PERRY RHODAN-Storys: Admiralin außer Dienst - Rüdiger Schäfer - E-Book

PERRY RHODAN-Storys: Admiralin außer Dienst E-Book

Rüdiger Schäfer

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Beschreibung

Was passiert in der Zeit, bevor die Cairanische Epoche anbricht? Wie verändert sich die Milchstraße, was geschieht mit ihren Bewohnern? Sechs Kurzromane, sechs Schauplätze, sechs Hauptpersonen: Die verlorenen Jahrhunderte werden in diesen Texten zum Leben erweckt. Anna Patoman zählte zu den tatkräftigsten und bekanntesten Flottenkommandanten der jüngsten Zeit. Zu vielen Dingen hatte sie ihre eigene, nicht öffentlichkeitstaugliche Meinung, mit der sie nicht hinter dem Berg hielt. Am Ende ihrer Dienstzeit, während die Symptome des Weltenbrands die Menschen quälten, zog sie sich auf einen abgelegenen Planeten der Milchstraße zurück: nach Abaq, einer Welt der Sonne Oroba. Jahrelang lebte die ehemalige Admiralin abgeschieden und in Ruhe unter den Abaqa. Doch als ein seltsamer Kult auf sich aufmerksam macht, muss sie erkennen, dass ihre Dienste wieder gefragt sind … Kann sich ein Mensch aus seiner Verantwortung stehlen, ab wann muss er sich ihr stellen? Rüdiger Schäfer vermengt einen Science-Fiction-Krimi mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen – ein spannendes Lehrstück über Menschen und ihre Verantwortung …

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Admiralin außer Dienst

von Rüdiger Schäfer

Cover

1.

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7.

8.

9.

10.

Die verlorenen Jahrhunderte im Überblick

Impressum

1.

Anna Patoman schob die Sonnenbrille auf die Stirn und kniff beide Augen zusammen. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass ihr jemand eine lange, glühende Nadel durch die rechte Schläfe mitten ins Gehirn schob – sehr langsam ... und außergewöhnlich schmerzhaft.

Sie atmete so ruhig und gleichmäßig, wie es ihr unter den widrigen Umständen möglich war. Kontrolliertes Atmen half meistens, wenn auch nicht immer; das hatte sie in den langen Jahren auf Abaq gelernt. Nach und nach verschwanden die grellen Blitze auf ihrer Netzhaut und machten einem Bild der Umgebung Platz.

Tahara wirkte unter den Strahlen der Nachmittagssonne wie ein Ruinenfeld. Die Fassaden der schmucklosen Häuser mit den verklebten oder zugemauerten Fenstern waren ausnahmslos mit Farben gestrichen, die das Licht nicht reflektierten. Zwischen den Gebäuden und in den engen Straßen dominierte die Dunkelheit. Dennoch hatte Anna das Gefühl, in ein Meer aus grellen Reflexen und strahlend weißen Flächen zu blicken. In der Ferne ragte der Sakrit, der Regierungstrichter, der das Zentrum der Stadt beherrschte, wie eine lodernde Fackel in den Himmel.

»Verflucht!«, stieß die einstige Admiralin der Ligaflotte hervor. »Warum tut das so höllisch weh?«

Zwar konnte sie bereits wieder einigermaßen sehen, doch das Bohren und Stechen in ihrem Kopf ebbte nicht ab. Im Gegenteil. Vielleicht war es doch besser, wenn sie in ihr Quartier zurückkehrte. Dort konnte sie sich erholen und später einen neuen Vorstoß unternehmen.

Nein!, rief sie sich zur Ordnung. Das wirst du nicht tun! Du bist fast da. Es wird schon irgendwie gehen ...

Bis zur Versorgungsstation waren es höchstens noch fünfhundert Meter. Außerdem konnte sie die Strecke größtenteils zwischen den Häusern zurücklegen. Das würde sie zumindest vor dem gleißenden Sonnenlicht schützen.

Unwillkürlich musste sie lachen. Das passierte ihr in letzter Zeit öfter. Vielleicht verlor sie allmählich den Verstand. Die anhaltende Einsamkeit, ihre Weigerung, sich das Leben nach dem Weltenbrand medizinisch zu erleichtern, der ständige Kampf gegen die eigenen hypersensibilisierten Sinne ... Das alles konnte einen auf Dauer durchaus in den Wahnsinn treiben.

Gleißendes Sonnenlicht? Lächerlich! Oroba war ein gewöhnlicher Gelber Zwerg am Rand der Milchstraße, der nicht mal über die Hälfte der Leuchtkraft von Sol verfügte. Abaq umlief Oroba als zweiter von sechs Planeten und war die einzige bewohnte Welt im System.

Die Abaqa fühlten sich als ehemalige Kolonisten des Großen Imperiums offiziell dem arkonidischen Hoheitsgebiet zugehörig, lebten jedoch so weit abseits der regelmäßig genutzten Verkehrswege und Schifffahrtsrouten, dass sie kaum mit Vertretern anderer Völker, und schon gar nicht mit Repräsentanten der großen Machtblöcke in Kontakt kamen.

Nicht, dass das seit dem 25. April 1552 Neuer Galaktischer Zeitrechnung noch eine Rolle gespielt hätte, jenem schicksalhaften Tag, an dem der Weltenbrand ausgelöst worden war. Fast siebzig Jahre später waren die Ursachen der damaligen Katastrophe zwar beseitigt. Doch ihre Folgen hielten nach wie vor an, und nur die Sternengötter mochten wissen, wie lange noch.

Anna interessierte das alles nicht mehr. Sie hatte sich aus dem aktiven Flottendienst zurückgezogen, um die Zeit, die ihr verblieb, einigermaßen genießen zu können – abseits von Disziplin, Verantwortung und Pflichterfüllung. Zumindest hatte sie sich das am Anfang immer wieder eingeredet. Zwar war sie mit ihren 191 Jahren längst keine Greisin und fühlte sich nach wie vor körperlich und geistig halbwegs fit, aber die Nachwehen des Weltenbrands setzten ihr doch mehr und mehr zu.

Zumal sie nach wie vor nicht bereit war, die eigens gegen die allgemeine Reizüberflutung entwickelten Medikamente einzunehmen. Für sie war das eine Sache des Prinzips. Es wäre der Kapitulation vor einem Gegner gleichgekommen, den sie durch eisernen Willen und unbedingte Entschlossenheit noch immer besiegen zu können glaubte.

Ihr Weg hatte sie schließlich irgendwann nach Abaq geführt. Sie hatte – wie sagte man so schön? – alle Brücken hinter sich abgebrochen. Ihr Leben, so hatte sie seinerzeit beschlossen, sollte künftig einzig und allein ihr selbst gehören, und am Ende hatte sich die Überzeugung in ihr verankert, dass es schlimmer hätte kommen können.

»Die Welten brennen zwar nicht mehr«, erinnerte sie sich an die übertrieben theatralische Stimme irgendeines Nachrichtenmoderators einer unbedeutenden lokalen Holostation, »doch noch immer ist die Galaxis weit von einem geordneten Mit- und Nebeneinander entfernt.«

Hin und wieder konsultierte sie die nach wie vor aktive Positronik ihrer Space-Jet auf dem Raumhafen von Tahara. Die dort gespeicherten Informationen zeichneten ein unvollständiges, aber deprimierendes Bild von dem, was draußen in der Milchstraße vor sich ging. Auf Abaq war sie zum Glück weit genug von alldem entfernt, um sich allein auf sich selbst konzentrieren zu können.

Anna atmete schwer. Das Blut rauschte in ihren Ohren, und das Pochen ihres Herzens versetzte jede einzelne Körperzelle in Vibration. Jeder Schritt fiel ihr schwerer als der vorherige. Der Stoff ihrer Kombination lag unangenehm schwer und rau auf der Haut. Selbst die kleinste Bewegung ließ ihn wie Sandpapier über Arme, Beine und Oberkörper scheuern. So massiv hatte sie die Nachwirkungen des Weltenbrands schon lange nicht mehr gespürt.

Da vorn war die Kreuzung, an der sie abbiegen musste. Die Straße führte in einem Halbrund um einen kleinen Park herum. Dessen Vegetation hatte sich teilweise wild in die weitere Umgebung ausgebreitet. Es musste Jahre her sein, seit die Grünanlage das letzte Mal gepflegt worden war.

So oder ähnlich sah es überall in der Stadt aus. Anna konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann sie zuletzt einen der fast drei Millionen Abaqa, die in der Metropole lebten, unter freiem Himmel angetroffen hatte. Meistens präsentierten sich die Straßen und Plätze wie ausgestorben. Man verließ den trügerischen Schutz der eigenen vier Wände nur, wenn es nicht mehr anders ging. So wie es Anna an diesem Morgen getan hatte.

Der überwiegende Teil der Bevölkerung hatte sich schon seit Längerem in die subplanetaren Anlagen zurückgezogen ... Nein! Anna schüttelte verbittert den Kopf. Er war in die subplanetaren Anlagen geflohen! Die sogenannte Unterstadt war in den vergangenen Jahrzehnten ständig erweitert und ausgebaut worden und hatte sich viele Kilometer tief in die Planetenkruste gefressen. Die Abaqa waren zu Maulwürfen mutiert. Zu einem Haufen von Feiglingen, die sich lieber im Boden eingruben, als sich der Realität zu stellen und zu kämpfen.

Anna seufzte innerlich. Sie wusste selbstverständlich, dass sie den Bewohnern Abaqs mit ihrem harschen Urteil unrecht tat. Jeder versuchte auf seine Weise, mit der Situation klarzukommen. Ein paar Hundert Meter Erde und Gestein boten zumindest eine partielle Abschirmung vor den nur langsam abklingenden Folgen des Weltenbrands. Im Zusammenspiel mit den Medikamenten, die immer weiter verbessert wurden, ermöglichte diese Strategie den meisten Betroffenen eventuell ein halbwegs normales Leben. Vielleicht blieb das sogar für die nächsten fünfzig oder hundert Jahre üblich: Die Bewohner der Milchstraße zogen sich ins Innere ihrer Heimatwelten zurück und warteten darauf, dass sich die Lage irgendwann wieder normalisierte.

Für einen Augenblick verlor Anna die Balance. Ihr wurde kurzzeitig schwindlig, und sie suchte nach Halt. Ihre Knie gaben nach. Eine Sekunde später hockte sie auf allen vieren auf der Straße und übergab sich.

Was zum Teufel, ist nur mit mir los?, dachte sie. So schlimm war es noch nie ...

Machte ihr womöglich doch ihr Alter zu schaffen? Blödsinn! Seit der Zeit ihrer Flottenausbildung – und die lag eine gefühlte Ewigkeit zurück – hatte sie nicht einen einzigen Tag auf ihre morgendlichen Übungen verzichtet. Sie achtete auf ihre Ernährung, und wenn sie ihren Körper im Spiegel betrachtete, kam sie nicht umhin festzustellen, dass so manche Hundertjährige froh gewesen wäre, wenn sie Annas Statur besessen hätte.

Die Verteilerstation! Sie konnte bereits die halb verfallene Mauer erkennen, die einst Teil der Einfriedung des Parks gewesen und nun über und über mit einer Art Efeu bewachsen war. Von dort war es bloß noch ein Steinwurf bis zu ihrem Ziel.

Natürlich hätte sie ihre Besorgungen auch über das städtische Komnetz erledigen können. Die vielen Millionen Servodrohnen lieferten bestellte Waren schnell und zuverlässig an jeden beliebigen Ort. Aber das ließ ihr unbändiger Stolz – manche hätten auch gesagt: ihre Starrköpfigkeit – nicht zu. Bequemlichkeit war der erste Schritt in die Dekadenz, und so ganz hatte sie den mit ihrer Flottenkarriere verbundenen Hang zu Ordnung und Selbstbeherrschung wohl doch nicht ablegen können.

Mühsam und unendlich langsam kam sie wieder auf die Beine. Sie hatte einen widerlichen Geschmack im Mund, spuckte mehrmals aus, wurde ihn aber dadurch nicht los. Ein kaum merklicher Wind kam auf und strich über ihr erhitztes Gesicht, doch statt ihre brennende Haut zu kühlen, verstärkte er die unangenehmen Empfindungen sogar noch.

2.

»Da bist du ja wieder ...«

Die fremde Stimme klang sanft und angenehm; gerade noch laut genug, damit man sie verstehen konnte, aber leise genug, um nicht in den Ohren zu schmerzen.