Rhodan gründlich nach: Ja, der Dual lag nach wie vor im Heilschlaf, gut verwahrt in der Medostation der JV-1. Nach dem Schock des Kontextsprungs war Ekatus Atimoss ohne Bewusstsein, und der Dual würde dies noch einige Tage bleiben.

»Die Yakonto fürchten eine Operation der Chaosmächte, nicht wahr?«, begründete Rhodan. »Wir wollen nicht, dass man Atimoss als Angehörigen TRAITORS erkennt. Ich bin nicht sicher, ob Ogoras einen Überläufer akzeptieren würde.«

Rhodan und sein Empfangskommando bezogen Position auf Deck 18, in einem leeren Hangar, der für die Aufnahme von Lasten oder Raumfahrzeugen bis dreißig Meter geeignet war.

In vorderster Reihe standen Mondra Diamond und eine Handvoll geschulte Missionsspezialisten, dahinter und daneben einige Ertruser und Epsaler. Alle trugen SERUNS, aber keiner führte eine Waffe mit. Auf Kampfroboter hatte Rhodan verzichtet.

Im Hintergrund des Hangars hockte auf einer Gerätekiste Gucky, ebenfalls mit Schutzanzug, doch mit der Körperhaltung eines Schwerkranken.

Alles klar, Kleiner?, formulierte Rhodan in Gedanken. Weil er wusste, dass Gucky ohnehin seine Gedanken zu erfassen suchte, der Mentalstabilisierung zum Trotz. Stell dich nicht so an. Ich bin sicher, Mondra krault dich heute Abend eine Runde.

Gucky hob den Daumen und ließ gequält ein Stück Nagezahn erkennen.

Die Hangarschotten fuhren beiseite. Dahinter lag freies Weltall, das Gleißen der Sterne im zentralgalaktischen Raum von Tare-Scharm. Die LIRIO, Kommandoschiff des Yakonto-Verbandes, manövrierte in geringer Geschwindigkeit zur Wandung der JULES VERNE. Die übrigen zwanzig Rapid-Kreuzer blieben auf Abstand, in ihren zuvor eingenommenen Feuerpositionen.

Rhodan sah die Hülle des Kreuzers größer werden, bis nur noch ein kleiner Ausschnitt erkennbar war.

Auf der Gegenseite öffnete sich ein Schott, und in dem gleißend hellen Raum, der dahinter erkennbar wurde, standen sieben Humanoide.

»Prallfeldtunnel projizieren!«, kommandierte Rhodan laut.

»Ist aufgebaut!«

Durch den Weltraum reichte eine Röhre aus schimmernder Energie.

Die Humanoiden setzten sich in Bewegung, passierten den Tunnel und näherten sich dem Hangar der JV-1.

Alle sieben waren Yakonto. Sie trugen weinrote Schutzanzüge, aber keine Waffen, so wie die Terraner. Ihre Körpergröße lag bei 1,60 bis 1,70 Metern. An der Spitze ging Castun Ogoras, der Humanoide mit dem weißen Bart.

Als der Letzte der sieben im Hangar stand, schloss das Schott, und der Prallfeldtunnel erlosch. Die Besucher analysierten die Atmosphäre. Schließlich öffneten sie transparente Helme und sogen prüfend die Atmosphäre der JULES VERNE in ihre Lungen.

Ogoras hielt ohne Umschweife auf Rhodan zu.

Perry Rhodan fühlte sich intensiv in Augenschein genommen – und er selbst starrte ungeniert zurück. Der weiße Bart schien kein Zeichen von Alter zu sein, sondern war eine physiologische Besonderheit. Fragte sich nur, welche.

Gucky?, formulierte er lautlos. Kannst du ihre Gedanken lesen? Was ist mit den Yakonto los?

Er warf einen raschen Blick zur Seite, zu der Gerätekiste, wo der Mausbiber mit konzentrierter Miene hockte. Doch Gucky schüttelte nur unmerklich den Kopf; in Rhodans Augen keine Überraschung: Wer im Dienst der kosmischen Ordnungsmächte stand, ließ sich nicht durch Telepathen fassen.

»Kommandant Ogoras«, sagte Rhodan laut, »ich begrüße dich und deine Begleiter an Bord. Dieses Schiff stellt definitiv keine Bedrohung dar. Seid uns willkommen!«

Ogoras kopierte exakt die kurze Verneigung, die Rhodan angedeutet hatte.

»Perry Rhodan: Ich und meine Mannschaft fühlen uns geehrt. Aber bevor wir uns mit dem Schiff befassen, erst einmal zu deiner Person: Wir haben herausgefunden, dass deine äußere Erscheinung in den Speichern der LIRIO verzeichnet ist. Sie entspricht der eines bekannten Ritters der Tiefe. Deshalb musste ich deinen ganzen Körper sehen, zum besseren Vergleich. Aus diesem Grund meine abschließende Frage: Bist du diese Person, an die wir denken?«

»Ich bin es«, sagte Rhodan überrascht. Dass seine Ritteraura wahrgenommen wurde, kam vor, und es hatte ihm gelegentlich Vorteile gebracht. Als Ritter jedoch persönlich erkannt zu werden, zumal in einer fremden Galaxis, war alles andere als Standard. »Aber ich bin nicht als Gesandter der Ritter hier, und ich möchte nicht den Anschein erwecken, es wäre so. Der Orden ist nicht mehr aktiv.«

»Wir wissen das, und wir bedauern es. Das Volk der Yakonto hat lange Zeit im Auftrag des Ritterordens gearbeitet. Insbesondere der Ritter Igsorian von Veylt – du kennst den Namen? – hat zuletzt unsere Dienste in Anspruch genommen. Auch wenn das lange her ist. Ich habe Igsorian leider nicht mehr persönlich erlebt, weil ich zu jung bin.«

Rhodan widmete jedem der sieben Yakonto einen verbindlichen Blick, und er hoffte, dass die Mimik von den smaragdgrünen Humanoiden verstanden wurde. Die Dinge liefen gut.

»Kommandant Ogoras: Tritt näher. Ich bitte dich und deine Leute in die Zentrale der JULES VERNE.«

*

Ein Laufband trug sie Richtung Mittelachse der JV-1, zu den zentralen Antigravschächten.

Tief im Schiff wurde gearbeitet, weil der Reparaturbetrieb selbst jetzt nicht stillstand, und man hörte es jede Sekunde aus einer anderen Richtung. Schotten, die sich aufgrund von Schäden nicht schließen ließen, standen in den Korridoren hin und wieder offen, in den Sälen dahinter herrschte Dunkelheit. Transportroboter mit Ersatzmaterial zogen in einer Kolonne vorbei. Nur Terraner ließen sich nicht sehen; die Route der Inspektoren war für Besatzungsangehörige momentan gesperrt.

Links klaffte in einer Wand aus Metallplastik ein tiefer Riss, rechts war eine Front stillgelegte Aggregate notdürftig abgesperrt. Ogoras gab seinen Begleitern Zeichen, und einer der Yakonto scannte in der Vorbeifahrt die Schadensstellen.

»Die Yakonto haben für die Ritter gearbeitet?«, fragte Rhodan den Kommandanten.

»So ist es! Die Geschichte ist sehr lang. Sie macht die Urhistorie meines Volkes aus. Unser Eintritt in den Dienst der Ordnungsmächte liegt zwei Millionen Jahre zurück, wir verdanken das dem legendären Ritter Terak Terakdschan. Du kennst auch diesen Namen noch?«

»Terakdschan ist mir bekannt.«

Ogoras blickte von der Seite zu Rhodan auf.

»Nicht etwa …«

»… persönlich, doch, natürlich. Ich habe im Dom Kesdschan meine Ritterweihe erhalten.«

Terak Terakdschan galt als Gründer des Ordens, vor 2,2 Millionen Jahren. Nach seinem körperlichen Tod war Terakdschans Geist in den Dom Kesdschan aufgegangen, das materielle Zentrum des Ordens, und hatte die Stätte beseelt. Seither gab Terakdschan an jeden neuen Ritter sein Vermächtnis weiter, so auch an Perry Rhodan.

Ogoras drehte sich auf dem Band direkt zu dem Terraner um.

»Von allen Yakonto, die leben, hat keiner je persönlich Terakdschan kennengelernt. Wir verlassen den Planeten Evolux nicht. Keiner von uns war je auf Khrat. – Aber selbst wenn die Ritter der Tiefe heute nicht mehr aktiv sind, der Ritterorden war stets moralischer Maßstab in unserem Volk.«

Castun Ogoras drehte sich nach vorn zurück, und der Blick aus den Katzenaugen reichte scheinbar ins Leere.

»Die Zeiten haben sich natürlich geändert, Perry Rhodan. Wir wissen vom Bann der Kosmokraten und vom Ende der Ritter. Heutzutage sind neue Kräfte am Werk, und sie bekämpfen mit ihren Mitteln das Chaos und die Chaotarchen. Aber wir Yakonto … wir wünschen uns immer noch die Rückkehr zu den alten Werten.«

Das Laufband war zu Ende. Rhodan führte sie in einen Antigravschacht. Sie sanken schwerelos die Röhre hinab, bis Deck 11 im Mittelpunkt der Kugelzelle, und gingen Richtung Zentrale.

Ogoras starrte auf die versammelten Terraner, auf den Hologlobus und die Abbilder der Rapid-Kreuzer.

»Aber sei es, wie es sei, Rhodan: Wir haben eine Aufgabe! Eure JULES VERNE ist in einer Sperrzone aufgetaucht. Dies hier ist Einzugsgebiet von Evolux. Wir werden euer Schiff also inspizieren, und wir müssen die Hintergründe eures Erscheinens klären.«

»Wir haben von diesem Evolux nie gehört.«

»Und so wäre es besser auch geblieben.«

»Unsinn, Ogoras! Wenn selbst Igsorian Bescheid wusste …?«

»Igsorian von Veylt kam nicht unter derart mysteriösen Umständen.«

Was mit hoher Wahrscheinlichkeit der Wahrheit entsprach. Rhodan bohrte nicht länger nach, sondern akzeptierte Ogoras’ Schweigen.

»Also gut.« Er bot mit einer Geste die Zentrale an: »Von hier wird die JULES VERNE gesteuert, seht euch um!«

Ogoras verzog das Gesicht in einer Art, die Rhodan als Lächeln interpretierte. »Ich bin sicher, dass wir dort nichts finden werden. Nein, deine Zentrale interessiert uns nicht. Wir bestimmen unseren Weg selbst.«

Einer der Yakonto hob ein Gerät mit Display, auf dem eine Schemazeichnung der VERNE zu erkennen war – und deutete quer durch die Zentrale nach Backbord. Rhodan nickte ergeben.

Über Stunden führte der Streifzug durch die Sektionen der JV-1. Ogoras hielt immer wieder inne, besprach sich mit seinen Begleitern, und die Yakonto nahmen scheinbar wahllos Aggregate des Schiffes unter die Lupe. Egal ob alte oder neue Technologie, egal ob funktionsunfähig oder mitten im Betrieb.

»Die JULES VERNE fliegt im Auftrag einer Wesenheit, die sich der Nukleus nennt«, klärte Rhodan auf, während sie sich der unteren Polkuppel näherten, dem Übergang zum JV-Mittelteil. »Der Nukleus residiert in einer Galaxis, die 45 Millionen Lichtjahre von hier entfernt ist. Wir nennen diese Galaxis Milchstraße. Dort befindet sich meine Heimat. Der Nukleus wiederum kämpft gegen eine Proto-Negasphäre, die in direkter galaktischer Nachbarschaft zur Milchstraße entsteht. In einer Galaxis namens Hangay. Wegen dieser Proto-Negasphäre wurde die JULES VERNE ausgeschickt. Um gewisse Informationen zu besorgen.«

Rhodan vermerkte ein auffälliges Atemholen auf der Gegenseite, als der Begriff Negasphäre fiel. Der Ausdruck schien bekannt zu sein.

»Die JULES VERNE befindet sich also im Kampf gegen die Chaosmächte. Unser Gegner ist die Terminale Kolonne TRAITOR. Deshalb ist unser Schiff in dem Zustand, den ihr seht: weil wir eben erst aus einem Gefecht mit Einheiten der Terminalen Kolonne entkommen sind.«

»Einheiten TRAITORS operieren in Tare-Scharm?«, fragte Ogoras schnell.

»Nein. Es war nur unsere Flucht, die uns hierher geführt hat. Und wenn es möglich ist, wollen wir so schnell wie möglich wieder fort! Die geforderten Informationen wurden von der JULES VERNE jedenfalls besorgt. Unser Problem ist, wie kommen wir nach Hause zurück? Wenn ihr uns helfen könnt, sind wir in kürzester Zeit verschwunden. Dann ist euer Evolux für uns völlig egal.«

Der katzenäugige Humanoide richtete sich kerzengerade auf. »Stopp, Perry Rhodan!«

Rhodan hielt inne.

»Ganz gleich, wie sehr wir die Ritter und den Orden bewundern – zum Narren halten lassen wir Yakonto uns nicht! Die Technologie an Bord ist zum größten Teil völlig unbrauchbar. So hat man vor dem Hyperimpedanz-Schock gebaut. Andererseits sagen unsere Materialprüfer, dass die JULES VERNE danach konstruiert wurde. Also warum baut man eine solche Menge unbrauchbare Aggregate in ein neues Schiff?«

Rhodan gab keine Antwort. Er konnte nicht, weil die Wahrheit die Zeitexpedition der JULES VERNE verraten hätte.

»Der kleinere Teil eurer Technologie«, legte Ogoras nach, »funktioniert zwar ganz ausgezeichnet. Sieht man von dem Mangel an Hyperkristall ab. Aber diese Technik ist nicht einmal genug, um das Schiff von einer Galaxis in die andere zu bringen.«

Rhodan schwieg.

»Mit den Lineartriebwerken, wie ihr sie nennt, käme man gerade bis zum Rand von Tare-Scharm. Also, wie seid ihr dann hergekommen? Gleichzeitig leugnest du, dass euer Gefecht in Tare-Scharm stattgefunden hat. Wo war dieses Gefecht mit der Terminalen Kolonne denn nun wirklich? – Du bist ein Ritter der Tiefe, aber das sind mir zu viele Lügen.«

Rhodan überlegte lange, was er Ogoras antworten sollte.

»Kommandant«, sagte er schließlich, »ich habe dir keineswegs alles gesagt, das ist wahr, aber es war keine einzige Lüge dabei. Den wahren Sachverhalt kann ich nicht preisgeben. Die Geheimhaltungsstufe meiner Operation ist maximal.«