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Philosophie der freien Gesellschaft E-Book

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Beschreibung

Karl Popper (1902–1994) gehört zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Das Brevier stellt den der Freiheit verpf lichteten Philosophen dar und trägt seine wichtigsten Aussagen und Argumente für eine liberale Gesellschaft zusammen. Die Einführung zeigt, inwieweit Poppers erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Überzeugungen seine Weltanschauung geprägt haben. Im Zentrum des Breviers stehen Poppers Auffassungen zu Markt, Wettbewerb und Wohlfahrtsstaat im Besonderen und zu Staat, Politik und Gesellschaft im Allgemeinen. Aber auch Poppers Bild vom Liberalismus und seinen Werten, seine Gedanken zu Gott und der Welt sowie seine Kritik an der Wissenschaftssprache sind eindrückliche Belege für seine Überzeugungen. Abgerundet wird das Brevier durch Zitate Poppers über Geistesgrössen aus Philosophie und Wissenschaft sowie Stimmen bekannter Zeitgenossen über Popper.

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Seitenzahl: 115

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Meisterdenkerder Freiheitsphilosophie

Herausgegeben vonGerd Habermann und Gerhard Schwarz

Hardy Bouillon (Hrsg.)

Philosophie der freien Gesellschaft

Ein Karl-Popper-Brevier

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die Rechte an allen Werken Karl Poppers liegen seit 2008 bei der Universität Klagenfurt/Karl Popper-Sammlung.

Umschlagabbildung: Mark Ellidge/Keystone

© 2013 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich

Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2013 (ISBN 978-3-03823-848-5)

Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werkes oder von Teilen dieses Werkes ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.

ISBN 978-3-03823-986-4

www.nzz-libro.ch NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung

Vorwort

In einer Bibliothek liberaler Meisterdenker darf Sir Karl R. Popper nicht fehlen. Er hat als Kritiker des Historizismus – des Glaubens an geschichtliche Gesetze – und des Totalitarismus in seinen linken und rechten Varianten Unschätzbares für die liberale Sache geleistet, namentlich durch sein berühmtes Buch Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945; den Begriff verwendete Henri Bergson allerdings schon im Jahr 1932). Heute, wo besonders ein kruder Egalitarismus im Namen von «Antidiskriminierung» und «politischer Korrektheit» die Freiheit bedroht, sind seine freiheitlichen Gedanken und seine tiefschürfenden Analysen von besonderem Gewicht. Er war immer auf der Seite der Freiheit. So schrieb er in seiner Autobiografie (Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung, dt. 1979), «[…] daß die Freiheit wichtiger ist als die Gleichheit; daß der Versuch, Gleichheit zu schaffen, die Freiheit gefährdet; und daß, wenn die Freiheit verloren ist, es unter den Unfreien auch keine Gleichheit geben kann.»

Mit Friedrich August von Hayek war er persönlich wie geistig eng befreundet, nur schon durch das gemeinsame Schicksal, das die beiden als exilierte Wiener teilten. Obwohl die beiden besonders in der Kritik einer sich überschätzenden wissenschaftlichen Vernunft übereinstimmten, traditionelles Wissen hochhielten («kritischer Rationalismus») und die holistischen Experimente der Totalitarismen mit teilweise ähnlichen Argumenten verwarfen, fällt auf, dass Popper nie ganz seine Kritik am angeblich «schrankenlosen Kapitalismus» aufgab und da und dort für einen ökonomischen Interventionismus eintrat. Dies trug ihm den Beifall manches prominenten demokratischen Wohlfahrtspolitikers (wie Helmut Schmidt oder Helmut Kohl) ein, zumal seine Absage an umfassende gesellschaftspolitische Konzepte und sein Begriff des «social piecemeal-engineering» offenzulassen schienen, in welche Richtung die politische Ingenieurskunst gehen sollte. Offenbar wirkte bei Popper die sozialistische Überzeugung und das politische Engagement seiner Wiener Jugendzeit noch lange nach, auch wenn er am Ende seines Lebens doch immer skeptischer gegenüber den ausufernden Wohlfahrtsstaaten des Westens wurde.

Hardy Bouillon, Trier, der dieses Brevier zusammengestellt hat, war dafür als Schüler des verstorbenen Wissenschaftsphilosophen Gerard Radnitzky besonders gut vorbereitet. Er misst den großen Philosophen in seiner Einführung an strengsten libertären Maßstäben, was die unvermeidbaren Spannungen im Werk jedes großen Denkers, so auch in jenem Poppers, besonders deutlich hervortreten lässt, Popper aber auch als weniger liberal und als interventionsfreundlicher erscheinen lässt, als er dies im Urteil der großen Mehrheit der klassischen Liberalen ist. Dieser strenge Maßstab erleichtert es Bouillon aber auch, das facettenreiche Werk Karl Poppers in die Übersicht dieses Breviers zu bringen, das nunmehr als Band 17 in der Reihe «Meisterdenker der Freiheitsphilosophie» erscheint. Wir danken dem Verlag Neue Zürcher Zeitung, namentlich seinem Verlagsleiter Hans-Peter Thür, für die Weiterführung eines Projekts, in dem nicht nur das kommerzielle Interesse maßgebend sein konnte.

Die Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft hat auch dieses Brevier wieder begleitet und gefördert, und die Stiftung für Abendländische Ethik und Kultur (STAB) mit ihrem Präsidenten Robert Nef hat es finanziell ebenfalls unterstützt. Wir danken dafür sehr herzlich. Ebenfalls danken wir der Universität Klagenfurt / Karl Popper-Sammlung, namentlich Herrn Dr.Manfred Lube, für die freundliche Genehmigung zum Wiederabdruck aus Poppers Werken.

Professor Dr.Gerd Habermann, Berlin                               

Dr.Gerhard Schwarz, Zürich

Im April 2013

Popper zur Einführung

Karl Popper gehört zweifellos zu den bedeutendsten Philosophen des 20.Jahrhunderts. Zu seinem weltweiten Ruhm hat vor allem sein 1944 erschienenes Buch über die Offene Gesellschaft beigetragen, in dem er für eine Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Institutionen im Rahmen eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates warb. Doch schon lange vor Erscheinen der Offenen Gesellschaft war Popper als bahnbrechender Wissenschafts- und Erkenntnistheoretiker weit über die Fachgrenzen hinaus bekannt geworden. Viele der Einsichten und Grundüberzeugungen, die er in seinen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Schriften verfeinerte, kennzeichnen auch seine Gesellschaftsphilosophie. Man könnte sie wie folgt zusammenfassen: Unsere Erkenntnis ist fehlbar. Alles, was wir tun (können), besteht letztlich aus Versuch und Irrtum und geschieht in der Hoffnung, die Erkenntnis und das Leben zu verbessern. Ein kurzer Blick in Poppers Wissenschafts- und Erkenntnistheorie kann die Grundlagen der Popper’schen Gesellschaftstheorie verdeutlichen.1

1. Wissenschafts- und Erkenntnistheorie

Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie (1979), die Logik der Forschung (1934, Teil 2 des vorgenannten Werkes) sowie Vermutungen und Widerlegungen (2000) sind Poppers wissenschaftstheoretische Hauptwerke. In ihnen formuliert er die Ideen der Falsifizierbarkeit und der Falsifikation (Widerlegbarkeit und Widerlegung). Obwohl beide Begriffe austauschbar zu sein scheinen, meinen sie doch Grundverschiedenes. Die Falsifizierbarkeit dient Popper zur logischen Abgrenzung empirischer Disziplinen von der Metaphysik, während er die Falsifikation als eine methodologische Forderung begreift. Falsifikationen sind für Popper nicht absolut, sondern stehen stets unter dem Vorbehalt, dass die zur Widerlegung führende Aussage weniger problematisch ist als die widerlegte Theorie. Kurz: Widerlegungen gelten nur pro tempore. Insofern sind falsifizierte Theorien für Popper keine – wie oft missverstanden – falschen Theorien. Aufgabe des Forschers ist es laut Popper, aktiv nach Widerlegungen der bislang unwiderlegten Theorien zu suchen. Es gehe um eine «Annäherung an die Wahrheit» (Verisimilitude) und um den Austausch schlechter Theorien durch bessere Alternativen.

Die Idee aktiver Fehlersuche und -ausmerzung durchzieht auch Poppers Evolutionäre Erkenntnistheorie (Objektive Erkenntnis, 1973), insbesondere die Idee vom aktiven Darwinismus, der zufolge alle Lebewesen permanent mit der Suche und Lösung von Erkenntnisproblemen beschäftigt sind. Dabei würden, so Popper, wichtige Lösungen oftmals der Beschäftigung mit anderen Problemen entspringen. Popper glaubte z. B. an Günter Wächtershäusers Theorie, dass Bakterien ihren «Sehsinn» der Suche nach Nahrung verdanken.2 Die Auffassung, dass viele evolutionäre Lösungen letztlich das unbeabsichtigte Nebenprodukt von Handlungen sind, die ursprünglich anderen Zielen galten als das zufällig eintretende Nebenprodukt, ist eine Position, die Popper mit seinem Freund Friedrich August von Hayek teilte. Wie Hayek hielt auch Popper diese Erkenntnis für äußerst wichtig. Wie Hayek wendete auch Popper die Vorstellung spontaner Ordnungen auf die Ergebnisse sozialer Interaktionen an, aber auch auf das Entstehen von Theorien und anderen geistigen Konstrukten.

Die Ergebnisse des menschlichen Geistes und der menschlichen Sprache gehörten für Popper in die sogenannte Welt 3. «Ich schlage also vor, die menschliche Seele oder den menschlichen Geist im wesentlichen als den Erfinder und Erzeuger der menschlichen Sprache aufzufassen, derer grundlegende Fähigkeiten […] uns angeboren sind; und als den Erfinder oder Erzeuger von Theorien (insbesondere Theorien über die Welt 1); von kritischen Argumenten und von vielen anderen Dingen, wie Irrtümern und Witzworten; Mythen und Geschichten; Werkzeugen und Kunstwerken.» (AMIE, S.276)

Die metaphysische Vermutung vom aktiven Darwinismus führte Popper zur intensiven Beschäftigung mit der biologischen Erkenntnistheorie und zur Zusammenarbeit mit dem Hirnforscher und Nobelpreisträger John Eccles. Das gemeinsam mit Eccles verfasste Buch Das Ich und sein Gehirn sowie die Objektive Erkenntnis bilden den Kern der Popper’schen Erkenntnistheorie.

2. Gesellschaftsphilosophie

Die aktive Suche nach Fehlern und deren Ausmerzung im Bewusstsein der menschlichen Fehlbarkeit, aber auch im Bewusstsein der menschlichen Schöpferkraft, kennzeichnen Poppers Erkenntnistheorie und Gesellschaftsphilosophie gleichermaßen. Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde  ist nicht nur – wie eingangs angedeutet – das bekannteste Buch Poppers, sondern auch das zentrale Werk der Popper’schen Gesellschaftsphilosophie. Sie, die Offene Gesellschaft, ist zu einem geflügelten Wort für eine liberale und tolerante Gesellschaft geworden, die ihr Selbstverständnis in einem demokratisch geordneten Rechtsstaat zum Ausdruck bringt. In ihr sollen alle notwendigen Vorkehrungen getroffen werden, die eine Fortentwicklung der gesellschaftlichen Einrichtungen unter Wahrung der demokratisch-rechtsstaatlichen Ordnung gewährleisten, die Reformen in Richtung auf «Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Chancengleichheit» erlauben und von Utopien fehlgeleitete Revolutionen verbieten.

Popper entwickelte sein Modell einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung aus der Kritik am Historizismus, am Glauben an historische Gesetzmäßigkeiten. Eine erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Analyse des Historizismus legte er in dem weitaus unbekannteren Buch Das Elend des Historizismus vor. In seiner Offenen Gesellschaft attackierte Popper vornehmlich Platon, Hegel und Marx. In ihnen sah er die geistigen Urheber der Idee, dass die Gesellschaft ein Ganzes sei (Holismus), dessen Geschichte von Gesetzen bestimmt werde, die erkennbar seien und so die Zukunft vorhersehbar erscheinen ließen. Popper entlarvte diese Idee als großen Irrglauben mit verheerenden Folgen, als Geburtsstätte totalitärer Systeme. Für ihn gibt es keinen «Sinn» und auch keinerlei Gesetze der Geschichte, sondern bestenfalls Trends, die Anlass für schrittweise Reformen bieten, aber keinen Grund für utopische Revolutionen. Der Vorwurf an Platon, Hegel und Marx, Vorreiter totalitärer Herrschaftssysteme zu sein, brachte Popper zahlreiche Kritiken ein. Doch das Echo rügte in erster Linie seine Philosophenschelte und nicht so sehr seine Kritik am historizistischen Irrweg, der seit dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten in Mittelost- und Osteuropa nur mehr wenige seriöse Verteidiger findet.

Interessanterweise riefen Poppers Vorschläge zu einer freien, offenen Gesellschaft weniger Kritiker als Befürworter auf den Plan. Anhänger der Popper’schen Reformidee finden sich in allen politischen Lagern, von Helmut Schmidt über Helmut Kohl bis hin zu Margaret Thatcher.

3. Die Offene Gesellschaft

Popper schrieb seine Offene Gesellschaft während des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Totalitarismus, der das Individuum seiner individuellen Freiheit weitgehend beraubt hatte, und angesichts des stalinistischen Totalitarismus, der dies immer noch erfolgreich unternahm, war das Verlangen nach einer politischen Theorie, die das Individuum und dessen Freiheit in den Mittelpunkt rückte, wohl nur allzu verständlich. Das Drängen nach größtmöglicher individueller Freiheit stand aber nicht allein da. Die Angst, dass einige in der Ausübung ihrer gleichfalls größtmöglichen individuellen Freiheit die ökonomische Macht der anderen bis zur Unerträglichkeit schmälern könnten, gesellte sich hinzu. Jedenfalls sah Popper darin eine ernsthafte Gefahr für die Gesellschaft, die Gefahr des «schrankenlosen Kapitalismus».

Viele soziale Erscheinungen, die während der liberalen Ära im 19.Jahrhundert aufgetreten waren, gelten in der heutigen Geschichtsschreibung gemeinhin als die Schattenseiten des ungebremsten Kapitalismus. Nur wenige Historiker zeichnen ein anderes, korrekteres Bild, unter anderen Poppers Freund Friedrich August von Hayek.3 Obwohl Popper die wirtschaftshistorischen Arbeiten seines Freundes Hayek gekannt haben dürfte, rückte er nie ganz von seiner ursprünglichen Position ab und hielt sich auch in späteren Ausgaben der Offenen Gesellschaft an Friedrich Engels Schilderungen der Kinderarbeit im England der Industriellen Revolution und warb sogar um Verständnis für Marx und dessen Kritik am Kapitalismus.

«Angesichts solcher Erfahrungen ist es nicht erstaunlich, daß Marx vom Liberalismus nicht sehr viel hielt und daß er in der parlamentarischen Demokratie nichts anderes sah als eine verhüllte Diktatur der Bourgeoisie. Und es war für ihn ein leichtes, diese Tatsachen so zu deuten, daß sie seine Analyse der Beziehung zwischen dem Rechtssystem und dem sozialen System unterstützten. Im Rechtssystem waren Gleichheit und Freiheit zumindest angenähert hergestellt. Aber was bedeutete das in Wirklichkeit! Wir dürfen Marx wirklich nicht tadeln, wenn er immer wiederholt, daß nur die ökonomischen Tatsachen ‹wirklich› sind und daß das System der Gesetze nur ein großer Überbau ist, ein Mantel dieser Wirklichkeit sowie ein Instrument der Klassenherrschaft.» (OG2, S.143)

Popper teilte Marxens Missbilligung der sozialen Zustände – nicht aber dessen Vorschlag zu ihrer Behebung. Er teilte auch die Auffassung, dass die individuelle Freiheit nicht ausreiche, um ein menschenwürdiges System zu ermöglichen. Er nahm an, dass der reine Kapitalismus zu Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit führe und dass dies auf das Paradoxon der Freiheit rückführbar sei.

Dieses Paradoxon besteht laut Popper darin, dass die Freiheit zu ihrem eigenen Erhalt eingeschränkt werden muss. Popper ging es um einen optimalen Näherungswert an die Freiheitsbeschränkung, der sich auf «das traditionelle Gerechtigkeitsgefühl» (ASbW, S.172) berufen kann. Und dieser soll von der Demokratie festgelegt werden. «Tatsächlich ist es eine der Hauptaufgaben der Gesetzgebung in den Demokratien, annähernd abzugrenzen, wieviel Freiheit den einzelnen Bürgern gewährt werden kann.» Für Popper stellten Freiheit und Sicherheit keinen Widerspruch dar (OG1, S.134), eine These, die nicht frei von Problemen ist. Mit Sicherheit meinte Popper auch die Sicherheit vor dem, was er den «Mißbrauch der ökonomischen Gewalt» nennt.

«Ein Staat, der seine Bürger vor der Einwirkung roher Gewalt schützt (was im Prinzip im System des schrankenlosen Kapitalismus der Fall ist), kann doch unsere Absichten dadurch vereiteln, daß er es verabsäumt, die Bürger auch vor dem Mißbrauch der ökonomischen Gewalt in Schutz zu nehmen. In einem solchen Staat steht es dem ökonomisch Starken noch immer frei, einen Menschen, der ökonomisch schwach ist, zu tyrannisieren und ihn seiner Freiheit zu berauben. Und unter diesen Umständen kann die schrankenlose ökonomische Freiheit sich ebenso selbst zerstören wie die unbeschränkte physische Freiheit, und die ökonomische Gewalt kann fast ebenso gefährlich sein wie physische Gewaltanwendung […].» (OG2, S.145)

Kann aber die Anwendung der ökonomischen Freiheit von Hans überhaupt zur Aufgabe der individuellen Freiheit von Karl führen? Irrt Popper nicht, wenn er diese Möglichkeit in Erwägung zieht? In der Tat: Die ökonomische Freiheit von Hans kann zwar eine Verringerung der Macht von Karl nach sich ziehen, nicht aber eine Beschneidung von Karls individueller Freiheit. Popper verfällt hier – übrigens ähnlich wie Hayek – dem Fehlschluss, dass ein Ausnutzen einer Notlage einer Verletzung der individuellen Freiheit gleichkomme – ein Fehlschluss, der naheliegt, weil die Auswirkungen von Zwang und bloßer Vorteilsverweigerung auf ähnlich verheerende Wirkungen hinauslaufen können.