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Das erfolgreiche Lehrbuch zur Pflegewissenschaft bietet einen umfassenden und verständlichen Überblick über die Theorie- und Methodendiskussion der Pflegewissenschaft, an dem kein Pflegestudierender vorbeikommt.Der Text ist didaktisch lernfördernd gegliedert und regt mit Studienaufgaben, Kontrollfragen, Lesetipps und weiterführender aktualisierte Literatur sowie Beispielen und Internetlinks zum kritischen Denken und selbstgesteuerten Lernen an. Die vierte Auflage wurde neu geordnet, überarbeitet und aktualisiert bezüglich der Beiträge über Postmoderne und Poststrukturalismus, Radikalen Konstruktivismus, ethische Herausforderungen, Rational-Choice-Theorien, gerontologische Pflege, Implementierungswissenschaft, Zusammenhänge zwischen Pflegewissen, -theorie, -klassifikationen und Pflegeprozess, Middle-Range-Theories und einem Ausblick auf die Pflegetheorieentwicklung in deutschsprachigen Ländern. Aus dem Inhalt: Pflegewissenschaft - Versuch einer Grundlegung Wissenschaft - Wissenschaftstheorie - WissenschaftsentwicklungWissensquellen; Definitionen, Entwicklung der PflegewissenschaftPflegewissenschaft und PflegeforschungPflegewissenschaft und EthikWissenschaftstheoretische StrömungenTheorien und Theorieentwicklung in der PflegewissenschaftTheorien und Modelle in der PflegewissenschaftSozialwissenschaftliche Theorieansätze und ihre Bedeutung für die PflegeKritische Diskussion ausgewählter pflegetheoretischer Ansätze
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Seitenzahl: 918
Veröffentlichungsjahr: 2021
Hermann Brandenburg
Stephan Dorschner
(Hrsg.)
Pflegewissenschaft 1
Lehr- und Arbeitsbuch zur Einführung in wissenschaftliches Denken und Theorien in der Pflege
4., überarbeitete und erweiterte Auflage
unter Mitarbeit von
Gerd Bekel
Volker Fenchel
Jürgen Georg
Matthias Hoben
Manfred Hülsken-Giesler
Reinhard Lay
Meridean Maas
Marcel Remme
Manfred Schnabel
Janet Specht
Diana Staudacher
Pflegewissenschaft 1
Hermann Brandenburg, Stephan Dorschner (Hrsg.)
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Pflege:
Jürgen Osterbrink, Salzburg; Doris Schaeffer, Bielefeld; Christine Sowinski, Köln; Franz Wagner, Berlin; Angelika Zegelin, Dortmund
Hermann Brandenburg (Hrsg.). Univ.-Prof. Dr., Hochschullehrer, Pflegewissenschaftliche Fakultät, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar, Vallendar
E-Mail: [email protected]
Stephan Dorschner (Hrsg.). Prof. Dr., Hochschullehrer, Ernst-Abbe-Hochschule Jena, FB Gesundheit und Pflege/Georg-Streiter-Institut für Pflegewissenschaft & HES-SO Wallis Visp (Schweiz)
E-Mail: [email protected]
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Hogrefe AG
Lektorat Pflege
z.Hd. Jürgen Georg
Länggass-Strasse 76
3012 Bern
Schweiz
Tel. +41 31 300 45 00
www.hogrefe.ch
Lektorat: Jürgen Georg, Michael Herrmann, Angela Ambühl
Herstellung: Daniel Berger
Umschlagabbildung: Wavebreakmedia, Getty Images
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Satz: punktgenau GmbH, Bühl
Format: EPUB
4., überarbeitete und erweiterte Auflage 2021
© 2021 Hogrefe Verlag, Bern
© 2003/2008/2015 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96086-9)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76086-5)
ISBN 978-3-456-86086-2
http://doi.org/10.1024/86086-000
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Für Sabine und Birgit
Für Benjamin, Jonas, Julia, Juliane, Linna und Aaron
Widmung
Vorwort zur ersten Auflage
Vorwort zur zweiten Auflage
Vorwort zur dritten Auflage
Vorwort zur vierten Auflage
Einleitung
Teil 1 Pflegewissenschaft – Eine Grundlegung
1 Pflegewissenschaft – Eine Einführung
1.1 Was ist Pflege?
1.2 Quellen des Wissens in der Pflege
1.2.1 Empirisches Wissen
1.2.2 Ethisches Wissen
1.2.3 Persönliches, personbezogenes Wissen
1.2.4 Intuitives, ästhetisches Wissen
1.3 „Wissen ist noch keine Wissenschaft …“
1.4 Pflegewissenschaft – Vier Definitionen und ein eigener Vorschlag
1.5 Historische Entwicklung der Pflegewissenschaft
1.5.1 Die Entwicklung in den USA
1.5.2 Die Entwicklung im deutschen Sprachraum
1.6 Pflegewissenschaft und Pflegeforschung
1.7 Pflegewissenschaft und EthikReinhard Lay
1.7.1 Was ist Ethik?
1.7.2 Struktur der Ethik in der Pflege
1.7.3 Aufgabengebiete der Ethik in der Pflegewissenschaft
1.7.4 Pflegeforschung erfordert Ethik
1.7.5 Pflegeforschung und Ethikkommissionen
1.7.6 Pflegeforschung und Ethikkodizes
1.7.7 Sonstige ethische Orientierungshilfen für Forschungsvorhaben in der Pflege
1.7.8 Ethische Beurteilung von Pflegetheorien und pflegerelevanten Konzepten
1.7.9 Ausblick auf die zukünftige Entwicklung
1.8 Zusammenfassung
2 Wissenschaftstheoretische Strömungen und ihre Bedeutung für die Pflegewissenschaft
2.1 Die empirisch-analytische Position
2.2 Kritische Theorie (Frankfurter Schule)
2.3 Interpretatives Paradigma, qualitative Forschung und Phänomenologie
2.3.1 Wissenschaftliche Schulen mit Einfluss auf die qualitative Forschung
2.3.2 Erklären versus Verstehen
2.3.3 Das interpretative Paradigma
2.3.4 Unterscheidung zwischen „quantitativ“ und „qualitativ“
2.3.5 Merkmale der phänomenologischen Analyse
2.3.5.1 Phänomenologie als „Lebenswissenschaft“
2.3.5.2 Phänomenologie als Auflösung der „Selbstverständlichkeit“ des Alltags
2.3.5.3 Phänomenologie als hermeneutische Rekonstruktion
2.4 Radikaler KonstruktivismusMarcel Remme
2.4.1 Einführung Konstruktivismus
2.4.2 Positionen und Argumentationen des Radikalen Konstruktivismus
2.4.2.1 Kognitionspsychologischer Konstruktivismus
2.4.2.2 Neurokonstruktivismus
2.4.3 Kritik des Radikalen Konstruktivismus
2.4.3.1 Argumentationsfehler des Radikalen Konstruktivismus
2.4.3.2 „Blinde Flecken“ des Radikalen Konstruktivismus
2.4.4 Rezeption des Radikalen Konstruktivismus in der Pflegewissenschaft
2.4.5 Fazit: Radikaler Konstruktivismus und Pflegewissenschaft
2.5 Poststrukturalismus Manfred Schnabel
2.5.1 Prämissen des Strukturalismus
2.5.1.1 Sinn und Differenz
2.5.1.2 Sprache und Subjekt
2.5.2 Nach dem Strukturalismus
2.5.2.1 Die Dekonstruktion der Struktur
2.5.2.2 Die Dekonstruktion des Signifikats
2.5.2.3 Sinn und Un-Sinn
2.5.3 Eckpunkte eines sozial- und pflegewissenschaftlichen Poststrukturalismus
2.5.3.1 Sprache und Praxis
2.5.3.2 Diskontinuität und Historizität
2.5.3.3 Macht und Wissen
2.5.3.4 Das Innen und das konstitutive Außen
2.5.3.5 Die Dezentrierung des Subjekts
2.5.3.6 Macht und Subjektivierung
2.5.4 Erträge und Kritik der poststrukturalistischen Perspektive
2.5.4.1 Erträge
2.5.4.2 Kritik
2.5.4.3 Antihumanismus oder Erkenntniskritik?
2.5.5 Rezeption des Poststrukturalismus in der Pflegewissenschaft
2.5.5.1 Macht, Wissen und Diskurs
2.5.5.2 Macht und Subjektivierung
2.5.5.3 Pflege und ihr konstitutives Außen
2.5.6 Fazit
2.5.7 Zusammenfassung
2.6 PostmoderneDiana Staudacher
2.6.1 Was ist „postmodernes“ Denken?
2.6.2 Fazit: „Mitfühlendes Wissen“ – Auftrag postmoderner Pflegewissenschaft
2.6.3 Was heißt postmodern Wissenschaft betreiben?
2.6.4 Die „schmerzempfindiche Vernunft“
2.6.5 Der „Humanismus des anderen Menschen“ (Emmanuel Levinas)
2.6.5.1 Schlüsselsätze
2.6.5.2 Hauptthesen
2.6.5.3 Kommentar
2.6.6 „Die Differenz denken“ (Jean-François Lyotard)
2.6.6.1 Schlüsselsätze
2.6.6.2 Hauptthesen
2.6.6.3 Kommentar
2.6.7 Die soziale Fragilität des Humanen (Zygmunt Bauman)
2.6.7.1 Schlüsselsätze
2.6.7.2 Hauptthesen
2.6.7.3 Kommentar
2.6.8 Hospitality: „Gastfreundschaft“ (Jacques Derrida)
2.6.8.1 Schlüsselsätze
2.6.8.2 Hauptthesen
2.6.8.3 Kommentar
2.7 Zusammenfassung
Teil 2 Pflegewissenschaft und Theorieentwicklung
3 Theorien und Modelle in der Pflegewissenschaft
3.1 Was sind Theorien?
3.1.1 Die Einteilung der Theorien nach ihrer Funktion
3.1.2 Einteilung der Theorien nach ihrer Ebene
3.1.3 Einteilung der Theorien nach ihrer Reichweite
3.2 Pflegetheorien oder Pflegemodelle?
3.3 Einteilung von Pflegetheorien und -modellen
3.4 Einheitstheorie oder Theorienpluralismus?
3.5 Metaparadigmen in der Pflege?
3.5.1 Was ist ein Metaparadigma?
3.5.2 Auf der Suche nach zentralen Konzepten der Pflegewissenschaft
3.5.3 Der theoretische Ansatz von Jacqueline Fawcett
3.5.4 Zur Bedeutung der Theorieentwicklung in der Pflegewissenschaft
3.6 Zusammenfassung
4 Sozialwissenschaftliche Theorieansätze und ihre Bedeutung für die PflegeVolker Fenchel
4.1 Sozialwissenschaftliche Theorien und Pflegewissenschaft
4.2 Psychologische Persönlichkeits- und Entwicklungstheorien
4.2.1 Begriffsklärung: „Persönlichkeit“ und „Entwicklung“
4.2.2 Persönlichkeitstheorien
4.2.3 Entwicklungstheorien
4.2.3.1 Lerntheorien
4.2.3.2 Bewältigungsorientierte Entwicklungstheorien
4.3 Sozialpsychologische Interaktionstheorien
4.3.1 Der Symbolische Interaktionismus
4.3.2 Verhaltenstheorie
4.3.3 Die Rational-Choice-Theorie
4.4 Soziologische Systemtheorien
4.4.1 Die strukturell-funktionale Theorie (Talcott Parsons)
4.4.2 Theorie autopoietischer Systeme (Niklas Luhmann)
4.4.2.1 Autopoiesis
4.4.2.2 Strukturelle Kopplung
4.4.2.3 Operationale Geschlossenheit
4.4.2.4 Selbstreferenzialität
4.4.2.5 Kommunikation
4.4.2.6 Sinn
4.5 Zusammenfassung
5 Kritische Reflexion pflegetheoretischer Ansätze und Entwicklungen
5.1 Ausgewählte Pflegetheorien großer Reichweite
5.1.1 Das Roper-Logan-Tierney-Modell
5.1.1.1 Theoretischer Hintergrund des Modells
5.1.1.2 Zentrale theoretische Konzepte und Aussagen
5.1.1.3 Kritik des Theorieansatzes
5.1.1.4 Relevanz für Forschung, Ausbildung und Praxis in der Pflege
5.1.1.5 Einordnung der pflegetheoretischen Diskussion in Deutschland
5.1.2 Dorothea Orem – Die Selbstpflegedefizit-TheorieGerd Bekel
5.1.2.1 Entwicklung der Selbstpflegedefizit-Theorie
5.1.2.2 Pflegespezifische Sichtweisen des Menschen
5.1.2.3 Theoriegebäude und elementare Teilkonzepte
5.1.2.4 Wissenschaftstheoretische Diskussion innerhalb der Selbstpflegedefizit-Theorie
5.1.2.5 Wissenschaftskonzept der Pflege
5.1.2.6 Entwicklungsstadien der Pflegewissenschaft
5.1.2.7 Ausgewählte Darstellungen der Forschungsliteratur
5.1.2.8 Anwendungsorientierte Forschungsarbeiten
5.1.2.9 Grundlagenorientierte Forschungsarbeiten
5.1.2.10 Stand der Diskussion der Selbstpflegedefizit-Theorie in Deutschland
5.1.2.11 Weitere Entwicklung
5.1.3 Hildegard Peplau – ein personen- und interaktionsorientierter Ansatz
5.1.3.1 Pflegewissenschaftlicher Kontext der Entstehung der Theorie
5.1.3.2 Hauptelemente und -aussagen der psychodynamischen Pflegetheorie
5.1.3.3 Zur Bedeutung der Theorie der psychodynamischen Pflege
5.1.4 Weitere pflegetheoretische AnsätzeJanet P. Specht und Meridean L. Maas
5.1.4.1 Interaktionstheorien („On Interactions“)
5.1.4.2 Outcome-Theorien
5.2 Angloamerikanische Theorien – hilfreich oder nicht?
5.3 Theorien mittlerer Reichweite (Middle Range Nursing Theories)
5.3.1 Begriffsbestimmung und Differenzierung
5.3.2 Ausgewählte Beispiele für Theorien mittlerer Reichweite
5.3.3 Theorien mittlerer Reichweite – Eine Chance für die Pflege in Deutschland?
5.4 Situationsspezifische Pflegetheorien (Theorien geringer Reichweite)
5.5 Aktuelle Entwicklungen in der Pflege
5.5.1 Neuere Ansätze in der Theorieentwicklung in Deutschland
5.5.2 Technik und Neue Technologien in der PflegeManfred Hülsken-Giesler
5.5.2.1 Eingrenzung und Systematisierung des Themenfeldes
5.5.2.2 Konventionelle technische Hilfsmittel
5.5.2.3 Hintergründe der Etablierung Neuer Technologien in der Pflege
5.5.2.4 Technikakzeptanz und Technikkompetenz
5.5.2.5 Übergreifende Perspektiven
5.5.2.6 Zusammenfassung
5.6 Theorieansätze in der gerontologischen PflegeVolker Fenchel
5.6.1 Person-Centred Care
5.6.1.1 Der person-zentrierte Ansatz von Tom Kitwood
5.6.1.2 Die Selbst-Erhaltungstherapie (SET) nach Barbara Romero
5.6.2 Relationship-Centred Care
5.6.3 Das Senses-Framework von Mike Nolan
5.7 Schlussbemerkung
5.8 Das Verhältnis von Theorie und Praxis
5.9 Implementierungswissenschaft in der Pflege – Matthias Hoben und Hermann Brandenburg im Gespräch
5.10 Zusammenfassung
Anhang
Glossar
Weiterführende Adressen und Internetlinks
Theorien mittlerer Reichweite (Middle Range Theories)
Verzeichnis der Herausgeber, Autorinnen und Autoren
Sachwortverzeichnis
Das vorliegende Lehr- und Arbeitsbuch behandelt inhaltlich Fragen der Wissenschaftstheorie und der Theorieentwicklung in der Pflegewissenschaft. Ein zweiter Band wird methodische Aspekte behandeln und ausgewählte Befunde der Pflegewissenschaft vorstellen. Nach dem Studium dieser Bände soll dem Leser ein grundlegender Einstieg in Pflegewissenschaft und Pflegeforschung ermöglicht und ein eigener Standpunkt begründbar sein.
Der vorliegende Text war nicht ohne die Kritik und die Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen denkbar. Sabine Bartholomeyczik und Hans-Werner Wahl haben das gesamte Manuskript gelesen und uns wertvolle Hinweise gegeben. Volker Fenchel, Gerd Bekel und Reinhard Lay haben kurze oder längere Kapitel zum Gesamttext beigetragen. Ihnen allen sei an dieser Stelle recht herzlich gedankt. Ohne die Mithilfe der genannten Personen wäre dieses Buch nicht erschienen.
Hermann Brandenburg und Stephan Dorschner
Freiburg und Jena, im Winter 2002
Die zweite Auflage von „Pflegewissenschaft 1“ liegt vor. Das Lehr- und Arbeitsbuch wurde überarbeitet, korrigiert und um eine ausführliche Zusammenstellung von Internetlinks ergänzt. Mit der Veränderung des Untertitels haben wir unsere Absicht mit diesem Buch präzisiert: es soll in das wissenschaftliche Denken in der Pflege einführen.
Die wichtigsten Änderungen beziehen sich auf zwei neue Beiträge für das Buch. Es handelt sich dabei zunächst um einen Text von Marcel Remme, der sich kritisch mit dem Konstruktivismus auseinandersetzt. Dies war den Herausgebern ein wichtiges Anliegen, denn in der Pflege neigen wir manchmal dazu, Modetrends im wissenschaftlichen Diskurs gläubig aufzugreifen und uns von ihnen vereinnahmen zu lassen. Nicht zuletzt aus diesem Grunde sollte in der Pflegewissenschaft, aber auch in der Pflegepädagogik und dem Pflegemanagement eine kritische Rezeption des Konstruktivismus, vor allem seiner radikalen Variante, erfolgen. Mit dem zweiten Text, der von Meridean Maas und Janet Specht aus den USA verfasst wurde, reagieren wir auf eine Kritik an unserem Buch. Von einigen Personen wurde bemängelt, dass „grand theories“ zu stark im Vordergrund standen und Theorien mittlerer Reichweite sowie Praxistheorien nur ansatzweise behandelt wurden. Diesem Mangel soll durch den Text der amerikanischen Kolleginnen, welche die pflegetheoretische Entwicklung bis zur aktuellen Diskussion um die Ergebnisqualität in der Pflege nachvollziehen, begegnet werden. Er wurde in drei Beiträge aufgeteilt und in die Kapitel 4 und 6 des Lehr- und Arbeitsbuches integriert.
Wir danken Jürgen Georg vom Verlag Hans Huber für seine kompetente und freundlich zugewandte Art im Umgang mit uns. Wissenschaft ist allzu häufig ein trockenes Geschäft. Aber die Neuauflage von Pflegewissenschaft 1 hat uns viel Spaß und Freude gemacht. Daran war Jürgen Georg nicht ganz unschuldig. Wir danken darüber hinaus allen, die an der Überarbeitung beteiligt waren und freuen uns auf weitere Anregungen von den Leserinnen und Lesern.
Hermann Brandenburg und Stephan Dorschner
Freiburg und Jena, Ostern 2008
In der dritten Auflage wurde der gesamte Text korrigiert und ergänzt. In Kapitel 6 wurde ein Abschnitt zu „Technik und Neue Technologien in der Pflege eingefügt, Kapitel 6 wurde vollständig neu bearbeitet und um einen Abschnitt „Neuere Ansätze in der Theorieentwicklung der Pflege“ erweitert. Viele Lesetipps, Beispiele etc. wurden aktualisiert. Wir danken auch diesmal vor allem Herrn Georg vom Hogrefe Verlag für seine wie immer konstruktiven und weiterführenden Hinweise. Er hat auch selbst in Kapitel 2 einen Beitrag zu „Quellen der Wissensformen in der Pflege“ beigesteuert.
Hermann Brandenburg und Stephan Dorschner
Freiburg und Jena, Frühjahr 2015
Für die vierte Auflage haben wir den Text neu geordnet und überarbeitet. Die ersten beiden Kapitel sind in einem Kapitel zusammengefasst worden. Im (neuen) Kapitel 2 wurden Ausführungen zum Poststrukturalismus und zur Postmoderne eingefügt und diesbezüglich ein Bezug zur Pflege bzw. Pflegewissenschaft hergestellt. Die Hinweise zum Radikalen Konstruktivismus wurden gekürzt und aktualisiert. Ebenfalls wurde der Abschnitt zu den ethischen Herausforderungen in der Pflegewissenschaft auf den neuesten Stand gebracht. Darüber hinaus wurde das Kapitel zu den sozialwissenschaftlichen Theorieansätzen ebenfalls ergänzt, und zwar um einen kurzen Text zu den Rational-Choice-Theorien. Die pflegetheoretischen Überlegungen wurden durch Ausführungen zu Theorieansätzen in der gerontologischen Pflege ergänzt. Schlussendlich haben wir in der Form eines Interviews einen neuen Abschnitt zur Implementierungswissenschaft in das Buch aufgenommen. Der rote Faden im Buch ist vor allem strukturiert durch die Kapitel 1, 3 und 5, die Kapitel 2 und 4 dienen der Vertiefung. Wie immer wurden Lesetipps, Studienaufgaben und Beispiele aktualisiert. Auch andere Strukturelemente wurden genutzt, um den Charakter des Buches als Lehr- und Arbeitsbuch weiterzuentwickeln. Wir haben den Autorinnen und Autoren die Behandlung der Genderthematik freigestellt. Wir danken allen Autorinnen und Autoren für die Überarbeitungen der Texte sowie Herrn Jürgen Georg und seinem Team vom Hogrefe Verlag für inhaltliche Ergänzungen und substanzielle Verbesserungsvorschläge.
Hermann Brandenburg und Stephan Dorschner
Vallendar und Jena, Frühjahr 2021
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit einer Wissenschaft – also auch mit der Pflege als Wissenschaft (Pflegewissenschaft) – stehen das Überprüfen und Vergleichen der eigenen Meinung mit den in dieser Disziplin vorherrschenden theoretischen Ansätzen bzw. Lehrmeinungen. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie die aus dieser ständigen Auseinandersetzung gewonnenen Erkenntnisse sind es, welche die Entwicklung von Wissenschaften vorantreiben. Dabei kann sich im Ergebnis herausstellen, dass die eigene Position, die zunächst sehr isoliert und abseits von anderen Meinungen stand, einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der Disziplin darstellt. Es kann sich aber auch zeigen, dass ein sehr vielversprechender Ansatz nach intensiver Diskussion verworfen werden muss.
Mit dem vorliegenden Lehr- und Arbeitsbuch erhalten Sie eine Möglichkeit, in diese Auseinandersetzung – den wissenschaftlichen Diskurs – im Hinblick auf die Pflegewissenschaft ganz bewusst einzutreten. Die Autoren möchten Sie ausdrücklich ermutigen, dies auch wirklich zu tun. Die folgende Studienaufgabe ist als ein möglicher Einstieg gedacht.
Studienaufgabe E-1
Versuchen Sie bitte selbst einmal – bevor Sie weiterlesen – zu formulieren, was Ihnen als Gegenstand und Aufgaben der Pflegewissenschaft besonders wichtig erscheint. Nehmen Sie am besten ein Blatt Papier und notieren
Sie sich zunächst stichpunktartig das, was Ihnen dazu einfällt. Nehmen Sie sich ausreichend Zeit! In einem zweiten Schritt (vielleicht einen Tag später) versuchen Sie Ihre Gedanken zu ordnen und notieren das Ergebnis bitte auf einem Blatt Papier, das Sie für die weitere Arbeit mit diesem Buch immer neben sich liegen haben sollten. Im Laufe des Lehrtextes werden wir uns immer wieder auf Ihre Definition beziehen. Besprechen Sie Ihre Antworten – wenn möglich – mit anderen Studierenden oder mit Ihren Arbeitskolleginnen bzw. -kollegen. Am Schluss jedes Kapitels überdenken Sie bitte Ihre Begriffserklärung und nehmen – wenn Ihrer Meinung nach Bedarf besteht – ggf. Änderungen bzw. Ergänzungen vor.
Obwohl die pflegewissenschaftliche Literatur in den vergangenen Jahren enorm zugenommen hat, liegen (einführende) Lehrbücher im klassischen Sinne bisher in deutscher Sprache kaum vor. Als Autorinnen und Autoren haben wir uns bemüht, die komplizierte Gratwanderung zwischen dem einführenden Charakter und dem wissenschaftlichen Anspruch, zwischen theoretischen Überlegungen einzelner Wissenschaftler und dem praktischen Alltag in den unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern der Pflege zu wagen. Dabei kommt es uns darauf an, …
… ausgehend von der Frage, was Pflege eigentlich ist bzw. wie Pflege definiert werden |18|kann, wesentliche Elemente der Pflegewissenschaft aufzuzeigen und die Eckpunkte dieser Wissenschaftsdisziplin zu skizzieren.
… einige Grundgedanken der Wissenschaftstheorie zu vermitteln.
… einen Einblick in die Überlegungen verschiedener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur Pflegewissenschaft und Pflegeforschung sowie einen Überblick über die historische Entwicklung der Pflegewissenschaft in den USA und Deutschland zu geben.
… an ausgewählten aktuellen Beispielen aus der Pflegeforschung die Bedeutung der Pflegewissenschaft für die pflegerische Praxis sowie die praktische Tätigkeit in der Pflege für die Pflegewissenschaft aufzuzeigen.
… die Hintergründe der aktuellen Debatte um die Eigenständigkeit von Pflegewissenschaft, die Theorieentwicklung, den Theorienpluralismus und den Theorie-Praxis-Transfer deutlich zu machen.
… ein vertieftes Verständnis der aktuellen Pflegediskussion durch eine ausführliche Darlegung sozialwissenschaftlicher Theorieansätze und unterschiedlicher Forschungsmethoden zu ermöglichen.
… auf der Grundlage der unterschiedlichen Auffassungen zu den Begriffen „Theorie“ und „Modell“ einen Einstieg in die Diskussion, um Pflegetheorien bzw. Pflegemodelle zu ermöglichen.
Um diese Ziele zu realisieren, haben wir ein besonderes Augenmerk auf didaktische Aspekte für die Lehre und das Selbststudium gelegt:
Im laufenden Text der einzelnen Kapitel finden Sie Lesetipps. Sie sollen zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den besprochenen Themen anregen, setzen aber in der Regel die intensive Auseinandersetzung mit dem Lehrtext voraus.
Am Schluss jedes Kapitels wird sowohl weiterführende Literatur als auch die im Text zitierte aufgeführt.
Außerdem finden Sie Fragen zur Wiederholung und zum Weiterdenken.
Darüber hinaus wurden Beispiele und Studienaufgaben in den Text integriert. Beispiele sollen die Aussagen des Textes noch stärker konkretisieren.
Studienaufgaben mögen Sie anregen, sich intensiver mit der Materie zu beschäftigen und sich in Einzelfragen – auch gemeinsam mit den Lesetipps und der weiterführenden Literatur – detaillierter einzuarbeiten.
Wir wünschen uns, dass Sie – liebe Leserinnen und Leser – das Buch tatsächlich als Lehr-, Lern- und Arbeitsbuch nutzen. Sie werden am meisten profitieren, wenn Sie unsere Studienaufgaben und Literaturtipps als Anregungen für ein intensives Weiterarbeiten interpretieren. Setzen Sie dabei auch eigene Schwerpunkte und mischen Sie sich kritisch in die aktuelle Diskussion ein. Als Autorinnen und Autoren erhoffen wir uns natürlich auch den Dialog mit den Leserinnen und Lesern unseres Buches und freuen uns deshalb über jede Form der konstruktiven Rückmeldung.
„You’re never finished being a student. You remain a student for your whole life if you’re good at it.“
Virginia Henderson (1897–1996)
Im Zentrum dieses ersten Kapitels steht eine grundlegende Einführung in die Pflege als wissenschaftliche Disziplin: die Pflegewissenschaft. Ausgangspunkt ist zunächst die Frage, was Pflege eigentlich bedeutet bzw. umfasst. Es folgen einige einführende Überlegungen zum Begriff „Wissenschaft“ sowie zu Merkmalen bzw. Kriterien von Wissenschaftlichkeit. Unterschiedliche Definitionen des Begriffs „Wissenschaft“ sollen aufzeigen, dass es keine einheitliche Bestimmung gibt. Vielmehr ist der Wissenschaftsbegriff abhängig von bestimmten Positionen, die der Autor zu Aufgaben und Zwecken der Wissenschaft einnimmt. Die Analyse und kritische Bewertung dieser Zusammenhänge sind Aufgabe der Wissenschaftstheorie. Am Beispiel von Deduktion und Induktion werden Möglichkeiten und Grenzen verschiedener Erkenntniswege aufgezeigt. Die Darstellung verschiedener Quellen des Wissens in der Pflege, der Versuch, Pflegewissenschaft als wissenschaftliche Disziplin zu definieren sowie die Entwicklung der Pflegewissenschaft in den USA und in Deutschland bilden den Kern des Kapitels. Vor dem Hintergrund des skizzierten Pflegebegriffs werden eine Arbeitsdefinition von Pflegewissenschaft vorgeschlagen sowie Gegenstand und Aufgaben der Pflegewissenschaft herausgearbeitet. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Bedeutung der Pflegeforschung. Abschließend wird die ethische Dimension der Pflegewissenschaft angesprochen und die Notwendigkeit ethisch-moralischer Reflexionen gezeigt.
Lernziele
Nach dem Durcharbeiten dieses Kapitels sollen Sie…
… die Genese und die unterschiedlichen Wortbedeutungen des Begriffs „Pflege“ kennen.
… eine eigene Definition des Begriffs „Pflege“ vorlegen können.
… Quellen des Wissens in der Pflege benennen können.
… ein Verständnis für unterschiedliche Auffassungen von Inhalt und Aufgaben der Pflege bei ausgewählten Pflegewissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern entwickelt haben.
… die Begriffe „Wissenschaft“ und „Wissenschaftstheorie“ erklären können.
… allgemeine Merkmale und Kriterien kennen, die Wissenschaft von vor- und nichtwissenschaftlichen Konzeptionen und Überlegungen unterscheiden.
… sich mit zwei wichtigen wissenschaftstheoretischen Grundbegriffen (Deduktion/Induktion) auseinandergesetzt haben.
… die Problematik des Begriffs „wissenschaftlicher Fortschritt“ verstehen.
… vor dem Hintergrund verschiedener Definitionen von Pflegewissenschaft eine eigene Begriffserklärung vornehmen können.
… einen Überblick über wichtige Stationen der Entwicklung der Pflege als Wissenschaft im In- und Ausland gewinnen.
|22|… den Zusammenhang von Pflegewissenschaft und Pflegeforschung verstehen.
… ethische Aspekte der Pflegewissenschaft darstellen können.
Schlüsselworte
Pflege, Pflegeverständnis, Wissen, Wissen in der Pflege, Wissenschaft, Wissenschaftstheorie, Pflegewissenschaft, Pflegeforschung, Ethik und Pflegewissenschaft
„Wie es scheint, ist sich die Pflege nicht recht im Klaren über ihren Platz im Spektrum der Gesundheitsberufe und über die Rolle, die ihre Vertreter in den heutigen, expandierenden Gesundheitsdiensten spielen können. Und das aus gutem Grund, denn die Konturen der Pflege sind heute einem raschen Wandel unterworfen. Andere Gesundheitsberufe, insbesondere die Ärzteschaft, stellen immer größere Ansprüche an die Pflegekräfte und vonseiten der Laien werden mehr und mehr Funktionen übernommen, die seit den Anfängen des Pflegeberufs als Vorrecht der professionellen Pflege galten. In vielen Situationen lässt sich die fachliche Identität der Pflege gar nicht mehr deutlich eingrenzen und vielen Pflegenden fällt es schwer, gültige Antworten auf bestimmte Fragen zu geben: Was ist Pflege? Was zeichnet die professionelle Pflege aus? Wo hat die Pflege ihren definitiven Zuständigkeitsbereich?“
Ernestine Wiedenbach (1900–1996)
Studienaufgabe 1-1
Was ist Pflege? Notieren Sie Ihre Definition von Pflege! Bitte formulieren Sie in wenigen Sätzen, auf maximal einer Seite, was Sie unter Pflege verstehen.
Der Begriff „Pflege“ wird heute im Sprachgebrauch unserer Gesellschaft geradezu inflationär verwendet. Fragt man den viel zitierten Durchschnittsbürger, was er mit den Begriffen „Pflege“ bzw. „pflegen“ verbindet, so erhält man eine breite Palette von Antworten. Sie reicht von Zusammensetzungen unter Verwendung des Substantivs Pflege in einem sehr weiten Sinne (z. B. Altenpflege, Autopflege, Denkmalpflege, Fußpflege, Hauspflege, Hautpflege, Imagepflege, Jugendpflege, Kinderpflege, Körperpflege, Krankenpflege, Kulturpflege, Landschaftspflege, Mundpflege, Säuglingspflege, Tierpflege, Traditionspflege, Wohlfahrtspflege, aber auch Pflegebedürftigkeit oder Pflegeversicherung) bis hin zu häufig genannten Assoziationen zu diesem Begriff im engeren Sinne (z. B. Dienen, Nächstenliebe, wenig Anerkennung, harte Arbeit, Schichtdienst, Wochenenddienst, Kinder pflegen Eltern, Eltern pflegen Kinder, Großeltern pflegen Enkel, Enkel pflegen Großeltern). Diese Vielschichtigkeit spiegelt sich natürlich auch in verschiedenen Berufsbezeichnungen im Berufsfeld Pflege wider, wie zum Beispiel Gesundheits- und Krankenpflegerin/Krankenpfleger, Kinderkrankenpflegerin/Kinderkrankenpfleger, Altenpflegerin/Altenpfleger, Altenpflegehelferin/Altenpflegehelfer, Heilerziehungspflegerin/Heilerziehungspfleger, Heilerziehungshelferin/Heilerziehungshelfer und Entbindungspflegerin (Hebamme) im Kontext einer noch größeren Zahl von Berufen im sogenannten Berufsfeld Gesundheit. Mit dem Inkrafttreten des am 17.07.2017 vom Deutschen Bundestag beschlossenen Gesetzes über die Pflegeberufe (Pflegeberufegesetz [PflBG]) am 01.01.2020 gilt in Deutschland für mindestens dreijährig beruflich oder hochschulisch ausgebildete Pflegende die neue Berufsbezeichnung „Pflegefachfrau/Pflegefachmann“ (vgl. § 1 Abs. 1), die in der Schweiz schon seit einer Reihe von Jahren eingeführt ist.
Bei dem Versuch einer Eingrenzung des Begriffs „Pflege“ im Sinne dieses Buches zeigt sich, dass er „sowohl für die pflegerische Handlung, die Pflegearbeit als auch für alles steht, was mit dem gesamten Feld zu tun hat (der Beruf, die Theorie und die Praxis)“ (Mühlum, Bartholomeyczik & Göpel, 1997, S. 61).
|23|Etymologisch ist der Ursprung des westgermanischen Verbs „pflegen“ (mittelhochdeutsch: pflegen, althochdeutsch: pflegan, niederländisch: plegen, altenglisch: pleon) nicht endgültig geklärt. Zunächst bedeutete es soviel wie „für etwas einstehen, sich für etwas einsetzen“. Daraus entwickelten sich jedoch sehr rasch (noch in den alten Sprachzuständen) zwei verschiedene Bedeutungen: einerseits „sorgen für, betreuen, hegen“, andererseits „sich mit etwas abgeben, betreiben, gewohnt sein“. Die frühere starke Beugung findet man heute nur noch in altertümlichen oder poetischen Texten („pflog, gepflogen“), allerdings resultiert hieraus die Substantivbildung „Gepflogenheit“, die soviel wie „Gewohnheit“ bedeutet. Im deutschen Sprachgebrauch gruppieren sich um das Verb „pflegen“ die Bildungen „Pflege“ (Sorge, Obhut, Betreuung), „Pfleger“ (Fürsorger, Betreuer, Krankenwärter) sowie „pfleglich“ (fürsorglich, sorgsam) und die Präfixbildung „verpflegen“ (mit Nahrung versehen, beköstigen) bzw. die Substantivbildung „Verpflegung“. Interessant ist außerdem, dass es sich bei dem ebenfalls westgermanischen Substantiv „Pflicht“ um eine Substantivbildung zu „pflegen“ handelt. In Zusammenhang mit „Pflicht“ ist noch der neu- bzw. mittelhochdeutsche Begriff „pflichten“ (in einem Dienstverhältnis stehen, in ein Dienstverhältnis nehmen) zu sehen, der heute in Verben wie „verpflichten“ (in Dienst nehmen, durch ein Versprechen binden) und „beipflichten“ (zustimmen, recht geben) fortbesteht (Dorschner, 1998a; Duden, 1989).
Vor diesem Hintergrund sollen exemplarisch ausgewählte Definitionen des Begriffs „Pflege“ betrachtet werden, insbesondere hinsichtlich Bestimmung, Aufgaben und Grenzen von Pflege:
Pflege ist ein signifikanter, therapeutischer, interpersonaler Prozess. Sie wirkt in Kooperation mit anderen menschlichen Prozessen, die dem Einzelnen in der Gesellschaft Gesundheit ermöglichen. In spezifischen Situationen, in denen ein professionelles Gesundheitsteam gesundheitsbezogene Dienstleistungen erbringt, beteiligen sich die Pflegekräfte an der Organisation von Bedingungen, die die natürlichen fortlaufenden Tendenzen im menschlichen Organismus unterstützen. Die Pflege ist ein edukatives Instrument, eine die Reife fördernde Kraft, die darauf abzielt, die Vorwärtsbewegung der Persönlichkeit in Richtung kreatives, konstruktives, produktives, persönliches und gesellschaftliches Leben zu bewirken. (Peplau, 1995, 39)
Pflege ist eine Kunst, durch die der Pflegende, also derjenige, der Pflege praktiziert, Personen mit Einschränkungen spezielle Unterstützung gewährleistet, sofern mehr als eine gewöhnliche Unterstützung notwendig ist, um den täglichen Erfordernissen zur Selbstpflege zu entsprechen und um auf intelligente Weise an der medizinischen Versorgung teilzunehmen, die sie durch Ärztinnen und Ärzte erhalten. Die Kunst der Pflege wird praktiziert, indem für die Person mit der Einschränkung „etwas getan wird“, indem man „ihr hilft, selbst etwas für sich zu tun“ und/oder indem man „ihr hilft zu erlernen, wie sie selbst etwas für sich tun kann“. Pflege wird auch praktiziert, indem man einer kompetenten Person aus der Familie des Patienten oder einem Freund der Patientin hilft, zu lernen, „wie man etwas für den Patienten tun kann“. Einen Patienten zu pflegen ist somit eine praktische und didaktische Kunstfertigkeit. (Orem, 1997, S. 7)
So ergibt sich eine Definition von Pflege, die den Gesunden und den Kranken meint“ als „therapeutischer, personaler Dienst am Menschen in Sorge um das Wachsen und Werden, entsprechend seiner Bedürftigkeit und Befindlichkeit in allen Ebenen des Menschseins […] verstanden als verstehend, liebend und handelnd, In-Beziehung-Treten zur Mitwelt und Umwelt im Bereich aller Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) durch Behandeln, Betreuen, Begleiten; Hilfe zur Selbsthilfe durch |24|Aktivieren aller inneren Kräfte und Energien (Ressourcen) und äußeren Hilfen (Helfer) und Hilfsmittel zur Bewältigung der Realität des Lebens und des Menschseins, sei es in optimaler Gesundheit, in bestmöglicher Lebensqualität, im Sinne der Anpassung an die Realität (z. B. eine Behinderung), an die psychischen, physischen und sozialen Möglichkeiten und Grenzen und in Lebenserfüllung im Sterben. (Juchli, 1983, S. 73 f., Hervorh. im Orig.)
Pflege ist ein zum Menschen hin orientierter Beruf, der sich mit allen menschlichen Bedürfnissen und Problemen befasst, welche mit Gesundheit, Krisensituationen und Krankheit zu tun haben. Pflege bemüht sich, Gesundheit zu fördern, zu erhalten und wiederherzustellen, indem sie Individuen und Gruppen hilft, ihr Gesundheitsbewusstsein zu fördern, Verantwortung für eine gesunde Lebensweise und Umgebung zu übernehmen und eigene Ressourcen zu entwickeln. Sie bemüht sich ferner, Krankheit und Invalidität vorzubeugen und zu deren Heilung beizutragen. Pflege hilft Individuen und Gruppen, mit Krankheit, Krisen, Invalidität sowie deren Therapien und Pflege umzugehen und fertigzuwerden. Sie hilft ihnen, Einrichtungen des Gesundheitswesens adäquat zu nutzen. Sie trägt dazu bei, das Gesundheitswesen so zu entwickeln, dass es den Bedürfnissen der Bevölkerung entspricht. Sie tut dies im Bewusstsein, dass Gesundheit eine vitale Ressource für den Einzelnen der Gesellschaft darstellt. (Käppeli, 1986, zit. in Käppeli, 1993, S. 17)
Professionelle Pflege umfasst die eigenverantwortliche Versorgung und Betreuung, allein oder in Kooperation mit anderen Berufsangehörigen, von Menschen aller Altersgruppen, von Familien oder Lebensgemeinschaften, sowie Gruppen und sozialen Gemeinschaften, ob krank oder gesund, in allen Lebenssituationen (Settings). Pflege umfasst die Förderung der Gesundheit, die Verhütung von Krankheiten und die Versorgung und Betreuung kranker, behinderter und sterbender Menschen. Weitere Schlüsselaufgaben der Pflege sind die Wahrnehmung der Interessen und Bedürfnisse (Advocacy), die Förderung einer sicheren Umgebung, die Forschung, die Mitwirkung in der Gestaltung der Gesundheitspolitik sowie das Management des Gesundheitswesens und in der Bildung. (ICN; offizielle, von den Berufsverbänden Deutschlands, Österreichs und der Schweiz anerkannte Übersetzung der ICN Definition of Nursing; Zugriff am 21.01.2020 unter: https://www.sbk.ch/pflegethemen).
Studienaufgabe 1-2
Studieren Sie die fünf vorgestellten Definitionen von Pflege noch einmal gründlich. Welcher Definition bzw. welchen Definitionen stimmen Sie zu? Und warum? Begründen Sie Ihre Entscheidung!
Studienaufgabe 1-3
Beschreiben Sie den Pflegebegriff, der dem Sozialgesetzbuch in Deutschland (insbesondere dem SGB V und dem SGB XI) sowie dem Pflegeberufegesetz (PflBG) zugrunde liegt!
An diesen Bestimmungen wird zunächst erkennbar, dass Pflegewissenschaftlerinnen und -wissenschaftler unterschiedliche Akzente bei den Aufgaben, Funktionen und Zielsetzungen der Pflege setzen:
1) Hildegard Peplau, mit dem Erfahrungshintergrund langjähriger Arbeit in der Psychiatrie, bezeichnet Pflege als „klinische Wissenschaft“, wobei sich klinisch nicht ausschließlich auf Krankenhaus bzw. auf medizintechnische Aufgaben bezieht, sondern den Schwerpunkt auf die Interaktion zwischen Pflegendem und zu Pflegendem setzt. Damit |25|knüpft Peplau vor allen Dingen an „das damals herrschende Verständnis von klinischer Psychologie als einfühlende Einzelfallhilfe“ an (Steppe, 1993, S. 26). Beobachtung, Kommunikation und Dokumentation als wesentliche Grundsätze professioneller Pflege garantieren nach Peplau eine umfassendere Entwicklung der klinischen Pflegewissenschaft als eine Kraft, „die einer dynamischen, sich verändernden Gesellschaft nützt“ (Peplau, 1995, S. 291).
2) Dorothea Orem, ebenfalls amerikanische Pflegewissenschaftlerin mit langjähriger praktischer und theoretischer Erfahrung, hat in ihrem Buch „Strukturkonzepte der Pflege“ (Orem, 1997) ein ganzes Spektrum von Aufgaben und Tätigkeiten in der Pflege beschrieben – von der Beratung und dem Assessment von Pflegebedürftigkeit bis hin zur Planung und Koordination einzelner Versorgungsdienste der Patienten. Der Schwerpunkt ihres Ansatzes liegt in der Identifikation von „Selbstpflegedefiziten“ und deren Kompensation bzw. Beseitigung durch die professionelle Pflegeperson. Das bedeutet, dass der Blick auf die vorhandenen Ressourcen und die zu fördernden Potenziale des Patienten und seiner Umgebung gerichtet ist. Die Perspektive ist nun nicht mehr nur eine räumliche (z. B. die Station oder die Klinik), sondern die gesamte indivuduelle und soziale Situation, in der Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, chronischen Krankheiten oder Behinderungen leben.
3) Liliane Juchlihat die Pflege im deutschsprachigen Raum in den vergangenen 50 Jahren nachhaltig geprägt, nicht nur durch ihr grundlegendes Buch zur Einführung in die (Kranken-)Pflege. Es erschien, nachdem es bereits 1971 als Manuskript unter dem Titel Umfassende Krankenpflege gemeinsam mit Beda Högger gedruckt worden war, von 1973 bis 1997 in acht Auflagen (1. bis 3. Aufl.: Allgemeine Krankenpflege; 4. bis 6. Aufl.: Krankenpflege. Praxis und Theorie der Gesundheitsförderung und Pflege Kranker; 7./8. Aufl.: Pflege. Praxis und Theorie der Gesundheits- und Krankenpflege). Die 9. bis 13. Auflage wurde von 2000 bis 2017 unter dem Titel Thiemes Pflege (begründet von Liliane Juchli) herausgegeben. Liliane Juchli hat mit ihrem Buch einerseits maßgeblich zur Verbreitung von im englischsprachigen Raum entstandenen Pflegetheorien beigetragen, andererseits hat sie selbst (pflege-)theoretische Überlegungen in der beginnenden pflegewissenschaftlichen Diskussion im deutschsprachigen Raum vorgelegt. „Krankenpflege ist in meinen Augen ein Beruf, der ganz stark geprägt ist vom Polaritätsprinzip. Er ist sowohl wissenschaftlich, rationalanalytisch, zeitorientiert, selbstbestimmend und eigenständig, als auch intuitiv, ganzheitlich, nach Synthese suchend, zeitunabhängig, umgebungsbestimmt und damit immer auch abhängig“ (Juchli, 1985, S. 78). Juchli hat auch als eine der ersten Vertreterinnen einen ganzheitlichen Ansatz in der Pflege favorisiert: „Alle diese Elemente sind Teil eines ganzheitlichen Pflegekonzeptes (mehrdimensional und systemisches Denken)1, das uns befähigt, neben der Unterstützung der medizinischen Therapie auch jene Aspekte wahrzunehmen, welche die eigentlichen und eigenständigen Bereiche der Pflege sind: Begleitung von Menschen in Lebensprozessen, Hilfe bei (nichtmedizinischen) Problemen wie Abhängigkeit, Kummer, Verlust- und Lebensängste, Trauer, Sterben“ (Juchli, 1991, S. 116). Dabei lenkt sie den Blick einerseits auf die zu Pflegenden, andererseits aber auch auf die Pflegenden und ihr soziales Umfeld.
„Es ist demnach eine anthropologische Antwort, die als Grundlage für die Pflege eigentlich selbstverständlich sein müsste. Mein Kernwort: ‚Ich pflege als die, die ich bin‘, findet darin den ihm gemäßen Stellenwert, was auch heißt: (1) Pflege und Selbstpflege sind wesen|26|hafte und gleichwertige Grundpfeiler eines ganzheitlich verstandenen Leitbildes; das heißt, dass wir der Sorge für sich selbst, also der eigenen Lebensqualität, ebenso gerecht werden müssen, wie der Sorge für die Patienten oder die Heimbewohner, womit wir einer erstrebenswerten Pflegequalität gerecht zu werden versuchen. (2) Pflege beruht auf der Achtung und Ehrfurcht gegenüber dem anderen Menschen. Sie orientiert sich an der unter allen Umständen zu wahrenden Würde, der Würde der Person. Wirkliche Achtung und Ehrfurcht vor dem Anderen ist im konkreten Handeln ebenso zu erkennen, wie in der Sprache, deren wir uns bedienen. (3) Pflege orientiert sich nie nur am offenkundig Sichtbaren, sondern geschieht mit dem Wissen um die potenziellen Möglichkeiten, die im Menschen selbst liegen, wie auch im Nutzen der Ressourcen, die im zwischenmenschlichen Beziehungsfeld aktiviert oder die in seinem Umfeld entdeckt und in die Pflege mit einbezogen werden können. Und dies vor dem Hintergrund unseres Erfahrungswissens, dass alles immer auch anders sein kann. (4) Jeder Mensch hat seine eigene innere Weisheit, seine eigene Biografie, und darin eine Vergangenheit, die immer mit in die aktuell zu bewältigende Situation hineinwirkt und Kräfte freisetzen kann, von denen wir nichts wissen“ (Juchli, 2012, S. 22 f.).
Wichtig ist bei Juchli die Betonung spirituell-religiöser Aspekte und Motive in der Pflege, deren Bedeutung in vielen amerikanischen Pflegetheorien vernachlässigt wird. Liliane Juchli verstarb am 30.11.2020 infolge einer SARS-CoV2-Infektion.
4) Silvia Käppeli gilt als eine der prominentesten – auch international wichtigen – deutschsprachigen Pflegetheoretikerinnen. Sie integriert in ihrem Pflegemodell sowohl biomedizinische Aspekte (z. B. den funktionellen Gesundheitszustand) als auch sozial- und geisteswissenschaftliche Merkmale (z. B. Reaktionen auf therapeutische Interventionen). Der Fokus der Pflege liegt auf der Krankheit (dem objektiven Leiden) Patienten und ihrem subjektiven Leiden. Obwohl Pflege präventive Inhalte hat, bleibt – und dies ist die interessante Perspektive bei Käppeli – die primäre Zielperson der leidende Mensch.
5) Mit der Definition des International Council of Nurses (ICN) in deutscher Sprache wird erstmals eine gemeinsame Definition von Pflege für den deutschsprachigen Raum vorgelegt. Sie ist durch die Berufsverbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz legitimiert bzw. anerkannt.
Studienaufgabe 1-4
Vergleichen Sie die fünf vorgestellten Definitionen von Pflege mit Ihrer eigenen Formulierung! Notieren Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede!
Wir haben Unterschiede betont und gezeigt, dass – abhängig vom biographischen Hintergrund der professionellen Tätigkeiten und den wissenschaftlichen Hintergründen – das Spezifikum von Pflege anders akzentuiert wird. Aber was ist das Gemeinsame – und darüber hinaus vielleicht sogar das Spezifische – an der Pflege?
Flaskerud und Halloran haben bereits 1980 versucht, „areas of agreement in nursing theory development“ herauszuarbeiten:
„Die meisten Pflegetheorien stimmen darin überein, dass Pflegende die Beziehung zwischen dem Patienten und seiner Umgebung mit dem Ziel der Förderung von Heilungs- und Genesungsprozessen managen. Die pflegerische Aktivität besteht dabei aus der zeitweisen oder dauerhaften Förderung, Unterstützung, Aufrechterhaltung und Überwachung dieser Patient-Umwelt-Beziehung und der Herstellung einer kommunikativen Beziehung zum Patienten. Dies ist genau jene Aktivität, auf die sich andere Professionelle und die Öffentlichkeit bei der Pflege verlassen. Darüber hinaus gibt es eine Übereinstimmung im Hinblick auf den Prozess, in dem sich pflegerische Aktivität dar|27|stellt: Assessment, Intervention, Evaluation.“ (Flaskerud & Halloran, 1980, S. 1–7, zit. n. Nicoll, 1997, S. 482; Übers. H. B.)
Wenn also ein Konsens dahingehend erkennbar sein könnte, dass unter der Pflege das Management der Patient-Umwelt-Beziehung zu verstehen ist, dann ergibt sich daraus die Frage, welche Aspekte bzw. Dimensionen des Pflegebegriffs (Tab. 1-1) unterschieden werden können.
Tabelle 1-1: Dimensionen des Pflegebegriffs (Quelle: modifiziert nach Görres, 1996, 46)
Historische Dimension
Entwicklungsgeschichte, Heilkunst, Verhältnis Medizin/Pflege
Kulturelle Dimension
Körperverständnis, transkulturelle Differenzen
Religiöse Dimension
Werte und Normen des Helfens, Dienens, Aufopferns, Nächstenliebe, Altruismus
Geschlechtsspezifische Dimension
Pflege als Frauenberuf
Pflegephilosophische Dimension
z. B. Zielsetzungen wie Anwaltschaft für Patienten, Umsorgen, politische Dimension, Selbsthilfe fördern, Pflege als Arbeit etc.
Gesellschaftliche Dimension
Funktion der Pflege in der Gesellschaft; soziales Subsystem
Sozialpolitische Dimension
z. B. Pflege privat/öffentlich, Sozialstrukturabhängigkeit
Gesundheitspolitische
Dimension
z. B. Gesundheits-/Krankheitsbegriff, Wohlfahrtsstaat als Steuerungsinstrument
Berufspolitische Dimension
z. B. Professionalisierungsdebatte, Eingliederung ins Berufsbildungssystem
Institutionelle Dimension
z. B. Position in Institutionen, Verhältnis zu anderen Disziplinen, Verständnis der Berufsrolle etc., etwa in der Krankenhausorganisation
Pflegetechnische Dimension
z. B. Anforderungen, Aufgabenspektrum, pflegetechnische Inhalte
Interaktive Dimension
Pflegekraft-Patient-Verhältnis
Alltagsweltliche Dimension
Alltagsweltliches, nichtprofessionelles Pflegeverständnis
Wissenschaftliche Dimension
Theoriebildung. Methodenentwicklung, Gegenstands- und Begriffsbestimmung, Akademisierung, Interdisziplinarität etc.
„Ein erweiterter Pflegebegriff beschränkt sich nicht nur – wie bisher – auf die physiologische und psychologische Ich-Du-Dimension im patientenbezogenen Handeln, sondern auch auf „Face-to-face“-, „Body-to-body“- oder „Side-by-side“-Konzepte. Vielmehr ist Pflege im Kontext eines sehr weit gefassten Pflegebegriffs und als Gegenstand zukünftiger pflegewissenschaftlicher Fragestellungen und Forschungsfragen und damit auch als Inhalt zukünftiger Curricula pflegewissenschaftlicher Studiengänge multidimensional.“ (Görres, 1996, S. 44)
Als Fazit unserer Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Begriffen und Verständnissen können wir festhalten, dass Pflege ein komplexes Interaktionsgeschehen ist, in dem die Gewährleistung und Förderung von Selbstständigkeit und Wohlbefinden der zu pflegenden Menschen im jeweiligen sozialen Kontext im Zentrum stehen (Lay, 2004, S. 51). Dabei ist es unerlässlich, dass Sinn und Zweck pflegerischer |28|Interventionen möglichst umfassend mit den Betroffenen besprochen werden. Insofern ist der Pflegeprozess auch ein Aushandlungsprozess zwischen den Professionellen, den zu Pflegenden und den Angehörigen. Dies deutet schon darauf hin, dass Rahmenbedingungen (insbesondere personelle, finanzielle, organisatorische) die Möglichkeiten und Grenzen pflegerischer Aktivitäten entscheidend beeinflussen. Vor diesem Hintergrund wird die folgende Definition von Pflege vorgeschlagen.
Pflege als zwischenmenschlicher Prozess umfasst:
die Unterstützung und Begleitung von Menschen aller Altersgruppen, die ihre Alltagsaktivitäten in allen Lebensbereichen nicht mehr oder nur noch in eingeschränktem Maße dauernd oder befristet realisieren können, in ihren Familien sowie in ihrem sozialen und kulturellen Umfeld (Gemeinwesen);
die selbstständige und eigenverantwortliche Durchführung von sowie die interdisziplinäre Mitwirkung an präventiven, diagnostischen, therapeutischen, rehabilitativen und palliativen Maßnahmen;
die Beratung, Anleitung, Schulung und Begleitung von Bürgerinnen und Bürgern, die ihre eigene Gesundheit und Selbstpflegefähigkeit verbessern oder Pflegebedürftige begleiten bzw. sich darauf vorbereiten wollen;
den Erhalt und die Verbesserung der Pflege- und Selbstpflegefähigkeit der Mitpflegenden (sowohl der Hauptberuflichen als auch der Laienpflege-Personen) und der eigenen Person;
die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Pflege und ihren Rahmenbedingungen, die Weitergabe von Erkenntnissen und Erfahrungen an die Mitpflegenden in Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie Mitwirkung am Prozess der Professionalisierung der Pflege und berufspolitisches Engagement (Dorschner, 1998a).
„Nicht von Beginn an enthüllten die Götter den Sterblichen alles. Aber im Laufe der Zeit finden wir, suchend, das Bess’re.“
(Xenophanes, 6. Jh. v. Chr.)
Unter dem Begriff „Wissen“ können nach Ansicht der amerikanischen PflegetheoretikerinnenChinn und Kramer (1996, S. 5) „individuelle menschliche Prozesse der Erfahrung, die zu einem bestimmten Grad an Bewusstheit und Reflektiertheit über die eigene Person und die Welt geführt haben, verstanden werden“. Chinn und Kramer unterscheiden in der Pflege, angelehnt an die Arbeiten von Carper (1978), vier unterschiedliche Ausdrucksformen menschlichen Wissens, die sie um eine fünfte Form des emanzipatorischen Wissens erweitern (Tab. 1-2):
empirisches Wissen („empirics“)
ethisches Wissen („ethics“) – das moralische Element pflegerischen Wissens
personbezogenes Wissen („personal“)
ästhetisch-intuitives Wissen („aesthetic“) – die Kunst der Pflege
emanzipatorisches Wissen („emancipatory“) – die emanzipatorische Praxis der Pflege.
Jede dieser Formen stellt einen Teil der Gesamtheit des Wissens dar und hat ihre spezifische Bedeutung und Wichtigkeit für die Pflege. Eigenschaften der einzelnen Wissensformen werden detaillierter in Kapitel 1.2.1 bis Kapitel 1.2.4 beschrieben.
Chinn und Kramer (1996, 2008, 2015, 2018) stellen die verschiedenen Wissensformen im Rahmen ihres Hauptwerks „Knowledge Development in Nursing“ modellhaft dar (Abb. 1-1). Jede Form oder jedes Muster des Wissens wird in einem Quadranten illustriert. In der äußeren |29|Ecke jedes Quadranten werden die der Form des Wissens zugrunde liegenden kritischen oder erkenntnisleitenden Fragen platziert, die die Entwicklung von Wissen in der Pflege anstoßen. So wird zum Beispiel ethisches Wissen durch die Frage: „Ist das richtig, gerecht und verantwortbar?“ befördert.
Tabelle 1-2: Ausdrucksformen menschlichen Wissens (Quelle: Chinn & Kramer, 1996, S. 7)
Dimensionen (konzeptuell)
Empirisches Wissen
Ethisches Wissen
Personbezogenes Wissen
Ästhetisch/intuitives Wissen
(kommunikativ)
Beschreiben
Darstellen der Werte
Sich-Öffnen
Sich-Engagieren
Erklären
Klären
Nachdenken
Intuitiv verstehen
Prognostizieren (Fakten, Modelle, Theorien und Beschreibungen)
Überzeugen (ethische Theorien, Prinzipien, Richtlinien)
Verwirklichen (das authentische, wahre Selbst)
Realitätsadäquate Phantasien (künstlerische Ausdrucksformen/intuitives Handeln)
Abbildung 1-1: Der Prozess der Entwicklung ethischen, personenbezogenen, ästhetischen und empirischen Wissens (Quelle: Chinn & Kramer, 2015, S. 13)
Im Zentrum jedes Quadranten befindet sich ein großer Pfeil, der beschreibt, wie die einzelnen Wissensformen zum Ausdruck gebracht werden. So drückt sich zum Beispiel personbezogenes Wissen durch Erzählungen und echtes authentisches Auftreten aus. Die Pfeile weisen auf das Zentrum, in dem beschrieben wird, wie |30|sich die einzelnen Wissensformen in der Praxis zeigen. So zeigt sich personbezogenes Wissen durch den therapeutischen Einsatz der Person, ethisches Wissen zeigt sich in ethisch-moralisch gerechtfertigtem und verantwortbarem Handeln, ästhetisches Wissen drückt sich durch Kritik und künstlerische Werke aus sowie in veränderndem Handeln und umgestaltender Kunst (transformative art/acts) aus. Empirisches Wissen zeigt sich durch wissenschaftlich kompetentes Handeln. Die im Zentrum zusammenlaufenden Ausdrucksformen des Wissens werden ungeteilt dargestellt. Nach Ansicht der Autorinnen stellen sie ein essenzielles Ganzes dar. Erst die Gesamtheit des Wissens ermöglicht eine gute, emanzipatorisch verändernde Pflegepraxis, in der Wissen und Handeln zusammenfließen, Denken und Handeln synchron erfolgen und Pflegende effektiv als Experten ihres Fachs agieren.
Entlang der vertikalen Achsen der Quadranten, den gestrichelten Pfeilen entsprechend, werden die kreativen Prozesse beschrieben, mit deren Hilfe sich die einzelnen Wissensformen entwickeln. So erfordert empirisches Wissen strukturierendes Denken, das konzeptualisiert, die Dinge und die Art ihres Funktionierens klärt. Personbezogenes Wissen erfordert Offenheit in zwischenmenschlichen Begegnungen, Zentrierung und Fokussierung auf den Augenblick, Bereitschaft zu neuen Erfahrungen und den bewussten therapeutischen Einsatz der eigenen Person im Umgang mit pflegebedürftigen Menschen. Ästhetisches Wissen entwickelt sich durch gedankliches Vorstellen, Vergegenwärtigen („envisioning“) und Durchdenken einer Situation, es kratzt an der Oberfläche und versucht zum Wesentlichen, zur tieferen Bedeutung einer Situation vorzudringen. Ethisches Wissen entwickelt sich durch Wertschätzen und Klären der einer Situation oder einem ethischen Dilemma zugrunde liegenden Werte.
Entlang der horizontalen Achsen der Quadranten, den gestrichelten Pfeilen entsprechend, werden die kollektiven Prozesse der Profession beschrieben, mit denen diese ihr Wissen validiert, für gültig erklärt und bestätigt. So wird ethisches Wissen im Dialog und in rechtfertigenden Diskursen und Auseinandersetzungen validiert, empirisches Wissen wird in einem Prozess der Validierung und Widerlegung bestätigt, personbezogenes Wissen erfährt in einem Prozess der Reaktion und Reflexion Gültigkeit und ästhetisches Wissen wird durch Prozesse der Anerkennung („appreciation“), des Verstehens und der Inspiration bestätigt.
Die einzelnen Bereiche und Dimensionen des Wissens in der Pflege lassen sich auch übersichtlich in tabellarischer Form darstellen (Tab. 1-3). Dabei werden für jede Wissensform die folgenden Dimensionen beleuchtet:
kritische, erkenntnisleitende Fragen
kreative Prozesse, die zur Entwicklung von Wissen führen
formale, schriftliche Formen, in denen sich Wissen ausdrückt
Prozesse und Methoden, mit denen die Profession die Gültigkeit ihres Wissens bestätigt
integrierte Ausdrucksformen des Wissens in der Praxis.
Auch wenn pflegerisches Wissen notwendigerweise ein Ganzes bildet, sind die einzelnen Dimensionen der Wissensformen doch einzigartig und nicht beliebig austauschbar und aufeinander anwendbar. So entwickelt sich emanzipatorisches Wissen, indem Pflegende kritische Fragen aufwerfen und nach Antworten auf Fragen suchen wie: „Was behindert die Freiheit zum Beispiel eines Klienten?“, „Was ist verborgen oder unsichtbar?“, „Wessen Stimme wird nicht gehört?“, „Wer profitiert von der Aufrechterhaltung dieser Situation und Zustände?“, „Was stimmt nicht an diesem Bild der Situation?“. Emanzipatorisches Wissen entwickelt sich durch Kritik an bestehenden Zuständen und die kritische Analyse einer Situation. Sie macht sich ein Bild einer Situation und fragt, wie und warum sie sich so entwickelt hat. Gleichzeitig entwirft sie eine Alternative, wie |31|soziale Strukturen anders aussehen könnten. Emanzipatorisches Wissen drückt sich in Form von Aktionsplänen, Manifesten, kritischen Analysen bestehender Situationen sowie Zukunftsentwürfen und -visionen aus. Bestätigt wird emanzipatorisches Wissen in einem gemeinsamen Prozess des Nachdenkens und der Reflexion darüber, inwieweit die Ideale einer Gesellschaft von Gleichen erreicht und nachhaltig erhalten und inwieweit Menschen dazu befähigt werden, ihre Rechte wahrzunehmen und ihre Möglichkeiten auszuschöpfen. Emanzipatorisches Wissen entmystifiziert aber auch Zustände, die einen ungerechten Status quo verschleiern und drängt auf deren Veränderung. Emanzipatorisches Wissen drückt sich in einer Praxis synchroner kritischer Reflexion und Handeln aus. Sie zielt auf die Veränderungen sozialer Zustände, um Gesundheit und Wohlbefinden für alle zu erreichen.
Tabelle 1-3: Dimensionen der einzelnen Wissensformen (Quelle: Chinn & Kramer, 2008, S. 14; 2015, S. 14)
Dimension des Wissens
Emanzipatorisch
Ethisch
Personbezogen
Ästhetisch
Empirisch
Kritische Fragen
Was behindert die Freiheit?
Was ist verborgen/unsichtbar?
Was wird nicht gehört?
Wer profitiert?
Was stimmt nicht an diesem Bild?
Ist das gerecht?
Ist das verantwortbar?
Weiß ich was ich tue?
Tue ich, was ich weiß?
Was bedeutet dies?
Warum ist dies wesentlich/bedeutsam?
Was ist das?
Wie funktioniert es?
Kreative Prozesse
Kritisieren
Vorstellen, sich ein Bild machen
Wertschätzen
Klären
Öffnen
Zentrieren
Vorstellen Durchdenken
Konzeptualisieren
Strukturieren
Ausdrucksformen
Aktionspläne
Manifeste kritische Analysen
Zukunftsvisionen
Prinzipien, Kodices
Erzählungen, echtes Selbst
Kritik/kunstvolles Handeln
Theorien/formale Beschreibungen
Bestätigung
soziale Gleichheit
Nachhaltigkeit
Empowerment
Entmystifizierung
Dialog
Rechtfertigung
Reaktion
Reflektion
Verständnis
Inspiration
Bestätigung
Validierung
Integrierte Ausdrucksformen in der Praxis
Praxis
Moralisches/ethisches Verhalten
therapeutischer Einsatz der Person/des Selbst
veränderndes Handeln/Kunst der Veränderung
wissenschaftliche Kompetenz
|32|Wissen entwickeln, über Wissen nachdenken
Um vertiefter über die fünf Formen des Wissens von Chinn und Kramer (2008, 2018) nachzudenken, werfen die Autorinnen die folgenden Fragen auf:
Denken Sie an eine Situation aus Ihrer eigenen pflegerischen Praxis. Welche kontextuellen Faktoren beeinflussten diese Situation? Haben institutionelle Richtlinien, soziale Strukturen oder kulturelle Erwartungen Ihre Erwartungen beeinflusst? Welche eigenen Vorstellungen oder Werte haben Sie in die Situation eingebracht? Haben Sie kreative Lösungen oder Lösungsmöglichkeiten aus pflegerischer Sicht für diese Situation entwickeln können, die die Situation veränderten? Sind Sie sich empirischer Tatsachen bewusst, die die Situation erklären könnten?
Welche Elemente der Pflegepraxis fordern Sie am meisten heraus: Wissenschaftliche Kompetenz? Therapeutischer Einsatz Ihrer selbst? Moralisches/ethisches Verhalten? Übergänge und/oder Veränderungen? Emanzipatorische Praxis? Welche Erfahrungen oder welches Wissen benötigen Sie, um jedes dieser Elemente Ihrer Praxis weiterentwickeln zu können?
Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass sich eines dieser Wissenselemente der Praxis verselbstständigt hat (engl.: „gone wild“)? Beschreiben Sie diese Erfahrung und diskutieren Sie sie mit Ihren Kolleginnen und Kollegen. Versuchen Sie zu erkennen, wie die Gesamtheit des Wissens eine Veränderung der Situation herbeigeführt hat.
Beschreiben Sie eine interaktive Situation aus der Pflege, an die Sie sich gut erinnern. Denken Sie über diese Situation nach, indem Sie auf alle kritischen Fragen zu den einzelnen Wissensformen eingehen:
aus einer emanzipatorischen Perspektive:
Was stimmt an dem Gesamtbild nicht?
Wer profitierte in dieser Situation?
Wurde jemand in dieser Situation daran gehindert, die ihm innewohnenden Möglichkeiten und Potenziale zu verwirklichen?
Was war zu dieser Zeit an der Situation nicht erkennbar/sichtbar, hörbar oder wahrnehmbar?
aus einer ethischen Perspektive:
Entwickelten sich die Dinge in der Situation „richtig“ oder „gerecht“?
Handelten die Akteure in der Situation auf eine ethisch verantwortbare Weise?
aus einer personbezogenen Perspektive:
Wusste ich in der Situation, was ich tat, und tat ich, was ich wusste?
Habe ich in dieser Situation etwas – Gutes oder Schlechtes – unbewusst getan, das ich jetzt verstehe?
Habe ich übereinstimmend mit meinem inneren Wissen gehandelt oder habe ich mich selbst betrogen?
aus einer ästhetischen Perspektive:
Was bedeutete die Situation für die Beteiligten?
In welcher Form war die Situation für die Beteiligten wesentlich oder bedeutsam?
aus einer empirischen Perspektive:
Welches empirische Wissen wurde von den Beteiligten in der Situation angewendet?
Wurde das empirische Wissen angemessen genutzt?
Ergab sich aus der Interaktion der Eindruck, dass die/der Pflegende kompetent war? (Chinn & Kramer, 2008, S. 25)
Im Umgang mit pflegerischem Wissen gilt es darauf zu achten, dass einzelne Wissenselemente oder -formen nicht überbetont werden und sich verselbstständigen, was im Englischen als „gone wild“ beschrieben wird. So führte die einseitige Überbetonung individu|33|eller Erfahrung und personbezogenen Wissens in der Vergangenheit zu unreflektierter Routine und ritualisierten Handlungen (Walsh & Ford, 2000). Andererseits läuft der aktuelle Trend zur „evidenzbasierten Pflege“ Gefahr, empirische externe Evidenz einseitig zu betonen und ethisches, ästhetisches und personbezogenes Wissen sowie interne Evidenz und emanzipatorische Praxis in den Hintergrund zu drängen.
In den folgenden Abschnitten werden die einzelnen Formen des Wissens, über das Chinn-Kramer-Modell hinaus, noch detaillierter, exemplarisch und bezüglich ihrer Grundlagen ausgeführt.
Der empirische Zugang zum Wissen lässt sich eigentlich nur verstehen, wenn man die Geschichte und den Wandel des Begriffs „Empirie“ nachvollzieht. Das ist hier natürlich nicht möglich. Vielmehr soll auf die grundlegende Aussage aller empirisch-analytischen Strömungen verwiesen werden, nämlich dass wissenschaftliche Erkenntnis letztlich an der Beobachtung und Erfahrung überprüft werden muss, das heißt daran scheitern kann. Dabei ist eine naive Vorstellung des Zusammenhangs von empirischer Erfahrung und Theorieentwicklung in der Wissenschaftsgeschichte grundlegend kritisiert worden und kann daher als überholt gelten. Gegenwärtige wissenschaftstheoretische Positionen gehen davon aus, dass Beobachtungsaussagen fehlbar sind (z. B. aufgrund von Sinnestäuschungen) und jede Beobachtung einen Begriff bzw. eine Vorstellung des zu beobachtenden Phänomens voraussetzt (Theorieabhängigkeit von Beobachtungsaussagen). Aus dieser Kritik kann jedoch nicht der Schluss gezogen werden, dass Erfahrung und Beobachtung überhaupt keine Rolle in der Wissenschaft spielen sollten – im Gegenteil: Nach wie vor ist ein entscheidendes Kriterium jeder empirischen Wissenschaft, ob und inwieweit sich ihre Ergebnisse empirisch stützen lassen. Geändert hat sich damit der Stellenwert, der Beobachtungsaussagen zugeschrieben wird. In den Verfahren, die der Entwicklung empirischer Erkenntnisse dienen, geht es im Kern um die Beschreibung, Erklärung und Prognose von Aussagen über die Wirklichkeit. Bei der Beschreibung liegt der Fokus auf der strukturierten Darstellung von Sachverhalten. Empirisches Wissen kann auch in Modellen und Theorien, mit denen man Beziehungen und Zusammenhänge zwischen einzelnen Elementen erklären und prognostizieren möchte, zum Ausdruck gebracht werden. Die Bedeutung von empirischem Wissen in der Pflege zeigt sich etwa dort, wo aufgrund von Forschungsergebnissen die Pflegepraxis in Frage gestellt und möglicherweise verändert wird. Beispielsweise hat sich durch eine Reihe von Untersuchungen im Bereich der geriatrischen Rehabilitation gezeigt, dass Angehörige eine wichtige Aufgabe in der poststationären Versorgung von Patienten mit Apoplex wahrnehmen. Information, Beratung und Schulung der pflegenden Angehörigen durch Medizin, Pflege, Physiotherapie und Logopädie stellen daher einen wichtigen Einflussfaktor für eine qualifizierte Versorgung im ambulanten Bereich dar. Die Bedeutung dieser Befunde für die Praxis wird erkennbar, wenn Angehörige frühzeitig in das Therapiekonzept integriert und auf die poststationäre Versorgung vorbereitet werden. Empirisch fundierte Erfahrung ist jedoch nicht die einzige Wissensform, denn Erfahrung lässt sich nicht allein auf messbare Merkmale reduzieren.
Das ethische Wissen bezieht sich auf Verpflichtungen und Normen darüber, was man tun sollte, wie man dies als „gut“ begründen und legitimieren kann. Ethisch vertretbare Entscheidungen zu treffen, heißt nicht selten, dass man sich mit Widersprüchen, Gegensätzen und ungelösten Konflikten auseinandersetzen muss. Häufig gibt es keine eindeutig |34|„richtige“ Entscheidung, sondern man befindet sich in einem Entscheidungsdilemma und muss verschiedene Alternativen abwägen. Hierzu sind bestimmte Prozesse erforderlich, die als „Darstellen der Werte“, „Klären“ (von ethischen Grundsätzen) oder als „Überzeugen“ charakterisiert werden können. Ergebnis dieser Auseinandersetzungen sind in der Regel bestimmte Theorien, Prinzipien und Richtlinien, die uns eine Orientierung für gutes Handeln in der Pflege geben können. In der Konsequenz schreibt ethisches Wissen nicht exakt vor, wie eine Entscheidung zu treffen ist bzw. wie sie konkret aussehen muss. Vielmehr wird aufgezeigt, welche individuellen Wahlmöglichkeiten und Handlungsalternativen existieren. Ethische Konzeptionen beschreiben – ähnlich dem empirischen Wissen – bestimmte Dimensionen und Aspekte der Wirklichkeit und stellen Beziehungen zwischen einzelnen Phänomenen her, die jedoch in der Regel empirisch nicht überprüfbar sind. Wichtig ist der Gedanke, dass empirisches Wissen Informationen, Fakten und Zusammenhänge liefern kann, deren Nutzen oder Nichtnutzen jedoch durch ethisches Wissen und Reflexion legitimiert werden müssen.
Die Bedeutung von ethischem Wissen in der Pflege zeigt sich etwa in Konflikt- und Entscheidungssituationen. Beispielsweise stellt die Sterbehilfe eine ethische Herausforderung an pflegerisches Handeln dar. Bei dieser Diskussion geht es nicht mehr allein um medizinisch-pflegerische Aspekte, sondern letztlich um die Frage, was den Wert menschlichen Lebens ausmacht, ob und inwieweit das Leben durch passive oder aktive Eingriffe beendet werden darf und welchen Beitrag Pflegende zu einer „Kultur des Sterbens“ leisten können. Ethisches Wissen stellt jedoch, neben dem empirischen Wissen, nur eine Grundlage für Entscheidungen dar. Wie jedem bekannt ist, spielen persönliche Erfahrungen im pflegerischen Alltag eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, konkret Entscheidungen im Berufsalltag zu treffen.
Das persönliche Wissen beinhaltet die Erfahrungen im privaten und beruflichen Kontext. Es kann religiöses, spirituelles oder metaphysisches Wissen umfassen. „Sich-Öffnen“, „Nachdenken“ und „Verwirklichen“ sind die Prozesse, die zur Entstehung und Veränderung des persönlichen Wissens beitragen. „Sich-Öffnen“ bezieht sich auf die bewusste Aufnahme unterschiedlicher Erfahrungen. Diese Erfahrungen werden reflektiert, verarbeitet und erhalten im Verlauf der persönlichen Lebensgeschichte eine individuelle Prägung und spezifische Bedeutung. „Verwirklichen“ meint, dass im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung eine individuelle Form der Sprache, Kommunikation und des Verhaltens gegenüber anderen Menschen herausgebildet wird. Im Unterschied zum empirischen oder ethischen Wissen drücken sich persönliches Wissen und persönliche Erfahrung nicht allein über Sprache aus. Bestimmte Haltungen, Einstellungen und Praktiken im Alltag sind hier entscheidend, die im Rahmen der individuellen Lebensgeschichte und Biografie erworben wurden.
Entscheidend ist der Gedanke, dass unser alltägliches Handeln erheblich von dem persönlichen Wissen und der individuellen Lebenserfahrung beeinflusst wird. Beispielsweise werden einer Pflegefachfrau, die über lange Jahre einen bestimmten Stationsablauf gewöhnt war, einzelne Praktiken der Patientenversorgung (z. B. Prophylaxen) in „Fleisch und Blut“ übergegangen sein. Ein Routineablauf auf der Station kann in vielen Bereichen sinnvoll sein; es besteht jedoch die Gefahr, dass einzelne Praktiken ritualisierte Formen annehmen, die nicht mehr reflektiert und in Frage gestellt werden. Auf der anderen Seite sind persönliche Erfahrungen wertvoll, denn Voraussetzung für die Herausbildung einer Pflegekompetenz ist ein breiter Erfahrungsschatz.
|35|Lesetipp 1-1
Benner, P. (2017). Stufen zur Pflegekompetenz. Bern: Hogrefe.
Dieser Text ist grundlegend für das Verständnis von Kompetenzentwicklung in der Pflege. Welche Rolle spielt die persönliche Erfahrung? Was zeichnet eine Pflegeexpertin aus? Welche Bedeutung kommt der individuellen Biographie zu? Nebenbei ist das Buch von Benner ein gutes Beispiel für qualitative Methoden – speziell des phänomenologischen Forschungsansatzes.
Neben dem empirischen, ethischen und persönlichen Wissen gilt das intuitive Wissen als Bestandteil pflegerischen Wissens. Das intuitive Wissen kann als „Kunst“ oder „Kunstfertigkeit“ beschrieben werden. Schon Florence Nightingale hat unter Pflege mehr als eine wissenschaftlich fundierte Praxis verstanden. Krankenpflege galt für Nightingale als zentrale Lebensaufgabe (für Frauen), die religiös fundiert war. Pflege als Kunst bedeutete für Nightingale, dass pflegerische Praxis einen kreativen Gestaltungsaspekt beinhaltet, der im Wesentlichen in der zwischenmenschlichen Interaktion zwischen Pflegenden und Patienten zum Ausdruck kommen sollte.
Bei einigen modernen Pflegetheoretikerinnen, wie etwaBenner (1997), wird der Gedanke der Pflegekunst wieder aufgegriffen. Bezogen wird dieser Begriff vor allem auf eine spezifische Kompetenz der Pflegenden im Umgang mit kranken Personen und bei der Durchführung anspruchsvoller Tätigkeiten. Darüber hinaus wird die Integration von ästhetischen Ausdrucksformen, wie Musik, Tanz und Literatur, in die Pflege für bedeutsam gehalten und deren Möglichkeiten für therapeutische Prozesse gegenwärtig erforscht.
Studienaufgabe 1-5
Verschiedene Pflegetheoretikerinnen sprechen im Hinblick auf Pflege nicht nur von „Wissenschaft“ („science“), sondern auch von „Kunst“ („art“). Teilen Sie diese Auffassung? Begründen Sie Ihre Entscheidung!
„Bloßes Wissen, bloße Kenntnis von Dingen und Tatsachen allein ist noch keine Wissenschaft; erst wer etwas über Entwicklung und ursächlichen Zusammenhang der Dinge erforscht, was bisher unbekannt war, treibt Wissenschaft.“
Max von Pettenkofer, 1818–1901
Am Anfang des Versuchs, sich einer Wissenschaftsdisziplin gedanklich zu nähern, steht die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnis überhaupt möglich ist. Und dies ist keine rhetorische Frage, denn sie zielt auf die Beschreibung und Entwicklung von Kriterien für Wissenschaftlichkeit ab, an denen sich die einzelnen Disziplinen messen lassen müssen. Damit begeben wir uns bereits auf eine sehr abstrakte Ebene, genauer gesagt auf die wissenschaftstheoretische Ebene. Wissenschaftstheorie lässt sich als Metawissenschaft definieren. Von einem übergeordneten Standpunkt aus werden die Grundlagen und methodischen Vorgehensweisen der Einzelwissenschaften im Hinblick auf den Anspruch der Wissenschaftlichkeit beschrieben bzw. kritisiert. Vor allem drei Gründe spielen für die folgenden Überlegungen eine Rolle:
Die Klärung von Begriffen (wie z. B. Wissenschaft, Forschung, Theorie bzw. Pflegewissenschaft, Pflegeforschung, Pflegemodell, Pflegetheorie) ist Voraussetzung für ein gemeinsames Verständnis dessen, worüber wir reden und sicherlich auch streiten werden. Wenn nicht Einigkeit über die Verwendung bestimmter (Fach-)Begriffe gelingt, ist eine Kommunikation über die Grundlagen von Pflegewissenschaft erschwert, wenn nicht gar unmöglich. Missverständnisse sind vorprogrammiert.
Ein Verständnis wichtiger Charakteristika des wissenschaftlichen Arbeitens ist notwendig, um diesen Zugang von anderen Formen der Erkenntnisgewinnung abgrenzen zu können. Wissenschaftliches Arbeiten erlaubt den |36|Aufbau eines methodisch gesicherten, systematischen und überprüfbaren Wissens im Allgemeinen und beispielsweise des Pflegewissens im Besonderen. Im Gegensatz hierzu kann das traditionelle Pflegewissen nicht oder nur zum Teil als wissenschaftliches Wissen aufgefasst werden.
Pflegewissenschaftliche Ansätze (z. B. Pflegemodelle und Pflegetheorien) entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern sind von bestimmten wissenschaftlichen Traditionen und Strömungen geprägt. Daher wird in Teil 2 exemplarisch auf wichtige theoretische Ansätze verwiesen, die die Pflegewissenschaft verwendet, die aber primär in anderen Disziplinen entwickelt worden sind (z. B. die Entwicklungstheorie, den Symbolischen Interaktionismus oder die Systemtheorie).
Studienaufgabe 1-6
Beobachten Sie einmal einen ganzen Tag lang bewusst, wo Ihnen überall im Beruf und während der Freizeit, in der Familie und in den Medien Wissenschaft und Wissenschaftlerinnen bzw. Wissenschaftler begegnen. Notieren Sie am Ende des Tages Ihre Beobachtungen und versuchen Sie eine Bewertung.
In den aktuellen Fachdiskussionen der Pflege wird häufig die Notwendigkeit von Wissenschaft und wissenschaftlichen Methoden, etwa zur Überprüfung von Maßnahmen in der Pflegepraxis betont. Derjenige, der nachweisen kann, dass ein bestimmtes Verfahren oder eine spezifische Methode der pflegerischen Intervention besser als andere ist, scheint besondere Aufmerksamkeit zu genießen. Allerdings sind das hohe Erwartungen an die Leistungsfähigkeit der Wissenschaft, bei denen man zu Recht skeptisch werden sollte. Diese Skepsis wird durch Entwicklungen in der modernen Wissenschaftstheorie gestützt, bei der zunehmend die Grenzen wissenschaftlicher Aussagen und Erklärungen akzeptiert werden. Die (naive) Vorstellung, man könnte in der Wissenschaft sichere Erkenntnisse über die Wirklichkeit durch Beobachtung oder Experimente gewinnen, ist seit langem widerlegt. Wissenschaftstheoretiker gehen heute davon aus, dass jede Beobachtung bereits durch theoretische Vorannahmen „imprägniert“, das heißt, theoriegeleitet ist (Popper, 1996, 1995a, 1995b). Weiterhin wird die Auffassung vertreten, dass die Wirklichkeit nicht nur „seinsmäßig“ (ontologisch) gegeben, sondern auch sozial konstruiert wird (Mead, 1995). Die Erkenntnis wächst, dass es keine Methode gibt, die es ermöglicht, eine wissenschaftliche Theorie endgültig als wahr nachzuweisen, weil es keine richtigen oder falschen Methoden gibt, sondern nur methodische Zugänge, die dem Gegenstandsbereich mehr oder weniger angemessen sind (Döring & Bortz, 2016). Zur Irritation vieler Wissenschaftler hat sich gezeigt, dass es gerade nicht die von ihnen favorisierten Methoden und Theorien waren, die in der Wissenschaftsgeschichte als entscheidende Fortschritte betrachtet wurden. An den Entdeckungen von Galilei, Newton, Darwin oder Einstein zeigt sich, dass es häufig unkonventionelle Methoden und zum damaligen Zeitpunkt unbewiesene Theorien waren, die entscheidend den wissenschaftlichen Fortschritt vorangetrieben haben (Chalmers, 2007). Es ist also notwendig, eine kritische Haltung gegenüber der Wissenschaft und dem, was sie leisten kann, zu entwickeln, um Möglichkeiten und Grenzen richtig einzuschätzen.
Studienaufgabe 1-7
Tragen Sie – bevor Sie weiterlesen – aus verschiedenen Lexika bzw. Nachschlagewerken Definitionen der Begriffe „Wissenschaft“ und „Forschung“ zusammen. Analysieren Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Definitionen.
Hier folgen einige Vorschläge:
Wissenschaft ist eine „Bezeichnung für eine Lebens- und Weltorientierung, die auf eine spezielle, meist berufsmäßig ausgeübte Be|37|gründungspraxis angewiesen ist und insofern über das allen verfügbare Alltagswissen hinausgeht, ferner die Tätigkeit, die das wissenschaftliche Wissen produziert. Wissenschaft heißt auch jede aus der Wissenschaft im genannten Sinne ausdifferenzierte Teilpraxis, sofern diese durch einen bestimmten Phänomen- oder Problembereich definiert ist“ (Mittelstraß, 2004, S. 719).
Wissenschaft ist zu verstehen als „Inbegriff menschlichen Wissens einer Epoche, das systematisch gesammelt, aufbewahrt, gelehrt und tradiert wird; eine Gesamtheit von Erkenntnissen, die sich auf einen Gegenstandsbereich beziehen und in einem Begründungszusammenhang stehen. Auf einen begrenzten Gegenstand bezogenes Wissen kennzeichnet die Einzelwissenschaften, die ihrerseits in einen theoretischen und einen angewandten Bereich gegliedert sind und mit fortschreitender Differenzierung eine Reihe von Teildisziplinen hervorbringen können …“ (Brockhaus-Enzyklopädie, Bd. 24, 1994).
Wissenschaft „bezeichnet die Fähigkeit, Wissen durch Beweisverfahren (z. B. Folgern, Messen, Quellenkunde) zu sichern und auszubauen, einzelne Gebiete voneinander abzugrenzen und das Wissen von ihnen nach innerwissenschaftlichen Kriterien (Allgemeingültigkeit, Systematisierbarkeit, Verifikation) zu einem einheitlichen Zusammenhang zusammenzuschließen“ (Staatslexikon: Recht, Wirtschaft, Gesellschaft, Bd. 5, 1995, S. 1090).
„Unter Wissenschaft kann die Gesamtheit der Erkenntnisse verstanden werden, die gültiges, zuverlässiges und überprüfbares Wissen darstellen“ (Kriz, Lück & Heidbrink, 1990, S. 58 ff.).
In diesen Definitionen wird auf ganz unterschiedliche Art und Weise versucht, den Gegenstand und die Aufgaben von Wissenschaft zu umreißen. Der Fokus kann beispielsweise auf Forschung gelegt werden. Dann stehen methodische Aspekte, etwa im Hinblick auf Erhebung und Auswertung von Daten, im Vordergrund. Oder der Akzent liegt auf einer Lebens- und Weltorientierung durch Wissenschaft. Hier wird eher auf individuelle und gesellschaftliche Konsequenzen abgehoben. Lassen sich – trotz dieser Unterschiede – Grundzüge von Wissenschaftlichkeit bestimmen? Peter Janich (1992) hat dazu einen interessanten Vorschlag unterbreitet. Er diskutiert zunächst einige Aspekte, die für eine solche Bestimmung ausscheiden:
Sicherheit oder Verlässlichkeit: Diese beiden können schon deshalb kein gültiges Kriterium sein, weil normalerweise jeder Mensch bestimmte sichere und verlässliche Wissensbestände hat, die jedoch nicht wissenschaftsfähig sind, etwa das Wissen, wie man heißt oder wo man geboren ist.
Nützlichkeit und Brauchbarkeit: Hier kann man sich leicht an Alltagsbeispielen (z. B. Kenntnisse über die eigene Wohnung, Umgang mit technischen Hilfsmitteln etc.) deutlich machen, dass auch dieses Merkmal nicht ausreicht.
Erfahrung: Da wird es schon etwas komplizierter. Aber unzweifelhaft gilt die Mathematik als Wissenschaft, beruht jedoch nicht auf Erfahrung, denn unabhängig von unserer Erfahrung gilt: 2+2=4.
Mehrheitsverhältnisse: Auch hier stoßen wir an Grenzen, denn über richtige und falsche Aussagen entscheiden Wissen und Argumente – und nicht Minder- oder Mehrheiten.
Hier ergibt sich die Frage: Wie sollen Wissenschaften betrieben werden, damit sie das Prädikat „Wissenschaftlichkeit“ erhalten? Janich (1992) nennt als wichtigste Bedingungen:
sprachlich explizite Darstellung der wissenschaftlichen Ergebnisse
Unterscheidung von wahren und falschen, begründeten und unbegründeten Aussagen
Allgemeingültigkeit, Verstehbarkeit, systematische Ordnung der Wissensbestände
Transsubjektivität, das heißt die Überwindung der Subjektivität, also des Bezugs auf die Einzelperson
|38|Nachvollziehbarkeit und (empirische) Überprüfbarkeit der Geltung wissenschaftlicher Aussagen.
Wir können also festhalten, dass Wissenschaft – in der Differenz zum Alltagswissen, das durch unmittelbare Erfahrung und persönliche Ansichten, Vorlieben und unbegründete Vermutungen gekennzeichnet ist – offensichtlich als eine bestimmte Praxis menschlichen Denkens und Handelns charakterisiert werden kann, bei der es um die intersubjektive Prüfung von Aussagen, Theorien und Befunden geht, die mit Hilfe von Methoden gewonnen wurden. Bei wissenschaftlichen Aussagen handelt es sich letztlich um begründete, systematische und an rationalen Kriterien orientierte Sätze, die einen Wahrheitsanspruch beinhalten. Dabei geht es nie um endgültige Beweise oder ewige Wahrheiten, sondern immer nur um vorläufige Aussagen über Tatsachen und Zusammenhänge in der Wirklichkeit.
Wenn wir nach den Prüfkriterien für wissenschaftliche Aussagen (auch als Testgütekriterienbezeichnet) fragen, dann sind wir bereits mitten in einer wissenschaftlichen Diskussion. Wissenschaftliche Aussagen sollen – zumindest dem Anspruch nach – objektiv, zuverlässig und überprüfbar sein. Diese Kriterien werden traditionell der quantitativen Methodologie zugeordnet. Auch in der qualitativen Forschung werden – zum Teil verwandte – Merkmale für die Vertrauenswürdigkeit von Studien diskutiert, sie werden von qualitativ Forschenden als Vorschläge zur Reformulierung klassischer Kriterien (z. B. kommunikative Validierung) oder zur Formulierung alternativer, methodenangemessener Kriterien (z. B. Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit) diskutiert (Flick, 2019). Als „klassische“ Gütekriterien (Holloway & Wheeler, 2010, 1997; aktuell hierzu aus der Sicht der qualitativen Sozialforschung auch: Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2014) gelten:
Objektivität
