Perry Rhodan-Paket 51: Stardust (Teil 1) -  - E-Book

Perry Rhodan-Paket 51: Stardust (Teil 1) E-Book

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Beschreibung

Auf der Erde und den Planeten in der Milchstraße, auf denen Menschen leben, schreibt man das Jahr 1463 Neuer Galaktischer Zeitrechnung - das entspricht dem Jahr 5050 christlicher Zeitrechnung. Seit über hundert Jahren herrscht Frieden in der Galaxis: Die Sternenreiche arbeiten zusammen daran, eine gemeinsame Zukunft zu schaffen. Die Konflikte der Vergangenheit scheinen verschwunden zu sein. Vor allem die Liga Freier Terraner, in der Perry Rhodan das Amt eines Terranischen Residenten bekleidet, hat sich auf Forschung und Wissenschaft konzentriert. Mithilfe uralter Transmitter will man die riesigen Entfernungen zwischen Sonnensystemen und gar Galaxien überwinden. Zudem hofft man auf einen Technologietransfer aus bisher unbekannten Bereichen. Dazu dient unter anderem eine mysteriöse Raumstation, die zwischen den Ringen des Planeten Saturn schwebt. Die Terraner wollen dem Artefakt aus tiefster Vergangenheit seine Geheimnisse entlocken. Von der Station aus gibt es einen Zugang zum geheimnisvollen Polyport-Netz mit seinen Stationen, die überall im Universum positioniert sind - doch auch die Frequenz-Monarchie möchte das Netz in seinen Besitz bringen ...

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EPUB

Seitenzahl: 6623

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Nr. 2500

Projekt Saturn

Sie öffnen das Tor zu den Sternen – die Frequenz-Monarchie wird ihr Gegner

Frank Borsch

Auf der Erde und den zahlreichen Planeten in der Milchstraße, auf denen Menschen leben, schreibt man das Jahr 1463 Neuer Galaktischer Zeitrechnung – das entspricht dem Jahr 5050 christlicher Zeitrechnung. Seit über hundert Jahren herrscht in der Galaxis weitestgehend Frieden: Die Sternenreiche arbeiten zusammen daran, eine gemeinsame Zukunft zu schaffen.

Die Konflikte der Vergangenheit scheinen verschwunden zu sein.

Vor allem die Liga Freier Terraner, in der Perry Rhodan das Amt eines Terranischen Residenten trägt, hat sich auf Forschung und Wissenschaft konzentriert. Mithilfe uralter Transmitter will man die riesigen Entfernungen zwischen Sonnensystemen und gar Galaxien überwinden.

Zudem hofft man auf einen Technologietransfer aus bisher unbekannten Bereichen. Dazu dient unter anderem die mysteriöse Raumstation, die zwischen den Ringen des Planeten Saturn schwebt. Die besten terranischen Wissenschaftler und Techniker arbeiten daran, dem Artefakt aus tiefster Vergangenheit seine Geheimnisse zu entlocken.

Doch die Menschen sind nicht die Einzigen, die sich für das Objekt interessieren. Auch die Frequenz-Monarchie richtet ihr Augenmerk auf die Station – und es beginnt ein gefährlicher Konflikt um das PROJEKT SATURN ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner bekommt Probleme mit dem mysteriösen Projekt Saturn.

Mondra Diamond – Die Liga-Staatssekretärin, Exartistin und Exagentin fühlt sich an ihrer Neugierde gepackt.

Milton DeBeer – Der exzentrische Hyperphysiker erforscht ein uraltes Artefakt von großer Bedeutung.

Sinnafoch – Der Frequenzfolger greift mit seinen Darturka-Regimentern nach dem Solsystem.

Skulptis

Prolog

Sterne glitzern, malen unbekannte Bilder in den Himmel einer fremden Welt.

Der alte Mann sitzt auf einem Felsen. Tau ist auf seinem weißen Bart gefroren, doch er friert nicht. Eine Superintelligenz kann nicht frieren.

ES blickt über die Ebene zu seinen Füßen. In der Ferne erstrecken sich die fahlen Umrisse einer Maschinenstadt.

Ein Windhauch streift sein Gesicht. Eine Gestalt entsteht neben ES. Sie gleicht einem Menschen, ist groß und schlank. Ein Mann. Er trägt eine einteilige Kombination, so eng, dass sie wie eine zweite Haut wirkt.

»Homunk«, sagt ES. »Es ist gut, dich zu sehen.«

»Meister?«

»Über hundert Menschenjahre des Friedens sind vergangen. Aber damit ist es nun vorbei. Er braucht unsere Hilfe. Und wir seine.«

»Ich soll ihn aufsuchen?«

»Er braucht Rat, einen Hinweis. Er steht vor großen Entscheidungen. Das Schicksal seines Volkes hängt von ihnen ab. Deshalb: Geh zu ihm!«

»Ja, Meister.«

Homunk senkt den Kopf und empfängt die Nachricht, die ihm sein Meister mental überträgt.

Ein weiterer Windhauch. Homunk hat sich auf den Weg gemacht.

ES richtet seinen Blick wieder zur fernen Maschinenstadt. Sein Blick wandert. Zum Himmel empor, in den Orbit der Welt, die der Erde gleicht und doch keine Erde ist, zwischen die Sterne der Spiralgalaxie, die den Planeten beherbergt, zwischen unzählige Galaxien ...

... und schließlich fällt er auf das Gesicht des Terraners.

Perry Rhodan.

Auf ihm ruht seine Hoffnung.

1.

3. Januar 1463 NGZ

Bericht: Mondra Diamond

Es ist nicht immer leicht, die Gefährtin eines Unsterblichen zu sein.

Nicht, wenn du selbst knapp über zweihundert bist, Lebenserwartung ungewiss, aber potenziell unbegrenzt, und dein Partner über dreitausend.

Nicht, wenn dein Partner Perry Rhodan heißt.

Der Mann, der die Menschheit zu den Sternen geführt hat. Den das Schicksal Milliarden Lichtjahre in das Universum hinausgeführt hat, in die fernste Zukunft, die tiefste Vergangenheit und in fremde Dimensionen. Dessen Augen das Licht unzähliger Welten gesehen haben. Der über die Jahrtausende der Menschheit treu geblieben ist und ihr nun als Terranischer Resident dient.

Perry kam kurz nach Sonnenaufgang in den Garten meines Hauses am Goshun-See. Er weiß, dass ich das nicht mag. Der Morgen ist die heilige Zeit der Artisten. Im Zirkus sind es die einzigen Stunden, die du für dich hast.

Tagsüber übst und übst und übst du, bis dir die Gelenke rauchen. Abends hast du Vorstellung. Du stehst im Licht von Scheinwerfern, so stark, dass sie den Lack von einer Space-Jet wegsengen könnten. Tausende Augenpaare sehen nur dich. Der Adrenalinschub. Das unvergleichliche High, gelingt deine Nummer. Hinterher das Chill-out mit den anderen Artisten, die unruhige Nacht, in der dein Gehirn immer wieder über die Nummer geht und sich am kleinsten Fehler aufhängt anstatt an den Dingen, die dir gelungen sind. Dann endlich der Morgen. Eine Oase des Friedens. Deine Zeit.

»Mondra!«, rief Rhodan. »Komm runter, ich will dir etwas zeigen!«

Er musste den Kopf tief in den Nacken legen, um mich zu sehen. Ich hing oben am Trapez. Und das Trapez wiederum vom weit ausladenden Ast eines wachstumsbeschleunigten Mammutbaums, den ich vor sechzig Jahren gepflanzt habe. Am Grab eines zwergenhaften Klonelefanten namens Norman, der mir verdammt viel bedeutet hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

»Ich denke nicht daran!«, rief ich zurück, ohne hinzusehen. »Ich habe zu tun.«

Eine glatte Lüge. Ich würde Perry überallhin folgen, alles liegen und stehen lassen. Aber ich würde mir lieber die Zunge abbeißen, als es ihm je zu sagen. Im Leben musst du sehen, wo du bleibst. Das habe ich früh gelernt. Und wenn du es mit Perry Rhodan zu tun hast ... Es ist so etwas wie eine Dehnübung, die niemals aufhört. Du musst die Spannung halten, dich strecken, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein, ununterbrochen. Ein Unsterblicher gibt ein Maß vor, dem zu genügen eigentlich unmöglich ist.

»Mondra, bitte! Es wird dir gefallen, glaub mir!«

Ich glaubte es ihm. Perry hatte etwas vor. Er trug einen SERUN, die Art von Schutzanzug, mit der du im Vakuum, auf Eiswelten oder in der Korona einer Sonne durchkommst. Der SERUN stand Perry gut. Der Anzug roch nach Abenteuer.

»Ich habe eben erst angefangen«, rief ich, als hätte ich nichts von dem SERUN bemerkt. »Komm heute Nachmittag wieder!«

Ein winziges Zögern, bevor seine Antwort kam. Gut. Der Herr Resident ist Widerspruch nicht gewohnt. Von mir bekommt er ihn, deshalb – und das ist mein Geheimnis – kommt er immer wieder zu mir zurück für einen Nachschlag.

»Das ist nicht dein Ernst!«, rief er. »Du willst den ganzen Tag da oben wie ein Stück Obst hängen?«

»Nein, in der Haltung der umgekehrten Weisheit, welche die wahre Sicht der Dinge bringt«, entgegnete ich. »Ein Apfel arbeitet nicht. Er ist über den Stiel fest mit dem Ast verbunden. Das hier, Weisheit, ist Arbeit.«

Was stimmte. Wer das nicht glaubt, soll es zu Hause ausprobieren. Einfach Trapez an der Decke aufspannen, hochklettern, die Kniekehlen um die Stange schmiegen und den Kopf hängen lassen. Aber Vorsicht! Verlässt dich einen Moment die Spannung, knallst du auf den Boden und bist Fallobst.

Und das mit dem Nachmittag ... na ja, eine halbe Stunde genügt. Ich war und bin Artistin, aber trotz aller anderen Titel und Berufe in den letzten Jahrzehnten bin ich nicht durchgeknallt. Doch diese halbe Stunde ist unvergleichlich. Ich hänge im Garten, das Trapez baumelt von einem Ast meines Mammutbaums, dreißig Meter hoch, und ich blicke auf Terrania City, die aufregendste Stadt, die Menschen je gebaut haben, und sie steht für mich kopf.

Ich kann von dieser Stadt nicht genug bekommen. Einhundert Millionen Menschen, das Nerven-, Wirtschafts-, kulturelle und Was-weiß-ich-noch-Zentrum der Liga Freier Terraner. Unzählige Gleiter in der Luft, ihr Summen wie das eines Bienenschwarms. Raumschiffe aus allen Teilen der Milchstraße, die in einem nie zu Ende gehenden Strom landen und starten. Die Solare Residenz, die wie eine riesige, geballte Hand über allem schwebt. Das Symbol der Macht Terras.

Terrania City ist überwältigend. Die Stadt scheint für die Ewigkeit gemacht, scheint seit dem Anbeginn der Zeit zu existieren. Doch der Schein trügt. Terrania City ist keine dreitausend Jahre alt. Der Mann, der ungeduldig unter mir im Gras stand, hatte sie gegründet, auf einem öden Flecken Wüstenerde. In den Jahrtausenden, die seitdem vergangen waren, war die Stadt mehr als einmal in Schutt und Asche gelegt worden – und jedes Mal hatte sie sich aus den Trümmern neu erhoben, als besäße sie mehr Leben als eine Katze.

Klingt abgehoben? Mag sein. Aber das sind eben die Art Gedanken, die dir durch den Kopf schießen, wenn du mit dem Kopf nach unten vom Trapez hängst, sich das Blut in deinem Kopf staut und der Puls in deinen Schläfen hämmert. Deine Wahrnehmung ändert sich, schärft sich.

»Willst du den ganzen Tag mit Arbeit verbringen?«, rief Perry von unten.

»Wieso nicht?«, antwortete ich. »Hast du etwas Besseres zu bieten?«

»Ja!«

»Was?«

»Das kann ich dir nicht sagen. Das musst du mit eigenen Augen sehen.«

»Tatsächlich?«

»Tatsächlich.« Perry grinste jetzt. Er spürte, dass er mich am Haken hatte. »Also?«

Ich tat so, als überlegte ich. Dann spannte ich die Bauchmuskeln an und schnellte hoch. Meine Kniekehlen lösten sich von der Trapezstange, meine Hände fanden die Seile, griffen sie und stießen mich ab. Ich stürzte im freien Fall, bekam knapp über dem Boden einen Ast zu fassen, griff nach ihm wie nach der Stange eines Barren, drehte mich viermal um die eigene Achse, um meinen Schwung abzubauen, ließ ihn los, kam direkt vor Perry auf dem Boden auf – und stand die Figur.

Sein Grinsen war gefroren. Selbst für ihn, den man immer noch den »Sofortumschalter« nannte, war alles zu schnell gegangen. Er hatte geglaubt, ich würde vom Trapez stürzen.

Seine Sorge rührte mich an. Aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich war und bin Artistin. Ich weiß, dass ohne die Pose die beste Akrobatik umsonst ist.

»In Ordnung«, sagte ich. »Ich komme mit. Ausnahmsweise.«

*

»Du kannst die Augen jetzt aufmachen!«, sagte Perry.

Ich tat, ausnahmsweise, was er mir sagte. Ich blickte hinaus ins All, durch die einfache Glassitscheibe des Gleiters, der uns vor meinem Gartentor erwartet hatte.

Das All war schwarz, darüber verstreut mehr Lichtpunkte, als ich sie je hätte zählen können. Einer von ihnen musste Sol sein, der Gleiter besaß keinen Überlichtantrieb. Und dann, als ich Perry eben fragte, wo hier bitte schön die Überraschung sein sollte, legte sich der Gleiter auf die Seite, und ein Planet kam in Sicht. Wir waren nahe dran, er war so groß, dass nur ein Ausschnitt zu sehen war. Er hatte die Farbe von Elfenbein, war eine bleiche, gewaltige Schönheit ... und eine bekannte. Die Ringe verrieten es.

»Saturn«, flüsterte ich. Und dann: »Er ist traumhaft schön.«

Perry nickte. Ich spürte seine Ergriffenheit. Perry hatte mehr vom Universum gesehen als jeder andere Mensch. Aber weder hatte er das Staunen verlernt, noch hatte er vergessen, wo sein Zuhause war. Das Solsystem würde bis zum letzten Tag seines Lebens ein besonderer Ort für ihn bleiben. Heimat.

Gut und schön, aber kein Grund, in Sentimentalität zu versumpfen. »Was soll das hier werden?«, fragte ich betont salopp. »Holen wir die Flitterwochen nach, die wir nie hatten?«

Rhodan schüttelte den Kopf. »Sieh genau hin!«

Die Positronik hatte den Gleiter noch näher an den Saturn gebracht. Unter uns erstreckte sich einer der Hauptringe des Planeten, eine gekrümmte Strecke aus Gesteins- und Eisbrocken. Wie eine Straße, die in die Unendlichkeit mündete.

Doch halt ... da war etwas, auf halbem Weg, bevor der Ring hinter dem Saturn verschwand. Eine Handvoll Brocken. Größer als die übrigen, regelmäßiger, als hätte irgendein Witzbold Jonglierbälle unter das Gestein und Eis gemischt – und hätte sie dann in einer Regelmäßigkeit angeordnet, die den Anziehungskräften Saturns eine lange Nase drehte.

»Positronik!«, sagte ich. »Heranzoomen!« Ich zeigte auf die »Bälle«.

Als die Bälle auf den Gleiter zuzuschießen schienen, warf Perry mir einen anerkennenden Seitenblick zu. Ich ließ mir nicht anmerken, dass mein Herz einen Satz machte. Und es machte einen zweiten, noch größeren, als die Jonglierbälle sich als Leichte Kreuzer herausstellten. 124 insgesamt, wie die Positronik des Gleiters am unteren Rand der Glassitscheibe dezent einblendete, Durchmesser jeweils einhundert Meter. Angeordnet in einer Hohlkugelformation, die mich sofort an die Schale eines Eis erinnerte. Nur: Was verbarg die Schale?

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte ich.

Es war die einzig angemessene Frage. Über hundert Jahre waren seit dem Ansturm der Terminalen Kolonne vergangen. Sah man nicht zu genau hin, schien die Liga längst wieder erholt, doch ich kannte die Budgetzahlen zu genau, um mich vom Schein täuschen zu lassen. Unsere Mittel waren knapp. Und das, was vor uns im Saturnorbit schwebte, bedeutete einen ganz erheblichen Aufwand von Mitteln.

Perry wich mir aus. Er genoss zu sehr, dass ich angebissen hatte; vielleicht genoss er auch, dass ich von der Angelegenheit noch nichts erfahren hatte. Ich bin eine neugierige Seele. Ich musste erfahren, was in der Umlaufbahn des Saturn vorging. »Sehen wir es uns genauer an!«, sagte er.

Er beschleunigte den Gleiter, hielt auf die Kreuzer zu. Als wir auf 15.000 Kilometer an die ersten Kreuzer heran waren, erwachte der Funk zum Leben.

»Dreht ab!«, forderte die Stimme einer Positronik. »Ihr seid im Begriff, militärisches Schutzgebiet zu betreten. Nach den Liga-Gesetzen zur Wahrung der territorialen Unverletzlichkeit des Solaren Raumes droht euch eine Sicherheitsverwahrung von ...«

»Ich bin der Terranische Resident, Perry Rhodan«, unterbrach Perry, der den Gleiter manuell steuerte, die Positronik.

Stille, als gäbe es auch für eine Positronik eine Schrecksekunde, wenn sie feststellt, dass sie unvermittelt einer lebenden Legende gegenübersteht. Dann sagte die Stimme: »Identifiziere dich!«

Perry sandte seinen persönlichen Kode, dann ließ er die Positronik des Gleiters mit der Positronik der Gegenstelle kommunizieren.

»Identifizierung erfolgreich«, kam die Antwort. »Folge dem Leitstrahl!«

Die Gleiter-Positronik übernahm nun die Steuerung, klinkte sich in den Leitstrahl ein. Triebwerke flammten auf, als ein Dutzend Kreuzer ihre Positionen verließen, um uns den Weg freizugeben – und auf das Objekt, das sie behüteten.

Es war riesig.

Anders.

Fremd.

Ich hatte noch nie etwas Vergleichbares gesehen, jedenfalls nichts, was eine terranische Werft verlassen hätte. Zwei annähernd viereckige »Teller«, sehr flach aussehend, mit den offenen Seiten aneinandergeflanscht, die Kanten unregelmäßig, mit Lücken, die mich an die Bissmarken von Haien erinnerten. Durchmesser jeweils über 2500 Meter, wie eine Anzeige der Positronik verriet Und dabei verdammt hübsch anzusehen.

Aus welchem Material auch immer dieses Ding geformt sein mochte, es schimmerte bernsteinfarben. Es gefiel mir. Und das will etwas heißen. Wir Artisten sind ein kritisches Völkchen. Der Schein ist unser Geschäft. Für schlechten Schein haben wir nichts als Verachtung übrig. Aber für guten Bewunderung. Aufrichtige, grenzenlose Bewunderung.

Festgemacht war das Ding an einem Tender der Liga-Flotte. Seine Kennung verriet seinen Namen: GALILEO GALILEI. Der Tender war ein vertrauter Anblick und hätte eigentlich die Fremdartigkeit dieses merkwürdigen Dings mildern sollen, doch das Gegenteil war der Fall: Er steigerte sie nur noch.

Der Gleiter verlor an Fahrt, senkte sich langsam der Oberfläche eines der »Teller« entgegen. In seiner Mitte war eine Art runde Sichtluke. Sie maß beinahe anderthalb Kilometer und wirkte in ihrer Regelmäßigkeit komplett fehl am Platz. Sah man hinein, erkannte man vier Röhren, die in einem fahlen Blau leuchteten und auf einen Platz in der Mitte des Dings zuliefen, jedoch ohne einander zu berühren.

»Und, was sagst du jetzt?«, fragte Perry.

Was sollte ich dazu sagen? »Dieses Ding ... «, begann ich.

Rhodan verbesserte mich: »Artefakt.«

Ich kann es nicht ausstehen, wenn mich jemand verbessert. Auch nicht, wenn dieser Jemand Perry Rhodan heißt. Aber ich ließ es durchgehen. Dieses eine Mal. In meinem Magen rumorte es. Irgendetwas an diesem ... Di... Artefakt ...

»In Ordnung.« Ich zuckte beiläufig die Achseln. »Dieses Artefakt. Mein Bauch sagt mir, dass ich irgendwo schon einmal etwas Vergleichbares gesehen habe. Wo kommt es her?«

»Aus der galaktischen Northside. Explorer der Liga sind vor sechzig Jahren in der Umlaufbahn einer Sonne namens Lashu-12a auf das Artefakt gestoßen.«

»Was ist es?«

»Die Fachleute sagen, ein Transporthof der Halbspur-Changeure.«

Perry hätte einen höllisch guten Artisten abgeben. Er verzog keine Miene, als er seine Antwort gab. Das ist das Geheimnis einer mitreißenden Show: Du tust eine halbe Stunde auf wichtig und geheimnisvoll, und dann lässt du die Bombe beiläufig platzen, als würdest du die Wetterkontrolle auf Terra kommentieren.

Ich gab mir keine Mühe, meine Aufregung zu verschleiern. »Ein Transporthof! ZEUT-80? Ist das eine Station wie ZEUT-80?«

»Beinahe. Der Transporthof, den wir 1346 NGZ im Kugelsternhaufen Omega Centauri entdeckt haben, war lediglich auf die Plattform ZEUT-80 montiert worden; gewissermaßen. Das hier ...« Rhodan zeigte auf das Artefakt, das jetzt die gesamte Sichtfläche einnahm. »Das hier ist ein eigenständiger Transporthof, der nur diesem einen Zweck dient. Oder präziser gesagt, ein Polyport-Hof. Unsere Wissenschaftler haben ihn GALILEO genannt.«

Natürlich GALILEO. Passend zum Tender.

»Ein intergalaktischer Bahnhof.« Ich dachte jetzt laut. »Passagiere und Güter, die über den Leerraum hinweg in andere Galaxien transportiert werden.«

»So ist es. Ein Bahnhof, der uns Möglichkeiten weit jenseits dessen verschafft, was uns zurzeit offensteht. Die Milchstraße hat sich in weiten Teilen vom Hyperimpedanz-Schock erholt. Raumfahrt ist längst wieder Routine geworden. Innerhalb der Galaxis. Die Abgründe zwischen den Galaxien sind für unsere Schiffe unüberwindlich. Aber nicht ...«

»Aber nicht mithilfe dieses Polyport-Hofes«, brachte ich seinen Satz zu Ende. »Ist er in Betrieb?«

»Nein. Aber wir arbeiten mit aller Kraft und unter strengster Geheimhaltung daran, seit wir ihn gefunden haben. Der Polyport-Hof könnte das Tor zum Universum für uns bedeuten. Jeder erdenkliche Aufwand ist gerechtfertigt, um ...«

Es war Zeit, meine eigene Bombe platzen zu lassen. »Saturn«, sagte ich. »Projekt Saturn.«

Perry fror in der Bewegung ein, als wäre er gegen eine Wand gerannt, dann ruckte er herum. »Wo... woher weißt du davon?«

Ich grinste still vor mich hin, als genösse ich nicht seine Verblüffung. Eine Artistin ist immer darauf aus, ihr Publikum zu verblüffen. Aber einen Unsterblichen zu verblüffen, der so ziemlich jedes Wunder des Universums erblickt hat und eben im Begriff gewesen war, dich selbst zu verblüffen, und so zu tun, als bedeute es nichts – irgendwo in diesem weiten Universum mochte es noch diebischere Vergnügen geben, aber bestimmt nicht viele.

»Ich weiß gar nichts«, antwortete ich. »Aber ich kann lesen, und ich mag als Artistin früher mehr als einmal auf die Schnauze gefallen sein, aber nie auf den Kopf. Ich bin immer noch – oder nach vielen Jahren mal wieder – Staatssekretärin für besondere Aufgaben, du erinnerst dich. Ab und an, wenn ich nicht gerade kopfüber vom Baum hänge, gönne ich mir das schrullige Vergnügen, durch den Haushalt der Liga zu gehen, speziell durch das Verteidigungsbudget.«

»Das streng geheim ist.«

»In seinen Einzelheiten, ja. Aber in seinen Grundzügen ist es mir in meiner Funktion und sogar der Öffentlichkeit zugänglich. Und liest man das Budget erst einmal für ein paar Jahre, fallen ein paar Krümel ab, die den zuständigen Beamten und Positroniken durchgerutscht sind. Ich weiß, dass es ein Projekt namens ›Saturn‹ gibt. Und dass in den letzten Jahren im Schnitt ein halbes Prozent des Liga-Sozialprodukts in das Projekt geflossen ist. Mit anderen Worten: ein obszön hoher Berg von Geld.«

Perry musterte mich einige Augenblicke lang wortlos, dann schüttelte er den Kopf, anerkennend. »Du bist unmöglich, Mondra. Komplett unmöglich.« In der Plattform des Tenders öffnete sich ein Schleusentor. Die Positronik steuerte den Gleiter in den Hangar. Mit einem sanften Ruck setzte er auf. »Aber du wirst gleich sehen, jeder einzelne Galax war gerechtfertigt.«

Als wir zur Schleuse gingen, wurde ich die eine Frage los, die mir noch auf der Seele brannte. »Wieso diese Geheimhaltung, Perry? Und wie habt ihr die durchgehalten?«

»Die Wissenschaftler und Techniker halten dicht, und die Leichten Kreuzer sind Robotschiffe. Der Geheimdienst hat ganze Arbeit geleistet, sogar gegenüber dir.«

»Und wieso gerade jetzt, Perry? Du hattest doch sechzig Jahre Zeit, mir von dem Projekt zu erzählen.«

Perry hielt an. Er lächelte verlegen. »Sagen wir, irgendwie hat sich nie die passende Gelegenheit ergeben.«

Ich überlegte mir, ihm eine Predigt über »Vertrauen« zu halten, ließ es aber sein. Manchmal war er ein fürchterlicher Geheimniskrämer. »Und jetzt hat sie sich?«, fragte ich ruhig.

»Sozusagen. Ein Alarm niederer Priorität wurde auf dem Hof ausgelöst. Das bedeutet einen Anlass, wieder einmal an Ort und Stelle nach dem Rechten zu sehen. Und da ich weiß, dass du ein Mensch bist, der immer neugierig ist, habe ich dich mitgenommen.«

2.

3. Januar 1463 NGZ

Bericht: Perry Rhodan

Milton DeBeer erwartete uns bereits im Hangar des Tenders. Der Hyperphysiker war ein großer Mann, in mehrfacher Hinsicht. Er maß zwei Meter, eine für Terraner nach wie vor ungewöhnliche Körpergröße, er überragte seine Wissenschaftlerkollegen in fachlicher Statur wie ein Riese, er war so charmant und leutselig wie unkompliziert – und sein schlechter Geschmack war galaxisweit unübertroffen.

Milton trug kurze Hosen und Poloshirt in Cremefarben. Er erinnerte mich an die Tennisspieler meiner Jugend in den vierziger und fünfziger Jahren des längst vergangenen zwanzigsten Jahrhunderts. Dazu trug er Sandalen, die aus Bast und von Robinson Crusoe persönlich gefertigt schienen. Zwischen Schuhen und Shorts erstreckten sich seine ungleichmäßig behaarten, bleichen Beine. So unpassend, so eigen war sein Auftreten, dass ich die beiden panthergleichen Laosoor, die mit ihm warteten, nur am Rande registrierte. Milton spielte die seltenen exotischen Wesen, die auf Terra jederzeit einen neugierigen Menschenauflauf ausgelöst hätten, mühelos gegen die Wand.

Ich sah zu Mondra. Sogar sie hatte nur Augen für Milton. Was auch sonst? Mondra wusste einen schrillen Auftritt zu schätzen. Milton, der Exzentriker, war ein Mann, der sie auf der Stelle einnehmen musste.

»Mondra«, sagte ich. »Darf ich dir Milton DeBeer vorstellen? Er ist Leiter des Projekts Saturn.«

»Freut mich, den Mann kennenzulernen, der den LFT-Haushalt an den Rand des Bankrotts bringt.« Sie grinste frech.

»Ich gebe mein Bestes«, entgegnete der Hyperphysiker trocken. Er zeigte auf die beiden Laosoor, die ihn links und rechts flankierten. »Vanqueron und Isuzu, meine Dauer-Praktikanten.«

»Das sind mit Abstand die beeindruckendsten Titel, die ich seit Langem gehört habe«, sagte Mondra. Ihre Augen glänzten, als sie es sagte. Als ehemalige Artistin liebte sie den Schein, das Überzogene, die große Pose – und gleichzeitig wusste sie, dass gepflegtes Understatement niemals zu überbieten war.

»Wir haben sie auch verdient!« Der rechte Laosoor, Vanqueron, stieß sich mit der Schwanzhand ab – offensichtlich telekinetisch nachgeholfen – und sprang aus dem Stand heraus einen Salto. Seine Krallen machten ein knirschendes Geräusch, als sie sich in den Stahl des Hangarbodens gruben, dann war der schwarze, an einen Panther erinnernde Körper plötzlich in der Luft, wand sich wie ein terranischer Otter und kam wieder auf dem Boden auf. Die ganze Bewegung benötigte nicht mehr als einen Augenblick, und hätte ich die Laosoor und ihre Fähigkeiten nicht gekannt, hätte ich mich gefragt, ob ich nicht einer Sinnestäuschung aufgesessen war.

»Womit?«, fragte Mondra ungerührt – das untrügliche Zeichen dafür, dass sie beeindruckt war. »Den besten Luftsprüngen in der Saturnbahn?«

»Unter anderem«, antwortete die zweite Laosoor, Isuzu. Sie war weiblich. Sie hatte die Worte kaum ausgesprochen, als ihre Gestalt verschwand und zehn Meter weiter von Neuem materialisierte. »Und durch Nahdistanz-Teleportation.«

»Ich verstehe. Und was habt ihr außer Paragaben zu bieten?« Mondra wandte sich Vanqueron zu.

Der Laosoor blinzelte träge mit seinen Katzenaugen, und plötzlich hatte Mondra den Boden unter den Füßen verloren und schwebte über uns. »Schon klar, Nahdistanz-Telekinese.«

Sie legte den Kopf zur Seite, als dächte sie nach, und murmelte: »Mal sehen ...« Mit einer dramatischen Geste hob Mondra beide Arme – und dann ließ sie sie nach unten fahren, stützte sich auf die unsichtbaren telekinetischen Greifer des Laosoor, als handele es sich dabei um die Stangen eines Barrens, drückte mit aller Kraft und entwand sich geschickt wie eine Schlange seinem Griff. Sich überschlagend stürzte Mondra dem Hangarboden entgegen. Unmittelbar vor dem Aufprall streckte sie sich, kam auf den Beinen auf und verbeugte sich.

Ich muss gestehen, es war ein Trick, nein, ein Kunststück, wie ich es in den dreitausend Jahren, in denen ich es mit Paragaben zu tun habe, noch nicht gesehen hatte.

»Genug gespielt jetzt!«, rief Milton. Er schüttelte tadelnd den Kopf, aber seine gehobenen Mundwinkel verrieten, dass ihm die Vorstellung gefallen hatte. »Sonst denkt der Terranische Resident noch, wir würden hier unsere Tage bloß mit Spielchen verplempern.« Die beiden Laosoor murrten zischend und rieben protestierend mit ihren Ohrenarmen über den Stahl, gehorchten aber.

»Gehen wir«, wandte der Hyperphysiker sich an mich. »Ich zeige dir, Perry, wieso ich Alarm ausgelöst habe.«

*

Der Übergang in den Polyport-Hof war unscheinbar. Fest angebrachte Röhrengänge verbanden den Hof mit der Plattform des Tenders.

Dennoch zog es in meinem Magen, schreckte ein Teil von mir davor zurück, den Hof zu betreten, während ein anderer Teil von mir mit aller Kraft zu ihm hingezogen wurde.

Es war das bernsteinfarbene Funkeln.

Ich kannte dieses Licht. Es war der Verweis darauf, dass wir es mit Wesen zu tun hatten, die uns unendlich überlegen waren. Der Hof war, wenn nicht direkt, so doch indirekt ein Erzeugnis der Technologie der sogenannten Mächtigen; mithin ein Ort, an dem nüchterne Technologie und Wissenschaft mit Religion und den letzten Fragen des Seins eine Verbindung eingegangen waren.

Einst waren sieben Mächtige mit ihren gewaltigen Sporenschiffen unterwegs gewesen, um überall im Universum Leben und Intelligenz zu verbreiten. Ich war einst, vor Jahrtausenden inzwischen, zwei Mächtigen begegnet und hatte ihre Sporenschiffe betreten. Sie, die Schöpfer, denen vielleicht auch wir Menschen unsere Existenz verdankten, existierten nicht mehr. Auch die Mächtigen hatten schließlich der Zeit nicht trotzen können. Doch an manchen Orten, wie dem Polyport-Hof, den wir in dem Versuch, von dem Fremden Besitz zu nehmen, GALILEO getauft hatten, überdauerten die Spuren ihres Wirkens. Waren die Höfe von den Mächtigen erschaffen worden? Oder von Wesen, die ihre Technologie gemeistert und vielleicht sogar weiterentwickelt hatten?

Bernsteinfarbenes Licht umfing uns, als wir den Verbindungsgang hinter uns ließen. Wortlos betrat ich den Hof und folgte der Richtung, die der Physiker angab.

Eine Antigravplattform erwartete uns. Wir bestiegen sie. Als sie positronisch gesteuert vom Boden abhob, senkte Milton den Kopf und fragte leise: »Alles in Ordnung, Perry?«

Ich nickte langsam und musterte dabei forschend den Mann im cremefarbenen Poloshirt, dessen Füße in selbst gemachten Bastschuhen steckten. Es gab immer noch Wunder, auch nach dreitausend Jahren, selbst für Unsterbliche wie mich. Ein Chefwissenschaftler mit Einfühlungsvermögen. Ich hatte nicht geglaubt, dass ein solches Wesen in unserem Universum existieren könnte.

»Ja«, sagte ich. Und fügte dann hinzu: »Entschuldige, ich war nur in Erinnerungen gefangen.«

»Es gibt nichts zu entschuldigen.« Er schüttelte den Kopf. »Jedes Mal, wenn ich meine Schicht beginne und ich vom Tender in den Hof wechsle, bekomme ich vor Ehrfurcht eine Gänsehaut. Das hier ist ein bedeutender Ort, ich spüre es.«

»Bist du damit weitergekommen, ihn zu enträtseln?«

Die Plattform schwebte autonom durch den Hof. Überall waren Techniker am Werk. Leitungen schlängelten sich in dicken Kabelbündeln entlang der Gänge. Schaltkästen und Konsolen säumten die Wände. Hightech vom Teuersten und Feinsten, was Terra aufzubieten hatte – aber ich konnte mir nicht helfen, sie wirkte primitiv im bernsteinfarbenen Licht.

»Ein wenig.«

»Das heißt?«

»Wir haben es nicht mit einem Rätsel zu tun, sondern mit Millionen.« Milton nahm die Multikom-Brille ab und rieb sich über die Schläfen, als verursache ihm der bloße Gedanke bereits Kopfschmerzen. »Die Technik der Mächtigen ist uns so fremd, dass wir uns selbst bei schlichtesten Aufgaben wie Neandertaler vorkommen, die mit Holzstöcken versuchen, eine Space-Jet zu untersuchen, die ihnen vor die Höhle geplumpst ist. Um dir nur ein Beispiel zu geben: Bislang haben wir es noch nicht einmal geschafft, die Funktionsweise der Lebenserhaltungssysteme zu verstehen. Sie funktionieren, das wissen wir. Aber wehe, wir drücken auf einen falschen Knopf ...«

»Also lasst ihr es sein?«

»Nein, wir müssen gewisse Risiken eingehen, um den Hof zu verstehen. Sonst sitzen wir hier noch in tausend Jahren und haben nichts verstanden.« Milton nickte in Richtung der beiden Laosoor.

Die Pantherwesen tauschten sich mit Mondra angeregt über artistische Kunststücke aus. Es war eine Diskussion, die die drei so sehr gefangen nahm, dass sie ihre Umgebung vergessen hatten. Ein Laosoor kann Dinge mit seinem Körper anstellen, die einem Menschen wie Wunder erscheinen. Ein Mensch wiederum verblüfft einen Laosoor. Und das insbesondere, wenn er Mondra Diamond heißt und sich, seit er sich erinnern kann, damit beschäftigt hat, unmögliche Kunststücke mit dem eigenen Körper anzustellen.

»Lass dich von ihrem spielerischen Gehabe und dem neckischen ›Dauer-Praktikanten‹ nicht täuschen«, sagte der Hyperphysiker. »Vanqueron und Isuzu sind unschätzbar wertvoll für uns. Durch ihre Paragaben haben sie einen Zugang zu höherdimensionalen Phänomenen, der völlig anders geartet als der von Theoretikern wie mir ist. Ich bin darauf angewiesen, mit einer Stange im Sumpf herumzustochern. Die Laosoor stecken einfach die Schwanzhand hinein.«

»Und was spüren sie, wenn sie ihre wertvolle Gliedmaße hineinhalten?«

Milton zuckte die Achseln. »Verschieden. Manchmal kitzelt es, manchmal kratzt es, und das eine oder andere Mal haben sie sich gehörig die Griffel verbrannt. Aber Vanqueron und Isuzu sind hart im Nehmen. Sie schmollen drei Tage, fluchen und fauchen, und dann betteln sie darum, den nächsten Vorstoß unternehmen zu dürfen.«

Wir passierten eine Halle, die bis auf die allgegenwärtigen Kabelbündel unberührt von menschlicher Hand geblieben war. Anlagen überzogen den Boden. Es waren Kästen aus blaugrauem oder silbernem Material mit abgerundeten Kanten. Sie waren ohne ersichtliche Ordnung über die Halle verstreut. Manche schimmerten. Sie bestanden aus Formenergie, einer Technologie, die uns durch den Hyperimpedanz-Schock praktisch verloren gegangen war. Selbst wenn es uns gelänge, nur dieses eine Geheimnis zu lösen, hätte es bereits die Mittel gerechtfertigt, welche die Liga in das Projekt Saturn gesteckt hatte.

Die Plattform erreichte das Transferdeck des Hofes. Über uns war der Blick frei auf den Saturn und seine Ringe, unter uns lagen die »Transferkamine«, vier bläulich schimmernde Röhren, das Herzstück des Polyport-Hofes, wie mir Milton in seinen regelmäßigen Memos immer wieder versichert hatte. Die Transferkamine waren über einen halben Kilometer lang, und ihre äußeren Enden blieben unsichtbar. Sie verblassten einfach und verschwanden. Wohin?

Auf diese Frage gab es bislang nur Vermutungen als Antwort. Die fünfte Dimension schied wohl aus, wir waren zu gut vertraut mit ihr, als dass sie sich uns entzogen hätte. Milton tippte deshalb darauf, dass die Transferkamine auf sechsdimensionaler Basis arbeiteten.

Ich richtete den Blick auf das äußere Ende eines Kamins und kniff die Augen zusammen. Es nützte nichts. Da war nur ein Flimmern, das mir nichts sagte. Es war ein ebenso sinnloses Unterfangen wie der Versuch, mit dem bloßen Auge über den Horizont hinausblicken zu wollen. Wir brauchten Werkzeuge, um diese fremde Dimension ergründen zu können. Und nur Menschen wie Milton DeBeer mochten in der Lage sein, sie uns zu geben.

Die Plattform ging in den Sinkflug. Sie hielt auf die freie Fläche im Mittelpunkt des Decks zu. Dort befand sich der Zentrale Verladeplatz des Hofes, der Punkt, an dem Wesen und Gegenstände abreisten oder eintrafen, war der Hof in Betrieb.

Ein Podest am Rand des Verladeplatzes stach durch sein grelles Orange heraus. In seiner Mitte befand sich ein Schaltpult.

Milton bemerkte meinen Blick. »Das ist, weshalb ich den Alarm ausgelöst habe.«

»Was ist es?«

»Gute Frage. Ich kann dir sagen, was es nicht ist. Es gehört nicht zur originären Technologie des Hofes, das steht fest. Es wurde nachträglich eingebaut.«

»Von wem?«, fragte ich.

»Unbekannt. Fest steht nur, dass es an die Energieversorgung und die Systeme des Hofes angeschlossen ist.«

Wir stiegen von der Antigravplattform. Milton begleitete mich auf das orangefarbene Podest. Vor dem Pult blieben wir stehen. Eine einzige Schaltung war zu erkennen.

»Welchem Zweck dient diese Vorrichtung?«, fragte ich.

»Das probierst du am besten selbst aus.« Er nickte aufmunternd in Richtung der Schaltung.

Ich hatte keinen Grund, Milton zu misstrauen. Befand er die Schaltung für sicher, war sie es. Ich legte die Hand auf die Schaltung. Das Metall – oder war es Kunststoff oder Formenergie? – fühlte sich kühl an.

Ich drückte sie ein, und die Welt versank um mich herum in plötzlich aufsteigendem Dunst.

*

Als der Dunst sich wieder legte, war der Zentrale Verladeplatz verlassen. Doch ich spürte keine Angst. Ein Instinkt, im Lauf der Jahrtausende geschärft, sagte mir, dass ich meinen Standort nicht verlassen hatte. Was ich sah, war nur eine Vision, wenn auch eine nahezu perfekte.

Eine Stimme hinter meinem Rücken sagte: »Willkommen auf unserem Hof, ehrenwerter Besucher!« Sie benutzte die Sprache der Mächtigen.

Ich drehte mich um. Vor mir stand ein Zwerg. Auf den ersten Blick glich er einem Menschenkind, aber der Eindruck blieb nicht über den ersten Augenblick hinweg. Dazu war der Ausdruck seines Gesichts zu fremd, zu ernst. Und dann war da das Licht. Der Zwerg warf keinen Schatten, als würde ihn eine unsichtbare Sonne von allen Seiten gleichmäßig in ihrem Licht baden. Es verlieh ihm eine gewisse Unwirklichkeit. Ein Gefühl sagte mir, dass meine Hand durch das Wesen hindurchgleiten würde, sollte ich versuchen, es zu berühren.

Ich erkannte, wen ich vor mir hatte: Es war ein Halbspur-Changeur. Einer der Herren der Halbspur, eines der Wesen, welche die Technologie des Polyport-Netzes spielend beherrschten, die den besten Spezialisten der Menschheit seit Jahrzehnten trotzte.

»Mein Name ist Ters Richarge«, fuhr der Changeur fort. »Ich werde das Möglichste tun, das in meinen bescheidenen Kräften steht, um dir unseren Hof und seine Einbettung zu erläutern.«

Ich deutete eine Verneigung an. »Ich danke dir. Mein Name ist Perry Rhodan.«

»Wie kann ich dir dienen, ehrenwerter Besucher?«

Ehrenwerter Besucher. Nicht: Perry Rhodan. Ich verstand. Das war kein Changeur, sondern lediglich ein Expertensystem mit einer begrenzten Anzahl von Reaktionen auf die Äußerungen von Besuchern. Enttäuschung stieg in mir auf. Enttäuschung darüber, dass selbst diese mächtigen Wesen zuweilen mit simpler Technologie arbeiteten. Und Erleichterung. Technisch überlegene Völker mochten uns zuweilen wie Götter erscheinen, doch sie waren es nicht.

»Erzähl mir von den Polyport-Höfen!«, forderte ich mein Gegenüber auf. »Wer hat sie erschaffen?«

»Die Anthurianer.«

Eine zweite Gestalt entstand neben dem Changeur. Es war ein humanoider Hüne, etwa von doppelter Größe des Zwergs. Er erinnerte mich an die sieben Mächtigen.

Konnte das Zufall sein?

Der Hüne sah mich mit einem Blick an, in dem Güte, Strenge und Weisheit zugleich lagen. Vielleicht nicht der Blick eines Gottes, aber er kam ihm sehr nahe.

»Wo leben die Anthurianer?«, fragte ich. Ich hatte den Namen noch nie gehört.

»Sie sind ausgestorben. Zurück blieb ihr Erbe, das Polyport-Netz. Wir Changeure nahmen es vor 80.000 Jahren deiner Zeit in Besitz, soweit es zu erhalten und erreichbar war.«

»Zu welchem Zweck?«

»Dem der Begegnung. Neugierde ist ein Zug, ohne den Intelligenz nicht sein kann. Aber ohne Begegnungen, ohne die Konfrontation mit Neuem und Fremdem ist die Neugierde und damit auch die Intelligenz zum Scheitern verurteilt. Das Polyport-Netz ermöglicht Begegnung. Wir Changeure stellen es allen Völkern und Organisationen zur Verfügung, welche die genügende Reife besitzen.«

Vor meinem geistigen Auge stiegen Bilder von Begegnungen auf. Wasserwesen, die auf Flugwesen stießen. Methanatmer, die die Hände von Sauerstoffatmern schüttelten. Einzelwesen, die in Kollektivwesen aufgingen. Einzelne, die sich aus Kollektiven abspalteten.

Die Bilder mochten Teil der Projektion sein, die das Schaltpult steuerte. Oder es mochten Assoziationen sein, die aus der Tiefe meines Gedächtnisses aufstiegen. Ich wusste es nicht zu sagen. Dafür hatte ich Fragen. Zahllose Fragen.

»Wer entscheidet über die notwendige Reife?«, erkundigte ich mich.

»Wir Changeure«, antwortete die Projektion Ters Richarges, ohne zu zögern. »Wir wachen darüber, dass das Polyport-Netz ausschließlich für Zwecke der Verständigung und des Handels verwandt wird.«

»Das scheint mir eine unmögliche Aufgabe«, wandte ich ein.

»Eine unumgängliche. Und sie ist nur scheinbar unmöglich. Die Kapazitäten des Netzes sind beschränkt. Nur wenige von uns Auserwählten können es nutzen. Ihre Zahl ist überschaubar.«

»Wo lebt ihr?«, fragte ich.

»Das ist keine akzeptable Frage.«

»Wie können wir Kontakt mit euch aufnehmen?«

»Keine akzeptable Frage.«

»Wie können wir diesen Hof wieder in Betrieb nehmen?«

»Keine akzeptable Frage.«

»Was hat die Aktivität des Hofes zu bedeuten?«

»Keine akzeptable Frage.« Der Changeur verneigte sich. »Ehrenwerter Besucher, ich danke dir für dein Interesse.«

Dunst stieg auf, der Changeur verblasste.

»Warte!«, rief ich. »Ich habe noch viele Fragen!«

Aber Ters Richarge hörte mich nicht mehr. Als ich den Satz zu Ende brachte, blickte ich wieder in das Gesicht Milton DeBeers. Er hatte einen Baststreifen von einer Sandale gelöst und kaute auf ihm herum.

3.

4. Januar 1463 NGZ

Bericht: Mondra Diamond

Eines wenigstens kann mir keiner vorwerfen: dass ich leicht Schiss bekäme.

Ich habe in zweihundert Lebensjahren – keine ungewöhnliche Spanne in unserer Zeit – mehr durchgemacht als zwei Dutzend gewöhnliche Menschen.

Ich habe die Rofus-Seuche auf Horrikos überlebt. Das können nicht allzu viele Leute von sich behaupten, meine Familie zum Beispiel nicht. Als die Seuche ausgebrannt war, hatte ich mich allein und verlassen wiedergefunden. Alle, die zu mir gehört hatten, waren tot. Ich verließ meine Heimat, die mir unerträglich geworden war, entdeckte den Zirkus, nahm einen neuen Namen an, der so glänzend und aufregend war, wie ich mir meine Zukunft erträumte, und wurde Jahre später Agentin des Liga-Dienstes.

Aber das war nur der Anfang. Von allen Männern dieses Universums musste ich mich ausgerechnet in Perry Rhodan verlieben. Zum Dank sozusagen wurde ich schwanger – volle elf Monate lang. Eine Erfahrung, die ich nicht einmal meinem ärgsten Feind wünsche. Und ich gebe zu, ich bin das, was man gerne »temperamentvoll« nennt. Eine spitze Bemerkung liegt mir leicht auf der Zunge, geht mir etwas gegen den Strich.

Danach ... danach kam die SOL, der Flug nach Segafrendo, die Geburt meines Sohnes Delorian und sein ... nun ja, sein »Verschwinden« ... dann der Flug in ein paar andere Galaxien, der Rücksturz in die Zeit mit der JULES VERNE und ... und eine Liste, viel zu lang, als dass man sie mir abnehmen würde.

Was ich damit sagen will: Ich bin kein verschrecktes Huhn, das sich beim ersten Blitz und Donner zitternd ins Nest duckt und darauf wartet, dass das Schicksal seinen Lauf nimmt.

Nein, habe ich Schiss, gehe ich ihn an.

Und ich hatte Schiss. Mächtigen Schiss.

Dieser Hof – es sträubte mich, ihn GALILEO zu nennen; der Menschenname wollte nicht passen – machte mir Angst, auch wenn ich das Perry niemals anvertraut hätte. Perry hatte mehrere der Sporenschiffe der Mächtigen betreten, er kannte sich mit der Über-Technologie aus, mit der die der Polyport-Höfe verwandt erschien. Er schritt durch die Gänge und Hallen des Hofes mit einer Ungerührtheit, die mich neidisch machte.

Denn dieser Hof war unheimlich. Das Bernsteinlicht, das eigentlich an einen schönen Sommerabend auf der Erde erinnern sollte, verfolgte mich bis in meine Kabine im Tender. Ich legte mich ins Bett, zog die Decke über den Kopf, um mich vor dem Bernsteinlicht zu schützen. Es war zwecklos. Ich orderte eine zweite, eine dritte, schließlich eine vierte Decke. Das Bernsteinlicht war immer noch da. Ich konnte es nicht sehen – in einer fensterlosen Raumschiffskabine ist es per Definition stockduster, macht man das Licht aus –, aber ich spürte es. Es durchdrang mich.

Unsinn, ich weiß. Die Instrumente des Tenders belegten eindeutig, dass es nichts gab, was aus dem Hof gedrungen wäre. Aber es war ein Unsinn, der Sinn ergab.

Der Hof war fremd, unvorstellbar fremd. Eine Welt für sich, mit Gesetzen, die uns unbekannt waren. Und wir waren Eindringlinge. Bisher hatte sich der Hof nicht um uns gekümmert. Aber jetzt ... der Hof vibrierte. Es war ein Vibrieren, das sich über die Sohlen auf den ganzen Körper übertrug. Hatte man genug davon und aktivierte den Antigrav seines Anzugs, um über den Dingen zu schweben, verschaffte man sich ein paar Minuten Ruhe, aber mehr nicht. Dann spürte man wieder das Zittern, so als trüge selbst die Luft im Hof es weiter.

Der Hof erwachte, daran hatte ich keinen Zweifel, wenngleich Milton und seine Leute abwiegelten und es als »temporäre Schwankungen im Aktivitätsniveau der Anlage« abzutun versuchten. Das war kompletter Unsinn, aber ich nahm es ihnen nicht übel. Wissenschaftler sind auch Menschen, sie haben gelegentlich Schiss, und sie müssen einen Weg finden, damit umzugehen, den Schiss wegzuerklären.

Aber wegerklären, wegrennen oder sich einschließen brachte uns nicht weiter. Also führte mich mein Weg zurück in den Raubtierkäfig in der Mitte unserer Manege: zum Zentralen Verladeplatz des Hofes.

Insgesamt elfmal knöpfte ich mir Ters Richarge vor – oder dessen Projektion oder wie immer man sie nennen mochte. Das war Bordrekord. Am Verladeplatz hatte sich eine lange Schlange gebildet. Nachdem der Resident persönlich sich der Vision hingegeben hatte, gab es kein Halten mehr. Jeder wollte sie ausprobieren, und Milton und Perry, die beide der Auffassung waren, dass man intelligenten Menschen jede Möglichkeit geben sollte, ihre Intelligenz einzubringen, legten den Wissenschaftlern keine Steine in den Weg.

Ich drängelte mich vor. Dem Charme einer Artistin widerstehen zu wollen ist ungefähr so aussichtslos, wie sich am Strand einer aufgewühlten See den Wellen entgegenzustemmen. Trotzdem, der eine oder die andere hielt durch, was dafür sprach, dass Milton tatsächlich die fähigsten und eigensinnigsten Köpfe Terras im Boot hatte. Aber am Ende bekam ich sie klein. Ich bin die Partnerin Perry Rhodans, oder zumindest war ich es immer wieder einmal und bin eng mit ihm verbunden. Wer wollte mir ernsthaft Widerstand bieten?

Nun, einer tat es: Ters Richarge.

Dem Changeur war nicht beizukommen. Ich versuchte es auf alle Arten. Im Guten, wie man so schön sagt. So schleimig, dass jeder Sterbliche in diesem Universum auf meiner glitschigen Spur hätte ins Schleudern kommen müssen. Oder mit Wutanfällen. Ich drohte ihm mit Flotten, die nur in meiner Phantasie existierten. Ich zeigte ihm meinen fünffachen Salto aus dem Stand, bei dem bisher noch jedem denkenden Wesen der Kiefer heruntergeklappt war.

Zwecklos. Alles, was ich erreichte, war eine Beule am Hinterkopf eines wartenden Technikers, als ich mir in einem gespielten Wutanfall den Stiefel auszog und dem Changeur ins Gesicht schleuderte. Er ging glatt durch die Projektion und erwischte den Techniker.

Wurde es brenzlig, verlegte sich der Changeur auf sein »Keine akzeptable Frage«. Drehte ich noch mehr auf, drehte er sich einfach selbst den Saft ab, und die Vision war vorüber.

Es gab nur eine Aussage, die ich aus ihm herausbekam, die über das hinausging, was Perry erfahren hatte: dass die Anthurianer gut und edel seien.

Mit anderen Worten: nichts außer einem Schwall lauwarmer Luft.

Ich glaube nicht an das Gute oder das Böse, weder im Individuum noch in Arten. Ich glaube, in jedem von uns liegt das Potenzial, Gutes oder Böses zu tun. Im Lauf der Zeit tun wir beides, leben wir nur lang genug. Und von den Schwierigkeiten »gut« und »böse« über kulturelle Grenzen hinweg zu definieren, will ich gar nicht erst anfangen.

So kam ich nicht weiter.

Ich verlegte mich darauf, die Leute auszufragen, die ihre Begegnung mit Ters Richarge absolviert hatten. Viel kam dabei nicht heraus. Die meisten Wissenschaftler waren noch im Bann des Erlebten. Ehrfurcht erfüllte sie. Zu Recht, hatten doch die meisten von ihnen seit Jahren an der Enträtselung des Polyport-Hofes gearbeitet. Jetzt endlich geschah etwas. Und es schien, als solle die Wirklichkeit ihre kühnsten Spekulationen noch übertreffen.

Eines wurde schnell klar: Die Projektion stellte sich automatisch auf den Empfänger ein. Handelte es sich um einen Menschen, präsentierte sie die Anthurianer in menschlicher Gestalt. Handelte es sich um einen Laosoor, erschien der Anthurianer als idealisierter Vierbeiner, wie Vanqueron und Isuzu bekräftigten.

Mehr gab es in diesem Moment nicht herauszufinden. Herzlich wenig für endlose Stunden nervenaufreibender Arbeit, aber man muss die Dinge nehmen, wie sie sind.

Ich ließ den Hof hinter mir, kehrte in meine Kabine zurück und versuchte vergeblich zu schlafen. Auch die fünfte und sechste Decke wollten nichts nützen.

*

Zwei schlaflose Nächte später, am frühen Bordmorgen des Tenders, schleppte ich mich in das nächstgelegene Magazin und stattete mich mit einer Metallstange und Werkzeugen aus.

Zehn Minuten später hatte ich die Stange im Türrahmen zur Hygienezelle montiert. Ich schwang mich hoch, klinkte die Stange unter die Kniekehlen, ließ mich hängen und das Blut in den Kopf schießen und dachte nach.

Wovor hatte ich eigentlich Angst?

Der Hof schwebte seit sechzig Jahren in der Umlaufbahn des Saturn. Er hatte keiner Fliege etwas zuleide getan, klammerte man das halbe Dutzend Techniker und Wissenschaftler aus, die im Lauf der Jahrzehnte an Bord verunglückt waren. Doch diese Männer und Frauen waren bei Unfällen gestorben, verursacht von versagender Menschentechnik oder eigenen Fehleinschätzungen.

Und was konnte schon schiefgehen? Möglich, dass jemand einen falschen Knopf drückte, aber ein technisches Wunderwerk – oder war »Wundertüte« das bessere Wort? – wie der Polyport-Hof sollte den gelegentlich falsch gedrückten Knopf wegstecken. Redundanz ist ein universelles Konzept. Ansonsten wussten wir zwar nur wenig über den Hof, aber eines war sicher: Er war keine Militäranlage. Er besaß, wenn überhaupt, keine nennenswerte Bewaffnung.

Das Polyport-Netz, dem der Hof eigentlich angehört hatte, diente friedlichen Zwecken. Ters Richarge hatte es in seinen vielen Botschaften unermüdlich klargemacht. Das Netz diente der Begegnung, dem Handel, dem Austausch. Die Halbspur-Changeure wachten darüber, dass nur Befugte das Polyport-Netz nutzten. Und auch wenn ich wenig auf die Gut-und-Böse-Sprüche gab, hatte ich keinen Grund, ihre Aufrichtigkeit zu bezweifeln.

Wir leben in einer Zeit, in der jeder Kommandant eines Leichten Kreuzers die Macht besitzt, ganze Sonnensysteme auszulöschen. Wir müssen einander vertrauen – oder unsere Technologie in die Tonne treten. Technologie bedeutet Möglichkeiten, und Möglichkeiten bedeuten Verantwortung, der wir uns stellen müssen. Schon die Erfindung des Faustkeils schmeißt eine primitive Gesellschaft komplett durcheinander. Und kriegt sie die Faustkeile nicht in den Griff, schmeißt es sie ebenso effektiv aufeinander, als hätte man eine Bombe gezündet.

So gesehen lieferten die Halbspur-Changeure keine üble Arbeit ab. Seit 80.000 Jahren wachten sie nach eigenen Aussagen über das Polyport-Netz.

Meine Gedanken verloren an Schärfe, wanderten, als mir der Puls im Schädel pochte und die Müdigkeit der durchwachten Nacht mich einholte.

Eine Zeit lang ließ ich mich einfach hängen, und in meiner Phantasie sah ich Polyport-Höfe in den Umlaufbahnen ferner Planeten. Sie waren aktiv, ihre Transferkamine leuchteten rot, und fremde Wesen traten aus ihnen hervor.

Ich döste, gab mich den Gedankenbildern hin. Und schließlich, gerade als ich dabei war, in den Schlaf abzudriften, trat ein sechsbeiniges Wesen mit drohend glühenden Glupschaugen und Raubtiermaul aus einem Transferkamin und hob einen mächtigen Arm zum Schlag. In der Klaue hielt es einen Faustkeil.

Ich schreckte hoch, rutschte um ein Haar von der Stange – und verstand endlich.

Ein Faustkeil ist ein Werkzeug, das transformiert. Es kann benutzt werden, um ein erjagtes Tier auszuweiden oder als Waffe gegen seinesgleichen. Für den, der sie besitzt, kann diese Waffe den Triumph bedeuten, für denjenigen, dem sie fehlt, die Niederlage, vielleicht sogar die Auslöschung.

Dieser Hof, das Polyport-Netz stellten Produkte einer Technologie dar, die der unseren unendlich überlegen war. Wir hatten ihr nichts entgegenzusetzen. Nicht jetzt und auch nicht in tausend Jahren. Das Polyport-Netz war der Faustkeil von Quasigöttern, das Werkzeug der Halbspur-Changeure – und es lag in ihrer Hand, was sie damit machten.

Ganz in ihrer Hand?

Es gab einen Menschen, der mir diese Frage beantworten konnte. Ich rief Milton DeBeer über das Visiphon an. Er ging sofort ran, er musste meine Nutzerkennung gesehen haben.

»Was kann ich für dich tun, Mondra?« Er trug ungefähr das Überflüssigste, was man sich in einem Raumschiff vorstellen konnte: einen Sonnenhut aus Bast. Wahrscheinlich hatte er von seinen Schuhen genug gehabt und sie vor dem Schlafengehen in den Hut umgeflochten. Es gibt viele Methoden, die eigenen Gedanken zu sortieren. Manche von uns lassen den Kopf hängen, andere hantieren mit Bast.

»Kannst du mir eine Frage beantworten?«, fragte ich.

»Natürlich.«

»Dann sag mir, was ist deiner Meinung nach das größte Problem bei Projekt Saturn?«

Die Antwort kam umgehend. »Die zentrale Steuerung des Hofes.«

»Was ist mit ihr?«

»Wir haben sie bislang nicht gefunden. Vielleicht existiert sie überhaupt nicht.«

»Danke, Milton. Du hast mir sehr geholfen.«

Ich nickte grimmig und unterbrach die Verbindung. Ich wusste jetzt, was ich zu tun hatte.

*

Als ich in Perrys Kabine kam, sprach er gerade über Hyperkom mit einem Topsider. Er deutete mit der linken Hand, die außerhalb des Aufnahmebereichs der Kamera lag, es mir bequem zu machen.

Das tat ich. Ich legte mich auf das Sofa und streckte die Beine aus. Den Kopf hängen lassen feuert das Gehirn an, aber deine Kniekehlen jubeln nicht gerade.

Ich verfolgte das Gespräch. Der Topsider war kein einfaches Gegenüber. Das Echsenwesen war ein Reeder. Mehrere seiner Schiffe waren bei einem Unglück in der Marsbahn zerstört worden, und nun forderte er umgehende Entschädigung von der terranischen Regierung.

Formal gesehen war es nicht die Angelegenheit des Terranischen Residenten, sondern eine der Gerichte. Aber der Fall hatte eine politische Dimension, und Perry bemühte sich, die Wogen der Empörung, die auf Topsid hochschlugen, zu glätten.

Perry war großartig. Freundlich, aufgeschlossen und selbstbewusst, aber in der Sache fest. Perry weiß immer genau, was er will, und er besitzt einen ausgeprägten Instinkt für die Anforderungen jeder beliebigen Situation.

Wieso sonst hätte er beschlossen, seine Tagesgeschäfte fürs Erste von Bord des Tenders zu führen? Er spürte, dass sich hier etwas von einer Tragweite anbahnte, was den Alltag der galaktischen Politik nebensächlich erscheinen lassen musste.

Perry beendete das Gespräch. In der Sache hatte er keinen Millimeter nachgegeben, aber er hatte der Wut des Topsiders die Spitze genommen, indem er, der Unsterbliche, sich persönlich seines Anliegens angenommen hatte. Alles Weitere konnte er tatsächlich den Gerichten überlassen.

Er wandte sich mir zu. »Du siehst aufgeregt aus, Mondra. Was ist los?«

Prima. Mein Plan war gewesen, cool und lässig auszusehen. Ich zwang mich dazu, mich betont langsam aufzurichten, und sagte: »Ich habe nachgedacht. Über den Hof, das Polyport-Netz, diese Halbspur-Changeure.«

»Das sieht man deinen Knien an. Sie sind geschwollen.« Perry lächelte. »Was ist dabei herausgekommen?«

»Ganz einfach: Wir haben auf diesem Polyport-Hof nichts verloren. Wir sollten uns aus dem Staub machen, so lange wir es noch können, und den Hof sprengen.«

Es war der ganz dicke Hammer, mit dem ich ins Haus fiel. Und jeder andere hätte sich empört dagegen gewehrt. Aber Perry sagte nur: »Aus welchem Grund?«

Ich erzählte ihm nichts vom Faustkeil. Das war eine Analogie für Leute wie mich, die öfters den Kopf hängen ließen, um klarzusehen. Stattdessen sagte ich: »Dieser Hof ist eine Nummer zu groß und komplex für uns. Wir arbeiten seit inzwischen sechzig Jahren daran, ihn zu entschlüsseln. Erfolg bisher: gleich null.«

»Was sich in den letzten Tagen geändert hat.«

»Hat es nicht.« Ich schüttelte den Kopf. »Es hat sich etwas getan, aber das hat mit uns nichts zu tun. Der Polyport-Hof erwacht zum Leben. Und wir haben nicht die Spur von Kontrolle über ihn. Ist der Hof erst einmal in Betrieb, öffnet sich damit ein Tor, aus dem alles Mögliche hervorquellen kann, nicht zuletzt Hundertschaften glupschäugiger Monster, die es auf Menschenblut abgesehen haben.«

Es war ein Versuch, meinem Vorstoß eine gewisse ironische Note zu geben. Nicht mein bester Auftritt, war mir klar, aber hoffentlich gut genug.

»Theoretisch ja«, räumte Perry ein.

»Praktisch auch«, hielt ich dagegen. »Frag Milton.«

»Das habe ich bereits.« Perry ließ sich auf dem Sessel vor dem Sofa nieder. »Und ich muss zugeben, ich habe schon über die Möglichkeiten nachgedacht, die du mir eben geschildert hast. Wollen wir sichergehen, dass keine einzige davon jemals in Erfüllung geht, gibt es nur eine Antwort: den Hof zu vernichten. Aber ich habe mich dagegen entschieden.«

»Wieso?«

»Du solltest mich gut genug kennen, um die Antwort darauf zu wissen. Ich kann nicht anders. Ich bin vor dreitausend Jahren mit drei anderen Männern in eine bessere Feuerwerksrakete gestiegen und habe mich zum Mond schießen lassen, um Tore zu öffnen, den Weg zu den Sternen zu finden. Hätte ich damals meinen Ängsten nachgegeben – ich wäre längst tot, und die Menschheit hätte vielleicht nie den Weg zu den Sternen gefunden, wir hätten uns mit unseren Atomraketen gegenseitig umgebracht und die Erde in eine strahlende Wüste verwandelt. Dieser Hof ist ein Tor zu den Sternen, eine ungeheure Chance.«

Es ist nicht einfach, einem Unsterblichen standzuhalten, der mit der Autorität spricht, die sich aus Jahrtausenden der Erfahrung speist. Man kommt sich wie ein kleines, unwissendes Kind vor. Aber was einem Kind an Erfahrung fehlt, gleicht es durch Frechheit aus.

»Mit Verlaub, alter Mann, das war einmal. Wir Menschen fliegen bereits zu den Sternen!«

Perry ließ sich durch meinen »alten Mann« nicht aus der Ruhe bringen. »In Schiffen, die nur einen Bruchteil des Leistungsvermögens besitzen wie jene, die wir vor der Hyperimpedanz-Katastrophe hatten. Beschränkt auf unsere Milchstraße.«

»Die Milchstraße ist riesig, ein unerschöpfliches Universum für einen Menschen«, hielt ich dagegen. »Selbst für einen Unsterblichen. Und außerdem sind wir nicht am Ende der Geschichte angelangt. Entgegen hartnäckigen Gerüchten existiert es nicht. Wir werden neue Antriebe entwickeln, wir werden wieder zu anderen Galaxien vorstoßen.«

»Mag sein. In Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Du und ich könnten es noch erleben. Aber diese Männer und Frauen dort draußen, die ihre kurzen, sterblichen Leben für die Aufgabe geben, den Polyport-Hof zu entschlüsseln, sie werden es nicht. Wir stehen in ihrer Schuld.«

Ich zuckte die Achseln. »So ist das Leben. Ab und zu läuft es so, wie du es dir vorstellst. Den Rest der Zeit stellt es mit dir an, was es will. Die Wissenschaftler werden neue Projekte finden, neue Ziele, neuen Lebenssinn. Wir ...«

Weiter kam ich nicht.

4.

6. Januar 1463 NGZ

Bericht: Perry Rhodan

Der Hof lebte.

Die Aktivität war überdeutlich zu spüren: Die SERUNS, die Mondra und ich angelegt hatten, bevor wir den Tender verließen, vermochten uns nicht abzuschirmen. Ein Vibrieren lag in der Luft, kitzelte in der Nase wie alter, aufgewirbelter Staub. Schloss man den Helm, war man das Kitzeln los, aber dafür wurde das Rumoren übermächtig. In Gedanken beschwor es unwillkürlich ein einziges Bild herauf: das Anlaufen von gewaltigen Maschinenanlagen.

Niemandem, der sich in dem Hof aufhielt, konnte es verborgen bleiben. Und niemand ignorierte es: Überall hasteten Techniker und Wissenschaftler aufgeregt hin und her, beugten sich über Schaltpulte, standen in kleinen Gruppen zusammen und debattierten. Die Männer und Frauen trugen ausnahmslos SERUNS.

Ich war an einen Ameisenhaufen erinnert. Steckt man einen Stock in die Ansiedlung von Ameisen, glaubt man, Panik auszulösen. Ameisen stieben nach allen Seiten davon, andere krabbeln auf den Punkt der Katastrophe zu, wieder andere finden sich in Klumpen zusammen.

Doch die Panik ist eine Täuschung. Tatsächlich folgen Ameisen ihren von den Jahrmillionen geschärften Instinkten, setzen sie – wenn auch unbewusst – ausgeklügelte Notfallpläne um. Ähnlich verhielt es sich mit den Forscherteams auf dem Polyport-Hof: Jeder der Männer und Frauen hatte seine Aufgabe, jeder hatte seinen Ort – auch wenn es dem Einzelnen zumeist nicht klar war, wie seine spezielle Aufgabe sich in das große Ganze einfügte.

Wir überließen es den Anzugpositroniken, den optimalen Weg zu ermitteln. Mondra, die neben mir flog, sagte nichts, während die Flugaggregate uns rasend schnell durch den Hof trugen. Ihre Stille war kein Vorwurf, sondern nur taktvoll. Es war eine der Eigenschaften, für die ich Mondra liebte. Sie nahm selten ein Blatt vor den Mund, sie konnte oft laut und manchmal verletzend sein. Aber kam es darauf an, bewies Mondra überraschendes Taktgefühl.

Innerhalb von Minuten hatten wir das Transferdeck erreicht. Hier waren die Dinge unverändert. Fast hatte ich erwartet, dass die Transferkamine in Tätigkeit getreten waren, aber die gewaltigen Röhren glommen weiter in dem geisterhaften fahlen Blau, das uns vertraut war.

Wir nahmen Kurs auf das »Kontrollzentrum«, ein erhöhtes Podest, knapp hundert Meter vom Zentralen Verladeplatz entfernt. Das Podest nahm ungefähr die Landefläche einer Korvette ein. Darüber verstreut waren Pulte, im üblichen Stil der Mächtigen mit abgerundeten Kanten, in Blaugrau und Silber und ohne den leisesten Hinweis darauf, welchem Zweck sie dienten. Aus ihrer Ballung und der Nähe zum Zentralen Verladeplatz hatte man geschlossen, dass es sich um eine Art Kontrollzentrum handeln musste, und die Bezeichnung hatte sich eingebürgert. Doch es handelte sich um wenig mehr als eine Mutmaßung.

Wissenschaftler und Techniker hatten sich in Grüppchen um die Pulte versammelt. An zweien der Pulte hatten sie die Verkleidungen entfernt, anderen versuchten sie durch Versuchsaufbauten oder Diagnosegeräte zu Leibe zu rücken.

Milton stand etwas abseits, umringt von bulligen Sicherheitsleuten. Er wirkte trotz seiner Größe verloren zwischen den wuchtigen Soldaten. Mondra und ich gingen vor ihm nieder.

»Was ist los?«, fragte ich. »Weshalb der Alarm?«

»Weitere Schaltungen haben sich aktiviert.«

Milton hatte den Helm nicht geschlossen. Ich fragte mich, was er mit dem Basthut angefangen hatte, den er die letzten Tage getragen hatte. Einen Augenblick später stieß ich auf die Antwort: Er hatte die Halme zu Armbändern umgearbeitet und sie um die Handgelenke gebunden. Nur einen Baststreifen hatte er vergessen, er hatte sich in seiner Datenbrille verhakt.

»Was für Schaltungen sind das?«, fragte ich. »Wie erklärst du dir dieses Rumoren?«

Ich musste nicht weiter ausführen, was ich damit meinte. Sobald man mit den Sohlen den Boden berührte, hörte man es nicht nur, man spürte das Vibrieren des Untergrunds.

»Autoreparaturkreisläufe.«

Milton war ungewöhnlich kurz angebunden. Für gewöhnlich nutzen Wissenschaftler jede Frage, um sie mit einem Vortrag zu beantworten. Außer, sie wissen nichts zu berichten.

»Was reparieren sie?«, blieb ich hartnäckig.

»Das Funksystem, glauben wir.« Seine Miene hellte sich auf. »Wir bezeichnen es provisorisch als Polyport-Funk. In den Berichten, die ich dir ...«

Ich winkte ab. »Habe ich gelesen.« Es war eine glatte Lüge. Die Galaxis war zu groß, als dass ein Terranischer Resident es sich erlauben könnte, jedes Memo zu lesen, das ihm zukam. »Weiter! Was ist mit dem Polyport-Funk?«

»Wir versuchen seit dem ersten Tag auf dem Hof, ihn zu aktivieren. Ohne Erfolg. Das hat sich geändert. Teilweise. Der Funk hat sich aktiviert. Ich glaube nicht, dass wir etwas damit zu tun haben.«

»Was sendet er?«

»Nichts.« Milton strich sich nervös über die Stirn. Ohne es zu bemerken, schob er den Halm zur Seite. Er blieb an dem Schweiß kleben, der seine Stirn bedeckte. »Aber wir empfangen wie der Teufel, auf mehreren Dutzend Kanälen.«

»Was für Botschaften sind das?«

»Es sind ...« Milton brach ab, schüttelte den Kopf. »Ach, was erzähle ich, hör's dir selbst an!«

Er wandte sich ab; Mondra und ich folgten ihm zu einem der Pulte. Die Sicherheitsleute blieben auf meinen Wink zurück. Ich wollte ungestört sein. Das Pult war eines jener Geräte, die beinahe nicht mehr zu erkennen waren, so dicht waren sie in terranisches Equipment eingepackt.

»Dieses Terminal ist mit NATHAN auf dem Mond verbunden. Die Großinpotronik versucht die Nachrichten zu entziffern.« Milton tätschelte das Terminal, als handele es sich dabei um ein besonders braves Haustier. »Unser größter Erfolg bislang. Eine Verbindung zwischen terranischer Technik und der der Mächtigen.«

»Gelingt die Entzifferung?«

»Teilweise. Ein Großteil der Nachrichten ist verschlüsselt. Glaubt NATHAN zumindest. Ein anderer Teil ist in Sprachen abgefasst, die uns unbekannt sind. Oder bei denen es sich um einen Kode handelt. Oder was auch immer. Ohne Referenzpunkte ist das unmöglich zu ergründen.«

»Was ist mit dem Rest?«

»Im Klartext, in der Sprache der Mächtigen«, antwortete Milton. »Es sind Aufrufe. Sie handeln von einem Krieg.«

*

Es waren reine Audio-Botschaften.

Milton legte die Hand auf eines der Geräte, die das Pult belagerten. »Dieser Spruch hier wird in einer Endlosschleife wiederholt. Er allein macht knapp acht Prozent des Kommunikationsaufkommens aus.« Er berührte ein Sensorfeld.

»An alle, die guten Willens sind!«, erklang eine Stimme. Sie benutzte die Sprache der Mächtigen und war dünn und hoch. Die Stimme musste einem Halbspur-Changeur gehören. Ihr zwergenhafter Körperbau gab nur einen minderen Resonanzkörper ab. Ihnen fehlte die Masse für eine nach menschlichen Begriffen runde, volle Stimme.

Ich schloss die Augen, um mich ganz auf die Stimme zu konzentrieren.

»Ihr seid in Gefahr«, sagte sie. »In tödlicher, unerhörter Gefahr. Seit Jahrtausenden hüten wir Halbspur-Changeure das Erbe der Anthurianer, das Netz der Polyport-Höfe. Das Netz ist ein Träger des Friedens, der Verständigung, der Erkenntnis. Es befreit uns von den Fesseln, welche die gewaltige Größe des Universums uns auferlegt. Das Polyport-Netz macht Entfernungen nichtig, selbst zwischen den am weitesten entfernten Galaxien. Es vereint Brüder, die ohne seine Hilfe niemals einander ansichtig geworden wären. Es macht Intelligenzen und Völker zu Brüdern, die ohne seine Hilfe allenfalls durch Zufall oder im Geist der Konfrontation aufeinandergetroffen wären.«

Ich hörte Mondras leisen Atem neben mir. Sie lauschte ebenso gebannt wie ich. Das Rumoren des Hofes, eben noch übermächtig und allgegenwärtig, war in meiner Wahrnehmung zu einem fernen Rauschen verblasst.

»Das Polyport-Netz gehört allen Intelligenzen des Universums. Es ist der Ausweis unserer Intelligenz. Wir Halbspur-Changeure haben die Pflicht auf uns genommen, dafür zu sorgen, dass das Netz niemals in falsche Hände gelangt. Jahrtausendelang war diese Pflicht ein Privileg, eine Freude, eine Aufgabe von geringer Schwierigkeit. Das ist vorüber. Der Krieg ist über uns gekommen.«

Mondra sog scharf die Luft ein.

»Barbaren fallen über uns her. Der Ansturm der Frequenz-Monarchie gewinnt mit jeder Stunde an Wucht. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die Horden der Darturka nicht einen weiteren Hof eroberten, seine Wächter abschlachteten und ein Instrument des Friedens in eines der Eroberung verwandeln.«