Reborn Child - Marvin Faraday - E-Book

Reborn Child E-Book

Marvin Faraday

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Beschreibung

Mr Faraday kann es kaum fassen, als er nach den vielen Schicksalsschlägen in seinem Leben auf Kelly Mary Preston und deren Sohn trifft, mit deren Hilfe er eine Tür zur Schattenwelt öffnen kann, um seinen verstorbenen Sohn zurück zu holen in das Reich der Lebenden. Doch welchen Preis Mr Faraday dafür bezahlt, seinen Sohn wieder in den Händen halten zu können, merkt er erst, als es schon zu spät ist und sich die Geister nicht mehr abschütteln lassen, die er gerufen hat. Bradley, der älteste Sohn von Kelly Mary Preston, tut sich anfangs schwer, den neuen Mann im Leben seiner Mutter zu akzeptieren, doch mit der Zeit erkennt auch er, dass er schon immer auf Kendall House gehört hat und dass sein Platz neben diesem Mann ist, der ihm das Hexenhandwerk und die Zauberkunst näher bringt. Als dann weitere Geheimnisse innerhalb der Familie ans Tageslicht kommen, gilt es, die richtigen Entscheidungen zu treffen ... auch wenn das heißt, dass ein jeder Opfer erbringen muss. Opfer, die manchmal größer sind, als man bereit ist, zu geben. Der erste Band der Mystery-Buchreihe REBORN CHILD ist ab sofort als E-Book, Paperback und Hardcover erschienen und bei Amazon erhältlich. SOULMATE ist ein geheimnisvoller Mystery-Thriller von 435 Buchseiten, der den Leser mitnimmt in die real existierende magische Welt, in der auch die Autoren Marvin Faraday und Emily Tabitha Frost zuhause sind.

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Seitenzahl: 652

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsangabe

Impressum

Vor sieben Jahren an einem stürmischen Herbsttag im September 2013

Der große Tag kann kommen. Vier Jahre später. Heute ist es der 21. März 2017.

Die Robe des Morgentaus

Das böse Erwachen danach

Besondere Schwingungen

Fishermens Friend

Das ehrwürdige Kendall House

Sommersonnenwende und harte Brocken

Das Traumtagebuch und das wachsende Interesse

Das Vater-Sohn-Gespräch und Lammas

Die halluzinogenen Pflanzen im Hexengarten

Cameron und die anderen Schüler

Verbrenn dir nicht deine zarten Finger

Feuertaufe

Vorbereitungen für den großen Tag

Das Totenmahl

Das Katz und Maus Spiel beginnt

Die Bedürfnisse der Erwachsenen

Wie der Vater so der Sohn

Reborn Babys und der Kinderwunsch

Equinox

Foolsday - Alles nur ein Scherz

Liams Todestag und Bradleys Initiation

Das Treffen mit der Vergangenheit

Anonyme Briefe mit brisantem Inhalt

Hermann kommt ins Spiel

Trügerische Sicherheit

Die unerwartete Niederkunft eines kleinen Bastards

Guide

Cover

Contents

Start of Content

IMPRESSUM

Marvin Faraday

Emily Tabitha Frost

REBORN CHILD

SOULMATE

Kapitel Eins

Alle Texte, Textteile, Grafiken, Layouts sowie alle sonstigen schöpferischen Teile dieses Werks sind unter anderem urheberrechtlich geschützt. Das Kopieren, die Digitalisierung, die Farbverfremdung, sowie das Herunterladen z. B. in den Arbeitsspeicher, das Smoothing, die Komprimierung in ein anderes Format und Ähnliches stellen unter anderem eine urheberrechtlich relevante Vervielfältigung dar. Verstöße gegen den urheberrechtlichen Schutz sowie jegliche Bearbeitung der hier erwähnten schöpferischen Elemente sind nur mit ausdrücklicher vorheriger Zustimmung des Verlags und des Autors zulässig. Zuwiderhandlungen werden unter anderem strafrechtlich verfolgt!

Deutsche Erstausgabe

Copyright © 2024 Marvin Faraday & Emily Tabitha Frost

Publishing Rights © Marvin Faraday & Emily Tabitha Frost

Korrektorat und Lektorat von Pascal Wagenknecht

Buchsatz und Buchcover von AutorenServices.de

Reborn Child Charaktere, Namen und zugehörige Zeichen

sind Warenzeichen von und © WickedWorld.de

Das Urheberpersönlichkeitsrecht des Autors wurde geltend gemacht.

ISBN-13: 978-3989951778

Alle Rechte vorbehalten.

www.WickedWorld.de

VOR SIEBEN JAHREN AN EINEM STÜRMISCHEN HERBSTTAG IM SEPTEMBER 2013

„Du hast das nicht allein zu entscheiden, wie oder wo unser Sohn unterrichtet wird. Ich habe da ein Wörtchen mitzureden, findest du nicht? Schließlich bin ich seine Mutter und werde mich diesbezüglich auf keine weitere Diskussion einlassen“, sagte Mary, die im sechsten Monat schwanger war und nur das Beste für ihre Kinder wollte. Sie griff nach den Broschüren, die auf dem Schreibtisch ihres Mannes lagen, der längst eine Entscheidung getroffen hatte, wie ihr Sohn Liam unterrichtet werden sollte und vor allem wo, und warf ihm die Broschüren geradewegs ins Gesicht.

„Aber wollen wir Liam das antun und ihn auf eine öffentliche Schule schicken? Das würde seinen Fähigkeiten und Talenten nicht gerecht werden“, erwiderte Mr Faraday und klaubte die Broschüre vom Fußboden auf, die er seiner Frau erneut unter die Nase hielt.

„Wir können gar nicht früh genug damit beginnen, Liam zu fördern, so dass er seine Talente frei entfalten kann. Außerdem ist diese Schule“, und Mr Faraday tippte auf die Broschüre, die seine Frau auf den Schreibtisch gelegt hatte, weil dass das Letzte war, was sie sich für ihren Sohn vorstellen konnte, „der beste Ort, wo sich Kinder wie Liam nicht täglich zu rechtfertigen brauchen, dass sie anders sind und dass sie die Welt mit ganz anderen Augen sehen.“

„Aber muss es ausgerechnet die Schule in Meridia sein? Natürlich weiß ich selbst, wie bedeutend diese Schule ist und welch große Persönlichkeiten sie hervorgebracht hat. Doch es würde mir das Herz zerreißen, Liam nicht um uns zu haben und ihn nur in den Ferien zu sehen“, argumentierte Mary, die sich mit dem Gedanken nur schwer anfreunden konnte, Liam würde auf der anderen Seite der Welt unterrichtet werden in einem Internat, dass das einzige seiner Art war und sich auf Kinder wie ihren Sohn spezialisiert hatten. „Noch ist es nicht so weit, dass wir unseren Sohn nach Tasmanien schicken müssen“, versuchte Marvin den Wind aus den Segeln zu nehmen, weil er keinen Sturm ernten wollte, zumal seine Frau schon jetzt reizbarer war als noch vor ein paar Wochen, als sie die Diskussion um Liams Schulbildung angestoßen hatten.

„Doch wenn wir ihn in diesem Jahr nicht anmelden, wird es in vier Jahren keinen Platz für Liam auf dieser Schule geben, und dann werden wir seinem Wissensdurst nie gerecht werden können. Und auf einer öffentlichen Schule wird er nie sein gesamtes Potential ausschöpfen können.“

Die Tür zum Arbeitszimmer des Vaters öffnete sich, da der Junge das Gespräch seiner Eltern mitbekommen hatte. Liam setzte sich auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch und versuchte, von dort nach der Broschüre der Schule zu greifen. Seine Finger kamen nicht ganz heran, so dass Marvin sie ihm zuschob mit den Worten: „Was denkst du über diese Angelegenheit? Würde es dir Freude machen, mit Kindern deinesgleichen zusammen zu sein und in die magischen Künste eingewiesen zu werden?“

Liam betrachtete sich die Broschüre aufmerksam von allen Seiten, bevor er seinem Vater antwortete. „Dort wird auch dieser Junge unterrichtet, nicht wahr, von dem du mir schon so viel erzählt hast?“

„Dumm nur“, mischte sich Mary in die Konversation zwischen Liam und seinem Vater ein, was Marvin gar nicht leiden konnte, da er der Überzeugung war, dass auch Kinder ihre Wünsche frei äußern durften und ein Mitspracherecht hatten, wenn es um ihre Belange ging, „dass es auf der Isle of Wight kein Portal gibt, mit dem du dorthin reisen könntest. Du könntest nur noch in den Ferien bei uns sein.“ Mary streichelte Liam durchs Haar, wie sie es immer tat, wenn sie eine Verbindung zu ihrem Sohn aufbauen wollte. „Denke darüber nach, bevor du deinem Vater antwortest.“

„Aber ich habe mir schon längst darüber den Kopf zerbrochen, wo ich unterrichtet werden will“, sagte Liam und warf seinem Vater einen Blick zu, als müsste er sich erst bei ihm ein Okay einholen, „wir sollten dem Schulleiter Lewis Cartwright für mein Dafürhalten ein paar Zeilen aufsetzen und mal einen Platz reservieren. In den vier Jahren kann noch so viel passieren, da würde ich mir diese Option gern offenhalten.“ Liams Worte klangen dabei, als hätte ihn der Vater diesen Floh ins Ohr gesetzt, seitdem bekannt geworden war, wer in Meridia Einzug gehalten hatte.

Natürlich waren auch die Faradays bestens vernetzt mit der magischen Gemeinschaft. Mr Faraday hatte oft schon Gastbeiträge für den Pegasus geschrieben, einem Jugendmagazin für junge Hexen und Zauberer und solche, die es werden wollten. Auch Liam besaß ein Abonnement dieses Magazins und verschlang deren Artikel regelrecht vor allem dann, wenn es Neuigkeiten von seinem großen Vorbild gab: Charly Cutter, in dessen Fußstapfen er nur allzu gern treten wollte. Kein anderer Junge inspirierte Liam so sehr als dieser Junge aus Neuseeland, der nur ein paar Jahre älter war als er, der des Zauberns tatsächlich mächtig war und eben keine fiktive Figur war wie der Zauberlehrling, über die eine Autorin aus Schottland, die hier namentlich nicht weiter genannt werden soll, schrieb.

Ja, diesem Jungen aus Neuseeland wollte er nacheifern, auch wenn er selbst noch ganz am Anfang seiner magischen Ausbildung stand. Nicht einmal einen Zauberstab hatte er, und mit einiger Ernüchterung stellte er fest, dass es die Winkelgasse ebenso wenig gab wie Hogwarts. Doch er wusste bereits, dass es jenseits der fiktiven magischen Welt auch noch eine real existierende magische Welt gab, und so betrachtete er die Bücher des englischen Zauberlehrlings mit gemischten Gefühlen, auch wenn das alle anderen anders sahen.

Aber der Inhalt eines Buches wurde nicht dadurch real, nur weil es von vielen Millionen Lesern auf der ganzen Welt gelesen wurde. Für sein Alter konnte er schon gut unterscheiden, was Fiktion und was Realität war, und natürlich wusste Liam, dass er in der Realität zu Hause war und dass er keine fiktive Person in einem Roman war.

„Allerdings trägt man als real existierende Person bedeutend mehr Verantwortung als beispielsweise eine fiktive Person“, sagte Mr Faraday, nachdem Liam seinen Diskurs über die magische Welt beendet hatte. Mr Faraday hatte leicht reden, schließlich verdiente er sein Geld mit dem Schreiben von Büchern und wurde auch nicht müde, seinem Sohn stets den Unterschied vor Augen zu führen, den es zwischen der realen und der fiktiven Welt gab.

Aber auch für Liam war es ein schwerer Brocken, herauszufinden, dass sie von den anderen gern als Spinner bezeichnet wurden oder ihnen gar andere Dinge an den Kopf geworfen wurden, die hier keinen Platz haben, wiederholt zu werden. Zwar wuchs Liam mitten unter ihnen auf, aber er würde sich selbst nie dieses Etikett aufkleben, einer von ihnen zu sein: diesem magischen Völkchen, das auch auf der Isle of Wight gut strukturiert war und ihre sonderbaren Blüten trieb.

Wahrscheinlich war er dann aber doch noch zu jung, um zu begreifen, welches Erbe sie auf ihren Schultern trugen, denn auch seine Großeltern und Urgroßeltern waren schon Hexen und Zauberer gewesen und hatten in den letzten Jahrhunderten stets aufpassen müssen, nicht auf einem Scheiterhaufen verbrannt zu werden für ihr Wissen, dass sich die Obrigkeit gern einverleibt hätte, um es als ihren Wissensschatz auszugeben. Und das in einem Land, dessen Geschichtsschreibung erst im zehnten Jahrhundert begonnen hatte, obwohl es viele Sagen hervorgebracht hatte. Sagen und Legenden, auf die diese Nation zu Recht stolz war, auch wenn sie sich nie belegen ließen.

„Dann macht, was ihr nicht lassen könnt“, sagte Mary und drückte Liam einen Kuss zum Abschied auf die Stirn, nichts ahnend, dass dies der letzte Kuss sein sollte, den der Junge von seiner Mutter erhielt.

Mary hatte gleich mehrere Termine in der Stadt wahrzunehmen. So wollte sie sich noch mit einem Schulleiter vor Ort treffen, um die anstehende Einschulung ihres Sohnes zu besprechen, der im letzten Jahr zurückgestellt worden war auf Nachdruck ihres Mannes, dem Jungen noch ein weiteres Jahr die Möglichkeit zu geben, einfach Kind sein zu dürfen. Außerdem stand die Untersuchung beim Frauenarzt an, da das Ungeborene auffällig still war. Die Tritte, an denen Liam erkennen konnte, dass er schon bald ein Brüderchen bekäme, waren rar geworden.

Es hieß zwar, sie sollten sich keine Sorgen machen, doch weil sie eine Hausgeburt anstrebte, sollte es keine bösen Überraschungen oder gar Komplikationen geben. Und für Mary stand fest, dass sie nicht noch einmal im Saint Mary‹s Hospital entbinden wollte, weckte diese Vorstellung doch nur schreckliche Erinnerungen in ihr, von denen Mr Faraday jedoch keinen blassen Schimmer hatte.

Kaum war Mary aus dem Haus, zog Mr Faraday ein Blatt Papier hervor, um ein Schreiben an den Schulleiter Lewis Cartwright aufzusetzen, so wie er es seinem Sohn versprochen hatte.

„Bitte teile ihm mit“, sagte Liam, der es aufregend fand, diesen Brief auf die lange Reise zu schicken, der mehr als 20000 Kilometer zurücklegen würde. Eine Strecke, die die Vorstellungskraft des Jungen sprengte, „dass ich insbesondere folgende Fächer mag.“ Und Liam zählte alle Schulfächer auf, denen er in Büchern über magische Kinder bereits begegnet war.

„Die Verteidigung gegen die dunklen Künste können wir sicher streichen“, lachte Mr Faraday, dem es eine Wonne war, seinem Sohn zuzuhören, wie er sich seine magische Ausbildung vorstellte. „Ich bin mir sicher, dass du dich nie in deinem Leben gegen die dunklen Künste zur Wehr setzen musst.“

„Schaden kann es aber nicht, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein“, sagte Liam und Mr Faraday staunte, woher sein Sohn solche Worte kannte und sie zudem richtig einzusetzen verstand.

„Du bist viel zu clever für dein Alter. Auf einer gewöhnlichen Schule würdest du nur verkümmern wie eine Pflanze, die man nicht gießt.“

„Willst du mich deshalb nicht auf diese Schule schicken, die Mama für mich herausgesucht hat?“ Liam hatte sich vor ein paar Wochen selbst ein Bild von dieser Schule machen dürfen, als es dort einen Tag der offenen Tür gegeben hatte und sein erster Eindruck war niederschmetternd gewesen. Vor allem störte er sich daran, dass er dort eine Schuluniform tragen müsste, und was sein Vater von der Uniformierung von Kindern hielt, lag ihm noch deutlich in den Ohren.

„Du würdest dort keinen einzigen Tag überleben“, erwiderte Mr Faraday. „Für Leute wie uns ist das ein Spießrutenlauf, sobald wir uns zu erkennen geben.“

Für Leute wie uns! Ja, diese Worte hatte Liam in letzter Zeit häufig zu hören bekommen, und er wusste genau, was sie bedeuteten. Für Leute wie uns wurde immer dann verwendet, wenn ihn seine Eltern auf die Unterschiede aufmerksam machten, die sie von gewöhnlichen Menschen unterschieden.

Jetzt ging es aber nicht nur Liam so, dass sich seine Familie von den Familien anderer Kinder unterschieden, schließlich war England ein Einwanderungsland, wo die kulturelle Diversität überall zu sehen und zu spüren war. Selbst hier auf der kleinen und beschaulichen Isle of Wight gab es für einen Siebenjährigen immer wieder Neues zu entdecken, wann immer sie nach Newport oder Cowes fuhren. Und auch direkt vor Ort begegneten sie immer wieder Leuten, die anders waren als sie, auch wenn Blackwater eine überschaubare Welt für ein Kind war, das noch nie in London gewesen war, geschweige denn einen Fuß von dieser Insel gesetzt hatte, obwohl das Festland an der Küste nur ein Steinwurf entfernt war.

So konnte Liam beispielsweise von Ryde aus die Großstadt Portsmouths sehen, und von Cowes aus konnten sie mit der Fähre übersetzen nach Southhampton, was eine große Metropole war, nur mit dem Unterschied, dass diese Städte für Liam eine ganz andere Welt waren als die, die ihm vertraut war. Liam war ein waschechtes Inselkind, dass sich hier mehr als wohl fühlte, und selbst zahlreiche ältere Leute, die hier geboren wurden und aufgewachsen waren, hatten nie einen Fuß von der Insel gesetzt, obwohl die Verlockungen groß waren, mal auf Entdeckungstour zu gehen oder die Queen in ihrem Buckingham Palace zu besuchen.

Doch Liam vermisste nichts. Jedenfalls war er in einem Alter, wo die Ansprüche noch nicht allzu groß waren, die Welt auf eigene Faust zu erkunden. Er hatte noch nicht einmal alle Orte auf dieser wunderschönen Insel kennengelernt, die er stolz seine Heimat nannte.

„Wie soll es dann erst werden, wenn es dich in die große weite Welt ziehen wird“, sinnierte Mr Faraday und beendete den Brief an den Schulleiter Lewis Cartwright mit den allerbesten Grüßen aus dem Mutterland. Auch Liam, der sich auf den Schoß seines Vaters setzte und den Brief in Augenschein nahm, der über sein weiteres Schicksal so nachhaltig entscheiden sollte, setzte seine Unterschrift unter die Zeilen, die sein Vater stellvertretend für ihn verfasst hatte, und die so verheißungsvoll klangen, dass er den Brief am liebsten sofort zur Post bringen wollte.

„Das können wir morgen erledigen, wenn wir unsere Einkäufe in der Stadt machen“, schlug Mr Faraday vor, der den Brief noch mit Wachs versiegelte und seinen Siegelring in das noch heiße Wachs drückte. „Auf dem Markt am Saint Thomas Square können wir dann wieder frische Zimtschnecken kaufen, die du so gerne magst, und auf dem Postamt lassen wir dann den Brief wiegen, so dass wir ihn auch ausreichend frankieren, schließlich wollen wir nicht, dass er unterwegs verloren geht.“

„Das klingt großartig, Papa“, jubelte Liam und rannte in sein Zimmer. Mr Faraday legte den Brief neben das Tintenfass, dass sie ihn morgen nicht übersehen würden. Dann ging er hinunter in die Küche, um Milch zu erwärmen, während Liam irgendeine schwere Kiste in seinem Zimmer hin und her schob, was bis nach unten zu hören war. Liam bewohnte das Dachgeschoss des Hauses und freute sich schon darauf, dass sie zum Monatsende in ein deutlich größeres Haus ziehen wollten. Schließlich würden sich schon bald zu viert sein und hin und wieder beherbergten sie auch Gäste in ihrem Haus, so dass es an der Zeit war, sich zu vergrößern. Mr Faraday hatte lange nach einem geeigneten Haus gesucht, da sie eigentlich in Blackwater bleiben wollten.

Das imposante Anwesen nur wenige hundert Meter von ihnen entfernt hatten sie allerdings nicht bekommen, da es ihnen ein anderer Käufer vor der Nase weggeschnappt hatte.

Letztendlich hatte sich Mr Faraday für ein Anwesen entschieden, dass zwar für ihre Bedürfnisse etwas zu groß war, schließlich bot das Farmhaus fünf Schlafzimmer, doch das Anwesen sollte auch gewerblich genutzt werden. Außerdem konnte es Mr Faraday kaum erwarten, sich wieder ein eigenes Atelier einzurichten, wofür es in ihrem derzeitigen Haus einfach keinen Platz gab.

Mr Faraday vermutete, dass Liam drauf und dran war, seine Sachen in die Kisten zu packen, die er ihm vor ein paar Tagen bereitgestellt hatte. Er fand es schade, dass sich das Prinzip der Zaubertruhen, in denen man seinen gesamten magischen Krimskrams archivieren konnte, um es einfacher von A nach B zu transportieren, in Großbritannien nie etabliert hatte. Dabei hatte es vor ein paar Jahren noch Anstrengungen gegeben, auch die magischen Familien hierzulande an das System anzuschließen, was vieles erleichtert hätte. So hätten sie beispielsweise den Brief an den Schulleiter Lewis Cartwright auch schon heute Morgen auf den Weg schicken können, und es hätte nicht einmal eine Minute gedauert, bis er auf dessen Schreibtisch gelegen hätte.

Zwar hatten sie auch hier in England magische Zaubertruhen, die jedoch nicht mit dem riesigen unterirdischen Archiv der Lagermeister verbunden waren, so dass sie recht schwer und sperrig waren, wenn man sie an einen anderen Ort bringen wollte.

Das bekam auch Mr Faraday zu hören, als er das Tablett mit den Tassen, dem Kakaopulver und der Kanne warmer Milch nach oben in Liams Zimmer brachte. „Down under wäre das nicht solch eine Schufterei mit unserem Umzug“, schnaufte Liam, der aus der Puste gekommen war, als er die vielen Bücher verstaut hatte und was Mr Faraday als einen Wink mit dem Zauberstab verstand, dass es Liam durchaus gefallen könnte, in Meridia als Schüler aufgenommen zu werden.

„Wir müssen uns wohl mit der althergebrachten Weise begnügen, dass wir ein Umzugsunternehmen damit beauftragen müssen, schließlich können wir Mama nicht zumuten, mit anzupacken“, sagte Mr Faraday und stellte das Tablett auf den Beistellschrank neben Liams Bett, das einzige Möbelstück, wo überhaupt noch Platz war, denn schon seit vielen Tagen sortierte Liam seine Sachen aus.

Es war auch an der Zeit, sich von einigen liebgewonnenen Dingen aus Kindheitstagen zu trennen oder sie zumindest auf den Speicher zu bringen oder in den Keller einzulagern, was in diesem Haus nicht einmal möglich war. Hier hatten sie nur einen geräumigen Schuppen, der früher mal eine Garage gewesen war, bis sie so vollgestopft mit Gerümpel und Plunder gewesen war, dass sie ihr Auto vor dem Haus parken mussten.

Liam griff nach seiner Tasse und bereitete sich einen Kakao zu. Dabei folgte er stets demselben Ritual: zuerst gab er den Kakao in die Tasse, dann goss er die Milch darüber und rührte mit dem Löffel gegen den Uhrzeigersinn, was eine Besonderheit von ihm war, glaubte er doch, down under würden das alle so tun. Dann klopfte er den Löffel zweimal am Tassenrand ab, bevor er ihn ablegte und anschließend beiseitelegte.

Immer wieder aufs Neue zeigte sich Mr Faraday fasziniert von diesem Ritual und mit welcher Hingabe und Beharrlichkeit Liam sie vollzog, was letztendlich dafür sorgte, das Ruhe einkehrte, und Liam einen ersten vorsichtigen Schluck nahm, als auch Marvin seine Tasse befüllt hatte und dem Junior einen Keks anbot, die Mary selbst gebacken hatte, um ein neues Rezept auszuprobieren, wurde es andächtig still. Solche kleinen Pausen gönnten sie sich oft, in denen sie ihre Seele baumeln ließen und einfach nur die Ruhe genossen, die für Blackwater so typisch war.

Hier sagten sich noch Hase und Fuchs gute Nacht, und mit dem Sonnenuntergang tauchten die Häuser in eine Dunkelheit, die für die ländlichen Regionen auf dieser Insel so typisch waren, da es weder Straßenlaternen noch Straßenlärm gab – was Segen und Fluch zugleich war. Denn wer nach Sonnenuntergang noch auf den Straßen Blackwaters unterwegs war, die ohnehin recht schmal waren und im Grunde einspurigen Landstraßen glichen, obwohl sie von beiden Seiten befahren werden durften, tappte hier nicht selten in absoluter Dunkelheit und konnte schon mal eine Ausfahrt verpassen oder an dem Haus der Faradays vorbeirauschen.

Ihr Haus war kein alleinstehendes Haus, sondern ein Reihenhaus, das zwar nicht, wie in den englischen Großstädten, wie an einer Perlenkette aneinandergereiht war, wo sich ein Haus dem anderen glich, dass man schon mal an der falschen Tür stand. Auch das war mit ein Grund dafür gewesen, warum sich Mr Faraday für das alleinstehende Haus entschieden hatte, denn seine Nachbarn konnte man sich nicht aussuchen, und wenn man der magischen Gemeinschaft angehörte, konnte das viele unliebsame Fragen aufwerfen, weil der Engländer an sich ein sehr neugieriger Zeitgenosse ist, der seine Nase auch schon mal in Angelegenheiten steckt, die ihm nichts angehen.

All das sollte in einer Woche der Vergangenheit angehören: keine lästigen Nachbarn mehr, die sich hinter ihren Rücken das Maul über sie zerrissen, wann immer sie ihre sonderbaren Jahreskreisfeste feierten. Mr Faraday wollte auch nicht länger die Feste und Rituale inmitten der Pampa abhalten, wo kein Haus in der Nähe war, weil das Herbstwetter die kleine Insel längst im Griff hatte, und viel zu oft wurden sie dann vom stürmischen Wetter überrascht und mussten ihre Rituale in freier Natur abbrechen, was natürlich die gesamte aufgebaute Atmosphäre und Energie zerstörte.

In Zukunft sollten sie die Alternative haben, ins Haus zurückzukehren, denn auf der Isle of Wight war es nicht selten, dass es tagelang regnete, als hätten sich die Wolken gerade diesen Ort ausgesucht, ihre schwere Last loszuwerden, bevor sie weiterzogen. Zwar waren sie sehr naturverbunden und liebten es, mit der Natur eins zu werden, ja, mit ihr zu verschmelzen, doch auch für einen hartgesottenen Regenwettererprobten Engländer waren die Wetterkapriolen eine große Herausforderung.

Auch heute prasselte der Regen aufs Dach hinab, was in Liams Zimmer deutlich zu hören war, da er direkt unter dem Dach schlief. Doch es war ein angenehmes Geräusch, dem Liam gerne lauschte, wenn er in seinem Bett lag und sich vorstellte, wie es werden sollte, der große Bruder für das Baby zu werden, für das sie sich noch nicht auf einen Namen geeinigt hatten. Liam hatte sich lange ein Geschwisterchen gewünscht und war positiv überrascht gewesen, als sie ihm vor ein paar Wochen mitteilten, dass es ein Brüderchen werden sollte – ganz so, wie er es sich gewünscht hatte.

„Ist das nicht komisch“, begann Liam zu sagen, nachdem er alle Viere von sich gestreckt hatte und quer auf dem Bett lag, „dass ich mich schon länger mit diesem Baby verbunden fühle, fast so …“

Mr Faraday fiel ihm ins Wort: „Ich weiß genau, was du sagen willst. Diese Verbindung zu spüren, ist es, was eine Familie ausmacht.“ Und Mr Faraday streichelte seinem Sohn übers Gesicht und wischte ihm eine Strähne seines unbändigen Haares aus dem Gesicht. Er wusste, auf was sein Sohn hinauswollte. Liam hatte auch schon vor der Schwangerschaft eine Verbindung zu einem Jungen gespürt, die sie sich nicht erklären konnten. Er war diesem Jungen sogar in seinen Träumen begegnet und war wochenlang der Überzeugung gewesen, kein Einzelkind zu sein. Doch eine plausible Erklärung dafür hatte sich bislang nicht finden lassen. Mary und Marvin gingen davon aus, dass sich Liam so sehr nach einem Geschwisterchen sehnte, das diese Vorstellung in seinen Träumen real wurde.

„Nicht mehr lange und ich werde ein Brüderchen haben“, sagte Liam und schenkte seinem Vater ein Lächeln, so wie er es immer tat, wenn er mit sich und seiner Welt im Reinen war.

„Ein schöneres Geschenk hätten wir dir kaum machen können“, erwiderte Mr Faraday, der damit auf Weihnachten anspielte, auch wenn dieses Fest bei ihnen einen ganz anderen Stellenwert hatte.

„Ja, was gibt es Schöneres“, flüsterte Liam und schloss die Augen. Am liebsten würde er auch jetzt wieder von seinem Brüderchen träumen, doch dieser hatte sich in den letzten Tagen rar gemacht.

Liam driftete allmählich in den Schlaf hinüber, so dass Mr Faraday die Tassen einsammelte, so wie das Geschirr, das sich hier oben über die letzten Tage und Wochen angesammelt hatte.

Mit voll beladenem Tablett ging er nach unten, um das Geschirr abzuwaschen. Ein Blick auf die Küchenuhr verriet, dass seine Frau spät dran war. So machte er sich daran, das Abendessen vorzubereiten. Sicher würde sich Mary freuen, mal einen gedeckten Tisch vorzufinden, wenn sie nach Hause kam. Sie hatten noch ein paar Reste im Tiefkühler, die er nur aufzuwärmen brauchte und die von den Feierlichkeiten zur Herbsttagundnachtgleiche vor zwei Wochen übriggeblieben waren, weil viel weniger Gäste gekommen waren als eingeladen waren.

Dabei war es ein großer Tag für die kleine Familie gewesen, an dem sie ihren Angehörigen und Freunden das Geschlecht ihres Kindes preisgegeben hatten. Derlei Partys erfreuten sich schon seit längerer Zeit großer Beliebtheit, und das nicht nur in Großbritannien, wo die Eltern es spannend machten, ob es ein Junge oder ein Mädchen werden sollte. Auch wenn der 21. September eigentlich anders in dieser Familie gefeiert wurde, so war es aber die beste Gelegenheit, mal alle an einen Tisch zu bekommen. In der Vergangenheit war das immer mit sehr viel Organisationstalent verbunden, alle unter einen Hut zu bekommen, denn viele Familienangehörige lebten auf dem Festland und nicht mehr auf der Isle of Wight.

So mussten erst Übernachtungsmöglichkeiten für die Gäste gefunden werden, da sie selbst nur über ein einziges Gästezimmer verfügten. Doch auch all das sollte sich ändern, wenn sie erst einmal den Umzug hinter sich gebracht hatten, der noch vor Samhain, also vor Halloween, realisiert werden sollte, auch wenn das Umzugsunternehmen ihnen den Termin schon einmal kurzfristig abgesagt hatte.

Aber mit der Zuverlässigkeit von Handwerkern oder Möbelpackern war das so eine Sache auf dieser Insel, wo im Grunde jeder jeden kannte oder über drei Ecken miteinander verwandt waren. Mr Faraday war selbst auf dieser Insel geboren, auch wenn er für das Studium die Insel einst verlassen hatte, um Journalismus zu studieren. Seine Frau Mary hingegen kam aus dem hohen Norden Englands und galt daher als eine Zugezogene, die sich anfangs schwer damit getan hatte, sich mit den Eigenheiten und Gepflogenheiten der Inselbewohner anzufreunden, wo es der Engländer an sich es seinem Gegenüber nicht leicht macht, freundschaftliche Banden zu knüpfen.

Es hatte eine ganze Weile gebraucht, bis sie von Marvins Familie und dessen Freundeskreis akzeptiert worden war. Leichter war es da in ihrem Hexenzirkel, wo es keine Rolle spielte, wer man war oder woher man kam. Und dass es Personen gab, die es Mary nicht gönnten, dass sie einen der begehrtesten Junggesellen für sich geangelt hatte, war nie laut ausgesprochen worden, auch wenn es zaghafte Gerüchte diesbezüglich gab. Aber wer auf solch einer kleinen Insel lebte, durfte nichts auf das Getuschel und Geschwätz der Leute geben.

Das war ein typisch englisches Phänomen, dem sich keiner entziehen konnte, wenn man nicht gerade vorhatte, als Einsiedler seine Zelte aufzuschlagen. Und dafür waren die Faradays, die irische Wurzeln hatten, ohnehin viel zu gesellig, als dass sie sich von einer brodelnden Gerüchteküche unterkriegen ließen. Waschweiber und deren Geschwätz gab es schließlich überall, wie Mary in diesem Augenblick mal wieder feststellen musste, als sie mit dem Frauenarzt sprach.

„Jetzt hatte ich bereits einen plötzlichen Kindstod, eine Totgeburt … und mache mir daher Sorgen, ob sich dies wiederholen könnte“, sagte Mrs Faraday, die nicht mit jedem x-beliebigen Arzt darüber sprach, was sich vor rund sieben Jahren im Saint Mary‹s Hospital zugetragen hatte. Doch zu Dr. Baker hatte sie größtes Vertrauen, weil er auch in anderer Hinsicht sehr verschwiegen war.

Beide kannten sich schon seit vielen Jahren und gingen daher sehr vertraut miteinander um, was vor allem der Hebamme auffiel, die dazu gerufen wurde, um die anstehende Hausgeburt zu besprechen.

„Mach dir keine Sorgen deswegen“, sagte Dr. Baker und streichelte ihr die Hand, während die Hebamme die Ultraschallbilder in Augenschein nahm, die keine Auffälligkeiten aufzeigten. „Dieser kleine Racker in deinem Leib entwickelt sich prächtig und nichts spricht dagegen, dass du ihn zu Hause zur Welt bringen kannst.“

„Dieser Meinung schließe ich mich an“, sagte die Hebamme, die sich ein paar Notizen machte und bei der es im Kopf klingelte, als sie sich die Eckdaten der Frau notierte, die ausdrücklich nach ihr verlangt hatte. Allerdings hieß Mrs Faraday damals noch anders, weil sie Mr Faraday erst nach der Geburt ihres Sohnes geheiratet hatte. Doch wie passte all das zusammen?

Hatte sie nicht gerade eine Fehlgeburt erwähnt, als die Hebamme zur Tür hereingekommen war? Vielleicht hatte sie das auch nur falsch verstanden und außerdem wäre es pietätlos, in diesem Fall die Finger in die Wunde zu legen.

„Wenn alles auch weiterhin so gut verläuft wie bis jetzt, wirst du zur Wintersonnenwende diesen Jungen in deine Arme schließen können“, sagte Dr. Baker und trug der Hebamme auf, als Geburtstermin den 21. Dezember in die Unterlagen und dem Mutterschaftstagebuch einzutragen.

„Meinerseits geht das in Ordnung, solange wir nicht an Heiligabend entbinden werden“, sagte die Hebamme und wunderte sich, dass Dr. Baker hier von der Wintersonnenwende sprach und nicht von Weihnachten. „Das wäre großartig“, erwiderte Mrs Faraday, die sich hinter einem Paravent wieder anzog und so nicht mitbekam, dass sich die Hebamme auch ein paar Notizen auf einem Zettel machte, den sie sich in ihren Kittel steckte.

„Wir sehen uns ohnehin noch, sobald ihr umgezogen seid“, sagte Dr. Baker und stand schon in der Tür, um zum nächsten Termin zu eilen, als Mrs Faraday hinter dem Paravent hervorkam und sagte:

„Ich danke dir jedenfalls sehr für deine Hilfe und freue mich schon darauf, wenn du die Patenschaft des Kindes übernimmst. Vielleicht hast du noch eine Idee für einen Namen, denn diesbezüglich haben wir uns noch nicht festgelegt.“

„Ich werde mir darüber Gedanken machen“, erwiderte Dr. Baker und tippte erneut auf seine Armbanduhr, einer Tissot mit orangefarbenem Band, womit er signalisierte, dass er unter Zeitdruck stand.

„Bestelle auch deinem Mann beste Grüße von mir und gebe Liam einen Kuss von mir.“ Dr. Baker verließ das Behandlungszimmer und überließ es der Hebamme, den nächsten Termin mit Mrs Faraday zu vereinbaren.

„Wollen wir den nächsten Termin auf den 20. Oktober legen, sagen wir um 16 Uhr?“, schlug die Hebamme vor und wartete auf Mrs Faradays Einverständnis, die einen Blick auf ihre Termine warf, die sie recht altmodisch nach wie vor in einen kleinen Kalender schrieb, statt sie in das Handy einzugeben.

„Ja, das wäre mir recht“, sagte Mrs Faraday und klappte ihren Kalender zu. „Bis dahin sollten wir im neuen Haus wohnen. Haben Sie schon unsere neue Anschrift?“

„Okay, ich werde Ihnen den Termin notieren“, sagte die Hebamme und holte den Zettel wieder hervor, den sie zuvor in ihren Kittel gesteckt hatte. Als sie den zusammengefalteten Zettel an Mrs Faraday übergab, in der Hoffnung, sie würde ihn erst zu Hause lesen, schob sie hinterher: „Bitte seien Sie so nett und schreiben mir Ihre neue Adresse auf.“ Die Hebamme schob Mrs Faraday Kuli und Zettel zu, so dass sie die Anschrift darauf notieren konnte.

Mrs Faraday überlegte kurz, wie ihr neues Anwesen hieß und schrieb die genaue Adresse auf den Zettel. In England war es keineswegs ungewöhnlich, dass ein Haus keine Hausnummer hatte, sondern einen Namen trug. Selbst ihr Haus in Blackwater trug einen Namen, was das jeweilige Zuhause viel persönlicher machte, da es zumeist mit einer Geschichte verbunden war.

Die Hebamme griff nach dem Zettel und verabschiedete sich von der Frau, mit der sie offenbar noch eine Rechnung offen hatte. Doch darüber verlor sie kein Sterbenswörtchen. Schließlich wollte sie ihre Anstellung in der Privatpraxis nicht aufs Spiel setzen, zumal Mrs Faraday und Dr. Baker sich auch privat sehr gut zu kennen schienen.

Um keinen Preis der Welt wollte sie zurück ins Kreiskrankenhaus, wo ihre Tätigkeit wie am Fließband vollzogen wurde mit all den Fehlern, die ihr dabei unterlaufen konnten.

Mrs Faraday war guter Dinge, als sie sich ihrem Auto auf dem Parkplatz näherte, auch wenn sie bereits spät dran war und jetzt sicher in den Feierabendverkehr käme, den sie auf den Tod nicht ausstehen konnte, da insbesondere auf der Isle of Wight die männlichen Autofahrer glaubten, die Regeln nach ihrem Gusto auslegen zu können. Doch es half nichts. Da musste sie jetzt durch. Allerdings wollte sie nicht wie üblich über die Umgehungsstraße fahren, die sie über Carisbrooke nach Blackwater brachte, was eindeutig die angenehmere Strecke wäre. Da sie noch tanken musste, wollte sie über die gehasste Hauptstraße fahren, um bei ASDA den Tank zu füllen und noch eine Kleinigkeit für Liam zu kaufen, den sie heute doch arg vernachlässigt hatte.

Eigentlich hatte Liam sie begleiten wollen, doch bei den Terminen beim Frauenarzt zog sie es vor, ihn in der Obhut ihres Mannes zu lassen. Mrs Faraday reihte sich in den Verkehr ein.

An einer Ampel griff sie nach dem Handy, um ihren Mann anzurufen, doch nur der Anrufbeantworter sprang an, so dass sie ihm eine Nachricht hinterließ: „Schatz, ich werde in knapp zehn Minuten zu Hause sein. Stell schon mal das Essen auf, ich habe einen Bärenhunger und der Kleine sicher auch.“ Mrs Faraday rieb sich über den Bauch, weil sich das Ungeborene durch einen heftigen Tritt bemerkbar machte. Sie kramte nach dem Zettel mit dem Termin in ihrer Jackentasche und entdeckte, dass weitere Zeilen darauf standen, die sie schockierten. Da ein Auto hinter ihr hupte, weil die Ampel inzwischen auf Grün gesprungen war, beendete sie das Telefonat und warf das Handy sowie den Zettel auf den Beifahrersitz, nichts ahnend, dass es das letzte Mal gewesen war, dass sie ihrem Mann eine Nachricht hinterließ.

Mr Faraday kam gerade ins Haus zurück, da er die Mülltonne für die morgige Abholung an den Straßenrand gestellt hatte. Als er sich die Schuhe auszog und sie neben die Tür ins Schuhregal stellte, bemerkte er nicht einmal, dass die rote Lampe des Anrufbeantworters blinkte. Er schlüpfte in seine Pantoffeln und ging in die Küche, um sich dort die Hände zu waschen. Erst dann zog er sich die Kochschürze über und begann das Essen vorzubereiten.

Liam ließ er schlafen, der ihm für gewöhnlich gerne dabei half, den Tisch einzudecken. Unter der Woche aßen sie am kleinen Tisch in der Küche, der hervorragend gut geeignet war für sie drei. Nur an den Wochenenden oder zu bestimmten Anlässen und Feierlichkeiten, von denen es in ihrem Haus zahlreiche gab, deckten sie den großen Esstisch im Wohnzimmer ein, an dem gut und gerne bis zu acht Personen Platz fanden. Zwar hatte das Wohnzimmer nicht viel Platz, um große Feste auszurichten, aber das hatte sie noch nie davon abgehalten, diesen Raum dennoch mit einem guten Dutzend Gäste zu füllen, was beinahe alle sechs Wochen der Fall war.

Mr Faraday konnte es daher kaum erwarten, in das bedeutend größere Farmhaus umzuziehen, wo es dann ein separates Esszimmer gebe, wo sie dann Platz für bis zu sechszehn Personen an einer großen Tafel hätten, die er eigens für das neue Haus bei einem Schreiner in Auftrag gegeben hatte.

Aber auch aus anderer Sicht sollte der Umzug zahlreiche Veränderungen mit sich bringen. Mehr Platz. Mehr Möglichkeiten. Mehr Freiraum zur persönlichen Entfaltung, und der war auch dringend nötig, da Mr Faraday ab dem 31. Oktober für ein Jahr und einen Tag die Leitung ihres Hexenzirkels übernehmen sollte. Darauf hatte er hingearbeitet und wollte die anderen nicht enttäuschen, zumal ihre magische Gemeinschaft immer mehr an Zuspruch gewann. Das sollte sich früher oder später auch finanziell auszahlen, da er mit Auftragsarbeiten als Maler auf weitere Einkünfte hoffte.

Dabei hatte er sich in den letzten Jahren auf ein Sujet spezialisiert, das nur die wenigsten Maler beherrschten, denn seine Werke sahen aus wie Fotografien. Auch von Liam und seiner Frau hatte er ein Bild in Arbeit, dass er bis zur Geburt ihres zweiten Sohnes fertiggestellt haben wollte. Dieses Bild sollte sie in Eintracht zeigen und einen ganz besonderen Platz im neuen Haus einnehmen.

So in Gedanken versunken, merkte Mr Faraday gar nicht, wie die Zeit verging, und erst ein lautes Poltern ließ ihn aufschrecken. Liam rannte offenbar die Treppe hinunter, obwohl es Mr Faraday nicht mochte, wenn er dabei so viel Lärm machte. Der Junge kam in die Küche geschossen und umklammerte seinen Vater, der gar nicht wusste, wie ihm geschah. Liam presste seinen Kopf gegen den Bauch des Vaters und begann jämmerlich zu weinen.

„Aber was ist denn los“, wollte Mr Faraday wissen und vermutete, dass seinem Sohn vielleicht etwas zu Bruch gegangen war, an dem er ganz besonders hing. Er streichelte ihm durchs Haar, um ihn zu beruhigen.

Liam löste die Umklammerung und blickte seinem Vater mit rot unterlaufenen Augen an.

„Mal wieder schlecht geträumt?“, rätselte Mr Faraday und reichte dem Jungen ein Küchenkrepp, um sich die Nase zu putzen.

Liam schnaubte sich die Nase und setzte sich an den Tisch.

Ihm war anzusehen, dass er aus keinem gewöhnlichen Traum erwacht war. Liam hatte schon vor einiger Zeit damit begonnen, seine Träume aufzuschreiben, weil er hinter das Rätsel kommen wollte, was ihm die Träume mitzuteilen versuchten. In aller Regel verloren sich solche Träume aber wieder, wenn man älter wurde, so dass Mr Faraday guter Hoffnung war, sein Sohn müsste nicht mehr allzu lang unter ihnen leiden.

„Willst du mir von deinem Traum erzählen“, sagte Mr Faraday und kniete sich vor den Jungen, um ihn in die verweinten Augen zu sehen.

Liam hob die Schultern an, was seine gewöhnliche Reaktion auf diese Frage war, da es auch diese unaussprechlichen Träume gab, die er besser für sich behielt.

„Naja, das läuft uns ja nicht weg“, sagte Mr Faraday und wollte schon wieder aufstehen, als Liam sein T-Shirt nach oben zog, um seinem Vater eine Verletzung zu zeigen, die er sich nur im Traum zugezogen haben konnte. Es war ein riesiges Hämatom, das sich über Liams gesamte Bauchdecke zog, als hätte ihn jemand mit einem Fuß in den Bauch getreten.

„War das dieser Cameron?“, war Mr Faradays erste Vermutung.

Cameron war ein Junge aus der Nachbarschaft, der schon wegen anderer Dinge aufgefallen war. Dabei war Cameron nicht viel älter als Liam. Oft schon waren die beiden um die Häuser gezogen und hatten einen Blödsinn nach dem anderen angestellt. Es hatte aber auch Tage gegeben, an denen Liam mit einer blutenden Nase oder einer Schürfwunde nach Hause gekommen war, doch noch nie hatte Liam auch nur ein Wort darüber verloren, dass es Cameron sein könnte, der ihm diese Verletzungen zufügte.

„Ich war heute gar nicht mit ihm unterwegs“, erwiderte Liam kleinlaut und wollte anfangs nicht mit der Sprache raus, was vorgefallen war, doch dann stammelte er etwas von einem lauten Knall und dass er diesen Schmerz im Unterleib verspürte, kurz bevor er aus dem Traum erwachte.

Für einen Siebenjährigen konnte das schon beängstigend sein, nicht zu wissen, woher man sich eine Verletzung zugezogen hatte, die bei den Eltern so viele unbequeme Fragen aufwarfen, und auch Mr Faraday würde in dieser Sache nicht lockerlassen, keine Frage, da es auch für ihn beängstigend war, seinen Sohn so leiden zu sehen. Anfangs hatte Mr Faraday diesen Cameron noch für einen imaginären Freund gehalten, den sich Liam nur ausgedacht hatte, um Erklärungen parat zu haben, warum es immer mal wieder zu unerklärlichen Verletzungen kam.

Doch vor einem Monat, als Mr Faraday die Eltern dieses Rabauken zur Rede stellen wollte, hatte er Cameron kennengelernt und auf ihn erweckte er nicht den Eindruck, als dass er auch nur einer Fliege etwas zuleide tun konnte. Cameron war ein sehr schüchterner Junge, dem er zwar vieles zutraute, aber keine Gewaltexzesse, deren Opfer sein Sohn wäre.

„Tut es noch weh“, sagte Mr Faraday und legte seine Hand sanft auf die Bauchdecke seines Sohnes. Schlagartig zog er die Hand jedoch zurück, als er so etwas wie einen Tritt spürte. Fast fühlte es sich so an, als hätte ein ungeborenes Kind in Liams Bauch gegen seine Hand getreten, was natürlich absoluter Unsinn war. Mr Faraday hielt es für bloße Einbildung, doch war es das oder war da wesentlich mehr dran?

Um seinen Sohn nicht weiter zu verängstigen, sagte er ihm nichts von dem Tritt, den er so deutlich gespürt hatte, als hätte er die Hand auf den Bauch seiner schwangeren Frau gelegt und das ungeborene Kind darin gespürt. Da aber mit dem Tritt auch ein Pochen an der Tür einherging, nahm Mr Faraday dies zum Anlass, seinen Sohn aufzufordern, an die Tür zu gehen und seiner Mutter mit den Einkäufen zu helfen, sie ins Haus zu bringen. Denn so hatte Mrs Faraday in der Vergangenheit auf sich aufmerksam gemacht, wenn ihr einer der Männer im Haus zur Hand gehen sollte.

Doch wäre Mr Faraday mal lieber selbst zur Tür gegangen, denn die beiden dunklen Gestalten vor der Tür jagten dem Jungen einen großen Schrecken ein. Liam brachte nur mit krächzender Stimme die Worte hervor: „Papa, ich glaube, die wollen zu dir.“

Mr Faraday trat an die Tür, um die Leute in Augenschein zu nehmen, die zu so später Stunde noch unterwegs waren. Staubsaugervertreter oder Handelsvertreter konnten es aber nicht sein, auch wenn sie durch ihre Kleidung den Anschein erweckten, als wollten sie Mr Faraday irgendetwas verkaufen. Zeugen Jehovas oder Missionare der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage konnten es auch nicht sein, da ihr Haus sicher auf einer schwarzen Liste stand von Menschen, bei denen man sich die Zähne ausbiss, wenn man mit ihnen über die Heilige Schrift oder gar die frohe Botschaft sprechen wollte.

Und eine frohe Botschaft hatten diese beiden dunkel gekleideten Herren sicher nicht im Gepäck, die Mr Faraday eine Visitenkarte in die Hand drückten und ihn aufforderten, er möge den Jungen doch bitte auf sein Zimmer schicken, da es der Junge nicht mitbekommen sollte, um was es ging.

„Du hast die Gentlemen gehört, Liam“, sagte Mr Faraday, dem ganz flau in der Magengrube wurde, als er den Anlass des Besuchs begriff und selbst nicht wollte, dass sein Sohn dieses Gespräch mithörte. „Bitte warte in deinem Zimmer, bis ich dich rufe.“

Liam warf seinem Vater einen fragenden Blick zu, erkannte aber schnell, dass seinem Vater die Tränen in den Augen standen. Er lief die Treppe hinauf und tat so, als müsste er dringend aufs Klo.

Mr Faraday ließ die beiden Männer ins Haus eintreten und geleitete sie direkt ins Wohnzimmer, ganz gegen seine Gewohnheit in diesem Haus schloss er die Tür des Wohnzimmers, bevor er sich mit den Männern an den Tisch setzte. In diesem Moment hockte sich Liam auf die obere Stufe der Treppe, um etwas mitzuhören, was gewiss nicht für seine Ohren bestimmt war.

„Was kann ich für Sie tun, meine Herren“, begann Mr Faraday das Gespräch mit den beiden Polizisten, die in ziviler Kleidung gekommen waren, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen. „Haben sich mal wieder die Nachbarn beschwert, dass wir zu laut waren oder weil sie es nicht lassen können, einen Blick über unseren Gartenzaun zu werfen.“ Mr Faraday wünschte sich in diesem Augenblick nichts mehr, als dass es so war, denn schon oft hatten sich ihre Nachbarn darüber brüskiert, wenn sie die Faradays nackt in ihrem Garten sahen, vor allem wenn auch Liam dabei nackt war.

Dabei waren sie nie müde geworden, den Nachbarn zu erklären, dass Nacktheit und die damit verbundene Naturverbundenheit Teil ihrer heidnischen Spiritualität war, und dass es daran nichts gab, was bedenklich wäre.

Doch die beiden Polizisten machten sehr schnell klar, dass es heute nicht darum ging, dass es auch vor einer Woche wieder Meldungen gegeben hatte, die Nachbarn würden nackt in ihrem Garten herumtanzen und den Mond anheulen.

„Sie müssen jetzt stark sein, Mr Faraday“, sagte Inspektor Nathan Fridges. Und wenn ein Polizist seinen Satz mit diesen Worten begann, gab es eigentlich nur eine Nachricht, die überbracht werden musste.

Mr Faraday fuhr es eiskalt den Rücken runter und er hoffte immer noch, dass es nur um einen Nachbarschaftsstreit ging, der jetzt schon so lange andauerte, dass er gar nicht mehr wusste, was damals der Stein des Anstoßes gewesen war.

Dem folgten jedoch die Worte aus dem Mund des jüngeren Kollegen, die kein Familienvater hören wollte, geschweige denn wahrhaben wollte.

„Ihre Frau hatte einen Unfall. Sie ist leider noch auf dem Weg ins Krankenhaus an ihren inneren Verletzungen verstorben.“

Diese Worte mussten erst einmal sacken, bevor Mr Faraday darauf reagieren konnte. Seine Tränen konnte er nicht länger zurückhalten und weinte Rotz und Wasser.

Es dauerte eine ganze Weile, bevor er das Wort an die Polizisten richtete: „Ich verstehe allerdings nicht, warum sich die Mordkommission mit dem Unfall meiner Frau beschäftigt. Sagten Sie nicht, sie wäre bei einem Verkehrsunfall zu Tode gekommen.“

„Das stimmt, Mr Faraday“, sagte Inspektor Nathan Fridges, der erst kürzlich auf die Isle of Wight versetzt worden war, um den Kollegen vor Ort bei einem ganz besonders delikaten Fall unter die Arme zu greifen, war er doch spezialisiert auf Mordfälle, die zahlreiche Fragen aufwarfen, so wie auch dieser Fall.

„Aber es gibt Hinweise, denen wir nachgehen müssen, Mr Faraday, da der Verkehrsunfall von einer anderen Person verursacht wurde, die Fahrerflucht begangen hat. Daher möchten wir Sie bitten, uns auf dem Revier aufzusuchen, sobald Sie sich bereit dafür fühlen, uns ein paar Fragen zu beantworten.“

„Gewiss, das werde ich tun. Nur geben Sie mir bitte ein paar Tage Zeit, meine Gedanken zu sortieren“, sagte Mr Faraday, der am Boden zerstört war. Schließlich gab es nicht nur den Tod seiner Frau zu betrauern, sondern auch den Tod seines ungeborenen Kindes, was ein gewaltiger Schlag in die Fresse war, der sich nicht so einfach verdauen ließ. Wie sollte er diese Tragödie, diesen heftigen Schicksalsschlag, seinem Sohn beibringen, dass seine Mama nie wieder nach Hause käme, und dass das erwartete Brüderchen, auf das er sich so sehr gefreut hatte, nie das Licht der Welt erblicken würde?

Mr Faraday zerriss es das Herz, als Liam in der Tür stand und den Besuchern fragende Blicke zuwarf, die markdurchdringend waren. Auch dem Jungen standen die Tränen in den Augen, weil er das meiste, über was sich sein Vater und die beiden Polizisten unterhalten hatten, auf der Treppe mitbekommen hatte.

Das wiederum machte es Mr Faraday einfacher. Denn ihm wollten die schrecklichen Worte einfach nicht über die Lippen kommen, als sich die Polizisten von ihm verabschiedeten. Mr Faraday nahm seinen Sohn auf den Schoß und drückte ihn ganz fest an sich.

Am liebsten würde ihn nie wieder loslassen.

DER GROSSE TAG KANN KOMMEN. VIER JAHRE SPÄTER. HEUTE IST ES DER 21. MÄRZ 2017.

Mr Faraday hatte eine schrecklich lange Zeit gebraucht, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, doch er war es seinem Sohn schuldig, wieder nach vorne zu blicken und nicht länger zurück. Der Umzug vor vier Jahren hatte dabei sicher den größten Teil dazu beigetragen, Abstand zu gewinnen, dass seine Frau unter äußerst mysteriösen Umständen ums Leben gekommen war.

Allerdings war nie aufgeklärt worden, wer der Verursacher des Verkehrsunfalls gewesen war, denn das Auto des Fahrflüchtigen war wie vom Erdboden verschluckt. Daher wollte Mr Faraday auch nicht länger von einem Mord sprechen, da seine Seele auch zur Ruhe kommen musste. Und auch vor Liam, der heute seinen elften Geburtstag feierte, verlor er kein Wort darüber, dass sie diese beiden Menschen durch das Fehlverhalten eines anderen verloren hatten.

Die Ermittler hatten ihm zwar zugesagt, dass sie den Fall erst dann zu den Akten legen würden, wenn das Auto gefunden und der Unfall aufgeklärt wäre, doch nach vier unerträglich langen Jahren hatte Mr Faraday die Hoffnung aufgegeben, dass es jemals dazu käme. Er musste jetzt mehr denn je nach vorne blicken, schließlich sollte sein Sohn ab sofort auch in den magischen Künsten unterrichtet werden und noch lagen alle Hoffnungen darauf, dass Liam in Meridia zur Schule gehen konnte.

Liam vertraute darauf, dass sein Vater alles Erforderliche unternommen hatte, um ihn bei den magischen Schulen anzumelden, und noch hatte er einen Funken Hoffnung, dass es eine solche Schule auch in Großbritannien gab. Daher war er heute auch schon früh auf den Beinen und hatte sich vor die Haustür gehockt, um den Einwurf für die Post im Auge zu behalten, auch wenn er gelegentlich nach Eulen Ausschau hielt. Selbst sein Frühstück nahm er auf dem Teppich ein, der im Flur lag und ließ sich auch nicht davon abbringen, stattdessen in die Küche zu kommen, um seinem Vater Gesellschaft zu leisten.

So verstrichen die Stunden, in denen Liam beharrlich auf den Briefschlitz schaute, bis die Postbotin tatsächlich mit ihrem roten Auto vorfuhr und die üblichen Verdächtigen in den Schlitz warf: zahlreiche Werbeprospekte, Handzettel und Rechnungen.

Liam warf einen Blick auf den Stapel der Post, doch für ihn war mal wieder nichts dabei. Wie konnte das sein, wenn er doch zu seinem elften Geburtstag den wohl wichtigsten Brief in seinem Leben erhalten sollte? Jedenfalls wurde das in den Büchern behauptet, die Liam in den letzten Wochen verschlungen hatte.

Mr Faraday kam hinzu, um die Post in Augenschein zu nehmen. Er sah in das enttäuschte Gesicht seines Sohnes. Einen Wimpernschlag später, als Mr Faraday mit den Fingern schnippte, öffnete sich der Briefschlitz ein weiteres Mal und gleißendes Licht drang durch die kleine Öffnung und Liams Augen begannen zu strahlen, als er sah, wie ein weiterer Umschlag hineingeschoben wurde.

Das war ein brauner Umschlag, auf dem eine schöne Handschrift zu lesen war. Auf der Rückseite war der Umschlag mit Siegelwachs verschlossen. Liams Augen wurden immer größer, als er den Brief in die Hand nahm und den Empfänger las:

Mr Liam Faraday

Loft unter dem Dach

Brookfield

Blackwater

Isle of Wight

PO30 3BS

Vereinigtes Königreich

Planet ErdeUniversum, linke Seite

Doch diese Adresse war mit einem roten Stift durchgestrichen worden, weil sie gar nicht mehr in Blackwater wohnten. Neben der alten Anschrift hatte eine andere Person, vermutlich die Postbotin, seine aktuelle Anschrift angegeben, so dass der Brief überhaupt zugestellt werden konnte.

„Von wegen, dieses Zauberinternat existiert nicht“, sagte Liam empört, als er seinem Vater den Brief präsentierte und mächtig stolz auf sich war, dass er überhaupt berücksichtigt worden war. Wusste er doch, wie rar die Plätze in solch einem Internat waren und wie sehr sich jedes Kind auf der ganzen Welt wünschte, solch einen Brief zu erhalten.

Mr Faraday hielt es zuerst für einen schlechten Scherz, den sich wohl Cameron oder ein anderer Freund von Liam mit seinem Sohn erlaubt hatte, doch dann kam ihm in den Sinn, dass seine Frau mal darüber gesprochen hatte, Liam diesen Brief schicken zu wollen, um ihm damit letztendlich auf den Arm zu nehmen.

Tiefschwarzer britischer Humor eben!

Und Mr Faraday erkannte schnell, als Liam den Brief öffnete, dass es sich dabei um ein Merchandise-Artikel handelte, dem schon zahlreiche gutgläubige Kinder aufgesessen waren. Jetzt hatte Mr Faraday allerdings nicht vor, seinen Sohn ausgerechnet an seinem elften Geburtstag zu enttäuschen, und so ließ er sich auf das Spiel ein, sich von Liam nicht nur die persönliche Einladung des Schulleiters und die lange Liste der Dinge zeigen zu lassen, die sie in der Diagon Alley oder auch der Knockturn Alley einzukaufen hätten.

Wie sehr wünschte sich Mr Faraday in diesem Augenblick, er hätte damals den Brief an den Schulleiter Lewis Cartwright abgeschickt, statt ihn zu zerreißen, als er ihn wenige Tage nach der Trauerfeier für seine Frau in die Finger bekam, da er es nicht übers Herz brachte, seinen Sohn in wenigen Jahren nach Tasmanien zu schicken, um dort die Ausbildung zu erhalten, die aus Liam einen verantwortungsvollen und großen Zauberer machen sollte.

Denn ganz ehrlich!

Wer wollte sein Kind schon freiwillig auf eine Schule schicken, an der Mord und Totschlag an der Tagesordnung waren und wo es doch nur darum ging, die Spreu vom Weizen zu trennen. Doch wie sollte er es seinem Sohn beibringen, dass sich ausgerechnet seine Mutter diesen Spaß mit ihm erlaubt hatte? Wahrscheinlich hatte sie diesen Brief bestellt, als das Thema erstmals aufgekommen war, ob sie Liam überhaupt auf eine magische Schule schicken sollten.

Liam bemerkte, dass sein Vater nur mit einem Ohr hinhörte und sagte: „So kommen wir wenigstens mal raus hier. Ich freue mich schon darauf, London zu erkunden.“

Mr Faraday brachte es nicht übers Herz, seinem Sohn die Wahrheit zu sagen, was es mit diesem sonderbaren Brief auf sich hatte, da Liam aber tatsächlich für den Start seines Unterrichts Utensilien benötigte, die es nicht überall zu kaufen gab, hatte Mr Faraday eine Idee, wie sich die Enttäuschung in Grenzen halten würde, nicht mit dem Hogwarts Express an einen düsteren Ort nach Schottland zu fahren, obwohl auch das Ticket für den Hogwarts Express auf Gleis 9 ¾ in King‹s Cross dem Brief beilag, das sich Liam von allen Seiten betrachtete.

„Noch ein Grund mehr, mal nach London zu reisen. Ich will wissen, was es tatsächlich mit diesem sonderbaren Gleis bei King‹s Cross auf sich hat“, sagte Liam, der natürlich längst wusste, was es mit diesen Büchern auf sich hatte. Dennoch war sein Zimmer in den letzten Jahren regelrecht zu einem Schrein geworden, den er mit vielen Devotionalien aus diesen Büchern dekoriert hatte.

Schals, Wimpel, Fahnen sowie allerlei Schnickschnack, den er auf den Flohmärkten fand. Und mal ehrlich! Welches Kind konnte sich diesem Hype schon entziehen, der um den Zauberlehrling aus England gemacht wurde, auch wenn dieser Junge alles andere war als ein waschechter Zauberer? Doch Liam hatte sich von seinen Freunden anstecken lassen, diese Bücher zu lesen und Mr Faraday war froh, dass sein Sohn dadurch mehr las und auch nicht länger schief angesehen wurde, wenn er behauptete, dass auch er einmal ein waschechter Zauberer werden wollte. Denn es war plötzlich cool, sich mit Magie und Zauberei zu beschäftigen und daran zu glauben, dass man mit einem Besen eine halsbrecherische Sportart betreiben konnte.

Allerdings sah es Mr Faraday mit gemischten Gefühlen, da die magische Welt in diesen Büchern natürlich nichts mit der real existierenden magischen Welt zu tun hatte – und genau aus dieser Illusion musste er Liam früher oder später holen. Zwar verstand Liam bereits, dass sie anders waren und dass sich auch sein Leben grundlegend verändern würde, doch so richtig angekommen war das bei ihm noch nicht, was wohl vor allem daran lag, dass es nicht wirklich viele Familien wie ihre auf der Isle of Wight gab.

Das sollte sich jedoch in absehbarer Zeit ändern, da Mr Faraday an einem neuen Buch arbeitete, dass er in Kürze veröffentlichen wollte. Dann würden sich bestimmt mehr Eltern dafür interessieren, wie sie den Heimunterricht so gestalten konnten, dass auch die magischen Elemente nicht zu kurz kamen. Und nicht ohne Grund konnte es Mr Faraday kaum noch erwarten, dass die Abenteuer rund um Charly Cutter endlich veröffentlicht werden würden, denn diese Buchreihe sollte den Menschen die Augen öffnen, dass sie tatsächlich existierten: die Hexen und die Zauberer, die so ganz anders waren als wie von der Autorin aus Edinburgh beschrieben.

„Es spricht auch nichts dagegen, nächste Woche nach London zu fahren“, sagte Mr Faraday und schob den Kuchen in den Ofen, den er für Liams Geburtstag backen wollte. „Ich habe ohnehin dort geschäftlich zu tun, so dass ich dir diesen Wunsch noch in diesem Frühjahr erfüllen kann. Vielleicht willst du einen deiner Freunde dazu einladen, so dass du dich nicht langweilst oder allein fühlst.“

Diese Methode, Liam Gesellschaft zu leisten, hatte sich erst in den letzten Jahren etabliert, dass Liam einen Freund mitnehmen durfte, wann immer sie auf Reisen gingen, so dass er sich nicht einsam fühlte, wenn sein Vater mal keine Zeit für ihn hatte. Oft hatten ihre Reisen quer durchs Land auch einen geschäftlichen Hintergrund, bei denen Mr Faraday das Angenehme mit dem Nützlichen verband, insbesondere wenn er auf Lesereise ging, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als Liam mitzunehmen, da er seinen Sohn nicht für mehrere Tage allein in dem großen Haus lassen wollte.

„Cameron würde das bestimmt gefallen“, jubelte Liam, der sich an den Küchentisch setzte und half, die Cupcakes zu dekorieren.

„Seine Mama könnte sich das gar nicht leisten, mit ihm mal nach London zu fahren.“

„Ich finde es großartig, wie du dich für das Wohlergehen deiner Freunde einsetzt. Das ist es, was uns auszeichnet. Wir denken nicht nur an unseren eigenen Vorteil“, erwiderte Mr Faraday und zeigte sich glücklich, dass Liam das Gesetz der Nächstenliebe so sehr verinnerlichte. „Mit wie vielen Gästen, die du eingeladen hast, müssen wir heute rechnen“, wollte Mr Faraday wissen, bevor er noch einen weiteren Kuchenteig anrühren wollte. Denn Fertigkuchen oder Backmischungen aus dem Supermarkt kamen bei ihnen erst gar nicht auf den Tisch. Dafür liebte er die Rezeptsammlung seiner Frau viel zu sehr und natürlich auch die einer Hexe, die schon zahlreiche Bücher veröffentlicht hatte.

Liam zählte an seinen Fingern ab, wie viele Einladungen er verteilt und wie viele Rückmeldungen er bereits erhalten hatte. Dann sagte er knapp: „Ein gutes Dutzend.“

„Schön, das freut mich zu hören, dass du so viele Freunde hast, auch wenn du zuhause unterrichtet wirst“, sagte Mr Faraday, der im Jahr ihres Umzuges noch skeptisch gewesen war, ob sein Sohn womöglich zu kurz käme, war ihr neues Zuhause nicht gerade mal um die Ecke oder in zehn Minuten mit dem Fahrrad zu erreichen. Doch die Vorteile ihres neuen Zuhauses hatten sich rasch herumgesprochen, so dass sich Liam nicht beklagen konnte, hier irgendetwas zu vermissen, zumal Cameron oft bei ihnen übernachtete und fast schon so etwas wie ein Bruder für Liam geworden war.

„Du könntest glatt deinen eigenen Hexenzirkel ins Leben rufen bei so vielen Freunden“, lachte Mr Faraday und erinnerte Liam damit ganz nebenbei daran, dass heute natürlich nicht nur sein Geburtstag auf der Agenda stand, sondern auch die Frühjahrstagundnachtgleiche, so dass auch wieder viele Erwachsene in ihr Haus kämen, um diesen Anlass mit ihnen zu feiern.

Doch daran war Liam längst gewöhnt, dass er sich diesen Tag mit seinem Vater und den Gepflogenheiten des Hexenzirkels teilen musste, der auch in diesem Jahr den Vorsitz hatte, sich um den Hexenzirkel auf der Isle of Wight zu kümmern, der sich seit ein paar Jahren etabliert hatte.

„Ich glaube kaum, dass auch nur die Hälfte meiner Freunde bereit wären, sich meinem Zirkel anzuschließen“, erwiderte Liam, der es natürlich großartig fand, dass alle seine Freunde von dem Hype des Zauberlehrlings ergriffen waren. Doch wenn es zu den Feierlichkeiten im Hexenkalender kam, waren seine Freunde eher verhalten, weil sie nicht wussten, was es mit diesem Jahreskreisfesten wirklich auf sich hatte. Da gab es noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, das erkannte auch Mr Faraday, der diesen Ansatz auf jeden Fall mit in sein neustes Buch aufnehmen wollte.

„Natürlich steht es deinen Übernachtungsgästen frei, heute Abend wieder echte Hexenluft zu schnuppern“, sagte Mr Faraday, der es Liams Freunden schon oft zugetragen hatte, an ihren Ritualen teilzunehmen. Und für die Kinder war das immer ein großer Spaß, weil sie hier Dinge durften, die sie zu Hause nicht durften.

„Es werden nur zwei oder drei von ihnen über Nacht bleiben. Aber bei Cameron bin ich mir sicher, dass er wieder mit dabei sein wird“, sagte Liam und stellte das Blech mit den Cupcakes in die Speisekammer.

Wenige Stunden später trudelten die ersten Gäste ein und das Haus füllte sich rasch mit Leuten. Während die Erwachsenen es vorzogen, unter sich zu bleiben, erkundeten die Kinder die zahlreichen Zimmer des Hauses, denn wenn bei den Faradays zu einem Fest geladen wurde, bedeutete dies, dass alle Zimmer betreten werden durften, einschließlich des Speichers sowie dem Keller.

Doch erst bei Dunkelheit machte es den Kindern so richtig Spaß, durch das große Haus zu schleichen und auf Entdeckungstour zu gehen. So mussten sich die Kinder noch etwas in Geduld üben, da es gerade mal früher Nachmittag war, als der Paketbote auf den Hof fuhr, mit dem heute keiner mehr gerechnet hatte.

Liam, Cameron, Kyle und die anderen Kinder planschten gerade im großen Teich vor dem Haus, was in einem März eher einer Mutprobe glich, da das Wasser noch keine 14 Grad hatte – eher weniger. Doch englische Jungs waren hart im Nehmen und so ließen sie keine Gelegenheit aus, sich eine Abkühlung im Teich zu verschaffen.

Es war Cameron, der Liam darauf aufmerksam machte, dass der Paketbote auf die Eingangstür des Hauses zusteuerte, da ihm jemand den Empfang des Paketes quittieren musste.

Liam stürmte sofort aus dem Wasser, nichts ahnend, dass er in seinem Adamskostüm dem jungen Mann die Schamesröte ins Gesicht treiben würde, weil er wohl mit allem gerechnet hatte, nur nicht mit einem Knirps, der Ende März so kühn war, mit seinen Freunden nackt baden zu gehen. Überhaupt wurde die Freikörperkultur in England mit Argwohn gesehen, war sie doch eine Gefahr, die Kinder könnten dadurch verrohen.

Was für eine gequirlte Scheiße das doch war!

„Möchtest du dir nicht erst etwas überziehen, bevor du das Paket ins Haus bringst“, sagte der Paketbote, und damit hatte die Isle of Wight mal wieder neuen Gesprächsstoff, um sich über die Gepflogenheiten in diesem Haus die Mäuler zu zerreißen.

Das kam immer mal wieder vor, wenn Unwissende das Grundstück ausgerechnet dann betraten, wenn die Feierlichkeiten zu einem Jahreskreisfest anstanden oder eben zu Liams Geburtstag.