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Der Erfolg der Psychoanalyse misst sich an der Realität, weil "die Aussicht auf therapeutischen Erfolg die Bedingung unserer Behandlung ist" (Freud). Wenn kein Adjektiv eine nähere Bestimmung gibt, ist stets die äußere Realität gemeint. Sie ist die Wahrheit. Der moderne Wahrheitsbegriff, der besagt, dass Wahrheit immer kommunikativ hergestellt sei, verleugnet etwas. Ist das Ding an sich auch nicht erkennbar, so kann man sich ihm doch annähern. Die hier versammelten psychoanalytischen Betrachtungen zeigen es.
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Seitenzahl: 395
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Der Erfolg der Psychoanalyse misst sich an der Realität, weil 'die Aussicht auf therapeutischen Erfolg die Bedingung unserer Behandlung ist' (Freud). Wenn kein Adjektiv eine nähere Bestimmung gibt, ist stets die äußere Realität gemeint. Sie ist die Wahrheit. Der moderne Wahrheitsbegriff, der besagt, dass Wahrheit immer kommunikativ hergestellt sei, verleugnet etwas. Ist das Ding an sich auch nicht erkennbar, so kann man sich ihm doch annähern. Die hier versammelten psychoanalytischen Betrachtungen zeigen es.
Dr. med. Carl Nedelmann, Arzt für Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin, Mitglied der Deutschen und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, Psychoanalytiker in eigener Praxis in Hamburg. Mit Beiträgen von C. Bollas, B. Stimmel, A. Moser, A. Haynal, A. Green, J. Küchenhoff, D. Bürgin, J. Amati Mehler, J. M. Herzog, H. P. Blum, C. Nedelmann, L. Wurmser, O. F. Kernberg, A. Trojan und A. Arp-Trojan.
Carl Nedelmann (Hrsg.)
Phantasie und Realität
Psychoanalytische Betrachtungen
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikrofilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
1. Auflage 2011 Alle Rechte vorbehalten © 2011 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany
Print: 978-3-17-021551-1
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978-3-17-028188-2
mobi:
978-3-17-028189-9
Phantasie und Realität stehen sich gegenüber. Auf dieses Faktum ist die Psychoanalyse angewiesen. „Phantasie“ – ganz im Allgemeinen – versteht sich von selbst. Mit der „Realität“ verhält es sich anders. Mit ihr kommt sogleich die Frage nach der Wahrheit ins Spiel. Das muss einen nicht verwundern. Es geht um den common ground. Die Psychoanalyse benötigt einen Wahrheitsbegriff, der zulässt, das Wesen des Objekts „nicht als Projektion, sondern als Ding an sich“ zu betrachten (Winnicott, 1969, S. 88; eigene Übersetzung).
Aber der moderne Wahrheitsbegriff der Bewusstseinsphilosophen, der Einfluss auf die Psychoanalyse genommen hat, „zerstört“ die Gegenüberstellung. Dieser Wahrheitsbegriff stellt fest, dass „Wahrheit immer eine kommunikativ hergestellte, also intersubjektiv konstruierte Wahrheit ist und dass es eine objektive Wahrheit nicht gibt und nicht geben kann“ (Reiche, 1995, S. 17). Wer dem folgt, gerät in einen misslichen Sachverhalt; denn die psychoanalytische Arbeit strebt danach, „die Übereinstimmung mit der Realität zu erreichen, d. h. mit dem, was außerhalb von uns, unabhängig von uns besteht und, wie uns die Erfahrung gelehrt hat, für die Erfüllung oder Vereitelung unserer Wünsche maßgebend ist. Diese Übereinstimmung mit der realen Außenwelt heißen wir Wahrheit“ (Freud, 1933a, S. 184).
Robert Waelder kommentierte: „Mir scheint die Annahme, dass wir die Realität (oder die Wahrheit), mit wieviel Kraft sie auch geleugnet wird, wiederkehrt und ihre Rechnung vorlegt, und dass kein Friede eintritt, bevor man sie nicht erkannt hat, ein fester Bestandteil des Freudschen Denkens zu sein“ (1951, S. 191, Fussn.).
Modernen definitorischen Bedenken Rechnung tragend ergänzte Wolfgang Loch: „Wir verstehen auch die äußere Realität als das Produkt unserer Konstruktionen, aber wir sind doch davon überzeugt, daß ihnen ein Korrelat zugehört, das Seiendes zur Grundlage hat, welches vom Seienden der inneren Welt verschieden ist“ (1995, S. 122).
Selbst nach der Auffassung eines Pragmatisten bleibt die Eindeutigkeit des Begriffs erhalten: Nach solcher Auffassung, schrieb Richard Rorty, wird „die Eindeutigkeit des Wortes ‚wahr‘ [...] gerade durch seine Flexibilität gewährleistet, dadurch, dass ‚wahr‘ lediglich ein der Empfehlung dienender Ausdruck ist. Nach seiner Darstellung bedeutet der Terminus ‚wahr‘ in allen Kulturen dasselbe, und zwar in der Weise, wie ähnlich flexible Ausdrücke – etwa ‚hier‘, ‚dort‘, ‚gut‘, ‚schlecht‘, ‚du‘ und ‚ich‘ – in allen Kulturen dasselbe bedeuten“ (1987, S. 15).
Eine Besonderheit ist die Realität der milden, unanstößigen Übertragung. Sie „war real und bleibt real, nämlich fundierend“ (Loch, 1975, S. 204). Sie ist „die Trägerin des Erfolgs“ (Freud, 1912b, S. 371). Sie bleibt ungedeutet. Sie gedeiht, wenn unser Wohlwollen ihr entgegenkommt.
Schließlich gehört zur Realität die Entstehung dieses Buches. Alex Holder und ich haben viel zusammen gearbeitet und immer ging es gut. Diese Vorerfahrung machte es uns leicht, wieder einmal etwas zusammen zu unternehmen. Mir schwebte vor, ein Buch mit dem Titel „Phantasie und Realität“ herauszugeben, aber es mangelte mir an Zeit. Zusammen entwickelten wir einen Plan, wie es gehen kann. Ich werde der Herausgeber, er wird mir Freunde nennen, die ich zur Mitarbeit einlade und ihnen dabei mitteile, dass Alex am 24. April 2011 achtzig Jahre alt wird und die Beiträge in dem Buch ihm gewidmet sein werden. Entschließen konnte ich mich zu dem Plan aber erst, als Alex anbot, die englischen Beiträge zu übersetzen.
Der Kohlhammer Verlag stimmte zu. Den Autoren schrieb ich bei der Einladung zur Teilnahme, dass „Realität“ zu verstehen sei, wie Sigmund Freud diesen Begriff verstanden hat. Eine bunte Fülle verschiedener Annäherungen an das Thema „Phantasie und Realität“ ist zustandegekommen. Ich danke den Kollegen und Freunden für ihre Beiträge und für die gemeinsame Widmung.
Katrin Grünepütt danke ich für die Übersetzung der Arbeit von André Green aus dem Französischen. Alex Holder danke ich für die Übersetzung aus dem Englischen der Arbeiten von Christopher Bollas, Barbara Stimmel, Jacqueline Amati Mehler, James M. Herzog, Harold P. Blum und Otto F. Kernberg. Für eine fruchtbare und angenehme Zusammenarbeit danke ich Ruprecht Poensgen, dem Verlagsleiter, und Ulrike Merkel, der Lektorin im Bereich Psychologie. Für finanzielle Unterstützung danke ich dem Reeder Peter Krämer.
Carl Nedelmann
Hamburg, im Februar 2011
Freud, S. (1912b). Zur Dynamik der Übertragung. GW VIII, 363–374.
– (1933a). Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. GW XV.
Loch, W. (1974). Der Analytiker als Gesetzgeber und Lehrer. In W. Loch: Über Begriffe und Methoden der Psychoanalyse (S. 197–230). Bern: Huber, 1975.
– (1995). Psychische Realität – Materielle Realität – Genese – Differenzierung – Synthese. Jahrb. Psychoanal. 34, 103–141.
Reiche, R. (1995). Von innen nach außen? Sackgassen im Diskurs über Psychoanalyse und Gesellschaft. In R. Reiche: Triebschicksal der Gesellschaft. Über den Strukturwandel der Psyche (S. 9–39). Frankfurt/New York: Campus, 2004.
Rorty, R. (1987). Solidarität oder Objektivität? Drei philosophische Essays. Stuttgart: Reclam, 1988.
Waelder, R. (1951): Die Struktur paranoider Ideen. Kritische Übersicht über verschiedene Theorien. In R. Waelder: Ansichten der Psychoanalyse. Eine Bestandsaufnahme (S. 175–201). Stuttgart: Klett-Cotta, 1980.
Winnicott D. W. (1969). The use of an object. In D. W. Winnicott: Playing and reality (S. 86–94). London, Tavistock Publications, 1971.
Vorwort
Christopher Bollas Übertragungsdeutung als Widerstand gegen die freie Assoziation
Barbara Stimmel Das Ichideal – noch einmal und noch immer
Alexander Moser Identifizierungen und Gegenidentifizierungen und ihre Beziehungen zur äußeren Realität in der psychoanalytischen Ausbildung
André Haynal Wirklichkeitsentwürfe in der psychoanalytischen Situation
André Green Nachträglichkeit in der Theorie der Zeit – die Fallgeschichte des Wolfsmannes
Joachim Küchenhoff Jenseits der Objektbeziehung – zur Anerkennung des Anderen
Dieter Bürgin Zur Theorie und Klinik von Übergangsbewegungen
Jacqueline Amati Mehler Realität und Psychose
James M. Herzog Lesen und Schreiben in der Bibliothek des Geistes
Harold P. Blum Die Befreiung von der Unterdrückung und die Wiederkehr des Verleugneten
Carl Nedelmann Realität und Phantasie in einer traumatischen Neurose
Léon Wurmser Trauer, doppelte Wirklichkeit und die Kultur des Erinnerns und Verzeihens – ein sehr persönlicher Bericht
Otto F. Kernberg Mentalisierung, Einsicht, Empathie und Deutung – eine vorläufige Mitteilung
Alf Trojan und Annelies Arp-Trojan
Christopher Bollas
Unter Übertragung verstand Freud zu Beginn den Transfer unbewusster psychischer Inhalte ins Bewusstsein. In der Traumdeutung schrieb er,
„… daß die unbewußte Vorstellung als solche überhaupt unfähig ist, ins Vorbewußte einzutreten, und daß sie dort nur eine Wirkung zu äußern vermag, indem sie sich mit einer harmlosen, dem Vorbewußten bereits angehörigen Vorstellung in Verbindung setzt, auf sie ihre Intensität überträgt und sich durch sie decken läßt. Es ist dies die Tatsache der Übertragung, welche für so viele auffällige Vorfälle im Seelenleben der Neurotiker die Aufklärung enthält. Die Übertragung kann die Vorstellung aus dem Vorbewußten, welche somit zu einer unverdient großen Intensität gelangt, unverändert lassen, oder ihr selbst eine Modifikation durch den Inhalt der übertragenden Vorstellung aufdrängen” (Freud, 1900a, S. 568).
In diesem Essay gilt mein Augenmerk den Umständen, wie diese Sicht von Übertragung allmählich degradiert und auf ein spezifischeres Verständnis dessen eingeschränkt wurde, was sich in der Übertragung abspielt. Ich vertrete die Ansicht, dass die moderne Psychoanalyse zu Freuds früher Sichtweise zurückkehren sollte, um deren Weisheit wieder zu entdecken.
Freud stellte ein Modell analytischer Technik zur Verfügung, das voll und ganz auf dem oben genannten Transfer beruhte. Ich habe dieses Modell das Freud’sche Paar genannt (2002, S. 7), nämlich der frei assoziierende Analysand und der gleichschwebende Analytiker, eine Beziehung, die spezifisch darauf ausgerichtet ist, unbewusste Gedankenstränge auszulösen, mit dem Ziel, einige der latenten unbewussten mentalen Inhalte zu entdecken. Diese radikale Sicht von Freuds Theorie wurde von späteren Analytikergenerationen systematisch marginalisiert, und es lohnt sich, sie uns noch einmal zu vergegenwärtigen. Die folgenden zwei Passagen stammen aus Freuds Artikel „‚Psychoanalyse‘ und ‚Libidotheorie‘“ aus dem Jahr 1923.
Die erste Passage beschreibt die Position und Aufgabe des Analysanden: „Man leitet die Behandlung ein, indem man den Patienten auffordert, sich in die Lage eines aufmerksamen und leidenschaftslosen Selbstbeobachters zu versetzen, immer nur die Oberfläche seines Bewußtseins abzulesen und einerseits sich die vollste Aufrichtigkeit zur Pflicht zu machen, anderseits keinen Einfall von der Mitteilung auszuschließen, auch wenn man 1) ihn allzu unangenehm empfinden sollte, oder wenn man 2) urteilen müßte, er sei unsinnig, 3) allzu unwichtig, 4) gehöre nicht zu dem, was man suche. Es zeigt sich regelmäßig, daß gerade Einfälle, welche die letzterwähnten Ausstellungen hervorrufen, für die Auffindung des Vergessenen von besonderem Wert sind“ (1923a, S. 214 f.).
Darüber könnte viel gesagt werden, aber wir wollen hier nur festhalten, dass der Gedanke, die dunklen Geheimnisse des Analysanden seien von großem Wert, von Freud verworfen wird. Tief im Herzen des Alltäglichen gibt Freud dem scheinbar Irrelevanten den höchsten Wert.
Achten wir nun darauf, wie er die Position und Aufgabe des Analytikers beschreibt, der dem frei assoziierenden Patienten zuhört: „Die Erfahrung zeigte bald, daß der analysierende Arzt sich dabei am zweckmäßigsten verhalte, wenn er sich selbst bei gleichschwebender Aufmerksamkeit seiner eigenen unbewußten Geistestätigkeit überlasse, Nachdenken und Bildung bewußter Erwartungen möglichst vermeide, nichts von dem Gehörten sich besonders im Gedächtnis fixieren wolle, und solcher Art das Unbewußte des Patienten mit seinem eigenen Unbewußten auffange“ (a. a. O., S. 215).
Sehr viel könnte über diese bemerkenswerte Passage gesagt werden, aber ich möchte nur ein einziges Element hervorheben, denn es ist dieses Element, dem die meisten psychoanalytischen Schulen durchgängig die Anerkennung verweigern, noch weniger lehren sie es. Eindeutig stellt Freud fest, dass die psychoanalytische Arbeit eine von unbewusst zu unbewusst ist. Es ist die Vollziehung dieser bemerkenswerten „Objektbeziehung“, die zu meinem Begriff des Freudschen Paares führte, denn ich meine, wir müssen in unserer Arbeit jederzeit an sie denken.
Hört man auf diese Weise zu, führt das hin und wieder zu einer Entdeckung. Der Psychoanalytiker (es könnte auch der Analysand sein), vorher in Gedanken versunken, ist beeindruckt von der Logik der Ideenabfolge, die vom Unbewussten angeboten wird. Zuerst werden die latenten psychischen Inhalte vom Unbewussten des Psychoanalytikers empfangen, der diese Logik wahrnimmt, und danach ist sein Bewusstsein beeindruckt von den Ideen, die bis dahin von einer bewussten Erkennung verborgen blieben.
Zusätzlich dazu, einen Transfer von unbewusstem Denken zu bewusstem Gedanken herzustellen, wissen wir, dass das Freudsche Paar als eine unbewusste Denkeinheit funktioniert („zwei Köpfe sind besser als einer“).
Nur ein Bruchteil dessen, was der Analysand denkt, kann beim Analytiker ankommen; ansprechendes Material ist gewöhnlich Teil einer ständigen Serie von unbewussten Fragen auf Seiten des Analysanden. Sein Unbewusstes erkennt den Analytiker als eine geistige Funktion, die durch eine Beziehung hergestellt wird. Da der Analysand versteht, dass der Analytiker für die freie Assoziation empfänglich ist, kann er auch nachvollziehen, dass unbewusstes Denken zwischen zwei Seelen („minds“) stattfinden kann, die verschiedene Funktionen haben: Die eine soll offen und ohne Reflexion oder Zensur sprechen, die andere frei zuhören.
Es ist fast ein Klischee zu sagen, die Übertragung sei ubiquitär, komme überall vor. Andererseits ist die Technik der Übertragung – erfunden von der und für die Psychoanalyse mittels des Prozesses der freien Assoziation – nicht ubiquitär, sondern in der psychoanalytischen Situation einzigartig.
Die Verwischung der beiden Formen der Übertragung2 ist die Grundlage einer Ironie im gegenwärtigen analytischen Diskurs. Psychoanalytiker, die im Freudschen Paar arbeiten, werden oft gefragt: „Wie steht es denn mit der Übertragung?“ Ich werde gleich zu den Formen der Übertragung kommen, auf die sich diese Frage gewöhnlich bezieht, aber es ist wichtig zu sehen, dass es genau diese Frage ist, die die Form der Übertragung eliminiert, die in der Psychoanalyse einzigartig ist.
Die obige Frage enthält einen weit wichtigeren Inhalt: „Versteht der Analytiker die Übertragung des Analysanden?“ Das wirft die Frage auf, ob der Psychoanalytiker das Bedürfnis des Analysanden versteht, in Gegenwart des Psychoanalytikers frei zu denken, der ebenfalls mit offenem Sinn zuhören sollte. Es geht also um die Frage, ob sich eine erfolgreiche Trennung der mentalen Funktionen (das Freudsche Paar) als Teil des psychoanalytischen Prozesses entwickelt hat oder nicht.
In diesem Kontext bezieht sich diese Frage also nicht darauf, zu welchem Objekt in der Geschichte des Analysanden der Patient spricht. Es geht auch nicht darum, welches innere Objekt vom Analysanden durch ein spezifisches mentales Objekt im Feld der freien Assoziation repräsentiert wird.
Es gibt keinen Psychoanalytiker, der nicht mit der Geschichte von Freuds Entdeckung der Übertragung vertraut wäre. Vielleicht am berühmtesten zum Ausdruck gebracht in seinem Bedauern über Dora, von der Freud behauptete, die Analyse sei gescheitert, weil er es verfehlte, die Übertragung der jungen Frau auf ihn zu erkennen. Seit dieser bedeutsamen Offenbarung sind viele der nachfolgenden analytischen Ansichten der Übertragung hervorgegangen. Die Übertragung bezieht sich auf unbewusste Wünsche oder wiederbelebte Erinnerungen vergangener Beziehungen zu früheren Objekten im Leben des Patienten, die in oder auf den Analytiker projiziert werden und die unter anderem die Auswirkung haben, das Freudsche Paar zu stören.
Wie verhält es sich nun aber mit der anderen Form der Übertragung? Die Übertragung, welche die ganze Zeit schon im Freudschen Paar wirksam war, die Übertragung, die Freud für eine „unanstößige Komponente“ (1912b, S. 371) hielt? Wie bereits erwähnt, beinhaltet diese Übertragung die Anwendung mentaler Funktionen, welche die Möglichkeit unbewussten Denkens, unbewusster Kreativität und unbewusster Kommunikation zwischen den beiden Beteiligten erleichtert. Könnte es sein, dass dieser Transfer mentaler Funktionen durch die Übertragung zeitweilig so sehr behindert und aufgehoben wird, bis die Behinderung durchgearbeitet ist? Natürlich könnte das passieren. So könnte ein Patient zum Beispiel von einem Aspekt seiner vorgestellten Beziehung zum Analytiker so eingeschüchtert sein, dass er sich entschließt, zu schweigen und auf diese Weise aus der Aufteilung der mentalen Funktionen auszusteigen, die für das Freudsche Paar so entscheidend ist.
Freud liefert allerdings aus seiner Arbeit mit Dora keinen wirklichen Beweis dafür, dass die Übertragung den Transfer unbewusster Ideen durch das Freudsche Paar störte. In der Tat ist die Frage, ob die Übertragung die Freudsche Übertragung stört, eine Frage, die wir anscheinend vergessen haben. Wir scheinen automatisch angenommen zu haben, dass die Freudsche Übertragung aufhört zu existieren, wenn der Analysand eine Übertragung entwickelt hat.
Der Fokus auf die freie Assoziation kann im psychoanalytischen Prozess aufgehoben werden. Folgt man der analytischen Literatur, ist der Patient schuld daran, der durch Wünsche, Erinnerungen oder Objektbeziehungen den analytischen Prozess stört. Nebenbei bemerkt ist das eine Meinung, die Freud nicht teilte. Was nicht erkannt wird, ist dass die Aufhebung der für das Freudsche Paar so zentralen Aufteilung der mentalen Funktionen von der Präokkupation des Psychoanalytikers mit der Übertragung ausgeht. Seit Dora zeigt die analytische Literatur eine zunehmende Beschäftigung mit der Übertragung und eine entsprechend dramatische Abnahme der Beschäftigung mit der freien Assoziation, nicht nur in der Literatur, sondern noch eindrucksvoller in der intellektuellen Erforschung dieser Funktionsteilung.
Es ist nicht das Beharren des Analysanden auf der Entwicklung der Übertragung, das die echte Freudsche Übertragung marginalisiert hat, sondern es ist der Psychoanalytiker, der durch die allgegenwärtige Übertragung in allen Objektbeziehungen verunsichert worden ist.
Soweit sich die Freudsche Übertragung auf die Teilung mentaler Funktionen bezieht, handelt es sich um einen Prozess, der nicht durch seine eigenen Inhalte beeinflusst wird. Egal welchen Wunsch, welche Erinnerung oder innere Beziehung der Patient auf den Analytiker projizieren mag – also egal, welchen Inhalt der Prozess enthüllt –, die Denktätigkeit dessen, der sie denkt, wird dadurch nicht aufgehoben. Als sich Bion zur Aufgabe des Analytikers äußerte und sagte, dass er „without memory or desire“ sein sollte, so tat er in Wirklichkeit nichts anderes, als darauf aufmerksam zu machen, dass jeder Psychoanalytiker ein Psychoanalytiker sein sollte, wenn er einen Patienten sieht. Mit anderen Worten sollte jeder Analytiker eine Aufteilung der mentalen Funktionen betreiben, die das Freudsche Paar ausmacht.
Aber stört die Übertragung das Freudsche Paar denn zwangsläufig? Wenn der Analysand unbewusst einen kritischen Vater in den Analytiker projiziert, wird das nicht unweigerlich jene Gedankenfreiheit beeinflussen, von der wir annehmen, dass sie in diesem Prozess stattfindet? Wird das den Analysanden zum Beispiel dazu bringen, seine Kommunikationen einzustellen, was wiederum die Missbilligung des Analytikers nach sich ziehen wird?
Genau das kann sich ereignen, wenn dem Patient ein Gedanke durch den Kopf geht, dessen genaue Mitteilung ihm schwer fällt, weil sie missbilligt werden könnte. Solche Situationen kündigen sich oft durch ein besonderes Schweigen oder eine ausweichende Rede an, die trotz seiner Absichten einen Widerstand heraufbeschwört und gewöhnlich entweder den Patienten oder Psychoanalytiker zu einer Deutung veranlassen. Auf diese Weise erreicht ein offener Widerstand, wie etwa das Schweigen, das paradoxe Resultat, die Aufmerksamkeit auf ungewünschte mentale Inhalte zu lenken.
Freud war der Meinung, dass der Gedanke, den der Patient für den wichtigsten hält – im obigen Beispiel das Geheimnis, das nicht preisgegeben werden kann –, in Wirklichkeit nicht der bedeutsamste, sondern ganz im Gegenteil der unwichtigste ist. Er machte deutlich, dass die wichtigsten freien Assoziationen die anscheinend irrelevanten Ideen seien; die scheinbar unbedeutendsten die wertvollsten. Es stellt sich die Frage, welchen Unterschied es für das Freudsche Paar macht, wenn der Analysand einen bestimmten Gedanken zensiert, aber dennoch fortfährt, über andere Dinge zu sprechen, die ihn beschäftigen? Nehmen wir für einen Moment an, dass die Angst vor der Missbilligung durch den Analytiker den Patienten dazu bringt, über etwas Bestimmtes nicht zu sprechen. Verunmöglicht das den Prozess der freien Assoziation?
Kurz gesagt: nein. Der Patient mag denken, dass er nicht darüber spreche, was ihn beschäftige, wenn er eine beunruhigende Idee nicht preisgibt. Das stimmt aber lediglich in Bezug auf den manifesten Inhalt. Es mag zutreffen, dass der Patient nicht über das sprach, woran er bewusst dachte, aber wie wir wissen, ist Freuds Definition dessen, womit das Selbst in Gedanken beschäftigt ist, durch die Komplexität des Unbewussten bestimmt – d. h. durch all die Interessen, die sich zu jeder psychischen Zeit einstellen, unbewusst getrieben durch Wünsche, Erinnerungen, Ängste, Neugier usw.
Man könnte fragen, wie es sich denn mit unbewussten Widerständen verhält, die auf unbewussten Übertragungen beruhen? Stimmt es nicht, dass solche Strukturen den Prozess der freien Assoziation so sehr stören oder wesentlich entstellen werden, dass sich die enthüllten Gedankengänge bis zur Deutung der Entstellung unter dem Einfluss eines Übertragungswiderstandes befänden? Das ist wohl eine plausible These, aber sie verfehlt dennoch den springenden Punkt. Die freie Assoziation enthüllt nur Gedankenlinien, so lange der Analysand assoziativ denkt. So lange sich der Analysand von einem Thema zu einem anderen bewegt, wird er unbewusst weiterhin laut denken. Solche Gedankengänge sind natürlich hoch verdichtet und vielfach überdeterminiert, so dass viele Ideen von Thema zu Thema gedacht werden (ich benütze die musikalische Metapher, um eine Einheit frei assoziativer Logik zu beschreiben). Ein bestimmter mentaler Inhalt könnte aufgrund einer Selbstzensur eine Entstellung erfahren, aber wie ich bereits gesagt habe, ziehen solche Entstellungen tatsächlich die Aufmerksamkeit auf den Inhalt und bringen ihn in den Vordergrund. Genauer gesagt ist es absurd anzunehmen, dass dem Reichtum an Ideen, der sich in der psychischen Zeit einstellt, erfolgreich widerstanden werden könnte.
Unbewusstes Denken ist nicht in einem einzigen Einfall enthalten, sondern ereignet sich als logischer Prozess. Es offenbart sich nicht in einer einzigen narrativen Einheit – beispielsweise bei einer Patientin, die über das Backen eines Kuchens spricht –, sondern in den Verknüpfungen zwischen den narrativen Einheiten. In der Zäsur findet man die logischen Möglichkeiten. Genau in diesen Lücken und durch sie findet die Gedankenlogik statt. Sie ist der Übertragung niemals untergeordnet.
Aber stimmt es nicht, dass alle Assoziationen Teil einer bewussten oder unbewussten rhetorischen Strategie sind? Wenn man spricht, muss man dann nicht mit Heimann und anderen fragen, wer spricht, zu wem, worüber, und weshalb jetzt? Ist es nicht ebenso wahr, dass jede Form von Sprache eine Form von Handlung ist, ein „illokutorischer Akt“, wie Austin es nannte, oder ein „Sprechakt“ nach Searle, der stets eine Übertragung einschließt, die auf ein Objekt gerichtet ist? Das sind Fragen, die sich aus der Perspektive der Objektbeziehungstheorie stellen.
Einer der interessantesten Aspekte beim Betrachten von detailliertem klinischen Material besteht darin, Übertragungsabsichten zu entdecken und gleichzeitig zu sehen, dass andere Linien unbewusster Gedanken trotzdem fortfahren. Wie können wir das verstehen? Wie können unbewusste Themen Teil einer rhetorischen Strategie sein – ja sogar die Stimme eines Teils eines Selbst, das zu einem Objekt spricht – und dennoch außerhalb oder neben dieser Absicht bleiben?
Eine Patientin kann sagen: „Mir fällt ein, gerade gestern einen Kuchen gebacken zu haben.“ Dies zu sagen, könnte Teil einer selbstidealisierenden Stimmung sein, und der Zweck, diesen Gedanken dem Analytiker gegenüber auszusprechen, könnte sein, seine Liebe für die Patientin als einer wertvollen Person, die etwas Gutes tut, hervorzulocken. Der Psychoanalytiker mag die Absicht dieser romantischen Kommunikation spüren. Aber der Inhalt ist noch nicht Teil einer Ideenkette; mit anderen Worten ist er noch nicht eine freie Assoziation oder ein Ausdruck unbewusster Logik. Es bleibt abzuwarten, was die Patientin als nächstes sagt. Nehmen wir an, die Patientin verbleibe in einer selbstidealisierenden Stimmung und erwähne als nächstes eine Freundin, die einen Nachtisch ruinierte, spricht dann über die Lektüre eines Buches über extrem notdürftige Kinder und wie man mit ihnen arbeiten sollte, spricht dann über ihre eigene Distanz gegenüber einer aufdringlichen Mutter etc. Nach einer Weile erkennen wir die Absicht der rhetorischen Strategie: Die Patientin versucht, das romantische Mitgefühl des Analytikers zu wecken, indem sie sich als ideal präsentiert. Aber während die Patientin weiter und weiter redet und sich von einem Thema zum nächsten bewegt, beginnt die rhetorische Strategie unter der zerstreuenden Wirkung des Ideenflusses zu zerbröckeln, was nicht auf ein Übertragungsschema vereinfacht werden kann. Mit anderen Worten, nach einer Weile wird die Objektbeziehungsstruktur, die implizit im Sprechakt vorhanden war, vom Fluss der Einfälle abgelöst. Selbst wenn die Objektbeziehung – die Suche nach der Anerkennung durch den Analytiker – als eine Stimmung in der Analysandin aufrecht erhalten bleibt, oder von beiden bewusst als eine nur allzu bekannte Strategie verstanden wird, wird der reine Akt, weiter zu sprechen, nach dem unbewussten Diktat der freien Assoziation weiterzufahren, den Erfolg der Strategie brechen.
Nicht nur eine Deutung kann die Übertragung auflösen. Der Gang der Zeit allein treibt den Prozess der freien Assoziation vorwärts, was unweigerlich zu anderen Gedanken führt. Natürlich sehen wir das ständig in gewöhnlichen Alltagssituationen. Wir sehen, wie eine Person eine Geschichte zu erzählen beginnt, um etwas für sich zu gewinnen. Wir können die positive Haltung des Zuhörers beobachten, bemerken aber mit der Zeit, dass das, was diese Person tatsächlich sagt, letztlich diese ursprüngliche Absicht nicht erfüllt, sondern den Zuhörer schließlich verwirrt oder ärgert. Mit anderen Worten, wir wissen nur allzu gut: Wenn wir reden und reden – was auch immer die kommunikative Absicht oder die Phantasie hinter dem Gesagten sein mag –, dass die unbewusste Logik des Selbstdiskurses für sich selbst spricht. In diesem Sinn ist sie kein Teil der Übertragung – in der Tat widerspricht sie ihr oft unbewusst.
Wenn wir das aus alltäglicher Lebenserfahrung wissen, warum hat unsere Theorie der Übertragung unseren Blick auf die freie Assoziation versperrt? Warum haben wir einen solch fundamentalen Fehler in unserem eigenen Denken gemacht? Unsere besten Einsichten haben wir aus Freuds eigenen Revisionen gewonnen, aber ich denke, wir haben wahrscheinlich seine schlechtesten Züge ebenfalls geerbt, die nur allzu lange an uns haften können. Es war Freuds Irrtum anzunehmen, dass sein Versäumnis, die Übertragung zu verstehen und Dora (und späteren Patienten) gegenüber zu deuten, für das Misslingen jener Analyse verantwortlich war. Folglich haben Psychoanalytiker angenommen, dass eine verändernde Wirkung der Psychoanalyse nur durch die Analyse der Übertragung erreicht werden kann.
In Wirklichkeit ließ Freud in einer Fußnote seines Postskripts über Dora die Idee, dass sein Versäumnis, die Übertragung zu deuten, für den vorzeitigen Abbruch dieser Analyse verantwortlich gewesen sei, wieder fallen. „Je weiter ich mich zeitlich von der Beendigung dieser Analyse entferne, desto wahrscheinlicher wird mir, daß mein technischer Fehler in folgender Unterlassung bestand: ich habe es versäumt, rechtzeitig zu erraten und der Kranken mitzuteilen, daß die homosexuelle (gynäkophile) Liebesregung für Frau K. die stärkste der unbewußten Strömungen ihres Seelenlebens war“ (1905e, S. 284).
Also ... raus mit der Übertragung und rein mit dem Versäumnis, richtig zu verstehen. Oder vielleicht ist es noch komplizierter. Freud bezieht sich auf das Zeitintervall, das für den Prozess der freien Assoziation verantwortlich ist, und dieses Verstreichen der Zeit liefert ihm die fehlende Deutung. Hätte diese Deutung wirklich den Verlauf der Analyse verändert? Wer weiß? Ich bezweifle es eher. Was Freud unbewusst feststellt, ist die Notwendigkeit, dass Zeit vergeht und die Gedankenkette weitergeht, und damit gesteht er das eigentliche Versäumnis ein. Dank seines Unbewussten verwarf er die Theorie, dass sein Versäumnis, die Übertragung zu verstehen, der Kern der Sache sei. In seiner Fußnote erkannte er die Wichtigkeit des Verstreichens der Zeit und des Einführens neuer Ideen. Was er und viele andere seither nicht erkannten, war, dass diese Fußnote eine subtile Kritik der Theorie der Übertragung als dem Herz des analytischen Unternehmens darstellte.
Denken wir über Freuds Theorie der Übertragung als das Bindeglied nach. Nehmen wir für einen Moment an, dass sein Versäumnis, Doras Übertragung zu verstehen, für den Misserfolg jener Analyse verantwortlich war. Nehmen wir andererseits an, dass Freud die Übertragung verstanden und gedeutet hätte. Würden wir dann übereinstimmen, dass die Analyse erfolgreich gewesen wäre? Nun, einige würden sofort einwenden, dass Freuds Versäumnis, seine eigene Gegenübertragung zu verstehen, für dieses Misslingen verantwortlich gewesen sei. Nehmen wir daher zu Diskussionszwecken an, Freud habe sowohl die Übertragung als auch die Gegenübertragung verstanden und durch passende Deutungen eingebracht. Gehen wir ins Extrem und stellen uns außerdem vor, dass er die darunterliegenden Wünsche, Erinnerungen und inneren Objektstrukturen verstand, die in Doras Sprechakten zum Ausdruck kamen. Wäre deren Deutung der mutative Faktor gewesen?
Bevor ich mich direkt damit auseinandersetze, möchte ich auf eine Schwäche dieses Denkens hinweisen. Es nimmt an, was in der Funktion, im Verständnis oder Erzählen einer Situation fehle oder ausgelassen werde, sei verantwortlich für die mangelnde Entfaltung der Situation. Der momentane cri de coeur – „Was ist mit der Übertragung?“ – steht dann für die Logik, dass das Ausgelassene der Grund für das Misslingen sein muss. Wenn „es“ nur erwähnt worden wäre, wäre alles anders gekommen.
Ich bin mir gar nicht so sicher, dass Doras Analyse erfolgreich gewesen wäre, selbst wenn Freud sowohl ihre Übertragung als auch seine Gegenübertragung verstanden hätte. Bei jeder Beendigung einer Analyse ist es sehr unwahrscheinlich, dass die beiden Beteiligten wirklich wissen, weshalb sie endete. Es gibt ebenso viele Erklärungen für eine Beendigung wie es sie für einen Anfang, eine Unterbrechung oder für jedes menschliche Phänomen gibt.
„Was ist mit der Übertragung?“ ist in der Psychoanalyse zum Zeichen für „Was ist mit dem Ausgelassenen?“ geworden. Es konkretisiert diese unbewusste Frage, wenn angenommen wird, dass es immer nur eine Antwort auf die Frage „Warum ist das gescheitert?“ gibt, und es weist die Möglichkeit zurück, dass Analytiker jemals wissen, weshalb einige Patienten eine Analyse abbrechen oder warum sich einige Analysen nicht entfalten.
In immer weiteren Kreisen der analytischen Welt wird angenommen, dass der Psychoanalytiker die Übertragung nicht verstanden oder gedeutet hat, wenn eine Analyse nicht gut gelaufen ist. Übertragung – als Name für das Fehlende – bedeutet hier eine Weigerung, die Existenz des Ungewissen, Undenkbaren zu akzeptieren. Die Übertragung zu erkennen und zu deuten soll jegliches vom Analysanden gestellte Problem lösen, und es ist bestimmt dieses Konzept, dem sich die analytische Gruppe zuwendet, wenn sie durch eine Falldarstellung, die nicht so leicht zu verstehen ist, verunsichert wird.
Das interessante Resultat dieser Denklinie ist, dass die Übertragung zur Lösung der Frage nach dem Unbewussten des Analysanden wird. „Was ist mit der Übertragung?“ führt viele in der analytischen Welt dazu, sich schnell mit dieser Sache zu befassen und anzunehmen, dass sie dadurch dichter am Analyseverlauf seien. Durch die Deutung der Übertragung glaubt der Analytiker, dass er den Patienten besser erreichen kann, weniger im Dunkeln tappt, wenn er als ein nur bewusstes Wesen in den von unbewussten Gedankenlinien geschaffenen, unendlich subtilen Subtexten ins Schwimmen gerät.
Bei einer Falldiskussion werden Psychoanalytiker, die sich nicht in der Übertragungsdeutung im Hier und Jetzt verfangen haben, viele andere Aspekte aufgreifen. Da jede Analyse voll von unbewussten Gedankenlinien und Bewegungen ist, überrascht es nicht, dass jede Gruppe frei denkender Analytiker auseinandergehende Ansichten davon hat, was sie bedeutsam finden.
Sogar der Analytiker hat wahrscheinlich andere Gedanken und Gefühle über das Material, wenn er einen Patienten Kollegen vorstellt, als wenn er sich in einer Sitzung befindet. Wenn die Gruppe eine Sitzung über einen längeren Zeitraum studiert, treten weitere Gedankenlinien ins Bewusstsein. Es ist ein typisches Ergebnis angewandter Psychoanalyse in der Literaturkritik, dass Leser entdecken, dass die wiederholte Rückkehr zum selben Text neue Einsichten über die vermuteten latenten Inhalte hervorruft. Mit anderen Worten: Die meisten Mitteilungen, ob nun von einem Patienten, der zum Analytiker spricht, oder einem Dichter, der ein Gedicht schreibt, sind in hohem Maße überdeterminiert und werden im Lauf der Zeit vielfache Bedeutungen hervorbringen. Für Psychoanalytiker, die sich für die intellektuellen Hüter des Studiums unbewusster Gedankenprozesse halten, sollte das keine Überraschung sein.
Wenden wir uns jetzt der aktuellen Beschäftigung zu – man könnte es Besessenheit nennen –, mit der gefordert wird, dass der Analytiker die Übertragung im Hier und Jetzt deute. Diese Sichtweise nimmt an, dass Menschen, Orte und Ereignisse, von denen der Analysand erzählt, sich immer teilweise auf den Analytiker beziehen. Ferner wird angenommen, die Erzählung des Analysanden sei ein unbewusster Sprechakt, der sich an den Analytiker richte.
Diese Weise, dem Material zuzuhören, hat die reiche Tradition des Zuhörens, die Freuds Sichtweise der freien Assoziation anbot, gesäubert und kanalisiert. Sie hat zu einer tief greifenden Verschiebung in der Psychoanalyse geführt, oft im Namen der „Britischen Schule“. Ihre hartnäckige Frage „Was ist mit der Übertragung im Hier und Jetzt?“ verlangt vom Kliniker, dass er das Material im Sinne der angenommenen unbewussten Bezüge auf den Psychoanalytiker höre.
Außerhalb der Britischen Schule haben viele eine ganz andere Art, mit der Übertragung umzugehen, dass man über die Übertragung nachdenkt, wenn sie einem in den Sinn kommt. Wir sollten diese letztere Gruppe die „Hin und Wieder“-Deuter der Übertragung nennen. „Hin und Wieder“-Deuter sind ebenso wie „Hier und Jetzt“-Deuter geschult im Verstehen der Übertragung, aber sie denken nur dann über das Material als bezogen auf den Analytiker nach, wenn ein solcher Gedanke im Bewusstsein des Analytikers spontan und ohne Voreingenommenheit auftaucht.
„Hier und Jetzt“-Deuter dagegen sind sehr voreingenommen. Für sie ist es selbstverständlich, dass sich die Erzählung des Analysanden immer auf den Psychoanalytiker bezieht, und für einige bedeutet das eine Übertragungshandlung. Bevor eine Sitzung beginnt, weiß der Analytiker bereits, dass er über Menschen, Orte und Ereignisse hören wird, die eine Darstellung dessen enthalten, wie der Analysand den Analytiker im Hier und Jetzt erlebt. Die Aufgabe des Analytikers ist es, dieses lieber früher als später zu deuten, denn ein Aufschub würde dem Analysanden als Komplizenschaft erscheinen, d. h. der Analytiker ist zu ängstlich zu deuten, zu depressiv, irgendetwas zu sagen, vielleicht zu erregt zu deuten, auf mehr vom Selben hoffend und so weiter und so fort.
Diese Voreingenommenheit enthält viele bedenkliche Aspekte, vor allem wohl den Umstand, dass diese Art des Zuhörens einen Begriff der Referenz beinhaltet. Alle Analytiker wissen theoretisch natürlich, dass jedermann ein System des Zuhörens konstruieren kann, das auf einer selektiven Tatsache gründet.
Es ist beunruhigend, dass dieses paranoide System des Zuhörens den Analytiker dazu gebracht hat, den Analysanden als jemanden zu betrachten, der ständig versucht, ihm etwas aufzudrücken, selbst dann, wenn der Analysand kooperativ ist. Im Extremfall – aber nicht selten – werden Analytiker, die diese Praxis übernommen haben, besorgniserregend autoritär, indem sie die wahren versteckten Bedeutungen dem Analysanden verkünden. Wenn er sich solchen aufgedrängten Wahrheiten widersetzt, verfängt er sich in einem Teufelskreis, angeschuldigt zu werden, dass er versuche, die Analyse zu zerstören.
Auf welche Weise hat diese Voreingenommenheit das Freudsche Paar beeinflusst? Erstens wird der Analysand den Psychoanalytiker unbewusst als jemanden wahrnehmen, der nicht offen zuhört. Die vorhersehbare und redundante Natur dieser Form des Zuhörens macht den Wunsch, sich mitzuteilen, zunichte. Sie offenbart eine fehlende Fähigkeit des Analytikers, unbewusst zu sein und so fähig, die unbewussten Kommunikationen des anderen zu empfangen.
Zweitens merkt der Analysand allmählich, dass der Analytiker nach Bedeutungen im Umfeld der angenommenen Beziehung des Analysanden zum Analytiker sucht, d. h. es gibt etwas, das in der Bedeutungshierarchie Priorität annimmt. Erinnern wir uns kurz an Freuds Weisheit in seiner Definition dessen, wie der Psychoanalytiker zuhört, dass es der unwichtigste Gedanke ist, von dem er glaubt, dass er die größte Bedeutung hat. Hier-und-Jetzt-Deuter privilegieren die Übertragungsmitteilung so sehr, dass alle anderen unbewussten Bedeutungen, die in den Kommunikationen des Patienten enthalten sind, eliminiert werden. Drittens verhindert der Psychoanalytiker den für den frei assoziativen Prozess notwendigen Gedankenfluss, wenn er sofort die Übertragung deutet. Es kann sich keine Bedeutungskette entwickeln, weil diese in erster Linie durch die beharrliche Deutung des Analytikers verhindert wird. Psychoanalytiker, die in dieser Tradition ausgebildet wurden, glauben wirklich und ernsthaft nicht an die freie Assoziation. Sie haben sie bei ihren Analysanden nicht erlebt, weil sie eine Technik übernommen haben, die sie systematisch zurückweist. Folglich werden ihre Analysen zu selbsterfüllenden Prophezeiungen. Gewappnet mit der Meinung, die Mitteilungen des Analysanden enthielten versteckte Hinweise auf das Selbst des Analytikers, stellen sie solche Verknüpfungen wiederholt her. Der mögliche Entfremdungseffekt auf den Patienten ruft dann nicht ganz überraschenderweise eine negative Übertragung hervor und verdammt die Analyse dazu, das zu werden, was André Green die „Arbeit des Negativen“ nennt.
Interessanterweise haben Psychoanalytiker, die ihre Fälle individuell vorstellen, eine größere Chance, wieder in Kontakt mit dem Freudschen Erbe zu kommen oder zu lernen, wie es gemacht wird, wenn sie nicht mit diesem Ansatz ausgebildet worden sind. Analytiker in Gruppen sind etwas ganz anderes. In der Diskussion einer Fallvorstellung sagt das eine oder andere Gruppenmitglied fast unweigerlich: „Aber was ist mit der Übertragung?“, und sofort verflüchtigen sich die Gedanken und die Fähigkeit, über das Material in dem von Bion so beredt beschriebenen Zustand der Reverie zu sinnieren. Diese Unterbrechung des freien Denkens durch die Übertragung ist so zerstörerisch, dass die Gruppe ihren analytischen Geist nicht wieder finden kann.
Mit anderen Worten, und ironisch genug, kann man im Hier und Jetzt sehen, wie diese Denkform die Reverie einer Gruppe zerstört: wie die gebieterische Hier-und-Jetzt- Übertragungsdeutung psychoanalytisches Nachsinnen unterbricht.
Psychoanalyse ist ein einsames Unterfangen und obwohl unbewusstes Leben immateriell und in den Nebeln des deskriptiven Unbewussten versteckt ist, entschieden sich Psychoanalytiker irgendwann, ihre Arbeit in den berüchtigten Fallkonferenzen vorzustellen. Gab es vorher nur einen analytischen Geist, der dem Patienten zuhörte, konnten es jetzt vier, fünf oder acht sein. Die psychoanalytische Praxis wurde deshalb teilweise durch die Sicht der Gruppe bestimmt. Meiner Meinung nach war es vor allem diese Entwicklung, die für die Geburt, das Wachstum und die Verbreitung eines Wahns verantwortlich war. „Was ist mit der Übertragung?“ wurde zu einer so vorhersehbaren Frage für jeden, der vor anderen vorstellte – ob nun in einer Ausbildungssituation oder im Kollegenkreis –, dass die Falldarsteller wussten, sie würde kommen, und im Lauf der Zeit begannen somit Analytiker, solche Deutungen zu machen, so dass sie ihre Arbeit in der Gruppe verteidigen konnten.
Ich meine, wer wollte schon als dumm erscheinen? Als das erschien es in der Britischen Schule, wenn ein Psychoanalytiker keine Antwort auf die Frage hatte, was in der Übertragung geschah. Wo in einer Sitzung hatte der Analytiker gezeigt, dass er über die Hier-und-Jetzt- Übertragung Bescheid wusste? Wo in der Sitzung hatte er tatsächlich in der Übertragung gedeutet? Es blieb in einer solchen Umgebung nur ein Weg, seine analytische Glaubwürdigkeit zu etablieren, und das war, sich der Bewegung anzuschließen und seinen Kollegen zu zeigen, dass man das so gut konnte wie die anderen.
Hier taten Psychoanalytiker in Gruppen einander an, was sie ihren Patienten antaten. Vorstellende Analytiker wussten, dass ihre Kollegen ihnen nicht unvoreingenommen zuhörten, sondern automatisch auf die Übertragung fokussieren würden. Auch wenn andere Themen von Zeit zu Zeit aufgegriffen und andere Inhalte erwähnt wurden, lag die Krux der Falldarstellung darin, wie der Analysand im Material über den Analytiker sprach und was der Analysand durch solches Sprechen mit dem Analytiker machte. Es dauerte nicht lange und praktizierende Kliniker brachten kein „offenes“ Material mehr, sondern brachten Sitzungen, die dazu dienten, ihre Teilnahme am Denken der Gruppe zu demonstrieren. Dieses Denken war beschränkt und die Sitzungen hatten diese Beschränktheit gezeigt.
Wahnhaftes Denken gedeiht in verfolgenden Umgebungen und verbreitet sich sehr in und durch Gruppen. Der einsame wahnhafte Patient in einem Krankenhaus, der glaubt, der Discjockey im Radio spreche zu ihm, wird es nicht so gut haben, es sei denn, dass fünf oder sechs andere Patienten anfangen, dieselbe Idee zu haben, denn dann breitet sich diese Idee aus, und es wird schwierig, sie einzuschränken. Wenn zehn oder zwanzig Menschen den Wahn teilen, stellen sich die Anfänge eines wahnhaften Glaubenssystems ein, das Tausende von Jahren andauern kann.
Eine Funktion von wahnhaftem Denken besteht darin, Komplexität zu vermeiden. Als Psychoanalytiker nimmt man bestimmt einen Platz ein, der vielleicht komplexer als jede andere menschliche Beziehung ist. Es ist Freuds bleibender Verdienst, dass er seine vielen Ansichten über das Seelenleben und menschliche Beziehungen nie zu einem einzigen Gedankensystem organisiert hat. Er wusste und vermittelte die Tatsache auch, dass sein Gegenstand für eine solche systematische Organisation einfach zu überdeterminiert war.
Warum sollten so viele Psychoanalytiker eine extreme Form der Übertragungsdeutung wählen, die das Seelenleben zu einfachen Bezugsbegriffen reduziert? Es liegt auf der Hand, dass ein Grund dafür der sein könnte, dass es den Psychoanalytiker von der Last befreit, sich in eine Beziehung zu begeben, die zu weit vom Bewusstsein entfernt ist.
In der Britischen Schule wurde „Was ist mit der Übertragung?“ zum Diktat: „Hör auf, über etwas anderes nachzudenken!“ Es versuchte, eine Angst aufzulösen: „Wie kann ich mich an einem solchen Ort effektiv fühlen?“
Es wurde durch Nicht-Denken erreicht. Ein Mantra – „Was ist mit der Übertragung?“ – ergriff Besitz vom Geist dieser Analytiker und entzog sie jeglichem bedeutungsvollen Kontakt mit der Dichte des unbewussten Lebens des Analysanden.
Die Frage nach Dora kennzeichnet die unmögliche Aufgabe, die den Psychoanalytiker konfrontiert, der glaubt, dass er wissen sollte, was sich im Hier und Jetzt unbewusster Kommunikation abspielt. Die Ansicht, Freud habe die Übertragung nicht verstanden – oder später die Gegenübertragung –, führt zu dem Gedanken, dass Psychoanalytiker ihre Patienten verständen, wenn sie die Übertragung und die Gegenübertragung verstehen. Diese Begriffe wurden für Psychoanalytiker mit Bedeutung überlastet. Anzukündigen, man spreche die Übertragung und Gegenübertragung an, wurde zum Zeichen, dass man das Unbewusste verstanden habe.
Ich habe mich auf die Übertragung beschränkt, um auf einen einzigen Punkt hinzuweisen: Die vielen und verschiedenartigen Verstehensweisen der Übertragungsformen in einer Analyse bleiben ein wichtiger Teil des Gesamtbildes dessen, was in jeder Psychoanalyse stattfindet. Es ist mehr als ironisch, dass die Hier-und-Jetzt-Übertragungsfanatiker auch die Übertragung ihrer bunten und mannigfaltigen Komplexitäten beraubt haben.
Es wäre ein Irrtum, die in diesem Essay vertretenen Ansichten als eine Zurückweisung des wichtigen kommunikativen Stellenwertes der vielen Übertragungstypen zu verstehen. Mein Ziel war beschränkt. Als erstes habe ich versucht, zu zeigen, wie und warum die Überbetonung der Hier-und-Jetzt- Übertragungsdeutung zu einem Widerstand gegen Freuds anfängliches Verständnis von Übertragung wurde. Zweitens habe ich Alarm geschlagen, indem ich auf eine derzeitige Krankheit innerhalb der Psychoanalyse hinwies, auf eine Form von Paranoia, die sich durch einen Gruppenwahnprozess fortsetzt. Er hat eine einzelne Tatsache in eine absolute Wahrheit verwandelt.
Bollas, C. (2002). Free Association. London: Icon.
Freud, S. (1900a). Die Traumdeutung. G.W. II/III.
– (1905e). Bruchstück einer Hysterie-Analyse. G.W. V, 161–286.
– (1912b). Zur Dynamik der Übertragung. G.W. VIII, 364–374.
– (1923a). „Psychoanalyse“ und „Libidotheorie“. G.W. XIII, 211–233.
1 Im Original „On transference interpretation as a resistance to free association“. Eine erste, leicht abweichende Übersetzung erschien in Psyche 2006; 60: 932–947.
2 Freud unterschied zwischen zwei Formen der Übertragung: 1. Anfänglich den von Bollas hervorgehobenen Transfer von unbewussten Inhalten ins Vorbewusste und Bewusste und später 2. die Übertragung emotional wichtiger Objektbeziehungen des Analysanden aus der Vergangenheit auf den Psychoanalytiker. Um die beiden Formen voneinander zu unterscheiden, hat Bollas die zweite Form im englischen Original durch ein großes „T“ gekennzeichnet, also „Transference“. In dieser Übersetzung wird die zweite Form dadurch gekennzeichnet, dass Übertragung kursiv geschrieben wird (Anm. d. Übers.).
Barbara Stimmel
Die Psychoanalyse ist ein Beruf, der zersplittert ist. Dennoch versuchen die Tochtergesellschaften dieses großen Dachverbandes eine friedfertige Zusammenarbeit, wenigstens oberflächlich. Selbst vor langer Zeit, als jeder ein sogenannter Freudianer war, gab es schon Zerwürfnisse und Rivalitäten, aber Wiedergutmachung war die Regel. Was könnten die Gründe dafür sein?
Es gibt viele Punkte in der Geschichte der Psychoanalyse, wo sich Analytiker mit Analytikern gestritten haben.1 Eine lange, legendäre Episode, die Freud-Klein-Kontroversen, ereignete sich in London in der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Dr. Alex Holder wurde an diesem Institut als Analytiker ausgebildet. Diese Arbeit ist eine Huldigung an Alex, der schon früh die Komplexität des Ichideals und die Wichtigkeit von Gruppenbräuchen verstand. Beide erklären das Glück, dass er zum Herausgeber des Newsletters der IPV wurde, ein wichtiges Organ, in dem Psychoanalytiker über und voneinander lernen konnten, uns aber auch einluden, eine offene Meinung zu behalten.
„Wir ahnen bereits, dass die gegenseitige Bindung der Massenindividuen von der Natur einer solchen Identifizierung durch eine wichtige affektive Gemeinsamkeit ist, und können vermuten, diese Gemeinsamkeit liege in der Art der Bindung an den Führer“ (Freud, 1921c, S. 118).
1921 geschrieben, kann Massenpsychologie und Ich-Analyse vielleicht mögliche Einsichten in diese Zeit der Unruhe und des Konflikts in der Psychoanalyse anbieten. Sie ermöglichen auch, die Arbeit selbst zu überdenken, indem wir die Kontroversen als ein provisorisches klinisches Beispiel betrachten, um ihren Nutzen als Bestätigung des Denkens in Massenpsychologie und Ich-Analyse zu würdigen. Diese „Verdoppelung“ ist eine der Freuden beim Studium von Freuds Texten: wie seine Ideen helfen, die psychische Realität gewisser Aspekte des menschlichen Erlebens zu erklären und, umgekehrt, wie menschliches Erleben Freuds Denken veranschaulicht und verfeinert. Das Ichideal, der Kerngedanke, soll als Verbindung zwischen Text und Leben dienen, die Verbindung, die bindet. Es dient auch als zentrales Element zum Verständnis der Kontroversen, die sich vor langer Zeit in der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft abgespielt haben.
Für Freud war der Grundstein einer Gruppe ihr Führer und seine Rolle im psychischen Leben des Einzelnen innerhalb der Gruppe. Die „Art der Bindung“ ist komplex; sie ist ambivalent, idealisiert und konkurrierend. Die Gruppenmitglieder teilen den Wunsch, der Führer zu sein, vom Führer geliebt zu werden und vom Führer am meisten geliebt zu werden. Auf einer tieferen Ebene existiert der Wunsch, den Führer zu töten, um auf diese Weise die Mutter zu besitzen und den Vater in all seiner Pracht zu ersetzen.
In diesem Rahmen verstehen wir einige Aspekte des Lebens eines Individuums wie auch das Leben der Gruppe. Die Mitglieder einer Gruppe entwickeln Bindungen aneinander, die auf einer Vielzahl gemeinsamer Gefühle gegenüber demselben Objekt basieren. Diese libidinösen Bindungen, die sekundär zu einer gemeinsamen Objektwahl entstehen, vermitteln die Energie, die eine Anzahl von Individuen zu einer Gruppe zusammenschweißt. Sie haben „ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert“ (a. a. O., S. 128). Freud beschreibt hier die Gegenseitigkeit des Ichideals unter den Mitgliedern der Gruppe, die der Grundstein für eine Gruppe ist, und indirekt bezieht es sich auch auf die soziale Welt im psychischen Leben eines Mitglieds. Als „Vorbilder“, „Objekte“ oder als „Helfer“ (a. a. O., S. 73) spielen sie von Beginn unseres bewussten Lebens an eine Rolle und bevölkern unsere Innenwelt. Für Freud war das Ichideal ihre zusammengesetzte Struktur. Dieses gemeinsame Ichideal, die Basis der Gruppen(sozial)psychologie, besteht aus der kollektiven Psychologie von Individuen. Auf diese Weise entwickelt die Gruppe eine ihr eigene Psychologie. Diese Vernetzung zwischen innen und außen, individuell und gesellschaftlich, ist Freuds Fokus in Massenpsychologie und Ich-Analyse.
Freud führte in diesem Werk auch das Konzept der Empathie ein. Er hat es aber nie zu seiner Zufriedenheit weiterentwickeln können. Empathie oder die Fähigkeit, sich bildlich in die Schuhe eines anderen zu versetzen, ist ein Teil des Gerüstes menschlicher Beziehungen. Empathie muss bei Gruppenmitgliedern vorhanden sein, um gemeinsame Wünsche gegenüber dem Führer zu erkennen wie auch fähig zu sein, sich mit ihm zu identifizieren. Die psychische Realität einer Gruppe enthält gemeinsame libidinöse und aggressive Impulse. Kollektiv verleiht die Neutralisierung dieser Triebkräfte den Gruppenmitgliedern eine gegenseitig erhöhte Realitätsprüfung und Verstärkung des Über-Ichs. Dieses strukturelle Teilen ist vielleicht eine andere Weise, über Empathie nachzudenken.
Freud stellt drei Fragen: „Was ist nun eine ‚Masse‘, wodurch erwirbt sie die Fähigkeit, das Seelenleben des Einzelnen so entscheidend zu beeinflussen, und worin besteht die seelische Veränderung, die sie dem Einzelnen aufnötigt?“ (a. a. O., S. 76).
Zu Beginn stellt Freud die Ähnlichkeit vom Gruppendenken mit Träumen und dem affektiven Leben von Kindern fest. Sein impliziter Bezug auf die Regression und Enthemmung bestimmt den Duktus seines eigenen Denkens, das ihn und uns zu einem regredierten Stadium der Zivilisation zurückführen wird. Gleichzeitig beschreibt Freud die Forderung nach Illusionen, die in einer Gruppe vorherrschen. Und es ist die Illusion – von Freud oftmals verhöhnt –, die es dem Individuum gestattet, sich über die Grenzen seiner Existenz empor zu heben. Damit erlangt die Gruppe die Fähigkeit, ein Mitglied zu erhöhen. Es wird sich zeigen, dass das eine wichtige Bedeutung hat, wenn wir uns das Ichideal näher betrachten.
Für jedes Individuum bedeutet ein Anschluss an eine Gruppe eine Vielzahl an motivierenden Faktoren. Individuen sind auf der Suche nach Objekten – die Natur der Objekte, die sie in einer Gruppe finden (narzisstisch oder anderweitig), muss teilweise ein ideales Selbst repräsentieren. Die Frage, weshalb sich ein Individuum einer Gruppe anschließt, bedeutet, dass jede abstrakte theoretische Aussage als Antwort auf den persönlichen Illusionen und der Realitätsprüfung desjenigen beruht, der antwortet. Demzufolge sind sowohl das Ich wie auch das Ichideal bei der Lösung involviert. Zusätzlich zum Verständnis der intellektuellen Arbeit im Schmieden von Theorien können wir dieselbe Idee auf die Theorie selbst anwenden; nämlich auf Freuds Theorie von Gruppen. Realität (Ich) und Phantasie (Ichideal) sind beide für die Bildung einer Gruppe und ihr Überleben notwendig.
Wie es für sämtliche psychoanalytischen Theorien gilt, bedürfen auch die Ideen und Konzepte in Massenpsychologie und Ich-Analyse der klinischen Bestätigung, wenn sie fortdauern sollen. Freud greift zu zwei ausführlichen klinischen Beispielen, nämlich die der Kirche und der Armee, wo Christus und der Oberbefehlshaber in jedem als Ichideal fungieren. Zudem bietet Freud mythisches klinisches Material an, nämlich die Urhorde, mit Elternmord als Kern. In diesem bekannten Freud’schen Kontext ist es das gemeinsame inkorporierte Objekt – der Führer –, der den Klebstoff für die Gruppe vermittelt. Die Urhorde war auch die erste Familie. Ihr erster Führer war der Vater.
Wenn man an die Entwicklungsstoßkraft von Massenpsychologie und Ich-Analyse
