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Im Jahr 1469 Neuer Galaktischer Zeitrechnung (NGZ): Auf bislang unbekannte Art und Weise ist das Solsystem mit seinen Planeten sowie allen Bewohnern aus dem bekannten Kosmos "entführt" worden. Die Heimat der Menschheit kommt in ein "kleines Universum", wo die Terraner auf seltsame Nachbarn treffen: Diese besetzen nach kurzer Wartezeit die Planeten und manipulieren die Sonne Sol. Die Menschheit muss in diesem fremden Kosmos um ihr Überleben kämpfen. Perry Rhodan hat es ebenfalls in eine fremde Region verschlagen: In der fernen Doppelgalaxis Chanda muss er sich mit der Superintelligenz QIN SHI auseinandersetzen, die auch die Entführung des Solsystems zu verantworten hat. Im intergalaktischen Streit der Superintelligenzen wirken weitere Mächte mit, deren Interessen sich nur Stück für Stück entschlüsseln. Rhodan und die Menschheit müssen erkennen, dass sie unfreiwillige Zeugen eines kühnen Planes werden: Kosmische Supermächte wollen ein sogenanntes Neuroversum erschaffen - die Gedanken, Wünsche und Hoffnungen einzelner Menschen scheinen sie dabei nicht zu interessieren ...
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Seitenzahl: 7369
Veröffentlichungsjahr: 2013
Nr. 2650
Die Phanes-Schaltung
Perry Rhodan in der Werft – er erlebt das Ende der BASIS
Uwe Anton
Wir schreiben das Jahr 1469 Neuer Galaktischer Zeitrechnung (NGZ) – das entspricht dem Jahr 5056 christlicher Zeitrechnung. Auf eine bislang ungeklärte Art und Weise verschwand das Solsystem mit seinen Planeten sowie allen Bewohnern aus dem bekannten Universum.
Die Heimat der Menschheit wurde in ein eigenes kleines Universum transferiert, wo die Terraner auf seltsame Nachbarn treffen. Die Lage spitzt sich zu, als die Planeten von fremden Raumfahrern besetzt und die Sonne Sol »verhüllt« wird. Seither kämpft die solare Menschheit um ihr Überleben.
Von all diesen Entwicklungen weiß Perry Rhodan nichts. Auch ihn hat es in einen fremden Kosmos verschlagen: Mit dem gewaltigen Raumschiff BASIS gelangt er in die Doppelgalaxis Chanda. Dort wird ein bislang unbekanntes Programm in Gang gesetzt, das die BASIS Stück für Stück zerlegt und in ein monströses neues Gebilde verwandelt.
Hinter diesen Entwicklungen steckt die Superintelligenz QIN SHI, die auch die Entführung des Solsystems zu verantworten hat. Mit der Verwandlung der BASIS hat QIN SHI aber nichts zu tun – sie ist die direkte Folge eines uralten Planes: Es ist DIE PHANES-SCHALTUNG ...
Perry Rhodan – Der Unsterbliche muss die BASIS erreichen.
Kaowen – Der Protektor fürchtet QIN SHI.
Ennerhahl – Der Geheimnisvolle kennt seinen Auftraggeber nur als »Schattenlicht«.
Gucky
MIKRU-JON
18. November 1469 NGZ, 2.36 Uhr
Der Schlag traf das Schiff so hart, dass Perry Rhodan fast aus seinem Sessel geschleudert wurde. Gerade rechtzeitig drückten Prallfelder ihn zurück. Gurte schnellten hervor, legten sich über seine Brust und fixierten ihn an dem beigefarbenen Pneumositz.
Einen Moment lang hatte Rhodan den Eindruck, dass sich ein zentnerschweres Gewicht auf seinen Körper legte. Zweifellos eine Täuschung. Sollten die Andruckabsorber tatsächlich ausfallen, wäre es um ihn geschehen. Aber sie hatten buchstäblich im letzten Augenblick reagiert. Das zeigte, wie ernst die Lage war.
Er hörte ein schrilles Kreischen. Gucky, dessen Nerven sowieso bis zum Äußersten gespannt waren, schimpfte laut. Da sein Körper mit Gurten gesichert und sämtliche Sessel in der Zentrale optimal auf die organischen Bedürfnisse ihrer Inhaber ausgerichtet waren, konnte der Mausbiber kaum besonders starke Schmerzen spüren. Wahrscheinlich hatte die Überraschung seinen Aufschrei verursacht.
Außerhalb von Rhodans Blickfeld fluchte Nemo Partijan.
Die Ortungsholos, die ihn halbkreisförmig umgaben, brachen zusammen, und schlagartig erlosch in der Zentrale von MIKRU-JON die Beleuchtung.
»Rhodan!«, hörte er eine unnatürlich metallene und scheppernde Stimme, die ihm trotzdem vertraut war. Quistus! Der iothonische Navigator, der in seiner annähernd eiförmigen Umweltkapsel an Bord weilte. »Rhodan! Du musst ...« Die Stimme verstummte.
»Was muss ich?«, fragte der unsterbliche Terraner, dann fiel die Schwerkraft aus. Die Gurte hielten Rhodan in seinem Sessel. Er fragte sich, ob Quistus' Stimme so blechern klang, weil die Kapsel des Iothonen ebenfalls den Einflüssen unterlag, die MIKRU-JON zu schaffen machten.
Er glaubte, ein dumpfes Dröhnen zu hören, als würde die Schiffszelle von MIKRU-JON einem gewaltigen Druck ausgesetzt, der sie zu zerquetschen drohte.
Unsinn!, redete er sich ein. Ihm waren solche Geräusche bekannt, hatte sie schon oft gehört. Er kannte sie von Schiffen, die in Raumnot gerieten und wie Lebewesen ihre Not hinausschrien.
Als flehten sie um Hilfe ...
Aber Rhodan konnte MIKRU-JON in diesem Augenblick nicht helfen. Das konnte nur ...
»Mikru!«, krächzte er.
Der Schiffsavatar reagierte nicht. Das erfüllte Rhodan mit ebenso großer Sorge wie das Knarren, die Dunkelheit und die Schwerelosigkeit. Wenn Mikru auf seine Bitte nicht erschien, mussten die Schiffssysteme grundlegend gestört sein.
Schwaches Licht breitete sich aus, tauchte die Zentrale in ein unwirkliches Halbdunkel. Die Notsysteme hatten sich aktiviert.
Der Raum war klein, durchmaß gerade mal zehn Meter und war halb so hoch. Das bronzefarbene Material der Wände schien sich plötzlich wie in einer sehr langsamen organischen Bewegung zu kontrahieren und dann wieder zu strecken. Rhodan kniff die Augen zusammen, nicht nur, weil die plötzliche Helligkeit, so schwach sie war, ihn blendete, sondern auch, weil er in dem Pulsieren ein bestimmtes Muster zu erkennen glaubte. Die Bronze zerrann zu einem vielfarbigen, fast schon sphärisch dünnen Gewirr aus Tausenden winziger Fäden.
Zu einem Knäuel aus hauchdünnen Linien, die sich im Rhythmus von Rhodans Herzschlag zu entwirren und dann wieder zu einem kleinen Ball zusammenzuziehen schienen.
»Der Kalte Raum!«, flüsterte er. Ohne Quistus hätten sie dieses extrauniverselle Versteck niemals gefunden. In der Wahrnehmung des Navigators hatte sich die Anomalie als ein aus hauchdünnen Linien bestehendes Knäuel mit einem Durchmesser von knapp 85 Millionen Kilometern gezeigt. Und im Bereich dieses Linienknäuels war es zu unerklärlichen Störungen des Raum-Zeit-Gefüges gekommen. Sie hatten einen »Raum neben dem Raum« entdeckt, vergleichbar einer Raum-Zeit-Nische, der auf normalem Weg nicht zu erreichen war.
Es war nicht das erste Mal, dass er auf solche Phänomene stieß, er kannte seit Langem andere: Hyperraumtaschen, Raum-Zeit-Falten, Hyperperforationen, den Deltaraum der Baolin-Nda ...
Der Unterschied war, dass sie kein Tor, welcher Art auch immer, zum Durchflug genutzt hatten, sondern mit MIKRU-JON brutal in den Raum vorgestoßen und anschließend brachial wieder ausgebrochen waren, sozusagen mit dem Schiff durch die Wand. Vielleicht rührte die außergewöhnliche Beanspruchung genau daher. Jedenfalls schien das Raum-Zeit-Gefüge durcheinandergeraten zu sein, diesmal aber mit tiefgreifenden Auswirkungen.
Wie als Bestätigung seiner Worte lief ein Zittern durch das Schiff. Der Boden vibrierte unter Rhodans Füßen. Die Schwingungen wurden immer heftiger, schmerzten schließlich in Rhodans Körper.
»Mikru!«, rief er. »Statusbericht! Was passiert mit uns?«
Wieder keine Antwort. Mikru war weitgehend gestört und nicht einsatzfähig. Nicht einmal das Licht funktionierte richtig.
Der Übergang in den Kalten Raum war alles andere als problemlos verlaufen. Geriet die Rückkehr ins Einsteinuniversum zur Katastrophe?
Im nächsten Augenblick wurden die Schwingungen wieder schwächer, und es wurde heller. Das kleine Schiff schien die schlimmsten Auswirkungen des Übergangs überstanden zu haben.
Mit einem deutlich spürbaren Ruck baute sich die künstliche Schwerkraft neu auf. Nemo Partijan ächzte, und Gucky schimpfte wie ein Rohrspatz. »Mikru! Kriegst du denn nichts vernünftig hin? Muss ich wieder die Kastanien aus dem Feuer holen?«
Rhodan grinste unwillkürlich. Natürlich war das Selbstbewusstsein des Mausbibers trotz der kritischen Lage ungebrochen.
Das Zittern endete, das Licht wurde stärker, und vor Rhodan bildeten sich die Holos der Außenortung. Zuerst zeigten sie nur schwarze Leere, dann hellten sie sich auf.
Aber irgendetwas stimmte nicht mit ihnen. Sie zeigten nicht das, was Rhodan erwartet hatte, nämlich die visuellen Darstellungen der näheren Umgebung.
Den Holos zufolge umgaben MIKRU-JON braunschwarze Schlieren, die langsam um das Schiff rotierten, dabei ständig ihre Form verloren, ineinanderflossen.
Rhodan wurde klar, dass sie es keineswegs geschafft hatten. Er beugte sich vor. »Verdammt«, murmelte er, »wo sind wir?«
Jedenfalls nicht im Einsteinraum, das war klar.
*
»Kann mir mal einer verraten«, piepste Gucky, »was da passiert ist?«
»Das will ich gerade herausfinden.« Rhodan griff nach dem Schaltpult und rief manuell gespeicherte Holos der Fern- und Nahortung auf. Wenigstens das funktionierte.
In der dreidimensionalen Darstellung schimmerten in der Ferne Dosa und Zasao, die beiden Teile der Doppelgalaxis Chanda, zwei gewaltige Spiralgalaxien, die sich vor Jahrmillionen durchdrungen und dabei ihre ursprüngliche Form verloren hatten. Sie kamen Rhodan vor wie gestauchte Nebelwolken, in denen unzählige winzige Lichtpunkte schimmerten. Das Versteck des Kalten Raums lag in der Materiebrücke zwischen den großen Sternenballungen, einer in der Holodarstellung schmalen, hellen Schnur aus Sonnen, die von den hiesigen Völkern Do-Chan-Za genannt wurde.
Und nun? Schmutzig braune Streifen statt Millionen leuchtender Sterne, und auch die Schlieren kamen ihm seltsam verschwommen vor. Lag es an den Bewegungen der bronzefarbenen Wände? Beeinflussten sie die Wahrnehmung der Holos, die die Umgebung des Schiffes zeigte?
Oder ... nahmen sie die Umgebung vielleicht sogar wahr?
Rhodan schaute auf. Die Fadenknäuel in der Bronzeschicht auf den Wänden waren verschwunden, die Oberflächenstruktur hatte sich beruhigt. Alles kam ihm ganz normal vor.
»Mikru?«, fragte er noch einmal.
Wieder wartete er vergeblich. Der Avatar erschien nicht.
Rhodan runzelte die Stirn. Es gab einen weiteren Punkt, der ihm Sorgen bereitete. Nichts, was vorgefallen war, sondern etwas, das nicht geschehen war.
Er lauschte in sich. Er trug den Anzug der Universen, seit die BASIS nach Chanda entführt worden war. Es war ein seltsames Gebilde unbekannter Herkunft. Die Ärmel reichten bis etwa zur Mitte der Unterarme und die Beine bis knapp unters Knie. Aus der Distanz machte das blaue Material einen lackfoliendünnen Eindruck. Von der Höhe der Rippenansätze bis etwa knapp über die Knie hob sich beiderseits eine quergestreifte, vielleicht fünf Zentimeter breite Bahn ab, die aus fingerbreiten, übereinander angeordneten hellroten Wülsten bestand. Ebenfalls fast fingerdick waren die breiten, halbrund gewölbten Epauletten aus einem grauen Material mit einem roten Kreisring. Grau waren auch die beiden dreieckig geschwungenen Aufsätze, die von den Epauletten Richtung Brustbein zeigten, sowie das dazwischen platzierte graue Dreieck mit abgerundeten Kanten.
Der Anzug der Universen ... Mit dem Kalten Raum hatten sie wahrscheinlich ein künstliches Miniaturuniversum betreten – aber der Anzug hatte sich nicht gemeldet, zumindest nicht von sich aus. Rhodan hatte ihn einmal »zur Rede gestellt«, weshalb er seinem Namen nicht gerecht würde, woraufhin der Anzug lediglich erwidert hatte, Rhodan sei nicht imstande, sein Potenzial auszuschöpfen.
Nun hatten sie es wieder verlassen, und Rhodan versuchte erneut, eine Äußerung des Anzugs wahrzunehmen, die ihnen vielleicht weitere Informationen liefern würde. Aber da war nichts, nur kaltes Schweigen.
Zumindest kam es Rhodan kalt vor.
Er mochte diesen Anzug nicht, der ihn von Anfang an hatte wissen lassen, dass er seinen Träger unterjochen konnte. Der Anzug konnte verführerisch flüstern, donnernd drohen, kalt schweigen.
Rhodan hatte das Gefühl, dass der Anzug ihn so wenig mochte wie er ihn. Ja, er half ihm manchmal, aber es war stets, als verfolge er einen eigenen Zweck, als unterstütze er Rhodan bloß, wenn es vorteilhaft für seine Ziele war ... aber sonst?
Wenn Rhodan ehrlich zu sich selbst war, überlegte er, wie er den Anzug der Universen loswerden konnte. Unterwerfen konnte er ihn jedenfalls nicht, so viel stand fest. Das funktionierte nur in einer Richtung.
Rhodan konzentrierte sich auf die Umgebung. Um den Anzug konnte er sich kümmern, wenn es so weit war. Die gespeicherten Holos der Nahortung zeigten nur leeren Weltraum und in etwa 265 Millionen Kilometern Entfernung einen planetenlosen G7-Stern, der etwas kleiner als Sol war. Die aktuellen Aufnahmen hingegen bestanden nur aus Schlieren.
»Nemo«, sagte er, »hast du irgendwelche Theorien? Die verschwommene Ortung steht in Zusammenhang mit dem Kalten Raum. Aber wie? Quistus, siehst du irgendetwas, das uns weiterhelfen könnte?«
Sie hatten das extra-universelle Versteck nur gefunden, weil die Iothonen mit ihren besonderen Fähigkeiten in der Lage waren, ohne fremde technische Hilfe im Weltraum zu navigieren, Wege durch hyperphysikalische Verwerfungen und Viibad-Riffe zu finden und sich selbst in Hyperstürmen zu orientieren, da sie eine höher dimensionierte Ordnung instinktiv erkannten. Sie konnten auch »in den Kosmos lauschen« und Informationen über die Struktur des Universums erfassen.
Jedenfalls hatten sie an diesem Ort die stabile Struktur eines Miniaturuniversums entdeckt, wie Ennerhahl es formuliert hatte. Darin verborgen ruhte neben Millionen von Chanda-Kristallen auch eine gewaltige Flotte, die von Vorfahren der heutigen Oracca dort deponiert und konserviert worden war. Damit hätten sie eigentlich eine schlagkräftige Streitmacht gegen die Truppen QIN SHIS in der Hand gehabt, aber bedingt durch die verstrichene Zeit hatte selbst alle Energie der Chanda-Kristalle nur gereicht, um ein einziges Schiff zu reaktivieren. Immerhin hatte es, stellvertretend für die Flotte, Ramoz als Seele akzeptiert, was immer das genau für Auswirkungen haben würde. Ramoz und Mondra Diamond waren bei der Flotte zurückgeblieben, während Rhodan und die anderen das extra-universelle Versteck wieder verlassen hatten, um sich um QIN SHI zu kümmern.
Mondra, dachte Rhodan. Mondra ...
Unvermittelt erschien neben Rhodan die völlig lebensecht wirkende Holoprojektion einer nur 1,60 Meter großen, zierlich, fast schon zerbrechlich wirkenden Frau, die man sogar anfassen konnte, weil Prallfelder ihr den Anschein von Körperlichkeit verliehen.
»Mikru!«, entfuhr es ihm erleichtert.
Er musste sich in Erinnerung rufen, dass es sich bei Mikru um den Schiffsavatar handelte, so lebensecht war die Gestalt. Sie verkörperte MIKRU-JON und somit letztlich jeden einzelnen Piloten, der jemals von ihr als Steuermann akzeptiert worden war. Je häufiger ein Pilot sich mit dem Schiff vereint und es gelenkt hatte, desto intensiver wurde durch die hyperphysikalische Prägung das auf das Schiff übertragene mentale Echo. Alle Echos zusammengenommen verliehen MIKRU-JON ihre Persönlichkeit und ließen sie mehr wie ein Wesen als ein bloßes Raumschiff wirken.
»Ich habe es auch schon bemerkt«, sagte Mikru mit warmer, sonorer, aber leicht knisternder Stimme. »Ich kann es mir noch nicht erklären. Aber ich kümmere mich sofort darum.«
Rhodan lächelte schwach. Manchmal schien es Mikru zu gefallen, in Rätseln zu sprechen. Doch zwischen ihnen herrschte mittlerweile ein tiefgehendes Verständnis. »Statusbericht!«, wiederholte er.
Die Projektion zerfaserte an den Rändern, wurde durchscheinend und löste sich vollständig auf, bevor sie antworten konnte.
Nemo Partijan beugte sich in seinem Sitz vor. Seine Hände ruhten auf den Schaltflächen des Arbeitsplatzes, den Mikru ihm eingerichtet hatte. Der Wissenschaftler aus dem Stardust-System hatte von dort aus Zugriff auf alle Ortungs- und Analysesysteme des Schiffes ... falls sie funktionierten.
Der Hyperphysiker hatte mehrfach unter Beweis gestellt, dass er extrem fähig war. Doch Rhodan vertraute ihm nicht völlig. Er schien irgendein Geheimnis mit sich herumzutragen, irgendetwas zu verschweigen. Und so forderte Rhodan stets heraus. Bislang hatte er jedoch noch keine Hinweise entdeckt, worum es sich dabei handeln konnte.
»Die Holos zeigen keine reelle Umgebung an«, sagte Partijan. »Diese Schlieren erinnern mich an die frühere Wahrnehmung des Linearraums ...«
»Ja.« Rhodan lächelte schwach. »Ich weiß, was du meinst.«
»Wir haben gerade den Kalten Raum verlassen, ein Versteck in Gestalt eines Miniaturuniversums ...«, fuhr Partijan gelassen fort.
»Das ist mir bewusst.« Rhodan verstand, dass Partijan eine logische Gedankenkette aufbauen musste, aber manchmal war der begnadete Wissenschaftler einfach zu pedantisch. »Kannst du mit tiefergehenden Analysen aufwarten?«
»In das wir nur mit Mühe eindringen konnten«, meldete sich Quistus zu Wort, der Navigator, der Rhodan bei Mikru allmählich den Rang abzulaufen schien. Seine kosmonautischen Fähigkeiten waren so außergewöhnlich, dass MIKRU-JON ihn als ideale Ergänzung ansah, als nahezu perfekten Piloten.
Quistus erinnerte Rhodan an einen übergroßen Tintenfisch. Der Terraner konnte den Körper des Navigators trotz der vier Meter großen Umweltkapsel sehen, die den Iothonen vor der Sauerstoffatmosphäre schützte. Die Kapsel war weitgehend transparent und ihr Inneres mit einer farblosen Wasserstoffgasmischung gefüllt.
Iothonen waren Wasserstoffatmer, die dank ihrer telekinetischen Fähigkeiten schwebend in der Atmosphäre heißer Gasriesen mit umfangreichem festem Kern lebten.
Mithilfe des Antigravs beförderte Quistus seine Kapsel näher an die Holos heran. Ein überflüssiger, fast anrührend symbolischer Vorgang, dachte Rhodan. Das große Ei verfügte über Möglichkeiten, Objekte optisch näher heranzuholen und zu vergrößern.
Rhodan blinzelte schnell. Mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, dass der Iothone nur noch drei Arme hatte. Der Xylthe Kaowen, Protektor der QIN SHI-Garde, hatte ihm in den vierten einen verräterischen Sender implantieren lassen, und Quistus hatte sich den Arm selbst abgetrennt, um den Sender wieder loszuwerden. Der Arm würde nachwachsen, wenngleich das mit extremen Schmerzen verbunden war und der Heilungsprozess lange dauern würde. Aber so wirkte Quistus' Körper seltsam asymmetrisch, verstümmelt.
»Falls es sich bei dem Kalten Raum tatsächlich um ein ...« Nemo Partijan hielt inne, schüttelte den Kopf, schien die Worte, die er aussprechen wollte, vorab in Zweifel zu ziehen. »... um ein Miniaturuniversum handelt, können dort ureigene Bedingungen geherrscht haben. MIKRU-JON könnte irgendwie eine eigene Raumzeit mit sich tragen.«
»Darauf bin ich auch schon gekommen«, versetzte Rhodan. »Andere Universen, selbst winzige künstlichen Ursprungs, können eigene Raumzeiten haben. Eine Stunde in ihnen ist ein Tag in unserem Universum. Oder umgekehrt.«
Partijan galt als Urheber der Quintadim-Topologie, die die Erklärung von Effekten höherdimensionaler Natur auf Grundlage topologischer Betrachtungen erlaubte. Rhodan hatte manchmal Schwierigkeiten, die Gedanken des Mannes nachzuvollziehen, aber das störte ihn nicht. Partijan war nicht der erste Spezialist, der ihm schwer verständliche Zusammenhänge erläutern wollte. Aber er wirkte manchmal leicht ... verschroben.
»Könnten wir diese Raumzeit mitgenommen haben?«, fuhr er barscher fort als beabsichtigt.
»Das ist des Pudels Kern.« Partijan grinste jungenhaft. »Ich vermute in der Tat, dass wir den Bereich des Verstecks noch gar nicht ganz verlassen haben.«
»Unsinn!« Gucky richtete sich in seinem Sessel auf. »Schließlich bin ich bei euch! Hättet ihr mich machen lassen, hätte ich den Kalten Raum zusammengefaltet!«
Rhodan musste lächeln. In welchen Schwierigkeiten der Mausbiber auch stecken mochte, er war stets überzeugt, sie überwinden zu können. Selbst wenn er nun übertrieben großspurig und etwas verwirrt zu sein schien. Ihm als Mutanten schien der Übergang schwerer zu schaffen zu machen als den anderen.
»Warum solltest du?« Nemo Partijan drehte sich zu dem Ilt um. »Mit dem Kalten Raum hast du vielleicht ein ganz neues Universum entdeckt, das du als Nächstes retten kannst!«
Rhodan hätte nicht damit gerechnet, aber diese Antwort verblüffte Gucky dermaßen, dass ihm keine schlagfertige Erwiderung einfiel. Der burschikose, tatendurstige Mausbiber und der etwas versponnene Hyperphysiker konnten miteinander nicht viel anfangen, wobei sie sich mittlerweile zumindest gegenseitig respektierten. Partijan erwies sich dem Ilt gegenüber zumindest intellektuell immer wieder gewachsen.
Quistus schob sich zwischen den Mausbiber und den Hyperphysiker, als wolle er jede weitere verbale Auseinandersetzung verhindern. »Ich muss Nemos Einschätzung bestätigen. Wir befinden uns weiterhin in den Randbereichen des Linienknäuels.«
»Also ... im Einfluss eines eigenständigen Universums?«, fragte Rhodan.
»Nicht unbedingt. Aber in einer hyperphysikalischen Ausbeulung oder einem Ballon«, stellte Partijan klar, »der wohl eine der unzähligen Feldlinien beziehungsweise einen Knotenpunkt des natürlichen Psionischen Netzes gewissermaßen aufbläht. Dieses Phänomen basiert wiederum auf dem UHF-Bereich des hyperenergetischen Spektrums und ist deutlich höhergeordneter als beispielsweise die Halbraumblase eines Lineartriebwerks oder eine Paratronblase im Hyperraum.«
Rhodan entsann sich Ennerhahls Worte, als sie dieses Etwas entdeckt hatten: Auf jeden Fall handelt es sich um ein perfektes Versteck. Allein könnte ich mir dort nicht einmal mit der Lichtzelle Zugang verschaffen.
»Und wie kommen wir da wieder raus?«
Die schmutzig braunen Schlieren vollführten ein irrwitziges Spiel. Sie wirbelten immer schneller, ziellos, verspielt, als wollten sie ihre Zuschauer verhöhnen.
Dann erstarrten sie plötzlich, gefroren in Raum und Zeit, wie es Rhodan vorkam. Und zerflossen kurz darauf zu festen Formen, die Bronzefarbe annahmen, Strukturen bildeten.
Für einen Augenblick war die Holodarstellung identisch mit der auf den Zentralewänden.
Erneut veränderte sie sich abrupt. Die Schlieren lösten sich auf, wichen einem umfassenden verschwommenen Braunschwarz, in das sich einzelne hellere Punkte drängten.
Sterne!, dachte Rhodan.
Sekunden später bildete sich das Holo, das Rhodan von Anfang an erwartet hatte – das ihrer näheren Umgebung. Er verglich es mit den gespeicherten Ortungsbildern und erzielte eine Übereinstimmung von einhundert Prozent. Doch das aktuelle Holo blieb verschwommen, die Lichtpunkte darin funkelten nicht, sondern leuchteten ganz schwach, undeutliche Flecke mit runden, diffusen Rändern im Gegensatz zu der akzentuierten Darstellung der gespeicherten dreidimensionalen Darstellungen.
Verdammt!, dachte Rhodan. Wo bist du, Ennerhahl?
Er hatte erwartet, die Lichtzelle des geheimnisvollen Fremden unmittelbar nach ihrer Rückkehr in das Einsteinuniversum mit MIKRU-JONS Ortung zu erfassen, also spätestens in diesem Moment, doch nun lieferte die Aktivortung keinerlei verwertbaren Daten.
Rhodan runzelte die Stirn. Das Wunderwerk von Schiff, das Ennerhahl zur Verfügung stand, sollte eigentlich auf sie warten, war aber nirgends zu sehen. Irgendwie hatte der Terraner erwartet, dass der Raumer, der im Auftrag einer Superintelligenz, womöglich sogar der Kosmokraten, gebaut worden war, eine Möglichkeit fand, die Phänomene zu überwinden, die MIKRU-JON beeinträchtigten.
Was konnte passiert sein, während er und seine Begleiter sich in dem ... Taschenuniversum befunden hatten? Oder trieb Ennerhahl ein falsches Spiel mit ihnen? Der Terraner brachte dem blendend aussehenden schwarzen Humanoiden ein gesundes Misstrauen entgegen, auch wenn jener sich bislang stets als loyal erwiesen hatte und sich noch nie bei einer Unwahrheit hatte ertappen lassen.
Wo steckten also Ennerhahl und sein Raumschiff?
Rhodan lauschte, versuchte, weitere Reaktionen von MIKRU-JON zu empfangen, aber der Zustand des Schiffs schien sich stabilisiert zu haben. Von dieser Seite drohte keine unmittelbare Gefahr.
Er sah zu dem Ortungsholo und kniff die Augen zusammen. Um Ennerhahl konnte er sich später kümmern, die anderen Probleme waren dringender.
»Systemausfälle«, erklang eine Stimme. Rhodan erkannte sie als die Mikrus, etwas verzerrt, nicht mehr natürlich oder gar verführerisch, aber eindeutig identifizierbar. »Analyseprogramme laufen an. Ich versuche, die Fehler zu beheben, aber es wird noch eine Weile dauern ...«
»Die Ortungen werden zunehmend klarer«, sagte Nemo Partijan. »Ich will jetzt nicht darauf beharren, aber ...«
»Nemo scheint mit seiner Theorie recht zu haben«, warf die körperlose Stimme ein. »Ich kann das allerdings nicht verifizieren. Die Systeme funktionieren immer noch nicht zufriedenstellend.«
Er sah zu Rynol Cog-Láar hinüber. Der Báalol saß benommen in seinem maßgeschneiderten Sessel. Er verfügte über die typischen Paragaben seines Volkes. Allerdings hatte er sie so eng mit seiner extremen Hinwendung zur Musik verknüpft, um noch intensiver musizieren zu können, dass er sie nur nutzen konnte, solange er auf dem Kitharon spielte.
Vielleicht schöpfte er seine Gabe auch daraus. Für ihn waren Musik und Psi-Fähigkeiten jedenfalls nicht zu trennen. Gut möglich, dass die Rückkehr ins Normaluniversum bei ihm die stärksten Auswirkungen zeigte und ihm am übelsten mitspielte. Cog-Láar konnte mit seiner Musik ganze Welten verzaubern, war vielleicht aber auch am anfälligsten.
»Wenn wir Glück haben, müssen wir einfach nur warten«, meldete sich Nemo Partijan wieder zu Wort.
»Mikru?«, fragte Rhodan.
»Noch keine neuen Informationen.«
»Du meinst also, die fremde Raumzeit löst sich von allein auf?«, wandte Rhodan sich an den Hyperphysiker.
»Genau.« Partijan nickte. »Sie hat sich an uns geheftet ...«
»Vergleichbar mit einer Strangeness?« Dieser relative Wert gab das Maß der Unterschiedlichkeit verschiedener Universen an, die sich mehr oder weniger deutlich in physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterscheiden konnten. In einem war vielleicht die Lichtgeschwindigkeit etwas niedriger, in einem anderen die Gravitationskonstante etwas höher. Ganz allgemein galt: Je unterschiedlicher die Naturgesetze zweier Universen waren, desto größer war auch ihre Strangeness.
Rhodan dachte beunruhigt daran, dass auch bei der Entführung der BASIS Strangeness-Phänomene aufgetreten waren, obwohl das größte Schiff der Menschheit lediglich in eine weit entfernte Galaxis, aber in kein anderes Universum versetzt worden war.
»Durchaus.« Nemo Partijan zeigte auf das verschwommene Holo der Fernortung. »Im Kalten Raum gab es minimale Unterschiede zum Standarduniversum, und die lösen sich allmählich auf, fallen sozusagen von uns ab. Oder anders herum: Wir gleichen uns wieder dem Einsteinuniversum an.«
Rhodan kniff die Augen zusammen. Täuschte er sich, oder war das Holo in den letzten Sekunden und Minuten tatsächlich etwas schärfer geworden?
Neben ihm kräuselte sich die Luft. MIKRU-JONS Avatar bildete sich von Neuem, blieb aber wie zuvor an den Rändern unscharf. Die kleine Frau wirkte nicht mehr lebensecht, sondern wie ein primitives und überdies fehlerhaftes Holo.
»Ich habe Nemos Analyse gehört und stimme ihm nun zu. Die unerklärlichen Fehler in den Systemen schwächen sich ab. Noch ein paar Minuten und wir werden wieder voll funktionsfähig sein.«
Rhodan atmete auf.
Es gelang Mikru, weitere Holos aufzurufen. Auf einem der Nahortung fiel Rhodan ein verschwommener grauer Fleck auf, der aber langsam kleiner und insgesamt schärfer wurde. »Ich messe Impulse an«, erklärte der Avatar. »Sie gehen von jenem Ort aus.«
Rhodan versuchte, auf dem Holo Einzelheiten zu erkennen, doch es gelang ihm nicht. »Was für Impulse?«
»Noch nicht identifizierbar!« Doch schon eine Sekunde später berichtigte sich Mikru. »Es handelt sich um Tasterimpulse. Jemand will herausfinden, was es mit MIKRU-JON auf sich hat. Und versucht überdies Funkkontakt herzustellen ...«
Ennerhahl?, fragte sich Rhodan erleichtert.
»Systeme normalisieren sich zusehends«, meldete Mikru. Ihre Konturen schienen etwas schärfer geworden zu sein.
Rhodan atmete tief durch und beobachtete, wie sich Sekunden später in der Zentrale von MIKRU-JON ein weiteres flimmerndes Objekt bildete.
Das Holo konnte noch nicht stabilisiert werden. »Eingehende Funkimpulse«, sagte Mikru. »Sie sind merkwürdig phasenverschoben und liefern keine eindeutigen Daten.«
Rhodan erkannte in dem Flimmern verschwommen eine humanoide Gestalt. Sie verdichtete sich immer mehr, sprach dabei. Die Töne waren viel zu tief und unverständlich.
Aber die Gestalt kam ihm vertraut vor. Trotz des Technikausfalls war ersichtlich, mit wem er es zu tun hatte.
Schließlich sah Rhodan sich bestätigt und erkannte Ennerhahl, den fast zwei Meter großen, muskulösen, geheimnisvollen Humanoiden. Seine grünblaue Montur trug er so eng am Körper, dass sie wie eine zweite Haut wirkte. Rhodan wusste, dass der Eindruck, seine pechschwarze, glatte Haut sei von einem Schweißfilm überzogen, täuschte. Ennerhahl hatte schwarze, bis zur Schulter reichende glatte Haare, die in derselben Farbe wie seine Augen leuchteten. Von den Proportionen her kam er Rhodan vor wie ein idealer Humanoide.
Die gutturalen Geräusche wiederholten sich und wurden dann schlagartig klar und verständlich. »Was ist passiert, Rhodan? Warum antwortest du nicht? Wieso erscheint MIKRU-JON in meiner Ortung nur immateriell?«
»Die Verbindung steht!«, stellte Mikru überflüssigerweise fest.
*
Rhodan kam sofort zur Sache. »Es scheint gewisse Anpassungsprobleme zu geben, Ennerhahl.«
»Die Rückkehr aus dem Miniaturuniversum? Eine anhängliche Raumzeit?«
Ennerhahl war schnell von Begriff. Bei ihm waren langwierige Erklärungen überflüssig. Irgendwie erinnerte der geheimnisvolle Fremde Rhodan an ihn selbst, wie er früher gewesen war, als er dafür gekämpft hatte, dass die Menschheit als gleichberechtigter Partner im Spiel der großen galaktischen Mächte mitmischen konnte, statt von ihnen ausgelöscht zu werden.
»Die Ortung klärt sich«, sagte Mikru dicht neben Rhodans Ohr. »Unsere Raumzeit gleicht sich der des Standarduniversums an.«
Neue Holos entstanden. Sie zeigten nun deutlich in sieben Millionen Kilometern Entfernung die modifizierte Lichtzelle. Die Konturen der silbrig leuchtenden Sphäre von gerade einmal fünfzig Metern Durchmesser glichen einem nebelhaft-diffusen, von innen her glimmenden Schleier. Ennerhahl hatte das Transportmittel zusammen mit dem Auftrag erhalten, das BOTNETZ zu sichern und zu seinem Auftraggeber zu bringen. Die Lichtzelle bot ihm ein Arsenal hochwertiger technischer Ausrüstungsgegenstände.
Rhodan hatte das intuitive Gefühl, dass es sich bei dieser Lichtzelle um genau jene handelte, die früher Ganerc-Callibso gehört hatte.
Unwillkürlich musste er an seinen alten Freund Alaska Saedelaere denken, der damals schon einen Brennpunkt der Ereignisse gebildet hatte. Im Jahre 3587 alter Zeitrechnung waren Ganerc-Callibso und Alaska Saedelaere mit der Lichtzelle des Mächtigen nach Derogwanien aufgebrochen. Der Maskenträger war drei Monate später mit der Lichtzelle allein zur BASIS zurückgekehrt. Danach war sie verschwunden, und niemand hatte sie je wieder gesehen.
War sie vielleicht unentdeckt an Bord der BASIS verblieben? Hatte Ennerhahl sie etwa dort gefunden?
Rhodan konnte in dieser Hinsicht nur spekulieren. Fest stand, dass die seinerzeit mit dem Begriff Lichtzelle ziemlich verharmlosend umschriebenen Raumschiffe als die perfektesten und wunderbarsten galten, die von den Techno-Völkern der Ritter der Tiefe geschaffen worden waren. Sie bestanden weitgehend aus fünfdimensional orientierter Formenergie, Strukturon genannt, die es ermöglichte, Größe und Form des Raumschiffs zu variieren.
Im Normalfall hatten sie bis zu tausend Meter Durchmesser, in Ausnahmesituationen konnten sie sich auf einen Durchmesser von mehreren Dutzend Kilometern aufblähen. Ihre Primärenergie bezogen sie durch einen permanent arbeitenden Hyperzapfer, der die an Bord ankommenden Kräfte mithilfe von Trafitron-Wandlern nutzbar machte.
Ennerhahls Schiff war also das mit Abstand leistungsfähigste, kampfstärkste und schnellste, das es weit und breit gab.
»Davon gehen wir aus«, bestätigte Rhodan die Schlussfolgerung des geheimnisvollen Fremden.
»Meine Lichtzelle hat zuerst einen verschwommenen Fleck angemessen, der sich kurz darauf verdichtete und zu MIKRU-JON wurde. Insgesamt dauerte der Vorgang nur einige Minuten.«
Rhodan nickte und berichtete knapp von ihren Erlebnissen. »Nemo Partijan hat festgestellt, dass APERAS KOKKAIA, der Ort des Wandels, die BASIS bald aufnehmen wird. Ihre Umwandlung ist fast abgeschlossen.«
Ennerhahl wirkte plötzlich elektrisiert. »Wie dieser Raphael dir damals in der BASIS verkündet hat. Mir blieb er ja irgendwie verborgen. Und Raphael soll nach der Zerlegung durch das Thanatos-Programm mit der Konfiguration Phanes die Wiedergeburt der BASIS einläuten ...«
Rhodan nickte ernst. In der griechischen Mythologie war Thanatos der personifizierte Tod, Sohn der Nyx, der Nacht, und Bruder des Hypnos, des Schlafes. Das Thanatos-Programm hatte die ursprüngliche BASIS also getötet, wenn der Name des Programms in einem Zusammenhang mit den Ereignissen stand.
Und Phanes war der Erscheinende, der Leuchtende, ebenfalls ein Gott der griechischen Mythologie. Er spielte in der Weltentstehungslehre der Orphiker eine zentrale Rolle, war für sie der Schöpfergott, der das Menschengeschlecht erschaffen haben sollte. Als Hervorbringer des Lebens wurde er mit dem Fruchtbarkeitsgott Priapos gleichgesetzt. Vor allem identifizierte man ihn mit Eros.
Aber Phanes war und blieb geheimnisvoll. Er war androgyn, hatte vier Augen oder vier Gesichter und goldene Flügel. Nach einer anderen Fassung des Mythos erzeugte er aus sich heraus das schlangengestaltige Monster Echidna. Die Nachtgöttin Nyx galt als seine Tochter, die nach ihm die Weltherrschaft übernahm.
Was also hatte der Begriff Konfiguration Phanes zu bedeuten? Rhodan ging nicht davon aus, dass er willkürlich geprägt worden war. Was schuf oder beherrschte das Programm? Alles deutete auf eine neue BASIS hin, aber welcher Sinn steckte dahinter?
Ennerhahl schien sein kurzes Schweigen offensichtlich falsch zu verstehen. »Bis dahin bieten die Schutzschirme der BASIS sicher ausreichend Schutz. Und auch dem ominösen Multiversum-Okular. Aber ...« Der Humanoide trat in dem Holo einen Schritt vor. Seine Bewegungen wirkten ungemein geschmeidig. »Wir müssen trotzdem zur BASIS zurückkehren, nicht wahr?«
Rhodan nickte. »Das habe ich vor.« Er wollte Ennerhahl nicht zu viel verraten, doch genau deshalb war er so überhastet aus dem Kalten Raum aufgebrochen und hatte Mondra und Ramoz zurückgelassen.
Er musste endlich agieren, nicht nur reagieren. Er war mit der BASIS nach Chanda entführt worden. Auf sich selbst angewiesen, hatte er mit Mühe und Not Verbündete gefunden, über deren Zuverlässigkeit er allerdings noch keine Aussage treffen konnte. Der Verzweifelte Widerstand schien in sich uneins zu sein, zerstritten und auch nicht über die nötigen Strukturen zu verfügen, die Superintelligenz QIN SHI herauszufordern. Dennoch war Rhodan klar, dass er so schnell wie möglich das Heft in die Hand nehmen musste.
Ohne unvorsichtig zu werden. »Unser erster Versuch, in die BASIS einzudringen, ist kläglich gescheitert. Raphaels Warnung war sehr deutlich ...«
»Haben wir eine Wahl?«, fragte Ennerhahl lapidar.
Rhodan zögerte keine Sekunde. »Nein. Wir müssen einen zweiten Versuch wagen. Und wir müssen sogar in die Werft. Nemo Partijan geht davon aus, dass die Xylthen die BASIS mittlerweile dorthin gebracht haben.«
Was ihre Aufgabe natürlich nicht gerade vereinfachte. Rhodan hatte den Ort des Wandels noch nie betreten. Ennerhahl hatte sich darin herumgetrieben, als er den Transport der BASIS beeinflusst hatte. Dabei war er auch Delorian begegnet, Rhodans Sohn, dem Chronisten von ES, dessen Rolle bei den Ereignissen Rhodan noch nicht durchschaute. Auch Gucky und Nemo Partijan hatten der Werft einen kurzen Besuch abgestattet, aber nicht viel in Erfahrung bringen können.
»Das Multiversum-Okular darf QIN SHI nicht in die Hände fallen«, fuhr Rhodan fort.
»Kühne Worte«, kommentierte Ennerhahl. »Was sagt denn dein Anzug der Universen dazu?«
»Nichts«, antwortete Rhodan. Er war nicht so dumm, Ennerhahl auf die Nase zu binden, dass er sich von dem Anzug gegängelt fühlte, beeinflusst und der Anzug ihn ebenfalls geringschätzig zu betrachten schien. Als sei Rhodan nicht der, den der Anzug erwartet hatte.
Der Anzug und er hatten sich zu einer Zweckgemeinschaft zusammengefunden, mehr nicht.
»Bedauerlich. Wie gehen wir es also an?«
Rhodan zögerte. Ennerhahl hatte zwar dazu beigetragen, die Antiortungseinrichtungen von MIKRU-JON zu verbessern, und seine Daten zur Modifizierung boten einen wirksamen Ortungsschutz speziell vor den Geräten der Zapfenraumer. Aber konnten sie damit tatsächlich in die Werft vordringen?
»Sosehr es mir widerstrebt, ich bin bereit, alles auf eine Karte zu setzen«, sagte Ennerhahl zu Rhodans Überraschung. »Wir müssen meine Lichtzelle benutzen – und den Anzug der Universen! Mit beiden gemeinsam haben wir eine Chance.«
Rhodan schwieg. Bislang hatte er sich geweigert, Ennerhahls Schiff zu betreten. Er hatte seine Unabhängigkeit bewahren, sich nicht diesem geheimnisvollen Fremden ausliefern wollen.
Verdammt, warum misstraute er dem Fremden dermaßen? Dass ihm »Mittel, Möglichkeiten und Wege« zur Verfügung standen, auf die Rhodan keinen Zugriff hatte, trieb ihn zur Weißglut. Doch dass er darauf gereizt reagierte, war nicht Ennerhahls Problem. Der Fremde hatte bislang stets kooperiert. Und ehrlich war er auch gewesen, zumindest im Rahmen dessen, was er mitzuteilen bereit war.
Weil du nicht die Kontrolle aufgeben willst, erkannte er plötzlich. Weil Ennerhahl dir zu ähnlich ist. Zu mächtig. Und weil du befürchtest, Ennerhahls Auftraggeber in die Hände zu spielen. Er hatte mittlerweile durchaus dezidierte Vermutungen, um wen es sich dabei handeln konnte.
Es blieben Fragen. Warum hatte Ennerhahl nicht schon beim ersten Versuch, zum Okular vorzudringen, auf die Lichtzelle zurückgegriffen?
Er gab sich die Antwort selbst. Weil als zuvor aufgezeichneter Treffpunkt im überreichten Speicherkristall die Präsentationslounge auf Deck sieben genannt worden war. Dort ließ sich die Lichtzelle schwerlich einsetzen ... Zu diesem Zeitpunkt hatte Ennerhahl nicht wissen können, welch ein Fiasko aus dem Einsatz werden würde.
Und dort, wo Ennerhahl die Lichtzelle einsetzen konnte – etwa bei der Flucht aus der RADONJU, in der er dann zurückgeblieben war –, hatte er es auch getan.
Rhodan wurde klar, dass er über seinen Schatten springen und Ennerhahl ein gewisses Vertrauen entgegenbringen musste. Der Fremde hatte ihm gegenüber nicht einmal die Unwahrheit gesagt, nur manche Tatsachen verschwiegen.
»Einverstanden.« Es fiel Rhodan sehr schwer, aber es war die richtige Entscheidung. »Was schlägst du vor?«
Ennerhahl runzelte die Stirn. »Ganz einfach. MIKRU-JON schleust in die vergrößerte Lichtzelle ein. Mein Schiff ist viel schneller als deins. Alles Weitere entscheiden wir dann vor Ort.«
Ich begebe mich damit in Ennerhahls Hände, dachte Rhodan. Aber verschlechtern kann sich die Lage kaum – und ich habe damit einen starken Verbündeten. »Klären wir vorab noch Details. Was ist mit der KADURA und der SICHOU-1?«
Insgeheim hatte er darauf gehofft, nicht nur den wartenden Ennerhahl, sondern auch die KADURA, ein Schiff des Verzweifelten Widerstands unter dem Kommando des Xylthen Ronsaar, und den an das Werft-Modul PAN-2 gekoppelten MARS-Kreuzer SICHOU-1 unter dem Kommando von Oberst Derrayn Anrene begrüßen zu können.
Das Schiff war keineswegs in einwandfreiem Zustand, aber es sollte während des Flugs vom Werft-Modul aus weiter repariert werden. Zudem war es mit dem verbesserten Ortungsschutz ausgestattet worden, der der Störstrahlung des Verzweifelten Widerstands und damit dem natürlichen Vii-Schleier glich. Der Effekt basierte auf den typischen Emissionen der blauen Chanda-Kristalle, besonders in ultrahochfrequenten Hyperfrequenzbereichen.
Und die KADURA oder einige ihrer Waffenboote sollten als Kuriere dienen, um den Kontakt zum Verzweifelten Widerstand herzustellen und danach aufrechtzuerhalten.
»Keins der Schiffe ist hier eingetroffen.«
Während Ennerhahl seine Vorbereitungen traf, erteilte Rhodan MIKRU-JON den Befehl, mehrere redundante Bojen auszusetzen. Sie sollten die Schiffe mit den relevanten Informationen versorgen, sobald sie in der Nähe eintrafen.
Er sah auf die Holos. Ennerhahls Lichtzelle hatte sich inzwischen auf einen Durchmesser von 500 Metern ausgedehnt und sendete nun Peilsignale.
»Hast du die Kontrolle über die Triebwerke?«, fragte Rhodan den Avatar.
»Alle Systeme funktionieren wieder normal.«
Rhodan nickte, und MIKRU-JON nahm Kurs auf einen Hangar der Lichtzelle, der wie geschaffen für das Schiff war.
»Wir werden APERAS KOKKAIA in wenigen Stunden erreichen.« Ennerhahls Holo erlosch.
Rhodan runzelte die Stirn. Aber er hatte die richtige Entscheidung getroffen.
APERAS KOKKAIA
18. November 1469 NGZ
Kaowen zwang sich, tief durchzuatmen, die Augen zu öffnen und sich selbst zu betrachten, wie er reg- und hilflos dort lag, und entsetzliche Furcht brach über ihn herein.
Es fiel ihm schwer, es sich einzugestehen. Sogar bei Selbstgesprächen griff er auf ausweichende Formulierungen zurück, meist Ausdrücke wie »Unbehagen«, mehr aber nicht. Und kein Xylthe, kein Badakk, niemand würde es wagen, ihn darauf anzusprechen, ob er vielleicht Angst oder Entsetzen empfände.
Aber als er sich selbst nun so daliegen sah ...
Ihn schauderte. Er war der Protektor der QIN-SHI-Garde, war Herr über Leben und Tod. Untergebene würden auf seinen Befehl in den Tod gehen, und er würde niemals einen Gedanken an ihr Schicksal verschwenden.
Doch nun stand er hier, im Konservierungsraum, vor dem letzten ihm verbliebenen Klonkörper, betrachtete diesen Körper, und ihn schauderte.
Sein letzter Klon ...
Das Glück hatte ihn verlassen, seit Perry Rhodan mit der BASIS in Chanda eingetroffen war. Sein Schicksal hatte sich gewendet. Noch vor wenigen Wochen hatte er nicht bezweifelt, dass seine glorreiche Karriere einen ungebrochenen Aufstieg nehmen würde, doch nun ...
Noch schlimmer kam ihm allerdings vor, dass QIN SHI sich anfällig für Rhodans Aktivitäten zeigte. Der Eindringling schien in kürzester Zeit bewirkt zu haben, dass aus chaotischer Ordnung ungeordnetes Chaos geworden war. Kaowen befürchtete insgeheim, dass QIN SHIS Herrschaft aus den Fugen geraten könnte, und fragte sich allmählich, ob der Superintelligenz etwas an ihrer Heimat Chanda lag oder ob sie sie einfach aufgeben würde, um einem Traum zu folgen, der Kaowen irrwitzig vorkam und den er nicht verstand.
Aber wie sollte er ihn auch verstehen? Wie konnte er sich anmaßen, den Gedankengängen einer Superintelligenz zu folgen?
Kaowen betrachtete die fünf langgestreckten Behälter, die seine Klonkörper geborgen hatten. Sie waren sternförmig platziert. Die transparente Oberseite gestattete den Blick ins Innere. Nur in einem der Behälter schwebte noch ausgestreckt die Gestalt eines Xylthen, vier waren leer.
Seine Gestalt. Der letzte Klon, der ihm als Reserve verblieben war.
Wie wehrlos dieser Körper doch ist, dachte Kaowen. Wie hilflos. Er kann nicht reagieren. Wenn es dem Feind gelingt, sich hier Zutritt zu verschaffen, könnte er ihn problemlos mit einem Desintegrator oder einer Energiewaffe vernichten.
QIN SHI könnte diesen Körper sogar zerstören, ohne ihm auch nur nahe zu kommen. Das galt nicht nur für dieses letzte hier gelagerte Exemplar, sondern auch für das Original auf der Heimatwelt Xylth, das sich im Zustand der suspendierten Animation befand.
Ich bin QIN SHI völlig ausgeliefert! Dieser Gedanke erfüllte ihn mit noch stärkerem Entsetzen. Wie perfide dieser Schachzug doch war!
QIN SHI bot ihm die Aussicht auf Unsterblichkeit, auf einen Klonkörper nach dem anderen, in den er wechseln konnte, wenn er in Erfüllung seiner Pflicht starb, wie neulich auf diesem verdammten abgelegenen Planeten, auf den sein Navigator Quistus geflohen war ... Aber wenn QIN SHI immer unberechenbarer wurde, würde die Superintelligenz keinen Gedanken mehr daran verschwenden, neue Körper für ihn zu erschaffen. Dann würde sie vielleicht sogar die vorhandenen auslöschen, quasi mit einem Handwedeln, einem bloßen Gedanken ...
Kaowen musste alle Kraft aufbringen, um sich vom Anblick seiner Gestalt zu lösen. Er zwang sich, den Raum zu verlassen.
Mein letztes Ich, dachte er.
Im Gang vor dem Konservierungsraum verlor er unvermittelt die Kontrolle über seinen Körper. Er musste stehen bleiben, sich gegen die Wand lehnen, um zu verhindern, dass die Beine ihm den Dienst versagten.
Wenn es eine Möglichkeit gäbe, sich der Kontrolle durch QIN SHI zu entziehen ..., dachte er verzweifelt.
Doch würde er sie auch wahrnehmen? Dazu wäre Mut erforderlich. Hatte er diesen Mut? Was, wenn er eine solche Entscheidung treffen musste? Was würde er tun?
Er zwang sich, diese Gedanken zu unterdrücken. Er war QIN SHI zwar ausgeliefert, aber das war immer so gewesen. Die Superintelligenz hätte ihn jederzeit töten können, seit er in ihren Dienst getreten war. Sein Klonkörper lag immerhin in der Nähe eines Kerkerbereichs, in dem sich eines von QIN SHIS großen Geheimnissen befand. In einem Bereich, der besonders gesichert war.
Kaowen wusste nicht genau, worum es sich dabei handelte, nur, dass es eine Beute war, die für QIN SHI große Bedeutung besaß.
Er sah sich um. Er war allein in dem Gang, niemand hatte seinen Schwächeanfall beobachtet. Gut. Das ersparte ihm die Mühe, einen Zeugen seiner Schwäche zu töten.
Er ging weiter zu einer Nebenzentrale der riesigen Werft. Die dort anwesenden Xylthen und Badakk grüßten ihn respektvoll, ohne von seiner Anwesenheit überrascht zu sein. Er hielt sich öfter in diesem Bereich von APERAS KOKKAIA auf, besuchte immer wieder den Konservierungsraum, um seine Körper zu betrachten – nun nur noch einen. Danach betrat er stets diese Schaltstelle, um sich zu überzeugen, dass er während seiner Abwesenheit in der Hauptzentrale nichts von Bedeutung verpasst hatte.
Er befahl seinen Untergebenen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, und trat an ein Terminal. Der Xylthe, der dahinter gesessen hatte, zog sich selbstredend zurück, um den gebotenen Abstand zu wahren.
Kaowen rief ein Holo auf, das die sich verändernde BASIS unter ihren Schutzschirmen zeigte. Sie war weiterhin von einer 30 Kilometer durchmessenden Hohlkugel umgeben, die sich aus zwei der 18 Kilometer durchmessenden Kristallkugeln gebildet hatte.
Der Protektor ließ sich nichts anmerken, verzog nicht einmal das Gesicht, obwohl das Holo das Ausmaß seines Scheiterns zeigte.
Immer deutlicher zeichnete sich die neue Form des sich umwandelnden Schiffs ab. Es hatte sich in zwei Hauptteile gespalten, beide mittlerweile fast vollständige Kugeln: eine von 12,6 und eine von 5,9 Kilometern Durchmesser. Neun größere Fragmente schwebten über den beiden gewaltigen Körpern, als würden sie sich bald in die noch vorhandenen Lücken in den beiden Kugeln eingliedern.
Kaowen wusste nicht, was er tun sollte – tun konnte. Auf der Habenseite war es ihm gelungen, die BASIS in die Werft zu befördern. Negativ schlug zu Buche, dass niemand sie direkt erreichen konnte, weil sie in die bläulich undurchdringlichen Schutzschirme gehüllt blieb. Zweifellos würde QIN SHI ihm das Scheitern des Plans anlasten, auch wenn ihn nicht die geringste Schuld daran traf.
Ich habe nicht versagt, dachte Kaowen geradezu beschwörend. Sein Auftrag, das Multiversum-Okular und den Anzug der Universen zu bergen, war zwar weiterhin unerledigt, aber daran trug er keine Schuld: Er hatte nicht die geringste Chance gehabt, ihn zu erfüllen. Dass Kaowen das Problem mit der Fehlversetzung der BASIS extrem schnell beseitigt hatte, interessierte QIN SHI nicht im Geringsten. Und dass das riesige Raumschiff dann selbstständig begonnen hatte, sich umzuwandeln, war auch nicht ihm anzulasten. In der Strategieplanung musste es zu Fehlern gekommen sein, die letzten Endes QIN SHI selbst zu verantworten hatte.
Trotz seiner Funktion als Protektor der QIN-SHI-Garde wusste er nicht, worum es sich bei dem Multiversum-Okular überhaupt handelte. Er konnte bloß Vermutungen treffen. Das Raumschiff BASIS an sich war QIN SHI völlig egal. Ihm kam es nur auf dieses eine Objekt an.
Kaowen rief weitere Holos auf. Rings um APERAS KOKKAIA hielten die restlichen 41 Kristallsphären ihre Position. Sie erinnerten Kaowen an riesige bläuliche Spiegelkugeln. Ihr Durchmesser betrug jeweils 18 Kilometer, und der Protektor wusste, dass in die Kristallmasse normale Raumschiffe inklusive Waffenboote als Steuer- und Kontrollelemente integriert waren.
Die Kugeln stellten beachtliche Ansammlungen von Chanda-Kristallen aller Varianten dar. Sie sollten, als mobile Versionen riesiger Transitparketts, während des anstehenden Feldzugs gegen Escalian und der anschließenden Machtkonsolidierung für den raschen Transport großer Flottenkontingente sorgen. Einige Holos zeigten, wie in rascher Folge violette Transitblasen entstanden und Tausende Zapfenraumer entließen. Die von QIN SHI angekündigte Sammlung der Invasionsflotte hatte begonnen.
Außerdem bestand ein Teil der Kristallkugeln aus programmierbaren Nanomaschinen, die quasi beliebig eingesetzt werden konnten.
Eine Kristallkugel war mit 23 Kilometern Durchmesser größer als die anderen. In ihrem Zentrum befand sich eine der von den Badakk umgebauten bernsteinfarbenen Scheibenstationen – eine Hinterlassenschaft aus fernster Vergangenheit, wie Kaowen wusste, deren Technik angeblich als Vorbild für die Entwicklung der Transittechnik gedient hatte.
Der Protektor versuchte, sich auf die Holos zu konzentrieren, doch es gelang ihm nicht. Die Sorge um sein persönliches Schicksal wurde wieder übermächtig. Es wurde allmählich eng für ihn. QIN SHI hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass er sehr ungehalten war, und die Situation kam ihm immer auswegloser vor.
Er hatte die Misserfolge der letzten Zeit nicht zu verantworten. Doch das hatte QIN SHI nicht davon abgehalten, ihn zu bestrafen und dafür zu sorgen, dass ihm nur ein einziger weiterer Klonkörper blieb. Und er spürte die Präsenz der Superintelligenz unentwegt. Er war nicht mehr allein. Ein winziger Teil QIN SHIS war permanent bei ihm und überwachte, kontrollierte und steuerte ihn bis zu einem gewissen Grad.
Dieser Terraner namens Perry Rhodan ... Es konnte nicht sein, dass mit dessen Auftauchen alle Pläne der Superintelligenz brutal durchkreuzt worden waren! Rhodan war zwar unsterblich, wie die Spione, die in der Heimat des Terraners aktiv waren, festgestellt hatten, aber über solch eine Macht verfügte er nicht.
Oder doch?
Kaowen riss sich zusammen. Er musste sich eingestehen, dass er sich viel zu spät genau über diesen Rhodan informiert hatte. Und das war für QIN SHI wohl ein kaum zu rechtfertigendes Versäumnis.
Trotzdem ... Die neu gewonnenen Erkenntnisse hatten seine Weltsicht geradezu auf den Kopf gestellt. In all den Jahren, die er für QIN SHI als Protektor tätig gewesen war, hatte es Anzeichen dafür gegeben, dass die Superintelligenz mitunter sehr irrational reagierte – jedenfalls aus Sicht eines Normalsterblichen wie Kaowen.
Das hatte er leider erst zu spät festgestellt. Durch die Berichte und Dossiers über Rhodan hatte er Einsicht in die Handlungsweisen diverser Superintelligenzen erlangt, mit denen es der Terraner in seinem langen Leben schon zu tun bekommen hatte. Und je länger er darüber nachdachte, desto zwingender wurde die Schlussfolgerung, dass es sich bei QIN SHI ebenfalls um eine jener Entitäten handeln musste, die von den Terranern als negative Superintelligenzen bezeichnet wurden, ähnlich einer Seth-Apophis. Um eine für Normalsterbliche unbegreifliche höhere Wesenheit, deren Bestreben zu keiner Zeit die Belange von Hilfsvölkern oder gar Einzelwesen im Auge hatte, sondern ausschließlich die eigenen Interessen, wie immer die im Detail aussehen mochten.
Kaowen hatte erkannt, dass QIN SHI im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen würde. Er hatte es quasi am eigenen Leib erlebt, als er zum Rapport zu QIN SHI zitiert worden war. Ein kaum zu beschreibendes Gefühl hatte ihn übermannt, die Kombination extremer Schwäche mit kaum begrenzter Gier nach Kraft und Leben. Etwas hatte ihn in eine schmerzvolle Ohnmacht getrieben, die kein weiteres Handeln erlaubte, und er hatte den Eindruck gehabt, dass QIN SHI nach allem Lebendigen, Kraftvollen in der Umgebung greifen musste, um den eigenen Untergang zu verhindern.
Hatte QIN SHI ihm tatsächlich die eigenen Qualen gezeigt, den verzweifelten Versuch der Kräftigung, die durch die zweimalige Abwehr der Weltengeißel verhindert worden war?
Jedenfalls hatte QIN SHI jegliche Kontrolle verloren und eine wahre Fressorgie eingeleitet, nachdem die Weltengeißel durch die Aktionen des Verzweifelten Widerstands – und Rhodans? – an ihrem Einsatz bei den Cruny und dem Ausweichplaneten Meloudil gehindert worden war.
Rhodan, immer wieder dieser Rhodan ...
Kaowen war besorgter denn je. Seine Gedanken schienen nur noch umherzukreisen, wie er überleben konnte. Aber er fand keine Lösung, und das beeinträchtigte ihn, lenkte ihn von seinen eigentlichen Aufgaben ab, verhinderte, dass er seine Pflichten erfüllen konnte, wie QIN SHI es von ihm erwartete.
Ein Teufelskreis ...
Wieder ging er die Ergebnisse der Analysen der Bordrechner und der Badakk-Siebenerbündel durch. Neue Erkenntnisse gewann er nicht.
*
Kaowen trat von dem Terminal zurück und begab sich zum Transitparkett. Er brauchte die Bewegung, musste sich körperlich betätigen, um diesen Teufelskreis seiner Gedanken durchbrechen zu können. Während er wie mechanisch ausschritt, versuchte er, jeglichen Gedanken an sein persönliches Schicksal abzuschütteln und sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren.
Er trat vom Parkett und befand sich in der Hauptzentrale. Er versuchte, sich nicht von der hektisch anmutenden Betriebsamkeit in dem riesigen Raum beeindrucken zu lassen, blendete sie aus, so gut es ihm möglich war.
Niemand sprach ihn an, alle warteten darauf, dass er Befehle erteilte. So sollte es sein.
Aber er hatte keine Befehle, noch nicht.
Ihm war klar, dass er kein Anzeichen von Schwäche zeigen durfte, doch erneut drehten sich seine Gedanken im Kreis. Meine Aufgabe ist es, das Multiversum-Okular und den Anzug der Universen für QIN SHI zu bergen.
Er rief Holos auf. Die BASIS, in der beide Objekte vermutet wurden, befand sich nun in der Werft. Kaowen hatte den Ort des Wandels besonders schützen und als Ganzes von einem Transit-Überladungsfeld von etwa 500 Kilometern Durchmesser umhüllen lassen.
Die Werft war damit im Prinzip unangreifbar. Das Feld leitete Belastungen standardmäßig in den Halbraum ab, erst bei starken Beanspruchungen in den Hyperraum.
Starke Beanspruchungen ... Ein typischer Ausdruck der Badakk, ihrer Wissenschaftler. Gemeint war damit nichts anderes als Geschützfeuer von Angreifern.
Konzentrier dich!, mahnte sich Kaowen, aber vergebens. Er ließ sich erneut ablenken.
Wie so oft überkam ihn beim Anblick von APERAS KOKKAIA auf den Holos schieres Staunen. Der Hauptkörper der von Beulen übersäten Riesenkugel hatte einen Durchmesser von 149 Kilometern. Die dunkle Oberfläche zeigte in der normaloptischen Vergrößerung ein schrundiges, fast wie angekohlt wirkendes Dunkelgrau bis Schwarz. Die Außenhülle war recht regelmäßig von kreisrunden Öffnungen durchbrochen, die von transparenten Energieschirmen überwölbt waren. Insgesamt waren es 44 dieser Löcher, die jeweils einen Durchmesser von 39 Kilometern hatten, während die Energiekuppeln zwölf Kilometer Höhe erreichten. Der Gesamtdurchmesser der Werft betrug somit über 170 Kilometer.
Die Außenschale von APERAS KOKKAIA war etwa acht Kilometer dick, während das Kugelinnere weitgehend hohl war, abgesehen von einigen formenergetischen Streben und wolkenhaften energetischen Ballungen. Im Zentrum der Werft flimmerten in einem Bereich von vielleicht 50 Kilometern Durchmesser golden-bernsteinfarbene Formenergiewolken, zwischen denen vereinzelt ein sonderbarer Zentralkörper zu erkennen war, eine wabernde schwarze Kugel von derzeit 4,5 Kilometern Durchmesser.
Die Anomalie, dachte Kaowen. Ein unbegreifliches Gebilde, dessen direkt mit ihm hyperphysikalisch verbundenes Gegenstück sich in Escalian befand.
Escalian ... diese Galaxis gehörte zu einer anderen Mächtigkeitsballung, in der angeblich die Superintelligenz TANEDRAR herrschte. Die Invasion Escalians bereitete QIN SHI bereits seit Langem vor, und die Vorbereitungen waren nun weitgehend abgeschlossen. QIN SHI würde diese andere Galaxis bald angreifen und erobern.
Es beruhigte Kaowen kaum, dass die Transitadern, die zum Transport der Flotte benötigt wurden, von Tausenden Badakk genauestens geprüft wurden, damit es nicht nochmals zu einem Fehlsprung wie bei der Entführung der BASIS kam.
Das Okular, mahnte sich der Protektor.
Bislang war er, durchaus im Sinne von QIN SHI, wie er vermutete, davor zurückgeschreckt, die BASIS unter Beschuss zu nehmen, aus Angst, das Multiversum-Okular dabei zu beschädigen oder gar zu zerstören. Doch etwas sagte ihm, dass er das Okular in die Hände bekommen musste, bevor die Umwandlung der BASIS abgeschlossen war.
Was hast du übersehen?, fragte er sich. Wie kannst du vorgehen?
Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen: Energie! Schutzschirme benötigten Energie. Auch die Umwandlung der BASIS erforderte Energie. Irgendwann musste diese erschöpft sein. Oder sie reichte nicht mehr für beide Zwecke.
Genau das galt es auszunutzen.
Kaowen rief die Analysen der Badakk auf. Ihnen zufolge wurde die Energieversorgung offenbar durch direkte Hyperraumzapfung sichergestellt – ein Verfahren, das die Badakk zwar theoretisch erfasst hatten, ohne es aber praktisch umsetzen zu können. Ob es gelingen würde, diesen Zapfvorgang zu beeinflussen oder gar zu unterbrechen, stand also in den Sternen.
»Die Energieversorgung ist der Schlüssel!«, murmelte Kaowen, und kaum hatte er es laut ausgesprochen, konnte er wieder klar denken. Mit einem Schlag sah er den Plan deutlich vor sich.
Er räusperte sich laut, und in der Zentrale wurde es so still, wie es gerade eben noch im Konservierungsraum gewesen war.
»Wir greifen das fremde Schiff erneut an«, sagte er. »Aber diesmal machen wir es richtig ...«
*
»Phase eins!« Kaowen betrachtete gebannt die Holos. Sie zeigten im Zentrum der Werft die schwarze Anomalie und in einiger Entfernung davon die riesige Kristallhohlkugel mit den beiden Teilen der BASIS in ihrem Inneren.
Er rief Vergrößerungen auf, sonst hätte er vom ersten Schritt des Plans nicht das Geringste mitbekommen.
Alles verlief wie erwartet. Von Traktorstrahlen geleitet, strömten aus den inneren Bereichen der Werft staubkornkleine blaue Hyperkristalle zu den Schutzschirmen der BASIS-Teile. Ein Teil verklumpte zu größeren Splittern, und jedes Mal zeigten sich umgehend die Auswirkungen auf die Schirme selbst: Bläulich weiße Entladungen zuckten zwischen ihnen und einzelnen Kristallen hin und her. Etliche davon taumelten in schwarze Aufrisse und wurden in den Hyperraum abgestrahlt. Dabei riefen sie heftige Reaktionen in den Schirmen hervor, die von einem wahren Blitzgewitter überzogen wurden.
Die für diesen Teil der Aktion verantwortlichen Badakk reagierten ihren Anweisungen entsprechend und verstärkten das gezielte Bombardement umgehend mit hochwertigen Ramol-4-Kristallen, die ebenfalls mit Tranktorstrahlen genau in die Zentren der Entladungen an der Schirmoberfläche geschleudert wurden.
Kaowen gestattete sich nicht einmal den Anflug eines Lächelns, obwohl die Schutzschirme der BASIS nun in hellen Flammen zu stehen schienen. Solche scheinbaren Erfolge hatte er während des zaghaften konventionellen Beschusses schon öfter gesehen.
»Zweiter Schritt!«
Von dieser Phase des Angriffs bekam er in den Holos nicht das Geringste zu sehen. Zum ersten Mal setzten die Badakk programmierbare Nanomaschinen ein, die die Schutzschirme gezielt an jenen Stellen belasteten, an denen die Entladungen am stärksten loderten. Sie hatten zwar zu diesem Zeitpunkt keine reelle Chance, die Schutzschirme zu durchdringen, aber das war auch gar nicht ihre Aufgabe.
Auch die dritte Phase konnte von den Holos nur mit Simulationen dargestellt werden. Kaowen rief die entsprechenden Daten ab. Parallel zu den bisherigen Angriffswellen versuchten die Badakk, von der Kristallhohlkugel wie auch der Werft selbst projizierte hyperphysikalische Blockadefelder zu justieren, um die Hyperraumzapfung zu unterbrechen.
Gespannt wartete der Protektor auf eine Reaktion des Schutzschirms, doch sie blieb aus. »Was ergibt die Auswertung der Daten?«
Ein Badakk löste sich aus seinem Siebenerbündel und trat vor. »Wir haben Schwierigkeiten, die Hyperzapfung exakt mit den Blockadefeldern zu erfassen«, gestand er. Sein in Kaowens Augen unförmiger Tonnenkörper vibrierte leicht vor Angst.
Der Protektor drehte sich kommentarlos zu den Holos um.
Er sah, wie entlang der Schirmoberflächen in rascher Folge Dutzende, dann Hunderte violetter Blasen entstanden und wieder vergingen und dabei weitere Entladungen hervorriefen. Das Blitzlichtgewitter wurde so grell, dass automatisch Filter aktiviert wurden, um eine ungehinderte Sicht zu ermöglichen.
Die vierte und letzte Phase des Angriffs begann. Die Badakk planten nun, mit Transitparketts die Schirme gezielt an möglichst vielen Stellen zu perforieren. Die Transitblasen arbeiteten mit ihren violett schillernden Feldern auf sechsdimensionaler Basis. Dabei trat eine geringfügige Strangeness-Änderung auf, die die Hyperzapfung hoffentlich zusätzlich behinderte.
Kaowen versuchte, seine Ungeduld im Zaum zu halten. Die Messungen ergaben, dass die Transitadern die Schutzschirme nicht durchdringen konnten. Davon war er glücklicherweise überhaupt nicht ausgegangen.
Bislang hatten sie die Schutzschirme der BASIS unter gezielten Punktbeschuss genommen, in der Hoffnung, er würde irgendwann zusammenbrechen, doch den Gefallen hatte er ihnen nicht getan, dafür war er ganz einfach zu stark. Nun versuchten sie zum ersten Mal, ihn auf vierfache Art und Weise zu belasten. In dieser Hinsicht war es nicht ganz zutreffend, von Phasen des Angriffs zu sprechen. Er hoffte, dass das Zusammenspiel der vier unterschiedlichen Methoden Wirkung zeigte.
Der Protektor wartete einen angemessenen Zeitraum ab. »Ergebnisse?«, fragte er dann, vielleicht etwas früher, als er beabsichtigt hatte.
Derselbe Badakk wie zuvor verließ die Siebenergruppe. »Die Orter laufen auf Hochtouren! Wir messen jedoch ...« Er hielt kurz inne. »Wir messen einen gesteigerten Energiefluss an.«
Kaowen ließ sich nichts anmerken. Das wies unzweifelhaft darauf hin, dass in der BASIS die Hyperraumzapfung massiv hochgefahren wurde.
Nun hieß es wohl, Geduld zu haben. Wer hielt länger durch, wer zeigte als erster Schwäche?
»Sobald die Hyperzapfung überfordert ist, sollten die bislang undurchdringlichen Schirme zusammenbrechen ...«, fuhr der Badakk beflissen fort.
Das war Kaowen klar. So lautete der Plan, doch momentan sah es danach überhaupt nicht aus. Der Protektor konzentrierte sich wieder auf die Holos. Als sei nichts geschehen, schwebten die beiden Kugeln, die aus der ehemaligen BASIS entstanden waren, direkt nebeneinander, und die neun Großfragmente trieben weiterhin langsam in Position.
Fünf von ihnen hatten die entsprechenden Lücken fast erreicht. Nahezu gleichzeitig näherten sie sich ihrem jeweiligen Ziel, sanken tiefer und passten sich in Minutenschnelle in die noch bestehenden Öffnungen ein.
Ein heller Blitz nahm Kaowen kurz die Sicht. Als die Filter die Helligkeit wieder auf ein erträgliches Maß gesenkt hatten, sah er, dass die bisherigen Einzelschirme der beiden BASIS-Teile sich zu einem einzigen größeren von etwa 25 Kilometer Durchmesser vereinigt hatten. Gleichzeitig wurden in einer abrupten Abstoßungsreaktion schlagartig beträchtliche Mengen der Chanda-Kristalle, die unentwegt gegen die Schirme geschleudert wurden, in den Hyperraum abgestrahlt.
»Traktorstrahlen und Transitblasen ausschalten!«, rief Kaowen, doch es war schon zu spät. Das Energiegewitter im Innern der Kristallhohlkugel breitete sich mit brachialer Gewalt aus, brach sogar mit heftigen Eruptionen durch die Kristallhülle und verblasste außerhalb davon nur langsam.
Damit nicht genug: Mit einem zweiten Schlag wuchs der Schutzschirm zu einer 30 Kilometer durchmessenden Blase an, die innerhalb von Sekundenbruchteilen sämtliche Kristallmasse ringsum im wahrsten Sinne des Wortes verschlang und in den Hyperraum abstrahlte.
Der vereinte Schutzschirm der BASIS leuchtete in den Holos mit ungebrochener Helligkeit, obwohl er nun von noch heftigeren Entladungen umzuckt wurde.
Kaowen seufzte leise. Ihm war nur allzu deutlich klar, dass er soeben einen weiteren Rückschlag erlitten hatte.
Dann gellte Alarm durch die Zentrale; ein hohes, lautes Geräusch, das in seinen Ohren schmerzte.
Der Protektor fluchte unterdrückt. Aggregatüberlastung!, dachte er. Oder sogar Ausfall!
MIKRU-JON,
18. November 1469 NGZ, 18.24 Uhr
Ennerhahls Lichtzelle materialisierte in sicherer Entfernung von der Werft im Standarduniversum. Erste Holos bildeten sich. Sie waren jedoch zu weit von dem ausgebrannten Handelsstern entfernt, der zu APERAS KOKKAIA umgebaut worden war, um eindeutige Daten zu erhalten.
Perry Rhodan streckte sich. Er fühlte sich frisch und ausgeruht, hatte den Flug genutzt, um ein paar Stunden in der Zentrale von MIKRU-JON zu schlafen. Mehr brauchte er nicht, dafür sorgte der Zellaktivator.
Alle anderen Besatzungsmitglieder außer Ennerhahl hielten sich in ihren Kabinen auf. Die letzten Tage waren anstrengend gewesen, und Rhodan wollte ihnen so viel Erholung wie möglich gönnen. Gucky trug zwar ebenfalls einen Zellaktivator, doch seinem sensiblen Mutantengehirn machten die Zustände in Do-Chan-Za und im Kollaron-Viibad stark zu schaffen, und er brauchte Ruhe.
Er sah auf die Uhr. »Hat ja doch nicht länger gedauert als erwartet.«
Ennerhahl bedachte ihn mit einem Blick, den Rhodan nicht richtig deuten konnte. »Auf jeden Fall zu lange. Fünfzehn Stunden!« Der geheimnisvolle Fremde spuckte die beiden letzten Wörter geradezu aus.
Vom Kalten Raum bis zur Werft waren es 3372 Lichtjahre im Direktflug. Selbst mit einem Überlichtfaktor von nur zwei Millionen ließ sich diese Distanz in der von Ennerhahl genannten Zeitspanne überbrücken. Allerdings hatten sie sich beim Abflug gefragt, ob die Lichtzelle auch in einer Umgebung wie dem Kollaron-Viibad diesen Wert oder gar mehr erreichen konnte. Flüge im Bereich der 80.000 Lichtjahre langen und bis zu 20.000 Lichtjahre durchmessenden Do-Chan-Za-Materiebrücke waren beschwerlich, mitunter sogar gefährlich. Angesichts der dort tobenden Naturkräfte ließen sich normale Geschwindigkeiten kaum erreichen.
Rhodan war natürlich klar, dass sowohl MIKRU-JON als auch die Lichtzelle mit einer Höchstgeschwindigkeit von maximal 235 Millionen Überlicht eigentlich viel schneller waren. Aber es war sinnlos, etwas ändern zu wollen, was man nicht ändern konnte. Ihr langsames Vorankommen war der Umgebung geschuldet, mit der auch technische Spitzenprodukte nur schwierig zurechtkamen.
Er vergrößerte einzelne Holos und empfand unwillkürlich Ehrfurcht vor der Schöpfung, als er die dreidimensionalen Darstellungen in sich aufnahm. Die Bilder, die er sah, waren farbenprächtiger und phantastischer, als irgendein Künstler sie hätte ersinnen können: da unregelmäßig geformte Nebelwolken, die ihn mal an Tiere, dann wieder an Pflanzen erinnerten, dort tiefschwarze Wucherungen in strahlend leuchtenden Flächen. Er musste an winzige Farbkleckse auf einer kleinen Leinwand denken, doch das Ausmaß des Gebiets war gigantisch.
Und dort lauerten unvorstellbare Gefahren.
Das Kollaron-Viibad war ein hochaktiver Komplex, zum einen ein ellipsoider Bereich von etwa 10.000 Lichtjahren Länge und 5500 Lichtjahren Durchmesser, zum anderen ein damit teilweise verbundener kugelförmiger Bereich von rund 6000 Lichtjahren Durchmesser. Es bestand fast ausschließlich aus interstellaren Gaswolken, Dunkel-, Emissions- und Reflexionsnebeln. Dort gab es ausgedehnte staubige Molekülwolken, in denen der Wasserstoff Temperaturen von nur 30 Kelvin hatte. Überall entstanden neue Sterne, von denen einige die markanten Gruppierungen von Offenen Sternhaufen mit etlichen hundert Sonnen angenommen hatten.
Insgesamt umfasste das Gebiet mehrere Millionen Sonnen. Die hellsten waren Unterriesen, aber auch Flare-Sterne waren recht häufig. Etliche Sonnen befanden sich noch immer im Prozess der gravitationellen Kontraktion und erzeugten keine thermonukleare Energie. Heiße Sterne regten mit ihrer ionisierenden Strahlung die Nebel zum Leuchten an, und es hatten sich extrem helle Bereiche von teilweise etlichen Lichtjahren Durchmesser gebildet.
In der Do-Chan-Za-Materiebrücke selbst herrschte hyperenergetischer Aufruhr. Mehrere gewaltige Hyperstürme tobten in der Umgebung. Darüber hinaus trat an zahlreichen Stellen das Phänomen auf, das Nemo Partijan Paraflimmern genannt hatte. Weite Teile der Materiebrücke bestanden aus grellen blauen Sternentstehungsgebieten, in denen es heftig brodelte. Dabei handelte es sich nicht nur um Sektoren mit jungen Sternen, sondern häufig auch um Viibad-Riffe.
Im Unterschied zu den anderen bekannten Polyport-Galaxien hatten sich in Chanda die bei der Ersten Hyperdepression aufgewühlten Elemente nie wieder beruhigt. Damals waren Tryortan- oder, in der hiesigen Sprache, Viibad-Riffe entstanden. Sie waren über beide Teil-Galaxien und die sie verbindende Materiebrücke verstreut, in der die BASIS materialisiert war, nahmen relativ stabile Positionen ein und wurden als Transportsystem genutzt, eine Art rohe, wilde Form des Polyport-Netzes, entsprechend gefährlich und mit unangenehmen Nebenerscheinungen verbunden.
Da sich in diesem Chaos ein Teil der Hyperstrahlung als instabile Hyperbarie manifestierte, wurde ein beträchtlicher Teil der Gas- und Staubpartikel der Materiebrücke von bläulichen Nano-Hyperkristallen gebildet, die permanent entstanden und wieder vergingen. Die Hyperbarie selbst war durch ständige Fluktuation zwischen winzigen kurzlebigen pseudomateriellen Hyperkristallen und dem übergeordneten Hyperbarie-Zustand ein multifrequenter Hyperstrahler. Dadurch entstanden Bruchzonen im Raum-Zeit-Gefüge, die wiederum einen pararealen Resonanz-Austausch hervorrufen konnte.
Dieses hochaktive Brodeln natürlicher Phänomene erzeugte, wenn starke Strahlung auf die Oberfläche der umliegenden Wolken aus Wasserstoff und Staub traf, zahlreiche interstellare Wirbelstürme von mehreren Lichtjahren Durchmesser. Damit verbunden waren gewaltige stellare Orkane, die die kühleren Wolken zerrissen. Wie bei atmosphärischen Wetter-Phänomenen führte die große Temperaturdifferenz zwischen der heißen Oberfläche und dem kühlen Inneren der Wolken, kombiniert mit dem Druck des Sternenlichts, zu starken Scherkräften, die die dunklen Wolkenschläuche zu tornadoförmigen Gebilden verwirbelten, die wie überdimensionierte Pfeiler aufragten.
