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Fünf junge Sanitätsoffiziere, unter ihnen Jakob aus Estland, werden 1911 an die russisch-chinesische Grenze entsandt. Dort sollen sie einer Pestepidemie Einhalt gebieten – und stoßen auf das Grauen der Seuche, auf politische Zwänge und auf Entscheidungen, die ihr Leben unwiderruflich verändern. Pflicht, Angst und die Liebe zu einer Frau fordern ihren Preis. Zweiundzwanzig Jahre später begegnen sich zwei von ihnen wieder. Der eine ist für die medizinische Versorgung eines Gefängnisses verantwortlich, der andere sitzt dort ein: ein kommunistischer Agitator, gezeichnet von Haft, Ideologie und Vergangenheit. Zwischen ihnen stehen unausgesprochene Schuld, alte Loyalitäten und die Frage, was von den einstigen Überzeugungen geblieben ist. Rein Raud verwebt Elemente seiner Familiengeschichte mit der Geschichte Estlands und zeichnet ein eindringliches Panorama von Unterdrückung und Freiheitsdrang, von politischer Verblendung und persönlicher Verantwortung – und von der Macht der Liebe, die ebenso retten wie zerstören kann.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Rein Raud
Pestzug
Roman
Aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Deutsche Erstausgabe März 2026
Mediathoughts Verlag - Dr. Glaw + Lubahn GbR
Bergstr. 12 | 82024 Taufkirchen | Germany | [email protected]
Copyright 2026 Mediathoughts Verlag - Dr. Glaw + Lubahn GbR
Übersetzung: Cornelius Hsselblatt
Umschlaggestaltung Thomas Michael Glaw
Lektorat: Dorothea Lubahn, Thomas Michael Glaw
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Für die lettische Originalausgabe, erschienen unter dem Titel »Katkurong«© Rein Raud
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Alle Rechte vorbehalten.
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ISBN: 978-3-947724-65-9
1 Werchneudinsk – Tschita, Mai 1911
Sie waren voll in Fahrt. Trunken – bis jetzt noch – vor allem von der Ungewissheit, was sie erwarten würde, und selbstverständlich auch von ihrer eigenen Kühnheit, mehr aber noch von der Weite, die draußen, hinter den Fenstern des Waggons herrschte, denn genau das war das Leben!, alberten sie wie Kinder und niemand konnte ihr Gelächter bändigen, selbst dann nicht, wenn es über die Grenze ging und ins Peinliche kippte. Jakob kümmerte sich vielleicht nicht so viel um die Hänseleien der anderen, aber Swiridow schon: Er selbst durfte natürlich Witze über seine geringe Körpergröße machen und tat das von Zeit zu Zeit auch, doch wenn jemand anderes dasselbe tat, war das hässlicher Spott, die Verhöhnung eines Gefährten, der in vielerlei Hinsicht durchaus ein wenig sonderbar sein mochte, der aber bei jeder gemeinsamen Unternehmung seine Aufgabe tadellos erfüllte. Sonst wäre er nicht hier.
Niemand von ihnen wusste, wohin genau ihr Zug unterwegs war, obwohl jeder von ihnen auf der Karte hätte zeigen können, was für eine Welt es war, die ihre Jugend verschlingen würde. Dass es geschehen würde, müssen sie damals schon geahnt haben, auch wenn sie sich das nicht eingestanden, denn Goldzehner wurden nicht einfach so ausgeteilt, schon gar nicht so freigiebig: Das war Geld, das bis in die Knochen ging; und die Taten, für die du es empfangen hast, spülst du nicht einfach so in der Sauna herunter.
Aber warum sollte man auch? Sie standen für den Staat ein, für den doppelköpfigen Adler, und was immer sie tun mussten: Alles war irgendwo, weit entfernt, längst im Voraus abgenickt worden.
Obwohl in den Hauptstädten öffentlich nur im Inneren der Zeitungen von dem ganzen Problem die Rede war – dort, wo man die lästigen und unangenehmen Nachrichten platzierte –, hatte das Pestbakterium, das zweifellos lästig und unangenehm war, zumal es sich nicht einmal in ruhigeren Momenten aus den hintersten Winkeln des Bewusstseins verdrängen ließ, Ende des vergangenen Jahres in der Mandschurei, auch in der Sonderzone der Ostchinesischen Eisenbahn und in Harbin, begonnen, Menschen wie Heu niederzumähen, und danach die Staatsgrenze überschritten. In Irkutsk hatte man neben dem Bahnhof sogar ein separates Pestkrankenhaus errichten müssen, damit die Patienten, die sich auf der Zugfahrt mit dem tödlichen Bakterium infiziert hatten, nicht in zu engen Kontakt mit der Stadt kamen.
Doch das war erst der Anfang.
Die Krankheit breitete sich bis nach Samara aus, wenn auch nicht für allzu lange Zeit. Am grausigsten war es natürlich in Harbin, wenn man bedenkt, dass dort die Leichen einfach auf der Straße herumgelegen haben sollen, weil so rasch neue hinzukamen, dass man mit dem Bestatten nicht hinterherkam – auch deshalb, weil kein Mensch bei klarem Verstand sie anrührte. Damit gefährdete die Pest direkt die Grundpfeiler der Monarchie. Was anderes war die Eisenbahn denn, wenn nicht das Metallskelett der staatlichen Ordnung, das sich kraftvoll in das zitternde Chaos des übrigen Imperiums ausstreckte? Nun aber kam aus diesem Chaos heraus über eben diese Eisenbahn ein unsichtbarer Tod, der nicht nur die staatliche, sondern jede Ordnung zunichtemachte.
Es war klar, dass das nicht so weitergehen durfte. Schließlich landete die Frage bei der Staatsduma, wo erwartungsgemäß beschlossen wurde, zum vernichtenden Gegenschlag gegen die Pest auszuholen. Geld wurde bereitgestellt, Anordnungen wurden verfügt, man suchte Menschen – und fand sie. Zum Beispiel sie. Die Pest musste aufgehalten, eingegrenzt und vernichtet werden, und auch ihre Spuren mussten von der Erde verschwinden. Alles, was zur Erreichung dieses Ziels getan werden konnte, musste getan werden.
Sie trugen ihre Uniformen mit dem Quarantänezeichen, obwohl sie nicht zu echten Unteroffizieren befördert worden waren – und trotzdem: Auch das bedeutete etwas. Sie waren nicht mehr einfach nur Jungs. Sie waren wer. Sie mussten sogar einen Eid leisten, wobei die Frage gestattet sei, was für eine Bedeutung ein Eid hat, den man leisten muss und nicht freiwillig ablegt. Nun waren sie an eine Kette gebunden, die in ihrem Hirn und Herzen begann und in den Krallen des doppelköpfigen Adlers endete. Wenn überhaupt. Doch da war noch ein zweiter Eid, ein viel älterer, den sie in der Lateinstunde gelernt hatten. Den zu leisten war ihnen nicht abverlangt worden, obwohl man es gekonnt hätte: primum non nocere, vor allem keinen Schaden zufügen. Auch der schwebte über ihnen, obwohl er sie nicht verpflichtete.
Aber was geschah, wenn diese beiden Eide in Widerspruch zueinander gerieten? Der doppelköpfige Adler hielt es keineswegs für vernünftig, dass die in seinem Namen geleistete ärztliche Hilfe jemandem zuteilwurde, der mit einer Mordwaffe in der Hand über seine Grenze getreten war. Oder irgendwelchen Schlitzaugen in der Mandschurei, deretwegen das ganze Elend überhaupt seinen Lauf genommen hatte.
Und gleichzeitig hinter den Waggonfenstern: weite Flächen, dann Wälder, dann wieder Flächen, grenzenlos. Endlos. Zwischendurch Berge. Jetzt wieder Wälder. Aber ganz andere als daheim in Estland, wo man vom Wald immer Kraft bekam – diese hier waren zu groß. Diese hier würden dich verschlucken, würden dich in deine Einzelteile auflösen. Als habe der Mensch keinen eigenen Platz in diesem Ganzen.
Die grüne Mauer aus majestätischen Bäumen zog an ihnen vorbei, Stunde um Stunde, bis sie zu einem selbstverständlichen Hintergrund wurde, so wie das Rattern der Zugräder: ein Grundrauschen, über das der Blick weiterglitt, ohne noch den einzelnen Baum zu erkennen – es sei denn, er war auf irgendeine Weise auffällig: grau von einer Krankheit, vom Wind niedergestreckt oder sonst merkwürdig.
In Werchneudinsk, wo ihr Zug die Nacht über stand, waren die anderen – auf der Suche nach Schnaps und gefälligen Mädchen – übermütig in die Stadt gestürmt; nur Jakob und Swiridow waren zu zweit zurückgeblieben. Swiridow hatte ihn mit einem so seltsamen Blick betrachtet, als hätten die beiden ein gemeinsames Geheimnis. Gegen ein Schnäpschen hätte Jakob an sich nichts einzuwenden gehabt, auch wenn er wusste, dass es seiner Mutter Kummer bereitet hätte – erst recht in den Mengen, die sich die Jungs heute in der Stadt zweifellos genehmigen würden. Aber die Gesellschaft von gefälligen Mädchen konnte er sich absolut nicht vorstellen, denn ein gewisses Dingsbums hängt doch nicht an den Männern, um es einfach irgendwo hineinzustopfen. Und Swiridow nahm obendrein keinen Tropfen Schnaps zu sich. Er schien Jakob irgendwas sagen zu wollen, aber als dieser ein Buch aus seiner Reisetruhe hervorkramte und sich trotz der spärlichen Waggonbeleuchtung darin vertiefte, störte Swiridow ihn nicht. ›Ist das die Heilige Schrift?‹, hatte der Grieche einmal gefragt. ›Nein, das ist nicht die Heilige Schrift‹, hatte Jakob geantwortet – und weiter hatte sich niemand mehr dafür interessiert, was er las. Eine Bibel hatte er tatsächlich auch bei sich, aber die nahm er nie zur Hand.
In Wahrheit las er nicht mit voller Konzentration, eher hing er seinen eigenen Gedanken nach, während er auf die Seiten starrte. Das Buch war für ihn wie eine Mauer, die die anderen daran hinderte, in seiner Seele herumzustochern. Allein fühlte er sich wohler: Auf allen Bahnhöfen, an denen sie länger hielten und die anderen so schnell wie möglich aus dem Waggon sprangen, um endlich wenigstens für einen Moment den beengenden Wänden zu entkommen, war Jakob immer der Letzte. Manchmal ging er gar nicht auf den Bahnsteig. Er fühlte sich gerade in der unbegrenzten Weite unwohl. Schon in seiner Kindheit, als sein mittlerer Bruder Johannes ihrer Schwester Jenny im August die Sternbilder beizubringen versucht hatte, hatte ihn das kalt gelassen: Ihn fesselte der Kosmos der geschlossenen Räume. Die einzige Unendlichkeit, die er ergründete, war die, die in einen selbst führte. Weshalb sie neben allen anderen Unendlichkeiten bestehen kann.
So war ihm der Zug ganz recht. Nur dieses ewige Geschaukel. Selbst draußen auf dem Bahnsteig wurde man dieses Gefühl nicht los: Die Welt stand nicht still. So tief hatte sich dieser Rhythmus in den Körper eingefressen.
Später hörte er im Schlaf den Lärm, den die anderen machten, als sie gegen Morgen aus der Stadt zurückkamen. Sie schienen geradezu begeistert zu sein – am meisten von der heftigen Keilerei, bei der Krajewski obendrein ein Loch in den Kopf davongetragen haben soll, worüber Krajewski selbst sich am allermeisten zu freuen schien. Jakob schlief wieder ein und wachte erst vom Rattern der Räder auf. Hinter dem Fenster war erneut Wald. Seine Augen waren verklebt, Licht erfüllte sie mit Schmerz. Er richtete sich auf seinem Lager auf; auch die anderen waren schon wach. Wie immer zog Jakob als Erstes am Morgen seine Taschenuhr auf. Solomjatin schaute ihn spöttisch an und schien etwas sagen zu wollen – über Jakobs Uhr konnte er endlos lästern –, tat es dann aber doch nicht.
Diese Uhr war für Jakob keine Modeaccessoire: Man konnte doch nicht durch die Weltgeschichte marschieren, ohne zu wissen, wie spät es ist? Jetzt zum Beispiel war es schon nach neun. Der Grieche rasierte sich, Krajewski mit seinem verbundenen Kopf strich Butterbrote, Swiridow versuchte, Gymnastik zu machen – so gut das in einem fahrenden Zug ging. Nur Jeroschin schnarchte noch oben auf der Pritsche mit der Kraft eines Betrunkenen, was nicht verwunderlich war: Wenn er an einer Festtafel saß, kannte er keine Grenzen.
Solomjatin wiederum hatte in Werchneudinsk nicht nur etliche Flaschen ganz anständigen französischen Cognacs aufgetrieben. »Was dachtet ihr denn? Wenn man weiß, wo man fragen muss, kriegt man auch in einer solchen Stadt alles – sogar ein Netz mit frischen Zitronen.«
»Zitronen?«, wunderte sich Jakob. »Wozu?«
»Der Autokrat persönlich belieben so zu trinken«, erläuterte Solomjatin wichtigtuerisch. »Dem Väterchen Zar gefällt es, den Tag mit einem kleinen Cognac zu beginnen, was wiederum der Frau Zarin nicht sonderlich gefällt, wir kennen solche Alten ja zur Genüge. Deswegen lässt Väterchen Zar seinen Morgenschnaps in eine kleine Teekanne füllen, aus ihr dann in die Tasse und dann beißt er in eine Zitrone, als wäre es Tee; von der Farbe her macht das ja keinen Unterschied. Sogar ein bisschen Puderzucker streut er noch auf die Zitrone. Und was Väterchen Zar passt, muss seinen treuergebenen Dienern auch passen«, fuhr Solomjatin fort und entkorkte die Flasche.
Der Grieche runzelte einen Moment die Stirn, winkte dann aber ab, und Solomjatin schenkte auch ihm ein. Krajewski nickte schon, bevor er gefragt wurde. Nur Swiridow schnappte sich sein Glas, ohne dass darin braune Flüssigkeit aufblitzen konnte – bloß zum Spaß, um allen noch einmal in Erinnerung zu rufen, dass er nicht wie die anderen war. Solomjatin hatte die Zitrone bereits in Scheiben geschnitten.
»Also, Männer«, sagte er und hob den Ellenbogen husarenmäßig in die Waagerechte. »Auf das Wohl des Autokraten! Möge er noch viele schöne Morgen haben – und wir ebenso!«
Er trank das Glas in einem Zug aus und ließ einen fragenden Blick in die Runde schweifen. Doch der Grieche hatte nur einen ganz kleinen Schluck genommen, und weil Solomjatin sich nicht traute, ihn zu hänseln, ließ er auch alle anderen in Ruhe.
Der Grieche hieß in Wirklichkeit Georgakopulu. Jakob hatte sich das anfangs irgendwo notiert – so ein Name blieb einem nicht auf Anhieb im Gedächtnis –, aber weil alle anderen ihn einfach nur ›den Griechen‹ nannten, wollte auch er sich nicht aufspielen. Der Grieche war ihnen in Moskau zugeteilt worden und auf dem Papier ihr Vorgesetzter. Im Gegensatz zu ihnen, die sie bloß Feldschere waren, hatte er nämlich gerade sein Studium an der Kaiserlichen Militärmedizinischen Akademie in Petersburg abgeschlossen. Das bedeutete, dass er ein frischgebackener, aber eben doch echter Militärarzt war, mit Dienstgehalt und allem Drum und Dran. Und so jemand war namenlos schon besser, sonst hätte er sich am Ende noch für etwas Besseres halten können.
»Wenn du am Morgen einen kleinen Schnaps nimmst, hast du prompt den ganzen Tag frei«, verkündete Krajewski mit überschäumender Freude. Er hatte sein Glas schwungvoll geleert und wartete nun darauf, dass Solomjatin ihm nachschenkte. Solomjatin tat es hingegen nicht, sondern hielt im Gegenteil die Flasche fest.
Obwohl auch Jakob nur einen kleinen Schluck genommen hatte, fühlte er bereits, wie sich der Cognac in seinen Adern ausbreitete: Er spürte diese kraftlose Ruhe, die in die Muskeln kriecht und alles Dringende auf später verschiebt. Außerdem gab es keinen Unterschied zwischen morgens und abends – nur ein ewiges Schaukeln, zwischendurch schläfst du, dann wieder nicht. Die Zitrone ließ er liegen; ein Butterbrot von Krajewski nahm er aber. Das Brot war ziemlich trocken, die dicke Scheibe Salzfleisch mit einem großen Speckstreifen dagegen frisch und saftig – wahrscheinlich auch aus der Stadt mitgebracht.
Aber was soll’s, es war angenehm, so herumgeschaukelt zu werden, seinem Schicksal entgegen, wie Solomjatin zu sagen pflegte. Sich selbst jeden Moment als zeitweiliges Gleichgewicht der chemischen Elemente zu begreifen, aus denen der Körper besteht, wie Jakob den Menschen in der Feldscherschule zu betrachten gelernt hatte.
Morgens mit einem leichten Kater (also jetzt, während der Schulzeit natürlich nicht), nach dem Kaffeegenuss lebhafter als vorher, hungrig, nervös, außer Atem nach dem Lauf, der jeden Morgen und bei jedem Wetter auf der Festung Brest vorgesehen war – in Unterhemd und Stiefeln, mit Blutgeschmack im Mund, über den Mauerrand der Wolhynienschanze bis zur Brücke, dann weiter zur Kobrinschanze, noch eine Runde in der Festung und denselben Weg zurück. Wie konnte man annehmen, dass diese Zustände ihn nicht verändern würden? Und wie sollte er bei all dem die ganze Zeit ein und derselbe Jakob bleiben? Selbst wenn es ein konstantes und unveränderliches Muster gäbe, eine kleine endliche Unendlichkeit, die diesen Jakob als solchen jetzt sag bloß nicht: ›Mit Gottes Hilfe‹ die ganze Zeit zusammenhalten würde, böge es sich doch in jeder Lage sag ich nicht ein wenig in die Richtung, wohin die Lage ihn neigt? Und nicht nur die Chemie in ihm, obwohl Schmerz, Furcht und natürlich auch Vergnügen leicht zu erkennen sind, sondern auch die inneren Verschiebungen, die Mathematik, Logik oder Musik hervorrufen, müssen auf der Ebene des Körpers nichts anderes sein als bestimmte Reaktionen, Ketten von Ursache und Wirkung, die man in Formeln fassen könnte. Trotzdem musste sich in diesem Muster auch alles andere abgelagert haben, woran er sich erinnerte: Podgorelyis trockene Listen von Schienenverbänden und Binden verschiedener Art, Jewdokimows Tiraden, Gottes Wort von Väterchen Pimen und das Latein von Privatdozent Pfeifenberger. Und natürlich auch die Märchen von seiner Großmutter, Vaters Geschichten vom mittelalterlichen Freiheitskampf der Esten – und Jesus irgendwo dort unter ihnen allen.
Auf den Cognacgeruch hin öffnete auch Jeroschin auf der oberen Pritsche die Augen.
»Aufwachen!«, grölte er sich selbst zu. »Antreten!«
Er richtete seinen großen Körper ächzend auf, sprang herunter und stellte sich in Habachtstellung.
»Guten Tag wünschen wir!«, rief er im vorschriftsmäßigen Rhythmus.
»Ach, sei still, Jeroschin«, lachte Krajewski, »als würdest du überhaupt keine Kopfschmerzen haben.«
»Ja eben, ich habe entsetzliche Kopfschmerzen«, nickte Jeroschin und nahm neben dem Polen Platz. Er streckte seinen Arm nach einem Cognacglas aus, das Solomjatin ihm auch sofort reichte. Krajewski schaute ebenfalls erwartungsvoll zu Solomjatin, dieser beachtete ihn aber immer noch nicht.
Der Grieche stieß mit Jeroschin an und trank sein Glas aus.
»Noch eine Runde?«, fragte er zu Solomjatin. »Und dann ist es für den Moment vielleicht genug? Müssen wir in Tschita nicht umsteigen?«
»Bis dahin dauert es noch Stunden«, meinte Krajewski.
Jeroschin rülpste, lang und ausführlich.
»Genau«, stimmte der Grieche zu. »In der Zeit schaffen wir es, uns in einen solchen Zustand zu versetzen, dass wir uns nicht mal mehr im Spiegel erkennen.«
Der enge und ziemlich schmuddelige Kragen von Jakobs Uniformhemd hatte ihm den Hals wundgescheuert, auch seine Arme und Beine schienen nach den Tagen im Zug angeschwollen zu sein. Er stand auf, streckte sich, trat hinaus auf den Gang und schaute sich um.
Am anderen Ende des Waggons hatte sich in der Nacht ein Wechsel vollzogen: Die kartenspielende Gesellschaft, die seit Omsk mitgereist war, war in Werchneudinsk ausgestiegen. An ihrer Stelle saß nun eine anständige Kaufmannsfamilie zwischen den Pritschen. Ziemlich merkwürdig, dass sie in der dritten Klasse saßen: ein Vater mit langem Bart, eine in sich zusammengesunkene Mutter und zwei Kinder, ein Junge in einer Gymnasialuniform und ein zwei Jahre jüngeres Mädchen mit langen Zöpfen. Dieses Mädchen schaute nun zu ihnen, als hätte es in seinem Leben noch nie solche Leute gesehen. Vielleicht war das auch der Fall. Was immer ihr Reiseziel sein mochte, ihrem Schicksal entgegen fuhr das Mädchen genauso wie sie. ›Hoffentlich steigen sie in Tschita aus‹, dachte Jakob, ›oder gehen wenigstens in einen anderen Waggon‹.
In Wirklichkeit wäre er selbst lieber woandershin unterwegs gewesen, und sei es dahin, wohin diese Kaufmannsfamilie fuhr. Aber da war nichts mehr zu machen.
Dass er sich jetzt hier befand, war das Resultat einer langen Reihe von Begebenheiten, in der sich Unumgänglichkeiten und Zufälle zu einer festen Kette zusammenfügten. Jakob erinnerte sich gut an den Augenblick, in dem diese Reihe begonnen hatte, sich unaufhaltsam zu entrollen – und es war tatsächlich ein Zufall gewesen.
Es begann schon vor einer Ewigkeit, noch in der Dorfschule: Im letzten Jahr, im neuen Schulgebäude, war Jakob, der ansonsten niemals gegen die Ordnung verstoßen hatte, zum ersten Mal zu einem Gespräch ins Lehrerzimmer vorgeladen worden. Dieses Zimmer wurde hier ›Kabinett‹ genannt, und man durfte es nicht ohne Aufforderung betreten; nicht so wie im alten Gebäude, wo alle recht frei beim Lehrer ein und aus gingen. Damals musste Jakob zu einer Rauferei Stellung nehmen, in die er sich zur Schlichtung gestürzt hatte und bei der nicht nur das Nasenbein eines Beteiligten zu Bruch ging – auch Jakob selbst hatte gründlich etwas abbekommen –, sondern auch der Globus, der auf dem Lehrertisch gestanden hatte. Jakob hatte eine klare Vorstellung vom Verlauf der Ereignisse und der Schuld der Beteiligten; doch als er über die Schwelle des Kabinetts trat, war er von dessen Inhalt so erstaunt, dass seine Kehle austrocknete und er kein Wort über die Lippen bekam.
Das Kabinett war erwartungsgemäß voller Bücherstapel und anderer Papiere, die sich auf dem schweren Lehrerschreibtisch mit den großen Schubladen türmten.
Aber da war noch etwas: flache, mit Glas abgedeckte Kästen, ein Teil von ihnen stand in einem Stapel an der Wand, andere lehnten am Schreibtisch, wiederum andere waren an den Wänden aufgehängt. Jakob sah, was sie enthielten: zahllose Schmetterlinge, mit Nadeln an der Hinterwand der Kästen befestigt, von gewöhnlichen blassen bis hin zu majestätischen Wesen in prächtigen Farben, wie sie Jakob auf den Wiesen seiner Heimat niemals hatte herumfliegen sehen. Sie mussten von anderswoher stammen. Mehr noch als ihre Schönheit fesselten Jakobs Blick die Kästen mit den leeren Fächern zwischen den Schmetterlingen. Daraus konnte nur gefolgert werden – anders konnte es nicht sein, wenn in diesen Kästen Ordnung herrschte –, dass jeder Schmetterling seinen richtigen Platz in der großen, sich alles unterwerfenden Anordnung hatte. Und wenn irgendwo etwas leer blieb, bedeutete das, dass der dorthin gehörige Schmetterling noch nicht gefangen worden ist, dass es ihn aber gab und er seinen einzigen Tag lebte, nur hatten sich sein Weg und der Weg des Fängers noch nicht gekreuzt. Und wenn sich der Tag des Schmetterlings dem Ende zuneigen sollte, bevor er den Sammler traf, machte das nichts, denn am nächsten Tag schlüpfte irgendwo ein anderer, genauso einer. Dann war dieses leere Fach hier für ihn.
Jakob gab sich alle Mühe, seine Gedanken auf den Hergang der Rauferei zu konzentrieren, doch als er seine Stimme hörte, wurde ihm klar, dass er selbst kein Wort von dem glauben würde, was diese Stimme sagte. Der Lehrer hörte schweigend zu. Vor ihm auf dem Schreibtisch lag ein großes, dickes Buch aufgeschlagen, mit farbigen Bildern, die dieselben Schmetterlinge zeigten; aber man konnte sie nicht genau sehen, denn über der Seite mit den Bildern auf dem Glanzpapier war ein weiteres, durchsichtiges, zartes und knisterndes Blatt, das der Lehrer gerade hatte zurückgleiten lassen, als Jakob eintrat.
»Gut«, sagte der Lehrer. »Du kannst gehen.«
Er wandte ihm den Rücken zu, doch Jakob blieb noch stehen. Die Gedanken jagten durch seinen Kopf wie Blitze am nächtlichen Himmel, und er wusste, dass er es sich nie verzeihen würde, wenn er jetzt nicht nach einer bestimmten Sache fragte.
»Herr Lehrer … könnten Sie mir nicht noch einmal die Sache mit der Unendlichkeit erklären?«
Leicht verwundert wandte sich der Lehrer ihm erneut zu und erklärte es tatsächlich – jetzt einfacher als vor ein paar Tagen im Klassenzimmer. Jakob nickte eifrig, verstand es aber trotzdem nicht ganz bis zum Ende – oder genauer gesagt: In dem Moment schien er es zu verstehen, aber als er das Kabinett verlassen hatte, konnte er die gerade gehörten Erläuterungen für sich nicht mehr mit befriedigender Genauigkeit nachvollziehen, obwohl er diesmal, als er der Stimme des Lehrers lauschte, genau verfolgt hatte, wie jedes Glied seines Gedankengangs aus dem vorangegangenen abgeleitet worden war.
Und dennoch: Wie konnte es sein, dass eine zwei Zoll lange Strecke exakt die gleiche Anzahl von Punkten haben sollte wie eine ein Zoll lange – nämlich unendlich viele –, wenn für jeden mit bloßem Auge sichtbar sein musste, dass dort genau doppelt so viel sein müssten? Und die Geschichte, dass auch Gott auf dieselbe Art unendlich sei und trotzdem ganz und gar in das kleinste Sandkorn passe, hört doch auf damit!
Erst Jewdokimow erklärte ihm, dass seine Unendlichkeitsfrage in Wahrheit eine vollkommen mathematische Basis habe, wie ein Deutscher nachgewiesen habe. Jakob musste sich also nicht der Unendlichkeit verweigern, nur weil er sich Gott verweigerte. Aber zu jenem Zeitpunkt war er bereits gewöhnt, auf eigene Weise zu denken, und es war schwer, wieder von vorn anzufangen.
Als Jakob aus dem Kabinett des Lehrers trat, wusste er ganz genau, was er jetzt brauchte: eine bestimmte Genauigkeit. Bislang war er in der Schule ein durchschnittlicher Schüler gewesen; nun aber riss er sich zusammen und lernte in der verbliebenen Zeit mehr als in seiner ganzen bisherigen Schullaufbahn zusammen.
Dass es so kam, war Zufall gewesen. Oder vielmehr die Überschneidung mit einer anderen Geschichte: Später hörte Jakob, wie der Lehrer ein Jahr zuvor jene berühmte Schmetterlingssammlung von Hugo von Schwarz auf dem Gut Kardse gerettet hatte: Als die Bauern das Gut schon an einem Ende angezündet hatten, warf der Lehrer am anderen Ende noch die Kästen der Kollektion aus dem Fenster in den Schnee, zog sie danach mit dem Schlitten ins Schulhaus und reparierte das Glas, wo es zerbrochen war. Im Kabinett des neuen Schulgebäudes hatten sie schließlich einen würdigen Platz gefunden.
Deswegen waren sie jetzt auch hier – als Botschaft von etwas, dem Jakob keinen Namen zu geben vermochte, als er zufällig darauf stieß.
Unumgänglich war jedoch, dass gerade er es war, der aus ihrer Familie zum Militär musste: Der älteste Sohn wurde nach dem Gesetz nicht genommen, und der vom Alter her Nächste taugte nicht wegen Blutarmut.
Der nächste Schritt war dann wieder ein wenig Zufall.
›Wenn sie fragen, ob du lesen und schreiben und Sprachen kannst, mach ein schön dummes Gesicht und sag nein – dann setzt man dich nicht für komplizierte Arbeiten ein, sondern du brauchst nur zu marschieren und zu schießen‹, hatte Toivo gesagt, ein Junge aus dem Nachbardorf, mit dem Jakob bei der Werbestelle zufällig ein paar Worte gewechselt hatte.
Jakob tat natürlich das genaue Gegenteil: Er bewies dem Beamten des Kameralhofs in seiner abgewetzten Uniform sowohl seine Russisch- wie auch seine Deutschkenntnisse und erzählte ihm außerdem, sein eigentlicher Wunsch sei, Medizin zu studieren – nur hätten es sich seine Eltern nicht leisten können, zwei Söhne auf die Hochschule zu schicken, obwohl in dem gemieteten Zimmer seines Bruders Johannes, der schon seit zwei Jahren in Tartu Chemie studierte, der mit dem schwachen Blut, sich ja wohl auch noch ein Plätzchen für seine Koje gefunden hätte. Dem Bruder war bei Licht besehen ohnehin kein anderer Lebensweg vorgezeichnet gewesen. Wer nicht einmal für die Armee des Zaren taugte, wurde auch kein rechtes Arbeitstier auf einem Bauernhof. Man konnte von Glück reden, dass sein Kopf hell genug für die Chemie war.
Aber Jakobs Köpfchen war keinen Deut weniger hell.
»In Ordnung«, hatte der Beamte gesagt, »du kommst erst mal nach Brest-Litowsk auf die Schule für Militärfeldscher.«
So hatte sich der Umstand, dass Jakob in der Zarenarmee landete, in gewisser Hinsicht als Glücksfall erwiesen.
Und als nach anderthalb Jahren Leben hinter den Festungsmauern von Brest-Litowsk der diensthabende Arzt ihrer Gruppe, Podgorelyi, ihn und noch ein paar andere zur Seite genommen und gesagt hatte, sie sollten nach der Aushändigung der Abschlusszeugnisse nicht gleich anfangen zu feiern, sondern noch einen Augenblick im Hof der Zitadelle warten, weil ihnen ein Angebot gemacht würde, war auch das wahrscheinlich eher Zufall, denn die Gesamtnote auf seinem Abschlusszeugnis der Feldscherschule lautete ›gut‹. (In Religion und russischer Orthografie reichte es nicht für die Bestnote.) Das Angebot wurde weder denen gemacht, die die besten Zensuren hatten – die gab es auch – noch denen mit schlechten Zensuren, sondern denen, die aus irgendeinem anderen Grund vorgezogen wurden.
So standen sie also da, zu fünft, bis eine Kalesche mit heruntergelassenem Verdeck auf den Hof rollte. Es war bewölkt, regnete aber nicht. Ein Mann stieg aus, nach den Kragenspiegeln der Uniform zu urteilen ein Medizinoffizier im Rang eines Titularrats, er kam offenbar direkt vom Bahnhof.
»Macht um Gottes willen bloß nicht den Fehler«, hatte Podgorelyi gesagt, »zu glauben, es würde sich wirklich nur um ein Angebot handeln, das man auch ablehnen könnte.«
Außerdem: Das Jahresgehalt eines Feldschers betrug beim Militär gesetzlich fünfundzwanzig Rubel – aber hier, für jeden Monat, ein Vielfaches davon …
»Na, Sarapik«, rief Solomjatin, »nimmst du noch einen? Du bist plötzlich so träumerisch geworden. Hast du Heimweh, oder was?«
»Schenk schon ein.«
Das tat Solomjatin auch – allen, nur Krajewski übersprang er. Der war enttäuscht, wagte aber nicht zu protestieren.
»Schenk Krajewski auch ein«, sagte Jakob.
»Habe ich doch gerade«, meinte Solomjatin verwundert. »Ist doch nicht meine Schuld, wenn er sofort alles austrinkt.«
»Das tut er gar nicht. Du hast ihm gar nichts eingeschenkt. Los: schenk ihm ein«, verlangte Jakob.
»Du weißt doch, wie er wird, wenn er voll ist, dann zettelt er sofort Streit an.«
»Wenn er dir Dresche gibt, komme ich sofort zu Hilfe«, versprach Jakob schmunzelnd.
»Es ist mein Cognac«, sagte Solomjatin schulterzuckend. »Ich schenke ein, wem ich Lust habe.«
»Und mir?«, fragte Swiridow.
»Dir? Du trinkst doch nicht.«
»Vielleicht habe ich gerade beschlossen, damit anzufangen«, sagte Swiridow. »Eine lange Reise, gute Gesellschaft – du weißt doch, wie das ist.«
Solomjatin schnaubte und schenkte ihm das Glas halb voll. Swiridow schob es Krajewski vor die Nase. Als Solomjatin das sah, schenkte er auch Krajewskis Glas voll.
»Habt ihr im Ernst geglaubt, dass ich einen von uns auf dem Trockenen lasse? Für wen haltet ihr mich eigentlich? Und vergiss die Zitrone nicht«, fügte er hinzu und schob Krajewski den Teller hin.
Der Grieche machte ein Gesicht, als hätte er das Gespräch überhaupt nicht mitbekommen, und Jeroschin hatte es vermutlich wirklich nicht. Solomjatin hob das Glas vorsichtig an die Lippen, als wäre heißer Tee darin, nahm einen winzigen Schluck, stellte es wieder auf den Tisch und schloss genüsslich die Augen.
Solomjatin stellte in der ganzen Gesellschaft zweifellos das größte Geheimnis dar. Von den Übrigen wusste man, was man erwarten konnte; von ihm nicht. Was einem Fremden an Solomjatin auf den ersten Blick auffiel, war die sonderbare Unvereinbarkeit seiner oberen mit seiner unteren Gesichtshälfte: Seine Brauen waren fortwährend gerunzelt, als wäre er wütend auf die ganze Welt, während seine Lippen gleichsam anfingen zu lächeln – wirklich nur anfingen, denn dieses Lächeln stellte sich nie ein. Ein Lachen konnte es geben, ein ansteckendes, überschäumendes Lachen; aber ein Lächeln nicht. So waren in seinem Gesicht als Ganzem – denn eine Ganzheit war es schließlich – der Trotz eines Jünglings und die milde Billigung alles Existierenden, wie sie eher einem jüngeren Kind oder einem betagteren Menschen eigen ist, der schon genug vom Leben gesehen hat, miteinander verwoben. Solange er redete, gab es keinen Gegensatz zwischen diesen beiden, sie waren wie die beiden Ränder eines Pfades, ohne den es keine Fortbewegung gab. Doch wenn jemand Solomjatin zum ersten Mal zufällig in einem Moment sah, in dem er tief in Gedanken versunken und sein Blick weit weg war, musste der Beobachter konstatieren: Nein, diesen Menschen begreife ich nicht und werde ich vermutlich auch niemals begreifen.
Frauen gefiel das meistens eher. Beneide ich ihn deswegen? Natürlich nicht. Oder was weiß ich.
Jakob hatte ihn das erste Mal getroffen, als er einer kleinen Gruppe von Zöglingen leidenschaftlich etwas erklärte. Damals war es ihm so vorgekommen, als gäbe es tatsächlich noch Menschen, die an etwas wirklich glauben – und solche Menschen wusste Jakob durchaus zu schätzen, wenngleich er sich selbst nicht mehr für einen solchen hielt. Aber dieser Eindruck war bald verflogen.
Solomjatin konnte manchmal jemandem vom Grunde seines Herzens etwas Böses sagen, etwas, das aus dem Mund eines anderen Menschen den Zuhörer bis zum Ende seines Lebens zum Todfeind gemacht hätte. Dann jedoch, wenn er die Wirkung seiner Worte begriff, huschte gleichsam kurz die Sonne über sein Gesicht und er sagte: ›Freundchen, du nimmst das doch nicht ernst? Das war doch nur ein Scherz, sei jetzt doch nicht eingeschnappt!‹
Oder umgekehrt: Um ihn herum sind die Jungs in ausgelassener Stimmung, man triezt und spottet – gegenseitig, über sich selbst oder irgendeine heilige Unternehmung, die sie eigentlich vereinen sollte, und plötzlich spricht ein nachdenklicher Solomjatin einen Satz aus, dem deutlich zu entnehmen ist, wie sehr er über all dieser nichtswürdigen Prahlerei stehe. Als wären es seine Gedanken, die vom Ideal der allgemeinen Gerechtigkeit oder aber der russischen Idee, die auf einzigartige Weise die orthodoxe Nächstenliebe und die imperiale Größe in sich vereint, aufgenommen worden. Und überhaupt, wie könne man auf solche Weise über etwas spotten, das heilig sei? Was käme dann als Nächstes?
Jakob gefiel diese Sprunghaftigkeit nicht, sie wirkte in seinen Augen ein wenig gekünstelt. Aber es stimmte: Für Solomjatin war es kein Problem – wenn er nur wollte –, sich in jeder beliebigen Gesellschaft zum Mittelpunkt zu machen oder einfach so zu sein, dass alle anderen gleichsam gegen seinen Willen ihn in diesen Mittelpunkt lockten.
Seltsam war auch, dass niemand etwas von Solomjatins Vergangenheit wusste. Krajewski sprach oft über das kleine Gut seiner Familie – also, ›Gut‹ war eigentlich eine Übertreibung, aber Ehre verpflichtet – in der Nähe von Lublin. Jeroschin erinnerte, wenn jemand ihn beleidigte, manchmal an seinen Vater, der Stabshauptmann war. Von Swiridow war bekannt, dass sein Vater Semstwo-Arzt irgendwo hinter Nischni-Nowgorod war. Auch der Grieche erzählte gelegentlich Geschichten von seinem Kaufmannsgeschlecht in Odessa. Und Jakob selbst sprach ebenfalls von seiner Familie und dem Leben in Estland, wenn man ihn danach fragte. Nur Solomjatin wechselte in solchen Fällen sofort das Thema, er blieb ein Geheimnis.
Im Allgemeinen weiß man, ob jemand ein Freund ist, und wenn jemand kein Freund ist, weiß man es auch. Bezüglich Solomjatin konnte man keines von beiden mit Fug und Recht behaupten – Jakob nicht, und vermutlich auch kein anderer. Dennoch war es besser, bei ihm gut angeschrieben als sein Feind zu sein.
So weit, so gut, in diesem Kreis hatte Jakob auch niemanden, der ihm näherstand. Der Grieche schien an sich nüchterner Mensch zu sein, aber die Dinge der Welt besprach man doch nicht mit Menschen, die einem sowohl offiziell als auch ihrer eigenen Meinung nach Befehle erteilen können. Krajewski wiederum war ein guter Kumpel, aber nicht viel mehr, jedenfalls keiner, dem man sein Leben anvertrauen wollte. Einmal abgesehen davon, wenn man operiert werden musste: Dieser Pole hatte ausgesprochen präzise Finger, ›Er könnte ein Chirurg werden, ein Chirurg von Gottes Gnaden‹, hatte Jewdokimow gesagt, ihr Dozent für klinische Medizin, und der musste es wissen. Aber ein Mensch besteht ja nicht nur aus Fingern, und vom Rest von Krajewski hatte Jakob überhaupt keine so hohe Meinung.
Swiridow wiederum kannte er von früher auch nicht besonders. In der Schule war er in einer anderen Gruppe gewesen.
Und Jeroschin – also mit Jeroschin konnte überhaupt keiner etwas anfangen, höchstwahrscheinlich auch Jeroschin selbst nicht.
Im Moment hatte Jeroschin mal wieder irgendwo eine Flasche Schnaps aufgetrieben – weil ihm dieses französische Eau de Cologne nicht so recht die Kehle runtergleiten wollte –, und er hatte sie ganz alleine schon fast halb ausgetrunken. Der Grieche sah ihn besorgt an; es war nicht gerade eine begeisternde Aussicht, mit solchen Soldaten in die Schlacht zu ziehen. Aber da kannte er Jeroschin nicht. Erstaunlicherweise war unter ihnen kein Zweiter so pflichtgetreu und zäh wie dieser sommersprossige Riese, der gerade brummend auf seiner Pritsche Schnaps pichelte. Man musste ihm nur einen Befehl erteilen. Ein Befehl ist älter als wir, heißt es – ob das auch immer der Wahrheit entsprach, kann natürlich bezweifelt werden, aber dass ein Befehl älter als Jeroschin war, war völlig klar.
Der Cognac setzte seinen Weg durch die Blutbahnen fort und erledigte seine Arbeit tadellos.
Ein Befehl, ja. Ein Befehl.
Dieser Befehl, der älter als wir ist, stammt überhaupt nicht von dieser Welt – öffnet diese Tür nicht! Menschen kann man – wenn überhaupt – nur durch und durch und als solche, die sie sind, lieben. Aha, als solche? Aber wenn sie durch und durch faul sind – das sind nicht meine Worte! und voller Sünde und Verderbtheit – und ihr fragt noch, warum mich die Einberufung in den Militärdienst nicht deprimiert hat? Letztlich doch, weil sie die Möglichkeit bot, den überall hinreichenden Blick in sich auszumerzen, diesen grausamen Gott, der als Schimmel in deine Knochen und Muskeln gekrochen ist. Er ist keineswegs ein klarer, uns den Weg weisender Polarstern, sondern ein Aufseher mit Feuerschwert und Pechpeitsche, in dessen Bann Vater und Mutter die ganze Liebe in sich kaputtgeschuftet haben und gleichsam als Gegenleistung für dieses Opfer von ihren Kindern dasselbe erwarteten. Von denen kein einziges bereit war, es zu geben. Nur Jenny –
Aber in Wirklichkeit, ahnte Jakob, steckte auch hinter Jennys eifrigen Gebeten keineswegs der Wunsch, das verheißene Paradies zu erreichen, sondern bloß der Wille, ihren Eltern auf dieser irdischen Welt eine gute Tochter zu sein. Die Jungen waren nicht so sanft. Von ihnen hatte sich jeder auf seine Weise dem Gott der Eltern verweigert: der älteste Bruder Osvald stumm, Bruder Johannes lautstark: ›Ich will eure sauer gewordenen Märchen nicht, ich will wissenschaftliche, ich will geometrische Deutlichkeit‹, und er, Jakob, wartete einfach die Möglichkeit ab, die heimatliche Tür hinter sich zuzuschlagen, ohne seine Unabhängigkeit vorher allen zu verkünden. Denn auch er wollte nicht nach anderen Regeln leben als denen, die er in seinem Herzen verspürte. Selbst wenn er vor dem Essen das übliche Gebet mitmurmelte, dankte er in Gedanken für die Gaben des Tisches niemals dem Gott seiner Eltern, sondern ihrer eigenen Arbeit und Mühe. Es war also kein Verrat. So gesehen könnte er bis heute vor dem Essen immer wieder dieses Gebet murmeln.
So liebten sie einander denn auch, jeder nach Meinung der anderen irgendwie schräg. Aber niemand von ihnen brachte das jemals zur Sprache. Man muss nicht in etwas bohren, das mühselig zusammengehalten wird.
»Erinnert ihr euch an diese Alte in Jekaterinburg«, fing Krajewski an – und brach sofort in Lachen aus.
Jakob erinnerte sich durchaus an diese nüchterne Frau, die vor Ankunft des Zuges auf dem Bahnsteig einen Stand mit Brötchen und Piroggen aufgebaut hatte, die offenbar von ihr und vielleicht ihrem ganzen Haushalt – vielleicht von einem ganzen Haufen kräftiger sibirischer Mädchen und Tanten und alten Mütterchen – gebacken worden waren, wie sollte es anders sein: Es war wirklich eine ungeheure Menge von Brötchen. Aber als der Zug dann anhielt, flog, noch bevor sie ihre Glieder für einen fast halbstündigen Aufenthalt auf dem Bahnsteig ausstrecken konnten, von irgendwoher ein Schwarm Vögel herbei. Es könnten Möwen gewesen sein – obwohl das nicht sein konnte, dazu waren sie zu weit vom Meer entfernt –, aber jedenfalls sahen sie wie Möwen aus und waren wahnsinnig böse und hatten noch größeren Appetit auf Brötchen als die dem Zug entsteigenden Reisenden. Die Frau hinter dem Stand musste sie alleine abwehren. Sie versuchte, sie anzuschreien: ›Na, was treibt ihr hier, ihr Satansbraten!‹ und musste beinahe schluchzen, denn sie hatte sich so lange auf diesen Moment vorbereitet. Das war schließlich ihr Verdienst für mehrere Tage, den die gierigen Vögel mit ihren scharfen Schnäbeln gerade forttrugen. Brötchen purzelten auf den Bahnsteig, kullerten weg; sogar noch im Schmutz wirkten sie noch appetitanregend. Die Frau war verzweifelt.
Aber das Erschütterndste dabei war nicht etwa diese unerwartete und gewalttätige Einmischung der geflügelten Natur in den friedlichen Lauf der Menschen und der Eisenbahn, sondern die Reaktion der Reisenden: Sie nahmen es als speziell für sie arrangiertes Vergnügen hin, ein Schauspiel. Sie bildeten um die Frau und ihren Stand einen Halbkreis, lachten und kommentierten ihre Not. Man bekam wirklich das Gefühl: Wenn irgendwo ein Hut auf dem Boden gelegen hätte, wäre dieser mit mehr Münzen gefüllt worden, als die Frau sich für ihre Brötchen zu erhoffen gewagt hätte. Andererseits, was hätten sie tun können? Mit den Armen fuchtelnd die Vögel vertreiben? Riskieren, selbst einen Schnabel ins Auge zu bekommen? Lieber lachen, denn wie verteidigst du dich schon gegen etwas, was du nicht begreifst? Wovor du Angst hast.
Natürlich hatten sie Angst. Deswegen soffen sie doch die ganze Zeit. Sie alle hatten Angst – auch der Grieche, der Grieche vielleicht ganz besonders, weil er die Verantwortung für alle trug. Wer hatte denn keine Angst vor der Pest? Wer hatte keine Angst vor der Pest, selbst wenn man sie nur in Seminaren durchgenommen hat und man nur theoretisch weiß, wie schnell sie sich verbreitet und tötet. Man musste ja ein Vollidiot sein, wenn man glaubte, einfach so seinen Lohn in Goldzehnern ausbezahlt zu bekommen – für ein paar Monate Dienst mehr, als für einen über eine ganze Reihe von Jahren gesetzlich vorgesehen ist. Denn in der anderen Waagschale liegt die Gefahr, die unbegreiflich bleibt, vernichtend, geheimnisvoll, vernunftwidrig, fürchterlich – egal, wie häufig du dir auch einredest, dass die Pest bloß eine Krankheit ist.
»Was immer ihr auch sagt«, verkündete Solomjatin mit wichtiger Stimme, die keinen Widerspruch duldete, »die Pest ist letztlich bloß eine Krankheit. Aber was ist eine Krankheit überhaupt?«
Er legte seinen Zeigefinger auf die Nasenwurzel und schob ihn dann plötzlich nach oben, als würde er eine imaginäre Brille zurechtrücken. Alle erkannten diese Stimme und Geste – und brachen in Gelächter aus. Natürlich: Solomjatins Gabe, Menschen nachzuahmen, war legendär.
2 Brest–Litowsk, Oktober 1909 – April 1911
»Krankheit.«
Jewdokimow hob den Blick von den Papieren, die sein Stehpult bedeckten, und ließ ihn über ihren Köpfen herumwandern. »Was ist Krankheit überhaupt?«
Das war sein Lieblingsthema. Er konnte bei jedem beliebigen Punkt seines Vortrags plötzlich dorthin abschweifen, und beinahe alle Zöglinge hatten seine Krankheitstirade in der einen oder anderen Form schon einmal gehört – die Älteren sogar etliche Male.
»Wir sind gewohnt, über alles wie über Dinge nachzudenken – wie über Stühle oder Äxte oder Teller. Und so stellen wir uns auch eine Krankheit vor: als würde sie irgendwo existieren, in sich selbst, als solche, wie wir sie kennen. Aber so ist es nicht.«
Er rückte sich die Brille zurecht, indem er sie mit dem Zeigefinger auf den Verbindungsbügel drückend hoch auf die Nasenwurzel schob.
Wer Jewdokimows Tirade schon von früher kannte, hatte den Federhalter sofort aus der Hand gelegt, als sie begann. Wer sie zum ersten Mal hörte, tat es jetzt. Es war ausgeschlossen, dass so ein Thema im Examen vorkäme.
Jewdokimow störte das nicht. Er fuhr fort.
»Gewiss: In vielen Fällen hat eine Krankheit bestimmte konkrete Erreger, beispielsweise Bakterien oder Viren. Wir können sie identifizieren; bisweilen können wir mithilfe von Medikamenten im Körper eines Menschen auch eine Umgebung erzeugen, in der sie zugrunde gehen und kein Unheil mehr anrichten können. Wenn wir es können.
Trotzdem – wenn ich sage ›Unheil anrichten‹, betrachte ich das nur vom Standpunkt des Menschen her, denn Bakterien leben ja ganz einfach ihr eigenes Leben, so gut oder schlecht es ihnen gelingt. Und sie, merken Sie sich das: Sie sind eben nicht die Krankheit. Ebenso wenig sind eine einzelne Schwellung, ein Ausschlag, eine Beule oder sogar Fieber, das man loswerden will, die Krankheit. Was also ist die Krankheit?«
Er blickte über die Klasse, als erwarte er eine Antwort auf seine Frage. Obwohl alle wussten, dass er das nicht tat.
»Die Krankheit ist das, wie wir diese Erscheinungen erfahren. Sie ist ein Teil von uns selbst, etwas, das mit uns geschieht. Krankheit ist, das sage ich Ihnen, eine Abweichung. Wir nennen den Zustand eines Organismus krank, wenn er nicht wie gewöhnlich funktioniert. Ein Ausschlag oder eine Beule ist keine von außen gekommene Sache, die sich auf den Organismus gelegt hat – so wie Meereswellen nicht etwas sind, das losgelöst vom Meer existiert. Ausschlag oder Schwellung ist ein Teil des Zustands, in dem sich der Organismus selbst gerade befindet. Auch Ihr Organismus, Panfilow.«
Der Angesprochene war ein pickliger Junge aus der zweiten Gruppe, der gedankenverloren aus dem Fenster geschaut hatte. Er zuckte zusammen und griff wieder nach seinem Federhalter.
»Ein ungewöhnlicher Zustand – ja, ich sagte es doch: Abweichung. Abweichung wovon, fragen Sie. Gibt es denn auch eine Art, wie ein Organismus normalerweise sein sollte? Wieder lautet die Antwort: nein. Man kann nicht sagen, dass eine spiegelglatte Meeresoberfläche die Norm ist, von der die Wellen abweichen. Genauso wenig können wir sagen, was Gesundheit ist – auf keine andere Art, als dass Gesundheit die vorstellbare Abwesenheit krankhafter Abweichungen ist.«
Nun kam Jewdokimow zum Lieblingsteil seiner Ansprache. Man spürte sofort, welches Vergnügen es in ihm auslöste. Er trat hinter dem Pult hervor und ging vor der Tafel auf und ab. Anfangs hatte er die Arme noch hinter dem Rücken verschränkt, aber sie alle wussten nur allzu gut, dass es nicht lange dauern würde: Dann zeichnete Jewdokimow mit den Händen unsichtbare Figuren in die Luft; danach bog er zu den Bankreihen ab, schritt mal nach links, mal nach rechts zwischen ihnen hindurch bis zur hinteren Wand, verstummte für einen Augenblick und betrachtete die dort hängende, an den Ecken ausgefranste Karte der menschlichen Muskeln, sagt dann: ›Wo war ich stehengeblieben?‹ und fuhr anschließend mit seinem Satz exakt an der Stelle fort, an der er zuvor abgebrochen hatte.
Und genauso lief es: Jewdokimow drehte sich langsam um und schritt zurück zum Rednerpult, den Blick in die Ferne gerichtet, die ihm die braune, vom jahrelangen Gebrauch fleckig gewordene Tafel versperrte. Das störte ihn nicht. Er schaute durch die Tafel hindurch, dorthin, wo göttliche Formeln galten.
»Wir bezeichnen einen Zustand als krankhaft, in dem wir nicht wie gewöhnlich funktionieren«, fuhr er fort. »Und selbstverständlich gibt es Zustände, in denen wir überhaupt nicht funktionieren. Aber auch dieses ›wir‹ hier bezeichnet nur eine bestimmte Art Prozess, der in unserem Organismus stattfindet – das, worauf sich unser Bewusstsein im Allgemeinen stützt. Aber derlei Prozesse gibt es noch viel mehr.«
Tatsächlich hatten die Zöglinge nichts dagegen, wenn Jewdokimow derartig ins Schwadronieren abglitt. Immer noch besser als eine Auflistung der Symptome bei Niereninsuffizienz oder die vier Phasen des Typhus.
»Merken Sie sich das: Was meiner, Ihrer, unser aller Meinung nach eine Krankheit, also pathologisch ist, ist das niemals nach Meinung der Krankheit selbst. Sie glaubt aufrichtig, dass sie nichts Schlechtes tut. Sie raubt und stiehlt nicht – sie nimmt sich nur, was von Anfang an mit vollem Recht ihr gehört hat. Sie tötet und verletzt nicht – befreit einen Ort, den Unterlegene im Daseinskampf einfach so einzunehmen keinerlei Berechtigung haben. Sie schaut nicht zu. Sie lässt das Leben nicht einfach so vorüberfließen: Sie wird aktiv. Sie fragt nicht – sie weiß. Und genauso geht es uns selbst: Was auch immer unseretwegen falsch liefe, solange wir nicht selbst begriffen, dass wir nicht vollkommen, sondern teilweise auch selbst beteiligt sind an diesem sogenannten Abweichen vom rechten Weg – solange sind wir nicht viel besser als diese Pathologie, die wir so sehr verachten.«
Alle kannten Jewdokimows Geschichte, wenigstens in groben Zügen: dass er in jungen Jahren in Paris studiert hatte, Chirurgie und Philosophie durcheinander. Das war seiner Meinung nach ein und dasselbe – ein Skalpell für den Körper des Menschen, ein anderes für den Geist. Nach seiner Rückkehr habe Jewdokimow beinahe schon auf einer Professur an der Kiewer Universität gesessen: Jawohl, Professor Jewdokimow, Michail Spiridonowitsch Jewdokimow.
Er hatte eine Frau und zwei Kinder, und dann war etwas geschehen, was genau, das wusste niemand. Mehrere Versionen waren im Umlauf. Später wurde er wegen Trunksucht gänzlich der Universität verwiesen. Die Frau war zurück zu ihrer Familie gezogen, er selbst aber war jetzt hier – und lehrte die Grundzüge der Medizin. Vom Standpunkt der Truppenabteilung, des Krankenhauses und der Schule war das letztlich großartig: Einen Menschen von solchem Niveau hätte man anderweitig kaum hierherlocken können. Und obwohl Jewdokimow selbst keine Erlaubnis zum Operieren mehr hatte, konnte er inoffiziell dennoch die hiesigen Chirurgen anleiten.
Übrigens war das alles nichts, was einem hier einfach so erzählt wurde. Im Gegenteil: Es war eines der vielen Dinge, die sich jeder Zögling selbst zusammenreimen musste – aus kleinen Details, bezeichnenden Blicken und Getuschel. Fragen konnte man nicht. Das hätte verraten, dass man noch grün hinter den Ohren und nicht überprüft war: Vielleicht kann man dir überhaupt nicht trauen. Vielleicht gab es Gründe, dich außerhalb des Kreises der Eingeweihten zu halten.
»Eine verrückte Geschichte. Völlig wahnsinnig.«
»Echt wahr.«
»Und wenn man bedenkt, zwei kleine Kinder, die er nie wiedersieht. Da würde ich auch anfangen zu trinken.«
Und niemand glaubte, dass der andere vielleicht auch nicht mehr wusste, als er sagte, sondern nur auf diese Weise versuchte, etwas herauszulocken – ein fehlendes Teilchen als Gegenleistung für das, was er dir anvertraut hatte.
Es stimmte ja auch, dass Jewdokimow an manchen Morgen von einer enormen Knoblauchwolke umhüllt war, wenn er beinahe im Stechschritt über den Korridor zu seinem Dienstzimmer schritt. Verspätet hatte er sich jedoch nie. Seine Stiefel waren immer tadellos blank geputzt, und die Namen aller seiner Zöglinge hatte er fehlerfrei im Kopf – selbst, wenn sie nur einmal in seiner Vorlesung gewesen waren.
»So sprechen wir denn auch über eine Krankheit, als ob sie etwas außerhalb von uns wäre: irgendwie losgelöst von uns, unabhängig existierend. Wir tun das natürlich, um uns selbst gesund zu erscheinen. Das bedeutet: Unsere Genesung hat noch nicht einmal begonnen. Der erste Schritt auf dem Weg zur Genesung ist die Einsicht, dass niemand von uns gesund ist. Bedeutet das dann, dass wir alle krank sind? Keineswegs. Das wäre Schwarz-Weiß-Denken, nicht wahr – wenn man behauptete, unsere Möglichkeiten bestehen aus krank oder gesund, weiter nichts.
Trotzdem: Die Keime dieser sogenannten Krankheiten finden sich in uns allen. Und sie sind ein Teil von uns. Sie wissen, dass nur bei ungefähr fünf Prozent der Menschen, die mit dem Tuberkulosebakterium infiziert sind, diese Krankheit auch diagnostiziert wird. Nicht, dass die übrigen alle krank wären – aber man wird es niemals erfahren. Nein: Alle übrigen sind sozusagen gesund, obwohl rechnerisch in den Lungen eines Drittels von ihnen dieselben Bakterien leben; bloß hat der menschliche Körper sie unter Kontrolle.
Handelt es sich bei ihnen also nun um Kranke oder Gesunde? Gute Frage. Eine, auf die man gar keine eindeutige Antwort geben kann, solange wir die Krankheiten so auffassen, wie sie bei uns für gewöhnlich unterrichtet werden. Und merken Sie sich: Tuberkulosebakterien sind nur eine Art von Mikroorganismen, die uns töten könnten, wenn unser Körper sie nicht zu beherrschen verstünde. Gibt es noch andere? Zweifelsohne. Sind ihrer viele? Meiner persönlichen Meinung nach: unendlich.«
Die fehlenden Teile von Jewdokimows Geschichte – wobei vermutlich noch deftigere Einzelheiten eigenmächtig hinzugedichtet wurden – wurden Jakob und noch einigen Zöglingen seiner Gruppe von einem Laboranten erzählt, unter dessen Aufsicht sie die notwendigen Versuche für die Pharmazieprüfung durchführten. Seiner Erzählung zufolge sei es so gewesen:
Nach der Rückkehr aus Paris strahlte Jewdokimows Stern hell. Seine wissenschaftlichen Artikel wurden in Petersburger und Moskauer Zeitschriften gedruckt, und am Kiewer Universitätskrankenhaus erhielt er die Stellung eines Privatdozenten. Darüber hinaus sei er damals ausgesprochen gesellig gewesen, mit gutem Humor und interessanten Geschichten aus Paris, und überhaupt sehr elegant gekleidet, sodass er bald ein Liebling des öffentlichen Lebens geworden sei. Wäre er in einer auch nur ein wenig schlechteren Position gewesen, hätten böse Zungen tuscheln können, dass seine Ehe mit der Tochter des stellvertretenden Chefarztes des Kiewer Alexanderkrankenhauses Berechnung gewesen sei. Getuschelt wurde natürlich auch so – aber niemand glaubte den Gerüchten recht, denn es war überhaupt eine große Frage, für welche der beiden Seiten diese Ehe die bessere Partie darstellte. Kurzum, seine Zukunft sah rosig aus, und das gleich auf Jahre hinaus – bis mit einem Mal alles einstürzte.
Ein Kranker, irgendeine einflussreiche Person, sei ins Krankenhaus gebracht worden. Nach Jewdokimows Einschätzung habe man ihn sofort operieren müssen. Der Patient aber fürchtete eine Operation wie das Feuer und wollte auf alle Fälle eine zweite Meinung einholen – und zwar von niemand anderem als von Jewdokimows Schwiegervater. Der habe tatsächlich den entgegengesetzten Standpunkt vertreten und gemeint, es sei überhaupt nicht so schlimm; der Patient könne ganz beruhigt sein. Mithilfe moderner Prozeduren werde er seine Entzündung zweifellos bezwingen, auch ohne unters Messer zu müssen. Jedem anderen hätte Jewdokimow widersprechen können, erläuterte der Laborant, aber seinem Schwiegervater nicht.
Der Patient habe dann fröhlich in seinem Privatzimmer gelegen und die erforderlichen Prozeduren über sich ergehen lassen; wobei zu befürchten sei, dass er sich nicht an die Krankenhausdiät gehalten habe, weil er nicht so ein Typ Mensch gewesen sei. Das beschleunigte selbstverständlich nur den natürlichen Lauf der Dinge.
