Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Dass alles eine Frage der Perspektive sei, scheint selbst kaum mehr eine Frage der Perspektive zu sein. Die Vorschussplausibilität dieser Position verdeckt jedoch die Differenzen innerhalb des Perspektivismus. Zum einen kann damit die Gebundenheit unserer Sichtweisen gemeint sein, die je nach Standort wechseln; zum anderen kann zum Ausdruck gebracht werden, dass unterschiedliche Annahmen, Interessen oder Ziele dazu führen, 'denselben' Gegenstand unterschiedlich zu betrachten; zudem haben wir es mit oft divergenten, ja unvereinbaren Überzeugungen zu tun, wie in einer bestimmten Situation zu handeln ist. Es lassen sich demnach verschiedene Versionen des Perspektivismus unterscheiden: eine epistemische, die die Unhintergehbarkeit der Perspektive verdeutlicht, zumal ohne sie gar nichts zu erkennen wäre; eine hermeneutische, die unterstreicht, dass ein Gegenstand nicht selbst bestimmt, wie er verstanden werden könnte; und eine moralische, die den Konflikt zwischen Überzeugungen und Werten verarbeitet. Lässt sich trotz dieser Differenzen eine einheitliche Position formulieren, die das Etikett des Perspektivischen verdient? Liegen hierin womöglich Chancen, die Alternative zwischen relativistischen und realistischen Positionen zu unterlaufen? Und diese Alternative ließe sich selbst noch einmal auf den Perspektivismus anwenden: Ist das Perspektivische eine Eigenschaft der betrachteten Gegenstände oder verdankt es sich unseres Zugriffs auf sie? Und wie steht es um die Grenzen des Perspektivismus: Wo und wann beendet das uns ganz Gewisse den Pluralismus perspektivischer Offenheit? Könnte man nicht zuletzt gar der Perspektivlosigkeit etwas abgewinnen? Mit Beiträgen von Christine Abbt, Johanna Breidenbach, Lisa Heller, Andreas Mauz, David Lauer, Anton Leist, Hartmut von Sass, Niko Strobach, Jakob Tanner, Holm Tetens, Dieter Thomä, David Weberman, Markus Wild und Véronique Zanetti.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 420
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Hartmut von Sass (Hg.)
Neue Beiträge aus der Erkenntnistheorie, Hermeneutik und Ethik
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographischeDaten sind im Internet über ‹http://portal.dnb.de› abrufbar.
eISBN (PDF) 978-3-7873-3533-6eISBN (ePub) 978-3-7873-3689-0
www.meiner.de
© Felix Meiner Verlag Hamburg 2019. Alle Rechte vorbehalten. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übertragungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, soweit es nicht §§ 53, 54 UrhG ausdrücklich gestatten. Konvertierung: Bookwire GmbH.Für Links mit Verweisen auf Webseiten Dritter übernimmt der Verlag keine inhaltliche Haftung. Zudem behält er sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings (§ 44 b UrhG) vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Vorwort
Hartmut von SassPerspektiven auf die Perspektive
I. Standortgebundenheit. Zum epistemischen Perspektivismus
Markus WildNietzsches Perspektivismus
Niko StrobachRealität und Metaphorik der Perspektive
Holm TetensDie Wahrheit ist nicht relativ, aber die Welt ist aspektisch
II. So – und anders verstehen. Hermeneutischer Perspektivismus
David WebermanHermeneutischer Perspektivismus
Andreas MauzEins, zwei, viele
Johanna BreidenbachDas Gebet als Perspektivenwechsel
III. Konflikte und Dilemmata. Perspektivismus aus ethischer Sicht
Véronique ZanettiMoralische Dilemmata, schmutzige Hände und Kompromisse
Anton LeistWertepluralismus als offenes Spiel
Christine AbbtMit anderen Augen
Dieter ThomäPerspektivismus und politische Störung
Angaben zu den Autorinnen und Autoren
Die hier versammelten Beiträge gehen auf eine dreiteilige Veranstaltungsreihe zum Perspektivismus zurück, die im akademischen Jahr 2016/17 am Zürcher Ludwik-Fleck-Zentrum für Wissenschaftsphilosophie stattgefunden hat. Der Aufbau des Bandes spiegelt den Aufbau dieser Reihe, die zunächst erkenntnistheoretischen Fragen, sodann hermeneutischen Problemen und schließlich moralphilosophischen Themen gewidmet gewesen war. Diese unterschiedlichen Perspektiven auf die Perspektive in drei Abschnitten zu behandeln, schließt selbstverständlich weder aus, dass es weitere, hier oft nur angedeutete Perspektiven auf das Thema gibt, noch dass jene divergenten Zugänge nicht zahlreiche Allianzen miteinander eingingen.
Ich freue mich, dass alle Vortragenden ihre Texte im Lichte der gemeinsamen Diskussion noch einmal betrachtet haben, sodass der vorliegende Band nicht nur eine Sammlung isolierter Beiträge geblieben ist, sondern von den Gesprächen und Einwänden wirklich profitieren konnte. Mein Dank geht vor allem an Marcel Simon- Gadhof vom Felix Meiner Verlag für sein Interesse an diesem kleinen Projekt und für die sehr gute Zusammenarbeit.
Zürich, im Herbst 2018
Hartmut von Sass
Hartmut von Sass
Man wird diese Frage wohl bejahen müssen, solange man in den Sprachspielen des Optischen verbleibt – sei es im Blick (sic!) auf die alltägliche Wahrnehmung, sei es in der Betrachtung von Gemälden oder gar in deren Hervorbringung. »Keine Perspektive« (mehr) zu haben, deutet nicht nur auf das Schwinden der Hoffnung im gewöhnlichen Leben, sondern auch auf die Ratlosigkeit, wie jener Zustand denn überwunden werden könnte; aber selbst das bleibt perspektivisch. Und die Perspektive zu leugnen, wenn man als Maler oder Kunstliebhaber (oder beides zugleich) vor einem Bild steht, verriete nur die fehlende Einsicht (sic!) in die eigene Standortgebundenheit, ob nun in einer Zentralperspektive oder mit anderen Modi perspektivischer Darstellung.
Schon an dieser kleinen Skizze aus zwei exemplarischen Feldern, Alltag und Kunst, sieht (sic!) man, wie sehr unsere Sprache von jenen optischen Wendungen durchzogen ist: Blick, Einsicht, Sehen. Und mit ihnen ist die Perspektive schon immer mitgesetzt, sei es als Form der Ermöglichung, überhaupt etwas zu erkennen, sei es im Bedauern darüber, aus dem perspektivischen Rahmen nicht herauszukommen, um in ein Jenseits der Gebundenheit an jenen unsichtbaren Begleiter zu gelangen: the view from nowhere! Aber auch das bleibt ja eine – utopische – Perspektive.
Nun haben diese optischen Wendungen auch in ganz andere Bereiche Eingang gefunden, sodass sie unsere epistemischen Einstellungen, unsere Weisen des Verstehens, aber auch die Vielfalt unserer moralischen Urteile zu artikulieren helfen. Während das perspektivische Element im Erkennen noch nahe an der alltäglichen Rede von der Allgegenwart der Perspektive bzw. dem künstlerischen Interesse oder Ausdruck verbleibt,1 entfernen wir uns von diesem Hintergrund spätestens, wenn es um hermeneutische und moralische Perspektiven geht. Hier wird der metaphorische Charakter jener optischen Sprachspiele deutlich, sowohl ihr Mehrwert, aber auch ihre Limitierungen; denn offenbar ist im Erkennen, Verstehen und Handeln nicht alles eine Frage der Perspektive. Die optischen Metaphern führen ihr Eigenleben, das vieles sichtbar werden lässt, was erklärt, warum wir sie überhaupt verwenden; das aber auch Verwirrungen stiften kann, wodurch nur noch einmal deutlicher wird, dass es sich eben um metaphorische Übertragungen, nicht um »reine Beschreibungen« handelt.
Nun soll es im vorliegenden Band genau um jenes perspektivische Element in Bezug auf epistemische, hermeneutische und moralisch signifikante Kontexte und Arrangements gehen. Wie steht es um das Trio von Standort, Gegenstand und Horizont? – eine Dreifaltigkeit, die durch die Perspektive zusammengehalten wird, sofern jemand über eine Perspektive auf etwas in einem konkreten Kontext verfügt. Wie kommen unterschiedliche Perspektiven des Verstehens von etwas zustande und wie verhalten sie sich zueinander? – eine Frage, die erst durch die Erfahrung, etwas so und zuweilen auch anders verstehen zu können oder gar zu müssen, akut wird. Und wie verarbeiten wir die divergenten, zuweilen inkompatiblen Normen, Urteile und Empfindungen hinsichtlich moralischer Herausforderungen? – ein Problem, das insbesondere bei moralischen Dilemmata virulent wird. In allen drei Kontexten – Erkennen, Verstehen und Handeln – tauchen Perspektiven auf; für ihre Beschreibung bedienen wir uns optischer Metaphern inklusive der ›Perspektive‹; und in jedem dieser Bereiche berühren wir zugleich die Grenzen des Metaphorischen, indem auch die Perspektiven etwas Nicht-Perspektivisches freilegen werden. Also, alles eine Frage der Perspektive? Das mag oft und auch für diese Frage selbst zutreffen – und doch lautet die Antwort: nein!
Dass nicht alles eine Frage der Perspektive ist, heißt zugleich, dass genau dies oftmals der Fall ist. Hier eine kleine Szene, die deutlich macht, von welchen Szenarien ein Perspektivismus seinen Ausgang nimmt. Stellen wir uns drei Personen vor, die vor einem Gemälde in einer Galerie stehen. Die erste Person sei eine Vertreterin von Sotheby’s, die den Wert des Bildes abzuschätzen versucht. Die zweite Person sei eine Kunstliebhaberin, die sich am Gemälde erfreut. Und schließlich gibt es eine Chemikerin, die vor dem Bild steht und es auf sein Material und dessen stoffliche Zusammensetzung prüft. Drei Personen – ein Gegenstand; und drei Weisen, sich auf diesen zu beziehen: monetär, ästhetisch und chemisch.
Das Gemälde lässt diese Perspektiven auf sich zu; metaphorisch könnte man auch sagen: Es entbindet sie oder setzt sie aus sich heraus und frei. Diese und mögliche weitere Perspektiven reichern unser Wissen über das Gemälde und unsere Einstellungen zu ihm an, ohne durch Addition zu einer ›vollständigen‹ Beschreibung führen zu müssen. Zudem sind die drei skizzierten Zugänge nicht nur miteinander vereinbar und enthalten keinerlei Spannungen zueinander, sondern sie sind auch aufeinander irreduzibel. Aus der monetären Bewertung des Bildes ergibt sich nicht dessen ästhetischer Wert und schon gar keine chemische Auskunft. Diese materiale Dimension wiederum terminiert nichts Materielles und schon gar nichts Ästhetisches – usw.2
Jenes Szenario kann man weiter ausbauen bzw. man kann ihm noch zusätzliche Wendungen geben. So ließe sich eine weitere Person denken, die für Sotheby’s Konkurrenz arbeitet und zu einem ganz anderen Ergebnis kommt als die Kollegin aus London. Auch hier dürfte von zwei Perspektiven die Rede sein, allerdings sind sie gerade auf Grund derselben Hinsicht, dem Monetären, unvereinbar, weil nur eine der beiden Marklerinnen recht haben kann. Darüber hinaus ließe sich ein quasi-naturalistisches Manöver vortragen, das analog zur Reduktion aller Beschreibungen auf naturalistische, ggf. gar physikalistische Sätze alle ästhetischen Wertungen auf chemische Fakten oder geldwerte Leistungen zurückführen wollte. Darin läge der zwar aus meiner Sicht unplausible, aber immerhin denkbare Versuch, die Irreduzibilität der Perspektiven doch noch aufzulösen, indem sie auf eine grundlegende Deskription zurückgeführt werden.3 Und zuletzt ließe sich das Szenario in einem ganz anderen Punkt abwandeln, sodass unsere drei Freundinnen, die Vertreterin von Sotheby’s, die Kunstliebhaberin und die Chemikerin in Wahrheit nicht drei Individuen sind, sondern ein und dieselbe Person. Nichts spricht im vorliegenden Fall gegen multiple Karrieren und ganz unterschiedliche Interessensgebiete.
Mit Szenen wie dieser lässt sich die Vielfalt der Perspektiven und ihr Bezug zueinander zwar erläutern. Die Frage stellt sich aber nun, ob Beispiele wie das vorliegende zu einer eigenständigen Position – einem Perspektivismus – fortgeschrieben werden könnten.4
Eine Perspektive zu haben, ist eines; sich ihrer bewusst zu sein, ein anderes. Erst in diesem zweiten Fall kann von einer lebensweltlichen und zuweilen gar theoretischen Einstellung gesprochen werden.5 Von dieser doppelten Perspektive, der faktischen und der reflektierten, ist noch einmal die Lehre von der Perspektive zu unterscheiden. Zwar ist die Rede vom Perspektivismus nicht ungebräuchlich, hat aber nur zögerlich Eingang in den Begriffshaushalt der (gegenwärtigen) Philosophie gefunden und ist letztlich ein marginales Etikett geblieben.6 Dies lässt sich auf zwei Gründe zurückführen: Zum einen sind Probleme, die im Perspektivismus als einem theoretischen Lehrstück verhandelt werden, in einem anderen, weitaus prominenteren Ismus beheimatet, dem Realismus. Fragen der Standortgebundenheit, der sprachlichen und kulturellen Hintergründe von Sichtweisen, Überzeugungen oder propositionalen Einstellungen, aber auch der generellen Relativität unseres Wirklichkeitbezugs tragen nun einmal das realistische Label oder seine entsprechenden Gegenbesetzungen wie Nicht-, Anti- oder Quasi-Realismus. Insofern ist der Perspektivismus als Bezeichnung für eine eigenständige Position entweder verdrängt oder in einen größeren thematischen Zusammenhang als dessen Implikation oder Subprojekt integriert worden.7 Zum anderen mag die Marginalisierung des Perspektivismus der Nähe zu relativistischen Positionen geschuldet sein, sodass ungute Konnotationen wie Beliebigkeit oder der Mangel an ernsthaftem Realitätssinn eben jene Position diskreditierten.
Diese zweite Erwägung ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Bekanntlich hat sich Friedrich Nietzsche als einer der wenigen des Perspektivismus als Label bedient und in seiner Genealogie der Moral ein entsprechendes Programm lanciert:
»Es giebt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches ›Erkennen‹; und je mehr Affekte wir über eine Sache zu Wort kommen lassen, je mehr Augen, verschiedne Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, umso vollständiger wird unser ›Begriff‹ dieser Sache, unsre ›Objektivität‹ sein. Den Willen aber überhaupt eliminiren, die Affekte sammt und sonders aushängen, gesetzt, dass wir dies vermöchten: wie? hiesse das nicht den Intellekt castriren? (…)«8
Die hier behauptete Exklusivität perspektivischen Sehens und Erkennens ist häufig als anti-realistisches Manifest verstanden worden, wobei diese Lesart mit Verweis auf Nietzsches Absage an einen haltbaren Begriff der Wahrheit – die eben nur ein »bewegliches Heer von Metaphern« sei9 – gestützt wird. Es mag bei der Reserve gegenüber dem Perspektivismus als einer philosophischen Selbstbeschreibung eine Rolle gespielt haben, einer Allianz mit Nietzsches (angeblicher?) Laissez-faire-Haltung aus dem Weg zu gehen.10
So ist es nicht überraschend, dass eine positive Rezeption Nietzsches als dem Philosophen des Perspektivismus stets mit einer Absage an überzogene Relativismen einhergeht. Im Anschluss an Nietzsche und Michel Foucault (und deren Begriff der Genealogie) hält etwa Raymond Geuss fest, dass beide Autoren Wissen und Erkenntnis nicht als System verstünden, sondern als ein »Gesichtsfeld des Menschen«11. Geuss fährt fort:
»Die natürliche Epistemologie, die sich mit der Genealogie verbindet, ist eine Form des Perspektivismus. Dieser Perspektivismus ist keine Spielart des Relativismus (…). Der Perspektivismus ist die Auffassung, dass sich die Geschichte unserer Gegenwart unendlich rückläufig erstreckt, dass sich aber das uns mögliche geistige Erfassen dieser Vergangenheit schließlich auf dieselbe Weise verliert.«12
Geuss verdeutlicht hier, dass das Perspektivische ein synchrones und diachrones Element enthält: Nicht nur unterschiedliche Positionen zum gleichen Zeitpunkt sind genuin perspektivisch, sondern durch die Zeit hinweg, gleichsam ›genealogisch‹, kann eine Perspektive von einer anderen als weiteres Element der »Geschichte unserer Gegenwart«13 abgelöst werden. Gerade diese Steigerung des Perspektivischen unterstreicht jedoch für Geuss, dass eben jene Perspektiven in Kontexte eingebettet sind, die die befürchtete Beliebigkeit dementieren: Über eine Perspektive zu verfügen im Wissen um deren Alternativen (synchron) bzw. deren Veränderbarkeit (diachron) muss gerade nicht heißen, in dem Nietzsche zugeschriebenen Sinn Relativist zu sein.14
Dann aber ist der Perspektivismus als ein eigenständiges Lehrstück keine Neuauflage eines überzogenen Relativismus, sondern Ausdruck eines kontextsensiblen Relationismus (oder einfacher: Kontextualismus). Und Positionen, die die Einbindung unserer Sichtweisen, Überzeugungen und propositionalen Einstellungen in lebensweltliche Zusammenhänge und deren Genese hervorheben, erfreuen sich immer noch einer gewissen Konjunktur – trotz der programmatischen Renaissance realistischer Positionen.15 So mag folglich die Rede vom Perspektivismus eine Marginalie geblieben sein, während die Rede von Perspektiven eine Weise ist, dem Ausdruck zu verleihen, was man als ein »postmetaphysisches Denken« (J. Habermas) auszeichnen könnte.16 Insofern Kernbegriffe wie Wahrheit, (absolute) Tatsachen, Objektivität, Vernunft oder Rationalität ihrerseits eine Depotenzierung durchlaufen haben, mag die Suche nach Wendungen, die einen Vorbehalt ›nach‹ dem metaphysischen Zeitalter formulieren, umso wichtiger sein. Dies gilt auch dann, wenn man – gerade in einer Ära der ›fake news‹ – an der Wiedergewinnung realistischer Zutaten für eine zeitgenössische Epistemologie interessiert ist.17 In dieser Zwischenstellung zwischen relationalen und realistischen Anliegen weist der Perspektivismus Familienähnlichkeiten mit so divergenten und in sich noch einmal weitverzweigten Positionen wie der Phänomenologie, der Hermeneutik und bestimmten Spielarten der Sprachphilosophie auf.
Diese Verwandtschaft macht sich bemerkbar, wenn man das grundsätzliche Anliegen einer perspektivistischen Position zu umschreiben versucht. Dabei sind folgende sechs Elemente hervorzuheben:
–Perspektiven ›gibt‹ es nicht, ohne dass es einen Träger gibt, der über eine Perspektive verfügt; sie kommen nicht als solche und d. h. ontologisch autark in der Welt vor, sondern ihr Status hängt wesentlich daran, dass sie durch ein Subjekt (oder ein Kollektiv) in die Welt gebracht werden; dies ist das subjektive Element.
–Perspektiven sind dabei stets Perspektiven für jemanden und von jemandem. So wie das Dual von rechts und links mit einem Subjekt ›in die Welt‹ oder ›zur Welt‹ kommt, verhält es sich auch mit der Standortgebundenheit der Perspektive; dies ist das indexikalische Element.
–Erkennen, Verstehen und Handeln sind an Perspektiven und an ein Subjekt als ihr Träger gebunden. Als indexikalische Muster bilden diese Perspektiven Ordnungen, die durch den jeweiligen Standort aufgespannt werden. Der subjektive Träger steht zugleich für die lokale, sprachliche und kulturelle Verortung der Perspektive, die ihrerseits von den Medien des Erkennens, Verstehens und Handelns, aber auch den Vorannahmen und Erwartungen als die beiden Pole der Perspektive abhängig sind. Durch das Erkennen, Verstehen und Handeln, das sie strukturieren, mögen sich die Perspektiven selbst verändern, verschieben oder stabilisieren; dies ist das dynamische Element.
–Neben dem subjektiv-indexikalischen Moment gibt es jedoch auch einen Gegenpol, der mit der Beschaffenheit des betrachteten Gegenstandes zu tun hat. Dabei geht es nicht allein darum, unterschiedliche Perspektiven zuzulassen, sondern darum, dem in Rede stehenden Gegenstand näher zu kommen, indem man ihn aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Der Gegenstand selbst verlangte dann danach, multi-perspektivisch behandelt zu werden; dies ist das objektive Element.
–Die Redeweise von einer Perspektive ist nur dann sinnvoll, wenn es Alternativen gibt; das ist ein analytisches Urteil und liegt damit im Begriff der Perspektive selbst. Oder knapp summiert: Wo es eine Perspektive auf x gibt, lässt x mindestens eine weitere zu; dies ist das pluralistische Element.
–Dabei verpflichtet sich der Perspektivismus gerade nicht auf die These, alles sei perspektivisch strukturiert (s.o.). Zwar trifft dies im skizzierten Sinn allermeist zu; doch gibt es Fälle im Erkennen, Verstehen und Handeln, in denen das perspektivische Element dadurch suspendiert ist, dass es aus Gründen der Evidenz, Eindeutigkeit oder gar moralischen Erwägungen keine Alternativen gibt bzw. geben darf; dies ist das konditionale Element des Perspektivismus.
Der Perspektivismus als philosophisches Lehrstück kann demnach wie folgt zusammengefasst werden: Erkennen, Verstehen und Handeln sind zumeist perspektivisch strukturiert, indem Perspektiven bestehend aus Vorannahmen, Medien und Erwartungen ein indexikales Muster aufspannen, das sich im Akt des Erkennens, Verstehens und Handelns verändern kann. Obgleich Perspektiven von einem Träger abhängen, kann es dabei der Gegenstand selbst erfordern, multi-perspektivisch betrachtet, verstanden oder bewertet zu werden. Der Perspektivismus endet dort, wo eine Perspektive exklusiv wird und Alternativen ausschließt.
Wo es eine Perspektive gibt, gibt es mindestens mehr als eine. Hat man eine Perspektive auf einen Gegenstand, stellt sich sogleich eine andere Perspektive ein, sobald man den Standpunkt ändert und einen anderen Blickwinkel einnimmt (epistemisch). Wenn man einen Text als Dokument seiner Zeit versteht, schließt das nicht aus, ihn auch unter anderen Gesichtspunkten, etwa sprachlichen oder narrativen, zu betrachten (hermeneutisch). Und bewertet man das Verhalten von jemandem in einer moralisch signifikanten Situation, lassen sich oftmals ganz unterschiedliche Positionen dazu vertreten (ethisch)18. Der Plural der Perspektiven stellt sich folglich in allen drei hier betrachteten Feldern ein.
Der Grund, warum es zu dieser Pluralität kommen kann, geht auf wiederum drei Quellen der Mehrdeutigkeit zurück. Gehen wir dazu von der einfachen – d. h. genau genommen: vereinfachten – hermeneutischen Formel aus, die besagt: Jemand versteht etwas als etwas durch etwas. Der Jemand, von dem hier die Rede ist, bildet die erste Quelle der Ambiguität, denn stets ist etwas für jemanden gegeben, und diese Für-Struktur ist nur das Etikett für die jeweiligen Prägungen, Werte und Präferenzen einer Person, die in das Verständnis von etwas einfließen. Insofern diese Prägungen, Werte und Präferenzen ihrerseits nicht eindeutig sind, kann das für eine Person Gegebene unterschiedlich erscheinen, d. h. erkannt, verstanden und bewertet werden.
Hinzu tritt die Durch-Struktur des Erkennens, Verstehens bzw. Bewertens, weil jene propositionalen Zustände medial, insbesondere sprachlich vermittelt sind. Legen wir ein anderes Vokabular an den Gegenstand, zumeist in Abhängigkeit von anderen Zielen des Erkennens, Verstehens bzw. Bewertens, kann sich zugleich das Erkennen, Verstehen bzw. Bewerten des Gegenstandes verschieben.19 Man denke noch einmal an unsere drei Begleiterinnen, die in der Gemäldegalerie stehen.
Die wichtigste der drei Pluralisierungsquellen steckt allerdings in der Als-Struktur des Verstehens. Dahinter liegt eine im Detail komplexe Quelle der Mehrdeutigkeit, die dafür sorgt, dass uns etwas zumeist nicht direkt gegeben ist oder als evident und alternativlos erscheint, sondern sich durch das Als eine Varianz im Erkennen, Verstehen und Bewerten aufspannt.20 In unserem Zusammenhang kommt es vor allem darauf an, dass dieses Als über einen subjektiven und objektiven Pol verfügt. Wie wir bereits gesehen haben, kann das Als vom betrachtenden, verstehenden oder bewertenden Subjekt (als Individuum oder Kollektiv) aus verstanden, d. h. auf dessen lokale, kulturelle, auch moralische Standortgebundenheit zurückgeführt werden: Etwas wird als etwas von jemandem (mit dessem Vorverständnis, Vorurteilen oder auch nur Urteilen, Erwartungen, Zwecken) erkannt, verstanden, bewertet. Es gibt aber zugleich ein objektives Pendant, welches auf die Pluralität im Erkennen, Verstehen und Bewerten der Gegenstände selbst zurückführt. Geht die subjektive Lesart von der Zugangsart zum Objekt aus, beinhaltet die objektive Version eine ontologische Aussage über den Gegenstand, eine These über die ›Plastizität des Seins (oder: der Phänomene)‹, welche jene Vielzahl von Zugangsweisen zulässt, freigibt oder gar erfordert, um richtig erkannt, verstanden oder bewertet zu werden.21 Es läge dann nicht (allein) an der Kontextualität unseres Gegenstandsbezugs, auch nicht an den Mitteln, mit denen dieser realisiert wird, sondern an den Dingen selbst, so und auch anders erkannt, verstanden und bewertet werden zu können. Und dies bleibt zuletzt keine deskriptive These über die ontologische Mehrdeutigkeit der Gegenstände, sondern wandelt sich in einen Imperativ, ihnen dadurch gerecht zu werden, dass man diese Mehrdeutigkeit zu erfassen versucht: durch Standortänderung, durch andere Vokabulare, probehalber veränderte Kontexte, ein anderes Arsenal an Methoden.22
Doch der dreifach kodierte Pluralismus der Perspektiven – die Für-, Durch- und Als-Struktur – setzt zugleich etwas Nicht-Perspektivisches voraus, d. h. Elemente im epistemischen, hermeneutischen oder moralischen Arrangement, die faktisch oder zumindest heuristisch feststehen. Analog zu dem, was Wittgenstein über den Zweifel und die Bezweifelbarkeit gesagt hat, die etwas Nicht-Zweifelhaftes voraussetze, geht auch das Perspektivische mit seinem Kontrapunkt einher.23 Ähnlich wie in einem Experiment kann man nicht alle Variablen gleichzeitig austauschen, um zu sehen, welche Auswirkung eine bestimmte Änderung in der Versuchsanordnung hat. Ebenso ist es erforderlich und zumindest hilfreich für das Erkennen, Verstehen und Bewerten, nicht simultan die Für-, Durch- und Als-Struktur zu ändern, um ausmachen zu können, was es genau war, das in der Verschiebung des perspektivischen Arrangements – Standort, Hintergrundannahmen, Zwecke, usw. – zur Änderung der Perspektive geführt oder beigetragen hat.
Diese Einschränkung verbleibt aber im Hermeneutischen. Gibt es auch etwas Ontologisches, das sich trotz aller perspektivischen Elemente dem Perspektivischen entzieht? Im einen Fall, dem hermeneutischen, ist im perspektivischen So-oder-anders-Verstehen etwas Nicht-Perspektivisches durch den Verstehensvorgang mitgesetzt. Im anderen Fall, dem ontologischen, wird eine stärkere These vertreten, wonach es etwas ›jenseits der Perspektive‹ gebe, auf das sich eine Perspektive bezieht.24 Die bekannteste Version dieser ontologischen These ist Kants Ding-an-sich. Die Frage stellt sich, ob es andere, vorsichtigere Formen jenes ontologischen Interesses am Nicht-Perspektivischen gibt, schließlich haben wir es jeweils mit Perspektiven zu tun, die sich auf etwas beziehen. Wie also steht es um die Aussichten eines ›realistischen Perspektivismus‹?25
Die Feststellung, Elemente des Perspektivischen seien unhintergehbar, ist kaum originell, sondern ein Ausdruck unserer alltäglichen, aber auch wissenschaftlichen Lebenswelt. Die Frage ist also nicht primär, ob wir in Perspektiven leben (dazu siehe Abschnitt 6), sondern auf welche Weise wir mit der Faktizität des Perspektivischen umgehen. Die Doppeldeutigkeit des Begriffs ›Passion‹ fängt die beiden grundlegenden Optionen ein: Leidenschaft und Leid, Lob oder gar eine epistemische Kränkung. Denn einerseits kann die Perspektive als eine quasi transzendentale Bedingung dafür angesehen werden, dass wir überhaupt etwas erkennen, verstehen und bewerten können – und nicht vielmehr nichts. Andererseits mag von ihr genau das gesagt werden, was der frühe Wittgenstein einst für die Sprache festhielt: Sie sei ein »Käfig«, aus dem wir nicht entrinnen werden.26 In dieser Situation könnten auch wir sein, indem wir in Perspektiven leben. Es ergibt sich folglich ein Dual aus Ermöglichung durch Perspektiven und der Einschränkung durch sie.
Das Lob auf die Perspektive kann wiederum ganz unterschiedlich ausfallen, etwas verhaltener oder aber überaus offensiv oder gar als Motivation zum Engagement. Im ersten Fall haben wir es mit einer Bestandsaufnahme zu tun: Aus der besagten Faktizität des Perspektivischen, etwa in der wissenschaftlichen Arbeit, ergibt sich für einige Autor(inn)en der Imperativ, verschiedene Perspektiven auf einen Gegenstand im Sinne der Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit diesem Objekt gegenüber durchzuspielen. Noch einmal sei hier an Feyerabends methodischen Anarchismus erinnert, der trotz dieses unglücklichen Labels genau jene Haltung der produktiven Annahme pluraler Perspektiven als Ausdruck wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit bezeichnet. Sodann haben wir es mit einem invitativen Gestus zu tun, der zur Übernahme anderer, auch fremder Perspektiven einlädt, um die eigene Perspektive herauszufordern, zu korrigieren, zu erweitern. Rortys Aufruf, das eigene Leben immer wieder neuen Beschreibungen auszusetzen, um somit den Möglichkeitssinn und die auch moralisch imprägnierte Vorstellungskraft zu testen und zu expandieren, gehört in dieses Register.27 Und schließlich ist eine performative Lesart auszumachen, die das Deskriptive faktischer Perspektivismen, aber auch die Einladung zur Selbsterweiterung hinter sich lässt und in ein Engagement für eine Perspektive eintritt. Nicht die Wertschätzung des Pluralen steht hier im Zentrum, sondern in (mit Rorty: ironischer) Kenntnis der Alternativen geht es gerade darum, für eine Perspektive zu kämpfen und somit Teil ihres – oft moralischen, mehr noch politischen – Ereignisses zu werden, was seinerseits bereits ein Element des Ereignisses selbst sein solle: Das Ereignis und das Engagement für dieses Ereignisses gehörten damit unbedingt zusammen.28
Auf der anderen Seite stehen Positionen, die den »Käfig« des nur Perspektivischen bedauern – oder gar an ihm leiden. Desorientierung, das Nichtaushalten bloßer Perspektiven ohne Gesamtschau, die Ungeduld mit der Pluralität divergenter Perspektiven mögen Haltungen sein, die sich aus dieser Reserve speisen. Doch auch diese Version muss nicht in der Feststellung des Unabänderbaren verbleiben – und so ist es gar nicht überraschend, dass vor allem in letzter Zeit epistemologische Programme lanciert worden sind, die die ›gute Nachricht‹ enthalten, wir könnten zumindest partiell aus dem »Käfig« heraustreten. Der spekulative Realismus von Quentin Meillassoux, der aus der Kontingenz von allem gerade dessen Notwendigkeit ohne Vermittlung schließt,29 gehört genauso in dieses Vorhaben wie die bereits erwähnten neuen Realismen, die die Rede von »absoluten Tatsachen« oder dem »Kontakt mit der Wirklichkeit« ohne Mediation rehabilitieren möchten.30 Der Perspektivismus könnte demnach teilweise suspendiert sein, der »Käfig« bliebe nicht die einzige Existenzform.
Die sich hier abzeichnende Pluralität im Umgang mit der Vielfalt der Perspektiven findet selbstverständlich nicht im luftleeren Raum statt. Die Frage der Bejahung des Perspektivischen fordert sogleich die Frage heraus, um welche Perspektiven – epistemische, hermeneutische, moralische – es denn gehen soll. Diese Kontextualisierung ist häufig mit einer weiteren verbunden, nämlich mit einer gleichsam zeitdiagnostischen Perspektivierung. Dann aber geht es weniger um perspektiven-affine oder -averse Bereiche des Erkennens, Verstehens und Handelns, sondern um zeitbedingte Konjunkturen des Perspektivischen, einer generellen Offenheit für Pluralitäten etwa und die Einsicht, von alternativen Lesarten umgeben zu sein, die anzuerkennen, nicht stets auszuschließen sind. Wir haben ja nicht nur Perspektiven, indem wir in ihnen leben, sondern wir können Perspektiven anderer auch übernehmen, genau wie wir das einst mit der eigenen getan haben.31
Hier schließt sich ein ganzes Arsenal von Fragen an, die den konkreten Umgang mit der Perspektive und ihrem notwendigen Plural betreffen. Und dieses Arsenal entzieht sich zumeist dem Raster klarer Zuordnungen und Muster. Die irenischen Formen reichen von der Toleranz für andere, insbesondere inkompatible Perspektiven über mögliche Perspektivenwechsel32 und Konversionen hin zu Perspektivenübernahmen im Sinne intellektueller oder emotionaler Empathie.33Dynamischere Formen hingegen sehen Amplifizierungen des Perspektivischen vor (wie Rortys Invitativ, unterschiedliche Narrative der Selbstbeschreibung auszuprobieren, s. o.) oder setzen auf den Kontrapunkt, um Perspektiven zusammenzuführen, zu ›verschmelzen‹ oder das ›nur‹ Perspektivische abzutragen und somit im Zuge einer (phänomenologischen) Reduktion zu einem objektiven Kern zu gelangen.34 Doch oftmals geht es nicht einfach um die kognitive (Un)Möglichkeit, eine Perspektive einzunehmen, sondern darum, dass man darunter womöglich leidet, einer bestimmten Perspektive verlustig zu gehen, die einem einmal wichtig gewesen war: Was bleibt, wenn diese eine Perspektive keine lebensweltliche Option oder nur noch eine ›tote‹35 ist? Eine Passion anderer Art haben wir schon gestreift, als es darum ging, dass der Plural der Perspektiven mühevoll ist, entweder weil – wie beim Aspekte-Sehen36 – die Perspektiven zu oszillieren beginnen oder weil es sich schwierig gestaltet, divergente, vielleicht gar inkompatible Perspektiven zusammenzuhalten, jene, die von unterschiedlichen Diskutan den vertreten werden, aber auch jene, die man in sich selbst hat (man denke nochmals an unsere drei Begleiterinnen in der Galerie). Obgleich hier die ›Perspektive‹ unterschiedliche semantische Allianzen eingeht und ›Standpunkt‹, ›Meinung‹, ›Ansicht‹, ›Erwartung‹ und anderes bezeichnen kann, stellt sich zugleich die Frage, ob die Perspektiven so beweglich sind, wie sie oft scheinen, d. h. ob sie sich stets im Bereich des Optionalen aufhalten und als Perspektiven prinzipiell wählbar sind. Eben jene Optionalität im Perspektivischen wird uns gleich zu dessen Grenzen führen (dazu näher im Abschnitt 7).
Ob Lob oder Leid – es bleibt dabei, dass die Vielfalt der Perspektiven eine der Wirklichkeiten bildet, in denen wir leben. Und damit stellt sich neben der Frage, wie wir mit dieser Pluralität umgehen, die davon ja nicht vollkommen unabhängige Frage, wie sich diese Perspektiven (und ggf. ihre Wahrheitsansprüche) zueinander verhalten. Dazu seien folgende Fälle unterschieden:
(i)Wir können unterschiedliche Blickwinkel auf einen Gegenstand, etwa ein Gebäude, einnehmen. Die Pluralität der Perspektiven wird die Betrachtung des Hauses und ggf. unsere Erkenntnis anreichern, da es sich um eine Hinsicht der Betrachtung handelt, nämlich die Beantwortung der Frage, wie dieses Haus konkret aussieht.
(ii)In dem schon in Abschnitt 1 vorgestellten Fall des Gemäldes wirkt die Instanz der Perspektive hingegen etwas anders, weil nun eine Pluralität der Hinsicht – eine monetäre, ästhetische und chemische – hinzutritt. Nicht um verschiedene epistemische Blickwinkel der Betrachtung, sondern um unterschiedliche Kontexte des Erkennens, Verstehens und Bewertens geht es.
(iii)Nehmen wir nun einen ganz anderen Fall hinzu: Es ist ein klassischer Topos der Wissenschaftstheorie, dass unterschiedliche Theorien zu ›denselben‹ Daten passen und dass dieselbe Theorie auch mit divergenten Datensätzen vereinbar ist. Dieses Phänomen wird die epistemische Un(ter)determiniertheit von Theorien genannt und kann auf verschiedene Gründe, etwa die Theoriebeladenheit der Daten, zurückgeführt werden.37
(iv)Und noch ein anderer Fall: Hier trifft ein religiöser Fundamentalist mit einem buchstäblichen Verständnis des biblischen Schöpfungsberichts auf einen Astrophysiker, der ein ganz anderes Bild von der Entstehung der Erde und des Universums vortragen wird.
(v)Und schließlich ziehen wir noch ein weiteres, ganz anderes Szenario hinzu, ein moralisch signifikantes. Jemand bringt absichtlich fünf Menschen um, weil er begründet davon ausgeht, dass nur so eine große Menge anderer Menschen gerettet werden kann.
Diese fünf Fälle sollen nun kurz betrachtet werden, und zwar lediglich mit Blick auf das Problem der Vereinbarkeit der jeweils geschilderten Perspektiven. In dieser Hinsicht ist (i) ganz unspektakulär, da hier die Anreicherung der Beobachtung durch Perspektivenwechsel positiv konnotiert ist. Die Perspektivenvielfalt wirkt kumulativ. Fall (ii) ist davon verschieden, weil die Hinsichten der Betrachtung divergieren; diese Divergenz sorgt zugleich dafür, dass sich keine Inkompatibilität einstellen kann bei gleichzeitiger Irreduzibilität jener Perspektiven. Genau dies verhält sich in (iii) anders, denn eine Theorie T1 mag mit dem Daten-Set D kompatibel sein, wobei dies für eine andere Theorie T2 auch gilt. Dann aber folgt für viele Wissenschaftstheoretiker(innen), dass T1 und T2 eine wesentliche Unvereinbarkeit aufweisen müssen.38 Dies gilt in einem nochmals verschärften Sinn für den Fall (iv). Während sich T1 und T2 als Produkte einer in ihren Rationalitätsstandards einigermaßen ähnlichen Praxis verstanden werden können,39 wird die Physik (als T1) nicht nur die Falschheit der explanatorisch verstandenen Religion (als T2) behaupten, sondern den gesamten Sinn von T2 bestreiten und entsprechend als Konfusion (ohne die Möglichkeit, überhaupt richtig oder falsch sein zu können) abweisen.40 Eine wiederum andere Kluft tut sich im letzten Fall (v) auf. Hier haben wir es allerdings nicht mit der Kollision von Perspektiven zu tun, die auf unterschiedliche Träger verteilt wären, sondern der sich anbahnende – und in bekannten Szenarien wie dem trolley-dilemma oder Sophie’s choice verarbeiteten – Perspektiven-Clash gewinnt seine Dringlichkeit gerade dadurch, dass jemand gezwungen ist, sich zu entscheiden. Die Optionen sind unvereinbar miteinander, zumal ein agnostischer Ausweg unmöglich ist. Die Folge ist, dass die Prämisse, wonach ein Sollen auch ein Können implizieren, durch die Unvereinbarkeit der Optionen unterminiert wird. Im Gegensatz zum bloßen Konflikt ist das Dilemma eine Anordnung, die die Entscheidung aufzwingt, aber beide Optionen mit moralischer Schuld verbindet – und mit Gefühlen des Bedauerns, der Reue oder gar der Verzweiflung.41
Die Fälle (i) bis (v) konfrontieren uns also mit einem Spektrum von Möglichkeiten, die plurale Perspektiven zueinander aufweisen können: Kumulation zugunsten einer Hinsicht (i), Anreicherung durch mehrere, aber vereinbare Hinsichten (ii), theoretisch gut begründete Inkommensurabilitäten (iii), weltbildhafte Unvereinbarkeiten bis hin zur Verneinung der Sinnhaftigkeit einer anderen Perspektive (iv) und Dilemmata mit unhintergehbarer Schuld (v).
Diese fünf Fälle – ihrerseits lediglich eine klassifizierende Perspektive auf Perspektiven – lassen sich nochmals auf zwei grundlegende Versionen des Perspektivismus zurückführen, einen starken und einen schwächeren. Man könnte sich dafür einsetzen, das Etikett des Perspektivismus allein für Fälle zu reservieren, die uns tatsächlich mit unvereinbaren Perspektiven konfrontieren (also die Exemplare (iii) bis (v)). Der obige Satz zum Plural der Perspektiven müsste dann spezifiziert werden: Wo es eine Perspektive gibt, gibt es mindestens zwei miteinander unvereinbare Perspektiven. Die Inkommensurabilität würde folglich zu einem wesentlichen Merkmal des Perspektivismus promoviert werden, und zwar im Namen eines wirklichen Pluralismus und in Abweisung eines latenten Monismus, welcher vereinbare Perspektiven mit einschließen möchte.42 Eben diese letzte Wendung bezieht sich bereits auf einen schwachen Perspektivismus, der so gar nicht mehr genannt zu werden verdiene (so wiederum D. Weberman); vielmehr könne diese Position als Aspektivismus bezeichnet werden, der nur oberflächlich als plural erscheine und faktisch einem Monismus das Wort rede, sofern alle aspektischen Perspektiven letztlich miteinander vereinbar seien und wahrhafte Konflikte zwischen ihnen gar nicht erst aufkommen könnten.43
Wenn man ein Phänomen x fassen möchte, kann man ganz schlicht fragen, was x sei, d. h. was die wesentlichen Eigenschaften sind, die x auszeichnen. So geht bekanntlich Sokrates vor, der die Frage nach der Wahrheit oder Gerechtigkeit stellt und durch (pseudo-)dialogischen trial-and-error jenen Konzepten und dem durch sie Bezeichneten auf die Spur kommt. Wenn nun vom »kierkegaardschen Weg« gesprochen wird, ist ein anderer Zugang im Visier, denn nun wird nicht direkt nach x gefragt, sondern x wird umkreist, indem Modi der Infragestellung von x nachgegangen wird. Es wird entsprechend die Wahrheit oder Gerechtigkeit zum Thema, indem man der Erosion der Wahrheit und den Ungerechtigkeiten nachgeht. Der Bruch, die Krise, das abrupte Ende des Erfragten steht demnach im Mittelpunkt, gerade nicht dessen Erfüllung, Erfolg oder gar Vollendung. Kierkegaard ist in diesem Sinn an der Negativität von x interessiert, um sich auf diesem Wege umso intensiver x anzunähern.
Wir haben bislang, gut sokratisch, nach dem Zuschnitt des Perspektivischen gefragt. Und gegen Ende soll es nun um die Grenzen, Brüche und Abbrüche des Perspektivischen gehen. Nicht alles – so wurde bereits zu Beginn festgestellt – ist eine Frage der Perspektive. Doch wo genau verlaufen jene Demarkationen? Auch hier mag es hilfreich sein, unterschiedliche Fälle zu differenzieren. Schauen wir uns zunächst folgende Sätze an:
(1)Vor mir steht eine große Tasse mit Kaffee.
(2)Mein Name ist Hartmut von Sass.
(3)Mein rechtes Knie tut weh.
(4)Die Innenwinkelsumme eines Dreiecks beträgt 180 Grad.
Die vier Sätze gehören in den Bereich der epistemischen Sicherheit, die sich zur Evidenz steigert bzw. zu dem, was Wittgenstein ›Gewißheit‹ genannt hat. Leugnete ich, dass vor mir gerade eine Tasse Kaffee stünde, wäre das kein korrigierbarer Fehler, sondern »the first sign of madness«44 (1). Genauso verhält es sich mit meinem Namen, wobei nichts Logisches gegen die Verneinung von (2) spricht, sondern seine lebensweltliche Einbindung. Doch die faktische Sicherheit von (2) steht der logischen Stabilität in nichts nach. Analog verhält es sich mit dem phänomenologisch ganz anders gelagerten Satz (3). Die Tatsache des Schmerzes lässt keine Deutung zu, sondern diese Erfahrung weist eine unmittelbare Evidenz auf, die nicht zu leugnen ist. Einen noch einmal davon verschiedenen Fall bildet (4), wo es um mathematische Sätze geht. Im Rahmen der Euklidischen Geometrie ist (4) im besten Sinne indiskutabel.
Die kontextgebundene Unabweisbarkeit von (1), die lebensweltliche Verflochtenheit von (2), die in (3) ausgedrückte Aufdringlichkeit des Leidens sowie die mathematische Evidenz von (4) sind Fälle, mit denen ein umfassender Perspektivismus (oder Aspektivismus) Mühe haben wird. Man darf wohl strenger formulieren, dass (1) bis (4) exemplarisch die Grenzen des Perspektivischen sichtbar machen, weil sich hier in ganz bestimmter Weise Fragen der Perspektive nicht nur nicht stellen, sondern eben dies zu tun, geradezu seltsam erscheinen müsste.
Neben diesen Grenzen des Perspektivischen und damit auch des Perspektivismus als Lehrstück stellt sich zudem das Selbstanwendungsproblem. Dieses ist aus der Debatte um einen umfassenden Relativismus bekannt, der sich selbst untergräbt, wenn alles relativ sein soll, weil er selbst in den Anwendungsbereich der These gehört. Entsprechendes gelte für den Perspektivismus: Wenn tatsächlich alles eine Frage der Perspektive wäre, träfe dies auch für eben diesen Satz zu. Allerdings tut sich ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Szenarien auf: Während sich der Relativismus in der Anwendung auf sich selbst widerlegt, weil ein Widerspruch zwischen der (absoluten) Geltung der Relativismus-These und der zugleich vertretenen relativen Validität der Behauptung entsteht, wird der Perspektivismus nur partiell angegriffen, sofern es Fälle geben kann, in denen es eine Frage der Perspektive ist, ob man es mit einem Fall der Perspektivenpluralität zu tun hat – auch dies könnte eine Perspektive sein.
An andere Grenzen des Perspektivismus stoßen wir, wenn wir noch einmal auf die Unterscheidung zwischen ›toten‹ und ›lebendigen‹ Optionen von William James zurückkommen, s. o. Was dieses Begriffspaar markiert, ist keine rein logische Differenz, sondern eine Differenz in unseren meist nonkognitiven, mithin emotiven und evaluativen Einstellungen zu diesen Optionen. Logisch betrachtet ist es, so das James’sche Beispiel, sehr wohl möglich, als Christ oder Atheist plötzlich zum Islam überzutreten.45 Die Frage bleibt jedoch bestehen, ob dies eine lebensweltliche Option bildet, die wir bereit wären zu ziehen, die also zu dem gehört, was wir uns für uns selbst vorstellen können. Dies ist für viele Menschen nicht der Fall; Religion insgesamt mag zunehmend als ›tote‹ Option wahrgenommen werden. Daher kommen die Perspektiven auch hier an ihr Ende, und zwar in einem bestimmten Sinn: Auf abstrakter Ebene begleiten sie unser Leben innerhalb pluraler Gesellschaften, ohne dass wir sie für uns selbst anzunehmen bereit wären. Die formale Optionalität der Perspektiven ist viel weiter als das persönlich kodierte Spektrum von Optionen, die Option in einem bestimmten Leben sein können.
Mit einer etwas anderen Situation haben wir es zu tun, wenn es um die Pragmatik des Entscheidens geht. Stellen wir uns eine Person vor, die einen anderen Menschen im Wasser sieht und davon ausgehen muss, dass der andere ohne ihre Hilfe ertrinken wird. Epistemisch stellen sich hier unterschiedliche Perspektiven ein, aber mit Blick auf die konkrete Situation kann man sich das perspektivische Abwägen gerade nicht leisten. Oder: Täte man es, gliche dies auch einer Entscheidung, weshalb sich ein »agnostic stance« nicht einnehmen lässt.46 Das Zögern als Ausweis, gar Quelle menschlicher Nachdenklichkeit muss hier gerade zugunsten einer ganz anderen Tugend suspendiert werden, wenn Verantwortung übernommen und Tod bzw. Schuld abgewendet werden soll.47
Und ein letzter Fall sei genannt: Perspektiven und die mit ihnen einhergehende Vielfalt führen häufig zu Deutungskämpfen. Der Perspektivismus ist nur die epistemologische Variante einer grundlegend liberal-offenen Haltung, die die Vielstimmigkeit jener Sichtweise nicht unterdrückt, sondern aufrechterhält, schützt, vielleicht gar zelebriert. Perspektiven können aber zugleich Ausdruck von Machtverhältnissen sein, wenn sich asymmetrische Beziehungen zwischen einem herrschenden Diskurs und ›Störenfrieden‹ einstellen. Das machtvolle Monopol einer Perspektive erweist sich dann oftmals darin, dass die eigene Perspektivenhaftigkeit dementiert wird, indem alle Alternativen ausgeschaltet werden. Perspektivenverdrängung aber nutzt ex negativo jenen obigen Satz, nach dem eine Perspektive andere Perspektiven schon immer mitsetzt. Wird diese Implikation ausgeschlossen, vereinheitlicht sich der Diskurs – scheinbar – auf nur noch eine singuläre Perspektive, wodurch das Perspektivische an sein Ende kommt.48
Der kierkegaardsche Umweg bringt uns also an fünf verschiedene Limitierungen der Perspektive und des Perspektivismus. Dazu zählen Sätze, die ›Gewissheiten‹ oder Evidenzen ausdrücken, sodann das Selbstanwendungsszenario, Konstellationen, in denen die Optionalität verschiedener Perspektiven abstrakt bleibt, schließlich Situationen, in denen sich die Abwägung von Optionen verbietet, und endlich die machtpolitische Suspension anderer Perspektiven im Modus der Monopolisierung der eigenen. In all diesen Fällen wird nicht gefragt, was eine Perspektive ist, sondern man begibt sich post-sokratisch an jene Orte, an denen sich das Perspektivische gar nicht erst einstellt, es in interne Schwierigkeiten gerät, dorthin, wo logische Optionen nur leere Perspektiven simulieren, wo man von der Geduld mit divergenten Sichtweisen Abstand nehmen muss oder wo faktische Perspektiven verkürzt, abgedrängt und isoliert werden. Dabei muss es sich gar nicht um einen ›Umweg‹ handeln, sondern womöglich um einen noch direkteren Zugang, für den Sören Kierkegaard paradigmatisch stehen könnte.
Der Perspektivismus ist nicht ausschließlich, aber doch primär eine epistemologische Position. Nimmt man die vielfältigen Versuche ernst, die Erkenntnislehre zu historisieren,49 müsste dies folglich auch auf den Perspektivismus als Lehrstück angewendet werden. Sein Vokabular, seine Struktur und Anliegen und auch die Schlussfolgerungen, die sich aus ihm ziehen lassen, werden dann als kontingente Geschöpfe eines Denkstils sichtbar, der sich rekurrent entwickelte und wiederum abgelöst werden wird, wenn sich die intellektuellen, politischen und gesellschaftlichen Parameter verschieben.
So liegt die Erwägung nicht fern, dass der Perspektivismus nicht nur Ausdruck einer pluralitätsaffinen Zeit sei, sondern gleichsam mitgeholfen habe, diese in Worte zu fassen und gedanklich auf den Punkt zu bringen. Und es könnte ebenso nahe liegen, den Perspektivismus als Inbegriff oder Zutat einer bestimmten Epoche oder Ära zuzuordnen, etwa der Moderne oder ihrer postmodernen Erbin. Sofern deren Ende zumindest diskutabel erscheint, wären zugleich die Grenzen des Perspektivismus auch in dieser Hinsicht zu betrachten.
Tendenzen der lebensweltlich erzwungenen Uniformierung, etwa der Ökonomisierung vieler sozialer Subsysteme oder einer global werdenden Digitalisierung unserer Gesellschaften, müssten ihre Offenheit für die An- und Übernahme anderer, auch fremder Perspektiven erst noch erweisen.50 Und so erscheint der Perspektivismus zuletzt eben doch nicht als bloßes Lehrstück der Epistemologie, sondern als ein Narrativ der Offenheit, Toleranz, Anerkennung und Empathie, gerade indem der eigene Standort mitgedacht wird. Hierin liegt die eminent politische Dimension eines Perspektivismus, der nicht im Abstrakten stecken bleiben will, sondern zu dessen Selbstverständnis gehört, engagiert zu sein.
1Vgl. Hans Blumenberg, »Die Metaphorik der ›mächtigen‹ Wahrheit«, in: ders., Paradigmen zu einer Metaphorologie, Frankfurt a.M. 1998, 14–22.
2Allerdings muss man eine Einschränkung vornehmen: Zwar ist es richtig, dass die drei Perspektiven aufeinander irreduzibel sind, aber das heißt nicht, dass sie in jedem Fall voneinander ganz unabhängig bleiben. So kann etwa die Verwendung von Gold den Wert des Bildes erheblich steigern, sodass die chemische Zusammensetzung durchaus die Vertreterin von Sotheby’s interessieren dürfte.
3Zur vorsichtigen Kritik derartiger Reduktionen siehe Holm Tetens, »Der gemäßigte Naturalismus der Wissenschaften«, in: Naturalismus. Philosophische Beiträge, hrsg. von Geert Keil und Herbert Schnädelbach, Frankfurt a.M. 2000, 273–288.
4Einen Ansatz dazu bietet die ›Philosophie der Orientierung‹, wie sie im Anschluss an Kant und Nietzsche von Werner Stegmaier vorgelegt worden ist; siehe »›Was heißt: Sich im Denken orientieren‹: Zur Möglichkeit philosophischer Weltorientierung nach Kant«, in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 17:1 (1992), 1–16; ders., Philosophie der Orientierung, Berlin/New York 2008, bes. Kap. 6.
5Siehe zur Perspektive als Methode und als Einstellung Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang, Frankfurt a.M. 1986, 349.
6Beispiele für die wenigen Ausnahmen: Friedrich Kaulbach, Philosophie des Perspektivismus: Wahrheit und Perspektive bei Kant, Hegel und Nietzsche, Tübingen 1990; Volker Gerhardt und Norbert Herold (Hrsg.), Perspektiven des Perspektivismus, Würzburg 1992; Ronald N. Giere, Scientific perspectivism, Chicago 2006.
7Allerdings gibt es auch terminologische Kreuzungen wie ›perspektivischer Realismus‹. Dies ist ein gegenwärtiges Forschungsprojekt an der Universität in Edinburgh: Perspectival Realism: Science, Knowledge, and Truth From a Human Vantage Point; siehe deren Homepage: http://www.perspectivalrealism.org.
8Friedrich Nietzsche, »Genealogie der Moral III 12«, in: Kritische Studienausgabe, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München/New York 1999, Band 5, 364.
9»Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne«, in: Kritische Studienausgabe, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München/New York 1999, Band 1, 873–890, 880.
10Ob dies hingegen eine alternativlose Sicht der Dinge ist, bleibt eine andere Frage; siehe dazu die Beiträge von Markus Wild und Niko Strobach in diesem Band.
11Raymond Geuss, Privatheit. Eine Genealogie. Aus dem Englischen von Karin Wördemann, Berlin 2013, 27.
12Ebd., 27 und 28.
13Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (1975), Berlin 162016, 43.
14Was hier als »natürliche Epistemologie« angesprochen ist, ähnelt dem, was Hans-Jörg Rheinberger als »historische Epistemologie« charakterisiert hat: Hans- Jörg Rheinberger, Historische Epistemologie. Zur Einführung, Hamburg 2007, bes. 9f. und 131; ferner ders., Epistemologie des Konkreten. Studien zur Geschichte der modernen Biologie, Frankfurt a.M. 2006, Teil I.
15Vgl. nur den Entwurf eines »Neuen Realismus«; dazu Maurizio Ferraris, Manifest des neuen Realismus. Aus dem Italienischen übersetzt von Malte Osterloh, Frankfurt a.M. 2014.
16Dazu Jürgen Habermas, »Von den Weltbildern zur Lebenswelt«, in: ders., Nachmetaphysisches Denken II. Aufsätze und Repliken, Berlin 2012, 19–53.
17So z.B. Hubert Dreyfus und Charles Taylor, Die Wiedergewinnung des Realismus. Aus dem Englischen von Joachim Schulte, Berlin 2016, bes. Kap. 8.
18Mit ›ethisch‹ meine ich hier lediglich die (theoretische) Bewertung einer moralisch aufgeladenen Situation und des entsprechenden Verhaltens in ihr; zu einer anderen Differenz zwischen Ethik und Moral (analog zur Unterscheidung von öffentlich und privat) siehe Beate Rössler, Der Wert des Privaten, Frankfurt a. M. 2001, 163.
19Vgl. Josef Kopperschmidt, »Vergleich und Vergleichen aus rhetorischer Sicht«, in: Andreas Mauz/Hartmut von Sass (Hrsg.), Hermeneutik des Vergleichs. Strukturen, Anwendungen und Grenzen komparativer Verfahren, Würzburg 2011, 223–242, bes. 241.
20Grundlegend zum hermeneutischen Als: Martin Heidegger, Sein und Zeit (1927), Tübingen 182001, § 32: »Verstehen und Auslegen«; ferner Andreas Graeser, »Das hermeneutische ›als‹. Heidegger über Verstehen und Auslegung«, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 47:4 (1993), 559–572.
21Darauf macht bes. Dieter Thomä in seinem Beitrag aufmerksam.
22Der viel diskutierte und ebenso oft kritisierte ›Anarchismus‹ in der Wissenschaftstheorie Paul Feyerabends meint, denke ich, genau dies: diesen ontologisch bedingten Pluralismus durch einen methodischen einzufangen zu versuchen, indem man sich gerade nicht auf einen singulären Zugang festlegt; dazu Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang, vor allem 31f.
23Siehe Ludwig Wittgenstein, »Über Gewißheit«, in: Werkausgabe Band 8, Frankfurt a.M. 61994, u.a. § 115: Zweifel setze bereits Gewissheit voraus.
24Vgl. Bruno Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Aus dem Englischen von Gustav Roßler, Frankfurt a.M. (2010) 42014, 251.
25Zu dieser Frage – und zur Kritik (der Kritik) des sog. Korrelationismus – der Beitrag von David Webermann.
26Ludwig Wittgenstein, »Vortag über Ethik« (1930), in: ders., Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften, hrsg. und übersetzt von Joachim Schulte, Frankfurt a.M. 1989, 9–19, 19.
27Siehe Richard Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität. Übersetzt von Christa Krüger, Frankfurt a.M. 1992, bes. 31; ders., »Der Roman als Mittel zur Erlösung aus der Selbstbezogenheit«, in: Joachim Küpper und Christoph Menke (Hrsg.), Dimensionen ästhetischer Erfahrung, Frankfurt a.M. 2003, 49–66; dazu auch Dieter Thomä, Erzähle dich selbst. Lebensgeschichte als philosophisches Problem (1998), Frankfurt a.M. 2007, 126–146; kritisch zur Perspektivenübernahme oder -erweiterung als angeblicher ›Wert an sich‹ Christine Abbt in ihrem Beitrag.
28So Slavoj Zizek, Die Tücke des Subjekts. Aus dem Englischen von Eva Gilmer, Andreas Hofbauer, Hans Hildebrandt und Anne von der Heiden, Frankfurt a.M. 2010, bes. 185.
29Vgl. Quentin Meillassoux, Nach der Endlichkeit. Versuch über die Notwendigkeit der Kontingenz. Aus dem Französischen von Roland Frommel, Zürich/Berlin 22014. So heißt es dort etwa: »Es ist notwendig, dass es etwas gibt und nicht vielmehr nichts, weil es notwendigerweise kontingent ist, dass es etwas gibt und nicht irgendetwas anderes. Die Notwendigkeit der Kontingenz des Seienden erzwingt die notwendige Existenz des kontingent Seienden.« (105; Herv. im Orig.).
30Siehe Paul Boghossian, Angst vor der Wahrheit. Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus. Aus dem Amerikanischen von Jens Rometsch. Mit einem Nachwort von Markus Gabriel, Berlin 2013.
31Zum Element des Diagnostischen siehe auch den Beitrag von Anton Leist.
32Zum Wechsel der Perspektive auch Niko Strobach und Johanna Breidenbach in ihren sehr unterschiedlich akzentuierten Beiträgen.
33Häufig wird die empathische Perspektivenübernahme auch mit dem Konzept der Anerkennung verbunden; dazu Axel Honneth, Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Mit einem neuen Nachwort, Frankfurt a.M. 1994, bes. 312.
34Verschmelzung und Reduktion sind bewusst nahe an Gadamer und Husserl formuliert; siehe Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen 61990, 311 und 346f. bzw. Edmund Husserl, Die Idee der Phänomenologie. Fünf Vorlesungen (1906/07), hrsg. von Paul Janssen [Text nach Hua II], Hamburg 1986, 4 und 44.
35Zur Differenz zwischen toten und lebendigen Optionen klassisch William James, »Der Wille zum Glauben« (1897), in: Pragmatismus. Ausgewählte Texte, hrsg. von Ekkehard Martens, Stuttgart 2002, 128–160, 129 u.ö.
36Zum (religiösen) Sehen von Aspekten siehe Nehama K. Verbin, »Religious beliefs and aspect seeing«, in: Religious Studies 36:1 (2000), 1–23; dazu auch die Unterscheidung zwischen Perspektivismus und Aspektivismus im Abschnitt 6.
37Dazu Paul Feyerabend, Probleme des Empirismus I. Aus dem Englischen übersetzt von Volker Böhnigk und Reiner Noske, Stuttgart 2002, 64–68.
38Das Problem der Inkommensurabilität ist bekanntlich vor allem mit Paul Feyerabend und Thomas S. Kuhn verbunden; zu deren Sicht (im Vergleich) siehe Eric Oberheim und Paul Hoyningen-Huene, »The Incommensurability of Scientific Theories«, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy (2016), Edward N. Zalta (ed.): https://plato.stanford.edu/archives/win2016/entries/incommensurability/.
39Dem würde Feyerabend widersprechen; siehe Wissenschaft als Kunst, Frankfurt a.M. 1984, 101f.
40Selbstverständlich sollte man Religion so – also explanatorisch oder quasinaturwissenschaftlich – nicht verstehen. Dann öffnet sich der Raum für die prinzipielle Vereinbarkeit von Religion und Naturwissenschaften; genau dies deutet sich bereits bei Ludwig Wittgenstein an, der gewohnt kryptisch, aber ganz treffend festhält: »Angenommen, jemand glaubt an das Jüngste Gericht, ich dagegen nicht. Bedeutet das, daß ich das Gegenteil glaube, gerade, daß es so etwas nicht geben wird? Ich würde sagen: »Ganz und gar nicht, oder nicht in jedem Fall […]. Wenn jemand sagte: ›Wittgenstein, glaubst du das?‹ würde ich sagen: ›Nein‹. – ›Widersprichst du dem Mann?‹ Ich würde sagen: ›Nein‹.« (»Vorlesungen über den religiösen Glauben«, in: ders., Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychoanalyse und religiösen Glauben. Zusammengestellt und herausgegeben aus Notizen von Y. Smythies, R. Rhees und J. Taylor von Cyril Barrett, deutsche Übers. von Ralf Funke, Düsseldorf/Bonn 1994, 77–101, 77).
41Dabei stellt sich die Frage, ob das Dilemma intrinsisch ist oder auch von Perspektiven abhängig sein kann und erst so zustande kommt; für die erste Option votiert Véronique Zanetti in ihrem Beitrag; siehe auch den Text von Anton Leist.
42Diese Position vertritt vor allem David Weberman in seinem Beitrag; siehe auch den Text von Holm Tetens.
43Das Problem der Inkommensurabilität wird zumeist mit Blick auf unvereinbare Paradigmata oder Begriffsschemata diskutiert und dort an die Frage der Übersetzbarkeit gekoppelt; siehe Donald Davidson, »On the Very Idea of a Conceptual Scheme« (1974), in: ders., Inquiries into Truth and Interpretation, Oxford 1984, 183–198. Der Aspektivismus enthielte demnach die These, alle Aspekte (oder: alle ›schwachen‹ Perspektiven) seien ineinander übersetzbar.
44So Dewi Z. Phillips, Recovering Religious Concepts. Closing Epistemic Divides, Basingstoke/London 2000, Kap. 3: »Epistemic Practices: the Retreat from Reality«, 36.
45Siehe William James, »Der Wille zum Glauben«, 129.
46Vgl. Sven Rosenkranz, The Agnostic Stance, Paderborn 2007.
47Zum Zögern (nicht Zaudern) in Bezug auf die Nachdenklichkeit siehe Hans Blumenberg, »Nachdenklichkeit«, in: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Heidelberg 1980, 57–61; ferner Joseph Vogl, Über das Zaudern, Zürich/Berlin (2007) 22014, bes. 17 und 48.
48Auf diese diskurstheoretische Dimension macht Dieter Thomä unter dem Label »Perspektivismus 3.0« in seinem Text für diesen Band aufmerksam.
49Dazu bes. Hans-Jörg Rheinberger, Epistemologie des Konkreten, u.a. 13 und 56; ders., Historische Epistemologie, 45 und 110.
50Siehe Martin Burckhardt/Dirk Höfer, Alles oder nichts. Ein Pandämonium digitaler Weltvernichtung, Berlin 2015: Im Zeitalter globaler Vervielfältigung in der digitalen Welt lebten wir nicht mehr perspektivisch, sondern immersiv, d.h. weniger Alternativen-offen, als vielmehr in eine Alternative sich vertiefend; ebd., 95.
Markus Wild
»Man erwäge, ob Jemand einen guten Willen zur Erkenntniss der moralischen Dinge hat, der von vornherein durch den Glauben an die Unbegreiflichkeit dieser Dinge sich beseligt fühlt! Einer, der noch ehrlich an Erleuchtungen von Oben, an Magie und Geistererscheinungen und die metaphysische Hässlichkeit der Kröte glaubt!«
(Nietzsche, Morgenröthe § 142)
Friedrich Nietzsches sogenannter Perspektivismus wird häufig als zentraler Bestandteil seiner Philosophie betrachtet. Dabei wird der Perspektivismus vorwiegend als eine epistemologische, d. h. Erkenntnis, Wissen und Wahrheit betreffende These angesehen. Dieser die Diskussion dominierenden epistemologischen Deutung des Perspektivismus bei Nietzsche soll eine psychobiologische Deutung entgegengesetzt werden.1 Für Nietzsche, so möchte ich zeigen, sind nicht die Erkenntnis oder gar die Wahrheit perspektivisch, vielmehr gibt es perspektivische Bewertungen, Bewegungen und Repräsentationen, die Lebewesen für das Erkennen nutzbar machen.2
Eine häufig angeführte Stelle zur Unterstützung der EDP findet sich im zwölften Aphorismus der dritten Abhandlung von Zur Genealogie der Moral (1887): »Es giebt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches ›Erkennen‹.«4
