Peter unter Wölfen - Marvin Faraday - E-Book

Peter unter Wölfen E-Book

Marvin Faraday

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Beschreibung

Peters Eltern, die in der kleinen historischen Stadt Hann. Münden am untersten Zipfel Niedersachsens leben, befürchten, dass sich ihr Sohn mit dem schreck-lichen Virus angesteckt haben könnte, unter dem das gesamte Land leidet. Zwar sterben Kinder und Jugendliche nicht an die-sem Virus, sie zeigen nicht einmal Symptome, doch für die Erwachsenen und vor allem für die Großeltern werden sie zur Gefahr, da ausgerechnet sie das Virus als sogenannte Superspreader in sich tragen und vertei-len. So treffen Peters Eltern eine Entscheidung, die auch schon andere Eltern zuvor getroffen haben: Sie setzen ihren Sohn im Reinhardswald aus, so dass er nicht mehr den Weg nach Hause findet. Doch Peter ist nicht das einzige Kind, das nun im Wald umherirrt und ums nackte Überleben kämpft ...

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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Impressum

Peter unter Wölfen

Ein Hann. Münden Mystery Märchen

Marvin Faraday

Emily Tabitha Frost

Alle Texte, Textteile, Grafiken, Layouts sowie alle sonstigen schöpferischen Teile dieses Werks sind unter anderem urheberrechtlich geschützt. Das Kopieren, die Digitalisierung, die Farbverfremdung, sowie das Herunterladen z. B. in den Arbeitsspeicher, das Smoothing, die Komprimierung in ein anderes Format und Ähnliches stellen unter anderem eine urheberrechtlich relevante Vervielfältigung dar. Verstöße gegen den urheberrechtlichen Schutz sowie jegliche Bearbeitung der hier erwähnten schöpferischen Elemente sind nur mit ausdrücklicher vorheriger Zustimmung des Verlags und des Autors zulässig. Zuwiderhandlungen werden unter anderem strafrechtlich verfolgt!

Die Menschen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten und mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Originalausgabe, 1.Auflage erschienen am 21.März 2023

Copyright © 2023 Marvin Faraday & Emily Tabitha Frost

Publishing Rights © 2023 Marvin Faraday & Emily Tabitha Frost

Lektorat & Korrektorat: Pascal Wagenknecht, AutorenServices.de

Buchcover, Illustration: Nikita Ivanova, AutorenServices.de

Ein Projekt von WickedWorld.de & HMFotoTours.de

Hinter der Stadtmauer 9/11, 34346 Hann. Münden

Peters Eltern, die in der kleinen historischen Stadt Hann. Münden am untersten Zipfel Niedersachsens leben, befürchten, dass sich ihr Sohn mit dem schrecklichen Virus angesteckt haben könnte, unter dem das gesamte Land leidet.

Zwar sterben Kinder und Jugendliche nicht an diesem Virus, sie zeigen nicht einmal Symptome, doch für die Erwachsenen und vor allem für die Großeltern werden sie zur Gefahr, da ausgerechnet sie das Virus als sogenannte Superspreader in sich tragen und verteilen.

So treffen Peters Eltern eine Entscheidung, die auch schon andere Eltern zuvor getroffen haben: Sie setzen ihren Sohn im Reinhardswald aus, so dass er nicht mehr den Weg nach Hause findet. Doch Peter ist nicht das einzige Kind, das nun im Wald umherirrt und ums nackte Überleben kämpft.

Dieses Buch ist für dich, Nikita

I.

In den letzten Monaten waren derart viele falsche Entscheidungen getroffen worden, dass sich Peters Eltern nicht nachsagen lassen wollten, auch sie hätten am Ende die falschen Entscheidungen getroffen, als es darum ging, die Katastrophe in den eigenen Reihen abzuwenden.

Pech für Peter war allerdings, dass er mit seinen zwölf Jahren zu jener Gruppe Personen gehörte, die man unbedingt aus dem Kreis der Erwachsenen ausschließen wollte, seitdem das Gerücht zur schrecklichen Gewissheit geworden war, dass es vor allem die Kinder waren, an denen sich die Erwachsenen ansteckten.

Zwar hatte es diese Vermutungen schon seit längerer Zeit gegeben, dass die Kinder die größte Bedrohung darstellten, doch dieses Wissen hatte man lange zurückgehalten und nicht laut aussprechen wollen, da es sich kein Elternteil für seine Kinder vorstellen mochte, was ihnen bevorstünde, wenn man sie im dunklen Reinhardswald aussetzen würde. Doch diese Praktik war schon seit Wochen das offenbar einzig probate Mittel, sich seinen Plagen zu entledigen mit der Gewissheit, dass sie sich schon irgendwie durchschlagen würden oder eben elend zugrunde gingen …

Allerdings waren die Gesetze und Ausgangssperren derart verschärft worden, dass niemand mehr riskieren wollte, mit seinen Kindern gesehen zu werden. Denn das hätte doch nur zur Folge, dass man von den anderen ausgegrenzt werden würde, weil man dieser dunklen Bedrohung nichts entgegenzusetzen hatte. Dabei lag es auf der Hand, dass die meisten Kinder längst Träger dieser neuen Krankheit waren, auch wenn sie selbst nur selten Symptome zeigten oder gar daran erkrankten oder starben … wie so unendlich viele in den letzten Monaten.

Vor allem die alten Menschen starben wie die Fliegen, da das Gesundheitswesen mit dieser Dimension der Krankheit hoffnungslos überfordert war. Dies nahmen auch Peters Eltern zum Anlass, darüber laut nachzudenken, was ihnen lieber war. Und nach unzähligen Debatten mit den anderen Familienmitgliedern, entschieden auch sie sich für den einzig richtigen Schritt:

Peter musste weg!

Der Junge schlief bereits, als seine Eltern in der Küche alles zusammenpackten für die morgen anstehende Wanderung in den tiefen Reinhardswald, der direkt an Hann. Münden angrenzte und sich tief ins Umland ausdehnte, wo gar schreckliche Kreaturen hausen sollten. Ausgerechnet in den kleineren Städten wie eben auch in Hann. Münden war in den letzten Wochen die Panik immer grösser geworden, dass es am Entschluss der Eltern nichts zu rütteln gab, nachdem Peter von den heutigen Erledigungen zurückgekommen und böse beschimpft worden war:

„Kinder wie du gehören in den Keller gesperrt!“

„Kinder wie du sollten sich schämen, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen!“

Spätestens hier fragt sich der Leser vielleicht, was diesen Kindern bloß so Schreckliches anhaftete, dass sie in der Gesellschaft einen so schlechten Stand hatten. Einige gingen sogar so weit, dass man die Kinder so lange unter Verschluss halten sollte, bis dieser Ausnahmezustand vorbei wäre. Doch keiner der klugen Köpfe im Rathaus des historischen Fachwerkstädtchens am untersten Zipfel von Niedersachsen wollte freiwillig eine Prognose darüber abgeben, wann dies der Fall wäre.

Der Bürgermeister Hann. Mündens, der hier nicht weiter namentlich genannt werden will, hatte ohnehin viel zu spät auf die Bedrohung reagiert. Anfangs wurde noch verharmlost und die Sache mit der neuen Krankheit kleingeredet. Und das war in den meisten kleineren Städten der Region so, dass man die Bälle flach halten wollte, da machte Peters Heimatstadt keine Ausnahme.

Die Geschichte rund um den kleinen Peter, seiner Heimat Hann. Münden und den bösen Wölfen im Reinhardswald, die hier erzählt werden soll, hätte sich auch in jedem beliebigen Kaff so oder ähnlich abspielen können, da sich die Krankheit global ausdehnte. Und einigen Bürgermeistern und Staatsmännern stand es sogar auf der Stirn geschrieben:

„Kein Grund zur Sorge. Alles in bester Ordnung!“

Doch Pustekuchen!

Nichts war in bester Ordnung!

Alles war in hellem Aufruhr.

Vor ein paar Wochen hatten die Stimmen der Verantwortlichen noch zuversichtlich geklungen als es darum ging, den Bürgern Hann. Mündens zu erklären, warum man jetzt Maßnahmen treffen musste, das alltägliche Leben auf ein Minimum zurückzufahren, auch wenn dies für viele bedeutete, ihre Existenz zu verlieren und danach nochmals ganz von vorne beginnen zu müssen.

Auch Peters Eltern waren besonders hart von diesem Maßnahmenkatalog betroffen, denn zuerst verlor seine Mutter ihre Anstellung im Café am Marktplatz, wo sie halbtags beschäftigt war; und sein Vater verlor eine Woche später seine Arbeit, weil die meisten Restaurants und Hotels schließen mussten. Jetzt brauchte niemand mehr einen Kellner, der in der Rathausschänke am historischen Marktplatz die solventen Gäste bediente, die ja auch allesamt zur Risikogruppe gehörten, da sie zumeist das Rentenalter weit überschritten hatten.

Und jemand, der ein Kind zu Hause betreute, bekam auch anderswo in Hann. Münden keine Anstellung mehr, da man gleich vor zwei Herausforderungen stand:

Das Kind wollte rund um die Uhr betreut werden, da die Schulen schon vor den Osterferien dichtgemacht hatten. Und überhaupt gingen die besorgten Bürger des Städtchens an Werra und Fulda, die in die Weser mündeten, Erwachsenen mit Kindern seither aus dem Weg, als es auf Instagram, YouTube, TikTok und den zahlreichen anderen sozialen Medien die Runde machte, dass vor allem sie – die Kinder – viele Ansteckungen und damit auch Tode zu verantworten hatten.

Lediglich den Singles stand der Arbeitsmarkt noch offen, doch sobald man alleinerziehend war, oder man sich die glücklichen Eltern eines Sohnes nannte, wurden nicht selten auch die Bewerbungsunterlagen verbrannt, an denen das Virus schließlich noch kleben konnte, vor dem alle solch panische Angst hatten.

Da machen wir uns mal nichts vor!

Diese Panik wuchs umso mehr, als herauskam, dass es eben nicht nur die ältere Bevölkerung dahinraffte und dezimierte. Längst war allen klar, dass es jede Altersgruppe treffen konnte – mit Ausnahme der Kinder, was schon gespenstisch war. Warum machte das schreckliche Virus vor allem um die Kinder einen großen Bogen? Was nicht einmal korrekt war! Denn die Kinder konnten sich zweifelsohne mit dem Virus anstecken, nur zeigten sie eben keinerlei Symptome, und nur selten verlief bei ihnen die Krankheit wie bei so vielen: tödlich!

Was dachte sich dieses Virus nur dabei, sich in den Kindern einzunisten wie ein Wolf im Schafspelz? Lange Zeit hatte man es gar nicht nachvollziehen können, warum es gerade die Alten in den Pflegeheimen traf, und warum sich das Virus dort so rasant ausbreitete, dass es oft die halbe Belegschaft traf und die Hälfte aller Insassen im Leichensack das Haus verließen.

Doch würden die Verantwortlichen nur einmal ehrlich zu den Bürgern sein und hätten von Anfang an mit offenen Karten gespielt, so hätte viel Leid, Schmerz und Kummer vermieden werden können. Denn es waren vor allem die Kinder, die die Nähe zu ihren Großeltern suchten; auf dem Schoß des Großvaters saßen, oder der lieben Oma als Dank für eine Tafel Schokolade einen feuchten Kuss auf die Lippen pressten.

Und dabei wurden sie zu Milliarden ausgetauscht: die todbringenden Viren, die sich so heimtückisch verhielten wie kaum eine andere Krankheit zuvor. Oft versteckten sich die Symptome dieser neuen Krankheit hinter denen einer ordinären Grippe, mit der die Bevölkerung seit jeher fahrlässig umgegangen war. So gingen Menschen noch zur Arbeit, denen pausenlos die Nase lief, und ein hohes Fieber konnte kaum jemanden davon überzeugen, doch lieber im Bett liegen zu bleiben und sich auszukurieren. Selbst Peters Eltern gehörten zu jener Sorte Mensch, die sich von einer Erkältung nicht unterkriegen ließen. Dabei war dieses neue Virus alles andere als ein leichter Schnupfen oder Husten, auch wenn sich dieses Virus oft dadurch zu erkennen gab, dass es als grippeähnliche Symptome wahrgenommen wurde.

Die ersten Toten, die zu beklagen gewesen waren, hatte es doch nur gegeben, weil die Ärzte fälschlicherweise davon ausgegangen waren, die Menschen seien an einer gewöhnlichen Grippe erkrankt. Nur allmählich kamen immer neue Indizien ans Tageslicht, das für den rasanten Anstieg der Toten etwas anderes verantwortlich sein musste. Doch gleich in welcher Stadt oder Land man auch lebte, überall war es das gleiche: die selbstgefällige Obrigkeit hielt unter Verschluss, was da auf die gesamte Menschheit zugerollt kam und dass in solch rasantem Tempo, dass sich schon bald erste Widerstände bilden sollten.

Während man diese Widerstände in den eigenen Reihen noch totschweigen konnte oder sie einfach hinter Schloss und Riegel brachte, ließen sich in anderen Ländern diese Stimmen nicht länger verstummen … auch wenn ab und an ein Politiker mundtot oder gar zum Schweigen gebracht worden war; daran besteht nicht der geringste Zweifel!

Und so hörten letztendlich auch Peters Eltern von den schrecklichen Vermutungen, dass es vor allem die Kinder waren, an denen sich so viele unzählige Menschen ansteckten.

„Peter wird keine Woche in diesem dunklen Wald überleben“, sagte Peters Mutter, als sie den Proviant für die nächsten Tage in Peters Rucksack packte, und mit verweinten, rotunterlaufenen Augen zu ihrem Mann aufschaute.

„Unsinn! Peter ist ein cleverer Bursche. Er wird schon klar kommen da draußen im dunklen Reinhardswald“, erwiderte Peters Vater, der einen Blick nach draußen warf, wo es schon seit Wochen dasselbe Bild zu bestaunen gab: menschenleere Straßen; verwaiste Spielplätze; verlassene Parks und der unermüdliche Einsatz der Obrigkeit, dass sich alle Einwohner Hann. Mündens an die Ausgangsbeschränkungen hielten.

Erst in der letzten Woche waren diese Beschränkungen verschärft worden, und man durfte nicht einmal mehr mit seinen Kindern vor die Tür, um spazieren zu gehen, ohne dass einem Vater oder einer Mutter böse Beschimpfungen hinterhergerufen wurden:

„Man sollte sie allesamt einsperren und den Schlüssel wegwerfen, bis diese Katastrophe ein Ende nimmt.“

Allerdings vermochte niemand zu sagen, wann das der Fall wäre. Denn in den letzten Wochen waren die Zahlen exorbitant in die Höhe geschnellt, dass niemand eine Prognose abgeben wollte, auf die er später festgenagelt werden könnte.

Daher wurden auch die Stimmen aus den Instituten und Universitäten immer leiser, die am Anfang dieser Pandemie noch zu beschwichtigen versuchten. Ja, zu Beginn der Ausbreitung hatten vor allem die Statistiker noch ihre helle Freude daran, die aktuellen Zahlen aufzubereiten und sie den Bürgern vor die Füße zu werfen nach dem Motto: „Friss oder stirb!“

Doch schnell zeichnete sich ab, dass all diese Zahlen nichts über die wirkliche Katastrophe wiedergaben: der Dunkelziffer! Mit dem Testen kamen die wie Pilze aus dem Boden wachsenden Testcenter doch gar nicht mehr hinterher. Und die Kinder wurden lange Zeit völlig ignoriert, so dass sich seit ein paar Tagen die Zahlen überschlugen und man davon Abstand nahm, den Exit aus diesem Dilemma vorzubereiten.

Aus der anfangs vierwöchigen Ausgangssperre waren längst drei Monate geworden und der Sommer stand vor der Tür. Aber an ein Verreisen oder Urlaub machen war gar nicht erst zu denken. Aus die Maus!

Und was das für eine Stadt wie Hann. Münden bedeutete, die vom Tourismus, den vielen Tagesgästen und Übernachtungen und den damit verbundenen Einnahmen lebte, konnte sich jeder an drei Fingern abzählen, wohin das auf kurz oder lang führen würde: in die Pleite!

Überall im Land machte sich große Unruhe breit, denn die Regierung war alles andere als ehrlich zum Volk und hielt wichtige Informationen einfach zurück. So auch die Information, dass es eben die Kinder waren, die in den Anfängen der Epidemie für die Verbreitung des Virus gesorgt hatten.

Gut zwei Drittel aller Toten gingen somit auf das Konto der Kinder und der erschreckenden Zahl an Neuinfizierten und Toten konnte niemand aus dem Weg gehen, da es sich der Boulevard-Journalismus, ob durch die BILD oder der HNA, inzwischen zur Aufgabe machte, dem Volk bereits zum Frühstück die nackten Zahlen um die Ohren zu hauen.

Die Druckerschwärze war noch immer frisch, als die ersten Seiten der Tageszeitungen aufgeschlagen wurden, nur, um dann erneut damit konfrontiert zu werden, dass man sich besser auf diesen Ausnahmezustand hätte vorbereiten sollen – hätte vorbereiten müssen!

Auch Peters Vater studierte an diesem frühen Morgen im März die Schlagzeilen der HNA aufmerksam und sie bestätigte ihn in seiner Entscheidung, jetzt die Reißleine zu ziehen, bevor es von der Obrigkeit entschieden werden sollte, wie ist mit den Kindern weiterging.

Peters Vater wollte nicht still am Küchentisch sitzen und der Tage ausharren, bis die Schergen in sein Haus kämen, um Peter unter Quarantäne zu stellen, so wie es bereits bei vielen anderen Kindern aus der Nachbarschaft geschehen war.

Nein, das wollte er seinem Sohn ersparen und ihm vielmehr die Chance einräumen, über sein eigenes Schicksal zu entscheiden, bevor diese Entscheidung ein anderer traf.

„Er wird dort sicher nicht auf sich allein gestellt sein“, sagte er nach einer Weile, als er den Vorhang schloss und den Fernseher ausschaltete, in dem nur noch Sondersendungen auf ARD, ZDF und Konsorten liefen, die nicht gerade zur Beruhigung der Bevölkerung beitrugen. Ganz im Gegenteil!

In den Medien wurde fleißig Stimmung gemacht und diese Anordnung kam von ganz weit oben. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass sich die Regierung den Medien bediente, um ihren Standpunkt klarzumachen. Auch Peters Vater wusste davon, dass in diesen sonderbaren Zeiten die Medien nicht neutral waren und dass sie doch nur das ans Volk weitergeben durften, was zuvor durch den Filter, den Zensor, gesiebt worden war.

Zwar bot diese Zeit auch einiges Positives und man bekam plötzlich Einblicke in die zahlreichen Wohnzimmer der B- und C-Prominenz. Doch das waren nur geschickte Ablenkungsmanöver, um das Volk bei Laune zu halten (oder es gar für dumm zu verkaufen).

„Aber Peter war noch nie länger allein als für drei oder vier Tage. Glaubst du wirklich, dass er in dieser Isolation zurechtkommen wird?“ Peters Mutter suchte nach einem Taschentuch, um sich die Tränen aus den Augen zu wischen, als sie auf eine Schlagzeile der noch immer aufgeschlagenen HNA tippte: „In einer solch drastischen Situation sind bereits Kinder umgekommen.“

„Unsinn!“, schnaubte Peters Vater erneut und schlug die Zeitung zu. „Unser Peter wird diese Situation schon meistern, du wirst sehen, in ein paar Wochen ist der ganze Spuk vorüber und wir können unseren Sohn wieder in die Arme schließen. Außerdem habe ich einen Tipp erhalten, wo im Reinhardswald wir ihn aussetzen sollten, dass er eine reelle Überlebenschance hat.“

„Aber Peter fürchtet sich im Dunkeln, und er fürchtet sich auch vor dem dunklen Wald.“

„Nicht vor dem Wald muss sich Peter fürchten, bestenfalls vor den Kreaturen, die im Wald hausen. Und darauf habe ich ihn bestens vorbereitet“, sagte Peters Vater und zog die lange Klinge des Messers aus der Scheide, dass er seinem Sohn morgenfrüh aushändigen wollte.

„Aber ein Wölfling bei den Pfadfindern zu sein oder mit dir Angeln zu gehen, ist doch etwas ganz anderes, als plötzlich Mutterseelenallein im dunklen Wald umherzutappen“, sagte Peters Mutter und schnäuzte sich die Nase.

„An dieser Prüfung wird unser Sohn wachsen“, sagte Peters Vater und stand auf, um seine Frau an sich zu drücken. „Er wird als Kind in den Wald gehen und als Erwachsener herauskommen.“

„Na, hoffen wir mal, dass es nicht so lange dauern wird, bis wir ihn wiedersehen“, sagte Peters Mutter und rang um Haltung. Gegen ihren Mann war sie ohnehin machtlos, das wusste sie. Traf er erst einmal eine Entscheidung, stand sie fest, wie in Granit gemeißelt.

Und auch Peter unternahm nie den Versuch, seine Stimme gegen seinen dominanten Vater zu erheben. Allerdings wusste er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass seine Eltern ohne ihn vom Ausflug in den Wald nach Hause zurückkehren wollten.

Peter ging davon aus, als ihm sein Vater in die Pläne für den morgigen Tag eingeweiht hatte, das es wieder ein Ausflug werden sollte, wie sie in den letzten Monaten selten geworden waren. Umso mehr freute er sich darauf, mal wieder etwas mehr Zeit mit seinem Vater zu verbringen.

So malte sich Peter in seinen Träumen aus, was er alles in den nächsten Stunden erleben würde …

Als seine Eltern nochmals einen prüfenden Blick in sein Zimmer warfen, schlief Peter bereits tief und fest und träumte vor allem davon, dass sein Vater auch Wort hielt, denn auch das war in der Vergangenheit schon öfters vorgekommen, dass Pläne in letzter Sekunde zerschlagen worden waren, weil sein Vater Doppelschicht arbeiten musste – oder es einfach vergessen hatte, dass er seinem Sohn ein Abenteuer versprochen hatte.

II.

Am nächsten Morgen empfand Peter die gesamte Situation noch als großes Abenteuer, als sein Vater ihm am Küchentisch offenbarte, dass es schon in einer halben Stunde losgehen sollte. Peter hatte schon am Abend zuvor alles zusammengetragen, was für ihn wichtig war und auf was er nicht verzichten wollte. Bislang wusste er nur, dass seine Eltern einen Weg gefunden hatten, die Ausgangssperre zu umgehen. Und daher fühlte es sich irgendwie verboten an, sich jetzt in dieses Abenteuer zu stürzen.

Sein Vater erklärte ihm kurz, wie sie mit dem Auto zum Parkplatz am Wald fahren würden, ohne in eine Polizeikontrolle zu geraten, da die meisten Straßensperren erst gegen sieben Uhr morgens Stellung bezogen, und jetzt war es gerade einmal sechs Uhr morgens. Es fühlte sich so an wie vor der Schließung der Schulen, als würde sich Peter für einen Schultag fertigmachen.

Seine Eltern sprachen kaum ein Wort miteinander. Und doch konnte Peter aus ihren Gesichtern herauslesen wie aus einem offenen Buch – oder der Zeitung, die mal wieder aufgeschlagen auf dem Küchentisch lag und für die nächsten Tage noch strengere Maßnahmen verkündete.

Peter hielt allein schon deswegen seinen Vater für einen Helden, ja ein Rebell, weil er sich tapfer gegen dieses Regime und deren Maßnahmen zur Wehr setzte.

„Ich freue mich schon auf unseren Ausflug, Papa“, sagte Peter, als er seinen warmen Kakao ausgetrunken hatte und sich über die Tischkante lehnte, um besser in der Zeitung lesen zu können. Doch gerade als er über die ersten Schlagzeilen flog, die ihn interessierten, schlug sein Vater die Zeitung zu, tippte auf seine Armbanduhr und drängte zum Aufbruch.