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Briefe waren für Melanchthon zeitlebens das vorrangige Instrument, um mit entfernt lebenden Freunden im Gespräch zu bleiben und verschiedenste Angelegenheiten zu regeln; täglich schrieb er Briefe, manchmal zehn an einem Tag. Die von ihm erhaltene Korrespondenz umfasst knapp 10.000 Stücke, sein Korrespondenznetz spannt sich über ganz Europa. Die in den Briefen behandelten Themen sind so vielfältig, wie es das Leben mit sich bringt. Private Themen kommen genauso zur Sprache wie wissenschaftliche und politische, auch innerhalb eines Briefes. Die Briefe zeigen Melanchthon nicht nur als Reformator und Wissenschaftler, sondern als Menschen: als verlösslichen Freund (allein an Joachim Camerarius schrieb er mehr als 600 Briefe); als liebenden Familienvater, den die Eheprobleme seiner Tochter quälten und der gerne Enkelkinder in sein Haus aufnahm; als loyalen Kollegen, der unter dem aufbrausenden Wesen des älter werdenden Luther litt; als Astrologen, der Horoskope erstellte und seinen Träumen hohe Bedeutung beimaß; als Münzsammler; als Spender von Trost und Zuspruch angesichts von Krankheit, Tod und Kriegswirren – um nur einige Aspekte zu nennen. Melanchthons Briefe sind wirkliche Augenblickserzeugnisse und nicht aufwendig stilisiert, wie es andere Humanisten im 16. Jahrhundert zu tun pflegten; sie bringen das, was ihn bewegte, unmittelbar auf den Punkt.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Christine Mundhenk / Matthias Dall’Asta /Heidi Hein (Hg.)
Philipp Melanchthonin 100 persönlichen Briefen
Vandenhoeck & Ruprecht
Mit 5 Abbildungen
Umschlagabbildung: Bildnis des Philipp Melanchthon.
Gemälde, 1551, Lucas Cranach d.J. (1515–1586), Werkstattarbeit.
© AKG / Museen Böttcherstraße
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-647-99840-4
Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter: www.v-r.de
© 2017, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen/Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.
www.v-r.de
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
EPUB-Erstellung:Lumina Datamatics, Griesheim
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Briefe
1An den Leser, vor März 1514
2An Johannes Reuchlin, 12. Juli 1518
3Von Johannes Reuchlin, 24. Juli 1518
4An Johannes Schwebel, kurz vor 3. August 1520
5An Johannes Lang, 18. August 1520
6An Kurfürst Friedrich von Sachsen, 27. Dezember 1521
7An Georg Spalatin, ca. Ende September 1522
8An Erasmus von Rotterdam, 30. September 1524
9An Joachim Camerarius, 31. Oktober 1524
10An Joachim Camerarius, 16. Juni 1525
11Von Erasmus von Rotterdam, 5. Februar 1528
12An Erasmus von Rotterdam, 23. März 1528
13An Franz Hertzenberger, ca. Juni 1528
14An Hieronymus Baumgartner, 14. Dezember 1529
15An Katharina Luther, 4. Mai 1530
16An Veit Dietrich, 22. Mai 1530
17An Martin Luther, 22. Mai 1530
18An Martin Luther, 25. Juni 1530
19An Veit Dietrich, 25. Juni 1530
20An Veit Dietrich, 29. August 1530
21An Johannes Brenz, ca. Februar 1531
22An Johannes Brenz, 12. Mai 1531
23An Antonius Corvinus, Mai/Juni 1532
24An Erasmus von Rotterdam, 25. Oktober 1532
25An Joachim Camerarius, 15. März 1533
26An Wilhelm Reiffenstein, 20. September 1533
27An Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, 15. August 1535 61
28An König Franz I. von Frankreich, 28. August 1535
29An Joachim Camerarius, 31. August 1535
30An König Heinrich VIII. von England, 1. Dezember 1535
31Von Martin Luther, 27. Februar 1537
32An Martin Luther, 27./28. Februar 1537
33An Elisabeth Bromm, 25. Februar 1538
34An König Heinrich VIII. von England, 26. März 1539
35An Martin Luther, 14. Juni 1540
36Von Martin Luther, 18. Juni 1540
37An Johannes Bugenhagen, 8. Juli 1540
38An Johannes Gigas, 19. April 1541
39An Burkhard Mithoff, 16. Oktober 1541
40An Joachim Camerarius, 2. Dezember 1541
41An Johannes Voit, 19. Dezember 1542
42An Justus Jonas, 27. Dezember 1542
43Von Justus Jonas, 3. Januar 1543
44An seinen Sohn Philipp, 9. Mai 1543
45An Justus Menius, 13. Februar 1544
46An Veit Dietrich, 24. Juni 1544
47An Heinrich Bullinger, 31. August 1544
48An Joachim Camerarius, 20. September 1544
49An Joachim Camerarius, 30. September 1544
50An Martin Seidemann, 9. November 1544
51An Martin Gilbert, 14. März 1545
52An Hieronymus Kammermeister, 13. August 1545
53An Johannes Koch, 24. Dezember 1545
54An Hieronymus Baumgartner, 10. Januar 1546
55An Matthäus Collinus, Ende März 1546
56An Joachim Camerarius, 17. Dezember 1546
57An Landgraf Philipp von Hessen, 17. Dezember 1546
58Von Landgraf Philipp von Hessen, 26. Dezember 1546
59An Justus Jonas, 6. Januar 1547
60An Paul Eber, 13./14. März 1547
61An Georg Sabinus, 6. April 1547
62An Paul Eber, 26. Mai 1547
63An Fürst Georg von Anhalt, 12. Juli 1547
64An Christoph Pannonius, 16. Oktober 1547
65An Andreas Hügel, 12. Januar 1548
66An Georg Fabricius, 24. Juni 1548
67An Johannes Stigel, 5. September 1548
68An Martin Bucer, 1. Oktober 1548
69An Veit Dietrich, 3. Dezember 1548
70An den Rat der Stadt Altenburg, 21. September 1550
71An Christoph Stathmion, 27. Oktober 1551
72An die Geistlichen in Dänemark, Oktober 1551
73An Georg Sabinus, 7. Januar 1552
74An Georg und Ulrich Fugger, 24. Februar 1552
75An Johannes Bretschneider, Anfang 1553
76An Anna Camerarius, 24. Februar 1553
77An David Chyträus, nach 4. April 1553
78An Jakob Bording, 31. Mai 1553
79An Caspar Peucer, ca. 10. April 1554
80An Johannes Weber, 27. Juli 1554
81An Georg Agricola, 12. August 1554
82An Johannes Calvin, 14. Oktober 1554
83An Joachim Moller, 18. Oktober 1554
84An Georg Fabricius, 27. Oktober 1554
85An Joachim Camerarius, 13. Juli 1555
86An Joachim Camerarius, 11. März 1556
87An Georg Fabricius, 1. Mai 1556
88An Hieronymus Baumgartner, 13. Juli 1556
89An Joachim Camerarius, 12. Oktober 1556
90An Georg Agricola, 24. Juni 1557
91An Johannes Mathesius, 30. Juli 1557
92An Sigismund Melanchthon, 29. Oktober 1557
93An Joachim Camerarius, 30. März 1559
94An Joachim Camerarius, 23. Juni 1559
95An die Universität Heidelberg, 1. Januar 1560
96An Abdias Praetorius, 27. März 1560
97An Johannes Crato, 29. März 1560
98An Herzog Albrecht von Preußen, 15. April 1560
99An Johannes Aurifaber, 15. April 1560
100Gründe, warum man den Tod nicht fürchten muss
Zeittafel
Register
Personen
Orte
Konkordanz
Abbildungsnachweis
Vorwort
Im Jubiläumsjahr 2017 eine Auswahl von Melanchthons Briefen in deutscher Übersetzung vorzulegen, ist ein doppeltes Statement: 1. Ohne Philipp Melanchthon bleibt jedes Reformationsgedenken und -narrativ unvollständig. Und 2.: Der beste Gewährsmann für Melanchthons Wirken ist Melanchthon selbst. Aus den rund 9.750 noch erhaltenen Texten seines Briefwechsels eine Auswahl von 100 Briefen zu treffen, ist allerdings ein schwieriges Unterfangen, das einem viel Mut zur Lücke abverlangt. Der Kreis der hierbei ausgewählten Adressaten umfasst Könige und Fürsten, Humanisten und Reformatoren, Familienangehörige und Freunde, Kollegen, Studenten und Schüler sowie deren Väter und Mütter. In wenigen (sechs) Fällen wurden auch Gegenbriefe aufgenommen, so dass an diesen Stellen der dialogische Charakter der Textgattung Brief jeweils sehr deutlich zum Ausdruck kommt.
Chronologisch bilden die hier versammelten Briefe einen weiten Bogen, der von dem frühesten greifbaren Briefdokument (1514) des damals erst siebzehnjährigen Tübinger Magisters bis zu einer wenige Tage vor Melanchthons Tod im April 1560 angefertigten Aufzeichnung reicht. Aus den dazwischenliegenden viereinhalb Jahrzehnten sind die allermeisten Jahre mit mindestens einem Brief vertreten; nur am Anfang gibt es zwei Sprünge von mehr als zwei Jahren. Thematisch öffnet sich dabei ein außerordentlich weites Feld, das von der großen Ereignisgeschichte über die Theologie, Philosophie und Philologie bis hin zu persönlichen oder familiären Alltagsthemen reicht.
Gleichwohl hatten die drei für die vorliegende Auswahl Verantwortlichen schon von Beginn an die verwunderten Fragen künftiger Leser im Ohr: „Warum denn dieser Adressat und nicht jener? Weshalb gerade dieser Brief, nicht aber jener andere?“ Eine hübsche Anekdote, die in diesem Zusammenhang nicht ohne Interesse ist, überliefert der ältere Seneca: Der römische Dichter Ovid sei eines Tages von seinen Freunden gebeten worden, in seinen Werken drei beanstandete Verse zu tilgen, und Ovid willigte ein, stellte aber die Bedingung, vorab drei Verse von einer eventuellen Streichung ausnehmen zu dürfen. Als der Dichter und seine Freunde ihre jeweiligen Verse dann unabhängig voneinander niedergeschrieben hatten und ihre Zettel anschließend miteinander verglichen, stellten sie fest, dass auf beiden dieselben drei Verse standen.
Dieser Anekdote eingedenk verzichteten die drei Unterzeichneten darauf, die von ihnen für diese Auswahl jeweils ausgewählten Briefe wechselseitig allzu inquisitorisch zu hinterfragen. Sie ahnten nämlich dunkel, dass es bei einem vergleichbaren Aussonderungsverfahren wohl ebenfalls zu einer Überschneidung von beanstandeten und unverhandelbaren Texten gekommen wäre. Auch der kundige Leser wird daher um eine angemessene Großzügigkeit bei der Beurteilung dieser Auswahl gebeten. Er sei versichert: Wie dem genialen römischen Dichter fehlte es auch uns nicht an Urteilskraft, wohl aber an dem Willen, unserer Auswahl ein Korsett anzulegen, das dem Briefcorpus nur wenig Luft zum Atmen ließe.
Unser herzlicher Dank für Anregungen und konstruktive Kritik geht an die Mitglieder der projektbegleitenden Kommission „Melanchthon-Briefwechsel“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Frau Svenja Baier danken wir für Unterstützung beim Korrekturlesen und bei den abschließenden Registerarbeiten.
Christine Mundhenk / Matthias Dall’Asta / Heidi Hein
Einleitung
Bisweilen lassen sich die charakteristischen Grundüberzeugungen eines Menschen leichter aus eher beiläufigen Dokumenten ablesen als aus dessen großen Werken. Der Humanist und Reformator Philipp Melanchthon ist dafür ein gutes Beispiel. Aus seiner Feder stammen nicht nur mehrere zentrale Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, sondern auch einflussreiche wissenschaftliche und zeitgeschichtliche Werke in großer Zahl: Grammatiken, Lehrbücher zur Rhetorik, Logik, Ethik, Politik, Physik, Anthropologie und Geschichte, Kommentare, Textausgaben und Übersetzungen biblischer Bücher und antiker Autoren, theologische, kirchenpolitische und bildungsreformerische Schriften und vieles mehr.1 Die sich in so vielen unterschiedlichen Disziplinen entfaltende Universalität seines Denkens lässt sich aber auch in den wenigen Versen spüren, die Melanchthon im Oktober 1547 anlässlich einer Mondfinsternis niedergeschrieben hat:
Wahrlich, eingeprägt hat dem Weltall Gott seine Spuren,
daß erkennen man mag Weisheit des Schöpfers daran.
Daß nicht der Zufall bestimmt, zeigt an die kunstvolle Fügung,
welche der Sterne Lauf und ihre Bahnen regiert.
Gott existiert: das lehrt uns das Licht, das in uns gepflanzet
und den Unterschied uns zeigt zwischen Böse und Gut.
[…]
Wenn aber auch die Gestirne uns Menschen regieren, regiert doch
über den Sternen der Gott, welcher kein Stoiker ist.
Drum wollen wir, denen liegt das Leiden der Kirche am Herzen,
mit demütig Gebet inständig flehen zu Gott,
daß er gnädig von uns abkehren möge die Fährnis
und daß Heilung er mag bringen dem Leid seines Volks.2
Die kunstvolle Ordnung des Kosmos führt den Menschen zur Gotteserkenntnis, und das den Gestirnen korrespondierende innere Licht dient ihm dabei als moralischer Kompass. Weil aber Gott den Menschen gegenüber nicht gleichgültig ist und die Macht hat, in den scheinbar unabänderlichen Lauf der Dinge einzugreifen, fordert Melanchthon die Gläubigen zum Gebet auf. Schon Luther rieb sich an Melanchthons Hochachtung der Astrologie (und seiner daraus resultierenden Horoskopgläubigkeit), die sich in den zitierten Versen offenbart und auch in manchen der in diesem Buch versammelten Briefe zum Ausdruck kommt.3 Darin nur die versponnene Marotte eines abergläubischen und ängstlichen Menschen zu sehen, wäre allerdings zu kurzsichtig, denn als aufmerksamer Leser im Buch der Natur ließ sich Melanchthon im Grunde nur in ähnlicher Weise faszinieren wie rund zweieinhalb Jahrhunderte später ein Königsberger Philosoph: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt : Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.“4
Als der wichtigste Weggefährte Martin Luthers war Melanchthon ein nachhaltiger Hauptakteur der Reformation und berichtete – im Rahmen einer nur wenige Monate nach Luthers Tod gedruckten Darstellung von dessen Leben – auch von einem Ereignis, das bald zum bildgewaltigen Gründungsmythos der Reformation werden sollte: dem sogenannten Thesenanschlag. Die folgenden Sätze Melanchthons bildeten jahrhundertelang dessen maßgebliches Quellenzeugnis:
Als Luther sich auf besagtem Weg befand, wurden in dieser Gegend durch den Dominikaner Tetzel Ablassbriefe zum Verkauf angeboten. Über die gottlosen und frevelhaften Predigten dieses völlig schamlosen Gauners erzürnt, brachte der von frommem Eifer glühende Luther daraufhin seine Thesen über die Ablässe heraus […] und machte diese am Vortag von Allerheiligen 1517 an der Wittenberger Schlosskirche durch Aushang öffentlich.5
Auf eine Wiedergabe von Melanchthons einflussreicher, bereits mehrfach übersetzter und langer Vorrede,6 aus der die zitierte Passage nur einen kleinen Bruchteil darstellt, kann hier verzichtet werden, da es in diesem Band nicht um die Monumentalisierung Luthers geht. Bei der im Folgenden präsentierten Auswahl von 100 Briefen aus dem fast hundertmal größeren Gesamtkorpus von Melanchthons Briefwechsel waren vielmehr folgende vier Grundsätze leitend: 1. Die ausgewählten Briefe, darunter auch einige Vorreden zu eigenen oder fremden Werken (Nr. 1, 72 und 74–76), sollen die Person Melanchthons möglichst umfassend beleuchten, den Humanisten ebenso wie den Reformator, den Theologen und Universitätsprofessor mit europaweiter Ausstrahlung ebenso wie den einfühlsamen, die Gemeinschaft suchenden Freund und Familienvater, den bestens vernetzten Zeitzeugen weltgeschichtlicher Ereignisse ebenso wie das von Krankheiten und Unglücksfällen heimgesuchte Individuum. 2. Die Briefe werden nicht in Auszügen, sondern grundsätzlich vollständig wiedergegeben. 3. Die Anordnung der Briefe folgt dabei streng der Chronologie.7 4. Die kommentierenden Anmerkungen zu den Briefen beschränken sich auf Zitatnachweise und nötige Verständnishilfen, während die Lebensdaten der Adressaten und erwähnten Personen samt einer jeweils kurzen Charakteristik dem Personenverzeichnis am Ende des Bandes zu entnehmen sind und die beigegebene Zeittafel den historischen Kontext der Briefe skizziert.
Die Auswahl beginnt mit einer einleitenden Vorrede (Nr. 1) und einigen Briefen, die Melanchthons 1518 vollzogenen Wechsel von Tübingen nach Wittenberg und seine frühe Begeisterung für Luther beleuchten (Nr. 2–5). In den folgenden Jahren geht es in den Briefen immer wieder auch um Luther : Mal bedauert er dem sächsischen Kurfürsten gegenüber Luthers Abwesenheit von Wittenberg, mal versucht er zwischen Luther und Erasmus von Rotterdam zu vermitteln, mal berichtet er in griechischer Sprache von Luthers 1525 mitten im Bauernkrieg geschlossener Ehe mit Katharina von Bora (Nr. 6, 8 und 10–12). Als der mit der Reichsacht belegte Reformator 1530 auf dem Weg zum Augsburger Reichstag im sächsischen Coburg zurückbleiben musste, hielt der weiterreisende Melanchthon mit Luther und dessen in Wittenberg verbliebener Frau brieflich engen Kontakt (Nr. 15–20). Melanchthon und Luther stärken und trösten einander bei Krankheiten und Anfechtungen (Nr. 31 f und 35 f);8 die unbändige Streitlust des alten Luther ließ Melanchthon 1544 aber auch seinen Fortgang aus Wittenberg in Erwägung ziehen (Nr. 47 und 49). Nach Luthers Tod fühlte sich Melanchthon dann wieder stärker an die Wittenberger Universität gebunden (Nr. 55), der er nur in den Wirren des Schmalkaldischen Krieges 1546/47 vorübergehend den Rücken kehrte (Nr. 62 f).
Aus den 600 erhaltenen Briefen, die an Melanchthons lebenslang engsten Freund und späteren Biographen, den Humanisten und langjährigen Leipziger Professor Joachim Camerarius,9 gerichtet sind und besonders tiefe Einblicke in die Gedankenwelt sowie den jeweiligen Gemütszustand ihres Verfassers ermöglichen, wurden dreizehn Schreiben ausgewählt, in denen es um ihre Freundschaft, um Literatur und Wissenschaft, Lebenskrisen, Handlesen und Wunderzeichen, um Alltagsdinge und anderes mehr geht (Nr. 9 f, 25, 29, 40, 48 f, 56, 85 f, 89 und 93 f). Seiner Frau Anna Camerarius sind Melanchthons 1553 auf deutsch erschienene „Hauptartikel christlicher Lehre“ gewidmet (Nr. 76), und seinem Bruder Hieronymus Kammermeister, dessen Tochter sich 1545 heimlich verlobt hatte, riet Melanchthon, dem jungen Paar nicht länger zornig im Wege zu stehen (Nr. 52).
Unter den Adressaten der Briefe befinden sich – neben König Franz I. von Frankreich und König Heinrich VIII. von England – einige fürstliche Hauptakteure der Reformation wie Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, Landgraf Philipp von Hessen oder Herzog Albrecht von Preußen (Nr. 27 f, 30, 34, 57 und 98), und neben Luther begegnen unter den Adressaten auch andere Reformatoren wie Johannes Brenz, Johannes Bugenhagen, Heinrich Bullinger, Martin Bucer oder Johannes Calvin (Nr. 21 f, 37, 47, 68 und 82). Nicht weniger eindrücklich sind allerdings Melanchthons Schreiben an eher unbekannte Zeitgenossen wie Elisabeth Bromm in Frankfurt am Main, die besorgte verwitwete Mutter eines in Melanchthons Haus lebenden und nunmehr heiratswilligen Wittenberger Studenten (Nr. 33), oder Johannes Weber in Neustadt an der Orla, einen thüringischen Pfarrer, den Melanchthon in einem bewegenden Schreiben über den Tod seines Sohnes informieren muss, der außerhalb des Wittenberger Stadtgebietes ermordet in einem Gebüsch aufgefunden worden war (Nr. 80).
Hochzeiten, Todesfälle, Krankheiten und seelische Schmerzen gab es auch in Melanchthons familiärem Umfeld sowie im Freundeskreis in großer Zahl. Dies dokumentieren die ausgewählten Briefe an Familienangehörige, darunter Melanchthons Sohn Philipp, sein Neffe Sigismund und seine Schwiegersöhne Georg Sabinus und Caspar Peucer (Nr. 44, 61, 73, 79 und 92), an enge Freunde und Vertraute wie Veit Dietrich, Justus Jonas oder Paul Eber (Nr. 42, 46, 59 f und 69), an seinen treuen Diener Johannes Koch, dessen Tod Melanchthon 1553 tief betrauerte (Nr. 53 und 77), oder das Schreiben an einen Rostocker Arzt, dem Melanchthon von dem 1553 ebenfalls lebensbedrohlich schlechten Gesundheitszustand seiner Frau Katharina berichtete (Nr. 78).
Melanchthon war ein leidenschaftlicher Briefschreiber, der oft und nicht selten sehr ausführlich schrieb.10 Die Briefe zeigen aber auch, dass er dabei mitunter an den Rand seiner Kräfte kam. 1547 formulierte er die Zwänge, unter denen er stand, einmal wie folgt:
Aristoteles sagt, es sei wenig freundlich, beim Briefeschreiben allzu penibel zu sein. Und das ist wahr. Nachlässigkeit lobe ich aber dennoch nicht. Mich zwingt jedoch die Not, eher nachlässig zu schreiben, weil ich oft vielen gleichzeitig schreibe. Doktor Sabinus haben wir bei seinem Abschied nicht nur Bündel, sondern fast schon ganze Wagenladungen von Briefen mitgegeben.11
Und 1556 schrieb er noch übersteigernder:
Die erdichteten Qualen in der Unterwelt sind nicht vergleichbar mit den Qualen, die mich martern, wenn ich Disputationen, Statuten, Vorreden und Briefe schreiben muss!12
Ob Melanchthon bei der Formulierung dieses Satzes vor allem an Sisyphos gedacht hat, sei dahingestellt. Insgesamt dürfte aber auch für den unentwegt Briefe schreibenden Humanisten und Reformator dasjenige gelten, was Albert Camus im Hinblick auf den unermüdlichen Sisyphos der griechischen Mythologie formuliert hat: Man muss ihn sich dabei als einen glücklichen Menschen vorstellen.13 Denn das Medium Brief ist unter Melanchthons Händen ein ebenso mühelos wie virtuos gespieltes Instrument, dem seine Spielfreude und das tief empfundene Bedürfnis, sich anderen mitzuteilen, deutlich anzumerken sind. Vor den Augen des Lesers von Melanchthons gesammelten Briefen breitet sich ein weites Panorama von Ereignissen, Themen, Orten und Personen des 16. Jahrhunderts aus: Krieg und Frieden, Politik und Wissenschaft, Rechtfertigungslehre und Abendmahlsstreit, Reichstage und Religionsgespräche, Hörsaal und Landstraße, Empfehlungen und Trostgründe, das Genie Dürers, die Hinrichtung Servets und das neue Weltbild des Copernicus, Teufelsaustreibungen, Zauberei und eine mysteriöse Flammengeburt.14
Wenige Tage vor seinem Tod notierte Melanchthon auf einem Zettel einige Gründe, warum der Tod nicht zu fürchten sei. Neben seinem festen Glauben, ins ewige Licht zu gelangen und Gott zu schauen, verlieh er dabei auch seiner Hoffnung Ausdruck, dann endlich jene Geheimnisse zu begreifen, die zu Lebzeiten für gewöhnlich verborgen blieben, darunter die Frage, „warum wir so sind, wie wir sind“ (Nr. 100). Angesichts solcher Gewissheiten und Aussichten wird verständlich, dass Melanchthon sogar noch auf dem Totenbett ein deutliches Lächeln im Gesicht trug.15 Man könnte ihn geradezu den lächelnden Reformator nennen.
Abschließend noch einige ergänzende Bemerkungen zu dieser Ausgabe:
Im Briefkopf werden nach der laufenden Nummer der Name des Empfängers sowie dessen Aufenthaltsort genannt; in einer gesonderten Zeile folgen der Abfassungsort des Briefes sowie das Datum. Bis zu Nr. 64 (vom Oktober 1547) beruhen die Übersetzungen auf den bereits erschienenen Textbänden der kritischen Gesamtausgabe Melanchthons Briefwechsel (MBW), bei den späteren Briefen zumeist auf den Textfassungen im Corpus Reformatorum (CR); die im Anhang beigegebene Konkordanz dokumentiert die jeweilige Textvorlage. Die zur Binnengliederung der Briefe dienende Paragraphen-Zählung (in eckigen Klammern), die – soweit vorhanden – aus MBW übernommen wurde, erleichtert das Auffinden der entsprechenden Stelle des Originaltextes und die Konsultation des zugehörigen Regestenwerks, der seit 2010 auch frei im Internet zugänglichen deutschen Zusammenfassungen aller knapp 10.000 Textstücke von MBW.16
Unter den 94 von Melanchthon verfassten und sechs an ihn gerichteten (Nr. 3, 11, 31, 36, 43 und 58) Briefen dieser Auswahl sind im Original nur sechs nicht in lateinischer Sprache geschrieben: Nr. 10 (bis auf den kurzen Schlussabschnitt griechisch), 15, 33, 57 f und 76 (jeweils deutsch). Kürzere griechische Partien oder einzelne griechische Ausdrücke, die Melanchthon immer wieder beiläufig in seine lateinischen Brieftexte einflocht, sind in der Übersetzung nicht eigens gekennzeichnet. Bei den frühneuhochdeutschen Briefen wurden der Satzbau und die Begrifflichkeit bewahrt, sofern sie dem Verständnis und Lesefluss nicht im Wege standen; die Orthographie und heute nicht mehr gebräuchliche Ausdrücke wurden dagegen modernisiert.
Auf eine Wiedergabe der zum großen Teil noch erhaltenen Adressen ist verzichtet worden, und zwar bei allen Briefen, auch den lateinischen. Das bei letzteren meist am Briefanfang stehende, mitunter aber auch an die Adresse angehängte lateinische Grußkürzel „S. D.“ (für „Salutem dicit“) wird in der Übersetzung ebenfalls nicht wiedergegeben.
Die standardisierten Valediktionsformeln am Ende der Briefe sind einheitlich mit „Leb(t) wohl!“ (für „Vale[te]“ und „Bene vale[te]“) oder „Leb(t) wohl und alles Gute!“ (für „Vale[te] foeliciter“ und „Bene et foeliciter vale[te]“) übersetzt. Bei Briefen, die ohne Unterschrift überliefert sind, wurde diese in der vorliegenden Ausgabe nicht ergänzt; die Unterschriften wurden vereinheitlicht: Der Vorname wird jeweils mit „Philipp“ wiedergegeben, gleichgültig, ob in der Vorlage „Philippus“ oder die griechische Form „Philippos“ stand; beim Nachnamen steht für die verschiedensten Schreibvarianten von „Melanchthon“ bis „Melanthon“ die gängige Namensform „Melanchthon“; Abkürzungen werden aufgelöst.
Bei Begriffen wie „disciplina“, „doctrina“, „literae“, „studia“ oder „schola“, deren Gebrauch in den Briefen variiert und nicht immer konsistent erscheint, wurde jeweils kontextbezogen übersetzt, auch wenn sich in Einzelfällen nicht mit letzter Sicherheit entscheiden lassen dürfte, ob nun – beispielsweise – mit „doctrina“ eher die (Wittenberger) Theologie oder aber allgemein die Wissenschaft gemeint ist. Bereits vorliegende deutsche oder anderssprachige moderne Übersetzungen, z.B. von den Briefwechseln mit Reuchlin, Erasmus oder Luther, wurden zurate gezogen und an schwierigen Stellen verglichen, aber nicht im einzelnen verzeichnet; die entsprechenden Nachweise sind in MBW zu finden.
1 Vgl. Helmut Claus, Melanchthon-Bibliographie 1510–1560, 4 Bde., Gütersloh 2014 (Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte 87); Wilhelm Hammer, Die Melanchthonforschung im Wandel der Jahrhunderte. Ein beschreibendes Verzeichnis, 4 Bde., Gütersloh 1967, 1968, 1981 und 1996 (Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte 35, 36, 49 und 65).
2 Deutsche Übers. aus Harry C. Schnur, Lateinische Gedichte deutscher Humanisten (lat.-dt.), Stuttgart 1967 u.ö., S. 284–287.
3 Vgl. bes. Brief Nr. 71, 75 und 91.
4 Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788), Beschluss.
5 Textgrundlage: MBW 4277.11. Zur prekären Historizität des Thesenanschlags vgl. Volker Leppin, „Nicht seine Person, sondern die Wahrheit zu verteidigen“. Die Legende vom Thesenanschlag in lutherischer Historiographie und Memoria, in: Der Reformator Martin Luther 2017. Eine wissenschaftliche und gedenkpolitische Bestandsaufnahme, hrsg. von Heinz Schilling, Berlin u.a. 2014 (Schriften des Historischen Kollegs 92), S. 85–107.
6 Die jüngste Übersetzung findet sich in: Melanchthon deutsch, Bd. 2: Theologie und Kirchenpolitik, hrsg. von Michael Beyer, Stefan Rhein und Günther Wartenberg, Leipzig 1997, S. 169–188; 2. Aufl. 2011, S. 178–197 (übers. von Gerhard Weng).
7 Anders als in Melanchthon deutsch, Bd. 3: Von Wittenberg nach Europa, hrsg. von Günter Frank und Martin Schneider, Leipzig 2011, wo die Briefauswahl (29 Texte aus den Jahren 1528–1559) zunächst nach Ländern und geographischen Räumen (Deutschland, England, Frankreich, Italien, Südosteuropa) gegliedert ist.
8 Neben diesen jeweils aufeinander bezogenen zwei Briefpaaren (von und an bzw. an und von Luther) enthält der vorliegende Band noch vier weitere dialogische Briefpaare: Nr. 2 und 3 (an und von Reuchlin), Nr. 11 und 12 (von und an Erasmus), Nr. 42 und 43 (an und von Jonas) sowie Nr. 57 und 58 (an und von Landgraf Philipp von Hessen).
9 Vgl. Joachim Camerarius, Das Leben Philipp Melanchthons, übersetzt von Volker Werner, mit einer Einführung und Anmerkungen versehen von Heinz Scheible, Leipzig 2010 (Schriften der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt 12). Die umfassendste moderne Darstellung von Melanchthons Leben stammt von Heinz Scheible: Melanchthon – Vermittler der Reformation. Eine Biographie, München 2016.
10 Vgl. Stefan Rhein, Briefe als Selbstzeugnisse. Annäherungen an Philipp Melanchthon, in: Philipp Melanchthon in der Briefkultur des 16. Jahrhunderts, hrsg. von Matthias Dall’Asta, Heidi Hein und Christine Mundhenk, Heidelberg 2015 (Akademiekonferenzen 19), S. 107–130, hier S. 115.
11 Aus Nr. 64.1.
12 Aus Nr. 86.1.
13 Vgl. Albert Camus, Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde, Reinbek 1959 u.ö., S. 101.
14 Zu den zuletzt erwähnten Exorzismen und der Flammengeburt vgl. Nr. 65.2–3 und 85.4. Zur weiteren Vertiefung bieten sich zwei Anthologien mit deutschen Übersetzungen aus Melanchthons Schriften an: Philipp Melanchthon, Glaube und Bildung. Texte zum christlichen Humanismus (lat./dt.), ausgewählt, übersetzt und hrsg. von Günter R. Schmidt, Stuttgart 1989 (Universal-Bibliothek 8609), sowie Hans-Rüdiger Schwab, Philipp Melanchthon – Der Lehrer Deutschlands. Ein biographisches Lesebuch, München 1997 (dtv).
15 Vgl. Abb. 5 in diesem Band sowie Stefan Rhein, Lucas Cranach der Jüngere und Philipp Melanchthon. Zu den Spuren einer Wittenberger Beziehung, in: Lucas Cranach der Jüngere und die Reformation der Bilder, hrsg. von Elke A. Werner, Anne Eusterschulte und Gunnar Heydenreich, München 2015, S. 43–51, hier S. 48.
16 Unter http://www.haw.uni-heidelberg.de/forschung/forschungsstellen/melanchthon/mbw-online.de.html.
Briefe
1An den Leser1
Tübingen, vor März 1514
[1] Unter den verschiedenen Gattungen schriftlicher Überlieferungen finden für gewöhnlich diejenigen besonderen Beifall, deren sprachliche Gewandtheit mehr auf natürlichen Anlagen als auf Kunstfertigkeit beruht. In ihnen kann nämlich deutlich zum Ausdruck kommen, was in eines jeden Menschen Geist angelegt ist, wie ja auch durch die Lehre des Pythagoras feststeht, dass die Kunst aus der Natur geboren ist. Die vorzüglichste dieser Gattungen ist diejenige des Briefes, welche gerade durch ihre Vertrautheit eine unvermutete Glut an den Tag legt und von den bedeutendsten Schriftstellern mit vielfachem Lob bedacht worden ist. Durch Briefe werden nämlich zumeist Angelegenheiten von höchster Bedeutung betrieben. [2] Damit über die meisten von ihnen möglichst geschmackvoll geschrieben und gesprochen werden kann, wollten wir die an Johannes Reuchlin, einen Mann von größter Rechtschaffenheit und größter Klugheit, mit breiter Gelehrsamkeit geschriebenen Briefe veröffentlichen: Etwas Glänzenderes kann unserem Deutschland nicht zuteil werden, als wenn es Johannes Reuchlins wegen, den „die strahlenäugige Göttin Athene gürtete und schmückte“,2 durch die Schriftzeugnisse fremder Völker ehrenvoll gerühmt wird. Und von eben diesem Inhalt sind fast alle Briefe des Bandes erfüllt. [3] Im Übrigen lässt sich an ihnen das eigentümliche Gepräge der Gattung Brief unmittelbar beobachten, denn durch ihren freundschaftlichen Ton verhüllen sie ihre kunstvolle Faktur, damit sie dem brieflichen Gesprächston, der dem Sophisten Libanios so gefällt, genau entsprechen. Ein Brief wird von Libanios nämlich definiert als die „einen dringenden Zweck erfüllende schriftliche Unterhaltung eines Abwesenden mit einem Abwesenden, bei der man aber sprechen wird wie ein Anwesender zu einem Anwesenden“.3 Denselben Gedanken scheint in einem Brief an Curio auch Cicero ausgedrückt zu haben, und zwar in jener überaus anmutigen und herzerfrischenden Diktion, die seiner geistigen Physiognomie entspricht: „Eine Gattung von Briefen ist unbestritten diejenige, um derentwillen die Sache überhaupt erfunden worden ist: damit wir Abwesenden eine Nachricht zukommen lassen können, wenn es etwas gibt, bei dem es für uns oder die Abwesenden selbst wichtig ist, dass sie davon Kenntnis haben.“4 [4] Somit liegt Euch, Ihr vortrefflichen jungen Leute, jetzt ein ganzes Gewebe von Briefen vor. Ihre sprachliche Form ist ungeschminkt und bringt dadurch wirklich Licht in die Dinge; sie ist „fehlerfrei“ und – mit Cicero zu sprechen – gut „lateinisch“;5 sie ist vertraulich, klar und kurz, denn man hält diese Art, sich zu äußern, für engstens mit dem Dialog verwandt; und schließlich ist sie dadurch gekennzeichnet, dass eine Sache möglichst in ihrer ganzen Breite dargestellt erscheint. Durch das Nachahmen sollt Ihr die Kunst des Briefeschreibens erlernen, „denn ein großer Teil der Kunst besteht aus Nachahmung“, wie es bei Quintilian heißt.6 [5] Auch sehe ich nicht, wodurch Eure Studien besser unterstützt werden können als durch die Verbindung der förderlichen Wirkungen von Übung und Nachahmung. Tragt griechische Partien mit lateinischen Worten vor, lateinische gebt dagegen in Paraphrase wieder, und zwar möglichst oft, damit man sagen kann, Johannes Reuchlin, der Vorkämpfer dieser Studien in Deutschland, sei Euch von Nutzen gewesen. Wenn er nämlich sieht, dass Ihr in jenen Studien wohlbewandert seid, wird er, der auch zuvor schon sehr freigebig war, Euch noch ein gewichtigeres Geschenk machen. Lebt wohl!
2An Johannes Reuchlin in Stuttgart
Tübingen, 12. Juli 1518
[1] Sei gegrüßt, mein lieber Reuchlin, mein Vater! Was habe ich für eine Angst, mich noch länger in dieser Tretmühle7 hetzen, rupfen und foltern lassen zu müssen! Gern würde ich sonst in Schwaben unter Freunden bleiben, von denen mir einige durch engen Umgang schon bestens erprobt sind. Da ich aber von den vielen Ärgernissen inzwischen ganz erschöpft bin, weiß ich nicht, was ich mehr fürchten soll. Und mögen auch die übrigen Umstände noch leicht erträglich sein, so werde ich doch hier unter Kindern wieder selbst kindisch. Lieber würde ich mich wie Heraklit in einer abgelegenen Höhle verstecken,8 als hier mit Nichtstun beschäftigt zu sein. Wie ich höre, ist der Fürst der Sachsen bereits nach Augsburg gekommen.9 Wenn die Götter mir nicht zürnen, zweifle ich nicht daran, dass er uns schreiben wird. Was auch immer Du für mich ausgehandelt hast, ich werde Dich nicht enttäuschen; ich würde lieber sterben, als Dich zu hintergehen. Mein Entschluss steht so fest wie der Marmorberg auf Paros: Dir folgen, Dir gehorchen. Wohin auch immer Du mich in dieser Welt schickst oder abordnest, dahin muss ich gehen. [2] Ich bin zuversichtlich, durch mein Wissen, meine Begabung und meine Tüchtigkeit auch Deinen Ruhm zu mehren. Den Wissenschaften widme ich mich nämlich ganz und gar. Um aber die Wahrheit zu sagen: Nichts belastet mich innerlich mehr, als längere Zeit unter vielen Menschen zu sein und zu erleben, wie der Pöbel meinen Musen den Wind auf Dauer ins Gesicht bläst. Mein Wunsch war ein Leben „auf menschengemäßere Art“,10 ein Leben in kontemplativer Ruhe in den stillen Hallen der Philosophie, da dieses nach Platons Worten11 für rechtschaffene Menschen „am angenehmsten“ sei. Wenn das Schicksal dies aber noch nicht zulässt, dann müssen wir eben leben, „wie wir können, nicht, wie wir wollen“.12 Lassen wir uns also auf den Beifall der Menschen ein und akzeptieren wir das gemeine Würfelglück! Vielleicht wird es eines Tages noch dahin kommen, dass mir aus der Arbeit eine willkommenere und angenehmere Muße erwächst. Leb wohl, mein liebster Vater, leb abermals wohl! Tübingen, den 12. Juli.
Philipp
3Johannes Reuchlin an Melanchthon in Tübingen
Stuttgart, 24. Juli 1518
[1] Hier ist nun der Brief des frommen Fürsten,13 von ihm eigenhändig unterschrieben, und er verspricht Dir darin eine Anstellung und sein künftiges Wohlwollen. Daher werde ich Dich jetzt nicht mit einem Dichterwort ansprechen, sondern die zuverlässige Verheißung Gottes verwenden, die dem gläubigen Abraham zuteil wurde: „Verlass deine Heimat, deine Verwandtschaft und das Haus deines Vaters und komm in das Land, das ich dir zeigen werde, und ich werde aus dir ein großes Volk machen, dir Segen schenken, deinen Namen mit Ruhm erfüllen, und du sollst gesegnet sein.“ So heißt es in Genesis 12.14 So sieht es mein innerer Sinn voraus, eine solche Zukunft erhoffe ich mir für Dich, mein Philipp, Du mein Werk und mein Trost. Komm also mit freudigem und heiterem Sinn! [2] Aber lass vorher all Deine Habe durch einen Fuhrmann mit einem Gespann zu mir nach Stuttgart bringen. Dort werden wir dann die Dinge auswählen, die Du in Wittenberg benötigst, und auf meine Anweisung hin wird alles organisiert. Wenn Du willst – und ich rate Dir dazu –, reise zuvor noch über Pforzheim zu Deiner Mutter.15 Wenn Du Dich dann von allen Angehörigen verabschiedest hast, kehre zu mir zurück – doch innerhalb kürzester Zeit, damit Du die günstige Gelegenheit, gemeinsam mit dem Fürsten reisen zu können, nicht verpasst. Ich habe ihm geschrieben, dass Du auf jeden Fall kommen wirst. Damit Du siehst, wie sehr Dich seine Höflinge und Kammerherren, Männer von Adel, schätzen, schicke ich Dir auch einen Brief von Herrn Spalatin, der zusammen mit dem Fürsten im Wagen oder in einer Sänfte zu reisen pflegt. Das ist kurz zusammengefasst die Lage. [3] Zuvor trage alle nötigen Dinge zusammen, schließe sie in einen Kasten oder sonst einen geeigneten Behälter und lass alles mit einem einspännigen Wagen nach Stuttgart bringen, und zwar so schnell wie möglich. Wenn Du dann in Tübingen allen Freunden Lebewohl gesagt hast, begib Dich eilends in die Heimat zu Deiner Mutter ; reise dabei über Pforzheim, verabschiede Dich dort von Augustin16 und meiner Schwester und komm schließlich von Deiner Mutter unverzüglich zu mir, nicht gemessenen Schrittes, sondern wie im Fluge. Die Fürstenwelt ist wetterwendisch. Dass der Fürst nur ja nicht ohne Dich aus Augsburg abreist! Das rate ich Dir, dazu noch, dass Du selbstbewusst auftrittst, nicht wie eine Frau, sondern wie ein Mann. „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land.“17 Leb wohl und alles Gute! Stuttgart, am Abend vor dem Apostel Jakobus 1518.
Johannes Reuchlin, Doktor der Rechte
4An Johannes Schwebel in Pforzheim
Wittenberg, kurz vor dem 3. August 1520
[1] Sei gegrüßt, mein bester Johannes! Du täuschst Dich, wenn Du glaubst, dass es Briefe gibt, die mir mehr Freude bereiten als die Deinen, denn schließlich stehst Du mir als bewährter Freund schon seit langem ganz nahe. Meine Freunde in der Heimat haben mich fast alle vergessen, und so begreife ich endlich, dass es – entgegen meiner einstigen Auffassung – doch nicht ohne Grund schon bei den antiken Autoren heißt: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“18 Du bist fast schon der einzige, der sich noch an Philipp erinnert. [2] Meine an sich schon traurige Verbannung wird durch jene – um es klar und deutlich auszudrücken – Pflichtvergessenheit der Freunde noch viel bitterer. Gleichwohl gibt es auch Umstände, die mir Linderung verschaffen. Außerordentlich angenehm ist für mich das Studium der Theologie, das, sollte es irgendwann irgendwo schon einmal geblüht haben, durch Gottes Gnade jetzt bei uns in Blüte steht. Denn Du wirst es mir als Deinem engen Freund sicherlich glauben, wenn ich sage, dass Martin19
