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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 1463 Neuer Galaktischer Zeitrechnung - das entspricht dem Jahr 5050 christlicher Zeitrechnung. Seit über hundert Jahren herrscht Frieden: Die Sternenreiche arbeiten an einer gemeinsamen und positiven Zukunft. Als die Terraner die Transport-Technologie der sogenannten Polyport-Höfe, der Zeugnisse einer längst vergangenen Zeit, zu entschlüsseln beginnen, tritt die Frequenz-Monarchie auf den Plan: Sie beansprucht die Macht über jeden Polyport-Hof. Mit Raumschiffen aus Formenergie oder über die Transportkamine der Polyport-Höfe rücken die Truppen der Frequenz-Monarchie vor, und anfangs scheinen sie kaum aufzuhalten zu sein. Doch die Terraner entdecken die Achillesferse dieser Wesen und gehen in die Offensive über - sie stoßen auf die rivalisierenden Geisteswesen und erkennen, dass die Frequenz-Monarchie seit Millionen von Jahren immer wieder aktiv wird ...
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Veröffentlichungsjahr: 2011
Nr. 2550
Die Welt der 20.000 Welten
In einem seltsamen Kosmos – Perry Rhodan erforscht die Tiefen eines Handelssterns
Michael Marcus Thurner
In der Milchstraße schreibt man das Jahr 1463 Neuer Galaktischer Zeitrechnung – das entspricht dem Jahr 5050 christlicher Zeitrechnung. Seit über hundert Jahren herrscht Frieden: Die Sternenreiche arbeiten daran, eine gemeinsame Zukunft zu schaffen.
Als die Terraner die Transport-Technologie sogenannter Polyport-Höfe, Zeugnisse einer längst vergangenen Zeit, zu entschlüsseln beginnen, tritt die Frequenz-Monarchie auf den Plan: Sie beansprucht die Macht über jeden Polyport-Hof.
Mit Raumschiffen aus Formenergie oder über die Transportkamine der Polyport-Höfe rücken die Vatrox vor, und anfangs scheinen sie kaum aufzuhalten zu sein. Dann aber entdeckt man ihre Achillesferse ausgerechnet in ihrer stärksten Waffe: Die Vatrox verfügen mittels ihrer »Hibernationswelten« über die Möglichkeit der »Wiedergeburt«. Als die Terraner ihnen diese Welten nehmen und die freien Bewusstseine dieses Volkes einfangen, beenden sie damit die Herrschaft der Frequenz-Monarchie.
Allerdings sind damit nicht alle Gefahren beseitigt: Noch immer gibt es Vatrox, darunter den gefährlichen Frequenzfolger Sinnafoch, und mindestens zwei rivalisierende Geisteswesen, die mit dieser fremden Kultur zusammenhängen. Und zwei Drittel des Raumschiffs JULES VERNE mit Perry Rhodan an Bord wurden am Ende der entscheidenden Schlacht vom Handelsstern FATICO wegtransportiert – in DIE WELT DER 20.000 WELTEN …
Perry Rhodan – Der Terraner versucht, seinen B-Controller einzusetzen.
Mondra Diamond – Perry Rhodan liefert ihr Grund zur Eifersucht.
Chucan Tica
Liebe Dokumanten,
Hoschpians Chroniken bieten zu manchen Geschichtsabschnitten bloß unbefriedigende und lückenhafte Ergebnisse. Es fällt uns daher schwer, derart weit zurückliegende Epochen wie das fünfzehnte Jahrhundert NGZ kritisch zu beleuchten. Alle Zeitzeugen sind längst verstorben oder stehen aufgrund anderer Umstände zu keinem Gespräch zur Verfügung.
Jedenfalls lässt sich in der Rückschau erkennen, dass die Versetzung der JULES VERNE jenen Prozess einleitete, der die Macht der Kosmokraten brechen und die Karten im Spiel der Hohen Mächte völlig neu verteilen sollte.
Gehen wir zurück ins Jahr 1463 NGZ und betrachten diese wenigen Tage gegen Ende des Monats April. Die Versetzung der JULES VERNE aus der Andromeda-Galaxis war eine Zäsur der ganz besonderen Art. Sie war Grundlage für Änderungen, die Perry Rhodan durchmachen sollte – und zwar auf mehreren Ebenen.
Eine Reise zu unternehmen bedeutet, die Vertrautheit des heimatlichen Hafens zu verlassen und sich auf das Fremde, das Unbekannte einzulassen. Man lernt andere Kulturen kennen und tritt in den Vergleich: Was ist hier besser, was dort?
Stellen wir fest: Was Perry Rhodan in Anthuresta bewirkte, leitete Entwicklungen ein, die dazu führten, dass er schon wenige Jahre später nicht mehr derjenige war, als der er aufgebrochen war. Er hatte die Konsequenzen seines Tuns zu tragen …
1.
Perry Rhodan:
Der Beginn einer Reise
Strahlendes, lachendes Universum.
Du blickst in diesen Abgrund aus Raum und Zeit, aus erstarrter Dunkelheit und kalt loderndem Feuer. Du weißt, dass du dich niemals wirst sattsehen können, egal, wie alt du auch werden magst.
Eine Galaxis zerbröselt unmittelbar neben dir, eine andere wird geboren. Sie fügt sich aus winzigen, leuchtenden Staubkörnern zusammen, um sich zu drehen, immer rascher, immer kräftiger, immer intensiver.
Deine Hände greifen nach den Sternen und zerpflücken diese Ansammlung aus Leben spendenden Samenkörnern. Sie erscheinen dir winzig klein, und für einen Moment meinst du zu wissen, was es bedeutet, ein Gott zu sein. Doch der Gedanke vergeht, verwirbelt in der Unendlichkeit wie all diese Lichtpünktchen.
Du greifst nach den Sternen …
Wie schon damals, 1971, als du den Arkoniden auf dem Mond begegnet warst, als dich die Unsterblichkeit noch nicht belastet hatte und du noch nicht in diesen niemals enden wollenden Strudel kosmischer Ereignisse gezogen worden warst.
Du weißt, dass diese Realität, durch die du dich zu bewegen scheinst, falsch ist. Sie wird dir vorgegaukelt. Die innere Ruhe, die du zu spüren glaubst – sie löst sich im Nichts auf, gemeinsam mit den Sternen.
Die Leere in dir füllt sich mit einem anderen Gefühl. Mit dem schrecklicher Angst. Du möchtest schreien, doch du kannst und darfst nicht. Denn du bist der Terraner.
*
Die Reise durch den Transfertunnel war anders als alle bislang erlebten. Krämpfe schüttelten mich, brachten mich zum Schwitzen. Irgendein seltsamer Effekt sorgte dafür, dass ich mich in Flüssigkeit gebadet fühlte. In schmieriger Tinte, deren Farbe man selbst nach mehrmaligem Waschen nicht von der Haut bekam. Die Haut auf den Beinen kribbelte, in den Ohren pfiff es. Mein Magen hob und senkte sich, als hätte jemand eine Hochleistungspumpe eingebaut, die die Nahrung ansog und fallen ließ, ansog und fallen ließ …
Schwindel erfasste mich. Verzweifelt hielt ich mich am Rand der Arbeitskonsole fest und versuchte, meinen Blick auf einen Punkt zu fokussieren. Auf meine Hände.
Eine von ihnen – die Linke?, die Rechte? – hatte noch vor Kurzem eine Glasmurmel gehalten. Ein Kügelchen, in dem ein Femtogramm Psi-Materie gespeichert gewesen war. Eine rein von den Zahlen her unglaublich geringe Menge und dennoch so mächtig, dass sie das Raum-Zeit-Kontinuum zerteilen und unabsehbare Schäden anrichten konnte.
Meine Rechte schmerzte.
Jemand sagte etwas, ich achtete nicht darauf. Ich hatte ausreichend damit zu tun, meine verworrenen Gedankengänge zu einem vernünftigen Ganzen zusammenzukitten.
Ich versuchte, die Geschehnisse der letzten Minuten in die richtige Reihenfolge zu bekommen. Der Handelsstern FATICO hatte einen Transfertunnel ausgebildet. 500 Kilometer im Durchmesser, in dessen Innerem intensives Blau – Tintenblau! – geleuchtet und gelockt hatte.
Jeglicher Versuch, der Zugkraft des Transfertunnels zu widerstehen, war vergebens gewesen. Die großartige und einzigartige JULES VERNE war verschluckt, ins Innere gezogen worden.
Und seitdem …
Ich hörte eine Sirene aufjaulen, konnte aber ihren Zweck in diesem Durcheinander an Sinneseindrücken nicht einordnen. Das auf- und abschwellende Geräusch bedeutete … Gefahr? Alarm?
Geräusche. Worte. Dieselbe Stimme wie zuvor. Eine weibliche Stimme.
Mondra. Mein Diamant.
Ich wandte mich ihr zu und versuchte, ihre Worte zu deuten.
Sinnlos. Ich verstand nicht. Mein Geist war zu durcheinander, um die Töne und Geräusche, die sie von sich gab, in brauchbare Informationen umzuwandeln.
Mondra schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ihr Gesicht wurde rot – oder grün?, oder violett? –, und aus der Nase drang ein Blutfaden, der sich über Lippen und Kinn zog.
Ich nahm sie unbeholfen in die Arme. Bot ihr Wärme und Geborgenheit, deren sie in diesen Augenblicken der Ratlosigkeit und grenzenloser Verwirrung nötiger als alles andere bedurfte. Mondra schmiegte sich an mich. Sie genoss offenbar meine Nähe.
Ich hingegen hätte sie am liebsten wieder von mir gestoßen. Ihre Berührung widerte mich an. Ich meinte, einen glitschigen, stinkenden Fisch mit Barteln in den Armen zu halten. Mondras Gesicht wandelte sich, wurde zu einer von Warzen und Furunkeln geprägten Fläche aus schwärendem Fleisch.
Halt sie fest!, sagte ich mir. Lass dich nicht von diesen Halluzinationen irritieren!
Mondras Beine wurden schwer. Sie rutschte an mir hinab, bewusstlos, von den Eindrücken überfordert. So wie fast alle Mitglieder der Zentrale, die ich in meinem eingeschränkten Blickfeld erfasste.
Sanft legte ich sie zu Boden, zu schwach, sie auf ihren Stuhl zu hieven. Warum reagiert NEMO nicht?, fragte ich mich. Was ist mit all den teuren Sicherheits- und Redundanzsystemen?
Ich durchmaß den Raum, stolperte von einem Bereich des Ovals zum nächsten. Überall begegnete ich desorientierten Besatzungsmitgliedern, die meisten waren Menschen. Sie schlugen um sich, tobten, fügten sich selbst Verletzungen zu, warfen sich jammernd zu Boden.
Ich half, wo immer es mir möglich war. Ich fühlte mich um keinen Deut besser als meine Kameraden, und am liebsten hätte ich mich in die Reihen dieser Verrückten eingegliedert. Doch ich war dem Ungewöhnlichen zu oft begegnet, um nicht eine gewisse Abhärtung erfahren zu haben.
Da war ein anderer bei mir/neben mir/vor mir, der half.
Julian Tifflor? – Möglich. Der Jüngere besaß Eigenschaften, die ihn mitunter wie meinen Zwilling erscheinen ließen.
Plötzlich: ein Szenenwechsel. Abrupt wie in einem Holo-Film. Die seltsamen Effekte reduzierten sich auf ein Minimum, der Druck auf Körper und Geist ließ nach.
Erleichtert atmete ich durch und blickte mich um, in diesem Schlachtfeld, das sich Kommandozentrale nannte. Viele Besatzungsmitglieder lagen bewusstlos auf dem Boden; andere kämpften gegen Übelkeit und Schwäche. Kaum einer der sonst so abgebrühten Kameraden war noch in der Lage, zielgerichtet zu agieren.
»Ich fürchte, das war erst der Anfang«, sagte jemand neben mir. Ja, Julian Tifflor war es, der gleich mir zielgerichtet gehandelt und Erste Hilfe geleistet hatte.
Der Freund deutete auf den Haupt-Hologlobus, der uns einen Ausblick auf die Geschehnisse rings um die JULES VERNE gewährte. Der Transfertunnel tat sich wie ein ins Nichts ragender Schlauch auf. Es war kein Ende abzusehen – und die so bedrohlich wirkenden Nebeneffekte unserer Reise schwappten erneut über uns zusammen.
*
Ich eilte zurück an die Konsole des Expeditionsleiters und konzentrierte mich auf die vordringlichen Aufgaben. Holos hüllten mich ein. Sie belagerten und bedrängten meinen Kopf. Wie lästige Insekten umschwirrten sie mich, stritten um einen prominenten Platz innerhalb meines Gesichtsfeldes.
Das Schiff, die JULES VERNE, wollte mir Dinge mitteilen – und verlangte, dass ich Entscheidungen traf.
Die Bilder fielen mir leichter zu beurteilen als all die Geräusche. Ich schob jeglichen Gedanken um Mondras Wohlergehen beiseite und konzentrierte mich auf die Darstellung des Transfertunnels.
Wolkenschlieren huschten am Schiff vorbei. Mit großer Geschwindigkeit wurde die JULES VERNE – jedenfalls die beiden Teile, aus denen sie derzeit noch bestand – wie von einem Traktorstrahl angezogen, hin auf ein … ein … Ja, wohin denn eigentlich?
Ich fühlte, dass etwas meine Beine berührte. Ramoz. Jenes Tier, das zu Beginn unserer ersten Erkundung im Polyport-Netz Mondra als seine Besitzerin – oder Begleiterin? – auserkoren hatte.
Für einen Augenblick wunderte ich mich über diesen seltenen und ungewohnten Beweis von Zuneigung. Ramoz blieb sonst stets an der Seite seiner Herrin und betrachtete mich mehr als Rivalen um Mondras Gunst denn als Freund. Doch diesmal war alles anders.
Ich wollte etwas sagen. Mit dem Schiffsrechner-Verbund Kontakt aufnehmen und mich mit ihm austauschen. Doch nach wie vor war ich nicht dazu in der Lage, meine Eindrücke zu bündeln und in vernünftige Worte zu fassen.
Die Holoprojektionen zeigten weiterhin jenen tintenblauen Schimmer, der nicht sein durfte.
Mit einem Mal änderte sich alles. Farbe machte einer endlosen Schwärze Platz, in der sich kleine Kleckse, Flecken und Streifen tummelten. Ungestüm wirbelten sie umher wie ungezogene Kinder. Sie jagten durch die Leere; erst wild und kaum kontrollierbar, um nach einer Weile zu mehr Ruhe zu finden, einander mit vorsichtiger Zärtlichkeit zu umarmen und schließlich zu … zu … verquicken.
Galaxien. Leuchtende Fanale inmitten kalter, trübseliger Einsamkeit. Horte der Sicherheit, Geburtsstätten allen Lebens.
Eine Weile stand ich da, versunken in Bilder, die die Kraft der Schöpfung in all ihrer Schönheit zeigten. Man brauchte nicht an Götter zu glauben, um angesichts dieses Schauspiels den Kopf demütig zu senken und sich wie ein unbedeutender Wurm vorzukommen.
Ich erinnerte mich, diese Einblicke in den Schöpfungsakt des Multiversums bereits mehrmals genossen zu haben. Die Reise durch einen Transferkamin war stets von überraschenden Bildern begleitet, die einmal mehr, einmal weniger heftig über den Betrachter hereinbrachen. Bei meiner allerersten Reise von einem Polyport-Hof zum anderen, von GALILEO nach ITHAFOR, hatte ich ähnliche Eindrücke gesammelt, ebenso wie einst auf der Brücke in die Unendlichkeit. Und obwohl ich dies alles mehrfach gesehen hatte, blieb das Staunen mein Weggefährte, wann immer ich mit solchen und anderen Wundern konfrontiert wurde …
Blitze zuckten durch die Dunkelheit. Sie zerteilten das All und machten mich glauben, durch eine zersprungene Glasscheibe zu blicken. Phänomene, die mit menschlichen Sinnen kaum zu begreifen waren, griffen in die Vierdimensionalität. Wie strenge Eltern, die Vorhänge beiseiteschoben, um den ungezogenen Bälgern Strafen zu erteilen.
Ich fühlte kreatürliche Angst und ich hörte mich laut schreien. Kräfte, die an diesem Ort nichts zu suchen hatten, äußerten ihren Zorn in Form von alles verschlingenden Schwarzen Löchern, von blutroten Tryortan-Schlünden, von ungebändigten Schwerkraftwirbeln.
Mehrere Kleingalaxien, die bislang am Rand eines größeren Bruders träge dahingetrieben waren, explodierten. Funken spritzten umher, erfüllten den Raum mit ungewöhnlicher Helligkeit – und vergingen.
Ganze Kugelsternhaufen verschwanden im Maul eines sämig dicken Klumpens aus Schwarz. Er entzog ihnen Licht, Masse, Gravitation, alles. Er fraß, bis nichts mehr da war, um anschließend in sich selbst zusammenzufallen.
Eine Galaxis wurde von einem hyperdimensionalen Sturm erfasst. Sie zerfaserte, von den Rändern angefangen bis hin zu ihrem leuchtenden Kern und wirbelte alsbald wie ein zerfetztes Stück Stoff umher, dessen letzte Reste rasch verglommen.
Ich wollte die Augen schließen, wollte den Blick von diesem grausamen Schauspiel abwenden. Doch es gelang mir nicht. Etwas bannte meine Blicke. Irgendjemand wollte, dass ich diese Dinge sah, spürte, begriff.
Ich fühlte mich klein und unbedeutend wie selten zuvor. Die Menschen waren nicht dafür geschaffen, derartige Einblicke in die Natur alles Seins ohne Schmerzen zu verkraften.
Das Brennen in meiner Rechten brachte eine Erinnerung zurück, die ich angesichts der Wunder und des Grauens rings um mich beiseite geschoben hatte: Halluziniere ich? Sehe ich Dinge, die nicht waren und niemals sein dürfen? Bin ich gar schuld an diesen Effekten, weil ich eine Winzigkeit Psi-Materie im falschen Moment gezündet habe?
Immer wieder drifteten meine Gedanken ab. Sie flossen träge und besaßen nach wie vor keinen inneren Zusammenhalt. Am liebsten hätte ich mich nach hinten kippen lassen, um den Stuhl in die Waagerechte zu schalten und eine Weile zu schlafen.
War ich noch in der Kommandozentrale der JULES VERNE? Die Holos rings um mich verblassten zusehends. Sie drohten, einer anderen, seltsam verzerrten Schein-Realität Platz zu machen.
Trug VATROX-CUUR, einer der beiden Herrscher der Frequenz-Monarchie, Schuld an all diesen Kalamitäten? Hatte er mir, bevor er in den ÜBSEF-Sammler gesogen worden war, ein Danaergeschenk hinterlassen und diese Reise ins Nirgendwo bewirkt?
Und: War VATROX-CUUR damit tatsächlich besiegt – oder trug ich falsche Erinnerungen in mir? Spielte mir die seltsame Seelen-Entität etwas vor und manipulierte mich, wie sie es wollte?
Schluss damit!, mahnte ich mich. Wenn du so weitermachst, verlierst du dich tatsächlich irgendwo, irgendwie zwischen den Realitäten …
Ich sah Ziffern.
Sie trieben durch eines der Holobilder. Wenn ich mich recht erinnerte, gaben sie, zusammengesetzt, die Uhrzeit an Bord an. Die hintersten Ziffern bewegten sich einmal rasend schnell, um allmählich einzufrieren und dann stillzustehen.
Zeitphänomene! Dilatationseffekte, die durchschlagen. Oder aber mein Wahrnehmungsvermögen ist gestört.
Es spielte keine Rolle. Es durfte keine Rolle spielen. Wichtig war einzig und allein, dass ich bei Bewusstsein blieb und die Kontrolle über Geist und Körper behielt. Nur ja nicht aufhören zu denken, zu atmen, zu funktionieren! Lass nicht zu, dass dich die Umstände zerrütten!
Etwas drang zu mir durch. Das erste Etwas seit Langem.
Es war eine Berührung. Die eines Wesens. Die eines Tieres.
Ramoz schmeichelte mir abermals um die Beine. Immer wieder drängelte sich Mondra Diamonds Begleiter an mich. So, als wollte sich das Tier in mein Bewusstsein quetschen und mir deutlich machen, dass ich nicht allein war. Dass es Andere und Anderes rings um mich gab.
Ich war dem Tier unendlich dankbar. Es sorgte dafür, dass ich mich nicht in mir selbst verlor und vergaß.
Ich war der unsterbliche Terraner und ich saß in der Zentrale der JULES VERNE. Starke, unbekannte Kräfte zerrten an dem Schiff. Wollten es zerreißen und zerwirbeln, wollten dieses so mächtige Produkt terranischer Ingenieurskunst zur Selbstauflösung zwingen. Denn all diese Effekte, denen wir ausgesetzt waren, wirkten womöglich auch auf subatomarer Ebene. Dort, wo Materie unmittelbar definiert wurde – und durch die Abänderung eines simplen physikalischen Theorems in ein Nichts umstrukturiert werden konnte.
Ich schüttelte verärgert den Kopf, verwarf diese abstrusen Gedanken. Ich musste zu mir kommen, musste …
Die Holos rings um mich zeigten flammendes Gelb und Rot, bevor sie abrupt verloschen.
Explosionsblumen? Sternenlicht? Weitere unbekannte Phänomene?
Ich erhaschte einen letzten Blick auf die Zeitanzeige. Wenn ich den Sinn der Ziffern richtig deutete, war es 20:13:50 Uhr, und der Tag war der 25. April 1463 NGZ.
Ich wollte eine Rechnung beginnen, die mir ungemein wichtig erschien, ohne zu wissen, warum. Doch ich kam nicht mehr dazu. Mein zersplittertes, geplagtes Bewusstsein wusste nicht mehr weiter. Es quittierte den Dienst – und angenehme Dunkelheit umfasste mich.
Perry Rhodan:
Schmerzliche Erkenntnisse
Ich erwachte von den grässlich leiernden Alarmsirenen. Ohne viel nachzudenken, drückte ich auf einer Schaltplatte eine oft genutzte Tastenkombination. Die Töne schwollen auf ein erträgliches Maß ab.
Ich öffnete die Augen. Die Helligkeit ungezählter Lichter fiel schmerzhaft auf mich.
Mein Kopf … Ich konnte meinen Körper wieder fühlen!
Ich blinzelte heftig, und nach einigen Sekunden war ich in der Lage, die Situation rings um mich zu überschauen. Zu verstehen.
Noch immer arbeiteten meine Sinne nicht völlig synchron. Manche Dinge, die ich sah, ergaben – noch – keinen Sinn, und haptische Wahrnehmungen blieben rätselhaft. Doch die Verwirrung ließ rasch nach.
Ich stemmte mich hoch. Mein Kopf brummte. Ich war ohnmächtig nach vorne gestürzt, war mit der Stirn auf die Arbeitsplatte geprallt.
Mondra lag links von mir in Fötusstellung auf dem Boden. Ramoz hatte sich in ihre Armbeugen gedrängt. Seine Lefzen waren weit nach hinten gezogen, die hellrosa Zunge hing schlapp über Mondras Nase.
Ich tat erste, vorsichtige Schritte. Meine Beine waren wackelig und fühlten sich an, als hätte sich ein fürchterlicher Muskelkater eingenistet.
Ich beugte mich zu Mondra hinab. Ja; sie und das Tier atmeten regelmäßig. Sie schliefen und würden wohl bald wieder zu sich kommen.
Ich war als Erster aus der Bewusstlosigkeit erwacht. Julian Tifflor hing schlaff über einem inaktiven Kartentank; die Kommandantin der JV-2, Kala Romka, lag in ihrem voluminösen Sessel, und das Konzept Lloyd/Tschubai war unmittelbar neben meinem Pult zusammengebrochen.
»NEMO?«, fragte ich. »Ich benötige Statusanzeigen.«
Keine Antwort. Das Schiffsgehirn, durch die Abtrennung der Schiffszelle JV-1 ohnedies eines Teils seiner Kapazität beraubt, war nachhaltig gestört.
Geschockt, aber nicht vollends gestört!, verbesserte ich mich. Die Basis-Systeme des Schiffes funktionieren; sonst wäre die künstliche Schwerkraft ausgefallen – und wir hätten keine Atemluft. Apropos … Ich fühlte mich seltsam leicht. Die vom Rechnerverbund des Schiffs erzeugte Schwerkraft betrug nicht mehr als 0,8 Gravos.
Ich zwang mich zur Ruhe und atmete mehrmals tief durch. Diese Momente der Besinnung halfen mir ungemein. Das Denken fiel mir nun leichter – auch wenn ein seltsames Gefühl der Mattigkeit blieb.
»Statusbericht!«, verlangte ich ein weiteres Mal von NEMO.
Keine Antwort. Nicht eines der sonst durch rote Signalpunkte gekennzeichneten Akustikfelder war aktiv. Aus einigen wenigen Lautsprechern an der Decke drangen nach wie vor einander dissonant überlagernde Alarmsignale, mal lauter, mal leiser.
Ein Holobild flackerte auf, um gleich wieder zusammenzubrechen. Mehrere Steuerfelder begannen zu leuchten. Sie schoben sich in- und übereinander, verloren sich in einer völlig willkürlichen Anordnung.
NEMO versucht, sich auf niedrigstem Niveau neu zu strukturieren und das Schiff unter Kontrolle zu bekommen, erkannte ich und fühlte Erleichterung.
Beleuchtungsfelder sprangen an, ein kugelrunder Reinigungsroboter eierte planlos über den Boden. Aus einem Ventilationsschacht drang Fauchen, und ein Schwall heißer Luft fegte über meinen Kopf hinweg.
»NEMO? Ich benötige unbedingt einen Statusbericht!«, verlangte ich hartnäckig. Hoffentlich war der Bordrechner mittlerweile so weit.
Sinnentleertes Gebrabbel drang aus einem der Lautsprecher, überlagert von mehrstimmigem Gesang.
Ein dreidimensionales Holobild flammte auf – und diesmal hielt es. Flackernd zwar, doch immerhin. Datenreihen ruckten von unten nach oben. Ihr Sinn blieb vorerst rätselhaft, und die Informationen flossen noch viel zu zäh, um daraus irgendwelche Schlüsse zu ziehen.
Eine Zahlenreihe stoppte im Zentrum der Darstellung, während andere über sie und durch sie strömten. Ich konzentrierte mich und versuchte, den Sinn dieser Ziffernkombination zu enträtseln.
»Der Koordinaten-Ursprung …«, begriff ich.
Er stand für sich alleine, hatte keinerlei Bezug zu anderen Informationen. NEMO, vom Transport durch den Tunnel verwirrt, hatte sich willkürlich zum Mittelpunkt alles Seins erklärt. Der Logik-Verbundrechner entwickelte nun allmählich ein neues Bezugssystem. All jene externen Recheneinheiten, mobilen Roboter oder positronischen Rechenkerne, die noch funktionierten, fungierten als Dependancen und »Echolots«, die er in sein neues Bezugssystem mit einbezog – um den Raum rings um sich zu definieren.
NEMO macht nichts anderes als weiland der Baron von Münchhausen: Er zieht sich selbst am Schopf aus dem Sumpf …
Der Vergleich hinkte, selbstverständlich. Doch er veranschaulichte die sonst unmöglich zu verstehenden Vorgänge eines biopositronisch-hyperinpotronischen Rechnerkerns, dessen Plasmazusatz ein Volumen von rund zweitausend Kubikmetern einnahm und einige Decks über der Kommandozentrale ruhte.
Zwei Worte leuchteten innerhalb des Holobildes auf. Blues'sche Schriftzeichen waren mit Buchstaben in Interkosmo vermengt.
»Hab Geduld«, entzifferte ich mit Mühe.
Geduld!
Ich fühlte mich hilflos und gefangen. Ich konnte nichts tun, solange NEMO nicht ein Minimum an Rechnerkapazität für mich verfügbar machte.
Erneut beugte ich mich zu Mondra. Ich entnahm Wasser aus einem funktionierenden Spender und träufelte ihr die Flüssigkeit in den Mund. Ihre Pupillen zuckten unruhig unter den geschlossenen Lidern. Sie würde wohl bald wieder zu sich kommen.
»Einsatz…bereitschaft hergestellt!«, krächzte NEMO, kaum verständlich.
Ich stand auf, erleichtert über diese ersten Worte des Bordgehirns. »Gib mir einen Statusbericht«, verlangte ich einmal mehr. »Vorrangig auf die Gesundheit der Besatzungsmitglieder bezogen.«
»Ja.«
Zwei weitere Holos entstanden. Das erste zeigte einen mit technischem Brimborium vollgeräumten Lagerraum, das andere eine Großtoilette. Die dreidimensional aufbereiteten Bilder verloschen, machten anderen Platz, die willkürlich in die Zentrale übertragen wurden.
»Die Medoroboter nehmen ihre Arbeit auf und verteilen sich gemäß Notfallplan über das Schiff. Leider kann ich noch nicht alle Decks visuell und über Rezeptoren erfassen …«
»Alisha Grasnic und ihr Team müssen zuallererst geweckt werden«, unterbrach ich NEMOS Bericht. »Egal mit welchen Mitteln.«
Der Leiterin der Medizinischen Abteilung der JV-2, eine resolute Frau in den Achtzigern mit viel »Fronterfahrung« – gewonnen in Jahrzehnten beim medizinischen Hilfsdienst des Galaktikums, einer zur Galaktikumsflotte gehörenden Teilorganisation mit Hauptsitz Tahun –, kam in den kommenden Stunden große Bedeutung zu. Sie und ihre Leute mussten die Mitglieder der technischen und wissenschaftlichen Abteilungen so rasch wie möglich auf die Beine bekommen. Wenn nötig, auch mit Rabiatmethoden.
In dieser Situation, in diesem fast schlimmsten aller anzunehmenden Notfälle, konnte ich es mir nicht erlauben, meine Leute mit Samthandschuhen anzufassen. Um zu begreifen, wo wir uns befanden und so schnell wie möglich eine Situationsanalyse anzustellen, benötigte ich so viel Unterstützung, wie ich nur bekommen konnte.
Julian Tifflor kam zu sich. Er schüttelte benommen den Kopf, bevor er wortlos aufstand und rechts von mir am »Balkon« genannten Pult der Expeditionsleitung Platz nahm. Er nickte mir zu, sagte kein Wort. Zwischen uns herrschte wie so oft stilles Einverständnis.
Kala Romka erwachte als Nächste. Wackelig blieb sie stehen und versuchte, sich zu orientieren – um gleich darauf auf ihren Stuhl zu plumpsen. Ein Speichelfaden hing aus ihrem Mund; die Augen taten sich schwer zu fokussieren.
»Wo sind wir?«, fragte sie leise.
»Vermutlich in der Nähe eines Handelssterns.« Ich erinnerte mich meiner letzten Eindrücke, bevor mich der Schmerz in die Bewusstlosigkeit gedrückt hatte: Ein gelbroter Klecks. Eine Sonne, die wahrscheinlich nichts anderes als ein getarnter Handelsstern ist. Hoffentlich!
Kala Romka tastete nach ihrem Kontroll-Stick; einer Spezialanfertigung, mit der sie in manchen Situationen weitaus besser umzugehen verstand als mit den üblichen Tastfeldern. Erst mit dem zweiten Versuch gelang es ihr, die Hand um den Befehlsgeber zu schließen.
Eine Holowolke umgab sie augenblicklich. Langsam, aber zielgerichtet begann sich die Kommandantin zu orientieren.
Mondra erwachte zeitgleich mit Ramoz.
So als wären die beiden selbst während ihrer Ohnmacht durch ein unsichtbares Band miteinander verknüpft gewesen. Ich streichelte ihr übers zerknautschte Gesicht, bevor ich mich anderen erwachenden Besatzungsmitgliedern widmete.
Lloyd/Tschubai wirkte reichlich desorientiert und klagte über grässliche Kopfschmerzen. Doch das Konzept fühlte sich bald wieder besser. Es teleportierte die wenigen Verletzten der Zentrale in die Medo-Abteilung und begab sich anschließend in andere Bereiche des Schiffes, um weiteren Hilfsbedürftigen zur Seite zu stehen, die der telepathische Partner des mentalen Duos aufspürte.
Akika Urismaki, der Halbspur-Changeur, und der Schattenmaahk Pral waren ebenfalls unter den ersten, die erwachten. Sie hielten sich schweigsam im Hintergrund. Beide waren mit den Gepflogenheiten an Bord eines terranischen Schiffes nur wenig vertraut. Die Menschen hingegen reagierten mit jener Professionalität, die ich von Angehörigen der LFT allgemein und meiner Besatzung speziell erwartete. Alle wirkten benommen und geschwächt, doch niemand beklagte sich. Konzentriert widmeten sie sich ihrem unmittelbaren Aufgabengebiet und unterstützten NEMO, so gut sie konnten.
»Die VERNE ist bedingt wieder einsatzbereit«, meldete Kala Romka und gähnte unterdrückt. »Es besteht keine unmittelbare Lebensgefahr für die Besatzung. Allerdings …«
»Ja?«
»Die Ergebnisse der Abteilung Funk, Tastung und Ortung sind unbrauchbar. Besser gesagt: unergiebig.«
»Was bedeutet: unergiebig?«
»Wir vermuten, dass es eine Sonne ist, die …«
»Du meinst: ein als Sonne getarnter Handelsstern?«
»So ist es. Doch wir können keinerlei aussagekräftige Daten über das Gebilde einfangen.«
»Weil NEMO noch nicht so weit ist?«
»Der Rechner-Verbund hat mittlerweile fünfzehn Prozent seiner Leistung erreicht. Das sollte reichen, um halbwegs vernünftige Hochrechnungen anzustellen. – Nein, da ist etwas, das NEMO davon abhält, Informationen zu interpretieren.«
Kala bewegte ihren Kontroll-Stick. Ein Holobild teilte sich scheinbar, und der losgelöste virtuelle Zweit-Kubus schwebte zu mir herüber.
Er stellte die »Sonne« verschwommen dar. Ringsum leuchtete und irrlichterte es in bunten Farben.
»Ein Psi-Sturm, der die Wahrnehmungen des Schiffgehirns stört?«, mutmaßte ich.
»Gut möglich. Allerdings greift mir diese Erklärung zu kurz. Da ist noch mehr; ein unbekannter Faktor, den ich nicht erklären kann.«
»Deine Meinung, Abraham?«, bezog ich den Chefwissenschaftler der JV-2 ins Gespräch mit ein.
»Gib mir Zeit.« Der sonst so nervös agierende Hyperphysiker Abraham Camaro wirkte wie die Ruhe in Person. »Ich benötige ein paar Minuten.« Er deutete auf Leistungskurven, Diagramme, Datenströme und Zählwerke, die ihn virtuell umgaben, ja, einwoben.
»Ich möchte, dass du die Alten mit in deine Arbeit einbeziehst.«
»Die Tattergreise?«, empörte sich Abraham. »Sie stören den Forschungsbetrieb mehr, als sie helfen.«
»Darf ich dich daran erinnern, dass du vom Altersprofil her ohne Weiteres dem Club der sogenannten Tattergreise beitreten könntest?«
»Aber ich habe keine Marotten und ich bin voll in das Bordgeschehen integriert!«, rief Camaro und ließ nervös zwei Kugeln zwischen den Fingern seiner Linken hin und her gleiten. So, wie er es fast immer tat.
»Keine Widerrede! Du tust, was ich dir sage!«
Ich aktivierte eine Bildverbindung zur Bordklinik. Oberstleutnant Grasnic starrte mir müde entgegen. »Wie sieht's aus?«
»Wie bitte?« Die Frau starrte mich aus großen Augen an.
»Verzeih mir. Formell hätte ich sagen müssen: ›Statusbericht?‹«
»Tut mir leid, wir sind hier alle ein wenig im Stress und reagieren vielleicht anders als sonst.« Die Terrageborene lächelte. »Um deine Frage zu beantworten: Wir hatten Glück im Unglück.«
»Das heißt?«
»Es sind noch nicht alle Decks erfasst; doch wie es aussieht, haben wir weder Tote noch Schwerverletzte zu beklagen. Ein paar Verstauchungen, Platzwunden, Gehirnerschütterungen. Drei Besatzungsmitglieder erlitten komplizierte Brüche, die länger als eine Woche zur Ausheilung benötigen.«
»So viel zur Physis. Wie sieht es mit psychosomatischen Störungen aus? Gibt es Hinweise auf massensuggestive Beeinflussung? Auf Psi-Attacken?«
»Wir spüren wohl alle eine Art Müdigkeit, die womöglich mit der Länge und Intensität des Transports zu tun hat, aber auch andere Gründe haben könnte. Wir sind noch am Sondieren und Auswerten aller Symptome.«
»… wie zum Beispiel diesem Gefühl einer Kälte, die sich tief im Inneren ausbreitet?«
»Exakt.« Alisha runzelte die Stirn. »Du spürst es also auch?«
»Der Zellaktivator bewahrt mich nicht vor Schmerzen«, wiederholte ich geduldig, was ich Generationen von Terranern vergeblich beizubringen versucht hatte.
»Aber er sollte diese seltsame Müdigkeit bekämpfen.«
»Ich gehe davon aus, dass die Kälte von einem noch unbekannten Psi-Einfluss bewirkt wird. Unsere Ortungstechniker sind daran, das Phänomen zu erfassen und auszuwerten. Du schließt dich am besten mit Abraham Camaro kurz …«
Ich beendete das Gespräch so rasch wie möglich und wandte mich anderen offenen Baustellen zu. Funk und Ortung bedurften ebenso meiner Aufmerksamkeit wie der ratlos vor sich hin stierende Erste Emotionaut, der Ertruser Nor Trigata. Die Abteilungen Schiffsverteidigung, Triebwerke, Bordmaschinen, Positronik, Logistik – sie alle wollten mit mir sprechen, brauchten aufmunternde Worte.
NEMO schickte mir nun fast minütlich abgeänderte und ergänzte Informationen. Was der Bordrechner sammelte und zutage brachte, wirkte anfangs unverfänglich, um, je mehr Zeit verging, erschreckend – und schließlich bedrohlich zu wirken.
Hatte es so ausgesehen, als würde das Schiff schnell wieder zum ursprünglichen Leistungsvermögen zurückfinden, so zeigte sich nun, dass ich einer Fehleinschätzung erlegen war.
»Die Primitivtechnik funktioniert nur sehr eingeschränkt«, fasste Kala Romka zusammen, »und hyperphysikalische Technik greift so gut wie gar nicht. Hast du die üblichen Selbstprüfungsdurchgänge durchlaufen und abgeschlossen, NEMO?«
»Selbstverständlich. Fast alle Steuerungsaggregate, Defensiv- und Offensivbewaffnung sowie die Ortung zeigen nicht nur hundertprozentige Funktionsbereitschaft, sondern laufen teilweise auch auf Volllast. Aber die Wirkung bleibt aus. Was rings um mich vor sich geht, kann ich lediglich verschwommen erkennen. Ich kann mich kaum bewegen, kann mich kaum selbst versorgen …«
Unter anderen Umständen hätte ich über das Wehklagen des Bordrechners gelächelt. Er benahm sich, als empfände er so etwas wie Schmerzen. Doch hier und jetzt musste ich mir ernsthafte Sorgen um NEMOS Wohlergehen machen. »Die hyperphysikalischen Energien verpuffen also im Nichts«, mutmaßte ich. »Oder aber sie werden von entsprechenden Gegenkräften neutralisiert.«
»Ja.«
»Wir sollten weg von hier!«, rief Kala Romka. Sie wischte sich übers schweißbedeckte Gesicht. »Die Psi-Wolke … sie beeinflusst uns und das Schiff!«
Sie hielt den Kontroll-Stick krampfhaft umklammert. »Fluchtkurs berechnen!«, befahl sie. »Weg vom Handelsstern. Startsequenz auf meinen Befehl hin einleiten.«
NEMO reagierte widersprüchlich. Einerseits zeigte das Schiffsgehirn mit einem Grünsignal an, dass es die vorbereitende Rechenarbeit durchführte, andererseits protestierte es mit mehreren Alarmzeichen gegen den Befehl.
Nach ungewöhnlich langen zwei Sekunden meldete NEMO, einen Fluchtkorridor ermittelt zu haben. Der Vektor führte in ein Nichts. Es existierte keinerlei Anhaltspunkt, keinerlei Datensicherheit für diese Reise.
»Start in drei Sekunden. Drei, zwei …«
»Überrangbefehl: abbrechen!«, riefen Tifflor und ich fast gleichzeitig.
NEMO fror den Countdown augenblicklich ein. Ich nickte meinem langjährigen Wegbegleiter dankbar zu. Er hatte denselben Gedanken wie ich verfolgt und die Gefahr erkannt.
»Wir bleiben, wo wir sind.« Nur ungern mischte ich mich in die eigentliche Schiffsführung ein; doch diesmal musste es sein.
»Aber …«
»Kein Aber, Kala!« Ich deutete auf rot blinkende Warnsignale. »Die Wirkung der Andruckabsorber liegt nahezu bei null. Schon bei der geringsten Beschleunigung würden wir wie die Fliegen zerquetscht werden.«
Kala folgte meinen Argumenten mit Unverständnis. Es dauerte lange, bis sie verstand, was ich ihr sagen wollte – um schließlich von einem Moment zum nächsten zu erblassen. »Es … es tut mir leid«, sagte sie stockend. »Ich habe es nicht gesehen … nicht bemerkt …«
»Und NEMO ebenfalls nicht.« Ich atmete tief durch. »Wir bleiben vorerst, wo wir sind. So lange, bis wir zumindest eine Basismanövrierfähigkeit des Schiffs hergestellt und gesichert haben.«
»Ich bitte darum, abgelöst zu werden«, verlangte Kala Romka. Der Frau im Rang eines Oberst war anzusehen, wie schwer ihr die Worte fielen. »Ich bin derzeit nicht in der Lage, meinen Dienst zu tun.«
»Abgelehnt«, bestimmte ich. »Wir verlassen uns weiterhin auf dich.«
»Aber …«
»Keine Widerrede!« Ich konnte es mir nicht leisten, auf die Dienste dieser so umfassend ausgebildeten Schiffskommandantin zu verzichten. Die Plophoserin war die geborene Strategin. Sie konnte die Besatzung für sich vereinnahmen, konnte Dinge bewegen.
Sie hatte einen Fehler begangen; einen schwerwiegenden gar. Doch sie würde jegliche weitere Entscheidung dreifach überdenken, bevor sie sie aussprach. Dieses Häufchen Elend nun von ihrem Posten abzuberufen und sie mit ihren Sorgen und ihren Selbstvorwürfen alleine zu lassen, mochte sie psychisch weitaus stärker zu belasten.
»NEMO?«
»Ja, Perry?«
»Jede weitere Entscheidung, die das Schiff als Ganzes betrifft, muss von nun an von mindestens zwei Stellen abgesegnet werden. Bevorzugt von der Kommandantin, von Tiff oder von mir.« Wobei ich mir nicht einmal selbst traue … Ich fühle mich unendlich erschöpft.
»Verstanden.«
»Außerdem verlange ich, dass deine Kontracomputer-Funktion mehr Gewichtung bekommt. Du hättest Kalas Befehl zum Notstart niemals akzeptieren dürfen.«
»Ich weiß«, sagte NEMO mit phlegmatisch klingender Stimme.
Weitere Minuten vergingen. NEMO gelangen einige grobkörnige Außenaufnahmen. Die gelbrote Sonne war dominierend. Die VERNE torkelte durch ihr Inneres, drehte sich nahezu unkontrolliert. Der Anblick ließ mich schaudern; umso mehr, als NEMO meldete, dass Lineartriebwerke, Impulstriebwerke, Gravotron und Trafitron fast vollends versagten. Ausgerechnet die sonst so überlegene und ausgefeilte Metaläufer-Technik zeigte Ausfallerscheinungen, wie ich sie niemals für möglich gehalten hätte.
»Die Trafitron-Wandler interferieren mit dem Psi-Sturm«, sagte Abraham Camaro. »Chucan Tica und ich sind diesbezüglich einer Meinung.« Die Kugeln in seiner Linken klackerten gut hörbar gegeneinander. Er versank wieder in düsterem Brüten, um nur ab und zu ein geflüstertes Wort an einen seiner über Holos zugeschalteten Kollegen zu richten.
Chucan Tica war einer der »Alten«. Ein schwergewichtiger Mann, der sich trotz des hohen Alters eine bemerkenswerte Agilität erhalten hatte. Seine weitschweifigen Ausführungen nervten mitunter; und dennoch galt der promovierte Hyperphysiker als eine der wissenschaftlichen Koryphäen an Bord.
Wie Nomaden zogen er und die anderen Alten seit geraumer Zeit durch das Schiff. Unruhig, immer auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Sie agierten außerhalb der sonst so strengen Bordhierarchie. Ihr Ruf und ihre außergewöhnlichen Leistungen während der letzten 120 Jahre hatten ihnen eine ungewöhnliche Position eingebracht, die den normalen Besatzungsmitgliedern an Bord ein ständiger Dorn im Fleisch war.
Ist es Schicksal oder Fügung, dass sie unmittelbar vor der Trennung der Schiffsteile auf die JV-2 übergesiedelt sind?, fragte ich mich.
Ich vergaß den Gedanken so rasch, wie er mir gekommen war. Ich musste mein Augenmerk auf die aktuelle Situation gerichtet halten. Ich meinte, die Hitze des bedrohlich nahe stehenden Gestirns zu spüren.
Wenn es sich nun doch um eine Sonne handelt und nicht um einen Handelsstern …?
Chucan Tica,
kurz zuvor: Der Knurrhahn
»Ich schwöre hiermit feierlich, dass ich ab morgen mit dem Abnehmen beginne«, brummte er und ließ sich von einem Medoroboter auf die Beine helfen.
»Wie oft habe ich diese Litanei schon von dir gehört?«, fragte Thalia Masoon, deren Versuch eines Grinsens soeben jämmerlich misslang. Auch sie befand sich in der Obhut eines der Maschinen-Ärzte.
»Das mag damit zu tun haben, dass sich das Wort morgen jeden Tag neu erfindet. Die Interkosmo-Semantik ist ein höchst unpräzises und daher oftmals untaugliches Mittel zur Kommunikation. Das liegt unter anderem an der Melange unterschiedlicher Sprachen wie des Satron und des Terra-Englischen und einigen mehr. Dazu kann ich dir einen hervorragenden Essay empfehlen, bei dem selbst dir die Vorzüge etwa der mathematisch-symbolischen Präzisionskommunikation der Posbis einleuchten dürften und …«
»Halt den Mund, alter Brabbelbär«, unterbrach ihn Thalia schroff. »Es ist keine Zeit für irgendwelche Haarspaltereien.«
»Wenn nicht jetzt – wann dann? Immerhin begehe ich soeben eine gute Tat. Ich falle dir so lange auf die Nerven, alte Hexe, bis du wieder auf den Beinen stehst und mir hilfst.«
Die klein gewachsene Yornamerin sah schrecklich aus. Sie schwitzte; ihre sonst so großen braunen Augen waren zu schmalen Schlitzen zusammengezogen, die für ihr Volk typische starke Behaarung auf dem Handrücken wirkte verfilzt.
»Schau nicht so!«, herrschte sie ihn an. »Mir geht's gut, und ich würde mich noch viel besser fühlen, wenn du mich in Ruhe ließest.«
»Selbstverständlich«, brummelte Chucan und reichte ihr die Hand. Schon vor Jahrzehnten hatte er sie durchschaut. Jene Schroffheit, die sie nur ihm gegenüber zeigte, entsprang einem Verteidigungsmechanismus. Sie mochte ihn, hatte ihn immer gemocht, wollte sich aber nicht binden. Nicht an ihn. Und nun, in ihren späten Jahren, erst recht nicht.
»Gib mir, was du hast, NEMO!«, verlangte Chucan.
Das Schiffsgehirn, mit seinem Charakterbild seit Langem vertraut, gehorchte. Es schuf ihm ein durchtechnisiertes Arbeitsumfeld, wie er es liebte. Wie er es vor langer Zeit entwickelt und immer weiter optimiert hatte. Die Anordnung erlaubte ihm, mit Beinen und Händen gleichermaßen zu arbeiten. Er hatte sich seinen virtuellen Arbeitsplatz von Musikern abgeschaut. Von Drummern. Von jenen, die in ihren Kreisen als exzentrisch, mitunter auch als verrückt galten und einen ähnlichen Ruf wie Torleute im Fußball genossen – und dennoch, mehr als jeder anderer im Team, über Gelingen eines Gigs oder eine Niederlage im Spiel entschieden.
»Camaro ist ein Lahmarsch«, brach es nach einer Weile aus Chucan heraus. »Er nutzt NEMOS erwachendes Potenzial nicht zur Gänze aus, hinkt stets ein wenig hinterher.«
»Er ist vorsichtig«, widersprach Thalia Masoon und rieb sich die Augen. »Immerhin trägt er die Verantwortung für jedes einzelne klickende Relais an Bord.«
»Zeig mir ein einziges Relais an Bord der VERNE, ausgenommen in den hinterletzten Redundanz-Schaltkreisen veralteter Holo-Spielkonsolen!«, empörte sich Chucan. »Und außerdem wäre der Chefingenieur für diese Relais zuständig, dieser Zwerg, Vanderblümchen oder wie er heißt.«
»Vanderbloom, und das weißt du ganz genau. Lass endlich deine Spitzfindigkeiten!«, tadelte die Yornamerin ungeduldig. »Geh mit den Jünglingen nicht so streng ins Gericht. Er leistet Großartiges. Sieh her …« Sie überlagerte nun mehrere Darstellungen hyperdimensionaler Formkurven, betonte da und dort einen Aspekt und reduzierte das entstandene Bild auf eine sechsdimensionale Formelgruppe, die nur die wenigsten Menschen verstanden.
Chucan Tica gehörte zu den wenigen.
»Na schön, du hast recht«, grummelte er. »Er bringt NEMO allmählich wieder auf Trab. Aber hat er denn einen Plan, wie er den verpuffenden Energieströmen begegnet?«
»Hast du denn einen?«
»Ist nicht meine Aufgabe.« Er konzentrierte sich auf sein Instrumentenset, stimmte es neu, brachte die einzelnen Geräte zueinander in eine bessere Abstimmung. Er liebte es, sich in Feinheiten zu verlieren; zumal der Teufel meist im Detail steckte.
Er erhielt Bulletins diverser Wissenschaftsabteilungen und -gruppen an Bord gereicht; manche waren von NEMO ergänzt und als »wahrscheinlich« abgesegnet worden, andere beinhalteten spekulative Themen. Ihnen allen war gemein, dass sie nach heißer Luft rochen, sobald die möglichen Psi-Effekte zur Sprache kamen. Die Theoretiker und Grundlagenforscher der VERNE mutmaßten fröhlich vor sich hin, während sich die Techniker nicht trauten, auch nur einen einzigen Vorschlag in die Tat umzusetzen. Die Verunsicherung setzte sich in den Hierarchien von unten nach oben fort.
Chucan schüttelte verärgert den Kopf. Das alles ging ihm viel zu langsam. Entscheidungen mussten getroffen, Risiken eingegangen werden. Das Schiff befand sich an einem unbekannten Ort und trieb im Schatten einer unbekannten Sonne, die womöglich gar keine war. Die Zweidrittel-VERNE war so gut wie bewegungsunfähig, das Bordgehirn nur beschränkt belastbar. Die vermeintliche Psi-Strahlung schadete dem Gemüt der Besatzungsmitglieder …
Die Parameter waren alles andere als beruhigend – und sie konnten sich jederzeit zum noch Schlechteren wenden. Das Zeitfenster, innerhalb dessen sie selbstbestimmte Entscheidungen treffen konnten, war nach Chucans Vermutung nicht allzu groß.
»Ist dir auch so kalt wie mir?« Thalia rieb sich mit den Händen über die Oberarme.
»Dabei handelt sich's um den Nebeneffekt eines Psi-Phänomens«, sagte Chucan abwesend. Er drückte und schob, brachte die holografischen Arbeitselemente in immer bessere Synchronisation zueinander. »Eines instabilen, wohlgemerkt. Du wirst sehen – in ein paar Minuten fühlst du dich besser.«
»Hoffentlich.« Thalia klapperte mit den Zähnen. »Mir geht's gar nicht gut. Am liebsten würde ich … würde ich …«
Chucan schreckte aus seiner verwirrenden Gedankenwelt hoch – und musste zusehen, wie seine Freundin haltlos zu Boden stürzte. Ihr Kopf prallte heftig auf dem Boden auf, und dann lag sie da und rührte sich nicht mehr. Was …?
»Thalia!« Er löste die holografische Anordnung auf und hastete zu ihr. Ihre Augen, halb geöffnet, starrten ins Leere.
Unfähig, sich zu bewegen, blickte er auf Thalia hinab. Was sollte er tun, was konnte er tun? Sein Leben bestand aus Arbeit und Forschung und Forschung und Arbeit. Die bordüblichen Erste-Hilfe-Kurse hatte er selbstverständlich belegt; doch alles, was er gelernt hatte, war in diesem Moment wie weggeblasen.
»Hilfe«, sagte er tonlos. »Ich brauche Hilfe.«
Chucan Tica kniete sich nieder und streichelte über das zarte Gesicht der Frau. Sie durfte ihn nicht verlassen! Sie war ein Teil der Gruppe. Ohne sie würde nichts mehr so sein, wie es einmal gewesen war. Es würde ihrer aller Ende bedeuten.
»Hilfe«, hauchte er ein weiteres Mal.
Er hatte Angst. Davor, einsam und allein zurückzubleiben.
Perry Rhodan:
Holzplanken in einer Wasserwüste
Erste, höchst vorsichtige Schiffsbewegungen verliefen wenig vielversprechend. Es hatte den Anschein, als würde die VERNE stöhnen und ächzen, während Kala Romka mit Werten beschleunigte, die ein Buick Eight aus meiner Jugend ohne Probleme übertroffen hätte.
Angespannt saßen wir im Halboval der Zentrale und beobachteten die im Schneckentempo nach oben kriechenden Beschleunigungs-Anzeigen.
»Ich würde am liebsten aussteigen und schieben helfen«, sagte Julian Tifflor.
»Endlich eine vernünftige Idee! Dann könntest du gleich nachsehen, was sich wirklich rings um uns tut.«
Nur da und dort zeigte sich ein müdes Grinsen im Gesicht eines Besatzungsmitglieds. Viele der Frauen und Männer reagierten nicht erkennbar auf meine Worte. Ihnen allen war kaum zum Scherzen zumute.
»Die Evolux-Kugeln, die den Travitron-Antrieb sozusagen unterfüttern, versagen fast vollends«, sagte Abraham Camaro. »Die in ihnen gespeicherte Psi-Energie interferiert mit dem Psi-Sturm, den wir da draußen vermuten.«
Ein anfänglich flackerndes, gleich darauf stabil bleibendes Bild erschien im Hologlobus. Fast kollektiv atmeten die Ortungsoffiziere auf. Sie, die auf derartige Darstellungen wie auf einen Bissen Brot angewiesen waren, litten wohl am meisten unter den derzeitigen Verhältnissen.
Ich ließ mich von der steigenden Erregung ringsum nicht anstecken, sondern studierte stattdessen in aller Ruhe die Bilder. Rings um die einzelne Sonne war nichts, was sich klassifizieren ließ. Nebliges, unstrukturiertes Einerlei verhinderte den Ausblick auf andere Sterne oder Sternbilder. Einzelne »Dunststreifen« kontrahierten. Sie zogen sich zusammen und dehnten sich gleich wieder aus, während andere Raumbereiche keinerlei Veränderung erfuhren.
Ich konzentrierte mich auf die Sonne. Sie leuchtete orangefarben, dann gelb, schließlich rot. Wie ein Energieträger, der einmal zu viel, dann wieder zu wenig belastet wurde.
Ich meinte, Granulationselemente wahrzunehmen. Heiße und damit hellleuchtende Flächen, die aus der vermeintlichen Photosphäre der Sonne hochstiegen und erkalteten, um als dunklere Fleckchen am Rand des Eruptionsstromes zurückzuweichen und in der Optik eine seltsame Körnung zu ergeben. Spicula, »borstenartige« Gasströme, schossen nach oben, prallten auf die scheinbare Chromosphäre und fielen wieder in sich zusammen.
Das Gestirn wirkte wie von einer Gänsehaut überzogen, deren Poren sich übereinanderlagerten, verschoben, neu strukturierten. Eruptive Protuberanzen und Jet-Streams leckten in Richtung der JULES VERNE; mal stärker, mal schwächer. Die Tast- und Ortungsgeräte des Schiffs lieferten nach wie vor kaum Material, das über die direkt-optische Wahrnehmung hinausging …
Die Bilder wirkten absolut real! Kein Detail deutete darauf hin, dass es sich bei diesem Objekt um einen getarnten Handelsstern handelte.
Ich presste die Lippen fest aufeinander und drängte die Angst beiseite. Ich ließ die Wissenschaftsabteilungen in Ruhe arbeiten – sosehr es mir auch widerstrebte. Ich musste mich auf die Kompetenz meiner Leute verlassen.
Abraham Camaro ruderte verzweifelt mit den Armen, während er die Heerscharen seiner im gesamten Schiff verteilten Wissens-Zuträger dirigierte.
»Gibt es anmessbare Gravitationseinflüsse auf die VERNE?«, fragte ich schließlich, als ich es nicht mehr aushielt. »Strahlenbilder? Emissionsflüsse? Es muss Hinweise geben, was das ist.«
»NEMOS Daten können richtig sein, müssen es aber nicht«, antwortete der Chefwissenschaftler. »Um ehrlich zu sein: Derart hilflos bin ich mir noch niemals vorgekommen.«
»Ich muss Entscheidungen treffen, Abraham«, drängte ich. »Ist es eine Sonne – oder ein als Sonne getarntes Objekt?«
»Gib mir ein paar Minuten!«, verlangte Camaro.
»Das könnten ein paar Minuten zu viel sein.« Genug! Ich musste handeln und hatte kaum mehr als mein Gefühl, auf das ich mich verlassen konnte. Ich wandte mich an Kala Romka. »Sieh zu, dass du diese müde Mühle auf Touren bringst. Gib Gegenschub. Wir wenden, natürlich mit aller gebotenen Vorsicht.«
Die Kommandantin nickte, legte ihren Hochleistungs-Schokoriegel beiseite und besprach sich leise flüsternd mit Nor Trigata. Das Manöver würde dem Emotionauten angesichts der versagenden Technik alles abverlangen.
Ich fühlte mich einmal mehr an meine frühen Tage erinnert; an die Zeiten, als ich in Wassertanks die Schwerelosigkeit simuliert und gelernt hatte, die Steuerungselemente der STARDUST mithilfe von Rechenschiebern und auswendig gelernten Formeln zu bedienen. So oder ähnlich mussten sich gegenwärtig Kala Romka und ihr Führungsteam fühlen.
Ich behielt die auf den Hologlobus projizierten Bilder im Auge. Nach wie vor hielten sie die Sonne eingefangen. Sonneneruptionen zuckten; energetische Strömungen zeigten sich wie hell leuchtende Flüsse oder Bäche, die zwischen etwas dunkleren Flächen dahinmäanderten.
Und dann war da noch dieser einzelne dunkle Fleck am Rand der optischen Darstellung. Eine Art Schönheitsfleck oder Warze, deren Umrisse immer deutlicher zum Vorschein kamen.
Gezackte, regelmäßige Muster!, dachte ich.
»Wendemanöver abbrechen!«, befahl ich – und erntete verständnislose Blicke der anderen Besatzungsmitglieder. Lediglich Julian nickte mir zu.
Beide mussten wir grinsen. Gleichzeitig hatten wir eine wichtige Entdeckung gemacht und denselben Schluss gezogen.
»Wir bleiben auf Kurs«, sagte ich und deutete auf das Holobild. Wir hatten es geschafft; wir hatten endlich ein Ziel vor Augen.
Der winzige Klecks inmitten strahlenden Lichts stellte einen Teil des getarnten Handelssterns dar. Der Schatten verbreiterte sich, wurde zu einer stachelbewehrten Kugel. Zu einer, die allmählich die vermeintliche Sonne mit ihren Dornen durchbohrte und den grellen Lichterschein verdrängte.
»Das Ding ist verdammt groß«, staunte Abraham Camaro ehrfürchtig.
»Das ist für einen Wissenschaftler eine nur wenig fundierte Aussage«, tadelte Kala Romka.
»Verzeihung.« Abraham lief rot im Gesicht an und wühlte sich tief in einen Wust an Arbeitsunterlagen, die ihm NEMO zur Verfügung stellte.
Einige Details des Handelssterns wurden in der optischen Nahortung sichtbar. Die Außenkameras und Teleskope nahmen eine raue und strukturierte Oberfläche wahr, in Nuancen von Schmutzig-Weiß bis Dunkelgrau gefärbt.
»Die Kugel selbst besitzt einen Durchmesser von fast 3040 Kilometern«, sagte Abraham, nun wieder in seiner sattsam bekannten, unaufgeregten Stimmlage. »Sie ist von insgesamt zweiundsechzig Stacheln oder Zapfen besetzt, die bis zu 680 Kilometer lang werden. Der Gesamtdurchmesser beträgt also etwa 4400 Kilometer.« Ehrfürchtig fügte er hinzu: »Doppelt so viel wie bei FATICO.«
»Können wir näher heranzoomen?«, fragte ich.
NEMO gehorchte. Verwaschene Bilder wurden sichtbar, von seltsamen Interferenzen gestört. Die Oberfläche der Zapfen war von Auswüchsen übersät. Auch auf dem kugelförmigen Hauptkörper zeigten sich seltsame Objekte: korkenzieherartige Gebäude, schmale Türme, schlanke Obelisken, Säulen mit ausgedehnten Pilzkappen, Rundkuppeln, kristallin wirkende Gewächse. Manche von ihnen waren mehrere hundert Meter hoch, andere so klein, dass sie in der mangelhaften Darstellung kaum erkennbar waren.
Weitere »Wolken« zogen auf. Sie verbargen die Oberfläche nun fast zur Gänze. Nur wenige Stacheln drangen aus dem Nebel hervor. Wie Berggipfel wirkten sie, in deren Tälern Inversionsklima herrschte. Ab und zu klärte es auf. Dann liefen die Ortungsgeräte heiß.
»Der Handelsstern wirkt uralt«, sagte Mondra leise. »Als wäre er von Furunkeln bedeckt und zeigte Altersflecken.«
»Nach allem, was wir wissen, ist er uralt.«
Ich hatte ähnlich assoziiert. Die Handelssterne waren ein weiteres Mysterium auf der Suche nach ihren Erbauern, den Anthurianern.
Je schneller die Sonnentarnung verflog, desto unheimlicher wirkte die Umgebung. Der Handelsstern und die JULES VERNE wurden von milchigen Schleiern umhüllt. Diese Wolken verwehrten die Sicht auf das Dahinter. Auf unbekannte Sterne – und wahrscheinlich auch auf eine unbekannte Galaxis. Wir waren gezwungen, uns auf das einzige sichtbare Bauwerk zu konzentrieren. Auf oder in ihm unser Heil zu suchen. Darauf zu hoffen, dass wir nicht in eine Falle tapsten.
Ein Problem nach dem anderen, sagte ich mir. Zuallererst benötigen wir festen Boden unter den Füßen.
»Wie rasch können wir landen?«, fragte ich.
»Sollen wir denn tatsächlich …?«
»Ich habe es satt, durch ein unbestimmbares Nichts zu treiben. Ein Hafen, ein Bezugspunkt wird uns allen guttun.«
»Ich verstehe.« Kalas Stimme klang reserviert. »In dreißig bis vierzig Minuten könnten wir zwischen den Stacheln eintauchen und die Bremsmanöver einleiten. Vorausgesetzt, wir schaffen es, die VERNE ausreichend zu stabilisieren. Vorausgesetzt, es gelingt uns, zumindest ein Quäntchen mehr Energie aus den Reaktoren und Speichern zu quetschen. Und vorausgesetzt, der Handelsstern erzeugt nicht allzu viel Eigengravitation.«
Ich nickte. Bei einem Landemanöver unter den derzeitigen Bedingungen würde die Eigenmasse des Handelssterns wirksam werden. Solange die Andruckabsorber und die Antigravs nicht einsatzbereit waren, mochte jede zusätzliche Tonne des Schiffes bei der Landung über unser Wohl oder Wehe entscheiden.
Ich griff nach meinem Controller der Klasse B und strich über dessen Bedienfeld. Die glatte Oberfläche fühlte sich bereits vertraut an, obwohl ich das Gerät erst vor wenigen Wochen von ES auf Wanderer erhalten hatte. Die Superintelligenz hatte mir versichert, dass es sich um einen ganz speziellen Befehlsgeber handelte, der mir gute Dienste leisten würde.
Virtuelle Schaltfelder klappten auf, mehrere Symbole leuchteten gold- und silberfarben. Ich drückte eine mir sattsam bekannte Zeichenfolge. Sie hatte mir auf diversen Polyport-Höfen gute Dienste geleistet.
Nichts.
Ich verbarg meine Enttäuschung. Der Handelsstern ließ sich durch das Gerät nicht kontrollieren. Entweder war die Entfernung zum Ziel noch zu groß – oder aber es versagte.
Ich bestellte mir ein Glas Tee. Mir fröstelte. Ein winziger Serviceroboter kam nach nur wenigen Sekunden angeflogen. Es drückte Zucker und Milch aus seinem bauchigen Körper, sog die getrockneten Teeblätter ab und entfernte sich rasch wieder.
Seltsam. Dienstleistungen wie diese funktionierten bis ins kleinste Detail, während NEMO es nicht schaffte, die wahren Probleme des Schiffs in den Griff zu bekommen.
Ich nahm einen Schluck – und spuckte sofort wieder aus.
Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil, dachte ich, ohne auf die verwunderten Blicke zu achten, die mich trafen. Seifenlaugen-Tee ist ein Problem. Vor allem dann, wenn man statt Milch ranzige, gekochte Butter beigefügt erhält.
Ich stellte die Tasse beiseite und sah zu, wie Nor Trigata unter der SERT-Haube um die Herrschaft über das Schiff kämpfte. Der Emotionaut aus der bekannt guten Schule ertrusischer Hochleistungs-Piloten galt als hochsensibel und einer der talentiertesten Männer seiner Generation. In Mannschaftskreisen war er als »der Tänzer« bekannt – und das aus gutem Grund: Er führte die VERNE gefühlvoll und harmonisch wie eine Partnerin.
Mitunter zeigte das Schiff etwas geziert wirkende Bewegungsabläufe, die auf Nors Einfluss zurückgingen. Kein Wunder; war er doch in seiner Jugend ein überaus talentierter Balletttänzer in Baretus, der Hauptstadt von Ertrus, gewesen.
Ein Ruck ging durch die JULES VERNE. Das Landemanöver wurde durch erste, möglichst sanfte Ausrichtbewegungen eingeleitet. Nebelbänke verdichteten sich ringsum; Dunst, der unseren Vermutungen nach aus verstofflichter Psi-Energie bestand und dessen schädlicher Einfluss immer stärker auf unser aller Gemüter wirkte.
»Gegenschub – jetzt!«, befahl Kala, und prompt reagierte der Emotionaut.
Während die Negativbeschleunigung das Schiff weiter verlangsamte, drehte Nor Trigata das Kugelelement der JV-2 nach »unten«. Es würde als Erstes auf der Oberfläche des Handelssterns aufsetzen, während der zylindrische Mittelteil wie ein erhobener Zeigefinger nach oben ragte.
Die Spitze mehrerer Stacheln tauchten aus dem Nebel. Sie wirkten schrundig. Abgenutzt. So als würden seit Myriaden von Jahren Sandstürme über sie hinwegjagen und diese gewaltigen Objekte abschleifen.
Ich fühlte den Zellaktivator arbeiten. Das Gerät hatte Mühe, mich ausreichend mit belebenden Impulsen zu füttern. Die Umgebungsstrahlung wirkte sich auf Körper, Geist und Seele gleichermaßen aus. Kein Wunder, dass sich immer mehr Mitglieder der Zentralebesatzung freiwilligen Behandlungen durch die Medoroboter unterzogen.
Nor Trigata lenkte das Schiff erschreckend nahe an einem der Zapfen vorbei. Die grauweiß gesprenkelte Oberfläche dieses Metallmassivs war zerfurcht und mit zahlreichen Aufsätzen versehen, die für uns keinerlei Bedeutung hatten.
Unter anderen Umständen hätte ich keinen Blick von dem Hologlobus abgewendet und versucht, das 680 Kilometer lange Monstrum zu erfassen, das an der Spitze einen Durchmesser von einem Kilometer aufwies, sich an der Basis aufs Hundertfache erweiterte – und dennoch nur einen winzigsten Teil des eigentlichen Handelssterns darstellte. Doch dafür war keine Zeit! Ich musste die Zentralemitglieder beobachten und, wenn notwendig, als Korrektiv eingreifen. So, wie ich es bereits einmal getan hatte.
Kala Romka, Nor Trigata, Abraham Camaro und all die anderen Diensttuenden wirkten hochkonzentriert. Sie wurden von dutzenden Abteilungen irgendwo im riesigen Schiffsleib mit Daten und Zahlen beliefert, die ihnen helfen würden, einen Koloss aus zig Millionen Tonnen Stahl sicher zu landen. NEMO wurde x-fach kontrolliert. Immer wieder ertönten Flüche, wenn sich Berechnungen des Schiffgehirns als ungenügend erwiesen. So ruhig und unspektakulär es in der Zentrale zugehen mochte – wir agierten wie Schiffbrüchige, die mit den Händen um sich patschten und verzweifelt nach einer Holzplanke inmitten einer gewaltigen Wasserwüste tasteten, die sie vor dem Ertrinken bewahren sollte.
»Noch zweihundert Kilometer bis Bodenkontakt«, sagte Marin Pecker, Leiter der Abteilung Funk und Ortung. »Restgeschwindigkeit: dreihundert Kilometer pro Stunde, leicht fallend.«
Der klein gewachsene Marsianer schüttelte immer wieder den Kopf. Er koppelte die Ergebnisse einfachster optischer und telemetrischer Instrumente virtuell aneinander, um die spärlich fließenden Informationen so weit wie möglich begreiflich zu bekommen.
Marin ist angeschlagen, verletzt und verzweifelt – aber er gibt nicht auf. Niemand hier gibt auf. Weil ein Schiff, das Perry Rhodan an Bord trägt, keinesfalls untergehen darf.
Ein zweiter Stachel geriet ins Blickfeld der Optik. Er war kleiner, aber breiter. Stämmig und knorrig, von mannshohen, muschelartigen Gewächsen übersät. Wie ein Baumstumpf, der lange Zeit durchs Wasser getrieben war.
»Du bist zu nahe dran!«, mahnte die Kommandantin den Emotionauten.
»Ich weiß, was ich tue«, widersprach der Ertruser, dessen Kopf bis zum dünnen Schnauzer unter der SERT-Haube verschwunden war.
Und tatsächlich: Nor Trigata, der im besten Fall eine Art Symbiose mit dem Schiff einging und spürte, was es spürte, lenkte die VERNE auf unnachahmliche Weise an dem kleineren, etwas schief »wachsenden« Zapfen vorbei.
»Hundertfünfzig Kilometer bis zum Kontakt. Restgeschwindigkeit zweihundertfünfzig, fallend. Vermutliche Eigengravitation des Objekts: null Komma eins sieben Gravos.« Marin Pecker atmete erleichtert durch, wie auch alle anderen mit dem Landemanöver beschäftigten Zentralemitglieder.
0,17 Gravos; das war ein Wert, mit dem sich arbeiten ließ.
Ein Alarmzeichen leuchtete auf, der Charakterkopf Chucan Ticas prangte unvermittelt auf dem Hologlobus.
»Notlandemanöver jetzt einleiten!«, rief er mit dünner Stimme. »Sonst sind wir in einigen Sekunden Menschenmus.«
Chucan Tica,
kurz zuvor: Rechenkünste
Er musste zusehen, wie das Gesicht Thalia Masoons blass wurde, wie ihre Wangen einfielen, wie sich ihre Blicke in einem Land verloren, das weit, weit weg lag. Er musste zusehen, wie sie der Medoroboter auf eine Antigravliege hievte und mit aktiviertem Signalhorn davonraste, hin zur Medo-Abteilung. Und er musste zusehen, wie winzige Drohnen noch während des Abtransports ihren Brustbereich aufschnitten, das Fleisch spreizten und am offenen Herzen zu operieren begannen.
Chucan ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Seine Finger zitterten. Er meinte, jeden Schnitt, jede Berührung des Mikro-Skalpells am eigenen Leib zu spüren.
Er griff in die Tasche und zog ein Vitaminpflaster aus dem seit Jahren ungeöffneten Päckchen hervor. Stets hatte er sich geweigert, davon zu nehmen. Er war noch jung, jawohl, er benötigte derlei Zeugs nicht!
So zumindest hatte er sich selbst bislang eingeschätzt.
»Du bist zweihundertzwei Jahre alt, du eitler Geck«, murmelte er.
Wo blieben bloß Barima Axapan und Kapeth-Shepar, die anderen Mitglieder ihrer kleinen Gruppe der »Alten«? Nutzten sie die Umstände, um ein Schläfchen einzulegen? Warum ließen sie ihn allein, mit all seiner Panik, seiner Verzweiflung?
Er hätte bloß die Finger ausstrecken und sie mithilfe eines Suchprogramms, das er vor einigen Monaten heimlich installiert hatte, ausfindig machen können. Aber das wollte er nicht. Sie sollten ihn finden. Das gehörte zu ihren Pflichten. Immerhin war er der Älteste des Quartetts.
Selbstsüchtiger Jammerlappen!, schalt sich Chucan Tica. Barima und Kapeth-Shepar werden gute Gründe dafür haben, dass sie noch nicht im Labor aufgetaucht sind. Jetzt heb gefälligst deinen breiten, faltigen Hintern – und mach was!
Er fror nach wie vor. Der vermeintliche Psi-Effekt bedurfte näherer Betrachtungen. Doch nicht in diesem Augenblick. Die Sicherheit des Schiffs war vorrangig. Solange sie ihr Umfeld und die Gründe für ihre äußerst eingeschränkte Bewegungsfreiheit nicht kannten, bestand größte Gefahr.
Die JULES VERNE sollte in einem Wahnsinnsmanöver zu Boden gebracht werden. Ohne etwas über das Medium zu wissen, durch das sie sich bewegten; auf der schrundigen Oberfläche des Handelssterns, der zum Vorschein gekommen war.
Chucan vertiefte sich in vorhandenem Datenmaterial, das das Leistungsvermögen der VERNE darstellte. Es gab keinerlei Vergleichswerte, auf die er sich berufen konnte. Er betrat sozusagen Neuland. Ein derartiger Zusammenbruch höherdimensional gesteuerter Technik war in der Geschichte der bemannten Raumfahrt bereits durch Tote Zonen, KorraVir und den Hyperimpedanz-Schock vorgekommen. Aber das bedeutete nicht, dass er besser darauf vorbereitet gewesen wäre als die Wissenschaftler vergangener Zeiten.
Achtlos wischte er die Stöße eng bedruckter Folien beiseite. Ein Robot-Assistent kam heran, fing sie ein und stapelte sie von Neuem. So, dass er zu einem späteren Zeitpunkt wieder darauf Zugriff haben würde.
Weiter. Was war mit den Aufzeichnungen externer, isolierter Messgeräte? Solcher, die nicht mit NEMO interagierten? Sicherlich, es gab nicht allzu viele von ihnen, und sie fristeten meist ein trauriges Dasein in kaum besetzten Laboratorien oder Versuchsstationen. Aber es gab sie und sie lieferten womöglich andere Informationen als jene Anlagen, die mit den Rechenkernen der Schiffsintelligenz verbunden waren.
Ein Ruf mit Prioritätsschaltung erreichte ihn. Schon wieder dieser Abraham! Was wollte der Kerl bloß von ihm?
Chucan schaltete das Signal weg. Er würde sich später um die Anfrage seines jüngeren Kollegen kümmern; aber nicht in einem Moment, da er die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen suchte.
In mühseliger Kleinarbeit holte er sich alle Informationen, die er benötigte und bekommen konnte. Er verglich sie mit jenen, die NEMO seit ihrem »Erwachen« geliefert hatte. Datenblock für Datenblock, Aspekt für Aspekt.
Nichts.
Weiter. Ein dritter Durchlauf war notwendig. Einer, der tief in die Struktur der Rechenvorgänge Einblick nahm und bestenfalls stichprobenartig vorgenommen werden konnte. Was war dieses Etwas, das jeglichen Tast- und Ortungsversuch auf höherdimensionaler Basis von vorneherein abblockte?
Er fand Spuren. Unregelmäßigkeiten, die ganz offensichtlich mit der Desorientierung NEMOS zu tun hatten.
Du darfst keinesfalls Ursache und Wirkung verwechseln! Fehlerquelle umgekehrter Kausalität!, hörte er von weit her eine ihm wohl bekannte Stimme.
Thalia Mansoon. Sie war in ihm, die alte Hexe! Er hatte so viele Jahre mit ihr geforscht und gearbeitet, dass er ihre Präsenz spüren konnte, selbst wenn sie …
Chucan lächelte und begann seine Arbeit von Neuem. Grundlagenforschung war mitunter ein langweiliges Routinegeschäft. Doch die großen, die wahren Entdeckungen, die einem manchmal zuteil wurden zu erleben – sie entschädigten für alles.
Halt! Da war eine Abweichung, die nicht sein durfte!
Chucan zog sie aus dem Holo, vergrößerte sie, ließ sie durch ein selbst erstelltes Filterprogramm laufen, mehrmals. So als würde man die Kopfhaare mit immer feineren Bürsten durchkämmen, um diese eine kleine Laus zu finden, die sich irgendwo festgeklammert hatte und Blut abzapfte.
Chucan kreiste das Suchgebiet ein. Noch wusste er nicht, was dieser Irrtum NEMOS bewirkte und ob er überhaupt eine Bedeutung hatte. Sicherlich gab es noch andere Fehlerquellen, die vor allem die hyperdimensionalen Ortungsgeräte beeinflussten. Doch hatte er einmal das Muster erkannt, würde ihm jede weitere Suche leichter fallen.
Du meine Güte! Achtete denn niemand darauf, ob die Rohinformationen, die NEMO lieferte, tatsächlich der Wahrheit entsprachen? Man konzedierte dem Schiffsgehirn, dass es Orientierungsschwierigkeiten hatte und klopfte seine Entscheidungen ab, wenn es um die Steuerung der VERNE ging. Doch die Basis all dessen, jene Informationssätze, die NEMO sammelte, wurden weder hinterfragt noch einer kritischen Prüfung unterzogen!
Chucan Tica erinnerte sich seiner Lehrjahre – lang, lang war's her – unter Myles Kantor. Er hatte eine ausgezeichnete Ausbildung durch dieses Genie unter Genies genossen, die mitunter gar von freundschaftlichem Umgang geprägt gewesen war. Der hagere, so unscheinbare Mann hatte ihn eines Tages einmal beiseitegezogen und ihm gesagt: »Hör mir gut zu, Junge. Du bist zweifellos talentiert und du bist einer der wenigen an diesem Institut, die wirklich wissen, um was es bei der Hyperphysik geht. Aber du bist zu vertrauensselig. Du glaubst, was du hörst. Ohne zu hinterfragen.«
»Stimmt doch nicht!«, hatte Chucan energisch protestiert. »Unser Forschungsgebiet ist ein weites, offenes Land, in dem wir blindlings umherstochern. Ich wäre ein Narr, würde ich meinen Lehrern bedingungslos vertrauen.«
»Du misstraust also meinen Worten, wenn ich vorne auf dem Podium stehe?«
»Selbstverständlich!«, hatte er mit laut klopfendem Herzen gesagt.
»Das ist gut so. Ich erwarte von meinen Studenten, dass sie als Korrektiv wirken und mir meine eigenen Fehler nachweisen.«
Chucan hatte erleichtert durchgeatmet. Nicht jeder Dozent war derselben Meinung wie Myles Kantor.
»Aber erklär mir eines.«
»Und zwar?«
»Du sagst selbst, dass die Hyperphysik ein in weiten Bereichen unerforschtes Feld ist, in dem wir umherirren.«
»So ist es.«
»Woher willst du dann wissen, wie und ob gewisse Parameter im höherdimensionalen Kontinuum gelten? Wer sagt, dass unsere Mathematik dort immer die richtigen Ergebnisse bringt? Was, wenn einer unserer ach so modernen und hochgezüchteten Rechner schlichtweg von falschen Voraussetzungen ausgeht?«
»Du meinst, dass er lügen könnte?«
»Wohl nicht bewusst. Aber man sollte die Möglichkeit niemals außer Acht lassen, von einem dieser Metallhirne übers Ohr gehauen zu werden. Also pass gut auf und lerne, wie man unsere Freunde durchschauen kann …«
Chucans Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück, die Erinnerung an den vor 130 Jahren verstorbenen Myles Kantor verblasste.
»Banausen!«, schimpfte er leise vor sich hin. »Sesselfurzende Dilettanten. Hat denn keiner von den Spinnern in der Zentrale Lust, den Einfluss der Psi-Komponenten auf NEMO genauer zu untersuchen?«
Er aktivierte eine Verbindung zu Abraham Camaro. »Geht's euch noch gut?«, fuhr er den Jungen an. »Ihr arbeitet euch in den Abgrund, wenn ihr dem Rechner-Verbund weiterhin so bedingungslos vertraut …«
»Stör uns nicht, alter Mann! Wir setzen soeben zur Landung an.«
»Landung?« Chucan brauchte eine Weile, bis er verstand, was ihm Abraham sagen wollte. »Aber … aber …«
Das Bild des Chefwissenschaftlers erlosch. Er hatte ihn grußlos weggeschaltet und blockierte jede weitere Kontaktaufnahme.
Chucan wühlte sich einmal mehr durch das verfügbare Datenmaterial. Er fand den Fehler, die Fehlerlawine, verfolgte sie von oben nach unten, hin zu ihrem Verursacher.
Eine Kleinigkeit war's. Eine Abweichung im Matrizengefüge des Aberois-Stanton-Algorithmus. Sie verfälschte jenes Zahlenmaterial, das aus dem mehrdimensionalen Bereich in herkömmliche Schemata transponiert wurde. Fehler, die im Mikrometer-Bereich begannen, wuchsen mit jeder Umsetzung weiter an – um Entfernungs- und Raumangaben letztendlich um Kilometer zu verfälschen.
Oh, diese Narren!
