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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 1469 Neuer Galaktischer Zeitrechnung - das entspricht dem Jahr 5056 christlicher Zeitrechnung. Der Krieg gegen die Frequenz-Monarchie liegt inzwischen sechs Jahre zurück; die Bewohner der Erde erholen sich langsam von den traumatischen Ereignissen. Die Menschen sowie die Angehörigen anderer Völker hoffen auf eine lange Zeit des Friedens. Perry Rhodan und seine unsterblichen Gefährten wollen die Einigung der Galaxis weiter voranbringen; die immer wieder aufflackernden Konflikte zwischen den Zivilisationen sollen endlich der Vergangenheit angehören. Dabei ist die phänomenale Technologie des Polyport-Netzes behilflich. Mithilfe diese Transportsystems bestehen sogar Kontakte zu weit entfernten Sterneninseln. Doch längst lauert eine ganz andere Gefahr, von der die Bewohner der Milchstraße bislang nichts ahnen können. Sie schlägt gleich zweimal zu: Zuerst verschwindet das gesamte Solsystem mit seinen Himmelskörpern und Bewohnern aus dem bekannten Universum, dann wird das uralte Raumschiff BASIS von Unbekannten verschleppt - mit Perry Rhodan und einigen tausend Menschen an Bord ...
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Veröffentlichungsjahr: 2012
Nr. 2600
Das Thanatos-Programm
Ein Raumschiff in Gefahr – Perry Rhodan kämpft um die Freiheit
Uwe Anton
In der Milchstraße schreibt man das Jahr 1469 Neuer Galaktischer Zeitrechnung – das entspricht dem Jahr 5056 christlicher Zeitrechnung. Der furchtbare, aber kurze Krieg gegen die Frequenz-Monarchie liegt inzwischen sechs Jahre zurück. Die Bewohner der Erde erholen sich langsam von den traumatischen Ereignissen.
Nun hoffen die Menschen sowie die Angehörigen anderer Völker auf eine lange Zeit des Friedens. Perry Rhodan und seine unsterblichen Gefährten wollen die Einigung der Galaxis weiter voranbringen; die uralten Konflikte zwischen den Zivilisationen sollen der Vergangenheit angehören.
Dabei soll die phänomenale Transport-Technologie des Polyport-Netzes behilflich sein. Mithilfe dieser Technologie bestehen Kontakte zu weit entfernten Sterneninseln, allen voraus zu der Galaxis Anthuresta, wo sich die Stardust-Menschheit weiterentwickelt.
Doch längst lauert eine ganz andere Gefahr, von der die Bewohner der Milchstraße bislang nichts ahnen können. Sie hat etwas mit kosmischen Entwicklungen zu tun, hat aber auch ganz direkte Auswirkungen auf die Erde – und auf Perry Rhodan selbst.
Denn jetzt startet DAS THANATOS-PROGRAMM ...
Perry Rhodan – Der unsterbliche Terraner besucht sein altes Büro und verliert alles.
Mondra Diamond – Die Begleiterin Rhodans muss ihn zu einem Familientreffen begleiten.
Gucky – Der Mausbiber eilt Perry Rhodan einmal mehr zu Hilfe.
Reginald Bull – Rhodans Weggefährte bleibt zurück.
Nemo Partijan
Niemand kann bestreiten, dass die Entdeckung des Polyport-Systems und die Versetzung der JULES VERNE nach Anthuresta eine Zäsur der besonderen Art darstellte. Sie war Voraussetzung für die bevorstehenden Veränderungen, bei denen Perry Rhodan schließlich Position beziehen musste – mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringen sollte. Hätte Perry Rhodan das Polyport-System nicht entdeckt, hätte er die Superintelligenz ES nicht gerettet, wäre er niemals Dingen auf die Spur gekommen, die schon Jahrhunderte zuvor ihren Anfang genommen hatten ... oder Jahrmillionen, je nach Sichtweise.
Dabei wies nach der Rückkehr Perry Rhodans aus Anthuresta im Mai 1463 NGZ zuerst nichts auf die Entwicklungen hin, die wenige Jahre später dazu führten, dass er nicht mehr derjenige war, als der er zu den Fernen Stätten aufgebrochen war. Er hatte die Konsequenzen seines Tuns zu tragen ...
Ohne es zu wissen, tat Perry Rhodan im Jahr 1463 NGZ den ersten Schritt in eine neue Ordnung des Kosmos. Eine Ordnung, in der künftige Generationen leben mussten. Sechs Jahre lang konnten aber sowohl die Völker der Milchstraße als auch die Anthurestas eine Entwicklung in Ruhe und Frieden genießen ...
Aus: Hoschpians unautorisierte Chronik des 15. Jahrhunderts NGZ; Kapitel 42.4.59, Die Entdeckung des Polyport-Systems und die Folgen
1.
Terra, Solare Residenz
5. September 1469 NGZ
Perry Rhodan blinzelte unwillkürlich, als das fliegende Auge genau auf ihn zuhielt, erst im letzten Moment die Richtung änderte und haarscharf an seiner Nasenspitze vorbeiflog.
Das Objektiv drehte in seine Richtung und schaute aus etwa zweieinhalb Metern Höhe auf ihn herab, und einen Moment lang hatte Rhodan den Eindruck, vor einem ansonsten unsichtbaren Zyklopen zu stehen.
Das Stimmengewirr wurde lauter. Rhodan konnte längst nicht mehr unterscheiden, wer da sprach, vor allem, da einige Medienvertreter versuchten, sich mit Akustikverstärkern brachial Gehör zu verschaffen.
Vielleicht hätte er dem Rat des Sicherheitschefs Folge leisten und sich von einem Prallfeld abschirmen lassen sollen. Aber Rhodan mochte die Nähe zu den Menschen, auch wenn einige Unverbesserliche sich nicht an die Spielregeln hielten.
Der Konferenzsaal im öffentlichen Bereich der Solaren Residenz war bis auf den letzten Platz gefüllt, und trotzdem versuchten einige Journalisten, sich aus dem benachbarten Restaurant »Marco Polo« Zutritt zu verschaffen. Die Sicherheitskräfte hatten alle Hände voll zu tun, sie daran zu hindern und das Chaos dadurch zu vergrößern. Die Reporter stellten ihre Bemühungen erst ein, als die zuständige Positronik ein Schirmfeld errichtete.
Rhodan räusperte sich, doch niemand achtete darauf. Er fragte sich, wie viele Angehörige des Personenschutzes der Solaren Residenz sich unter dem Personal befanden. Zwei hatte man ihm vorgestellt, und die hielten sich auch in seiner Nähe auf, doch wahrscheinlich hatte Ordonnanzleutnant Lech Hallon noch einige mehr aufgeboten.
Es war 13 Uhr Terrania-Standardzeit. In der Mitte des Raums bildete sich ein Holo. Es zeigte die Solare Residenz, im Volksmund Stahlorchidee genannt. Sie war im Original 1010 Meter hoch und in der Form einer Orchidee gestaltet worden, sodass sich der Hauptteil des Gebäudes in den fünf »Blütenblättern« am oberen Ende befand. Und sie schwebte in einem Kilometer Höhe über dem Residenzpark mitten in Terrania.
Das war das Startzeichen für den offiziellen Beginn der Pressekonferenz.
Der Geräuschpegel blieb trotzdem unverändert hoch. Rhodan aktivierte ein Akustikfeld. Als er sich diesmal räusperte, hörte man ihn.
»Ich freue mich, dass ihr unserer Einladung gefolgt seid, und begrüße euch herzlich, auch im Namen von Homer G. Adams vom Polyport-Konsortium. Kommen wir sofort zur Sache.«
Er rief ein Holo auf. Automatisch wurde der Raum abgedunkelt, und gedämpfte klassische Musik erklang. Sie kam Rhodan ein wenig zu theatralisch vor.
Wie als Reaktion auf seine Gedanken wurde sie schmissiger. Eine eingängige Melodie durchdrang sie, und ein Instrument trat immer deutlicher hervor, beherrschte die Darbietung schließlich. Ein siebensaitiges Kitharon.
Nun wurde es völlig still in dem großen Saal.
Wahrscheinlich hat Homer tatsächlich die richtige Idee gehabt, Rynol Cog-Láar und seine »Cosmolodics« für diese Holopräsentation zu engagieren, dachte Rhodan. Wenn der Báalol, der seine Parabegabung ganz der Musik gewidmet hatte, mit seinem Spezialinstrument aufgeigte, zog er mitunter die Einwohner ganzer Städte in seinen Bann.
Aus dem Nichts tauchte ein Holo im Saal auf. Es erschien wenige Zentimeter über den Köpfen der Journalisten und berührte fast die Decke. Langsam sank die dreidimensionale Darstellung tiefer. Sie war so groß, dass sie fast den gesamten freien Raum vereinnahmte, doch das verriet nichts davon, wie riesig das Original wirklich war.
Jeder im Saal kannte es: Es erinnerte an eine rosarote Schildkröte aus Metall. Zwei Halbschalen wurden von einem kreisförmigen Ring zusammengefasst. Die unterschiedlich gewölbten »Panzer« wirken auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig für ein Raumschiff, denn um nichts anderes handelte es sich.
Ein Hintergrund entstand aus schwarzem Nichts. Das Objekt schwebte langsam und majestätisch durch einen farbenprächtigen Wirbel aus vornehmlich rot, gelb und grün leuchtenden Proto-Sternennebeln.
Ein Kugelraumschiff näherte sich durch dieses Brodeln von kosmischem Staub, bremste ab und senkte sich auf die Oberseite des riesigen Objekts, die als Landeplattform diente.
Weitere Holos bildeten sich, über die ausschließlich Datenkolonnen abliefen und die rosarote Schildkröte genauer beschrieben. Die Halbschalen hatten einen Durchmesser von jeweils 9000 Metern, der kreisförmige Wulst einen Querschnitt von 1500. Damit betrug der Gesamtdurchmesser des Gebildes zwölf Kilometer. Hinzu kamen am Bug der Kommandoblock und am Heck der frühere Triebwerkssektor.
»Die alte BASIS«, sagte Rhodan. Tatsächlich mit einer gewissen Rührung in der Stimme, wie er überrascht feststellte. Seit wann war er so sentimental? Er hatte an der Entscheidung mitgewirkt und er hielt sie für gerechtfertigt. Gemeinsam hatten sie eine neue Aufgabe für ein altes Schlachtross gefunden, eine, der es noch gewachsen war. Das sollte eher ein Grund zur Freude sein. »Die neue sieht etwas anders aus, aber dazu kommen wir später ...«
Aber trotzdem ... Er konnte es sich nicht erklären, doch ein hartnäckig nagender Zweifel blieb. War das alles? Sollte es nun so enden? Er konnte es sich nicht vorstellen. Die BASIS hatte etwas anderes verdient.
Sie war das größte Fernerkundungsschiff gewesen, das die Menschheit jemals entwickelt hatte. Und sie war nicht bloß alt, sondern geradezu uralt. Vor fast 1500 Jahren war sie zu ihrem Jungfernflug aufgebrochen. Sein halbes Leben hatte sie ihn sozusagen begleitet.
Sie hatte Geschichte geschrieben.
Natürlich war die BASIS mittlerweile ein Relikt, längst überholt von den technischen Entwicklungen der vergangenen anderthalb Jahrtausende. Vielleicht hätte man sie längst verschrotten, ihr ein schnelles Ende bereiten sollen. Stattdessen hatte man sie vor über einem Jahrhundert in ein Spielkasino umgewandelt, verkauft an ein privates Konsortium, von dem man sie nun günstig zurückerworben hatte – nicht zuletzt dank dem Finanzgenie Homer G. Adams, einem der ältesten Wegbegleiter Perry Rhodans.
Rhodan räusperte sich wieder, und die Lautstärke der Musik wurde zurückgefahren. »Dieses Schiff brauche ich euch nicht eigens vorzustellen. Jeder kennt es, zumindest aus dem Geschichtsunterricht. Vielleicht haben einige von euch es auch schon mal betreten. Diejenigen, die hofften, schnell reich werden zu können, was ihnen aber nicht gelungen ist. Sonst wären sie ja nicht hier ...«
Leises Gelächter.
»Über das größte Schiff, das jemals im Solsystem gebaut wurde, möchte ich kein Wort verlieren, ihr habt die Daten zur Technik und zur Geschichte in euren Archiven. Sprechen möchte ich aber über den Anlass, der uns hier zusammenführt. Morgen wird die BASIS zu ihrem Jungfernflug aufbrechen. Nun ja ...«
Eine kurze rhetorische Pause.
»Zumindest zu dem für das Polyport-Konsortium. Eigentlich zu ihrem zweiten Jungfernflug. Oder auch zu ihrem dritten, wenn man so will. Was eine Jungfer ist, könnt ihr ebenfalls in den Archiven terranischer Altsprachen erfahren.«
Erneut Gelächter. Rhodan hatte das Eis gebrochen.
»Vor sechs Jahren haben wir die erste Bekanntschaft mit dem Polyport-System gemacht. In nicht einmal einem halben Jahr haben wir daraufhin nicht nur die Milchstraße und Andromeda, sondern auch das bis dahin unerreichbare Anthuresta in den Fernen Stätten von der Geißel der Frequenz-Monarchie befreit.
Danach konnten wir darangehen, die Polyport-Galaxien zu erkunden und vor allem den Kontakt mit Anthuresta zu intensivieren und die Bande mit der Stardust-Menschheit zu festigen. Das Ziel des Galaktikums muss es sein, die freundschaftlichen Beziehungen zu allen Völkern dieser weit entlegenen Region des Universums auf ein solides Fundament zu stellen und auszubauen.«
»Ja, aber warum mit der BASIS?«, hallte eine tiefe, durchdringende Stimme durch den Konferenzsaal. »Das ist doch ein Anachronismus!«
Rhodan ließ den Blick schweifen, konnte den Sprecher aber nicht entdecken. Wahrscheinlich hatte er einen Stimmverstärker benutzt. Oder er arbeitete mit technischen Tricks, hatte einen Lautsprecher in einer der fliegenden Kameras versteckt. Die Überprüfung der Ausrüstung der Medienvertreter war nur oberflächlich gewesen und hatte sich auf das beschränkt, was man als Waffe verwenden konnte.
»Ich werde im Anschluss gern Fragen beantworten«, sagte Rhodan. »Seit sechs Jahren herrscht Frieden in der Milchstraße und Andromeda. Auch Anthuresta blieb wider Erwarten weitgehend von Auseinandersetzungen verschont, obwohl wir eigentlich mit einigen Konfliktherden rechnen mussten. Schließlich hatten die Völker der Ringgalaxis das Erbe der schrecklichen Vatrox-Herrschaft zu bewältigen.
Überdies ließ sich mit den Jaranoc ein entwurzeltes, missbrauchtes Volk dort nieder. Aber der gemeinsame Wille aller Völker zu einem neuen, friedlichen Miteinander hat sowohl die politische Situation wie die wirtschaftliche Entwicklung dort in so positiver Weise gestaltet, wie wir es nicht zu hoffen gewagt hatten.«
Im Hologramm schwebte das Schiff am Rand der Großen Leere entlang, Archivaufnahmen von unendlicher Schwärze und Einsamkeit, die den Zuschauern hoffentlich einen guten Eindruck vermittelten.
»Richten wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf die BASIS. Sie wurde seit Anfang 1464 NGZ im Mondorbit in ein Handelsraumschiff mit gigantischen Warenspeichern und Spezialmagazinen für unterschiedlichste Güter umgebaut, unter Einbezug jener Anlagen, die ursprünglich bei ihrem Bau beteiligt waren.
Seit Anfang August dieses Jahres befindet sie sich bei Aurora, der Hauptwelt des Galaktikums. Morgen wird sie aber schon in Anthuresta sein, einer Galaxis, die unvorstellbare 663 Millionen Lichtjahre von der Milchstraße entfernt ist ... mehr als doppelt so weit entfernt wie das Zentrum der Großen Leere oder der Coma-Cluster, weiter weg als das Reich Tradom oder der Mahlstrom. All diese Namen sind euch bekannt.«
Er räusperte sich vernehmlich, bevor er weitersprach. »Das Galaktikum steht vor umwälzenden Veränderungen. Die Fernen Stätten, das Reich von TALIN, sind wirklich sehr fern. Und wir haben nun die Gelegenheit, die Beziehungen dorthin zu verstärken.«
Er ließ diese Bekanntgabe kurz wirken. »Zu diesem Zweck«, fuhr er dann fort, »hat das Galaktikum unter der Leitung von Homer G. Adams in Ergänzung zur primär intragalaktisch agierenden Handelsorganisation Ammandul-Mehan das intergalaktische Polyport-Konsortium gegründet, das morgen offiziell seine Arbeit aufnehmen wird.
Zahlreiche hochrangige Würdenträger der Milchstraße werden zu den Feierlichkeiten erwartet, von Imperator Bostich, dem Vorsitzenden des Galaktikums, über Henrike Ybarri, der Ersten Terranerin, und dem Terranischen Residenten bis hin zu Administrator Whistler aus dem Stardust-System.
Dieses altehrwürdige Fernraumschiff ist eben nicht nur eine gigantische Lagerhalle mit Köstlichkeiten und Kostbarkeiten aus unserer Milchstraße! Morgen werden von Aurora aus einhundert PoKon-Projekte zur BASIS gebracht. Es sind neben den offiziellen Institutionen des Galaktikums ausgewählte private und staatliche Projekte: Labors und Forschungsstätten, Medienzentren und Aufführungsplattformen, Orte der Repräsentation ebenso wie Produktionsanlagen.
Unser Ziel ist es, mit einer dauerhaften Repräsentanz und diesen Einzelprojekten den friedlichen Austausch von Waren, Wissenschaft und Gedanken zu potenzieren.
Zeitgleich findet heute auf mehreren wichtigen Welten des Galaktikums eine erste Vorstellung des Projekts statt. Nicht jedem Medienvertreter ist eine Reise nach Aurora möglich – finanziell wie zeitlich.«
Wieder leises Gelächter. Mehr hatte dieses kleine Bonmot auch nicht verdient.
»Die Superintelligenz ES hat nach ihrer Rettung nicht nur der Menschheit, sondern der gesamten Lokalen Gruppe ein Geschenk gemacht – den Handelsstern JERGALL. Er befindet sich nun im Halo-System, in unmittelbarer Nähe von Aurora. Und morgen wird die zum Handelsschiff zurückgebaute BASIS mithilfe von JERGALL den Jungfernflug nach Anthuresta antreten – mit mir persönlich an Bord.«
»Seine Erhabenheit Imperator Bostich vom Kristallimperium«, erklang dieselbe tiefe, durchdringende Stimme, die Rhodan gerade schon gehört hatte, »hat sich angeblich spöttisch darüber geäußert, dass ausgerechnet ›ein so alter Kasten‹ das Galaktikum in Anthuresta vertreten soll!«
Das war neu für Rhodan. Woher hatte der Sprecher, den Rhodan noch immer nicht identifizieren konnte, seine Informationen?
Ein Bluff, vermutete er. Jemand wollte ihn aus der Reserve locken. Andererseits ... War der Vorsitzende des Galaktikums eigenmächtig vorgeprescht?
»Seine Imperiale Glorifizienz hat als Vorsitzender des Galaktikums diesem Projekt zugestimmt, einschließlich des Umbaus der BASIS. Ich gebe zu, dass ihm sein Ja nicht leichtgefallen sein dürfte – immerhin war er gern Gast in den Top-Loungen des Casinos und begeisterter Besucher des galaktischen Karaketta-Grand-Prix. Sollte er die Bemerkung wirklich gemacht haben, zeugt sie vielleicht davon, dass er ›den alten Kasten‹ vermissen wird ...«
Rhodan hatte die Lacher auf seiner Seite. Er schaute in den Saal hinunter: »Wer hat diese Frage gestellt?«
Hinter einem Ertruser und einem Ferronen, die Rhodan die Sicht nahmen, schossen zwei Antigravplattformen in die Höhe und näherten sich ihm mit fast so großer Geschwindigkeit wie zuvor das fliegende Auge. Ein leichtes Flimmern verriet Rhodan, dass sich zu seinem Schutz nun tatsächlich ein Prallfeld aufbaute. LAOTSE, der Rechner der Solaren Residenz, hatte gedankenschnell re-agiert.
Die Plattformen stoppten jedoch, bevor sie den Sicherheitsabstand unterschritten. Auf der einen waren etliche Kameras und Sendeeinrichtungen montiert, zweifellos von Feinsten, was swoonsche Mikrotechnologie hergab. Auf der anderen thronte ein Swoon selbst auf einem Prunksessel, von einem Fächer von Pfauenfedern überragt.
Rhodan kannte das etwa dreißig Zentimeter große grüne Wesen, dessen Körper einer terranischen Salatgurke auf zwei Beinen mit vier Armen glich. Es sah ihm ähnlich, sich mit diesem Auftritt eine Aufmerksamkeit zu verschaffen, die sowohl ihm als auch seinem Sender zugutekommen würde.
»Dschingiz Brettzeck.« Rhodan bemühte sich, seine Stimme neutral zu halten.
»Dschingiz Brettzeck vom Sender Augenklar«, bestätigte der Swoon. Plötzlich klang seine Stimme nicht mehr tief und durchdringend, sondern hoch und schrill. »Imperator Bostich der Erste vom Kristallimperium ...«
»Du meinst sicher nicht den arkonidischen Imperator Bostich, sondern den Vorsitzenden des Galaktikums, dessen Verhalten in den letzten Jahrzehnten nicht den geringsten Zweifel daran gelassen hat, dass er stets das Wohl der gesamten Milchstraße im Sinn hat?«
Das grazile Wesen – die Körper der Swoons waren an eine Gravitation von 0,25 Gravos angepasst – richtete sich zu voller Größe auf. »Ich meine, dass die BASIS ein Schiff ist, das keinem Standard mehr entspricht, das ...«
Der abrupte Themenwechsel konnte Rhodan nicht verblüffen. »Das eine gewisse Geschichte hat«, unterbrach er den Swoon. »Das Geschichte geschrieben hat, Geschichte, die ich miterlebt habe. Und nun haben wir die BASIS reaktiviert. Sie dient hauptsächlich zur Repräsentation und Beförderung gewaltiger Mengen von Waren. Sie bewegt sich zwischen den Handelssternen, muss also weder einen hochmodernen Antrieb noch aktuelle Hightech haben, sondern nur groß sein.
Und nicht zu vergessen – die Planung geht auf Homer G. Adams zurück, Direktor der Ammandul-Mehan und Galaktischer Rat, dessen Integrität und Kompetenz insbesondere in Finanz- und Wirtschaftsdingen wohl niemand in Zweifel zieht. Zu den Details wird Direktor Adams aber noch, wie ebenfalls bekannt, hier in Terrania eine weitere Pressekonferenz geben ...«
Rhodan kniff die Augen zusammen. Das Holo der BASIS flimmerte plötzlich, wurde unscharf. Die farbenprächtigen Sternennebel schienen zu explodieren, wucherten in den Schiffskörper hinein, sprengten ihn in Tausende kleiner Einzelteile.
Eine Störung?, dachte Rhodan. Ein technischer Defekt im Holo-Projektor!
Dann brach das Holo zusammen, löste sich einfach auf.
Gleichzeitig wurde es dunkel im Konferenzsaal.
Völlig dunkel.
*
Plötzlich war es ganz still, aber nur kurz. Dann erklangen erste Schreie.
Rhodan fiel auf, dass sie zwar laut waren, aber nicht unnatürlich dröhnend. Offenbar waren mit der Beleuchtung auch sämtliche Stimmverstärker ausgefallen.
Das gehört nicht zur Inszenierung der Holovorführung, dachte Rhodan. Das ist ein ...
Rhodan hatte das Gefühl, als würde sein Magen nach oben katapultiert werden, in den Hals, den Rachen. Mit Mühe gelang es ihm, einen Schrei zu unterdrücken. Er musste würgen.
Wir stürzen ab!, dachte er. Die Solare Residenz stürzt ab!
Die vollständige Dunkelheit trug zur Orientierungslosigkeit bei, verstärkte den Eindruck des freien Falls.
Die Solare Residenz schwebte einen Kilometer über Terrania. Bei einem Totalausfall aller Systeme waren – so ausgeklügelt die Sicherheitskonzepte waren – alle Besucher der Residenz so gut wie tot, auch er.
Bevor Rhodan den Gedanken zu Ende führen konnte, endete das schreckliche Gefühl. Sein Magen sackte wieder dorthin, wohin er gehörte. Offenkundig war der Fall gebremst worden. Im gleichen Moment konnte er wieder etwas sehen. Das Licht war gedämpft, verstärkte sich aber bereits wieder zur ursprünglichen Intensität. Alles schien wieder normal zu sein.
Einen Moment herrschte Schweigen im Konferenzsaal, dann schrien tausend Stimmen gleichzeitig auf.
Kein Wunder, dachte Rhodan. Es wird jeden Augenblick zu einer Panik kommen, die viel mehr Schaden anrichten kann, als dieser Aussetzer es getan hat!
Was war geschehen? Das würde er nicht aus dem Stand herausfinden. Jetzt galt es erst einmal, die Folgen so gering wie möglich zu halten.
Rhodan testete das Akustikfeld. Es funktionierte wieder, und er schaltete es lauter.
»Bewahrt bitte Ruhe!«, rief er, bemühte sich, gelassen zu klingen. »Wir werden die Solare Residenz jetzt verlassen. Folgt den Anweisungen des Sicherheitspersonals! Bewahrt die Ruhe! Unsere Mitarbeiter sind auf jeden Zwischenfall vorbereitet!«
Wo blieben die Automatikdurchsagen? Die Roboter und Sicherheitskräfte, die ihn abschirmen und beschützen sollten? Offensichtlich war LAOTSE ebenfalls betroffen, und zwar nachhaltig.
Er trat von dem niedrigen Podium und packte einen Journalisten an den Schultern.
Der Mann starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an.
»Zur Tür! Wir verlassen den Saal durch das Restaurant.«
Der Medienvertreter, ein Terraner, rührte sich nicht. Rhodan drehte ihn einfach um und schob ihn vorwärts, zwei Schritte, fünf, zehn. Mit der anderen Hand riss er eine hübsche Frau mittleren Alters herum, die bei der Berührung zusammenzuckte, dann nickte und sich in Bewegung setzte.
Aus den Augenwinkeln sah Rhodan, dass das Personal an den Türen und Notausgängen reagierte und erste Pressevertreter herauszerrte. Zwei, drei Sicherheitskräfte versuchten gegen den nun einsetzenden Strom der Flüchtenden zu ihm vorzudringen.
Einer der Personenschützer, die neben ihm standen, legte ihm die Hand auf die Schulter, wie Rhodan es gerade eben bei dem Journalisten getan hatte.
Rhodan schüttelte die Hand ab. »Das war kein Anschlag! Ich bin nicht in Gefahr, jedenfalls in keiner größeren als die anderen. Bringt die Leute raus, bevor es zu einer Panik kommt und jemand zu Tode getrampelt wird!«
Der Mann zögerte. Sein Auftrag war klar umrissen.
»Worauf wartest du?«, herrschte Rhodan ihn an.
Kaum zwei Meter von Rhodan entfernt schrie ein Journalist auf, der Ferrone, hinter dem sich Dschingiz verborgen hatte. Er stürzte, als der Ertruser neben ihm ihn anrempelte und achtlos weiterlief.
Rhodan sprang zu dem Ferronen, stellte sich schützend vor ihn und half ihm auf die Beine. »Bring ihn weg!«, sagte er zu dem Personenschützer.
An der Tür des Konferenzsaals entdeckte Rhodan einen Roboter, einen TARA-VII-UH. Der beinlose, kegelförmige Zweieinhalb-Meter-Riese schwebte auf einem Antigravfeld, hätte die meisten Medienvertreter aber auch überragt, wenn er sich auf dem Boden befunden hätte.
Rhodan drückte den Daumen auf das Display seines Armbandgeräts und stellte mit dem Zeigefinger eine Funkverbindung her. »Personenschutz! Mir geht es gut! Bringt die Leute hier raus! Und die TARAS dürfen nicht aktiv werden!«
Rhodans Warnung schien rechtzeitig gekommen zu sein. Der Kampfroboter rührte sich nicht.
Der Konferenzsaal leerte sich sichtlich. Rhodan atmete auf; die Sicherheitskräfte schienen die Lage unter Kontrolle zu haben.
Sekunden später befanden sich außer Rhodan nur noch drei Personen im Saal.
»Die anderen sind in Sicherheit. Wir bringen dich jetzt hier raus.« Die Personenschützer nahmen ihn in die Mitte, und Rhodan blieb nichts anderes übrig, als sich ihrem Laufschritt anzupassen.
Das Restaurant »Marco Polo« war bereits geräumt worden. Die Männer hielten nicht auf dessen Hauptausgang zu, sondern auf eine von mehreren Türen, durch die sie einen breiten, hell erleuchteten, völlig leeren Gang betraten. Die Solare Residenz wurde von zahlreichen Fluchtwegen wie diesem durchzogen, die im Ernstfall eine schnelle Evakuierung ermöglichten.
»Wohin?«, fragte Rhodan. »Zum nächsten Transmitter?«
»Nein. Auch nicht zu den Antigravliften. Es scheint in der Tat zu einer technischen Störung gekommen zu sein. Wir riskieren nicht, dass es zu einer weiteren kommt, während du den Lift benutzt.«
Rhodan nickte. Die Benutzung des tausend Meter hohen Antigravlifts war schon bei normalen Zuständen nicht jedermanns Sache. »Also zur Besucherplattform?«
»Ja. Wir packen dich in einen Gleiter und schaffen dich so schnell wie möglich in den Residenzpark.«
*
Perry Rhodan hatte seiner Auffassung zufolge einen großen Sieg errungen. Die Teilung der Superintelligenz ES war dank seiner Hilfe und der Psi-Materie des PARALOX-ARSENALS gelungen. Fortan gab es in den Teilbereichen der früher gemeinsamen Mächtigkeitsballung zwei eigenständige Superintelligenzen: ES in der Lokalen Gruppe und seinen Zwilling TALIN in den »Fernen Stätten«.
Wie eng diese beiden Wesenheiten verbunden bleiben würden, musste sich erst noch erweisen, da sie sich fortan ja unabhängig voneinander entwickelten. Vorerst hatten sie jedoch den »Teilungsschock« zu überwinden und konnten nicht aktiv in die Geschicke ihrer Mächtigkeitsballungen eingreifen.
Die aus Gleam in Andro-Beta neu entstandene Kunstwelt Peregrinus als »Anker« von TALIN war spurlos verschwunden, genau wie die Kunstwelt Wanderer von ES in der Lokalen Gruppe. Äußerlich hatten sie einander wie ein Ei dem anderen geglichen; ob das so bleiben würde, musste die Zukunft zeigen.
Die geöffneten Passagen via Nebelkuppel und dem darunter befindlichen Talanis zwischen vier Welten im Stardust-System, Markanu in TALIN ANTHURESTA und Terra bestanden weiterhin; von den insgesamt »acht Himmeln« waren die beiden nach Peregrinus und Wanderer allerdings geschlossen.
Solare Residenz
zwei Stunden später
»Wir wissen nicht genau, was es war«, sagte der Terranische Resident. »Die Wissenschaftler haben aber schon mal einen provisorischen Namen für das Kind. Gravospaltung. Das Phänomen ist an mehreren Stellen aufgetreten, verteilt über ganz Terra. Eine betroffene Positronik braucht eine Weile, um wieder hochzufahren, aber auf NATHAN ist mittlerweile wieder Verlass.«
Perry Rhodan nickte geistesabwesend und kniff die Augen zusammen. Plötzlich juckte die Narbe an seiner Nase. Unwillkürlich rieb er mit dem Zeigefinger der rechten Hand daran. Er hatte es in über dreitausend Jahren nicht geschafft, diese Eigenart abzulegen. »Gravospaltung?«
»Bist du nervös?« Der Terranische Resident grinste. »Ich habe das schon oft gesehen, und nur selten hat es etwas Gutes bedeutet. Wenn du an deiner Nase herumfuchtelst, bringt dich irgendetwas aus der Fassung. NATHAN behauptet, dass wir hier genauso sicher sind wie an jedem anderen Ort auf der Erde. Oder im Solsystem, was das betrifft. Es lässt sich nicht vorhersagen, ob oder wie dieses Phänomen noch einmal auftreten wird. Und ich weiß, was du jetzt denkst. Aber das ist nicht nötig.«
Irritiert sah Rhodan seinen alten Freund an. Wie gut Reginald ihn doch kannte ... Aber das war kein Wunder. Schließlich hatten sie Jahrtausende Zeit gehabt, sich aneinander zu gewöhnen.
»Nein, es ist nur ... dieses Büro«, sagte er ausweichend. »Ich habe es schon lange nicht mehr betreten.«
Bewusst nicht. Obwohl sie sich so lange kannten, war es ihm unangenehm gewesen.
»Es war deine Entscheidung. Du hast die Ernennung abgelehnt, und das nicht nur einmal.« Reginald Bull zuckte mit den Achseln. »Und jetzt darf ich mich mit dem ganzen Kram herumschlagen ...«
Rhodan lächelte schwach. »Das war deine Entscheidung. Du hättest die Ernennung ebenfalls ablehnen können, und das nicht nur einmal.«
Bull lachte. »Hör doch auf. Es braucht dir nicht peinlich zu sein. Ich habe keine Probleme damit, dass mein berühmter Vorgänger in seinem alten Büro auf einem Besuchersessel sitzt.«
Rhodan lächelte schwach. Er hatte 1463 NGZ eine erneute Ernennung zum Terranischen Residenten abgelehnt und Reginald Bull als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Die Erste Terranerin und das Parlament waren diesem Vorschlag gefolgt; nach den Wahlen im vergangenen Jahr, bei denen Ybarri erneut gewonnen hatte, war Bull als Resident wieder bestätigt worden.
Rhodan war keineswegs im Zorn geschieden. Er hatte die orakelhafte Aussage der Superintelligenz ES verwirklichen wollen, die Menschheit müsse sich unbedingt die Nutzung des Polyport-Systems sichern. Als Terranischer Resident hätte er sich nicht intensiv genug darum kümmern können. Immerhin war er noch im Auftrag des Galaktikums als Botschafter mit beträchtlichen Vollmachten tätig. Die Erste Terranerin Henrike Ybarri hatte vorgeschlagen, ihm den Rang eines »Sonderbeauftragten des Galaktikums für die Polyport-Domäne« zu verleihen, und das Galaktikum hatte akzeptiert. In dieser Funktion hatte er auch auf der gerade abgebrochenen Pressekonferenz gesprochen.
In gewisser Weise war er damit dem Vorbild seines alten Freunds Atlan gefolgt, der zuvor als »Sonderbeauftragter des Galaktikums für Sonnentransmitter« tätig gewesen war. Wie er war auch Rhodan kein Galaktischer Rat, den maßgeblichen Vertretern der Exekutive innerhalb des Galaktikums, sondern von der Vollversammlung der Delegierten direkt ernannt worden und nur ihr verantwortlich.
Sehr zum Bedauern von Herrn Bostich als Vorsitzendem des Rats, wie manche Räte munkelten.
»Sprechen wir Klartext«, fuhr Bully fort. »Du überlegst gerade, ob du nicht lieber auf Terra bleibst, bis wir geklärt haben, was es mit diesem Phänomen auf sich hat, statt morgen in deiner Eigenschaft als Sonderbeauftragter mit großem Prunk und Pomp die erste Reise der BASIS nach Anthuresta anzutreten.
Und dir ist es peinlich, mir das zu sagen, weil du befürchtest, mich damit vor den Kopf zu stoßen. Nachdem es jetzt, nach sechs Jahren der Ruhe und des Friedens, zu einer ungewöhnlichen, möglicherweise bedrohlichen Situation kommt, juckt es dich wieder in den Fingern, und du kannst es nicht lassen und willst wieder in vorderster Front mitmischen. Und das ist dir unangenehm.«
Rhodan ertappte sich dabei, wie er nach Ausflüchten suchte. Er betrachtete das Holo neben Bullys Schreibtisch, das die Solare Residenz zeigte. Die Evakuierung hatte noch Bestand, die Residenz war für die Öffentlichkeit gesperrt.
Die Sicherheitsprogramme hatten dafür gesorgt, dass die Stahlorchidee vorsichtshalber aus ihrer schwebenden Position über dem Residenzpark abgesenkt wurde und ihren »Stängel« im Residenzsee verankerte. Dadurch war eine weitere Gefährdung ausgeschlossen, zumindest nach Einschätzung LAOTSES, des Zentralrechners der Solaren Residenz. Der entleerte See diente als Futteral für die Residenz, Prallfelder sicherten das Gebäude zusätzlich ab, waren für dessen Stabilität aber nicht unbedingt nötig.
»Du hast mich durchschaut«, gestand er. »Keine Bange, ich werde wie geplant mit der BASIS fliegen. Welche Erkenntnisse liegen dir vor? Was hat es mit dieser ... Gravospaltung auf sich?«
»Wie gesagt, die Wissenschaftler und Techniker wissen es nicht. Lediglich eine weitere Erhöhung des hyperphysikalischen Widerstands schließen sie aus. Aus irgendeinem Grund, für den sie keine Erklärung haben, ist die Solare Residenz um einige Meter abgesackt.«
»Und dieser Technikausfall ist auf ganz Terra aufgetreten?«
Bull nickte. »Nicht nur hier, die seltsame Störung ist an vielen Stellen im gesamten Solsystem aufgetreten. Wir forschen noch nach der Ursache. Mittlerweile sind sogar Meldungen eingetroffen, denen zufolge es auch in näherer galaktischer Umgebung zu leichten Raumbeben gekommen ist.«
»Raumbeben? Können das Auswirkungen des Hypersturms beim Antares-Riff sein?«
Das Epizentrum des schon seit geraumer Zeit tobenden Hypersturms befand sich nur 172 Lichtjahre von der Erde entfernt. Der Sturm löste mitunter extreme Verzerrungen der Raum-Zeit-Struktur und die absonderlichsten Phänomene aus. Wegen der geringen Distanz hatte das häufig Auswirkungen auf das Solsystem.
»Das wird es wahrscheinlich sein, aber bisher gab es so etwas nicht, also ist es eine neue Nebenwirkung oder Ergebnis der Summe mehrerer anderer Phänomene. Die Wissenschaftler zerbrechen sich die Köpfe, NATHAN rechnet alles durch, aber eine Bedrohung scheint nicht zu bestehen. Die einfachste Erklärung ist meistens die zutreffende.«
»Konnte NATHAN einen Zusammenhang mit irgendwelchen ungewöhnlichen Ereignissen feststellen?«
Bull seufzte. »Was ist heutzutage noch gewöhnlich? Wir sichten ungeheure Datenberge und wir kommen voran. Die Sache ist bei mir in guten Händen.«
Rhodan spürte, dass sein alter Freund allmählich wirklich ungehalten wurde, nickte und lehnte sich im Sessel zurück.
»Terra hat seit Kurzem Besuch von einigen bislang unbekannten Außerirdischen, die sich sehr geheimnisvoll geben«, fuhr Bull zu Rhodans Überraschung fort. »Manche bezeichnen sie deshalb als Auguren ...«
»Das waren im alten Rom doch Deuter göttlicher Zeichen ...?«
»Genau. Terra ist weltoffen und tolerant und heißt sie willkommen. Vielleicht haben sie einen guten Grund für ihr Verhalten. Wir beobachten sie, aber solange sie keine silbernen Löffel klauen, sondern nur reden, wollen wir sie nicht vor den Kopf stoßen oder unter Druck setzen. Noch weitere Fragen?«
Rhodan schüttelte den Kopf und zwang sich, das Thema fallen zu lassen. Er konzentrierte sich wieder auf Bulls Büro – auf sein altes Büro. Reginald hatte einiges verändert. Rhodan fühlte sich gleichermaßen fremd in dem Büro, das so lange ihm zur Verfügung gestanden hatte, wie auch auf seltsame Weise noch immer wie zu Hause.
»Was macht Bostich?«, fragte er.
»Unverändert. Ich kann ihm nichts vorwerfen, traue ihm aber nicht mal so weit, wie ich ihn sehen kann.« Bull lachte leise auf. »Spielst du auf diesen Dschingiz Brettzeck vom Sender Augenklar an? Keine Ahnung, woher er diese Information über Bostich hat. Wahrscheinlich nur ein Bluff, um dich aus der Reserve zu locken.« Er lachte erneut, diesmal lauter. »Weißt du noch, wie Brettzeck zum ersten Mal auf sich aufmerksam gemacht hat? Ist schon eine Weile her ... damals hatte er dem Kristallpalast eine genial gefälschte Hyperkombotschaft zugestellt, eine Kriegserklärung der LFT an das arkonidische Imperium, zu Händen Seiner glotzäugigen, äh ... alleszischenden Erhabenheit Gaumarol Bostich da Akon ...«
»Ich erinnere mich.« Rhodan grinste breit. »Parallel zum Kristallpalast hatten galaxisweit Millionen von Sendeanstalten die völlig absurde Kriegserklärung erhalten, oder? Und Brettzeck hatte als Kriegsgrund unter anderem ›die geradezu boshaft geschmacklose Abendgarderobe Bostichs‹ genannt.«
»Genau! Und Arkons Positroniken hatten schon Hunderte von schweren Schlachtschiffen in den Orbit geschickt, bevor ein arkonidischer Kommandant auf den Trichter kam, dass es sich um einen absurden Scherz handelte!«
»Und nach dieser blamablen Mobilmachung sprach Dschingiz Brettzeck von einer ›gelungenen Premiere der militärisch-journalistischen Kooperation des Senders Augenklar mit dem arkonidischen Robotregenten‹! Ich habe ihn mal näher kennengelernt, vor über hundert Jahren, als das Ara-Toxin zur Gefahr wurde. Es wundert mich, dass er nach dieser langen Zeit noch immer bei Augenklar arbei...«
Rhodan verstummte mitten im Wort. Ein leises Vibrieren ließ ihn innehalten. Es stieg aus dem Boden in den Besuchersessel empor, pflanzte sich dann durch seinen Körper fort, kräuselte sich weiter bis zu den Wänden des Büros und ließ sie ebenfalls erzittern.
»Perry?«
Bevor Rhodan antworten konnte, jaulten die Sirenen auf, so laut, dass jedes Gespräch unmöglich wurde.
»Verschlusszustand!«, rief eine wohl-modulierte weibliche Stimme. Sie klang so angenehm, dass das Wort nicht mehr ganz so unheilschwanger und bedrohlich klang.
»Was ist das?« Bully drehte sich um und starrte auf die Wand, die Rhodan so eindringlich betrachtete. »Ein Raumbeben wohl kaum ...«
Die Tür zum Büro des Residenten öffnete sich zischend, und zwei Männer kamen herein. Rhodan kannte beide, wenn auch unterschiedlich gut und lange.
»Resident«, sagte der erste. »Wie du gemerkt hast, ist es gerade zu einem weiteren ... Vorfall gekommen. Du bist hier nicht mehr sicher. Ich muss dich dringend bitten, die Solare Residenz umgehend zu verlassen. Das gilt natürlich auch für dich, Perry Rhodan. Eure Sicherheit ...«
Rhodan kannte den Mann schon aus der Zeit, bevor Reginald zum Ersten Terraner ernannt worden war. Es war Reginalds Ordonnanzleutnant Lech Hallon, seit Jahren Bulls rechte Hand in Verwaltungsangelegenheiten.
Bull schüttelte den Kopf. »Und wo sind wir sicher? Das haben wir doch längst geklärt. NATHAN geht davon aus, dass die Ursache der Phänomene beim Antares-Riff liegt, dem Epizentrum des großen Hypersturms. Wohin willst du uns also bringen? Zur Wega?«
Hallon schaute ein wenig ratlos drein. »Resident, ich muss darauf bestehen!«
Bull winkte ab. »Eine weitere minimale Störung der Energieversorgung! Eine Überspannung oder was weiß ich ...«
»Es ist in deinem eigenen Interesse, die Residenz sofort zu verlassen!«
»Lech«, sagte Rhodan betont gelassen. »Es hat schon wieder aufgehört. Und NATHAN wird wahrscheinlich gleich melden, dass dieses Beben im gesamten Solsystem zu spüren war. Wir sind hier so sicher wie an jedem anderen Ort.«
»Aber die Vorschriften ...«
Rhodan drehte sich dem zweiten Mann zu. Er war nicht besonders groß, vielleicht einen Meter und siebzig, und stämmig. Sein Gesicht wirkte rundlich und freundlich, sein Haar war schütter und schon angegraut.
Aber so harmlos und freundlich dieser Mann auch wirkte, er verstand sich durchzusetzen, wie Rhodan wusste. Er nickte ihm zu. »Attilar Leccore. Ich nehme nicht an, dass du zu Lechs moralischer Unterstützung mitgekommen bist.«
»Nein. Ich möchte dich sprechen, Sonderbeauftragter.«
Rhodan runzelte die Stirn. Attilar Leccore war seit einigen Jahren Chef des Terranischen Liga-Dienstes. Somit war es gewiss kein Höflichkeitsbesuch.
»Natürlich. Was gibt es? Es hat sicher nichts mit diesen Raumbeben zu tun.«
»Nein.« Leccore legte einen Datenträger auf Bullys Schreibtisch. »Rhodan, das musst du dir dringend ansehen. Es ist persönlich.«
Perry warf seinem alten Freund einen Blick zu.
Bull nickte. »Das Büro ist abgesichert. Wenn du dir das Holo lieber allein ansehen willst, kannst du nach nebenan gehen. Der Nebenraum ist ebenfalls sicher.« Er seufzte. »Hier sind praktisch alle Räume abhörsicher.«
»Ich würde empfehlen, den Nebenraum zu benutzen, Resident«, sagte Leccore nachdrücklich.
»So wichtig ist es?« Rhodan zuckte mit den Achseln. »Na schön.«
Er drehte sich zu Bully um. »Und du beruhigst derweil unseren alten Freund Lech.«
*
Der TLD-Chef schloss die Tür hinter sich, sah Rhodan an und aktivierte den Datenträger. Ein Holo bildete sich in der Mitte des Raums. Es zeigte eine Halle, die eine Einblendung als Lagerraum der BASIS bezeichnete.
Letzte Umbauten fanden statt. Antigravplattformen beförderten, schwer beladen und von ihren Rechnern gesteuert, gestapelte Lasten zu den Schotts der Halle. Rhodan sah Spieltische, Holoprojektoren, Positronikterminals und überhaupt das gesamte Spektrum dessen, was eine interstellare Spielhölle ausmachte.
Roboter verschweißten Zwischenwände und glätteten den Boden. Ein einziges Lebewesen befand sich in der Halle, eine Frau mittleren Alters mit aparten Gesichtszügen in einem grauen Overall, die Haare auf der Kopfmitte zu einem in allen Farben des Regenbogens leuchtenden Sichelkamm hochgeklebt. Ihre restliche Kopfhaut war nicht kahl, sondern von kurz geschorenem Flaum bedeckt, und die Färbungen des Kamms verliefen darüber bis zu den Schläfen und in den Nacken. Das war der neueste Modeschrei – Sichelkamm-Kunst des ertrusischen Lifestyle-Coiffeurs Zuckerhaar, der auch bei Rhodan bereits angefragt und einen fürstlichen Honorarvorschlag gemacht hatte, wenn der Unsterbliche sich von ihm würde frisieren lassen.
»Umbauarbeiten auf der BASIS?«, fragte Rhodan. »Die letzte Phase der Umrüstung?«
»Genau. Achte jetzt auf die Frau.«
Rhodan glaubte, im Bild ein leichtes Flimmern zu sehen. Abrupt erstarrte die Terranerin – zumindest hielt Rhodan sie für eine – in ihrer Bewegung. Einen Augenblick lang stand sie völlig still da, dann riss sie die Arme hoch, als wolle sie sich an die Brust fassen. Sie öffnete den Mund, doch zuerst drang kein Ton über ihre Lippen. Dann stammelte sie etwas Unverständliches, griff sich an den Hals, als würde sie ersticken.
»Ich brauche Perry Rhodan«, stammelte sie, »sonst sterben wir alle.«
Im nächsten Moment brach die Frau zusammen. Schaum quoll aus ihrem Mund.
Rhodan schaute betroffen drein. »Was ist mit der Frau passiert?«
»Sie ist tot«, sagte Leccore sachlich. »Und sie ist kein Einzelfall.«
Der TLD-Chef glitt mit der Fingerkuppe über den Datenträger. Ein neues Holo entstand.
Eine Schaltzentrale. Hektisches Treiben. Überall Terminals, Holos, die sich bildeten und wieder in sich zusammenfielen. Techniker, die mit flinken Handbewegungen Roboterhorden zu neuen Einsatzorten schickten. Informatiker, die defekte Peripherie-Steuerprogramme korrigierten, während sie noch ausgeführt wurden.
Mittendrin saß ein Jülziish. Plötzlich sprang er auf, griff sich an den Schlauchhals. Kollegen erhoben sich, näherten sich ihm vorsichtig. Rhodan fiel in einer Duplizität der Ereignisse ein unwichtiges Detail auf: Der Blue überragte die meisten seiner Kollegen um mindestens einen halben Meter.
Ein besonders hochgewachsener Vertreter seines Volkes, dachte er.
Das Aufnahmegerät konzentrierte sich auf den Jülziish. Dessen Tellerkopf kippte hart nach unten. Nun vernahm Rhodan ein hohes Zirpen, das immer höher wurde. Offensichtlich hatte der Translator Schwierigkeiten, die Äußerungen zu übersetzen.
»Perry Rhodan muss kommen!«, verstand der Sonderbeauftragte schließlich. »Er muss handeln, sonst ...«
Der Jülziish brach zusammen. Der tellerförmige Kopf prallte gegen ein Terminal. Rhodan hörte ein scheußliches Knacken und wusste, was geschehen war. »Er ist ebenfalls tot, nicht wahr?«
»Ja«, antwortete Leccore nüchtern und anscheinend unbeteiligt.
Der TLD-Chef hatte sich gut im Griff. Der Tod schmerzte immer. Leccore hatte zwar einen gewissen Ruf, aber Rhodan glaubte nicht, dass der Mann so gefühls-unempfänglich war wie sein Vorgänger Noviel Residor. »Und er forderte mich auf, zur BASIS zu kommen. Damit ist die Terranerin kein Einzelfall. Keine Verrückte, die nicht weiß, was sie sagt.«
»So sehe ich es auch. Hast auch du dieses seltsame ... Flimmern bemerkt?«
»Bei der ersten Einspielung, ja. Aber bei dieser ... ich habe nicht darauf geachtet.«
»Nun gut. Ich bin dir gegenüber im Vorteil, mir liegt eine positronische Auswertung vor. Meine Leute arbeiten daran. Früher oder später werden sie dem auf die Spur kommen. Wie ich sie kenne, wahrscheinlich früher.«
»Was hat es mit diesem Flimmern auf sich?«
»Später. Eins nach dem anderen. Es gibt vier weitere Todesfälle, aber wegen dieser Aufzeichnung bin ich hier. Du scheinst der Einzige zu sein, der mir konkrete Hinweise geben könnte.«
»Was meinst du? Ich verstehe nicht ganz.«
»Ah, natürlich. Warte. Du wirst mich verstehen.« Nach einem weiteren Fingerstreif über den Datenträger entstand ein neues Holo.
Diesmal war es ein Epsaler – im Gegensatz zu dem Blue in der Einblendung zuvor der kleinste Mitarbeiter im Raum, nur etwa einssechzig groß, aber ebenso breit, was nicht nur für die Schultern galt, sondern für den gesamten Körper. Er koordinierte in einem großen Raum, in dem sich an den Wänden und zwischen den Terminals Mini-Container stapelten, die Funksprüche zwischen der BASIS und den Schiffen, die sie umschwärmten. Rhodan wusste, was er nun sehen würde.
Der Mann sprang auf, griff sich an die Brust, an den Hals, gab gutturale Geräusche von sich ... und sprach plötzlich völlig normal.
Rhodan lief es kalt über den Rücken, als er die letzten Worte des Epsalers hörte.
»Perry Rhodans Sohn ist hier ... er muss Rhodan sprechen!«
*
Rhodan wusste einen Moment lang nicht, was er denken sollte.
Sein Sohn ...
Mike!, schoss es ihm durch den Kopf. Mike ist zurück!
Aber er korrigierte sich sofort. Es könnte auch Kantiran sein ...!
Sein ältester noch lebender Sohn, Michael Reginald, besser bekannt als Roi Danton, war vor fast einhundert Jahren mit der SOL auf große Fahrt gegangen und hatte sich seitdem nicht mehr gemeldet. Er und die SOL galten als verschollen.
Mike hatte so viel durchgemacht, dass er unbedingt Gelegenheit finden musste, sein Leben ungestört von allen Einflüssen neu zu ordnen und in den Griff zu bekommen. Rhodan fragte sich manchmal, wem im Lauf seines Lebens Schlimmeres widerfahren war: ihm oder seinem Sohn.
Und Kantiran ... Der Halbarkonide, den er erst viel zu spät in dessen Leben kennengelernt hatte, war schon 25 Jahre vor Mike fortgegangen. Sein Ziel war es gewesen, an der Spitze der Friedensfahrer gegen die Terminale Kolonne TRAITOR zu kämpfen, wo immer sie sich zeigen würde im Multiversum.
Auch von ihm hatte Rhodan seitdem nichts mehr gehört.
Und beide vermisste er sehr, auch wenn er sich nach außen nichts anmerken ließ. Es war kein so endgültiger Verlust, wie er ihn beim Tod von Thomas Cardif oder Suzan erlebt hatte, und er war nicht so frustrierend wie damals, als sich Eirene ihres kosmokratischen Erbes bewusst geworden war oder Delorian zum Chronisten von ES.
Er unterdrückte weitere Gedanken an seine Kinder. Er kam sich schäbig vor, weil er nicht wusste, wessen Rückkehr er stärker herbeisehnte. Mike oder Kantiran ... wer war ihm lieber? Wen hätte er lieber wieder in die Arme geschlossen? Er schämte sich für diesen Gedanken.
Nur langsam gewann er seine Fassung zurück. Dieser persönliche, familiäre Aspekt seines Lebens hatte ihn stärker erschüttert, als er es für möglich gehalten hätte.
»Augenblick«, murmelte er schließlich. »Da stimmt etwas nicht.«
»Da stimmt einiges nicht«, bestätigte Leccore. »Deshalb wollte ich zuerst mit dir unter vier Augen sprechen. Vielleicht kannst du ja etwas Licht in dieses Dunkel bringen.«
Rhodan nickte. Ob nun Mike oder Kantiran mit ihm Kontakt aufzunehmen versuchte – wieso hätte er, wer von den beiden auch immer es sein mochte, den Umweg über die BASIS wählen sollen, statt sich direkt auf Terra bei ihm zu melden?
»Du bist dir sicher, dass du keine weiteren Söhne hast?«, fragte Leccore so ruhig und beiläufig, dass es schon wieder indiskret und neugierig klang.
»Versteif dich nicht darauf, dass dieser Vorgang tatsächlich etwas mit mir und meinen Söhnen zu tun haben muss. Glaub mir, dahinter steckt etwas anderes. Noch gibt es nicht den geringsten Beweis dafür, dass sich Mike oder Kantiran tatsächlich auf der BASIS befindet oder mich auch nur sprechen will, aber das ist schon seltsam.«
»Verstehst du nun, warum ich dich unter vier Augen sprechen wollte? Das alles ist in der BASIS passiert – und zwar in den letzten Stunden. Du weißt also nichts von einem deiner Söhne?«
»Nein. Nicht das Geringste. Leider.«
»Bisher konnten wir es geheim halten«, sagte Attilar Leccore, »aber es sind schon ein halbes Dutzend Opfer. Ich habe Wissenschaftler darauf angesetzt. Sie behaupten, dass es immer einen seltsamen Energieausbruch gegeben habe, als diese Leute starben. Verbunden mit einer äußerst geringfügigen, wenngleich anmessbaren Abweichung der Strangeness vom Basiswert Null. Auf der BASIS ist ein gewisser Nemo Partijan stationiert, der ...«
Rhodan hob die Hand. »Spiel die Holos noch einmal ab.«
Leccore holte einen zweiten Datenträger aus der Jackentasche und gab ihn Rhodan. »Ich habe eine Kopie für dich anfertigen lassen.« Dann glitten die Fingerspitzen des TLD-Chefs wieder über den ersten Speicher.
Rhodan kniff die Augen zusammen. Bei der aparten Terranerin mit der Zuckerwasser-Frisur fiel ihm beim zweiten Betrachten ein seltsames violettes Flimmern auf, als würde um das Opfer kurzzeitig eine energetische Blase entstehen und wieder zusammenbrechen. Bei zwei weiteren bemerkte er ganz am Anfang der Aufzeichnungen dasselbe Phänomen, die anderen Aufnahmen hatten zu spät eingesetzt.
»Nach der positronischen Analyse haben wir diesen optischen Effekt hervorgehoben«, erklärte Attilar Leccore. »Wir gehen mittlerweile davon aus, dass alle Opfer für den Bruchteil einer Sekunde von diesem Aureoleneffekt umgeben waren. Sofern die Aufzeichnungen schlüssig sind, dauerte dieser Effekt jeweils etwa eine Zehntelsekunde. Die Wissenschaftler können sich noch keinen Reim auf diese ...«
»Raum-Zeit-Blasen?«
»... auf diese Phänomene machen«, fuhr Leccore unbeirrt vor, »glauben aber, dass sie etwas mit den Strangeness-Abweichungen zu tun haben.«
Rhodan nickte. »Der Start der BASIS ist gefährdet. Solange diese Phänomene nicht geklärt sind, brechen wir nicht auf. Ich frage über Polyport-Funk nach. Mondra Diamond befindet sich vor Ort. Hast du schon mit ihr gesprochen?«
»Natürlich. Sie ist als Staatssekretärin zur besonderen Verwendung die Verbindungsfrau zum TLD.«
»Und sie ist als meine persönliche Sicherheitsberaterin für die Mission der BASIS nach Anthuresta verantwortlich. Ich nehme sofort Kontakt mit ihr auf.«
Rhodan behielt für sich, dass er ihrer Einschätzung der Lage mehr vertraute als der des TLD-Chefs.
*
Halo-System, BASIS
16.47 Uhr, Terrania-Standardzeit
»Dir ist klar, dass das Einchecken der PoKon-Einheiten und der Start unter diesen Umständen nicht erfolgen können?« fragte Mondra Diamond.
Erik Theonta, Konteradmiral im Ruhestand und neuer Kommandant der BASIS, gab ein unwilliges Geräusch von sich und schritt weiter aus, ohne seine Gesprächspartnerin anzusehen. Der kantige, zwei Meter große Hüne mit dem millimeterkurz geschnittenen Haar war mit seinen 187 Jahren eine Legende.
Theonta war an der Flottenakademie von Berlin ausgebildet worden, hatte sich jedoch im Flottendienst als derartiger Überflieger erwiesen, dass die planetar als eher zweitklassig eingestufte Ausbildungsstätte seinem Aufstieg nicht im Wege gestanden hatte. Legendär war eine verbürgte Geschichte aus dem Jahr 1312 NGZ: Theonta befand sich damals als junger Kreuzerkommandant von dreißig Jahren in der Galaxis Tradom und hatte im Gefecht mit Katamaren des Reichs drei LFT-Rettungsboote mit je sechzig Menschen mitten aus einem Schlachtgeschehen gefischt – und das mit einem »kleinen« Kreuzer!
Vor sechs Jahren, auf dem Höhepunkt der Vatrox-Krise, war er Senior-Kommandant der RICHARD BURTON III und gleichzeitig Kommandeur der bei Gleam stationierten Einheiten und des Stützpunkts Power Center gewesen. Er hatte also kosmische Geschichte hautnah miterlebt.
»Selbstverständlich«, sagte er. »Alles andere wäre unverantwortlich.«
Mondra hatte nichts anderes erwartet. So autoritär der Admiral im Ruhestand auch sein mochte, er verfügte über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Er mochte sich manchmal äußerst sperrig anstellen, würde aber Mitglieder seiner Besatzung niemals unnötig in Gefahr bringen. Mondra hatte Theonta richtig eingeschätzt. Politische Implikationen scherten ihn wenig.
Zwar sollte der erste Flug der umgebauten BASIS der Höhepunkt und gleichzeitig die Krönung seiner beruflichen Laufbahn werden, aber niemals auf Kosten der Sicherheit. Theonta und die BASIS, das passte zusammen.
»Vielleicht hätten wir schon eher reagieren sollen. Die Unregelmäßigkeiten waren uns ja bekannt.« Mondra musste sich anstrengen, zu ihm aufzuschließen, so schnell schritt er aus. »Zum Beispiel, dass wir während der Umbauarbeiten im Luna-Orbit Räume entdeckt haben, die auf keinem Bauplan der BASIS erscheinen. Wir haben sonderbare Energiespitzen geortet, ohne dass wir die Abnehmer finden konnten ... und dergleichen kleine Seltsamkeiten mehr.«
Sie waren auf dem Weg in den Medo- und Labortrakt der BASIS, der in der Bugsektion des Schiffes untergebracht war, dem Kommandoblock. Dort war die Obduktion eines der Opfer der Zwischenfälle an Bord anberaumt, und Mondra wollte ihr beiwohnen.
Ramoz knurrte leise.
Unwillkürlich blieb Mondra stehen und sah sich um. Sie hatte im Lauf der Jahre gelernt, auf Ramoz' Instinkte zu vertrauen.
Dem gut einen halben Meter langen Fremdwesen, das an einen terranischen Luchs erinnerte, sträubten sich buchstäblich die Haare. Das schwarz und silberfarben gestreifte Fell schien sich zu kräuseln.
Mondra weigerte sich beharrlich, im Zusammenhang mit dem wahrscheinlich halbintelligenten Wesen von einem Tier zu sprechen. Seine Herkunft war unklar, ebenso wie die der dünnen, fellfarbenen Manschetten, die Ramoz an den Hinterbeinen trug. Möglicherweise handelte es sich dabei um die Überreste eines Anzugs, der einst den ganzen Körper bedeckt hatte? Rätsel umgaben Ramoz, seit sie ihm auf Markanu begegnet waren, der Welt der Halbspur-Changeure, die sich unweit der Polyport-Sterneninsel Diktyon befunden hatte.
Die Staatssekretärin sah sich um, konnte jedoch nichts Verdächtiges ausmachen. Der breite Gang war menschenleer, nur ein Servoroboter sammelte Abfälle der Umbaumaßnahmen ein. Es war ein ziemlich altes, unförmiges Modell, eine breite Walze mit einem eingebauten Traktorstrahl-Projektor und einem Desintegrator. Mit dem Strahl erfasste der Servo die betreffenden Objekte und beförderte sie direkt zum Auflösungsgerät.
»Alles in Ordnung«, sprach Mondra beruhigend auf das luchsähnliche Wesen ein.
Ramoz zischte leise. Über sein rechtes Auge, das leicht getrübt war, schien sich ein dunkler Schleier zu legen.
Er wittert eine drohende Gefahr, erkannte Mondra aus Erfahrung. Sie aktivierte die Systeme ihres SERUNS 1465-05 Warrior III. Die Ortung maß keine Fremdemissionen an.
Das überraschte sie nicht. Die BASIS verfügte über interne Ortungssysteme. Und wenn die nichts wahrnahmen, würde wohl kaum ein SERUN helfen.
Mondra sah sich um. Da war wirklich nichts, nur der Roboter. Sie bückte sich und tätschelte das halbintelligente Tier. »Alles in Ordnung.«
Konteradmiral Theonta räusperte sich. »Bei einem Raumschiff dieser Größe und einer wechselvollen Geschichte wie der BASIS ist es ganz normal, auf Räumlichkeiten zu stoßen, die nicht in den Plänen verzeichnet sind. Für jede einzelne Energiespitze gab es bisher eine Erklärung.«
Mondra Diamond erhob sich wieder. »Wir haben Fehler gemacht. Wir waren nachlässig. Und nun müssen wir uns mit den Konsequenzen befassen.«
»Wir haben jeden Vorfall genau überprüft und konnten keine ...«
Sie hob eine Hand, bat um Ruhe. Ramoz zischte ganz laut, konnte vor Nervosität nicht mehr ruhig stehen, sprang an ihrem Bein hoch, riss das Maul auf. Obwohl er nur pflanzliche Kost zu sich nahm, entblößte er dabei beachtliche Reißzähne.
»Verdammt, bring ihn doch endlich zur ...«
Der Konteradmiral verstummte, als der Reinigungsroboter plötzlich beschleunigte und genau auf sie zuhielt.
Im nächsten Augenblick fühlte sich Mondra von dem Traktorstrahl erfasst. Sie verlor den Boden unter den Füßen, wurde hochgerissen, durch die Luft geschleudert. Die Öffnung des Desintegratorschachts schien rasend schnell näher zu kommen. Das grünliche Flimmern hinter der Schachtöffnung leuchtete heller auf.
»SERUN!«, rief sie, doch der Kampfanzug hatte bereits reagiert. Die Positronik hatte die Gefahr erkannt und schneller, als Mondra reagieren konnte, den HÜ-Schirm hochgefahren. Der Gravo-Pak gab Gegenschub. Mondra hörte ein lautes Knirschen, doch die Sogwirkung des Traktorstrahls wurde neutralisiert. Der Helm wurde geschlossen, die Visierdarstellung hochgefahren. Mondra sah an einem Bildsymbol, dass die Positronik über Normalfunk Alarm in der Zentrale des Schiffes auslöste.
Das Holster des Kombistrahlers öffnete sich dank der Träger-Signatur-Sicherung automatisch, als sie danach griff. Die Waffe flog in ihre Hand. Der Roboter rollte weiterhin auf Mondra zu. Die Schachtöffnung war einen halben Meter entfernt, zwanzig Zentimeter, als Mondra die Waffe auslöste und der Desintegratorstrahl die Maschine in der Mitte durchtrennte.
Nach der Explosion war der Gang mit Trümmern übersät. Die Wände waren geschwärzt, doch die Wucht war nicht stark genug gewesen, um sie zu beschädigen.
Der Gravo-Pak ließ sie behutsam wieder auf den Boden. Neben ihr stand der Konteradmiral, ebenfalls einen Kombistrahler in der Hand. Auch sein Schutzschirm baute sich nun wieder ab.
Sie kniete sich neben die zum Teil noch glühenden Trümmer.
»Hast du dieses Flimmern bemerkt?«, fragte Theonta. »Es hat sich kurz um den Roboter gelegt, bevor er verrücktspielte. Ein violettes energetisches Flimmern. Es muss sein Programm gestört haben.«
»Nun greift das Phänomen also auch auf Maschinen über«, stellte Mondra fest. Sie sah nach Ramoz. Er hatte hinter dem Admiral Schutz gesucht und war unverletzt. »Der SERUN hat den Vorgang aufgezeichnet. Ich lasse den Datenspeicher untersuchen ...«
Ihr fiel etwas auf. Neben einem Trümmerstück lagen ein paar Kristalle auf dem Boden. Sie erinnerten an blauen Mivelum, eine Hyperkristallart.
Vor Mondra Diamonds Augen zerfielen sie zu Staub.
*
Das Galaktikum war gestärkt aus dem erfolgreichen Kampf gegen die Frequenz-Monarchie hervorgegangen. Eindrucksvoll wurde bewiesen, dass gemeinsames Handeln stark macht.
Diese Lehre fiel auch in der Nachbargalaxis Andromeda auf fruchtbaren Boden – dort wurde die Gründung einer dem Galaktikum vergleichbaren Organisation geplant. Der ewige Optimist Perry Rhodan träumte sogar schon von einer langfristigen Perspektive: einem »Pangalaktikum« der Lokalen Gruppe.
Wie Perry Rhodan den Maahks versprochen hatte, hatten die Schatten-maahks Andromeda verlassen: Sie waren fortan die »Betreuer« des Polyport-Netzes, quasi in Nachfolge der Halbspur-Changeure und vergleichbaren Prinzipien verpflichtet. Ihr »Hauptquartier« war dabei TALIN ANTHURESTA – neben Teilen des Handelssterns nutzten sie einige Scheibenwelten, die ihren Umweltanforderungen genügten.
Solare Residenz
17.08 Uhr
»Bist du verletzt?«, fragte Rhodan und hoffte, dass Mondra Diamond die Besorgnis in seiner Stimme nicht allzu deutlich heraushörte. Sie war es gewohnt, auf sich aufzupassen, und reagierte manchmal sehr heftig auf solche Fragen.
»Nein. Es war nur ein alter Roboter.«
»Dann habt ihr die Lage unter Kontrolle?«
»Nein«, antwortete Mondra. »Wir haben die Lage keineswegs unter Kontrolle. Damit würden wir uns in die Tasche lügen. Es geschieht etwas in der BASIS, und wir haben keine Erklärung. Die Todesopfer, der Roboter ... Ich lasse die zu Staub zerfallenen Rückstände des Hyperkristalls untersuchen, mal sehen, was dabei herauskommt. Auch sämtliche Leichen werden nun auf solche Rückstände untersucht.«
»Du weißt, dass mich die Opfer vor ihrem Tod aufgefordert haben, zur BASIS zu kommen?«
»Ja.«
»Und dass eins der Opfer behauptet hat, mein Sohn sei an Bord der BASIS?«
»Ja.« Mondra schüttelte den Kopf. »Ich habe das für Unsinn gehalten. Wieso sollten sich Kantiran oder Mike derart zu Wort melden?« Ein Schleier schien sich über ihre schwarzen Augen zu legen, sie noch dunkler, ihren Blick noch geheimnisvoller werden zu lassen.
Als Rhodan sie so betrachtete, wenn auch nur als Holo-Darstellung, wurde ihm plötzlich klar, wie schmerzlich er sie vermisste. In den letzten sechs Jahren hatten sie viel gemeinsam unternommen und waren noch enger zusammengewachsen. Mondra und er gehörten zueinander, das spürte er in diesem Moment ganz deutlich. Vielleicht würden sie demnächst wieder wirklich zueinander finden, jenseits des Alltäglich-Vertrauten.
Mondra sah so blendend aus wie immer. Sie wirkte trotz ihres biologischen Alters von etwa zweihundert Jahren so jung wie eh und je. Sie war die Mutter von Delorian, des Chronisten von ES, und die Superintelligenz hatte deshalb womöglich ihren Alterungsprozess angehalten.
Rhodan fasste einen Entschluss. »Also gut, ich fliege umgehend zur BASIS. Wir sehen uns in wenigen Stunden.«
»Und ich treffe mich jetzt mit Nemo Partijan. Wegen der Kristalle soll der Hyperphysiker an der Obduktion teilnehmen. Das wird für ihn eine ganz neue Erfahrung, möchte ich wetten.« Mondra nickte ihm zu und unterbrach die Holo-Verbindung.
Rhodan drehte sich zu Attilar Leccore um. »Du hast es gehört. Ich kümmere mich persönlich um die Sache. Als Sonderbeauftragter des Galaktikums für die Polyport-Domäne ist das meine Pflicht.«
»Du hältst mich auf dem Laufenden?«
Rhodan nickte und verließ den Raum.
Aber gewisse Zweifel blieben. Vielleicht wurde er auf Terra dringender gebraucht ...
*
»Du handelst völlig richtig, Perry«, sagte Reginald Bull. »Wir kommen hier schon klar. Auch ohne dich.«
Rhodan unterdrückte ein Seufzen. »Sobald ich weiß, was auf der BASIS gespielt wird, melde ich mich. Weißt du, wo Gucky ist?«
Bull nickte. »Hier in Terrania. Er spricht gerade mit Tanio Ucuz vom TIPI.«
»Der neuen Mutantenschule ... Entschuldige, dem Terranischen Institut für Paranormale Individuen. Funke ihn bitte an. Er soll sofort zum Polyport-Hof kommen.«
»Was soll ich ihm sagen? ›Herr Mausbiber, wir werden gebraucht‹?«
Rhodan lachte leise auf. »Genau das. Wenn er Glück hat, geht er mit der BASIS auf große Fahrt. Er mault doch ständig, wie langweilig ihm ist.« Er streckte Bully die Hand hin. »Die Transmitterverbindung ist geschaltet?«
Der Terranische Resident ergriff und drückte sie. Einen Moment zu lang und auch zu fest, dachte Rhodan. »Das ist kein Abschied auf lange Zeit. Du hörst bald von mir.«
»Klar. Ich bringe dich zum Transmitter.«
»Ich finde allein hin. Ich kenne den Weg.«
»Natürlich.«
Rhodan zwinkerte Bull zu und verließ sein ehemaliges Büro. Auf dem Weg zum Transmitter stellte er über sein Armbandgerät Funkkontakt mit Mikru her, dem Avatar seines Raumschiffs MIKRU-JON, und instruierte sie.
Er gestand sich ein, dass er beunruhigt war. Davon zeugte auch, dass er die schnellste Möglichkeit wählte, zur BASIS zu gelangen: das Polyport-System. Vom Hof GALILEO im Saturn-Orbit direkt zum Handelsstern JERGALL, von dort aus weiter zur BASIS. Die Alternative, die Benutzung des Terra-Arkon-Transits, würde etwas mehr als zehn Stunden beanspruchen.
Rhodan erreichte den gesicherten Käfigtransmitter und wartete ungeduldig ab, während ein Techniker erklärte, dass die Benutzung nach menschlichem Ermessen ungefährlich war. Nichts deutete auf ein weiteres Raumbeben hin.
»Danke!« Rhodan nickte dem Mann zu und trat in den Transmitter. Das Modell selbst war ihm vertraut: ein Kurzstrecken-Transmitter KST-100M-1150 von Mifona Energetics, ausgelegt für maximal vier Personen. Wie für alle Transmitter, deren Energieversorgung nicht durch Sonnenzapfung bewerkstelligt wurde, galt auch für diesen Typ eine allgemeine Reichweitenbegrenzung von etwa fünf Lichtjahren.
Die benötigte Rhodan jedoch bei Weitem nicht. Der Saturn war nur einen Katzensprung entfernt.
Grünes Licht umflutete ihn, und er spürte ein schwaches, kaum wahrnehmbares Zerren an seinem Körper.
Als das Licht wieder erlosch und Rhodan aus dem Käfig trat, befand er sich auf dem Transferdeck des Polyport-Hofs GALILEO.
*
Rhodan sah sich in der riesigen Halle mit einer lichten Höhe von gut hundert Metern um, an deren Rand er rematerialisiert war. Unwillkürlich zogen die vier Transferkamine seine Blicke auf sich. Sie bildeten ein im Zentrum offenes Kreuz aus vier energetischen, bläulich schimmernden Röhren von je 50 Metern Durchmesser und 610 Metern Länge, die dicht über dem Boden verliefen und auf einer 200 Meter durchmessenden freien Fläche im Mittelpunkt des Decks mündeten. Im Hallenhintergrund gegenüber verblassten die Röhren, als führten sie ins Nichts. Es herrschte reger Betrieb. Container und Gleiter flogen scheinbar unaufhörlich in die Kamine ein oder verließen sie.
Rhodan drehte sich zum Rand des Decks um. Dort schwebte ein gut 70 Meter hohes obeliskförmiges Schiff mit nach oben verjüngter Grundform. Die bronzefarbene Außenhülle war mit verspielten Ornamenten verziert. Beim ersten und zweiten Drittel der Gesamthöhe war die Hülle leicht eingekerbt wie die Glieder eines Insekts. Dort teilte sich das Schiff, das obere und das mittlere Drittel schwebten schon gut einen Meter über ihren jeweiligen Unterteilen.
Neben Rhodan flimmerte die Luft. Das Abbild einer jungen Frau entstand, der Avatar von MIKRU-JON. Mit ihren lediglich 1,60 Metern Körpergröße musste sie aufschauen, um Rhodan in die Augen zu sehen. Die Verkörperung war so real, dass Rhodan sie für eine echte Frau gehalten hätte, hätte er es nicht besser gewusst.
»MIKRU-JON ist bereit«, sagte sie mit tiefer, sonorer Stimme, die so gar nicht zu ihrer Gestalt passte. »Sobald wir die Freigabe erhalten, können wir in den Transferkamin einfliegen.«
»Danke!« Rhodan lächelte breit, als dicht neben dem Avatar wie aus dem Nichts eine weitere Gestalt erschien – ein kaum ein Meter großes, rotbraun bepelztes Wesen mit einem bis auf den Boden reichenden abgeplatteten Schwanz, der wie der gesamte Körper in einem SERUN steckte.
»›Herr Mausbiber, wir werden gebraucht?‹« Gucky ließ seinen Nagezahn aufblitzen. »Was ist das denn für eine flapsige Einladung? ›Retter des Universums, Überall-zugleich-Töter, ohne deine Hilfe bin ich verloren.‹ Das hört sich viel richtiger an!«
»Hallo, Kleiner! Trotzdem warst du neugierig genug, um sofort zu kommen.«
»Wenn du mich rufst, Großer, immer. Ohne mich kannst du doch kaum fünf Schritte geradeaus gehen, ohne zu stolpern.«
Rhodan ging in die Hocke und umarmte den Ilt. Wie lange hatten sie einander nicht mehr gesehen? Einige Monate oder gar schon Jahre?
»Wohin soll es gehen?«, fragte Gucky.
»Zur BASIS. Und wenn die dortigen Probleme geklärt sind, nach Anthuresta. Kommst du mit?«
Der Mausbiber verzog das Gesicht. »Anthuresta ist langweilig. Da waren wir doch schon.«
»Anthuresta ist spannend«, widersprach Rhodan. »Eine Galaxis der Rätsel. Dort befinden sich Immaterielle Städte, deren Geheimnisse bisher nicht ergründet werden konnten, dort wartet im Stardust-System das Zweite Galaktische Rätsel auf seine Auflösung. Zwei Zellaktivatoren, die ES dort deponiert hat, die aber noch nicht gefunden wurden. Dort gibt es Völker, deren Verwandte oder Vorfahren auch in Andromeda oder der Milchstraße lebten. Ganz zu schweigen von den weiterhin rätselhaften Anthurianern, den Schöpfern des Polyport-Systems, von TALIN ANTHURESTA und wer weiß noch alles. Anthuresta ist mit seinen Schätzen an Hyperkristallen das neue El Dorado, das neue Kalifornien der antiken Erdgeschichte, die Galaxis der unbegrenzten Möglichkeiten. Anthuresta ist ...«
»Hat Homer dich so gut indoktriniert, dass du seine Werbesprüche schon auswendig herplappern kannst?«, fragte der Ilt und streckte die Hand aus. »Wenn du mich brauchst, bin ich da, selbst wenn's langweilig zu werden droht. Das genügt doch, oder?«
Rhodan ergriff die Hand, und Gucky teleportierte mit ihm direkt in die Zentrale von MIKRU-JON. Sie befand sich im oberen Drittel des Schiffes, der Kommando- und Unterkunftssektion. Das mittlere enthielt die Energieversorgung und Lebenserhaltung, das untere die Unter- und Überlicht-Triebwerke und die Hauptzugangsschleusen.
Mikru erwartete sie bereits in dem etwa zehn Meter durchmessenden und knapp fünf Meter hohen Raum. Für den Avatar stellten solche Ortsversetzungen kein Problem dar. »Wir haben die Freigabe erhalten und sind unterwegs.«
Wie so oft, wenn er die Zentrale von MIKRU-JON betrat, verharrte Rhodans Blick kurz auf den Wänden. Sie waren mit einem bronzefarbenen Material verkleidet, das sich jedoch bei genauem Hinsehen wie in einer sehr langsamen Bewegung von organischer Materie zusammenzog und wieder ausdehnte.
Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Panoramagalerie von Holoprojektionen, die die Umgebung des Schiffes zeigten. Aneinandergereiht wie an einer Perlenschnur hielten die drei Teile, die Zentrale voraus, auf einen der Transferkamine zu, die das Schiff in seiner Gesamtgröße nicht passieren konnte. Noch schimmerte die riesige Röhre in einem dunklen Blau, doch schon verwandelte sich die Färbung in ein pulsierendes Rot, Anzeichen dafür, dass der Transport beginnen konnte.
Rhodan hatte den Transportvorgang schon zu oft erlebt, um ihn noch fasziniert verfolgen zu müssen. Er trat zu einer Wand und legte eine Hand auf eine etwas hellere Fläche. Mit leisem Zischen öffnete sich eine Tür und enthüllte ein Schrankfach. Rhodan holte einen SERUN heraus und legte ihn an.
