Philosophiere -  - E-Book

Philosophiere E-Book

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Beschreibung

Band 6 "Philosophiere!" der Reihe PHILOSOPHISCHE PRAXIS gibt Einblick in gegenwärtige Aktivitäten in diesem jungen Zweig hauptsächlich außeruniversitären Philosophierens. Zu denen, die auch inneruniversitär Studierende mit Philosophischer Praxis bekannt machen wollen, gehören die AutorInnen Roth, Penner, Bulatovic, Mok-Wendt, Zavala.

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Seitenzahl: 235

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Greta acts.1

1 Das Rahmenbild (Autor: Volkbert M. Roth) entstand während einer Pilosophischen Woche in Istrien 2018. Eingefügt ist eine Person öffentlichen Lebens: s. unter (URL) dailykos.com/stories/2018/12/16/1819508/-A-Call-to-Action-on-Climate-Change-bv-15-year-Old-Greta-Thunberg, s.a. S. 165ff., s.a. unter (URL) S. 229/231, [1]ff.

Fortgesetzt mit diesem Band wird

die Konstanzer Reihe

PHILOSOPHISCHE PRAXIS

Was ist PHILOSOPHISCHE PRAXIS?

Es ist die Praxis des Philosophierens. Doch dies ist die allgemeinste Bestimmung. In der philosophischen Praxis geht es um Selber-Denken im Gespräch mit Mitdenkenden. Philosophische Praxis beginnt in der Rede- & Denkpraxis des Philosophierens - zielt aber darüber hinaus.

Philosophische Praxis?

Von Philosophie, argumentierender öffentlicher Überlegung angeleitetes Leben & Sterben.

Es sehen sich unter den Studierenden des Fachs Philosophie heute auch einige

unterwegs zur

PHILOSOPHISCHEN PRAXIS

Und diese selbst ist unterwegs (nach Möglichkeit) zu einem angemessenen Selbstverständnis, diesseits der „Hohen Schulen", lebensnah.

Das zu fördern ist Ziel dieser Reihe V. M. Roth

Philosophiere !

Alexandra Bulatović

Karl Dülli-Loher

Egon Hein

Neil Horne

Dieter Metzing

Josef Mok

Christine Mok-Wendt

Regina Penner

Grit Roth

Volkbert M. Roth

Anna Schreiber

Željana Tunić

Ulrich Weigel

Carmen Zavala

Michéle Zese

Hartung-Gorre Verlag

Konstanz 2019

Enten & Hasenente. 2

„Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden." (Ludwig Wittgenstein)

- Doch nicht alles, was gesehen wird, wird klar gesehen?

2 Foto: Ente mit 2 Jungen (Orig.: Duck family, Grand Union Canal, Leamington; Urheber: Rob Hodgkins; Quelle (URL): commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69825350) mit Einfügung des von Wittgenstein im Umriss (und mit verändertem Auge) gezeichneten „H-E-Kopfes", hier in der von Jastrow benutzten ausgefüllten Original-Form (s. Jastrow 1901, 295 u. in diesem Bd., S. 86).

Inhalt

Einleitung

Volkbert M. Roth

Ritiro

Michéle Zese

Praxis & Beratung

Regina Penner

Erfindung?

Ulrich Weisel

Unheil heilen?

Volkbert M. Roth

Zwei Gräber

Željana Tunić

Well-Being

Alexandra Bulatović

Seeing and Interpretation

Neil

Horne

Absolutes Nichts

Dieter Metzing

Von der Praxis zur Theorie

Karl Dülli-Loher

SinnPraxis

Christine Mok-Wendt

Geistige Übung im Walde

Volkbert M. Roth

PhiloDrama

Roth, Zavala, Mok-Wendt, Schreiber

Statt des Nachworts

Egon Hein

Literaturverzeichnis

Web-Links

Namens- und Sachregister

EINLEITUNG

VOLKBERT M. ROTH

Philosophiert wird im Gespräch. Texte wie Platons Dialoge erinnern daran. Ich habe im Anschluss an Sokrates für uns Spätere das Format „PhiloDrama"3 vorgeschlagen, um aufgeschriebene Philosophie wieder zurückzuverwandeln in gemeinsames Philosophieren. Zum PhiloDrama: Beitrag 12.

Mit Philosophieren „in togetherness" beschäftigt sich der Beitrag 1 von Michéle Zese. Die philosophische Grundhaltung hier ist eine kontemplative. Angeregt wird eine Erneuerung einer relativ jungen Bewegung („Philosophical Practice") durch Rückzug, Rückbesinnung und „Resonanz" miteinander und den jeweiligen philosophischen Texten.

Regina Penner formuliert im Beitrag 2 Gedanken einer jungen Philosophie-Dozentin, die sowohl an universitärer Arbeit als auch an außeruniversitärer philosophischer Praxis interessiert ist. Ich lernte sie und Michéle Zese in einem „ritiro filosofico" von Ran Lahav kennen. Im Anschluss daran bildete sich die „Deep Philosophy"4-Gruppe. Regina Penner gehört der „Russischen Assoziation Philosophischer Praktiker"5 an und der Gruppe „Philosophical Practice"6 Tscheljabinsk. Diese Gruppe bereitet die „16. ICPP 2020" vor.

Beitrag 3 von Ulrich Weigel hat „Philosophische Praxis" als Verbindung mit gesellschaftlicher Aktion als Reaktion auf mögliches, doch unzureichend realisiertes „gutes Leben" zum Thema. Hier geht es um diskursive Auseinandersetzung mit einer zugespitzten These im Umfeld des Konstanzer Forschungsprojekts zur Rekonstruktion der Kapitalanalyse7.

Im Beitrag 4 von Volkbert M. Roth wird die Perspektive einer „Philosophie der Praxis" weiterverfolgt und mit der Realität von „Unheil" konfrontiert. Michael Quante hat ja in Bezug auf Illustrationen und (wertende Ausdrucksweise) im Kommentar zu Karl Marx' Ökonomisch-philosophischen Manuskripten (wie im vorigen Beitrag auch Uli Weigel) via negationis vom „guten Leben"8 gesprochen.

Beitrag 5 von Željana Tunić hat als Hintergrund die Teilnahme an meinem Đinđić-Seminar und eine gemeinsame Reise mit intensiven Gesprächen. Die Gräber von Tito und Đinđić besuchten wir gemeinsam. Für mich war der Anlass dazu die Teilnahme an der „13. International Conference on Philosophical Practice 2014" in Belgrad.

Hier hatte Aleksandra Bulatović eine wichtige Funktion auf Seiten der Organisatoren und beeindruckte mich durch ihre Geistesgegenwart in schwierigen Momenten der Realisierung des Programms. Im Beitrag 6 wird "well-being", d.i. das gute Leben, ins Zentrum gerückt.

Neil Horne knüpft an in seinem illustrierten Beitrag 7 (hier ein Ausschnitt: fünf ganze und drei nur angeschnittene Figuren) an Wittgensteins eigenwillige Strichzeichnung.

Wie das Gerücht geht: 1948 hat Wittgenstein die Hasenente mit dem Spazierstock in den sandigen Weg über eine irische Kuhweide, Rosro in Connemara, geritzt.9 Vorher, 1947, hat er sie im letzten Term in Cambridge benutzt: „It was in these (last) lectures that he first introduced the famous ambiguous figure of the duck-rabbit."10

Den Beitrag 8 begann mein Bonner Freund Dieter Metzing mit einer Arabeske, die er vielsagend „Schlussschnörkel" nannte.

Im Beitrag 9 hat Karl Dülli-Loher dokumentiert, welche Texte 4 Absolventen der Ausbildung in „Systemischer Therapie und Beratung" des Meilener Instituts (Rosmarie Welter-Enderlin), 3 Psychologen & 1 Philosoph und zwei ähnlich interessierte Kolleginnen in den letzten drei Dekaden diskutierten. Zunehmend sind es Texte mit Philosophie-Bezug. 2019 begannen wir mit einer transdisziplinären Skizze einer Ökonomie für das 21. Jahrhundert von Kate Raworth.

Christine Mok-Wendt schildert in Beitrag 10 unsere gemeinsame philosophische SinnPraxis am Bodensee.

Anschließend schildere ich in Beitrag 11 „Lahavic Walking" auf einer Fortbildungsveranstaltung des Netzwerks philopraxis.ch im Sommer 2017 in der Sinnpraxis Langenrain, Haus Sonne-Mond+Sterne. Der Text von Max Picard Die Welt des Schweigens erschien 70 Jahre davor.

Den allerletzten Beitrag habe ich nicht verfasst. Er hätte vom Zauber der Neuanfänge handeln müssen. Im raschen Rückblick fallen mir diese ein:

In den Weihnachtsferien 1963 Sartres

„Das Sein und das Nichts"

gelesen und mit Harald Wohlrapp eine Nacht (oder eine Woche?) lang diskutiert;

1965 in die Erlanger Schule der Sprachphilosophie und Ethik eingetreten: ...Kamlah & Lorenzens

„Logische Propädeutik";

1969 nach Konstanz gewechselt und bemüht um ein undogmatisches Marx-Verständnis (ohne 2. aufzugeben)

11

;

1976 visiting lecturer in Sydney University;

1979 auch außeruniversitär berufstätig als „Sprachphilosoph in der Sprachtherapie", Klinik Allensbach am Bodensee: Nachdenken über Sprecher-Konstellationen und sprach- & familientherapeutische „Rollenspiele"

12

; Eintritt in den Selbsthilfeverband der von Aphasie betroffenen Familien und Forschungsprojekt 1980-83 an der Universität Konstanz;

Ab 1989 Fortbildung in „Systemischer Therapie und Beratung" in Meilen am Zürichsee, danach Literaturgruppe Karl Dülli-Loher;

2007 SinnPraxis: Beitritt zum Netzwerk philopraxis.ch & ab 2008 Herausgabe der Reihe „Philosophische Praxis": im Bd. 2 (2010) Text von Egon Hein, im Bd. 3 (2011) von Paul Bischof, im Bd. 4 (2012) von Christine Mok-Wendt;

2010 Zusammenarbeit mit Christine Mok-Wendt in der philosophischen SinnPraxis;

Mitorganisator der „14. International Conference on Philosophical Practice 2016" in Bern, PhiloDrama; Kontakt mit Ran Lahav und Carmen Zavala

13

; Kennenlernen von gemeinsamem kontemplativem Philosophieren, der Plattform AGORA und bei der Vorbereitung auf die 16. ICPP 2020 auch der Gruppe „Philosophical Practice"

14

Tscheljabinsk.

open space

3 Staude & Ruschmann 2018, 58ff.; s. „PhiloDrama" S. 165 & 231 /233

4 Lahav 2018; frei übers. v. Volkbert M. Roth für ein Seminar Philosophische Praxis im Februar 2019 an der Uni Konstanz.

5 (URL) s. S. 230/232, [14]f.

6 (URL) s. S. 229/231, [9], [12] & S. 230/232, [16]-[19]

7 Roth 1974

8Marx & Quante 2009

9 Offenbar zerstörte der nachdenkende Philosoph dieses Sandbild nicht und die Grundeigner (irische Bauern) waren besorgt: so ein Kippbild könnte ihre Kühe beim Betrachten irre machen. Vgl. aber Philosophische Untersuchungen (Wittgenstein 1971, 308), wo Wittgenstein schreibt, er habe den „H-E-Kopf" entnommen aus Jastrow (vgl. Jastrow 1901, 295 u. in diesem Bd., S. 86).

10 Monk 1990, 507

11 Roth 1974 & Beitrag 4: Seite 48ff.

12 Herausgabe der Reihe Sprachtherapie in Tübingen seit 1989

13 Zavala 2016 und 2018

14 s. „PhiloDrama" S. 165 & 231/233; „Philopraxis" S. 230/232

1. RITIRO15

MICHÉLE ZESE

Im April 2017 hatte Ran Lahav, organisatorisch unterstützt von Stefania Giordano, ein "Philosophical-contemplative Retreat" in Liguria (Nordwesten Italiens) angeboten. Zu dieser Zeit wusste ich sehr wenig über philosophische Kontemplation. Ich habe Erfahrung in Meditation und war sehr interessiert als ich 2016 einen Vortrag von Ran Lahav in Torino (Turin) gehört habe. Ich sah dann 2017 die Ankündigung des Liguria Retreat (auf Facebook) und entschied mich teilzunehmen.

Es zeigte sich: Ran hatte ein altes früheres Bauernhaus gefunden, das nun Freunden von Freunden als Ferienhaus diente. Es war nicht weit weg von meiner Heimatstadt. Dies kleine Anwesen liegt in einem ansprechenden Hügelland, in Wäldern und Wiesen. Manchmal öffnet sich der Blick auf ein Stück Meer.16 Ich habe in lebendiger Erinnerung meine Schwierigkeit, das Haus zu finden. Mein altes Auto konnte ich schließlich am Rande einer schmalen Landstraße unter einer ausladenden Buche parken. Dann ging es zu Fuß recht steil bergab, etwa 10 spannende Minuten zwischen Bäumen und Büschen. Als ich dann angekommen war, umfing mich friedvolle Stille. Alle Teilnehmenden schienen mir in kontemplativer Grundstimmung zu sprechen17, sich nicht aufgeregt zu verhalten und auch sonst leise zu sein. Das war ganz neu und faszinierend für mich.

Und es ergab sich gleich, dass über die Möglichkeit, eine weitere Retreat-Veranstaltung in Norditalien vorzubereiten, gesprochen werden konnte. Ich hörte, dass Ran sich nach einem anderen Haus für Retreats umsehen wollte, und so brachte ich das von meinem Großvater stammende renovierte Rustiko ins Gespräch, in Brando (Coazze), nicht zu weit weg von Turin gelegen, in einem Esskastanienwald in den Bergen. Weniger als 5 Monate später wurde aus der besprochenen Idee schon Realität und fast 20 Teilnehmende aus verschiedenen Ländern kamen zusammen zum „1. Brando Philosophical-Contemplative Retreat 2017".

Brando ist ein winziges Nest, Nordwesten Italiens in den Ausläufern der Westalpen. Es besteht aus einer Handvoll alter Häuser und die Straße endet hier. Der Ort ist auch für Fernreisende recht gut erreichbar (abgesehen vom letzten Stück). Es sind nur 2 Stunden bis Mailand und doch ist man in Brando (Coazze) wie in einer anderen Welt.

DIE STRUKTUR DES TREFFENS

Wir begannen am Donnerstagmorgen, 30. August 2017. Das Programm war dicht. An jedem Tag gab es eine Vormittags- und eine Nachmittagssitzung.

Diese Gemeinschaftsveranstaltungen hatten das Format "philosophical-contemplative companionship", ausgedacht in den letzten Jahren von Ran Lahav18und praktiziert in seinen Rundreisen durch verschiedene Länder. Wir begannen jede Sitzung damit, dass ein kurzer philosophischer Text vorgelesen wurde. Die geschriebenen Texte lagen allen vor Augen. Es folgte eine Runde der Textreflexion in der Gruppe (in togetherness). Dabei praktizierten wir interpretierendes Lesen. Dies ist eine semi-kontemplative Prozedur, die es ermöglicht in der Gruppe ein Mitschwingen in Gang zu setzen, eine Resonanz mit dem philosophischen Text und mit reihum vorgenommenen (kleinen oder keinen) Veränderungen, auf diese Weise auch Resonanz miteinander. Nach etwa einer halben Stunde, nachdem die Gruppe sich mit dem Text erst einmal vertraut gemacht hatte, wurde eine (meist atembetonte) zentrierende Übung (centering exercise) von rund 10 Min. benutzt, um das Stadium der Kontemplation vorzubereiten.

Nun kommt die Mitte der Sitzung. Es ist eine Gruppenkontemplation von etwa einer Stunde: "we contemplated in togetherness from our inner depth", angeregt von Ideen im philosophischen Text. Unterschiedliche Übungen werden dazu benutzt und Vorgehensweisen variiert. Auf die Kontemplation folgend werden die Teilnehmenden dazu aufgefordert, im Schweigen den Text in Bezug zu setzen zu einer persönlichen Erfahrung. Das Ziel ist es, zu einem angereicherten Verständnis des Textes und einem angereicherten Selbstverständnis zu kommen. Die Sitzung endet mit einer kurzen Schlussübung (concluding exercise), worin die Teilnehmenden in der Gruppe sagen können, was in ihnen während des Philosophierens in dieser Sitzung vorgegangen ist.

Es war kein Zufall, dass diese Struktur für die Sitzungen gewählt wurde. Die Aufeinanderfolge ist eigens dazu entworfen, den Teilnehmern den Weg zu ebnen hin zu einer mentalen Bereitschaft. Es braucht ja gewöhnlich etwas Zeit, um das umtriebige Alltagsverhalten hinter sich zu lassen und in eine für Kontemplation-und-Philosophieren offene Haltung hinein zu finden. Die einfache, klare Struktur hilft dazu die vielen Gedanken, Bilder und Einstellungen des oft hektischen Alltagslebens unserer Zeit loszuwerden und gelassen und offen zu werden.

In einer philosophisch-kontemplativen "Aus-Zeit" ist es wichtig auf Ruhe (silence) zu achten und eine nach Innen gerichtete und selbst-reflexive Haltung einzunehmen.

Dies ist jedoch nur Teil der anstehenden Arbeit. Wenn die Kontemplation philosophisch werden soll, müssen auch philosophische Themen und leitende Ideen zu ihrer Behandlung eingebracht werden. Darum wird für jede Sitzung ein kurzer philosophischer Text als Ausgangspunkt genommen, Auszüge von 1-2 Seiten aus einem philosophischen Werk. Der Text hilft dabei, sich in der Sitzung auf ein zentrales Thema zu konzentrieren und bietet Material an, das den Diskurs anregt und bereichern kann.

THEMEN DER SITZUNGEN

In der ersten Sitzung geleitet von Ran am Donnerstagvormittag stammten die Textpassagen aus Henri Bergsons Time and Free Will. Wir hatten uns entschieden gerade mit diesem Text zu beginnen, weil hier ein wichtiges Element philosophischer Kontemplation thematisiert ist: die Tiefe.

Nach Bergson gibt es viele Ideen in unserem Geist, die auf der Oberfläche treiben, „wie tote Blätter im Wasser eines Gartenteichs."19

Diese mentalen Objekte bleiben gewöhnlich unverändert, als wären sie unserem Geist extern. Über die Zeit bilden sie eine dicke Kruste, aus der viel von unserem automatischen, eingeübten Verhalten stammt. Während wir uns leiten lassen von solchen externen Konzepten, können wir gleichwohl der Meinung sein, wir handelten frei. Dies aber ist eine Illusion. Manchmal jedoch revoltiert eine neue Bewegung in unserer Tiefe gegen die Oberflächenkruste. Sie bricht durch, kommt an die Oberfläche und die Inhalte werden uns bewusst. Als Ergebnis kann daraus folgen, dass wir gegen das handeln, was wir zuvor für die rational begründete Wahl hielten. Vielleicht erfahren wir dann einen tiefen inneren Wandel unserer Lebensperspektive.

Warum sind Bergsons Überlegungen wichtig für uns? Ziel unserer philosophisch-kontemplativen Unternehmung ist es, die daran Teilnehmenden in die Lage zu versetzen über ihr normales Selbst hinauszugelangen, unter die oberflächliche Ebene, die Bergson beschreibt. Was unsere Praxis unterscheidet von verbreiteten philosophischen Diskursen, ist: wir philosophieren ausgehend von unserer inneren Tiefe. Wir reflektieren und kommunizieren philosophisch nicht nur, indem wir logisch gültige Schlüsse ziehen und weitere Fertigkeiten analytischer Philosophie anwenden, sondern durch Denken, ausgehend von der (durch Bergson angesprochenen) inneren Tiefendimension.

Am zweiten Tag war unser Thema unser Verhältnis zu einer anderen Person. Die Texte wurden der Agora-Website20 entnommen. Hier findet man eine große Auswahl kurzer philosophischer Texte, die eine Vielzahl von Themen des Alltagslebens betreffen. Emmanuel Levinas und Martin Buber wurden ausgewählt, weil sie zwei recht unterschiedliche philosophische Perspektiven auf dieses Thema eröffnen. Im Vormittagstreffen verwendeten wir Ausschnitte aus Martin Bubers Ich und Du. Das Buch entstand in den 20er Jahren und umreißt auf poetisch-philosophische Weise zwei Arten von Beziehungen: ICH-DU - als personale Beziehung (relationship of togetherness), und ICH-ES - ein distanzierendes, objektifizierendes (Arbeits)Verhältnis. Nach Buber sind diese zwei Grundbeziehungen fundamentaler als das Selbst. Denn es gibt nach Buber kein Selbst, das nicht in einer dieser zwei Beziehungen stünde. Nach Textlektüre in der Weise des "interpretierenden Lesens" und Sichern, dass der Text verstanden wurde, sowie nach einer zentrierenden Übung begann die philosophische Kontemplation. Wir wählten einige wichtige Sätze aus und in der Gruppe wiederholte sie einer nach dem anderen wieder und wieder in Ruminatio (wörtlich: wiederkäuend) geläufig praktiziert in Liturgien, insbesondere in Klostertraditionen.

Hier waren nach meiner Wahrnehmung einige der kraftvollsten Momente. In dieser Übung, die vielleicht zunächst langweilend erscheinen mag, binden die Teilnehmenden ihre Aufmerksamkeit für lange Zeit an denselben Satz, dieselben Begriffe. Und gerade dies weckt dann oft tiefes Verständnis, bezogen auf den jeweiligen persönlichen Hintergrund. Um die Erfahrung zu vertiefen wurden die Teilnehmenden instruiert, die philosophischen Ideen des Textes mit persönlicher Lebenserfahrung zu verbinden. Das Ergebnis sollte ausgesprochen werden in einem kurzen Satz (precious speaking).

Wir schlossen die Sitzung ab mit einer graphischen Gemeinschaftsarbeit auf einem großen Blatt Papier, das für Alle zugänglich war. Wir nennen dies „Landkarte der Begriffe". Diese Skizze repräsentiert graphisch das Netzwerk der Ideen, die in unserer Kontemplation aufgetreten sind und konsolidiert bei den Teilnehmern die gemachte Erfahrung. Zum Ende der Sitzung können die Teilnehmer in der Gruppe ihnen wichtige Momente benennen.

Am Nachmittag dieses Tags leitete Stefania Giordano eine Sitzung ausgehend von Emmanuel Levinas' Essay Ethik als Erste Philosophie.

Levinas' Auffassung vom Anderen unterscheidet sich stark von der Sicht Bubers. Levinas stellt die ethische Verantwortung für den Anderen bzw. die Andere ins Zentrum: "Vor irgendeinem besonderen Gesichtsausdruck und unter allen besonderen Gesichtsausdrücken, die das Gesicht der Anderen bedecken und schützen, [...] liegt nacktes Elend [...] extreme Verwundbarkeit."21

Levinas und Buber behandeln Ich und Du in sehr unterschiedlicher Weise. Wir wählten dies mit Absicht aus, um Vielstimmigkeit philosophischer Positionen darzustellen und für uns nutzbar zu machen. In der Kontemplation wollen wir allerdings hinauskommen über Zustimmen oder Ablehnen. Wenn wir uns unterschiedliche philosophische Perspektiven zu eigen machen für die Dauer der jeweiligen Sitzung, dann erfahren wir verschiedene Weisen des Blicks auf die Welt. Deshalb verhelfen uns ja Ideen aus der Geschichte der Philosophie zu einem reichhaltigen und „vielstimmigen" Verständnis von uns selbst und unserer Welt.

Während des Rests unseres Treffens in Brando fuhren wir fort mit zwei Sitzungen, vormittags und nachmittags. Am Samstag war das Thema: Liebe.

Wir gingen aus von Texten des Spaniers Miguel de Unamuno (Tragic Sense of Life, dt. Das tragische Lebensgefühl) und des russischen Philosophen Wladimir Solowyow (The Meaning of Love, dt. Sinn der Liebe). Während Unamuno Liebe versteht als Mitleid für unsere Sterblichkeit und unser Elend, hält Solowyow Liebe für einen Weg, unsere Ich-Bezogenheit und Separiertheit zu überwinden in Richtung Integration mit einem anderen Menschen, ja mit der Menschheit.

Am Sonntag, dem letzten ganzen Tag der Auszeit war das Thema Denken. Am Morgen leitete ich eine Sitzung ausgehend von einem Text von Krishnamurti. Für ihn trennt Denken uns von der Gegenwart, denn Gedanken sind immer verbunden mit Vergangenheit. Am Nachmittag gingen wir aus von Text-Passage(n) des französischen Philosophen Gabriel Marcel, der den Charakter profunder, also tiefer Ideen zum Thema hat.

Ich will noch bemerken, dass wir auch zwei experimentelle Sitzungen hatten. In einer führte Mike Roth (der Übersetzer) die Gruppe zu einem kontemplativen Gang mit Sprechgesang (chanting) aus Der Einzige und sein Eigentum des Marx-Zeitgenossen Max Stirner. In der zweiten Experimentalsitzung bildeten wir um Ran, Stefania und Mike drei Gruppen, die auf unterschiedliche Weise einen philosophischen Text dramatisierten, zum „PhiloDrama" machten.22

Diese Erkundung neuer Formate lehrt, dass es viele Weisen gibt, in denen philosophischer Text uns berühren und unser Leben „voller" machen kann.

Wir beginnen nun damit, mehr philosophische PraktikerInnen vertraut zu machen mit unserem Ansatz Tiefenphilosophie (Deep Philosophy) und wollen ein Netz knüpfen zwischen denen, die die hier umrissene Vision einer erneuerten Bewegung „Philosophischer Praxis" teilen.

15 frei ins Deutsche übertr. von Volkbert M. Roth, Originalbeitrag: Zese 2018

16 s. (URL) S. 230/232, [24]

17 s. (URL) S. 230/232, [27]

18 Lahav 2018

19 Bergson 2001, 135ff.; s. zur Kruste, zum an die Oberfläche aufsteigenden „unteren Ich" u. „dunklen Tiefen": Bergson 2016, 148 & 150ff.

20 s. (URL) S. 230/232, [23]

21 Levinas 1993, 83.; Das Zitat wurde sprachlich vereinfacht. (Anm. Übers.)

22 s. (URL) S. 229/231, [6]f., [9]ff.

2. METHODEN DER PHILOSOPHISCHEN PRAXIS UND DER PHILOSOPHISCHEN BERATUNG AN DER MODERNEN UNIVERSITÄT23

REGINA PENNER

ZUSAMMENFASSUNG

In diesem Artikel wird das Thema, Philosoph*in zu sein, dargestellt. Der Artikel beginnt mit der Annahme, dass Philosophen moderne Universitäten verlassen haben und durch Professoren der Philosophie ersetzt wurden. Das Problem liegt hierin, dass moderne Studenten die Philosophie nicht nur als Werkzeug, als terminologischen und konzeptionellen Apparat, sondern auch als eine spezifische Art des Verstehens des Selbst und des Anderen24 brauchen.

Einige Methoden aus der Praxis der „Selbstpflege" bzw. -sorge um sich (Michel Foucault und Pierre Hadot) und der philosophischen Praxis können im modernen Bildungssystem umgesetzt werden. Dazu gehören philosophische Reflexion und Selbstreflexion, Dialog und Polylog, Diskussion und Debatte. Im Artikel wird das langsame Lesen25 des philosophischen Textes und die sich daran anschließende Arbeit beschrieben. Der Zweck der ersten Beschäftigung mit einem philosophischen Text ist nicht die Suche nach „richtigen" Antworten auf gestellte Fragen; das Ziel ist das Erwecken des Interesses am philosophischen Text, am System der philosophischen Perspektive und damit eine allmähliche Ausbildung des philosophischen Geschmacks der Studenten. (Es sei hier erwähnt, dass Stephen Grimm von der Fordham University (USA) und Jose Barrientos von der Universität Sevilla (Spanien) einige Instrumente aus der philosophischen Praxis erfolgreich an Universitäten einsetzen.)

Der wichtigste Punkt ist, dass Professoren der Philosophie zu „offenen Einheiten" werden, die die Praxis der „Pflege des Selbst" und des Andren umsetzen. Die philosophische Praxis an der modernen Universität wird durch Konzepte wie „(Selbst) Sorge", „Andere", „Dialog", „Suchen", „Philosophische Meditation" beschrieben. In ihrer philosophischen Arbeit mit Studenten üben die Professoren die Fürsorge für sich selbst und versuchen sich um den Anderen zu kümmern - nach dem Diktum von Plotin: „Bilde ständig deine eigene Statue, bis das göttliche Licht der Tugend in dir leuchtet".

EINFÜHRUNG

Das Problem, das G. Thoreau als eine Situation identifizierte, in der wir Professoren der Philosophie haben, aber keine Philosophen, zeigt sich bereits im XIX. Jahrhundert. Das Problem liegt nicht darin begründet, dass Philosophen, die die Universität verlassen haben, durch Professoren ersetzt wurden. Es liegt darin begründet, dass Philosophen heute scheinbar an Relevanz verloren haben. Die Dringlichkeit manifestiert sich durch den scheinbaren Widerspruch zwischen dem Auftreten eines Philosophen oder Professors und dem „Leben als Philosoph". Tatsache ist, dass der bestehende Widerspruch seinen Ursprung in der Antike hat; denn die Philosophie hat in ihrer Entwicklung zwei Wege eingeschlagen: Der erste ist der Weg von Sprache und Schrift, der zweite ist die Transformation der Außenwelt und die Selbsttransformation. Einige hellenische Philosophen praktizierten Philosophie direkt in mentalen Übungen und konzeptionellen Auseinandersetzungen. In dieser Tätigkeit beschäftigte sich ein Philosoph mit der Verbesserung der inneren und äußeren Welt, des Selbst und der Umwelt. Der moderne Philosoph konzentriert sich dann auf die Texterstellung.

Varianten, dieses Problem zu lösen, wurden von zwei französischen Denkern, Pierre Hadot und Michel Foucault, in ihren späteren Arbeiten vorgeschlagen. Anschließend wurde das von ihnen beschriebene System der Askese und der geistigen Übungen als „Pflege des Selbst"26 bezeichnet. In ihren Praktiken wandten sich beide dem alten philosophischen Erbe zu, wo sie den Dialog als lebendige Interaktion von Menschen vorfanden, nicht als abstrakte Verbindung von Ideen. Es geht um das System der Erziehung und der Bildung einer Person, nicht nur um Geben von Informationen. In ihren intellektuellen Praktiken (philosophische Meditationen) suchten sie nach Wegen, die Freiheit eines Menschen zu erlangen und zu verwirklichen (wo dies möglich ist). (Wo dies unmöglich ist,) auch nicht danach streben, die bestehende Realität zu verändern, sondern zu schätzen lernen, was da ist und unter welchen Umständen mensch es hat.2728

Die Praxis der „Pflege des Selbst" besteht aus spezifischen Übungen und Verfahren. Aber es ist zwingend an „Andere" gebunden, diejenigen, die das „Ich" durch das Labyrinth der Ausbildung begleiten. Michel Foucault wirft in der ersten Vorlesung am 6. Januar 1982 gleich anfangs die Fragen auf: „Was ist dieses Subjekt, was ist dieser Punkt, auf den (hin) sich die reflexive Tätigkeit [...] ausrichten soll? Was ist diese reflektierte Tätigkeit, die sich vom Individuum auf sich selbst zurückwendet? Was ist dieses Selbst?"29 Und was kann es werden? Die betonte Reflexivität schließt Beteiligung von Anderen nicht aus. Meiner Meinung nach ist „der/die/das Andere" hier weit zu fassen. In der Bildung des Selbst kann „Jede/r & Irgendetwas" den Weg dieses Selbst klären und korrigieren helfen. Innerhalb der Grenzen der philosophischen Praxis und der Praxis der „Pflege des Selbst" kann das Andere durch einen Text angeregt sein, der das Feld der lebendigen Kommunikation zwischen Philosophierenden, Ich und Nicht-Ich eröffnet.

PHILOSOPHISCHE PRAXIS & UNIVERSITÄTSAUSBILDUNG

In einer modernen Universität kommen sehr unterschiedliche Menschen an. Nicht alle von ihnen sind offen für Kommunikation, für einen Dialog mit dem Text, einem philosophischen Text. In dieser Situation fungieren Professor*en für Philosophie als Wegweiser für die Studenten. Sie zeigen das Potenzial der lebendigen Kommunikation auf, bieten Werkzeuge zur Umsetzung des Dialogs an und schließlich weisen sie die moderne Student*in auf die spezifischen Ziele, die ein Dialog mit dem Text ergeben kann. Das Studentenpublikum, das den allgemeinen Kurs der Philosophie hört, ist unterschiedlich und vielfältig. Darunter ist vielleicht ein zukünftiger Sokrates, den nach Wahrheit und dem Guten an sich dürstet, oder Martina Heidegger, die entschieden ist, Wurzeln zu schlagen und sich selbst zu verstehen. Aber sind diese häufig unter den Studierenden? Heute wird das Bewusstsein oft in die Grenzen von Tablets und Smartphones gedrängt, es ist berechnend und berechenbar. Es ist nicht die Schuld der Studierenden, es sind die Attribute der Gegenwart, in deren „Welt" sie ihre Bewertung durchführen. Gibt es da Platz für Philosoph*en, für Philosophieren? Gleichzeitig treffen Studierende in der Ausbildung, auf dem Lebensweg, auf eine*n „Professorin für Philosophie". Im Gegensatz zum Philosoph*en sind Professo*en für Philosophie keine Weisheitsvermittler bezogen auf eine Welt von „good governance" - im Äußeren und Inneren; selbst sind sie ja nur kontrollierte Einheiten. Aber diese Einheit im Panoptikum-System (mit dem direkten Wunsch der Einheit selbst) ist in der Lage, Studenten einen alternativen Blick auf die gleiche Welt durch einen philosophischen Text zu geben. Sind wir in der Lage, die Scheuklappen leicht zu öffnen, so erweitert sich (vielleicht) das Bewusstsein unter dem Druck anderer sozialer Einheiten und Teile?

FORSCHUNGSGEGENSTAND: PHILOSOPHISCHE PRAXIS AN EINER MODERNEN UNIVERSITÄT

Als „offene Einheiten" erfüllen Professor*en bestimmte Kriterien:

Zuhörer und Hörer zu sein, nicht nur Sprecher: während sie die „lebendigen" Stimmen der unmittelbaren Gesprächspartner hören, sollten sie auch die „nicht lebendigen" Stimmen der Philosophen in den Dialog einbeziehen;

Fragende zu sein: nicht als Inhaber der Wahrheit, sondern verbunden mit den Lippen der Philosophierenden als „Maieutiker", d.i. Geburtshelfer*innen starker Argumente;

Aktivitäten sollten zielgerichtet sein: Professor*en der Philosophie gehen zwar in diesen Aktivitäten nicht berechnend vor, doch sie sollten klar verstehen, was als Ergebnis philosophischer Aktivitäten von sich selbst und von Studierenden zu erwarten ist. Mit anderen Worten, wenn ein Professor für Philosophie nicht weiß, wohin er Studenten begleitet, wird er nicht in der Lage sein, diesen Studenten den Weg in eine philosophische Weltanschauung zu bahnen;

Zu wissen, wohin wir gehen, bedeutet nicht, im Voraus zu wissen, wohin wir kommen sollen. Philosophie als Weg, nicht als Ergebnis, sondern als Überraschung und jedes Mal eine kindliche Freude an Entdeckungen (nach Karl Jaspers' Buch: Eine Einführung in die Philosophie30). Professor*en der Philosophie, die in verschiedenen Zielgruppen an demselben Text arbeiten, müssen „einen leeren Raum öffnen". In dem lassen sich die Ideen neuer Leser äußern. Und jedes Mal, wenn der Professor für Philosophie in dieser co-kreativen reflexiven Tätigkeit ist, ist er in der Lage, den bereits bekannten Text anders zu betrachten und diesen neuen Blick dem studentischen Publikum zu vermitteln.

Meiner Meinung nach verkürzt die Umsetzung dieser Anforderungen sichtbar den Abstand zwischen dem Philosophen und dem Professor für Philosophie. In der Situation der Offenheit entfernen Professor*innen den „Kranz von Kennern", sie steigen jedes Mal vom „Sockel des Wissens" herab, wenn sie mit Studierenden nach der Wahrheit suchen.

Diese Suche nach der Wahrheit kann in verschiedenen Formen erfolgen: philosophische Reflexion und Selbstreflexion, Dialog und Polylog, Diskussion und Debatte. Im Rahmen dieses Essays beschränke ich mich auf das Lesen der philosophischen Quelle und der dann folgenden Arbeit damit. Jedes Mal, wenn ich auf ein neues Publikum treffe, hole ich einen Auszug aus einem berühmten philosophischen Werk hervor. In der Regel ist dies das Höhlengleichnis aus Platons „Staat". Fast jedes Mal ebnet dieser Abschnitt den Interessierten den Weg in die Welt der Ideen und der philosophischen Reflexion. Wir beginnen mit einer flüchtigen Überprüfung der vorgeschlagenen Passage, in der man einen sehr seltsamen Dialog von Sokrates mit (Platons Bruder) Glaukon sieht, in dem der erste versucht, dem zweiten das Wissen darüber zu vermitteln, wer wir sind und was die Bedingungen unserer Existenz sind.

Nach einer ersten Einweisung in den Text bitte ich darum zwei „einfache" Fragen zu beantworten: Was ist die Höhle und wer ist der Gefangene in dieser Höhle? Und jedes Mal, anstatt lakonische Antworten zu formulieren, wird nicht die Lehrende selbst aktiv, sondern die Lernenden erkennen und realisieren die dialogische Praxis.