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Zwei Dutzend große Pharmakonzerne beherrschen die globale Pharmaindustrie. Sie entscheiden darüber, welche neuen Wirkstoffe bis zur Marktreife entwickelt werden und welche nicht. Maßgeblich sind dabei die Gewinnaussichten. Die Ziellatten für Profitraten liegen weit höher als in anderen Branchen. Aktuell werden bakterielle Krankheitserreger gegen die heute verfügbaren Antibiotika resistent, aber die Pharmaindustrie entwickelt wegen der zu geringen Profitmargen keine neuen Antibiotika. Und patentgeschützte Medikamente sind maßlos überteuert. Wir brauchen neue Regeln, eine Gesundheitspolitik, die die Grundversorgung der Bürger und Bürgerinnen garantiert und schützt. Die Politik muss das Zepter wieder in die Hand nehmen, Transparenz und Kooperation durchsetzen. Die Pharmamonopole müssen aufgebrochen werden. Die Preise von Medikamenten, Vakzinen und medizinischen Geräten sollten auf der Basis ausgewiesener Kosten festgelegt werden. Alles, was mit öffentlichen Geldern oder in öffentlichen Institutionen entwickelt wird, kann mit offenen Patenten für die Gesellschaft gesichert werden. Die teuren klinischen Studien sollten in Absprache mit der WHO international koordiniert und mit Sondersteuern finanziert werden. Die Aufgabe, kommende Gesundheitskrisen solidarisch zu meistern, und die Frage nach der Zukunft der menschlichen Zivilisation hängen eng zusammen. Eine "Pharma fürs Volk" ist deshalb von großer Dringlichkeit.
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Seitenzahl: 252
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Beat Ringger
Risiken und Nebenwirkungender Pharmaindustrie
Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021 bis 2024 unterstützt.
© 2022 Rotpunktverlag, Zürich
www.rotpunktverlag.ch
Grafiken: Rotpunktverlag
eISBN 978-3-85869-973-2
1. Auflage 2022
Vorwort
Einleitung: Nur ein Schritt
Die Corona-Gewinnler
Weichen neu stellen
1. Big Pharma und die Blockbuster
Die dominierenden Pharmakonzerne
Höchste Profitraten
Anteil der Pharmabranche an der Wirtschaftsleistung und den Gesundheitskosten
Erster Pfeiler der Macht: Patente
Zweiter Pfeiler der Macht: Gruppenmonopol dank klinischer Studien
Das Blockbuster-Geschäftsmodell
Was entwickelt wird und was nicht
Der medizinisch-industrielle Komplex
2. Die Finanzialisierung von Big Pharma
Ein Basler Geisterstück
Was bedeutet Finanzialisierung?
Die Finanzialisierung von Big Pharma
Die großen Pharmafirmen forschen immer weniger selbst
Das Beispiel Sovaldi von Gilead Sciences
3. Problemfall USA
Effiziente Märkte – die Mutter aller gesundheitspolitischen Lügen
Die Gesundheitsversorgung in den USA
Schlecht und teuer
Profite und Bürokratie treiben die Kosten hoch
Big Pharma profitiert
4. Arzneimittelpreise
Nochmals Sovaldi
Fantasiepreise
Perjeta – erpresster Hochpreis
Glivec – Höchstpreise für Medikamente gegen seltene Krankheiten
Kymriah – geheime Preise
Avastin und Lucentis – betrügerische Praxen
Libmeldy, Zolgensma – die Millionengrenze wird gesprengt
Niederschlag der Hochpreispolitik in Statistiken
Sind hohe Pharmapreise mit Kosten zu rechtfertigen?
Die neueste Idee: nutzenbasierte Preise
5. Die Antibiotikakrise
Antibiotikakrise – eine schleichende Pandemie
Die Gründe für die Resistenzbildung
Viele Bemühungen, aber noch keine Lösung
6. Die Arzneimittelkrise
AIDS-Medikamente nicht nur für reiche Länder
Die Opioidkrise – fast eine Million Todesopfer
Ein Magensäureblocker, der Knochen zersetzt und Demenz fördert
Lieferengpässe
Die wichtigsten Charakteristika der Arzneimittelkrise
7. Eine kurze Geschichte der Pharmaindustrie und der Impfstoffe
Naturwissenschaften als Grundlage einer industriellen Arzneimittelproduktion
Schulmedizin
Psychopharmaka
Vom Nutzen des Impfens
8. Technologische Umbrüche – Geneditierung, mRNA, Big Data
Das Immunsystem
Bio- und Gentechnologien
Krebsmedikamente
Immunzelltherapien
mRNA-Technologien
Genmanipulationen der Keimbahn
Big Data und künstliche Intelligenz in Pharmakologie und Medizin
9. Ein Service-public-Pharmacluster
Regulierungen reichen nicht
Der Service-public-Pharmacluster
Das Beispiel Insulin
Offene Patente
Die Akteure eines Service-public-Pharmaclusters
DNDi und GARDP
National Institutes for Health (NIH)
Deglobalisierung in der Produktion
10. Die Prärie des Erfolgs
Kurze Geschichte des Patentrechts
Die Opposition der Schweiz gegen Patente
Die indische Pharmaindustrie
Das TRIPS-Abkommen
Patentnetze
Die Arbeit von vielen
Patente und Forschung
Klinische Studien
Das Beispiel Tamiflu
Wer forscht
Steuerung und Finanzierung einer Pharma fürs Volk
Neue Regeln für Big Pharma
11. Realistische Schritte für eine Veränderung
Einwände gegen einen Service-public-Pharmacluster
Pharmastandort Schweiz
Sandoz fürs Volk
Verschränkte Krisen
Literatur
Verzeichnis wichtiger Abkürzungen
Sie halten ein Buch in Ihren Händen, das auf drei Arten gelesen werden kann.
Als Sachbuch informiert es über Strukturen und Dynamiken der Pharmabranche, gibt Einblicke in die Geschichte der Pharmaindustrie und ihrer Regulierung und zeichnet die aktuellen pharmazeutischen und technologischen Entwicklungen nach. Es schildert eine Arzneimittelkrise, die bedrohliche Ausmaße angenommen hat, etwa in den Bereichen der Antibiotikaresistenzen, der mangelnden Versorgung breiter Bevölkerungsteile in ärmeren Ländern, der zunehmenden Lieferengpässe und -ausfälle sowie der immensen Preissteigerungen bei neuen Arzneimitteln, die auch in reichen Ländern eine Zweiklassenmedizin befördern.
Als ökonomische Studie untersucht das Buch die spezifischen Geschäftsmodelle in der Pharmabranche. Es zeichnet die Tendenz zur Finanzialisierung nach. Aus fertigungsorientierten Pharmakonzernen sind finanzorientierte Vertriebs- und Marketinggesellschaften geworden. Hierin liegt der Grund, warum trotz gesteigerter Gewinne, hoher Dividendenzahlungen und stark erweiterter Aktienrückkäufe die Arzneimittelkrise immer größere Ausmaße annimmt.
Schließlich ist das Buch eine gesellschaftspolitische Intervention, was ja bereits im Titel anklingt. Eine grundlegende Neustrukturierung der Pharmabranche ist unerlässlich, wenn wir die Arzneimittelkrise bewältigen wollen. Und das wird angesichts der Klimaerhitzung, der geopolitischen Konflikte, der Ernährungskrisen und der Gefahr neuer Pandemien immer wichtiger.
Dieses Buch wäre nicht möglich geworden ohne die Arbeiten einer großen Zahl von Forscher:innen, von Fachleuten, von Journalist:innen und Buchautor:innen. Sie finden sich im Literaturverzeichnis wieder. Ihnen bin ich zutiefst verpflichtet.
Ein besonderer Dank gilt meinen Kolleg:innen in der ehemaligen Denknetz-Arbeitsgruppe Big Pharma, die bis 2017 tätig war. Die Diskussionen und die Textarbeiten dieser Gruppe haben die Saat gelegt für dieses Buch. In der Arbeitsgruppe mitgewirkt haben Franco Cavalli, Onkologe, damaliger Präsident der Internationalen Krebs-Union (UICC); Patrick Durisch, Leiter Fachbereich Gesundheit bei Public Eye; Flavian Kurth, Projektleiter Verein Ethik und Medizin Schweiz (VEMS); Martin Leschhorn, Historiker und Geschäftsführer; Romeo Rey, Journalist und Autor; Michel Romanens, Kardiologe, Präsident des VEMS; Hans Schäppi, ehemaliger Präsident der Gewerkschaft Textil Chemie Papier (heute Unia); Johannes Wickli, Ökonom; Erika Ziltener, damalige Präsidentin des Dachverbandes Schweizerischer Patientenstellen.
Mein Dank gebührt überdies einer Reihe von weiteren Fachleuten, die mir zu diesem Buch ihre Rückmeldungen gegeben haben, die aber nicht genannt werden möchten.
Ein großer Dank geht ferner an das ganze Team des Rotpunktverlags, das mit großem Engagement kritische Sachbücher herausgibt. Ganz besonders danke ich Christiane Schmidt für das engagierte und umsichtige Lektorat.
Windisch, im August 2022
Wir stecken in einer gefährlichen Arzneimittelkrise. Wir sind nur einen Schritt davon entfernt, diese Krise erfolgreich anzupacken. Diesen Schritt zu machen, würde Millionen von Menschenleben retten und gäbe der globalen Solidarität ein neues Fundament. Ihn zu machen, hieße, Hunderte von bereits bestehenden, gemeinnützigen Akteuren in einer Pharma fürs Volk zu bündeln. Den Schritt nicht zu machen allerdings bedeutete, noch tiefer in die Krise zu rutschen.
Die großen Pharmakonzerne verfügen über eine der weltweit mächtigsten Lobbys und besitzen enorme finanzielle Ressourcen, sicher. Doch das Recht auf Gesundheit ist ein starkes Argument. Die Pharmabranche produziert keine Küchengeräte, sondern Arzneimittel, unterliegt also in völlig anderer Weise ethischen Kriterien.
Immer teurere Medikamente bei extremen Gewinnmargen, Versorgungslücken selbst in reichen Ländern, schlimme Nebenwirkungen vieler Medikamente, Hunderttausende Todesopfer in der Opioid-Krise – nicht von ungefähr landet die Pharmabranche bei Meinungsumfragen weit hinten. Laut einer Umfrage des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Gallup von 2019 beurteilen in den USA 58 Prozent der Befragten die Branche negativ, und nur 27 Prozent geben ihr positive Noten. Das ist der letzte Platz. Dasselbe Bild in der Schweiz: 2017 nimmt sie ebenfalls den letzten Platz ein, zwei Ränge hinter der Finanzindustrie. (McCarthy 2019; Hank 2022)Die Pharmakonzerne haben in der Bevölkerung wenig Rückhalt.
Doch dann kommt im März 2020 die ganze Welt beinahe zum Stillstand. Das Coronavirus fordert in wenigen Wochen Hunderttausende von Menschenleben. Es bringt die Gesundheitssysteme an ihre Grenzen, vielfach auch darüber hinaus. Die Pandemie weckt gleichzeitig enorme Kräfte der Solidarität. Während einiger Wochen sieht es sogar danach aus, als könnte es zu einer wegweisenden Erfahrung globaler Kooperation kommen.
Die rasche Entwicklung von Impfstoffen ist eine großartige Leistung und ein Beweis dafür, was auf Basis der entsprechenden Ressourcen in kurzer Zeit möglich ist. Sie ist umso erstaunlicher, als die großen Pharmakonzerne zu Beginn der Pandemie mit leeren Händen dastehen. Trotz vieler neuer und gefährlicher Krankheiten wie AIDS, Ebola, Sars-CoV-1, Zika oder MERS hatten sie sich praktisch alle aus dem Impfgeschäft zurückgezogen – zu riskant, zu wenig rentabel.
Sars-CoV-2 ist weitaus ansteckender als seine Vorläufer und verbreitet sich rasend schnell. Die Welt braucht Impfstoffe. Die pharmazeutische Basis für solche kommt ausschließlich aus der öffentlichen Forschung und daraus entstandenen jungen Firmen. Zum Glück gibt es auch neue, bahnbrechende Ansätze, insbesondere die mRNA-Technologie. Die öffentliche Hand hilft und bringt Dutzende Milliarden US-Dollar für die Impfstoffentwicklung und -produktion auf – bis Ende 2021 sind es über 100 Milliarden (Hertig 2021). Unter dem Druck der Pandemie bewegen sich nun auch die Großkonzerne. Zwei davon, Johnson & Johnson und AstraZeneca, verkünden, dass sie während der Pandemie auf jeden Gewinn mit Impfstoffen verzichten.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt innerhalb von wenigen Wochen Pläne für ein weltweit koordiniertes und möglichst gerechtes Vorgehen. Mit einer temporären Sistierung der Patentbestimmungen, dem TRIPS-Waiver, und einem Pool für den Transfer von Technologien und Fachwissen, dem COVID-19 Technology Access Pool (C-TAP), soll der Entwicklung und Produktion von Impfstoffen der Weg geebnet werden. Die Zulassung der Impfstoffe, ihre Produktion und ihre Verteilung sollen weltweit koordiniert werden.
Doch dann kommt die Wende. Satyajit Rath, einer der führenden Immunologen Indiens, berichtet: »Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits im Mai 2020 versucht, eine politische Entscheidung herbeizuführen, die ein gemeinsames Vorgehen vorgeschrieben hätte, weltweite, multinationale Forschung, Vakzine mit vergleichbaren Tests und vergleichbaren Versuchsgruppen, solidarisch und koordiniert von der WHO. Alle Vakzine hätten sich der gleichen Prüfung unterziehen müssen, um eine Zulassung zu bekommen, wir hätten transparente und vergleichbare Daten gewonnen. Und auch genügend produzieren können, sogar für ärmere Länder. Stattdessen konnte die WHO nur wie ein Schiedsrichter in einem turbokapitalistischen Wettrennen zusehen. Hätten wir eine globale Strategie gehabt, hätten wir uns vielleicht ein Jahr Pandemie sparen können.« (Rath 2021)
Was ist geschehen? Einige wenige Länder – darunter die USA und die Schweiz – verhindern mit ihrem Veto, dass der TRIPS-Waiver und der C-TAP realisiert werden können. Einige Regierungen – an vorderster Stelle die USA – lancieren das Wettrennen um die ersten Chargen an Impfstoffen, schon lange bevor die erste Ampulle überhaupt ausgeliefert werden kann. Einige wenige Pharmaunternehmen – Pfizer, Moderna, Biontech – stellen ihren Profit über das Gemeinwohl, bevorzugen die reichen Länder, setzen möglichst hohe Preise durch, nötigen die Regierungen zu Geheimverträgen und zwingen sie sogar, die Verantwortung für Impfstoffnebenwirkungen zu übernehmen.
Diese Konzerne kämpfen um jeden Vorteil. Besonders tut sich Moderna hervor. Das Unternehmen verwickelt die staatlichen National Institutes of Health (NIH; vgl. Kap. 9, S. 156) in einen Streit um Patentrechte. Dabei ist ihr Impfstoff das Resultat einer mehrjährigen Zusammenarbeit mit den NIH und wird zunächst als NIH-Moderna Covid-19-Impfstoff bezeichnet. Die Patentrechte werden üblicherweise geteilt. Doch als deutlich wird, wie wirksam der Impfstoff ist, drängt Moderna jeden Einfluss der NIH zurück, um ungehindert Milliardengewinne einstreichen zu können. Dabei hatte die Firma insgesamt über 4 Milliarden US-Dollar an öffentlichen Geldern für die Forschung und Entwicklung des Impfstoffs erhalten und allein von der US-Regierung 8,1 Milliarden US-Dollar für eine halbe Milliarde Impfdosen zugesichert bekommen. Damit nicht genug: Moderna bemüht sich nach Kräften, Steuern zu umgehen. Die Patente sind im steuergünstigen Bundesstaat Delaware angemeldet. Im steuergünstigen Basel wird 2020 eine Tochtergesellschaft gegründet. Die Einnahmen aus dem Verkauf des Moderna-Impfstoffes in Europa werden in der Rheinstadt versteuert, zu einem effektiven Steuersatz von 7,83 Prozent. (Dettwiler 2021; Kiezebrink 2021)
Moderna macht 2021 einen Gewinn von 12,2 Milliarden US-Dollar, Biontech einen von 10,3 Milliarden Euro, und Pfizer steigert den Jahresgewinn auf 22 Milliarden US-Dollar gegenüber 9,2 Milliarden im Vorjahr. Alle drei Unternehmen erwarten für 2022 ähnliche oder noch höhere Erträge. So hat Pfizer neben dem Impfstoff ein neues Covid-19-Medikament im Portfolio, Paxlovid. Der Konzern will 2022 davon 120 Millionen Packungen verkaufen. Die USA haben bereits 20 Millionen Packungen reserviert. Als Preis dafür kursiert ein Betrag von 530 US-Dollar. Dem Konzern winkt somit ein Umsatz von über 60 Milliarden US-Dollar. Damit würde Paxlovid das lukrativste Medikament aller Zeiten.
Dieses Gewinnstreben hat die Solidarität vom Tisch gefegt. Während weltweit Millionen von Gesundheitsfachleuten alles geben, um der Pandemie Einhalt zu gebieten, und das oft unter Einsatz ihrer Gesundheit und ihres Lebens, und während selbst die ansonsten nicht sonderlich gemeinwohlorientierten Pharmakonzerne Johnson & Johnson und AstraZeneca auf Gewinne verzichten, erzielen die genannten Pharmaunternehmen Dutzende von Milliarden an Profiten.
Der Preis, den die Allgemeinheit dafür zu bezahlen hat, ist enorm. Die jahrhundertealte Geschichte der Kolonisierung und der imperialen Dominanz wird wiederbelebt. Noch heute liegt die Impfrate in manchen Ländern unter 10 Prozent. Es dürfte nicht schwerfallen, sich die tiefe Enttäuschung des Gesundheitspersonals und breiter Bevölkerungsteile in den betroffenen Ländern vorzustellen. Dabei steht im Verfassungstext der WHO von 1946: »Ungleichheit zwischen den verschiedenen Ländern in der Verbesserung der Gesundheit und der Bekämpfung der Krankheiten, insbesondere der übertragbaren Krankheiten, bildet eine gemeinsame Gefahr für alle.« Tatsächlich bildet das Coronavirus in ungeschützten Bevölkerungsgruppen weiterhin immer neue Mutationen aus. Bei weltweit koordinierten, möglichst gerechten Impfprogrammen wäre das nicht zu erwarten gewesen. Eine der neuen Corona-Varianten, Omikron BA.5, ist so ansteckend wie keine andere Krankheit je zuvor. (Gates 2022, S. 45) Niemand kann vorhersagen, welche Varianten sich noch ausbilden und wie sich diese verhalten werden. Sicher ist, es wird sie geben.
Auch mit einer Impfpolitik unter der Ägide der WHO hätte es Probleme und Konflikte gegeben. Manche Projekte wären gescheitert. Es wäre um Vor- und Nachteile gestritten worden, und manche Regierung hätte zwischendurch gedroht, sich über die eine oder andere Vereinbarung hinwegzusetzen. Vieles hätte aber auch geklappt. Erfolge hätten einen Sog erzeugt, durch den die globale Kooperation gestützt worden wäre. Jedes Stolpern wäre zum Anlass geworden, es besser zu machen. Gerade die Lernprozesse hätten auch im Hinblick auf andere Krisenherde wie die Klimaerhitzung wertvoll sein können.
Wir waren nur einen Schritt von dieser Erfahrung entfernt. Einige wenige Regierungen haben uns daran gehindert.
Einige Medien versuchen dennoch, die Impfstofferfolge zum Triumph des privaten Unternehmertums zu stilisieren. Auf der Titelseite der Neuen Zürcher Zeitung vom 6. Februar 2021 schreibt Peter A. Fischer unter dem Titel »Der Kapitalismus rettet uns«: »Der einzige wirkliche Hoffnungsschimmer in dieser Pandemie – die schnelle Impfstoffentwicklung – ist offenem Wettbewerb und innovativen Unternehmen zu verdanken. Auch der Staat hat dazu beigetragen. Daraus sollten wir lernen.« (Fischer 2021) Eine Aufhebung des Patentschutzes wäre schädlich gewesen. Alles andere als der offene Wettbewerb hätte unweigerlich in einer bürokratischen Planwirtschaft geendet. Der Staat habe sich auf die Finanzierung der Grundlagenforschung und überall da auf die Bereitstellung von Anreizen zu beschränken, wo die Gewinnaussichten für private Unternehmen zu gering seien.
Doch von einem offenen Wettbewerb kann in der heutigen monopolgetriebenen Pharmabranche keine Rede sein. Ein solcher Marktfetischismus, wie er in vielen Medien vertreten wird, bietet den ideologischen Kitt für genau die Politik, die zur miserablen Reputation der Pharmabranche geführt hat und die heute einige Konzerne zu milliardenschweren Corona-Gewinnlern hat werden lassen. Das nährt Verschwörungstheorien. In den sozialen Medien kursieren Erzählungen über eine von Bill Gates angeleitete Weltverschwörung mit dem Ziel, allen Menschen über die Covid-19-Impfung einen Mikrochip zu implantieren, um sie unter totale Kontrolle zu bringen. Oder es wird behauptet, wer sich impfen lasse, sterbe innerhalb von zwei Jahren. (Kutzner 2021) Solche Phantasmen sind zwar leicht zu widerlegen. Weniger überzogene aber nicht. Die Pharmakonzerne würden Covid-19 dramatisieren, um daran besonders gut zu verdienen, dabei sei die Krankheit verhältnismäßig harmlos. Regierungen seien an Lockdowns und rigiden Impfvorschriften interessiert, um ihre Kontrolle über die Bevölkerung ausbauen zu können. Und die Presse schaffe ein Klima, in dem jeder Zweifel und jede Kritik verunglimpft und unterdrückt werde. Solche Fantasien sind weitverbreitet. Sie haben in großen Teilen der Bevölkerung eine hohe Impfskepsis befördert und damit in der Corona-Krise zu erheblichen Belastungen geführt. Für die Verbreitung solcher Verschwörungstheorien tragen die Pharmakonzerne eine erhebliche Mitverantwortung.
Während die einen die Corona-Impfstoffe als Sieg von Wissenschaft und Kapitalismus feiern, fühlen sich andere durch die kommerzialisierte Schulmedizin bedroht und suchen ihr Heil in der Impfverweigerung. Doch was als Spaltung inszeniert wird zwischen Aufklärung und Verschwörungstheorien, verdeckt das Entscheidende: die Vermischung von hohem Nutzen und kommerziellen Interessen. Antibiotika, Narkosemittel, Insulintherapien und Corona-Impfungen sind bahnbrechende pharmazeutische Erfolge. Und gleichzeitig ist es gerade dieser hohe Nutzen, der die Kommerzialisierung des Pharmageschäfts so heimtückisch wie erbarmungslos macht.
Seit vielen Jahren wird deshalb versucht, der Pharmabranche mit entsprechenden Regularien Grenzen zu setzen. Doch der Erfolg dieser Bemühungen ist bescheiden und hat sich in Einzelfällen sogar ins Gegenteil verkehrt. In den letzten zwanzig Jahren haben die Finanzmärkte das Diktat über die Pharmabranche übernommen und treiben die Pharmakonzerne vor sich her. Unter ihrem Druck setzen die Konzernleitungen die Ziele höher und höher. Novartis hat für 2022 verkündet, eine Kernprofitrate von 40 Prozent erreichen zu wollen. Kein Wunder, dass die Preise für neue Medikamente explodieren. Die Regulierungsbehörden kämpfen gegen Windmühlen.
Dieser Teufelskreis muss aufgebrochen werden. Und das geht. Die Macht der Pharmakonzerne hängt an zwei Fäden, dem Patentrecht einerseits und der Regulierung der klinischen Arzneimittelstudien andererseits. Beide sind Regeln, die geändert werden können. Und sie müssen geändert werden. Wir brauchen offene Patente und klinische Studien, die von öffentlichen Instanzen geleitet werden.
Im Verlauf meiner Recherchen für dieses Buch bin ich auf eine Vielzahl von Akteuren gestoßen, die heute schon in dieser Richtung tätig sind. Es sind Akteure, die außerhalb des Sogs der Finanzmärkte tätig sind: Universitäten, Institute, lokal und global tätige Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen, Thinktanks, Lobbyorganisationen, Behörden, öffentlich verwaltete Fonds, gemeinnützige Unternehmen und etliche Start-up-Firmen. Manche dieser Akteure sind nur klein, manche haben Milliardenbeträge zur Verfügung. Was fehlt, ist der Schritt zur gezielten Bündelung dieser Kräfte. Was fehlt, ist ein durchsetzungsfähiges gemeinsames Konzept einer Pharma fürs Volk.
Die großen Pharmakonzerne präsentieren sich gern als fortschrittliche Kraft im Dienst der Menschheit. So lässt Novartis verlauten: »Was uns antreibt: Wir denken Medizin neu, um Menschen zu einem besseren und längeren Leben zu verhelfen. Mit innovativer Wissenschaft und modernster Technologie gehen wir einige der größten Probleme der globalen Gesundheitssysteme an. Wir erforschen und entwickeln bahnbrechende Therapien und finden neue Wege, sie möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Dabei wollen wir auch jene belohnen, die ihre finanziellen Mittel, ihre Zeit und ihre Ideen in unser Unternehmen investieren.« (Novartis 2021, S. 3)
Die realen Praktiken der Pharmakonzerne sprechen eine andere Sprache. Laut einer im renommierten Journal of the American Medical Association (JAMA) publizierten Studie hat Novartis in den Jahren 2003 bis 2016 in den USA wegen illegaler Aktivitäten elf Bußen mit einer Gesamtsumme von 1,198 Milliarden US-Dollar bezahlen müssen. Der Konzern steht damit nicht allein. Die Gesamtsumme der Bußen, die über die 26 großen Pharmakonzerne im selben Zeitraum in den USA verhängt wurden, beläuft sich auf 33 Milliarden US-Dollar. (Arnold u. a. 2020) Und von den 26 untersuchten Pharmakonzernen sind 22 straffällig geworden. Bei allen straffälligen Firmen, bis auf eine Ausnahme, haben sich die illegalen Machenschaften über mindestens vier Jahre hingezogen. Sidney Wolfe, Arzt und Mitbegründer der US-amerikanischen Verbraucherschutzorganisation Public Citizen, wertet das Inkaufnehmen hoher Bußen als Teil ihres Geschäftsmodells. Das heißt, die Konzernleitungen planen mit illegalen Praktiken und rechnen allfällige Bußgelder von vornherein in ihre Kalkulationen mit ein. (Lingner, Siegert 2014)
Wie kommt es, dass Konzerne, die über eine sehr solide finanzielle Basis verfügen, so oft mit illegalen Machenschaften, Skandalen oder exorbitant hohen Arzneimittelpreisen in der Presse stehen? Warum geht es dabei auch immer wieder um beträchtliche gesundheitliche Risiken, Schäden bis zu Todesfällen? Das lässt sich nicht nur mit einer besonders ausgeprägten Gier und Skrupellosigkeit des Managements erklären. Es geht nicht nur um einige schwarze Schafe, sondern um allgemein vorherrschende Praktiken. Das lässt strukturelle Gründe vermuten. Deshalb will dieses Buch die Charakteristika dessen erkunden, was als Big Pharma bezeichnet wird.
Wer im Internet nach den weltweit größten Pharmaunternehmen sucht, stößt auf eine Vielzahl von Ranglisten. Sie stimmen nicht immer überein, auch dann nicht, wenn dasselbe Kriterium für die Auflistung gewählt wird wie zum Beispiel der Umsatz. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Abgrenzung des Pharmabereichs innerhalb der Konzerne, die auch in anderen Sparten tätig sind, also etwa auch Nahrungsergänzungsmittel oder Ähnliches produzieren, nicht immer einfach zu eruieren ist. Dennoch sind es im Großen und Ganzen dieselben Firmen, die auf den vorderen Plätzen rangieren. Diese Konstanz ist in einer Branche, die sehr stark von den Umsatzergebnissen einzelner Produkte abhängt, erstaunlich.
Die bis im Sommer 2022 verfügbaren Listen beziehen sich noch auf das Jahr 2020. Die Umsätze mit Covid-19-Impfstoffen und -Medikamenten fallen erst ab 2021 ins Gewicht. Sie werden die Ranglisten zweifellos verändern; Pfizer wird wohl die Spitze übernehmen, und möglicherweise werden Moderna und Biontech in den Top 20 auftauchen. Doch auch das eingerechnet, bleibt eine bemerkenswerte Konstanz erhalten.
Die folgende Tabelle stützt sich auf eine Zusammenstellung der US-Zeitschrift Pharmaceutical Executive(2021, S. 26 ff.).
Tabelle 1
Umsatzstärkste Pharmakonzerne 2020
Firma
Pharma-Umsatzin Mrd. US$ 2020
Hauptsitz
Roche
47,492
Schweiz
Novartis
47,202
Schweiz
AbbVie
44,341
USA
Johnson & Johnson
43,149
USA
Bristol Myers Squibb
41,903
USA
Merck & Co
41,435
USA
Sanofi
35,802
Frankreich
Pfizer
35,608
UK
GlaxoSmithKline
30,585
England
Takeda
27,896
Japan
AstraZeneca
25,518
UK
Amgen
24,098
USA
Gilead Sciences
23,806
USA
Eli Lilly
22,646
USA
Novo Nordisk
19,444
Dänemark
Bayer
18,995
Deutschland
Böhringer Ingelheim
16,456
Deutschland
Astellas Pharma
11,515
Japan
Viatris
11,495
USA
Teva Pharmaceutical Industries
11,009
Israel
Anders sieht die Reihenfolge aus, wenn die Rangliste aufgrund der EBIT-Marge (Earnings Before Interest and Taxes, Profitrate vor Steuern und Zinsen) erstellt wird. Die Reihenfolge ändert sich, allerdings bleiben die Firmennamen weitgehend dieselben. Die Unternehmensberatungsfirma EY hat dazu für 2019 und 2020 folgende Zahlen publiziert (EY 2021).
Tabelle 2
Ertragsstärkste Pharmakonzerne 2019 und 2020
Firma
EBIT-Marge 2019in % des Umsatzes
EBIT-Marge 2020in % des Umsatzes
Gilead Sciences
41,6
45,8
Novo Nordisk
43,8
42,9
Amgen
41,6
36,7
Biogen
50,6
34,6
AbbVie
41,2
34,3
Roche
34,0
33,4
Merck & Co
31,9
32,7
Eli Lilly
26,9
30,8
Johnson & Johnson
25,6
24,2
Novartis
23,4
24,2
GlaxoSmithKline
23,4
24,2
Pfizer
20,3
24,2
Böhringer Ingelheim
18,6
21,7
Sanofi
18,2
20,4
Bristol Myers Squibb
27,0
18,2
Bayer
14,8
16,5
AstraZeneca
12,6
15,6
Astellas Pharma
24,3
15,0
Otsuka Holdings
12,5
14,9
Takeda
13,8
8,9
Die Pharmabranche gilt als die weltweit profitabelste Branche überhaupt. Dies ist schon seit längerem so. Zwar weichen die verfügbaren Daten im Detail voneinander ab, doch das Gesamtbild bleibt dasselbe. Marcia Angell, ehemalige Chefredakteurin des renommierten New England Journal of Medicine, hat die Branchenprofitraten der Konzerne verglichen, die 2001 in der Fortune-500-Liste der weltgrößten Unternehmen aufgeführt waren. Darunter befanden sich die zehn größten US-Pharmakonzerne. Sie legten insgesamt eine Nettorendite von 18,5 Prozent des Umsatzes vor und rangierten damit deutlich vor der zweitplatzierten Gruppe, den Geschäftsbanken, mit einer Rendite von 13,5 Prozent. (Angell 2005) Dasselbe Bild zeigt sich weiterhin. 2020 liegt laut Angaben von EY die durchschnittliche EBIT-Marge der 21 größten Pharmakonzerne bei 25,7 Prozent des Umsatzes. Auffällig ist zudem, dass die fünf profitabelsten Pharmafirmen allesamt ausschließlich auf Biotechnologien setzen, die innerhalb der Branche als die wichtigsten Wachstumstreiber gelten. Biotech-Pharmaunternehmen weisen im Durchschnitt eine EBIT-Marge von 36,7 Prozent aus. (EY 2021)
In einer weiteren Untersuchung hat EY die 500 Weltkonzerne näher beleuchtet, die am meisten für Forschung und Entwicklung (F & E) ausgeben. Dabei fallen zwei Ergebnisse auf. Erstens weist die Pharmabranche mit einem F & E-Anteil von 17,1 Prozent am Umsatz (Geschäftsjahr 2018) mit Abstand die höchsten F & E-Ausgaben aller Branchen aus; auf den zweithöchsten Anteil kommt die IT-Branche mit 8,7 Prozent. Zweitens liegt die durchschnittliche EBIT-Marge in der Pharmabranche bei rund 22 Prozent; an zweiter Stelle steht die IT-Branche mit rund 14 Prozent.
In der folgenden Grafik werden die Angaben genauer aufgeschlüsselt. Für jede Branche wird noch differenziert zwischen Unternehmen mit über- und unterdurchschnittlichen F & E-Ausgaben. Fast in allen Branchen liegen die forschungsfreundlicheren Unternehmen auch bei der EBIT-Marge vorne.
Im Jahr 2020 sind die Profitraten der Pharmakonzerne wegen der Corona-Pandemie leicht zurückgegangen, weil alle medizinischen Leistungen, die nicht mit Covid-19 in Verbindung standen, weniger in Anspruch genommen wurden. Das wird sich in den kommenden Jahren aber wieder ändern. Der Schweizer Pharmakonzern Novartis zum Beispiel setzt sich in einer Mitteilung vom April 2022 neu das Ziel eines operativen Kerngewinns von über 40 Prozent. (Novartis 2022b)
Der Bundesverband der deutschen Pharmazeutischen Industrie (BPI) gibt an, dass sich der Umsatz mit Arzneimitteln 2020 weltweit etwa auf 974 Milliarden Euro (1162 Mrd. US-Dollar) beläuft. (BPI 2021, S. 38) Das entspricht 1,37 Prozent des weltweiten BIP von 84,89 Billionen US-Dollar. Mit anderen Worten, jeder 73. US-Dollar, Euro, Franken und so weiter wird für Arzneimittel ausgegeben. Bezogen auf die Gesamtkosten der Gesundheitsversorgung kommt die Helsana-Versicherung, eine der größten Krankenkassen der Schweiz (1,2 Mio. Versicherte), für 2019 zu folgenden Zahlen: Die Ausgaben für Arzneimittel zulasten der obligatorischen Krankenversicherung werden für die ganze Schweiz auf 7625 Millionen Franken hochgerechnet. (Schur u. a. 2020) Das sind 24,5 Prozent der gesamten Ausgaben, die von den obligatorischen Krankenversicherungen getragen werden. Darin sind die Arzneimittel, die von Spitälern oder Heimen im stationären Bereich abgegeben werden, nicht enthalten; sie werden gegenüber den Krankenkassen nicht separat ausgewiesen. Laut Angaben des Bundesamtes für Statistik belaufen sich die Kosten für stationär abgegebene Arzneimittel 2019 auf 537 Millionen Franken (1,7%). (BFS 2022) Zusammen machen die Arzneimittel also 26,2 Prozent der Ausgaben der Krankenkassen aus.
Anders sieht es aus, wenn der Anteil der Arzneimittel an den gesamten Gesundheitskosten betrachtet wird. In dieser Perspektive liegt er in der Schweiz bei 11,8 Prozent. Dabei sind alle Vertriebskanäle eingerechnet, die stationär verabreichten, die ambulant verschreibungspflichtigen und die ambulant frei verkäuflichen Arzneimittel. (BFS 2022) Der deutliche Unterschied zum Kostenanteil an den von den Krankenkassen getragenen Leistungen entsteht dadurch, dass die Kassen zwar einen hohen Teil der Arzneimittelkosten vergüten, insgesamt aber weniger als die Hälfte der gesamten Gesundheitskosten abdecken. Insbesondere werden die hohen Pflege- und Betreuungskosten in Heimen und in der aufsuchenden Pflege nur zu einem Bruchteil von den Krankenkassen vergütet.
Der Anteil von 11,8 Prozent an den Gesundheitskosten scheint zunächst einmal nicht sehr hoch zu sein. Allerdings nimmt die Pharmabranche den Großteil der gesamten Ressourcen in Anspruch, die in der Gesundheitsversorgung für Forschung und Entwicklung verfügbar sind. Die großen Pharmakonzerne haben also entscheidenden Einfluss darauf, in welche Richtung sich die Gesundheitsversorgung weiterentwickelt. Nur die viel kleinere Medizinalgerätebranche kann Ähnliches für sich beanspruchen. Das ist angesichts der Tatsache, dass beide Branchen vorwiegend kommerziellen Kriterien folgen, von einiger Bedeutung. Die Entwicklungsdynamik der Gesundheitsversorgung wird stark von eben diesen Kriterien geprägt.
Die rund zwei Dutzend Pharmakonzerne bilden einen Machtcluster, der als »Big Pharma« bezeichnet wird. Ihre starke Stellung beruht im Wesentlichen auf zwei Pfeilern. Der erste Pfeiler ist der Schutz geistigen Eigentums in Form von Patenten. Patente werden für pharmazeutische Wirkstoffe, für Herstellungsverfahren und für Darreichungsformen vergeben. Sie haben heutzutage weltweit eine Geltungsdauer von mindestens zwanzig Jahren. Hinzu kommen noch diverse Verlängerungsmöglichkeiten. In dieser Zeitspanne sind die Patentinhaber alleine befugt, die entsprechenden Arzneimittel zu vermarkten oder Lizenzrechte zu vergeben. Sie verfügen also über ein absolutes Monopol und können hohe, ja zum Teil exorbitant hohe Preise durchsetzen. Auf diese Weise generieren sie enorme Umsätze und entsprechend hohe Profite.
Die Einnahme oder der Gebrauch von Arzneimitteln geschieht in der Regel nicht ohne Not und ist oft unverzichtbar. Auf dem Spiel steht das Wohlbefinden, die Gesundheit und oftmals das Leben der Patient:innen. Für sie lautet die Alternative, dass entweder der hohe Preis für ein Arzneimittel bezahlt wird oder dass sie krank bleiben respektive eine Verschlechterung des Zustands bis zum Tod hinnehmen müssen. Das macht Betroffene, Behörden und Sozialversicherungen in hohem Maße erpressbar. Das ist der Grund, weshalb Preise für einzelne Medikamente bis in Millionenhöhe durchgesetzt werden können. (Vgl. hier zur Preisbildung, und hier zu Patenten)
Der zweite Machtpfeiler beruht paradoxerweise auf den hohen Kosten, die für klinische Studien von neuen Arzneimittelkandidaten anfallen. Bevor ein neues Arzneimittel zugelassen wird, muss es ausführlich getestet werden. Mit diesen unerlässlichen Studien sollen schädliche Wirkungen und Nebenwirkungen untersucht werden. Laut Angaben des US-Branchenverbandes Pharmaceutical Research and Manufacturers of America (PhRMA) beanspruchen die klinischen Studien bei ihren Mitgliederfirmen 47,4 Prozent der gesamten Forschungs- und Entwicklungsausgaben. (PhRMA 2020, S. 4) Zu Buche schlagen vor allem die klinischen Studien der dritten und letzten Stufe vor einer Marktzulassung, bei denen oft mehrere Tausend Personen getestet werden. Stufe-III-Studien verursachen allein 28,9 Prozent der gesamten F & E-Ausgaben. Pro Arzneimittel für Krebsbehandlungen – das zurzeit mit Abstand größte Forschungsgebiet – geben Vinay Prasad und Sham Mailankody in einer unabhängigen Untersuchung F & E-Kosten in Höhe von 648 Millionen US-Dollar an (Prasad, Mailankody 2017). Davon müssten gemäß den Prozentangaben der PhRMA für die klinischen Studien rund 310 Millionen US-Dollar veranschlagt werden und davon wiederum für die Studien der Stufe III rund 190 Millionen US-Dollar.
Solche Zahlenangaben sind strittig, unter anderem weil die Pharmakonzerne sich weigern, ihre detaillierten Kosten transparent zu machen. Aber niemand bestreitet, dass die Durchführung klinischer Studien mit hohen Ausgaben verbunden ist und dass diese auch für große Konzerne maßgebliche Kostenblöcke darstellen. Doch dies erweist sich für die großen Pharmafirmen eben auch als Vorteil. Denn die hohen Kosten für die klinischen Tests bilden eine wirksame Eintrittsschranke in die Gilde der großen Pharmakonzerne und sind damit ein Garant für das Oligopol von Big Pharma. (Zeller 2012, S. 622) Universitäre Institute und Start-up-Firmen können die Kosten für Studien oft nicht aufbringen. In vielen Fällen endet die eigenständige Existenz von pharmazeutischen Start-ups deshalb spätestens, wenn die klinischen Tests der dritten Stufe finanziert werden müssen. Wenn sie Glück haben, werden sie dann von einem Großkonzern aufgekauft. In selteneren Fällen können sie einen Konzern als Lizenznehmer gewinnen und ihre Unabhängigkeit bewahren.
Auch kleinere und mittlere Pharmaunternehmen können Arzneimittel durch alle klinischen Studienphasen bis zur Zulassung bringen; sie sind sogar besser darin, wirklich neue, innovative Medikamente zu entwickeln (vgl. hier). Doch das reicht nicht für ein stabiles Geschäftsmodell. Um die Umsatz- und Ertragsschwankungen, die etwa beim Auslaufen einer Patentfrist entstehen, ausgleichen und hohe Profitraten erhalten zu können, muss ein Unternehmen über ein ausreichend großes Portfolio von patentierten Arzneimitteln und in der Entwicklung begriffenen neuen Arzneimitteln verfügen. Den Schritt zu der dafür notwendigen kritischen Größe schaffen neue Unternehmen nur selten. Am ehesten geschieht dies, wenn ein Technologieschub bei der Entwicklung und der Produktion einsetzt. Zuletzt war dies beim Aufstieg der Bio- und Gentechnologien der Fall. Allerdings konnten sich selbst da nur drei neue Großkonzerne etablieren. Es bleibt abzuwarten, ob die neuen mRNA-Technologien eine vergleichbare Entwicklung auslösen (vgl. hier).
Übrigens wurden bis in die späten siebziger Jahre klinische Tests überwiegend durch akademische Instanzen geleitet. (Rajan 2017) In den Jahrzehnten danach gerieten sie immer mehr unter die Kontrolle von Big Pharma. Heute beauftragen die Pharmakonzerne damit spezialisierte Firmen, die sogenannten Clinical Research Organizations (CRO). Die CRO sind mittlerweile zu einem integralen Teil der biomedizinischen Branche geworden. Sie sind allerdings vollständig von ihren Auftraggebern, den Pharmafirmen, abhängig. Der Gesamtumsatz der CRO ist von 29 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015 auf 46,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 angestiegen und soll 2024 62,2 Milliarden US-Dollar erreichen. (Statista 2020)
Patente und die hohen Kosten für klinische Studien verklammerten sich im sogenannten Blockbuster-Geschäftsmodell. Als Blockbuster wird ein Arzneimittel mit einem jährlichen Umsatz von mindestens einer Milliarde US-Dollar bezeichnet. 1987 überschritt Zantac als erstes Medikament diese Grenze. (Rickwood 2012) Zantac ist ein Histamin-2-Blocker, der die Magensäure reduziert und dessen Wirkstoff Ranitidin heißt (vgl. hier). Die Anzahl und die Umsatzstärke von Blockbustern ist heute zum Maßstab der ökonomischen Potenz von Pharmaunternehmen geworden: Der Wert eines Unternehmens auf den Finanzmärkten bemisst sich an der Anzahl von aktuellen Blockbustern und Blockbuster-Kandidaten, über deren Patent- oder Lizenzrechte es verfügt. Der durchschnittliche Anteil von Blockbustern am Gesamtumsatz steigt bei den führenden zehn Pharmakonzernen immer weiter an, von 59,2 Prozent im Jahr 2018 auf 66,0 Prozent im Jahr 2020 (EY 2021); um die Jahrtausendwende hatte er noch bei rund 30 Prozent gelegen. (Zeller 2001, S. 173)
