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Der jüdische Schriftsteller Philo von Alexandrien (gest. ca. 50 n. Chr.) hat ein umfangreiches Werk in griechischer Sprache hinterlassen. Einer größeren Zahl bibelexegetischer Werke steht eine kleinere Zahl philosophischer Abhandlungen gegenüber. Bibelexegese und Philosophie kann er auch verbinden. Das geschieht in dem kleinen Traktat "Das Leben eines Politikers oder über Josef". Philo bietet eine philosophische Nacherzählung der biblischen Josefsgeschichte, in der Josef als eine Art hellenistischer Herrscher erscheint. In die Nacherzählung stellt er drei Exkurse ein; sie bilden eine mit der Nacherzählung nur lose verknüpfte Abhandlung über Ethos und Selbstverständnis des Politikers in einer demokratisch verfassten antiken Polis. Auf diese Weise entsteht eine staatsphilosophische Schrift über die beiden Typen des antiken Politikers – des Herrschers über ein Territorium und des in der Polis tätigen, sich mit Fragen der Justiz und der Verwaltung beschäftigenden Beamten. Tatsächlich ist Philos Josefsschrift das einzige antike Werk, das diese beiden Typen des Politikers gleichzeitig behandelt. Auf diese Weise leistet Philo einen profilierten Beitrag zur antiken politischen Philosophie. Die einzige deutsche Übersetzung von Philos Josefsschrift stammt aus dem Jahr 1909. Lang bietet eine ausführliche Einleitung, ein Glossar philonischer Grundbegriffe, eine neue, in lesbarer Sprache gehaltene Übersetzung sowie den ersten Kommentar zu diesem Werk. Philos Josefsschrift wird hier erstmals umfassend erschlossen – sowohl für den interessierten Leser als auch für den Kenner antiker Literatur.
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Kleine Bibliothek der antiken jüdischen und christlichen Literatur
Herausgegeben von Jürgen Wehnert
Vandenhoeck & Ruprecht
Philo von Alexandria: Das Leben des Politikers oder Über Josef
Eine philosophische Erzählung
Übersetzt und eingeleitet von Bernhard Lang
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-647-99813-8
Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter: www.v-r.de
© 2017, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,
Theaterstraße 13, 37073 Göttingen /
Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.
www.v-r.de
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Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim
Inhalt
Einführung
Der Autor: Philo von Alexandria
Die Josefsschrift als Teil eines größeren Werks
Inhalt der Josefsschrift
Stil und Eigenart
Die drei Themen: Der Herrscher, der Politiker, die Psychologie
Das erste Thema: Königsherrschaft als Beruf
Das zweite Thema: Politik als Beruf
Das dritte Thema: Philo als Psychologe
Die Adressaten: Ein jüdisches Buch für nichtjüdische Leser
Der biblische Josef als Politiker: Zur Geschichte eines literarischen Stoffes
Zur Übersetzung und zum Buchtitel
Literatur
Glossar philonischer Wörter
Übersetzung
Vorwort (der Abrahamschrift)
Vorwort (der Josefsschrift)
Die Jugend des Herrschers oder Politikers
Der Jüngling wird von den Brüdern verkauft
Die Klage des ältesten Bruders und die Klage des Vaters
Der Politiker (Erster philosophischer Exkurs)
Die Verführung
Kommentar
Weitere Lehren über den Politiker (Zweiter philosophischer Exkurs)
Der Gefängniswärter
Der Traum des Mundschenks
Der Traum des Bäckers
Der Traum des Königs
Abschließende Lehren über den Politiker (Dritter philosophischer Exkurs)
Die fetten und die mageren Jahre
Der Besuch der Brüder
Der Schmerz und die Einsicht des Vaters
Der Vorsteher des Landes lädt zu einem Gastmahl
Der gestohlene Becher
Die Versöhnung mit den Brüdern
Das Lob der Brüder
Der Verwalter
Unruhe unter den Brüdern
Epilog
Abkürzungen der biblischen Bücher
Einführung
Der Autor: Philo von Alexandria
Philo, zu dessen Namen meist seine Vaterstadt Alexandria in Ägypten hinzugefügt wird, lebte ca. 15 v. bis 50 n. Chr. Die genauen Lebensdaten sind nicht bekannt. Der jüdischen Oberschicht angehörend, trat er als griechisch schreibender Intellektueller und Philosoph hervor. Sein umfangreiches überliefertes Werk weist ihn als den bedeutendsten Vertreter des alexandrinischen Judentums aus. Über hebräische Sprachkenntnisse verfügte er vermutlich nicht, doch schrieb er ein vorzügliches Griechisch in der Form, die als Koine-Griechisch bezeichnet wird. Es war seine Muttersprache und die Verkehrssprache in allen Ländern, die an das östliche Mittelmeer unmittelbar oder mittelbar angrenzen, aber auch die Schriftsprache der Gebildeten. Das wenige, das wir über Philos Leben wissen, hat Reinhard von Bendemann in der Einleitung zu seiner Übersetzung von Philos „Freiheitsschrift“ in dieser Reihe (Quod omnis probus liber sit/Über die Freiheit jedes Rechtschaffenen) zusammengestellt.
Mit Maren Niehoff dürfen wir innerhalb des Werks von Philo zwei Gruppen von Schriften unterscheiden: eine erste Gruppe, die vorwiegend der Bibelauslegung gewidmet ist und sich an jüdische Leser in Alexandria wende, und eine zweite Gruppe, die vorwiegend aus Biographien besteht und auf eine nichtjüdische, eher römische als griechische Leserschaft ziele. Die erste Gruppe ist der Frühzeit des Autors zuzuweisen, während die zweite Gruppe sein Spätwerk darstellt. Der Wandel von der ersten zur zweiten Gruppe vollzog sich, wie Niehoff vermutet, während der zweieinhalb Jahre, die Philo in Rom verbrachte (38–41 n. Chr.). Philo war als Leiter einer jüdischen Delegation nach Rom gereist, um beim Kaiser wegen antijüdischer Ausschreitungen in Alexandria vorstellig zu werden. Es war allerdings schwer, zu Kaiser Caligula vorzudringen, so dass sich der Aufenthalt in die Länge zog. Das Missgeschick des ungeplant langen Aufenthalts bot Philo die Möglichkeit, mit römischen Intellektuellen und ihrer reichen literarischen Kultur in Kontakt zu kommen. Philo dürfte über keine lateinischen Sprachkenntnisse verfügt haben, doch war das für seine Kontakte kein Hindernis, hatte doch das Griechische in Rom eine ähnliche Rolle wie bei uns das Englische – es war die Zweitsprache der Gebildeten. Unter Caligulas Nachfolger Claudius soll Philo eine seiner Schriften „dem ganzen römischen Senat“ vorgetragen haben. Man habe seine Schriften bewundert und sie der Aufnahme in Bibliotheken gewürdigt – so der Kirchenvater Eusebius (Kirchengeschichte II 18,8). So unwahrscheinlich eine öffentliche Lesung im Senat auch sein mag, so spiegelt die Anekdote doch etwas von dem Wohlwollen, mit dem manche der Gebildeten Roms Philo begegneten.
In Rom dürfte Philo mit den damals vielgelesenen Schriften des Cornelius Nepos (100–25 v. Chr.) in Berührung gekommen sein. Nepos hat zahlreiche kurze Biographien bedeutender Griechen, Römer und einiger Barbaren geschrieben; erhalten sind u. a. die Lebensbeschreibungen Alexanders des Großen, des punischen Feldherrn Hannibal und des römischen Politikers Atticus. Diese Schriften dienen der Verherrlichung tugendhafter Männer; im Falle des Hannibal will Cornelius Nepos eine ausgewogene Darstellung vom Leben und Charakter jenes Mannes geben, welcher der größte Feind der Römer war. In Rom ist Philo außerdem der stoischen Philosophie begegnet, die in Cicero (106–43 v. Chr.) und Seneca (1–65 n. Chr.) ihre führenden und literarisch wirksamsten Vertreter hatte. Das griechische Ideal des unerschütterlich charakterfesten stoischen Weisen verbanden die römischen Stoiker mit einem zweiten Ideal: dem des für den Staat verantwortungsvoll und tugendhaft tätigen Politikers.
Diesen Anregungen verpflichtet, begann Philo, vielleicht bereits in Rom, mit der Abfassung einer Reihe von biographischen Schriften über biblische Gestalten. Den Anfang bildete die Lebensbeschreibung des Mose, später folgten Schriften über Abraham, Isaak, Jakob und Josef. Die Schrift über Josef trägt den Titel De Josepho/Das Leben des Politikers oder Über Josef. Wir bezeichnen sie der Einfachheit halber als Josefsschrift. Eine genaue Datierung der Josefsschrift ist nicht möglich. Man mag an eine Entstehung in den 40er Jahren des 1. Jahrhunderts n. Chr. denken.
Die Josefsschrift als Teil eines größeren Werks
Im Werk Philos bildet die Josefsschrift den abschließenden Teil eines vierbändigen Werkes, das den vier großen Helden der Genesis gewidmet sind: Abraham, Isaak, Jakob und Josef. Offenbar hatte Philo zunächst geplant, nur die drei Erzväter Abraham, Isaak und Jakob zu behandeln, doch später kam ihm der Gedanke, einen vierten Teil über Josef anzuschließen. Zu Beginn der Josefsschrift (Abschnitt 1) erinnert Philo ausdrücklich an die ersten drei Teile des Werkes. Dies lässt sich als Hinweis verstehen, das aufschlussreiche Vorwort zu Philos vierbändigen Werk auch für das Verständnis der Josefsschrift in Anspruch zu nehmen. In der vorliegenden Ausgabe ist daher das Vorwort des Werkes (nämlich De Abrahamo/Über Abraham 1–6) der Josefsschrift vorangestellt.
Ein Umstand, der Philo darin bestärkt haben mag, seinem dreiteiligen Werk über Abraham, Isaak und Jakob noch ein Buch über eine vierte Gestalt anzufügen, ist die antike, auch von Philo geteilte Wertschätzung der Zahl Vier, eine Vorliebe, die im griechischen Denken auf Pythagoras zurückzugehen scheint. „Unter den Zahlen aber steht die Vier auch bei anderen Philosophen in Ehren, die die unkörperlichen und rein geistigen Substanzen lieben“, schreibt Philo, der mit den „anderen Philosophen“ die Anhänger Platos meint. Er fährt fort: „am meisten aber (steht sie in Ehren) bei dem allweisen Mose, der die vierte Zahl preist, indem er von ihr sagt, sie sei heilig und lobenswert“ (Philo, De Abrahamo 13). So ist im Sinne Philos auch Josef „heilig und lobenswert“.
Für Philo sind die Erzväter Urbilder und Vorbilder richtigen menschlichen Handelns und Verhaltens, entsprechen also dem, was der Philosoph Karl Jaspers als „maßgebende Menschen“ bezeichnet. Philos maßgebende Menschen leben nach dem allen Menschen zugänglichen Gesetz der Natur und nicht nach dem jüdischen Gesetz, das geraume Zeit später (also nach Abraham, Isaak, Jakob und Josef) von Mose aufgezeichnet wird. Ausdrücklich schreibt Philo über Abraham, dieser habe „das göttliche Gesetz und alle göttlichen Gebote beachtet, nicht durch Schriften belehrt, sondern ohne Schrift von der Natur, indem er sich eifrig bemühte, ihren gesunden und heilsamen Anregungen zu folgen.“ Dieser Umstand mache Abraham selbst „zu einem Gesetz, zu einer ungeschriebenen göttlichen Satzung“ (Philo, De Abrahamo 275–276). Damit wird das jüdische Gesetz relativiert – ein Gedanke, der für Paulus, einen Zeitgenossen Philos, eine bedeutende Rolle spielt: Ohne dem mosaischen Gesetz verpflichtet zu sein, steht Abraham Gott nahe. Auch Josef lebt und handelt nach dem Gesetz der Natur. Selbst wenn man die Josefsschrift als Nachtrag zum Werk über die Erzväter begreift, dürfte Josef in Philos Augen den Erzvätern in nichts nachstehen. Wie sie zählt auch er zu den maßgebenden, Gottes Gesetz lebendig vor Augen stellenden Menschen.1
Inhalt der Josefsschrift
Philo bezeichnet die Josefsschrift zu Beginn als den vierten, abschließenden Teil eines mehrbändigen Werkes. Damit verweist er zurück auf das Vorwort des ersten Teils. Darin erklärt der Verfasser die Absicht seiner Darstellung: Die Lebensgeschichten der Patriarchen Israels sollen diese als lebende Gesetze und damit als Vor- und Urbilder tugendhaften menschlichen Verhaltens erweisen. Ein solches Urbild sei auch der Politiker. Philo entfaltet diesen Gedanken in der Josefsschrift wie folgt:
Der künftige Politiker wird auf seine Aufgabe durch eine zweifache Lehrzeit vorbereitet – eine als Hirtenknabe und eine als Hausverwalter. Dementsprechend wächst der Kandidat im ländlichen Milieu auf. Sein Vater erkennt seine Qualitäten und schenkt ihm große Aufmerksamkeit. Das verärgert seine Brüder. Fern vom Vater sich dem Hirtendienst widmend, ergreifen sie die Gelegenheit, den ungeliebten Bruder loszuwerden, indem sie in an vorbeiziehende Händler verkaufen. Dem Vater präsentieren sie das mit Tierblut getränkte Gewand des Verschwundenen: Wilde Tiere hätten ihn zerrissen.
Von den Händlern in Ägypten verkauft, tritt der künftige Politiker seine zweite Lehrzeit an, nun als Sklave im Haushalt des königlichen Kochs. Dieser erkennt die Begabung seines Sklaven und macht ihn zu seinem Hausverwalter. Die Frau des Kochs versucht den jungen Mann zu verführen, doch dieser widersteht. Aus Rache verleumdet sie ihn bei ihrem Mann, indem sie ihn der versuchten Vergewaltigung bezichtigt. Josef kommt ins Gefängnis; dort erkennt der Gefängniswärter die Qualitäten des Häftlings und macht ihn zum Aufseher über die übrigen Gefangenen. Die Haftanstalt kann er von einer Strafinstitution in eine moralische Besserungs- und Bildungseinrichtung verwandeln. Zwei Häftlingen deutet er Träume, und die Deutung bewahrheitet sich umgehend: Der königliche Bäcker wird hingerichtet, der königliche Mundschenk wieder in sein Amt eingesetzt. Zum König gerufen, kann er auch dessen Traum deuten und ihm eine Abfolge von sieben Jahren überreicher Ernte und sieben Jahren ausfallender Ernte für Ägypten voraussagen. Gleichzeitig gibt er dem König den Rat, durch Einlagerung eines Fünftels der jährlichen Ernte für die Notzeit vorzusorgen.
Damit kann die Lehrzeit als Hausverwalter enden, denn der König beruft ihn zum Dank für Traumdeutung und Rat zum Verwalter des Landes, der alle Vorkehrungen für die Notzeit trifft. Jetzt hat er sein Ziel erreicht und ist Politiker (griechisch politikos) geworden.
Seine Qualitäten als Menschenfreund und milder Herrscher kann er noch einmal im Umgang mit seinen Brüdern beweisen. Diese kommen zweimal nach Ägypten, um bei ihm Getreide zu kaufen. Da viele Jahre verstrichen sind und er sich mit ihnen über einen Dolmetscher unterhält, erkennen sie ihn nicht. Er unterzieht sie einer Prüfung, um ihre Bruderliebe und Reue festzustellen. Beim ersten Besuch in Ägypten behält er einen Bruder als Geisel zurück und schickt die anderen mit gefüllten Getreidekrügen nach Hause; die Geisel soll erst freikommen, wenn sie den zu Hause gebliebenen jüngsten Bruder mit nach Ägypten brächten. Beim zweiten Besuch bringen sie ihren jüngsten Bruder mit, und die Geisel wird frei. Nach einem Gastmahl mit dem Landesvorsteher machen sich die Brüder auf den Heimweg, wiederum mit gefüllten Getreidekrügen. Unterwegs werden sie von den Dienern des Landesvorstehers eingeholt; diese finden im Krug des Jüngsten den silbernen Becher des Landesvorstehers, der auf dessen Geheiß in den Krug gelegt worden war. Des Raubes angeklagt, müssen sie zum Landesvorsteher zurückkehren. Am Einsatz der Brüder für den in Geiselhaft Gehaltenen und nun für den Jüngsten erkennt der Landesvorsteher die Lauterkeit der Brüder, entdeckt sich ihnen und feiert ihre Wiedererkennung.
Endlich können die Brüder mit gefüllten Krügen zu ihrem Vater reisen und diesem die frohe Nachricht vom Überleben und der hohen Würde seines verloren geglaubten Sohnes berichten. Vater und Brüder werden mit ihren Familien nach Ägypten geholt, wo sie auch nach des Vaters baldigem Tod bleiben. Achtzig Jahre lang steht der allseits geehrte Held der Erzählung an der Spitze des ägyptischen Staatswesens.
In die Erzählung eingefügt sind drei miteinander verflochtene philosophische Exkurse. Mit der Erzählung durch allegorische Deutungen einzelner Wörter oder Episoden verknüpft, gehen sie auf den Politiker betreffende Themen ein, die im Erzählstoff nicht vorkommen. Philo entfaltet darin folgende Gedanken:
Der Politiker trägt den hebräischen Namen „Josef“; das bedeutet übersetzt „Zusatz“. Tatsächlich ist der Politiker von der Natur nicht vorgesehen, sondern zu ihr hinzugefügt. Richtete sich alles in der Gesellschaft nach der Natur und den natürlichen Gesetzen, bedürfte es keiner besonderen Gesetze in den einzelnen Staaten und auch keines Politikers. Doch weil sich die Menschen nicht an der Natur orientieren, gibt es Politiker.
Der Politiker hat einen „König“ über sich, der ihm die Macht verleiht: das Volk. Das wird in der Erzählung mehrfach angedeutet: durch den königlichen Wagen, den der Politiker besteigen darf; durch den königlichen Ring und die Amtskette, die er erhält. Wenn alles in der Politik gut verläuft, ist das Volk mit dem Politiker zufrieden; wenn nicht, wird die Amtskette zum Galgenstrick. Das Volk, dessen sich der Politiker annimmt, erscheint in keinem guten Licht, denn die Leidenschaft, nicht die Besonnenheit gilt dem Volk als höchster Wert. Das Volk selbst ist einem Eunuchen gleich, der, impotent gemacht, kein Leben zeugen kann, und doch der Leidenschaft frönt, indem er mit einer Frau schläft. Das Volk ist auch wie ein Koch, der sich nur für das interessiert, was dem Gaumen schmeichelt (eigentlich erwartet man: der schlechte Politiker sei wie ein Koch, der den Menschen nur bietet, was sie gerne zu sich nehmen). Das Volk, selbst unbeherrscht, will einen Politiker, der sich der Leidenschaft hingibt, nicht einen, der sich der Wahrheit verpflichtet weiß. Tatsächlich gibt es diesen Typ von Politiker: Auf Ehre versessen, verkauft er sich der Menschenmenge. Die Sucht nach Ehre ist wie ein feindliches Tier, das den Politiker zerfetzt und sozusagen tötet. Das Volk ist unbeständig; es will sich nicht mit einem Politiker als seinem Herrn abfinden und schiebt ihn ab, wie man einen Sklaven, mit dem man unzufrieden ist, wieder verkauft.
Mit dem unbeständigen Volk hat der gute Politiker zu tun. Er lässt sich nicht bestechen. Er arbeitet zum Besten des Volkes, ohne sich von dessen problematischen, irrationalen Wünschen leiten zu lassen. Sein Maßstab ist die natürliche Vernunft. Seine wichtigste Eigenschaft ist die unerschütterliche Festigkeit, mit der er dem Volk gegenübertritt. Der Politiker muss in einer Welt agieren, in der alles unbeständig ist und alles undeutlich wie ein Traum. Durch seine überlegene Traumdeutung vermag er die Geschicke des Volkes zu lenken.
Stil und Eigenart
Philos Josefsschrift besteht aus zwei nach Inhalt und literarischer Gattung unterschiedlichen Teilen: einer Nacherzählung der Josefsgeschichte aus der Genesis (Gen 37; 39–50) und drei Exkursen, die sich zu einem eigenen philosophischen Traktat über den wahren, dem Ideal entsprechenden Politiker zusammenschließen. Sehen wir uns diese Teile nacheinander an!
Die Nacherzählung beruht auf der griechischen Fassung der Genesis. Das ergibt sich aus vielen sprachlichen Anklängen. Besonderheiten der griechischen Version übernimmt er ohne Diskussion, so z. B. die Angabe, Josefs ägyptischer Herr sei der Koch oder Oberkoch des Königs gewesen und nicht, wie der hebräische Bibeltext sagt, der Oberste der königlichen Leibwächter. Philo hat die biblische Geschichte dem Geschmack griechischer Leser angepasst. Griechische Autoren neigen dazu, ihren Helden Reden in den Mund zu legen. Reden sind bereits in der biblischen Erzählung enthalten, wie man besonders an der längsten Rede, der Rede Judas an seinen Bruder Josef, sieht (Gen 44,18–34). Diese Tendenz wird von Philo aufgenommen und verstärkt. Seinen Handlungsträgern legt er regelmäßig ausführliche Reden in den Mund, selbst bei Gelegenheiten, die nach der Logik der Erzählung dafür wenig passend sind – man denke nur an die Szene im Schlafzimmer der Verführerin: Während sie Josef am Gewand packt und zu sich aufs Lager ziehen möchte, hält er ihr eine Moralpredigt im unterhaltsamen Stil der philosophischen Diatribe! (Zur Predigt oder Diatribe gleich mehr.)
Fünf Reden sind ausführlich gestaltet:
die Bitte Rubens an seine Brüder, Josef nicht zu töten (Abschnitte 17–21);
die Klage Jakobs, als ihn die Nachricht vom angeblichen Tod seines Sohnes erreicht (23–27);
Josefs Standpauke an seine Verführerin (42–48);
Josefs Traumdeutung vor Pharao (107–115);
die Rede Judas, der Josef um Gnade für seinen Bruder Benjamin bittet (222–231).
Eine weitere ausführliche Rede findet sich in einem der philosophischen Exkurse: die Verteidigungsrede des Politikers vor der Volksmenge (67–79).
Nicht nur den auftretenden Personen legt der Autor Reden in den Mund; er erteilt sich auch selbst das Wort. Das geschieht in der Form eingeschalteter kommentierender Bemerkungen. Der Erzählfluss wird angehalten, und wir hören eine kurze Interpretation. Dafür Beispiele. Nach der Befreiung Josefs aus dem Gefängnis und seiner Einsetzung zum Stellvertreter des Königs heißt es: „So ergeht es den Frommen: Mögen sie auch einmal niedergezwungen werden, sie bleiben nicht am Boden. Sie erheben sich, um fortan fest und sicher zu stehen, ohne die Gefahr eines weiteren Sturzes.“ (Abschnitt 122) Solche Kommentare können recht ausführlich ausfallen. Nach dem Bericht über die Einsetzung Josefs zum Hausverwalter seines Herrn fügt der Verfasser eine Überlegung über die Hausverwaltung als Vorbereitung für politische Ämter ein (Abschnitte 38–39).
An drei Stellen unterbricht Philo die Erzählung, um jeweils einen philosophischen Exkurs einzufügen (Abschnitte 28–36, 58–79 und 125–156). Die zunehmend länger werdenden Exkurse machen etwa 25 % des gesamten Textbestandes aus. Aufbau und Inhalt der Exkurse erschließt sich erst, wenn wir sie als eigene, zusammenhängende Abhandlung lesen. Philo bedient sich des unterhaltsam belehrenden popularphilosophischen Stils (Diatribe). Typisch dafür sind überraschende paradoxe Aussagen, kleine Reden, Tugend- und Lasterkataloge, als Personen auftretende Begriffe, Darlegungen in der Form zugespitzter Vergleiche. In Gestalt einer Diatribe bietet Philo einen Vergleich (synkrisis) zwischen dem schlechten und dem guten Politiker. In der antiken Literatur bildet die kleine Erzählung von „Herakles am Scheideweg“ das Muster für solche Vergleiche: Zwei Frauen – die „Tugend“ und die „Glückseligkeit“ – reden auf den jungen Herakles ein, wobei sich jede ihm empfiehlt (Xenophon, Memorabilia/Erinnerungen an Sokrates II 1,21–34). Bei Philo reden ebenfalls zwei Personen: das als lüsterne Frau personifizierte Volk will den Politiker verführen und ihn sich unterwerfen, während der Politiker auf seiner Unabhängigkeit und Redlichkeit beharrt. Verhandelt wird also die Praxis des Politikers. Doch Philo beschränkt sich nicht auf die Erörterung der Praxis, sondern untersucht auch den Hintergrund, aus dem gutes bzw. schlechtes politisches Tun erwächst. Auf diese Weise wird die Tragweite des Vergleichs unterstrichen (darüber mehr unten, im Abschnitt „Das zweite Thema: Politik als Beruf “). Die Abhandlung ist wie folgt aufgebaut:
A Theorie des schlechten Politikers (Abschnitte 28–31)
B Praxis des schlechten Politikers, dargestellt durch die Verführungsrede (Abschnitte 32–66)
B’ Praxis des guten Politikers, dargestellt durch seine Entgegnung (Abschnitte 67–79)
A’ Theorie des guten Politikers (Abschnitte 125–147)
C Nachträge (Abschnitte 148–156)
Dem schlechten wie dem guten Politiker wird jeweils ein Text von etwa sieben Seiten im griechischen Original gewidmet (in der Ausgabe von Cohn und Wendland). Wir haben es mit einem sorgfältig geplanten philosophischen Text zu tun.
Die philosophische Abhandlung zerfällt in drei Teile, die in den Erzähltext als Exkurse (Abschnitte 28–36, 58–79 und 125–156) eingefügt und mit dem Erzähltext verknüpft sind. Eingeleitet wird jeder Exkurs mit dem Hinweis, nun werde etwas über die tiefere Bedeutung des Erzählten gesagt. An den narrativen Text wird durch knappe metaphorische oder gleichnisartige Wortdeutungen angeknüpft: Der Name Josef, der „hinzugefügt“ bedeute, verweise darauf, dass der Politiker, der diesen Namen trägt, zur natürlichen Ordnung der Welt hinzugefügt sei, um dieser zur Geltung zu verhelfen. Oder: Das „bunte Gewand“ (Luther: „der bunte Rock“) Josefs verweise auf den beweglichenen, wandelbaren Charakter des Politikers, der stets mit neuen Situationen zu tun habe. Weitere Anknüpfungen tragen eher allegorischen Charakter, etwa wenn die Stimme der Frau, die Josef zum Beischlaf einlädt, als Stimme der Volksmasse verstanden wird, die den Politiker überreden will, ihr zu Willen zu sein. Doch sind solche allegorischen Brücken, seien sie kunstvoll oder flüchtig ausgeführt, in Wirklichkeit unerheblich. Sie dienen nicht der Erhellung der biblischen Erzählung, sondern der Verknüpfung der philosophischen Exkurse mit dem Erzählstoff.
Die nachstehende Liste führt die Themen der Erzählung auf, die in den Exkursen aufgegriffen und staatsphilosophisch behandelt werden.
Erzählung
philosophische Exkurse
–
der Name „Josef“ (28–31)
–
buntes Gewand (32–34)
Verkauf in die Sklaverei (15)
Verkauf in die Sklaverei (35–36)
angeblich von Tieren zerrissen (14; 22)
von Tieren zerrissen (36)
Eunuch (27; 37)
Eunuch (58–60)
Koch (27)
Koch (61–63)
Verführung durch die Ägypterin (40–41)
Verführung durch die Volksmenge (64–66)
Zurückweisung der Verführung (42–48)
Zurückweisung der Verführung (67–79)
Traumdeutung Josefs (90–97; 100–109)
Politiker als Traumdeuter (125–147)
zweiter Wagen des Königs (120)
zweiter Wagen des Königs (148–149)
