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Die Leute von Havenburg haben nicht gut lachen, denn seit einigen Wochen werden sie von einem übereifrigen Kuttenträger besucht, der das heidnische Dorf zum christlichen Glauben bekehren will. Doch Bruder Dominik merkt schnell, dass er sich insbesondere an dem kleinen Jungen Martin die Zähne ausbeißt, der eindeutig die falschen Fragen stellt und ihn letztendlich auch vor dem ganzen Dorf bloßstellt.Dem Autorenduo, Marvin Faraday und Emily Tabitha Frost, war es wichtig, diese Geschichte zu erzählen, die sie in ein Setting des Mittelalters eingepflegten, in einer Zeit, in der sich kein Dorf sicher sein konnte, nicht von der Christianisierung überrannt zu werden. Doch der kleine Martin entpuppt sich schnell als Rebell und stellt sich den Klerikern in den Weg, da sie seiner Meinung nach ganz andere Dinge im Schilde führen, als die Leute für einen neuen Glauben zu gewinnen. Obwohl ihm anfangs niemand Glauben schenken will, merken die Leute schnell, das Martin von Anfang an die Wahrheit gesagt hatte, und dass es nun an der Zeit ist, Schaden vom Dorf abzuwenden
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Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Impressum
Kapitel I - Das Ostara-Feuer. Der Traum der Gerechten.
Kapitel II - Bringt die Toten hervor.
Kapitel III - Ein Spion wider Willen.
Kapitel IV - Die Sache mit der Erregung öffentlichen Ärgernisses.
Kapitel V - Das kann doch nur ein Scherz sein.
Kapitel VI - Die Odyssee des kleinen Prinzen.
Kapitel VII - Alles bleibt beim Alten.
Kapitel VIII - Mit offenen Augen und Ohren durchs Leben gehen.
Kapitel VIV - Augenwischerei und Effekthascherei.
Kapitel X - Die alte Lisbeth.
Kapitel XI - Einer ist verlogener als der andere.
Kapitel XII - Das böse Erwachen.
Kapitel XIII - „Alles, was ist und was war, hat mit einem Traum begonnen.“
Marvin Faraday
Emily Tabitha Frost
HAVENBURG
Die letzte Bastion der Heiden
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Die Menschen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten und mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Originalausgabe, die 1. Auflage des Prints erschien am 15. Juli 2023
und ist ausschließlich als Hardcover auf WickedWorld.de erhältlich
Copyright © 2023 Marvin Faraday & Emily Tabitha Frost
Publishing Rights © 2023 Marvin Faraday & Emily Tabitha Frost
Lektorat & Korrektorat: Pascal Wagenknecht, AutorenServices.de
Verantwortlich für das Buchcover: Nikita Ivanova, AutorenServices.de
WickedWorld.de
Hinter der Stadtmauer 9/11
34346 Hann. Münden
GERMANY
„Alles, was ist und was war, hat mit einem Traum begonnen“, klangen die Worte des Druiden in Martins Ohren, als er heute Morgen mit dem ersten Krähen des Hahnes aufgestanden war, um sich auf den Weg zu machen. Dennoch war er davon überzeugt, dass allein er für sein Schicksal und das Wohlergehen seiner Eltern verantwortlich war, und dass auch niemand für ihn den Karren aus dem Dreck ziehen würde, sodass sie es besser hätten.
Nein, er allein war dafür verantwortlich, dass mit seiner Tätigkeit ein paar Taler in die Familienkasse kamen, um über die Runden zu kommen, zumal sein Vater erst vor ein paar Wochen seine Anstellung auf der Havenburg verloren hatte, weil ihm vorgeworfen wurde, dass er sich am Futter der Pferde zu schaffen gemacht hatte. Das war zwar erstunken und erlogen, doch Martin hatte schnell kapiert, dass Recht haben und Recht bekommen zweierlei Schuh waren und oftmals viel zu schnell ein Schuldiger benannt wurde, der gar keine Schuld auf sich geladen hatte.
Aber die Leute waren stets schnell dabei, wenn es darum ging, einen Schuldigen zu benennen, und dann das Gegenteil zu beweisen, war ein äußerst kniffliges Unterfangen, das nur selten von Erfolg gekrönt war. Martins Vater konnte von Glück sagen, dass der Baron darauf verzichtet hatte, ihm nicht gleich die Hand abzuschlagen, denn auch das war Martin zu Ohren gekommen, dass es in anderen Dörfern so gehandhabt wurde, einem Kerl die Hand abzuschlagen.
Glücklicherweise durfte seine Mutter weiterhin in der Küche der Burg arbeiten, denn sie war eine wirklich hervorragende Köchin – ganz ohne Übertreibung. Allerdings musste Martin, der seinem 12. Geburtstag im Juni entgegenfieberte, jetzt seinen Teil dazu beitragen, dass sie keinen Hunger litten. Schon vor dem Morgengrauen zog es ihn daher hinaus auf die dunklen Gassen des kleinen Dorfes, das später einmal Hann. Münden heißen würde, in dem 99 Seelen lebten und die ihre Häuser quadratisch, praktisch und klug errichtet hatten, um möglichst kurze Wege zu haben.
Martin wohnte mit seinen Eltern am Ende des Ulmenweges, der sich vor ihrem Haus mit der Kastanienallee kreuzte. Die Kastanienallee war eine der beiden Prachtstraßen, die bis hinauf zur Burg führte, wo der Baron mit seiner Frau und seinem einzigen Sohn lebte, den Martin jedoch nicht zu seinen Freunden zählte, obwohl sie in etwa gleich alt waren.
Doch Martin wusste um seine Stellung in der Gemeinde und wo sein Platz in diesem Dorf war. Nie würde er auf die Idee kommen, sich zu Höherem berufen zu fühlen. Das überließ er besser jenen, die eine höhere Schulbildung genossen hatten als er. Martin konnte sich jedoch glücklich schätzen, dass er überhaupt lesen, schreiben und auch rechnen konnte, was keine Selbstverständlichkeit war in den Jahren, in denen diese Geschichte spielt, denn im tiefsten Mittelalter waren die meisten Leute Analphabeten, die nicht einmal 2 und 2 zusammenzählen konnten, geschweige denn einen Zettel lesen konnten, auf dem sein Vater ihm die Namen geschrieben hatte, deren Häuser er heute aufsuchen sollte, um den Unrat abzuholen, den die Bewohner bereits gestern Nacht vor die Türen gestellt hatten.
Eigentlich war es unter den Bewohnern von Havenburg verpönt, an einem Sonntag zu arbeiten, doch sie wollten ihr Dorf sauber halten, bevor der Dominikanermönch zu ihnen käme, wie an jedem anderen Sonntag auch, in der Hoffnung, dass er die heidnischen Tugenden, die hier noch praktiziert wurden, endlich unterbinden könnte, denn die waren dem Kuttenträger ein Dorn im Auge. Und so blieb es Martin auch heute nicht erspart, sich den Lumpen überzuziehen, der mal ein Mehlsack gewesen war und der ihn von der Mutter bereitgelegt worden war, sodass er ja nicht auf die dumme Idee käme, seine schönsten Sachen schon jetzt anzuziehen – wo er sich doch erst nach getaner Arbeit umziehen sollte, um nicht wie ein Bettler zur Dorfschule zu pilgern, wo der Mönch eine Art Sonntagsschule mit anschließender Messe etabliert hatte, um vor allem die Eltern dazu zu bewegen, ihre Kinder alsbald taufen zu lassen, da er deren Seelenheil in Gefahr sah, ungetauft in der Hölle zu landen, sollte sie der Blitz vor der Taufe treffen oder die Pest über sie kommen. Doch auch ohne Blitzgewitter, Pest und Cholera war die Kindersterblichkeit zu dieser Zeit extrem hoch, sodass es nicht weiter verwunderlich war, wenn eine Familie, die vormals acht Kinder gehabt hatte, jetzt nur noch drei Mäuler zu stopfen hatte.
Es war dem Baron zu verdanken, der schützend seine Hände über seine Schäflein hielt, dass Martin nicht nur an den Sonntagen kaum Schlaf bekam, sondern auch an jedem anderen Tag in der Woche. Und wenn er einmal verschlief, war das Geschrei groß, wenn sich der Duft des Unrats über das Dorf legte und selbst der Baron in seiner Burg die Nase rümpfte und ihm nur zwei der vereinbarten drei Taler in die Hand gedrückt wurden. Dabei brauchten sie das Geld. Martin konnte es sich gar nicht leisten, zu spät aufzubrechen, auch wenn die Dunkelheit noch über dem Dorf lag. Zwar gab es ausgerechnet an ihrem Haus eine Straßenlaterne, doch die Sicht war heute so schlecht, dass er keine zehn Meter weit sehen konnte, da sich ein dichter Teppich aus Nebel über die Häuser gelegt hatte, als er die Haustür öffnete und einen Blick hinaus auf die Gasse warf: „Auch das noch“, schimpfte er und lief hinter das Haus, um den Handkarren aus dem Schuppen zu holen, mit dem er durch die Gassen zog. Auf dem Handkarren befanden sich zwei Tröge, von denen einer für die Speisereste gedacht war, während der andere all den Unrat aufnahm, der nicht länger auf den Gassen entsorgt werden durfte, wie es vielerorts üblich war. Der Baron hatte den Leuten ins Gewissen geredet, dass das doch erst Krankheiten verursachte, und so war Havenburg seiner Zeit weit voraus, dass es hier eine Art Müllabfuhr gab, um die Gassen sauber und die Leute gesund zu halten.
Allerdings hatte sich der Baron keine Gedanken darüber gemacht, wie anstrengend und kräftezehrend diese Tätigkeit wäre und dass Martin noch viel zu klein und vor allem zu jung war, um diese Arbeit auszuführen, doch im Mittelalter war Kinderarbeit ein notwendiges Übel sowie an der Tagesordnung und so kümmerte es auch niemanden, wie sehr sich Martin mit dem Handkarren abmühte, um noch vor Sonnenaufgang mit seiner Tätigkeit fertig zu sein.
Obgleich es die meisten Kinder im Dorf wussten, womit er sich die drei Taler am Tag verdiente, so wollte er aber nicht von ihnen dabei gesehen werden, wie er die kleineren Kübel vor den Häusern in die größeren Kübel auf seinem Handkarren entleerte. Außerdem war es heute so bitterlich kalt, dass er seinen Atem sah, wenn er ausatmete, sodass er höllisch aufpassen musste, sich nicht zu erkälten, denn die Kälte kroch ihm allmählich von den nackten Füßen, die tief im Morast steckten, bis hinauf zum Rücken und sogar seine Fingerkuppen erstarrten leicht.
Schuhe waren allerdings ein Luxus, den sich seine Eltern nicht leisten konnten. Und so tapste er auf dem nassen Kopfsteinpflaster von Haus zu Haus, rieb sich dann und wann seine Hände und freute sich schon auf den heißen Kräutertee, den er in der Dorfschenke erhalten sollte für seinen unermüdlichen Einsatz für die Gemeinschaft.
Er bog gerade in die Gasse ein, die früher einmal einen blumigen Namen gehabt hatte, bevor die Leute dazu übergegangen waren, die Gasse, die direkt zur Dorfschenke und dem Dorfplatz führte, „Zum Zerbrochenen Krug“ umbenannten, womit die Dorfschenke auch zu ihrem Namen gekommen war, doch die Kinder machten sich darüber lustig und nannten sowohl die Schenke als auch die Gasse „Zum Erbrochenen Krug“, weil sie nicht selten ihre völlig betrunkenen Väter von dort abholen mussten, wenn sie mal wieder zu tief ins Glas geschaut hatten.
Auch Martin wurde oft von seiner Mutter in die Dorfschenke geschickt, um seinen Vater davon abzuhalten, über den Durst zu trinken und das sauer verdiente Geld auf den Kopf zu hauen. Doch viele Male kam er zu spät und das Geld war weg. Ein Gutes hatten seine Besuche in der Dorfschenke jedoch. Er hatte sich mit dem Sohn der Wirtsleute angefreundet, der ihm sicher auch heute Gesellschaft bei seiner kurzen Pause leisten würde, bevor er die zweite Hälfte seiner Runde erledigte.
Die Wirtsleute waren die einzigen Bewohner Havenburgs, die über zwei Häuser verfügten. In dem einen wohnten sie und in dem anderen schufteten sie von morgens früh bis abends spät. Und auch ihrem Sohn Sebastian blieb es nicht erspart, im elterlichen Betrieb mitzuhelfen – ob er das nun wollte oder nicht.
Am liebsten heckten die beiden Streiche aus oder es zog sie an den nahe gelegenen Fluss, um sich dort zu vergnügen. Doch an einem 20. März war noch gar nicht daran zu denken, hinunter zum Fluss zu gehen, da sie ohnehin den Leuten versprochen hatten, beim Aufbau des Ostara-Feuers mitzuhelfen, dass morgen, wenn der Mönch erst einmal außer Sichtweite war, entzündet werden sollte. Auch so eine Sache, die der Dominikanermönch den Leuten am liebsten austreiben wollte. Doch die Bewohner des kleinen Dorfes dachten gar nicht daran, sich das alte Brauchtum und die Traditionen nehmen zu lassen, zumal das morgige Feuer endlich den Frühling einläuten sollte.
Höchste Zeit für Martin, sich zu sputen, wie er so in Gedanken versunken die Gasse entlang schlenderte und Ausschau nach dem nächsten Kübel hielt. Da es nur an den Eckhäusern Laternen gab, musste Martin höllisch aufpassen, keinen Kübel umzustoßen oder sich gar die Zehen daran zu stoßen, die schon ganz taub waren von der Kälte, die ihm allmählich durch alle Knochen fuhr. Noch zwei Häuser, dann würde er das Wohnhaus der Wirtsleute erreichen, wo er auf dem feuchten Untergrund nach einem Steinchen suchte, um sich bei seinem Freund am Fenster bemerkbar zu machen. Heute jedoch war ihm Sebastian zuvorgekommen, der sich von hinten an ihn herangeschlichen hatte, um ihm einen Schrecken einzujagen.
Mit einem lauten „Buh!“ fasste Sebastian an Martins Schulter und noch bevor Martin einen Schrei ausstoßen konnte, klebte ihm auch schon die schweißnasse Hand seines Freundes auf den Lippen.
„Du hast dir heute ganz schön Zeit gelassen. Ich bin schon seit einer halben Stunde wach und warte auf dich“, sagte Sebastian, der seinen Freund in Augenschein nahm und die Nase rümpfte.
„Wenn die Leute ihre Kübel nur nicht so voll machen würden“, schimpfte Martin und wischte sich seine Handflächen an dem Lumpen sauber, den er trug, um seinen Freund mit einem Handschlag zu begrüßen.
„Deine Mutter soll dich nachher bloß in die Wassertonne stecken und dich mit Seife abschrubben. Du siehst fürchterlich aus, mein Freund und stinkst bis zum Himmel, sodass selbst die Engel im Himmel ihre Nasen rümpfen“, sagte Sebastian und deutete an, dass sich Martin an den ersten Tisch setzen sollte, um nicht die ersten Gäste zu verscheuchen, die eingekehrt waren, um ein Frühstück zu sich zu nehmen.
Zwei Tische weiter saß Holger, der sich die Nacht um die Ohren geschlagen hatte, da er befürchtete, die Leute aus dem Nachbardorf würden ihnen das Holz für das Feuer stehlen, dass sie in den letzten Wochen zusammengetragen hatten, um ein möglichst hohes Feuer zu entzünden.
Holger war der Nachtwächter und Stadtschreier von Havenburg in einer Person, was ihn zu einem wichtigen Bürger des Dorfes machte, der in unmittelbarer Nachbarschaft zur Dorfschenke und der Burg des Barons in einem kleinen Haus wohnte. Martin und Holger kannten sich zwar vom Sehen her, doch einen Satz oder gar ein Gespräch hatten sie noch nie miteinander geführt. Dazu war Holger auch viel zu schweigsam, um nicht zu sagen verschwiegen. Für gewöhnlich hockte Holger allein an einem der Tische, aß dort in Seelenruhe sein Frühstück, das zumeist aus Rührei und Speck bestand, sowie einem Krug Bier, bevor er sich dann aufs Ohr haute und den Schlaf nachholte, den er zugunsten des Dorffriedens opferte, was sein Beitrag für die Dorfgemeinschaft war.
Jeder Bürger und jedes Kind war ein Teil dieses Getriebes, das zum Gelingen beitrug und wehe dem, einer der Bürger oder eines der Kinder tanzte aus der Reihe, dann war das Chaos nicht weit.
Martin schenkte dem Nachtwächter ein Lächeln, da er sich mit Holger gut stehen wollte, zumal Holger Dinge von ihm wusste, die nie zur Sprache kommen durften.
Holger schaufelte sich weiterhin das Essen hinter die Kauleiste und tat so, als würde er Martin und dessen Freund, der mit zwei Bechern an den Tisch zurückkam, gar nicht wahrnehmen. Doch aus dem Augenwinkel heraus behielt er die beiden Lausbuben dennoch im Auge, da schon viele Dummheiten auf ihr Konto gegangen waren. Und Holger wusste ganz genau, wer etwas auf dem Kerbholz hatte und wer nur so tat, als könne er seine Hände in Unschuld waschen.
„Trink das“, sagte Sebastian und schob seinem Freund den Becher zu, in dem ein starker Kräutertee sein Aroma verströmte. Martin hob sich den Becher an die Nase und sog den Duft in sich auf. Er inhalierte den Duft regelrecht, als wolle er seinen Schleimhäuten eine Pause gönnen von all dem Unrat, dem er heute schon begegnet war.
Ein Wunder, dass es ihm die Schleimhäute nicht längst weggeätzt hatte, denn in so manch einem Kübel fanden sich auch Abfälle, die seiner Gesundheit sicherlich nicht zuträglich waren, ganz im Gegenteil zu diesem Kräutertee.
„Deine Mutter scheint mir sehr genau zu wissen, wie sie mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Der Tee schmeckt wirklich lecker“, sagte Martin, als er den ersten Schluck nahm und spürte, wie der Tee ihm den Rachen ausputzte, wie ein Schornsteinfeger es bei den Kaminschloten tat.
Ja, es war eine Wohltat, hier am Tisch zu sitzen und zu wissen, dass er die Hälfte seiner Runde bereits erledigt hatte. Halbzeit sozusagen! Und Martin war froh, dass ihm sein Freund dennoch Gesellschaft leistete, obwohl er in seinem Lumpen keine allzu schöne Erscheinung war. Doch Sebastian verurteilte ihn nicht wegen seines Aussehens oder dass er völlig verdreckte Fingernägel hatte, die er nur mit reichlich Seife wieder sauber bekäme.
„Ja, meine Mutter kennt sich gut mit den Kräutern aus“, erwiderte Sebastian und senkte merklich seine Stimme, denn diese Aussage durfte auf keinen Fall in den falschen Hals kommen. Viel zu schnell waren die Leute dabei, einer Frau zu unterstellen, dass sie eine Hexe sei, nur weil sie wusste, welches Kraut zu welchem Zwecke eingenommen werden musste.
Und welche Frau im tiefsten Mittelalter wusste nicht darüber Bescheid, dass gegen alles ein Kraut gewachsen war, auch wenn dieses alte Wissen mit großem Argwohn gesehen wurde – jedenfalls vonseiten der Kuttenträger, die dieses Wissen doch viel lieber für sich beanspruchten, sodass sie dazu übergingen, auf Frauen Jagd zu machen, die ihnen ihr Wissen nicht so ohne Weiteres preisgeben wollten.
Doch das ist eine Sache, auf die wir später noch einmal zu sprechen kommen werden. Lauschen wir doch lieber noch den beiden Jungs für eine Weile, die sich einiges zu erzählen hatten.
„Meine Mutter ist strikt dagegen, dass ich mich taufen lassen soll. Sie traut dem Ganzen nicht. Sie meint, dass uns da nur Unsinn erzählt wird, wann immer Dominik zu uns ins Dorf kommt“, flüsterte Sebastian und beugte sich etwas näher zu seinem Freund, sodass ihr Gespräch nicht von jemanden mitgehört werden konnte, denn das ging niemanden etwas an. Wer sich hierzulande gegen die Kirche aussprach, die immer mehr an Einfluss gewann, lief nicht selten Gefahr, als Ketzer an den Pranger gestellt zu werden. Da half es auch nichts, das der Baron es seinen Bürgern überlassen hatte, ob sie sich nun dem neuen Glauben anschließen wollten oder nicht. Der Baron wollte diesbezüglich niemanden bevormunden, denn die Überzeugung zum Glauben musste schon von einem selbst kommen und sollte nicht per Dekret aufgedrängt werden.
Auch in dieser Angelegenheit war das Dorf seiner Zeit weit voraus, auch wenn es viele Familien so sahen, lieber einen Kompromiss einzugehen, bevor auch sie auf einem der zahlreichen Scheiterhaufen, die im Land auf und ab brannten, den Tod finden würden?
„Du Glücklicher“, sagte Martin und nahm nochmals einen kräftigen Schluck aus dem Becher, bevor er weitersprach: „Meine Mutter meint, dass sich damit der Wind aus den Segeln nehmen ließe, und dass wir durch die Zugehörigkeit der Kirche nicht länger unter Beobachtung stünden, als würden wir am Heidentum festhalten. Sie meint, dass früher oder später ein jeder einknicken würde, da die Kirche auf dem Vormarsch ist und sich niemand getraut, sich ihr in den Weg zu stellen. Denn stellst du dich der Kirche in den Weg, unterstellen sie dir, dich damit auch ihm, Gott dem Herrn und Allmächtigen, zu verweigern.“
Vor ein paar Wochen, als sie noch nicht von dem Mönch aus dem Kloster Fulda besucht wurden, hatte es derlei Gespräche unter Kindern nie gegeben. Doch jetzt, als ihnen die Pistole auf die Brust gesetzt wurde, war es das Gesprächsthema Nummer Eins in ihrem Dorf, zumal sich der Mönch vorgenommen hatte, noch vor der Sommersonnenwende im Juni Nägel mit Köpfen zu machen.
„Wir sollten versuchen, ob wir Dominik nicht irgendetwas in die Schuhe schieben können, dass er nicht länger in unserem Dorf willkommen ist, dann brauchen wir uns nicht länger den Kopf darüber zu zerbrechen, ob wir im Sommer getauft werden wollen oder nicht“, argumentierte Sebastian und hatte in diesem Augenblick nicht die geringste Ahnung, wie sehr er damit ins Schwarze getroffen hatte.
Fast kam es einer selbsterfüllenden Prophezeiung gleich, dass der Mönch eher früher als später über seine eigenen Füße stolpern würde. Denn Sebastian hatte längst bemerkt, dass der Mönch Gefallen an seinem Freund fand. Ein Gefallen, das jedoch reichlich Fragen aufwarf, auch wenn Martin diesbezüglich schwieg wie ein Grab.
„Ich muss jetzt los, sonst werde ich nachher zu spät kommen, euch dabei zu helfen, den Holzstapel aufzurichten“, sagte Martin und leerte seinen Becher, bevor er aufstand und einen Blick zum Tisch warf, wo vor ein paar Minuten noch Holger gesessen hatte. Holger war bereits in der Dunkelheit verschwunden wie ein nächtlicher Geist, der in der Schenke nur kurz Station gemacht hatte, bevor es ihn dann weiterzog. Schließlich mussten noch die Öllampen der Straßenlaternen gelöscht werden, und Martin wollte mit seiner Runde fertig sein, bevor das geschah. Noch hatte sich das Sonnenlicht nicht über die Häuserdächer geschoben und das Dorf zum Aufwachen animiert.
„Dann bis später“, erwiderte Sebastian und wünschte seinem Freund alles Gute, dass er keine allzu schweren Kübel mehr anheben müsste und dass er alsbald noch eine Mütze Schlaf bekäme.
Wieder unterwegs im Ahornweg, der direkt hinauf zur Burg führte, lagen zwei Häuser, die unterschiedlicher nicht sein konnten: Das eine Haus wurde von Holger bewohnt, während das andere Haus gleich daneben den Eindruck erweckte, als hätte dort schon lange keine Menschenseele mehr gelebt. Die Fensterläden des vermeintlich leer stehenden Hauses waren verschlossen und nicht einmal das kleinste Licht im Inneren gab es zu sehen, dass Martin davon ausging, dass es dort keine Kübel zu leeren gab. Dennoch verharrte er eine Weile vor dem Haus, da es ihm sonderbar vorkam, dass ein solch schönes Haus unbewohnt war. Was würde er darum geben, mit seinen Eltern in dieses Haus einzuziehen? Dann bekäme er endlich ein eigenes Zimmer und müsste nicht länger im Bettkasten der Sitzbank in der Stube schlafen, zumal er bereits mit seinen Füßen über den Bettkasten hinausragte und es nur noch eine Frage der Zeit war, bis er auch mit seinem Kopf am Holz anstieße.
Er nahm sich vor, das Haus auch weiterhin im Auge behalten zu wollen, auch wenn es eher fraglich war, dass sich seine Eltern die Pacht für dieses Haus leisten könnten, wo sein Vater doch als Tagelöhner nicht wirklich wusste, wie viel Geld sie am Ende eines Monats zur Verfügung hätten, zumal sich seine handgeschnitzten Löffel, Teller sowie Schüsseln nicht wirklich gut verkauften. Martin warf erneut einen Blick auf die Liste, die ihm sein Vater geschrieben hatte. Nein, hier war nichts zu holen und so zog er mit seinem Handkarren weiter, dessen Gewicht ihm alles abverlangte und ihm den Schweiß auf die Stirn trieb.
Glücklicherweise musste er nicht erst mit dem Karren den steilen Hang hinauf laufen, um auch bei der Burg die Kübel zu entleeren, da der Baron selbst dafür sorgte, dass seine Hinterlassenschaften aus der Küche oder dem Donnerbalken an den Straßenrand gestellt wurden.
Und so bog er in die Kastanienallee und lief dort die Häuser im Zickzack ab, um auch noch die letzten Kübel zu entleeren, bevor er dann Kurs auf den Feldweg hinter ihrem Haus nehmen wollte, um die Abfälle beim Bauern Beskes abzuliefern, der ihm zum Dank oft ein kleines Trinkgeld in die Hand drückte.
Holger musste ihm wohl zuvorgekommen sein. Die Kastanienallee war in Dunkelheit getaucht. Aus der Ferne hörte er, wie jemand seine Stimmbänder mit einem leisen Pfeifen darauf vorbereitete, die Leute aus ihren Betten zu werfen. Martin glaubte, dass Holger nur zwei oder drei Häuser von ihm entfernt war und so wollte er sich an der Stimme orientieren, um nicht Gefahr zu laufen, mit einem ihm völlig Unbekannten aneinanderzugeraten. Das war ihm schon einmal passiert, dass er bei seiner morgendlichen Runde in einen Mann gerannt war und das galt es zu verhindern, da ihm die Leute dann immer so ansahen, als hätte er die Pest. Dabei war er nicht krank, sondern ihm klebte nur der Dreck am Leib, die seine Tätigkeit mit sich brachte.
Er hatte zwar mal versucht, sich nicht die Hände schmutzig zu machen, und war äußerst umsichtig vorgegangen, doch das hatte ihn viel mehr Zeit gekostet, dass er in den sauren Apfel biss und es in Kauf nahm, wie ein Schwein auszusehen, dass sich im Dreck gewälzt hat. Ja, es gab gute Gründe, warum er noch vor Anbruch des Tages mit seiner Tätigkeit fertig sein wollte, denn als Schwein wollte er sich nicht auch noch bezeichnen lassen.
Er stand gerade vor dem Haus neben dem Haus des alten Druiden, von dessen Bewohner er nur so viel wusste, dass dieser Kerl schon mal im Kerker gehockt hatte, und dass ihn alle für einen Halunken hielten. Ein Blick in den Kübel der Speisereste verriet, dass sich der Mann kaum über Wasser halten konnte und wohl auf die Almosen angewiesen war, die sich die Ärmsten bei der Burg abholen konnten.
Vor diesem Mann musste er sich offenbar in Acht nehmen, denn einmal ein Schurke, folgte man zumeist dieser Laufbahn sein Leben lang, da man diesem Teufelskreis kaum entkommen konnte. Martin beeilte sich, die Kübel auszuleeren und sie wieder sorgfältig vor die Tür zu stellen, da ein jeder das Anrecht darauf hatte, gleichbehandelt zu werden – und auch bei dem Halunken wollte er keine Ausnahme machen. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, dass er gewisse Leute anders behandelte als beispielsweise den Druiden, der ihm stets etwas neben die Kübel stellte, um ihm eine Freude zu machen.
Heute hatte er beim Haus des Druiden einen Pfannkuchen aus Buchweizen vorgefunden, der nicht nur lecker, sondern auch noch warm war, was darauf schließen ließ, dass sich der Druide extra seinetwegen an den Herd gestellt hatte. Und in der Tat war im Haus des Druiden schon ein Licht zu sehen, während in den anderen Häusern die Leute nur allmählich aus ihren Betten stiegen, um ihrem Tagwerk nachzugehen.
Vor allem die Handwerker und deren Gesellen waren unter der Woche schon früh auf den Beinen. Doch an einem Sonntag gab es auch für sie keinen Grund, schon mit dem ersten Hahnenkrähen aufzustehen, da sie ihre Geschäfte bereits gestern oder in den übrigen Tagen verrichtet hatten. Jeweils mittwochs und samstags gab es einen Markt auf dem Marktplatz. Und während es am Samstag vor allem die Bauern waren, die ihre Waren dort feilboten, gab es mittwochs allerlei Handwerk und Dienstleistungen zu erwerben.
So auch die handgeschnitzten Utensilien, die Martins Vater in Heimarbeit herstellte. Doch das beschäftigte Martin heute nicht.
An den Sonntagen dachte er vielmehr darüber nach, wie er sich dem entziehen konnte, Bruder Dominik zur Hand zu gehen, da es seine Mutter für nötig erachtete, dass er etwas für sein Seelenheil tat. Und was eignete sich dazu besser, als sich als Kirchenjunge zu verdingen? Obwohl Martin nur unter Protest eingewilligt hatte, diese Rolle zu übernehmen. Allerdings schien er keine Wahl zu haben, denn die Kirchenleute wussten seine Eltern zu ködern, und so erhielten sie für jeden Sonntag, den er neben dem Mönch stand, einen kleinen Obolus, auf den sie nicht verzichten konnten, nicht verzichten wollten.
Wieder war Martin in Gedanken versunken, denn gerade heute würde er viel lieber den Leuten helfen, das große Feuer für die morgige Feierlichkeit vorzubereiten, die die Dorfbewohner vor dem Mönch geheim zu halten versuchten. Und schon geschah, was geschehen musste: Als sich Martin mit dem letzten Kübel auf den Weg machte, um ihn beim Handkarren in den größeren Trog zu entleeren, rempelte er gegen eine Person, sodass der Inhalt des Kübels gefährlich hin und her schwankte. Ausgerechnet der Inhalt des Kübels mit dem Unrat ergoss sich über ihn, und der Gestank von Urin und Fäkalien brannte ihm in der Nase wie ein Buschfeuer.
Die dunkle Gestalt machte einen hastigen Sprung nach hinten.
Sekundenlang herrschte Stille, bis der Mann sich zu erkennen gab, dessen Schuhe er in Mitleidenschaft gezogen hatte. „So pass doch auf, wohin du läufst, du Tollpatsch! Meine Schuhe hast du mir ruiniert“, brüllte der Mann und deutete auf die Wildlederschuhe, die er heute trug. Martin kreuzte seine Finger in der Hoffnung, dass es Holger war, in den er hinein gelaufen war. Doch es war nicht Holgers verärgertes Gesicht, in das er schaute, als er seinen Kopf allmählich anhob, um den Mann in Augenschein zu nehmen. Vielmehr war es der Halunke aus dem Haus, das er vor fünf Minuten erst passiert hatte und dessen Name er nicht einmal kannte.
Was hatte dieser Kerl schon so früh auf den Straßen zu suchen, wo Holger in seiner Funktion als Nachtwächter doch noch gar nicht ausgerufen hatte, dass die Leute aus ihren Federn kriechen sollten, um das Beste aus dem heutigen Tag zu machen? Und da gab es noch etwas, was sonderbarer war: Als sie zusammengestoßen waren, hatte es laut gepoltert und gescheppert, als wäre etwas Schweres zu Boden gefallen. Und in der Tat sah Martin eine Handvoll Holzscheiten, die jetzt auf dem Kopfsteinpflaster verstreut lagen, und fragte sich, ob der Halunke sie rechtmäßig erworben hatte oder ob er losgezogen war im Schutze der Dunkelheit, um fette Beute zu machen.
„Zu niemandem ein Wort. Halt dein Schandmaul“, rief der Mann mit finsterer Miene hinterher, als er seine Faust auf Martins Mund presste und ihm drohte, er würde ihm den Hals umdrehen, solle er auch nur ein Sterbenswörtchen über das verlieren, was sich hier zugetragen hatte.
Martin signalisierte dem stark angetrunkenen Mann, Folge zu leisten, und der Mann ließ von ihm ab und sammelte die Holzscheiten in aller Eile auf, um von hier zu verschwinden, zumal erste Anwohner ob des Tumults auf der Straße hellhörig wurden und die Lichter im Haus entzündeten.
Doch auch Martin lag viel daran, von den Anwohnern nicht gesehen zu werden, und so trennten sich ihre Wege kurz darauf. Er hielt es kaum noch aus, in dem stinkenden, klammen Lumpen zu stecken, und kaum, dass er den schmalen Feldweg hinter ihrem Haus erreichte, zog er sich den Lumpen aus und zog es vor, lieber unbekleidet seinen Weg zum Bauern fortzusetzen.
So ging das Tag ein Tag aus, Woche für Woche und Monat um Monat, und es war auch kein Silberstreif am Horizont erkennbar, dass sich an seiner misslichen Lage je etwas ändern würde. Sein einziger Trost war die Sonne, die sich jetzt mit aller Kraft über die Hügel schob und das Tal erwärmte, in dem die Havenburg wie in einer Schüssel lag. Wer hier ortsunkundig war, hielt vergebens Ausschau nach einem Kirchturm, der als höchstes Gebäude über die Dächer der kleinen Siedlung ragen würde. Einzig die Zinnen der Havenburg waren aus dem richtigen Blickwinkel heraus wahrzunehmen und galten dem Reisenden als Landmarke und grobe Orientierung, wo der letzte Zufluchtsort der Heiden versteckt lag.
Ein Geselle auf Wanderschaft, ein Barde mit Krämerladen hinter seinem Ochsengespann oder ein Reisender waren geneigt zu glauben, dass es die Bewohner von Havenburg darauf anlegten, nicht gefunden zu werden, da sie lieber unter sich blieben. Doch Martin kannte diesen pittoresken Landstrich, eingefasst von dunklen Wäldern, wie seine Westentasche (würde man heutzutage sagen), wenn er denn eine gehabt hätte. Er folgte einfach dem schmalen Feldweg, der ihn nach einem längeren Fußmarsch von rund einer halben Stunde zu dem Bauernhof der Familie Beskes führte.
Die Familie Beskes war dafür bekannt, dass sie eine recht kinderreiche Familie war und die Kinder jeder Orgel im Land Konkurrenz machen konnten. Es verging kein Jahr, in dem die Beskes keinen Nachwuchs bekamen, und so zählte der Bauer Beskes mittlerweile zwölf Mäuler, die er zu stopfen hatte.
Martin blieb für gewöhnlich eine weitere halbe Stunde auf dem Bauernhof, zu dem viele Nebengebäude und Felder gehörten, da er von Frau Beskes nicht eher weggeschickt wurde, bevor er sich den Bauch mit den Dingen vollgestopft hatte, die sie ihm auf einem Teller bereitstellte. Heute aber stand Frau Beskes schon am Wegesrand, da sie aus einiger Entfernung und mit großem Entsetzen festgestellt hatte, dass der Junge mal wieder in seinem Adamskostüm unterwegs war.
Als gottesfürchtige Frau wollte sie sich nicht nachsagen lassen, dass sie das billigte, wie dieser Junge den Zorn Gottes auf sich lenkte, und so war ein Eimer kaltes Wasser das Erste, womit Martin heute empfangen wurde. Zu Martins Glück hatte die Sonne bereits angenehmere Temperaturen im Gepäck wie noch vor wenigen Wochen, sodass er nicht in Schockstarre geriet, auch wenn er es hasste, wann immer er aus heiterem Himmel einen Eimer Wasser übergeschüttet bekam, ohne darauf vorbereitet zu sein. Es war eine Sache, bewusst ins kalte Wasser zu steigen, eine völlig andere jedoch, wenn es überraschend geschah. Doch ein Leinentuch zum Abtrocknen ließ nicht lange auf sich warten, bevor er von Frau Beskes eine lange Tunika übergezogen bekam, die ihm bis zu den Kniekehlen reichte.
Offenbar ein ausgetragenes Gewand ihres Gemahls, ohne dass Frau Beskes ihn nicht auf ihrem Hof wissen wollte: „Hier herrscht Zucht und Ordnung, mein Junge! Du solltest dir ein zweites Hemd einpacken, wenn du dich bei dieser Arbeit schmutzig machst. Einfach nackt in der Weltgeschichte umherzulaufen, gehört sich nicht.“
Martin ersparte sich zu erwidern, da er Leuten, die kluge Sprüche klopften, sicher haushoch unterlegen war. Das war das Gemeine an den gebildeten Leuten, dass sie stets einen Spruch auf Lager hatten und nicht selten Gott ins Spiel brachten. Und sobald Gott ins Spiel gebracht wurde, war ohnehin jeder Widerspruch zwecklos. Das wusste er nicht erst, seitdem ihr Dorf von Bruder Dominik heimgesucht wurde, um sie eines Besseren zu belehren.
„Soll ich die Kübel gleich zu den Stallungen bringen?“, fragte Martin und stemmte seine Füße bereits in den matschigen Boden, um den Handkarren von der Stelle zu bewegen.
Die Bäuerin nickte und ging ins Haus zurück. Sie hielt es nicht für nötig, dem kleinen, zierlichen Knaben zu helfen, obwohl Martin etwas Anschub hätte gebrauchen können, doch mit Müh und Not setzte sich der schwere Handkarren in Bewegung.
Martin steuerte auf die Stallungen zu, aus denen das Quieken und Grunzen der Schweine zu hören war. Er wusste genau, was mit all dem Unrat geschah. Es sollte den Schweinen zum Fraße vorgeworfen werden. Jedenfalls der Kübel, der voller Speisereste war. Und was hatten die ehrbaren Leute nicht alles weggeworfen, worüber sich eine arme Familie sicher noch gefreut hätte. Doch jetzt galt es, die Schweine zu füttern und nicht irgendwelche in Not geratene Menschen, die sich kaum ein Brotlaib leisten konnten.
Der Bauer, ein fettleibiger Raubein mit zerzaustem Haar, taxierte den Jungen von Kopf bis Fuß, als dieser die Scheune betrat, in der ein Dutzend Schweine um die Wette grunzten. Martin schob den Handkarren direkt an den Stall der Schweine heran, sodass er den Kübel nur noch umzukippen brauchte, statt ihn mit letzter Kraft auf den Boden zu stellen. Das mochte der Bauer zwar nicht allzu gern, da das die Schweine aufschrecken konnte, doch auch hier hielt es niemand für nötig, Martin zur Hand zu gehen. So stieg er auf den Karren und stemmte seine Füße gegen den schweren Kübel, den er damit zu Fall brachte. Mit einem lauten Getöse fiel der Kübel zu Boden, und die Schweine grunzten noch etwas lauter und rannten wild umher, dass es nicht lange auf sich warten ließ, vom Bauern eine Schelle gegen den Hinterkopf zu bekommen: „Habe ich dir nicht erst neulich gesagt, dass du warten sollst, bis wir gemeinsam die Kübel leeren.“
