Peter Salomon -  - E-Book

Peter Salomon E-Book

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Beschreibung

Eine umfassende Gesamtdarstellung des literarischen Werks von Peter Salomon.

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Porträtskizzen, Widmungen, Würdigungen

Tina Stroheker

Oswald Burger

Bruno Epple

Rainer Stöckli

Peter Ludewig

Wolfgang Brenneisen

Mario Andreotti

Zzuzsanna Gahse

Walter Neumann

Arne Rautenberg

Michael Kiesen

Klaus Isele

Wulf Kirsten

Jochen Kelter

Christoph Spielberg

Jürgen Stelling

Helmut Hirsch

Siegmund Kopitzki

Markus Bundi

Peter Blickle

Ulrike Längle

Johanna Walser

Peter Engel

Wolfgang Brenneisen

Dialog

Peter Salomon im Gespräch mit Manfred Bosch

Literaturkritik 1: Rezensionen

»Einer denkt sich was«

»Abgang Juhnkuhns«

»Kaufhausgedichte«

»Gegenfrost«

»Wind kriegen«

»Der Herr am Nebentisch«

»Die Natur bei der Arbeit«

»7 Gedichte«

»Kleine Pannenhilfe für Schöngeister«

»Autobiographische Fußnoten«

»Die Jahre liegen auf der Lauer«

»Poesie-Quadriga Nr. 4«

A

NTHOLOGIEN

Dialektliteratur

Auto-Gedichte

Konstanz-Gedichte

E

DITIONEN

Reinacher: »Bohème in Kustenz«

Meyer: »Berlin«

Literaturkritik 2: Gedichtinterpretationen

Wulf Segebrecht

Hermann Kinder

Ernst Köhler

Wulf Segebrecht

Jochen Kelter

Christoph Spielberg

Literaturkritik 3: Essays, Aufsätze, Überblicke

Jürgen P. Wallmann

Josef Hoben

Willy Adam

Tobias Engelsing

Walter Rügert

Peter Frömmig

Michael Lünstroth

25 Fragen an Peter Salomon

Peter Salomon: Eine Fotogalerie

Bibliographie

Editorische Notiz

Über die Autoren

Textnachweise

Porträtskizzen, Widmungen, Würdigungen

Tina Stroheker

Lieber Peter, alter Freund!

Aufgefordert, mich an diesem Band zu beteiligen, fiel mir zunächst unsere Korrespondenz ein. Ich weiß nicht, wie ordentlich ich früher Post aufbewahrt habe, jedenfalls ist mein erster Beleg für Peter, den Briefschreiber, vom 24. Oktober 1994 (aufzufinden in einem ›Salomon‹-Ordner!). Zwanzig Jahre also, viel … nicht viel … (Zwanzig weitere müssen es unbedingt werden!) Warum dachte ich zuerst an unsere Briefe? Ich glaube, weil Du nicht zuletzt dank dieser Korrespondenz mein »alter Freund« geworden bist. Deshalb schreibe ich auch jetzt wieder einen Brief (der ausnahmsweise gedruckt werden wird). Ich finde es schön, »alte Freunde« zu sein, die müssen sich nicht gegenseitig wichtig machen, klappen immer wieder einmal das Visier hoch und zeigen Verwundbares oder Verwundetes und wollen sich treu bleiben. Formal ›gilt‹ in solcher Korrespondenz alles – die postalischen handgeschriebenen und maschinengetippten Briefe (Du hast früher als ich die Schreibmaschine durch den PC ersetzt), oft mit Beigelegtem, die Ansichtskarten von Reiseorten, die Kunstpostkarten (mit bewußt gewähltem sujet, darunter eine Serie ›Lesende Frauen‹), und natürlich inzwischen ebenso die E-Mails von petsalo, die sämtlich ausgedruckt werden.

Kennengelernt habe ich zunächst Texte des Schriftstellers, ich glaube, als ›Univers‹-Leserin. Damals hing ich noch anderen Tonlagen an, und Deine Gedichte erreichten mich kaum. Aber ich weiß noch, wie beeindruckt ich war, als ich Dich das erste Mal diese Texte vorlesen hörte (wohl beim Literarischen Forum in Wangen). Deine eher tiefe, ›runde‹ Stimme, ihr leichter Berliner sound, Deine Ruhe beim Vortragen, keinerlei Eindruck von ›Kunstanstrengung‹. Ich hatte dann in späteren Forums-Jahren jedesmal den Eindruck, wenn Du zu lesen beginnen solltest, ergriff unsere Versammlung eine angenehme Spannung, die zugleich Entspannung war. Es liest Peter Salomon! Jetzt, das wußte man, würden gleich wieder diese nur scheinbar nüchternen, subtil witzigen, unprätentiösen, dabei kunstvollen Gedichte zu hören sein, denen es so oft gelingt, ganz überraschend manchmal, in den Zuhörenden eine unsichtbare Tür zu öffnen und sie dabei klar bleiben zu lassen.

Ja, und eines der schönsten Liebesgedichte der Weltliteratur hast Du mir geschenkt, obgleich es ›Für Frank‹ heißt:

Für Frank

Ich hänge die Jacke weg.

Liebe läßt immer paar Kleider zurück.

Seine Jacke also hängt

Jetzt in meinem Schrank.

Kommt er wieder, ist er froh

Über die verloren geglaubte Jacke.

In diesen paar Zeilen ist ganz viel Salo (bzw. petsalo) – Einfachheit und Gestaltetsein der Sprache, coolness, Lebenserfahrung, Zärtlichkeit für einen jungen Mann. Ich liebe es sehr.

Lieber Peter, und kürzlich habe ich sogar ein Gedicht über Rosen (eigentlich, finde ich, auch über Poesie, Deine Poesie!) von Dir entdeckt! Es läuft auf eine Pointe zu, den Butterblumen huldigend, »Die im verblühten Zustand / Zu fliegen beginnen – « : Ja, toll, genauso soll es sein! Jetzt bin ich vollends hin und weg und grüße Dich dankbar und herzlich!

Deine alte Freundin

Oswald Burger

Schorle im Costa del Sol

Als Peter Salomons Gedichtband »Die Natur bei der Arbeit« mit 48 »Gedichten vom See aus 25 Jahren« erschien, kaufte ich einen Klassensatz, um in meiner Klasse seine Lyrik zu besprechen.

Jeder meiner Schülerinnen und Schüler sollte ein Lieblingsgedicht aussuchen und begründen, warum ihm gerade dieses gefiel. Die Aufgabe lautete: »Entscheiden Sie sich für ein Gedicht von Peter Salomon. – Versuchen Sie das Gedicht zu verstehen. – Notieren Sie sich Gedanken und Assoziationen, zu denen Sie das Gedicht anregt. – Setzen Sie sich mit der formalen Gestaltung des Gedichts auseinander (Sprache, Satzbau, Wortwahl, Rhythmus, Melodie, Sinn des Zeilenbruchs, rhetorische Mittel usw.). – Formulieren Sie Fragen, die Sie dem Autor stellen wollen. – Gestalten Sie Ihre Gedanken, Ihre Analyse und Ihre Fragen in ansprechender Form.«

Dominik entschied sich für »Unsere schöne Welt«, ein schon 1974 entstandenes postmodernes Naturgedicht, in dem die Ratlosigkeit des lyrischen Ichs über die Veränderungen der Natur zum Ausdruck kommt. Philip fand die »Ode auf Konstanz 1944« so interessant, dass er die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge eruierte, die darin antönen, und die Suche nach dem »Café zum Frieden« aufnahm, das darin erwähnt wurde. »Der Schwimmer« hatte es Daniela angetan, der frühmorgens hinausschwimmen kann, wenn der See noch keine »trübe Brühe« ist – heute darf ich beobachten, wie Daniela als Lehrerin ihren ausländischen Schülern die deutsche Sprache und Kultur nahe bringt. Florian erklärte »Besuch bei den K.’s, am See«, Georg das Gedicht »Der Bodensee«. »Ein Urlaubserlebnis« gefiel Marek und Eva, weil Segelboote drin vorkamen. Viktor, der selber Gedichte schrieb, wenn ich mich recht erinnere, hatte es das titelgebende kurze Gedicht »Die Natur bei der Arbeit« angetan. Die Beobachtungen aus einem ausgestorbenen Dorf »Notizen aus Markelfingen« erläuterte Karl, der selbst aus einem derartigen Schlafdorf kam. Die konsumkritischen Bemerkungen über »Das Döbele« gefielen Claudia und Rebekka. »Stimmungsbild« kontrastiert die Natur mit der Gewalt, die in den Medien vorkommt; Marco gefiel der Satz »Hier blutet Deutschland tief grün«. Halilibrahim, den ich jahrelang beim Erwachsenwerden begleiten durfte, entschied sich für »Winter am See«. Und ein Gedicht fand drei Liebhaberinnen: Julia M., Julia R. und Melanie fanden »Auf der Brücke« so interessant, dass sie mit dem Autor darüber reden wollten. Auch ich als Lehrer entschied mich für ein Gedicht, das war »Schorle im Costa del Sol«. Ich hatte viele Abende schon als Student im Costa del Sol verbracht, kehrte aber auch als Lehrer immer wieder dort hin zurück, um eine »Comida del dia« zu essen, einen andalusischen Eintopf, dessen Zutaten wechselten, der mal gelb und ein anderes Mal rot war, mit einem gekochten Suppenhuhn heute oder weich gekochten Rindfleischbrocken morgen. Dazu trank ich einen einfachen roten Rioja, als man auch noch angetrunken Auto fuhr. Am Stammtisch saß der einzige Kommunist, der dies jahrzehntelang blieb, während wir anderen schon längst Revisionisten geworden waren. Und irgendwo muss da immer wieder der einsame Herr gesessen haben, der in Peter Salomons Gedicht vorkam.

Als der Dichter in den Unterricht kam, erzählten wir ihm, was die Gedichte für uns bedeuteten. Und er war überrascht, dass die Gedichte bei uns Lesern andere Assoziationen hervorriefen, als er beim Schreiben gehabt hatte.

Leider habe ich die Aufsätze nicht mehr, weil ich sie den Schülern zurückgab. Und wo der Klassensatz mit den Gedichten landete, nachdem ich pensioniert wurde, weiß ich nicht.

Bruno Epple

So was in Konstanz

Soignierter Herr, der da

in Würde (muss man schon sagen)

schreitet dahin die Seestraße

unterm Dach der Platanen,

oh, so ist zu vermuten,

sicherlich, ja bestimmt

geht’s diesmal zum Spielkasino,

trägt Hut, trägt

seriös am angewinkelten Arm

den Schirm, im Mund

steckt kühn die Zigarre,

was denn Zigarre! eine mit

Banderole und Namen: eine

Romeo y Julieta Carona

zumindest

oder eine Rafael Gonazles Panetela,

mannomann! man ist sich das schuldig

als Berliner, zumal von Familie.

Die Damen, die Herren, die da

auf schattengesprenkeltem Wege

unter Platanen flanieren,

grüßen manierlich, ein Paar

tritt heran:

Gu’n Tach, Herr Rechtsanwalt,

auch des Weges, wie schön,

Sie wohlauf zu wissen, und:

An was sind Sie gerade, wann

kommt Ihr Nächstes heraus, Ihr,

wissen Sie, na was Sie da

immer so schreiben, reizend!

Sie sind eigentlich ja schon

berühmt so als Dichter, Ihre Sachen,

sie sind, wie soll man sagen,

sie sind, erlauben Sie, echt cool,

wir haben grad neulich groß

von Ihnen gesprochen, draußen beim

Fünfsterne-Sieber.

Sie sind auf dem Wege dorthin?

Lassen Sie sich nicht aufhalten,

ein Dichter, wir wissen, will

allein sein, wenn er an einem Tag

mit dieser Fernsicht wie heute

Schönem nachsinnen muss.

Also tschüss denn, Herr Salomon!

So er, und sie, spitzbübischen Blicks

vor sich hin: Salü, Salomönchen!

Und ab, weitab: Sag, Dickerchen,

ist er nicht süß, unser Dichter?

Rainer Stöckli

Wieder ans Licht! Ans Tageslicht! Unter die Leselampen!

Versuch, Peter Salomons frühes Gedichtwerk zu würdigen, in zwölf Sätzen

ERSTER SATZ: »LEBT ALS RECHTSANWALT IN KONSTANZ«

Daran haben wir uns gewöhnt: dass Peter Salomon in der Bodenseeregion lebe, arbeite, schreibe. Gibt Jochen Kelter Ende der achtziger Jahre ein (sein!) Bodensee-Lesebuch heraus (worin 18 Autoren »sich vorstellen«, unter ihnen die Schriftstellerinnen Maria Beig, Helen Meier, Christel Neidhardt, Johanna Walser), so ist Salomon einbezogen. Vereinnahmt (»Bodensee-Dichter« o. ä.) ist er nicht. Aber des Berliners sukzessive Bewegung vom Norden herwärts/südwärts macht solche Selbstpräsentation deutlich: Gymnasium noch in der Geburtsstadt – Studium dann in München und Freiburg – »jetzt [1990] Rechtsanwalt in Konstanz«. Kein Wunder, wenn und dass der Lyriker dem ebenfalls an den See zugezogenen Erzähler Hermann Kinder eine Gedichtsequenz widmet: »Sechs Spaziergänge« (mit Anspielungen auf Regiographisches, welche nur Ortskundige verstehen, etwa »Oberes Edelfrauengrab«).

ZWEITER SATZ: »GEBOREN 1947 IN BERLIN«

Wo unsereiner die »sechs Spaziergänge« finde? Gelegentlich im Heft, das zur Feier von Kinders Fünfzigstem erscheint, 1994. Aber davor? Für einen gebürtigen Berliner konsequenterweis in einer »Berliner Zeitschrift für Literatur«, nämlich in Litfass, in deren oder dessen Heft 53 (1992). Eigenartige Strophen übrigens, sechszeilig, gern im Gedankenstrich mündend, mit schnell einmal auffallender Inachtnahme von Botanik / Weichgetier / Ornithologie.

Aus der Grossstadt hergebracht? Im sog. Bodenseeraum gelernt?

DRITTER SATZ: »DEMNÄCHST ERSCHEINT« / »LETZTE [MEINT: JÜNGSTE] VERÖFFENTLICHUNG«

Beides, die Voranzeige und die Erfolgsmeldung, stammt aus der »zeitschrift für literatur« namens univers. Das Versprechen im Sommer 1979, im Heft 15/16; die Publikations-Info im Heft 17, Frühjahr 1980. Angesagt ist der und hingewiesen wird auf den Band Gegenfrost. 67 Gedichte. Darin wollen wir im schliesslichen »Satz 12« lesen – wollen wo nicht zeitlose, so doch zeitentrückte Texte finden, wollen innehalten, Wertungen probieren …

VIERTER SATZ: »SECHS AUTOREN STELLEN SICH VOR«

Wieder diese Formel, wie in Kelters Bodensee-Lesebuch: das reflexive und umständehalber auch reziproke »sich vorstellen«. Nebst Kelter verantworten das Kuno Betzler, Wolfram Glaser. Fürs Heft 14 von UNIVERS (bis und mit dieser Nummer: in Versalien) zeichnen ausser den Genannten auch Rainer Happel und Karin Reschke. Sie (zu fünft) präsentieren oder stellen vor – denn das Heft ist durchaus organisiert – einen zwiefältigen Salomon: den Lyriker und den Rezensenten. Die Kritik gilt, nein trifft Jürgen Theobaldys frühste/r Prosa.

FÜNFTER SATZ: »SICH BEKANNT MACHEN«, UM »BEKANNT ZU WERDEN«

Im zuletzt genannten UNIVERS-Heft gibt Salomon sechs Gedichte ans Licht:

über ein »flach-/gewordenes Rosenbukett auf der morgendlichen Fahrbahn«

über eine Jugenderinnerung des Grossvaters, welche langhin

den

Tod, die zum Schluss aber

der

Tod verschluckt

übers Frappante einer Fernseh-Reportage aus der Karlsruher Münzanstalt

über einen Grenzwächter, in dessen Überwachungs-Abschnitt der Schusstrichter modifiziert worden ist

über Wohnungsnachbarn, die Abend für Abend simultan fernsehen, sich später im »Münsterhof« treffen zum Besprechen der Lage und sich (und einander)

»paar Bier« gönnen

über einen deutsche Geschichte nachspielenden Film (Vergegenwärtigung u. a. von Baader und Meinhof, dialogisiert von Peter Paul Zahl).

Die sechs Texte – Beobachtungen und Berichte mit nicht eben lauter Neigung zum Aufmerkenlassen – haben sich oder sind überlebt. Weniger sicher bin ich, ob man auch das eingeheftete blaue Dossier in ebendieser Nummer 14 als überstanden, ja überholt beurteilen solle, Thema Kontrolle / Einmischung / Zensur. Aus dreieinhalb Jahrzehnten Abstand ist hingegen, unverfänglich, Walter Helmut Fritz’ Gedicht-Beitrag als erhaben zu loben.

SECHSTER UND SIEBTER SATZ: »IHRE BEITRÄGE AN PETER SALOMON / POSTFACH 5251 / 7750 KONSTANZ«

Neben Salomon also Walter Helmut Fritz (Poesie), Peter Renz (Erzählprosa), Gerold Späth (eine längere, eine kurze Geschichte). Keiner berlinert, man stammt aus Karlsruhe, Weingarten, Rapperswil. Nur einer berliniert. Er darf. Salomon lässt seine Figur »’n / Moment im Dunkeln stehen«, lässt sie »’n paar Meter zurück« weichen, lässt sie entspannt kucken, lässt sie »mal ’n bisschen« lachen, lässt sie Stullen schmieren, zuletzt »paar Bier« trinken. Sowieso weiss da ein Gedichtautor Bescheid über die Kälte der Nachkriegswinter, über die Blockade der Stadt Berlin, über Trockenmilchpulver – und übers Distanzgewinnen/Distanzverdienen, nämlich zu den evozierten endvierziger Jahren.

Etabliert und mit Vorweis solcherart gekonnter Gedichte, belesen und an jederlei Literatur interessiert, inbegriffen mundartliche, ist Peter Salomon am Bodensee bald Instanz und Administrator. Die heutzutage historisch anmutende Anschrift – mit Postfach und vierstelliger Postleitzahl – belegt des Lyrikers und Buchkritikers Mitarbeit in der Gruppe der UNIVERS/univers-Verantwortlichen – und tatsächlich ist Salomon unterwegs zum Mitherausgeber und Mitredaktor. Nicht nur dieser Zeitschrift – auch von Anthologien.

ACHTER UND NEUNTER SATZ: EINER DENKT SICH WAS

So lautet der Titel von Salomons erster Veröffentlichung. Bevor mir – unverzüglich nach 1980 – der Gedichtband Gegenfrost unters Aug und vor die Bleistiftspitze gelangt, hat Salomons konfidenzähnlich einen Feind benannt und souverän Kindheitserinnerungen angedeutet resp. taxiert. Ich kenne diese frühen Texte (auf 1969 datiert bzw. 1974) bloss dank Manfred Bosch – dank dessen »Porträt des Dichters« aus dem Jahr 1997, aus Anlass von Salomons Fünfzigstem. Zeitpunkt, wo Klaus Isele in Eggingen schon länger des Konstanzer Rechtsanwaltes Verleger ist.

Ein frühes Gedicht suggeriert: »Ich brauche einen Feind«. Ist Dilettanten sonnenklar. Ein Jurist braucht Klienten – und Gegner. Den das Ich in ebendem Text braucht, heisst Wiemer, ist Stadtarzt gewesen, eignet sich dazu, zum Feind berufen zu werden. Gestattet die Figur das (es ist nicht gesichert, sie gilt übers Amt hinaus als Despot), so ist das Gedicht gewürzt. Gestattet Wiemer das nicht, so überbleibt uns, der pp. Leserschaft, das rare Partizip »gefahrgeneigt«; denn Wiemer hat, Eigenschaft des Feindes (nebst Kampferfahrung und Talent zum Unruhestiften), ein »gefahrgeneigtes Ohr«. Es dauert, bis die pp. Leserschaft entschieden hat, wer ihr sympathisch sei: Wiemer, der Feind, oder der hier einen Antipoden vielleicht brandmarkt, vielleicht in Verruf bringt, am Textende möglicherweis hochleben lässt.

ZEHNTER SATZ: »… ANGST VOR DEM ALTER«

In Gegenfrost, Salomons viertem Gedichtbuch, ist die (erste?) Spur gelegt zur verstreut gedruckten Lyrik des nunmehr dezidiert in Konstanz niedergelassenen Autors. Akzente, Allmende, drehpunkt, ensemble, Exempla, Kürbiskern, Merkur, Nachtcafé, POESIE, Schreibheft, seegfrörni, Spektrum, Tintenfisch haben Salomon-Gedichte öffentlich gemacht. Weiteres in weiteren Periodika. Dann und wann ein Aufsatz, selten ein Prosastück. Wär’s einfacher gewesen, zu notieren: wo nicht?

Anzurühren vermocht hat mich das »1. Sonett von [Salomons] Angst vor dem Alter«, vorgelegt in Frank Geerks POESIE (Heft 4/1980, im achten Jahrgang).

Das Gedicht-Ich ist, wie ein gedeckter Scheck, der Verfasser, 33jährig. Anders als selbstbiographisch kann man es nicht besetzen, denn man muss Grossmutter, Vater, die Tante Ellen unterbringen, im Echtlebtag fundierte Zitate und Geständnisse, endlich des Junglyrikers Kummer, dereinst in ein Kurbad gesteckt zu werden (und dortselbst dann nicht in allen fälligen Rollen zu genügen, zu reüssieren).

Ich werde mit Liebhabern westlicher Militärmusik plaudern. Ob ich wohl einen guten Kurschatten abgebe? (S. →)

Antizipation und Selbstbefragung. Salomon ist mittlerweile doppelt so alt. Höchste Zeit fürs diesbezüglich zweite Sonett. Vielleicht reimt es. Vielleicht ist es schon geschrieben, ich Ostschweizer jedoch, der sich aufgrund solcher und ähnlicher Thematik rührbar zeigt, hab es verfehlt.

ELFTER SATZ: GEGENFROST – GEGEN DEN FROST

Die Angstsonett-Zeit entspricht dem Erscheinungsjahr der Gegenfrost-Sammlung (Freiburg: Dreisam, 1979). Das Beobachten und das literarische Zuspitzen des Beobachteten zeichnen deren Texte aus. Ich erinnere mich an die Lektüre deshalb, weil ich geglaubt habe, im Buch (auch in diesem) metaphorisches Reden vermissen zu dürfen. Die zeitweiligen Poetisierungen dünkten mich der Jahreszeit verdankt, sonst, da und dort, der Leidenschaft, unterwegs zu sein, und (selbstverständlich) mancherlei, ebenfalls weitläufiger Lektüre. – In einem der Texte kommt das Rheintal vor: meiniges Sankt Galler Rheintal. Zwei Autobahnen zeichnen es aus. Beide, wie ich (im Gegensatz zum Textlein) weiss, parallel zum Flusslauf. Dabei bleibt es. Man möchte fragen: ist das genug für ein Gedicht? – Von der Gegenfrost-Sammlung an publiziert der Verleger Klaus Isele – regulär – die literarische Produktion Salomons. In Wind kriegen (Texte von 1979-1987, chronologisch gereiht) ist auch oder sogar das Inhaltsverzeichnis bemerkenswert: es ordnet die Gedichtüberschriften alphabetisch.

ZWÖLFTENS: FRAGEN – UND EIN DREISATZ

Die Gegenfrost-Sammlung eint das titelstiftende dritte Kompartiment mit den beiden Abteilungen »Bildstörung« und »Nachrichten aus dem Paradies«, stellt dazu eine zehn Buchseiten breite Rechtfertigung, warum Gedichte zu schreiben seien. Scribenda! Die ausschweifende Stellungnahme mutet mich heute, aus dreieinhalb Jahrzehnten Abstand, überlebt an. Wäre sie nach wie vor gültig, müsste man im Grunde ja stutzen. Ergiebig ist sie dennoch, weil sie zum Widersprechen reizt. Sollten wir Lyrik tatsächlich heute noch für die »am meisten ritualisierte Literaturform« halten? Sollte Lyrik in erster Linie / sollte in erster Linie Lyrik Platz schaffen für Magie und Pathos? Stellten noch jetzt Magie und Pathos jene Formen der Welterfahrung dar, »die im Alltag der zivilisierten Staaten nicht stattfinden«? – Drei Fragezeichen.

Ihnen gegenüber drei dichterisch kompakte Aussagen, je eine aus den drei Abteilungen – Aussagen, deren Wiedererwägung sich A. D. 2014 lohne. Die erste über den Schmerz. Über die alte Sorte Schmerz, die unsereiner (mit vergleichbarem Jahrgang) auszuhalten hatte, im Gegensatz zum modernen, medikamentös sedierten Schmerz. Seite →

Lohnend zweitens die zoologisch verbrämte Idylle rund um den »Hirschen« in Salenstein/TG. Es bringt einen die alte Eigentümerin des teilweis modernisierten, partiell aber stehen gebliebenen Gasthauses auf die beiden Ideen (oder sind’s schon Einsichten?), gut zu essen sei am Ende nicht weniger Kunst als Essen gut zuzubereiten; und es müsse angebracht sowohl sein als auch scheinen, dass die Nachgeborenen mit den Hinterbliebenen (recte: den Hinterbleibenden) ihre liebe – nein, nicht Not, sondern – Ausdauer hätten (recte: übten). Seite →

Lohnend drittens – weil es im Band ja darum gehen könnte, gegen Frost anzukommen, gegen Starre/Erstarrtsein, gegen das Bildsäule-/Salzsäule-Werden – lohnend also innerhalb der dritten Abteilung die Bewusstmachung unseres mitteleuropäischen Pharisäertums, wofern wir Ordensempfänger küren, die nicht wir, die vielmehr uns auszeichnen. Wie jene Türkin, welche unverkennbar eine Ausnahme-Türkin ist, die sich aufgrund ihres »starken sozialen Engagements« auszeichnet und drum »einen Orden verliehen« bekommt.

Wieder ans Licht! Ans Tageslicht! Unter die Leselampen!

Peter Ludewig

Schreiben ohne Ablaufdatum*

Ich stelle mir Peter Salomon als den »Herrn am Nebentisch« vor. Er sitzt still da, trinkt ein Bier, raucht eine Zigarre (auch das gab es einmal) und blättert in der Zeitung oder in einem Buch. Er ist da, einfach da, und man bemerkt ihn nicht, obwohl er ständig die Aufmerksamkeit auf sich zieht, weil er da ist. Trägt er eine Krawatte? Meist eine Kopfbedeckung, heute sagt man wohl Basecap. Ich kenne mich da nicht so genau aus.

Ich erinnere mich nicht mehr, wer uns miteinander bekannt machte. Peter Engel vielleicht. Oder Wulf Kirsten. Ich müßte in alten Briefen kramen und habe keine Lust dazu. Wir haben uns zum ersten Mal in Ostberlin getroffen, als Ostberlin schon verschwand. Er kam bei mir in der Marienburger 10 vorbei. Wir wechselten die Straßenseite und gingen in eines der kurzlebigen Cafés der Nachwendezeit. Uns verband das Interesse für den Expressionismus, für Dichter ohne Biographie, und wir tauschten uns regelmäßig über unsere neuesten Funde aus. Seine Gedichte hatte ich damals nicht gelesen, und sie blieben mir noch lange fremd. (Spannend wäre eine Untersuchung über die getrennten Wege, die die Lyrik nach 1945 im geteilten Deutschland ging und welchen Einfluß der jeweils große Bruder hatte, und mir kommt es so vor, als hätten gerade jene Gedichte gewirkt, die den Brüdern nicht recht waren.)

* Im Großrechner, an dem ich bislang arbeite, wird das Ende der Aufbewahrungsfrist einer Datei Ablaufdatum genannt. Wenn sie permanent erhalten bleiben soll, muß der letzte Tag des Jahres 1999 gewählt werden. In diesem Sinne wünsche ich Peter Salomon beim Schreiben allzeit den letzten Tag des Jahres 1999.

Jahre später und nach zwei Umzügen, ich lebte inzwischen in München, besuchte ich Peter Salomon zuweilen in Konstanz. Wir hatten schon vor dem ersten Treffen in Konstanz abgesprochen, daß ich ein Heft mit Gedichten von ihm verlege, aber wir waren uns lange nicht sicher, unter welchem Aspekt wir die Auswahl treffen sollten. Schließlich hatte Peter Salomon die in ihrer Nüchternheit überzeugende Idee, 7 Gedichte zusammenzustellen und unter diesem Titel zu veröffentlichen. Die ein wenig grämliche Aneignung der »Buckower Elegie« »Der Rauch« in »Die Bustouristen« gehört bis heute zu meinen Lieblingsgedichten von Peter Salomon und besteht neben der Idylle von Bertolt Brecht. Ludvík Kundera, dem ich ein Exemplar des Heftes zugeeignet hatte, übersetzte es und brachte es in einer tschechischen Literaturzeitschrift unter.

Bei diesem Besuch hörte ich auf einer Lesung von ihm »Asphalt« und bat Peter im Anschluß daran um das Manuskript in der stillen Hoffnung, daß es sich vom Umfang her für einen Einblattdruck eignen würde. Peters Abneigung gegen das unaufhörliche Gerede, »daß ich nicht mal in der Idylle meine Ruhe haben kann vom Geschwätz«, sprach mich sofort an. (Und wie sehr schwoll seitdem das permanente Geplapper mit Mobiltelefonen in öffentlichen Verkehrsmitteln an, daß Lesen in der S-Bahn zur Tortur wurde.) Daraus ergab sich die nächste gemeinsame Arbeit, ein Privatdruck in 100 Exemplaren. Einige Jahre später überraschte mich Peter Salomon mit der Frage, ob ich bereit sei, seine Nachdichtung von Guillaume Apollinaires »Zone« herauszugeben. Da ich des Französischen nicht mächtig bin, mußte ich mich auf das Urteil von Freunden verlassen, die Peter Salomon bescheinigten, daß er den Tonfall und den Geist des Poems hervorragend getroffen habe. Und Hermann Kinder zeichnete für das Heft ein zauberhaftes Frontispiz, das in verkleinerter Form auch als Signet auf der Rückseite diente. Jetzt warte ich auf einen Vorschlag von Peter Salomon für ein neues gemeinsames Projekt. Ich setze darauf, daß das »Verfallsdatum« seiner Texte in einer fernen Zukunft liegt.

Vielleicht gehe ich wieder einmal in Konstanz in eine Wirtschaft und am Nebentisch sitzt vielleicht ein Herr, der ein Bier trinkt und in der Zeitung blättert oder in einem Buch, der keine Zigarre mehr raucht, weil inzwischen Rauchverbot herrscht. Vielleicht ist der Herr Peter Salomon. Und vielleicht störe ich ihn und spreche ihn an. Vielleicht.

Wolfgang Brenneisen

Mario Andreotti

Ein kurzes Geleitwort zu Peter Salomons Gedichten

mit besonderer Berücksichtigung des Lyrikbandes »Die Jahre liegen auf der Lauer« (2012)

Liest man die Gedichte des Konstanzer Lyrikers Peter Salomon, so kommt einem unweigerlich Rolf Dieter Brinkmanns bekanntes Wort, »dass schlechthin alles […] ein Gedicht werden kann«, in den Sinn. Peter Salomon verfügt denn auch, für eine Lyrik in der Tradition der Neuen Subjektivität bezeichnend, über einen Reichtum an alltäglichen Themen sondergleichen: von Kindheitserlebnissen in Berlin über Begegnungen mit berühmten Boxern und Dichtern, über Naturbilder bis hin zum Einkaufsrummel in der Konstanzer Innenstadt. Dazu gesellt sich ein bemerkenswerter Formenreichtum: Da finden sich Prosagedichte und freie Rhythmen neben metrisch gebundenen Texten, kurze, epigrammatische Gedichte neben längeren, balladenartigen Erzählgedichten, japanische Haiku neben Gedichtformen aus der abendländischen Lyriktradition usf. Schön auch das reiche intertextuelle Spiel, das der Autor, ein wahrer poeta doctus, betreibt: mit Anklängen an Gottfried Benn, Bertolt Brecht, an Ludwig Wittgenstein, Günter Grass, Theodor Körner u. a. Schön schliesslich auch die ausgeprägte Tendenz zu einem autoreflexiven Schreiben, d. h. dazu, das Verfassen von Lyrik immer wieder selber zum Thema der Gedichte zu machen. Das verbindet Peter Salomons Lyrik über die Neue Subjektivität hinaus mit der Postmoderne und lässt sie so mit neuer Schärfe ihres eigenen Mediums bewusst werden.

Zsuzsanna Gahse

Gute Fahrt

Peter steht in Konstanz an der Anlegestelle der Fähren, und zufällig komme ich hinzu. Ich stehe an der Anlegestelle, eine der drei Fähren nähert sich von Meersburg her, und zufällig kommt Peter hinzu. Manchmal treffen wir uns nicht zufällig, wir haben einen bestimmten Zeitpunkt abgemacht, und er ist mindestens so überpünktlich wie ich. Es ist ein heller Tag, erst recht hell am See, wir gehen einige Schritte auf und ab. Dann fahren wir los, über den See hinweg nach Meersburg, nach Wangen, nach Friedrichshafen. Oder wir haben nichts anderes vor, als im Schiffsrestaurant zu bleiben, zu hocken, kann man sagen, hin und her transportiert zu werden, zum Meersburger Hafen und zurück nach Konstanz, wieder nach Meersburg, hin und her für oder wegen einer entspannten Jurysitzung. In Texte vertieft. Wie sieht ein gültiger Satz aus, wie banal darf er sein, wie geschraubt, wie darf er schweigen, was darf ein Satz überhaupt, was darf er denn überhaupt! Und wie steht es mit den einzelnen Wörtern, sagt Peter. Allerdings gibt es dieses Hin und Her für die Jurysitzung nun nicht mehr. Nicht mit den Konstanzer Fährbetrieben, die sind für unsere Gelassenheit zu ernsthaft geworden. Wir hätten lächerlich wenig konsumiert, meinen sie. Manches gibt es nicht mehr. Ich habe auch keine Wohnung mehr in Überlingen, so dass mich Peter dort nicht wieder besucht. Unsere ersten Gespräche in Überlingen, das war einmal. Aber Peter den Weisen treffe ich nach wie vor bei den Fähren in Konstanz, und wir fahren zum Beispiel nach Meersburg, so oft wir wollen.

Walter Neumann

Neunzehnhunderteinundneunzig

oder

Mitten im Frieden

Für Peter Salomon zu seinem 50. bei Isele

Am 12.12. der Überschrift

Haben wir uns getroffen,

Und am 14.12. schickte ich Dir

Meinen Frieden »Mitten im Frieden«.

Friede herrschte all die Jahre bei uns

Im Leben und in der Runde,

In Journalen und in Gazetten, die

Wir uns erobert hatten,

Wo Siegmund, der Waldvogel und die schöne Julia

Die Seiten für uns aufgeblättert,

Bis der Waldvogel in sein Rentennest flog

Und die Julia alles hinschmiss.

Nur der Siegmund blieb und sein Südkurier

Uns bis heute erhalten.

Ein Hoch auf den Salomon und auf ihn

Und den unermüdlichen Frieden!

Arne Rautenberg

Vom Glück am Nebentisch sitzen zu dürfen

»Ich hatte das Gefühl, wieder mal mehr und genauer zu sehn / Als sonst. Ich blieb und sah uns an der Kaimauer stehn.« Als ich die letzten beiden unaufgeregten Zeilen des Gedichts »Nächtliches Bild aus einem abgelegenen Hafenwinkel« von 1979 las, dachte ich, hier gibt der Dichter Peter Salomon so en passant sein poetisches Programm preis: Zum einen das genaue Hinsehen in den passenden Momenten, welche erspürt werden wollen. Zum anderen das Gedicht als Träger für ein Selbstportrait als Rückenfigur. Durch das Ich des Dichters im Gedicht stehe eben auch ich an der Kaimauer und schmecke dem einmalig-profanen Moment nach. Salomons Ich nimmt sich dabei angenehm zurück: Das Werten des Geschilderten wird uns Lesern überlassen. Und ich mag das. Peter Salomon, einer der umhergeht, aufliest, sammelt – uns seine Fundstücke präsentiert. Der das Glück verspürt, am Nebentisch sitzen zu dürfen; keiner dieser Betriebsnudel-Krähhähne. Merke: Die Welt ist überall, die Metropole findet im Kopf statt – und ob man nun in Konstanz oder Kiel sitzt: völlig egal, gut sein muss jeder für sich allein. Sich losmachen von den Hypes der Moden und Städte ist die wirkliche Freiheit. Schnauze halten, Arbeit machen, sage ich mir immer, Gedichte schreiben, den eigenen Kopf bewegen, weiter und anders denken. Peter Salomon ist mir dabei ein Verbündeter im Geiste. Hah! Und wie nah ist meine Utopie an den ersten Zeilen seines Gedichts »Später Baum«: »Mitte November. Die meisten / Bäume sind braun und schon / Halb kahl. Aber einer / (Was könnte das für einer sein?) / Hat noch alle Blätter und ist / Grün wie im Sommer.« Den unbeugsamen Bäumen kann man gar nicht genug grüne Blätter wünschen, liebe Welt – und lieber Peter Salomon!

Michael Kiesen

Peter Salomon, ein mutiger Literat

Peter Salomon habe ich 1973 oder 1974 auf der Frankfurter Buchmesse kennengelernt. Ich erschrecke, es sind seither vier Jahrzehnte vergangen. Ich las damals gleich die »Kaufhausgedichte« und war fasziniert von Salomons Fähigkeit, Erlebtes poetisch einzufangen und unerschrocken an Tabus zu rühren. Über Jahre hinweg trafen wir uns fast jedes Mal auf der Buchmesse; wir besuchten Verlagsfeste, waren mit anderen Autoren zusammen, erkundeten Frankfurt bei Nacht. Auch in Stuttgart bei Versammlungen des VS begegneten wir uns. Ich besuchte ihn mal in Konstanz, bei herrlichem Sommerwetter, das uns im Strandbad verweilen ließ; und er kam auch zu mir nach Stuttgart, einmal begleitet von einem Freund. Dann sind Jahre des Schweigens zwischen uns entstanden, das Peter Salomon irgendwann durch einen Brief gebrochen hat.

Zu einem Highlight des Schaffens von Peter Salomon habe ich mich in einem Brief geäußert.

»Gerade habe ich mit gebannter Aufmerksamkeit die ›7 Gedichte‹ gelesen. Sie sind gut formuliert, ausdrucksstark und enthalten stets etwas Verblüffendes, sei es als Vision oder als Schau der Wirklichkeit.

Als Prosamensch hat mich natürlich ›Wie ich nach Konstanz gekommen bin‹ besonders gefesselt, zumal wir uns trotz der geographischen Distanz doch einige Male begegnet sind und zwischen uns nicht gerade Fassaden aufgebaut haben. Dieser Text hat mich auch deshalb so berührt, weil ich mich, ähnlich wie Du mit dem minderjährigen Gefährten, wegen der illegalen Aktivitäten ›Envers‹ durch die Staatsmacht über Monate hinweg bedroht gefühlt habe. Immerhin ist auf diese Weise der Roman ›Nach Stammheim, Dealer‹ entstanden.«

Wie sehr der aus Berlin stammende Salomon mit seiner neuen Heimat Konstanz verwoben ist, spiegelt sich auf besondere Weise in dem bibliophilen Band »Die Natur bei der Arbeit, Gedichte vom See 1974-1999«.

Last not least beispielhaft noch mein Eindruck von seinen Gedichten in dem Band »Poesie-Quadriga«.

»Deine neuen Arbeiten durchweht schon immer wieder das Phänomen des Älterwerdens, etwas, was ich gerne verdränge. In der von Dir gestalteten Form hat es etwas Anrührendes, aber auch Verstörendes, sehr subtil z. B. in dem Gedicht über das Gemälde ›Rheinlandschaft‹. Auf erfrischende Weise gegenwartsbezogen ist das Gedicht ›Die Volksgemeinschaft‹; auch dieser Titel ist hierfür sehr originell.

Ich freue mich für Dich über das neue, gut gelungene Werk und danke Dir vielmals dafür, auch für die liebenswürdige Widmung.

Ich weiß nicht, ob ich Dein Präsent werde erwidern können. Gegenwärtig habe ich nicht die geringste Lust, etwas zu Papier zu bringen. Kann sein, dass ›Halbmond über Berlin‹ mein letztes Buch war.«

Ich hoffe sehr, dass Peter Salomon nicht auch eines Tages sagt: »Das ist mein letztes Buch.« Denn er hat uns stets formal und inhaltlich Lohnendes mitzuteilen.

Klaus Isele

Ein unterschätzter Literat von Rang