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Schmerzfreiheit, verbesserte Beweglichkeit, Muskelaufbau – die Liste der Therapieerfolge durch Physiotherapie ist lang. Dieses Buch gibt Ihnen Sicherheit im Untersuchungsgang, für die Diagnoseerstellung und beim Aufstellen des Therapieplans. Am Beispiel des Hundes wird das Vorgehen für einen optimalen, individuellen Behandlungserfolg demonstriert:
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Seitenzahl: 637
Veröffentlichungsjahr: 2023
Herausgegeben von
Mima Hohmann
Simone Fuchs, Henrike Könneker
4., aktualisierte und erweiterte Auflage
384 Abbildungen
Seit Jahrzehnten gab es kein sich ähnlich schnell entwickelndes Gebiet in der Veterinärmedizin wie die Tierphysiotherapie. In Wien hat die veterinärmedizinische Universität einen Zuwachs von 188%, ganz ähnlich verhält es sich Deutschland. Inzwischen werden postoperativ über 30% physiotherapeutische Rehamaßnahmen durchgeführt, knapp 70% der tierphysiotherapeutischen Maßnahmen erfolgen durchschnittlich als konservative Behandlung von neurologischen und orthopädischen Erkrankungen. Auch im Hunde- und Pferdesport werden immer mehr tierphysiotherapeutische Behandlungen vor und/oder nach dem Training oder dem Turnier durchgeführt. Manche Tierphysiotherapeutin und so mancher Tierphysiotherapeut begleiten ihre Patienten zum Turnier, um das Tier optimal für das Rennen oder das Turnier vorzubereiten oder gleich helfend eingreifen zu können, wenn es zu einer Verletzung kam, oder sie führen entspannende Maßnahmen durch, um das Tier wieder zu beruhigen. Ich freue mich, dass die Tierphysiotherapie weiterhin in Deutschland zunimmt, und ich hoffe, dass die veterinärmedizinischen Hochschulen und Universitäten endlich erkennen, welchen praktischen Nutzen sie aus diesem Fachgebiet für ihre Schützlinge ziehen können. Es ist an der Zeit, dass auch an deutschen veterinärmedizinischen Hochschulen und Universitäten die Tierphysiotherapie Einzug erhält.
Ein einheitliches Curriculum für die Ausbildung zum Tierphysiotherapeuten wurde von der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin (GGTM) erarbeitet. Ein kleiner Schritt, die GGTM-zertifizierten Tierphysiotherapeuten, auf dem langen Weg zum staatlich anerkannten Berufsbild, ist getan.
Leipzig, September 2022
Dr. med. vet. Mima Hohmann
Dieses Buch richtet sich an den Leser, der die Kleintierphysiotherapie von den Grundlagen über die Befunderhebung bis zur Therapie erlernen möchte. Es wurden schon einige Bücher über die physiotherapeutische Behandlung von Tieren geschrieben. Sie setzen jedoch voraus, dass der Leser schon Erfahrung mit der Befunderhebung und den Therapieformen hat. Was aber macht der Anfänger?
Wer sich ernsthaft mit Physiotherapie beschäftigen will, kommt nicht umhin, sich intensiv mit verschiedenen anderen Themengebieten wie zum Beispiel mit Anatomie, funktioneller Anatomie, Neurologie und Pathophysiologie auseinanderzusetzen. Um gewissenhaft zu behandeln, kann man nicht „mal eben“ Physiotherapie beim Tier anwenden. Die Tierphysiotherapie ist mehr als nur etwas „Streicheln und Strecken“!
Im ersten Teil des Buches wird daher ausführlich auf Bewegung und Biomechanik der „bewegten Elemente“ eingegangen.
Im zweiten Teil steht die Befunderhebung im Vordergrund. Es werden anatomische Grundlagen dargestellt, ohne zu sehr auf Details einzugehen, und der Untersuchungsgang wird ausführlich dargestellt. Die hier verwendeten Befundbögen stellen das geistige Eigentum der „Tierärztlichen Arbeitsgruppe Physiotherapie“ (TAP) dar und entstanden in den letzten Jahren aus den Praxiserfahrungen der einzelnen TAP-Mitglieder heraus. Die Befundbögen sollen als Grundlage und Stütze dienen, sich ein systematisches, reproduzierbares und gleich bleibendes Untersuchungsschema bei der physiotherapeutischen Befunderhebung anzugewöhnen.
Im dritten Teil des Buches werden die verschiedenen Behandlungsmethoden mit Anwendungsbeispielen besprochen. Allerdings nur Behandlungsmethoden, die ich selbst in der Praxis einsetze und mit denen ich entsprechende Erfahrungen gesammelt habe. Aus diesem Grund sind nicht alle der bis heute in der Tierphysiotherapie zur Anwendung kommenden Methoden und Verfahren erklärt. Auch auf die Fragestellung, welche Behandlung der Tierbesitzer nach Anleitung durch den Tierphysiotherapeuten/physiotherapeutisch arbeitenden Tierarzt selbst durchführen kann, wird in diesem Buch eingegangen.
Auf die Beschreibung der physikalischen Techniken, besonders in Hinblick auf die Elektrotherapie (Magnetfeld, Ultraschall, Reizstrom), wurde bewusst verzichtet, da der Einsatz der „therapeutischen Hände“ im Mittelpunkt des Buches steht und sie eine große Rolle in der Tierphysiotherapie spielen. Aus diesem Grund wird in diesem Buch auch zielgerichtet auf die Physiotherapieformen eingegangen, bei denen man mit den Händen arbeitet, ohne technikabhängig zu sein.
Der Leser des Buches sollte eine seriöse und umfassende Ausbildung in der Tierphysiotherapie absolvieren. Es geht in der Ausbildung um das „Be“greifen, wie sich zum Beispiel ein geringgradiger Hartspann von einem mittelgradigen unterscheidet, oder wie sich ein weichelastisches Endgefühl anfühlt, denn „leer sind alle Begriffe ohne Anschauung“ (Roger Willemsen, aus: Afghanische Reise).
Die Tierphysiotherapie wird in Zukunft für die Rehabilitation unserer Vierbeiner einen neuen Zweig bei der Behandlung in der Tierarztpraxis darstellen und sollte von kompetenten Therapeuten ausgeführt werden. Die Tierphysiotherapie befindet sich in Entwicklung und ich bin für Anregungen und Ergänzungen immer sehr dankbar, um dadurch die Behandlung des Tieres und die Qualität dieses Buches zu verbessern.
Nur wer begreift, kann verstehen!
Leipzig, Frühling 2007
Dr. med. vet. Mima Hohmann
Ich danke
… meinem Mann für seine ausführlichen Korrekturarbeiten, fachlichen und witzigen Anmerkungen, geistreichen Anregungen und seine tatkräftige Unterstützung besonders in der Endphase des Buches.
… der TAP, dem Tierärztlichen Arbeitskreis Physiotherapie, für die Bereitstellung der Befundbögen.
… meiner Physiotherapeutin Antje Heinemann für ihre fachliche Unterstützung in Rat und Tat.
… Frau Claudia Hasse, Frau Dr. Ute Seeliger und ihren Hunden für ihre Geduld bei den Fotoarbeiten.
… Frau Carolin Frotscher und Maren Warhonowicz für ihre fachliche Unterstützung und Betreuung.
… dem Anatomischen Institut der Universität Leipzig für die Präparation der Vorder- und Hintergliedmaße.
… allen meinen vierbeinigen Patienten, für ihre tierischen Hinweise während der Therapie und ihrer tierischen Geduld mit mir.
… weiterhin meiner Katze Kessy für ihre ständige Kritik direkt beim Schreiben und die Ablenkung, wenn es zu stressig wurde.
Kessy beim Korrekturlesen.
Titelei
Vorwort zur 4. Auflage
Vorwort zur 1. Auflage
Danksagung
Teil I Einleitung und Grundlagen
1 Physiotherapie in Human- und Tiermedizin
1.1 Definition und Anwendungsgebiete
1.2 Übersicht über physiotherapeutische Techniken
1.3 Grenzen und Möglichkeiten der Tierphysiotherapie
1.4 Grundlegendes zu Befunderhebung und individuellem Therapieplan
2 Biomechanik und funktionelle Anatomie
2.1 Gelenke
2.1.1 Einteilung
2.1.2 Gelenkaufbau
2.1.3 Physiotherapeutische Begrifflichkeiten
2.1.4 Biomechanik eines Gelenks
2.1.5 Gliedmaßengelenke
2.1.6 Wirbelsäule
2.2 Muskulatur
2.3 Bindegewebe
2.4 Nervensystem
2.4.1 Funktionelle Einteilung
2.4.2 Topografische Einteilung
2.4.3 Sensibilität
2.5 Bewegungsphysiologie, Statik und Dynamik
2.5.1 Physiologisch-anatomische Sicht
2.5.2 Statik
2.5.3 Dynamik
3 Biomechanische Funktionsstörungen
3.1 Funktionsstörungen der Gelenke
3.1.1 Folgen von Funktionsstörungen
3.1.2 Ursachen von Gelenkfehlstellungen
3.1.3 Ziele der Physiotherapie
3.2 Funktionsstörungen der Muskulatur
3.2.1 Hypotonus
3.2.2 Hypertonus
3.2.3 Muskeldysbalance
3.2.4 Muskelinsuffizienz
3.2.5 Muskelkater
3.2.6 Muskelprellung
3.2.7 Gestörte Muskelaktivität
3.2.8 Muskelverkürzung
3.2.9 Muskelzerrung
3.2.10 Muskelriss
3.2.11 Myogelosen
3.2.12 Muskelatrophie
3.2.13 Weitere Muskelerkrankungen
3.3 Funktionsstörungen des Nervensystems
3.3.1 Störungen der Oberflächensensibilität
3.3.2 Störungen der Tiefensensibilität
3.3.3 Schädigung peripherer Nerven
3.4 Schmerz, Schon- und Fehlhaltungen
3.4.1 Schmerzqualität
3.4.2 Schmerzempfinden
3.4.3 Schmerzerkennung beim Tier
3.4.4 Ursachen und Wirkungen von Schmerzen
3.4.5 Schmerzmanagement
Teil II Untersuchung und Befundbögen
4 Untersuchung
4.1 Anamnese
4.2 Adspektion
4.2.1 Haltung
4.2.2 Wiegen
4.3 Heben bzw. Tragen eines erkrankten Hundes
4.4 Palpation
4.4.1 Prinzip „Von der Oberfläche in die Struktur“
4.4.2 Palpationstechniken
4.4.3 Spannung
4.5 Gelenkfunktionsprüfung
4.5.1 Bewegungsqualität
4.5.2 Bewegungsquantität
4.6 Aktive und passive Bewegung
4.6.1 Aktive Bewegung
4.6.2 Passive Bewegung
4.7 Reflexprüfung
4.7.1 Reflexantwort
4.8 Auskultation
4.8.1 Auskultation von Gelenkgeräuschen
4.9 Messungen
4.9.1 Umfangsmessungen
4.9.2 Gelenkmessung nach der modifizierten Neutral-Null-Methode
4.10 Lahmheitsdiagnostik und Gangbildanalyse
4.10.1 Lahmheitsursachen
4.10.2 Lahmheitsuntersuchung
4.10.3 Ganganalyse
4.11 Weiterführende Untersuchungen
5 Befunderhebung
5.1 Erläuterungen zum Allgemeinmedizinischen Befundbogen
5.1.1 Anamnese
5.1.2 Organsysteme
5.1.3 Vorstellungsgrund
5.2 Erläuterungen zum Allgemeinen Physiotherapeutischen Befundbogen
5.2.1 Schmerzen
5.2.2 Gangbild
5.2.3 Allgemeine Befundung
5.2.4 Haltung
5.2.5 Palpation
5.2.6 Reflexe
5.2.7 Zusammenfassung der Befunde
5.2.8 Therapieplan
5.2.9 Hausaufgaben für den Besitzer
5.3 Erläuterungen zu den Gliedmaßen-Befundbögen
5.3.1 Adspektion
5.3.2 Palpation
5.4 Erläuterungen zu den Umfangsmaßen
5.5 Erläuterungen zum Befundbogen Wirbelsäule
5.5.1 Eigene Beobachtung
5.5.2 Erfragen
5.5.3 Untersuchungsgang
5.5.4 Zusammenfassung der Befunde
5.6 Erläuterungen zum Befundbogen Stand- und Ganganalyse bei Paraparese/Paraplegie
5.6.1 Muskeltonus
5.6.2 Stand- und Gangbild
5.6.3 Bewegungsübergänge
5.6.4 Bemerkungen
5.7 Erläuterungen zum neurologischen Befundbogen
5.7.1 Haltung
5.7.2 Tonus
5.7.3 Kopfnerven
5.7.4 Lähmungen und Störungen der Bewegungsabläufe
5.7.5 Haltungs- und Stellreaktionen
5.7.6 Sensibilität
5.7.7 Reflexe
5.7.8 Reaktion auf Muskeltapping
5.8 Erläuterungen zum Patientenblatt
6 Befundanalyse
6.1 Ziele der Befundanalyse
6.2 Statuserhebung und Gewichtung der Befunde
6.2.1 Beispiel 1 „Georg“
6.2.2 Beispiel 2 „Bossy“
6.2.3 Beispiel 3 „Deborah“
6.2.4 Beispiel 4 „Elek“
Teil III Therapiemethoden und Behandlungspläne
7 Therapieformen
7.1 Zielsetzung
7.2 Haltung des Therapeuten
7.3 Allgemeines zu aktiven und passiven Techniken
7.4 Passive Techniken (ohne Muskelaktivität)
7.4.1 Passives Bewegen
7.4.2 Mobilisationstechniken
7.5 Aktive Techniken (mit Muskelaktivität)
7.5.1 Aktives Bewegen
7.5.2 Aktiv-assistive Bewegungen
7.5.3 Bewegen gegen Widerstand (restriktive Bewegungen)
7.6 Gang- und Haltungsschulung
7.6.1 Koordinations- und Gleichgewichtsübungen
7.6.2 Haltungsschulung
7.6.3 Gangschulung
7.6.4 Hausaufgabenübungen
7.7 Klassische Massage
7.7.1 Vorgehensweise bei der Massage
7.7.2 Grifftechniken und ihre Anwendung
7.8 Motorische Fazilitation
7.8.1 Grundgedanke
7.8.2 Übertragung in die Tierphysiotherapie
7.8.3 Behandlungsprinzipien
7.9 Thermotherapie
7.9.1 Wärmetherapie
7.9.2 Kryotherapie
7.10 Spezielle Indikationen und manuelle Techniken
7.10.1 Behandlung des Brustbeins
7.10.2 Myogelosen
7.10.3 Quetschung des Nervus ischiadicus (Piriformis-Syndrom)
7.10.4 Brachyzephale Hunderassen, neurologische Ausfälle und Rutendeformation
8 Therapieplanung
8.1 Allgemeine Gesichtspunkte für die Behandlung
8.2 Was ist bei der Erstellung des Hausaufgabenprogramms zu beachten?
8.3 Erstellung des Behandlungsplans
8.3.1 Beispiel 1: Ellenbogenarthrose
8.3.2 Beispiel 2: Koxarthrose/HD
8.4 Maßnahmenkatalog
8.4.1 Maßnahmen zur Schmerzlinderung und -freiheit
8.4.2 Maßnahmen zur Gelenkbeweglichkeit
8.4.3 Maßnahmen zum Muskelaufbau
8.4.4 Maßnahmen bei Hypertonus und Muskelhartspann
8.4.5 Haltungs- und Gangschulung
8.4.6 Maßnahmen zum Konditionstraining
8.4.7 Maßnahmen beim neurologischen Patienten
9 Allgemeine Trainings- und Bewegungslehre
9.1 Allgemeine Trainingslehre
9.1.1 Was bedeutet eigentlich Training?
9.1.2 Trainingsarten
9.1.3 Allgemeine Gesetzmäßigkeiten des Trainings
9.2 Allgemeine Grundsätze für das Training
9.2.1 Erwärmung
9.2.2 Erlernen koordinativer Prozesse
9.2.3 Verbesserung der Schnellkraft
9.2.4 Verbesserung der Kraft und/oder der Ausdauer
9.2.5 Verbesserung der Beweglichkeit
9.2.6 Cool down, Abwärmen
9.3 Das Trainingskonzept
9.4 Überlastungen im Training
9.4.1 Biomechanisch ungünstige Bewegungen
9.4.2 Zu hohe Krafteinwirkung
9.4.3 Überbeanspruchung bestimmter Körperstrukturen
9.5 Allgemeine Bewegungslehre
9.5.1 Was ist überhaupt Bewegung?
9.5.2 Formen der Muskelaktivitäten
9.5.3 Schwerpunkt
9.5.4 Unterstützungsfläche (USF)
9.5.5 Gleichgewicht
9.5.6 Gleichgewichtsreaktion
9.5.7 Körperwahrnehmung
10 Spezielle Trainingslehre
10.1 Propriozeptives Krafttraining
10.1.1 Allgemeine Anmerkungen
10.1.2 Verwendete Geräte
10.1.3 Allgemeine Vorübungen
10.1.4 Übungen mit Steigerungsformen
10.1.5 Übungen mit einem Gymnastikball
10.2 Übungen mit Stäben und niedrigen Hürden
Teil IV Anhang
11 Glossar
12 Literaturverzeichnis
Autorenvorstellung
Anschriften
Sachverzeichnis
Impressum/Access Code
1 Physiotherapie in Human- und Tiermedizin
2 Biomechanik und funktionelle Anatomie
3 Biomechanische Funktionsstörungen
Mima Hohmann
Jeder Mensch kennt Physiotherapie oder Krankengymnastik und hat sie vielleicht schon am eigenen Körper erfahren können. Die genauen Inhalte dieser Behandlungsform sind jedoch oft unklar. Selbst gelernten Physiotherapeuten fällt es schwer, in wenigen Sätzen den Begriff der Physiotherapie bzw. der physikalischen Therapie näher zu erklären.
Über die Begriffe der Physiotherapie bzw. physikalischen Therapie herrscht viel Verwirrung. Sie werden auch häufig synonym verwendet. Der griechische Wortteil physio bedeutet „Natur, natürlich, die natürlichen Lebensvorgänge betreffend“. Die Physiologie ist die Lehre der normalen, natürlichen (physiologischen) Lebensvorgänge.
Definition
Die Physiotherapie bedeutet Naturheilbehandlung oder anders ausgedrückt: Physiotherapie ist die Behandlung gestörter Körperfunktionen mittels natürlicher Therapieformen.
Der Begriff physikalische Therapie beschreibt die Behandlung mit physikalischen Mitteln. Sie ist somit nur als ein Teilgebiet der Physiotherapie zu verstehen.
Zur physikalischen Therapie zählen zum Beispiel die Thermotherapie, Hydrotherapie, Elektrotherapie, Ultraschalltherapie und Magnetfeldtherapie. Unter den Begriff der Physiotherapie fällt folglich sowohl die Behandlung mit physikalischen Techniken als auch der Einsatz der „therapeutischen Hände“ und aktiver Bewegungsübungen.
Die Physiotherapie wird in der Humanmedizin in folgenden Bereichen eingesetzt: Innere Medizin, Traumatologie, Orthopädie, Chirurgie, Neurologie, Geriatrie, Gynäkologie, Pädiatrie, Sportmedizin/Sportphysiotherapie und medizinische Trainingstherapie.
In der Veterinärmedizin beschränken wir uns zurzeit auf die Bereiche Orthopädie, Geriatrie, Pädiatrie, Sportmedizin/Sportphysiotherapie, Traumatologie und Neurologie. Beim Tier setzt man Physiotherapie ein:
zur Wiederherstellung oder Annäherung an einen physiologischen Zustand, zum Beispiel an ein physiologisches Gangbild
zur Verbesserung der Beweglichkeit (Gelenke, Bänder, Sehnen, Muskeln)
zur Verbesserung der Muskelfunktion und des Muskelaufbaus
zur Schmerzlinderung
zum Konditionstraining
um die Heilungszeit zu verkürzen bzw. die Heilung insgesamt zu optimieren
zur Erhaltung des gesunden Körpers (psychische Wirkung auf das Tier)
zur Vorbeugung bei vorzeitigen Alterungsprozessen, erblich bedingten Anfälligkeiten etc.
um bei bestimmten Erkrankungen den Erkrankungsstatus zu halten oder zu verbessern
bei sportlich aktiven Tieren
Man sollte jedoch die anderen Gebiete nicht aus den Augen verlieren (z. B. Atemtherapie bei chronischen Atemwegserkrankungen, Kolonmassage bei Obstipationen und Megakolon, Betreuung von Sporthunden usw.).
Man unterscheidet in der Physiotherapie zwischen:
Basistechniken
Speziellen Techniken
Massagetherapie
Reflexzonentherapie
Hydro- und Balneotherapie
Thermotherapie
Elektrotherapie
Je nach Autor kann die Einteilung in die verschiedenen Therapieformen etwas unterschiedlich vorgenommen werden.
Das genaue Erlernen der einzelnen Techniken erfordert den Besuch von Fortbildungsveranstaltungen, die sich teilweise über mehrere Jahre erstrecken. Auch in der Tiermedizin lernt man nur über Jahre die Physiotherapie mit ihren verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten kennen und anwenden.
In ▶ Tab. 1.1 wird mit den unterschiedlichen humanmedizinischen Behandlungstechniken deutlich, dass es den Begriff Physiotherapie als klar umrissene Therapieform nicht gibt. Es handelt sich vielmehr um ein riesiges Gebiet mit verschiedenen Behandlungsvarianten, die kein Physiotherapeut in seinem Leben alle beherrschen wird.
Tab. 1.1
Übersicht über verschiedene Techniken der Physiotherapie. Diese Tabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll lediglich einen Eindruck davon vermitteln, dass die Physiotherapie ein sehr umfangreiches und abwechslungsreiches Tätigkeitsfeld ist, das zum Teil sehr spezielle Kenntnisse erfordert.
Typ
Techniken
Basistechniken
aktive Techniken (z.B. aktives Bewegen, aktives Bewegen gegen manuellen Widerstand und unterstütztes Bewegen), passive Techniken (z.B. Lagerung, Traktion und passives Bewegen), Mobilisationstechniken (z.B. Bewegen unter Traktion, Querfriktion nach Cyriax und Dehnen), Gangschulung (u.a. Hilfsmittel- und Orthesenversorgung), Haltungsschulung, Atemtherapie (z.B. Grifftechniken zur Sekretolyse und Drainagelagerungen), Prophylaxe (z.B. Kontraktur-, Pneumonie- und Dekubitusprophylaxe)
Spezielle Techniken
Alexander-Technik nach Frederik Matthias Alexander, Bobath, Brügger, Brunkow, Bad-Raggazer-Ringmethode, kraniosakrale Therapie, Cyriax, Eutonie, Feldenkrais, progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Klapp-Kriechübungen, Funktionelle Bewegungslehre nach Klein-Vogelbach, Maitland, Manuelle Therapie, McKenzie-Methode, Halliwick-Schwimmtherapie, Osteopathie, PNF (propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation), Psychomotorik, Rückenschule, Schaarschuch-Haase-Lösungstherapie, dreidimensionale Skoliosetherapie nach Schroth, Vojta-Methode
Massagetherapie
klassische Massage, Unterwasser-Druckstrahlmassage, Lymphdrainage, Bürstenmassage, Kolonmassage
Reflexzonentherapie
Bindegewebsmassage (BGM), Reflexzonenmassage am Fuß (RFZ), Akupunktmassage nach Penzel, Akupressur
Hydro- und Balneotherapie
Kneipp-Anwendungen (Waschungen, Wickel, Güsse), Bäder, hydroelektrische Bäder, Abreibungen, Abklatschungen, Bürstungen, Badetherapie mit künstlichen Zusätzen, Bewegungsbad, Unterwasserlaufband, Schwimmtherapie
Thermotherapie
Kryotherapie, Wärmetherapie
Elektrotherapie
Niederfrequenztherapie (Galvanisation, Iontophorese, Ultrareizstrom nach Träbert, frequenzmodulierte Impulse, [Faradayscher] Schwellstrom, diadynamische Ströme, TENS [transkutane elektrische Nervenstimulation], Biofeedback-Therapie), Mittelfrequenzströme (Interferenzstrom-Therapie, Russian-Technique-Muskelstimulation [KOTS], mittelfrequentes Muskeltraining, amplitudenmodulierter Mittelfrequenzstrom), Hochfrequenztherapie (Kurzwellentherapie, Dezimeterwellentherapie, Mikrowellentherapie), Ultraschalltherapie, Magnetfeldtherapie, Lasertherapie
Die Tierphysiotherapie befindet sich in Deutschland noch in Entwicklung. Je nach Ausbildungs- und Weiterbildungsstandard der Therapeuten werden die oben aufgeführten Basistechniken, Griffe aus der Massage- und Bewegungstherapie sowie die Thermotherapie, Elektrotherapie und Hydrotherapie beim Tier angewendet.
Die Möglichkeiten der Tierphysiotherapie sind vielseitig und in der Veterinärmedizin noch nicht ausgeschöpft. Die Grenzen der Tierphysiotherapie werden zum einen bestimmt durch die Übertragbarkeit der humanmedizinischen Behandlungsmethoden auf das Tier, zum anderen vom Besitzer, von dem Tier selbst, seinen sonstigen Erkrankungen und dem Erkrankungsstadium.
Übertragbarkeit auf das Tier Einige spezielle humanmedizinische Techniken und Griffe lassen sich sehr gut beim Tier anwenden (z. B. Massage). Andere Techniken hingegen sind aufgrund der von der des Menschen abweichenden Anatomie nicht durchführbar, oder der Patient zeigt nur eine sehr eingeschränkte, gezielte aktive Mitarbeit. So würde z.B. kein Tier auf Befehl seine Vorder- oder Hinterextremität gegen Widerstand in eine bestimmte Stellung bringen. Gerade diese eingeschränkte zielgerichtete aktive Mitarbeit der Patienten erschwert die Arbeit des Tierphysiotherapeuten. Dennoch strebt man als Therapeut fortwährend an, die Entwicklung von speziellen, auf das Tier abgestimmten Techniken voranzutreiben. Und so ist die Tierphysiotherapie ein sehr interessantes, abwechslungsreiches und im Fluss befindliches Tätigkeitsgebiet.
Der Besitzer Die Tierphysiotherapie kann, je nach Erkrankung, recht kostspielig sein. Kann sich der Besitzer die Behandlung leisten? Wie kann ich den Besitzer in die Therapie miteinbeziehen (Auffassungsvermögen)? Wie kommt er mit dem Tier zurecht? Kann er alleine die Therapie durchführen oder ist das Tier so ungehorsam, dass der Besitzer alleine damit nicht zurechtkommt? Kann er seine „Hausaufgaben“ durchführen? Wie sieht es bei einem sehr pflegebedürftigen Patienten mit der Ausdauer des Besitzers aus? Kann er die Behandlung zeitlich und/oder finanziell durchführen? Außerdem sieht der Besitzer bei einem längeren Behandlungsverlauf oft nicht die Fortschritte der Therapie. Aus diesem Grund ist die Dokumentation mit Fotos und Filmen sehr wichtig, damit der Besitzer den Fortschritt nachvollziehen kann und nicht den Mut verliert („Es passiert doch nichts! Es sieht noch genauso aus wie vor ein paar Tagen!“). Betont werden muss außerdem, dass der Tierbesitzer nicht „einfach so lostherapieren“ sollte, denn dadurch kann er u. U. mehr schädigen als helfen! Die fachgerechte Anleitung durch den Tierphysiotherapeuten oder physiotherapeutisch arbeitenden Tierarzt ist für den Erfolg der Behandlung wesentlich. Auch die kontinuierliche Betreuung des Besitzers, wie bei der Anwendung der Handgriffe, gehört zur Therapie.
Alter des Patienten Bei der Physiotherapie spielt das Alter des Patienten eine große Rolle. Junge Tiere haben größere Selbstheilungskräfte als ältere. Die Therapie sollte man am besten nicht erst durchführen, wenn das Tier alt und gebrechlich ist, sondern schon beim jungen Tier. So wird es durch den Tierbesitzer und/oder den Tierphysiotherapeuten kontinuierlich behandelt, und sein Gesundheitszustand wird immer gut im Blick behalten. Viele Erkrankungen können schon vorbeugend behandelt oder sogar verhindert werden, da sie frühzeitig erkannt wurden. Das junge Tier gewöhnt sich an bestimmte Übungen und Behandlungsmethoden schneller. Präventive Physiotherapie ist besser als „betreuende Physiotherapie“ beim alten gebrechlichen Tier.
Kondition und Konstitution des Patienten Auch Kondition und Konstitution des Patienten spielen eine Rolle. Wie sieht es mit der Schmerzempfindlichkeit und den Schmerzäußerungen des Patienten aus? Ist er eine „Mimose“, der bei jeder Therapieform jault und aufschreit und damit die Eingrenzung seines Schmerzherdes erschwert? Oder ist er ein robuster Patient, der erst bei hochgradigen Schmerzen kurz aufjault? Auch bei diesem Patienten kann es schwierig werden, den Schmerzherd einzugrenzen. Wie ist das Verhalten des Tieres (Aggression, Angst, Panik)? Wenn der Patient sehr aggressiv ist, kann auch die „entspannende“ Massage zum Kraftakt werden. Ist es dann sinnvoll zu massieren, oder ist eine andere Therapieform für diesen Patienten vielleicht geeigneter? Wo ist die Erkrankung lokalisiert? Handelt es sich lediglich um eine Arthrose des Daumengelenks oder aber um eine generalisierte Arthrose in den großen Gelenken mit hochgradigem lumbalen Hartspann und fortgeschrittener Muskelatrophie? Je nach Lokalisation und Schweregrad fallen Therapieform und -dauer aus. Liegt ein langsamer oder ein rapider Erkrankungsverlauf vor? Besteht die Notwendigkeit, die Therapie täglich durchzuführen oder nur einmal alle 14 Tage? Das alles sind Fragen, die während der Befundaufnahme und Befundauswertung geklärt werden.
Erkrankungsstadium Man sollte in der Physiotherapie differenzieren, in welchem Erkrankungsstadium sich das Tier befindet. Man kann grob zwei Erkrankungsstadien definieren, auch wenn es viele Zwischenformen gibt ( ▶ Tab. 1.2 ).
Tab. 1.2
Erkrankungsstadien und ihre Bedeutung für die Physiotherapie.
Erkrankungsstadium
Bedeutung für den Therapeuten
geringgradig
Es gibt mehr Wahlmöglichkeiten in den verschiedenen Therapieformen.
Der Besitzer kann nach Anleitung des Therapeuten vieles zu Hause selbst durchführen.
Das Tier befindet sich noch im so genannten „Vorbeugungsstadium“.
Eventuell ist Heilung möglich, oder der Erkrankungszustand kann erhalten und ein weiteres Fortschreiten der Erkrankung verhindert werden. Dabei spielt der Zeitfaktor eine große Rolle. Je früher die Erkrankung diagnostiziert wird, desto eher ist eine Therapie möglich.
Oft ist eine Reversibilität der Erkrankung, z. B. bei Muskelatrophie, möglich.
hochgradig
Die Wahlmöglichkeiten der Therapieformen sind stark eingeschränkt.
Das Tier befindet sich im so genannten „Erhaltungsstadium“.
Es wird versucht, ein weiteres Fortschreiten der Erkrankung einzudämmen oder zu verhindern.
Sonstige Erkrankungen (Kontraindikationen) Bei vielen Erkrankungen wird die Tierphysiotherapie in ihrer Behandlungsmethode eingeschränkt oder die Therapieform darf überhaupt nicht durchgeführt werden. Aus diesem Grund sind bei den in diesem Buch erwähnten Therapieformen auch immer die Kontraindikationen erwähnt. Die wichtigsten sind:
mittel- bis hochgradige Herzerkrankungen bei einigen Therapieformen
Tumorerkrankungen
Infektionskrankheiten
Hauterkrankungen (Mykosen)
Grundsätzlich ist der Erfolg der physiotherapeutischen Behandlung beim Tier abhängig von der Erkrankung des Patienten und der Erfahrung, dem Grundlagenwissen und der Kompetenz des Therapeuten. Dabei sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass die Tierphysiotherapie wie alle ganzheitlichen Diagnose- und Therapieformen vom Kriterium des Individualismus ausgeht.
Merke
Denken Sie nicht „allopathisch“, sondern versuchen Sie jeden vierbeinigen Patienten als Individuum zu betrachten. Entsprechend sollte seine Therapie aussehen!
Als wichtigster Aspekt in der Tierphysiotherapie dient die Befunderhebung durch das Erkennen der speziellen Problematik des Patienten. Sie ist Grundlage für die Therapie und wird zur Erstellung des physiotherapeutischen Behandlungsplanes herangezogen. Dabei spielt der „individuelle Therapieplan“ eine sehr große Rolle. Wichtig dabei ist die Fragestellung:
Merke
Erst Untersuchung und Diagnose, dann die Behandlung! Nie einfach mit Physiotherapie beginnen, weil der Hund lahmt. Vielleicht handelt es sich ja um einen Splitter in der Pfote oder einen Tumor im Gelenk!
Welche Störung, Schädigung oder Erkrankung liegt vor?
Welche physiotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten sind durchzuführen bzw. durchführbar?
Was soll und kann erreicht werden? Will man Schmerzen lindern, die Durchblutung fördern, Muskelentspannung herbeiführen, die Koordination schulen, das Gangbild verbessern?Bei einigen Patienten ist abzuklären, ob andere Erkrankungen vorliegen. Bestimmte Behandlungsmethoden können dadurch eingeschränkt oder ausgeschlossen sein, wie zum Beispiel die aktivierende Massage bei schwerwiegenden Herzerkrankungen. Bei gering- bis mittelgradigen Herzerkrankungen hingegen kann Massage förderlich sein. Also sollte geklärt sein, in welchem Schweregrad die Erkrankung bei dem zu therapierenden Tier vorliegt.
Inwieweit ist Koordinationsschulung bei diesem neurologischen Patienten möglich oder ausgeschlossen?
In welcher Struktur (Muskel, Faszie, Gelenk) will oder kann man die Behandlung durchführen?
Mima Hohmann
In der Biomechanik wird das Zusammenspiel der Muskel-Skelett-Strukturen evaluiert und die Wirkung von physikalischen Kräften auf den tierischen und menschlichen Körper untersucht. Es werden gezielt Betrachtungen über die Funktionen in der gesamten Körpermechanik angestellt und Segmentinteraktionen berechnet. Durch die Biomechanik wird die Dokumentation objektiviert und erleichtert, und Bewegungsabläufe werden qualitativ vergleichbar. In der Biomechanik werden geeignete Maßnahmen zur Ökonomisierung der Bewegungsabläufe erforscht.
Allerdings stecken Biomechanik und funktionelle Anatomie in der Veterinärmedizin im Vergleich zur Humanmedizin noch in den Kinderschuhen, und so bleibt es dem einzelnen Therapeuten überlassen, sich näher mit diesen Themengebieten zu beschäftigen. Die nachfolgenden Kapitel sollen einen kurzen Überblick verschaffen.
Es werden mehrere Gelenktypen unterschieden ( ▶ Tab. 2.1 ).
Tab. 2.1
Einteilung der Gelenke und Gelenktypen.
Einteilung
Beschreibung
Diarthrosen
Halbgelenke
ohne vollständigen Gelenkspalt, z. B. Symphyse
echte Gelenke
Synovialgelenke mit durchgehendem Gelenkspalt
Synarthrosen
Syndesmose
Bindegewebe (bandhaft)
Synchondrose
Knorpelgewebe (knorpelhaft)
Synostose
Knochengewebe (knochenhaft)
einfache Gelenke(Articulatio simplex)
1. anatomisch: eine Gelenkhöhle
2. mechanisch: eine bis drei Achsen, stehen rechtwinklig zueinander
zusammengesetzte Gelenke(Articulatio composita)
1. anatomisch: mehrere Gelenkhöhlen, geteilt durch Diskus oder Meniskus
2. mechanisch: mehr als drei Achsen, fast flache Gelenkflächen; Achsen stehen nicht rechtwinklig zueinander
Gelenktyp (nach der Gestalt der Gelenkerhöhung mit unterschiedlicher Bewegungsform und Bewegungsfreiheit)
Kugelgelenk, Sonderform: Nussgelenk (z. B. Hüftgelenk)
Ellipsoidgelenk
Sattelgelenk (z. B. Daumensattelgelenk)
Walzengelenk (Sonderformen: Scharniergelenk, Schraubengelenk, Schlittengelenk, Spiralgelenk)
Zapfen- oder Radgelenk
ebenes Gelenk (Schiebegelenk)
straffes Gelenk
Gelenkflächen Gelenkflächen sind niemals „flach“, „eiförmig“ oder „kugelförmig“, sondern weisen stets eine gewisse Kurvatur auf. Nur der Einfachheit und der Klassifizierung halber werden sie so bezeichnet. In einem Gelenk sind die sich gegeneinander bewegenden Gelenkflächen aufgrund ihrer unterschiedlichen Krümmung nicht vollständig kongruent, sondern inkongruent. Die konvexe Gelenkfläche ist stets mehr gebeugt als die konkave.
Liegt eine eiförmige Gelenkfläche vor, sind die Gelenkflächen in alle Richtungen entweder konvex oder konkav. Bei einer sattelförmigen Gelenkfläche ( ▶ Abb. 2.1) liegen die Gelenkflächen rechtwinklig zueinander und sind einerseits konvex und andererseits konkav.
Abb. 2.1 Sattelförmige Gelenkfläche.
Gelenkknorpel Der Gelenkknorpel ist ein druckelastisches Stützgewebe. Die Chondrozyten im Knorpel produzieren kollagene Fasern, die dem Knorpel seine Elastizität und Festigkeit verleihen. Außerdem produzieren die Chondrozyten Proteoglykane, die durch Wasseraufnahme bzw. Wasserabgabe die Viskosität des Knorpels und seine Festigkeit mitbestimmen. Die Reibungskräfte, die auf den Knorpel einwirken, werden durch den Mukopolysaccharidgehalt in den Proteoglykanen minimiert. Dadurch kann die Bewegung trotz hoher Druckbelastung leicht und ohne Knorpelverschleiß durch Abrieb durchgeführt werden. Der Knorpelaufbau im Gelenk wird angeregt durch einen Zugreiz und eine Pumpwirkung, die physiologischerweise bei Bewegung entsteht. Fehlt der ständig benötigte Wechsel zwischen Be- und Entlastung, kommt es zum Knorpelabbau und damit zu Veränderungen der Gelenkbeweglichkeit. Bei plötzlicher, hoher Druckbelastung federt das intakte Knorpelpolster die auf die gesamte lasttragende Fläche auftreffende Belastung gleichmäßig ab.
Durch vermehrte Be- und Entlastung, z. B. bei übermassivem Lauftraining des Hundes, wird die Ernährung des Knorpels gestört. Aber auch durch verminderte Be- und Entlastung des Knorpels wird die Knorpelernährung gestört. Beides kann zu degenerativen Veränderungen und Funktionsstörungen im Gelenk führen. Durch gezielte Traktions- und Kompressionsbehandlungen kann der Knorpelaufbau angeregt werden.
Gelenkkapsel Die äußere fibrinöse Schicht der Gelenkkapsel ist auf der einen Seite für die Propriozeption und Nozizeption verantwortlich und auf der anderen Seite in Verbindung mit dem Bandapparat für die mechanische Bewegungssteuerung. Die innere synoviale Schicht der Gelenkkapsel produziert Synovia und sichert so die Gleitfähigkeit des Gelenks. Sie absorbiert aber auch die Synovia und phagozytiert dabei Gelenkpartikel und evtl. vorhandene Bakterien.
Wird die Gelenkkapsel nicht durch Zug und Druck belastet, wie bei normaler Bewegung, so kann es zu Verklebungen im Bereich der Kapselfalten kommen. Die Folge: Das Bewegungsausmaß des Gelenks wird eingeschränkt.
Synovia Die Synovia (Gelenkschmiere) ist eine klare, bernsteinfarbene Flüssigkeit, die sich zusammensetzt aus Wasser, Glukose, Muzin, Hyaluronsäure, Elektrolyten, Aminosäuren, abgestoßenen Zellen (besonders Fettzellen), Sauerstoff und anderen Substanzen. Die Synovia dient der Reibungsminimierung im Gelenk und weist eine Schmierfunktion auf, die das Gleiten der Gelenkflächen aufeinander erlaubt. Sie ernährt den Knorpel und trägt zu seiner Regeneration bei. Überdies hat sie die Funktion eines Stoßdämpfers, der kleine Unregelmäßigkeiten ausgleicht.
Durch passive und aktive Bewegung werden die Synovialbewegung und die Diffusion zur Gelenkknorpelernährung erhöht.
Gelenkbänder Die Gelenkkapsel und die Bänder sind für die passive Bewegungssteuerung zuständig und gewährleisten die passive Stabilität des Gelenks. Die nicht kontraktilen Bandstrukturen sind für eine achsengerechte Gelenkbewegung (Führungsbänder) und das physiologische Endgefühl (Bremsbänder) verantwortlich. Biomechanisch gesehen stellen die Bänder und Muskeln eine Funktionseinheit dar. Durch das Zusammenwirken dieser beiden Strukturen wird ein optimaler Gelenkkontakt hergestellt, in dem ständig der Gelenkabstand und die Gelenkhaftung reguliert und angepasst werden. Damit wird auch die Stabilität und Dynamik der Gelenkbewegung sichergestellt.
Fällt die Funktion der Bänder aus, kann sie nur teilweise durch vermehrte Muskelfunktion ersetzt werden. Dabei wird jedoch die passive Bewegungssteuerung nicht optimal gewährleistet.
Gelenkumgebende Weichteilschichten Bei Bewegung kommt es zu Verschiebungen der verschiedenen Gewebsschichten um das Gelenk herum. Um eine bessere Verschieblichkeit der Schichten zu ermöglichen, befinden sich viele Gleitlager dazwischen, wie z. B. Sehnenscheiden, Muskelfaszien, Nervenscheiden, Schleimbeutel. Verklebungen in diesen Schichten und/oder zwischen diesen Gewebsschichten führen zur Einschränkung der Gelenkbewegung.
Formveränderungen am Gelenk Formveränderungen eines Gelenks können infolge von Entzündungen, Verletzungen, Tumoren oder degenerativen Prozessen auftreten. Der Gelenkumfang kann infolge eines posttraumatischen oder entzündlichen Gelenkergusses und/oder einer Weichteilschwellung vergrößert sein. Dies fühlt sich prall-elastisch an.
Treten Veränderungen in Form von Gelenksverdickung und -auftreibungen aufgrund von degenerativen Veränderungen der Knochenstrukturen auf, so fühlt sich dies trocken bis fest-elastisch an. Bei einer Kapselfibrose fühlt es sich derb an.
In der Humanmedizin wird bei den Gelenkstellungen unterschieden zwischen:
Nullstellung
Ruhestellung
aktueller Ruhestellung
verriegelter Stellung
Da es beim Hund keine definierte Nullstellung gibt – wie im Kapitel ▶ Gelenkmessung nach der modifizierten Neutral-Null-Methode erläutert – wird im Folgenden nur auf die anderen Gelenkstellungen eingegangen.
Ruhestellung In der Ruhestellung eines Gelenks ist die Gelenkkapsel maximal locker und besitzt den größten Rauminhalt. Die Gelenkpartner haben in dieser Stellung weniger Kontakt als in den anderen Gelenkstellungen. In der physiologischen Ruhestellung ist das Gelenkspiel am größten und kann am besten gefühlt und ausgeführt werden. Die Gelenkkapsel und die Ligamente sind in dieser Stellung nicht gedehnt und weisen damit den geringsten Widerstand auf.
Merke
Bei einer Gelenkerkrankung ist die Ruhestellung die entlastende Stellung, die die Symptome lindert und eine bestmögliche Muskelentspannung erlaubt.
In der Ruhestellung werden Gelenke nach einem Unfall oder einer Operation immobilisiert.
Kann durch Schmerzen oder durch Bewegungseinschränkungen die physiologische Ruhestellung nicht eingenommen werden, wählt das Tier diejenige Gelenkstellung, die die geringsten Beschwerden verursacht und Muskelentspannung zulässt. Man nennt sie die alternative oder aktuelle Ruhestellung. Befindet sich das Gelenk des Tieres in der aktuellen Ruhestellung, so erfolgen die Untersuchung und Behandlung in dieser Gelenkstellung.
Es kann allerdings auch vorkommen, dass die Gelenkfunktionsstörung erst außerhalb der Ruhestellung bei der Untersuchung festgestellt wird. Manche Störung muss außerhalb der Ruhestellung behandelt werden, da das Tier keine andere Behandlung zulässt, z. B. aufgrund von Schmerzen in dieser Gelenkstellung.
Verriegelte Stellung Ein Gelenk befindet sich in der verriegelten Stellung, wenn:
die Gelenkkapsel und die Ligamente maximal gespannt oder gedehnt sind;
zwischen den beiden Gelenkflächen ein maximaler Kontakt besteht und das Weitergleiten behindert oder der einwirkende Anpressdruck auf die Gelenkflächen am größten ist.
Das Gelenkspiel wird in dieser Ausgangstellung aufgehoben.
Wird ein Gelenk behandelt, verriegelt man oft das Nachbargelenk, damit es sich während der Behandlung nicht mitbewegt. Befindet sich ein Gelenk in einer verriegelten Stellung, so ist das Gelenkspiel in dieser Gelenkstellung nur sehr schwierig zu testen. Je weiter man das Gelenk von der Ruhestellung in die verriegelte Stellung verbringt, desto mehr werden Qualität und Quantität des Gelenkspiels reduziert.
Von einer Gelenkstörung wird gesprochen, wenn die Reduzierung des Gelenkspiels schon wesentlich früher eintritt als am gleichen Gelenk der anderen Gliedmaße. Von einem hypermobilen oder instabilen Gelenk spricht man, wenn sich das Gelenk in der verriegelten Stellung befindet, aber noch relativ viel Gelenkspiel vorhanden ist.
Rollen erfolgt immer in eine Bewegungsrichtung.
Konvexregel Wenn der konvexe Gelenkpartner ( ▶ Abb. 2.1) bewegt wird, erfolgt ein Gleiten in entgegengesetzter Bewegungsrichtung ( ▶ Abb. 2.2).
Abb. 2.2 Konvexregel: Der linke Gelenkpartner ist fixiert, der rechte Gelenkpartner wird bewegt. Die Gelenkfläche des bewegten Gelenkpartners ist konvex. Wird dieses Gelenk aufgrund einer Bewegungseinschränkung mobilisiert, erfolgt die Behandlung in Richtung nach unten, da die gelenknahe Bewegung die Behandlungsrichtung bestimmt.
Konkavregel Wenn der konkave Gelenkpartner bewegt wird, erfolgt ein Gleiten und Rollen in gleichgesinnter Bewegungsrichtung. Diese Regel ergibt sich aus der Gelenkmechanik und wird bestimmt von der Form des sich bewegenden Gelenkpartners, der die Bewegungsrichtung festlegt und der Bewegungsachse, die normalerweise im konvexen Gelenkpartner liegt ( ▶ Abb. 2.3).
Abb. 2.3 Konkavregel: Die Gelenkfläche des bewegten Gelenkpartners ist konkav. Wird dieses Gelenk mobilisiert, erfolgt die Bewegung nach oben.
Je geringer die Mobilität oder Beweglichkeit eines Gelenks nach seiner anatomischen Bauweise ist, desto stabiler ist es. Umkehrschluss: Je beweglicher ein Gelenk ist, desto geringer ist seine Stabilität. Die Beweglichkeit eines Gelenks ist abhängig von:
der knöchernen Struktur der Gelenkpartner
der Gelenkkapsel
den umgebenden Bändern und deren Verlaufsrichtung
Die Gelenkstabilität ist außerdem abhängig von der Menge der gelenkumgebenden Muskulatur und deren Kraft.
Das Gelenkspiel ist eine Kombination aus der Bewegung innerhalb eines Gelenks und dem Bewegungsspielraum der Gelenkkapsel, der die Bewegung der Knochen erlaubt. Das Gelenkspiel eines Gelenks prüft man in der Ruhestellung, in der Behandlungsstellung und im Seitenvergleich.
Aus den Bewegungen der Knochen zueinander resultieren die Gelenkbewegungen. Knochen können sich auf zwei Arten bewegen:
Rotation
Translation
Rotation Die Rotation ist eine drehende, gebogene anguläre Bewegung um eine Gelenkachse (Longitudinal- oder Vertikalachse) oder eine kombinierte Bewegung um mehrere Gelenkachsen in einer Richtung, z. B. eine Außenrotation des gesamten Beins mit Extension des Kniegelenks. Daraus resultiert die entsprechende Gelenkbewegung, das Rollgleiten, das aufgrund der unregelmäßigen Krümmung der Gelenkfläche und der fehlenden Kongruenz des Gelenkpartners entsteht. Nach der anatomischen Nomenklatur werden die Rotationen als Flexion/Extension, Abduktion/Adduktion und Innen-/Außenrotation bezeichnet. Im Gelenk kommt es während der Rotation zu Roll- und Gleitbewegungen.
Sind die Gelenkflächen inkongruent, führen die Knochen eine rollende Bewegung aus. Dabei berührt ein Punkt einer Gelenkfläche immer den gegenüberliegenden Punkt auf der anderen Gelenkfläche ( ▶ Abb. 2.4). Beispiel: rollender Ball. Die Rollbewegung ist immer gleich der Richtung der Knochenbewegung, egal ob die Gelenkfläche konvex oder konkav ist ( ▶ Abb. 2.5). Durch die Rollbewegung kommt es zur Verlagerung der Rotationsachse, und es ergibt sich die anguläre Knochenbewegung.
Abb. 2.4 Bei der Rollbewegung berühren sich immer neue Punkte auf den beiden gegenüberliegenden Gelenkflächen.
Abb. 2.5 Rollen (R) und Gleiten (G) nach der Konvex-Konkav-Regel.
Abb. 2.5a Bei einer konvexen Gelenkfläche geht die Gleitbewegung in die entgegengesetzte Richtung als die Rollbewegung, dabei ist die Rollbewegung im Gelenk immer gleichsinnig zur Richtung der Knochenbewegung.
Abb. 2.5b Bei einer konkaven Gelenkfläche geht die Gleitbewegung in die gleiche Richtung wie die Rollbewegung.
Vorteil des Rollens: Die Abnutzung durch Haftreibung ist relativ gering.
Nachteil des Rollens: Es werden relativ große Gelenkflächen für das Mitwandern der Umdrehungsachse benötigt.
Die Seite, zu der gerollt wird, erfährt eine Kompression. Auf der anderen Seite werden die Gelenkpartner separiert. Bewegt sich ein Gelenk rollend ohne Gleitkomponente, kann es zur Schädigung im Gelenk kommen. In einem physiologisch bewegten Gelenk erfolgt kein isoliertes Rollen, sondern die Bewegung setzt sich zusammen aus Rollen, Gleiten und Rotation.
Beim Gleiten wird ein Gelenkpartner bei der Untersuchung und Manipulation fixiert, während mit dem anderen Gelenkpartner parallel zur Gelenkfläche oder zur Behandlungsebene des fixierten Gelenkpartners kleine geradlinige Verschiebungen durchgeführt werden ( ▶ Abb. 2.6). Die geradlinigen Verschiebungen werden auch als translatorisches Gleiten bezeichnet.
Abb. 2.6 Bei der Gleitbewegung berührt ein und derselbe Punkt auf der einen Gelenkfläche immer neue Punkte auf der anderen Gelenkfläche.
Vorteil des Gleitens: Da keine Hebelwirkungen auftreten, entstehen keine Scherkräfte.
Nachteil des Gleitens: Es entsteht eine hohe Haftreibung.
Die Gleitbewegungen werden in einer geraden Linie in kaudokranialer oder in mediolateraler Richtung durchgeführt. Es wird keine Rotation zum fixierten Gelenkpartner ausgeführt. Zwischen kongruenten Gelenkflächen ist Gleiten die einzige Bewegungsmöglichkeit, wie z. B. beim Schlittenfahren. Da es aber in der Natur weder vollständig kongruent gekrümmte noch vollständig kongruent flache Gelenkflächen gibt, findet ein Gleiten nie ohne Rollen statt.
Zur Schmerzbehandlung wird das Gleiten nur gering dosiert, zur Kapseldehnung hoch dosiert eingesetzt.
Merke
Die hohe Dosis hat nichts mit großer Kraft zu tun! Der Krafteinsatz ist minimal höher als bei geringer Dosis.
Durch die Kombination einer Roll- und Gleitbewegung entsteht das Rollgleiten. Dabei erfolgt die Bewegung um eine Achse, und es entsteht ein gebogenes Gleiten. Zwischen zwei inkongruenten Gelenken findet Rollgleiten statt. Der Weggewinn erfolgt durch das Rollen, und die Gleitbewegung unterstützt ihn, oder sie verhindert, dass der Gelenkkopf aus der Gelenkpfanne springt. Je mehr die Gelenkflächen gekrümmt sind, desto ausgeprägter wird die Rollbewegung ausgeführt.
Vorteil des Rollgleitens: Man benötigt nur kleine Gelenkflächen bei relativ großen angulären Bewegungen.
Nachteil des Rollgleitens: Es entsteht eine hohe Haftreibung.
Die Rollbewegung im Gelenk ist immer gleichsinnig zur Richtung der Knochenbewegung, egal ob die Gelenkfläche konvex oder konkav ist ( ▶ Abb. 2.5). Sind die Gelenkflächen dagegen flach kongruent, erfolgt eher eine Gleitbewegung. Alle Gelenke besitzen ein gewisses Maß an passiver translatorischer Beweglichkeit, auch „Slack“ genannt, bevor es zur Straffung der periartikulären Weichteile und zum „ersten Stopp“ in der Bewegung kommt.
Bei der Gelenkbehandlung ist es wichtig, mit kurzem Hebelarm zu arbeiten (gelenknaher Handgriff).
Merke
Arbeitet man bei der Gelenkbehandlung mit dem langen Hebelarm (gelenkferner Handgriff), kann es zu mangelnden Gleitbewegungen kommen. Dies kann eventuell zu Schädigung der Gelenkkapsel durch Kompression oder Überdehnung führen.
Bei der Therapie wird vermehrt das Gleiten statt dem Rollen eingesetzt, da die Rollbewegung zu Gelenkkompression führen kann. Abnormes Rollgleiten kann bei einer Bewegungseinschränkung (Hypomobilität) auftreten. Dabei ist das Verhältnis zwischen Rollen und Gleiten gestört und das Gleiten vermindert.
Translation Die Translation findet durch passive Bewegung des Knochens statt, dabei erfolgt eine geradlinige (lineare) Bewegung parallel zu einer Achse oder rechtwinklig zu einer definierten Behandlungsebene. Bei der Translation bewegen sich alle Knochenteile in einer geraden Linie, im gleichen Abstand, in gleicher Richtung und Geschwindigkeit. Außerdem bleibt der Winkel zwischen den Gelenkpartnern immer gleich. Es werden nur kurze Bewegungen ausgeführt, die den physiologischen Bewegungen in einem Gelenk entsprechen. Dies wird als translatorisches Gelenkspiel bezeichnet. Durch die translatorischen Bewegungen im Gelenk kommt es zu Separation, Approximation oder zum Parallelgleiten der Gelenkflächen, zu den so genannten Gelenkspielbewegungen.
Wird die Translation
in Längsrichtung weg von der Behandlungsebene durchgeführt, kommt es zur Traktion,
in Längsrichtung hin zur Behandlungsebene durchgeführt, erfolgt eine Kompression,
in paralleler Richtung zur Behandlungsebene durchgeführt, kommt es zum Gleiten.
In ▶ Abb. 2.7 wird das Bewegungsausmaß der einzelnen Gelenke der Vorder- und Hintergliedmaße schematisch dargestellt.
Abb. 2.7 Bewegungsausmaße (a) der Vordergliedmaße und (b) der Hintergliedmaße.
Abb. 2.7a
Abb. 2.7b
Die Behandlungsebene verläuft durch das Gelenk und befindet sich rechtwinklig zur Verbindungslinie zwischen dem Berührungspunkt zweier Gelenkpartner und der Rotationsachse des konvexen Gelenkpartners. Sie befindet sich immer auf dem konkaven Gelenkpartner ( ▶ Abb. 2.8).
Die Behandlungsebene liegt bei einem planen Gelenkpartner, wie z. B. einem Wirbelsegment, genau zwischen den beiden Wirbelgelenkflächen.
Abb. 2.8 Die Behandlungsebene und ihre Bewegung mit dem konkaven Gelenkpartner.
Auf ein Gelenk wirken einerseits das Körpergewicht (Last) und andererseits die Muskel- und Bandkräfte (Kraft) ein. Bei diesen internen bzw. unter externen Krafteinwirkungen sind Knochen in der Lage, Drehmomente am Gelenkhebel auszulösen. Ein Drehmoment entwickelt sich, wenn eine Kraft außerhalb der Bewegungsachse einwirkt. Der senkrechte Abstand zwischen der Kraftwirkungslinie und dem Drehzentrum wird als wirksamer Hebelarm bezeichnet. Mithilfe dieses Hebels wird die Wirksamkeit des anatomischen Hebels berechnet.
Gelenke und ihre Knochenpartner bilden anatomische Hebel. Alle Gelenke des Körpers wirken als ein- oder zweiarmige Hebel. Es überwiegen allerdings die einarmigen Hebel, wie z. B. das Schulter-, das Ellenbogen- und das Kniegelenk. Hier wirken Kraft und Last auf derselben Seite des Drehzentrums ein. Es gibt nur wenige zweiarmige Gelenke, z. B. das Hüft- und das Tarsalgelenk. Hier wirken Kraft und Last auf beiden Seiten des Drehzentrums ein.
Drehmomente von Kraft und Last bezeichnet man als Vektoren. Die gelenkresultierende Kraft ist die Summe der Vektoren aus Kraft und Last und stellt die eigentliche Belastung für das Gelenk dar. Wird die gelenkresultierende Kraft, die auf das Gelenk einwirkt, verkleinert, sinkt auch der Druck, der auf das Gelenk wirkt ( ▶ Abb. 2.9).
Abb. 2.9 Darstellung von Kraft- und Lastarm.
Man unterscheidet am Gelenk drei Flächenbereiche:
anatomische Gelenkfläche
Gelenkkontaktfläche (Kontaktfläche der Gleitbewegung)
gewichttragende Fläche (die Fläche, auf die Druck ausgeübt wird)
Die gewichttragende Fläche ist maßgebend für die mechanische Belastung eines Gelenks. Die gewichttragende Fläche und der Gelenkdruck verhalten sich umgekehrt proportional zueinander: Je größer die gewichttragende Fläche ist, auf die Druck ausgeübt wird, desto kleiner ist der einwirkende Druck, und umgekehrt. Die gewichttragende Fläche ist meist kleiner als die Gelenkkontaktfläche.
Welcher Abschnitt der gewichttragenden Fläche mit Gewicht belastet wird, ist von der Gelenkstellung abhängig. Infolge einer angeborenen Fehlstellung, einer degenerativen Gelenkveränderung oder eines Traumas kann die gewichttragende Fläche verkleinert sein. Auch Veränderungen des Bewegungsablaufs können die Gelenkstellungen und damit die gewichttragende Fläche verändern. Die Verkleinerung der gewichttragenden Fläche führt zu weiteren Degenerationserscheinungen am Gelenk.
Bei der gelenkresultierenden Kraft spielt ihre physiologische Lage auf der gewichttragenden Fläche eine entscheidende Rolle. Liegt sie möglichst zentral auf der gewichttragenden Fläche, werden die entstehenden Druckspannungen im Gelenk gleichmäßig auf den Gelenkknorpel verteilt.
Durch jede Bewegung des Gelenks werden Richtung und Lage der resultierenden Krafteinwirkung und dadurch auch der auf das Gelenk einwirkende Druck verändert. Durch den Gelenkdruck wird der Kraftschluss im Gelenk gesichert, also die Haftung der Gelenkflächen aufeinander. Der Gelenkdruck stellt gleichzeitig den Erhaltungsreiz für die Stützgewebe, also Knorpel und Knochen dar.
Fehlt die Druckbelastung auf das Gelenk, gibt es keinen Ernährungsreiz für den Knorpel. In Folge kommt es zur Verkleinerung der gewichttragenden Fläche durch Knorpelabbau. Das andere Extrem ist die Überlastung der gewichttragenden Fläche durch permanenten Druck. Auch hier kommt es zu Knorpelschwund durch Knorpelzerstörung.
Sowohl beim Knorpelabbau als auch bei der Knorpelzerstörung fällt die Proteoglykanproduktion aus, und die Kollagenfasern verlieren ihre glatte Oberfläche. Es treten Knorpelfaserabbrüche und Knorpelabrisse auf. Die Knorpelkollagene werden abgerieben, und es entstehen so genannte „Knochenglatzen“. Dies hat folgende Auswirkungen:
Die Oberfläche des Knorpels wird immer unregelmäßiger.
Ein achsengerechter Bewegungsablauf des Gelenks ist nicht mehr gewährleistet.
Der Knorpel wird weicher und verliert seine mechanische Widerstandskraft.
Schon durch die normale Druckbelastung im Gelenk treten Schmerzen auf. Außerdem kommt es durch den unphysiologischen Bewegungsablauf zu Kapselzerrungen und damit zu weiteren Schmerzen.
Durch den Knorpelabrieb entsteht Zelldetritus, der in Folge zur Entzündung im Synovialgewebe führt (sekundäre Synovitis).
Durch die veränderten Druck- und Zugbelastungen im Gelenk kommt es zu Störungen in der Propriozeption, die zur Folge haben, dass unphysiologische Muskelspannungen auftreten. Es folgen weitere Störungen im achsengerechten Bewegungsablauf, es kommt zum Circulus vitiosus!
Merke
Ziel der Tierphysiotherapie ist die Wiederherstellung eines achsengerechten Bewegungsablaufs. Das bedeutet, die auf die Gelenkfläche resultierende Kraft genau in das Gelenkzentrum (Drehzentrum) zu bringen und damit die gewichttragende Fläche zu vergrößern.
Bei nicht mehr veränderbaren schädigenden Einflüssen auf das Gelenk sollte wenigstens versucht werden, die Fehl- und/oder Schonhaltung so weit wie möglich zum Positiven zu korrigieren.
Das Schultergelenk ist ein Kugelgelenk. Da es aber von der gelenkumgebenden Muskulatur in der Bewegung eingeschränkt wird, ist es ihm nur möglich, als Wechsel- und Walzengelenk zu fungieren. Seitwärtsbewegungen sind beim Hund im Schultergelenk nur geringgradig möglich ( ▶ Abb. 2.10). Das Schultergelenk weist das geringste Bewegungsaufmaß an der Vordergliedmaße auf, im Gegensatz zum Karpalgelenk, welches das größte Bewegungsausmaß besitzt.
Abb. 2.10 Schultergelenk.
Biomechanik der Gelenkflächen:
Caput humeri: konvex
Cavitas glenoidalis: konkav
Häufige Erkrankungen des Schultergelenks:
Osteochondrosis dissecans
Tendinitis der Bizepssehne
Luxation der Bizepsursprungssehne (Selten, der Hund vermeidet jedliche Bewegung des Schultergelenks, da sie sehr schmerzhaft ist, hgr. Lahmheit liegt vor. Das Ellbogengelenk kann in Flexion des Schultergelenks teilweise hyperextensiert werden, aber nicht vollständig wie bei einer Bizepssehnenruptur. Man spürt in der Extension das Zurückspringen der Bizepssehne in den Sulcus intertubercularis.)
Ruptur der Bizepssehne (Akute, hgr. Lahmheit. Das Schultergelenk kann hyperflexiert und das Ellbogengelenk hyperextensiert werden.)
knöcherner Abriss der Bizepssehne (Mgr. bis hgr. Lahmheit mit hgr. Schmerzhaftigkeit. Das Ellbogengelenk ist bei maximal flektiertem Schultergelenk nicht zu hyperextensieren. Meist traumatisch bedingt.)
Tendinitis des M. supraspinatus
Supraspinatusverkalkung (Ggr. bis mgr. Lahmheit mit Schmerzhaftigkeit des Schultergelenks bei Flexion, Innen- und Außenrotation. Liegt meist beidseitig vor.). Werden Sehnenverkalkungen frühzeitig erkannt, ist der Einsatz des therapeutischen Ultraschalls sehr hilfreich. Oft ist es möglich, die Verkalkung zu reduzieren oder sogar wieder vollständig aufzulösen.
Luxation des Schulterblattes (Dabei kommt es zum Schulterlatthochstand durch eine Ruptur der Mm. serratus ventralis, rhomboideus und trapezius.)
Schultergelenkinstabilität ( ▶ Abb. 2.11)
Luxation des Humerus (Hgr. Lahmheit, meist traumatisch bedingt. Tastbare Knochenpunkte divergieren im Seitenvergleich.)
Epiphysiolysis humeri
Tumor: Osteosarkom (Schulter besonders betroffen), multiples Myelom
Humerus- oder Scapulafrakturen
Panostitis
hypertrophe Osteodystrophie
Kontraktur des M. infraspinatus (Plötzliche Lahmheit, eventuell Verdickung und Schmerzhaftigkeit im Schultergelenkbereich, bes. des M. infraspinatus, später Kontraktur des Muskels mit Außenrotation des Humerus, Adduktion des Ellenbogens, sensenförmiges Vorführen der Gliedmaße. Die Gliedmaße wird im Sitz nach kraniolateral gestreckt.)
entzündliche oder degenerative Myopathie des M. teres minor (selten, Ursache unbekannt; Schmerzhaftigkeit des Schultergelenks sowohl bei Extension, Hyperextension, als auch bei Endo- und Exorotation)
Abb. 2.11 Schultergelenksinstabilität bei einem 15-jährigen Hund bedingt durch neurologische Muskelatrophie.
Das Ellenbogengelenk ( ▶ Abb. 2.12) besteht aus zwei physiologisch inkongruenten Wechsel- oder Scharniergelenken: dem Humeroradial- und dem Humeroulnargelenk.
Abb. 2.12 Ellenbogengelenk.
Biomechanik der Gelenkflächen:
Art. humeroulnaris:
Trochlea humeri: konkav für Flexion/Extension, konvex für Supination/Pronation
Fossa olecrani: konkav für Flexion/Extension, konvex für Supination/Pronation
Art. humeroradialis:
Caput humeri: konvex
Fovea capitis radii: konkav
Häufige Erkrankungen des Ellenbogens:
Ellenbogendysplasie
fragmentierter Proc. anconeus des Olekranons
fragmentierter Proc. coronoideus med. ulnae
fragmentierter Epicondylus humeri med.
Osteochondrosis dissecans (OCD)
enchondrale Ossifikationsstörungen
interkondyläre Osteochondrose des Humerus (mgr. bis hgr. Stützbeimlahmheit, Pronation/Hyperextension schmerzhaft, deutlicher Erguss des Ellenbogengelenks)
angeborene Ellenbogenluxation
Distractio cubiti (Short-Ulna-Syndrom)
Epiphysenfugenverletzungen und -stauchungen
Luxationen des Antebrachiums
Arthrose
Metaplasie der Flexorsehnen (Verkalkungsherde am Ellenbogen und Symptome wie bei der Ellenbogendysplasie)
Enostose (Panostitis)
Bissverletzungen
septische Arthritis
Fraktur (Humerus-, Unterarm-, Epiphysen-, Trochlea-, Olekranonfraktur)
Kondylusfrakturen, besonders der jungen Hunde
Ruptur des M. triceps brachii am Ansatz des Olekranon (Selten, aber häufig beim Greyhound oder durch Kortikosteroidinjektionen ausgelöst. Die Vordergliedmaße wird nicht mehr belastet, Beugehaltung. Der betroffene Bereich ist proximal vom Olekranon schmerzhaft und geschwollen. An der Rupturstelle kann man palpatorisch eine deutliche Vertiefung feststellen.)
Synostose (Entsteht iatrogen oder spontan durch eine Verknöcherung des Lig. interosseum antebrachii oder infolge einer Osteosynthese. Alle Bewegungsrichtungen im Karpalgelenk sind schmerzhaft und es liegt eine ggr. bis mgr. Lahmheit vor.)
hypertrophe Osteodystrophie (Ursache unbekannt)
Tumor
Man unterscheidet folgende Karpalgelenke ( ▶ Abb. 2.13):
Abb. 2.13 Karpalgelenke.
Unterarm-Vorderfußwurzelgelenk: freies Gelenk (Ellipsoidgelenk)
Vorderfußwurzel-Mittelgelenk: Wechsel- oder Scharniergelenk
Vorderfußwurzel-Zwischenzehen-Gelenke: straffe Gelenke
Biomechanik der Gelenkflächen:
Art. radiocarpalis
proximal: Radius und Facies articularis carpea: konkav
distal: Os carpi intermedioradialis, Os carpi ulnare und Os carpi accessorium: konvex
Art. mediocarpalis
proximale Reihe: Os carpi intermedioradialis, Os carpi ulnare und Os carpi accessorium: konkav
distale Reihe: Os carpale quartum, Os carpale tertium, Os carpale secundum und Os carpale primum: proximal konvex und distal konkav
Häufige Lahmheitsursachen am Karpalgelenk:
Distorsion
Kontusion
Sehnenverletzung oder -ruptur, z. B. Endsehnenausriss des M. extensor carpi radialis (Plötzliche mgr. bis hgr. Lahmheit, Schwellung des Karpalgelenks medial und Schmerzhaftigkeit im Bereich des Os meta carpale (I), II bis III möglich. Kann auch eine Begleiterscheinung bei der Hyperextensionsläsion sein.)
Seitenbandverletzungen und -ruptur
Hyperextensionsläsionen (durch Schädigung der Bänder und der palmaren Faserknorpelplatte)
idiopathische Hyperflexion
Luxation
Fraktur (Fraktur des Os intermedioradialis)
Polyarthrose und -arthritis
Osteoarthritis
Tendosynovitis des M. abductor digiti I (früher: pollicis) longus (Dabei ist die Innenseite des Metakarpale schmerzhaft.)
Nekrosen
Tumor
Man unterscheidet bei den Zehengelenken ( ▶ Abb. 2.14):
Abb. 2.14 Zehengelenke der Vordergliedmaße.
Zehengrundgelenk: Wechselgelenk
Zehenmittel- und Zehenendgelenk: Sattelgelenk
Biomechanik der Gelenkflächen:
Phalanges proximales: proximal konkav und distal konvex
Phalanges mediae (fehlt am Daumen, Pollex): proximal konkav und distal konvex
Facies articularis der Krallenbeine: konkav
Bei Veränderungen im Zehenbereich können folgende Ursachen vorliegen:
Schnitt- und Stichverletzung
Distorsion
Kontusion
Sehnenverletzungen und -ruptur
Luxation
Fraktur (Phalange, Sesambein)
Infektionen
Fremdkörper
Ausriss des M. extensor carpi radialis
Polyarthritis (eine der häufigsten Erkrankungen der Phalangen)
Knochenzysten
Tumor
Missbildungen
▶ Sesamoidose
Verletzungen der Zehengelenkseitenbänder
Nagelbettentzündung
Krallenverletzungen und -ausriss
verändertes Krallenwachtum (Onychodystrophie und -gryposis)
Zehenarthrose ( ▶ Abb. 2.15)
Abb. 2.15 Zehenarthrosen am Zehenskelett.
Das Hüftgelenk ist ein inkongruentes Kugelgelenk ( ▶ Abb. 2.16).
Abb. 2.16 Hüftgelenk.
Biomechanik der Gelenkflächen:
Caput femoris: konvex
Facies lunata: konkav
Häufige Erkrankungen von Hüfte und Femur:
Hüftgelenkdysplasie
Arthrose
Luxation des Hüftgelenks (hgr. Lahmheit, Krepitation und abnorme Gliedmaßenstellung)
Distorsion
Kontusion
Becken- oder Femurfraktur
OCD
Panostitis
Femurkopfnekrose (Morbus Calve-Legg-Perthes. Die Ab- und Adduktion des Hüftgelenks sowie die Innen- und Außenrotation sind schmerzhaft.)
Tumoren
Iliopsoas-Syndrom (Durch Überlastung entstehen Schmerzen im Lendenwirbelbereich, im unteren Bauchbereich – der Iliopsoas ist die Gleitfläche für Darm und Nieren – in den Hüften und in der Oberschenkelregion. Der Hund zeigt Steifigkeit im Hüftgelenk, Schwierigkeiten beim Aufstehen und Bewegungsunlust, Schmerzhaftigkeit in der Iliopsoasmuskulatur sowie bei der Extension und Innenrotation des Hüftgelenks. Manchmal kann ein Geräusch des Klickens oder Klackens im Hüftgelenk auftreten. Cave: Hüftdysplasie ausschließen!)
Läsion des M. iliopsoas (Durch Einblutung und/oder eine Teilruptur des Muskels oder durch komprimierende oder dehnende Veränderungen der dort verlaufenden Nerven kann es bis zur Neuropathie des N. femoralis kommen. Der Hund zeigt Schwierigkeiten beim Aufstehen, Schrittverkürzung, einen steifen Gang, Bewegungsunlust und Schmerzhaftigkeit in der Iliopsoasmuskulatur. Die Hintergliedmaßen werden meist vermehrt nach kranial untergesetzt. Cave: Spondylose, Water tail und andere Erkrankungen ausschließen!)
Muskelkontrakturen
Muskelkontrakturen betreffen besonders den M. quadriceps femoris (maximale Extension der Gliedmaße im Knie- und Sprunggelenk), die Adduktoren, den M. gracilis und den M. semitendinosus. Bei den beiden letztgenannten wird das Bewegungsausmaß der Hintergliedmaße zunehmend eingeschränkt, und die Gliedmaße wird beim Übergang von der Stützbein- zur Hangbeinphase unter Außenrotation des Sprunggelenks ruckartig hochgezogen. Die Adduktion des Hüftgelenks wird deutlich eingeschränkt sowie die Extension von Knie- und Tarsalgelenk. Der erhöhte Muskeltonus bis hin zur Kontraktur ist deutlich in den genannten Muskeln zu fühlen.
Das Kniegelenk ( ▶ Abb. 2.17) wird eingeteilt in:
Kniekehlgelenk: bikondyläres Gelenk (Sonderform: Spiralgelenk), zum Seitenausgleich der Inkongruenz und als Puffer sind Menisken eingeschoben
Kniescheibengelenk: Wechselgelenk (Sonderform: Schlittengelenk)
Abb. 2.17 Kniegelenk.
Biomechanik der Gelenkflächen:
Condylus medialis et lateralis femoris: konvex
Condylus medialis tibiae: konvex
Condylus lateralis tibiae: konkav
Häufige Erkrankungen des Kniegelenks, einschließlich Tibia und Fibula:
Patella-, Tibia- oder Fibulafraktur
Patellaluxation
Fabellafraktur oder -dislokation (ggr. bis mgr. Lahmheit, Tibiakompressionstest und passive Hyperextension des Kniegelenks schmerzhaft, Stabilität des Kniegelenks erhalten)
Ruptur des geraden Kniescheibenbandes (Lig. patellae)
Seitenbandruptur (Ligg. collaterale laterale et mediale)
Ruptur des vorderen (Lig. cruciatum craniale) oder hinteren Kreuzbandes (Lig. cruciatum caudale) (ggr. bis hgr. Lahmheit mit Zehenspitzenstand, Extension des Kniegelenks wird gemieden, typische Sitzhaltung mit abgespreizter Gliedmaße)
Apophysenabriss der Tuberositas tibiae (hgr. Lahmheit, Schmerzhaftigkeit bei der passiven Flexion des Kniegelenks, Schwellung im Bereich des Lig. patellae und der Tuberositas tibiae)
Apophysenfugenekrose der Tuberositas tibiae (Morbus Osgood-Schlatter)
Ausriss der Ursprungssehne des M. extensor digitorum longus (ggr. Lahmheit, Schmerzhaftigkeit bei der Hyperextension von Kniegelenk und Pfote, deutliche Füllung des Kniegelenks)
Gonarthritis
Gonarthrose
Skelettentwicklungsstörungen wie z. B. die OCD
Apophysennekrose
Panostitis
Tibiadysplasie (und in Folge Genu valgum und Tarsus varus, intermittierende, vollkommen remittierende bis zu hgr. Lahmheit möglich)
Tumor
Das Tarsalgelenk ( ▶ Abb. 2.18) wird eingeteilt in:
Abb. 2.18 Tarsalgelenk von lateral (a) und von dorsal (b).
Abb. 2.18a
Abb. 2.18b
Unterschenkel-Hinterfußwurzel-Gelenk: Scharniergelenk, Sonderform: Schraubengelenk
oberes Hinterfußwurzel-Mittelgelenk: Scharniergelenk, Sonderform: Schraubengelenk
unteres Hinterfußwurzel-Mittelgelenk: straffes Gelenk
Hinterfußwurzel-Mittelfuß-Gelenk: straffes Gelenk
Hinterfußwurzel-Zwischengelenke: straffes Gelenk
Biomechanik der Gelenkflächen:
Art. tarsocruralis
Cochlea tibiae: konkav
Malleolus lateralis: konkav
Trochlea tali: konvex
Art. talocalcaneocentralis et calcaneoquartalis (intertarsea proximales)
Talus: konkav
Kalkaneus: plan
Art. centrodistalis (intertarsea distales): plan
Erkrankungen des Tarsalgelenks:
Fraktur des Talus, des Kalkaneus oder der Ossa tarsales
Ruptur der Ligg. collaterialia laterale und mediale breve, der Ligg. plantare longum (Durch die Luxation entsteht eine Hyperextension des Tarsalgelenks, Schmerzhaftigkeit und Schwellung des Tarsalgelenks.)
Ruptur des Lig. plantare longum (Hier liegt eine Hyperextension des Tarsalgelenks, Schmerzhaftigkeit, Schwellung des Tarsalgelenks, Subluxation der Tarsometatarsalgelenke sowie eine hgr. Lahmheit vor.)
Abrasion der Ligg. collateralia
Hyperextension des Tarsalgelenks (Im M. gastrocnemius liegt sehr häufig ein erhöhter Muskeltonus vor. Durch Massagen und Querdehnungen wird der M. gastrocnemius detonisierend. Gleichzeitig die Knieflexion mit passiven Bewegungen anwenden, später aktives Bewegungstraining. Allerdings muss vor der Behandlung eine Verletzung oder Luxation ausgeschlossen werden.) Ursache für die Hyperextension suchen, wenn der M. gastrocnemius nicht der Auslöser war. DD: OCD, Abriss des Fersensehnenstranges, Bandrupturen, Fraktur
Luxation und/oder Frakturen der einzelnen Knochen des Tarsalgelenks
Luxation des M. flexor digitorum superficialis (Hgr. Lahmheit; Verdickung im Bereich der Fersensehnenkappe. Diese ist luxiert und kann aber passiv wieder reponiert werden.)
Polyarthritis
Insertionstendopathie des Fersensehnenstrangs am Kalkaneus (Ggr. bis mgr. Lahmheit, Verdickung der Fersensehnenkappe, ggr. Schmerzhaftigkeit im Bereich des Kalkaneus. Wird sie frühzeitig erkannt, ist die Anwendung von stabilisierenden Bandagen und des therapeutischen Ultraschalls sehr vorteilhaft, bevor sich Verkalkungen des Sehnenansatzes einstellen.)
partielle Ruptur des Fersensehnenstrangs (hgr. Lahmheit, ggr. verstärkte Extension des Kniegelenks und der Flexion des Tarsalgelenks, ggr. Außenrotation der Pfote)
vollständige Ruptur des Fersensehnenstrangs (totale Hyperflexion des Tarsalgelenks, plantigrade Fußung, Kalkaneusansatzbereich schmerzhaft und geschwollen)
OCD der Trochlea tali (Bei OCD treten weiterhin eine progressive Stützbeinlahmheit, Hyperextension, Innenrotation des Sprunggelenks und eine mediale Weichteilschwellung auf.)
Die Zehengelenke ( ▶ Abb. 2.19) werden eingeteilt in
Zehengrundgelenk: Wechselgelenk
Zehenmittel- und Zehenendgelenk: Sattelgelenk
Abb. 2.19 Zehengelenke der Hintergliedmaße.
Biomechanik der Gelenkflächen:
Phalanges proximales: proximal konkav und distal konvex
Phalanges mediae: proximal konkav und distal konvex
Facies articularis der Krallenbeine: konkav
Beim Fleischfresser bildet die Wirbelsäule eine mehr oder weniger horizontal liegende Wirbelkette mit vier Krümmungen:
Kopf-Hals-Krümmung (dorsal konvex)
Hals-Brust-Krümmung (dorsal konkav)
Brust-Lenden-Krümmung (dorsal konvex)
Sakralkrümmung (dorsal konvex)
Die Wirbelsäule besteht aus sieben Halswirbeln, dreizehn Brustwirbeln, sieben Lendenwirbeln, drei Sakral- oder Kreuzwirbeln und bei den meisten Hunden aus ca. zwanzig Schwanzwirbeln.
Jeder Wirbel ist seiner Funktion entsprechend in Form und Aussehen angepasst. Die Grundform des Wirbels besteht aus Wirbelkörper, Wirbelbogen, Wirbelfortsätzen und unterschiedlichen Gelenkflächen.
Die Aufgaben der Wirbelsäule sind:
Schutz des Rückenmarks
Aufnahme des axialen Drucks in allen Körperstellungen (Wirbelkörper)
Druckverteilung durch die druckaufnehmenden Strukturen (Bandscheiben und Wirbelbogengelenke)
Stütz- und Tragegerüst des Bewegungsapparats (Knochen, Muskulatur, Bänder und Sehnen); damit stellt sie den Grundstein für die Statik und Dynamik der Bewegung des Tieres dar.
Halte- und Aufhängegerüst für die inneren Organe
Störungen im Bereich der Wirbelsäule und/oder im Wirbelsegment können ihre Funktionen stark beeinträchtigen. Ursachen können Erkrankungen des Bewegungsapparats sein, aber auch Erkrankungen der inneren Organe.
Bei den kleinen Wirbelgelenken (Facettengelenken) handelt es sich um Schiebegelenke. Durch ihre Stellung ( ▶ Abb. 2.20) wird die Bewegung der einzelnen Wirbelabschnitte auf bestimmte Bewegungsrichtungen eingeschränkt. Es gibt drei Grundtypen von Gelenkflächen:
flach-frontal liegende Gelenkflächen (einige Halswirbel)
gekrümmte Gelenkflächen mit einer nach dorsal zur Frontalebene gerichteten Konkavität (einige Brustwirbel)
gekrümmte Gelenkflächen mit nach ventral zur Sagittalebene gerichteter Konkavität (Lendenwirbel)
Abb. 2.20 Stellung der Facettengelenke des vierten Lendenwirbels, des vierten Brustwirbels und des vierten Halswirbels.
Am antiklinalen Wirbel wechselt die Richtung der Facettengelenke. Die Facettengelenke stehen kaudal des antiklinalen Wirbels senkrecht (sagittal), und die Procc. accessorii sind sehr ausgeprägt, sodass Rotation und Lateralflexion der Lendenwirbel nur eingeschränkt möglich sind. Die Dornfortsätze sind nach kranial gerichtet. Die Facettengelenke der Lendenwirbel stehen sagittal und sind gekrümmt. Mögliche Bewegungen sind:
Flexion: Facettengelenke gleiten auseinander (Divergenzbewegung)
Extension: Facettengelenke gleiten ineinander (Konvergenzbewegung)
Lateralflexion: Die Neigungsseite weist Konvergenz, die Gegenseite Divergenz auf.
Kranial des antiklinalen Wirbels verlaufen die Facettengelenke fast in der Frontalebene (tangential). Die Dornfortsätze sind lang und nach kaudal gerichtet. Aufgrund der Stellung der Facettengelenke und der Länge der Dornfortsätze ist die Beweglichkeit sehr eingeschränkt. Mögliche Bewegungen sind Flexion, Extension, Lateralflexion und Rotation.
Die Zwischenwirbelscheiben (Disci intervertebrales) sind druckelastische Polster zwischen den Wirbeln (außer den ersten beiden Halswirbeln), die den entstehenden Druck in allen Körperstellungen gleichmäßig abfangen und auf die Wirbelkörper verteilen. Sie verbinden benachbarte Wirbel spaltfrei miteinander.
Bei Seitneigung des Hundes, z. B. nach rechts, wird der Nukleus der Bandscheibe zwischen zwei Wirbelkörper nach links verschoben. Beugt sich der Hund nach unten, z. B. beim Fressen, wird der Nukleus nach dorsal verschoben. Streckt sich der Hund, wird der Nukleus nach ventral verschoben. Bei Rotation verdrehen sich die Fasern der Bandscheibe, dabei wird aber nur jede zweite Faserschicht unter Spannung gesetzt, da sich durch die Rotation die Fasern der einzelnen Schichten kreuzen. Gleichzeitig wird durch die Spannung die Höhe der Bandscheibe verringert, und es kommt zu einem leichten Zusammendrücken des Nukleus. Dabei werden auch die umliegenden Ligamente (kurze Bänder: Ligg. flava, Ligg. interspinalia, Ligg. intertransversaria; lange Bänder: Lig. longitudinale dorsale und Lig. longitudinale ventrale) unter Spannung gesetzt. Die Bänder dienen der Flexibilität und Stabilität der Wirbelsegmente ( ▶ Abb. 2.21).
Abb. 2.21 Das Bewegungssegment im Querschnitt und seine Bandverbindungen.
Der Nukleus besteht zu 70–90 %, je nach Alter des Tieres, aus Wasser, das an Proteoglykane gebunden ist. Der Flüssigkeitsaustausch und damit die Ernährung des Nukleus erfolgen durch Belastung (Ausstrom) und Entlastung (Einstrom). Der Ausstrom ist wesentlich langsamer als der Einstrom. Mit dem Alter kommt es an den Zwischenwirbelscheiben zu regressiven Veränderungen und zur Dehydrierung des Diskus, in Folge nimmt der Quellungsdruck des Nukleus ab. Außerdem spielen mechanische Faktoren eine Rolle dabei, wie weit Gewebebeanspruchungen an der Degeneration von Zwischenwirbelscheiben beteiligt sind.
Ein Bandscheibenvorfall wird in der Humanmedizin wie folgt erklärt: Massive Belastungen über einen längeren Zeitraum bedingen eine Verminderung des Wasserbindungsvermögens, und es kommt zur Denaturierung des Nukleus und damit zu einer verminderten Belastbarkeit. Der angrenzende Anulus fibrosus wird dadurch vermehrt belastet und degeneriert, er wird brüchig und weist radiäre Fissuren auf. Durch diese Fissuren tritt Flüssigkeit aus dem Nukleus. Diese belastet beim Menschen durch dauernde oder plötzliche Spannung das hintere Längsband. Beim Hund ist es das Ligamentum longitudinale dorsale. Es kommt zum Lumbago. Gleichzeitig werden die nervalen Strukturen im Wirbelkanal zusammengedrückt, dort wo die Belastung am größten ist. Bei entsprechender Druckbelastung können nicht nur Flüssigkeit austreten, sondern auch Teile des Nukleus. Es liegt ein akuter Bandscheibenvorfall vor.
Durch dauernden Flüssigkeitsverlust in der Bandscheibe kann es im chronischen Fall auch zu verkalkten Bandscheiben kommen. Die verkalkte Bandscheibe verliert mit der Zeit immer mehr ihre Funktion als Stoßdämpfer. Wird die Wirbelsäule durch plötzlichen massiven Druck belastet, kann es zur Ruptur des Anulus fibrosus kommen. Dazu ist wahrscheinlich eine Kombination aus verschiedenen Bewegungen, wie asymmetrische Torsions- und Biegeverformungen bei Rotations- und Beugebewegungen, notwendig. Die Folge ist ein akuter Bandscheibenvorfall.
So kommt es z. B. beim Dackel durch die Beeinträchtigung der statischen Funktion der Wirbelsäule, besonders bei der Dorsalflexion und Torsion, vermehrt zum Bandscheibenvorfall. Ursache dafür kann eine Kombination sein aus:
Kurzbeinigkeit
vermehrter Belastung der Wirbelsäule bei Bewegung
evtl. erblich bedingten frühzeitigen Bandscheibenverkalkungen
Bei anderen Hunderassen wie z. B. Rottweiler, Boxer und Deutscher Schäferhund spielen eher die Arthrosen der kleinen Wirbelgelenke und die Spondylose durch Überlastung der gesamten Wirbelsäule, aber besonders des Lendenbereichs, bei einem Bandscheibenvorfall eine große Rolle.
Die Halswirbelsäule (HWS) besteht anatomisch aus sieben Wirbeln mit acht gelenkigen Verbindungen.
Der erste (Atlas, Kopfträger) und der zweite Halswirbel (Axis, Umdreher) dienen der Kopfbewegung. Der Atlas besitzt einen breiten Processus lateralis (Atlasflügel) und stellt einen Wirbelring dar, der aus einem Arcus ventralis und einem Arcus dorsalis besteht. Er besitzt keinen Wirbelkörper wie die übrigen Wirbel. Der zweite Halswirbel besitzt einen langen Wirbelkörper und einen Zahn (Dens), über den er mit dem ersten Halswirbel eine spezielle Verbindung eingeht. Der Dens kann bei einigen Toy-Rassen fehlen oder nur geringgradig ausgebildet sein, z. B. beim Yorkshire Terrier. Der siebte Halswirbel kann aufgrund seines langen Processus spinosus und des fehlenden Foramen transversarium von den anderen Halswirbeln unterschieden werden. Er besitzt als einziger Halswirbel eine Fovea costalis caudalis für die erste Rippe. Die Wirbelkörper der Halswirbel werden von kranial nach kaudal immer kürzer.
Funktionelle Anatomie Die HWS besteht aus funktionell-anatomisch unterschiedlichen Regionen ( ▶ Tab. 2.2 , ▶ Abb. 2.22):
Die Hauptbeweglichkeit bezüglich Lateralflexion, Flexion und Extension ist in den 5.–7. Halswirbelsegmenten zu finden.
Die Hauptextension findet im 5./6. Halswirbelsegment statt.
Die Hauptrotationsbewegung der HWS findet im 1. und 2. Halswirbelsegment statt.
Die Kopfgelenke C0/C1 und C1/C2 besitzen keine Bandscheiben. Sie besitzen tragende Synovialgelenke.
Durch die zervikodorsalen Übergangssegmente setzen sich Kopfbewegungen bis in den thorakalen Teil der Wirbelsäule fort (u. a. Rotation, Extension).
Tab. 2.2
Funktion der einzelnen Halswirbel.
Lokalisation
Funktion
C0/C1 (C0): atlantookzipital
Gleiten in alle Richtungen außer Rotation, Flexion, Extension, Lateralflexion
C1/C2 (C1)
ausschließlich Rotation
C2–C5
Flexion, Extension, Lateralflexion, Rotation
C6, C7
meist Lateralflexion
Abb. 2.22 Halswirbelsäule von lateral.
Die Brustwirbelsäule (BWS) besteht anatomisch aus 13 Wirbeln mit 14 gelenkigen Verbindungen ( ▶ Abb. 2.23). Die Procc. spinosi haben an den ersten sechs bis sieben Brustwirbeln in etwa dieselbe Länge und werden nach kaudal kürzer. Der Dornfortsatz des neunten, zehnten oder elften Brustwirbels steht senkrecht. Die Procc. transversii tragen an den Brustwirbeln eine Fovea costalis. Sie sind die Facettengelenke für das Rippenhöckerchen.
Abb. 2.23 Brustwirbelsäule.
Von den 13 Rippen sind die ersten neun mit dem Brustbein gelenkig verbunden. Die 10. bis 12. Rippe sind frei beweglich und über ihre Knorpelanteile miteinander verbunden (Atmungsrippen). Die 13. Rippe endet frei. Die Rippen besitzen am Rippenkopf zwei Gelenkflächen (Facies articularis capitis cranialis und caudalis), die mit der Fovea costalis cranialis und caudalis zweier benachbarter Brustwirbel artikulieren. Die beiden Gelenkflächen der Rippen sind durch eine raue Leiste voneinander getrennt. Diese Leiste steht über das Lig. intercapitale direkt mit den Bandscheiben des jeweiligen Brustwirbels in Verbindung. Durch den statischen Aufbau der relativ starren Brustwirbelsäule, der Rippen und Muskeln wird ein maximaler Schutz der inneren Brustorgane erreicht.
Funktionelle Anatomie Aufgrund der Stellung der Facettengelenke und der Länge der Dornfortsätze ist die Beweglichkeit sehr eingeschränkt. Mögliche Bewegungen sind:
geringgradige Flexion
geringgradige Extension
geringgradige Lateroflexion
mittelgradige Rotation
Der antiklinale Brustwirbelkörper liegt zwischen dem 10. und 12. Brustwirbel ( ▶ Abb. 2.24). Er wird auch Wechselwirbel oder diaphragmatischer Wirbel genannt. Er besitzt den kürzesten Dornfortsatz.
Abb. 2.24 Antiklinaler Wirbel.
Rotation und Lateroflexion sind kranial des antiklinalen Brustwirbels möglich. Flexion und Extension sind nur sehr eingeschränkt möglich, aufgrund der Stellung und Länge der Dornfortsätze und der Frontalstellung der Facettengelenke. Seitneige und Rotation sind in der Brustwirbelsäule synkinetisch miteinander verbunden, d. h. sie verlaufen in dieselbe Richtung.
Die besonders hohe Beweglichkeit am Übergang Brust-/Lendenwirbelsäule ermöglicht dem Hund im Galopp die Beine weit nach vorne zu bringen.
Anatomisch besteht die Lendenwirbelsäule (LWS) aus sieben Wirbeln mit acht gelenkigen Verbindungen ( ▶ Abb. 2.25). Der Hund besitzt im Allgemeinen sieben, seltener sechs Lendenwirbel. Insgesamt sind die Lendenwirbel länger und massiver als die Brustwirbel, jedoch kürzer und schwächer als die Halswirbel. Die Wirbelkörper nehmen von kranial nach kaudal an Länge und Breite bis zum vorletzten Lendenwirbel zu. Die kraniale und kaudale Endfläche sind flach. Die Lendenwirbel weisen einen weiten Wirbelkanal auf, der die Lendenschwellung des Rückenmarks gewährleistet. Die Dornfortsätze (Procc. spinosi) sind beim Hund kranial geneigt und unterschiedlich lang und breit.
Abb. 2.25 Lendenwirbelsäule.
Die Querfortsätze (Procc. transversi) stehen beim Hund kranioventral. Dabei ist der fünfte oder sechste Querfortsatz der längste. Die Gelenkfortsätze (Procc. articulares) besitzen sagittal gestellte Gelenkflächen, dadurch ist die Lateroflexion nur sehr eingeschränkt möglich. Die kranialen Gelenkfortsätze (Procc. mamilloarticulares) sind beim Hund kammförmig. Die Procc. accessorii, die nur der Fleischfresser besitzt, sind griffelförmig und nach kaudal gerichtet.
Funktionelle Anatomie
