Persönlichkeitsstörungen - Elisabeth Wagner - E-Book

Persönlichkeitsstörungen E-Book

Elisabeth Wagner

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Beschreibung

Persönlichkeitsstörungen werden gemeinhin dem einzelnen Individuum zugeschrieben. Wie könnten da systemische Behandlungskonzepte helfen, die ja überwiegend von Störungen zwischen Individuen ausgehen? Elisabeth Wagner, Katharina Henz und Heiko Kilian zeigen auf, dass Erleben und Verhalten immer in einem Kontext stattfinden, und richten daran ein praxisorientiertes Konzept aus, das "Persönlichkeitsstörungen" unter systemischen Aspekten behandelt. Die Autoren beschreiben dazu klinische Erscheinungsbilder, skizzieren die Störungs- und Behandlungsmodelle verschiedener Therapieschulen – Psychoanalyse, mentalisierungsbasierte Therapie, dialektisch-behaviorale Therapie, Schematherapie – und entwickeln ein systemisches Störungsverständnis. Der Hauptteil des Buches beschreibt das konkrete therapeutische Vorgehen Schritt für Schritt. Die Autoren zeigen detailliert, wie man mit typischen Schwierigkeiten in der therapeutischen Beziehung umgehen kann, und sie erklären, welche Modifikationen des systemischen Therapieverständnisses notwendig sind. Neben gängigen systemischen Interventionen stellen sie die hypnosystemisch inspirierte Teilearbeit vor – jeweils illustriert mit vielen Fallvignetten und Beispielen.

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Störungen systemisch behandeln

Band 6

Herausgegeben von

Hans Lieb und Wilhelm Rotthaus

Elisabeth WagnerKatharina HenzHeiko Kilian

Persönlichkeitsstörungen

Zweite Auflage, 2022

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:

Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)

Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)

Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)

Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)

Dr. Barbara Heitger (Wien)

Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)

Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)

Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)

Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)

Dr. Roswita Königswieser (Wien)

Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)

Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)

Tom Levold (Köln)

Dr. Kurt Ludewig (Münster)

Dr. Burkhard Peter (München)

Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)

Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)

Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)

Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)

Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)

Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)

Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)

Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)

Jakob R. Schneider (München)

Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg)

Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)

Dr. Therese Steiner (Embrach)

Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin † (Heidelberg)

Karsten Trebesch (Berlin)

Bernhard Trenkle (Rottweil)

Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)

Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)

Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)

Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)

Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)

Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)

Reihe »Störungen systemisch behandeln«, Band 6

hrsg. von Hans Lieb und Wilhelm Rotthaus

Reihengestaltung: Uwe Göbel

Umschlag und Satz: Heinrich Eiermann

Printed in Germany

Zweite Auflage, 2022

ISBN 978-3-8497-0144-4 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8047-0 (ePUB)

© 2016, 2022 Carl-Auer-Systeme Verlag

und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Carl-Auer Verlag GmbH

Vangerowstraße 14 · 69115 Heidelberg

Tel. +49 6221 6438-0 · Fax +49 6221 6438-22

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Inhalt

Vorwort der Herausgeber

Vorwort

1 Einleitung

1.1 Persönlichkeitsstörungen systemisch konzeptualisieren – geht das überhaupt?

Was dieses Buch kann und will

1.2 Grundsätze systemischer Therapie

1.3 Erste Ideen zur »Eingemeindung«: Über den Umgang mit »Unterschieden, die einen Unterschied machen«

1.4 Ein »secret turn«? Von der Kybernetik zur Synergetik – aktuelle Entwicklungen in der systemischen Metatheorie

1.5 Warum es »Sinn« macht, sich dem Phänomen »Persönlichkeitsstörung« systemisch anzunähern

2 Klinisches Erscheinungsbild

2.1 Persönlichkeitsdiagnostik

2.1.1 Anforderungen an eine »wissenschaftliche« Ordnung in diesem Phänomenbereich

2.2 Zur Diagnose von »Persönlichkeitsstörungen«

2.3 Beschreibung

2.3.1 Paranoide »Persönlichkeitsstörung« (ICD-10: F60.0)

2.3.2 Schizoide »Persönlichkeitsstörung« (ICD-10: F60.1)

2.3.3 Dissoziale »Persönlichkeitsstörung« (ICD-10: F60.2)

2.3.4 Emotional-instabile »Persönlichkeitsstörung« (ICD-10: F60.30)

2.3.5 Borderline-»Persönlichkeitsstörung« (ICD-10: F60.31)

2.3.6 Histrionische »Persönlichkeitsstörung« (ICD-10: F60.4)

2.3.7 Zwanghafte »Persönlichkeitsstörung« (ICD-10: F60.5)

2.3.8 Ängstliche (vermeidende) »Persönlichkeitsstörung« (ICD-10: F60.6)

2.3.9 Dependente »Persönlichkeitsstörung« (ICD-10: F60.7)

2.3.10 Narzisstische »Persönlichkeitsstörung« (ICD-10: F60.8)

2.4 Differenzialdiagnosen und Komorbidität

2.5 Kritik an der gängigen Persönlichkeitsstörungsdiagnostik nach ICD und DSM

2.6 Epidemiologie

2.6.1 Prävalenz

2.6.2 Ätiologie

2.6.3 Verlauf

2.7 Diagnostische Verfahren

2.7.1 OPD – Operationalisierte psychodynamische Diagnostik

2.7.2 STIPO – Strukturiertes Interview zur Persönlichkeitsorganisation

3 Erklärungsmodelle

3.1 Psychodynamisches Störungsverständnis

3.1.1 Otto Kernberg und die Objektbeziehungstheorie

3.1.2 Die übertragungsfokussierte Therapie (Transference Focused Psychotherapy, kurz »TFP«)

3.1.3 Strukturbezogene Therapie (Gerd Rudolf)

3.1.4 Peter Fonagy, J. G. Allen und das Konzept der Mentalisierung

3.2 Verhaltenstherapeutisches Störungsverständnis (kognitive Verhaltenstherapie, Dialektisch-Behaviorale Therapie und Schematherapie)

3.2.1 Dialektisch-Behaviorale Therapie der Borderline-Störung

3.2.2 Schematherapie bzw. Schemamodustherapie

3.3 Ein neurowissenschaftliches Verständnis: das MED-Modell

3.4 Systemisches Störungsverständnis: die kybernetische Sichtweise von Problemen

3.4.1 Was sind Fühl-Denk-Verhaltens-Programme? Ein Blick in die Affektlogik Luc Ciompis

3.4.2 Die synergetische Sichtweise

3.4.3 Das hypnosystemische Modell: Das Ganze ist auch die Summe seiner Teile

3.5 Notwendige Entwicklungen systemischer Therapie im Kontext von »Persönlichkeitsstörungen«

3.5.1 Sammellinse statt Zerstreuungslinse: FDV-Muster erfassen, benennen und bearbeiten

3.5.2 Professionelles Fallverständnis unter Berücksichtigung der strukturellen Fähigkeiten

3.5.3 Konzeptualisierung der spezifischen Anforderungen an die therapeutische Beziehung

3.5.4 Entwicklung spezifischer gruppentherapeutischer und stationärer Angebote

3.5.5 Integration von psychoedukativen Elementen

4 Therapeutisches Vorgehen

4.1 Der systemische Beitrag im schulenübergreifenden Diskurs

4.1.1 Strukturelle Kopplung – das Erkennen der kommunikativen bzw. interaktionellen Operationsregeln

4.1.2 Arbeiten mit der Narrenkappe oder: Humor und sanfte Ironie zum Managen von Ambivalenzen

4.2 Einladungen zu bestimmten interaktionellen Mustern erkennen und utilisieren

4.2.1 »Ihre Erzählung ist aus mehreren Gründen sehr beeindruckend« – die narzisstische Logik (ICD-10: F60.8)

4.2.2 »… als ob dann dieser Film in Ihnen abläuft« – die Borderline-Logik (ICD-10: F60.31)

4.2.3 »Und ab der vierten Kontrolle sagen Sie sich einfach: Das mach ich jetzt nur für mich!« – die zwanghafte Logik (ICD-10: F60.5)

4.2.4 »Bleiben Sie auf der Hut, das ist wirklich nützlich« – die paranoide Logik (ICD-10: F60.0)

4.2.5 »Immer wen zu finden, der Ihnen hilft – also das ist doch höchst kompetent« – die abhängige Logik (ICD-10: F60.7)

4.2.6 Weitere mögliche Einladungen in der Interaktion mit Menschen mit Persönlichkeitsstörungen

4.2.7 Nutzung von Einladungen im Kontext von Teamsupervision

4.2.8 Einladungen und Muster im Rahmen beruflicher Rehabilitation

4.3 Störungsspezifische Besonderheiten systemischer Therapie im Umgang mit »Persönlichkeitsstörungen«

4.3.1 Entwicklung von Expertenschaft statt einer Haltung des Nicht-Wissens

4.3.2 Auf einen Blick: wesentliche Modifikationen systemischer Grundprinzipien

4.3.3 Expertenschaft in der Muster-Erkennung: der innere Fragenkatalog

4.3.4 Expertenschaft versus Auftragsorientierung: die dosierte Selbstbeauftragung

4.3.5 Expertenschaft in der Entwicklung realistischer Therapieziele: Langsamkeit, Kleinschrittigkeit und Bescheidenheit

4.3.6 Expertenschaft in der Beziehungsgestaltung: die Mühen der Meta-Ebene

4.3.7 Expertenschaft in der Sichtbarmachung des dysfunktionalen Musters: Förderung des beobachtenden Selbst

4.3.8 Expertenschaft in der Konsensualisierung der »Störung«: Kosten und Nutzen des dysfunktionalen Erlebens und Verhaltens überprüfen

4.4 Bearbeitung dysfunktionaler Muster

4.4.1 Grundlegende Prinzipien

4.4.2 Einführen eines sinnstiftenden Narratives

4.4.3 Teilearbeit zur Aktivierung neuer FDVK-Programme

4.4.4 Stabilisierung neuer Erlebens- und Verhaltensweisen

4.5 Was ist anders? Was ist gleich?

4.5.1 Der zentrale Unterschied: das professionelle Fallverständnis

4.5.2 Die gängigen Interventionen in den Dienst der Veränderung stellen

4.5.3 Welche systemischen Konzepte sich weniger eignen: »One size does not fit all«

4.6 Grenzen der Behandelbarkeit im niedergelassenen Bereich – Anforderungen an ambulantes Krisenmanagement

4.7 Psychopharmakologische Therapie

4.8 Umgang mit Diagnosen

4.9 Mehr-Personen-Setting

4.10 Implikationen für die Ausbildung

5 Fallbeispiel: Ein Patient mit narzisstischem Muster im tagesklinischen Setting

Literatur

Über die Autoren

Vorwort der Herausgeber

Ursprünglich ein querdenkendes Außenseiterkonzept, hat sich der systemische Ansatz heute in vielen Bereichen der Therapie und der Beratung theoretisch wie praktisch etabliert. Auch Vertreter anderer Schulen bereichert er mittlerweile in ihrer Arbeit. Die Etablierung eines Paradigmas birgt für dieses selbst aber auch Risiken, weil sie stets mit der Verfestigung von Denk- und Handlungsgewohnheiten einhergeht. Die Reihe Störungen systemisch behandeln stellt sich vor diesem Hintergrund zwei Herausforderungen: Nichtsystemischen Behandlern und Vertretern anderer Therapierichtungen soll sie komprimiert und praxisorientiert vorstellen, was die systemische Welt im Hinblick auf bestimmte Störungsbilder zu bieten hat. Innerhalb der Systemtherapie steht sie für eine neue Phase im Umgang mit dem Konzept von »Störung« und »Krankheit«.

Historisch gesehen war einer ersten Phase mit erfolgreichen Konzepten zu Krankheitsbildern wie Schizophrenie, Essstörungen, psychosomatischen Krankheiten und affektiven Störungen eine zweite Phase gefolgt, die geprägt war von einem gezielten Verzicht oder einer definitiven Ablehnung aller Formen störungsspezifischer Codierungen. In jüngerer Zeit wenden sich manche Vertreter der systemischen Welt wieder störungsspezifischen Konzepten und Fragen zu – und werden von anderen dafür deutlich attackiert. Diese neue Welle ist bedingt durch die Anerkennung der Systemtherapie als wissenschaftliches Heilverfahren, durch den Antrag auf deren sozialrechtliche Anerkennung und nicht zuletzt dadurch, dass viele im klinischen Sektor systemisch arbeitende Kollegen täglich gezwungen sind, sich zu störungsspezifischen Konzepten zu positionieren.

Die systemische Welt hat hierzu einiges anzubieten. Die Reihe Störungen systemisch behandeln will zeigen, dass und wie die Systemtheorie mit traditionellen diagnostischen Kategorien bezeichnete Phänomene ebenso gut und oft besser beschreiben, erklären und mit hoher praktischer Effizienz behandeln kann. Sie verfolgt dabei zwei Ziele: Zum einen soll systemisch arbeitenden Kollegen das große Spektrum theoretisch fundierter und praktikabler systemischer Lösungen für einzelne Störungen zugänglich gemacht werden – ohne das Risiko, die eigene systemische Identität zu verlieren, im besten Fall sogar mit dem Ergebnis einer gestärkten systemischen Identität. Gleichzeitig soll nicht-systemischen Behandlern und Vertretern anderer Schulen das umfangreiche systemische Material an Erklärungen, Behandlungskonzepten und praktischen Tools zu verschiedenen Störungsbildern auf kompakte und nachvollziehbare Weise vermittelt werden.

Verlag, Herausgeber und Autoren bemühen sich, einerseits eine für alle Bände gleiche Gliederung einzuhalten und andererseits kreativen systemischen Querdenkern die Freiheit des Gestaltens zu lassen.

An die Stelle der Abgrenzung und der Konkurrenz zwischen den verschiedenen Therapieschulen ist heute der Austausch zwischen ihnen getreten. Die Reihe »Störungen systemisch behandeln« versteht sich als ein Beitrag zu diesem Dialog.

Dr. Hans Lieb, Dr. Wilhelm Rotthaus

Vorwort

Lange Zeit war die Reflexion therapeutischen Vorgehens unter störungsspezifischer Perspektive in der systemischen Therapie verpönt. Zwar durften gewisse Störungen, wie z. B. Essstörungen, auch als solche benannt und mit Expertenwissen angereichert werden (so wäre die systemische Therapie um einiges ärmer, hätte z. B. die Mailänder Schule sich nicht explizit mit der Anorexia nervosa oder Giorgio Nardone sich nicht mit Angststörungen auseinandergesetzt), manche Störungsbilder schafften es jedoch nie, im systemischen Diskurs einen Platz zu finden – und, wenig überraschend, gehören die Persönlichkeitsstörungen zu dieser Kategorie. »Unter der Hand« werden zwar Begriffe wie »Borderline« oder »Narzisstische Störung« in Supervisionen immer wieder benutzt, »offiziell« jedoch haben »Persönlichkeitsstörungen« bis heute kaum ihren Platz in der systemischen Fachliteratur gefunden. Dieses Buch wurde daher vor allem geschrieben, um dieses »Tabu« zu brechen und aufzuzeigen, wie das Konzept »Persönlichkeitsstörung« in systemisches Denken integriert werden kann und wie systemische Therapeuten1 in diesem Kontext verantwortungsvoll und professionell arbeiten können, ohne ihre »systemische Identität« hinter sich lassen zu müssen.

In der Auseinandersetzung mit den berufsspezifischen Anforderungen in ihren Arbeitskontexten entwickelten die Autoren über viele Jahre teils unabhängig voneinander Konzepte und Ideen zu dieser Störungsgruppe:

Elisabeth Wagner arbeitete als Psychiaterin und Psychotherapeutin auf Psychotherapiestationen psychiatrischer Abteilungen und in der forensischen Psychiatrie (u. a. auf einer forensischen Begutachtungsstation) – Settings also, in denen unterschiedliche Berufsgruppen und Therapieschulen aufeinandertreffen und in denen »Persönlichkeitsstörungen« mit weit weniger »Enthaltsamkeit« benannt und therapiert werden. Um in diesem Kontext professionell anschlussfähig zu bleiben, war es für sie als damals junge Systemikerin notwendig, sich mit den Konzepten anderer Therapiemethoden im Umgang mit »Persönlichkeitsstörungen« auseinanderzusetzen. In ihrer späteren Identität als Lehrtherapeutin für systemische Therapie versuchte sie, den Phänomenbereich »Persönlichkeitsstörung« sowohl auf theoretischer als auch auf therapiepragmatischer Ebene für systemische Therapeuten anschlussfähig zu machen, und bietet regelmäßig systemische Fortbildungen zum Thema »Persönlichkeitsstörungen« an. Dr. Wagner ist daher vor allem für die theoretischen und methodologischen Teile dieses Buches verantwortlich, inklusive der Diskussion der Behandlungskonzepte anderer »Schulen« und der Entwicklung des systemischen Störungsverständnisses.

Katharina Henz ist systemische Therapeutin, Soziologin und Kulturwissenschaftlerin, arbeitet vor allem in freier Praxis und als Supervisorin und hat ihre Sichtweise und Erfahrungen daher auch »aus der Praxis« beigesteuert. Die Arbeit auf einer Psychotherapiestation mit Schwerpunkt »Borderline«, aber vor allem die alltäglichen Herausforderungen mit »besonderen« Klienten im ambulanten Setting haben sie dazu gebracht, sich intensiv mit Behandlungskonzepten und notwendigen Modifikationen des therapeutischen Vorgehens zu beschäftigen. Sie zeichnet vor allem für die Fallbeispiele in diesem Buch verantwortlich, hat aber auch das systemische Störungsverständnis und die »Eingemeindung« bzw. Anbindung an bereits bestehende systemische Ideen mitentwickelt.

Heiko Kilian, Autor von Abschnitt 4.2 und Kapitel 5, arbeitete viele Jahre als psychologischer Therapeut im klinischen Bereich (u. a. in einem psychiatrischen Zentrum inkl. Tagesklinik) und ist heute u. a. als Supervisor in psychiatrischen, rehabilitativen und Jugendhilfeeinrichtungen tätig. Als »Systemiker der ersten Stunde« machte er die Erfahrung, dass das damals übliche, durch die Mailänder Schule geprägte systemische Gesprächsinventar bei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen nur eingeschränkt funktionierte, da diese nur selten in der Lage waren, auf zirkuläre oder hypothetische Fragen einzugehen. Angeregt durch Gunthard Weber entwickelte er das Konzept der jeweils typischen interaktionellen »Einladungen« und verfasste in weiterer Folge die ersten Publikationen, die sich innerhalb der systemischen Fachliteratur differenziert mit den Anforderungen in der Behandlung von »Persönlichkeitsstörungen« auseinandersetzten. Um diesen genuin systemischen Beitrag zu würdigen, wurde Heiko Kilian gebeten, seine Überlegungen zu aktualisieren und im Abschnitt »Einladungen zu bestimmten interaktionellen Mustern erkennen und utilisieren« sowie in der Fallgeschichte am Ende des Buches darzustellen.

Die Autoren hoffen, mit diesem Buch die systemische Auseinandersetzung mit »Persönlichkeitsstörungen« angeregt und einen Beitrag geliefert zu haben, an dem man sich reiben oder den man vertiefen kann. Vor allem aber hoffen sie, dass die Diskussion aufgenommen und weitergeführt wird!

Elisabeth Wagner, Katharina Henz, Heiko KilianWien und Wiesloch im April 2016

1 Auf ausdrücklichen Wunsch des Verlages wird in diesem Buch ausschließlich die männliche Form verwendet.

2 Klinisches Erscheinungsbild

2.1 Persönlichkeitsdiagnostik

Bevor wir uns mit der Diagnose »Persönlichkeitsstörung« auseinandersetzen, soll kurz der Begriff »Persönlichkeit« reflektiert werden. In der Psychologie versteht man unter »Persönlichkeit« vor allem die zeitlich überdauernden Eigenschaften und Verhaltensweisen eines Menschen, die in ihrer jeweiligen Konstellation seine Reaktionen erklären und Vorhersagen auf sein künftiges Verhalten ermöglichen:

»Persönlichkeit ist die mehr oder weniger stabile und dauerhafte Organisation des Charakters, Temperaments, Intellektes und Körperbaus eines Menschen, die seine einzigartige Anpassung an die Umwelt bestimmt« (Eysenck 1970).

Definitionen wie diese stammen aus der differenziellen Persönlichkeitspsychologie und fokussieren zeitunabhängige interindividuelle Unterschiede weitgehend stabiler Merkmale zwischen Personen (typen). Für jede Typologie von Persönlichkeiten müssen im Vorfeld einige Entscheidungen getroffen werden:

Zeitliche Stabilität wird zuungunsten einer Dynamik im Entwicklungsprozess favorisiert.

Situative Permanenz wird zuungunsten von Situationsabhängigkeit favorisiert.

Der Fokus wird auf interne Attribution gelegt, zuungunsten der Berücksichtigung sozialer Faktoren (vgl. die Konzepte der Sozialpsychologie – hier wird eben gerade die Bedeutung sozialer Umwelten für die Persönlichkeit/-sentwicklung fokussiert).

Statt individueller Beschreibung einer Person werden Typen konstruiert und Personen diesen Typen zugeordnet.

2.1.1 Anforderungen an eine »wissenschaftliche« Ordnung in diesem Phänomenbereich

Diagnoseschemata dienen vor allem einem Ziel: der Komplexitätsreduktion durch kategoriale (typologische) oder dimensionale Klassifikationen. Jede Klassifikation beruht auf der Einordnung von Phänomenen, die bestimmte gemeinsame Merkmale haben, in ein Ordnungssystem. Ein ideales Persönlichkeitsdiagnosesystem müsste jedem Individuum nach festgelegten Zuordnungsregeln einen Platz zuweisen und in dieser »Schublade« dürften sich dann nur sehr ähnliche Personen finden, die sich von den Personen in allen anderen Schubladen deutlich genug unterscheiden. Eine Ordnung dieser Art wird zum Beispiel durch das Periodensystem realisiert: Hier werden die Elemente, die die Natur hervorgebracht hat, entsprechend der Ordnung, die die Natur hervorgebracht hat, unterschieden: Kernladung, Zahl der Elektronenhüllen und Zahl der Elektronen in der äußersten Hülle. Kennt man diese Merkmale, kann man die chemischen Eigenschaften eines Elements genau voraussagen. Die Kriterien der Unterscheidung sind nicht beliebig, sondern entsprechen der »natürlichen Ordnung«.

Es versteht sich von selbst, dass es eine vergleichbare »natürliche Ordnung« im Bereich von Persönlichkeit nicht gibt. Es muss also eine »vernünftige Ordnung« geschaffen werden, statt einer beliebigen Kombination von »Charaktereigenschaften«. In diesem Zusammenhang hat sich in der differenziellen Persönlichkeitspsychologe das sogenannte »Big-Five«-Modell durchgesetzt. Die »Big Five« wurden in den letzten zwanzig Jahren in über 3.000 wissenschaftlichen Studien verwendet und gelten heute international als das Standardmodell in der Persönlichkeitsforschung. Die fünf Dimensionen werden folgendermaßen definiert (vgl. u. a. John, Naumann u. Soto 2008):

Extraversion

Verträglichkeit

Gewissenhaftigkeit

Neurotizismus

Offenheit des Denkens (bzw. für Erfahrungen)

»Extraversion« (bzw. »Introversion«) beschreibt die Aktivität einer Person und ihr zwischenmenschliches Verhalten. In manchen Quellen wird auch von »Begeisterungsfähigkeit« gesprochen. Personen mit hohen Extraversionswerten sind gesellig, aktiv, gesprächig, personenorientiert, herzlich, optimistisch und heiter. Sie sind zudem empfänglich für Anregungen und Aufregungen.

Introvertierte Personen sind hingegen zurückhaltend bei sozialen Interaktionen, gerne allein und unabhängig. Sie können auch sehr aktiv sein, aber weniger in Gesellschaft.

»Verträglichkeit«